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Die Welt der 1000 Reiche #1: Ein Kämpfer für die Königin

2019 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Welt der 1000 Reiche

Erster Band: Ein Kämpfer für die Königin

Klappentext:

TEIL 1: Die Ankunft

1

2

3

4

5

6

TEIL 2: Die zweite Ankunft

7

8

9

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15

Die Welt der 1000 Reiche

 

Ein Science Fantasy Roman

von

Roland Heller

 

Erster Band: Ein Kämpfer für die Königin

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Seve Meyer, 2019

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Sharon Belinda kommt bei einem Routineflug im All ihr Roboter Henry abhanden. Ihre Suche nach ihm steht unter keinem guten Stern, denn ihre regelmäßigen Suchmanöver wecken die Aufmerksamkeit der Sternenpiraten, die einen wertvollen Schatz hinter diesen Aktionen vermuten. Sie kapern Sharon Belinda und ihr Schiff.

Der Roboter Henry ist mittlerweile auf der Welt der 1000 Reiche gestrandet. Seine vordringlichste Aufgabe muss es sein, seinen Energiehaushalt wieder in Ordnung zu bringen. Im Norden des Kontinents soll es ein Volk geben, dem Elektrizität nicht unbekannt ist. Doch wie soll er dorthin kommen, in einer Welt, in der man am besten von einem Staat zum anderen wechselt, wenn man ihn erobert?

Vorerst steht er in Gorian bei Königin Lia im Dienst, die ihm Hilfe verspricht, doch im Nachbarreich regiert Königin Dalinda, die bereits ein Auge auf Henry geworfen hat und unermüdlich eine Möglichkeit sucht, ihr Ziel zu erreichen …

 

 

***

 

 

TEIL 1: Die Ankunft

 

 

1

 

Die offizielle Trauerzeit war vorbei.

Königin Lia.

Wie herrlich sich das anhörte. Königin Lia, dieser Rang war nun ihrer.

Seit dieser Morgen angebrochen war, herrschte sie offiziell über ihr Königreich. Es war zwar nur klein – im Vergleich zu manch großen Reichen ihrer Nachbarn – aber gesellschaftlich und auch technisch weit entwickelt. Ein Reich, in dem es sich lohnte zu leben. Sie war stolz darauf, gerade hier zu leben. Nirgendwo sonst hätte sie leben wollen.

Hier besaß sie zudem alle Freiheiten, sich zu entfalten. Im Übrigen war sie jedoch den Traditionen ihrer Welt verpflichtet. Das bedeutete naturgemäß auch Pflichten, die auf sie warteten und die sie erfüllen musste.

Doch das hatte noch Zeit. Jetzt wollte sie erst einmal diesen Tag genießen, an dem sie offiziell die Herrschaft übernehmen würde.

Das Trauergewand, das sie nun genau ein Jahr und einen Tag zu tragen gehabt hatte, hing noch auf der Kleiderpuppe. Ein dicker, gewalkter grauer Stoff, der kaum Luft durchließ, allerdings auch wasserfest war. In ihn hatte sie sich jeden Tag hüllen müssen. Im Winter war er noch erträglich, doch in den Sommermonaten hatte sie ihn öfters verwünscht. Am liebsten wäre sie darunter nackt herummarschiert, doch es gab zu viele offizielle Anlässe, zu denen sie ihr Obergewand ablegen durfte. Da niemand voraussagen konnte, wann sie in solch eine Situation geriet, musste sie sich kleidungsmäßig den Konventionen beugen, auch wenn ihr manchmal unermesslich heiß unter dem dicken Stoff wurde.

Doch jetzt war das vorbei.

Es verwunderte deshalb nicht, dass sie gut gelaunt aus dem Bett stieg und mit einem Lied auf ihren Lippen sich ihrer Morgentoilette widmete.

Ihre Zofe hatte in der Zwischenzeit ein üppiges Frühstück vorbereitet. All jene Dinge, auf die sie in der Zeit der offiziellen Trauer hatte verzichten müssen, fanden sich herrlich ausgebreitet auf ihrem Frühstückstisch. Als sie aus dem Bad zurückkehrte, erwartete sie eine Reihe von sauren Frühstücksspeisen, die sie so sehr liebte und die sie ein Jahr lang vermisst hatte: eingelegtes Gemüse, heftig duftender Käse und durchzogener Frühstücksspeck, der garniert war von einer Pfanne gerührter Eier, und dazu natürlich knusprig gebackenes Brot.

Mit einem Heißhunger sondergleichen machte sie sich darüber her, fast so, als hätte sie ein Jahr kein Frühstück bekommen – ganz so schlimm war es glücklicherweise nicht gewesen, dennoch, die Trauerspeisen waren nicht annähernd so üppig gewesen. Fast schien es ihr manchmal so, als müsste man alles Gute für die Toten aufheben, damit es sie im Jenseits erfreute. Aus diesem Grund kasteite man sich ein Jahr lang mit frugalen Mahlzeiten – gerade das Notwendigste, damit man nicht verhungerte.

In die Gemächer der Königin bekam niemand außer ihrer Zofe Einlass. Königin Lia ließ sich an diesem Morgen Zeit und wies alle Versuche ihrer Ratgeber ab, die sie drängen wollten, ihre „Geschäfte“ aufzunehmen. Sie vermutete zwar, dass draußen bereits zahlreiche Bittsteller darauf warteten, ihr Anliegen vorzubringen, denn auch diese hatten nun ein Jahr lang warten müssen, bis sie ihre Bitten vortragen konnten, aber den heutigen Tag wollte sie genießen und sich nicht treiben lassen. Ihre Verpflichtungen wollte sie sehr wohl wahrnehmen – aber alles zu seiner Zeit.

Nach dem Frühstück wies sie ihre Zofe an, ihr die Kleider für den heutigen Tag bereitzulegen.

Zuerst eine offizielle und deshalb mehr geschäftsmäßige Robe, die ihren Körper züchtig bedeckte, für die nächste Stunde dann ein luftiges Freizeitgewand. Sie wollte den Wind fühlen, der um ihren Körper strich, und die Wärme der Sonne spüren, welche die Kälte des letzten Jahres endgültig vertreiben sollte.

Ihr Tag begann mit der offiziellen Stunde für ihre Untertanen. In dieser Stunde musste sie offiziell agieren und auch dementsprechend gekleidet sein.

Bereits als sie sich dem offiziellen Empfangsraum näherte, überkam sie ein ungutes Gefühl, denn die Zahl der Bittsteller schien unübersehbar und sie glaubte nicht daran, dass alle in dieser ersten Stunde zu Wort kommen konnten.

Mit einem ergebenen Seufzer betrat sie den Raum und ließ sich auf dem Thron nieder, den bis vor einem Jahr ihr Vater benutzt hatte, um sich die Anliegen seiner Untertanen anzuhören. Ein Jahr lang war er nun unbenutzt geblieben. Gestern erst hatten ihn die Dienstboten von dem Staub des vergangenen Jahres befreit.

Als sie sich nun darauf niederließ, glaubte sie die Macht zu spüren, die sich im Lauf der Jahre, in denen dieser Thron in Verwendung stand, angestaut hatte. Ein Gefühl der Verantwortung überkam sie plötzlich. Je länger sie auf dem Thron saß, umso mehr glaubte sie zu verstehen, weshalb ihr Vater manchmal kaum Zeit für sie gehabt hatte. Die herrscherlichen Pflichten stellten mehr Mühsal dar als Vergnügen.

Schließlich rang sie sich durch und gab durch einen Wink zu verstehen, dass der erste Bittsteller eingelassen werden sollte.

Wie kleinlich schienen ihr die meisten Probleme, die an sie herangetragen wurden. Die Mehrzahl konnte sie glücklicherweise an Ort und Stelle lösen, nur ein paar wenige musste sie zu weiterer Beratung an ihre Rechtsabteilung weiterleiten.

Aus der einen Stunde wurden nahezu drei, ehe sie sich erheben konnte und sich anschickte, den Saal zu verlassen.

Ihr Erster Minister Mordekai erwartete sie bereits auf dem Gang vor dem Besprechungsraum. Sie sah ihm an, dass er sie gleich mit Beschlag belegen wollte.

Mordekai war ein Mann mittleren Alters, dem man ansah, dass er frei von Not lebte. Sein rundes Gesicht leuchtete in einem gesunden Rot. Eine traditionelle Amtskappe bedeckte sein Haupt. Gekleidet war er in seine Amtsrobe, einem dunkelblauen Umhang, der mit goldenen Streifen verziert war, die sein Amt bezeichneten. Mordekai hatte es bislang auf sechs von acht möglichen Streifen gebracht. Er stand also bereits ziemlich weit oben in der Hierarchie. Unter dem Umhang lugte eine beige Pluderhose hervor. Seine Füße steckten in weinroten Lederstiefeln, die knapp unter dem Knie endeten. Sein Laster war eindeutig zu gutes Essen – und einen guten Schluck Wein verachtete er ebenso wenig. Sein Amt führte er allerdings zu aller Zufriedenheit aus, ja, er überbot sich sogar darin, dass die Wertschätzung der Königsfamilie ihm seit Jahren sicher war. Seine kleinen Laster übersah man ihm großzügig.

„Königin, wir haben wichtige Sachen zu besprechen“, empfing er sie.

Lia winkte ab. „Nicht heute. Jedes Problem hat Zeit bis morgen.“

„Die offizielle Trauerzeit ist zu Ende“, gab der Minister zu bedenken, „wir müssen …“

„Wir müssen überhaupt nicht“, gab Lia schnippisch zurück und ließ den Minister einfach stehen. Der blickte ihr nur kopfschüttelnd nach. „Auch du wirst es noch lernen“, sagte er leise zu sich. „Du bist zwar Königin, aber du lebst nicht allein. Ich gebe dir noch zwei Stunden, dann wachsen dir die Probleme über den Kopf.“

 

*

 

Kaum in ihren Gemächern zurück, riss sie sich die offiziellen Gewänder förmlich vom Leib.

„Es wird Zeit, dass ich wieder Frau sein kann“, sagte sie vergnügt und voller Vorfreude. Ihre Zofe wartete bereits auf sie und reichte ihr, beginnend bei der Leibwäsche, all jene Kleidungsstücke, die bei den jungen Frauen von Gorian momentan die weibliche Mode bestimmten.

Die Füße bedeckten halbhohe Schaftstiefel, die wenige Zentimeter unter dem Knie endeten und ihre schlanken Beine ebenso wirkungsvoll zur Geltung brachten wie der kurze Rock, der in zahlreichen Fransen auslief und auf Hüfthöhe von einem breiten Gürtel gehalten wurde, in dem üblicherweise alles in kleinen Taschen verstaut wurde, was eine Dame für den Ausgang benötigte. Und natürlich gab es die Möglichkeit, eine Schwertscheide oder mehrere Messer am Gürtel zu befestigen, doch die benötigte sie momentan nicht. Sie hatte nicht vor, den Palast zu verlassen. Gürtel, Stiefel und Rock glänzten im dunklen Blau. Als Kontrast bedeckte eine zartrosa gefärbte Bluse ihren Oberkörper. Es blieb ihr einziges weiteres Kleidungsstück, es war auf der Vorderseite nahezu durchsichtig und wurde in der Mitte durch eine Knopfleiste zusammengehalten. Als modisches Detail zeigten sich die Ärmel spiralig gemustert und öffneten sich trichterförmig, wobei die breite Seite das offene Ende der Ärmel bildete.

Sie konnte es kaum erwarten, in den Garten zu entkommen.

Ihre Zofe hatte kaum die letzte Schmuckschleife ihrer Bluse geschlossen, als Lia in ihren Privatgarten enteilte.

Ihr luftiges Gewand ließ eine kühle Brise sanft ihre Haut umspielen. Wie lange hatte sie dies schon vermisst!

Wenig später kamen ihre Freundinnen Lea und Luna zu ihr und zusammen tanzten und scherzten sie im Garten, überließen sich vollkommen dem Eindruck, dass es in ihrer Welt überhaupt keine Probleme gab.

„Ach, wie herrlich kann das Leben sein“, schwärmte Königin Lia.

„Du bist nun Königin“, rief Lea, „befiehl einfach ewige Zufriedenheit.“

„Wenn das so einfach wäre“, seufzte Lia.

„Verbiete einfach die Sorgen“, schlug Luna vor.

„Wenn das so einfach wäre“, seufzte Lia erneut. „Die Sorgen der anderen Leute gehorchen mir ja nicht.“ Nur kurz dachte sie an die Anliegen, welche ihre Bürger heute Vormittag an sie herangetragen hatten, doch das genügte bereits, einen Keil in ihre Freude zu treiben. Ihr wurde bereits bewusst, dass ihr Dasein als Königin nicht unbedingt nur reinste Freude bedeuten musste.

„Genieße wenigstens jene Stunden, in denen du alle Sorgen hinter dir lassen kannst“, riet Lea. „Die Regierungsgeschäfte kommen noch früh genug.“

„Wozu hast du denn deine Minister?“, meinte Luna. „Lass die doch arbeiten.“

„Damit sie tun können, was ihnen beliebt?“, hinterfragte Lea.

„Zerbrecht euch nicht den Kopf über mein Amt“, besänftigte Lia. „Ich habe das Sagen! Und meine Minister werden genau das tun, was ich ihnen befehle!“

Die drei vergnügten sich mit Klatsch und Tratsch, mit allem „Neuen“, das sich in letzter Zeit in Gorian ereignet hatte.

Es dauerte eine Zeit lang, bis eine der drei jungen Frauen Lias heftig gestikulierenden Minister am Rande des Gartens stehen sah. Da dieser Bereich den Frauen vorbehalten war, vor allem deshalb, weil sie hier keine Kleidervorschriften zu beachten hatten, konnte es auch ihr Erster Minister nicht wagen, direkt zur Königin vorzudringen. Auch er musste warten, bis er „entdeckt“ wurde.

Luna war es, die zuerst auf ihn aufmerksam wurde.

„Sie lassen dir keine Zeit!“, sagte sie in einer Stimmlage, der die Enttäuschung deutlich anzuhören war. „Dein Erster Minister will etwas von dir.“

„Bis Mittag wollte ich nicht gestört werden“, sagte Lia störrisch.

„Es muss etwas Wichtiges sein. Vielleicht solltest du es dir trotzdem anhören“, sagte Lea und winkte ihrerseits dem Minister zum Zeichen, dass sie auf ihn aufmerksam geworden waren.

„Na gut, hören wir uns an, was er zu sagen hat“, fügte sich Lia.

Lia ließ in gespielter Verzweiflung ihre Arme hängen und streckte dann ihren Körper. Sie war eine imposante Erscheinung, so wie sie jetzt dastand. An Größe überragte sie die meisten Männer, und auch ihr schlanker, durchtrainierter Körper konnte es an Kraft und Geschick im Zweikampf mit zahlreichen ihrer Krieger aufnehmen. Ihr tiefschwarzes Haar, das ihr bis zur Schulter frei fiel und erst dann zu einem Zopf zusammengefasst war, ließ sie wie eine ungezähmte Wilde erscheinen.

Stolz erhoben näherte sie sich ihrem Ersten Minister.

„Es gibt sicherlich einen Grund, weshalb du mich störst.“

„Den gibt es in der Tat, Königin. Bereits heute früh wollte ich darauf zu sprechen kommen.“

„Aber du hast es nicht getan.“

„Heute früh habe ich die Möglichkeit ins Auge gefasst, doch jetzt ist meine Befürchtung zur Wahrheit geworden.“

„Drück dich deutlicher aus.“

„König Hartwig von Herbstland wirft begehrliche Blicke auf Gorian. Zu diesem Zweck hat er dich vor zwei Alternativen gestellt. Entweder du willigst in eine Hochzeit mit ihm ein oder du lässt es auf den traditionellen Zweikampf, in deinem Fall natürlich den Paladin-Kampf ankommen.“

Die Antwort von Königin Lia bestand aus einem durchdringenden Schrei.

„Nicht einmal einen Tag lassen sie mir Zeit!“, rief sie verzweifelt.

„Das war zu erwarten“, sagte Mordekai ruhig. „Hartwig war nur der Erste. Nach ihm kamen auch Gesandte aus Romien, Westerland und den wilden Gebieten.“

Ergeben seufzte Lia. „Hartwig will ich schon gar nicht. Er ist weder jung noch hübsch. Sag ihm ab – und den anderen vorsichtshalber auch gleich.“

„Mit Verlaub, Königin, die Ansuchen sind persönlich gestellt worden. Hartwig von Herbstland hat sich selbst hierher bemüht, um die Dringlichkeit seiner Anfrage zu unterstreichen, also kann ich ihm nicht einfach eine Absage erteilen. Du wirst mit ihm persönlich reden müssen.“

Königin Lia legte ihre Stirn in Falten, als überlege sie noch, schließlich sagte sie: „Schreibt das Protokoll noch etwas Weiteres vor? Muss ich ihn bewirten? Oder muss ich gar höflich sein?“

„Die königliche Etikette verlangt die Höflichkeit, ansonsten schreibt das Protokoll in dieser Situation nichts vor. Es ist nicht einmal notwendig, ihm einen Sitzplatz anzubieten.“

„Gut. Wie lange darf ich ihn warten lassen? So, wie ich bin, kann ich ihn ja schwerlich empfangen.“

„Er wartet bereits seit mehreren Stunden. Beeile dich!“

„Ich darf meine Freundinnen mitnehmen?“

„Es steht dir frei. Wenn du Unterstützung benötigst, jederzeit.“

Lia winkte ihren Freundinnen. „Wir beeilen uns“, sagte sie. „Kündige unser Erscheinen in einer halben Stunde an.“

Mordekai verbeugte sich, dann blickte er den davoneilenden jungen Frauen kopfschüttelnd nach, ehe sich seine Gedanken verdüsterten und er sich auf den Weg machte, Hartwig für eine weitere halbe Stunde zu vertrösten.

Wann wird Lia endlich erwachsen, fragte er sich. Bislang machte sie auf ihn den Eindruck, als empfinde sie die Königswürde als ein weiteres Spiel, das sie jederzeit wieder von vorne beginnen konnte.

Ihre beiden Freundinnen waren so etwas wie ein Spiegel der Königin, was das Äußere betraf. Eigentlich unterschieden sie sich hauptsächlich durch die Farbe ihrer Haare und selbstverständlich durch ihren Kleidersstil, denn da besaß Lia als Königin einige Vorrechte, aber was ihre Ansichten betraf, da hatten sich drei Gleiche gefunden.

Die Welt der Tausend Reiche, in der Königin Lia das kleine Königreich Gorian regierte, kannte zwar blutige Kriege, vermied sie aber nach Möglichkeit, vor allem die sinnlosen Schlachten, in denen hunderte bewaffneter Krieger auf beiden Seiten gegeneinander antreten mussten, um der Meinung eines anderen, der meistens gar nicht mitkämpfte, zum Durchbruch zu verhelfen. Dies traf zumindest für jenen Teil der Welt zu, dem auch das Reich Gorian angehörte.

Die Krieger dieses Kontinents hielten sich bei solchen Zwistigkeiten vernünftigerweise an das Verursacherprinzip. Wer etwas erstrebte, sollte auch persönlich dafür einstehen. Das galt, wenn es zu einem Kampf kam, für Männer. Es schickte sich nicht als Mann, eine Frau zum Zweikampf herauszufordern – zumindest nicht zu einem persönlichen Zweikampf. Für diesen Fall sah ihre Ordnung die Möglichkeit vor, dass sich jede Frau einen Paladin erwählen konnte.

Für die Wahl eines Paladins besaß jede Frau zwei Wochen Zeit.

Zwei Wochen Zeitgewinn, frohlockte Lia.

Als sie ihre Räume erreichten, klingelte Lia augenblicklich nach der Zofe.

„Wir brauchen dreimal unser Kampfgewand. Und zwar schnell!“, befahl sie.

Die Zofe eilte zu diesem Zweck lediglich in das Nachbarzimmer und kehrte gleich darauf mit dem Gewünschten zurück. Da die drei Freundinnen des Öfteren ihre Freizeit mit spielerischen Kampfübungen verbrachten, lagen ihre Kampfgewänder stets griffbereit. Ihre Zweikämpfe ähnelten allerdings mehr einem Ballett mit einstudierter Choreografie als einem tatsächlichen Kampf. Ihre Übungen waren bei einem tatsächlichen Kampf vermutlich eher hinderlich als wirkungsvoll.

Lia und ihre Freundinnen legten ihr Gewand ab und schlüpften jede in das enganliegende Oberteil, das den Oberkörper wie einen knapp geschnittenen Badeanzug verhüllte. Anstelle des Freizeitrockes bekamen sie nun den Waffenrock, der mit dicken Lederstreifen bestückt war, aber kurz genug, sodass er sie bei der Bewegung nicht hinderte. Und auch dieser Rock wurde von einem breiten Gürtel ergänzt, der mehrere Scheiden für Schwert und Messer aufwies. Und auch das Schuhwerk fiel massiver aus als die leichten Stiefel, die sie bislang getragen hatten. Die Kampfstiefel reichten bis zum Knie und darüber ragte ein Steg aus gehärtetem Leder, der das Kniegelenk und einen Teil des Oberschenkels schützte.

„So“, sagte Lia, als sie sich anschließend im Spiegel bewunderte, „wenn wir uns jetzt noch unsere Waffen besorgen, glaubt Hartwig hoffentlich, dass ich meine, was ich sage.“

„Er kann doch einer Königin nicht widersprechen“, sagte Luna und wollte weiterreden, doch Lea ließ ihre Freundin nicht zu Worte kommen.

„Auch Hartwig ist ein König, Schätzchen“, scherzte sie. „Außerdem glaube ich, dass Lia ihn besser kennt als du.“

„In der Tat kenne ich Hartwig. Er ist ein fetter alter Mann, der einen ständig mit den Augen verfolgt. Wenn ihr ihm gegenübersteht, sagt am besten nichts, und lasst eure Brust am besten bei euch – es sei denn, er will mich partout umstimmen. Dann könnt ihr euer Obergewand ruhig ein wenig lockern und mit euren Reizen etwas prahlen. Das verwirrt ihn so, dass er kaum noch denken kann. Ihr werdet sehen, wie er dann plötzlich mit Schauen beschäftigt ist.“

Die Beschreibung von Hartwig spiegelte Lias ganz persönliche Meinung wider. Dass diese von vorn bis hinten wenig bis gar nichts mit den Tatsachen zu tun hatte, sollten die Freundinnen gleich feststellen, änderte jedoch absolut nichts an der Meinung von Lia über ihren Herausforderer.

„Wieso haben wir uns dann in dieses strenge Gewand gekleidet?“, wunderte sich die rothaarige Luna.

„Er soll merken, wie ernst mir die Angelegenheit ist.“

Luna lockerte jetzt in der Tat etwas ihr Obergewand. Sie gab von ihren Reizen noch nicht allzu viel preis, aber es genügte, damit man eine Ahnung davon bekam, was sie verbarg.

„Du hältst dich zurück“, bat Lia ihre Freundin, dann marschierten sie los. „Wenn er König wird, kannst du dich um ihn bemühen, im anderen Fall ist er sowieso uninteressant, auch für dich.“

Den Weg über die Waffenkammer ersparten sie sich.

Hartwig, den Lia als fett und alt bezeichnet hatte, erwies sich als ein Mann in seinen besten Jahren und recht stattlich. Er war zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahre alt und etwas füllig, aber von Fett war eigentlich weit und breit nichts zu sehen. Das, was Lia als Fett bezeichnete, waren Muskeln, die Hartwig eine fast übermenschliche Stärke verliehen.

Er brauchte kaum einen Gegner zu fürchten.

„Ich begrüße die Damen“, empfing er sie, als sie den Raum betraten, in dem zu warten ihn Mordekai angewiesen hatte. „Wie ich sehe, hast du dir Unterstützung mitgebracht“, sagte Hartwig und musterte die beiden Freundinnen der Königin. Wie nicht anders zu erwarten, haftete sein Blick auf Luna mit ihrem gelockerten miederähnlichen Oberteil etwas länger.

„Da du nicht einmal einen Tag abgewartet hast und mich gleich stören musst, habe ich es nicht über das Herz gebracht, sie gleich wegzuschicken. Immerhin habe ich ein Jahr und einen Tag auf alle freundschaftlichen Besuche verzichten müssen.“

„Es tut mir natürlich leid, dich gleich heute zu stören, aber wie ich bereits festgestellt habe, hätte ich mir nicht mehr Zeit lassen dürfen. Gleich hinter mir kamen noch drei mit dem gleichen Anliegen. So bin ich der Erste.“

„Machen wir es kurz, Hartwig!“

„Mir soll es recht sein, aber lass mich meinen Antrag der Vollständigkeit halber gänzlich vorbringen. Du hast dir ja Zeuginnen mitgebracht, recht hübsche übrigens – wie ihre Königin, wenn ich mir das zu bemerken erlauben darf –, die wollen schließlich etwas geboten bekommen.“

„Los, Hartwig, sonst muss ich doch noch in die Waffenkammer.“

„Ach ja, stimmt. Ihr seid in Rüstung. Bin ich so gefährlich?“

„Sag dein Sprüchlein auf! Der Sandkiste sind wir beide entwachsen!“

„Du bist ganz schön schnippisch geworden. Na gut.

Lia, dein Königreich grenzt an meines und es wäre an der Zeit, beide Reiche zu vereinen. Zu diesem Zweck biete ich mich dir als Bräutigam an. Mit einem Wort, durch unsere Hochzeit werden beide Länder vereint.“

„Und weil es einfacher ist, übernimmst du natürlich in beiden Ländern die Regentschaft.“

„Das ist die logische Folge.“

„Nein, Hartwig. Ich lehne dein Angebot ab.“

„Wieso denn? Wir können einen reinen Formalakt daraus machen.“

„Und ich bin mein Königreich los! Aus der Hochzeit wird nichts. Außerdem, schau dich an – du bist alt und fett, wer will dich schon haben?“

„Keine Beleidigungen bitte. Du willst mich nur provozieren. Für die Freuden des Bettes kannst du mir auch eine deiner Freundinnen leihen.“ Er zwinkerte Luna bei diesen Worten zu.

Luna wusste, was man von ihr verlangte, obwohl sie ihm am liebsten zurückgezwinkert hätte. Sie tat einen entrüsteten Seufzer. Zudem lag ihr schon eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, es sollte ja echt wirken, aber Lea konnte sie noch rechtzeitig zurückhalten. „Still“, flüsterte sie ihr zu. „Hier sind wir nur Zuhörerinnen!“

„Nein“, sagte Lia. „Nein!“, bekräftigte sie nochmals. „Es gibt keine Hochzeit und damit auch keine Vereinigung unserer Länder.“

„Dann“, meinte Hartwig extrem langsam und deutlich sprechend, „muss ich die Sache anders angehen. Lia, du bist unfähig, dein Reich zu regieren. Du bist nur eine verzogene Prinzessin, der jeglicher Ernst des Lebens abgeht. Wer weiß, wer dein Land erobert, wenn ich es nicht mache. Dann kann ich mir meine Nachbarn nicht mehr aussuchen. Aber noch kann ich es. Ich fordere dich zum Zweikampf heraus, Königin Lia. Von heute an hast du zwei Wochen Zeit, dir einen Paladin auszusuchen, der an deiner Stelle in einem ehrlichen Kräftemessen gegen mich antritt. Der Sieger übernimmt die Herrschaft über beide Reiche. Ich habe Mordekai die entsprechenden Unterlagen bereits übermittelt, denn mir war klar, dass du niemals in eine Hochzeit einwilligst.“

„Du bist ein Schuft, Hartwig. Ich hasse dich!“

„Das war mir schon in der Sandkiste klar, als du mich ständig mit nassen Sandbällen beschossen hast. Aber aus diesem Alter sind wir beide heraus. Du hast es gesagt. Meine Damen, ich darf mich empfehlen.“

Er verbeugte sich leicht, wirklich nur leicht, es war höchstens eine angedeutete Bewegung, der Etikette unter Königen mochte sie vielleicht genügen, aber nicht der Ehrbezeugung einer Dame gegenüber.

 

*

 

„Ich hoffe, du weißt, was du tust“, sagte Mordekai und blickte Lia prüfend an.

„Ich ergreife jede Chance“, sagte Lia.

„Jede Chance wozu? Wofür? Hast du dir schon überlegt, wie du deine Regentschaft anlegst?“

„Ich regiere mein Volk. Was gibt es da zu überlegen?“

„Zum Beispiel die aggressiven Nachbarn. Hartwig ist nicht der Einzige, der seine Macht vergrößern möchte. Gesetzt den Fall, du besiegst Hartwig, dann steht am nächsten Tag der nächste Herausforderer vor deiner Tür. Du bist jung, nicht unattraktiv – und Königin, die einen Beschützer benötigt. Das ist eine tödliche Kombination. Die ruft fast jeden Haudegen auf den Plan.“

„Dann müssen wir denen für alle Zeiten klarmachen, dass ich kein Püppchen bin, das man einfach so zum Spielen nimmt.“

„Da gibt es nur ein kleines Problem“, wagte Mordekai einzuwerfen. Da wusste er noch nicht, dass er exakt diesen Satz noch mehrmals verwenden sollte, um Königin Lia auf den Ernst des Lebens vorzubereiten.

„Probleme begegnen uns überall“, tat Lia seinen Einwand ab. „Ich dachte, ich spreche ein Machtwort und die Sache ist erledigt.“

„So einfach ist reagieren leider nicht. Dein Vater hat dich leider etwas verzogen. Zu lange hatte er noch auf einen männlichen Erben gehofft, und als er endlich einsah, dass du seine Nachfolgerin werden musst, begann er mit deiner Erziehung, aber da warst du schon auf dem Weg zum Erwachsenwerden – und prägen konnte er dich in diesem Alter nicht mehr.“

„Für knifflige Entscheidungen und das Protokoll habe ich dich. Welches Problem steht an?“

„Hartwig von Herbstland“, sagte Mordekai nur.

Im ersten Augenblick schaute Lia ihren Minister nur verblüfft an, ehe sie meinte. „Er hat mich herausgefordert. Wo liegt das Problem?“

„Wer soll gegen ihn kämpfen?“, erwiderte Mordekai nur.

„Wir haben doch genügend Kämpfer in unserer Armee.“

„Wir haben Soldaten, aber keine Kämpfer“, schwächte Mordekai ab.

„Der Fettkloß von Herbstland kann doch kein Hindernis für einen Kämpfer sein!“, rief Lia schon fast außer sich, weil sie das Problem einfach nicht wahrhaben wollte.

„Lia, Lia“, sagte Mordekai verzweifelt, „wann wirst du endlich vernünftig und der Wahrheit zugänglich? Hartwig ist nur zwei Jahre älter als du und alles andere als ein Fettkloß, wie du ihn bezeichnest. Mit seinen fünfundzwanzig Jahren ist er auf dem Höhepunkt seiner Kraft, und das, was du als Fett bezeichnest, sind pure Muskeln. Sowie du den Namen des Gegners preisgibst – und das wirst du müssen – wird sich kein Kämpfer mehr für dich zur Verfügung stellen“

„Er sieht doch so verweichlicht aus.“

„Er sieht doch so verweichlicht aus“, wiederholte Mordekai höhnisch. „Wach endlich aus deinem Prinzessinnentraum auf und stelle dich der Realität. Hartwig ist ein bärenstarker Krieger und dazu noch mit Intelligenz ausgestattet. Manchmal wünschte ich mir, du hättest sein Angebot gleich angenommen.“

„Ihn zu heiraten? Da graust es mich.“

„Zwischen Heirat und Ehe gibt es verschiedene Abstufungen. Du musst nicht einmal mit ihm zusammen leben, wenn du ihn nicht magst.“

„Aber mein Königreich ist dahin!“, sagte Lia streng.

„Wenn er deinen Paladin besiegt, bist du nicht nur dein Königreich, sondern auch deine Stellung los“, entgegnete Mordekai.

„Im umgekehrten Fall aber auch.“

„Das stimmt.“

„Weshalb geht er dann dieses Risiko ein?“

„Er kennt dich – und er kennt sich. Was riskierte er also wirklich?“

„Mordekai, du solltest auf meiner Seite sein!“

„Das bin ich, Königin. Deshalb überlege ich, wie wir das dringendste Problem lösen können.“

„Und das wäre?“

„Wir müssen einen Paladin für dich finden.“

 

*

 

In dieser Nacht schlief Königin Lia äußerst unruhig. Ständig schwirrten ihr Namen im Gedächtnis herum, die sie als mögliche Paladine ins Auge fassen konnte, aber je länger sie über jeden Kandidaten nachdachte, umso sicherer war sie sich, dass all diese von ihr angedachten Helden nicht geeignet waren.

Langsam verzweifelte sie.

Wieso gab sich Hartwig nicht mit seinem Königreich zufrieden? Welchen Sinn hatte es denn, ständig wachsen zu müssen?

Ihre Ablehnung war ausgesprochen. Vierzehn Tage blieben ihr nun Zeit. Kein Grund also zum Verzweifeln, wenn sie in der ersten Nacht nach Beginn des Ultimatums noch kein Ergebnis parat hatte.

Sie mahnte, sich zu beruhigen, aber das gelang ihr nicht.

Ihre Bettstatt war riesig groß. Erst als Prinzessin und jetzt als Königin stand ihr das zu. Sie konnte sich dreimal in dieselbe Richtung herumwälzen, ohne an den Rand des Bettes zu stoßen beziehungsweise ihre Füße aus der heimeligen Wärme der Decke zu stoßen. Das hätte sie vielleicht für Sekunden auf andere Gedanken gebracht, wenn sie die kuschelige Geborgenheit vermisste, aber so drehte sie sich lediglich weiter schlaflos im Bett herum.

Draußen war es noch dunkel. Da verbot es sich von selber, dass sie frühzeitig das Bett verließ und ihr Tageswerk in Angriff nahm.

Immer wieder blickte sie aus dem Fenster hinaus, aber am Horizont zeichnete sich einfach kein Schimmer des kommenden Tageslichtes ab.

So war sie richtig froh, als sich die Tür zu ihrem Schlafgemach leise und ganz vorsichtig öffnete.

Trotz ihrer Freude stieß Lia einen leisen Ruf des Schreckens aus.

„Bitte nicht schreien!“, vernahm sie eine vertraute Stimme.

Zweimal atmete Lia tief durch, und ihr Gegenüber vermutlich auch.

„Darf ich hereinkommen?“, hörte sie dann die Stimme. Sie kam ihr bekannt vor. Eine ihrer Freundinnen. Aber welche? Solange sie flüsterte, konnte sie die Stimme nicht eindeutig zuordnen. Und solange es im Zimmer dunkel blieb, war sie weiterhin auf Vermutungen angewiesen.

„Ja“, hörte sich Lia vorschnell sagen, ehe sie selbst bewusst die Zustimmung geben konnte.

„Dem Himmel sei Dank, dass du bereits wach bist“, sagte die Stimme, und die Freundin kam nun endgültig in das Zimmer, trat an das Bett der Königin.

„Ich konnte nicht schlafen“, erklärte Lia.

„Mir erging es ähnlich“, sagte das Mädchen und jetzt erkannte Lia ihre Stimme. Es war Luna.

„Was führt dich mitten in der Nacht zu mir?“

„Mir ist gerade ein fantastischer Gedanke gekommen“, sagte Luna.

„Der konnte nicht bis zum Tagesanbruch warten?“

„Das ist es ja eben, es heißt: jetzt oder nie. Es gibt manche Gedanken, die verliert man mit der Zeit, wenn man sie nicht gleich ausführt.“

„Du meinst …?“

„Genau das meine ich. Jemand hat mir die Lösung zugeflüstert. Du weißt, dass in meiner Familie das Hexenwesen weitverbreitet ist. Ich bin absolut untalentiert, aber anscheinend empfänglich für Botschaften.“

„Du meinst, eine Hexe hat dir einen Ausweg angeboten, wie mein Problem gelöst werden kann?“

„Ja, das glaube ich, deshalb bin ich gleich gekommen. Noch weiß ich sogar, wo die Hexe zu finden ist …“

„Noch?“

„Sie wandert ständig umher. Wenn man sie sucht, ist es manchmal schwer, sie zu finden.“

„Schreib es auf!“, rief Lia und deutete auf den Schreibtisch.

„Ich kann nicht schreiben“, bekannte Luna. „Diese Kunst erschien mir nie so wichtig, und auch mein Vater hat anscheinend nicht viel davon gehalten, sonst hätte er sie mich sicherlich gelehrt.“

„Wenn er sie selber beherrscht hätte“, vermutete Lia, und nun klang ihre Stimme leicht verärgert.

„Irgendwie musst du dein Wissen zu Papier bringen!“, bestimmte Lia, „aber je weniger Leute davon wissen, umso besser ist es – welche Lösung schlägt die Hexe eigentlich vor?“

„Das weiß ich nicht, das erfahre ich doch erst dann, wenn ich bei ihr bin.“

„Wenn wir bei ihr sind“, verbesserte Lia.

„Lea kann schreiben“, sagte Luna, als sei ihr diese Erkenntnis ganz plötzlich gekommen.

„Dann hol’ sie, schnell! Du weißt, wo sie schläft?“

Luna nickte.

„Halte ihr den Mund zu, wenn es sein muss!“, sagte Lia streng. Sie kannte ihr Freundin und ihre Angewohnheit, ihre Stimmbänder im Dauergebrauch zu üben. Manchmal war es richtig schwer, sie für wenige Sekunden zum Schweigen zu überreden. „Sie braucht sich weder hübsch zu machen noch sonst wie anzuziehen. Wenn sie nackt ist, schleife sie her, wie sie ist. Sie muss nur möglichst schnell kommen!“

Luna verstand und war im Nu verschwunden.

Zu ihrer Freude trug Lea ein zwar luftiges Nachtgewand, aber immerhin.

Es dauerte dennoch fast zwei Minuten, bis sie ihre Freundin soweit munter bekommen hatte, damit sie ihr folgte.

Leise schlichen die beiden Freundinnen zu den Gemächern der Königin.

Lia verpflichtete Lea vorerst zum Schweigen allen Außenstehenden gegenüber über das, was demnächst an ihre Ohren dringen sollte.

„Die Zeit der Spiele ist vorbei“, endete sie ihre Predigt, die sie an beide Freundinnen gerichtet hatte. „Jetzt müssen wir erwachsen werden. Ihr seid meine Freundinnen – und wenn ihr weiter zu mir haltet, kann ich euch richtig reich machen, aber nur dann, wenn ich einen Paladin finde.“

„Deswegen …“

„Halt, Luna, Lea hat noch nicht eingewilligt. Verrate nicht zu früh unser Vorhaben.“

„Was soll ich gegen dein Glück haben?“, fragte Lea ziemlich naiv, hauptsächlich aber nur deshalb, weil sie dachte, das hörte sich gebildet und klug an.

„Genau das meine ich, Lea. Hast du mich verstanden, worum es geht?“

Fragend blickte sie ihre Freundin an, die ihr nun etwas unsicher entgegensah.

„Ich bin doch nicht blöd!“, antwortete Lea.

„Okay, dann glaubst du, dass du alles für dich behalten kannst? Das, was wir hier besprechen, interessiert weder deinen Bruder noch dessen Freunde. Du schweigst?“

„Ich schwöre es.“

„Bei Gott, ich hoffe es, denn sonst drehe ich dich durch den Fleischwolf.“

„Worum geht es eigentlich?“, fragte Lea.

Luna stieß nur einen Seufzer aus und ließ ihre Arme plötzlich wie kraftlos an ihren Seiten herabhängen.

Danach gingen die beiden Freundinnen zum Schreibtisch und Lea schrieb alles peinlich genau auf, was Luna ihr diktierte.

 

*

 

Mordekai hatten sie natürlich in ihre Planung einweihen müssen, zumindest Lia hatte darauf bestanden, denn sie wollte sich gar nicht vorstellen, welches Chaos sie verursachen würde, wenn sie still, leise und heimlich einfach für ein paar Tage verschwand – wobei Mordekai keine Ahnung hatte, dass sie nur wenige Tage ausgehen wollte. Nein, da war es besser, ihn immerhin soweit zu informieren, damit er keine ungewollten Aktionen startete.

Lia versprach ihm ihre rechtzeitige Rückkehr.

Es gehörte zu Mordekais Angewohnheiten, alles bis in das letzte Detail zu planen, und jene Dinge, die nicht planbar waren, in Wahrscheinlichkeiten aufzusplitten. Doch damit hatte er diesmal kein Glück. Zum einen gab Lia ihm diesmal gar nicht die Möglichkeit, einen nach allen Seiten abgesicherten Plan auszutüfteln, zum anderen wollte sie – nach außen hin – unbeschwert eine Vergnügungsreise antreten.

Nach außen hin boten die drei Freundinnen das gewohnte Bild, das sich jeder Bürger von Gorian von ihnen bereits eingeprägt hatte: verwöhnte, leichtlebige, vergnügungssüchtige, verspielte, sensationslüsterne und … und … und … Mädels.

Diesmal spielte Lia dieses Image absichtlich.

Jedem Bürger in Gorian war natürlich zu Ohren gekommen, dass Hartwig das Land bereits als sein Eigentum betrachtete. Die einfachen Leute erschütterte dies natürlich in keiner Weise, denn für sie würde sich absolut nichts ändern, wenn er Lia von Thron stieß. Dazu war die Gesellschaft zu statisch. Ob die Steuern an Lia oder Hartwig gingen – die Summe würde vermutlich die Gleiche bleiben.

Die Oberschicht der Gesellschaft hatte da schon eine andere Meinung. Sie glaubte mit Lia gut verhandeln zu können, denn bei allem, was es an ihr auszusetzen gab, sie besaß ein übergroßes Herz und wollte es jedem recht machen.

Luna übernahm wie selbstverständlich die Führung, als sie die Stadtmauern hinter sich gelassen hatten. Jede der drei Frauen ritt auf einem weißen Pferd und führte ein Packpferd hinter sich her, das all ihre persönlichen Gegenstände mit sich führte, die eine Dame unbedingt benötigte, wenn sie sich in Gesellschaft auf Reisen begab.

 

*

 

Die Hexe hieß Elfie.

Lia erinnerte dieser Name natürlich an die Elfen und unwillkürlich erwartete sie, auf eine Elfe zu treffen. Doch dem war nicht so.

Schon etwas müde von dem langen Ritt erreichten sie und ihre Freundinnen in der Abenddämmerung das einsam stehende Gehöft, in dem die Hexe wohnen sollte, wenn man den Angaben von Luna trauen durfte.

Vorerst wies jedoch nichts darauf hin, dass hier überhaupt jemand lebte. Der Wind strich um die Wände des Hauses sowie der Wirtschaftsgebäude und trieb Staubfontänen vor sich her, die alle Spuren auf dem Boden verwischten.

Das Gehöft wirkte einsam und der überall herumliegende Unrat wies auch nicht gerade darauf hin, dass jemand in den Mauern des irgendwie verlottert aussehendes Gebäudes leben konnte. Trotzdem beharrte Luna darauf, dass Elfie sie exakt hierher gelotst hatte.

„Sie lebt hier, bestimmt!“, sagte Luna.

„Inmitten von all diesem Müll?“, wunderte sich Lea. „Wenn sie schon über solche Fähigkeiten verfügt, dann hätte sie sich doch ein feineres Etablissement wählen können.“

„Das stört sie vielleicht nicht“, meinte Luna. „Oder ist das alles Tarnung?“, vermutete sie.

„Ist sie nun hier oder nicht?“, verlangte Lia energisch zu wissen. „Wir sind nicht einen ganzen Tag geritten, um uns über unseren Geschmack zu unterhalten. Es ist eklig hier! Aber das schaut nicht natürlich aus. Selbst die Ärmsten meiner Untertanen räumen ihren Müll beiseite.“

„Das ist reines Wunschdenken“, sagte unverhofft eine helle Stimme, dann stand plötzlich, keiner wusste wie oder woher sie gekommen war, die Hexe mitten unter ihnen.

„Es freut mich, dass ihr euch Gedanken darüber macht, wie es hier aussieht. Das lässt mich hoffen, dass ihr es eines Tages vielleicht doch ernst meint, die soziale Lage meiner Freunde zumindest zu erkennen.“

„Ich bin Königin Lia“, stellte sich Lia vor.

„Ich weiß, wer du bist, und ich weiß auch, was du willst.“

„Dann lass uns nicht lange darüber debattieren. Kannst du mir helfen?“

„Natürlich kann ich das, aber alles hat seinen Preis. Du hast dich ja bereits in der Welt umgesehen und festgestellt, dass sie ziemlich verlottert aussieht.“

„Sprich nicht in Rätseln, Hexe. Ich habe deinen Hof gesehen.“

„Das ist kein Rätsel, Königin, dieser Hof ist das Abbild unserer Welt.“

Die blonde Frau nickte nachdenklich. Sie zählte etwa sechzig Jahre, besaß aber noch einen durchtrainierten Körper, dem man das Alter nicht ansah, nur um die Hüften hatte sich etwas Speck angesammelt, der ihrem Erscheinungsbild aber keinen Abbruch tat. Groß war sie wie ein starker Krieger ihrer Armee. Ihr Gesicht war nicht ganz ebenmäßig, aber dieses Ungleichgewicht erhöhte sogar die Attraktivität, die sie ausstrahlte. Zwei ihrer Zähne standen ein wenig vor, und das verlieh ihrem Mund ein wenig den Anschein einer vorspringenden Schnauze, die umso deutlicher wurde, je heftiger sie ihre Stimme erhob.

„Du brauchst Hilfe, Königin, und ich bin eine der Wenigen, die dir helfen kann, wenn du nicht sang- und klanglos untergehen möchtest.“

„Deswegen bin ich hier.“

„Dann bist du also Bittsteller und kein Befehlsgeber?“

„Was soll das heißen, Hexe?“

„Nenne mich nicht Hexe. Wenn du mich schon anreden musst, dann nenne mich Elfie!“

„Ich bin auch deine Königin!“, versuchte es Lia erneut.

„Ich bin aber nicht deine Hexe“, sagte Elfie in sanftem Ton und blickte Lia erwartungsvoll an.

„Du verweigerst dich meinem Befehl?“, forschte Lia weiter.

„Nein, ich verweigere ihn nicht. Ich nehme ihn einfach nicht zur Kenntnis. Du bist ein junges, dummes Ding, das erst einmal erwachsen werden muss. Nur weil du Königin bist, muss dir der Rest der Welt nicht zu Füßen liegen. Also werde vernünftig. Ich weiß, weshalb du hier bist. Du weißt, weshalb du hier bist. Weshalb sollten wir noch länger um den heißen Brei herumreden? Lass uns endlich Klartext reden!“

„So sei es. Du weißt, weshalb ich hier bin?“

„Das haben wir bereits festgestellt. Du suchst einen unbesiegbaren Kämpfer.“

„Ja, einen Paladin, der für mich kämpft. Kannst du mir helfen?“

„Das kann ich, doch da gibt es noch einige Fragen zu klären.“

„Welche?“, brauste Lia auf, die am liebsten die Verhandlung bereits an dieser Stelle beendet hätte. Das Ja der Hexe hätte ihr bereits genügt.

„Jede Leistung hat ihren Preis.“

„Nenne mir die Summe, und die Sache ist erledigt.“

„An Geld hatte ich eigentlich nicht gedacht“, begann Elfie vorsichtig. „Welchen Ruf haben wir bei deinem Volk?“

„Ich verstehe dein Anliegen nicht“, gab Lia ehrlich zu.

„Dann kläre ich dich auf. Deine Leute dürfen uns verprügeln, wenn ihnen der Sinn danach steht, unsere Novizinnen werden regelmäßig vergewaltigt, und unsere Häuser werden verbrannt, wenn ein Unglück über die Leute hereinbricht. Auch wenn es absolut nichts mit uns zu tun hat. Wir verlangen Rechtssicherheit.“

Lia ging es in diesen Sekunden lediglich um ihr ureigenes Problem. Jede Verzögerung war ihr zuwider.

„Ich werde meinen Minister anweisen, in deinem Sinn zu handeln“, sagte sie.

„Das ist gewiss?“, erkundigte sich Elfie.

„Ich habe zwei Zeugen an meiner Seite“, bestätigte Lia.

„Dann lasst uns in meine Hütte gehen!“, sagte Elfie, und zum ersten Mal glänzten ihre Augen.

 

*

 

„Ein Paladin, der unbesiegbar ist.“

„Genau das stelle ich mir vor“, sagte Lia.

Elfie hatte ihre Utensilien auf einem runden Tisch ausgebreitet. Zumeist handelte es sich um knochenhafte körperliche Artefakte, aber daneben gesellten sich zusätzlich auch Glasperlen und spielzeugähnliche Kunststoffgegenstände.

Elfie wirbelte sie alle mit der Hand durcheinander.

Mit diesen Gegenständen ließ sie ihren Geist in die Weiten des Seins schweifen.

Es war völlig egal, um welche Art von Gegenständen es sich handelte. Es kam nur darauf an, dass sie zahlreich und möglichst unterschiedlich waren.

Plötzlich blickte sie auf und sah Lia an.

„Welchen Preis bist du bereit zu zahlen?“

„In Geld?“

„Hör auf in Geld zu denken, du Dummerchen!“

„Ich bin kein Dummerchen!“

„Dann bist du eben keines, aber das ändert nichts an meiner Frage.“

„Wenn er gerechtfertigt ist …“ Lia blickte Elfie plötzlich zweifelnd an. „Wir hatten uns doch bereits geeinigt …“

„Es geht nicht um meinen Preis. Den haben wir in der Tat bereits beredet. Ich weiß nicht, welchen Preis dein Paladin von dir für seine Hilfe fordert.“

„Das wird er mir sagen können, wenn er vor mir steht!“

„Ich habe einen unbesiegbaren Paladin entdeckt …“

„Dann verpflichte ihn!“

„Ich kann ihn nicht verpflichten. Ich kann ihn lediglich hierher holen. Alles andere musst du übernehmen.“

„Ist er wirklich unbesiegbar?“

„Wenn du dein Wort hältst, ja. Also, was bist du bereit, zu zahlen? Nimmst du ihn in dein Haus auf?“

„Ja, ich werde ihn bei mit beherbergen.“

„Nicht nur für heute und morgen, sondern solange er gewillt ist, dein Paladin zu sein?“

„Wenn es sein muss, ja!“

„Sag es nochmals, laut und deutlich.“

„Ja!“, schrie Lia.

„Bist du bereit, ihn zu achten und ihn so zu akzeptieren, wie er ist?“

„Ja, das bin ich.“

„Du schwörst es?“

„Ich beschwöre es.“

„Und deine beiden Freundinnen bezeugen es bei ihrer Ehre?“

„Wir bezeugen es“, antwortete Luna für beide, bevor Lea mit einer weiteren ihrer unsinnigen Fragen kam.

„Kommt mit mir vor das Haus!“, forderte Elfie und führte sie in den Hof. Dort ließ sie sich auf den staubigen Boden nieder und hieß die drei Frauen sich in einem weit gezogenen Kreis neben sie zu setzen. In ihrer Mitte blieb ein Kreis mit einem Durchmesser von etwa zwei Metern frei.

„Dann macht euch auf sein Erscheinen gefasst!“, sagte Elfie. Sie saß auf dem Boden, den Oberkörper gestreckt, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie schloss ihre Augen.

Dann vernahmen die drei Freundinnen nur mehr den regelmäßigen Atem der Hexe.

 

 

2

 

Das hartnäckig tönende Summen des Ortungsalarms störte Sharon Belinda maßlos in ihrer Muße, denn dieses impertinente Geräusch war natürlich so konzipiert, dass man danach trachtete, es möglichst schnell auszuschalten.

„Henry!“, rief sie deshalb laut und glaubte damit, das Problem aus der Welt geschafft zu haben.

Sie setzte sich wieder an ihren Schreibtisch in ihrer Kabine und widmete sich erneut ihrem Bericht über die Auffindung einer weiteren Welt, die sich womöglich für eine Kolonisierung eignen würde.

Wieder drang das Piepen an ihr Ohr.

Sie empfand es als richtig lästig. Dieser helle, durchdringende Ton drang fast schmerzhaft zu ihr durch.

„Henry!“, schrie sie nochmals, diesmal sogar lauter, obwohl sie natürlich wusste, dass Roboter auf die Lautstärke eines Befehls nicht reagierten.

Mit einem Ohr horchte Sharon auf die restlichen Geräusche, welche das Schiff erfüllten. Der Antrieb summte zufriedenstellend und richtig beruhigend gleichmäßig. An dieses Geräusch hatte sie sich längst gewöhnt und nahm es nur mehr wahr, wenn sie sich bewusst darauf konzentrierte, so wie jetzt. Der Klang der Klimaanlage war ihr ebenfalls vertraut.

Aber dieses verdammte Piepen störte sie.

Wo war Henry? Eigentlich sollte er sich im Kontrollraum aufhalten. Dort standen ihm alle für ihn interessanten Tätigkeiten offen. Auf die Toilette musste er ja nicht verschwinden, überlegte Sharon.

Warum also schaltete er den Ortungsalarm nicht ab?

„Soll ich nochmals rufen?“, überlegte sie laut.

„Verdammt, Henry. Wo treibst du dich herum? Schalte endlich den Ortungsalarm ab!“

Wieder horchte sie, doch – sie hatte es fast befürchtet – keine Antwort erklang.“

„Dieses Piepen macht mich noch wahnsinnig!“, sagte sie jetzt schon fast verärgert, stand von ihrem Sessel auf und verließ ihre kleine Kabine. Ungefähr zehn Schritte hatte sie zurückzulegen, bis sie die Zentrale des kleinen Schiffes erreichte.

Mit einem Blick übersah sie, dass Henry nicht auf seinem Posten war.

„Der kann etwas erleben“, murmelte sie, als sie sich bereits dem Orter näherte und als Allererstes den Alarm ausschaltete.

Dann erst warf sie einen genauen Blick auf das Gerät. Eine Reihe von Zahlen sprang ihr ins Auge, mit denen Henry wunderbar zurechtkam, die ihr aber wenig sagten. Sie schaltete auf grafische Darstellung um.

Aha.

Wenn sie Kurs und Geschwindigkeit beibehielt, passierten sie in etwa drei Stunden einen kosmischen Läufer, der in einer Entfernung von weniger als zehn Lichtminuten sie passieren würde.

„Kein Grund, nervös zu werden“, sagte sich Sharon, „in dieser Strecke haben mehrere Planeten Platz. Okay, in zwei Stunden überprüfe ich die Lage erneut.“

Der Orter war verstummt. Sharon nahm ein paar Einstellungen vor. Sollte sich die Lage grundlegend verändern, oder der Läufer gar seine Richtung ändern und sich damit verraten, dass er gar kein kosmischer Läufer war, ein Pirat etwa, würde der Orter augenblicklich erneut Alarm schlagen.

Da sie nun bereits im Kontrollraum war, überprüfte sie die restlichen Geräte ebenfalls.

Als sie alles in Ordnung fand, stellte sie sich in die Mitte des Kontrollraums und blickte sich erst einmal um.

„Henry“, sagte sie. Sie sagte es im üblichen Sprechton und nicht allzu laut.

Sie stand in der Mitte des Runds der Kontrollen. In ihrem Rücken befand sich jetzt der Tisch, der Ortung, Funk und Kartentank beherbergte. An der Wand dahinter befand sich ein Monitor, der in vergrößerter Ansicht das Bild der Einzelgeräte für jedermann in der Zentrale zeigen konnte, wenn es notwendig sein sollte. Rechts daneben befand sich das Steuerpult. Links konnte man die Triebwerke von der Zentrale aus überwachen. Gegenüber befand sich die Künstliche Intelligenz (KI) – zumindest das Schaltpult zu der KI –, die eigentlich all diese Funktionen nebst ihrer Überwachungsaufgabe mit übernehmen konnte. Ansonsten gab es nur noch die Tür, durch die sie gerade hereingekommen war, mit einem Wort; absolut keine Möglichkeit, sich zu verstecken.

Wo war Henry?

„Henry, wenn das ein Spiel sein soll, mit dem du meine Langeweile vertreiben willst, dann lass dir gesagt sein: DAS IST KEIN SPIEL!!!“

Keine Reaktion.

„KI, hat es in letzter Zeit einen Alarm gegeben, sodass Henry den Kontrollraum verlassen musste?“

Vielleicht hat er ein Leck entdeckt und ist zu Außenarbeiten aufgebrochen, überlegte sie zuerst hoffnungsvoll, schalt sich aber gleich darauf eine Närrin. In diesem Fall hätte er sie informiert, zumindest wäre er nicht einfach heimlich verschwunden.“

„Es ist kein Vorfall registriert“, antwortete die KI in ihrer nüchternen Sprache.

„Gab es sonst einen berichtenswerten Vorfall?“

„Meine Sensoren haben nichts aufgezeichnet.“

„Apropos Aufzeichnung, hast du die Zentrale überwacht?“

„Das gehört zu meinen Aufgaben.“

„Du weißt also über alles Bescheid, was in der Zentrale vorgefallen ist?“

„Ich habe die Daten meiner untergeordneten Einheiten lückenlos gespeichert.“

„Und wie sieht es mit einer Bildaufzeichnung aus?“

„Wie üblich jede Minute ein Kontrollbild zum Abgleich, das nur für kurze Zeit gespeichert wird.“

„Löschung anhalten!“, befahl Sharon.

Details

Seiten
130
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932218
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (September)
Schlagworte
welt reiche kämpfer königin

Autor

Zurück

Titel: Die Welt der 1000 Reiche #1: Ein Kämpfer für die Königin