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Dr. Härtlings schwerste Stunde

2019 106 Seiten

Zusammenfassung

Dr. Härtling wusste zunächst nur soviel: Mitten in München hatte es ein schweres Unglück gegeben, die Straße war eingebrochen und hatte einen vollbesetzten Linienbus in die Tiefe gerissen. Viele der Verletzten waren in die Paracelsus-Klinik gebracht worden, wurden vom Chirurgenteam versorgt. Doch jetzt kam per Hubschrauber noch eine Patientin. Eine Frau, die blutüberströmt auf der Trage lag und die Sören Härtling dennoch sofort erkannte: Es war Nessy Paracelsus, und ihr Leben hing an einem seidenen Faden...

Leseprobe

Table of Contents

Dr. Härtlings schwerste Stunde

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Dr. Härtlings schwerste Stunde

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 106 Taschenbuchseiten.

 

Dr. Härtling wusste zunächst nur soviel: Mitten in München hatte es ein schweres Unglück gegeben, die Straße war eingebrochen und hatte einen vollbesetzten Linienbus in die Tiefe gerissen. Viele der Verletzten waren in die Paracelsus-Klinik gebracht worden, wurden vom Chirurgenteam versorgt. Doch jetzt kam per Hubschrauber noch eine Patientin. Eine Frau, die blutüberströmt auf der Trage lag und die Sören Härtling dennoch sofort erkannte: Es war Nessy Paracelsus, und ihr Leben hing an einem seidenen Faden...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Was hast du da?“, fragte Tom Härtling seine kleine Schwester.

Josee erschrak, denn sie hatte geglaubt, allein zu sein. „Nichts“, krächzte sie und sah ihren Bruder mit großen Augen an.

Tom, der in der Tür stand, grinste. „Denkst du, ich bin blind? Ich sehe doch, dass du etwas vor mir verbirgst! Was ist es?“

„Nichts“, behauptete die Zehnjährige trotzig. „Es ist nichts. Geh raus aus meinem Zimmer. Du hast hier nichts zu suchen.“

Doch Tom dachte nicht daran, sich zurückzuziehen. Er kam sogar näher, und sein Grinsen wurde immer breiter. „Du kannst eine ganze Menge: quengeln, zickig sein, allen auf die Nerven gehen... aber eines kannst du nicht.“

„Was?“

„Lügen. Ich sehe es dir jedes mal an der Nasenspitze an, wenn du nicht die Wahrheit sagst.“

„Verschwinde aus meinem Zimmer“, verlangte Josee energisch.

„Gleich. Erst muss ich noch dieses Geheimnis lüften.“ Tom machte zwei rasche Schritte, griff blitzschnell hinter seine Schwester und entriss ihr die Blätter, die sie ihm nicht zeigen wollte.

„Du bist gemein“, protestierte Josee wütend. „Gib das her! Gib das sofort wieder her!“

Sie wollte sich die Blätter wiederholen, doch der vierzehnjährige Tom hielt sie so hoch, dass sie sie nicht erreichen konnte.

Lachend trat er zurück. „Was haben wir denn da? Sind das nicht Briefe? Liebesbriefe etwa? Hör mal, bist du nicht noch etwas zu jung, um Liebesbriefe zu bekommen?“

„Du gibst sie mir auf der Stelle zurück, sonst...“

„Sonst, was? Verpetzt du mich bei unseren Eltern? Das würde dir ähnlich sehen.“

„Ich habe noch nie jemanden verpetzt“, erwiderte Josee ärgerlich.

„So? Und was war vor ein paar Tagen, als ich im Wohnzimmer aus Versehen gegen die Bodenvase stieß und sie zu Bruch ging? Von wem hat Mami es denn eine halbe Stunde später erfahren?“

„Nicht von mir.“

„Von wem denn sonst? Wir waren allein zu Hause“, sagte Tom.

„Und was ist mit Ottilie?“

Tom drehte sich um und sah sich hastig die Briefe an. „Meine Güte, das wird ja immer schlimmer. ‘Lieber Ben...’, ‘Geliebter Ben...’, ‘Innigst geliebter Ben...’. Du hast Bens Liebesbriefe geklaut!“

„Hab’ ich nicht!“

„Sind diese Briefe an Ben gerichtet oder nicht?“, fragte Tom und sah auf einmal sehr erwachsen aus.

„Ich habe sie nicht gemopst.“ Josee versuchte, die Blätter zu erreichen, doch Tom ließ sie nicht an seiner Schulter vorbei.

„Willst du mir einreden, er habe sie dir gegeben?“, fragte er spöttisch.

„Das nicht...“

„Es gehört sich nicht, anderer Leute Briefe zu lesen“, belehrte Tom das Nesthäkchen der Familie.

„Was ist denn schon dabei?“

„Es gibt ein Postgeheimnis. Hast du noch nie davon gehört? Du hast das Postgeheimnis verletzt“, erklärte Tom.

Josee gab es auf, sich die Briefe wiederholen zu wollen. „Ich habe überhaupt nichts verletzt. Die Briefe lagen ungeöffnet beim Altpapier.“

„Ben hat sie weggeworfen, ohne einen Blick hineinzuwerfen?“, fragte Tom ungläubig.

„Ja.“

„Von wem sind die Briefe denn?“, wollte Tom wissen.

„Von einer gewissen Hedwig Thaler.“

„Nie gehört. Kennst du sie?“, fragte Tom.

„Nein“, antwortete Josee.

„Wieso macht Ben ihre Liebesbriefe nicht auf?“

„Ich weiß nicht. Frag ihn.“

Tom las, ohne dass Josee ihn daran hinderte: „‘Lieber Ben, bitte verzeih mir, dass ich Dir schreibe, aber ich möchte, dass Du weißt, dass Du mir gefällst. Ich würde wahnsinnig gern mit Dir ausgehen. Wann hast Du Zeit? Lass es mich wissen. Ruf mich an. Meine Nummer steht im Telefonbuch. Hedwig. P.S.: Ich habe mich unsterblich in Dich verliebt.’

Tom sah Josee an. „Das ist ja ein Ding. Ben hat eine glühende Verehrerin, von der er offensichtlich nichts wissen will. Sonst hätte er ihre Briefe nicht ungeöffnet weggeworfen.“

„Jetzt hast du’s auch verletzt“, sagte Josee.

„Was?“

„Das Briefgeheimnis.“

Tom tat so, als wäre das bei ihm etwas anderes. Er las das nächste Schreiben: „‘Geliebter Ben, warum lässt Du mich so lange auf Deinen Anruf warten? Warum siehst Du mich kaum an, wenn wir uns begegnen? Gefalle ich Dir etwa nicht? Man sagt, ich sei nicht unhübsch. Empfindest Du denn nichts für mich? Du würdest mich sehr glücklich machen, wenn Du Dich mal mit mir verabreden würdest. Hedwig. P.S.: Ich liebe Dich immer mehr.’“ Tom war beeindruckt. „So einen Brief habe ich noch nie bekommen.“

Josee schmunzelte. „Frisst dich der Neid?“

„Blödsinn.“

„Jetzt sehe ich dir an der Nasenspitze an, dass du nicht die Wahrheit sagst“, behauptete Josee.

Tom las den dritten Brief: „‘lnnigst geliebter Ben, Du machst mich unglücklich. Warum reagierst Du nicht auf meine Briefe? Wenn Du mich nicht anrufen möchtest, schreib mir. Ich würde vor Freude im Dreieck springen, wenn ich in den nächsten Tagen einen Brief von Dir in unserem Postkasten finden würde. Hedwig. P.S.: Ich muss immerzu an Dich denken, und mein Herz verzehrt sich nach Dir.’

„Mein Herz verzehrt sich nach dir“, wiederholte Josee höchst beeindruckt.

„Klingt ganz schön schmalzig“, stellte Tom trocken fest. „Hedwig Thaler scheint ein Fan von Hedwig Courths-Mahler zu sein.“

„Wer ist Hedwig Courths-Mahler?“, erkundigte sich Josee.

„Das weißt du nicht?“

„Würde ich fragen, wenn ich es wüsste?“

„Hedwig Courths-Mahler hat Märchen für Erwachsene geschrieben“, erklärte Tom seiner Schwester.

„Sieh an, sieh an, was mein Bruder doch für ein gescheites Kerlchen ist“, spöttelte Ben, der plötzlich in der Tür stand.

Tom wirbelte herum und ließ die Briefe in Sekundenschnelle verschwinden. Josee, die hinter ihm stand, nahm sie ihm ab und versteckte sie rasch wieder hinter ihrem Rücken.

„Was habt ihr denn da?“, wollte der achtzehnjährige Ben von seinen Geschwistern wissen.

„Nichts“, antworteten Josee und Tom wie aus einem Mund und mit scheinheiligen Gesichtern.

Ben war nicht neugierig. Er ließ es dabei bewenden und sagte: „Ottilie serviert bereits das Mittagessen. Ihr sollt kommen.“

Tom verließ mit seinem Bruder Josees Zimmer.

„Ich, ich komme gleich nach“, sagte Josee. „Ich muss nur noch schnell was erledigen... Dauert nur eine Minute.“

Sobald ihre Brüder weg waren, legte sie die Liebesbriefe unter ihre Schreibunterlage, und wenig später saß sie mit ihren Eltern und mit ihren Geschwistern am Mittagstisch und löffelte die Lauchsuppe, die niemand besser zubereiten konnte als die gute alte Ottilie.

 

 

2

Nick Wegenstein fühlte sich nicht wohl. Lag es am Wetter? War er krank? Da war ein dumpfer Druck im Kopf, und sein Herz schlug unregelmäßig. Er arbeitete zu viel, hatte eine Firma, die Alarmanlagen herstellte. Das Geschäft ging gut. In Zeiten mit ständig wachsender Kriminalität waren Wegensteins Produkte sehr gefragt.

Der Umsatz stieg, und Nick Wegenstein hatte immer weniger Freizeit, doch das störte den eingefleischten Junggesellen nicht. Er arbeitete nicht ungern, und zu Hause wartete keine vernachlässigte Ehefrau auf ihn.

Einmal im Jahr kam der fünfundfünfzigjährige Geschäftsmann zum „Checkup“ in die Paracelsus-Klinik. Diese Zeit nahm er sich, damit man einer eventuellen Erkrankung rechtzeitig entgegenwirken konnte.

Er kam seit zehn Jahren und fand stets die gleichen vertrauten Gesichter vor. Und er ging jedes mal mit dem Bewusstsein nach Hause, ein kerngesunder Mann zu sein.

Das war ihm sehr wichtig, denn in ihm steckte ein kleiner Hypochonder, der auf jede Einschränkung seines körperlichen Wohlbefindens sofort hysterisch reagierte. Schmerzten ihm die Beine, dachte er sogleich an Knochenkrebs. Hustete er länger als drei Tage, befürchtete er ein Lungenkarzinom. Bei anhaltenden Bauchschmerzen hatte er gleich Angst vor einem bevorstehenden Blinddarmdurchbruch.

Vielleicht wäre er nicht so geworden, wenn er verheiratet gewesen wäre, eine Familie gehabt hätte, um die er sich kümmern musste.

Aber er hatte sich immer nur um sich selbst zu sorgen brauchen, und da kann man sehr leicht zum introvertierten, hypochondrischen Eigenbrötler werden.

Frauen hatte es in seinem Leben viele gegeben. Gab es immer noch. Aber es war keine dabei, die es sich zu heiraten gelohnt hätte. Das war jedenfalls seine Meinung.

Ein netter Theaterbesuch. Ein gemütlicher Abend in trauter Zweisamkeit. Ein flüchtiges Abenteuer. Das war alles, was ihm das Leben auf der zwischenmenschlichen Schiene bot. Er war nur ein einziges Mal richtig verliebt gewesen, aber das war schon so lange her, dass er sich kaum noch daran erinnern konnte. Vielleicht war’s in einem anderen Leben gewesen.

Wieder war er in der Paracelsus-Klinik, um sich gründlich durchuntersuchen zu lassen, und wie immer hoffte er, dass die Ärzte nichts bei ihm finden würden.

Aber da war dieses beunruhigende Unwohlsein, der dumpfe Druck im Kopf, der unregelmäßige Herzschlag... Musste ihn das alarmieren?

An diesem denkwürdigen Tag sollte Nick Wegenstein etwas widerfahren, das ihn nicht bloß alarmierte, sondern in helle Panik versetzte...

 

 

3

Man hatte Frau Burkhardt die Gallenblase entfernt. Die Operation war ohne Komplikationen verlaufen, der Patientin ging es den Umständen entsprechend gut, die Ärzte waren zufrieden. Da Veronika Burkhardt zu Dr. Sören Härtlings Stammpatientinnen gehörte, die er seit vielen Jahren als Gynäkologe betreute, besuchte er sie einen Tag nach der Operation in ihrem Krankenzimmer.

Die Frau, die trotz ihrer zweiundfünfzig Jahre noch sehr gut aussah, strahlte, als der Klinikchef eintraf. „Dr. Härtling!“

„Na, Frau Burkhardt, wie geht es Ihnen?“, erkundigte sich der Chefarzt der Paracelsus-Klinik freundlich.

Die Patientin lächelte noch ein wenig dünn. „Ich bin froh, dass ich die Operation hinter mir habe.“

Dr. Härtling nickte. „Das kann ich verstehen.“

„Jetzt kann ich’s ja gestehen: Ich hatte eine Heidenangst davor.“

„Das wussten Sie gut zu verbergen“, sagte Sören Härtling.

„O j a, ich bin eine großartige Schauspielerin“, lächelte Veronika Burkhardt selbstironisch. „Man sieht mir nur ganz selten an, wie es wirklich in mir aussieht.“

„Ich habe Ihnen gesagt, Sie brauchen sich vor dem Eingriff nicht zu fürchten.“

„Das hat mein Intellekt auch zur Kenntnis genommen, aber mein Unterbewusstsein nicht.“ Die Patientin seufzte. „Man hört und liest immer wieder von verhängnisvollen Kunstfehlern, und dass jede Narkose ein gewisses Risiko in sich birgt. So etwas setzt sich in einem fest, ohne dass man es merkt, und wenn man dann vor einer Operation steht, fangen die unangenehmen Gedanken an, sich wie Mühlräder zu drehen. Unaufhaltsam.“

Dr. Härtling lächelte sanft. „Das ist ja nun vorbei.“

Veronika Burkhardt wiegte den Kopf. „Dem Himmel sei Dank. Ich bin ehrlich froh, dass die Gallenblase raus ist. Die Steine haben mir das Leben manchmal wahrlich zur Hölle gemacht. Wenn ich diese Koliken hatte, ging ich die Wände hoch. Das waren Schmerzen, die sich nicht beschreiben lassen.“

„Nun kann Ihnen Ihre Galle keinen Ärger mehr machen.“

„Werde ich wieder alles essen können?“, erkundigte sich die Patientin.

„Wenn Sie nicht hemmungslos drauflossündigen, werden Sie keine Probleme haben“, versprach der Arzt.

„Keine Diät mehr?“, fragte Veronika Burkhardt erleichtert.

„Beobachten Sie sich eine Weile selbst. Sie werden sehr schnell herausfinden, was Ihnen guttut und wovon Sie lieber die Finger lassen sollten“ , empfahl der Klinikchef. Er zeigte auf die Blumen, die in einer Vase auf dem Nachttisch standen. „Hatten Sie Besuch?“

Die Patientin nickte. „Meine Tochter war hier.“

Dr. Härtling war auch Birgit Burkhardts Frauenarzt.

„Sie konnte leider nicht lange bleiben, musste zurück in unsere Boutique“, sagte Veronika Burkhardt.

Sören Härtling wusste, dass Birgit Burkhardt zweiunddreißig und immer noch zu haben war. Wollte sie es ihrer Mutter nachmachen und ledig bleiben?

Veronika Burkhardt schien seine Gedanken zu erraten, denn sie sagte: „Wie sich im Leben doch alles wiederholt! Ich habe keinen Mann abbekommen, meine Tochter ist auch noch immer solo.“

„Sie haben immerhin mit einem Mann ein Kind gezeugt.“

Eine tiefe Falte bildete sich über Veronika Burkhardts Nasenwurzel. „Ja“, sagte sie dunkel.

„Warum haben Sie ihn nicht geheiratet?“, fragte Dr. Härtling.

„Ich kam dahinter, dass er meiner Liebe nicht wert war.“

„Hat er Sie betrogen?“

Veronika Burkhardt nickte mit zusammengepressten Lippen. „Es hat sehr weh getan. Ich war wahnsinnig enttäuscht.“

Dr. Härtling schob die Hände in die Taschen seines weißen Kittels. „Haben Sie mit ihm Schluss gemacht, ohne ihm zu sagen, dass Sie von ihm schwanger sind?“

„Ich wollte nicht aus Mitleid geheiratet werden. Und ich habe dafür gesorgt, dass mir nie wieder ein Mann so weh tun konnte.“

„Was ist aus dem Vater Ihrer Tochter geworden?“, wollte der Chefarzt der Paracelsus-Klinik wissen.

„Ich habe keine Ahnung. Ich habe nie wieder von ihm gehört.“

Der Klinikchef wurde über den Stationslautsprecher in die Aufnahme gebeten.

„Ich muss leider gehen“, sagte er. „Entschuldigen Sie mich.“

Als er gegangen war, blickte Veronika Burkhardt zur Decke und seufzte schwer. Sie war einmal sehr glücklich gewesen. Aber leider nur ganz kurze Zeit...

 

 

4

„Du bist Tom Härtling, nicht wahr?“, sagte das schlanke Mädchen, das plötzlich neben dem Jungen ging.

Er blieb stehen und sah sie an. Ihr langes blondes Haar glänzte wie Gold in der Sonne. Es war Nachmittag, und Tom befand sich auf dem Weg von der Schule nach Hause.

Er war in Gedanken gewesen. Jetzt blinzelte er verwirrt. Das Mädchen gefiel ihm. Es konnte nicht älter als fünfzehn sein. Er war vierzehn.

Sie hätten altersmäßig gut zusammengepasst, fand er. Das eine Jahr, das sie älter war als er, hätte ihn nicht gestört. Er blies seinen Brustkorb auf.

„Okay, ich bin Tom Härtling, und wer bist du?“

„Du bist der Bruder von Ben Härtling, nicht wahr?“

Tom nickte. „Bin ich, und wer bist...“

„Außerdem hast du noch zwei Schwestern.“

„Richtig, und wer...“

„Die eine heißt Josee.“

Tom nickte wieder. „Stimmt und...“

„Die andere ist Bens Zwillingsschwester und heißt Dana.“

„Würdest du aufhören, mir zu sagen, was ich ohnehin weiß? Verrate mir lieber deinen Namen.“

„Ich bin Hedwig Thaler“, sagte das hübsche Mädchen. Wie ein Engel sah sie aus.

Tom hob die Augenbrauen. „Ach, du bist das.“

„Du kennst meinen Namen?“, fragte Hedwig sofort. „Hat Ben ihn erwähnt?“

‘P.S.: Ich habe mich unsterblich in Dich verliebt.

P.S.: Ich liebe Dich immer mehr. P.S.: Ich muss immerzu an Dich denken, bei Tag und erst recht bei Nacht. Ich kann kaum noch schlafen, und mein Herz verzehrt sich nach Dir.’

Das stürmte Tom durch den Kopf, während er Hedwig betrachtete. Schade, dass sie so sehr in Ben verknallt war.

„He, du!“ Hedwig zupfte Tom am Ärmel seiner bunten Fleece-Jacke. „Was?“

„Ich hab’ dich was gefragt“, sagte Hedwig Thaler.

„Was?“

„Hat Ben dir von mir erzählt?“, wollte Hedwig wissen.

Tom schüttelte den Kopf. „Nein, hat er nicht.“

„Woher kennst du meinen Namen?“

„Wie alt bist du?“

„Nächsten Monat werde ich fünfzehn“, antwortete Hedwig irritiert.

„Ben ist bereits achtzehn.“

„Na und? Hat Ben gesagt, dass ich ihm zu jung bin?“

„Ben hat überhaupt nichts gesagt“, erklärte Tom.

„Das glaube ich dir nicht. Du hast vorhin sofort gewusst, wer ich bin.“ Tom zuckte die Schultern. „Vielleicht habe ich deinen Namen irgendwo aufgeschnappt.“

„Würdest du deinem Bruder einen Gruß von mir bestellen?“

Tom nickte. Er wollte nicht ungefällig sein. „Kann ich machen.“

„Glaubst du, du kannst ihn auch dazu überreden, mich mal anzurufen?“

„Ich kann’s versuchen“, meinte Tom, obwohl er wusste, dass das nichts bringen würde.

„Du bist super“, sagte Hedwig Thaler erfreut und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Dann lief sie weg, und Tom sah ihr verdattert nach.

‘P.S.: Ich habe mich unsterblich in Dich verliebt.

P.S.: Ich liebe Dich immer mehr. P.S.: Ich muss immerzu an Dich denken, bei Tag und erst recht bei Nacht. Ich kann kaum noch schlafen, und mein Herz verzehrt sich nach Dir.’

Er bekam diese Sätze einfach nicht mehr aus dem Kopf.

 

 

5

„Rat mal, wer mich heute auf dem Heimweg angequatscht hat“, sagte Tom zu Hause zu Josee.

„Woher soll ich das denn wissen?“

„Darauf kommst du nie“, behauptete Tom grinsend.

„Dann sag es mir eben.“

„Hedwig Thaler“, sagte Tom. „Unsere Hedwig Thaler?“

„Bens Hedwig Thaler“, korrigierte Tom.

„Sie ist nicht Bens Hedwig. Er wirft ja alle Briefe von ihr ungeöffnet weg.“

„Und wir tun ihr den Gefallen und lesen sie, damit sie sie nicht ganz umsonst geschrieben hat“, schmunzelte Tom.

Josee kratzte sich hinter dem Ohr. „Ob sie Bens Handschrift kennt?“

„Keine Ahnung. Warum?“

„Wir könnten ihr an seiner Stelle zurückschreiben“, meinte Josee.

„Du tickst wohl nicht richtig. Wozu soll das denn gut sein?“

Josee hob die Schultern. „Sie tut mir irgendwie leid. Wie sieht sie denn aus?“

„Sie ist sehr hübsch, sehr schlank, sehr blond, sehr jung“, antwortete Tom. „Sie wird nächsten Monat fünfzehn.“

Josee musterte ihren Bruder von der Seite. „Sie gefällt dir“, stellte sie fest.

„Nein“, sagte er, viel zu schnell.

Josee lachte. „Doch, sie gefällt dir.“

„Hör auf, mich zu nerven“, brummte Tom ungehalten.

„In letzter Zeit steckt ihr die Köpfe aber häufig zusammen“, stellte Ben plötzlich hinter ihnen fest.

Tom fuhr herum, als hätte der große Bruder ihn bei irgend etwas Verbotenem ertappt. „In letzter Zeit schleichst du wie ein Indianer auf Kriegspfad durchs Haus“, gab er unwirsch zurück.

„Stimmt“, pflichtete Josee ihm bei. „Dir fehlt bloß noch die Kriegsbemalung.“

„Ich soll dir einen Gruß bestellen“, sagte Tom und beobachtete den Bruder dabei sehr genau.

„Von wem?“

„Von Hedwig Thaler“, antwortete Tom.

Bens Miene verdunkelte sich. „Hat sie sich an dich rangemacht?“

„Rangemacht kann man das nicht nennen. Sie hat mich auf dem Heimweg angesprochen und mich gebeten, dir zu sagen, du sollst sie anrufen.“

„Das werde ich nicht tun“, brummte Ben.

„Warum nicht?“, fragte Tom.

„Weil ich nicht will.“

„Was hast du gegen sie?“, wollte Tom wissen.

„Sie ist noch ein Kind.“

„Sie ist in dich verknallt“, meinte Tom und sah den großen Bruder bewundernd an.

„Hat sie das gesagt?“

Tom erschrak. Er wollte nicht gestehen müssen, dass er Hedwigs Briefe gelesen hatte, deshalb zuckte er die Schultern und erwiderte: „Möglich. Ich erinnere mich nicht mehr.“

„Tom sagt, sie ist hübsch “, warf Josee ein.

„Sie interessiert mich nicht“, erklärte Ben kühl. Er wandte sich an Tom. „Wenn sie dich wieder anspricht, sag ihr, sie soll sich ein anderes Opfer suchen.“

„Opfer? Wieso Opfer?“, fragte Josee.

„Ja“, sagte auch Tom. „Was meinst du mit Opfer?“

„Hedwig Thaler ist liebestoll. Sie ist ständig hinter irgendeinem Jungen her, und jedes mal ist sie gleich bis über beide Ohren unsterblich verliebt. Sie ging bereits Karl Kaiser, Herbert Wagner, Josef Umgelter, Ludwig Hofer und Bodo Neumann auf den Geist, und nun bin ich an der Reihe. Und wehe, man reagiert auf ihre aufdringlichen Belästigungen, dann wird man sie nicht mehr los.“

„Ach, deshalb hast du ihre Briefe ungeöffnet weggeworfen“, verplapperte sich Josee.

Ben sah sie forschend an. „Hast du sie etwa gefunden?“

„Ja“, antwortete Josee.

„Und gelesen?“

„Nö... Na ja... Ein bisschen...“, gab Josee mit gesenktem Blick zu.

 

 

6

Nick Wegenstein, der etwas hypochondrisch veranlagte Patient, hatte die ersten Tests in der Paracelsus-Klinik über sich ergehen lassen. Ergebnisse hatte er noch keine erfahren.

Ob die Ärzte diesmal etwas gefunden hatten? Immerhin waren da dieses beunruhigende Unwohlsein, der dumpfe Druck im Kopf, der unregelmäßige Herzschlag. All das musste ja von irgendwoher kommen!

Innerlich angespannt, schlurfte der Patient in Pantoffeln zur Toilette. War sein Harn nicht etwas zu gelb? Was mochte das für eine Ursache haben? Das Sorgenbarometer stieg. Ab fünfzig trifft der Tod bei Männern die erste Auslese, sagt man, ging es Nick Wegenstein durch den Kopf. Er holt sich auch schon früher den einen oder anderen, aber bei der Fünfzigermarke hält er zum ersten Mal eine etwas reichere Ernte.

Er wusch sich die Hände und betrachtete sich im Spiegel. Er war ein attraktiver Mann mit dichtem dunklen Haar und leicht angegrauten Schläfen. Aber war die Haut unter seinen Augen nicht ein wenig gelb? Kündigte sich da vielleicht eine schleichende Hepatitis an?

Er drehte das Wasser ab und richtete sich auf. Draußen auf dem Flur blieben zwei Ärzte stehen. Der eine war Dr. Jan Jordan, der andere Dr. Peter Donat.

Nick Wegenstein erkannte ihre Stimmen. Er war von beiden heute untersucht worden, und er bildete sich ein, dass Dr. Donat dabei kein allzu glückliches Gesicht gemacht hatte.

Jetzt erfuhr er, warum. „Den kannst du abschreiben“, sagte Dr. Donat soeben. „Der ist erledigt. Da ist nichts mehr zu machen. Ich gebe ihm noch drei Monate, allerhöchstens.“

Die Ärzte gingen weiter. Ein heftiger Schwindel erfasste Nick Wegenstein. Schweiß perlte eiskalt auf seiner Stirn. Er zitterte wie Espenlaub und hatte das Gefühl, von einem Moment zum anderen schneeweiß geworden zu sein.

Die Welt stürzte für ihn ein. „... abschreiben... erledigt... nichts mehr zu machen... drei Monate allerhöchstens...“

Jetzt kannte er die Ursache für dieses beunruhigende Unwohlsein, den dumpfen Druck im Kopf, den unregelmäßigen Herzschlag.

Nun war ihm alles klar. Anscheinend hatten die Ärzte beschlossen, ihm die schreckliche Wahrheit zu ersparen. Alles in bester Ordnung, würden sie wie immer sagen. Sie sind kerngesund.

Aber diesmal würde es nicht stimmen. Diesmal würden sie ihm dabei nicht reinen Gewissens in die Augen sehen können. Diesmal würden sie ihn zum ersten Mal belügen. Zum ersten und zum letzten Mal...

Vermutlich sagten sie sich: Wozu sollen wir den armen Teufel noch mit der Wahrheit quälen? Er wird noch früh genug erfahren, dass seine Uhr abgelaufen ist. Besser, wir schicken ihn mit einer Lüge nach Hause.

Mit zitternder Hand wischte sich Nick Wegenstein den Schweiß von der Stirn. Drei Monate. Nur noch drei Monate, allerhöchstens. Was mochte das für eine aggressive Krankheit sein, die sein Leben so rasch auffraß?

Drei Monate... Zwölf Wochen... Neunzig Tage... Allerhöchstens. Wie wenig. Wie erschreckend wenig für einen Mann, der noch so viel vorgehabt hätte. Wegenstein fühlte sich plötzlich alt und verbraucht. Am Ende.

Wie würde es sein, das Ende?

Schmerzvoll? Die Ärzte mussten es ihm sagen. Er wollte nicht belogen werden. Er wollte die Wahrheit erfahren.

Die ganze Wahrheit. Schonungslos. Er war ein Mann. Er würde sie schon verkraften. Was er nicht vertrug, waren Lügen, schöne, nichtssagende, freundliche Worte, hinter denen sich das Mitleid verbarg. Er riss sich zusammen, nahm die Schultern zurück, atmete tief durch. Dann öffnete er die Tür und trat auf den Flur hinaus. Niemand sollte ihm anmerken, wie elend er sich in diesem Augenblick fühlte.

Doch Schwester Annegret konnte man nichts vormachen. Sie war seit mehr als vierzig Jahren Krankenschwester, und es gab so gut wie nichts, was ihr noch nicht untergekommen wäre.

Sie sah den Patienten und fragte sofort: „Ist Ihnen nicht gut, Herr Wegenstein?“

„Nicht gut? Mir? Wieso?“

„Sie sehen aus, als wäre Ihnen ein Gespenst begegnet.“

„Mit mir ist alles in Ordnung“, behauptete Nick Wegenstein, und er dachte: Mein Gott, jetzt lüge ich schon so wie die Ärzte in dieser Klinik. „Wenn Sie irgend etwas brauchen...“

„Danke, Schwester, ich brauche nichts.“ Er nickte ihr zu. „Vielen Dank.“ Er schaffte sogar ein freundliches Lächeln, das jeder, der ihn nicht besonders gut kannte, als echt einstufen musste. In seinem Zimmer ließ er die Maske dann fallen und sah grau und krank aus.

Zehn Minuten später sagte Schwester Annegret zu Dr. Sören Härtling: „Herr Wegenstein gefällt mir nicht, Chef. Mit dem ist irgend etwas nicht in Ordnung.“

„Ist das eine medizinische Diagnose, Annchen?“

„Ich bin kein Arzt.“

„Es gibt Ärzte, die wären froh, wenn sie Ihr Wissen und Ihre Erfahrung hätten“ , sagte der Klinikchef, und es war ganz ehrlich gemeint.

„Mit Herrn Wegenstein scheint es irgendwie seelisch nicht zu stimmen. Sie sollten vielleicht mal mit ihm reden.“

„Ich sehe nach ihm, sobald ich Zeit habe“, versprach Sören Härtling. Wenn Schwester Annegret sich Sorgen um einen Patienten machte, hatte das stets einen triftigen Grund. Man musste das ernst nehmen. Doch zuvor musste Sören Härtling eine Patientin davon überzeugen, dass die Bestrahlungsbelastung bei einer Mammographie wesentlich geringer war, als sie befürchtete.

Nachdem die Frau gegangen war, meldete Moni Wolfram, Sörens Sekretärin, dass drüben bei den Männern ein Patient schrie und tobte.

„Würde mich nicht wundern, wenn das Herr Wegenstein wäre“, sagte Schwester Annegret.

Der Klinikchef eilte zur Tür hinaus. Er hörte schon von weitem das Geschrei. Es war tatsächlich Nick Wegenstein, der sich da so aufregte. Sören betrat das Krankenzimmer. Dr. Daniel Falk und Dr. Michael Wolfram, der Mann von Moni, waren bei dem Patienten.

„Lügen! Alles Lügen!“, brüllte Nick Wegenstein. Die Adern traten ihm weit aus dem Hals, sein Gesicht war knallrot. „Ich habe Sie um die Wahrheit gebeten, habe Ihnen gesagt, Sie brauchen keine Rücksicht auf mich zu nehmen, und was tun Sie? Sie tischen mir Grimms Märchen auf.“

„Was ist hier los?“, fragte Sören Härtling mit lauter, autoritärer Stimme.

„Was hier los ist?“, blaffte der Patient. „Ihre Kollegen sind feige Memmen, Herr Dr. Härtling. Jeder Hase hat mehr Mut als Dr. Falk und Dr. Wolfram.“

„Wir haben uns über die ersten vorliegenden Untersuchungsergebnisse unterhalten“, berichtete Dr. Wolfram, ein junger, tüchtiger Assistenzarzt. „Als ich sagte, es wäre alles in bester Ordnung, bekam Herr Wegenstein diesen Tobsuchtsanfall und war nicht mehr zu beruhigen. Er hat mich beschimpft und gedroht, mich aus dem Fenster zu werfen, wenn ich die Unverfrorenheit besäße, ihn weiter zu belügen. Zum Glück kam Dr. Falk hinzu, ehe der Patient handgreiflich werden konnte.“

„Würden Sie mir bitte erklären, was das soll, Herr Wegenstein?“, verlangte Dr. Härtling sehr ernst.

„Ich weiß Bescheid. Man kann mich nicht hinters Licht führen. Wieso verweigert man mir die Wahrheit? Bin ich entmündigt? Ich hasse es, belogen zu werden. Ich hasse es! Aber in dieser Klinik scheint man von seriöser Aufrichtigkeit nicht viel zu halten!“

Sören Härtling bat seine Kollegen, hinauszugehen. Dr. Falk und Dr. Wolfram zögerten, seiner Aufforderung nachzukommen. Sie schienen den Klinikchef mit dem wütenden Patienten nicht allein lassen zu wollen.

„Daniel“, sagte Dr. Härtling zu Dr. Falk, dem Chef der Chirurgie, und wies mit dem Kopf zur Tür.

Seufzend ging Dr. Falk hinaus, und den jungen Assistenzarzt nahm er mit.

„So“, sagte Dr. Härtling. „Nun sind wir allein. Ich habe Sie vorhin nicht verstanden, Herr Wegenstein. Darf ich Sie bitten, mir noch mal zu erklären, was Sie so aufgebracht hat? Warum haben Sie Dr. Wolfram beschimpft?“

,, Ich habe ihn mehrmals, mehrmals!, gebeten, mir die Wahrheit zu sagen, aber er war zu feige, es zu tun. Oder hält er sich an eine Weisung von oben, also von Ihnen?“

„An welcher Wahrheit sind Sie interessiert, Herr Wegenstein?“

„An welcher wohl? Was haben die bisherigen Untersuchungen ergeben? Sind Sie informiert?“

Sören nickte. „Ich kenne die Ergebnisse.“

„Und sind Sie bereit, sie mir schonungslos zu sagen?“

Der Chefarzt der Paracelsus-Klinik zuckte die Schultern. „Kein Problem.“ Nick Wegenstein hob fahrig die Hand. „Keine Ausflüchte, Dr. Härtling. Keine Heucheleien und keine Lügen.“

„Wir sind mit den bisher vorliegenden Untersuchungsergebnissen zufrieden.“

„Herrgott noch mal, was soll das?“, brüllte Wegenstein wieder los.

„Was möchten Sie hören?“, fragte Sören Härtling schneidend. „Dass Sie ein todkranker Mann sind?“

„Ja.“

„Tut mir leid, mit dieser Auskunft kann ich Ihnen nicht dienen.“

Nick Wegensteins Gesicht zuckte. Er nagte an seiner Unterlippe, seine Hände fuhren unkontrolliert über das Laken. „Ich, ich spüre doch, dass ich krank bin. Es geht mir nicht gut, ich habe einen dumpfen Druck im Kopf und mein Herz flattert...“

„Sie sind wetterfühlig“, erklärte Dr. Härtling sachlich. „Das braucht Sie nicht zu beunruhigen. Viele gesunde Menschen sind das. Es ist viel zu warm für diese Jahreszeit. Wir haben fast November und frühlingshafte Temperaturen. Da spielt der Organismus hin und wieder ein bisschen verrückt. Ihr Körper hat sich bereits auf die Kälte vorbereitet und wird nun von diesem ungewöhnlich warmen Wetter überrascht. Das bringt ihn etwas durcheinander. Davon eine ernste Erkrankung abzuleiten, ist unsinnig, Herr Wegenstein.“

„Ich leite das nicht davon ab, Dr. Härtling. Ich habe zufällig mitbekommen, wie Dr. Donat und Dr. Jordan über mich sprachen. Ich war auf der Toilette, die beiden Ärzte standen auf dem Flur und redeten über mich.“

„Was haben sie gesagt?“, wollte Sören Härtling wissen.

„‘Den kannst du abschreiben’, sagte Dr. Donat. ‘Der ist erledigt. Da ist nichts mehr zu machen. Ich gebe ihm noch drei Monate allerhöchstens.’“

Details

Seiten
106
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932317
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (September)
Schlagworte
härtlings stunde

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Titel: Dr. Härtlings schwerste Stunde