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Austauschgeisel

2019 121 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Austauschgeisel

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Austauschgeisel

Roman von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Der Mafia-Mob versucht mit den Fahrzeugen der Trucker-Firmen Ryland und Gruver Waffen nach Nicaragua zu schmuggeln. Als Leslie und Vanessa Gruver entführt werden, um den Transport durchzusetzen, ist es ausgerechnet Nolan Curtis, Geschäftsführer bei Ryland Logistics, der sich als Austauschgeisel anbietet. Doch er ahnt nicht, auf was er sich eingelassen hat.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Jim Sherman und Bob Washburn – Die beiden setzen sich an die Spitze des Ryland-Konvois, der sich zum Kampf gegen die Söldnertruppe formiert. Jim und Bob wollen das Schlimmste verhindern, denn die RTC-Trucker kennen nur ein Ziel: Rache für ihre ermordeten Kollegen. Und ein wild gewordener Konvoi kann so verheerend sein wie ein Hurrikan.

Bruce Kenton – Der Boss der Söldner zeigt im „Duell der Giganten“ seine ganze Grausamkeit. Selbst Jims mächtiger Konvoi scheint dagegen machtlos.

Nolan Curtis – Ausgerechnet der gefürchtete „Hai“ setzt all seine Verschlagenheit ein, um seinen Erzfeind Jim im Kampf gegen Kenton zu unterstützen. Doch er geht in eine mörderische Falle.

Dori Vito Veronese – Der Big Boss, der Mann, der die Fäden zieht. Der Skrupellosigkeit und Tücke dieses Mafia-Paten ist sogar Sharkey Curtis nicht gewachsen.

 

 

1

Schiffsdiesel dröhnten. Scheinwerfer erhellten die abseits gelegene Pier. Der Küstenfrachter „Lubbock“ hatte seine Weitstrahler eingeschaltet. Deckaufbauten und Ladegeschirr standen in kalkigem Licht. Die Männer auf dem Hauptdeck und auf der Back erledigten ihre Handgriffe mit der gewohnten Ruhe. Dickes Tauwerk ruhte in behandschuhten Fäusten. Nur noch Sekunden, dann würde die „Lubbock“ festmachen.

Captain Bergman stand selbst am Ruder. Das Anlegemanöver behielt er sich vor, wie meistens. Er, der von sich ohne Übertreibung behauptete, mit dem Bug des Schiffes seinen Namen schreiben zu können, liebte es, seine Fähigkeiten immer wieder unter Beweis zu stellen.

Es klappte auch diesmal.

Nicht einmal der leiseste Ruck ging durch den 3.500-Tonnen-Frachter, als er mit der Steuerbordseite an die Pier scheuerte. Das Brüllen der Maschinen erstarb. Raue Männerstimmen erschollen. Taue wurden um die Poller geschlungen. Die Gangway schwenkte aus, senkte sich auf die Stahlplanken der Pier. Ruhe kehrte ein.

John Bergman wandte sich zu seinem Rudergänger um, der in den letzten zehn Minuten arbeitslos gewesen war. „Manchmal glaube ich, du denkst komische Sachen über mich, Dan. Hältst mich wohl für einen Angeber, einen Spinner oder so was?“

Dan Foyle, der Mann, der normalerweise für die Arbeit am Ruder zuständig war. schüttelte den Kopf. Er zündete sich eine Zigarette an. „Überhaupt nicht“, sagte er durch die erste Qualmwolke. „Wenn ich Captain wäre, würde ich auch manchmal ausprobieren …“ Er brach plötzlich ab. Sein Blick wanderte an Bergman vorbei, durch das leicht beschlagene Sicherheitsglas der Brücke nach Steuerbord.

Bergman glaubte im ersten Moment, der Rudergänger fühle sich nicht wohl. Deshalb ging er mit einem schnellen Schritt auf ihn zu, packte ihn an den Schultern. „Was ist mit dir? He, mach keine Geschichten – jetzt, so kurz vor dem Landgang!“

Foyle schüttelte den Kopf. „Sieh dir das an, um Himmels willen!“ Er streckte den linken Arm aus, deutete nach draußen.

Captain Bergman wirbelte herum.

Gestalten schnellten aus der Dunkelheit bei den Lagerschuppen hervor. Immer mehr. Die ersten stürmten die Gangway herauf. Zwei Dutzend mussten es sein. Mindestens. Waffenstahl schimmerte in ihren Fäusten. Die Sailors auf dem Hauptdeck standen wie erstarrt. Jeder von ihnen wusste mit den Fäusten umzugehen. Aber dies waren keine Schlägertypen, denen irgend etwas zu Kopf gestiegen war.

Dies waren eiskalte Gangster, die nach einem genauen Plan vorgingen.

„Verdammt!“, stieß Captain Bergman hervor. Er wirbelte herum. An seinen Revolver, den er in seiner Kabine aufbewahrte, dachte er nicht. Ebenso wenig wie seine Männer hatte er vor, sich gegen Maschinenpistolen und Automatics zur Wehr zu setzen. Bergman hastete zum rückwärtigen Schott der Brücke.

An Deck verteilten sich die Gangster im Handumdrehen. Jeder schien den Platz, für den er vorgesehen war, genau zu kennen.

Captain Bergman riss das Schott auf. Es gab nur eines: Er musste die Funkbude erreichen, musste einen Spruch im Hafen von Aransas Pass absetzen.

Er bog in den Gang nach rechts und prallte zurück.

Der Mann, der ihm den Weg versperrte, war groß und breitschultrig. Er hielt eine Thompson-MP im Hüftanschlag – eine schwere Maschinenpistole, wie man sie aus den alten Krimis kennt. In den 20er und 30er Jahren war Amerika schon mit Thompsons beharkt worden. Verdammt, nahm denn das nie ein Ende?

Bergman hörte sich selbst mit den Zähnen knirschen. Er blieb stehen und hob die Hände. Er tat es automatisch, ohne nachzudenken.

„Gut so“, sagte der Gangster. „Sie sind der Captain. Richtig?“

„John Bergman. Das Schiff steht unter meinem Kommando.“

„Ab sofort nicht mehr. Sie werden meine Befehle ausführen, Bergman. Die gesamte Crew ist in unserer Gewalt. Haben Sie verstanden?“

„Jawohl.“

„Fein, fein.“ Der Gangster grinste breit. Er hatte ein großflächiges Gesicht, die Augen standen weit auseinander. „Je besser Sie spuren, desto geringer ist das Risiko für Ihre Leute. Denken Sie von jetzt ab immer daran, dass wir Ihre gesamte Mannschaft gewissermaßen als Geiseln genommen haben. Wenn irgend etwas schiefläuft, muss der erste dran glauben. Klar?“

„Ja“, antwortete Bergman heiser. Das Schott stand noch offen. Aus den Augenwinkeln heraus sah er den Rudergänger, der fassungslos auf seinem ursprünglichen Platz stand. Foyle musste alles mitgekriegt haben.

„Allright.“ Der Gangster grinste wieder. „Ich denke, wir werden gut miteinander auskommen. Sie scheinen ein nüchtern denkender Mann zu sein, Bergman.“

„Was wollen Sie, um Himmels willen?“

„Ihr Schiff. Ist das so schwer zu erraten? Sie legen sofort wieder ab und ankern draußen auf Reede. Die Hafenbehörden sind informiert. Niemand wird etwas daran auszusetzen haben.“

John Bergman begriff. Die Hintermänner dieser Gangster konnten alles und jeden kaufen. Für sie gab es einfach keine Hindernisse. Was sie erreichen wollten, das erreichten sie. Meistens sogar ohne Gewalt. Der Captain der „Lubbock“ dachte an seinen Kollegen auf der „Laredo“.

Eine Verbrecherorganisation wollte die Gruver Shipping Company dazu zwingen, Waffen nach Nicaragua zu verschiffen. Für amerikanische Söldner. All das war inzwischen bekannt. Aber niemand konnte etwas dagegen tun. So sah es jedenfalls aus.

Die „Laredo“ befand sich irgendwo im Golf von Mexico – Granatwerfer, Schnellfeuergewehre und Panzerfäuste an Bord.

Und die „Lubbock“ sollte allem Anschein nach das nächste Schiff der Gruver-Reederei werden, das tödliche Fracht für Nicaragua übernahm.

„Ich befolge Ihre Anweisungen“, sagte John Bergman gepresst. „Ich bin an Schwierigkeiten nicht interessiert.“

„Ich auch nicht“, erwiderte der Gangster grinsend. „Machen wir uns also nicht gegenseitig das Leben zur Hölle.“

 

 

2

Hohe Luftfeuchtigkeit lastete auf Corpus Christi wie ein erstickend wirkendes Tuch. Die Lichter des Hafens funkelten und warfen lange Reflexe auf das Wasser, das still in den Becken stand. Weit entfernt waren nadelfeine Punkte von Positionslampen zu erkennen – Schiffe, die vom Golf hereinstrebten.

Gordon Wesley stellte seinen Buick Skylark auf dem Parkplatz hinter den Lagerschuppen ab, deren Vorderseite unmittelbar an die Kaistraße grenzte. Er stieg aus dem klimaanlagengekühlten Wagen, und die schwüle Wärme des Abends traf ihn wie ein Keulenhieb. Auf der Fähre würde es wieder einmal wie im Brutkasten sein. Missmutig nahm er seine Tasche mit den Sandwiches und der Thermosflasche aus dem Wagen. Der Ruderstand des verdammten Kahns ließ sich nur schlecht lüften, und ansonsten hatte man an Bord kaum Ausweichmöglichkeiten.

Wesley klemmte sich die Tasche unter den Arm und marschierte auf den schmalen Durchgang zwischen zwei Schuppen zu. Manchmal, so auch jetzt, kam er sich albern vor in seiner weißen Uniform. Darin sah er aus wie der Kapitän eines Kreuzfahrtschiffs; dabei unterstand seinem Kommando nichts weiter als eine lächerliche Küstenfähre.

Zwei Schatten schnellten aus dem Durchgang hervor. Gesichtslose Wesen auf den ersten Blick.

Wesley zuckte zusammen. Abwehrend riss er die Tasche hoch, da er nichts besseres hatte, um sich zu schützen. Es half ihm so oder so nichts.

Gekonnt und blitzschnell nahmen sie ihn in die Mitte. Er spürte den Druck von hartem Stahl links und rechts in Höhe der Nierengegend. Nie in seinem Leben hatte er sich in einer solchen Lage befunden, aber er wusste sofort, dass es die Laufmündungen von Pistolen oder Revolvern waren.

„Besser, du bist vernünftig!“, zischte der Kerl rechts von ihm.

Gordon Wesley dachte nicht daran, Heldentaten zu vollbringen. Ohnehin hätte er nicht einmal gewusst, wofür er sterben musste, falls sie auf ihn feuerten. Er streckte die Arme hoch, die Tasche mit seiner Verpflegung in der Linken. Jetzt konnte er die Gesichter der Gangster als helle Flecken wahrnehmen. Der eine, links, trug einen Vollbart. Der andere war einen halben Kopf kleiner als er.

„Was wollen Sie?“, quetschte Wesley hervor, und er fühlte sich unendlich dumm dabei. Er empfand es als die überflüssigste Frage der Welt, und doch hatte er sie stellen müssen.

„Wir wollen deinen Kahn“, sagte der Bärtige. „Nichts weiter.“

„Nur leihweise“, fügte der Kleine hinzu. „Ein bisschen spazieren fahren, das ist alles. Dagegen wirst du doch nichts einzuwenden haben.“

„Ich nicht“, antwortete Wesley. „Aber der Reederei wird es nicht gefallen.“ Beide Gangster lachten wie über einen Witz. „Darüber brauchst du dir nun wirklich nicht den Kopf zu zerbrechen!“, prustete der mit dem Vollbart. „Es ist alles bestens geregelt. Nur dich mussten wir noch ein bisschen überzeugen. Ist es uns gelungen?“

„Voll und ganz.“

„Dann vorwärts, marsch!“

Sie erlaubten ihm, die Hände herunterzunehmen. Der Kleine ging voraus. Hohl klangen ihre Schritte in dem engen Durchgang. Wesley war froh, den Druck der Waffenmündungen nicht mehr zu spüren. Dennoch wusste er, dass der Kerl hinter ihm sofort schießen würde, wenn er sich etwa auf den kleineren Gangster stürzen würde, um ihn zu überwältigen.

Sie erreichten die Helligkeit des Kais, und Gordon Wesley erfasste die Situation mit einem einzigen Blick. Ein halbes Dutzend Trucks mit Sattel-Aufliegern stand wartend in Reih und Glied. Die Fähre „Louisiana“ lag am Kai, und Wesley konnte seinen Steuermann im erleuchteten Ruderstand sehen. Der Kollege hatte den Kahn also bereits von der vorherigen Schicht übernommen, wie vereinbart.

Die Gangster schlenderten neben Wesley her auf die Fähre zu. Er sah aus den Augenwinkeln heraus, dass sie ihre Waffen jetzt in den Taschen ihrer Jacketts verborgen hielten. Es wirkte so, als hätte Wesley zwei Begleiter mitgebracht.

„Wenn du deinen Steuermann warnst, gibt es Ärger“, sagte der Kleine drohend.

„Ich bin nicht lebensmüde“, entgegnete Wesley matt. Natürlich wusste er, woran er war. Er hatte es schon am Nachmittag telefonisch von der Geschäftsleitung erfahren: Die Gruver Shipping Company, der auch das Fährschiff gehörte, sollte gezwungen werden, falsch deklarierte Waffen nach Nicaragua zu verschiffen.

Die Organisation, die das von der Company verlangte, ging jetzt aufs Ganze.

Gordon Wesley sah es deutlich genug vor sich …

Zehn Minuten später war die „Louisiana“ klar zum Ablegen. Der Steuermann hatte ebenfalls keinen Widerstand geleistet, und der erste Truck konnte auf die flache Ladefläche rollen. Jeweils nur einen Truck konnte die „Louisiana“ übernehmen.

Wesley erfuhr, dass er auf die Reede von Aransas Pass, dem Corpus Christi vorgelagerten Hafen, hinausfahren sollte. Dort würde ein Küstenfrachter bereitliegen, und das Umladen der Kisten aus dem Truck-Auflieger unbeobachtet vorgenommen werden.

 

 

3

Jim Sherman nahm Gas weg. Die Abbiegespur kam in Sicht. Es war dunkel geworden. Leuchtstoffröhren erhellten das Hinweisschild.

Truck Stop Abernathy.

Bob Washburn reckte sich auf dem Beifahrersitz und gähnte. „Ist das ein Leben!“, brummte er. „Jetzt ein T-Bone-Steak, zwei bis drei kühle Budweiser, und dann in die Koje!“

Jim schaltete herunter und zog den Kenworth nach rechts. Die Caterpillar Maschine röhrte. Das Fahrerhaus des roten Trucks mit den Büffelhörnern vibrierte einen Moment lang und beruhigte sich dann wieder. „Was will der Mensch noch mehr!“, sagte Jim grinsend. „Oder?“

„Damals, als Boxprofi …“

„Du tust, als ob das zehn Jahre her ist.“

„So kommt’s mir auch vor.“

„Allright. Was war damals?“

Der hünenhafte Schwarze aus Virginia schmunzelte. „Da wurde unsereiner noch umschwärmt. Richtig verwöhnt haben sie einen, die knackigen kleinen Betreuerinnen. Und was sonst noch so herumlief …“

Jim spielte den Entnervten und verdrehte die Augen. „Jetzt erzähl mir bloß wieder, was für einen schlechten Tausch du gemacht hast. Das fehlt mir noch für einen richtig harmonischen Abend.“

Bob lachte und sah den hochgewachsenen Trucker von der Seite an. „Da du mein Klagelied schon kennst, werde ich ausnahmsweise darauf verzichten. Du weißt, wie sehr ich vor allem meine Freunde von der Mafia vermisse.“

Jim blies die Atemluft durch die Nase und erwiderte das Lachen seines Partners. Der Spott, mit dem er sich heute gelegentlich an seine Zeiten als erfolgreicher Profiboxer erinnerte, sollte im Grunde nur zeigen, wie froh er war, der Korruption und den verbrecherischen Methoden im Big Business des Boxens entronnen zu sein. Jim hatte ihm die Mafia-Meute vom Hals geschafft. Es war der Beginn ihrer Partnerschaft gewesen.

Ihre Existenz als freie Trucker wollten sie beide nie mehr aufgeben. Es war die Verwirklichung eines Traums. Viele träumten ihn und erlebten die Erfüllung doch nie.

Amarillo war nahezu vergessen. Wenigstens für den Moment. Abernathy, am Interstate Highway 27, lag 20 Meilen nördlich von Lubbock. Die Lichter des Truck Stops und auch die beleuchteten Reklameschilder strahlten etwas Anheimelndes aus. Das T-Bone-Steak und das Budweiser-Bier, von dem Bob geschwärmt hatte, standen für die kleinen Annehmlichkeiten des Trucker-Lebens.

Auf dem erhellten Parkplatz hinter dem Restaurant standen die Trucks säuberlich aufgereiht, und die Fahrerhäuser und Motorhauben schimmerten in allen Farben des Regenbogens. Kunstvolle Bilder – von der kalifornischen Berglandschaft bis zum Alligator-Sumpf in Florida – zierten Fahrer- und Beifahrertüren und ganze Auflieger. Die Schriftzüge auf den Kenworths, Macks und Peterbilts kündeten von der Freiheitsliebe ihrer Fahrer. Ob „Trailblazer“, „Lone Rider“ oder „Westerner“ – die meisten Namen, mit denen Trucker ihre schweren Fahrzeuge verzierten, hatten etwas mit jener Freiheit zu tun, wie sie die Männer des alten Westens gehegt und gepflegt hatten. Etwas, das sie als das kostbarste Gut auf dem Boden Amerikas betrachteten.

Jim Sherman rangierte den feuerroten Kenworth, den er „Thunder“ getauft hatte, neben einen Peterbilt Cabover.

Sie nahmen ihre Sachen aus dem Doghouse, stiefelten zur Rezeption hinüber und trugen sich ein. Nachdem sie ihre Habseligkeiten in den Zimmern untergebracht hatten, verschwendeten sie keine Zeit mehr, um an ihr Steak und ihr Bier zu kommen.

Im Restaurant, hell und freundlich und mit Zimmerpalmen in den Tischreihen, herrschte eine merkwürdige Ruhe. Da wurde nur gemurmelt. Aus den rauen Burschen von den Highways schienen die reinsten Chorknaben geworden zu sein. Irgend etwas musste ihnen in den Knochen stecken. Jim und Bob Washburn wechselten einen Blick, während sie sich am Selbstbedienungstresen mit den ersehnten Gaumengenüssen versorgten.

Sie sahen sich um, die Tabletts in den Händen, und entschieden sich für einen Tisch, an dem nur ein einzelner Mann saß. Ein alter Bekannter von Jim und Bob, wie die meisten hier.

Pete Carducci, den sie „Nitro-Pete“ nannten. Der wildeste Draufgänger zwischen Feuerland und Alaska. Er fuhr einen gewaltigen White „Western Star“, fast schon ein Museumsstück. Aber er hing an dem 15 Jahre alten Kasten wie an einem alten Gaul, der einen nie im Stich gelassen hatte.

„Hi, Pete“, sagte Jim, während sie sich setzten. „Noch immer ohne Shotgun?“

„Oder schon wieder?“, fügte Bob Washburn hinzu, nachdem er den Trucker-Kollegen freundlich grinsend begrüßt hatte.

„Nitro-Pete“ war meist ohne Beifahrer auf Achse, weil es bislang niemanden gab, der genügend starke Nerven hatte, um es bei seiner Fahrweise längere Zeit auszuhalten. Hin und wieder fand er aber dann doch ein Opfer, einen, der noch nichts von ihm gehört hatte.

Aber „Nitro-Pete“ schien an diesem Abend ebenso wenig zur Heiterkeit aufgelegt zu sein wie alle anderen in dem Verpflegungsladen.

„Was ist denn los, verdammt?“, fragte Jim mit einem Rundblick. „So ein seltener Fall, in dem allen auf einmal die Laus über die Leber gekrochen ist?“ Er riss die Budweiser-Dose auf und goss das Bier ins Glas.

Bob hieb seine Zähne bereits mit Genuss in das Steak, das so groß, so zart und so saftig war, wie es ein Steak nur in Texas sein konnte.

„Habt ihr’s etwa noch nicht gehört?“, knurrte Pete Carducci stirnrunzelnd.

Bob hörte auf zu kauen. Jim ließ das Glas sinken, das er schon angehoben hatte. Plötzlich spürten sie beide, dass irgend etwas die Trucker-Welt aus den Angeln gehoben hatte.

„Was gehört?“, fragte Jim leise. „Wir haben in Amarillo einen ziemlichen Tanz erlebt und brauchten ein bisschen Ruhe. Deshalb haben wir Radio und CB-Box gar nicht erst angeknipst.“

„Nitro-Pete“ zog die linke Braue hoch, als müsse er entscheiden, ob er Jims Erklärung für glaubhaft halten sollte. „Gene Rodgers und sein Shotgun Cass Ranson“, sagte er dann gedehnt, „sind in ihrem Kenworth verbrannt.“

Jim und Bob starrten ihn an.

„Die beiden fahren für Ryland Trucking“, sagte Bob tonlos.

„Sie fuhren“, verbesserte Pete.

„Wie ist es passiert?“, erkundigte sich Jim mit seltsam rauer Stimme.

„Westlich von Shreveport, Louisiana. Am Interstate 20, in irgendeiner gottverdammten Sandgrube.“

Jim und Bob kriegten den Mund nicht wieder zu.

„Über einen Parkplatz zu erreichen?“, stieß Jim hervor. „Und eine Behelfszufahrt?“

Jetzt war es „Nitro-Pete“, der die beiden Trucker-Kollegen mit offenem Mund anstarrte.

„Erkläre du es ihm“, bat Jim seinen Partner und stand auf. Steak und Bier waren vergessen. Er lief zu den Telefonkabinen draußen auf dem Korridor, wo die Zigaretten und Getränkeautomaten standen.

Jim fütterte das Münztelefon mit Hartgeld und wählte die Nummer der Ryland Trucking Company in San Antonio. Möglich oder sogar wahrscheinlich, dass sich noch jemand im Office befand.

Die Telefonzentrale war nicht mehr besetzt. Alle ankommenden Gespräche, so stellte sich heraus, liefen direkt bei Nolan Curtis ein. Als er sich meldete, klang nicht die geringste Spur von Müdigkeit aus seiner Stimme. Jim hätte sich gewünscht, mit dem Trucker-King zu sprechen. Aber Curtis war der Geschäftsführer der Company und Jims Ex-Schwager. Jim mochte diesen intriganten Dreckskerl nicht, aber er hatte jetzt andere Sorgen, als sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Jim erklärte, was er soeben erfahren hatte.

„Der Trucker-King ist noch draußen, hat sich die Sache an Ort und Stelle angesehen“, entgegnete Curtis. „Komische Geschichte. Zwei erfahrene Trucker verbrennen in ihrem Kenworth. Ohne ersichtliche Unfallursache. Und die Fracht scheint mit verbrannt zu sein. Was wir für Harrison & Robards Steel gefahren haben, sollen laut Frachtpapieren Maschinenteile sein, waren aber in Wirklichkeit Waffen.“

Erneut musste Jim staunen. „Wir haben auch bei Harrison & Robards geladen“, sagte er.

„Dann werft mal einen Blick in euren Auflieger. Könnte sein, dass ihr eine Überraschung erlebt.“

„Danke für den Tipp. Ich rufe an, weil Bob und mir um ein Haar das gleiche passiert wäre wie Rodgers und Ranson. Wir haben die Erklärung.“ Mit knappen Worten schilderte Jim das Wesentliche – wie sie nach der Abfahrt aus Shreveport in diese ominöse Sandgrube am Interstate 20 dirigiert worden waren, und zwar von olivgrün gekleideten Burschen, die sie anfangs für Soldaten der US Army im Manöver gehalten hatten. Doch es waren keine Soldaten, es waren die „Lone Star Rangers“, eine brutale Söldnertruppe. Jim und Bob waren Kenton und seiner Meute jedoch entwischt, und sie hatten den Spieß umgedreht, hatten die olivgrünen Trucks bis ins geheime Söldner-Camp bei Amarillo verfolgt, waren dort aber Kenton in die Hände gefallen. Doch wieder war Jim und Bob die Flucht gelungen.

Kentons Ziel war es, mit seinen Leuten in ziemlich naher Zukunft in Nicaragua für US-Interessen zu kämpfen. Jim und Bob hatten sich gemeinsam mit einem Girl namens Marcy Thurman und ihrem Freund Rae Banner aus dem Trainingslager-Camp befreit. Marcy war Banner in das Camp gefolgt, wo er sich freiwillig zu den „Lone Star Rangers“ gemeldet, dann aber doch sehr schnell eingesehen hatte, dass er sich fadenscheinigen Idealen verschrieben hatte.

„Jetzt hatten wir eigentlich vor, unsere Fracht in Corpus Christi abzuliefern“, sagte Jim schließlich.

„Vielleicht solltet ihr das tun“, entgegnete Curtis. „Dann könnten wir zweigleisig gegen den verdammten Mob Vorgehen.“

Mob – so nannte man die amerikanische Mafia bisweilen.

„Was steckt dahinter?“, fragte Jim gespannt. „Du weißt doch eine Menge mehr.“

„Allerdings, und ausnahmsweise bin ich bereit, es dir zu verraten. Nach dem Unglück von Rodgers und Ranson hatte ich erst geglaubt, dass die beiden einen Versicherungsbetrug versuchen wollten. Dank deiner Information weiß ich es jetzt besser.“

Jim staunte. Curtis, den sonst jeder „Sharkey“ nannte, den Hai, schien sich mehr und mehr zu seinem Vorteil verändert zu haben. Früher hätte er nie zugegeben, anderen beispielsweise zu Dank verpflichtet zu sein. „Also hatten die beiden armen Kerle auch Waffen geladen?“, fragte Jim.

„Davon gehe ich aus. Dieser Kenton hat sich die Ladung unter den Nagel gerissen und ein paar harmlose Stahlteile verbrennen lassen. Garantiert alles auf Weisung seiner Auftraggeber.“

„Ich verstehe“, sagte Jim gedehnt. „Kentons Hintermänner lassen illegal Waffen nach Nicaragua verschiffen. Einen Teil zweigt Kenton vorher zu Übungszwecken für sein Camp ab, und gleichzeitig basteln sie daraus einen gewinnbringenden Versicherungsfall zugunsten von Harrison & Robards Steel.“

„Fast richtig. Versicherungsnehmer sind Derville & Sons, Export Corporation, in Houston. Eine Tarnfirma des sehr ehrenwerten Don Vito Veronese.“

„Ein Mafiaboss?“

„Für Houston und Umgebung. Ich habe mit ihm gesprochen und ihm die Pistole auf die Brust gesetzt. Er behauptet, für eine Interessengemeinschaft zu handeln, die dafür sorgen will, dass die Belange der USA in Nicaragua tatkräftig durchgesetzt werden.“

„Durch Kenton und seine Söldner“, folgerte Jim stirnrunzelnd. „Wie kommst du mit einem Mafiaboss in Verbindung?“

„Vanessa Monroe hat Marilyn und den Trucker-King um Hilfe gebeten. Die Gruver Shipping Company wird von Gangstern gezwungen, die Waffenladungen mit ihren Küstenfrachtern zu übernehmen. Laut Konnossementen sind die Kisten mit den Waffen für Kolumbien bestimmt. Wäre das wirklich der Fall, hätte man ein modernes Containerschiff nehmen und hohe Summen an Fracht sparen können. Veroneses Interessengemeinschaft braucht aber Schiffe mit geringem Tiefgang. Die sollen nämlich irgendwo vor der Küste Nicaraguas abgefangen und in einer geheimen Bucht gelöscht werden.“

Die Zusammenhänge wurden klar. Lionel Monroe war geschäftsführender Gesellschafter der Gruver Shipping Co. Inc. in Corpus Christi. Broderick Gruver, der Gründer der Reederei, lebte im

Ruhestand. Vanessa Monroe, Lionels Ehefrau und Brodericks ältere Tochter, hatte ein sehr gutes Verhältnis zu ihrer Schwester Marilyn. Und Marilyn war die Ehefrau Luke Rylands, des Trucker-Kings.

„Die Monroes haben sich geweigert?“, sagte Jim.

„Ja. Aber sie werden massiv bedroht. Unten in Corpus Christi scheint sich alles zuzuspitzen. Veronese hat meine Warnung wohl nicht ernst genommen.“

„Was für eine Warnung?“

„Im Auftrag des Kings habe ich ihm klargemacht, dass er und seine feine Interessengemeinschaft den Einfluss der Ryland Trucking Company zu spüren kriegt, wenn er die Monroes nicht in Frieden lässt.“

„Ein Capo wie Veronese kann nicht über seinen eigenen Schatten springen. Ich bin gespannt, was uns in Corpus Christ erwartet“, murmelte Jim.

„Ich würde mich gern darum kümmern, aber ich kann hier noch nicht weg.“

„Wegen Rodgers und Ranson?“

„Haargenau.“

„Hatten die beiden Familie?“

„Ranson war Junggeselle. Aber mit Gene Rodgers ist es eine tragische Sache. Seine Frau ist heute Nacht ins Hospital gebracht worden. Heute morgen hat sie einen Sohn zur Welt gebracht. Ich warte darauf, dass der Chefarzt anruft. Er will mir Bescheid sagen, wenn sie so weit ist, dass sie die Nachricht verkraften kann.“

„Du willst es ihr sagen?“

„Ja. Ich wollte nicht, dass ihr ein Polizeibeamter erklärt, was los ist. Und der King ist nach dem Attentat auch noch nicht so stark belastbar, dass man es ihm zumuten könnte.“

„Die Trucker werden es dir hoch anrechnen“, sagte Jim unumwunden. „Ich übrigens auch.“

„Danke für die Blumen“, erwiderte Curtis. „Möglich, dass wir uns in Corpus Christi sehen.“

Jim verabschiedete sich und legte auf. Er kam aus dem Staunen über Sharkey nicht heraus. Der Bursche schien auf dem besten Weg zu sein, ein brauchbarer Kerl zu werden. Aus dem durchtriebenen Menschenverächter war ein Mann geworden, mit dem man umgehen konnte.

Nach Jims Meinung gab es nur eine denkbare Erklärung für Curtis’ Sinneswandel. Die Hoffnungen, die er im Zusammenhang mit dem Attentat auf den Trucker-King gehabt hatte – den Chefsessel der RTC – musste er begraben haben. Aus der Traum. Nachdem Luke Ryland seinen schweren Verletzungen nicht erlegen war, gab es für Nolan Curtis keine Chance mehr, sich selbst zum Alleinherrscher über die riesige Company aufzuschwingen. Und er musste begriffen haben, dass es keinen Sinn hatte, sich gegen die Familieninteressen der Rylands aufzulehnen.

Der Trucker-King hatte alle Macht. Gegen ihn konnte man nichts ausrichten. Doch wenn man sich aus echter Überzeugung auf seine Seite stellte, hatte man den besten Gefährten, den man sich wünschen konnte. Dies war es, was Curtis eingesehen haben musste.

„Ich habe mich um dein Steak gekümmert“, sagte Bob, als Jim an den Tisch zurückkehrte. Er stand auf und nahm die beiden leeren Teller. „Warte einen Moment, ich hole dir ein neues.“

Jim nickte, setzte sich, schenkte Budweiser ein und rauchte eine Zigarette. „Du weißt über alles Bescheid?“, wandte er sich an „Nitro-Pete“.

„Bob hat mir erzählt, was mit euch passiert ist.“

„Dann ist dir klar, dass Rodgers und Ranson in eine Falle gegangen sind?“

Pete nickte düster. „Und sie hätten’s nicht mal brauchen. Die RTC hat nämlich alles zurückgepfiffen, was in Shreveport geladen hatte. Ein paar RTC-Trucker, die heute Abend hier sind, meinen, dass Ranson Probleme mit seiner CB-Box hatte.“

Das Tragische am Tod der beiden Trucker wog doppelt schwer. Sie waren in eine tödliche Falle gegangen, obwohl es hätte vermieden werden können, wenn sie über Funk zu erreichen gewesen wären. Der Trucker-King und Nolan Curtis hatten gehandelt, nachdem sie von Vanessa und Lionel Monroe erfahren hatten, welches hinterhältige Spiel die Mafia in Corpus Christi angeleiert hatte. Für Gene Rodgers und Cass Ranson war es also verhängnisvoll gewesen, dass ihre CB-Box nicht funktioniert hatte.

Bob Washburn brachte das versprochene Steak und ein neues Budweiser für Jim.

Nachdem er beides mit Genuss verzehrt hatte, gingen sie nach draußen. Pete war dabei, als sie den Auflieger öffneten, eine Kiste heraus wuchteten und sie mit einem Kuhfuß aufhebelten.

Dann, als Bob ein längliches Ölpapier-Paket auswickelte, hatten sie die Bestätigung.

Ein Schnellfeuergewehr, Modell Armalite.

„Nitro-Pete“ stieß einen langgezogenen Pfiff aus. „Oh, verdammt! Was ihr da quer durch Texas kutschiert habt, reicht für ein ganzes Infanteriebataillon!“

„Veroneses Interessengemeinschaft lässt es offenbar an nichts mangeln“, sagte Jim und nickte. „Das haben wir in Kentons Söldner-Camp gesehen.“

„Die Burschen haben sogar Schützenpanzer“, fügte Bob hinzu.

Pete Carducci rieb sich nachdenklich das Kinn. „Wenn die RTC-Trucker von eurer Geschichte hören, dürfte es einen kleinen Aufstand geben. Wenn sich nämlich herausstellt, dass Rodgers und Ranson gar nicht aus eigener Schuld ihr Leben gelassen haben …“ Er sprach nicht weiter.

„Es wird sich nicht verheimlichen lassen“, entgegnete Jim. „Aber vielleicht ist der Fall schnell genug geklärt. Morgen Abend sind wir in Corpus Christi. Wir arbeiten mit Curtis zusammen. Und dahinter steht der Trucker-King. Wir stehen also nicht auf verlorenem Posten.“

„Täuscht euch bloß nicht“, sagte Pete und presste für eine Sekunde die Lippen zusammen. „Wenn es so einfach wäre, mit dem Mob aufzuräumen, hätten andere das längst erledigt.“

Bob Washburn hieb ihm auf die Schulter. „Haben wir gesagt, dass wir die Größten sind? No, Buddy, aber wir haben so unsere speziellen Erfahrungen mit der ehrenwerten Gesellschaft.“ Er entblößte seine perlweißen, ebenmäßigen Zähne, und sein Grinsen hatte etwas von der Freundlichkeit eines hungrigen Tigers.

Pete Carducci sah ihn respektvoll an. „Ehrlich gesagt“, brummte er und erwiderte das Grinsen des Ex-Boxers, „bei dir möchte ich kein Mobster sein.“

 

 

4

Nolan Curtis ließ seinen Mercedes 500 SE auf dem Parkplatz an der Houston Street zurück. Pilzleuchten erhellten den Parkweg zum Haupteingang des Santa Rosa General Hospital. Auf beleuchteten Schildern rühmte es sich als die Nummer eins in der Gesundheitsfürsorge von San Antonio, konnte es sich doch auf das Gründungsjahr 1869 berufen.

Der Wachmann, der im Eingangsbereich die Aufsicht übernommen hatte, ließ Curtis durch, nachdem dieser sich ausgewiesen hatte. Eine Krankenschwester erschien im lichtdurchfluteten Korridor innerhalb der gläsernen Eingangsfront. Sie begleitete den RTC-Manager zur Entbindungsstation im dritten Stock.

Nolan Curtis erinnerte sich an seinen letzten Besuch in einem Hospital. Das war im South Texas Medical Center gewesen, als Luke Ryland nach einem Attentatsversuch mit schwersten Verletzungen im Koma gelegen hatte. Curtis musste an die Einsichten denken, die er seitdem gewonnen hatte. Er sah die Interessen der Company heute in einem anderen Licht. Aber auch seine eigenen Interessen …

Die Schwester führte Curtis in den Dienstraum des Stationsarztes Dr. Jurgensen, Gynäkologe. Ein grauhaariger Mann mit sonnengebräuntem Gesicht. Er forderte Curtis mit ernster Miene auf, sich ihm gegenüberzusetzen.

„Mrs. Rodgers ist eine durch und durch gesunde junge Frau. Bei der Geburt hat es keine Komplikationen gegeben. Ihr kleiner Sohn soll Gene heißen, wie sein Vater.“

„Ich habe mit seinen Kollegen gesprochen“, erwiderte Curtis. „Rodgers war felsenfest davon überzeugt, dass Patti und er einen Sohn bekommen würden.“

Dr. Jurgensen holte tief Luft. „Sie ist jetzt genug bei Kräften. Wenn Sie es ihr gesagt haben, werde ich ihr ein Beruhigungsmittel geben, damit sie schläft. Schließlich wird der kleine Gene morgen früh wieder sein Recht fordern.“

Die Aufgabe, die ihm unmittelbar bevorstand, war wie eine erdrückende Last für Curtis. Aber er musste es schaffen. Er war entschlossen. Er stand auf.

Dr. Jurgensen und die Krankenschwester begleiteten ihn zu dem Zimmer, in dem Patti Rodgers lag. Curtis fiel ein, dass er einen Blumenstrauß vergessen hatte. Dann aber sagte er sich, dass es eine fast zynische Geste gewesen wäre, wenn er jetzt tatsächlich mit Blumen aufgekreuzt wäre.

„Sie ist wach“, flüsterte die Schwester und wandte sich ab, um einen Instrumentenwagen aus einem Zimmer auf der anderen Seite des Korridors zu holen.

„Wir warten hier“, sagte Dr. Jurgensen, ebenfalls leise.

Nolan Curtis brauchte sich keinen innerlichen Ruck mehr zu geben. Er wusste jetzt, wie er es bewältigen würde. Er musste versuchen, die Gefühle der jungen Frau nachzuempfinden – jenen furchtbaren Schmerz, der sie wie ein wildes Tier anfallen würde. Und er würde sie nicht täuschen, indem er ihr mit strahlender Miene Glückwünsche aussprach. Er klopfte behutsam und trat ein.

Das Zimmer hatte nichts von einem Krankenzimmer. Ein gemütlicher Raum für Mutter und Kind. Fröhliche Farben, Gardinen, Teppiche, Möbel und eine Wiege mit bunt kariertem Stoff. Rooming In. Nur nachts waren die Kinder von den Müttern getrennt; den ganzen Tag verbrachten sie zusammen.

Patti Rodgers sah blass aus unter der Leselampe. Aber ihre Augen strahlten. Sie ließ eine Illustrierte auf die Decke sinken. „Oh, Mr. Curtis, so eine Überraschung! Gene konnte bislang nicht anrufen, nicht wahr?“ Sie bedachte das weiße Telefon neben ihrem Bett mit einem Seitenblick.

Curtis drückte die Tür hinter sich zu. Er wusste, was sie dachte. Wenn Trucker nicht anrufen konnten, wie es oft geschah, wenn sie Tag und Nacht durchfuhren, so konnten sie doch über eine CB-Kette mit Hilfe der Kollegen Nachrichten übermitteln. Patti Rodgers glaubte offenbar, dass er, Curtis, erschienen war, um ihr eine Funknachricht von ihrem Mann zu überbringen.

Er ging auf ihr Bett zu und reichte ihr zur Begrüßung die Hand. Er spürte einen Druck in der Kehle, den er nicht beseitigen konnte.

Ihr Lächeln schwand, ihr Blick wurde forschend, verwundert.

Er setzte sich auf den Hocker neben ihr. Er wollte nicht, dass sie zu ihm aufblicken musste. „Ich kann Ihnen nichts vorspielen, Mrs. Rodgers“, sagte er mit belegter Stimme. „Es wäre ein Betrug an Ihren Gefühlen. Ich habe leider keine gute Nachricht für Sie.“

Ihre Augen weiteten sich, ihr Gesicht wurde starr. Aber es war noch Hoffnung in diesen Augen. „Ein Unfall?“, hauchte sie.

Curtis nahm ihre Hände und hielt sie fest. „Ein schlimmer Unfall“, antwortete er, und es schnürte ihm fast den Hals zu.

Das jähe Entsetzen trieb den Funken Hoffnung aus Pattis Augen. Sie schrie auf. „Nein! Oh Gott, sagen Sie, dass es nicht wahr ist!“ Tränen schossen ihr in die Augen.

„Ich kann es nicht“, sagte Curtis leise. „Ich kann Ihnen nichts Positives sagen, Mrs. Rodgers. Ihr Mann ist … tot. Auch Cass Ranson, sein Shotgun.“

Patti Rodgers wurde plötzlich stumm. Ihre Augen flackerten hilfesuchend.

Nolan Curtis spürte ihren Schmerz.

Er hatte gewusst, wie schwierig seine Aufgabe war. Aber nie hätte er geglaubt, dass es ihm so höllisch an die Nieren gehen würde.

Ihr Körper begann zu beben.

Und jäh brach der Schrei aus ihr hervor – ein Schrei, gegen den ihr erster Schmerzenslaut nichts gewesen war. Ihre Stimme gellte, ihre ganze Verzweiflung brach hervor, die grausame Seelenqual im Augenblick des Schocks, den sie aus eigener Kraft nicht überwinden konnte.

Dr. Jurgensen und die Schwester stürmten herein.

Nolan Curtis schloss Patti Rodgers in die Arme. Ihr Körper zuckte wie unter Krämpfen. Curtis hielt sie fest. Sie war in diesem Moment wie ein schutzsuchendes kleines Mädchen.

Dr. Jurgensen gab ihr die Spritze, assistiert von der Schwester.

Patti Rodgers wimmerte und schluchzte. Curtis wechselte einen Blick mit dem Arzt, der sich aufrichtete. Dr. Jurgensen nickte voller Anerkennung, und auf einmal spürte Curtis, wie seine Nerven zu vibrieren begannen. Die gepeinigte Frau noch immer in den Armen haltend, wurde ihm bewusst, was er bewältigt hatte. Er fragte sich, ob er es sich zugetraut hätte, wenn er vorher gewusst hätte, wie schwer es war. Aber er empfand auch ein wenig Stolz, Patti Rodgers hatte sich ihm gegenüber nicht abweisend verhalten; sie akzeptierte ihn als den Beschützer, den Helfer in der furchtbarsten Not, der er in diesem schlimmsten Moment ihres Lebens für sie sein konnte.

Curtis, Dr. Jurgensen und die Schwester blieben bei Patti Rodgers, bis sie sich beruhigt hatte und einschlief.

„Wir werden uns ständig um sie kümmern“, versprach Dr. Jurgensen.

„Ihr Baby wird morgen wieder alle Aufmerksamkeit von ihr fordern“, sagte die Schwester. „Ein wenig müsste es sie ablenken.“

„Aber nicht genug“, murmelte Curtis dumpf. Er brauchte nichts hinzuzufügen. Den Augenblick, auf den eine Mutter so sehnlichst wartete, würde es für Patti Rodgers nicht geben. Es war der Augenblick, in dem ihr Mann, der Vater ihres gemeinsamen Kindes, strahlend auf sie zutrat und sie und das Baby in die Arme schloss.

Curtis verabschiedete sich und fuhr allein mit dem Fahrstuhl hinunter.

Er schrak aus seinen Gedanken auf, als er die Männer sah, die ihm in der Eingangshalle entgegentraten.

Larry French und fünf andere. RTC-Trucker.

Verdutzt blinzelnd blieb Curtis stehen. Im ersten Moment wollte er in innerliche Abwehrhaltung gehen. Dann aber sah er, dass in den Mienen der Männer nichts Feindseliges war. Das erstaunte ihn, denn er wusste, dass er bei den Truckern der Company nie sonderlich beliebt gewesen war. Im Gegenteil. Die meisten hatten ihn sogar gehasst. Zu schnell, das musste er zugeben, war er manches Mal bereit gewesen, Leute wegen geringfügiger Fehler zu feuern.

Fehler der Vergangenheit.

„Wir sind hier …“, sagte Larry French und druckste herum, suchte krampfhaft nach Worten, indem er von einem Bein auf das andere trat. Die übrigen fünf Männer suchten mit Blicken den Boden ab, als gäbe es dort etwas besonders Interessantes zu entdecken.

„Ich bin auch hier“, entgegnete Curtis mit dem Anflug eines Grinsens, obwohl ihm wahrhaftig nicht nach Scherzen zumute war.

Aber es brach das Eis. French und die anderen grinsten zurück. Larry French überwand sich nun mühelos, trat auf ihn zu und schüttelte ihm stumm die Hand. Erst nach langen Sekunden konnte der Trucker wieder sprechen.

„Wir sind hier, um Ihnen zu danken“, sagte Larry French. „Von uns hätte es kaum einer fertiggebracht, es Patti Rodgers zu sagen.“

„Es war keine Heldentat“, entgegnete Curtis ernst. „Es musste einfach sein. Ich wäre auch fast weggerannt, das muss ich zugeben.“

„Wie geht es ihr?“, fragte Larry French.

„Sie hat einen Schock erlitten, soweit ich das beurteilen kann“, antwortete Curtis. „Wie es wirklich in ihr aussieht, kann wohl niemand erfassen.“

French und die anderen nickten stumm. Nolan Curtis spürte auf einmal, wie wohltuend es war, mit diesen Männern zu sprechen. Spontan lud er sie zu einem Drink ein. Die Verwunderung war nur einen Moment lang in ihren Gesichtern zu lesen. Dann zeigten sie echte Freude über seine Geste. Ihnen ging es wie ihm. Sie mussten einfach reden. Und sie merkten, dass sie gemeinsam eine Barriere überwanden, die überflüssig geworden war.

Zwei Blocks weiter, an der Houston Street, ließen sie sich in einer Eckkneipe nieder. Curtis erfuhr, dass Larry French und seine Kollegen einen Fonds zur Unterstützung von Gene Rodgers’ Witwe gegründet hatten. Wenigstens sollte sie keine materiellen Sorgen haben. Ohne zu zögern, sagte Curtis zu, dass sich auch die Company an dem Fonds für Gene Rodgers junior beteiligen werde.

Er wusste, dass der Trucker-King diese Entscheidung billigen würde.

Keiner der Männer fuhr in dieser Nacht mit dem eigenen Wagen nach Hause. Ein kleiner Konvoi von Taxis startete vor der Kneipe und brachte sie in alle Himmelsrichtungen.

Nolan Curtis wusste, dass ohnehin niemand auf ihn wartete. Amber, die seine bessere Hälfte hätte sein sollen, befand sich auf einem Abenteuerurlaub in Santa Monica, Kalifornien. Die Abenteuer spielten sich ausschließlich nachts ab und begannen in den nobelsten Clubs an der Pazifikküste. Die Fortsetzung der Abenteuer fand dann in den Betten betuchter Jünglinge statt – oder am Strand, unter Mondlicht. Amber hatte in dieser Beziehung durchaus romantische Vorstellungen.

Ihre Vorstellungen hatten sich bislang nie in eine Richtung bewegt, in der Muttergefühle eine Rolle spielten.

 

 

5

Die Palmwipfel an der Straße rauschten leise in der Morgenbrise.

Frank Barstowe, Privatpolizist bei der Safetronic Company in Corpus Christi, blickte durch das kunstgeschmiedete Gittertor der Grundstückseinfahrt. Die Straße hätte durchaus für eine Bildpostkarte von einem Ferienparadies in Florida oder Kalifornien herhalten können. Die Monroes bewohnten keinen protzigen Prachtbau, aber ihr Bungalow stand in einer der schönsten Gegenden der USA.

Barstowe rückte das Koppel mit dem schweren 357er Smith & Wesson zurecht und wandte sich um, als er das Geräusch des automatisch sich öffnenden Garagentors hörte. Lionel Monroe ließ seinen Buick Riviera ins Freie rollen und winkte dem Privatpolizisten zu. Barstowe salutierte am Rand der Zufahrt – so, wie er es bei der Army gelernt hatte. Nach Ende seiner Dienstzeit, zuletzt als

Sergeant der Fernmeldetruppe, hatte er sich bei Safetronic beworben und den Job auch sofort gekriegt. Safety and Electronics, Sicherheit und Elektronik – mit der Andeutung beider Begriffe im Firmennamen wollte die Company deutlich machen, dass sie mit modernsten Mitteln zum Schutz der Bürger arbeitete.

Das Garagentor schloss sich automatisch wieder, und die Fernsteuerung in Monroes Buick öffnete gleich darauf das Gittertor an der Straße. Frank Barstowe blickte dem Wagen nach. Als er nach rechts davonfuhr, setzten sich die beiden Flügel des Gittertors erneut in Bewegung, um sich wie von Geisterhand zu schließen.

Als der Privatpolizist das Kreischen durchdrehender Reifen hörte, ließ sich das Geschehen schon nicht mehr aufhalten.

Eine dunkelblaue Limousine jagte durch das noch offene Tor. Der Kühlergrill hatte für Barstowe etwas von den räuberischen Reißzähnen einer Bestie.

Monroe war schon zu weit weg, konnte nichts mehr mitgekriegt haben. Barstowes Gedanken fuhren Karussell, während er hinter einen Rhododendronbusch am Rande der Zufahrt sprang. Er zog den Revolver.

Der Motor des Wagens brüllte. Ein Plymouth Sundance. Barstowe wollte sich das Kennzeichen einprägen, sah aber, dass man das Schild mit Klebestreifen unkenntlich gemacht hatte.

Barstowe schnellte einen Schritt vor. Breitbeinig ließ er den Revolver hochfliegen. Beidhandanschlag.

Blitze zuckten aus dem Fenster an der Beifahrerseite des Wagens.

Frank Barstowe hatte das Gefühl, als ob ihm jemand ein Trommelfeuer von Fausthieben auf den Brustkasten verpasste. Es war seine letzte Empfindung.

Sein Bewusstsein erlosch, noch bevor er die klatschenden Laute der schallgedämpften Waffe hören konnte.

Alle sechs Patronen steckten noch in den Trommelklammern des 358er Smith & Wesson, als dieser aus Barstowes kraftlosen Fingern fiel. Dann begrub der leblose Körper des Privatpolizisten die Waffe unter sich.

Der Plymouth stoppte im Winkel zwischen Garage und Hauseingang.

 

 

Details

Seiten
121
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738932201
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v500985
Schlagworte
austauschgeisel

Autor

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Titel: Austauschgeisel