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Schicksale im Haus an der Ecke #18: Das Bananengirl

2019 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das Bananengirl

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Das Bananengirl

Schicksale im Haus an der Ecke #18

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 99 Taschenbuchseiten.

 

Durch Unachtsamkeit des neuen Mädchens liegt Ida im Krankenhaus. Sie erkennt sofort, dass das Mädchen neben ihr nur von einem Zuhälter so zugerichtet werden konnte. Wie erwartet, taucht der auch bald auf, und Ida nimmt sich tatkräftig der Sache an.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Juanita - ein neues Mädchen im Haus an der Ecke, das etwas im Schilde führt.

Ingo - ihr Zuhälter, will Marek verschaukeln.

Manda - misshandeltes Straßenmädchen, verdankt Ida viel.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Ida keuchte wie eine Lokomotive, die einen Berg bezwingen muss. Sie riss die Tür auf, so dass diese gegen die Wand flog. Dann stapfte die Köchin mit ihrer Last in die Küche. Fritzchen, der in einem Sonnenfleck lag und vor sich hin gedöst hatte, fuhr mit einem Satz in die Höhe und bellte Ida einmal kurz an.

»Faule Töle«, sagte die Köchin verächtlich. »Bist du blind?«

Wenn Ida zu Fritzchen Töle sagte, dann war sie geladen. Für gewöhnlich war der unmögliche Bobtail nämlich der beste, liebste, treueste und ehrlichste Hund der Welt. Idas Glaube an die gute Hundeseele ging sogar so weit, dass sie schon den Königsluden verdächtigt hatte, Suppenfleisch zu klauen. Ausgerechnet den Königsluden, der sich wirklich alles leisten konnte! Leider war es so, dass man Fritzchen fast nie seine Schandtaten nachweisen konnte. Nur in den seltensten Fällen gelang das, und dann war Ida nur schwer davon zu überzeugen. Ja, sie verstieg sich dann sogar dazu und behauptete felsenfest, man wolle dem armen Fritzchen nur was am Fell flicken.

Ida musste man so nehmen, wie sie war. Sie war eine Urnudel und die Seele vom Haus an der Ecke. Sie liebte die Dirnen heiß und innig und wäre für die Mädchen durchs Feuer gegangen. Ganz besonders hing sie an Deike, der Verwalterin des Eckhauses. Für Deike hätte Ida sich bestimmt vierteilen lassen. Jeder wusste das, aber Ida stritt es entschieden ab. Kam jemand in die Nähe ihres weichen Herzens, stellte er verblüfft fest, dass sie sofort ihre Stacheln aufstellte. Gefühle zeigen, nein, das gab es bei Ida nicht!

In diesem Augenblick kam Walter um die Ecke. Er war elf Jahre alt, also noch ein Schulbub. Sein innigster Wunsch war, so zu werden wie Marek. Der Großlude hatte sich diesen Wunsch angehört und ihm versichert: »Wenn du gut in der Schule bist, können wir darüber reden. Ich brauche einen Jungen mit Köpfchen, der sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Vor allen Dingen brauch ich jemanden, der sich auch in Sprachen auskennt. Ungebildete Luden gibt es genug. Sieh dich um! Was hier herumläuft, kannst du doch vergessen.«

Marek, der Großlude, hatte Gefallen an dem aufgeweckten Jungen gefunden. Er konnte ja aus Erfahrung reden. Mit einer guten Schulbildung hatte man es überall leichter. Leider sah man das erst ein, wenn es zu spät war.

Walter betete sein Idol an und war eifrig bemüht, ein guter Schüler zu werden. Früher war er das nicht gewesen. Bevor Walter ins Haus an der Ecke gezogen war, hingen seine Noten bei den Fünfern und den Sechsern herum. Der Lehrer in der Schule hatte sich damit abgefunden. Wurden doch die meisten Kinder aus diesem Sündenviertel von den Eltern gegen die Lehrer aufgestachelt, dabei konnte nichts Gutes herauskommen. Walters Eltern waren nicht nur arbeitsscheu, sie tranken auch. Walter ließ sich nur ab und zu bei ihnen sehen, wegen der Fürsorge. Bis jetzt war es den Behörden noch nicht aufgefallen, wo Walter sich wirklich aufhielt. Man wunderte sich nur über seine saubere und nette Kleidung. Die Mutter war meistens betrunken, schimpfte den Buben aus, und befahl ihm, er solle sich trollen. Der Vater warf ihm seine Stiefel nach, Walter war immer ganz glücklich, wenn er wieder bei Ida und den Mädchen sein durfte.

Hier hatte er so etwas wie ein richtiges Zuhause gefunden. Hier bei Deike hatte er gelernt, dass es auch Zusammenhalt gab.

Einer für alle, alle für einen war die Devise, das hatte Walter in den vergangenen Monaten hier lernen können. Walterchen betete nicht nur den Luden und Deike Borg an, Ida war ihm zur zweiten Mutter geworden. Die beiden hingen wie Pech und Schwefel aneinander. Er war ihr Jungchen, und sie war seine Ida.

Die Mädchen auf der Rampe mochten den Jungen auch. Er machte Botengänge für sie und verdiente dabei nicht schlecht. Dann geschah sogar so etwas wie ein kleines Wunder. Walter war ehrgeizig geworden. Er wollte Marek zeigen, was für Qualitäten in ihm steckten. So hatte er sich eines Tages aufgerafft und Nachhilfeunterricht genommen. Sehr schnell lernte der Bub, dass er alles schaffen konnte, wenn er es nur wirklich wollte. So bekam er ein ausgezeichnetes Zeugnis, und alle mussten blechen. Seither waren seine Leistungen nicht mehr abgesunken. Sein Lehrer half Walter, wo er nur konnte. Er wusste inzwischen auch, wo Walter wohnte, er schwieg aber dazu. Er hatte schon so viel Gutes von Deike Borg gehört. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als dieses Mädchen kennenzulernen. Von ihrer Schönheit hatte Walter gesprochen, und von ihrem goldenen Herzen. Und dass sie mal eine Startülle gewesen sei. »Für ganz große und wichtige Leute! Da hat der Kommissar dann immer vor der Tür gestanden und aufgepasst. Deike kennt viele einflussreiche Leute. Ehrlich! Die ist wirklich toll!«

Deike war noch nicht sehr alt, also konnte sich der Lehrer nicht denken, warum sie plötzlich von heute auf morgen ihren tollen Job aufgegeben hatte.

Walter kratzte sich am Kopf.

»Da war so eine komische Operation. Mehr weiß ich auch nicht«, erzählte Walter seinem Lehrer.

Der wollte den Jungen nicht weiter ausfragen.

»Schon gut!«

»Soll ich ihr sagen, dass sie her kommen soll?«

Es war mal wieder Elternsprechtag angesagt.

Der Lehrer lächelte.

»Aber sie ist doch nicht deine Mutter!«

»Meine Alte kümmert sich ja nicht um mich. Also suche ich mir jetzt eine aus, die auch kommt«, meinte Walter schlagfertig.

In diesem Viertel lernten die Kinder das Fluchen zuerst, dann stehlen, betrügen und lügen. Oft gingen die kleinen Mädchen schon früh auf den Strich, von den eigenen Brüdern verführt, oder von der älteren Schwester dazu angehalten. Auch darum wussten die Behörden natürlich. Doch was sollten sie dagegen tun? Man hätte das ganze Viertel abreißen müssen. Wo sollte man die Leute dann unterbringen? Sie waren in der Regel Sozialhilfeempfänger, und jeder Hausbesitzer wehrte sich entschieden, solche Menschen aufzunehmen. Also blieben sie in ihrem Viertel. Nur ganz wenige schafften es, hier rauszukommen. So einer würde sicherlich auch Walter werden. Aber das würde noch eine Zeitlang dauern.

»Mir ist es egal«, meinte der Lehrer vorsichtig.

»Ich will sehen, was sich machen lässt«, rief der Bub fröhlich, nahm seine Tasche und lief davon.

Nun kam er zu Ida in die Küche und stand völlig baff vor den vielen Körben, die auf dem Boden und auf dem großen Tisch standen.

Ida selbst war schon wieder verschwunden. Wieselflink war sie! Das war nun mal ihre Art. Immer rege, immer in Eile. Sie war schon aus dem Hof verschwunden, bevor Walter überhaupt Spucke sammeln konnte.

»Verstehst du das?«, wandte Walter sich jetzt an den Hund.

Fritzchen schnupperte an einem Korb und zog sich angeekelt zurück. Alles, was nicht nach Fleisch roch und schmeckte, war für ihn widerlich. Und diese roten Dinger da im Korb, also wirklich! Die sahen zwar der Farbe nach wie Fleisch aus, aber damit hatte es sich auch schon.

Walter kratzte sich am Kopf. Er hatte vier große Körbe gezählt.

Alle waren voll Erdbeeren.

»Du meine Güte, ob wir jetzt die ganzen Tage nur Erdbeeren essen müssen? Ein paar mit Zucker und Sahne oder auf einem Kuchen sind ja nicht zu verachten. Auch mit Eis mag ich sie gerne. Aber verflixt, so viele sind wir doch nicht, dass wir die alle auf einmal verdrücken können! Ehrlich, das ist zu hoch für mich«, räsonierte er.

Walter klaute eine Frucht aus dem Korb, zog den Stiel ab und steckte sie sich in den Mund.

»Vorher waschen!«, donnerte eine Stimme hinter seinem Rücken.

Walter fuhr herum.

Ida war da. Mit zwei weiteren Körben!

»Ida, was willst du damit …«

Sie war schon wieder fort.

Jetzt bekam es Walter mit der Angst ,zu tun. Vielleicht war das alte Mädchen nicht mehr ganz sauber unterm Pony? Das ging doch nicht! Sie konnte doch nicht das ganze Bordell mit Erdbeeren füllen!

Er musste das verhindern!

Für gewöhnlich hielt Walter sich nur in den hinteren Räumen auf. Im Haupthaus zu erscheinen, war ihm eigentlich verboten. Dort arbeiteten die Mädchen. Dort war ein ständiges Kommen und Gehen von Kunden. Ein kleiner Junge hatte im Bordell nichts zu suchen.

Walter zögerte.

Er musste zu Deike!

Ida musste gestoppt werden. Sicher würden sich alle bei ihm bedanken.

In der Hoffnung, den Mädchen einen Besuch abzustatten und Nahrung in Empfang nehmen zu können, drängelte sich Fritzchen sofort an Walter, als er sah, dass dieser die Tür zur Diele öffnen wollte.

»Du bleibst da! Verstanden? Ich will keinen Ärger. Außerdem haben die Mädchen jetzt keine Zeit für dich. Denk daran, wie du letztens wieder einen Kunden maßlos erschreckt hast.«

Unbeobachtet war Fritzchen damals in Elenas Zimmer gelangt. Diese hatte eben einen Kunden nach unten gebracht und die Tür nicht ganz zugezogen. Fritzchen wusste sehr wohl, dass er Ärger bekommen konnte, wenn er sich erwischen ließ. Also war er gleich unters Bett gekrochen, als er Elena zurückkommen hörte. Diese hatte einen Stammkunden getroffen und ihn gleich mit nach oben genommen. Dieser Stammkunde hatte leider große Angst vor Hunden. Ob klein oder groß, er flippte sofort aus und bekam fast einen Herzschlag, wenn er so eine Töle plötzlich vor sich sah.

Fritzchen hatte er nicht sehen können. Der lag ja unter dem Bett der Dirne. Der Kunde also nicht zimperlich, hatte sich sofort der Aufgabe gewidmet, derentwegen er gekommen war. Elena amüsierte sich und war froh, dass es diesmal schneller zu gehen schien.

»Ich habe ein Mittelchen genommen«, hatte der Kunde geprahlt. »Der Apotheker hat gesagt, man hört danach die Engel pusten.«

»Pusten? Du meinst wohl singen«, hatte die Dirne lachend geantwortet.

»Nein, er hat gesagt, pusten!«

Dann hatten sie nicht nur was pusten, sondern auch was röcheln gehört. Klar, die Matratze hatte das arme Hündchen fast zu Mus gedrückt. Also war Fritzchen mit letzter Kraft keuchend und pustend unter dem Bett hervorgekrochen, und zwar gerade in dem Augenblick, als sich der Mann kurz vor seinem Höhepunkt befunden hatte.

Vielleicht wäre ja alles gar nicht so schlimm abgelaufen, wenn ihm Fritzchen nicht die nackten Fußsohlen abgeleckt hätte. Er war ein freundlicher Hund und hatte sich damit entschuldigen wollen. Das wusste aber nur Elena. Später hatte sie sich das so zusammenreimen können, als sie es den anderen Mädchen erzählt hatte. Aber als es passierte, da hatte sie Mühe gehabt zu begreifen, was sich da eigentlich tat.

Der Kunde war also in wilder Fahrt gewesen, als er plötzlich stocksteif geworden war, Augen und Mund aufgerissen hatte und richtig grün im Gesicht geworden war.

Tierische Laute waren aus dem Mund des Kunden gedrungen, und er war mit einem Satz in die Höhe gesprungen. Dann erst hatte er den Hund gesehen. Der Mann war entsetzt auf das Bett gesprungen, hatte sich in die hinterste Ecke verkrochen und laut um Hilfe gerufen. Die Augen zukneifend, hatte der Mann das ganze Bordell zusammengeschrien.

Daran musste Walter jetzt denken, als sich Fritzchen an seinen Beinen vorbeizudrängeln versuchte.

»Ich bin gleich wieder zurück! Friss schon mal ein wenig von dem Zeug da! Ida merkt es bestimmt nicht.«

Fritzchen aber schüttelte sich kurz und kroch beleidigt unter den Tisch.

 

 

2

Deike Borg saß in ihrem Büro. Durch das Seitenfenster konnte sie in den Kontakthof sehen. Natürlich bemerkten die Kunden nichts davon. Dort lief alles normal. Es war ein sehr warmer Tag, und die Kunden zeigten noch keine rechte Lust. Sie standen in Hemdsärmeln herum und überlegten sich, ob sie nicht bis zum Abend warten sollten. Es handelte sich meist um Durchreisende. Deike lächelte vor sich hin. Wusste sie doch aus Erfahrung, dass sie meistens mit der lieben Ehefrau hier waren. Sie hatten sich ein paar Stunden Freizeit erbettelt, und wenn sie jetzt nicht der Sünde nachgingen, würde es später dann nicht mehr klappen.

Es klopfte an der Tür. Deike glaubte, eines der Mädchen käme, um einen großen Schein wechseln zu lassen, oder um ein Problem mit ihr zu erörtern.

»Ja? «

Walter stand auf der Schwelle und sagte hastig. »Ich komme bloß, weil ich glaube, Ida hat jetzt einen Sonnenstich oder so etwas! Ehrlich!«

»Wo liegt sie denn?«, fragte Deike erschrocken und erhob sich.

»Liegen? Nee, liegen tut sie noch nicht. Aber die ist bestimmt verrückt geworden.«

»Was ist passiert? Komm, red endlich, und dann verdrück dich wieder! Ich mag es nicht, wenn man dich hier sieht! Man kann nie wissen, ob nicht jemand von der Behörde dabei ist, Walterchen!«

Der Bub grinste und meinte treuherzig: »Der Kommissar wird das dann schon wieder glattbügeln!«

»Was ist mit Ida?«

Deikes Sorge um Ida war jetzt größer als die Lust, sich mit dem Buben in eine Debatte einzulassen.

»Komm mal mit in die Küche, dann siehst du es!«

»Warum sagst du es nicht gleich?«

Deike lief sofort los und fegte Helga mit einem Kunden zur Seite.

»Wo brennt es denn?«, fragte Helga erschrocken.

»Später!«, rief Deike und rannte weiter.

Sie öffnete die Tür und prallte gegen Fritzchen. Mit letzter Kraft konnte sie diesen noch davon abhalten, aus der Küche zu entwischen. Für Fritzchen war das heute kein guter Tag.

»Schau mal, jetzt sind es schon acht Körbe. Eben waren es noch sechs. Ida ist schon wieder verschwunden.«

Fassungslos schaute Deike die vielen Erdbeeren an.

»Glaubste es jetzt, dass Ida einen Stich hat? «

»Um Himmels Willen, was sollen wir denn damit tun?«

»Wahrscheinlich essen«, meinte Walterchen und grinste Deike an. »Wir können gleich damit anfangen, dann geht es schneller. Was meinst du, wie lange werden wir für diese Berge brauchen?«

Deike hörte gar nicht zu. Denn gerade kam Ida wieder um die Ecke gesaust, in jeder Hand einen Henkelkorb voller Erdbeeren. Ihr Gesicht war rot angelaufen.

»Kannst nicht mal mit zupacken?«, wurde Deike gleich angefahren.

Hastig sprang diese herbei und nahm Ida einen Korb ab. Ida stellte den anderen Korb auf den Tisch und ließ sich dann prustend auf einen Stuhl fallen.

»Das war harte Arbeit! Aber ich hab es ihm gezeigt. Der hat doch glatt gedacht, er könnte mich übers Ohr hauen. Nicht mit mir! Ida ist hellwach. Siehste, ich hab es auch alleine geschafft.«

»Ida? Ist dir vielleicht nicht gut?«

Die Tür wurde geöffnet, und ein paar Tagesdirnen steckten ihre Köpfe herein. Sie machten gerade eine Pause.

»Wie steht es mit Kaffee? Kaltes würden wir auch nicht verachten. Idachen, die eisgekühlte Bananenmilch gestern war wirklich eine Wucht!«

Erst jetzt sahen sie die vielen Körbe.

»Bananenmilch? Was ihr nicht alles wollt! Dafür habe ich jetzt keine Zeit mehr. Kaffee müsst ihr euch heute selbst aufbrühen. Gleich kommt der Händler, und dann lege ich gleich los.«

»Händler«, rief Deike entsetzt.

»Du meinst doch nicht, dass es noch mehr Erdbeeren gibt?«

Ida beäugte die Körbe. »Ist ja wirklich nicht viel. Aber er hatte leider nicht mehr. Naja. Wird auch so gehen. Nein, Deike, es ist bloß der Händler mit den Gläsern. Die bringen die Sachen ja noch gratis. Wobei der Obsthändler mir doch glatt für jeden Korb drei Märker abknöpfen wollte, falls ich sie nicht selber schleppe.«

Diese Sache war also jetzt schon mal geklärt. Aber was wollte Ida jetzt noch mit Gläsern?

Die Küche füllte sich mit Tüllen. Schließlich war dies ihre Kaffeestunde. Für gewöhnlich bekamen sie ihn auch sehr pünktlich. Ida war darin eigen. Auch mit dem Essen hatte sie so ihre Marotte. Niemand sollte je behaupten können, sie würde ihre Mädchen nicht gut abfüttern.

»Kannst du mir mal sagen, was das hier werden soll?«

Deike wies mit zitternden Händen auf die Körbe. Als sich ein Mädchen eine Erdbeere stibitzen wollte, bekam sie sogleich einen Schlag auf die Hände.

»Genascht wird nicht! Ich brauche sie alle!«

»Und wofür?«

»Marmelade«, sagte Ida bärbeißig. »Ich werde jetzt Marmeladenhersteller! Weißt du eigentlich, wie viel die für so ein Glas im Geschäft verlangen? Und dann ist sie noch nicht mal so gut wie die selbstgemachte. Ich werde sie jetzt kochen, und dann haben wir den ganzen Winter Marmelade.«

Die käuflichen Mädchen brachen in schallendes Gelächter aus.

»Ida, wir sind hier ein Bordell und keine Marmeladenfabrik! Hast du das vergessen?«

»Ich gehe ja nicht anschaffen«, sagte Ida grimmig. »Ich werde die Küche verwalten, wie ich es für richtig halte! Und jetzt verschwindet alle aus meiner Küche!«

»Aber der Kaffee«, protestierten die Mädchen lauthals.

»Macht ihn euch selber! Ich muss jetzt Gläser spülen und Früchte säubern.«

Walter erbot sich, für die Mädchen Kaffee zu kochen. Das konnte er schon. Dankbar wurde sein Vorschlag angenommen. Und der Bub wusste genau, dass es dann wieder Trinkgelder geben würde.

»Für dich koche ich auch Kaffee«, sagte er grinsend zu Deike.

»Danke!«

Noch immer den Kopf schüttelnd verließ Deike die Küche und sah die Mädchen streng an.

»Geht nach oben und verhaltet euch still! Die anderen Mädchen brauchen das nicht zu wissen. Vielleicht geht Idas Marotte wieder vorbei, ehe sie richtig angefangen hat. Wir kennen doch unsere gute alte Ida!«

Anita kicherte: »Wenn mich die Arbeitswut überfällt, dann setze ich mich ganz still in eine Ecke und warte, bis der Anfall vorüber ist. Vielleicht ist bei Ida etwas ein wenig durcheinandergeraten?«

»Die gute Seele! Sie wird langsam wunderlich.«

Ilse wollte wissen: »Kann die denn so etwas überhaupt?«

Deike lachte leise auf.

»Hast du schon mal erlebt, dass Ida etwas nicht kann?«

»Mensch, Deike, du nimmst wirklich das ganze Leben mit Humor.«

»Was bleibt mir denn anderes übrig«, meinte Deike fröhlich. »Ich habe schon so viele Stürme erlebt. Da bringen mich doch ein paar Erdbeeren nicht aus dem Gleichgewicht.«

»Na, dein Wort in Idas Ohren!«

Die Mädchen stiegen im Gänsemarsch nach oben. Es blieb nicht aus, dass andere Mädchen mit ihren Kunden zur gleichen Zeit die Treppe herunterkamen. Natürlich mussten sie sich eine Menge sagen lassen. Aber die waren auch nicht auf den Mund gefallen und gaben kräftig zurück.

»Na, Kleiner, hast du denn einen Freifahrschein? Kennst du schon den Unterschied? Ehrlich? Danach siehst du aber gar nicht aus!«

»Was? Du willst der Weltmeister sein?«

»Da lachen ja die Hühner, ehrlich! Du bist mir ein Gartenzwerg. Na ja, geh näher ran, er ist kürzer als du denkst!«

»Und wenn es klingelt, dann hör auf, sonst fallen dir die Sägespäne aus dem Hirnkasten. Ich hab mal einen kennengelernt, der konnte gar nicht mehr aufhören!«

Die Männer waren sprachlos.

Sie wussten ja nicht, dass Dirnen voll mit beißendem Humor sein konnten, wenn es nicht um ihre Kunden ging. Da brauchten sie ja keine Rücksicht zu nehmen. Außerdem, wer hatte denn angefangen?

»Pass auf, dass er anschließend noch da ist! Wir haben nämlich einen Vampir hier. Der ist ganz wild auf Zipfelchen!«

Deike lächelte vor sich hin.

Die Welt war wieder in Ordnung. Im Augenblick war auch der Ärger verflogen. Walter würde bald mit dem Kaffee kommen. Und am Abend gab es wieder ein leckeres Mahl. Warum sich also aufregen?

Das Telefon klingelte.

»Marek hier! Ich habe es jetzt schon viermal versucht! Wo bist du denn gewesen?«, schimpfte der Großlude.

»In der Küche!«, sagte Deike ruhig.

»Sonst hörst du doch das Telefon!«

»Sonst ist ja auch fast alles normal bei uns.«

Marek holte tief Luft.

»Sag jetzt bloß nicht, dass schon wieder was los ist! Ich hab keinen Nerv mehr. Der letzte verrückte Kunde liegt mir noch in den Knochen. Hab Erbarmen, Deike! Sonst schließe ich das Haus an der Ecke. Weißt du eigentlich, wie viel graue Haare ich schon habe, seit du das Bordell führst?«

»Wirklich? Dann kann ich dir nur zu deinem Frisör gratulieren«, gab Deike munter zurück.

»Warum das denn?«, fragte der Lude.

»Ich habe noch keins bei dir entdecken können. Entweder reißt er sie dir alle aus, oder er nimmt jedes einzelne Haar und färbt es.«

Marek ärgerte sich. Mit Deike konnte man sich einfach nicht streiten.

»Ich muss dich sprechen!«, sagte er schließlich.

»Schon wieder?«

»Ja. Es geht um ein neues Mädchen.«

Deike dachte nach.

»Gut, ich komme zu dir.«

»Das wollte ich dir gerade vorschlagen.«

»Sorge für starken Kaffee.«

Marek wurde hellhörig.

»Ida lässt dich ohne Kaffee gehen?«

»Ich erzähle dir später davon. Jetzt muss ich Walterchen Bescheid sagen.«

Der Großlude zog es vor, nicht weiter zu fragen.

Walter machte ein langes Gesicht, als er vernahm, dass Deike als Kaffeekundin abspringen wollte. Ihr Trinkgeld tröstete ihn ein wenig.

Dann verließ Deike das Gebäude und ging durch die Straße. Der Betrieb war mäßig. Die Dirnen standen lustlos herum und wischten sich den Schweiß von der Stirn. Auch die Kunden konnten nicht viel mit dem leichten Gemüse anfangen. Die Hitze machte einfach zu schlapp. Zwischen den

Häuserzeilen stand die Luft. Es war erdrückend heiß.

Deike wurde angelächelt.

Man kannte sie hier gut, und sie war auch sehr beliebt. So mancher Dirne hatte sie schon helfen können. Auch wer nicht im Haus an der Ecke angestellt war, konnte sich einen Rat von Deike holen.

Viele Tüllen hofften noch immer inbrünstig, einmal den Sprung zu schaffen. Von den Mädchen aus dem Haus an der Ecke wussten sie, wie viel man dort auf die hohe Kante legen konnte. Auch dabei war ihnen Deike behilflich. Als sie seinerzeit das verrufene Bordell übernahm, hatte sie sich geschworen, ihren Mädchen sollte es einmal besser gehen. Sie sollten über Startkapital verfügen, wenn sie mal nicht mehr als Dirne anschaffen gehen konnten. Zuerst hatten sich die Zuhälter dagegen gesträubt. Ganz besonders die auswärtigen. Denn sie hatten keine Lust, ihren Mädchen das viele Geld zu überlassen. Man hatte zu Anfang alles mögliche versucht, sie zu erpressen oder unter Druck zu setzen. So manchen Kampf hatte sie durchstehen müssen. Doch dann siegte endlich die Vernunft. Als die Zuhälter die Zusage erhielten, jeden Morgen die gleiche Summe in Empfang nehmen zu können, und das für lange Zeit, überlegten sie sich die Sache gründlich. Normalerweise blieben Dirnen nie lange oben. Für manche gab es einen schnellen Abstieg. Und wenn die Mädchen dann mal keine Lust zur Anschaffe hatten, was im freien Gewerbe sehr oft vorkam, dann mussten die Luden härtere Maßnahmen ergreifen, schon zur Abschreckung der anderen Tüllen.

Danach fiel in der Regel die Dirne für eine ganze Weile aus. Wenn ein Zuhälter sich mit seiner Dirne beschäftigte, verlor er schnell die Nerven und prügelte wie wild drauf los. Dass er damit seine eigene »Ware« ruinierte, bemerkte er erst zu spät.

Dirnen, die im Haus an der Ecke anschaffen gingen, brauchten nicht erst zur Arbeit ermahnt zu werden. Sie gingen freiwillig auf Anschaffe und brachten viel Geld herein. Sie waren auch in guter Obhut und wurden von Ida vorzüglich versorgt. Deike achtete außerdem darauf, dass sie sich nicht übernahmen. Zudem kamen nur Kunden ins Haus an der Ecke, die sich die besseren Tüllchen leisten konnten.

Das Haus an der Ecke war Eigentum des Großluden Marek. Um aber keinen Ärger heraufzubeschwören, wurden bis zu zehn Zimmer an fremde Luden vermietet. So hatten sie auch ein paar Mädchen dort stehen. Über ihre Zimmer konnten sie zwar in gewisser Hinsicht frei verfügen, doch jede Dirne, die im Haus an der Ecke aufgestellt wurde, wurde vorher von Marek und Deike begutachtet. Erst wenn beide damit einverstanden waren, durfte der Lude seine Tülle hinbringen. Wenn sie das Haus an der Ecke betreten hatte, musste sie sich den Vorschriften des Hauses unterwerfen. Deike überreichte selbst dem Luden das Geld, entweder täglich oder wöchentlich. Sehr gute Luden kamen schon gar nicht mehr persönlich, sondern sie hatten ihre Kontonummer bei Deike hinterlassen.

Eine Dirne konnte sich auch freikaufen. Das war wie ein ungeschriebenes Gesetz. Das wurde bei ihrem Einstand sofort ausgehandelt. Deike selbst sprach dann mit dem Luden, setzte die Summe fest, und der Vertrag wurde von beiden Seiten unterschrieben. Marek war oft Zeuge.

Die Summe war jedes Mal verschieden. Es kam ganz auf das Mädchen an. Je höher die Summe, um so stolzer war das Mädchen. Deike war anfangs verdutzt gewesen. Wusste die Kleine denn nicht, dass sie dieses Geld zusätzlich aufbringen musste?

Daran dachten die Mädchen aber nicht. Sie fühlten sich nur sehr gut und wichtig, wenn man für sie so viel Geld verlangte.

Zugleich war dieser Vertrag aber auch eine Art Schutz. Früher waren oft die Mädchen an andere Luden verkauft worden. Das hatte viel Ärger bereitet. Als sie merkte, dass die Mädchen aus dem Haus an der Ecke einen gewissen Standesstolz hatten und die Luden über einen Kauf mit dem Eckhaus verbunden werden wollten, hatte sich Deike mit Marek zusammengesetzt. Man hatte sich geeinigt und einen neuen Vertrag aufgesetzt. Wenn einer jetzt sein Mädchen verkaufen wollte, dann musste er zwanzig Prozent zusätzlich an die Dirne abführen. Nur dann war der Kauf gültig. Das hieß also, wenn ein Mädchen mit hunderttausend veranschlagt war, dann musste der Zuhälter zusätzlich noch zwanzigtausend an das Mädchen abführen. Natürlich gab es nicht nur so teure Mädchen. Aber man überlegte es sich jetzt noch gründlicher. Und der neue Besitzer dachte im Traum nicht daran, so viel Geld für eine Tülle springen zu lassen. Die Dirne war für den Zuhälter nur ein kleiner Dreck. Nur wenn sie eine Edeltülle war, behandelte er sie mit mehr Respekt. Doch all die vielen kleinen Mädchen konnte man rasch durch frische Ware ersetzen. Marek machte den Kollegen auch klar, dass bei einem Verkauf seines Mädchens das gemietete Zimmer wieder frei und anderweitig vergeben würde.

Wenn einer so reich war und so viel Macht besaß wie Marek, der Königslude, brauchte er weder mit Panik noch mit Angst zu arbeiten. Das hatte der Königslude sehr schnell erkannt. Nachdem er mit Deike so etwas wie eine Geschäftsverbindung eingegangen war, hörte er oft auf ihren Rat und war wirklich gut beraten. Deike sah alles mit den Augen einer Frau. Sie sah auch alles vom Standpunkt der Dirnen aus, denn sie selbst war ja auch mal eine gewesen. Auch wenn sie eher eine Luxustülle mit Sonderrechten gewesen war, so wusste sie doch ganz genau, was in so einer kleinen Dirne vorging. Wenn man ein wenig nett zu ihr war, fraß sie einem aus der Hand. Also hatte Deike die Dirnen im Auge, kümmerte sich aber zugleich um das Geschäftliche. Davon verstand sie eine ganze Menge. Ihre früheren Verbindungen waren auch nicht erloschen. Viele Tipps aus der Finanzwelt hatten ihr und Marek schon geholfen.

Im Haus an der Ecke entstand so eine neue Generation von Dirnen.

Die prügelnden Zuhälter, die Kunden ausraubten, und die schmutzigen Bordellzimmer, das alles konnte man hier lange suchen.

Liebe mit Herz, hieß die Devise im Haus an der Ecke.

Die Dirnen verkauften sich und verlangten für gute Ware auch gute Preise.

Seit gut zwei Jahren lief alles vorzüglich.

Deike musste an all das denken, als sie sich jetzt auf dem Weg zu Marek befand. Lorenz, Mareks Diener, öffnete ihr lächelnd. Er war ein Homo und Marek treu ergeben. Er hatte kein Verhältnis mit Marek. Deike mochte ihn besonders. Als Frau hatte sie schon die Erfahrung gemacht, dass man sich in Gegenwart eines Homos als Frau sicher fühlen durfte. Man wurde weder belästigt, noch musste man sich verstellen. Man konnte sich ganz frei geben.

»Der Kaffee ist fertig! Ich habe mir erlaubt, einen Eiskaffee zu bereiten. Ist das recht?«

»Lorenz, du bist ein Schatz«, sagte Deike lachend.

Marek stand in der Salontür und sah sie grinsend an.

»Lass das nicht Ida hören, dass du mit Lorenz flirtest! Ich glaube, die reißt dir die Haare aus!«

»Solange Lorenz keinen Lkw voller Erdbeeren in seiner Küche hat, ist es mir egal, und ich sage es ihr sogar persönlich.«

Marek sagte streng: »Das ist dein Problem. Ida ist dein Problem. Ich will gar nicht hören, was sie wieder angestellt hat. Die ist ja nicht mehr normal! Aber komm rein und setz dich.«

»Und was willst du mir erzählen?«, fragte Deike, als sie Platz genommen hatte.

»Juanita heißt das Mädchen.«

»Sie ist keine Deutsche?«

»Doch, sie hat aber lange auf einer Karibikinsel gelebt. Dann hat sie Heimweh bekommen, und jetzt will sie hier anschaffen. Sie ist Ingos Mädchen.«

»Was hältst du von ihr?«

»Sie ist gut. Außerdem kann sie gut französisch und noch ein paar andere Sprachen leidlich. Ich habe mir nicht alle merken können. Wie gesagt, sie wäre auch für Sondereinsätze zu gebrauchen.«

»Nicht schlecht. Wie alt ist sie?«

»Fünfundzwanzig, und mit Leib und Seele Dirne. Sie liebt das Leben.«

»Und wo ist der Haken?«

Marek grinste. »Ich kann dir wohl nichts vormachen, nicht?«

»Hör mal, Marek, wenn ich eigens herkommen soll, dann muss die Sache doch einen Haken haben. Sonst bringst du mir das Mädchen, und ich kann mich auf dein Urteil verlassen. Wenn ich also mit dir zusammen beraten soll, ob wir sie nehmen sollen oder nicht, dann bist du dir nicht sicher. Willst mir sozusagen die Schuld zuschieben, wenn was schiefgeht?«

Der Großlude grinste.

»Nun gut. Ich lasse also die Katze aus dem Sack.«

»Hat sie vielleicht einen Buckel?«

»Nein. Sie ist wirklich außergewöhnlich schön. Und sie geht mit Leidenschaft auf den Strich. Zumindest sagte Ingo das. Und dem kann ich das glauben.«

Deike trank ihren Kaffee und dachte nach.

»Was ist es dann? Schön, wild auf Anschaffe, also Marek, jetzt spann mich bloß nicht auf die Folter!«

»Sie hat Heimweh!«

Deike sah den Großluden verdutzt an.

»Heimweh? Einen Augenblick mal. Das verstehe ich nicht. Hast du mir nicht eben gesagt, er musste sie von der Insel holen, weil sie Heimweh nach Deutschland hatte?«

»Jetzt hat sie Heimweh nach der Insel.«

Deike lachte auf.

»Das soll das Problem sein?«

»Nun ja. Weißt du, bevor Ingo mir Juanita angeboten hat, hat er das Spielchen ein paar Mal durchgezogen.«

»Welches Spielchen?«

»Er holte sie her, sie bekam Heimweh nach der Insel. Er verfrachtete sie wieder nach drüben, und es ging eine Weile ganz gut. Aber dann wollte sie wieder nach Deutschland zurück. Auf die Dauer waren ihm die Flugkosten zu hoch.«

Deike brach in schallendes Gelächter aus. »Jetzt verstehe ich endlich. Also ich soll das Mädchen heilen?«

»Wirst du das schaffen? Ingo hat die Nase voll.«

Deike blickte den Großluden an.

»Du hast doch mit ihm etwas abgemacht, nicht wahr? «

»Nun, ich habe ihm gesagt, ich würde ihn von diesem Problem befreien. Aber das Mädel muss erst die Kaufsumme verdient haben.«

»Du willst sie kaufen?«

»Gehe ich da ein Risiko ein? Ich habe doch dich, Deike. Du wirst mir das Mädchen schon hinbiegen. Ich bin fest davon überzeugt.«

Deike war gerührt.

»Danke«, meinte sie trocken.

»Aber ich kann dir wirklich nichts versprechen.«

»Ingo kennt dich zu wenig. Er ist jetzt schon schadenfroh.«

»So, So!«

»Da sind sie schon! Also sieh sie dir genau an, und dann gib mir ein Zeichen!«, verlangte Marek, als es läutete.

»Hör mal«, protestierte Deike. »Ich kann wirklich nicht so schnell sagen, ob ich das schaffe oder nicht. Du bist gut! Und wenn ich versage?«

Marek sah sie belustigt an.

»Dann wirst du schon eine Lösung für uns finden, nicht wahr?«

Deike ärgerte sich.

Lorenz führte Ingo und Juanita in den Salon. Deike mochte Ingo nicht besonders. Er sah aus wie ein smarter Typ, hatte aber eiskalte Augen und kein Herz. Er kannte nur Geld und sonst nichts. Wollte einfach nicht begreifen, dass auch Zuhälter älter werden. Im Augenblick war er der Ansicht, man könne die Welt aus den Angeln heben, wenn man nur den Drücker in der Hand hat. Danach suchte er wie wild. Ingo hielt Marek langsam für einen Schwächling, weil er sich nicht mehr die Finger schmutzig machte mit kleinen krummen Geschäften. Aber das hatte Marek schon längst nicht mehr nötig.

Ingo lümmelte sich lässig in eignen bequemen Sessel und warf Deike einen verächtlichen Blick zu.

»Grüß dich«, meinte er hochmütig. »Was machen die Mädchen? Hält sich alles noch?«

»Möchtest du eine Beschwerde vorbringen?«

Ingo hatte zwei Tagesmädchen laufen.

»Nein. Aber ich wollte mal an fragen, wie es mit der Nachtschicht steht?«

»Dann musst du mir bessere Ware anbieten. Die Mädchen, die du laufen hast, können nicht eingeplant werden. Du kennst die eiserne Regel?«

Ingo biss sich auf die Lippen. Natürlich kannte er als Lude die Spielregeln, und er ärgerte sich, dass Deike die Frechheit besaß, ihn daran zu erinnern. Ein Tagesmädchen hatte überhaupt keine Chance, nachts eingesetzt zu werden. Eine Nachtdirne musste damit rechnen, dass sie eines Tages nicht mehr in der Nacht anschaffen konnte. Dann war ihr Stern im Sinken. Sie konnte noch froh sein, wenn sie zu dieser Zeit im Haus an der Ecke anfangen durfte. Dann konnte sie sich noch ein paar Jährchen halten. Danach ging es dann steil nach unten.

Übrig blieb dann nur noch der Straßenstrich ohne Zimmer. Autodienst war wirklich kein Zuckerschlecken für die Dirnen. Der war außerdem mit erheblichen Risiken verbunden. Oft wurden Dirnen überfallen und ermordet. Sie waren den Freiern hilflos ausgeliefert. Außerdem mussten sie in ein paar Sekunden den Charakter des Kunden herausfinden. Das war wirklich nicht einfach. Gerieten, sie an einen Anormalen, dann hatten sie eben Pech gehabt. Zwar wurde diese Arbeit auch wieder nachts verrichtet, aber die betreffende Dirne war doch schon tief unten, und sie konnte auch nicht so viel verlangen wie die Tüllen mit einem eigenen Zimmer. Straßenstrich wurde oft dort versehen, wo es nicht erlaubt war, Bordelle zu eröffnen.

Schaffte eine Dirne auch diesen Dienst nicht mehr, der Verschleiß war natürlich riesig, dann konnte sie nur noch Hafennutte werden.

Deike betrachtete das junge Mädchen. Es war weder schüchtern, noch wirkte es dumm. Es hatte eine Traumfigur und sehr wache Augen, einen sinnlichen Mund und das gewisse Etwas, das Männer verrückt macht.

Juanita lächelte Deike an und meinte fröhlich: »Ich soll bei dir arbeiten? Ingo hat es mir erzählt.«

Deike wusste, sie musste sich jetzt entscheiden. Marek hatte sich wohl schon entschieden. Er wollte das Mädchen. Er war also davon überzeugt, dass man Juanita heilen konnte. Sie überlegte blitzschnell. Wie sollte sie vorgehen?

Dann hörte sie Juanita sagen: »Ich habe bis jetzt allein gearbeitet. Es wird nicht einfach sein. Und dann noch mit einer Frau?«

Das war nur eine nüchterne Feststellung, sonst nichts.

Ingo mischte sich jetzt ein.

»Ich habe nicht viel Zeit. Es ist also abgemacht? Oder kannst du keine eigenen Entscheidungen mehr treffen?«

Marek sollte sich darüber ärgern und aus der Haut fahren. Der Königslude blieb aber gelassen und äußerte sich ruhig: »Du wirst lachen, hin und wieder höre ich mir tatsächlich die Ratschläge anderer an. Das kann sehr nützlich sein. Ich bin nicht allwissend.«

Ingo nahm wütend diese Ohrfeige hin. Später würde er zu seinen Hilfsluden sagen: »Marek ist auch nicht mehr der Größte. Der hängt jetzt schon am Rockzipfel einer Frau. Das kann einfach nicht gut gehen. Verlasst euch darauf, der wird fallen! Sehr schnell sogar.«

Deike warf Marek einen Blick zu. Dieser hatte verstanden.

»Nun gut, dann nehme ich das Mädchen!«

Ingo wandte sich an Juanita.

Er glaubte, sie richtig präpariert zu haben. In einem Monat würde er ein hübsches Sümmchen für sie bekommen. Danach sollte Juanita dann verrückt spielen. Er hatte schon ein paar Luden mit dieser Masche aufs Kreuz gelegt. Sie würde dann so zimperlich werden und das ganze Haus an der Ecke so nervös machen, dass er über einen Strohmann die kleine Tülle zu einem Spottpreis zurückkaufen konnte. Danach durfte sie zur Belohnung wieder auf ihre geliebte Insel, bis Gras über die Sache gewachsen war. Dann wurde der gleiche Trick in einer anderen Großstadt angewandt.

»Benimm dich anständig und mach mir keinen Kummer! Hast du verstanden?«, verlangte Ingo.

Juanita warf ihm einen zweideutigen Blick zu. Sie hatte verstanden. Bekam sie doch auch etwas von dem Gewinn ab.

Deike war dieser Blick nicht entgangen, und sie würde nachdenklich.

Marek brachte seinen Gast zur Tür. Dann kam er zurück.

»Also, welches Zimmer geben wir ihr?«

»Im zweiten Stock ist eins frei geworden.«

»Schön! Dann können wir also anfangen, die Kleine aufzubauen?«

Juanita wurde mit dem Diener ins Nebenzimmer geschickt.

Marek sah Deike an.

»Was meinst du? Sollen wir sie für die prominenten Leute reservieren?«

»Ich muss sie erst überprüfen. Wir dürfen kein Wagnis eingehen!«

Der Zuhälter runzelte die Stirn.

»Wieso?«

»Ingo ist mir nicht geheuer. Ich würde vorschlagen, wir lassen sie einen Monat laufen. Wenn sie dein Mädchen geworden ist, ist es immer noch früh genug, sie dem Kommissar vorzustellen.«

»Du vermutest eine Falle?«

»Ich kann mich auch täuschen. Ich werde sie aber im Auge behalten.«

»Hast du einen Verdacht?«

»Marek, ich habe keinen. Ich bin nur vorsichtig. Aber jetzt möchte ich gehen. Ida wird bestimmt schon auf mich warten.«

 

 

3

Das war nun gerade nicht der Fall. Ida hatte Deike vollkommen vergessen. Als diese mit dem neuen Mädchen im Haus an der Ecke erschien, stieß sie auf Dirnen mit langen Gesichtern.

»Ida kocht nichts.«

Ida hatte ihre Küche mit Gläsern und Erdbeeren angefüllt.

»Ich mag keine Marmelade«, sagte Inge. »Ehrlich, ich krieg Ausschlag davon!«

»Das ist Juanita! Bringt sie nach oben! Ihr wisst, welches Zimmer leer ist. Ich kümmere mich später um die Kleine. Gebt ihr schon mal die Hausordnung«, verlangte Deike. »Ich werde mit Ida reden.«

»Na, du wirst dich wundern!«

Walter stand am Spülstein und wusch gegen Entgelt Gläser in allen Größen.

»Ich krieg Stundenlohn«, sagte er fröhlich und arbeitete im Zeitlupentempo.

Ida hatte ein hochrotes Gesicht und rührte hingebungsvoll in einem Topf herum. Dabei hielt sie ein Buch in der Hand und murmelte Unverständliches vor sich hin. ,

Was muss ich noch alles erleben, dachte Deike. Ida war nicht ansprechbar. Dabei hatte Deike so gehofft, sie könnte sich um Juanita kümmern.

»Na, dann will ich mal sehen, wie ich die Meute abfüttere.« Deike rief den Wirt Charly an. Dort hatten sie schon so manche Mahlzeit zu sich genommen, wenn Ida nicht auf dem Damm war.

Sie gab den Mädchen Bescheid.

»Die ist wirklich verrückt«, sagte Eva-Maria. »So etwas macht eine anständige Bordellköchin einfach nicht! Du, die wird bestimmt jetzt nachlässig.«

Details

Seiten
100
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932348
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v501429
Schlagworte
schicksale haus ecke bananengirl

Autor

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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #18: Das Bananengirl