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Im Westen ist die Hölle los - Western-Sonderedition Band 3

2019 460 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Im Westen ist die Hölle los

Auf den Spuren eines Mörders

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

Zwei furchtlose Reiter

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

Hinter jenen Hügeln …

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

Exposé

Im Westen ist die Hölle los

 

 

Western-Sonderedition Band 3

 

3 Romane in einem Band

 

von Pat Urban

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Edward Martin mit Kathrin Peschel, 2019

Lektorat, Korrektorat, Zusammenstellung: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Dieser Band beinhaltet folgende Western:

 

Auf den Spuren eines Mörders

Zwei furchtlose Reiter

Hinter jenen Hügeln …

 

 

***

 

 

Auf den Spuren eines Mörders

 

 

Klappentext:

 

Was ist das für ein Land, wo Politik mehr zählt als das Leben von den Menschen, die darin Leben?

Jim Nebraska und seine beiden Partner, werden beschuldigt, Marshal William Gran getötet zu haben. Sie streiten das vehement ab – doch niemand glaubt ihnen, denn alle Beweise sprechen gegen sie. Ihnen gelingt die Flucht, auf der sie verfolgt, überlistet und Jims Partner hinterrücks getötet werden. Jim schwört sich, den wahren Mörder des Marshals zu finden, um seine Unschuld und die seiner beiden Freunde beweisen zu können und koste es sein eigenes Leben.

Immer wieder findet er eine Spur des Mörders, gepflastert mit dem Tod von Menschen, um sie kurz darauf wieder zu verlieren. Doch Jim gibt nicht auf. Eines Tages erfährt er dessen Namen und hat damit eine Fährte, der er folgen kann, die er so lange gesucht hat. Gelingt es ihm, den gnadenlosen Killer zu stellen, oder erwischt dieser am Ende ihn? Wie viele Menschen müssen noch sterben, bis so einem Menschen, dem jedes Mittel und jeder Weg recht ist, seine persönlichen Ziele zu erreichen, das Handwerk gelegt werden kann?

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Einen Tag und die halbe Nacht, schleppt sich Marshal William Gran mit einer Kugel im Leib durch die Berge. Gegen Mitternacht erkennt er den schwachen Schein eines getarnten Feuers am Hang unter ihm.

Marshal Gran vermutet, den Campplatz eines illegalen Goldsuchers entdeckt zu haben.

Doch er kommt nicht als Mann des Gesetzes, er kommt, weil er Hilfe braucht. Länger wird er nicht mehr durchhalten können.

Gestern Morgen hatte er endlich den gesuchten Doppelmörder Glen Sloan, unweit der Passstraße gefunden und gestellt. Sloan bluffte den Ermatteten so gut, dass Gran darauf hereinfiel.

Als er seine Flasche vom Sattel löste, schoss Sloan ihn nieder und floh mit dem Pferd des Marshals in die Unwirtlichkeit der Berge.

Doch Gran ist nicht tot, wie Sloan annimmt. Verwundet und ohne Pferd, hatte er sich nicht aufgegeben. Doch die Berge sind wild, einsam und nicht an einem Tag in diesem Zustand, in dem sich der Marshal befindet, zu bezwingen. Er ist restlos fertig.

Und vielleicht ist er aus diesem Grunde nicht vorsichtig genug. Er nähert sich aufrecht und voller Hoffnung dem Feuer und ruft schon von Weitem: »Hallo Feuer! Darf ich näherkommen? Mein Name ist William Gran. Ich bin verwundet!«

Doch an diesem Feuer hat nur ein Mann gelegen, der schon seit Minuten aufgesprungen ist, seitdem er die ersten schwachen Geräusche eines Näherkommenden hörte und liegt nun, keine zehn Yards vom Marshal Gran entfernt, hinter einem Felsen.

Gerade hat Gran zu Ende gesprochen, da richtet der Mörder den Lauf seiner Waffe auf den Marshal und schießt ihn wortlos nieder. Sloan trifft ihn dieses Mal voll.

Gestern war Sloan kopflos und voller Angst über den Erfolg seiner Tat geflohen. Heute weiß er, dass die Berge auf ewig schweigen, denn es gibt keine Zeugen für diese Tat.

Er durchsucht den Toten gründlich und eignet sich alles an, auch den Stern und schiebt dem Marshal einen alten Brief in die Tasche, der an den Händler Glen Sloan in Nebraska City geschrieben ist.

Danach richtet er alles so her, als wenn der Tote überfallen wurde und reitet davon. Er hat noch nicht einmal die Absicht, den Stern zu benutzen. Sein Ziel ist der kleine Ort Central City, den er auf seiner Flucht vor dem Marshal, nachts durchritten hat.

 

 

2. Kapitel

 

Aber kaum ist er eine Meile talabwärts gekommen und will sich schon nach einem geeigneten Abstieg umsehen, da erschrickt er gewaltig und horcht gebannt nach links, wo einige Schüsse durch die Nacht peitschen und ein paar wilde Schreie ertönen.

Sloan zwingt seinen Gaul nach rechts, um möglichst viel Raum zwischen sich und den Kämpfenden zu gewinnen. In dem Augenblick, als er heraushört, dass es sich nur um eine etwas ausgeartete Feier handelt, fasst der Marshal-Mörder einen Plan.

Rasch reitet er zurück und holt den Toten. Langsam und sehr vorsichtig nähert er sich dem Feuer, an dem drei wilde Jungs von einer Flasche Whisky, blau wie die Veilchen, nur noch kaum verständliche Worte lallen.

Er wartet eiskalt ab, bis auch der Letzte der drei eingeschlafen ist. Glen Sloan hat wenig Mühe, diese drei Goldsucher, die ihre Misserfolge feierten, zu überwältigen. Er bindet sie und bereitet alles für einen Aufbruch vor.

Mit den drei Mördern, wie er seine Opfer nennt und dem Toten, macht er sich auf den Weg nach Central City. Er lässt sich auf kein Gespräch ein, sondern benimmt sich wie ein fanatischer Gesetzesbeamter, der nur Verachtung für Mörder kennt und unterbindet auch jedes Gespräch zwischen den drei Partnern.

Da er ein skrupelloser Bandit ist, kennt er auch keine Fairness.

In den zwei Tagen, ehe er Central City erreicht, bekommen seine Gefangenen nichts zu essen und nichts zu trinken, sondern liegen die ganze Zeit über gebunden auf ihren Pferden. Nur einmal, als er selbst eine kleine Pause macht, bekommen die drei Gelegenheit, ihren wahnsinnigen Durst zu löschen und dürfen dann anschließend lang ausgestreckt auf dem felsigen Boden liegen.

Es sind drei junge, übermütige Burschen, die noch so unschuldig und unerfahren sind, wie neugeborene Kälber. Doch hart sind sie schon. Sonst hätten sie diese unmenschliche Tortur niemals überstanden.

Seitdem sie allein auf dieser Welt sind, hat das Leben sie hart gemacht. Jim, Jubal und Bob sind Waisenkinder, die schon so manchen Stoß bekamen, ehe sie sich fanden und feststellten, dass man zu dritt viel besser durch’s Leben kommt.

Jim ist zwanzig, Bob und Jubal zweiundzwanzig Jahre alt. Obwohl Jim der jüngste ist, ist er der Boss. Er ist ein riesiger Junge und stammt aus Nebraska.

Und hier ist seine Geschichte auch schon zu Ende. Bob und Jubal haben ihre Eltern noch gekannt. Sie wurden in irgend so einem Nest bei Denver in eine Schule gegeben. Von hier aus flohen sie, als es statt Brot, Prügel gab.

Als Glen Sloan für einige Minuten halbwegs einschläft, und die beiden mit den verschiedensten Fluchtplänen kommen, mahnt Jim zur Ruhe. Leise flüstert er seinen Partnern zu:

»Wenn wir wirklich den Kerl dort auf dem Gaul erschossen haben, dann aus Versehen. Ein Richter wird über unser Schicksal entscheiden. Hängen können sie uns nicht. Denn es kann nur ein Unglück gewesen sein. Und wir wollen doch nicht ewig mit einem Makel an uns durch das Land reiten. Schlucken wir es, dann haben wir es hinter uns.«

»Vorsicht, der Marshal bewegt sich!«, zischt Bob und legt sich zurück.

Glen Sloan stellt sich weiterhin schlafend und lässt die drei gewähren. Er will heraushören, wie sie zu dem Mord stehen, den er ihnen auf den Kopf zugesagt hat. Für ihn wird es leicht sein, die Gefangenen abzugeben und dann einen geheimen Auftrag vorzutäuschen, damit er sofort verschwinden kann, ehe man ihm weitere Fragen stellt.

 

 

3. Kapitel

 

Die Ankunft in Central City, wird vom ersten Moment an, da nur ein Bürger, den Marshal, die drei Gefangenen und den stark riechenden Toten sieht, ein triumphaler Einzug. Viel fehlt nicht und man würde Jim, Jubal und Bob ohne viel Federlesen aufhängen.

Doch der Ort hat einen guten Stadt-Marshal und sogar einen Richter. Wenn der Richter auch nicht vollbeschäftigt ist, jetzt bekommt er Arbeit und seine erste Anweisung ist:

»Schafft die Gefangenen ins Jail.«

Dann ermahnt er die Bürger zur Ruhe und lädt Glen Sloan ein, mit ihm zu speisen, wobei sie das Notwendigste besprechen könnten.

Dieser kleine Vorteil verschafft dem Mörder einen größeren Vorteil, als er jeh zu hoffen geglaubt hatte. Schon wenige Stunden später reitet er, vom Richter bedauert und bewundert, aus Central City hinaus, da ihn eine unaufschiebbare Aufgabe dazu zwinge.

Zurück bleibt ein nebenberuflicher Richter, der vom Gesetz und Gesetzesbeamten weniger versteht, als manch anderer pfiffiger Bürger. Da er aber von der Schuld der drei Partner völlig überzeugt ist, ordnet er gleich deren Verhandlung an.

Jim und seine Freunde erfahren es durch den Marshal dieses Ortes, Les Bartley und seinem übermütigen Deputy, der sich einen Spaß daraus macht, eine Hängepartie in Central City zu schildern.

Und wenn der vernünftige und gesetzestreue Les Bartley nicht gewesen wäre, hätten Jim, Jubal und Bob, diese anschließende Nacht nicht überstanden.

Am Morgen sind sie restlos fertig und sehen sich schon baumeln. Doch sie sind jung, mein Gott, viel zu jung, um unschuldig von einer verrückten Bürgermenge gehängt zu werden.

Nach dem Frühstück, welches ihnen der Deputy katzenfreundlich in die Zelle bringt, sind sie zu allem entschlossen. Jedoch die nächste Gelegenheit ergibt sich erst am Mittag und um fünfzehn Uhr soll ihr Prozess beginnen.

In diesen bangen und hoffnungslosen Stunden wächst Jim über sich selbst hinaus. Er ist es, der einen unfehlbaren Plan fasst und seine Partner zur Ruhe mahnt.

»Ich übernehme den Deputy«, erklärt er selbstsicher. »Bob nimmt die Waffe dieses aufgeblasenen Lümmels an sich und sichert die Tür zur Straße hin, bis ich mit Jubal bei den Pferden bin. Vergesst nicht, dass wir wenig Zeit haben und uns daher mächtig beeilen müssen, Freunde. Aber wir bleiben zusammen, was auch kommen mag.«

 

 

4. Kapitel

 

Zunächst sieht es so aus, als sollte ihr Ausbruch nur ein gefasster Plan bleiben. Der Deputy erscheint mit einem Keeper aus dem Saloon, der das Essen für die drei Gefangenen bringt.

»Verschwinde!«, befiehlt der Deputy dem Keeper, da er sich noch ohne Zeugen einen kleinen Spaß erlauben will.

Die drei Partner hocken ziemlich bedrückt in einer Ecke der Zelle und sehen kaum auf, als ihnen das Essen unter der Tür hindurch zugeschoben wird. Der Deputy wartet darauf, dass Jim und seine Freunde ihre vollen Teller holen. Sofort beginnt der Spaß dieses jungen, unkorrekten und bösartigen Deputys.

Jim hatte seinen Partnern eingeschärft, ängstlich und mutlos in der Zellenecke zu verharren, um den Deputy zu einer Unüberlegtheit zu veranlassen. Und der fällt auch prompt darauf herein.

Wütend, dass sein Spaß nicht klappt, gibt er den vollen Essenschüsseln einen Tritt, sodass sich diese rutschend und überschlagend auf dem Boden entleeren. Er schließt voller Zorn die Zelle auf, nimmt seinen Colt in die Faust und brüllt befehlend:

»Und jetzt wird gefuttert, ihr verdammten Ratten. Los, runter mit euch und schlappert den Fraß wie die räudigen Straßenköter, zum Teufel noch mal, oder ihr spart die Verhandlung und das Hängen.«

Eiskalt wartet Jim ab und mit ihm seine Partner, denn noch reicht es ihnen nicht ganz. Erst als der Deputy zwei Yards in die Zelle eingedrungen ist, seine Aufmerksamkeit einem Stück Fleisch schenkt und es mit einem gewaltigen Tritt gegen die Zellenwand schleudert, schnellt Jim hoch und stößt sich vom Rand der Pritsche ab.

Es wird ein einmaliger Flug, der mit vollem Erfolg endet. Jim schleudert mit der Linken die Colthand des Deputy zur Seite und schlägt mit der Rechten zu. Schon ist auch Jubal neben ihm, der mit einem losen Brett der Pritsche zuschlägt. Bob reißt die Waffe an sich und huscht zur Straßentür.

Gleich darauf rennen ihm Jim und Jubal hinterher, um den hinteren Ausgang zu erreichen. Jim schließt einmal den noch steckenden Schlüssel rum und ist wenige Sekunden später im Stall bei den Pferden.

Es hätte glatt gehen können. Doch dieser junge aufgeblasene Stellvertreter des Marshals kann eine Menge vertragen. Und Jim machte den großen Fehler, den Schlüssel nur einmal umzudrehen, obwohl er einige Male erlebte, dass immer zweimal geschlossen wurde.

»Bob!«, zischt Jubal seinem Partner zu und hält die Tür halb auf.

In dieser Sekunde kommt der Deputy aus der Zelle gestürmt. Wie ein Geist erscheint er Bob, dieser verliert die Nerven und schießt.

»Kommt!«, schreit Jim, der nach diesem Schuss ahnungsvoll im Türrahmen auftaucht und den zusammenfallenden Deputy erkennt. »Hast du ihn …?«

»Ich …«, zittert Bob, der zum ersten Mal auf einen Menschen schoss. »Voll getroffen, Jim.«

»Nichts wie weg!«, kreischt Jubal ängstlich und rennt los. Jim zieht den starr dastehenden Bob mit sich und sagt, als sie in die Sättel springen:

»Sei kein Narr. Ob du oder ich geschossen haben ist jetzt egal. Vorwärts, Partner! Folgt mir und bleibt zusammen!«

 

 

5. Kapitel

 

Nur wenige Bürger sind auf der Straße und von diesen hat kaum einer eine Waffe dabei. So gelingt es den dreien, den Ortsausgang ungeschoren zu erreichen. Dort angekommen blicken sie sich kurz um, geben ihren Pferden erneut die Sporen und jagen nach Osten.

Gegenüber dem Marshal-Office steht das einstöckige City Hotel. Sofort nach dem Schuss fliegt eins der oberen Fenster auf und ein gut aussehender und gepflegter Mann erscheint im offenen Viereck.

Mit einem Blick hat der Rancher John B. Carson, die Flucht von Jim und seinen Freunden erkannt und benötigt nur ein paar Sekunden, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Der Rancher ist nur zufällig hier im Hotel. Mister Carson besitzt die, Balken- und die C im Circle Ranch. Aber die Landarbeit befriedigt ihn nicht. John B. Carson hat es mit der Politik, in ihr geht er auf, für sie lebt er. Sein Ziel ist, Gouverneur von Colorado zu werden. Seit gestern wartet er auf einen Nachrichtenmann und erlebte den Einritt des Marshals mit seinen Gefangenen und einem Toten.

Das interessierte ihn wenig. Doch jetzt war ein Verbrechen unter seinen Augen geschehen. So vermutete er es, und die drei bestätigten es mit ihrer Flucht.

Präzise und gut hörbar ertönt seine Stimme über die Straße und erreicht jedes Ohr in Central City.

»Holt den Marshal und benachrichtigt jeden Bürger, der im Besitz einer Waffe ist. In zwanzig Minuten will ich vierzig Männer vor dem Hotel sehen. Wir reiten sofort in zwei Gruppen. Beeilt euch, Leute!«

Danach zieht er seinen guten Rock aus und wählt seine Tagesjacke. Er eilt hinab in den Hof und gibt dem dort wartenden Boy den Befehl, sein Pferd zu satteln. Rancher Carson ist der Erste vor dem Hotel, der ungeduldig auf die herbeireitenden und herbeieilenden Bürger wartet.

Auch Marshal Les Bartley erscheint gleich darauf und sagt zu den Anwesenden: »Sie haben meinen Deputy erwischt. Schaden tut es dem Bengel nicht, die Kugel bringt ihn nicht um. Ich bin fertig. Reiten wir, Mister Carson. Bis zum Abend haben wir alle drei Ausbrecher gefasst.«

Der Rancher teilt noch schnell die Bürger in zwei Gruppen und bestimmt, dass der Marschal als Ziel, die Grenze nach Nebraska nimmt.

Er selbst will mit den übrigen Männern die Spur von Jim und seinen Partnern verfolgen. Treffpunkt sei bei Misserfolg, die Grenze nach Wyoming, an der Straße nach Cheyenne.

 

 

6. Kapitel

 

Seit zwei Stunden befinden sich die drei Partner in der bizarren Felswildnis des Goshen Hole. Jedes Yard muss erkämpft werden, denn hier gibt es keinen Weg.

Dieser Teil des Hole gleicht einer zerstörten Festungsanlage aus der klassischen Altzeit. Nach Norden zu, bestimmen nur ein paar Felsenkegel, die Zwillinge, die Drillinge und der Doty Butte, die Gegend. Dort ist das Gelände auch freier.

Nur ein Narr würde hier in der Nacht einreiten oder Menschen wie sie, die auf der Flucht sind. Hat man dreißig Schritt nach Norden gewonnen, so muss man ganz bestimmt vierzig nach Westen und dann zehn nach Süden in Kauf nehmen, will man weiterkommen.

Im Laufe des Tages hatten sie erkennen müssen, dass ihnen der direkte Weg nach Nebraska schon abgeschnitten war, denn Marshal Les Bartley kennt sich hier gut aus.

Als junger Mann war er einige Jahre Sheriff in der großen und bekannten Bruderstadt, dem Goldgräberort Central City, siebzig Meilen vom kleinen Central City entfernt gewesen und war schon so manchem Banditen gefolgt.

Jim ist mit seinen Freunden nach Norden eingeschwenkt und will versuchen, über Wyoming nach Nebraska zu kommen. Plötzlich ging der Weg bergab, als sie schon mitten im Hole sind und gleich darauf ein Weiterkommen nicht möglich ist.

Jim hält vor einer unüberwindbaren Felsenmauer und drängt sein Pferd zur Seite, damit auch Jubal und Bob aufrücken können.

»Freunde, wir legen hier eine Pause ein, Wasser gibt es dort drüben. Schnallt die Gurte locker und tränkt die Tiere. Ihr könnt euch für drei Stunden hinlegen, dann geht es weiter.«

Jim ist der Boss. Er denkt und bestimmt. Bob und Jubal haben immer auf ihn gehört, doch heute Nacht ist es anders.

»Das kommt gar nicht in Frage, Jim«, antwortet Bob mit greller Stimme. »Wenn einer wacht, dann bin ich es. Und überhaupt, was habt ihr mit dem Schuss auf den Deputy zu tun? Ich werde mich stellen, Partner!«

»Die Pferde!«, mahnt Jim und rutscht aus dem Sattel. Er steht einen Moment wankend da und holt saugend Luft, bevor er wütend sagt:

»Du Narr, hier stellt sich keiner, solange ich der Boss bin. Wir sind drei Partner und bleiben zusammen.«

»Genau!«, mischt sich Jubal ein. »Wenn wir schon Partner sind, dann wollen wir auch gemeinsam sterben oder durchkommen.«

Doch Bob will nichts davon hören. Er möchte seine Partner in diese Sache nicht reinziehen und benimmt sich daher ziemlich hysterisch. Jubal ist darüber ärgerlich und verhöhnt den Freund, dann würde er eben zweimal aufgeknüpft. Einmal für den Toten Händler aus den Bergen und dann für den Deputy.

»Schont eure Kräfte«, mahnt Jim. »Ich sagte, die Pferde sollen getränkt werden und dann legt ihr euch hin! Schluss jetzt, kein Wort mehr!«

Nun, da sie etwas Ruhe haben, spürt wohl jeder, wie zerschlagen er ist und wie notwendig jetzt ein kräftiges Essen wäre. Aber sie haben nichts dabei.

Ihre letzte Mahlzeit hatten sie gestern früh gehabt. Denn als der Deputy mit dem Mittag kam, stürzten sie aus der Zelle, rissen ihre Sachen aus dem primitiven Schrank im Sheriff-Office und rannten über den Hof zu ihren Pferden.

Alles war so schnell gegangen und doch nicht schnell genug. Denn der Deputy wachte zu früh auf und schlug Alarm. So blieb ihnen keine Zeit mehr, auch noch nach etwas Essbarem für ihren bevorstehenden Weg zu suchen.

Ganz von selbst strecken sich Jim, Bob und Jubal in das dürftige Gras und legen den Kopf zurück, keiner beschwerte sich über einen knurrenden Magen. Über ihnen strahlen die Sterne an einem klaren Nachthimmel. Nur von der Felswand tropft es, sonst ist es still – unheimlich still.

Bob und Jubal schlafen fast sofort ein. Nur Jim hält sich mit Mühe wach. Er kämpft vehement mit dem übermächtigen Gefühl, alles sei nur halb so schlimm. Der Wunsch in ihm, nur für Sekunden die Augen schließen zu dürfen, wird von Minute zu Minute immer stärker.

Ihn hält es nicht länger auf seinem Lager, steht daher leise, um die beiden nicht zu wecken, auf und geht ein Stück an der Wand entlang. Verblüfft überspringt er den kleinen Creek und weiß in diesem Moment, dass hier ein Durchgang ist. Vorsichtig geht er weiter, denn zu leicht kann man sich in diesem Wirrwarr von Felsen und Felsgebilden verlaufen.

Seine Erkundungen enden an einer halbhohen Mauer, die steil abfällt. Der Mond steht mittlerweile hoch am Himmel und lässt mit seinem Licht die Umgebung in einem silbrigen Glanz erstrahlen.

Er schaut nach unten und kann ganz deutlich den breiten Sandstrand sowie den kleinen Fluss erkennen. Doch was er dort noch erblickt, lässt ihn fast erstarren; auf diesem sandigen Uferstreifen reitet eine Gruppe schwer bewaffneter Männer an ihm vorbei.

Der Wind steht günstig, daher kann Jim jedes Wort, das dort gesprochen wird, verstehen. Meist sind es Flüche, die sich aber ausnahmslos auf ihn und seine Partner beziehen. Er bekommt mit, dass diese Männer da unter ihm zu einem der Aufgebote gehören, die sie jagen.

 

 

7. Kapitel

 

Unruhig wartet Jim noch eine Zeit lang, bis er es nicht mehr aushält und leise zum Lager zurückläuft. Er weckt seine Partner und treibt sie zur Eile an. Beide sind schnell wach, denn wer mit dem Gedanken einschläft, verfolgt zu werden, rechnet mit jeder Möglichkeit.

»Hast du etwas gehört, Jim, dass du uns jetzt schon weckst?«, fragt Jubal.

»Leise!«, zischt Bob. »Zum Teufel, Jim, wo sind sie?«

»Es ist nichts, Freunde«, versucht Jim seine Partner zu beruhigen. »Aber wir müssen weiter. Seht ihr den hellen, schmalen Streifen im Osten? In zwei Stunden ist schon Tag.«

»Dann haben wir ja … Jim, du hast doch nicht etwa die vier Stunden wachgelegen?«

Ohne auf die Frage seines Freundes weiter einzugehen, spricht er leise weiter: »Beeilt euch! Eins der Aufgebote muss hier ganz in der Nähe sein. Beruhigt euch aber, denn in diesem Irrgarten kann man aneinander vorbeireiten, ohne sich zu sehen. Nehmt die Pferde am Zügel! Wir gehen besser zu Fuß.«

Wie schon vor ungefähr vier Stunden, beginnt Bob auch jetzt wieder mit dem Vorschlag, die beiden Freunde sollen allein weiterreiten, er wolle sich stellen.

»Wartet doch noch eine Minute«, fährt er ärgerlich fort, als sich Jim und Jubal nicht um seine Worte kümmern. »Ihr verdammten Narren! Jetzt passt mal genau auf: Sobald wir feststellen, dass eine Flucht unmöglich wird, bleibe ich zurück und halte die Kerle auf. Ihr seht zu, dass ihr Meilen gewinnt, und kümmert euch nicht um mich! Kapiert!« Seine letzten Worte schreit er fast.

»Wenn du auch nur den Versuch machst, zurückzubleiben, wende ich meinen Gaul und stelle mich den Männern des Gesetzes als der Mörder des Deputys. Du kennst mich, Bob. Ich bluffe bei meinen Partnern nie.« Jim wirkt bei diesen Worten gefährlich ruhig. Nur wer ihn genau kennt, weiß, dass der Schein trügt.

Noch einen Moment flucht Bob vor sich hin und folgt dann seinen Freunden, die schon um die nächste Felsennase gebogen sind.

Sie bleiben stehen und Jim zeigt den beiden den kleinen Creek und wo er die Männer des Aufgebotes gesehen hat.

Es sieht wirklich so aus, als wäre die Welt hier zu Ende. Doch was Jim vorhin nicht sehen konnte, das entdeckt jetzt Jubal, als er sich bei zunehmendem Tageslicht etwas umsieht.

Nur ein paar Yards weiter nach links, führt eine natürliche Treppe hinab. Ein Spaziergang wird es nicht, das erkennen alle drei ganz schnell. Im Gegenteil, ihr Vorhaben kann sehr leicht schiefgehen. Sie werden dafür den Pferden die Augen verbinden müssen, denn kein Gaul steigt dort freiwillig hinab.

Jubal ist, trotz der zu erwartenden Schwierigkeiten, von seiner Entdeckung begeistert. Er kommt noch einmal auf ihr altes Thema zurück und sagt überzeugt:

»Es wird immer Möglichkeiten wie diese hier geben, sodass wir es schaffen werden. Wir sind drei Partner und haben uns Treue geschworen. Für mich ist diese Partnerschaft erst vorbei, wenn ich tot bin. Ja, wenn ich als Letzter sterbe, nur dann.«

Es wird ein glatter Abstieg. Jim ist mit seinem Gaul vorn und findet immer wieder die beste Gelegenheit, um ein Stück weiter nach unten zu kommen.

Sie führen die Pferde gleich in den Creek, sitzen hier auf und reiten nach Westen im Bachlauf weiter. Von Westen her kam das Aufgebot, also können sie es unmöglich treffen.

Als es schon auf Mittag zugeht, verengt sich das Bett des Creeks, und die Strömung fließt merklich schneller.

»Ein Wasserfall, zum Teufel noch mal«, flucht Jubal und sieht nach links und rechts die steilen Wände hoch.

»Wir könnten auch den Bach verlassen«, sagt Jim nachdenklich.

»Aber seht euch nur genau um! Überall das Gleiche: Steine in allen Größen. Ein richtiger Irrgarten. No, ich schlage vor, wir bleiben im Wasser.«

»Jim, wir reiten seit heute Morgen stur nach Westen. Nebraska liegt südöstlich. Denkst du auch daran?«

»Könnt ihr euch vorstellen, dass uns die Aufgebote an der Grenze erwarten? Nur im Schutze der Nacht können wir durchbrechen und bis dahin ist noch viel Zeit.«

Nach einer dreiviertel Stunde scheinen die Wände zusammenzuwachsen und ein Weiterkommen wird unmöglich. Sie müssen zurück, so bitter wie es ihnen auch schmeckt.

Sie verlassen den Creek sobald es möglich ist und dringen in das Gewirr der Felsen ein, um möglichst die nördliche Richtung zu halten.

Nach einer grausamen Kletterpartie, können sie endlich wieder in den Sattel steigen. Es geht zwar abwärts, aber sie haben die Prärie erreicht. Alle drei sind erleichtert, glauben sie doch, den schlimmsten Teil des Weges hinter sich zu haben.

»Da seht nur!«, ruft Jim fast euphorisch aus, »der Doty Hill! Drei Meilen weiter liegt die Doty-Ranch. Ich war mal als kleiner Junge dort. Freunde, wisst ihr, wie weit Nebraska noch entfernt ist? Heh, sperrt nur eure Ohren auf! Keine fünfundzwanzig Meilen mehr.«

»Jim«, zischt Jubal plötzlich erschrocken, »sieh nach rechts.« Alle Blicke gehen in die angegebene Richtung. »Das eine Aufgebot!«, ergänzt er mit matter Stimme.

»Dann nichts wie weg«, schreit Bob ängstlich und setzt bei seinem Pferd die Sporen ein. »Jim, bring uns zur Doty-Ranch!«

Bob jagt unüberlegt los. Mit der aufwirbelnden Staubwolke lenkt er die Männer des Aufgebotes unnötig auf sich und seine Partner. Er hofft, auf einer Ranch sicher zu sein, weil er glaubt, ein Weidereiter würde ihn schützen und helfen, denn Bob und Jubal sind manchen Sommer für manche Ranch geritten.

Doch Jim hat ihn bald eingeholt und greift im Vorbeiritt seinem Partner in die Zügel und zwingt den Gaul zum Stehen.

»Bist du toll?«, fragt er gefährlich. »Ausgerechnet auf die Ranch reiten zu wollen? Welcher Cowboy wird einem Mörder helfen? Und wir haben sogar einen Mann des Gesetzes erschossen, du Narr. Komm jetzt, wir verschwinden im Hole, diesen Unsinn hättest du uns ersparen können.«

Jim bringt es fertig, dass ihm Bob folgt und als sie beide Jubal erreichen, drehen sie alle noch einmal auf und fliehen zurück in das hitzeflimmernde Gewirr von Felsen und irreführenden Felsgebilden.

Nur ganz knapp entkommen sie dem heranjagenden Aufgebot. Schon krachen eine Salve und mehrere Schüsse, abgefeuert im vollen Galopp. Und vielleicht haben sie nur deshalb Glück, denn keine Kugel trifft.

Sie klettern, reiten und gehen den ganzen Weg zurück, den sie gekommen sind. Gegen Abend haben sie die natürliche Treppe erreicht, jene Abstiegsstelle, die nur ein spielender Riese gebaut haben kann.

Die Furcht, vor dem Hinaufklettern ist so groß, dass sie verzweifelt wenden und ihre Pferde nach Süden drängen.

Sie sind vielleicht nur eine halbe Stunde auf dem breiten Sandstrand, entlang des Creeks, in dieser Richtung geblieben, als sich ihnen eine Abzweigung nach Osten zeigt.

»Ha, ha, das hätten wir geschafft«, lacht Bob übermütig und drängt sich zwischen Jim und Jubal.

Einige Minuten können sie so nebeneinander her reiten. Alle drei scheinen das Gefühl zu genießen, wie schön es ist, zwei zuverlässige Partner zu haben. Ganz wie in alten Zeiten kommen sie sich vor, als sie Bügel an Bügel reiten. Sie sind jung. Herrgott, warum sollten sie es nicht schaffen?

Dann wird es wieder enger und ganz plötzlich hören die Felsen auf. Vor ihnen, im Schein der Sterne, liegt die freie Prärie. Erleichtert setzen sie zeitgleich die Sporen ein, ohne, dass Jim es bestimmt. Ihre Pferde preschen los. Auch sie scheinen erleichtert zu sein, dass die unwegsame Strecke nun hinter ihnen liegt. So geht es lachend und scherzend über einige Meilen dahin.

Wie weit kann Nebraska noch sein? Aber ist das in diesem Moment nicht egal? Was unmöglich schien, sie haben es geschafft.

Wenige Minuten später müssen sie leider erkennen, dass sie Nebraska niemals erreichen werden und wenn es hell wird, werden sie auf eine harte Probe gestellt. Denn dann muss sich jeder entscheiden: Partnerschaft oder Freiheit. Leben oder Tod.

 

 

8. Kapitel

 

Als die Drei wieder einmal einen kleinen Hügel hinaufpreschen, zügeln sie überrascht ihre Pferde und blicken besorgt nach vorn. Sie gehen schnell hinter einem Gebüsch in Deckung, um im Schein des Mondes nicht gesehen zu werden. Drei Feuer blinken durch die Nacht.

»Es kann nur eins der Aufgebote sein«, sagt Jim überzeugt. »Drei Feuer bedeuten ungefähr zwanzig Männer. Aber das wäre noch nicht einmal so schlimm. Doch sie haben die Furt am Cherry Creek besetzt. Dort kommen wir nicht durch.«

Jim war als Kind in dieser Gegend. Er weiß also Bescheid und kennt sich hier aus. Als ihn seine beiden Partner kurze Zeit später verbittert und ungläubig auffordern, doch nach Süden auszuweichen, antwortet Jim erklärend:

»Ja, wenn wir jenseits des Cherry Creek wären, dann hätten wir diese Möglichkeit. Aber es gibt weit und breit nur diesen einen Übergang über den Creek und wer nach Nebraska will, muss diese Furt benutzen. Wir müssen zurück, durchs Hole und dann erst südlich abbiegen, um später nach Osten einzuschwenken Partner. Es hört sich zwar schlimm an, aber was ist schon ein Umweg von fünfzig Meilen. Morgen …«

Doch Bob und Jubal wollen nicht bis morgen warten. In ihren Eingeweiden wühlt der Hunger. Ihre Pferde sind zwar noch nicht am Ende, doch wer mit Pferden lebt, weiß, wie lange ein Tier ohne Futter durchhalten kann. Und Jubal trifft den Nagel genau auf den Kopf, als er antwortet:

»Ich gebe den Pferden noch zehn Meilen, Jim. Dann brauchen wir andere Tiere, wollten wir uns nach deinem Vorschlag richten. Ich bin für einen Durchbruch. Stimmen wir ab, Partner, wir wollen keinen Fehler machen.«

»Ich denke wie Jubal«, pflichtet Bob seinem Partner bei. »Immer nur hin und zurück und wieder hin …« Damit ist Jim überstimmt und muss sich dem Wunsch seiner Freunde fügen.

»Reiten wir! Doch kurz vor den Feuern führen wir die Pferde zu Fuß bis an die Furt und dann müssen Sekunden entscheiden. Vielleicht haben wir Glück.«

Zum letzten Mal hat Jim seinen Partnern einen Befehl gegeben. Denn nun reiten sie an und reiten in den Tod. Ganz bestimmt fühlen sie die Gefahr, der sie entgegenreiten und vielleicht wissen sie auch, dass dort hinten an der Furt, der Tod lauert.

Aber sie wollen nicht mehr zurück. Sie haben es satt, gejagt zu werden, vorsichtig sein zu müssen, wie ein Stück Wild.

Sie sind jung und haben noch nie erfahren, was es heißt, das Leben zu verteidigen und Unrecht zu ertragen. Und darum sind sie auch jetzt so verzweifelt und suchen die Entscheidung, ohne zu überlegen.

 

 

9. Kapitel

 

Die Nacht vertuschte die Entfernung. Es geht zunächst einige Hügel rauf und runter und dann noch eine größere Strecke über flaches Land, Jetzt führen sie schon ihre Pferde an den Zügeln. Das ist ganz gewiss zu früh geschehen, denn schon beginnt dort hinten, wo Nebraska liegt, ein neuer Tag sich anzumelden.

Mit dem ersten hellen Schimmer des neuen Morgens sind sie an der Furt. Als sie aufsitzen sehen sie sich noch einmal an und nicken sich tapfer zu. Keiner weiß, wie die nächsten Minuten verlaufen werden und keiner weiß, ob er es ist, der durchkommt oder sterben muss.

»Ich nehme die Spitze, Jim«, sagt Bob leise. »Das müsst ihr mir schon erlauben, schließlich habe ich geschossen.«

»Eine schöne Zeit liegt hinter uns«, entgegnet Jim ernst. »Denkt an meine Worte: Gleich an der Furt nach links und nicht schießen! Bob, du bist und bleibst ein Narr. Sei vorsichtig, Freund. Und nun los!«

Da reiten sie an. Noch dreißig Yards sind es bis zu den Feuern, siebzig bis zur Furt. Deutlich kann man die Männer rings um die niedergebrannten Feuer erkennen. Und weil die drei noch zu jung und unerfahren sind, fällt ihnen nicht einmal auf, dass kein Posten zu sehen ist. Sie reiten genau in eine gestellte Falle.

Wie Schatten sind sie an den Feuern vorbei, da erhebt sich längs des Flussufers, hinter jedem Stein ein Mann mit einem angeschlagenen Gewehr.

Bob lebt nur noch wenige Sekunden. Er stirbt im Sattel und fällt leblos zur Erde, von acht Kugeln getroffen.

Jubal erwischt es nicht minder schwer. Sein Pferd bricht unter ihm zusammen und er selbst hat eine Kugel im Leib. Kreischend vor Schmerz kriecht er im Kreise umher und sucht den entfallenen Colt.

Nur Jim entkommt dieser schrecklichen Salve. Sein Pferd steigt von seinem harten Zügelruck und wendet auch noch halb. Aber mitten in dieser Bewegung bricht es in die Knie.

Jim springt rechtzeitig ab. Er kommt gut auf und rennt auf Jubal zu. Und jetzt greift er zur Waffe. Es ist eine Reflexbewegung in der Panik und er glaubt, den Partner noch retten zu können.

Aber dann schießt er doch nicht. Er steht nur über Jubal und hält den Lauf gesenkt. Seine Augen fliegen in die Runde, zu jedem Mann des Aufgebotes und jetzt weiß er auch, dass sie in eine gestellte Falle geritten sind. Er hatte es anders gewollt.

Jim steht einige Sekunden, ohne, dass auch nur ein weiterer Schuss fällt, sie warten darauf, dass er den Coltarm hebt.

Da berührt Jubal seine Stiefel und sagt schreiend:

»Jim, sie haben mich im Bauch getroffen. Mein Gott, diese Schmerzen.«

Da lässt Jim den Colt fallen und beugt sich nieder. Seine Arme umschließen den Partner und hörbar, auch für jeden Mann des Aufgebotes sagt er tröstend:

»Sie werden dich schnell zu einem Arzt schaffen. Du musst keine Angst haben. Ganz bestimmt wirst du es überstehen.«

Sie sehen sich an und ihr Blick gleitet weiter, bis zu jenem Punkt, wo Bob verkrampft und leblos liegt.

»Genug gesehen?«, dringt eine harte Stimme an ihr Ohr. »Ein leichter und schneller Tod. Euch wird man hängen und das geht nicht so glatt wie eine sichere Kugel. Vorwärts nun! Nehmt die Arme hoch!« »Mein Partner hat einen Bauchschuss, er muss zu einem Arzt. Ich habe keine Waffe außer meinem Colt«, entgegnet Jim und zeigt mit dem Kopf zu seinem Revolver.

 

 

10. Kapitel

 

Hier an der Furt sind nur die Männer aus Central City, jenem kleinen Ort am Rande der Rocky Mountains, der im Schatten seines großen Bruders ein kümmerliches Dasein fristet.

Die Männer liegen hier ohne Aufsicht des Sheriffs und sind natürlich besonders stolz über ihre Leistung. Den Wortführer macht der Besitzer des Saloons, ein ehemaliger Spieler und Revolverheld.

Der Marshal ist unterwegs und sucht Rancher John B. Carson. Da sich kein Bürger aus dem Aufgebot zu diesem Auftrag benennen ließ, musste Les Bartley schon allein reiten, nachdem er noch schnell ein paar Anweisungen gegeben hatte, falls die drei Flüchtenden hier durchkämen. Dann hätte Bob noch gelebt und Jubal hätte keinen Bauchschuss.

Aber auch für Jim wird das Fehlen des Marshals für einige Stunden die Hölle. Der Salooner bestimmt und die Bürger gehorchen diesem skrupellosen und als gewalttätig bekannten Mann.

»Ihr sollt aufstehen und die Flossen hochnehmen!«, brüllt der Salooner und schießt Jim mit einer Präzision eine Kugel so dicht über den Kopf, dass noch seine Haare berührt werden.

Dieser erschrickt mächtig und hebt langsam die Arme. Dabei muss er den halb liegenden Jubal fallenlassen, der mit einem tierischen Schrei zu Boden geht und kreischend brüllt:

»Jim, lass mich nicht im Stich!«

Da vergisst Jim alles um sich herum und beginnt seinem Partner die Kleidung abzustreifen. Auch wenn der Salooner den wilden Mann spielt, es sind einige Bürger dabei, die ihn ermahnen, den Verwundeten zu verbinden und auf eine Trage zu legen.

»Ihr redet mir zu viel«, antwortet der Saloonner kalt. »Macht euch nur nicht in die Hosen, weil die Burschen noch so jung und unschuldig aussehen. Es sind Mörder, verdammt, oder was glaubt ihr?«

Man einigt sich halbwegs. Jubal wird verbunden und Jim gefesselt. Aber eine Schleppe wird nicht gebaut. Einer der Bürger nimmt Jubal zu sich in den Sattel. Jim aber muss laufen und seine Qual endet erst, als Marshal Les Bartley und der Rancher mit dem zweiten Aufgebot auf die heimkehrenden Männer unter dem Salooner Zusammentreffen.

Das ist vier Stunden später. Jim bricht sofort zusammen, als die Reitergruppe anhält. Auch wenn der Rancher sowie der Marshal jetzt bestimmen, sofort eine Schleppe für den Verwundeten zu bauen, für Jubal ist es zu spät.

Rancher John B. Carson ist besonders entrüstet. Als kommender Politiker braucht er einen unbefleckten Lebensweg. Er kann noch so schöne Reden halten, jeder seiner Gegner, die es ja in jedem Wahlkampf gibt, werden ihm Vorhalten können, in einem Aufgebot geritten zu sein, wo es zwei Tote gab.

Es wird ein missmutiger Abend. Die Bürger von Central City liegen an zwei verschiedenen Feuern. Die einen wollen unbedingt das Gesetz sein, die anderen wollen Menschen bleiben.

Als man Jim die Hände löst und zu essen geben will, gibt es schon wieder Streit. Zornig stößt Jim das Angebotene zurück und sagt verächtlich:

»Ich soll essen, als wäre nichts geschehen? Ihr habt meine Partner getötet, gemordet! Jawohl, es war Mord. Wir haben keinen Mann in den Bergen getötet, wie man uns vorwirft und euer Deputy …war das noch ein Mensch?«

»War?«, fragt Marshal Les Bartley. Verdammt Leute, warum lasst ihr den Jungen in dem Glauben er sei tot? No, Boy, mein Deputy lebt noch und ich werde ihn fragen ob er seinen Spaß mit euch getrieben hat.«

»Nun brechen Sie nur nicht in Tränen aus, Marshal, wer ist ein Mörder und wer hat geschossen?«, schimpft der Salooner los.

»Ruhe!«, mahnt der Rancher. »Leute, nun gebt doch endlich Ruhe und ein jeder beherrsche sich. Wir bringen diesen jungen Mann, über den der Richter entscheiden wird, zurück. Und nun legt euch schlafen! Morgen wird wieder ein harter Tag.«

 

 

11. Kapitel

 

»Dann kann ich dir nicht helfen«, sagt der Richter übelgelaunt, da Jim nichts zugibt und immer wieder beteuert, er und seine Partner hätten keinen Mann erschossen. Auch wenn sie noch so blau gewesen wären, das hätten sie noch erkannt, wenn sich ein Mann ihrem Camp genähert hätte.

»Ich habe hier das Protokoll. Unterschrieben vom Staaten-Marshal William Gran. Und dieser gibt an, den Toten, wenige Yards von eurem Feuer entfernt, gefunden zu haben. Weiter steht hier, dass er bei eurer Festnahme eure Waffen prüfte und angibt, jeder hatte ungefähr drei Kugeln verschossen. Der Tote lag da, als wäre er ausgeplündert.

Ich bitte jetzt die Jury sich zu besprechen und ihren Spruch zu fällen. Dreißig Minuten Pause, Ladies und Gentlemen!«

»Komm Jim«, sagt Marshal Les Bartley leise zu dem Angeklagten und führt ihn hinaus auf den hinteren Flur des Saloons, wo heute die Verhandlung abgehalten wird.

»Hier, Junge, steck dir eine ins Gesicht und wenn du noch irgendetwas zu sagen hast, dann rücke damit heraus. Bevor der Richter seinen Spruch tut, ist noch nichts verloren.«

Doch Jim schüttelt nur starrsinnig den Kopf. Jetzt, da er weiß, dass ihn nichts mehr retten kann, freut er sich fast, sterben zu müssen.

Sie waren drei prima Partner. Für Jim waren Bob und Jubal alles, was er auf dieser Welt besaß. Und Jim glaubt, seine Partner hätten alle Kugeln aufgefangen, nur um ihn zu schonen.

Er kann sich kaum an die wenigen Sekunden an der Furt erinnern.

Es ging zu schnell. Er war der Letzte, das weiß er noch. Und jetzt schämt er sich, weil er noch lebt. Er nennt sich untreu.

Jim nimmt die dargebotene Zigarette und raucht ruhig und gelassen. Nur der Marshal, der ein guter Menschenkenner ist und Jim für einen prächtigen Jungen hält, tritt unruhig von einem Bein auf’s andere. Die Minuten verrinnen und er kann nichts tun.

Und jetzt muss auch noch ausgerechnet der Salooner über den Flur laufen. Er sieht Jim ohne Fesseln und rauchend. Da wird er böse. Bis Marshal Les Bartley ihn abschütteln kann, hört man schon den Ausrufer im Saloon schellen. Die Verhandlung geht weiter.

Aber ganz ohne Erfolg will Les Bartley nicht gehen. Er packt Jim an den Aufschlägen seiner Jacke und sagt wütend:

»Verdammt, du Narr. Ich will dir helfen, Jim, verstehst du das nicht? Rede doch endlich! Was weißt du noch?«

»Nichts«, antwortet Jim. »Und trotzdem weiß ich genau, dass wir den Händler nicht erschossen haben. Wenn man den Marshal William Gran fragen könnte, wüssten wir mehr, Mister Bartley.«

Doch nun drängt die Zeit. Noch bevor die Mitglieder der Jury von dem Richter gefragt werden können, hebt Marshal Bartley den Arm und bittet etwas sagen zu dürfen.

Aber er schafft es nicht mehr. Aufgeputschte Bürger, Narren, die es in jedem Ort gibt, verlangen, dass man endlich den Mörder verurteile.

Da auch einige Bürger, die mit in der Jury sitzen zu diesen Narren gehören, werden die Vernünftigen übertönt und man befindet Jim als schuldig. Der Richter setzt allem die Krone auf, als er Jim zum Tode durch den Strang verurteilt.

 

 

12. Kapitel

 

Zwei Tage später beginnen die örtlichen Festtage und man beschließt auch allen auswärts wohnenden Leuten Gelegenheit zu geben, der Hängepartie beizuwohnen. Man will Jim, zur Anregung der Festtage, als außerordentliche Schau, aufhängen.

An diesem Morgen strömen die Bürger zum Platz am Friedhof, wo ein richtiger Galgen aufgebaut ist. Man hat nichts unterlassen, die dreizehn Stufen fehlen ebenso wenig wie eine einwandfreie Klappe und der Strang wurde schon von einem Fachmann geprüft.

Von den Ranchen sind viele Wagen zum Fest gekommen. Kinder und Frauen, Cowboys, Damen und Herren, alles hat sich eingefunden und marschiert den kurzen Weg in der prallen Sonne zum Schauplatz.

Marshal Les Bartley und zwei Bürger haben die unangenehme Aufgabe, Jim vom Jail zum Galgen zu begleiten. Es wird ein bitterer Weg.

Nur mit Mühe verschafft sich der anständige Marshal Platz um Jim unbeschadet abzuliefern. Denn am Galgen übernehmen zwei andere Bürger unter einer dunklen Kapuze den Verurteilten. Sie sind die Henker.

Einen Moment bleibt Jim vor der ersten Stufe stehen, die jene Treppe bilden, welche oben auf der kleinen Plattform endet. Erst jetzt kommt ihm zu Bewusstsein, dass er in wenigen Minuten tot ist.

Aber um ihn herum wogt das volle Leben, bunt und herrlich und noch scheint die Sonne. Da wird er weich. Nur mit Mühe schafft er die dreizehn Stufen. Doch gegen jede Vorschrift, ist auch Marshal Les Bartley mitgekommen.

Er hebt den Arm, als die Menge johlt und schreit und löst Jim die Handschellen.

»So eilt es nun doch nicht«, ruft er hinunter, wo einige ganz Gesetzestreue, den sofortigen Beginn des Hängens fordern. »Jeder, der hier oben steht, darf noch einen Wunsch äußern. Und dieser Junge möchte noch eine Zigarette rauchen.«

Er überhört jeden Vorwurf oder gutgemeinten Ratschlag kluger Leute und dreht Jim eine recht dicke Zigarette. Umständlich gibt er Feuer.

»Man hat dir arg mitgespielt, Jim. Wenn ich an der Furt am Cherry Creek gewesen wäre …«

Aber es kommt alles ganz anders. Und aus dem Hängen wird heute nichts.

 

 

13. Kapitel

 

Vor dem Saloon stehen die Pferde dichtgedrängt an den Haltebalken. Auch der Mietsstall ist überfüllt. Noch schlimmer ist es, einen Platz für seinen Wagen zu bekommen.

Nur der offene Kastenwagen von der Balken-Ranch, der die Familie Carson und das Hauspersonal in die Stadt gebracht hat, bildet eine Ausnahme. Er steht herausfordernd vor dem City Hotel.

Die Bremsen sind zwar angezogen und die Leinen straff an das Wagenbrett gebunden. Aber sonst ist der Wagen mit den vier Füchsen fahrbereit.

Das Personal ist zum Schauplatz gegangen. Der Rancher und seine Gattin aber sitzen in der Kühle der Hotelbar und führen mit einem Herrn aus Denver ein angeregtes Gespräch.

Drei Kinder sitzen artig auf dem Wagen. Constance, die fünfzehnjährige Ranchertochter, ihr Bruder Billy und ein Nachbarkind.

Doch bald wird es den Kindern zu langweilig, nur herum zu hocken und zu warten. Die beiden Knaben beginnen sich als Erwachsene zu fühlen und spielen Postkutschenüberfall.

Es dauert nicht lange, da macht auch Constance mit. Man löst die Zügel und dreht auch an der Bremse und mitten im Spiel greift Billy zur Peitsche.

Die Füchse haben noch nie die Peitsche geschmeckt. Als Billy sie ihnen vor Begeisterung um die Ohren haut, da werden sie wild und rennen los.

Und weil die Kinder schreien, erschrecken die Pferde noch mehr. Sie kommen so richtig in Fahrt. Wie eine wilde Jagd rennen sie die Straße abwärts und diese Straße endet am Friedhof. Dann ist dort der Hang und wo dieser endet, beginnt das freie Land.

Ein paar beherzte Bürger erkennen die heranbrausende Gefahr und da sie rechte Narren sind, fuchteln sie mit den Armen herum, reißen ihre Waffe heraus und versuchen die Tiere mit Schüssen, zu stoppen.

Aber nun reicht es den vier Füchsen gänzlich. Jetzt drehen sie erst recht auf und weil die Menge entsetz zur Seite springt, wird eine breite Gasse frei. Am Galgen vorbei, den steilen Hang hinunter, nehmen die Pferde den Weg in die Prärie.

Aber in jener kleinen Sekunde, da der Wagen am Gerüst des Galgens vorbeischießt, springt Jim von der Plattform in den Kasten des Wagens.

Warum er springt, kann er in diesen Sekunden wohl kaum sagen. Er will die Kinder retten. Aber auch der Gedanke, eine Fluchtmöglichkeit bekommen zu haben, lässt ihn handeln.

Er lässt die Zigarette fallen und macht nur einen Schritt. So, wie jeder Bürger, sehen auch die beiden Henker und der Marshal nur auf das heranbrausende Fahrzeug. Und dann stößt sich Jim schon ab.

Ein Schrei des Entsetzens geht durch die Menge. Aber sie schreien wohl mehr, weil in diesem Augenblick die Pferde den Hang nehmen.

Jims Körpergewicht gibt den Ausschlag. Der Wagen rollt für Sekunden nur auf zwei Rädern, fällt aber doch zurück und ganz gewiss, weil Jim in der entgegengesetzten Ecke liegt.

Der Wagen ist schon einige Meilen von Central City entfernt, ehe es Jim gelingt, die Tiere unter Kontrolle zu bringen. Er lenkt den Wagen nach Süden, wo, wie ein drohender Finger, der Gipfel des Park Mountain im bläulichen Dunst der Weite, noch zu erkennen ist.

Nur ganz langsam beruhigt er sich selbst. Die Pferde greifen weit aus, der Wagen ist so schnell, dass er es mit jedem Rennen aufnehmen könnte. Und Jim hat einen gewaltigen Vorsprung. Denn ehe die meisten der Bürger und Weidereiter in diesem Durcheinander Pferde, Sättel und Waffen beieinander haben, ist wertvolle Zeit verstrichen.

Heute ist der gewaltige Rancher Carson nicht so schnell mit ein paar Befehlen bei der Hand. Es sind seine Kinder und da muss man schon etwas mehr nachdenken.

Was kann alles geschehen? Würde nicht jeder zum Tode Verurteilte jede Chance nutzen? Mister Carson denkt daran, dass dem Fliehenden die Kinder eine Last bedeuten und er gibt deshalb bekannt, man solle zunächst die Kinder suchen und den Mörder sausen lassen. Ganz bestimmt hocken sie nun allein in der wilden Einsamkeit, bald ist der Tag vorbei und Kinder bekommen Hunger, werden müde und wollen nach Hause.

Drei Gruppen jagen aus Central City, die nur nach den Kindern suchen sollen. Und da es eine unwirtliche Gegend ist, braucht man viel Zeit, um jeden Hang, jede Spalte, jeden Hügel und jeden Busch zu prüfen.

Das alles gibt Jim einen guten Vorsprung. Nach etlichen Meilen lenkt er den Wagen westwärts und hält auf die Berge zu.

 

 

14. Kapitel

 

Mister Carson und seine Gattin würden diese Nacht ruhig schlafen, ja, wenn sie sehen könnten, wie gut es ihren Kindern geht.

Nach dem überstandenen Schreck und der Angst vor Strafe, sehen sich die drei vorsichtig den Mann an, der die Zügel in den Händen hat und den Wagen sicher über Stock und Stein leitet.

Dann wagt es Billy, sich an den Mann heranzumachen. Er zieht den anderen Jungen und das Mädel nach. Und bald stehen die drei Kinder hinter Jim und lassen sich den scharfen Fahrtwind um die Nasen wehen.

»Haltet euch nur gut fest«, sagt Jim sich umdrehend und lächelt wie ein guter Freund. »Die Pferde müssen sich erst mal richtig auslaufen, ehe es mir gelingt, sie wieder in Richtung Central City zu lenken.«

»Das hat doch Zeit, Mister …«

»Sagt Jim zu mir, denn ich bin euer Freund«, antwortet er den Kindern. »Habt ihr vielleicht Angst, nach Hause zu kommen?«

»Vater ist sehr streng«, entgegnet Constanze und Billy fügt hinzu:

»Ausgerechnet heute kam er von einer Reise zurück. Wenn er morgen gekommen wäre; Mutter sagt ihm nichts, die hält dicht, Jim.«

Doch nun erinnert sich der Jüngste, dass auch er Eltern hat und er denkt dabei an den Stock, den sein Vater immer benutzt. Er ist erst sieben Jahre alt. Jetzt weint er, denn eben lenkt Jim den Wagen ziemlich hart im Bogen nach Süden zurück.

Olly glaubt, jetzt würden sie nach Hause fahren. Aber es ist nur eine sandige Mulde, der Jim ausweichen muss.

Er beruhigt die Kinder, denn schließlich ist er ja auch noch da und er wird mit den Eltern reden. Nein, Olly solle nicht weinen, das könnte man immer noch.

Gegen Abend erreicht Jim mit dem Wagen den East Plum Creek nahe des Castle Rock. Er durchfurtet den Fluss und dringt in ein Gebiet ein, wo der Sand die Landschaft beherrscht.

Doch bald findet er einen günstigen Platz und macht erst einmal Halt. Jim versorgt zuerst die Pferde. Billy und Olly dürfen ihm dabei helfen. Und die beiden tun es gern. Aber dann steht Jim vor dem größten Problem, er kann kein Feuer machen. Zum Glück befindet sich im Wagen noch ein Vesperpäckchen, welches wohl für mittags gedacht war. Da es für Kinder gerichtet wurde, ist es sehr knapp. Aber die drei geben nicht eher Ruhe, bis auch Jim sein Teil nimmt.

Anschließend wäscht Jim den kleinen Olly, und sieht angestrengt in eine andere Richtung, um nicht erleben zu müssen, dass sich Billy und Constance mit einer Katzenwäsche begnügen.

Der Kasten des Wagens dient den Kindern als Bett. Jim legt sich erst viel später abseits in das dürftige Gras und schläft bald darauf ein.

 

 

15. Kapitel

 

Schon früh ist Jim auf. Er bringt gerade die Pferde an den kleinen Creek und überlegt sich schon, den Kindern die volle Wahrheit zu sagen. Er muss fliehen, aber die Kinder müssen wieder zurück zu ihren Eltern, nur wie?

Da, jetzt hört er es wieder, Hufschlag nähert sich ihrem Camp. Verzweifelt überlegt Jim, wohin er fliehen soll, als aus der Morgendämmerung zwei Reiter auftauchen, die der Spur des Wagens gefolgt waren.

Es sind zwei hartbeinige Burschen, die mit einem Blick feststellen dass Jim ohne jede Waffe ist und dass außer ihm, nur noch drei Kinder anwesend sind.

Sie halten sich stur auf ihren Pferden und sehen uninteressiert zu Jim und die Kinder. Und Billy, der doch überhaupt nicht ahnt, dass Jim eigentlich ein Mörder sein soll und schon unter dem Galgen stand, sagt, kaum, dass er wach geworden ist:

»Vorsicht Jim, das sind zwei Banditen.«

Das weiß er selbst. Aber man sagt so etwas nicht, besonders nicht in einer so aussichtslosen Lage wie hier.

»Banditen?«, lächelt der jüngere der beiden und schwingt sein rechtes Bein über den Sattel. Dann rutscht er hinab und steht so schnell vor Jim, dass dieser nicht einmal reagieren kann, als ihn ein gemeiner Tiefschlag trifft.

»Roy!«

Die Fäuste des Jüngeren sinken herab und wie ein geprügelter Hund geht er zu seinem Pferd zurück.

Nur das eine Wort hat dieser hagere und schon ältere Bandit gebraucht, um den Jüngeren zurückzupfeifen.

Er grinst Jim wie entschuldigend an und lüftet nun seinen Hut.

»Nanu, Mister, gibt es hier kein Frühstück? Kein Feuer und keinen Becher heißen Kaffee? Was sagst denn du, Roy, ist das höflich?«

»Soll ich ihn bestrafen, Boss?«, fragt der Jüngere hellwach und der unstete Blick seiner hellen Augen löst sich von Constance.

»Sie Schuft«, sagt das Mädchen angewidert zu Roy, »für was wollen Sie Jim denn bestrafen? Wir haben selbst Hunger. Aber wir tragen dies Missgeschick mit Würde, Bandit!«

So schnell kann nur noch eine Ratte sein. Der Junge ist einmalig wendig und flink. Er taucht so plötzlich vor Jim auf, dass dieser nur noch eine halbe Drehung schafft. Die in den Magen gezielte Faust fegt ins Leere. Und als er sich wirbelnd dreht, erkennt Jim die einzige Chance. Er springt vor und greift Roy an.

Er trifft den eben zum Stillstand gekommenen Jungen mit zwei raschen Schlägen genau an den Kopf. Aber als Jim den dritten landen will, peitscht ein Schuss auf und die Kugel fährt ihm sengend heiß über die ausholende Hand.

»Stopp, mein guter Gastgeber!«, höhnt der Hagere. »Das ist genug. Roy, wer hatte dir befohlen den Bullen anzugreifen?«

»Bandit?«, kreischt Roy wütend und wischt sich fahrig über den Mund. »Wir sind keine Banditen! Boss, gib mir nur drei Minuten, dann ist er so klein wie ein lausiger Präriehase.«

Aber der Hagere winkt ab. Er betrachtet Jim aufmerksam und sagt dann zu seinem Partner:

»Nachher, Roy. Das hat doch Zeit.«

Und dann fragt er so plötzlich wer die Kinder sind und wie es kommt, dass Jim hier übernachtet, ohne etwas zum Essen dabei zu haben.

Er stellt noch einige Fragen und auch die Kinder beantworten diese mit.

»Central City?«, dehnt der Boss fragend. »Von der Balken-Ranch? Ha, Roy, hast du das gehört? Die Kinderchen sind von der Balken-Ranch. Weißt du noch, wo das ist? Erinnerst du dich, Roy?«

Wie weggeblasen ist das freundlich vorgetäuschte Lächeln. Mit einem Schlag wird der Hagere blass und seine Augen werden hart. Er holt scharf Luft und zischt wütend:

»Los, Roy, mach ihn fertig!«

Der fliegt schon herum und hat seinen Colt in der Faust. Langsam, wie ein angreifender Puma rückt er auf Jim zu und sagt in Erinnerung an böse Prügel, voller Zorn:

»Balken-Ranch, ha, wenn ich das höre, dann schmerzen mir alle Glieder, Gejagt haben sie uns, nicht wahr, Boss? Und dann haben sie uns bekommen, ja ich erinnere mich. Aber wir überlebten auch diese Prügel und nun gebe ich sie zurück, jeden Schlag und gleich mit Zinsen, nicht wahr, Boss?«

»Mach es langsam!«, bestimmt dieser nur und steigt endlich von seinem Gaul.

 

 

16. Kapitel

 

Wenn man Prügel bekommt, so hat man normalerweise immer die Chance, auch seine Fäuste zu gebrauchen. Was diese beiden Banditen aber nun mit Jim machen, steht in keinem Ehrenkodex geschrieben.

Roy, der jüngere der beiden. nimmt nicht seine Fäuste, er schlägt mit dem Colt auf Jim ein oder er gebraucht seine Stiefel. Der ältere, den Roy nur Boss nennt, bedroht Jim mit seiner Waffe, sich nicht zu wehren. Schon wenn er sich abdecken will, rammt der Boss den Lauf seines Colts in Jims Rücken und sagt dann hasserfüllt:

»Lass die Arme unten, Freund, oder ich drücke ab.«

Eine Zeit lang sehen sich die Kinder dieses unfaire Spiel voller Angst an, dann siegt bei ihnen der Zorn und sie kommen angerannt, um Jim vor den gezielten Schlägen zu retten.

In ihrem Zorn sind die Kinder mit gewissen Ausdrücken nicht gerade wählerisch. Da fliegt Roy herum und geht hemmungslos auf die Kleinen zu. Er schlägt sie alle drei, wo er nur treffen kann. Aber sie wehren sich. Und manchen Tritt muss Roy schon einstecken, was seinem älteren Partner großen Spaß zu machen scheint, denn er lacht sich schier tot und sagt kreischend:

»Du, du musst tiefer halten, Roy, du schlägst ja in die Luft.«

Und dann lacht er wieder wild auf. Ohne Übergang hebt er den Colt und schlägt ihn Jim über den Kopf.

»Schluss jetzt, Roy!«, bestimmt er dann und lässt die Kinder gewähren, die sich jetzt um Jim kümmern, nachdem ihr größter Zorn verrauscht ist.

Nicht nur Jim blutet. Billy hat eine böse Platzwunde und Constance hält sich nur noch mit Mühe aufrecht, da ein gemeiner Tritt in den Magen sie traf.

Der Boss schaltet nach diesem grausamen Spiel sofort auf den guten Onkel um und beginnt, die Kinder auszuhorchen.

Etwas später, als Jim wieder bei Besinnung ist, rückt der Boss mit einem Vorschlag heraus. Gerade, wie er es sagt, zeigt Jim, wie ernst seine Lage und die der Kinder ist.

»Steh auf!«, faucht der Boss Jim an. »Los, hoch mit dir! Das war nur zur Begrüßung und weil du von der Balken-Ranch bist.«

Zum Glück schweigen die Kinder und für Jim wird es wohl besser sein, wenn man von ihm glaubt, Reiter auf der Balken-Ranch zu sein.

»Du bekommst einen Auftrag, Freund Jim. Nimm dir eins der Gespannpferde und reite nach Central City

»Ich …«, sagt Jim schluckend und holt vorsichtig Luft. Alles an ihm scheint kaputt zu sein und schmerzt gewaltig. Aber er versucht den Worten des Banditen zu folgen.

»Ich verstehe. Ihr wollt Lösegeld?«

»Hörst du Roy? Ja, Jim ist schon ein schlauer Junge, oder? Ja, du bringst dreitausend Dollar und du bringst sie allein! Hast du das auch begriffen, mein Junge? Allein, sagte ich, wenn dir das Leben der Kinder etwas bedeutet. Und noch etwas. Du hast nur zwölf Stunden Zeit.«

»Aber Jim ist doch …«, fährt da Constance auf.

Der Boss schnellt augenblicklich herum und sieht das Mädchen fragend an. Da sagt Jim keuchend:

»Seid ruhig, um Gottes Willen, seid ruhig und macht alles, was diese Männer bestimmen und verlangen.«

»Mein Vater hat mehr als dreißig Reiter im Sattel«, antwortet Billy trotzdem und er steht ohne Furcht vor dem Banditen. »Glauben Sie …«

»Roy?«, dehnt der Boss fragend und sieht sich schief um.

»Halt!«, schreit da Jim entsetzt, denn er muss fit bleiben und darf nicht noch einmal so entsetzliche Schläge bekommen. Noch immer hat er eine kleine Chance gegen die beiden, denn Jim verträgt schon eine Menge. Und wenn sich jetzt Roy auf den Jungen wirft, kann er nicht zusehen.

»Du solltest deinen Mund halten, Billy, verdammt noch mal. Ich verlange es als dein Freund und weil ich älter bin. Glaubt mir, für dreitausend Dollar würde ich für euch sogar nach Alaska reiten.«

»Dann reite!«, grinst der Boss und pfeift seinen jüngeren Partner zurück. »Versorge die Pferde und richte unser Frühstück. In meinen Satteltaschen ist noch kaltes Fleisch.«

 

 

17. Kapitel

 

Jim beeilt sich mächtig. Jeden Handgriff sieht ihn der Banditenboss ab und sagt alle paar Sekunden:

»Nun sind es noch elf Stunden und fünfundfünfzig Minuten.«

Seine Uhr muss besonders schnell gehen. Denn Jim ist schon auf dem Rücken des Pferdes und versucht, auf der aufgelegten Decke, gut zu sitzen, da höhnt der Boss schon wieder.

»Noch elf Stunden und vierzig Minuten. Jim, vergiss nicht, allein zu kommen. Auch, kein Trick, mein Freund. Sonst lasse ich Roy auf die Kinder los.«

Und dann sagt er noch etwas, aber das ist so schlimm, dass es Jim graut, wenn er sich so etwas vorstellen will. Rasch treibt er das Pferd an und ist schon bald über den nächsten Hügel verschwunden.

 

 

18. Kapitel

 

Die folgenden zwei oder auch drei Stunden reitet Jim stur nach Westen, den Bergen zu, um an ihnen entlang bis nach Central City zu kommen. Er hat den festen Wunsch, den Ort und die Ranch zu erreichen.

Was dann mit ihm sein wird, das ist ihm egal. Hier geht es nur um die Kinder.

Doch dann bedrängen ihn tausend Gedanken. Wer wird ihm glauben? Vielleicht schießt man ihn einfach nieder, ohne ihn anzuhören. Gewiss wird man ihn einsperren und mit der gesamten Mannschaft anrücken.

Jim lässt das Pferd auslaufen. Er treibt es nicht mehr an. Die Gedanken erdrücken ihn fast, Er muss tief durchatmen, ja, er muss überlegen. Und als er dann bewegungslos auf dem Gaul hockt, kann er sich zu keinem Entschluss durchringen. Wie will er allein und ohne eine Waffe, die beiden Banditen bekämpfen, ohne die Kinder zu gefährden?

Aber nach Central City darf er nicht, dann sind die Kinder auch verloren. Es ist fast hoffnungslos, wie er auch überlegt.

Trotzdem wendet er das Pferd und lässt es antraben. Doch er kann jetzt nicht wieder zurückkommen und einen Kampf beginnen. Er muss die Nacht abwarten. Dieser Gedanke beruhigt ihn und auf einmal weiß er auch, dass er es schafft, mit den beiden Banditen fertig zu werden.

Oh, er kennt auch eine Menge Tricks und wenn er erst einen der Burschen zwischen seine großen Hände hat, dann ist schon vieles gewonnen.

Jetzt treibt Jim den Gaul an und schwenkt, weit ausholend nach Südost. In den späten Nachmittagsstunden reitet er im Schritt nach Norden. Er weiß, das Camp kann nicht mehr weit sein. Und als es zu dämmern beginnt, rutscht er vom Rücken des Pferdes und geht zu Fuß.

 

 

19. Kapitel

 

Jim wartet noch gut zwei Stunden, dann ist es dunkel genug. Er schleicht sich voll banger Erwartungen, immer näher an die Stelle heran, wo er das Camp vermutet.

Etwas später fällt alle Sorge von ihm ab, er hat sich nicht getäuscht. Der Schein eines kleinen Feuers dringt durch die Dunkelheit und zeigt ihm den Weg.

Gehofft hatte er es, wer hofft nicht? Aber wer wagt daran zu denken, mehr Glück als Verstand zu haben?

Jim hat wirklich Glück. Die beiden Banditen hatten auch nicht viel mehr als er dabei und wurden ebenfalls vom Hunger geplagt. Der Boss schickte daraufhin Roy los, damit dieser etwas zum Braten schieße.

Es ist kein großes Feuer mehr. Und wenn Jim nicht die ungefähre Lage dieses Camps gewusst hätte, wäre er, schon in einer Meile Entfernung, daran vorbeigeritten.

Jetzt, so nahe am Ziel, kommen ihm doch Bedenken, es nicht zu schaffen. Jim denkt an die Pferde, die ihn gewiss wittern werden. Auch ist nichts von den Kindern zu sehen.

Fast eine Stunde braucht Jim, um sich von der entgegengesetzten Seite, also vom Creek her, dem Lagerplatz zu nähern.

Von hier aus, kann er auch die Kinder sehen. Die Pferde der Banditen und die drei restlichen Füchse, sind am Wagen angebunden.

Über die Seitenwand des Wagenkastens erkennt er die drei Köpfe der Kinder, die trotz der späten Stunde noch nicht schlafen und zu den beiden Banditen hinübersehen.

Jim glaubt, die Kleinen wollen fliehen und beobachten deshalb das Feuer. Er weiß es nicht besser und macht sich deshalb die größten Sorgen. Die Kinder könnten ihm alles verderben.

Doch Jim sollte lieber nachdenken. Aber wer kann in die schwarze Seele eines Banditen hineinsehen. Der Boss hat den Kindern befohlen, in dieser Stellung zu verharren, damit er sie immer sehen kann. Er wollte damit jede Fluchtmöglichkeit unterbinden, ohne vom Feuer aufstehen zu müssen.

Jetzt wird es schon zehn Uhr sein, denkt Jim verzweifelt und noch ist alles so, wie vor einer Stunde, da er sich von dieser Seite dem Feuer näherte.

Es vergeht nochmals eine Stunde. Ein Kinderkopf ist zwar verschwunden. Es wird Olly sein, der gewiss zurückfiel und einschlief.

Eben erhebt sich Roy rekelnd und sieht zum Wagen. Wortlos schlendert er heran und sieht über die Seitenwand in den Kasten.

»Eins von den Kröten schläft, Boss«, sagt Roy fragend, als erwarte er nun einen besonderen Befehl.

Doch der Boss nickt nur gähnend und antwortet süßlich:

»Sollen sie schlafen. Ich lege mich jetzt auch hin. Du hast wache, Roy. Weck mich, wenn du irgendetwas zu hören glaubst.«

Roy hat eigentlich immer Wache. Der Hagere ist nicht nur der Boss, er lässt es den Jüngeren auch stets fühlen. Er beherrscht und verachtet ihn zugleich.

»Ich gehe mir nur noch mal die Nase putzen«, antwortet Roy forsch.

Für ihn ist dieser Auftrag, Wache zu machen, eine Ehre und so fühlt er sich auch, als er nun zum Creek geht. Da er sich unbeobachtet fühlt, geht er in seiner Einbildung, er sei etwas ganz Besonderes, wie er es von reichen Ranchern oder bekannten Revolvermännern gesehen hat.

Viele Gedanken mögen ihn beschäftigen, nur der eine, Gefahr könnte im Anzug sein, der ist ihm in diesen Minuten hier unten am Creek völlig fern.

Als Jim bereits zehn Yards an Roy heran ist, möchte er aufspringen.

Ein guter reaktionsfähiger Bursche, der auch noch ein guter Schütze ist, würde sich noch immer zurechtfinden und könnte einen noch so überraschenden Angriff im Keim ersticken. Roy ist schlimmer als ein Wolf.

Jim beherrscht sich, vielleicht verpasst er damit die größte Chance. Doch er hat den Jungen in Aktion gesehen. Es darf kein Versuch bleiben.

Er muss Roy blitzschnell ausschalten, sonst ist jede Gelegenheit vertan. Und dann werden die beiden auch ihn töten.

Jim kriecht noch einen Yard weiter. Er ist schweißnass vor Angst und wagt kaum zu atmen. Jetzt läuft auch noch eine salzige Schweißperle in sein rechtes Auge.

Wieder kriecht er einen Yard voran. Doch nun hat Roy genug getrunken und sein Gesicht abgewischt. Er kommt hoch und dreht sich völlig normal herum.

In diesem Sekundenbruchteil schnellt sich Jim los. Er prallt mit Roy zusammen, der erschreckt die Luft einzieht und keinen Ton herausbringt.

Doch Jim hat sich alles überlegt. Diese Gelegenheit, den Burschen unter Wasser zu bekommen, ist ihm noch willkommener. Er fliegt mit Roy in den Creek und behält von der ersten Sekunde an, die Oberhand. Jim ertränkt den jungen Banditen wie einen räudigen Hund.

Natürlich gab es einen gewaltigen Plansch, als die beiden ins Wasser fielen. Zuerst wiehert der Boss auf, denn er glaubt, Roy sei in den Creek gefallen. Doch dann wittert er Gefahr.

»Roy?«, fragt er aufspringend und ist schon am Wagen.

Aber Jim kann nicht antworten, auch wenn er seine Stimme verstellt. Er lässt es lieber darauf ankommen. Mag der Boss glauben und annehmen was er will. Er hält den Jungen mit der einen Hand unter Wasser. Seine Füße haben die von Roy eingeklemmt und mit der freien Hand versucht Jim eine Waffe aus dem Holster zu ziehen.

»Roy, antworte mir sofort!«, befiehlt jetzt der Hagere und es ist praktisch, nur noch ein Versuch, da er fast sicher weiß, seinem Partner ist etwas zugestoßen.

Jim hat eine Waffe in der Hand. Aber wird er auch damit schießen können? Der Colt war schon unter Wasser. Eine gut geölte Waffe muss nach so wenigen Sekunden trotzdem noch schießen. Jim weiß, dass er jetzt nur auf sein Glück vertrauen kann. Er muss schnell sein, ehe Wassertropfen den Mechanismus des Colts am Funktionieren hindern.

Wie schnell er aber in Wirklichkeit sein muss, das zeigt ihm sein Gegner, der hemmungslose Bandit. Er hat kaum ausgesprochen, da klettert er auf den Wagen und Jim hört ihn schreien:

»Noch habe ich die Kinder. Nur ein Schuss …«

Da lässt Jim von seinem Opfer ab und springt rasch einen Schritte vor. Er steht völlig im Dunkeln. Der Boss aber ist trotz des niedergebrannten Feuers noch einigermaßen zu erkennen. Auf eine Entfernung von knapp dreißig Yards hebt Jim den Colt und will mit diesem Versuch feststellen, ob die Waffe zu gebrauchen ist. Wenn es nur klickt, kann er immer noch einen anderen Plan fassen. Er muss nur aufpassen, dass der Bandit ihn nicht trifft. Denn schießen wird er, sobald der Schlagbolzen auf eine nasse Patrone schlägt.

Jim zielt wie aus Anstand. Eben schwingt der Boss sein zweites Bein über die Seitenwand des Kastens. Er steht in diesem Sekundenbruchteil ohne jede Chance. Doch Jim überlegt das alles nicht. Nur einen knappen Yard vom schmalen Rücken des Banditen taucht der Wuschelkopf von Constance auf. Sie schreit schon, ohne zu wissen, was im Dunkeln sein könnte. Und sie schreit vor Angst, denn auch der Boss hat eine Waffe in der Hand.

Jim hat genau den Druckpunkt genommen. Als er den Bügel durchreißt, löst sich wirklich ein Schuss. Er dröhnt Jim wie ein Kanonenschlag in den Ohren und der grelle Blitz des Mündungsfeuers blendet ihn.

Wie unter einem Schlag, zuckt der Hagere zusammen und brüllt so grässlich auf, wie eine Ratte in der Falle. Und trotzdem bringt es dieser schwer getroffene Bandit noch fertig, herum zu schnellen und auf den kaum erloschenen Mündungsblitz zu schießen.

Jim war nach seinem Schuss vorgesprungen, obwohl ihn das Funktionieren der Waffe und der grässliche Schrei des Banditen einen Moment verwirrte. Aber da sind die Kinder und der Boss hat seine Waffe in der Hand. Ein Sterbender kann noch immer einmal abdrücken, wenn er den Willen dazu hat.

Jim rennt genau in den Schuss des Hageren hinein. Hatte dieser auf die Brust gezielt, und da er ein hervorragender Schütze ist, kann er es, aufgrund einiger Erfahrungen, so trifft die Kugel Jim etwas höher.

Sie dringt in jene Stelle des Körpers ein, wo der Hals beginnt und der Oberarm endet. Und dort sind fast nur Knochen.

Es ist ein harter Schlag, der grausame Schmerzen bereitet, sobald die Kugel in die Sehnen eindringt und auf den Knochen schlägt.

Der Rückstoß der Waffe verursacht dem Banditen einen grellen Schmerz. Er kommt ganz groß hinter der Wagenwand hervorgeschossen, bietet Jim ein gutes Ziel und dieser drückt noch einmal ab.

Er kann es nur, weil er ein Linkshänder ist. Und er trifft den Banditen genau ins Herz. Als dieser über die Wagenwand zur Erde fällt, ist er schon tot.

Doch dann schwinden auch Jim die Sinne.

 

 

20. Kapitel

 

Zwei Stunden später lenkt Jim den Wagen mit den drei Kindern nach Central City zu. Die Verwundung macht ihm viel zu schaffen.

Aber wenn er es heute nicht wagt, morgen schon wird es ihm unmöglich sein.

Doch es wird später Abend, ehe der Wagen überhaupt in die Nähe der Stadt kommt. Jim ist am Ende. Aber das kommt vom Fieber und vom Hunger. Das Rütteln und Schütteln auf dem Wagen hatte auch sein Teil dazu getan.

Weiter kann sich Jim jetzt nicht mehr an den Ort heranwagen, wo er schon unter dem Galgen gestanden hat. Die Kinder sind unterdessen auch informiert, wer er ist und warum er nicht mit ihnen zur Ranch fahren kann.

Und so wie Kinder nun einmal sind, stehen sie ganz auf seiner Seite, obwohl er ihnen erklärt hat, seine Unschuld nicht beweisen zu können.

»Onkel, Jim, wenn ich erst einmal groß bin …«, will Olly sagen und meint es ehrlich, wenn er Jim verspricht, Richter zu werden. Dann holt er Onkel Jim aus dem Gefängnis.

»Bis du groß bist«, höhnt Billy selbstbewusst, »dann wird es für Jim zu spät sein, du Angeber. Wir müssen ihm jetzt helfen, Olly!«

»Ach Jim«, fragt Constance schüchtern, »willst du es nicht doch versuchen und mit uns auf die Ranch kommen? Vater ist ein guter Mensch. Der hat so viele Beziehungen. Er wird dir gewiss helfen.«

Aber Jim lacht nur gequält. Kinder haben keine Ahnung, wie die Wirklichkeit ist. Er hält den Wagen an und bindet das ledige Pferd des einen Banditen ab. Er schafft es kaum, in den Sattel zu kommen.

Er hat große Schmerzen und übel ist ihm auch. Das Fieber scheint am Abend noch stärker geworden zu sein. Im Moment hat er nur einen Wunsch; endlich jede Verantwortung los zu sein. Jim möchte allein sein. Ihm ist alles zu viel.

»Billy, nimm die Leine!«, bestimmt er schwach. »Fahrt zu, Kinder. Ich bleibe dicht hinter euch. Sobald wir die Lichter der Stadt sehen, drehe ich ab und reite davon. Schweigt auch euren Eltern gegenüber, wo ich sein könnte. Verratet mich nicht. Ich brauche einen großen Vorsprung.«

Nun, da der Abschied so nahe ist, werden die Kinder weich. Sie haben sich gerade so gut an ihn gewöhnt und möchten ihn nicht mehr missen. Besonders aber, seit Jim mit dem Banditenboss gekämpft hatte, gilt er in den Augen der Kinder, als ein Held.

Wenn Jim daran denkt, wie pietätlos sie den Jungen Roy aus dem Wasser fischten und zu seinem Boss legten, als hätten sie, und nicht Jim, irgend ein böses Raubtier getötet, dann kann er sich gar nicht erklären, warum sie jetzt weich werden.

Olly heult wie ein Schlosshund und steckt Billy an. Constance aber schluckt tapfer. Doch ihre Augen lassen Jim nicht los. Sie ist immerhin schon fünfzehn Jahre alt und ganz gewiss ist Jim ihr großer Schwarm.

Doch Jim ist so fertig, dass er nur noch Augen für die sehnlichst erwartenden Lichter der Stadt hat. Er kann nicht mehr. Und wenn er trotzdem weiterreitet und nur einer ihn sieht, er wäre verloren.

Jim ist so fertig, dass ihn schon ein kleines Kind gefangen nehmen könnte.

Und auf einmal hören sie alle hinter sich das Geräusch eines näherkommenden Wagens. Sofort schwenkt Jim vom Weg ab und sagt hoffnungsvoll:

»Wartet ab, wer es ist. Ich passe schon auf, aber ich darf nicht gesehen werden. Ist es ein Bekannter, dann fahrt mit ihm. Ihr erspart mir viel Zeit. Ja, Kinder, ich bin fertig. Denkt daran, schweigt und verratet mich nicht!«

»Jim!«, ruft das Mädchen. »Mein Gott, du musst zu einem Arzt. Jim …«

Doch da ist der fremde Wagen schon heran. Es ist der Besitzer des Generalstores von Central City. Er hat ein schnelles Maultier-Vierergespann vor seinem schweren Wagen und ist auf der Rückfahrt von Denver.

Als der Wagen mit den Kindern vor ihm auftaucht, vermutet er zunächst eine Falle. Aber als er sich gefasst hat, erkennt er, der gerissene Geschäftsmann, welch große Chance ihm sich da bietet, auch mal ein Held sein zu können.

»Haaa, so allein?«, fragt er freudig überrascht.

»Nein » antwortet Olly und beinahe hätte er gesagt, »Jim wartet doch im Dunkeln und passt auf«. Aber da ist noch Constance.

»Allein?«, entgegnet sie schnell. »Wir sind zu dritt, Mister Plum. Wir haben uns scheinbar verfahren. Wir sind doch richtig auf dem Weg zur Stadt?«

Da lacht der schlaue Mister Plum und gibt den Kindern Bescheid, dass sie nur noch die Höhe hinauf müssten. Central City sei keine Meile weit.

Da weiß Jim genug. Und als die Wagen anfahren, macht er sich aus dem Staub. Doch viel weiter kommt er nicht mehr. Das nächste größere Gebüsch verlockt ihn derart stark, dass er absteigt und mit seinem Pferd eindringt.

Was er nun noch macht, das macht er schon im Tran. Jim ist restlos am Ende. Er liegt bald darauf in den Büschen und kämpft im Fieber noch einmal gegen den Banditen. Es ist ein schlimmer Anfall.

Und wenn ihn hier keiner wegholt und pflegt, muss Jim sterben.

Der Durst ist so groß, dass er auf allen Vieren vorwärtskriecht, sobald er seine klaren Minuten hat. Doch dann holt ihn immer wieder das Fieber schnell und gründlich.

 

 

21. Kapitel

 

Am nächsten Morgen um zehn Uhr, glaubt der Rancher John B. Carson, dass seine Kinder nun genug geschlafen haben. Er möchte sie sehen und sprechen. Denn gestern Abend hatten sie nur geheult.

Die beiden hatten um Jim geweint, den sie allein und verwundet zurückließen. Auch war es die Mutter gewesen, die ihre Kinder energisch ins Bett gebracht hatte und alles auf den morgigen Tag verlegte.

Billy muss geweckt werden. Der Schlaf hat ihm gut getan. Der Junge ist schon über die erlebten Geschehnisse so weit hinweg, dass er von Hunger sprechen kann. Constance aber liegt fiebernd und weinend in ihrem Zimmer.

Das Mädchen hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Sie ahnte, da draußen, irgendwo, liegt Jim und verreckt wie ein angeschossener Wolf. Keiner wird ihm helfen und wie nötig hat Jim Hilfe. Aber die Angst, falls man Jim findet, er würde dann aufgehängt, lässt sie verzweifeln.

Aus dieser Verzweiflung stammt das Fieber. Entsetzt ruft der Rancher nach seiner Frau, die bei Billy am Bett sitzt und den Jungen füttert.

Da springt auch Billy mit auf und folgt mit seiner Mutter dem Vater. Der Bruder starrt auf die Schwester, denn nur er kann die wenigen Worte, die Constance im Fieber spricht begreifen. Das Mädchen ruft nach Jim.

In den Augen von Constance liest der Rancher die Not und Angst aber so sehr er fragt, bittet oder gar droht, das Mädchen schweigt.

»Billy«, befiehlt er verzweifelt, »ich muss jetzt alles wissen. Du hast gestern Abend auf meine Fragen geschwiegen. Was war eigentlich los? Hast du denn kein Vertrauen zu deinem Vater? Ist dir ein gesuchter Mörder mehr wert, als dein Elternhaus? Rede endlich!«

»Billy!«, schreit Constance und erinnert den Jungen damit an das gegebene Versprechen.

Da wird auch der Junge steif und verschließt sich seinem Vater. Verzweifelt stehen die Eltern dabei. Es ist das erste Mal, dass sie keine Macht über ihre Kinder haben. Es gibt da noch etwas, das stärker sein muss, als alle Bande, die nun einmal eine Familie verbindet.

Wütend verlässt der Rancher sein Haus und reitet hinüber zur kleinen Hills-Ranch, welche die Eltern von Olly bewirtschaften. Und hier erfährt Mister John B. Carson etwas ganz Neues.

»Wir alle müssen uns geirrt haben, Mister Carson«, erklärt Ollys Vater überzeugt. »Ich habe meinem Jungen eine Tracht Prügel verabreicht, aber raus kam dabei nichts. Der Bengel behauptet, dieser Mörder Jim sei kein Mörder, sondern ein Held. Er muss die Kinder bis fast vor Central City gebracht haben und dass als schwer Verwundeter. Ohne Waffe soll er zwei grausame Banditen getötet haben, die sich an den Kindern vergriffen hatten und Lösegeld forderten.«

»Woher wissen sie das?«, fragt John Carson neugierig. »Meine Kinder schweigen wie ein Grab.«

»Mir hat der Junge auch nichts erzählt«, lacht Ollys Vater geheimnisvoll auf. Aber der Junge hat doch den Hund. Als er sich unbeobachtet fühlte, erzählte er seinem Köter seine Erlebnisse. Ich war gerade dabei, mir zu überlegen, was man tun kann, Mister Carson. Gut, dass Sie gekommen sind. Wir müssen helfen, das sind wir diesem Jim schuldig.«

Rancher Carson reitet mit seinem Nachbarn zurück und sucht sofort seine Frau auf. Er allein will es nicht entscheiden. Zu viel hängt für ihn davon ab, wie er sich in den nächsten Wochen bis zur Wahl verhält. Er will Gouverneur werden.

Soll er alles auf eine Karte setzen, um einen angeblichen Mörder zu suchen und ihn womöglich noch heimlich gesund pflegen, um ihn dann entkommen zu lassen. Jim ist immerhin rechtlich verurteilt.

Mitten in die kleine Besprechung platzt Constance herein. Wie hat diese eine Nacht und der Vormittag das Mädchen verändert? Als Vater, erkennt Rancher John B. Carson, dass ihm seine Tochter sterben wird, wenn er sich nicht bald entscheidet. Nachbar und Frau brauchen nicht mehr zu sagen. Er liebt seine Kinder genug, um auf eine große politische Karriere verzichten zu können.

Und sobald er sich entschieden hat, nimmt er die Angelegenheit auf seine Art in die Hand.

Kurz nach fünfzehn Uhr bricht er mit sämtlichen Reitern seiner beiden Ranchen auf, um Jim zu suchen. Dreißig Cowboys folgen ihm.

Aber jeder weiß, dass er mithilft, gegen das Gesetz zu handeln. Und jeder ist so informiert, dass die ganze Suchaktion nur die Balken-Ranch angeht. Jim muss gefunden werden und zwar so, dass es nicht zu einem verzweifelten Schusswechsel kommt.

 

 

22. Kapitel

 

Doch als die Reiter mit ihrem Boss jene Stelle erreichen, wo sie vermuten, von hier aus sei Jim umgekehrt, entdecken sie den Marshal Les Bartley, der in einem Gebüsch herumkriecht.

»Hallo, Les«, sagt der Rancher erschrocken, »willst du hier ranchen und prüfst schon den Boden? Oder bist du dienstlich hier?«

»Gehst du auf den Trail?«, fragt der Marshal zurück. »Oder willst du mit der gesamten Mannschaft nach Denver und dir die Stadt erobern?«

Die beiden sehen sich an. Keiner weiß, dass er den anderen trauen kann. Und doch haben sie beide das gleiche Ziel. Der Marshal hat eine Meldung vom Besitzer des Generalstores bekommen. Aus all den vielen Worten dieses Schaumschlägers, hat sich Bartley nur Weniges angeeignet. Und er hat nachgedacht. Er weiß nichts, doch er vermutet einiges.

Bartley sind schon damals Bedenken gekommen, als Jim und seine Partner, den Mord an dem Händler abstritten. Später glaubte er, es genau zu wissen, ohne es beweisen zu können, dass Jim unschuldig ist.

Bartley schickte einen Brief nach Denver. Heute Morgen traf die Antwort ein. Marshal William Gran wird seit acht Tagen vermisst. Er hatte sich zuletzt in der großen Bruderstadt, dem Goldgräberort, Central City gemeldet, dass er endlich eine Spur des flüchtigen Doppelmörder Glen Sloan gefunden hätte.

Seitdem Bartley den Brief gelesen hat, weiß er, dass es seine größte Pflicht ist, Jim zu finden. Auch er muss es heimlich tun, denn der Brief beweist doch nichts. Bartley ist auch nur ein kleiner Mann, den der Gemeinderat von heute auf morgen zum Teufel jagen kann.

Doch der Marshal findet einen großen Helfer in John B. Carson. Dieser kann sich nicht erklären, was der Marshal hier sucht und wie er auf den Gedanken kommt, ausgerechnet hier etwas zu suchen.

»Les, das mit Denver ist wohl nun vorbei. Du hast keine Kinder und wirst mich deshalb nicht verstehen. Als Vater …«

»Auch ich bin ein Vater«, entgegnet der Marshal entschlossen. »Es ist zwar nicht mein eigenes Fleisch und Blut, aber ich denke, das Gefühl und Empfinden entscheidet. Mein Sohn heißt Jim.«

»Wir suchen Jim«, entgegnet der Rancher und nun grinst er fröhlich.

 

 

23. Kapitel

 

Es ist einer der Reiter, der gegen Nachmittag, Jims Pferd entdeckt. Der Gaul hat sich selbstständig gemacht, da der Durst zu groß wurde. Und weil der Rancher jedem eingebläut hatte, ihn sofort zu verständigen und nichts zu unternehmen, vergeht noch eine halbe Stunde, ehe Rancher und Marshal Jim finden.

Der Junge gleicht einem Toten. Aber sobald sie ihn ansprechen, kämpft Jim um klares Bewusstsein. Er hat zwei Waffen dabei, den Colt und das Gewehr der Banditen. Was keiner von diesem sterbenden Jungen erwartet, geschieht. Jim bekommt den Colt hoch und sagt brüchig:

»Verschwindet! Lasst mich sterben. Ihr spart den Strick.«

Und nur weil er so fix und fertig ist, kann er nicht alle auf einmal einsehen. Ein Reiter der Balken-Ranch tritt von hinten heran und windet ihm mühelos den Colt aus der Hand. Danach wird er ohnmächtig.

»Zur Ranch!«, bestimmt Mister John B. Carson und dieser großartige Mann hat nasse Augen, so sehr bemitleidet er Jim. Er kann seine Kinder schon verstehen. Stumm reicht er dem Marshal die Hand, als wenn er sagen will: Gratuliere, Les, du hast einen prächtigen Sohn.

Sie schaffen Jim zur Balken-Ranch, wo er auch von einem Arzt behandelt wird, dem Bruder der Chefin, dem Schwager von John B. Carson. Und er bekommt Jim wieder auf die Beine. Doch das dauert schon seine Zeit.

 

 

24. Kapitel

 

Als Jim sich zum zweiten Mal von den Kindern verabschiedet, ist es schon Herbst. Er reitet nun auch nicht einfach in der Dunkelheit davon, wie damals. Und weinen brauchen die Kinder auch nicht. Sie haben Jim monatelang, bis zur Erschöpfung, für sich gehabt.

Nun, da er wieder gesund ist und eine vorläufige Verfügung vom Gouverneur persönlich unterschrieben ist, reitet er als freier Mann von der Ranch. Keiner kann ihn halten. Auch nicht der Rancher oder sein neuer Vater. Beide machten Jim die größten Angebote.

Aber Jim sucht den Mörder Glen Sloan. Er will zum Cherry Creek wo Bob begraben liegt und dann zu jener Stelle, wo man Jubal unter die Erde gebracht hat.

Sein Hauptziel aber, ist die Suche nach Glen Sloan, der Schuld am Tode seiner beiden Partner ist. Jim hat geschworen, ihn zu finden und nach Central City zu bringen. Er wankt nur einen Moment in seinem Entschluss. Constance ist es, die Jims Vorhaben beinahe schon vor seinem Wegritt unterbindet. Aber eben nur beinahe.

Sie erklärt Jim frank und frei, sie liebe ihn. Doch der Rancher, den Jim daraufhin aufsucht, erklärt das Benehmen seiner Tochter, als einen Jugendschwarm, der böse Folgen haben könnte. Constance sei erst fünfzehn Jahre alt. Ob Jim denn schon einmal ans Heiraten gedacht habe?

Doch tief im Innern hat der Rancher ganz andere Pläne mit seiner Tochter. Er mag Jim sehr gern. Aber als Schwiegersohn ist er ihm zu arm. Das sieht Jim schon ein, ohne dem Rancher böse zu sein.

So reitet Jim und lässt alles hinter sich, was ihm lieb und teuer ist. Er hält sich hauptsächlich in Ortschaften auf, wo ein Deputy oder ein Marshal gebraucht wird. Er will kämpfen, um Glen Sloan besiegen zu können.

Auch wählt er die Orte, weil sie übersichtlicher sind. Doch es vergehen vier Jahre, seit er auf der Plattform des Galgens in Central City gestanden hatte, ohne etwas über den Mörder Glen Sloan zu hören, geschweige, diesen zu finden.

Jim ist in diesen vier Jahren überall, wohin es die Menschen zieht. Das sind hauptsächlich Goldgräber- und Rinderstädte, oder Orte, die sonst eine Anziehungskraft haben.

Doch Glen Sloan ist noch viel schlauer, als man annimmt. Er sitzt in Denver und er will Politiker werden. Einen kleinen Posten hat er schon. Nach vier Jahren aber, zählt er schon zu den gewichtigsten Männern einer Gruppe, die den Nachfolger des jetzigen Gouverneurs stellen.

Auch Rancher John B. Carson ist wieder dabei. Und dieses Mal will er gewinnen. Er wohnt aus diesem Grund schon einige Zeit in Denver und lernt auch so seine politischen Gegner kennen.

 

 

25. Kapitel

 

»… und das ist unser Vorstandsmitglied, Mister Glenn, ebenfalls aus Denver«, stellt jemand gerade John B. Carsons Gegenkandidat vor.

Er merkt gar nicht, wie der Rancher nachdenklich Mister Glenn betrachtet und redet immer weiter.

»Glenn?«, fragt der Rancher seinen Gegenüber. »Sie kommen mir bekannt vor. Gehören Sie schon immer zu dieser Partei, oder wo habe ich Sie schon einmal gesehen?«

»Schon möglich, Mister Carson«, erwidert der Mörder Glen Sloan arglos. Er kennt den Rancher nur aus Denver und da es zwei Central City gibt, nimmt Sloan an, Mister Carson stamme aus der reichen Goldstadt und nicht aus diesem unbedeutenden Ort, wo er vor vier Jahren als falscher Marshal einritt. Er sagt zwar nicht viel, doch was er jetzt sagt, ist ein Schlag in der Erinnerung des Ranchers.

»Ich stamme aus Nebraska. Ja, genau aus Nebraska City. War früher im Handel tätig.«

Nun, eine gemeinsame Besprechung zweier Parteien, die ihre Leute in die höchsten Ämter der Regierung bringen wollen, lässt kein größeres Privatgespräch zu.

Im Laufe des Abends erkundigt sich Glen Sloan näher über den Rancher John B. Carson, da er bemerkt hat, wie nachdenklich jener bei ihrem kurzen Gespräch wurde. Sloan will keine Fehler machen, er fragt sich in der Umgebung des Ranchers durch. Und bald weiß er es.

Leider hat Mister John B. Carson in den nächsten Tagen wenig Zeit, sich um Dinge zu kümmern, die er zwar vermutet und die auch vier Jahre zurückliegen, aber die er erst einmal beweisen muss.

Da es um den hohen Posten des Gouverneurs geht, kann er jetzt nicht behaupten, einer aus der Gegenpartei sei ein Mörder. Carson ist schon einmal um Amt und Würden gebracht, nur weil er seine Kinder liebt.

Jetzt taucht der gleiche Mann auf, der vor vier Jahren alles ins Rollen gebracht hatte. Nein, John B. Carson will Gouverneur werden.

Nur Glen Sloan nimmt sich Zeit, in der Erinnerung zu wühlen. Er kommt auch so ungefähr drauf, wie es damals gewesen sein muss und er weiß mit Sicherheit, dass ihn der Rancher nur deshalb kennt.

Sein Entschluss, Carson zu töten, wird sogar seiner Partei helfen. Denn schon heute steht fest, dass Carson der Gewinner sein wird.

 

 

26. Kapitel

 

Der Rancher John B. Carson hat sechs seiner Weidereiter dabei.

Er schickt sie alle mit einem Auftrag nach Hause zur Ranch, sobald sich eine Nachricht lohnt.

Als er mit großer Mehrheit zum Gouverneur gewählt worden ist, macht er sich noch am gleichen Abend selbst auf den Weg, um seiner Familien den Erfolg zu melden.

Eigentlich hätte er noch in Denver bleiben müssen. Aber seine Reiter sind alle weg. Der Letzte hat sogar von einem eventuellen knappen Sieg berichten müssen. Nun, da er so haushoch gewonnen hat, will er die Seinen nicht länger im Unklaren lassen.

Und auch ein Politiker liebt seine Familie, hat es gern, einmal nur den Hausherren zu spielen. Und schließlich muss er in den nächsten Tagen ein großes Fest geben, das alles will besprochen sein.

John Carson ist ein guter Reiter. Er hat einen schnellen Wallach, mit dem er sich am Abend auf den Weg nach Central City macht.

Er ist eben aus der Stadt, als ihm ein Reiter entgegenkommt. Der Rancher erkennt schon an dem matt blinkenden Stern, dass es der Sheriff ist.

»So eilig?«, fragt der Sheriff und macht sich seine Gedanken. Er nimmt an, Mister John B. Carson hat verloren.

Denn der Mann mit dem Orden kommt von einem Sechstageritt zurück und weiß so wenig, was sich in Denver ereignet hat, wie ein Mann der blind und taub ist.

»Wenn Sie Gouverneur würden«, fragt der Rancher zurück, »hätten Sie es nicht eilig, Ihre Familie zu unterrichten?«

Und dann fragt der Rancher noch etwas. Er erkundigt sich nach dem Mann, der sich Glenn nennt und aus Nebraska kommt.

Aber der Sheriff weiß nichts über diesen Mann. Er verspricht dem neuen Gouverneur, sich umzuhorchen, notfalls will er sogar mit seinem Kollegen in Nebraska City sprechen. Wer würde es nicht tun, um damit seinem baldigen höchsten Vorgesetzten einen Gefallen zu tun?

Und als John B. Carson zwanzig Meilen weiter ist, hat ihn ein anderer Reiter eingeholt. Es ist der Mörder Glen Sloan.

Es ist Nacht. Weit und breit gibt es keinen Menschen, also keinen Zeugen und da fragt Glen Sloan ohne Umschweife. Sein Vorsatz steht schon fest, seit er dem Rancher aus der Stadt gefolgt war.

»Nun, Carson, wissen Sie es jetzt, wo Sie mich schon einmal gesehen haben?«

Irgendetwas an diesem Reiter fällt dem Rancher auf. Vielleicht die Art, wie Sloan im Sattel sitzt. Ganz plötzlich weiß der Rancher, wen er vor sich hat.

Er will zu seinem Colt greifen, denn der Mörder ist nicht hier, um der Gegenpartei Glückwünsche zu überbringen. Nein, Sloan will ihn, den Mitwisser eines Geheimnisses töten.

Aber John Carson ist nur ein Politiker und kein Revolvermann.

Glen Sloan ist schon immer ein guter und schneller Schütze gewesen. Seine Art, den Gegner zu überraschen, hat sich nicht geändert. Ehe der Rancher den Griff seines Colts überhaupt fühlt, trifft ihn eine Kugel mitten im Herzen.

Glen Sloan ist in den vergangenen Jahren ruhiger geworden. Erst als er überzeugt ist, dass John B. Carson niemals mehr als Zeuge gegen ihn antreten kann, wendet er seinen Gaul und reitet nach Denver zurück.

 

 

27. Kapitel

 

Von Westen her, aus den Bergen, nähert sich an diesem Abend ein Reiter der Ranch, der mit leeren Händen auszog und nun mit leeren Händen zurückkommt.

Jim hat es satt, Revolvermarshal oder Deputy eines solchen zu sein. Es sind nicht seine Kämpfe. Und seine Hoffnung, Glen Sloan zu finden, ist völlig erloschen. No, Jim hat die Nase so richtig voll.

Die Suche nach dem Mörder muss man auf andere Art lösen können. Aber das will er mit Marshal Les Bartley besprechen. Aber stärker als jede Pflicht, ist die Sehnsucht nach dem Mädchen Constance.

Jim findet die Balken-Ranch leer vor, da die Familie Carson im Ort auf den Gatten und Vater und natürlich auch auf den neuen Gouverneur warten will.

Trotzdem bekommt Jim sein Essen, denn es gibt wohl keinen Mann auf dieser Ranch, der Jim nicht kennt. Der Koch aber, kennt Jim noch am besten. Er leistet ihm auch Gesellschaft und so erfährt Jim während des Essens das Notwendigste aus den vergangenen vier Jahren.

Es geht schon auf Mitternacht zu und noch immer ist die Familie nicht zurück. Jim entschließt sich, nach Central City zu reiten. Er muss noch heute Constance sehen, von der der Koch behauptet, sie sei ein Wunder an Lieblichkeit und Schönheit und bisher hätte sie jeden Freier nur ausgelacht.

Ja, wenn man den Worten des Ranchkoches glauben kann, dann hat Constance schon einen ganz bestimmten Mann im Auge, den sie heiraten will und – nun, Jim muss mal selbst fragen, wer es sein könnte.

Als Jim in Central City eintrifft, brennt noch in jedem Haus Licht. Überall in den Hütten, Häusern und Saloons, wartet man mit der Familie des neugewählten Gouverneurs auf dessen Rückkehr.

Jim lenkt seinen Gaul vor das City Hotel und schwingt sich schon aus dem Sattel, da ruft ihn eine Stimme aus der Dunkelheit an.

»Jim?«, tönt es fragend an sein Ohr. »Oh Gott, Jim, bist du endlich zurück?«

Diese Stimme, denkt er, hat sich kaum verrändert. Und obwohl ihm der Koch Constance maßgerecht beschrieben hat, glaubt Jim, eine Fünfzehnjährige trete ihm nun gegenüber. Doch an eine Lady, wie sie da vor ihm steht hat er nicht gedacht.

Darum stottert er nur an diesem einem einzigen Wort herum. Er kann es einfach nicht aussprechen und etwas anderes fällt ihm auch gar nicht ein. Jim bleibt stumm wie ein Fisch, als Constance auf ihn zukommt und ganz selbstverständlich ihre Arme um seinen Nacken schlingt. Sie muss sich zwar etwas auf die Zehen stellen, aber sie schafft es und drückt dem erstaunten Jim einen Kuss auf den Mund, als wäre es die natürlichste Sache der Welt.

Doch jetzt ist es bei Jim ganz aus. Dafür scheint die Lady umso gesprächiger zu sein. Sie führt Jim plaudernd in das Hotel und sagt, als sie die Halle mit den vielen Wartenden betreten:

»Es ist zwar nicht der neue Gouverneur den ich euch bringe, aber seine Rückkehr ist ebenso wichtig. Für mich noch wichtiger, denn dies ist Jim, mein Verlobter.«

Billy ist schnell aus seinem Sessel heraus. Die arme Mutter muss erst den Schreck verdauen. Doch sie kennt ihre Tochter am besten und macht deshalb ein freundliches Gesicht.

Und so feiert man in Central City in dieser Nacht, als nur vierzig Meilen nordöstlich, der Rancher und neugewählte Gouverneur von Colorado, ermordet wird, die Verlobung zweier junger Menschen, die füreinander bestimmt sind, was auch noch immer kommen mag.

Gegen Morgen reitet Jim mit Constance zur Ranch zurück, denn eine so große Ranch ist ein Betrieb, der funktionieren muss. Billy wäre zu gern mitgeritten. Aber er besitzt Takt genug, um bei der Mutter zu bleiben, nachdem man seine Frage, ob er mitkommen soll, scheinbar überhörte.

Irgendwann halten die beiden Pferde an und etwas später rutschen zwei gänzlich Verliebte aus den Sätteln. Als die beiden auf der Ranch eintreffen, kommen sie in ein Trauerhaus.

John B. Carson wurde gegen Morgen von einigen Bürgern gefunden, die ihrem größten Sohn des Ortes entgegengeritten waren. Sie brachten ihn nach Central City und von dort ging der Trauerzug zur Ranch.

Keine zwei Minuten, nachdem Jim dem toten Rancher in das bleiche Antlitz gesehen hatte, jagt er vom Hof der Ranch. Sein Ziel ist Denver, wo er den Mörder von Mister Carson vermutet. Denn Jim glaubt, dass es ein politischer Mord war.

 

 

28. Kapitel

 

In den nächsten Tagen und Wochen ist ganz Colorado in heller Aufregung. Aufgebote, Sheriffs und Staatenmarshals sind Tag und Nacht im Sattel. Sie alle suchen den Mörder ihres Gouverneurs, der noch nicht einmal Zeit gehabt hatte, um zu beweisen, was er konnte.

Jim reitet durch ganz Colorado. Immer wieder trifft er auf ein Aufgebot oder auf einen Sheriff, doch keiner hat etwas gesehen oder gehört.

Auch Jim findet nichts. Wie sollte er auch. Der Mörder stellte sein Opfer zwanzig Meilen von Denver entfernt in einer einsamen Gegend. Er feuerte einen Schuss ab und verschwand.

Im September reitet auch der letzte Marshal wieder nach Hause.

Jim trifft in diesen Tagen in Denver ein, um noch einmal ganz von vorn zu beginnen.

Sein erster Weg ist das Büro des Sheriffs und endlich er trifft den Beamten einmal an.

»Ein Verwandter?«, echote der Sheriff, nachdem sich Jim vorgestellt hat. »Ein großer Verlust, nicht wahr? Nicht nur für ihre Familie, ganz Colorado trauert mit.«

Das hat sich Jim schon oft anhören müssen. Reden führen zu nichts. Nein, Jim will mehr. Er fragt und stellt Behauptungen auf, ohne, dass ihm der Sheriff dabei helfen kann. Das wurde doch schon alles von den zuständigen Behörden überprüft. Als Jim dann ziemlich geschlagen geht, fängt der Sheriff noch einmal an, sein Mitgefühl zu zeigen. Er schildert den Rancher als den prächtigsten Mann, der jemals jenseits des Missouri gelebt hat und erwähnt den letzten Abend, da er den Rancher traf und ihm noch gratulieren konnte.

Plötzlich horcht Jim auf. Denn eben sagt der Sheriff:

»Ich bekam noch einen Auftrag von Mister Carson. Den Einzigen, den er mir als Gouverneur gegeben hat. Ich sollte mich nach einem bekannten Politiker aus Nebraska City erkundigen. Der Mann heißt Glenn, ja mit zwei ‚N‘ geschrieben. Sloan Glenn, komischer Name, nicht wahr?«

»Sloan Glenn«, schreit Jim überrascht. Doch er fängt sich schnell und verabschiedet sich hastig …

»Heh, heh«, ruft ihm der Sheriff nach. »Junger Mann, machen Sie nur keine Dummheiten. Der Politiker besitzt eine Menge Freunde. Und ich glaube auch nicht, dass Mister Carson etwas Nachteiliges erfahren wollte. Sicher hatte er vor, Mister Glenn einen hohen Posten in der Verwaltung anzubieten.«

Und als Jim schon ein ganzes Stück gelaufen ist, denn er hat sein Pferd an einem ganz anderen Platz gelassen, da ruft ihm der Sheriff noch nach:

»Den treffen Sie nicht an, der ist schon vor der Wahl auf einer längeren Dienstreise.«

Doch Jim hört schon gar nicht mehr hin. Wie Paukenschläge dröhnt es in seinem Inneren: Glen Sloan. Sloan Glenn – der falsche Marshal.

Ich habe ihn gefunden. Nur er kann der Mörder sein.

Aber es nützt Jim wenig etwas zu wissen. Beweisen kann er es kaum. Hier in Denver schon gar nicht. Doch er muss den Mörder erst einmal finden, was gar nicht so einfach ist, denn Glen Sloan ist wirklich nicht in der Stadt.

Auch wenn Jim noch so vorsichtig herumfragt, bald wissen es zu Viele und kaum ist eine Woche vergangen, da sucht ihn der Sheriff in seinem Hotelzimmer auf.

»Nehmen Sie ihr Pferd und reiten Sie«, befiehlt der Mann des Gesetzes. Sie haben Stadtverbot. Ich hatte Sie gewarnt. Hier ist die Quittung, junger Mann. Sie haben nur dreißig Minuten Zeit. Ich warte unten und begleite Sie bis vor die Stadt. Also, beeilen Sie sich!«

 

 

29. Kapitel

 

Einen ganzen Tag wartet Jim vor der Stadt. Als es wieder Abend wird, legt er seinen Sattel auf und reitet einfach, nach Denver zurück.

Denver war schon damals eine große Stadt. Es fällt also gar nicht einmal auf, dass Jim wieder da ist. Und jeden Entgegenkommenden, der einen Stern trägt, meidet er.

Jim erlebt in den nächsten Tagen, dass der bisherige Gouverneur im Amt bestätigt wird. Es gibt ein Fest, die Kinder haben schulfrei und draußen vor der Stadt gastiert jeder Cowboy, der ein wildes Pferd reiten kann oder seine Kunst im Schießen unter Beweis stellen will.

In diesem Trubel wird Jim von der allgemeinen Begeisterung angesteckt. Er meldet sich zum Revolverschießen. So bleibt es also gar nicht aus, dass ihn einer der Deputys erkennt und auf der Stelle verhaftet.

Doch nun muss Jim in das Stadtgefängnis. Mit einem billigen Verweis kommt er nicht davon. Und vorerst lassen sie ihn dort schmoren.

Eines Nachts, Jim wacht von dem Lärm auf, den nun einmal das Aufschließen von Türen und Eisengitter verursacht, als ihn der helle Schein einer nach hinten abgedunkelten Lampe blendet.

Drei Männer stehen vor seiner Zelle und betrachten ihn. Er gibt sich große Mühe, jene drei zu erkennen, die sich aber mit keinem Wort und keiner Geste verraten. Wenig später verlassen sie rückwärts den Gang, sodass ihn der helle Schein die ganze Zeit blendet.

Zwei Tage später muss Jim zur Vernehmung. In dem Raum, wo die Befragung stattfindet, steht eine spanische Wand, als wenn dort ein alter hässlicher Ofen zu verdecken wäre. Doch Jim vermutet, dass hinter dieser Wand ein Mithörer sitzt.

Bald ist er seiner Sache sehr sicher, denn nach anfänglichen Fragen, wie er heiße, woher er komme und warum er trotz des Verbotes wieder in Denver sei, fragt man ihn nach seiner Vergangenheit. Und der Frager ist bestens informiert. Er weiß, dass Jim schon einmal unter dem Galgen gestanden hat.

Dann zeigt er Jim die einstweilige Verfügung, wonach er bedingt freigesprochen ist. Diese alte Sache kann jederzeit rückgängig gemacht werden. Dann können sie ihn hängen, auch hier in Denver.

»Sie können sich entscheiden«, sagt der Mann, der sich als Richter vorgestellt hat. Aber Jim glaubt nicht daran. Er vermutet, sein Frager ist irgend so ein Rechtsanwalt, der in der Partei, zu der auch Glen Sloan gehört, tätig ist. Sie wollen ihn bluffen.

»Hier, ich zerreiße ihre Verfügung und erkläre Sie als freier Mann. Aber ich stelle eine Bedingung: Kehren Sie sofort der Stadt den Rücken und kommen Sie nie wieder zurück.«

»Oder?«, fragt Jim. Doch eigentlich kann er sich denken, was sonst sein wird.

»Das in Central City gefällte Urteil wird vollstreckt. Hören Sie, mein Freund, wir drohen hier nicht umsonst. Von Politik werden Sie nichts verstehen. Aber Sie stehen mitten drin, sozusagen im Weg. Wir können es uns aber nicht erlauben, einen Mann zu dulden, der unserer Partei schadet. Sie haben viel Fantasie, junger Freund. Reiten Sie zurück und lassen Sie das Träumen. Das ist ein guter Rat.«

 

 

30. Kapitel

 

Jim hat sich nicht zweimal bitten lassen. Er verschwindet aus Denver und hat auch wirklich vor, nach Hause zu reiten, zur Balken-Ranch.

Er weiß genau, dass er gegen so viel Intrige und Ränke nicht ankämpfen kann. Ja, hier draußen, in der freien Prärie, da ist er zu Hause.

Und weil Jim sich aufatmend umsieht, erkennt er auch den Reiter, den er schon einmal gesehen hat, vor Stunden, als er die Stadt verließ.

Nanu? denkt er überrascht, warum schließt der Kerl denn nicht auf, wenn wir schon einen gemeinsamen Weg haben? Er hält sein Pferd an und wendet sich nun dem Näherkommenden zu.

»Hallo!«, ruft Jim arglos, »wenn wir schon die gleiche Strecke haben, dann können wir doch zusammenreiten.«

»So einfach ist das nicht«, erwidert der Ankommende. »Ich trage eine Menge Geld bei mir. Und hier auf diesem Weg, ist schon einmal ein Mann erschossen worden. Nun, ich habe Sie eben erst erkannt.

Sie waren doch auch beim Wettschießen dabei?«

»Ja. Aber leider musste ich bei der Preisverteilung fehlen. Mein Gesicht gefiel einem der Deputys nicht. Man hat mich verwechselt.«

Jetzt ist erst einmal das Eis gebrochen. Man schimpft auf die Kerle mit dem Stern, die sich alles herausnehmen können und wechselt dann wieder zum Preisschießen über.

»Sie haben einen glatten Zug«, sagt der Fremde bewundernd. »Wie ich sehe, haben Sie das gleiche Modell wie ich. Darf ich mal …«

Und damit greift er zu Jims Colt. Er wiegt die Waffe in der Hand und schmunzelt dabei, wie ein zufriedener Koch über sein Essen.

»Liegt gut in der Hand, Jim. Aber sonst taugt die Waffe nichts.«

Und während er die letzten Worte kalt herausstößt, schleudert er Jims Colt weit von sich und lässt zu gleicher Zeit seine Linke zum eigenen Colt schnellen.

Als der Fremde Jim mit seinem Namen anredete, zuckte es in Jims Innern. Zwei Sekunden später, als der Gedanke, einem Killer gegenüberzustehen, in ihm Form annimmt, schaut Jim schon in die Mündung seines Gegenübers.

»Los, reite vor und versuche keinen Trick, mein junger Partner, ha, ha, ha, schön langsam und weg von der Straße, los weg von hier!«

Der Killer zwingt Jim die Arme hochzunehmen und gibt eine entfernte Buschgruppe an, auf die Jim zureiten soll, denn dort, so erzählt er voller Humor, müsse er Jims Leben beenden.

»Du hast dich um Dinge gekümmert, die dich nichts angehen, Jimmy, mein Freund. Mir persönlich ist es natürlich ganz egal, was du gesagt hast und was anderen nicht gefallen hat. Ich bin nur beruflich an deinem Tod interessiert. Ja, weißt du, Jimmy, für fünfhundert Dollar da mache ich schon etwas gern, wenn man noch die Spesen extra bekommt.

Sie sind jetzt gut hundert Yards von der Straße entfernt. Noch hat Jim sein Gewehr im Scabbart. Aber der Killer wollte erst einmal vermeiden, falls wirklich jemand hier auftauchte, dass sie gesehen würden.

Sein vieles Reden ist weiter nichts, als Jim in die Irre zu führen, er selbst sei ein harmloser Bursche. In Wirklichkeit hat Jim einen der brutalsten und gefährlichsten Killer in seinem Nacken, das Halbblut Jones.

Und dieses harmlose Geplätscher geht immer so weiter. Jones kommt ganz nahe heran, so rein zufällig. Sein ausgestreckter Arm ist nur noch zwanzig Zentimeter von Jims Gewehrkolben entfernt. Da er Linkshänder ist, muss er also fast Bügel an Bügel mit Jim reiten und da Jim aus alter Angewohnheit sein Gewehr links hat, nützt dem Killer der Colt für den Bruchteil einer Sekunde nichts, rein gar nichts.

»Wir könnten auch ein kleines Geschäft machen …«, sagt er und hebt sich leicht aus dem Sattel, um den Gewehrkolben greifen zu können.

»Neinnn«, schreit Jim wütend und dreht sich blitzschnell nach links herum.

Seine erhobenen Hände zucken herunter und mähen den nicht ganz sattelfesten und völlig überraschten Gegner vom Pferd. Und noch mit dem alten Schwung wirft sich Jim nach rechts vom Pferd und zieht sein Gewehr mit.

Aber das Halbblut kommt wie eine Katze auf den Boden auf. Und Jones ist ein verdammt schneller Schütze. Er schießt schon, als sich Jim noch in der Luft befindet und er trifft auch. Doch es ist nur ein Streifschuss. Aber dadurch verliert Jim den Halt und stürzt nach hinten. Er entgeht dadurch dem zweiten Schuss des Halbblutes. Die Kugel fegt so dicht über ihn hinweg, dass sie den im Winde aufblähenden Jackenaufschlag durchlöchert.

Noch im Fallen repetiert Jim durch. Jones will sich durch die Beine von Jims Pferd hindurch auf ihn werfen, als Jim schießt. Er trifft das Halbblut mitten in die Stirn.

Noch ein Schuss löst sich aus dessen Waffe, gewiss im Todeskrampf. Aber diese Kugel faucht peitschend steil in den abendlichen Himmel.

 

 

31. Kapitel

 

Jim ist ein Narr. Er könnte den toten Killer dort lassen, wo dieser liegt und dann nach Central City reiten. Auf der Balken-Ranch wartet Constance. Billy, den man jetzt Bill nennt, ist noch zu jung um Boss sein zu können. Auch die Ranch, beide Ranchen warten auf Jim.

Aber Jim will es nicht anders. Er lädt den Killer auf dessen Pferd und reitet zurück nach Denver. Jim reitet bis vor das Office des Sheriffs und weil es bereits Nacht ist, muss er laut schreien, ehe man ihn bemerkt.

»Nun, Sheriff, glauben Sie immer noch an den Weihnachtsmann«, brüllt er wütend über die zwanzig Yards hinweg, die ihn von dem Mann mit dem Stern trennen. »Heute Morgen hat man mich aus dem Jail entlassen. Aber man hetzte mir einen Killer nach.«

Nun kommt der Sheriff näher und hebt den Kopf des Toten an. Er sieht kaum eine Sekunde in das leblose Gesicht, dann sagt er erschrocken:

»Das ist ja das Halbblut Jones. Den haben Sie doch nicht allein geschafft, Jim.«

»Sie Narr«, entgegnet Jim verächtlich, »ich war vier Jahre als Deputy oder als Marshal in den wildesten Städten von Colorado tätig. Etwas verstehe ich auch, wie man mit einem Gewehr umgeht.«

Doch viel wichtiger ist, dass Jim den Sheriff überzeugt hat. Etwas später gehen sie beide durch die nachtdunklen Straßen von Denver, bis sie an einen wahren Palast kommen.

»Mister Glenn hat dies Haus gemietet. Kommen Sie, Jim!«

Mit einem schweren Klopfer pocht der Sheriff an die starke Tür. Doch ehe im Hause Licht gemacht wird und ein Diener durch eine kleine Klappe im Eingang seine Fragen stellt, sind mehr als fünfzehn Minuten vergangen.

»Mister Glenn ist nicht im Hause«, erwidert der Diener kurz angebunden und schimpft über die gestörte Nachtruhe.

»Zum Teufel«, schreit der Sheriff auf einmal sich an Jim wendend, »Schnell, nach hinten. Das Haus hat noch einen zweiten Ausgang.«

Da rennt Jim los. Leider muss er zunächst durch eine schmale Gasse. Dann geht es links um die Ecke und ehe er das Haus an seiner Rückfront erkennt, weiß er schon, dass er zu spät kommt.

Trotzdem dringt er durch die offene Hintertür ein und erscheint hinter dem schimpfenden Diener, der noch immer durch die Klappe schreit.

Vor Schreck wird der Mann schneeweiß und vergisst, dass er der Hüter des Hauses ist. Jim windet ihm mühelos den Schlüssel aus der Hand und öffnet dem Sheriff.

Dieser nickt schon enttäuscht, als er eintritt und ärgerlich sagt:

»Zu spät, Jim. Teufel, dass ich einen so groben Fehler machte, wirst du mir nicht verzeihen, Junge. Aber diesen windigen Burschen nehme ich mit.« Er wendet sich an den Diener und sagt kalt: »Sie sind verhaftet, Mann. Beihilfe zum Mord, lautet die Anklage und jetzt vorwärts.«

 

 

32. Kapitel

 

Nach ein paar Stunden Schlaf im Office des Sheriffs reitet Jim am nächsten Morgen aus Denver und folgt einer Straße, die nach Osten führt.

Ein Deputy will den bekannten Politiker Glenn gesehen haben, wie dieser an dem im Dunkeln stehenden Gesetzesmann eilig vorbeiritt. Glenn soll eindeutig die Straße nach Osten genommen haben.

Doch das Land ist groß. Es gibt viele Wege für eine Flucht. Aber Jim muss diesem Hinweis nachgehen. Gegen Nachmittag kommt Jim nach Byers am Bijou Creek. Das sind ungefähr vierzig Meilen von Denver entfernt.

Eine einsame und trostlose Gegend. Wasser wird hier groß geschrieben. Der Bijou Creek besteht nur aus einigen übelriechenden Tümpeln. Sonst gibt es hier nur Sand, Hügel und dürftiges Gras.

Kurz vor dem Ort, wo es sanft zum eigentlichen Creek hinabgeht, entdeckt Jim eine Pferdespur. Es wundert ihn, weshalb der Reiter, so nahe am Ort, nicht hinabritt, sondern nach Norden einschwenkte.

»Ich muss mir die Zeit nehmen und einmal durch die einzige Straße reiten«, sagt Jim laut zu sich selbst. Er weiß, dass er wenig Zeit hat und denkt mit Grauen an die verlorenen vier Jahre, die er auf der Suche nach Glen Sloan, vertrödelte. Der Bursche ist so gerissen, und wird mir entgehen, sinnt er weiter. Doch er muss sich orientieren.

Jim ist kaum an dem ersten Haus, als ein Mann aus dem Schatten eines weiten Remisendaches auf ihn zukommt.

»Wetten«, sagt er ohne jede Begrüßung, »dass Sie gleich wie ein Sturmwind umwenden und nach Norden jagen?«

»Ich glaube es fast«, erwidert Jim lächelnd und nimmt einen Dollar aus der Tasche. »Hier, ich höre!«

»Vor zwei Stunden sah ich einen Reiter da oben am Hang«, erzählt der Mann geheimnisvoll. »Hier ist jeder Fremde willkommen, Mister, denn Byers liegt fast auf dem Mond. Doch was tut der Kerl? Er sieht einmal hinunter, setzt die Hacken ein und reitet nach Norden. Einer der es eilig hat, denke ich. Und nun kommen Sie. Also stimmt meine Rechnung, oder?«

»Das ist mir zwei Dollar wert«, entgegnet Jim freudig.

Keine zehn Minuten später ist er schon wieder oben am Hang und folgt der gut sichtbaren Spur. Aber so sehr er sich auch beeilt, es wird Nacht und Jim hat außer der Spur, nichts gesehen.

Glen Sloan, wenn er es sein sollte, muss ein beachtliches Tempo angeschlagen haben.

Jim muss eine Pause einlegen, so schwer es ihm auch fällt. Das Pferd braucht Ruhe und er nicht minder. Auch wenn der Mörder noch so nahe sein sollte und durch Jims Rast einen größeren Vorsprung herausschlägt, einmal wird auch er fertig sein, wenn Jim ihm mit frischen Kräften folgt.

Zwei Tage später ist es so weit. Jim nähert sich der Grenze Nebraskas. Noch ist die Spur, der er bereits seit dem kleinen Ort Byers unentwegt folgt, nicht zu übersehen. Vielleicht will derjenige, dem Jim folgt es so.

Als es an diesem Tag schon zu dämmern beginnt, erreicht Jim den Süd Platte auf der Höhe von Crook. Die Umgebung ist hier überraschend in felsiges Gelände übergegangen. Trotzdem findet Jim noch immer Anzeichen einer Spur und setzt noch einmal die Hacken ein.

Zehn Meilen weiter, es ist nun schon fast dunkel, stößt er auf eine breite Wagenspur, die von Osten her nach Nordwest einschwenkt. Bevor es in einen breiten Hohlweg geht, erregt ein Ortsschild Jims Aufmerksamkeit.

»Padron«, steht da geschrieben, »Town«, und etwas kleiner darunter: »siebenundzwanzig Einwohner, Logan County

Und wieder kann Jim deutlich erkennen, dass auch der vermeintliche Mörder Glen Sloan diesen Weg wählte. Er kommt gerade durch den Hohlweg, als er schon die Lichter der kleinen Stadt sieht.

Jim kommt noch acht Yards weiter, dann kracht ein Schuss hinter ihm. Trotz Hunger und Müdigkeit reagiert er noch phantastisch schnell.

Er lässt sich nach links aus dem Sattel fallen und gibt seinem Gaul einen Schlag auf die Kruppe, sodass dieser erschreckt davonrennt.

In diesem Moment bricht ein Reiter hinter einem Busch hervor, der fluchend schimpft:

»Zum Teufel, ich hatte ihn doch richtig vor meinem Lauf. Ist der Kerl denn unverwundbar?«

Jim hat es schon erwischt. Doch dieser Schuss wirft ihn nicht gleich um. Die Kugel drang in seine rechte Hüfte ein, durchschlug die Kleidung, den Gurt und steckt nun ganz dicht unter der Haut.

Er taucht wie ein Geist vor dem Schützen auf und sagt nur kalt:

»Stopp, mein Freund!«

Die Überraschung ist zu groß. Wohl setzt der Schütze die Hacken ein und versucht den Lauf seines Gewehres auf Jim einzuschwenken, aber es bleibt eben alles nur ein Versuch. Denn nun schießt Jim. Er zielt auf die rechte Schulter seines Gegenübers. Doch das Pferd macht in diesem Moment einen hastigen Satz zur Seite, sodass die Kugel um zwanzig Zentimeter weiter als beabsichtigt, dem Schützen in die Brust dringt.

Jim weiß schon, dass er nicht Glen Sloan vor sich hat. Als er nun mit wenigen Sprüngen herbeieilt, kommt er gerade noch rechtzeitig, um den Getroffenen aufzufangen. Nur ein Wort hatte der Mann geschrien, als er getroffen wurde:

»Narr!«

Jim entwaffnet den Fremden und verbindet ihn. Doch er kann schon erkennen, geholfen ist dem Schützen damit nicht. Trotzdem versucht Jim, ihn auf sein Pferd zu bringen, da er im nahen Ort einen Arzt vermutet.

Der Schmerz, als Jim den Verwundeten hochwuchtet, macht diesen wieder etwas klarer. Er wehrt sich, in den Sattel gesetzt zu werden und sagt mit brüchiger Stimme:

»Nicht zum Arzt, spar dir die Mühe und mir die Folter. Ich bin gleich hinüber. Du Narr, was musst du auch so gezielt schießen.«

Wenig später lehnt er halb sitzend an einem Baum und verlangt nach etwas Trinkbarem.

»In meinen Satteltaschen findest du alles«, sagt er erklärend.

Nachdem er einen guten Schluck gemacht hat, reißt er sich noch einmal zusammen und berichtet Jim.

Er sei ein harmloser Nichtstuer, erklärt er Jim unter Stöhnen, und wurde im Vorort von Denver von einem Reiter angesprochen, ob er sich hundert Dollar verdienen wolle.

Der fremde Reiter habe ihm erzählt, sein Bruder verfolge ihn wegen eines Mädchens. Wenn er nun eine sichtbare Spur, so weit wie möglich, ziehen könnte und notfalls mit ein paar Schreckschüssen den Verfolger davon abhalte, ihm weiter zu folgen, dann hätte er dem fremden Mann schon viel geholfen, das Mädel in der Zwischenzeit zu heiraten.

Heute Abend aber war sein Gaul am Ende gewesen. Da hatte er es mit einem Schuss gewagt. Natürlich wollte er Jim nicht töten, nur verwunden. Aber Jim verstehe wohl keinen Spaß, obwohl ihm der fremde Reiter erzählt habe, sein Bruder sei so harmlos wie ein Kind.

 

 

33. Kapitel

 

Das wurde natürlich nicht alles in vollständen Sätzen und flüssig gesprochen. Einige Sätze blieben Bruchstücke. Doch Jim wusste jetzt, dass Glen Sloan ihm wieder durch die Lappen gegangen war.

Er hatte versucht den Sterbenden über Glen Sloan auszufragen.

Doch dieser wusste nichts weiter, als das was er schon gesagt hatte. Danach war Sloan in nördlicher Richtung davongeritten.

Die letzten Minuten erzählte der Sterbende nur noch von sich und was er alles mit den hundert Dollar hatte machen wollen.

Jim bleibt bei diesem seltsamen Mitmenschen, bis er zum letzten Mal die Luft einsaugt und mit einem versuchten Aufbäumen, aus dem Leben scheidet.

Erst dann reitet Jim nach Padron hinein und fragt einem späten Bürger nach dem Marshal.

In Padron gibt es noch nicht einmal einen Gesetzeshüter. Der Salooner sei Bürgermeister, Marshal, Stadtrat und Beerdigungsinstitut in einer Person. Außerdem noch Schmied und Besitzer des Stores.

»Und«, fragt Jim überrascht, dass ein Mann so viel Arbeiten an einem Tag verrichten kann, »wie schafft es denn dieser Mann? Schläft er auch?«

Da muss sich Jim anhören, dass wohl der Saloon der Haupternährungsberuf sei. Denn wer kaufe sich schon mal einen Anzug, wer stirbt denn wohl in Padron und wann hätte der Salooner Gelegenheit, einen Banditen festzunehmen. Nein, Padron sei kein Ort, es wäre eher eine sterbende Stadt.

Nachdem er die Beerdigung und einige unvermeidliche Formalitäten erledigt hat, schläft er in einer Kammer des Saloons in Padron.

Er hat drei Tage verloren. Jetzt kommt es auf einen weiteren auch nicht mehr an. Jim benutzt den nächsten Tag, um sich für einen längeren Ritt vorzubereiten.

Ganz wohl fühlt er sich nicht, als er das Restgeld des Toten für seine Einkäufe nimmt. Gegen Mittag bricht er auf und reitet in nordwestlicher Richtung los. Er will nach Wyoming. Sein nächstes Ziel ist Cheyenne.

Am folgenden Tag, um die Nachmittagsstunde, hat er den Ort erreicht.

Sein erster Weg ist das Büro des Sheriffs. Hier weiß man schon über ihn Bescheid. Der Sheriff kann Jim erzählen, dass nun endlich auch die Regierung einen Staaten-Marshal auf die Spur des flüchtigen Mörders Glen Sloan gesetzt hat.

»Das müsste ihnen doch genügen«, meint der Sheriff von Cheyenne.

»So ein Marshal hat eine gründliche Ausbildung hinter sich und jede Unterstützung. Reiten Sie nach Hause, junger Mann und vergessen Sie die ganze Angelegenheit. Schließlich kann nicht jeder Betroffene das Recht in die eigenen Hände nehmen und den Rächer spielen. Dafür sind nun einmal die Behörden da.«

Das war verdammt fein gesagt. Jim fühlt in diesen Sekunden, was man schon seit der Ermordung des Ranchers John B. Carson will. Es soll kein Aufheben von der Sache gemacht werden.

Darüber wird Jim so ärgerlich, dass er voller Wut den Beamten anschreit:

»Und wenn Glen Sloan nicht gefunden wird, freut sich jeder Mann in Colorado. Hoch lebe das Gesetz. Doch eines sage ich ihnen noch Sheriff. Dieser Sloan hat nicht nur den Gouverneur Carson erschossen, er hat auch einen Staatenreiter ermordet. Aber das alles zählt ja nicht. Die Behörden haben ja den Fall übernommen. Pfui Teufel, welch ein Land, wo die Politik mehr zählt als der Tod von zwei Männern, die diesem Lande dienten.«

Jim hat genug. Auch der verblüffte Ruf des Sheriffs, doch noch zu warten, hält ihn nicht mehr. Und auf einmal weiß Jim, was er will.

Er möchte zu den Gräbern seiner Partner. Er muss hin, wenn er nicht völlig verzweifeln will. Denn Jim braucht Trost. Die Lebenden können ihm nichts mehr geben. Aber seine Partner, auch wenn sie schon tot sind.

 

 

34. Kapitel

 

Ganz zum Spaß reitet Jim nach wenigen Tagen noch einmal durch das Goshen Hole. Jetzt, da er nicht auf der Flucht ist, kommt es ihm vor, dass es unmöglich sei, so ein Gebiet zu durchreiten.

Er zwingt sich aber verbissen durch die Gesteinsmassen hindurch und schimpft laut vor sich hin. Als er endlich die unmöglich steile Treppe gefunden hat, die aus der Laune der Natur entstand, schüttelt es ihn, wenn er nur daran denkt, dort einmal hinuntergestiegen zu sein. Und das mit einem Pferd.

Nein, er versucht es heute nicht und wählt lieber einen Umweg.

Es dämmert bereits, als er sich den Weg zurückkämpft und verflucht schon seinen Plan, überhaupt hier eingedrungen zu sein.

Plötzlich vermisst er sein kleines Schnitzmesser. Er hat es damals von Olly bekommen, und es bedeutet ihm noch immer sehr viel. Verärgert rutscht Jim aus dem Sattel, denn mit dem Pferd, hoch oben im Sattel, wird er das kleine Messer so schnell nicht finden.

Nach fast einer halben Meile, er will schon aufgeben, kommt er hoch und sieht sich verwirrt um, denn so einfach ist es nicht, sich hier zurechtzufinden.

Jim steht einen Moment unentschlossen da. Er hatte das Messer immer als ein Talisman behandelt und möchte es ungern missen. Er macht noch einen Schritt und sieht sich erneut um. Da liegt es! Verdammt, wie kann ein Messer genau auf einen so großen Stein fallen, ohne, dass man es hört?

Er greift zu und muss sich dabei etwas bücken. Und in diesem Sekundenbruchteil peitscht ein sehr naher Schuss auf, der jaulend über ihn hinwegfegt. Sofort liegt Jim am Boden und versucht, den Standort des Schützen auszumachen. Jim glaubt, er wäre auf einen Banditen gestoßen.

Doch jetzt täuscht er sich. Nur dreißig Yards weiter steht sein größter Feind, der Mörder Glen Sloan, der sich hier im Goshen Hole eine vorläufige Bleibe geschaffen hat.

Jim kriecht die nächsten Yards. Es bleibt ganz ruhig. Aber dann kommt eine kleine freie Strecke, hier zwischen den Steinen fällt er kaum auf, doch für einen Mann, der um sein Leben kämpfen muss, sind zwei Yards ohne Deckung schon sehr viel.

Jim stößt sich ab und fliegt förmlich auf den nächsten Stein zu. Zwei Schüsse folgen ihm, ohne zu treffen. Aber sie beweisen doch, dass der Schütze hoch genug stehen muss, um in diesem Wirrwarr von Felsen jede größere Bewegung einsehen zu können.

Vorerst hat Jim keinen Kummer. Er schafft an die hundert Yards, immer in guter Deckung. Dann ist links von ihm eine breite Spalte, fast ein Hohlweg, in die er gleitet.

Hier kann er sogar laufen. Er hüft etwas später über eine kleine Mauer und kann nun schon sein Pferd stehen sehen. Doch mit den Augen eines Verfolgten sieht es ganz anders aus. Sein Gaul steht auf einem kleinen Platz, wie auf einem Präsentierteller.

Jim kriecht und schleicht sich so gut es nun einmal gehen will immer weiter vor. Aber mehr als bis auf fünfzig Yards, wagt er sich nicht an sein Pferd heran. Doch er macht es anders.

Er steckt zwei Finger in den Mund und stößt einen spitzen Pfiff aus. Sogleich dreht sein Gaul sich herum und äugt in die Runde. Dann hat es Jim gesehen und will antraben.

Doch genau in diesem Moment kracht ein Schuss. Jim erlebt, wie sein Pferd von der Kugel niedergestreckt wird. Wie vom Blitz getroffen fällt es in die Knie, wackelt mit dem Kopf, als könnte es nicht verstehen, warum es ausgerechnet jetzt bestraft wird, wo es doch so schnell gehorcht hatte.

Jim kommt wütend hoch, um wenigstens die Pulverwolke des Abschusses zu sehen, als es wieder kracht und die Kugel ihm den Hut vom Kopf reißt.

Danach hört Jim den Schützen krankhaft, höhnisch auflachen und wieder feuert er. Und jetzt lacht er wieder und ruft überlegen:

»Du kommst hier nicht heraus, Jim. Ja, staune nur, mein lieber alter Bekannter, ich bin es, der Marshal William Gran. Hoch mit dir und wirf die Waffe weg, du bist verhaftet.«

»Glen Sloan!«, brüllt Jim ganz ruhig und eher froh, endlich den skrupellosen Mörder gefunden zu haben, »mich bluffst du nie mehr. Du warst nie ein Marshal, Glen Sloan. Du bist ein mehrfacher Mörder. Ich komme jetzt, Sloan, wehre dich, denn Gnade kannst du nicht erwarten.«

Noch lacht der Mörder höhnisch auf und er kann sich nicht verkneifen, Jim zu verhöhnen. Hasserfüllt antwortet er fast zischend:

»Dann komm nur, mein Junge. Ich warte darauf, dir eine Kugel in die Stirn zu schießen. Du durchkreuzt nicht noch einmal meine Pläne, du ausgemachter Narr.«

Er schießt vor Wut dorthin, wo noch vor Sekunden Jim gelegen hat. Doch dieser ist schon weiter zurückgekrochen und wählt den nächsten Durchlass, um sich dem Mörder zu nähern.

Es ist wie ein einmaliger Glücksfall, Als Jim sich aufrichtet, hat er den halbverdeckten Mörder vor sich stehen, der aber in eine ganz andere Richtung späht.

»Hier!«, schreit Jim und schon peitscht sein Colt auf. Er schießt dreimal, obwohl Glen Sloan schon einen winzigen Sekundenbruchteil vor Jims Anruf irgendetwas gesehen haben muss und wie ein Wiesel in seine Deckung zurücksprang.

Doch eine Kugel ist sehr schnell. Jims erster Schuss ist ein Zufallstreffer. Sie schlägt dem Mörder das Gewehr aus der Hand. Und als sich Glen Sloan unbedacht, blitzschnell nach der Waffe bücken will, fegt ihm Jims dritter Schuss durch den Hut.

Da erschrickt der Mörder gewaltig. Jetzt weiß auch er, dass Jim kein so leichter Gegner ist, wie er es noch vor vier Jahren war.

»Nun?«, ruft Jim hinüber, »Sloan, gib auf. Vielleicht findest du einen milden Richter, der zu jener politischen Clique gehört, die man nur in Denver findet.«

»Du hast Glück«, schreit Glen Sloan eine Nuance zu schrill, wobei Jim merkt, wie die Stimme des Mörders zittert.

Er benutzt dessen Verblüffung, um sich zwei Yards vorzuschieben.

Da es ruhig bleibt, wählt Jim sich einen größeren Stein, als nächstes Ziel, der wie ein Torbogen in Miniformat, halbrechts von ihm steht.

Er stößt sich ab und merkt schon im Laufen, dass Sloan den Standort gewechselt haben muss. Darum rennt er weiter, immer darauf bedacht, die nächste Deckung zu erreichen.

Mitten im Lauf erkennt er den Mörder an seiner linken Seite, wie dieser gerade über eine drei Fuß hohe Barriere springt. Noch im Lauf schießt Jim, ohne ein gutes Zielen zu haben. Es ist, als führe seine Colthand die Kugel ans Ziel.

Glen Sloan trifft es noch, während er sich zu Boden fallen lässt. Aber dieser getriebene Bursche drückt ebenfalls mitten in der Bewegung ab. Er hält die Waffe zwar tief, doch sein Schwung ist zu groß.

Die Hand mit dem Colt darin, zeigt im Moment des Abschusses viel zu hoch. So faucht die Kugel, die Jim gilt, über ihn hinweg.

Glen Sloan und auch Jim haben beide begriffen. Sie nutzen die sich anbietende nächste Deckung und warten ab, was der andere macht.

Sloan ist getroffen. Das steht für Jim einwandfrei fest. Und dem ist auch so. Jim traf den Mörder mit einem Streifschuss im Rücken. Es ist eine tiefe lange Furche, die stark blutet und dem Mörder arge Schmerzen bereitet.

Jim hatte nicht auf den Rücken gezielt. Aber da Sloan so schnell war und sich wie ein Hochspringer im Sprung wendete, fand die Kugel ihr Ziel in seinem Rücken. Jetzt ist Glen Sloan in Panik.

»Rückenschuss«, murmelt er voller Angst. »Dieser Lump, schießt mir in den Rücken, dieser feige Bursche, dieser Bastard, dieser …«

Immer mehr steigert sich der Mörder in eine Panik hinein, die er möglichst vermeiden sollte. Da es aber in den nächsten Minuten ruhig bleibt, tastet er mit der Hand seinen Rücken ab und stellt fest, dass es nur ein Streifschuss ist.

Anstatt froh darüber zu sein, gerät er jetzt in eine sich stetig steigende Wut hinein, weil ausgerechnet ihm so etwas passieren muss.

»Jim!«, kreischt er, mit kaum verständlicher Stimme, vor Hass, »nun sieh dich vor, ich komme jetzt.«

Und als er ausgesprochen hat, hebt er sich sekundenschnell einmal aus der Deckung heraus. Wie erwartet, kommt auch Jim hoch. Und Sloan wartet keine Einladung ab, er schießt, wie er sich vorgenommen hatte. Sein Gehirn mit der Colthand arbeitet wie eine Maschine. Einmal, zweimal, dreimal, drückt er ab und sieht schon seinen Erfolg.

Doch trotz des schweren Treffers schießt Jim und auch er trifft. Dann, als er spürt, dass nur noch wenige Minuten vergehen werden, bis er in Ohnmacht fallen wird, erhebt er schwer wankend und marschiert mit dem Colt in der Hand auf Sloan zu.

Dieser hat die Kugel im Schultergelenk stecken. Die Schmerzen sind so groß, dass er nur durch einen Tränenschleier hindurch, den sich nähernden Jim erkennen kann. Seine Waffe liegt vor ihm am Boden und doch ist er nicht fähig, sie aufzuheben und zu schießen.

Er schreit in dieser Sekunde grässlich auf. Wut und Enttäuschung sind einfach zu groß. Aber die Angst vor Jim ist noch viel größer.

»Nein, nein nicht schießen«, wimmert er wie ein kleiner Junge und als Jim noch näher ist, dreht er sich schreiend um und rennt davon. »Ich habe keine Waffe, Gnade nicht schießen!«

Glen Sloan erreicht sein Pferd. Stöhnend und schwerfällig kommt er in den Sattel und flieht nach Osten, wo der kleine Creek mit dem breiten Sandstrand seine Rettung wird.

Jim hätte nur noch einmal abdrücken müssen. Aber er kann nicht auf den Rücken eines Mannes schießen, der flieht und um Gnade winselt. So bitter es für ihn auch ist, Glen Sloan lebt noch und er selbst ist schwer verwundet.

 

 

35. Kapitel

 

Jim kennt in dieser Not nur ein Ziel: er muss die Doty-Ranch erreichen, die nicht einmal zehn Meilen vom Kampfplatz entfernt ist.

Für einen Verwundeten ohne Pferd, liegt diese Ranch auf dem Mond.

Jim war gegen Abend bewusstlos geworden, nachdem er sich noch verbinden konnte. Spät in der Nacht war er wieder klar, aber dafür schien seine rechte Seite völlig gelähmt zu sein.

Das macht sich besonders bemerkbar, sobald sich sein Körpergewicht vom linken Fuß auf den rechten verlagert. Er stürzt einige Male hin, bleibt wohl ein paar Minuten liegen, versucht es jedoch immer wieder.

Einmal fällt er so unglücklich, dass ein kleiner Stein auf die Wunde drückt. Sein Schrei endet mit einer längeren Bewusstlosigkeit.

Dann, gegen Morgen, als es frisch, vom zwanzig Meilen entfernten Nord Platte herüberweht, wacht er fröstelnd auf. Jetzt ist es noch schlimmer. Er kommt nicht einmal mehr hoch.

Jim kriecht noch bis an den kleinen Creek. Dann ist es aus. Er bleibt liegen und gibt sich keine Chance mehr. Wie tot liegt er am Ufer, kaum dass sein Atem noch geht. Man muss schon das Ohr ganz nahe an seine Brust halten, will man den Herzschlag hören.

»Der lebt noch, Partner«, sagt der Cowboy der Doty-Ranch zu seinem Begleiter. »Hau ab zur Ranch und hole einen Wagen. Wenn wir ihn mit aufs Pferd nehmen, stirbt er uns.«

»Gib ihm zu trinken, Bruderherz, sieh seine Lippen, der verdurstet dir unter der Hand. Und wie heiß er ist.«

Beide wollen sich gegenseitig erzählen, was sie alles wissen und wie man einen Verwundeten behandelt.

Heute Morgen hatte sie der Boss losgeschickt, zwei Kälber zu suchen. Sie fanden Jim. Aber jetzt steigt der eine von ihnen endlich auf seinen Gaul und jagt los. Der andere versucht, Jim etwas Wasser einzuflößen. Diese Beschäftigung bringt ihn über die Wartezeit.

 

 

36. Kapitel

 

Der Boss der Doty-Ranch kommt selbst mit dem Wagen. Er hat schon einen Reiter zur nächsten Stadt nach einem Arzt geschickt. Als er den Verwundeten sieht, fragt er seinen Reiter:

»Hat er gesprochen? Hast du irgendetwas erfahren können, Red?«

»Constance, oder so ähnlich Boss, und jedes Mal scheint er dabei zu grinsen. Sonst nichts. Nur das Übliche: Oh und aah.«

»Narr«, entgegnet der Boss ärgerlich. »Kannst du dir nicht denken, was das für Schmerzen sein müssen? Los fass mit an, doch vorsichtig, sonst tust du ihm weh.«

Jim kommt nach Jahren auf die Doty-Ranch zurück und keiner kennt ihn zunächst. Dafür ist auch kaum Zeit. Es wird ein Kampf auf Leben und Tod, den nicht nur der Doc zu bestehen hat. Jeder Reiter hilft mit, damit Jim überlebt.

Als er das erste Mal im Fieber von der Balken-Ranch und von Constance spricht, geht der Boss hinaus auf den Hof und ruft seinen Vormann.

Dieser alte Bursche ist in früheren Jahren so ziemlich herumgekommen und kann sofort sagen, dass bei Central City, bei dem kleinen Central City, die Balken-Ranch liegt und diese gehöre der Familie Carson, nun, eben jener Carson, der einmal Gouverneur werden wollte.

Da bestimmt der Boss sofort einen Reiter, der nach Central City eilen soll, damit man auf der Balken-Ranch mehr über Jim erfahren kann.

»Er ist wie ein Cowboy gekleidet«, sagt etwas später der Boss nachdenklich zu seinem Vormann. »Aber der hat noch keine Rinder getrieben, nicht einmal ein Lasso geschwungen. Hast du seine Hände gesehen?«

»Das ist kein Revolvermann, Boss«, entgegnet sein Vormann. Er hat nur den normalen Colt. Rancher ist er auch nicht, eher ein Deputy oder so etwas, obwohl er keinen Stern trug. Ich habe mir sein Hemd genau betrachtet …«

So rätseln sie auf der Doty-Ranch herum ohne zu wissen, wer Jim ist und was er wohl sein könnte. Als Jim nach einiger Zeit im Fieber sein Erlebnis mit den Kindern erzählt, gemischt mit Erinnerungen aus seiner Zeit als Marshal, erfahren sie mehr. Auch den Rancher, John B. Carson nennt Jim im Fieber.

Als er nach Tagen, es ist der Abend, nachdem der Reiter zur Balken-Ranch losritt, für Minuten klar wird, erkennt er, wo er ist und sagt schwach, bevor er wieder einschläft:

»Ich bin Jim, Boss. Jim Nebraska, war doch hier mal als Junge …«

 

 

37. Kapitel

 

Der Boss der Doty-Ranch hat als Bote zur Balken-Ranch seinen besten Reiter gewählt. Doch bei Red, wie man ihn seiner roten Haare wegen nennt, ist auf geistigem Gebiet nicht viel zu holen. Er ist ein Echo, der nur nachplappert, was er schon einmal gehört hat.

Red hatte noch nie einen so delikaten Auftrag. Er kommt wie ein mittlerer Sturm in den Ranchhof gejagt und schreit noch im Sattel sein: Hallo Leute, kommt heraus.

Zunächst kommen sie aus dem Bounkhouse, betrachten sich den fremden Reiter und warten, was dieser wohl sagt.

»Kein Boss?«, fragt Red um eine Spur zu frech.

»Komm, komm, Junge«, spricht ihn der Vormann an, »nun mach es nicht zu dramatisch. Rede schon. Nur die Lady ist im Haus, aber …«

»Dann passt auf«, wirft sich Red in die Brust. »Wir haben einen Jungen gefunden, der schreit im Fieber nach Constance und nach der Balken-Ranch. Wer kann es wohl sein?«

Red sieht nicht, wie in diesem Moment Constance aus der Tür tritt und sich leicht schwankend eine Stütze sucht. Wiehernd, als handle es sich um einen besonderen Scherz, fährt er fort:

»Aber der sieht aus, Freunde, ein Sieb besteht noch immer aus Maschen, dieser Bursche ist ein einziges Loch.«

Red übertreibt so wahnsinnig, das selbst den Reitern der Balken-Ranch eine Gänsehaut über den Rücken läuft. Und als sie rein zufällig zu Tür sehen, ist keiner mehr so schnell, um Constance aufzufangen, die weißer als ein Laken zur Erde fällt.

Constance sinkt völlig lautlos zu Boden. Nun hat auch Red erkannt, was für ein großer Narr er ist und ziemlich kleinlaut fügt er hinzu:

»Teufel, der Junge ist schwer verwundet, aber der Doc hat noch jede Hoffnung. Auf der Doty-Ranch ist er in besten Händen.«

Im Moment kümmert sich alles um Constance. Sie liegt steif und wie leblos in den Armen der Reiter. Ihr Mund zuckt, aber kein Ton kommt heraus.

Da bekommt Vormann Angst. Er selbst rennt in den Corral und sattelt mit fliegenden Händen ein Pferd. Nur eine Minute später reitet er nach Central City, wo der Onkel von Constance als Arzt lebt.

Red hat es mächtig eilig. Er fühlt sich auf einmal nicht mehr wohl und schleicht sich förmlich vom Hof.

Als endlich der Doc eintrifft, sie mussten auch Constances Mutter erst suchen, ist es noch immer das gleiche Bild. Der Doc weiß sofort Bescheid. Durch den Schreck ist Constance gelähmt.

Noch besteht Hoffnung, dass sie die Sprache wiederbekommt und dass sich vielleicht ein Glied, der Nacken oder auch die Beine wieder normalisieren. Aber – es bleibt eine Hoffnung …

Für die Balken-Ranch ist das der zweite Schlag in einem Jahr.

 

 

38. Kapitel

 

Jeder auf der Doty-Ranch glaubt fest daran, dass eines Tages ein leichter Wagen durch das Ranchtor gefahren kommt, begleitet von einem Reiter, der Bill Carson heißt.

Und in dem Wagen sitzt eine wunderhübsche Lady. Vielleicht sind es auch zwei. Wer weiß es?

Es bestehen bereits zwei feste Vorstellungen in den Gehirnen der Cowboys, die nahezu feste Formen angenommen haben. Die einen wollen wissen, dass nur die Lady allein kommt, die anderen wetten, dass es ein Familientreffen wird.

Aber es vergeht der Oktober und auch der November, ohne dass auch nur eine Zeile, ein Bote, geschweige aber ein Wagen von der Balken-Ranch aus Colorado eintrifft.

Nun liegt schon hoher Schnee. Es ist lausig kalt geworden und noch immer hoffen ein paar Unentwegte, die Lady doch noch kennenzulernen.

Aus der Krankenstube ist schon längst ein Aufenthaltsraum der Mannschaft geworden. Besonders jetzt, da es Draußen wenig zu tun gibt, hocken sie alle bei Jim.

Sie wissen nun alles von ihm, was es zu erzählen gibt. Bob und Jubal sind längst zu Helden erklärt worden, aber Jim hält man für einen ganz besonderen Glückspilz.

Dann endlich erlaubt der Arzt, dass Jim aufstehen darf. Er ist sehr unruhig geworden, je länger die Genesung dauerte, denn auch er hatte mit einem Besuch gerechnet.

Als eines Tages die gesamte Mannschaft auf die verschneite Weide muss, weil etliche Rinder von Raubtieren gerissen wurden, nutzt Jim die Gelegenheit und schreibt mit ungelenken Buchstaben den ersten Brief seines Lebens.

Jim schreibt nicht viel. Aber die wenigen Sätze sagen alles, was eine Braut von ihrem Liebsten wissen muss. Am Schluss schreibt Jim noch, dass er hoffe, der Lady gehe es gut.

Als einige Tage später ein Reiter der Ranch in die Stadt muss, gibt ihm Jim seinen Brief mit.

 

 

39. Kapitel

 

Am Weihnachtsabend trifft der Brief von der Doty-Ranch bei den Carsons ein. Bill bringt ihn seiner bettlägerigen Schwester in das Zimmer und bleibt unschlüssig im Raum stehen, denn er möchte so gerne helfen, aber wie?

Constance kann bereits wieder sprechen und ihren Oberkörper bewegen, wenn man einmal großzügig das bisschen schwerfällige Drehen des Kopfes und Heben der Arme so bezeichnen will.

Die Füße, bis hinauf zu den Hüften sind noch immer steif. Und aus diesem Grund konnte die Lady auch nicht zu ihrem Jim. Bill hätte reiten können. Ein Brief oder auch nur eine Zeile, wäre für Jim schon eine große Freude gewesen.

Doch jeder Reiter auf der Ranch, besonders aber der Bruder, hatten der Lady schwören müssen, über ihren Zustand zu schweigen und nichts zu unternehmen, bis sie wieder gesund sei.

Constance hätte natürlich Jim einen schönen Brief schreiben können. Aber sie wollte und konnte nicht lügen. Und dann ist da noch ein Problem. Sie erwartete ein Kind.

Der Arzt, der ja ihr Onkel ist und die Mutter, wie auch der Bruder, redeten ihr zu, auf dieses Kind zu verzichten, da sie ja als Gelähmte gar nicht in der Lage sei, die zu erwartende schwere Stunde lebend zu überstehen.

Auf keinen Fall wollte Constance Jim an eine kranke Frau binden, die nur eine Last bedeute. Sie liebte Jim so sehr, dass sie ihn freigeben wollte.

Als man ihr nun auch noch die letzte Hoffnung nahm, weil sie auf das kommende Kind verzichten müsse, fraß sich in ihr der Gedanke fest, sie würde Jim niemals unter die Augen treten können, ohne sagen zu müssen, sie sei eine Mörderin.

Gegen diese krankhaften Gedanken kämpfte Bill mit allen Mitteln an, ohne seine Schwester zu überzeugen. Und einmal war er schon so böse geworden, dass er sich ein Pferd sattelte, um zu Jim zu reiten.

Doch ein böser Anfall seiner Schwester hielt ihn davon ab und er musste nochmals schwören, nichts zu unternehmen.

Jetzt, da ein Brief von Jim eingetroffen ist, glaubt Bill, seine Stunde wäre gekommen und deshalb steht er abwartend im Zimmer.

Doch die Lady entscheidet sich ganz anders. Nur ein Vorwurf von Jim, nur eine Frage, warum sie nicht gekommen sei, hätte ihre Entschlüsse umgeworfen. So aber, da Jim nur von Liebe schreibt, und wie sehr er sich freue, Constance bald zu sehen, macht sie in ihrer unbeschreiblichen Gegenliebe nur eines: Sie will Jim retten, sein Leben retten, ihn von ihr befreien.

 

 

40. Kapitel

 

Zu Neujahr trifft endlich ein Reiter auf der Doty-Ranch ein, der für Jim einen Brief bringt. Man feiert den Boten, wie selten ein Bote gefeiert worden ist. Bringt er doch endlich Nachricht für Jim.

Sie sind alle dabei, als Jim den Brief öffnet. Ihre Scherze und gut gemeinten Ratschläge enden mit einem Schlag. Jim liest nur ein paar Zeilen, wird plötzlich schneeweiß im Gesicht, seufzt kurzatmig auf und kippt dann zur Seite.

Ehe die überraschten Cowboys es verhindern können, kracht Jim auf den Boden und rührt sich nicht mehr.

Jetzt herrscht helle Aufregung. Als sie Jim auf das Bett gelegt haben, nimmt der Vormann den Brief an sich und sagt bitter:

»Es geht mich zwar nichts an, was in einem fremden Brief steht, aber in diesem Fall … ich bin nicht neugierig, Jungs. Doch hier geht es um Jim und zum Teufel mit jedem, der ihm auch nur ein Haar krümmt. Ich lese euch vor:

»… nur ein eitler, aufgeblasener Bursche bist, der es ganz bestimmt auf die Ranch abgesehen hat. Aber daraus wird nichts, Jim, du Hungerleider aus Nebraska. Ich heirate den …«

Na, so geht es dann fort. Manchmal ist die Schrift etwas verwischt. Das sind die Tränen von Constance, die ihr beim Schreiben auf das Papier fielen. Denn leicht ist es ihr nicht gefallen, Jim so vor den Kopf zu stoßen.

Nachdem Constance den Brief geschrieben hat und ihn auch persönlich einem Reiter übergeben hatte, war ihre Kraft verbraucht. Bisher war sie nur gelähmt gewesen, jetzt wird sie krank, weil sie mit Jim fühlt, wie furchtbar ihn dieser Brief Vorkommen muss.

Doch diese Krankheit ist lebensgefährlich. Ratlos steht selbst der Doc dabei und kann nichts tun. Und so unterbleibt auch vorläufig die geplante Operation.

 

 

41. Kapitel

 

Jim ergeht es nicht viel besser. Und noch einmal müssen sämtliche Reiter mithelfen, ihn am Leben zu erhalten. Aber was sie da erhalten haben, ist nur eine hohle Figur, die kaum etwas spricht, sondern nur immer starr vor sich hin starrt.

Im März sind die Reiter alle Draußen und beginnen die Rinder zusammenzusuchen, die sich in den Wintermonaten weit über die Weide verstreut haben.

Als die Mannschaft eines Tages wieder einmal, wie schon so oft, nach getaner Arbeit in den Hof der Ranch einreitet, tritt ihnen der Koch entgegen und sagt fast greinend:

»Jim ist fort!«

Ja, Jim ist heimlich von der Ranch geritten. Nur ein Zettel auf seinem Bett besagt, dass ihm dieses heimliche Davonschleichen nicht so leicht gefallen ist. Er dankt für alles, obwohl er weiß, es niemals gut machen zu können. Und wenn er sich gefangen hat, käme er zurück, um seine Schuld abzuarbeiten.

»Verdammt!«, schreit einer der Reiter, »was so ein Weib alles aus einem Mann machen kann.«

»Seltsam«, sagt ein anderer, »findet ihr nicht auch, dass die Ranch richtig einsam wirkt, ohne Jim?«

Die Mannschaft spricht noch lange von Jim, denn sie haben ihm schließlich zwei Mal auf die Beine geholfen. So etwas verbindet.

Doch das muss man den Jungs von der Doty-Ranch schon lassen, nie wurde ein schlechtes Wort über Jim gesprochen. Sie hatten ihn verstanden.

 

 

42. Kapitel

 

Im Mai dieses Jahres taucht Jim nach vielen Wochen Umherirrens, in dem kleinen Ort Glenwood auf. Er kommt langsam über die Brücke des Nord Platte Rivers geritten und hält den Gaul erst an, als er vor dem Marshal Office steht.

Umständlich steigt er aus dem Sattel und geht dann mit langsamen Schritten bis zum Haltebalken, bindet sein Pferd fest und steigt die Stufen zum Vorbau hoch.

Jim tritt in das Büro ein, ohne erst anzuklopfen und sagt auch kein Wort, als der anwesende Deputy hochspringt und zur Waffe greift.

»Heh, was soll das«, fragt er verständnislos, »Mann, wen suchst du?«

Doch dann sieht er in die Augen seines Gegenübers. Die Waffe verschwindet im Holster und langsam rutscht der Deputy in den Stuhl zurück.

»Man sagte mir«, beginnt Jim ohne Umschweife, »in Glenwood würde ein Marshal gebraucht. Da bin ich, mein Name ist Jim Nebraska.«

Jetzt steht der Deputy nochmals auf. Ein Narr, denkt er. Mein Gott, wie werde ich den Kerl bloß los. Denn Jim sieht vielleicht harmlos aus, aber er ist ein riesiger Bursche. Und in seinen Augen liegt ein verschleierter Blick, als könnte er nicht bis drei zählen.

Trotzdem glaubt der Deputy, dass Jim nur blufft. Aber geheuer kommt ihm dieser verschlossene Mann nicht vor. Ebenso könnte er ein Revolvermann sein oder ein Verrückter.

»Ich bin nur Deputy, Mister Nebraska. Wenn Sie hier Marshal werden wollen, dann sind Sie hier falsch. Der Gemeinderat ernennt nach Abstimmung …«

»Und wo kann ich den Gemeinderat antreffen?«, fragt Jim dazwischen.

Nun denn, denkt der Deputy und erhebt sich zum dritten Mal. Ich muss ihn wohl oder übel begleiten, dann bin ich ihn los.

Er geht mit Jim zum Haus des Bürgermeisters und verschwindet dann schnell im Saloon. Diese Neuigkeit kann er nicht für sich behalten.

Keine halbe Stunde später stößt Jim die Schwingtür auf und steht groß und dunkel im Raum. Auf seiner Jacke glänzt matt der Stern des Stadt-Marshal.

»Komm, Freund!«, sagt er knapp zu seinem Deputy und wendet sich wieder nach Draußen.

Im Saloon lässt so mancher jetzt reichlich Luft aus der Lunge und sieht seine Nebenmänner an. Es sind bedeutsame Blicke. Und der Keeper hinter der langen Nickelbar sagt was alle denken:

»Nun wird es endlich Ruhe im Ort geben, Freunde. Der lässt sich nicht von hinten auf die Nase legen, der nicht!«

Der Keeper erinnert mit diesen Worten an den Mord des alten Marshals von Glenwood. Jahre war es in dem kleinen Ort ruhig und normal zugegangen, bis zu jenem Tag, da der kleine Wagenzug verschwand.

Acht Männer aus den Goldfeldern von Montana, sollten hier, bei Glenwood, mit ihren drei Wagen und einer Unmenge Gold spurlos verschwunden sein. Nachforschende Verwandte dieser Männer behaupteten es, als sie beim Marshal waren.

Eigentlich ging es dem alten General Grand, wie man Marshal Steve Grand allgemein nannte, nichts an. Aber man hatte sein Mitgefühl angesprochen und da er nichts zu tun hatte, außer darauf zu achten, ob auch pünktlich das Licht in den Saloons erlosch, sobald die Uhrzeiger auf Mitternacht standen und das Sonntagsmorgens während der Kirchzeit kein Alkohol ausgeschenkt wurde, ritt er nach Norden aus der Stadt.

Drei Tage war Grand verschwunden gewesen, dann schrieb er einen Bericht und brachte ihn selbst zur Post.

Es war die Nachtkutsche, die seinen Brief nach Caspers, an den County-Sheriff mitnehmen sollte. An der Ecke des River Saloons krachte ein Schuss aus einer dunklen Nische heraus, der den alten Marshal in den Rücken traf.

Keiner fand jemals den Brief bei ihm, obwohl viele Bürger noch gesehen hatten, wie er diesen in der Hand hatte, bevor er um die Ecke gebogen war. Seitdem war Glenwood ohne Marshal. Das war vor vierzehn Tagen gewesen.

 

 

43. Kapitel

 

Durch seinen Deputy erfährt Jim noch ein paar Neuigkeiten, die sich seit einiger Zeit in Glenwood unauffällig häuften.

»Das kommt alles von der Zwillingsranch«, behauptet Vance McCarter, der ewige Deputy seinem Boss Jim. »Vor gut einem Jahr, als der eine der Zwillinge tödlich verunglückte, verließ Matt Tullis die Ranch.«

»War es ein Unglücksfall«, fragt Jim interessiert.

»Einwandfrei, Boss. Ben Tullis wurde von einem Stier angefallen; er soll darüber so niedergeschlagen sein, dass er schon verkaufen wollte. Doch vor einem Monat kam er zurück. Seitdem hat er eine schlechte Mannschaft, die hier im Ort Unruhe stiftet und keinen Streit meidet.«

Bisher war es noch zu keiner Schießerei gekommen. Auch kam die Mannschaft nicht zu oft in die Stadt. Den meisten Ärger hatten die Nachbarn der Zwillingsranch.

Es stimmt schon, dass sie sich nach Matts Verschwinden hier und da ein Stück Weide unter den Nagel gerissen hatten, doch Matt verlangte nicht nur sein Eigentum zurück, er wollte mehr.

Hin und wieder stellten die Nachbarranchen den Verlust von Rindern fest. Doch beweisen konnten sie nichts. Und zu Matt kam keiner, man hatte schon Glück, wenn man mit seinem Vormann sprechen konnte.

Jim versucht sich von der momentanen Lage ein Bild zu machen.

Es wäre zu einfach, anzunehmen, dass sämtlicher Ärger, auch das Verschwinden des kleinen Wagenzuges und der Mord an dem alten Marshal, nur von der Zwillingsranch herrühren würde.

Er greift nachdenklich in die Tasche und zieht sein Rauchzeug heraus. Ehe er seine Zigarette anzündet, steckt er die Lampe an und stellt diese seitlich des Schreibtisches auf ein Bord.

»Ich wollte noch ein bisschen in dem Magazin blättern, ehe ich meine erste Runde mache«, sagt der Deputy enttäuscht, der Jim am gleichen Schreibtisch gegenübersitzt.

»Das kannst du später, Vance«, erwidert Jim leise. »Die Lampe ist mir zu hell hier mitten im Raum. Sag mal Freund, ist das immer so, dass unser Office überwacht wird?«

Da kommt Vance erschrocken aus dem Stuhl hoch und will schon aufspringen. Doch Jim mahnt ihn zur Ruhe.

»Bleib sitzen, du Narr. Ich frage doch nur. Drüben auf der gegenüberliegenden Seite, scheint ein Store zu sein. Das Haus hat zwei Eingänge, nicht wahr? Da steht ein Kerl seitdem wir uns hier aufhalten.«

Jim lässt seinen Deputy zum Zellenraum gehen. Wenn er dann zurückkommt, solle er mal unauffällig nach draußen sehen. Vielleicht ist es nur ein Zufall. Schließlich kennt Vance die Leute hier.

»Das ist Haven, Tom Haven, Boss. Er reitet für die Zwillingsranch. Ein Schießer, wenn mich meine jahrelange Erfahrung nicht täuscht. Aber er hat seinen Colt noch nie gebraucht. Steigt sämtlichen Mädchen von Glenwood nach.«

»Heute muss er Pech haben, Vance. Oder blufft er nur und will sich den neuen Marshal ansehen?«

Doch der Deputy lacht nur über Jims Gedanken und macht sich dann fertig, da er die erste Runde hat.

 

 

44. Kapitel

 

Kurz nach Mitternacht sitzt Jim schon auf dem Sprung. Jeden Moment müsste sein Deputy eintreffen. Dann ist er mit seiner Runde dran.

Doch es vergeht noch eine halbe Stunde, in der Jim alles Mögliche denkt. Vance ist kein Kostverächter, wenn es um einen Whisky geht. Leere Flaschen stehen überall herum und im River Saloon, scheint er so etwas wie eine zweite Heimat gefunden zu haben.

Jim ist nun schon ernstlich böse. Er schließt das Office ab und lässt den Schlüssel stecken, damit der Deputy, falls sie sich verfehlen, ins Bett kriechen kann. Nötig wird er es ja haben.

Jim ist schon in vielen Orten nachts auf der Straße gewesen. In Glenwood scheint alles im Bett zu liegen. Überall herrscht Ruhe. Drinnen brennt noch Licht. Es ist fast unheimlich still.

Er geht zunächst die Mainstreet entlang. Erst jetzt, da es stockdunkel ist, fällt ihm auf, dass fast jedes Haus allein steht. Dadurch reiht sich eine dunkle Gasse an die andere, die aber alle so schmal sind, dass kaum ein Wagen hindurchpasst und meistens auf den dahinter liegenden Höfen enden.

Nur zwei Gassen sind etwas breiter. Auch hier stehen ein paar Häuser, niedrig und ziemlich ungepflegt.

Jim sieht nun schon etwas besser. Seine Augen haben sich an die Dunkelheit gewöhnt. So entgeht ihm auch nicht der reglose Körper eines Mannes, der in der zweiten Gasse in der Mitte der Fahrbahn liegt.

Es ist Vance McCarter, sein Deputy. Doch betrunken ist er nicht. Vance sieht arg zerschunden aus, als wenn eine Herde wilder Büffel über ihn hinweggetrampelt wäre. Doch er lebt noch, auch wenn er im Moment ohne Besinnung ist.

Jim weiß noch nicht einmal, wo hier der Doc wohnt, falls es einen geben sollte. Er schlägt rücksichtslos an die nächste Tür und hämmert so lange, bis sich eine verschlafene und verängstigte Stimme meldet.

»Aufmachen!«, schreit Jim, »hier steht der Marshal. Ich bin erst heute gekommen. Wo wohnt hier der Doc, aber schnell, mein Deputy ist schwer verwundet.«

Aber der Mann hinter der Tür macht nicht auf. Er ruft nur durch eine kleine Klappe nach draußen, wo Jim einen Arzt finden kann.

»Mach auf!«, sagt Jim da voller Zorn. »Mann mach auf, oder ich schlage die Tür ein. Und dann erlebst du den Jüngsten Tag, du Lump.«

Er nimmt einen Anlauf und wirft sich mit aller Kraft gegen die Tür, die unter seinem Anprall erschüttert. Denn für Jim steht einwandfrei fest, dass der Bewohner dieses Hauses, nicht so harmlos sein kann, wie er sich gibt.

Als sich Jim wieder einige Schritt entfernt aufstellt, hört er im Haus Stimmen. Und deutlich kann er verstehen, wie einer sagt:

»Du Narr, soll erst die ganze Stadt wach werden. Mach doch auf!«

Dann geht die Tür auf und Jim steht vor zwei Männern, die sich derart unterscheiden, dass er sofort hellwach wird.

Aber keiner der beiden ist etwa im Nachthemd oder sieht so aus, als wenn er gerade aus dem Bett kommt. Beide sind angezogen. Und noch etwas stellt Jim sofort fest: Zigarettenrauch und Alkoholdunst.

Aber dies ist kein Saloon, obwohl der eine der beiden sogar eine schmuddelige Lederschürze umgebunden hat. Der andere ist Tom Haven.

Er hat die Arme ineinander verschlungen und sieht Jim herausfordernd an. Der Mann mit der Schürze schleicht langsam nach hinten.

»Nun, Marshal, was gibt es denn«, fragt Tom Haven und grinst ihn höhnisch an. »schon mal was von Nachtruhe gehört?«

»Zur Seite, Mann«, stößt Jim kalt heraus und macht einen Schritt. »Ich will doch mal sehen, was hier gespielt wird, oder ist es verboten?«, fragt er süßlich und macht noch einen Schritt.

Jetzt lacht Tom Haven und tritt zur Seite. Er verbeugt sich halb und sagt einladend:

»Im Gegenteil, Marshal, kommen Sie nur herein. Meine Freunde werden sich freuen, Sie kennenzulernen. Bitte kommen Sie, wir haben nichts zu verbergen.«

Da geht Jim und achtet auch darauf, dass Haven vor ihm ist, denn ganz plötzlich ist dieses Gefühl in ihm, hier in eine Falle gelaufen zu sein.

Es geht nur einmal um eine Ecke, dann steht man schon in einem Raum, der einem Saloon in allem ähnelt. An die sieben Männer sitzen hier, wie Jim mit einem schnellen Blick feststellt.

Er grüßt kurz und macht einen Schritt in den Raum hinein, als sich Haven mit einer unheimlichen Geschicklichkeit hinter ihm aufstellt und somit den Rückweg abschneidet.

Ganz bestimmt hat er auch seinen Colt in der Hand und würde Jim ernsthaft bedrohen, wollte dieser im Moment auf die Straße zurück.

Aber Jim bleibt ruhig. Er blufft den erstaunten und sagt scherzend:

»Nur ruhig Freunde. Ich bin der Marshal. Mein Deputy liegt vor diesem Haus und braucht dringend einen Arzt. Ich wollte nur mal sehen, wer sich weigert, dem Gesetz zu helfen. Ihr habt nicht zufällig etwas gehört? Ich kann mir nicht denken, dass sich ein Mann schweigend zusammenschlagen lässt.«

Er sieht noch einmal jeden der hier Anwesenden in die Augen, greift flüchtig an die Krempe seines Hutes und dreht sich herum.

»Stopp!«, dehnt Tom Haven gefährlich und hat wirklich seine Waffe in der Hand. Der Lauf drückt Jim in den Magen.

»Marshal?«, tönt eine Stimme in Jims Rücken, »du glaubst doch nicht etwa, hier lebend wieder herauszukommen?«

Jetzt, denkt Jim, jetzt muss ich es wagen, noch ehe die Kerle von den Stühlen hoch sind und sie so wenig von ihm wissen, dass sie ihn gewiss unterschätzen.

Er soll sich zum Sprecher umdrehen. Dann hat Tom Haven Gelegenheit, seinen Colt als Schlaginstrument zu benutzen. Töten, no, das wollen sie nicht. Aber ihn fertigmachen, dass er von selbst aufgibt.

Er wendet leicht den Kopf und sieht einmal nach hinten. Und jetzt schiebt er den Colt von Tom Haven zur Seite und sagt, sich langsam drehend:

»Aber …«

Er spürt richtig, wie Tom Haven mit dem Coltarm ausholt und wirbelt in der halben Drehung zurück. Bei seiner riesigen Figur hat es keiner so schnell erwartet. Am wenigsten Tom Haven.

Jim rammt beide Fäuste in seinen Gegner und es sind volle Schläge, die ihm sofort die Luft nehmen. Haven jault einmal auf, nimmt seinen Arm mit der Waffe herunter und will schießen, doch schon hat Jim sein Knie hochgezogen. Haven klappt zusammen und gibt Jim den Weg nach draußen frei, ohne es zu wollen.

Und Jim ist sehr schnell. Er fliegt um die Ecke, erreicht die Tür und nimmt sich nicht einmal die Zeit, den Griff zu probieren. Er springt gegen das Holz und fällt mit der aufschlagenden Tür ins Freie.

»Halt!«, schreit ihn Vance, sein Deputy vom Boden aus an und Jim erkennt den wackelnden Lauf in der Hand seines Deputys.

»Du Narr«, sagt er zischend und lässt sich blitzschnell fallen, »ich bin es, der Marshal.«

Aber wenn Jim nun glaubt, man würde ihn verfolgen und versuchen, doch noch zu erwischen, dann hat er sich getäuscht. Es bleibt auf fallend ruhig.

»Boss?«, fragt ihn Vance, »wie kommst du hierher? Oh mein Gott, die haben es mir aber gegeben, Ich sollte dir noch Grüße bestellen. Weißt du, Boss …«

»Halt die Klappe«, antwortet Jim lachend. »Warte, ich helfe dir. Wir gehen zum Doc, Vance. Dann weiß man wenigstens, ob irgendetwas kaputt ist. Vorhin glaubte ich, du würdest es nicht mehr schaffen.«

Doch sein Deputy erzählt ihm unter Stöhnen, denn das Stehen fällt ihm doch schwer, dass er schon so manchen Schlag einstecken musste.

Ja, er sei früher mal Boxer gewesen und vertrage schon eine Menge. Jim soll sich den Doc sparen. Aber ein Schluck Whisky … ob Jim nicht etwas dabei hätte.

»No«, lacht Jim und zeigt auf die Tür, »aber dort steht genug herum. Nur müssen wir erst acht wilde Burschen bezwingen, ehe wir an eine Flasche kommen.«

»Dann nichts wie rein«, sagt Vance munter.

Er macht einen Schritt allein, versucht noch einen und geht dann vor Jim her, auf die Tür zu, die noch immer offen steht.

Jim folgt seinem Deputy. Er hat seinen Colt in der Hand und ermahnt Vance, vorsichtig zu sein. Sie kommen in ein leeres Nest.

Aber zu Trinken gibt es. Vance ergreift eine Flasche und nimmt einen großen Schluck. Er reicht sie auch Jim und sagt aufgekratzt:

»Den Rest können wir ja im Office trinken, Boss. Komm nur, heute lässt sich keiner mehr sehen, den wir mitnehmen könnten. Aber morgen, da reiten wir gleich zur Zwillingsranch hinaus und machen mal Mister Tullis ein bisschen Dampf. Hauen mich doch die Kerle halb tot.«

 

 

45. Kapitel

 

Auf der Balken-Ranch in Colorado wird seit Monaten zum ersten Male wieder das Fenster der Krankenstube aufgemacht, damit die frische Mailuft ins Zimmer kann.

»In ein paar Tagen kannst du aufstehen, Mädchen«, lächelt der Onkel Doktor seine Nichte an.

Er ist mit seinem Erfolg sehr zufrieden. Constance hat eine böse Nervenentzündung hinter sich. Außen den Beinen, kann sie jetzt alles bewegen.

Mit dem Aufstehen meint der Doc den Rollstuhl, denn so sehr er sich Mühe gegeben hat, Constance wird nie mehr laufen können. An das Wunder glaubt der Onkel nicht mehr. Und wenn nun Constances Zeit gekommen ist, wird das Kind aufwachsen und seine Mutter nicht anders kennen, als dass diese nur in einem Rollstuhl sitzt.

Als am Abend die Mannschaft von der Weide zurückkommt, dürfen sie alle an das Fenster und der Genesenden zuwinken. Auch manches ehrlich gemeinte Trostwort fällt dabei und jeder Reiter gibt sich Mühe, seine Enttäuschung zu verbergen.

Was war aus dem Mädchen geworden, die noch vor einem Jahr zu den Schönsten von ganz Colorado zählte. Da saß sie nun, ein Häufchen Elend, und doch ein Mensch, eine junge Frau, die sich vor Liebe selbst verzehrt hatte.

Jetzt ist Constance wieder allein. Die Reiter sitzen beim Essen und sehen sich scheu und verstört an. Was hatten sie alles gesagt, um Constance zum Lachen zu bringen. Sie hatten eine Lüge nach der anderen mit lachenden Augen vorgebracht, überzeugend und doch voller Bitterkeit.

Constance empfindet die plötzliche Leere, nachdem die Reiter zum Essen gegangen sind, besonders trostlos. Eben noch war sie so froh gewesen, als wenn sie noch das kleine Mädchen von damals wär.

Da, auf einmal spürt sie etwas in ihrem Körper und wie ein Schlag durchzuckt es sie, dass sich der neue Erdenbürger anmeldet, Jims Sohn. Ja, es wird ein Sohn. So groß und so stark, wie sein Vater. Aber auch so treu. Sie freut sich mächtig auf den neuen Jim.

Doch dann kommt der Moment, wo ihr einfällt, dass sie nie mit dem Kind auf dem Arm seinem Vater entgegengehen kann.

»Jim«, stöhnt sie und sieht ihn so deutlich vor sich, aus tausend Wunden blutend. »Du wirst sterben«, schluchzt sie haltlos auf, »ohne von deinem Sohn etwas gewusst zu haben.«

Und dann ist es ganz vorbei. Wie ein Anfall kommt es über sie. Sie schreit, dass es noch im Bounkhouse zu hören ist, wo die Reiter gerade bei ihrer Zigarette angekommen sind. Ihre Mutter, der Onkel, Bill und alle die auf der Ranch sind kommen angestürmt, weil sie das Schlimmste befürchten.

Doch vorerst können sie nichts machen. Und als Constance endlich sprechen kann, da bittet sie unter Tränen ihren Bruder Bill, sofort zu reiten und Jim zu suchen.

»Bring ihn her, Billy«, fordert sie immer wieder und hört nicht auf ihre Mutter und auf den Onkel. Da nehmen auch die Reiter Partei für Constance und fordern, dass er reitet, um der Lady den Gefallen zu tun.

Aber Bill Carson braucht nicht gebeten zu werden. Er hätte es schon so gern vor Monaten gemacht. Das war doch immer sein Vorschlag gewesen. Jim gehört hier auf die Ranch zu seiner Schwester.

Sein bestes Pferd wird in Rekordzeit gesattelt. Mit fliegenden Händen packt der Koch ein, was ein Mann für eine lange Reise benötigt und die Mutter muss wohl oder übel das Beste an Unterzeug und Hemden heraussuchen, auch wenn sie nicht für diesen Ritt ist.

Als Bill vom Hof der Ranch jagt, herrscht eine frohe Stimmung unter den Reitern. Und der Onkel sagt tröstend zu seiner Schwester:

»Was willst du denn eigentlich? Jim ist schließlich der Vater. Er gehört zur Familie und ich glaube, für Constance wird es besser sein, ihren Jim bei sich zu haben. Oder willst du sie ewig im Stuhl herumschieben? Du bist nicht mehr die Stärkste, Schwester.«

Keine Stunde später, da Bill vom Ranchhof reitet, muss der Onkel schon wieder zu Constance. Aber nun wird es ernst. Der kleine Jim wird geboren.

»Du strampelst ja mit den Beinen«, sagt der Doc erregt, der sich größte Mühe gibt, Constance eine Hilfe zu sein.

»Ich?«, fragt sie dagegen, und weil sie es nicht glauben will hebt sie die Beine an. Das ist ein Wunder, auf das der Onkel seit Monaten wartet.

Nach acht Tagen versucht es Constance und sie kann gehen. Der Rollstuhl wurde auf der Balken-Ranch nie wieder gebraucht.

 

 

46. Kapitel

 

Bill Carson reitet zunächst nach Denver. Hier erfährt er lediglich, dass der Mörder seines Vater Glen Sloan heiße und noch immer nicht gefasst wurde.

Bills nächste Station ist die Doty-Ranch im Goshen Hole. Die Reiter hätten Bill beinahe vom Hof gejagt, als er sich zu erkennen gibt.

Doch als er dann von der Lähmung seiner Schwester erzählt und auch ausführlich von den darauf folgenden Wochen, hat er die Herzen der Mannschaft gewonnen. Aber helfen können sie ihm nicht.

Bill erinnert sich genau an Jims vierjähriger Deputyzeit, die sich hauptsächlich in Montana abgespielt hatte. Er wendet sich also nach Norden und hofft Glück zu haben. Denn Montana hat in diesen Jahren tausende von wilden Städten und Camps, wohin ein Mann gehen kann, der sich sein Geld als Revolvermarshal verdienen will.

Bill glaubt fest daran, weil er Jim kennt. Über den Oregontrail erreicht er Wochen später die kleine Stadt Glenwood am Platte River.

 

 

47. Kapitel

 

Als Bill Carson von Süden in die Stadt reitet, verlässt gerade Jim mit seinem Deputy den Ort nach Norden, dorthin, wo es zur Zwillingsranch geht.

Vance McCarter führt seinen Boss. Er ist schon wieder völlig auf dem Posten. Nur sein Gesicht darf man nicht ernstlich betrachten, dann bekommt man das große Heulen.

»Früher«, so berichtet Vance ausführlich, bin ich sehr oft auf der Ranch gewesen. Matt liebte genau wie ich, einen guten Schluck.«

Dann aber fragt Jim, warum Vance denn nicht versucht hätte, die alte Freundschaft wieder aufleben zu lassen. Gewiss würde Matt auf ihn gehört haben und hätte seine Mannschaft mehr unter Kontrolle gebracht.

Der Weg führt jetzt nach Westen. Vor ihnen liegt die freie Prärie, ein ideales Weidegebiet, heute, aber vor zehn Jahren, sah es hier ganz anders aus.

Damals war dies Indianerland. Hügelketten wechseln sich ab, bis man weit hinten im Norden ein höheres Gebirge erkennt.

Vance erzählt und führt Jim auch die alte Straße entlang, die viel kürzer ist, als die Postkutschenstraße nach Caspers.

Doch ganz überraschend stehen sie vor einem starken Drahtzaun.

Ein Schild erklärt jedem, der diese alte Straße entlang kam, dass er umkehren muss, hier beginne das Gebiet der Zwillingsranch.

Vance sieht seinen Boss richtig erstaunt an und spät nach rechts und links. Aber der Zaun ist überall. Trotzdem setzt Vance seinen Gaul in Bewegung und sagt, sich zu Jim im Sattel drehend:

»Fünf Minuten von hier ist eine Halde. Die Straße läuft unten dran vorbei. Ich glaube nicht, dass die verdammten Kuhtreiber auch dort einen Zaun gezogen haben. Komm nur, Boss, die Halde schaffen wir allemal.«

Wenige Minuten später sind sie dort. Jim sieht hinunter und sagt nicht gerade fröhlich:

»Eine Halde nennst du dies. Willst du hier mit den Pferden hinunter? Junge, ich bin schon sonst wo abgestiegen, aber hier …«

Der Deputy beginnt schon wieder mit früher. Jim kennt das jedoch allmählich und stoppt ihn. Sie müssen zurück und ganz bestimmt, haben sie eben eine Stunde verschenkt.

»Zurück?«, fragt Vance hartnäckig. »No Boss, jetzt wird es ja gerade erst interessant. Komm nur, etwas weiter gab es immer einen Pfad. Ich kann mir nicht denken, dass man den auch gesperrt hat.«

Jim folgt seinem Deputy, weil er ganz langsam neugierig geworden ist. Er fragt sich nicht ohne Grund, was diese gesamte Umstellung auf einer Ranch bedeutet, die einst so gastfreundlich war.

Den Pfad gibt es wirklich noch. Er ist völlig verwachsen und schon Jahre nicht gebraucht. Doch Vance erkennt ihn gut genug und so reiten sie hinunter.

»Da steht ja eine ganz neue Hütte«, sagt Vance überrascht. »Weißt du Boss, früher …«

Jim lacht schallend los und bekommt richtig Tränen in die Augen, so amüsiert es ihn. Und da nun auch Vance mitlacht, entgeht den beiden dass sie plötzlich von drei Reitern umgeben sind, die ihre Gewehre nicht zum Spaß auf sie gerichtet haben.

»Wo kommt ihr her?«, schreit sie ein bulliger Reiter an und seine Augen blicken so wild zu Jim, dass dieser beschwichtigend die Hand hebt und entgegnet:

»Nur langsam, Freund. Wir wollen zur Zwillingsranch, zum Boss persönlich und haben die alte Straße gewählt. Ich bin der Marshal …«

»Dann nimm die Flossen hoch. Und du auch!«, schneidet der Bulle Jims Erklärung ab. »Das Schild hat euch wohl nicht interessiert, was? Los, Partner, nehmt ihnen die Waffen ab. Euch werde ich lehren, fremdes Eigentum zu betreten, zum Teufel noch mal.«

Erst als Jim und Vance entwaffnet sind, stellt der Sprecher die nächste Frage. Er sieht sich dabei um, als erwarte er noch jemanden.

»Was wollt ihr auf der Ranch? Kennt ihr den Boss vielleicht?«

Ehe Vance etwas sagen kann, antwortet Jim schnell:

»Ich hin seit gestern hier. Mein Deputy schon etwas länger. Wir wollten uns nur mal vorstellen, wie auf jeder Ranch und mit allen Männern sprechen, damit zukünftig Ruhe und Ordnung in der Stadt herrscht. Ist das etwa verboten?«

Der Bulle setzt bei seinem Gaul so überraschend die Hacken ein und rammt Jims Pferd, ohne ihm eine Chance zum Ausweichen zu lassen.

Als Vance helfend eingreifen will, stürzen sich die beiden Partner des bulligen Reiters auf ihn und Sekunden später sind Jim und sein Deputy eng aneinandergebunden.

Nur die Beine können sie noch bewegen und das sollen sie wohl auch. Der Bulle zeigt zur Hütte und sagt zornig:

Details

Seiten
460
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931600
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497591
Schlagworte
westen hölle western-sonderedition band

Autor

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Titel: Im Westen ist die Hölle los - Western-Sonderedition Band 3