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Du bist tot, Marshal!

2019 120 Seiten

Leseprobe

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Du bist tot, Marshal!

Copyright

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Du bist tot, Marshal!

Western von Jasper P. Morgan

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

 

US-Deputy Marshal Chad Delaware will seinen Gefangenen Mason Doyle nach Fargo bringen, wo er dem Haftrichter vorgeführt und zum Tode verurteilt werden soll, denn Doyle ist ein Bandit und mehrfacher Mörder. Keine leichte Aufgabe für Delaware, da Masons Bruder Barney Doyle, der ebenfalls ein skrupelloser Bandit ist, von der Gefangennahme erfährt. Barney und seine Bande verfolgen den US-Deputy, um Mason zu befreien. Auf einen Toten mehr oder weniger kommt es den Banditen dabei nicht an …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Niemand beachtete den Mann, der auf einem Schecken in die Stadt geritten kam. Er saß leicht vorgebeugt im Sattel, hatte den Stetson tief in die Stirn gezogen. Sein Gesicht war im Schatten der Hutkrempe und unter den Bartstoppeln kaum zu erkennen. Vor dem Golden Wheel-Saloon glitt er gemächlich aus dem Sattel und schlang die Zügel um den Hitchrack. Mit müden Bewegungen schob er die Pendeltüren nach innen und betrat den Schankraum.

»Was kann ich für Sie tun, Mister?«, fragte der Barkeeper und putzte sich geschäftig die Hände an einem Tuch ab.

»Mason Doyle«, sagte der Fremde.

Der Keeper wurde bleich. Seine Lippen bebten, aber er gab keine Antwort. Doch sein Blick richtete sich kurz zur Decke. Der Fremde nickte.

»Geben Sie mir ein Bier«, sagte er ruhig und lehnte sich entspannt gegen den Schanktisch.

»Schrubbst du mir den Rücken, Schätzchen?«, fragte die rothaarige Schönheit. Sie saß in einer Blechwanne und ließ die langen Beine über den Rand hängen. Ihre Zehen spielten mit dem Seifenschaum am Wannenrand.

»Wenn du mich so lieb darum bittest ...«

Sie schaute lächelnd zu dem breitschultrigen Mann auf, der zu ihr trat. Er hatte ein rundes, pockennarbiges Gesicht. Die Nase war in unzähligen Schlägereien geplättet worden. Kleine dunkle Augen lagen unter buschigen Brauen. Das lange schwarze Haar hing ihm wirr in die Stirn. Seine Lippen teilten sich zu einem breiten Grinsen, als er sich vorbeugte und eine dicht behaarte Pranke in das Badewasser tauchte. Seine Finger suchten nach dem Seifenstück und glitten dabei über die üppigen Rundungen der Rothaarigen.

»Oh, Mason, so war das aber nicht gemeint, du Schlingel!«

»Sag bloß, es gefällt dir nicht.«

Sie bäumte sich auf, als seine Hand zwischen ihre Beine kroch. Ihre großen, vollen Brüste hoben sich aus dem Badeschaum. Die rosigen Brustspitzen wurden hart. Sie stöhnte leise und plätscherte im Wasser herum, bis sie die Seife gefunden hatte.

»Mach dich nützlich, Darling! Mein Rücken wartet!« Sie schob seine Hand von ihren Schenkeln und drückte ihm das Seifenstück zwischen die Finger. Widerwillig murrend seifte er ihren schlanken Rücken ein. Er stellte sich dabei nicht besonders geschickt an. Wasser schwappte auf seine groben Unterhosen, die er als einziges Kleidungsstück am Leib trug.

Schließlich hatte die Rothaarige genug, lehnte sich zurück und winkte mit dem Fuß.

»Gibst du mir das Handtuch rüber?«

Als sich Mason Doyle mit dem Handtuch umdrehte, stand sie bereits in der Wanne. Doyle riss die kleinen Augen auf. Ihr Anblick war umwerfend. Wasser und Badeschaum rannen an ihrem Körper herunter. Die schweren Brüste wippten. Sie hatte die Hände in die Hüften gestützt.

Doyle schaute sie von oben bis unten an und verfolgte mit den Blicken ein schmales Rinnsal, das über ihren Leib glitt und von dem dichten roten Haardreieck zwischen ihren Schenkeln aufgefangen wurde.

Sie streckte die Hand nach dem Tuch aus, doch Doyle ließ es fallen.

»Darling, ich friere!«, protestierte die Lady.

Doyle grunzte, schrak aus seinen Gedanken auf und packte zu. Die Rothaarige stieß einen spitzen Schrei aus, als er sie um die Hüften fasste, ohne viel Aufhebens zum breiten Bett schleppte und auf die Matratze fallen ließ.

Bevor die nackte Lady wusste, wie ihr geschah, war Doyle über ihr, kniete zwischen ihren nassen Schenkeln und zerrte ungeduldig an seiner Unterhose.

»Lass dir Zeit, Schätzchen!«, versuchte ihn die Lady zu bremsen, aber er hörte sie nicht. Seine Lippen pressten sich hart und fordernd auf ihren Mund, glitten über ihre Haut, saugten sich an ihren harten Brustwarzen fest. Seine Finger erforschten ihren Körper.

»Nicht - so - hastig, Mason«, stieß der Rotkopf hervor, aber es war zu spät.

Doyle glitt zwischen ihre Schenkel und bearbeitete ihren Körper mit rhythmischen Stößen. Dabei grunzte er wie ein Ferkel, das von seiner Mutter gesäugt wurde. Die Rothaarige hatte gerade noch Zeit, tief Luft zu holen, bevor Doyles massiger Körper sie in die Bettfedern drückte. Sie verdrehte die Augen und konzentrierte sich auf das Quietschen des Bettgestells.

Es dauerte nicht lange. Ein Zittern ging durch Doyles Körper, das Grunzen wurde zu einem lauten Quieken, dann war es vorbei. Erschöpft brach Doyle über ihr zusammen und veranlasste sie zu einem gequälten Stöhnen.

Er blieb eine ganze Zeitlang auf der Nackten liegen. Er genoss es, seinen Kopf zwischen ihre weichen Brüste zu betten. Irgendwann wurde es dem Rotkopf zu dumm. Sie ließ ihre Finger durch Doyles Haar gleiten und zog plötzlich seinen Kopf nach hinten.

»Das macht dann zwanzig Dollar, mein Schatz«, sagte sie.

Doyle stemmte sich hoch.

»Zwanzig Scheine?«, schrie er. »Das ist ja zehnmal so viel, wie du üblicherweise nimmst!«

»Es war ja euch keine übliche Nummer, Mason, Darling. Du vergisst, dass du seit gestern Abend meine Dienste in Anspruch genommen hast. Muss ich wirklich aufzählen, wie oft du zärtlich werden wolltest oder es versucht hast, Mason? Und das Bad kostet schließlich auch was, Schatz. Also, versuch nicht zu handeln! Zwanzig Piepen!«

Doyle rollte sich aus dem Bett und schlüpfte in seine Hosen.

»Du kriegst einen Zehner und keinen Cent mehr!«, knurrte er.

Der Rotkopf ballte die Fäuste.

»Wenn du nicht mächtig viel Ärger bekommen willst, Mister, dann zahlst du, was ich verlange.«

Doyle zog sein verschwitztes Hemd über den Kopf und kramte in seiner Hosentasche. Sein massiger Körper wirbelte herum, sein Handrücken klatschte wuchtig gegen die Wange des Mädchens. Die Rothaarige schrie, fiel in die Kissen zurück und rieb sich die schmerzende Wange. Mason beugte sich über sie, warf ihr zwei Fünf-Dollar-Noten ins Gesicht und umfasste ihr Handgelenk. Seine Augen blitzten wütend, als er zudrückte. Die Nackte schrie abermals auf, als der Schmerz durch ihren Arm jagte.

»Ich hab’s nicht gern, wenn man mich bescheißen will, Zuckerpüppchen«, zischte Doyle. »Und wenn mir so ein Luder wie du an den Karren fahren will, werde ich mächtig sauer. Also halt die Klappe und sei zufrieden mit dem, was dir Papa Doyle zahlt! Ich kann auch anders!« Er richtete sich auf, schlang den Revolvergurt um die Hüften und verließ ohne Abschied das Zimmer.

Als Doyle die Stufen in den Schankraum hinabpolterte, verstummten die Gespräche an den Tischen. Man musterte ihn einen Moment lang, und er konnte so etwas wie Furcht in manchen Augen lesen. Nur zögernd wandten sich die Augenpaare von ihm ab, und die Gespräche und Pokerpartien wurden fortgesetzt. Doyle trat an die Theke. Der Barkeeper stand an einem Ende des Schanktisches und polierte ein Schnapsglas.

Am anderen Ende des Tresens lehnte ein Mann. Er trug eine Wildlederjacke über pechschwarzer, verstaubter Kleidung und starrte in sein Bierglas, ohne Doyle zu beachten. Den flachkronigen Stetson hatte er tief in die Stirn gezogen.

Doyle beobachtete den Keeper eine Weile. Dann ließ er die flache Hand auf die Theke fallen. »Willst du das Glas bis zum Sankt Nimmerleinstag polieren oder auch mal was verdienen?«, knurrte er. »Schwing die Hufe, Keeper! Sauberer wird’s nicht!«

Hastig stellte der Barmann das Glas weg.

»Ganz wie Sie meinen, Mister - äh - Doyle«, murmelte er und warf einen kurzen Blick auf den Fremden. Aber der zeigte keine Reaktion, sondern starrte weiter in sein Glas.

»Bring mir ’nen Brandy!«, befahl Doyle.

Der Keeper griff zu einer Flasche. Doyle gab sich nie mit einem Glas zufrieden. Als er die Brandyflasche vor Doyle hinschob, grinste der Pockennarbige und packte blitzschnell die Hand des Keepers.

»Ich will das Glas dort«, knurrte er und nickte zu dem polierten Schnapsglas hinüber. »Deine Mühe soll nicht vergebens gewesen sein.«

Mit zitternder Hand ließ der Keeper das Glas über die Theke schlittern.

Der Fremde fing es ab. Doyles Augenbrauen zogen sich zusammen. Der Fremde nickte dem Keeper zu. Zögernd füllte der Barmann das Glas mit einer Fingerbreite Whiskey.

Der Fremde trank nicht. Er hob das Glas, prostete Doyle zu und schob es über die Theke zurück. »Genieß deinen Drink, Doyle! Es dürfte für sehr lange Zeit dein letzter sein. Genau wie der Spass, den du gerade hattest.«

Mason Doyle glaubte sich verhört zu haben. Er starrte zu dem Fremden hinüber, der sich jetzt halb zu ihm umdrehte und den Stetson nach hinten schob. Doyle blickte in kalte, stahlblaue Augen und ein sonnengebräuntes Gesicht, das von Bartstoppeln bedeckt war.

»Wer sagt das?«, fragte er gefährlich leise.

»Mein Name ist Delaware«, sagte der Fremde ruhig, schob die Jackenschöße zurück und entblößte dabei das blinkende Abzeichen auf seiner linken Hemdbrust. »US-Deputy Marshal Chad Delaware.«

Doyle riss die Augenbrauen hoch, stieß sich von der Bar ab und ließ seine Rechte auf den Revolvergriff klatschen. Er war überraschend schnell, trotz seines massigen Körperbaus. Der Revolver kam aus dem Holster, schwang hoch und zielte auf den Marshal.

Der Schuss klang ohrenbetäubend in dem Schankraum, übertönte sämtliche anderen Geräusche. Pulverdampf wölkte zwischen den beiden Männern auf.

Dann schwankte Doyle unter der Wucht der Kugel und krachte mit dem Rücken gegen die Bar. Der Revolver rutschte aus seiner Hand und polterte auf den Boden. Deputy Marshal Delaware holsterte den Sechsschüsser und trank sein Bier, ohne Doyle aus den Augen zu lassen.

Doyle krallte seine linke Hand um die Schusswunde in seiner rechten Schulter. Blut sickerte zwischen seinen Fingern hervor.

»Ich brauche einen Doc, verdammt!«, zischte er.

»Einen Prediger hast du vielleicht nötiger, Doyle. Aber ich bin kein Unmensch. Soll dich der Doc für die Reise zusammenflicken. Wir machen uns heute noch auf den Weg.«

Doyles kantiger Schädel ruckte herum.

»Wohin?«

»Nach Norden. In Fargo wartet ein hübsches Halsband aus Hanf auf dich.«

Doyle zeterte und fluchte in einer Tour, während der Lawman ihn aus dem Saloon und über die Hauptstraße zerrte. Und während der Doktor unter den wachsamen Augen des Town Marshals Doyles Schulterwunde versorgte, gönnte sich Marshal Delaware ein heißes Bad und ließ sich rasieren. Er wollte schließlich nicht wie ein Satteltramp aussehen, wenn er mit seinem Gefangenen den Treck nach Norden antrat.

 

 

2

Crescent Creek war eine kleine Stadt am Fuße des Ozark-Plateaus in Arkansas. Aus einer Heimstättensiedlung entstanden und am Ufer eines Bachlaufs gelegen, war Crescent Creek zu einer aufblühenden Stadt geworden. Der Ort besaß eine Bank, einen Saloon, ein Hotel und mehrere Geschäfte. Sogar einen Telegraphenanschluss gab es, und die Postkutsche zwischen Fort Smith und Springfield verkehrte zweimal wöchentlich.

An diesem Morgen öffnete Milton Jefferson die Crescent Creek Bank etwas später als gewöhnlich. Ein paar Leute warteten bereits vor dem Bankgebäude, zeigten aber keine Ungeduld. Jefferson würde bestimmt seine Gründe für die Verspätung haben.

Die beiden Männer betraten die Bank, als Jefferson mit seinem Neffen, der als Kassierer fungierte, die Kundschaft bediente.

»Der Verkauf Ihrer hausgemachten Marmelade scheint sich zu lohnen, Abbie«, meinte Jefferson. »Wenn Sie so weitermachen, werden Sie noch zur reichsten Farmersfrau der Gegend.«

Abbie errötete und senkte verlegen den Kopf.

»Wir haben ein paar Schweine verkauft, Mr. Jefferson. Von der Marmelade allein hätte ich den Betrag nicht zusammenbringen können.«

Die beiden Männer hielten sich im Hintergrund. Einer war hager und trug eine lange Jacke, die ihm bis zu den Knien reichte. Wulstige Lippen dominierten sein Gesicht. Er blieb zwischen den beiden Fenstern stehen und beobachtete hin und wieder die Straße. Der andere Mann trug ein kariertes Hemd und Levishosen. Ein dichter Vollbart und lange Koteletten bedeckten sein Gesicht. Die Walnussgriffe zweier schwerer Colts ragten aus Quickdraw-Holstern, die er mit Lederriemen an seinen Schenkeln festgebunden hatte. Der Mann mit dem karierten Hemd wartete, bis er an der Reihe war, und trat dann an den Schalter. Milton Jefferson lächelte.

»Was darf ich für Sie tun, Sir?«

Die eisgrauen Augen des Mannes blieben kalt.

»Ich möchte einen größeren Betrag von meinem Konto abheben«, sagte er ruhig.

Jefferson räusperte sich.

»Meines Wissens haben Sie kein Konto bei uns, Mister ...«

»Doyle«, antwortete der Mann und bewegte sich gelassen. »Barney Doyle.« Er zog einen Revolver und richtete ihn durch das Schaltergitter auf Jefferson. »Ich denke, jetzt hab’ ich eins.«

Der Bankier wurde blass, denn er kannte den Namen des Mannes. Doyle genoss einen zweifelhaften Ruf als Revolverschwinger und skrupelloser Bandit. Aber der Bankier bewahrte Haltung.

»Und an welchen ... Betrag hatten Sie gedacht, Sir?«

Ein Grinsen huschte über Doyles Gesicht.

»Alles, was Sie in Ihrem Safe dort hinten haben.«

Die Farmersfrau wurde auf das Gespräch aufmerksam, drehte sich um und sah den Revolver, der auf den Bankier gerichtet war. Sie stieß einen ihrer Begleiter an und nickte zum Schalter hinüber.

Der Farmer war mit zwei schnellen Schritten hinter Doyle und wollte sich auf ihn stürzen.

»Lips!«, sagte der Bankräuber.

Der Mann am Fenster reagierte. Er schlug die Jackenschöße zurück und zog eine abgesägte Schrotflinte aus einem Holster am rechten Schenkel. Das laute Knacken, als die Abzugshähne gespannt wurden, ließen den Farmer erstarren.

»Wir wollen doch keine Dummheiten machen, Schweinebauer. Oder?«, knurrte der Dicklippige.

»Nun, Mr. Jefferson?«, fragte Doyle.

»Ich kann es nicht«, sagte der Bankier heiser. »Unmöglich! Gehen Sie, Sir, bevor der Sheriff aufmerksam wird und ein Unglück geschieht.«

Doyle schüttelte leicht den Kopf.

»Haben Sie Familie, Mr. Jefferson?«

»Äh - jawohl.«

»Möchten Sie, dass sich Ihre Familie weiterhin bester Gesundheit erfreut?«

Bevor Jefferson antworten konnte, mischte sich der junge Kassierer ein.

»Gib ihm das Geld, Onkel Milt! Er ist imstande und erschießt noch jemanden.«

»Junger Mann, Sie gefallen mir«, lobte Doyle. »Ich denke, Sie haben noch eine große Zukunft vor sich.«

Jefferson ballte die Hände zu Fäusten und ließ sie auf den Schaltertisch fallen.

»Ich kann es nicht tun. Verschwinden Sie!«

Der Bankräuber wurde schlagartig ernst. Bedauern lag auf seinem Gesicht, als er den Revolver herumschwang.

»Ich hätte Sie für vernünftiger gehalten, Milt«, sagte er und drückte ab.

Die Kugel traf den Kassierer mitten in die Brust, stieß ihn gegen ein Regal, an dem er nach unten rutschte. Fassungslosigkeit stand in seinem Gesicht geschrieben. Seine Lippen bewegten sich, aber er brachte keinen Ton hervor.

»Sie Mörder!«, stieß Jefferson hervor.

»Öffnen Sie den Safe!«

»Niemals!«

Aus dem Büro im hinteren Teil des Gebäudes erklang eine Frauenstimme.

»Daddy, wer hat geschossen? Ist alles in Ordnung?«

Angst trat in Jeffersons Augen, als Doyle den Kopf hob.

»Das - werden Sie nicht wagen!«, flüsterte er.

»Sicher?«

Die Lippen und Hände des Bankiers zitterten, als er einsah, dass er keine Wahl hatte. Er ging zu dem großen Safe, stellte die Kombination ein und zog die schwere Tür auf.

»Na also, es geht doch«, meinte Doyle. »Pack es in eine Tasche!«

Jefferson stopfte die Dollarbündel in eine Segeltuchtasche, öffnete das Schaltergitter und reichte die Tasche hindurch. Aus dem Büro kamen eilige Schritte. Eine junge blonde Frau erschien. »Daddy, was ist hier los?«

»Geh weg, Agnes!«, schrie Jefferson und wirbelte zu ihr herum. »Lauf!«

Sein Ruf ging im Krachen des Schusses unter, der den Bankier nach vorn stieß. Die Bankierstochter schrie gellend. Doyle und sein Komplize verließen gemächlich die Bank. Auf der Straße gesellten sich etliche Männer zu ihnen, die sich als Rückendeckung in Seitenstraßen und hinter Hausecken verborgen gehalten hatten. Doyle schwenkte die Tasche, und lauter Jubel erscholl.

»Das Geld gehört uns, Jungs!«, brüllte Lips. »Ach was, die ganze Stadt gehört uns!«

Vom anderen Ende der Stadt eilte ein krummbeiniger Mittfünfziger herbei. Ein Blechstern blinkte matt auf seiner Brust.

»Okay, Jungs. Holt sie euch!«, sagte Doyle.

Sofort kam Bewegung in die Banditen. Schüsse krachten. Fensterscheiben gingen zu Bruch.

Der Sheriff blieb verwirrt stehen und griff zum Revolver, als Lips die Schrotflinte hob und ihn in die beiden Läufe blicken ließ.

»Fallenlassen, Sheriff!«, zischte der Hagere.

Hilflos musste der Gesetzeshüter mitansehen, wie Barney Doyles Bande über seine Stadt herfiel. Frauen kreischten. Schüsse peitschten durch die Straße. Ein Mann wurde durch eine Fensterscheibe geworfen und landete in einem Scherbenregen auf dem Gehsteig. Mehrere Männer hatten sich mit Gewehren und Revolvern bewaffnet und stürzten aus ihren Häusern, wurden jedoch von den Banditen mit einem Kugelhagel empfangen. Ohne Gefühlsregung beobachtete Doyle, wie drei Bürger schwer getroffen zusammensackten.

Eine junge Frau wurde aus einem Hutmacherladen gezerrt. Die Banditen rissen an ihrer Kleidung, zwangen ihr schreiendes Opfer auf die Knie. Beim Anblick ihrer wippenden nackten Brüste leckten sich die Halunken die Lippen. Grobe Hände grabschten nach der Frau, die verzweifelt versuchte, ihre Blößen zu bedecken.

In dem heillosen Durcheinander fiel Lips’ Blick auf das Telegraphenbüro. Er stapfte darauf zu, den Sheriff im Schlepptau. Der Beamte hatte die Tür von innen abgeschlossen. Er hatte die Finger bereits auf der Morsetaste und war bereit, eine Nachricht nach Fort Smith abzusetzen, als Lips die Tür eintrat. Der Beamte starrte einen Moment lang in die Mündung des 45ers, dann sah er das grelle Mündungsfeuer. Und dann nichts mehr.

»Ich will den Bürgermeister sprechen!«, brüllte Doyle. Er stand mitten auf der Straße, ohne das furchtbare Geschehen ringsum zu beachten. »Und ich will alle Männer auf der Straße sehen, die hier was zu sagen haben!«

Zögernd kamen die Einwohner aus ihren Häusern, nahmen vor Doyle, Lips und dem Sheriff Aufstellung. Auch die anderen Banditen hielten inne. Ein paar von ihnen zerrten ihre schluchzenden Opfer an den Haaren mit sich.

»Mein Name ist Barney Doyle«, rief der Bandenchef. »Einige von euch werden schon von mir gehört haben. Andere werden mich noch kennenlernen. Wer von euch ist der Bürgermeister?«

Ein Mann mit dichtem Schnauzbart trat vor. Breite Hosenträger spannten sich über seine dicke Wampe.

»Sie lieben Ihre Stadt, nicht wahr?«, fragte Doyle. Der Bürgermeister nickte stumm. »Sie lieben diesen Ort so sehr, dass Sie für ihn kämpfen würden. Aber würden Sie auch Ihr Leben für ihn geben?«

Niemand antwortete.

Doyle packte die breiten Hosenträger und ließ sie auf die Brust des Bürgermeisters klatschen. »Würden Sie für dieses verdammte Drecksnest sterben, Mister?«, brüllte er.

Die Leute schwiegen betreten.

»Nun, ihr habt die Chance, für eure Stadt zu kämpfen. Wer denkt, dass er schnell genug ist, um mich in einem ehrlichen Revolverkampf zu besiegen, kann gegen mich antreten. Gelingt es euch, mich zu besiegen, bekommt ihr eure Stadt zurück. Aber bis es soweit ist, gehört diese Stadt mit allen Einwohnern Barney Doyle.«

Der Bandenführer hob die Hand und wandte sich ab. Seine Banditen stießen gellende Jubelschreie aus und setzten ihr furchtbares Wüten fort. Doyle und Lips gingen zum Saloon, holten sich Whiskeyflaschen und setzten sich auf die Veranda. Teilnahmslos beobachteten sie die Heimsuchung von Crescent Creek.

Die Bürger beratschlagten. Unsicherheit war in ihren Gesichtern zu lesen. Und Angst.

Man wählte den Sheriff aus, doch der Mittfünfziger war keine Herausforderung für Doyle.

Stunden vergingen. Doyle marschierte ungeduldig durch die Stadt, bis ihm der Kragen platzte.

»Ich gebe euch eine faire Chance!«, rief der Bandenchef. »Ich kämpfe mit einer Waffe gegen sieben von euch. Ich habe sechs Kugeln in meinem Revolver. Mindestens einer von euch hat also die Möglichkeit, mich zu erledigen. Sieben Männer setzen ihr Leben ein, um eine ganze Stadt und ihre Einwohner vor dem Untergang zu retten. Das sollte euch das Risiko wert sein, Leute.«

Das Angebot war mehr als verlockend. Angesichts der Zerstörungswut der Banditen mussten die Bürger von Crescent Creek das Risiko eingehen. Es ging um das Wohl ihrer Stadt und das Schicksal ihrer Frauen und Kinder, die diesen Bestien in Menschengestalt hilflos ausgeliefert waren.

Sieben Männer versammelten sich auf der Straße. Der Sheriff, der Bürgermeister, der Hotelier, zwei Farmer, der Mietstallbesitzer und ein siebzehnjähriger Junge, der schon immer so sein wollte wie die Helden in den Abenteuergeschichten von Ned Buntline und anderen Erzählern. Sieben Männer, von denen nur der Sheriff und der Junge einigermaßen mit dem Revolver umgehen konnten. Auf ihnen ruhte die Hoffnung der Stadt.

Barney Doyle steckte sich eine Zigarre an, nahm den Revolver aus dem linken Holster und reichte ihn Lips. Dann trat er seinen Herausforderern entgegen. Die Männer standen in einem Halbkreis vor dem Bandenchef - musterten ihn grimmig, wild entschlossen und auch ängstlich.

Doyle schob die Zigarre in den linken Mundwinkel.

Unerträgliche Stille lastete auf der Stadt. Die Leute schienen den Atem anzuhalten.

Die Zigarre wanderte nach rechts.

Der Junge leckte sich über die Lippen. Er hatte den alten Armeerevolver seines Vaters tief geschnallt. Die Finger bewegten sich über dem Griff. Die Hand des Sheriffs zuckte nach unten.

Doyle zog.

Nie hatte man jemanden schneller ziehen und schießen sehen. Doyle hämmerte die Kugeln aus dem Lauf. Es klang wie ein Schuss. Keiner seiner Gegner hatte Zeit abzudrücken.

Den Sheriff erwischte es zuerst, dann den Hotelier, den Bürgermeister und einen Farmer. Der Mietstallbesitzer taumelte zurück und wirbelte um die eigene Achse, bevor er in die Knie sank. Der zweite Farmer bekam die Kugel mitten ins Gesicht.

Doyle wandte sich dem Jungen zu und sah, wie er zog. Blickte in die dunkle Mündung des Revolvers, der in der Hand des Jungen leicht zitterte. Grell blitzte das Mündungsfeuer auf, doch Doyle befand sich bereits in Bewegung. Die Kugel schrammte über seine linke Hüfte, dann kam er auf dem Boden auf, ergriff einen Revolver, der von einem seiner Gegner stammte, rollte herum und richtete den Colt auf seinen jugendlichen Gegner.

Der Junge war selbst verblüfft darüber, dass er den großen Barney Doyle getroffen hatte. Er hielt die Waffe locker in der Hand und hatte den Lauf gesenkt. Ungläubig starrte er zu dem Revolvermann hinüber.

»Du warst gut, Sonny«, lobte Doyle. »Schon lange hat es keiner mehr geschafft, mir einen Kratzer zu verpassen. Du hast das Zeug zu einem Schießer.« Verlegenheitsröte färbte die Wangen des Jungen. »Du wirst verstehen, dass ich nicht warten kann, bis du gut genug bist, um mich zu schlagen.«

Doyle jagte sämtliche Kugeln aus dem Colt. Der Junge verlor den Revolver und stand einen Augenblick wie erstarrt, bevor er rücklings in den Straßenstaub fiel.

»Sie Mörder! Sie verdammtes Schwein! Gott wird Sie strafen!«, schrie Agnes Jefferson und warf sich über einen Toten. Ihre Hand suchte den Revolver, den er noch im Tod umklammert hielt.

»Ich glaube, er hat Wichtigeres zu tun, Ma’am«, murmelte Doyle. Erstaunt sah er, wie sich die Frau erhob und den Revolver auf ihn richtete. Entschlossenheit stand in ihrem tränenüberströmten Gesicht.

»Boss!«, rief Lips hinter ihm. Doyle drehte sich halb um. Sein zweiter Revolver segelte durch die Luft. Geschickt fing er ihn auf und feuerte aus der Drehung. Die Kugel prellte der jungen Frau die Waffe aus der Hand.

»Tja, damit sind wir wohl die Besitzer einer Stadt«, sagte Doyle. Seine Leute jubelten und setzten ihr schreckliches Werk fort. Da trat Lips zu ihm.

»Ich hab’ gerade eine Nachricht im Telegraphenbüro abgefangen, Boss«, sagte er hastig. »Sie haben Mason.«

Von einem Moment auf den anderen verflog Doyles gute Laune. Sie hatten seinen Bruder Mason geschnappt. Aber sie würden ihn nicht lange haben.

 

 

3

»Wollen Sie ihn wirklich allein nach Norden bringen?« Der Town Marshal, ein schmalbrüstiger Enddreißiger, malträtierte einen Batzen Kautabak zwischen seinen gelben Zähnen.

Chad Delaware nickte. Nachdem die Stoppeln aus seinem Gesicht verschwunden waren und er saubere Kleidung trug, sah man einen Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren mit flachsblondem Haar, hellblauen, wachsamen Augen in einem sonnengebräunten Gesicht und einem harten, entschlossenen Zug um die Mundwinkel. Er war muskulös, schmal in den Hüften und trug den Revolvergurt tiefgeschnallt. Mit lässigen Bewegungen trat er zu dem Kanonenofen in der Mitte des Büros und füllte sich aus der bereitstehenden Blechkanne einen Becher mit Kaffee.

»Das ist aber nicht ungefährlich. Doyle ist ein eiskalter Killer und wird keine Gelegenheit auslassen, Ihnen ans Leder zu gehen. Wenn Sie meinem Rat folgen, fordern Sie Verstärkung an und warten, bis die Männer eintreffen.«

Delaware trank vorsichtig von dem heißen Gebräu.

»Dann weiß aber von hier bis Fargo jeder Hahn, dass wir mit Doyle unterwegs sind. Ich reise lieber unauffällig. Zumindest so lange es geht.«

»Sie vergessen Masons Bruder, Marshal! Der Kerl wird bestimmt versuchen, ihn zu befreien.«

Delaware zuckte die Achseln.

»Soll er’s versuchen. Ich habe keine Angst vor ihm.«

Der Town Marshal spuckte einen dunklen Tabakstrahl gekonnt in einen Messingspucknapf und nahm die Füße von der Tischkante.

»Darum geht es doch nicht, verdammt noch mal! Ich weiß, dass Sie ein Draufgänger sind. Ihre Vorgesetzten unten in Waco halten große Stücke auf Sie, sonst hätten sie einem Jungspund wie Ihnen wohl kaum das Amt eines Deputy Marshals übertragen. Und es war sicher nicht leicht, Mason Doyle aufzuspüren und bis hier herauf zu verfolgen. Aber Barney Doyle ist anders. Er ist wie eine Klapperschlange ohne Klapper. Er wartet, bis Sie in Reichweite sind, ohne sich zu regen, und schlägt dann zu, wenn Sie ihm den Rücken zudrehen. Seinen Sie vernünftig, Marshal! Was Sie vorhaben, ist der reinste Selbstmord. Da können Sie sich genauso gut gleich eine Kugel in den Schädel jagen.«

Delaware trank schweigend den Rest des stark gesüßten Kaffees und stellte den Becher auf den Schreibtisch. Ein Lächeln huschte über seine Lippen, erreichte jedoch die stahlblauen Augen nicht. »Danke für Ihre Sorge. Aber ich habe einen Auftrag übernommen, und ich werde ihn zu Ende bringen. Und niemand wird mich daran hindern. Auch Barney Doyle nicht.«

Der Town Marshal schüttelte den Kopf.

»Ich weiß nicht, was ich von Ihnen halten soll, mein Junge«, meinte er. »Entweder sind Sie lebensmüde, komplett meschugge oder der mutigste Mann, der mir je begegnet ist.« Er legte Delaware die Hand auf die Schulter. »Viel Glück, mein Junge. passen Sie auf sich auf! Und melden Sie sich mal, wenn Sie Doyle abgeliefert haben.«

»Werde ich tun.« Delaware schaute zu einer Pendeluhr, die in einer Ecke des Raums vor sich hin tickte. »Es wird Zeit. Der Zug fährt in zwanzig Minuten ab.«

Gemeinsam gingen sie in den Zellenraum. Zwei Zellen waren belegt. In einer kauerte ein Betrunkener auf dem Bett und versuchte die Nachwirkungen seines Rausches loszuwerden. In der anderen saß Mason Doyle auf der Holzpritsche. Als er die Schritte der beiden Gesetzeshüter hörte, fuhr er wie von der Tarantel gestochen hoch und stürzte zum Gitter. Seine Fäuste umklammerten die Stäbe, rüttelten, daran.

»Lasst mich hier raus, ihr Ratten! Ich erwürge euch mit bloßen Händen- Verdammt, ich reiße euch in kleine Stücke, ihr Dreckskerle!«

Delaware baute sich vor ihm auf und musterte ihn kritisch. An der linken Schulter, wo der Doktor die leichte Schussverletzung versorgt hatte, wölbte sich das Hemd über dem Verband. Doyles Gesicht war unrasiert und hassverzerrt. Seine Augen funkelten. Er fletschte die Zähne und knurrte wie ein bissiger Hund.

»Die Verletzung scheint nicht allzu schlimm zu sein, Doyle«, meinte Delaware. »Du hast schon wieder überschüssige Kräfte, wie ich sehe.«

»Geh zum Teufel!«

»Das hat Zeit. Aber du kannst dich freuen, Doyle. Du kommst hier raus, wie du es dir gewünscht hast.«

Ungläubig starrte Doyle durch die Gitterstäbe. Delaware zog den Revolver und hielt den Gefangenen in Schach, während der Town Marshal die Zellentür aufschloss und Doyle Handschellen anlegte. Die Stahlbänder schlossen sich eng um die sehnigen Gelenke und waren durch eine Kette verbunden, die zwischen den Armen nach unten baumelte.

»Setzen!«, befahl der Town Marshal und schickte sich an, Doyle Fußfesseln anzulegen, die ihm nur kleine Schritte erlauben würden.

»Handschellen genügen!«, sagte Delaware.

Der Town Marshal stockte und schaute unsicher zu Delaware hinüber.

»Das würde ich mir an Ihrer Stelle noch mal überlegen.«

»Du hast doch gehört, was der Marshal gesagt hat.« Doyle versetzte dem Town Marshal einen Tritt, der ihn nach hinten schleuderte. Vor Schreck verschluckte der Sternträger seinen Kautabak. Doyle lachte kreischend, sprang hoch und wollte seinen Stiefel in das Gesicht des Town Marshals rammen. Wie ein geölter Blitz war Delaware neben ihm. Doyle war breiter als er und überragte ihn knapp um Haupteslänge, aber das kümmerte den Deputy Marshal nicht. Er riss den Gefangenen herum, versetzte ihm einen Leberhaken, der ihm ein gequältes Stöhnen entlockte, und pflanzte ihm die Rechte auf die Nasenwurzel. Doyle krümmte sich zusammen und taumelte zur Pritsche, wo er mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammensank. Er hatte beide Arme um den Leib geschlungen und japste nach Luft. Jeder Atemzug bereitete ihm höllische Schmerzen.

»Geht’s wieder?«, fragte der Deputy und reichte dem Town Marshal die Hand.

»Ja. Wenn man davon absieht, dass mir der Tabak in den Magen gerutscht ist und ich jetzt den halben Tag auf dem Örtchen verbringen darf! Und alles nur wegen diesem gelbgestreiften Stinktier!«

Delaware packte Doyle am Kragen und stieß ihn aus der Zelle.

»Der Zug wartet nicht auf uns. Also beweg dich!«

Passanten drehten sich nach ihnen um, als Delaware seinen Gefangenen über die Main Street zum Bahnhof führte. Die Festnahme des Banditen würde in Tulsa noch lange für Gesprächsstoff sorgen. Doyle bewegte sich mit kleinen zögernden Schritten. Delaware hatte bald die Nase voll von dieser Hinhaltetaktik.

»Leg einen Zahn zu! Wenn wir den Zug verpassen, wirst du nach Norden laufen müssen.«

Der Lokführer ließ die Pfeife der Lokomotive ertönen, als sie den Bahnhof erreichten. Die meisten Reisenden waren bereits aus- und eingestiegen. Der Schaffner war einer Frau behilflich und hievte ihren Koffer auf die Plattform.

Als sie sich dem Bahnsteig näherten, erregten der Deputy und sein Gefangener erneut die Aufmerksamkeit der Umstehenden. Gespräche verstummten, als sich die Augenpaare auf den gefesselten Mann richteten.

Doyle grinste breit. Er genoss es, die Furcht in den Gesichtern der Menschen zu sehen.

Delaware schenkte den Reisenden kaum Beachtung. Er hatte beschlossen, Doyle in einen der hinteren Pullman-Waggons zu verfrachten. Mit dem Gewehrlauf stieß er den Gefangenen nach rechts, auf den Bahnsteig. Man machte ihnen bereitwillig Platz, wich vor dem Marshal und dem gefürchteten Killer zurück. Dumpf hallten ihre Schritte auf den Bohlen. Der Schaffner warf Delaware grimmige Blicke zu.

»Ich schätze es gar nicht, dass Sie Ihren Gefangenen in meinem Zug transportieren, Marshal«, brummte er, während er neben Delaware her wieselte.

»Lässt sich leider nicht vermeiden. Aber er wird keine Schwierigkeiten machen, das verspreche ich Ihnen.«

»Hoffentlich!«

Delaware schaute am Zug entlang. Hinter den meisten Waggonfenstern waren Reisende zu erkennen. Im vorletzten Waggon schienen noch einige Plätze frei zu sein.

Chads Blick streifte eine junge Frau, die ihn beobachtete. Er verweilte ein wenig länger auf dem ausgesprochen hübschen, mit Sommersprossen übersäten Gesicht unter den langen, honigblonden Locken. Er schmunzelte. Die Lady gefiel ihm. Es sah so aus, als würde die Reise doch nicht ganz so unangenehm werden, wie er angenommen hatte.

Im nächsten Augenblick tadelte sich der Deputy selbst. Er hatte sich nur für einen Moment ablenken lassen, hatte in seiner Wachsamkeit nachgelassen, und Doyle nutzte dies sofort aus.

Delaware registrierte, wie Doyle herumwirbelte und die Kette der Handfesseln schwang. Sofort warf sich der Gesetzesmann nach vorn. Die Satteltaschen rutschten von seiner Schulter. Die Stahlkette sauste klirrend über seinen Kopf hinweg. Er gab Doyle keine zweite Chance. Der Gewehrlauf zuckte vor, traf Doyles massigen Leib, grub sich tief hinein. Doyle krümmte sich zusammen und brach in die Knie.

Delaware lud die Winchester durch und setzte die Mündung auf Doyles breite Stirn.

»Noch so eine Dummheit, und man braucht für dich keinen Galgen mehr zu zimmern!«

Doyle schloss einen Moment die Augen und grinste dann.

»Die Arbeit kann man sich sowieso sparen«, meinte er. »Du schaffst es nicht, Marshal. Ich werde nicht hängen.«

»Darauf würde ich nicht wetten.« Der Deputy nahm seine Packtaschen auf und winkte mit dem Gewehr. Doyle kam mühsam und stöhnend auf die Füße, taumelte zum Waggon und stieg auf die Plattform. Sie betraten den Waggon. Die Mitreisenden begannen zu tuscheln. Delaware fand zwei freie Sitzbänke. Doyle ließ sich auf dem Platz am Fenster fallen. Der Deputy blieb am Mittelgang sitzen und legte die Winchester über die Knie, die Mündung auf seinen Gefangenen gerichtet.

Wieder ertönte das schrille Pfeifen der Lok. Ein Stampfen und Zischen klang auf. Mit einem Ruck fuhr der Zug an. Eine dichte Rauchfahne hinter sich herziehend, verließ er den Bahnhof von Tulsa.

Zur gleichen Zeit rannte der Town Marshal durch die Main Street und schwenkte ein Blatt Papier. Schnaufend bog er um das Stationsgebäude, blieb stehen und hielt sich die schmerzende Seite, als er den Zug entschwinden sah. Er schüttelte den Kopf und starrte auf das Blatt in seiner Hand. Es war der Beleg eines Telegramms, den der stellvertretende Telegraphenbeamte am vergangenen Abend ausgestellt hatte. Der Text bestand nur aus wenigen Worten: Mason Doyle in Tulsa festgenommen. Stopp. Weitertransport vermutlich per Bahn. Stopp. Smith.

Das Telegramm war an verschiedene Zeitungen in allen Teilen des Landes geschickt worden. Dem Chef des Telegraphenbüros war erst vor wenigen Minuten die Bedeutung des Textes klargeworden. Er hatte sofort den Town Marshal verständigt. Aber es war zu spät. US-Deputy Marshal Chad Delaware und sein Gefangener waren unterwegs. Der Town Marshal von Tulsa war sicher, dass Barney Doyle in dieser Minute bereits von der Verhaftung seines Bruders Kenntnis hatte und Vorbereitungen für dessen Befreiung plante. Und damit war Delaware auf dem Weg in die Hölle.

 

 

4

»Ich hab’ Kohldampf, verdammt! Besorg mir was zu essen, Sternträger!«

Die Reisenden zuckten zusammen, als sie Mason Doyles Stimme hörten.

Draußen war es dunkel geworden. Die bizarren Schatten von Büschen und Bäumen huschten an den Waggonfenstern vorbei. Der Schaffner hatte Wandlampen entzündet, deren gedämpfter Schein das Innere des Waggons in schwaches Licht tauchte. Einige Männer versuchten in der Zeitung zu lesen, gaben aber bald auf. Das Licht reichte bestenfalls aus, damit die weiblichen Passagiere Handarbeiten erledigen konnten.

Chad Delaware hatte seine Füße auf die Kante der gegenüberliegenden Sitzbank gelegt und den Stetson tief in die Stirn gezogen. Er hielt den Kopf gesenkt und schien zu schlafen.

»Hast du nicht gehört, Marshal? Mein Magen knurrt, zum Teufel! Du hast nicht das Recht, mich hier verhungern zu lassen!« Er sprang auf und ballte die Fäuste.

Delaware hob nicht mal den Kopf, als er die Winchester mit lautem metallischen Schnarren repetierte.

»Du kannst ein paar blaue Bohnen haben, Doyle! Setz dich wieder!« Die Stimme des Marshals duldete keinen Widerspruch. Doyle war klar, dass Delaware Ernst machen würde. Er würde ihn zwar nicht töten, aber er war imstande und jagte ihm eine Kugel ins Bein oder in den Arm.

Mit finsterem Blick ließ sich Doyle wieder auf seinen Platz fallen und starrte durch das Fenster in die Dunkelheit.

»Sie haben sicher Ihre Gründe dafür, Marshal, dem Gefangenen sein Abendessen zu verweigern, aber ich hätte einige Stücke Kuchen übrig. Darf ich Ihnen etwas anbieten?«, fragte die junge Lady mit dem honigblonden Haar.

Delaware schob den Stetson hoch und hob den Kopf. Sie stand im Mittelgang und hatte einen mit einem rotweiß karierten Tuch bedeckten Teller in der Hand. Sie lächelte freundlich. Strahlend blaue Augen schauten zu Chad herunter.

Sie nahm sein Schweigen als Einverständnis und wollte sich auf Doyles Sitzbank niederlassen. Doyle leckte sich über die Lippen und wandte sich vom Fenster ab. Wie gebannt hingen seine Augen an dem Teller in ihrer Hand. Delawares Fuß zuckte vor und legte sich auf die Sitzfläche.

»Tut mir leid, Ma’am«, murmelte der Deputy.

Sie erstarrte. Das Lächeln verschwand von ihren Lippen. Bedauernd hob sie die Schultern.

»Ich verstehe, Marshal«, sagte sie leise und setzte sich wieder auf ihre Bank. Sie holte ein Stück Apfelkuchen unter dem Tuch hervor und aß langsam.

Ein farbiger Kellner betrat den Waggon und verteilte heißen Kaffee. Diesmal hatte Delaware nichts dagegen, dass auch Doyle einen Becher bekam.

»Sie müssen wohl so sein«, sagte die Lady zwischen zwei Schlucken.

»Wie bin ich denn?«

»So hart und - unmenschlich.«

»Tut mir leid, wenn Sie diesen Eindruck von mir bekommen haben, Lady. Aber ich denke nicht, dass ich unmenschlich bin. Bei meinem Freund Doyle hier liegt der Fall allerdings anders. Er hat nie erfahren, dass es so was wie Menschlichkeit gibt.«

»Was hat er denn verbrochen?«

Doyle rutschte dem Mittelgang entgegen. Ein Tritt von Delaware belehrte ihn eines Besseren.

»Er hat ...« setzte der Marshal an, wurde jedoch unterbrochen.

»Ich kann sehr gut für mich selbst antworten, Deputy«, knurrte Doyle. »Ich hab’ schon so ziemlich alles auf dem Kerbholz, was man von einem Banditen erwartet, Schätzchen. Bankraub, Postkutschenüberfall, Viehdiebstahl, Mord - suchen Sie sich aus, was Ihnen am besten gefällt. Und ganz besonders gern hab’ ich mich mit hübschen jungen Ladies wie Ihnen vergnügt.« Sein grölendes Lachen ließ die Mitreisenden zusammenzucken.

Die junge Frau war bleich geworden. Aber es war nicht der Schreck über Doyles Worte, sondern maßlose Wut, die sie erfüllte.

»Allmählich kann ich den Marshal verstehen«, herrschte sie den Gefangenen an. »Ich an seiner Stelle würde Ihnen auch nichts zu essen geben. Wie können Sie sich nur damit brüsten, Menschenleben auf dem Gewissen zu haben?«

»Fressen oder gefressen werden, Lady. Mir fällt es nicht schwer, jemandem das Licht abzudrehen. Und bei Delaware wird es mir ein besonderes Vergnügen bereiten. Danach haben wir beide dann viel Zeit, uns näher kennenzulernen, Lady.«

»Man sollte Sie aufhängen, Mister!«

»Genau das wird man tun; keine Sorge«, versicherte der Marshal.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932225
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v500988
Schlagworte
marshal

Autor

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Titel: Du bist tot, Marshal!