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Im Westen ist die Hölle los - Western-Sonderedition Band 2

2019 545 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Im Westen ist die Hölle los

Ritt durch die Hölle

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Die unheimliche Ranch

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

Die letzte Kugel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

Im Westen ist die Hölle los

 

 

Western-Sonderedition Band 2

 

3 Romane in einem Band

 

von Larry Lash

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Edward Martin mit Kathrin Peschel, 2019

Korrektorat, Zusammenstellung: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Dieser Band beinhaltet folgende Western:

 

Ritt durch die Hölle

Die unheimliche Ranch

Die letzte Kugel

 

 

***

 

 

Ritt durch die Hölle

 

 

 

Klappentext:

 

Wie weit gehen Menschen im Kampf um die alleinige Macht oder um andere zu beherrschen? Horty Lonestar kennt die Antwort – VIEL zu weit!

Auf seinem Weg quer durch Sioux-Land, mit einem besonderen Auftrag versehen und auf der Suche nach den Mördern seines Halbbruders, stößt Lonestar auf drei völlig erschöpfte Männer – deren Ziel, Hortys Pferd und vor allem sein Proviant … Doch er zeigt sich allen dreien gewachsen, kann sie bezwingen, erfährt deren Grund für diese Verzweiflungstat und nimmt sich ihrer an, macht sie zu Partnern und letztlich zu seinen Freunden.

Ihr Weg nach Fort Eagle ist äußerst gefährlich. Überall lauert Unheil – nicht nur von den Sioux – und nur wenige, die auf dem Bomeranzweg unterwegs sind, erreichen das Fort.

Dort, nach einem ereignisreichen Ritt, angekommen machen sie eine erschreckende Entdeckung – nicht nur Korruption und Machtgier überschatten das Leben. Die Ereignisse überschlagen sich, treiben sie weiter ins Goldgräbercamp der Adlerschlucht womit ihr Ritt durch die Hölle beginnt …

Kommen sie dort noch rechtzeitig an, bevor weiteres Unrecht geschieht oder scheitern auch sie an den Gefahren, die ihnen auf diesem schwierigen Weg begegnen? Die Zeit drängt, denn auch der Winter naht.

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Die Zeit hatte für Horty Lonestar alle Bedeutung verloren. Er war zum Roboter geworden, der sich immer wieder selbst antrieb und sich kaum Rast und Ruhe gönnte. Er war ein Mann, der sich und seinem Pferde das Letzte abverlangte. Er rastete nur, wenn die Bedürfnisse seines Pferdes es verlangten und die Müdigkeit ihn dazu zwang, in einem einsamen Camp zu schlafen. Doch dann folgte er wieder der einsamen Fährte, die sich durch das Präriegras nach Norden zog. Er folgte dieser Fährte seit Tagen und verlor sie nicht ein einziges Mal. Seinen scharfen grauen Augen entging nichts.

Hinter Horty Lonestar lagen schon mehr als ein Dutzend Stationen, die er passiert hatte, darunter Flussübergänge und Furten, Hügel und Ebenen. Er war langsam ziehenden Büffelherden begegnet. Er hatte alles getan, um nicht von einsam streifenden Reitern gesichtet zu werden. Er ritt wie ein Schatten durch das Land.

Horty Lonestar war hager, hochgewachsen, dazu breitschultrig, ein Mann, dessen Haar, von der Sonne gebleicht, fast weiß wirkte. Seine Augen standen in einem herb-geschnittenen Gesicht, das von harten Strapazen und von einer kürzlich überwundenen Krankheit gezeichnet war. Lassonarben an seinen Händen verrieten, dass er lange hinter Rindern her geritten war und den Beruf eines Cowboys ausgeübt hatte.

Wenn man seine Bewaffnung sah, kam einem der Gedanke, ob er nicht zu jener Sorte von rauen Lassoschwingern gehörte, die ihr Brandeisen fremden Rindern ins Fell drückten, ob er nicht zu den Maverikjägern gehörte, die weit im Süden, den großen Ranchern zum Trotz, ungebrannte Rinder jagten.

Horty Lonestar trug zwei Eisen. Die Läufe der Waffen ragten aus den offenen Holstern heraus. Drohend dunkel wirkten die Mündungen. Die Kolben waren glatt und aus schlichtem braunem Walnussholz.

Die Art seiner Bewaffnung unterschied ihn von den Weidereitern, denn sie glich fast einer Herausforderung, in einem Land, in dem ein Mann danach eingeschätzt wurde, wie er seine Colts trug.

Sicherlich trug er eine zweite Waffe nicht als Gewichtsausgleich. Seine rauchgrauen Augen verrieten in ihrem düsteren Glanz, dass er aus einem bestimmten Grund den alten Gurt mit den 45er Colts aus der Truhe geholt hatte.

Sein Blick glitt an dem im Sattelschuh steckenden Springfield-Karabiner vorbei und schweifte über die wellige Prärie, die jetzt in eine bewaldete Hügellandschaft überging. Für einen Moment verlor der Reiter seine lässige Haltung, und es schien, als wolle er nicht weiterreiten, sondern sein Reittier, einen hochgebauten rostroten Wallach, mit den Schenkeln von der Fährte fortlenken. In diesem Augenblick stellten sich die Ohren des Pferdes nach vorn. Der geaderte, ausdrucksvolle Kopf des Tieres ruckte hoch, die Nüstern blähten sich auf. Der rostrote Wallach blieb unaufgefordert stehen, doch er prustete, schnaubte und wieherte nicht. Trotz zuckender Muskeln schien er unbeweglich zu sein.

Horty Lonestar glich in diesem Augenblick einem Wolf, der eine ganz bestimmte Witterung wahrnahm. Es war, als ob Pferd und Reiter zur gleichen Zeit von einem Warnsignal getroffen wären. Horty Lonestars Hände hatten die Zügel fallen lassen, und sie schwebten dicht über den Revolverkolben. Sie waren gespreizt und glichen den Krallen eines zustoßenden großen Raubvogels.

Nur fünfzehn Schritte vor dem Reiter ging die Prärie in eine parkähnliche, baumbestandene Hügellandschaft über und zeigte das Ende eines gewaltigen Büffellandes an, durch das Lonestar geritten war.

Ponderosa- und Douglasfichten reckten sich wie Lanzen gen Himmel. Weiter hinten hob sich das Terrain zur Hügelflanke, und auf diesem Gelände sah man Birken und Eichen, deren Laubkronen sich berührten. Unter den geheimnisvoll dunklen Blattbaldachinen hoben sich nur vereinzelt Stämme von Bäumen ab, denn viele wurden überwuchert von den im Vordergrund stehenden Buschgruppen.

Der Anblick der Büsche war es, der Reiter und Pferd missfiel. Die grüne, verfilzte Buschmauer gewährte nicht den geringsten Einblick. Horty Lonestar erkannte, dass er durch die Präriebodenwelle zu nahe an das Hindernis herangekommen war, dass man ihn aus diesem Gestrüpp heraus, ohne selbst gesehen zu werden, gut beobachten konnte.

Lonestar war sofort klar, dass es zu spät war, den rostroten Wallach herumzureißen und davonzupreschen, um in der Bodenwelle, durch die er gerade geritten war, unterzutauchen. Der eiskalte Hauch der Gefahr drang von den Büschen zu ihm herüber. Lonestar hatte das verteufelte Gefühl, dass hundert Augenpaare aus der dunklen Mauer auf ihn gerichtet waren.

Selbst für einen Mann wie Horty Lonestar war das Gefühl, gestellt zu sein, etwas erregend Schreckliches, das ins Mark ging und die Nerven vibrieren ließ. So sehr er seine Augen auch anstrengte, er bemerkte nicht die geringste Bewegung hinter dem Gestrüpp. In der geheimnisvollen Dunkelheit des Blattgewirrs schien die Gefahr zu lauern.

Die unter den Stämmen herrschende Dunkelheit hatte nichts mit der Dunkelheit gemein, die sich in der Wildnis ausbreitete und in der Gottes heiliger Odem eingefangen war. Für jeden anderen Reiter hätte sie keine Bedeutung gehabt, doch Lonestar befand sich auf einer heißen Fährte. Er sah die Spuren deutlich ins Gehölz einmünden. Die Pferde der Verfolgten hatten dort Zweige geknickt und losgerissen. Äste lagen mit frischem Baumlaub am Boden. Vor einer Stunde etwa mussten drei Reiter die Prärie verlassen haben und in den Busch eingedrungen sein.

Seit Tagen war Lonestar hinter diesen Reitern her, und jetzt, da er sie fast eingeholt hatte, schlug die eiskalte Witterung der Gefahr gegen ihn. Es konnte kein Fehlschluss sein. Der rostrote Wallach hatte mit dem untrüglichen Instinkt der Tiere, die Gefahr zuerst empfunden.

Das Pferd bewegte sich nicht. Es hielt den Kopf vorgestreckt und schien wie der Reiter auf seinem Rücken zu den Chapperal- und Tamariskenbüschen zu blicken, deren Blattbaldachine vom Sonnenlicht angestrahlt, im Wind leicht hin und her bewegt wurden, sodass die Blätter leise raunten und rauschten. Der Wind bewegte die Halmspitzen der Gräser leicht.

»So ist es recht!«, sagte eine heiser krächzende Stimme. Dabei knackte es metallisch.

Horty Lonestar, dessen Hände noch über den Kolben schwebten, bewegte sich nicht. Zu seiner Linken vernahm er jetzt ebenfalls ein Geräusch. Dann hörte man die hohnvolle Stimme eines Mannes:

»Schaut euch das an! Der Revolvermann versucht es erst gar nicht bei diesem Abstand, mit dem Karabiner zu arbeiten. Er hätte es wahrhaftig mit den Colts versucht, wenn wir uns nicht bemerkbar gemacht hätten. Dein Glück, dass du die Hände von den Kolben gelassen hast. Heb sie hoch und bleibe ruhig im Sattel! Wir haben dich im Visier!«

Drei Mann waren es, also genau so viel, wie Lonestar erwartet hatte. Vielleicht hatte er nur darum einen Bruchteil gezögert, das tödliche Blei aus den Läufen zu jagen. Vielleicht war die Einsicht, das eigene Leben zu retten, größer als das heiße Drängen in ihm, sich einen Weg freizuschießen. Es war ihm klar, dass er bei diesen Burschen keine Chancen gehabt hätte. Sie hatten seiner Sorglosigkeit ein jähes Ende bereitet. Es hatte keinen Sinn, sich schießend den Weg aufzubrechen, denn drei Mann, die sich weit auseinandergezogen versteckt hatten und ihn mit ihren Waffen bedrohten, waren nicht aus dem Wege zu bringen. Er hätte sicherlich einen von ihnen ausschalten können, nicht aber alle drei!

»Ich gebe mich geschlagen«, antwortete er, wobei er langsam beide Hände in Schulterhöhe hob. »Kommt nur, damit ich mich bedanken kann!«

»Hoh, bedanken will er sich, habt ihr das gehört? Ein eigenartiger Vogel flog uns zu!«

»Er wird diese Späße unterlassen!«, entgegnete ein anderer im Busch versteckt liegender Mann grimmig. »Mit uns kann er so nicht reden! Der arme Narr weiß nicht, wen er vor sich hat. Er ahnt nicht, wie wenig uns seine zwei Eisen imponieren. Wir sahen schon kriegerischere Gestalten als ihn und jagten ihnen die Furcht Gottes ins Mark. Nur keine falsche Bewegung, Stranger, du bist sonst eher in den ewigen Jagdgründen als ein Sioux. Von drei Seiten bist du gestellt, einer von uns erwischt dich bestimmt!«

Horty Lonestar blickte ruhig drein. »Ich sehe es ein«, sagte er trocken.

»Kein Wunder, er sieht aus, als wäre er dem Tod von der Schaufel gesprungen«, meldete sich der dritte Mann jetzt. Sicher waren dem Burschen die Spuren von der überstandenen Krankheit in Hortys Gesicht aufgefallen, und er deutete sie richtig. Seine Äußerung ließ seine beiden Partner unvorsichtig werden, denn ein kranker Mann konnte nicht so gefährlich werden, auch wenn er zwei Eisen trug. Es lockte sie aus den Deckungen heraus.

Sie traten mit angeschlagenen Revolvern aus dem Gebüsch. Jetzt erst sah Horty Lonestar seine Gegner. Es trieb ihn fast in den Steigbügeln hoch, denn es waren nicht jene, die er suchte. Es waren drei Männer, die er nie im Leben zuvor gesehen hatte. Nur ein verrückter Zufall hatte die Fährten ineinanderlaufen lassen können, denen Horty seit Tagen folgte. Es war ein Hohn, dass ausgerechnet diese Kerle ihn am Weiterritt hindern wollten.

Alle drei trugen sie Stoppelbärte. Seit Tagen hatten sie sich nicht mehr rasiert und gewaschen. Ihre Kleidung war sehr abgerissen, dazu trugen sie schäbige Stiefel, an deren hohen Absätzen die Sporen fehlten. In jeder zivilisierten Gegend wären die Kinder vor diesen Gestalten schreiend davongelaufen. Jeder Sheriff hätte sie davongejagt und jeder Rancher sie vor die Tür geschickt.

Horty betrachtete alle drei eindringlich. Bis auf den Schmutz an Körper und Kleidung hatten sie miteinander keine Ähnlichkeit, denn im Gegensatz zu dem Riesen wirkte der nebenstehende Mann wie ein Zwerg und jener, der in der Nähe des Zwerges stand, wie ein Jüngling dem kleinen Kerlchen gegenüber. Das kleine Kerlchen hatte dünne, blutleere Lippen und eine große Habichtsnase. Der zweite Mann, der sich Horty vorsichtig näherte, war trotz seiner Stoppeln im Gesicht schön zu nennen. Er hielt sich wie der dritte Mann zurück. Der Hüne kam barhaupt daher. Sein feuerrotes Haar wirkte wie der Kamm eines Hahnes.

Weder der riesenhafte Kerl noch der Junge waren die Wortführer. Das kleine Kerlchen mit dem faltigen Gesicht gab einzig und allein den Ton an. Es zeigte sich, dass dieses Kerlchen seine Partner beherrschte. Er drängte sich als Erster vor und blieb etwa neun Schritte vor Lonestar stehen und kniff die Augenlider zusammen.

Lonestar sah ihn aufmerksam an. Es störte ihn nicht, dass der Riese und der Junge ebenfalls stehengeblieben waren und ihre Waffen weiter auf Horty gerichtet hielten.

»Ihr macht sehr enttäuschte Gesichter«, begann Lonestar das Gespräch nach einer Weile. »Ihr seid lange unterwegs und braucht sicherlich Pferde, Proviant und einiges mehr.«

»Wir werden uns mit einem Pferd vorerst begnügen«, unterbrach ihn das kleine Kerlchen höhnisch. »Tut uns leid, Stranger, dass du dich von deinem Tier und deinem Gepäck trennen musst. Drew Wells hat bereits Blasen an den Füßen.« Er zeigte bei diesen Worten auf den Jungen. »Auch Dave Scott ist nicht mehr wacker auf den Beinen, und ich selbst, Leward Shark, bin des Wanderns müde, also …«

»Ein einziges Pferd würde euch nicht viel nützen«, unterbrach ihn Lonestar.

»Das lass unsere Sorge sein!«

»Wenn ihr verfolgt werdet, seid ihr das Tier bald wieder los, und dann …«

»Er scheint Gedanken lesen zu können, Leward«, meldete sich staunend der Riese Scott. »Woher weiß er, dass wir verfolgt werden? Heh, sag es uns! Gehörst du vielleicht selbst zu den Halunken, die …« Er brach ab. Der warnende Blick des Kleinen stoppte ihn rechtzeitig.

»Es ist uns gleichgültig, ob er Gedanken lesen kann oder mit hellseherischen Gaben ausgestattet ist«, stieß der Kleine böse hervor. »Viel wichtiger ist, dass wir ein Pferd und Proviant bekommen und nicht mehr durch die Büsche kriechen müssen. Wir drei ersticken bald im Dreck. Es ist ein Wunder, dass die Sioux uns bisher noch nicht erwischten, aber sie sind in der Nähe.« Er brach ab, wischte sich über das dreckverschmierte Gesicht und lachte rau auf. »Die Roten umkreisten wie Habichte Fort Eagle«, fuhr er fort. »Wir hatten nicht das Glück, im Fort bleiben zu können. Wir drei, Stranger, waren dort nicht willkommen und setzten uns ab. Keiner von uns wollte Soldat werden. Aber wozu erzähle ich das alles. – Du hast eine Chance! Dich nimmt man bestimmt im Fort auf. Vielleicht kommst du durch die Siouxrudel hindurch, und Luta Wambli, den man auch Roter Adler nennt und der einer der ersten Kriegshäuptlinge der Siouxnation ist, lässt dir den Skalp.«

»Dann wird er sich in eine Mücke verwandeln müssen«, grinste der schöne Wells, dabei sein prächtiges, schneeweißes Gebiss entblößend. »Die Siouxkrieger haben es besonders auf hellblonde und rote Skalps abgesehen. Der Siouxkrieger, der solche Skalps besitzt, genießt besonderes Ansehen.«

»Halte den Mund, Drew!«, unterbrach ihn der Kleine scharf. Sich an Horty Lonestar dabei wendend: »Was, zum Teufel, willst du in Fort Eagle?«

»Ich suche einige Männer, das ist alles.«

»In Fort Eagle wimmelt es von Männern«, unterbrach ihn der Kleine bitter. »Uns gefiel es dort nicht. Unsere Maultiere und Gespanne wurden beschlagnahmt, und uns selbst wollte man zu Soldaten machen. Wir sollten das Fort verteidigen helfen. Aber das kennen wir! Wir wären nie wieder aus den Blauröcken der Pferdesoldaten herausgekommen. Außer den Siedlern, die mit ihren Familien ins Fort kommen, werden alle in Uniformen gesteckt. Wir sind jedoch freie Männer und gedenken es auch zu bleiben. Wir werden es schon schaffen, aus dem Land der sieben Siouxstämme herauszukommen. Wir werden Fort Laramie erreichen und dann …«

Obwohl der Kleine abbrach, wusste Horty genau, was er sagen wollte, denn er selbst war ja den Bozemanweg entlanggezogen. Doch zu der Zeit, als er das sichere Fort Laramie verließ, um einer Fährte zu folgen, ahnte wohl noch niemand, dass der Bozemanweg einmal in die Geschichte eingehen würde.

Er führte von Fort Laramie bis zur Adlerschlucht in Montana hinauf, dorthin, wo das Gold lockte und rief. In der Adlerschlucht wurde nach Gold gegraben. Es verlockte viele dazu, den Weg durch die Hölle, durch das Siouxland, zu wagen. Für viele führte dieser Weg in den Tod. Viele Meilen vor der Adlerschlucht, mitten im Siouxland, hatte man ein Fort errichtet, Fort Eagle. Man hatte es aufgebaut, ohne vorher mit den Siouxstämmen zu verhandeln.

Nun stand es auf verlorenem Posten.

Jeder Kenner der Lage wusste, dass es auf die Dauer gegen den Druck der Siouxkrieger nicht zu halten sein würde. Die roten Krieger sperrten das Land, blockierten den Nachschub. Dass es schlimm um das Fort stand, ging schon aus den Worten des Kleinen hervor, dass man nämlich Frachtwagenfahrer zu Soldaten machte, ohne lange nach ihrem Einverständnis zu fragen. Sicherlich dachten die drei daran, an dem Fort vorbeizukommen und in die Adlerschlucht zu gelangen, wo die Erde von Tausenden von Männern umgewühlt wurde.

Horty Lonestar hatte ebenfalls wenig Lust, Fort Eagle zu erreichen. Das würde ihn nur von seinem Weg abbringen. Noch wusste er nicht, wie diese Sioux operierten, wie diese Hochprärieindianer kämpfen konnten. Er stammte aus dem Süden, wo er es bis jetzt nur mit Apachen zu tun gehabt hatte. Sicherlich konnten die Sioux nicht schlimmer sein als die Apachen, gegen die er oft gekämpft hatte.

Jetzt konnte es nur um eins gehen, nämlich die drei Kerle, die er schon lange verfolgte, vor seine Colts zu bekommen. Er würde sie unter Tausenden von Diggern und Abenteurern in der wilden Adler-Schlucht finden und stellen. Das konnte er aber nur, wenn er sein Pferd, seinen Proviant, kurzum sein Eigentum, behielt. Dazu musste er allerdings die drei Gestalten ab schütteln, die ihm den Weg versperrten.

Er dachte nicht daran, sich nach Fort Eagle durchzuschlagen, nach einem Fort hin, von dem man in Fort Laramie prophezeite, dass es innerhalb weniger Monate von den Sioux überrannt und dem Erdboden gleichgemacht würde. Es war Wahnwitz gewesen, dass man es überhaupt zum Schutz der Männer, die in die Adlerschlucht wollten, errichtete und damit Verträge brach.

»Tut mir leid«, sagte er ungewöhnlich ruhig und beherrscht zu den Männern gewandt, die ihn mit ihren Waffen bedrohten, »aber ich möchte weder meinen Skalp noch mein Eigentum verlieren. Ich werde weiter der Fährte folgen. Die Fährte wird sicherlich in der Adlerschlucht enden, wo einige Tausend Männer mitten in der Wildnis leben und die Erde umwühlen und dabei ein entbehrungsreiches Leben ohne Recht und Gesetz führen. Ihr hättet mit euren Frachtwagen dorthin und nicht nach Fort Eagle fahren sollen.«

»Zum Teufel!«, unterbrach ihn der Kleine kreischend, »das war auch unsere Absicht! Doch dann kamen die üblen Blauröcke und stellten sich uns in den Weg. Sie zwangen uns, zum Fort zu fahren, mit der Begründung, dass die dorthin geflüchteten Frauen und Kinder auf unsere Wagenladung, die aus Lebensmitteln bestand, ein größeres Anrecht hätten; dass wir uns den Weg zur Adlerschlucht ersparen könnten. Die Männer in der Adlerschlucht könnten sich gut gegen die Sioux behaupten.

Damit waren wir unsere Wagenladung los.

Wir bekamen nicht einen Cent dafür! Wir verloren aber auch unsere Maultiergespanne und unsere Freiheit. Dann sollten wir noch für das Fort kämpfen. – Nun, komm herunter vom Gaul! Im Fort haben wir gelernt, dass das Recht auf der Seite des Stärkeren ist. Es ist nun genug geredet worden.«

Er lachte gequält vor sich hin und hob ruckartig die Mündung seiner Winchester an.

»Es war unser Frachtwagenzug, den man uns in Fort Eagle wegnahm, und dabei waren wir auf den Bozemanweg gegangen, um das Geschäft unseres Lebens zu machen! Wir hatten alle Ersparnisse zusammengetan. Unsere Fracht wäre mit purem Golde aufgewogen worden, wenn wir die Adlerschlucht erreicht hätten. Als reiche Männer wären wir nach Fort Laramie zurückgekommen. Jetzt werden wir froh sein, wenn wir jemals dort ankommen und unsere Haut keine Löcher hat. – Zum letzten Mal, mache keine Schwierigkeiten!«

Jetzt wusste Horty Lonestar genau, was er von den dreien zu halten hatte. Es waren drei Männer, die auf dem rauchigen Bozemanweg hart gebrannt worden waren. Sicherlich wäre es keinem von ihnen unter normalen Bedingungen eingefallen, mit der Waffe in der Hand einen Raub zu begehen.

Der nackte Selbsterhaltungstrieb veranlasste sie zu diesem Vorgehen. Am Bozemanweg fragte niemand nach einem Menschenleben. Die Zeichen des Todes waren überall zu sehen: ausgebrannte Planwagen, Pferde- und Rinderskelette, Grabhügel, die der Wind bald wieder einebnete!

Horty Lonestar erkannte deutlich, dass jeder der drei bereit war zu schießen, wenn er nicht augenblicklich vom Pferd glitt. Seine Augen glitten schnell von einem zum anderen. Der Kleine grinste nicht mehr, er presste die dünnen Lippen fest zusammen. Der Junge neben ihm wirkte bleich, schien aber zu allem entschlossen zu sein. Man sah ihm an, dass er zum ersten Mal auf einen Menschen schießen würde.

Lonestar atmete tief. Vorsichtig legte er die Hände aufs Sattelhorn, so als ob er sich vom Pferderücken gleiten lassen wollte. Dabei ließ er keinen Blick von den Gegnern, die ruhig und abwartend dastanden und ihn scharf beobachteten. In dem Augenblick, als sich Lonestar scheinbar aus dem Sattel heben wollte, geschah es dann. Der rostrote Wallach gehorchte dem Zeichen, das Lonestar ihm gab. Der Wallach ließ sich zur Seite fallen, als hätte ihn ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen. Drew Wells, der Junge, der kaum achtzehn Jahre alt sein mochte, schoss zuerst. Die Kugel raste über Horty hinweg. Sie hätte ihn getroffen, wenn der Wallach nicht so schnell auf das Zeichen reagiert hätte. Die zweite Kugel feuerte der Riese Dave Scott ab. Aber auch sie richtete keinen Schaden an. Sie riss Horty Lonestar lediglich die Kopfbedeckung ab. Die von Leward Shark abgefeuerte Kugel streifte Hortys Oberarm.

Dann schoss Horty Lonestar, der über das stürzende Pferd gerollt war, tief aus der Hüfte heraus. Es waren Meisterschüsse, rasend schnell abgefeuert. Das geschah so schnell, dass keiner der Gegner erneut zum Schuss kam.

Shark kippte vornüber und lag still, die Hände weit vorgestreckt, als wollten sie sich im Grase einen festen Halt verschaffen. Drew Wells spürte einen heftigen Schlag am Handgelenk, als er gerade den zweiten Schuss abfeuern wollte. Die Kugel zischte zwar aus dem Lauf, ging aber weit fehl. Nur einen Sekundenbruchteil später wurde dem Riesen Scott die Waffe aus der Hand geprellt, ohne dass er selbst verletzt wurde.

Damit war der Kampf zu Ende. Das ungleiche Duell hatte nur Sekunden gedauert. Nach dem Verklingen der Schussdetonationen wirkte die nun einsetzende Stille beängstigend und niederdrückend.

Hochaufgerichtet stand Horty Lonestar, beide 45er Colts tief an den Hüften im Anschlag. Dünner Rauch kam aus den Mündungen seiner Waffen. So stand er völlig umgewandelt, ein Mann, der kämpfen konnte und vor keinem Kampf zurückschreckte.

Er wusste um die Bitternis, die jetzt die Gesichter des Jungen und des Riesen zeichnete. Beide sahen sie ihn mit weit aufgerissenen Augen an, als könnten sie das Geschehene nicht begreifen. Der Schock hielt sie im Bann. Sie schienen nicht einmal zu bemerken, wie der rostrote Wallach sich aufrichtete und zu grasen begann, als wäre nicht das Geringste geschehen.

Der Riese schluckte schwer. Der junge Wells zuckte am ganzen Körper und war leichenblass. Beide schauten sie zu dem kleinen Shark hin, den sie für tot hielten, ausgelöscht aus den Reihen der Lebenden. Doch in diesem Augenblick richtete Shark sich wieder auf. Er blieb in der Hocke sitzen und tastete mit beiden Händen über seinen Schädel. Sicherlich ertastete er die Furche, die die Kugel über seinen Kopf gezogen hatte, und die nur geringfügig die Kopfhaut verletzt hatte.

»Dem Himmel sei Dank«, kam es von seinen Lippen. »Ich lebe, es ist noch nicht zu Ende … Zum Teufel, starrt mich nicht so an, ihr beiden!«

Er brach ab, denn in diesem Augenblick sah er wohl den Gegner, der beide 45er gezogen hatte. Erst jetzt begriff er, dass seine Partner wie er versagt hatten. Er brauchte nur einmal hinzuschauen, um es richtig zu begreifen. Wells’ Handgelenk blutete. Er hatte die Waffe fallen lassen und war so unbewaffnet wie der Riese Scott, dem Lonestars Kugel die Waffe aus der Hand gerissen hatte. Leward Shark begriff, dass die Flucht endgültig zu Ende war. Das ließ ihn den Schmerz vergessen, der durch seinen Kopf tobte.

»Nun los, Revolvermann, mach es glatt und reite weiter! Wir drei haben wohl eine Kugel verdient. Wenn du es tust, bewahrst du uns davor, von den Sioux geschnappt, gemartert und skalpiert zu werden. Zu Fuß, ohne Proviant und Ausrüstung kommen wir nicht mehr weit … Fang an!«

»Nein!«, erwiderte Horty Lonestar ruhig. »Ich sehe ein, dass ich euch nicht zurücklassen kann. Ihr werdet also mit mir kommen.«

»Zurück?«, stieß der junge Wells erschrocken hervor und eine furchtbare Angst schwang in seiner Stimme. »Zurück zum Fort?«

»Es wird dir besser tun, wenn du Soldat wirst«, erwiderte Horty Lonestar kalt. Dann wandte er sich an den kleinen Shark, der sich gerade erhob und wankend auf den Beinen stand. »Ich wäre nicht davongelaufen, wenn man mir einen Wagenzug weggenommen hätte.«

»Ich weiß nicht, wer du bist«, erwiderte der Kleine, »ich weiß nur, dass wir drei nur mit Schrammen davongekommen sind. Wir haben dir unser Leben zu verdanken, aber du nimmst es uns wieder, wenn du uns zum Fort schaffst. Man wird uns als Deserteure behandeln. Wir haben dir noch nicht gesagt, dass wir bereits in der Uniform steckten.«

»Und den Vertrag habt ihr auch unterschrieben?«

»Wir brachen aus, ehe es dazu kam«, schaltete sich der Riese Scott ein. »Fort Eagle ist die Hölle. Aber lieber lasse ich mich dorthin zurückbringen, als noch weiter eine lange Strecke zu marschieren. Wenn ich nicht bald auf einem Pferd sitzen kann, werde ich nicht einmal das verteufelte Fort erreichen.« Mutlos senkte er den Blick und fügte hinzu: »Wir hatten es uns einfacher vorgestellt. Wir hätten dich nicht getötet, wir wollten nur dein Pferd und deine Ausrüstung. Wir waren verzweifelt. – Es tut mir wirklich leid.«

»Dann beeile dich und verbinde deinen jungen Freund«, unterbrach ihn Horty Lonestar.

Scott machte sich sogleich an die Arbeit, unterstützt von Shark. Keiner kümmerte sich um die Waffen, die Lonestar aus dem Grase aufhob. Das zeigte deutlich, wie sehr sie sich geschlagen gaben und wie echt ihre Verzweiflung war.

Durch das Aufrasen der Schüsse war die Situation jetzt noch schlimmer geworden. Die Schussdetonationen waren weit zu hören und konnten ein Siouxrudel anlocken. Dazu kam, dass es auf viele Meilen in der Runde kein sicheres Versteck gab. Der einzig sichere Ort schien Horty nur das Fort zu sein. Dort würde er die drei unterbringen und dann seinen Ritt fortsetzen. Dadurch entstand für ihn zwar ein Zeitverlust, aber den musste er in Kauf nehmen.

»Niemand wird dir deine Mühe lohnen«, sagte Shark rau zu ihm, »am wenigsten der Kommandant des Forts. Er hat schon ganz andere Männer einfach in die Uniform gesteckt, und das nur, weil seine regulären Leute versuchen, in der Adlerschlucht unterzutauchen. Das Gold macht auch die Männer in der Uniform zu Deserteuren. Es lockt die Schwachen aus dem Fort. – Von diesem Land habe ich die Nase voll.«

»In dem Fort sind Frauen und Kinder?«

»Sicher, ich sprach davon. Überall gibt es Narren, die trotz der Indianer ranchen und ihre Frauen und Kinder mitbringen. Dazu gehören auch einige Kerle, die wenig Glück in der Adlerschlucht hatten. Sie ließen für teures Geld einem Greenhorn Schaufel und Hacke, Schüttelsieb und Claim und blieben im Land.

Sie entdeckten, dass sich die Siouxgebiete sehr gut zum Ranchen und Farmen eignen und rechneten sich aus, dass sie es eher zu etwas bringen würden, wenn sie ihre Nahrungsmittel, die sie erzeugten, direkt an die Goldgräber verkaufen würden. Doch das erwies sich als Fehlrechnung. Die Sioux kamen dazwischen und jagten sie aus ihren Hütten. Nun sitzen sie im Fort und warten. Wenn du uns zurückbringst, werden auch wir warten … auf den Tod.«

»Shark, irgendwann wird Fort Eagle Verstärkung bekommen und dann …«

»Es ist ein verteufelt langer Weg von Fort Laramie hierher, dazwischen liegen viele hundert Meilen Siouxland. Die Armee ist aber noch nicht so stark, um durch dieses Gebiet schnell hindurchzukommen. Das weiß niemand besser als der Kommandant von Fort Eagle. Er muss das Fort halten! Fragt sich nur, wie lange er das noch kann!«

 

 

2. Kapitel

 

Horty Lonestar erfuhr im Laufe des Nachmittages noch mehr. Jeder Mann hätte nun endgültig davon Abstand genommen, sich noch weiter mit den drei Burschen abzugeben. Nicht so Horty Lonestar! Er ließ die drei vor sich hermarschieren, bis die Schatten der Nacht kamen und die drei so erschöpft waren, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnten. Der junge Wells litt offensichtlich schwer, unter den Strapazen des Fußmarsches. Er stöhnte vor sich hin und warf immer wieder einen schnellen Blick zu dem Reiter hinter ihnen, der wie teilnahmslos im Sattel saß und sie kaum zu beachten schien.

Lonestar hockte vornübergebeugt im Sattel und schien schläfrig vor sich hinzuduseln. Doch das täuschte sehr. In Wirklichkeit schweiften seine Blicke unter den halb heruntergezogenen Augenlidern ständig in die Runde. Ohne dass die drei es merkten, lenkte er sie so vor sich her, dass er Hindernisse umging und Stellen, die sich zum Hinterhalt eigneten, auswich. Er tat damit alles, um einem Überfall aus dem Wege zu gehen.

Er wusste, dass es nur ein Zufall sein konnte, dass ihm bisher eine Begegnung mit den Sioux, von denen man sagte, dass sie die besten Kämpfer der roten Stämme seien, erspart geblieben war. Er konnte sich ausrechnen, was es für ihn und seine Weggenossen bedeutete, wenn man auf eine stärkere Kampfgruppe dieser Krieger stieß.

Shark und Wells, die beide von Lonestars Kugeln getroffen worden waren, hatten sich von den Verletzungen so weit erholt, aber alle drei waren so erschöpft, dass sie nur langsam vorwärtskamen. Bis Fort Eagle war es noch ein weiter Weg. Horty Lonestar ließ anhalten und sagte, sein Pferd zügelnd, zu dem kleinen Shark:

»Wir kampieren hier.«

»All right«, erwiderte Shark, der mit raschem Blick erkannte, wie gut das Camp gewählt worden war. Er hockte sich sogleich nieder und zog die Stiefeln aus. Der Riese Scott blickte forschend in die Runde, dann nickte er.

»Stranger, der Platz ist gut gewählt. Das Gras steht hier auf dem Hügel hoch und das Pferd ist in der kleinen Mulde vor jeder Einsicht geschützt. Mir wäre jedoch wohler, wenn ich in Fort Laramie in einer Pokerrunde sitzen und spielen könnte. Morgen gegen Mittag sind wir hoffentlich in Fort Eagle.«

»Du wirst dann in einer Zelle hinter Eisengittern pokern können«, unterbrach ihn der junge Wells, der vergeblich versuchte, sich seiner Stiefeln zu entledigen. »Stranger, und du wirst mit von der Partie sein«, sagte er mit grimmig verzogenem Gesicht zu Lonestar, der gerade abstieg und jetzt sein Pferd mit einem leichten Schlag auf die Hinterhand in die kleine Mulde trieb. »Der Fortkommandant wird dir danken, dich dann aber in eine Uniform stecken. Dann wirst du so übel dran sein wie wir. In Fort Eagle gibt nur ein Mann die Befehle: Captain McLean!«

»Wells, nur keine Sorge«, erwiderte Horty Lonestar. »Die ganze Zeit überlege ich, warum ihr drei nicht versucht habt, in die Adlerschlucht zu entkommen und unter Tausenden von Diggern unterzutauchen. Dort hättet ihr euch um die Sioux keine Sorgen zu machen brauchen.«

»Umso mehr aber vor dem kommenden Winter, Sir!«

»Lonestar heiße ich, Wells!«

»Nun gut, Lonestar! Wir drei rechneten uns genau aus, wie es Tausenden von Männern ergehen wird, wenn der Proviant immer knapper und der Hunger immer größer wird.

Die goldhungrigen Narren werden dann auch bald herausgefunden haben, dass die Sioux jede Lebensmittelzufuhr abschneiden. Sicherlich hat Captain McLean ähnliche Gedanken. Das hält ihn davor zurück, einen Ausbruch aus dem Fort zur Adlerschlucht zu machen.

Er kann sich an den zehn Fingern ausrechnen, dass er von einer Hölle in die andere kommt. Luta Wambli, Roter Adler, und Amerikanisches Pferd, die beiden Kriegshäuptlinge, wissen schon, warum sie den Bozemanweg sperrten. Sie werden ihn bald so verriegelt haben, dass nicht einmal eine Maus hindurchschlüpfen kann. Darum, Lonestar, fragen wir uns, warum du einer Fährte von drei Pferden folgst?«

Lonestar wunderte sich nicht, dass die drei das entdeckt hatten, denn er hatte sie dieser Fährte bis zur Mulde folgen lassen, wo die Aschenreste eines Feuers verrieten, dass hier gelagert worden war. Alle drei sahen ihn an. Wells gab es auf, seine Stiefel auszuziehen und warf sich ermattet ins Gras. Sie schienen auf eine Erklärung von ihm zu warten.

Das zeigte deutlich, wie sich das Verhältnis zwischen ihnen gelockert hatte. Alle drei hatten wohl auch darüber nachgedacht, warum sich Lonestar weiter mit ihnen befasste. Sie waren wohl übereinstimmend zu der Überzeugung gekommen, dass ein Mann, der sie in Sicherheit bringen wollte, nicht so übel sein konnte. Das hatte sich auch im Laufe des Nachmittags gezeigt. Niemals hatte er sie, wenn sie eine Rastpause machen wollten, angeschrien oder weitergetrieben. Im Gegenteil! Er hatte ihnen in den Rastpausen Zigaretten gerollt. Er hatte sie einige Male aufsitzen lassen und war selbst einige Meilen marschiert. Jetzt gab er keine Antwort auf ihre Fragen, sondern verteilte aus seiner Satteltasche etwas Proviant. Heißhungrig aßen die drei.

»Die erste Mahlzeit nach drei Tagen«, sagte der Riese, wobei er wehmütig die kleine Portion betrachtete.

»Du wirst dich daran erinnern, wenn du bei Wasser und Brot sitzt«, sagte Wells bissig. »Shark und ich haben es leichter, wir kommen mit Wenigem aus.«

Shark fiel ihm ruhig ins Wort: »Halte dich zurück, es ist bitter genug, dass uns Lonestar zum Fort schaffen will. Es wäre jedoch noch schlechter für uns, wenn wir ihm zur Adlerschlucht folgen müssten. Hoffen wir, dass wir eine ruhige Nacht haben und morgen unangefochten durch die Reihen der Sioux hindurchkommen.«

»Shark, wenn das dein Abendgebet ist, schließe ich mich sofort an«, erwiderte Scott.

»Das gefällt mir nicht«, erklärte Wells. Er schien tief beunruhigt zu sein. »Solange ihr schimpft und flucht, ist alles zu ertragen. – Dave, hilf mir die Stiefeln ausziehen. Ich bringe die verteufelten Dinger nicht von den Füßen.«

»Lass sie, wo sie sind, und versuche es nicht! Du bekommst sie sonst nicht mehr an.«

»Dann gehe ich barfuß«, erwiderte Wells grimmig. »Ich hätte mich niemals von dir anwerben lassen sollen, Dave.«

»Jetzt machst du mir Vorwürfe? Höre mich jetzt einmal ruhig an, Drew: Wenn ich dich nicht in Fort Laramie aus einer üblen Klemme geholt hätte, wärst du von den Buschräubern und Glücksrittern, Spielern und Revolverhelden vollkommen ausgeplündert worden. Sie hätten dich Greenhorn bis aufs Hemd ausgezogen und dir, wenn du dich noch beschwert hättest, eine glatte Kugel gegeben. Deine Erbschaft wärst du ohnehin losgeworden. So ist dir das Leben erhalten geblieben, Junge. Eines Tages wirst du noch herausfinden, dass man in meiner und Sharks Gesellschaft ganz gut leben kann.

Auch Shark und ich haben alles Geld, das wir in das Frachtunternehmen steckten, völlig eingebüßt. Wir schreien deshalb noch lange nicht Mord und Brand! Wir nehmen es hin, weil nichts daran zu ändern ist und keiner von uns eine so schnelle Kugel schießt wie Lonestar.«

»Dave, in deiner Gesellschaft werde ich wohl bald zur Hölle sausen«, erwiderte Drew Wells verstimmt. »Seit die Unionstruppen Fort Eagle errichteten und weitere Forts errichten wollen, ist am Bozemanweg die Hölle los. Ich hätte wissen müssen, dass ich mein Geld nicht in ein Geschäft stecken durfte, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Ich hätte niemals nach Fort Laramie kommen dürfen.«

Er brach ab und zerrte wieder an seinen Stiefeln herum, ohne sie jedoch abstreifen zu können. Wieder brach sein ungezügeltes Temperament durch. »Ich hätte irgendwo eine kleine Ranch kaufen und als Rancher beginnen können.«

»Dann wäre dir das Gleiche passiert, was dir schon einmal geschah. Jemand hätte dich davongejagt und dir das Land, die Weide und die Rinder abgenommen. Es hätte sich immer wiederholt, bis du ein richtiger Mann geworden oder endgültig zerbrochen wärst.

Vielleicht musste es so sein, dass es dich nach Fort Laramie hintrieb. Vielleicht war es für dich bestimmt, dass du hartgebrannt werden sollst. Du hofftest in Fort Laramie den Mann zu finden, der deinen Vater niederschoss, und du warst dabei, in einem Sumpf zu versinken, mein Junge. Eines Tages hättest du zu den Entwurzelten gehört, die in Fort Laramie wie Geier auf Beute warten und nicht den Mut haben, auf den Bozemanweg zu gehen. Es war schlimm genug, was uns zustieß, und noch schlimmer, dass wir einen Raubüberfall durchführen wollten. Ich bin recht froh, dass uns das nicht gelungen ist. Vielleicht wären wir alle drei auf die schiefe Bahn gekommen und dann …«

Er brach ab und sprach nicht weiter. Er schob die letzten Biskuits in den Mund und kaute andächtig. Schweigend saßen dann die vier Männer in der Dämmerung. Jeder hing seinen Gedanken nach. Sicherlich ahnte keiner von ihnen, dass der Vertragsbruch den Krieg im Sioux-Land ausgelöst hatte, dass er nicht einmal in zehn Jahren zu Ende sein sollte und dass in zehn Jahren die vereinten Sioux-Nationen am Little Big Horn General Custer und das siebente Kavallerieregiment vernichtend schlagen würden, dass kaum jemand mit dem Leben davonkam.

Sie wussten alle vier, dass die Sioux nicht irgendwelche Indianer waren, sondern echte Kämpfer, zu denen sich die Cheyenne gesellt hatten. Die Sioux kämpften wie die Löwen, um ihren Lebensraum zu erhalten. Die Furcht wirkte sich bis Fort Laramie aus. Sie hielt manchen Abenteurer und Feigen zurück. Für viele aber war der Trail durch das Indianerland zur Adlerschlucht, wo Gold und damit Macht und Reichtum lagen, den Einsatz des Lebens wert. Immer wieder würden es Männer versuchen, den Bozemanweg entlangzureiten oder ihn zu befahren. Sie würden mit Frachtkolonnen kommen und mit Prärieschonern, auf Maultieren und Pferden. Viele sollten dabei untergehen, man sollte nie wieder etwas von ihnen hören. Diejenigen, die durchkamen, waren hartgebrannt.

Horty Lonestar schaute die drei Männer fest an. Plötzlich ruckte er hoch. Im gleichen Augenblick zuckten auch die anderen zusammen. Aus der Richtung, aus der sie gekommen waren, hallte eine Schussdetonation. Einen Augenblick sahen sich die Männer betroffen an, dann sagte Scott heiser:

»Die roten Gentlemen haben sicher unsere Fährte entdeckt. Vielleicht ist ein Späher darauf gestoßen und holt mit seinem Schuss seine Stammesgenossen herbei. Diese roten Burschen sind in diesem Lande zu Hause und so dreist, dass sie es nicht nötig haben, heimlich ihre Stammesgenossen zu informieren. Ich denke, dass wir jetzt etwas erleben können.«

»Dave, stelle dich doch auf den Hügelrand, damit die Indianer deine riesige Gestalt sehen können«, stieß Wells böse hervor. Die Angst, die Wells nach dem Kampf gegen Horty Lonestar gezeigt hatte, war auch jetzt aus seiner Stimme herauszuhören.

Scott spürte das am deutlichsten. Eigenartigerweise brauste er aber nicht auf, sondern legte dem Jungen seine rechte Pranke schwer auf die Schulter, klammerte sie so fest, dass Wells’ Schulter wie in einem Schraubstock saß.

»Du zitterst ja, Junge«, sagte er ruhig.

»Wenn sie uns finden, Dave, ist es aus«, keuchte er verstört, vergeblich versuchend, sich aus dem Griff des Hünen zu befreien.

Unter dem Druck der Pranke wagte Wells keine Bemerkung mehr zu machen, die ihm vielleicht geholfen hätte, seiner Angst Herr zu werden. Dave Scott schien mit grimmigem Vergnügen die Situation auszukosten. »Lonestar hat recht«, ergriff er wieder das Wort. »Aus dir sollte man einen strammen Soldaten der Union machen. Sicherlich würde dir diese Kur bekommen. Du lernst sonst nicht den Wert der Freiheit schätzen.«

Er wandte sich zu Shark: »Wir hätten ihn nicht mitnehmen sollen, Leward«, sagte er bissig. »Es wäre besser gewesen, ihn nicht an unserer Fracht-Wagengesellschaft zu beteiligen. Solange ich glaubte, dass in ihm ein guter Kern steckte und aus ihm ein echter Kämpfer werden könnte, hatte ich Hoffnung, aus ihm einen Mann machen zu können. Das scheint nun danebengeraten zu sein. – Wells, an Lonestars Stelle würde ich dich jetzt davonjagen.«

Bei diesen Worten ließ er den Jungen los und spuckte verächtlich zur Seite. Wells wirkte jetzt sehr schüchtern und kleinlaut. Seine Nasenflügel verrieten seine tiefe Bewegung.

»Ich denke, dass ich nun lange genug eure Waffen mit mir herumgeschleppt habe«, sagte Horty Lonestar, wobei er Wells scharf anblickte. »Ich werde nicht länger euer Waffenträger sein, nehmt sie zurück!«

»Einen Augenblick, Lonestar«, sagte der kleine Shark mit blitzenden Augen. »Denke daran, dass wir sie gegen dich richten könnten!«

»Ich lasse es darauf ankommen.«

»Ich warne dich! Auch der schnellste Mann kann überwunden werden. Du kennst unsere Abneigung gegen Fort Eagle!«

»Es ist die gleiche, die euch auch die Adler-Schlucht verleidet. Für euch gibt es nur zwei Entscheidungen, und die lege ich euch jetzt vor«, erwiderte Lonestar leichthin. »Es gibt nur zwei Möglichkeiten für euch: Fort Eagle, oder die Adler-Schlucht! Fort Laramie liegt viel zu weit entfernt und dürfte kaum zu erreichen sein. Zwischen hier und Fort Laramie aber gibt es kaum eine Möglichkeit, sich beritten zu machen. Der einzige Ausweg wäre, man versuchte es mit einem Indianerpony. Leider jedoch haben diese kleinen, drahtigen Indianerpferde gegen den weißen Mann etwas einzuwenden.«

»Lonestar, fast bin ich überzeugt, dass es für uns wirklich nur eine Lösung gibt: freiwillig zurück nach Fort Eagle!«

»Wo Frauen und Kinder sind, wo jeder Mann gebraucht wird … ja!«

»Himmel, ich habe sie nicht dorthin kommen lassen!«, erwiderte Shark. »Aber ich habe selbst eine Familie. Sie wartet irgendwo in Kansas auf meine Rückkehr. Ich muss an meine eigene Familie denken!«

»Du brauchst dir nur vorzustellen, dass jemand aus deiner Familie in Fort Eagle ist.«

»Höre auf damit, Lonestar, es reicht!«

 

 

3. Kapitel

 

Keiner sprach mehr. Das Schweigen lastete schwer auf ihnen. Noch während alle drei überlegten, warf ihnen Lonestar ihre Waffen zu.

»Du bist sicher, dass wir nicht ausbrechen werden?«, fragte Shark.

»Du kannst es jederzeit versuchen«, entgegnete Lonestar. »Wenn du darin dein Heil siehst, nun, ich werde dich und auch Wells nicht zurückhalten.«

Sharks Augen verengten sich. Er schien ungläubig, doch dann atmete er scharf aus.

»Ich begreife«, sagte er heiser, »wenn ich jetzt mit Wells aufbreche, werden wir beide nicht weit kommen. Heh, Dave, was ist mit dir?«

»Ich habe das von Anfang an geahnt«, entgegnete der Riese, sich dabei über sein stehborstiges, rotes Haar tastend. »Ich möchte meine Perücke noch einige Jahre auf meinem roten Schädel haben. Es kribbelt mir so eigenartig unter der Haut. Dir doch sicher auch, Drew?«

Drew Wells saß still und bleich im Grase. Er hatte die Beine angezogen und starrte auf seinen Colt nieder. Ganz vorsichtig hielt er die Waffe, als brenne sie ihm in der Hand.

»Jetzt hast du eine Chance, Junge!«

»Ich … ich verzichte darauf! Tut mir leid, dass ihr mich für einen Feigling ansehen müsst. Ich bringe es einfach nicht fertig. Ich habe Angst vor der Nacht, vor der Ungewissheit und dem Alleinsein. Ich weiß erst jetzt, dass ich immer Angst hatte und mir nur etwas vormachte. Seit dem Tage, an dem Vater niedergeschossen wurde, habe ich Angst. Weil das so ist, konnte man mich von der Ranch vertreiben, meine Weide nehmen. Aus Angst trieb ich mit Jim und John die Herde weg und verkaufte sie. Aus Angst entließ ich die alten Cowboys und wagte mich nicht mehr zurück. Ich habe euch angelogen, als ich euch sagte, dass ich hinter dem Mörder meines Vaters her sei. In Wirklichkeit habe ich mich viele Monate versteckt gehalten und stieß durch einen Zufall wieder auf die Spur des Mannes, der meinen Vater tötete. Die Spur führt zur Adlerschlucht. – Es war ein weiter Weg von Texas hierher.«

Als er schwieg, sahen ihn drei Männer lange und schweigend an, doch dann konnte sich Scott nicht mehr zurückhalten.

»Texassohn«, sagte er grimmig, »jetzt gefällst du mir bedeutend besser. Deine großsprecherischen Redensarten verzeihe ich dir. Wir werden wohl jetzt miteinander auskommen. Du hast lange gebraucht, um dein wahres Gesicht zu zeigen.«

Wieder verstummte er und wischte sich mit dem breiten Handrücken über die Stirn, als wollte er die Gedanken, die auf ihn eindrangen, verscheuchen. »Nun gut, Lonestar«, wandte er sich an den ehemaligen Gegner, »irgendwie kannst du in uns hineinschauen, oder du bist so gerissen, dass du genau weißt, was uns zu tun übrigbleibt. Du hast dich nicht in uns getäuscht. Wir werden bis zur letzten Patrone kämpfen. Jetzt hege ich auch keine Befürchtungen mehr, dass unser Baby die Augen schließt, wenn es auf einen Menschen anlegen muss. Drew wird kämpfen, weil es um unser Leben geht. Dann wird er herausfinden, dass er aus Texas ist.«

Diesmal verstummte er nicht aus eigenem Entschluss. Ein Laut wurde hörbar, der alle Männer gleichermaßen aufhorchen ließ.

Hölle, es war nicht das Trappeln von Pferdehufen, die rasch näher kamen! Es tönte kein schriller Kriegsschrei wild durch die Nacht. Aus dem Dunkel der Nacht schälte sich keine heidnisch aufgeputzte Kriegerhorde, deren wallender Federschmuck auf und ab wippte, sondern das Knarren und Rumpeln langsam ziehender Ochsengespanne war zu hören. Der Laut kam von weit her, aber alle Männer hörten ihn.

»Gott im Himmel, ich träume wohl«, flüsterte der kleine Shark heiser. »Da glaubt man nun, dass der Bozemanweg völlig gesperrt ist, und nun kommt da aus der Nacht wahrhaftig ein Ochsentreck angerollt, als ob es weit und breit keine indianischen Reiter gebe, die nur darauf lauern, Wagenzüge zu überfallen und auszurauben.«

»Leward, was die roten Gents nicht tun, wird der Kommandant von Fort Eagle durchführen. Für die Ochsen hat er gottlob so wenig Verwendung wie die Sioux, und so werden ihre Besitzer wenigstens nicht vollständig ausgeplündert und ihre Tiere behalten«, entgegnete ihm der Riese Scott.

»Dave, vielleicht ist der Gutschein, den uns der Kommandant in Fort Eagle für unsere Wagenladung, Fahrzeuge und Maultiere gab, besser mitzuführen. Ich habe ihn nicht fortgeworfen und auch nicht verbrannt.«

»By Jove, wozu nur! Hättest du ihn lieber in den Wind flattern lassen«, entgegnete Scott. »Schon einmal habe ich von der Armee einige Dollars bekommen sollen. Ich warte heute noch darauf! Man wies mich von einer Verwaltung an die andere. Ich lernte viele Büros kennen, aber mein Geld habe ich nicht bekommen. Man bekommt eher eine verlauste Decke von einem Agenturindianer, als dass die Armee Schulden bezahlt.«

Das Knarren und Rumpeln der Räder des Ochsenwagentrecks kam näher. Die Tritte schwerfällig gehender Ochsen wurden lauter, dazu wurde jetzt Pferdehufschlag hörbar. Gegen den nächtlichen Himmel hoben sich die Planwagen ab, die an den Flanken von vielen Reitern scharf bewacht wurden.

»Du lieber Himmel, die armen Narren!«, sagte der rothaarige Hüne.

Shark entgegnete: »Ich sehe schon vor mir, wie Captain McLean sich die Hände reibt und sehe bereits eine Kolonne prächtiger Soldaten und einen Frachtwagenboss, der auf einen Armeeschuldschein blickt und nicht einmal toben darf. Man fühlt sich doch bedeutend wohler, wenn man nicht allein übers Ohr gehauen wird.« Er lachte trocken in sich hinein.

In diesem Augenblick schoss der junge Wells. Der Klang der Detonation klang laut durch die Nacht und ließ die Spitze des Ochsenwagentrecks sogleich anhalten. Zu spät hatte sich Horty Lonestar in Bewegung gesetzt. Zu spät hatte er die Revolverhand des Jungen ergriffen, zu dem er jetzt hart sagte:

»Du hättest dich gedulden müssen!«

Wells schluckte schwer. Er stammelte: »Ich möchte nicht mehr in eine Uniform gesteckt werden, und ich dachte, dass …«

Horty ließ ihn nicht ausreden und ging zu seinem Pferde. Im nächsten Augenblick saß er im Sattel. Über den Muldenrand hinweg ritt er hangabwärts dem Ochsentreck entgegen.

Scott blickte den jungen Wells grimmig an. »Du Narr«, sagte er heiser, »wenn du noch immer nicht begriffen hast, dass dieser Lonestar nun unser Boss ist und er die Befehle gibt, tust du mir leid! Leward Shark hat das genau begriffen! Was, zum Teufel, ist nur los, heh?«

Wells’ Augen flackerten. »Ich verstehe nicht«, stieß er hervor, »Lonestar soll unser Boss sein?«

»Wir könnten uns keinen besseren wünschen. Solange ich auf dem Trail bin, ist mir noch nie ein Mann wie er begegnet. Er hat Dynamit im Blut und schießt eine verteufelt glatte und schnelle Kugel. Aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass er nicht zu jenen Revolverschwingern gehört, die ihre Macht, die ihnen durch ihre tödlichen Eisen gegeben ist, missbrauchen. In diesem Lande lernt man einen Menschen schnell kennen. Er hat sich unser angenommen, und dafür sollten wir ihm dankbar sein. Und was machst du nun, Wells?«

Seine Augen funkelten den Jungen hart an. Auch Shark schaute verbittert zu Wells hin. Wells ließ die Schultern hängen und schwieg.

»Vielleicht sollte ich dir etwas mehr Verstand einbläuen«, sagte Scott, und dann blickten alle drei zu Lonestar hin, der den Reitern des Trecks langsam entgegenritt, die sich vom Treck lösten und auf ihn zukamen.

»Man weiß nie, welche Weggenossen auf dem Bozemanweg unterwegs sind«, sagte Shark ruhig. »Ich möchte nicht zu den drei Reitern gehören, deren Fährte Lonestar gefolgt ist. Es ist wohl ein Glück, dass wir drei es nicht waren, denn sonst …«

»… würden wir das Gras von unten wachsen hören«, nahm ihm der Riese das Wort ab. »Kommt, Gents, leisten wir dem Boss ein wenig Gesellschaff.«

Er winkte den beiden zu. Alle drei verließen die Mulde. Shark warf sich seine Stiefel über die Schulter und ging barfuß weiter. Auf Scotts Wink hin vergrößerten sie den Abstand zueinander, sodass sie in Schützenkette gingen.

Keiner von ihnen dachte mehr an Flucht. Scott hatte deutlich zum Ausdruck gebracht, was auch Shark empfunden hatte. Nun bekannte sich auch Wells zur Gefolgschaft Horty Lonestars. Horty hatte bereits vor ihnen seinen rostroten Wallach angehalten. Er erwartete die Reiter des Trecks.

Es waren fünf Reiter, die im Trab herangeritten kamen und in Abstand von zehn Schritten vor dem roten Wallach ihre Pferde so heftig parierten, dass die Tiere unruhig hin und her drängten. Bleiches Mondlicht erhellte die Szenerie.

»Wen haben wir denn da?«, fragte einer der Reiter rau. Er drängte seinen Falben vor und zeigte somit an, dass er der Sprecher der Gruppe war. Im ungewissen Mondlicht erkannte man in ihm einen breitschultrigen Mann, in dessen Gesicht die Wangenknochen weit vorstanden. Sein strähniges Haar quoll unter der Stetsonkrempe hervor und hing ihm fast bis auf die Schultern.

Hinter ihm hockten vier grimmig aussehende Männer auf den Pferden, denen man es ansah, dass sie jede Störung hassten. Alle fünf machten keinen guten Eindruck. Harte Gesellen waren es, Männer, die der Bozemanweg gezeichnet hatte. Einer von ihnen sagte böse:

»Stranger, wir haben schon genug Aufenthalt mit einer Kampfgruppe der Sioux gehabt. Wenn du uns etwas zu sagen hast, so sage es schnell. Wir wollen weiter! Die Nacht ist günstig zum Weitertrailen, denn in der Nacht greifen die Sioux nicht an. Am Tage kommen wir kaum noch vorwärts. Wir müssen immer wieder die Wagen zu einer Wagenburg zusammenfahren und uns der Angriffe der Sioux erwehren. – Was ist also los?«

In diesem Augenblick sahen die Reiter des Trecks, die drei Partner Hortys zu Fuß den Hang herunterkommen. Der Mann auf dem Falben lachte vor sich hin und pfiff dann durch die Zähne.

»Ich beginne zu begreifen«, sagte er. »Ihr seid vier abgerissene Satteltramps aus der Adlerschlucht! Immer wieder trifft man sie, die Ausgestoßenen, die davonlaufen und dann umkommen. Auf dem Bozemanweg machen die Sioux mit ihnen kurzen Prozess. – Was wollt ihr?«

»Pferde und Proviant!«, entgegnete Lonestar. Er versuchte nicht, Scott, Shark und Wells bei dieser günstigen Gelegenheit loszuwerden. Er hatte bereits erkannt, dass er auf einen Treckführer von brutaler Gewalt gestoßen war. Ein Ekel stieg in ihm auf. Nur ein rücksichtsloser Egoist konnte so höhnisch von weißen Männern sprechen. Horty sah in ihm einen Mann, der sich über alles hinwegsetzte und vergaß, dass jeder Weiße dem anderen auf dem Bozemanweg helfen sollte.

Satteltramps – das war ein Wort, das Lonestar kaum schlucken konnte. Die fünf Männer sahen, wie sich seine Hände bewegten, und dann blickten sie in die dunklen Mündungen seiner hochgerissenen 45er Colts hinein.

Das war in einer solchen Schnelligkeit geschehen, dass sie zu spät die eigenen Waffen in Anschlag bringen konnten. Der vernarbte Kerl auf dem Falben pfiff abermals durch die Zähne, nur dass er diesmal zu lachen vergaß. Keiner versuchte zu ziehen. Die Schnelligkeit, mit der Horty seine Eisen in Bewegung gesetzt hatte, verblüffte sie.

»Also doch Wegelagerer!«, sagte einer der Männer böse.

»Es wäre gut, wenn ihr keine weiteren Beleidigungen ausstoßen würdet, Gents«, erwiderte Horty grimmig.

»Vielleicht bist du gar nicht so schnell wie du gern erscheinen möchtest«, sagte der Treckführer. »Deine Vorstellung kannst du dir ersparen. Beim ersten Schuss sind eine Menge Reiter hinter dir und deinen Weggenossen her.«

»Ihr scheint die Sachlage zu verkennen. Ich will weder eine Vorstellung noch Schüsse abfeuern. Ich will Pferde für meine Partner. Bei jedem Treck sind Pferde übrig. Wir werden sie bezahlen.«

»Das ist Musik für meine Ohren! Also gut, Mister …?«

»Lonestar«, antwortete Horty.

»Lonestar?«, sagte einer der Reiter fast erschrocken. Er beugte sich weit über sein Sattelhorn, um Horty schärfer ins Auge fassen zu können. Dann sagte er zu dem Treckführer gewandt: »Ich hatte gleich eine Ahnung, Boss. Wir können froh sein, dass Lonestar nicht seine Kugeln verstreute. Er ist es, Horty Lonestar, den die Apachen Weißer Falke nennen. Aber er ist auch unter dem Kriegsnamen …«

»Behalte ihn für dich!«, schnitt ihm Horty das Wort ab. Der scharfe Einwurf ließ den Mann verstummen. Jetzt spürte man deutlich, dass sich die Situation entspannte. Der Kriegsname der Apachen genügte. Jeder der Männer schien irgendwann davon gehört zu haben, und das zeigte deutlich, wie schnell Nachrichten jeder Art durch den Kontinent getragen wurden.

»Nun gut, kommt nur! Über die Pferde sprechen wir morgen«, sagte der Anführer ungeduldig. »Deine Partner, Lonestar, können in einem Planwagen fahren. Morgen sehen wir uns die Pferde an. Tut mir leid, dass ich rau wurde. Am Bozemanweg treibt sich viel übles Gesindel herum, da kann man nicht vorsichtig genug sein. Nicht nur die roten Gents machen einem das Leben zur Hölle.«

»Schon gut, Mister …?«

»Drummond heiße ich, Lonestar«, erwiderte der Treckwagenboss. »Joe Drummond!« Bei diesen Worten grinste er seltsam. Er nahm dabei sein Pferd herum, und so hörte nur Horty Wells überraschenden Ausruf.

Horty, der gerade seine 45er Colts in die Holster gleiten ließ, drehte sich im Sattel um und sah Wells nur wenige Schritte hinter sich im Grase stehen. Wells’ Gesicht wirkte ungewöhnlich bleich.

»Der Junge wird noch durch viele Feuer gehen müssen, bis er hart genug gebrannt ist«, durchfuhr es Horty. Dann winkte er seinen drei Partnern, ihm zu folgen.

Ohne sich noch einmal umzusehen, ritt Horty hinter den fünf Reitern her. Er sah deutlich, wie der Mann, der seinen Apachenkriegsnamen gewusst hatte, leise mit dem Wagenboss sprach. Danach hielt der Wagenboss sein Pferd zurück und lenkte es neben Hortys rostroten Wallach.

»Ich konnte wirklich nicht wissen, wer du bist«, sagte Drummond, als wollte er sich nochmals nachdrücklich entschuldigen. »Man kann wirklich nicht vorsichtig genug sein. Beim letzten Wagentreck auf dem Bozemanweg vor einem Vierteljahr haben wir uns schwer gegen eine Bande zur Wehr setzen müssen, die uns den Weg zur Adlerschlucht blockieren wollte. Es wird immer schwerer für uns, unsere Waren bis zur Schlucht zu bringen. Eine Horde gesetzloser Teufel hat sich dort zu einem Trust zusammengeschlossen und tyrannisiert die Digger. Die Zustände in den Goldgräbercamps werden von Tag zu Tag höllischer. Die Lebensmittel werden immer knapper, und die roten Gents immer dreister.«

»Drummond, du willst also zur Adlerschlucht trailen?«

»Sicher, doch vorher kampieren wir in Fort Eagle.«

»Das solltest du lassen, Drummond!«

Drummond nickte. Wieder lächelte er eigenartig vor sich hin. »Ich weiß«, erwiderte er ruhig. »Es hat sich bereits bis Fort Laramie herumgesprochen, dass Captain McLean eine Vorliebe dafür hat, für das Fort Waren zu beschlagnahmen und Frachtwagenfahrer zu Soldaten zu machen.«

»Du befürchtest nichts?«

»Nein, Lonestar. Ich habe nichts für mich und meinen Treck zu befürchten. Du wirst schon bald herausfinden, warum.«

Drummond ließ Horty Zeit zum Nachdenken.

»Wenn das so ist, Drummond, bist du wohl der einzige Frachtwagenboss, der noch ungestört seine Geschäfte tätigen kann.«

»Sicher, ich weiß genau, was du denkst, Lonestar. Ich gehöre aber weder dem Trust in der Adler-Schlucht an noch habe ich irgendwelche Papiere von der Armee, noch kann mich Captain McLean besonders gut ausstehen. Ich habe nur raue Männer als Fahrer und Begleiter. Sie werden gut bezahlt, und sie alle schießen gut. Die Sioux haben das erfahren und einige üble Kerle ebenfalls. Captain McLean respektiert das. Er weiß, dass er uns ungeschoren lassen muss, denn sollte er es mit uns versuchen, wird niemand mehr von Fort Laramie aus Frachten fahren. Das würde für Fort Eagle und für die Adlerschlucht eine Menge bedeuten.«

»Drummond, du vergisst die Armee!«

»Nein«, lachte Drummond, »ich vergesse sie nicht! Ich weiß nur, dass sie im Moment davon Abstand genommen hat, am Bozemanweg weitere Forts zu errichten. Ich weiß auch, dass die Armee der Union im Augenblick sehr hilflos ist. Auch das bedeutet eine Menge. Wenn ich meiner Sache nicht ganz sicher wäre, würde ich sonst der Letzte sein, der noch Frachten zur Adlerschlucht fahren würde?«

 

 

4. Kapitel

 

J. DRUMMOND UND D. STEVELAND FRACHTFAHRTEN

 

Auf jedem Wagen und auf den Planen war das Firmenschild zu lesen. Die Fuhrleute, die Horty Lonestar zu Gesicht bekam, waren wie die Reiter schwer bewaffnet. Der Eindruck ließ sich nicht leugnen, dass er es hier mit einer schlagkräftigen, kampferprobten Mannschaft zu tun hatte.

In einige Wagenplanen waren von Brandpfeilen Löcher gebrannt worden. Die Männer hinter den Gespannen waren so verstaubt wie die Wagenplanen und Zugochsen. Auf einem der Wagen war außer der Küche eine Schmiede untergebracht. An jedem Wagen hingen die Wasserfässer an den Planken. Der weite Weg hatte Tiere und Menschen gleichermaßen gezeichnet. Dieser Treck hatte reißende River und weite Ebenen, er hatte wilde Hügel und unwegsames Gebiet hinter sich gebracht. Überall an den Wagen waren die Spuren von Kämpfen zu sehen.

Drummond hatte nicht zu viel gesagt. Seine Mannschaft bestand aus Männern, die mit ihm quer durch die Hölle trailen würden. Scott, Wells und Shark durften gleich auf dem ersten Wagen aufsitzen. Sie nahmen hinter dem Fahrer im Planwagen, auf den dort befindlichen Kisten und Säcken Platz. Shark streckte seine Beine weit von sich und sagte zu dem auf seinem Pferd sitzenden, am Wagen haltenden Horty:

»Boss, lieber schlecht gefahren, als zu Fuß durch die Gegend marschiert. Hier halte ich es aus, bis zum Nordpol. Von mir aus kann die Reise losgehen.«

»Es geht nach Fort Eagle«, erwiderte Lonestar, wobei er alle drei scharf beobachtete. Doch keinen schien das sonderlich zu erschrecken, nicht einmal Wells, und das war sonderbar genug.

»Vielleicht können wir uns alle drei verstecken und Captain McLean bekommt uns nicht einmal zu sehen«, sagte der rothaarige Riese. »Vielleicht werden in diesem Treck noch Männer gebraucht, die Hand anlegen und schwer arbeiten können.«

»Sicher«, mischte sich der Fahrer in das Gespräch ein, »ihr werdet für das Essen und Fahren noch arbeiten müssen. Drummond verschenkt nichts. Dazu werdet ihr eure Waffen noch manches Mal abzufeuern haben. Über fünfzig heidnische Hundesöhne sind hinter uns her. Morgen beim ersten Dämmerlicht werden sie wieder zur Stelle sein. Seit drei Tagen klingt uns ihr Kriegsgeschrei grell in den Ohren. Das kann bald einen Toten aufwecken! Aber das werdet ihr morgen schon selbst erleben.«

»Scott, das ist etwas für dich«, sagte Shark. »Auf diese Art wirst du wenigstens wach werden.«

Mehr hörte Horty nicht. Er zog sein Pferd herum und ritt auf den nächsten Wagen zu. Drummond gab in diesem Augenblick das Zeichen zum Weiterfahren. Sofort setzten sich die Zugochsen des ersten Wagens in Bewegung. Die lange Reihe der Wagen rollte schwerfällig vorwärts. Die schweren Zugochsen mit dem breiten Gehörn legten sich ins Geschirr. Hinter den Wagen waren ledige Pferde angebunden, von denen einige gesattelt waren. Ihre Besitzer hatten die lange Reise ins Jenseits angetreten.

Auf jedem Treck gab es Menschenverluste. Ihre Gräber lagen am Bozemanweg. Eintönig rumpelten die Räder über das unebene Gelände. Zwanzig schwere Frachtwagen, begleitet von vielen schwer bewaffneten Reitern, bildeten, zusammen mit den Fahrern, eine Streitmacht von ungeheurer Schlagkraft.

Voraus- und Abschlussreiter beschützten den Treck, der nur langsam vorwärts kroch. Horty Lonestar war nun in diesen Treck eingegliedert, und niemand kümmerte sich um ihn. Er ritt an der rechten Flanke mit. Über ihnen stand der Mond, der sein Silberlicht über die bizarre Landschaft ausbreitete.

Lonestar hatte die Anrede »Boss« von Shark angenommen wie etwas Selbstverständliches. Er wusste, dass er nun für diese drei Männer verantwortlich war und dass sie sich wie Kletten an ihn hängen würden. Das war eine Belastung mehr, auf seinem Trail. Vom Sattel her schaute er zu den Wagen hin. Auf jeder Wagenplane war bestätigt, dass Drummond noch einen Teilhaber hatte, der sich D. Steveland nannte.

Seine Lippen pressten sich fester zusammen, als wäre ihm etwas Bitteres auf die Zunge gekommen. Er ritt dichter an den Wagen heran. Der dritte Wagen war es, der seine Aufmerksamkeit erregte. Aus diesem Wagen heraus hörte er die dunkel schwingende Stimme einer Frau zum Fahrer sagen:

»Jim, wann sind wir in Fort Eagle? Warum wurde angehalten? Was ist eigentlich los?«

»Sie haben geträumt, Madam McLean«, hörte Horty die Stimme des Fahrers. »Legen Sie sich wieder nieder und schlafen Sie weiter, Madam. Morgen gegen Mittag dürften wir Fort Eagle erreicht haben.«

»Dann werde ich meinem Bruder sagen, dass vor dem Winter kein Frachtzug mehr kommt und jede Lebensmittelversorgung bis zum Frühjahr abgeschnitten ist. Ich werde ihn bitten, alles zu tun, um die Menschen in Fort Eagle zu retten.«

»Madam, Ihr Bruder ist der Kommandant des Forts. Er wird seine Befehle haben und nicht auf Sie hören. Sie hätten in Fort Laramie bleiben sollen!«

»Nein, ich muss zu ihm. Ich muss herausbringen, ob der Kurier aus dem Armeehauptquartier ihn erreicht hat. Ich muss wissen, ob an den Gerüchten etwas Wahres ist, dass …

»Madam!«, klang die Stimme des Fahrers drohend, »mischen Sie sich nicht in Dinge ein, von denen Sie nichts verstehen.«

»Aber man sagt es doch in Laramie ganz offen, dass mein Bruder mit gewissenlosen Männern in der Adlerschlucht Geschäfte tätigt! Ich weiß aus bestimmter Quelle, dass ein Kurier seine Abberufung gebracht haben soll. Mein Bruder kam nicht. Ich kann das nicht begreifen.«

»Madam, auf dem Bozemanweg ist auch ein Kurier nicht sicher«, antwortete der Fahrer. »Sie hätten warten sollen. Sie hätten auf Drummonds Rat hören sollen. Nein, Sie ließen sich lieber auf ein Abenteuer ein. Sie haben selbst erlebt, wie die Sioux kämpfen. Drei Männer wurden getötet, zwei liegen schwer verletzt im letzten Wagen. Morgen in der Dämmerung wird Amerikanisches Pferd seine Horde wieder heranführen. Vielleicht haben die roten Teufel inzwischen Verstärkung bekommen.«

»Hören Sie auf!«, unterbrach ihn die Frauenstimme.

»Madam, vor der Wahrheit sollte man die Augen nicht verschließen. Sicherlich sind alle Gerüchte um Ihren Bruder nur von Menschen in Umlauf gebracht worden, die sich rächen wollen. Jeder am Bozemanweg weiß, wie straff Captain McLean die Zügel im Fort hält. Er wird sich freuen, wenn er erfährt, wie tapfer Sie diesen Treck durchstanden und den Verwundeten geholfen haben. Sicherlich wird er sehr stolz auf Sie sein, Madam!«

»Sie haben recht, man soll der Wahrheit ins Auge sehen«, erwiderte sie herb. »Mein Bruder ist der Boss der Männer des Trustes, die die Adlerschlucht zur Hölle machen. Mein Bruder beschlagnahmt Frachtwagen und Waren, aber nicht für das Fort. Er setzt die beschlagnahmten Dinge zur rechten Zeit für hohe Preise in der Adlerschlucht ab. Sie gehören ebenfalls zum Trust, Jim Pannemaker! Sie verdienen mit! Eine Horde rauer Männer macht ein einmaliges Geschäft und wird steinreich dabei, und mein Bruder …«

Horty hörte das bittere Schluchzen der Frau. Nach einer Weile fuhr sie fort:

»Ich verlor die Nerven. Fred war immer schon eine schwierige Natur. Er hat nie auf meine Mutter und mich gehört. Wir waren von ihm so beeindruckt, als man ihn zum Fortkommandanten von Fort Eagle machte und glaubten, dass er sich bewähren würde und dass wir richtig stolz auf ihn sein könnten.«

Ihre Stimme wurde so leise, dass Lonestar nichts mehr verstehen konnte. Er ritt dichter an den Wagen heran, sodass der Hufschlag seines Pferdes vom Rädergerassel übertönt wurde. Er hielt sein Pferd so, dass es auch vom Fahrer nicht gesehen werden konnte. Nach einiger Zeit angestrengten Lauschens konnte er wieder der Unterhaltung folgen.

»Es wäre besser, wenn Sie mir nun sagen würden, wer zum Treck stieß«, hörte er die Stimme der Frau. »Kam Steveland zurück?«

»Nein, Madam! Mister Steveland wird sicherlich noch mit Bennett und Satter rechtzeitig eintreffen. Wir haben ihn schon gestern erwartet. Aber das hat nicht viel zu besagen. Auf dem Bozemanweg sind allerlei Überraschungen möglich. Steveland, Bennett und Satter werden sich schon zu helfen wissen.«

»Warum verschwanden die drei, gleich nachdem der Wagenzug sich in Fort Laramie in Bewegung gesetzt hatte?«

»Madam, das weiß ich nicht. Sie können es sich jedoch selbst ausrechnen. Steveland übernahm die Sicherung des Trecks und betätigte sich als Kundschafter.«

»Das scheint mir eine seltsame Art von Kundschaften zu sein«, entgegnete die Stimme der Frau. »Ich habe mir die Tätigkeit von Scouts ganz anders vorgestellt. Wollen Sie mir verheimlichen, dass Steveland mit Bennett und Satter zurückkam?«

»Fremde stießen zu uns, Madam«, erwiderte der Fahrer Jim Pannemaker. »Drummond scheuchte sie sonderbarerweise nicht fort, sondern nahm sie auf. Nun, das ist seine Sache. Vielleicht rechnet er damit, dass die Sioux Verstärkung bekommen haben und morgen mit einer größeren Horde angreifen. Sie haben wirklich nichts versäumt, Madam.

Vier Kerle stießen zu uns. Ein ziemlich kleiner Kerl war dabei und noch ein junger Bursche. Der dritte ist ein Riese von Gestalt, und der vierte, ein hagerer Bursche, spielt anscheinend den Boss des Trupps. Die drei erstgenannten Kerle hatten nicht einmal ein Pferd. Wenn sie den morgigen Tag überleben, wird Ihr Bruder sie zu Soldaten machen, und wir sind sie los, Madam.«

Pannemakers Lachen klang abgehackt und heiser. Horty wich mit seinem Pferd vorsichtig zurück. Er hatte genug gehört und verzichtete darauf, durch einen Zufall entdeckt zu werden.

Morgen, wenn es heller wurde, wollte er sich die Frau mit der angenehmen Stimme näher ansehen. Sie schien Mut und einen starken Willen zu besitzen.

Was mochte in dieser Frau vorgehen, die sich auf den Weg gemacht hatte, um eine ungeheure Aufgabe zu bewältigen, nämlich, ihren Bruder Captain McLean auf den rechten Weg zu bringen?

Die Bitternis in Horty Lonestar wuchs. Er dachte an all die Menschen, die in Fort Eagle Zuflucht gesucht hatten. Er dachte an die Frauen und Kinder, die darauf vertrauten, dass die im Fort stationierte Einheit sie beschützen würde und dass der Kommandant alles tun würde, um jeder Not zu begegnen.

Doch Captain McLean handelte anders. Er nutzte seine Stellung und sein Amt rücksichtslos aus. Es kümmerte ihn nicht, welche Folgen seine Handlungsweise haben würde. Er sah nicht, dass Not und Tod über das Fort kommen würden. Er schob die beschlagnahmten Lebensmittel zur Adlerschlucht ab, und dort brachten sie ihm Gold, viel Gold ein! Es gab keinen Zweifel mehr, dass Drummond und Steveland mit zum Trust gehörten.

Für Horty lag nun die Zukunft offen vor Augen. Das Grauen vor dem Kommenden ließ sein Herz schneller schlagen. Wieder einmal hatte das Gold, die Gier danach, die Menschen völlig aus der Bahn geworfen. Die Sucht nach Reichtum, die schon zu allen Zeiten Menschen zu Bestien gemacht hat, schien auch hier wieder Triumphe zu feiern.

So war es kein Wunder, dass auch dieser Treck besonders stark bewaffnet war und von Männern begleitet wurde, die zu kämpfen verstanden. Der Trust konnte sich eine schlagkräftige Mannschaft leisten. Das Gold aus der Adlerschlucht floss zu einem nicht unerheblichen Teil in die Taschen dieser Männer hinein. Sie wurden gut bezahlt. Sie verdienten gewiss mehr als hart schuftende Digger in der Adlerschlucht.

In seine Gedanken versunken ritt Horty Lonestar und schreckte auf, als er leise seinen Namen rufen hörte. Horty war bis zum ersten Wagen vorgerückt und erkannte den jungen Wells, der die hintere Planwand gelöst hatte und ihm zuwinkte. Lonestar ritt nahe heran und hörte Wells heiser sagen:

»Boss, ich war ein Narr! Ich hätte nicht schießen sollen!« Wells’ Gesicht zuckte. Man sah deutlich, wie erregt er war. Immer wieder blickte er ins Wageninnere zurück, als fürchte er von dort eine Überraschung. Seine Stimme klang gehetzt; als er fortfuhr: »Wir sind in einer Klemme, Boss. Dieser Drummond denkt nicht daran, uns Pferde zu verkaufen. Als ich ihn sah, erkannte ich ihn gleich.

Damals in Texas hatte er nur einen anderen Namen.«

»Wells, was soll das?«

»Boss, Drummond ist der Mörder meines Vaters«, sagte Wells von tiefer Erregung geschüttelt. »Als ich nahe genug bei ihm war, erkannte ich ihn.«

»Bist du ganz sicher, Wells?«

»Es war hell genug. Das Gesicht des Mörders hat immer vor meinen Augen gestanden. Ich irre mich nicht! Er ist es!«

»Wenn es hell wird, kann es schlimm für uns werden.«

Wells verstand die Andeutung sofort.

»Drummond hat mich damals nicht gesehen. Ich lag unter dem Heu, als das Entsetzliche geschah und Drummond auf meinen Vater schoss.«

»Wissen Shark und Scott es auch?«

»Ich habe es ihnen bereits gesagt. Sie wollten, dass ich dich informiere.«

»Reiße dich zusammen, Wells. Es kommt jetzt darauf an, dass wir Zeit gewinnen. Wenn du jetzt versagst, fahren wir alle schnell zur Hölle.«

»Ich werde mich zusammennehmen, Boss. Ich werde mich nicht verraten. Ich will alles tun …«

»Nun gut, Wells! Wir sitzen tatsächlich in einer Klemme. Ich habe ein Gespräch belauscht und weiß jetzt, dass man uns in Fort Eagle Captain McLean übergeben will. Solange man nichts Böseres im Schilde führt, sollten wir noch dankbar sein.«

»Boss, ich will dem Herrgott danken, wenn wir in Fort Eagle sind und ich in eine Uniform steigen kann. Ich habe mir die Männer von diesem Treck genau angesehen.«

»Und sie erschienen dir wie reitende Teufel, nicht wahr?«, unterbrach ihn Horty. »Deine alte Angst ist wieder in dir, mächtiger als jemals zuvor. Du möchtest vom Wagen springen und in die Nacht davonrennen, wenn nicht die Sioux wie Schatten diesem Treck durch die Nacht folgten. Du möchtest dich irgendwo verkriechen, nur um Drummond nicht in die Augen blicken zu müssen. Du hast Angst, dass Drummond oder wie der Schuft noch heißen mag, eine Ähnlichkeit mit deinem Vater entdecken könnte und dir Fragen vorlegt, die du nicht beantworten könntest, ohne dich zu verraten. Wells, die Angst steht dir auf der Stirn geschrieben. Du musst versuchen, dich davon zu befreien.«

»Ja, ich habe Angst«, gab Wells offen zu.

»Eine Angst also, die dich dazu verleiten möchte, aus dem Hinterhalt auf Drummond zu schießen.«

Wells’ Augen weiteten sich. »So ist es, genau so!«, erwiderte er gepresst. »Aber nicht einmal das kann ich, genauso wenig, wie ich es damals konnte, als ich unter dem Heu lag und den Finger am Abzug hielt. Die Angst und das Entsetzen lähmten mich fast!«

»Stemme dich dagegen, Wells, dann wirst du sie überwinden«, sagte Lonestar, »oder du wirst sie immer, dein ganzes Leben lang, mit dir herumschleppen. Du wirst dich dann selbst immer verachten müssen!«

Lonestar wartete die Antwort nicht ab und lenkte sein Pferd zur Seite. Das war gerade früh genug, denn von der Vorausmannschaft her kam Drummond zurückgeritten. Sicherlich war es ihm nicht entgangen, dass die Plane zurückfiel und der Schatten eines Mannes ins Wageninnere verschwand. Er lenkte sein Pferd dicht neben den rostroten Wallach.

»Die Sioux reiten rechts und links hinter den Hügeln«, sagte er zu Lonestar. »Sie halten sich außer Schussweite. Wenn du echte Prärieindianer sehen willst, komm mit mir!«

»Ich schaue sie mir in der Morgendämmerung an, Drummond«, entgegnete Horty ruhig.

Drummond nickte. »Ganz wie du willst. Morgen wirst du den Unterschied zwischen den Sioux und den Apachen kennenlernen!«

»Ich sehne mich nicht so sehr danach, Drummond«, entgegnete Horty Lonestar.

Drummond lachte leise in sich hinein. »Es sind über hundert Sioux. Sie haben tatsächlich Verstärkung bekommen, und man kann damit rechnen, dass in Fortnähe noch stärkere Kampfgruppen hinzukommen. Uns braucht das wenig zu stören«, sagte er großspurig, wobei er Horty einen scharfen Blick zuwarf. Ohne eine Antwort abzuwarten warf er sein Pferd herum und ritt im Galopp zum Voraustrupp.

Lonestars Hände legten sich fest um das Sattelhorn. Weiß schimmerten die Fingerknöchel unter seiner Haut. Der Blick, den er dem Davonreitenden nachsandte, war recht düster.

 

 

5. Kapitel

 

Noch bevor der Morgen graute, wurde die Wagenburg auf einem Hügel aufgefahren, die Ochsen aus dem Geschirr genommen und zusammen mit den Pferden ins Innere der Wagenburg geschafft.

Horty erkannte gleich, wie eingespielt die Mannschaft war und wie hartmäulig sich alle gaben. Zwei Männer trugen aus dem letzten Wagen einen in eine Decke gehüllten Toten heran. Einer der beiden Schwerverletzten war in der letzten Nacht gestorben. Nun begrub man ihn noch innerhalb der Schussweite der Wagenburg.

Recht lässig bewegten sich die Männer zwischen den Wagen und machten sich zur Verteidigung bereit. Kisten und Säcke wurden unter die Wagenkästen geschafft. Während sich langsam die Ruhe über die einsam und verlassen im Indianerland dastehende Wagenburg ausbreitete, machten es sich die Männer unter den Wagen bequem. Der Koch war dabei, den Kaffee zu bereiten. Einige der Männer nutzten die Zeit, um sich zu entspannen, andere rauchten nervös und beobachteten scharf die Umgebung.

»Wenn die roten Hundesöhne kommen, werden wir ihnen einen warmen Empfang bereiten«, hörte Horty die tiefe Bassstimme eines Mannes, der recht düster zu der Stelle schaute, wo der frische Grabhügel sich wölbte. »Sie haben meinen Bruder John umgebracht. Wir waren immer zusammen, John und ich. Er war mein Zwillingsbruder. Jetzt ist er tot, und mir fehlt etwas. Die roten Schufte werden dafür bezahlen müssen. Solange ich lebe, werde ich daran denken müssen, dass John von drei Kriegspfeilen getroffen neben mir niedersank.« Die Stimme des Mannes verebbte.

Jemand sagte: »Andy, vielleicht kommen wir noch alle um, und Captain McLean wird der einzige Mann sein, der sein Gold in Sicherheit bringen kann. Ich bin sicher, dass er alle Klippen nehmen wird und aus dem Dreck herauskommt.«

»Das stört mich nicht, John ist tot …«

»Niemand macht ihn dir lebendig, Andy. Vielleicht sind wir beiden schon heute dran. Wer auf dem Bozemanweg trailt, muss immer damit rechnen. Mir wäre wohler, wenn wir das Mädchen nicht bei uns hätten. Falls sie den Sioux lebend in die Hände fällt, dann …«

Er sprach nicht aus, was er dachte, doch sicherlich unterschieden sich die Sioux in der Behandlung von gefangenen weißen Frauen von den Apachen, sagte sich Lonestar, der sein Pferd im Wagenburginnern an den Wagen angebunden hatte, unter dem er zusammen mit Wells, Shark und Scott zur Verteidigung lag.

Man hatte Lonestars Partner Winchester gegeben und sie mit Tabak und Proviant versorgt. Scott hockte an einen Sack gelehnt und rauchte eine selbstgedrehte Zigarette. Der riesige Mann hielt die Augen geschlossen, als sinne er über etwas nach. Seine Gedanken waren wohl fern, irgendwo in der Vergangenheit. Der kleine Shark indessen bewegte sich unruhig. Seine Nervosität rührte jedoch nicht von der Furcht vor einem Indianerüberfall her. Die Sorge um das, was die Zukunft bringen würde, beschäftigte ihn sehr.

»Boss, ich habe meine Augen offen gehalten und scharf beobachtet. Ich werde das Gefühl nicht los, dass man uns als Gefangene betrachtet. Im Augenblick braucht man uns, aber das kann sich schon bald ändern.« Er brach ab. Seine Lippen pressten sich fest aufeinander. Wells sah ihn mit weit geöffneten Augen an und atmete schwer. Er sah jetzt um viele Jahre gealtert aus. Fahrig strich er sich immer wieder durch das Gesicht.

»Boss, immer sind einige Kerle wie zufällig in unsrer Nähe«, sagte Wells gepresst. »Mich beschattet man besonders stark. Man ist sehr misstrauisch, und man tut alles, damit du nicht mit dem Mädel zusammentriffst. Ich habe beobachtet, wie ein Kerl sie daran hinderte, aus dem Wagen zu klettern. Ich hatte das Gefühl, dass sie mit dir sprechen wollte und dass man es ihr nicht gestattete.«

»Es kann sein, dass man sie vor den Augen der Siouxspäher verbergen will«, sagte Shark nachdenklich. »Wells, nimm dich zusammen, du zitterst ja!«

In der Tat, der junge Wells fror, obwohl es keineswegs kalt war und ein warmer Wind wehte. Sein Blick wurde starr. Als die anderen seiner Blickrichtung folgten, sahen sie Drummond herankommen.

»Einen Augenblick, Drummond«, hielt Horty diesen auf, der an ihrem Wagen vorbeigehen wollte und sich auf einem Inspektionsrundgang befand. Drummond hielt an und hockte sich nieder.

»Nun?«, fragte er.

»Wir haben eine Frau im Treck?«

»Gewiss, Lady McLean! Ich sagte dir bereits, dass ich gewisse Trümpfe im Spiel gegen McLean, den Fortkommandanten, habe. Jetzt begreift ihr sicher, weshalb der Captain diesen Wagenzug weder anhalten noch beschlagnahmen wird. Es war kein Vergnügen, die Lady auf den Trail mitzunehmen. Sie war jedoch fest entschlossen und wollte zu ihrem Bruder. Wenn ich sie nicht mitgenommen hätte, würde sie mit dem nächsten Treck gefahren sein. Das Risiko wäre dann noch größer für sie gewesen. Unter dem Schutz meiner Mannschaft wird sie heil ins Fort kommen.«

Er lächelte selbstzufrieden. Sein Blick, der von einem Mann zum anderen schweifte, blieb auf Wells haften.

In Drummonds Gesicht zuckte es. Er beugte sich weiter vor. »Kennen wir uns nicht?«, fragte er Wells.

»Nein, ganz bestimmt nicht!«, war Wells’ Entgegnung.

»Ich habe ein gutes Personengedächtnis«, sagte Drummond. »Vielleicht irre ich mich. Mir scheint es aber, als ob wir uns irgendwo schon einmal gesehen hätten. Es wird mir bestimmt noch einfallen. – Wie war doch dein Name?«

»Green«, erwiderte Wells eine Idee zu schnell. »Drewart, Ambrosius Green.«

»Wenn wir schon einmal dabei sind, uns vorzustellen, Drummond«, meldete sich Shark, »will ich keine Ausnahme machen. Der rothaarige Riese dort ist Dave Scott, mein Teilhaber. Ich bin …«

»Der Frachtwagenfahrer Leward Shark«, erwiderte Drummond. »Ich kenne dich, ich habe bereits von dir gehört. Sicherlich hast du Pech gehabt?«

»Eine Menge!«

Drummond grinste. »Es ist bitter. Captain McLean ist wirklich eine Nuss, die nicht jeder Frachtwagenboss knacken kann. Aber es herrscht Krieg. Captain McLean kann in diesem Ausnahmezustand manches tun, was man ihm nicht einmal übelnehmen kann. Er muss dafür sorgen, dass das Fort bestehen bleibt und die Menschen, die im Fort Schutz suchen, sicher sind.

Seine Aufgabe, den Bozemanweg eine Teilstrecke zu bewachen, ist schwierig genug. Er kann nicht einmal mit der Hilfe der Armee rechnen, nicht einmal mit den Tausenden von Diggern, die die Adlerschlucht umwühlen. Das verteufelte Gold hält die Männer wie Pech in dieser Schlucht fest.« Bei diesen Worten richtete Drummond seinen Blick fest auf Horty Lonestar. »Eine Menge Leute wollen nichts anderes, als in die Adlerschlucht zu kommen, nur weil sie glauben, dass das Gold ihnen dort vor den Stiefeln liege und sie sich nur zu bücken brauchten, um es aufzuheben. Du machst mir nicht den Eindruck, als ob diese Mär dich ins Land gelockt hätte. Wie passt du in diesen Reigen hinein, Lonestar?«

»Drummond, ich habe mich noch nie aushorchen lassen!«

»Ich schätze Männer, die genau wissen, was sie wollen, Lonestar«, erwiderte Drummond, ohne seinen Blick von Horty zu nehmen. »Es kommen viele Alleingänger, die manchen Nachteil in Kauf nehmen müssen. Kein Hahn kräht nach ihnen, wenn sie für immer verschollen bleiben. Der Bozemanweg und die Adlerschlucht sind ein brodelnder Hexenkessel.«

»Wem sagst du das, Drummond?«

»Du hast mich genau verstanden. Selbst für einen Mann, der eine so schnelle Kugel schießt wie du, ist es besser, wenn er seine Nase nicht zu tief in Dinge steckt, die ihn nichts angehen!«

»Wenn das eine Warnung sein soll, Drummond, dann kommt sie zu spät.«

Das war eine klare Antwort, die nichts zu deuten übrigließ. Drummond nagte an seiner fleischigen Unterlippe. In seinen Augen funkelte es bösartig. Ohne ein Wort zu entgegnen, erhob er sich und ging davon.

Kaum waren seine Schritte verklungen, als Scott die Augen aufschlug und heiser sagte: »Dieser Drummond ist wahrhaftig mit Vorsicht zu genießen. Er belauert uns wie ein Coyote und sucht nach Ansatzpunkten. Er ist sich noch nicht sicher, ob er unseren Tod den Sioux oder seinen Kerlen überlassen soll. Er ist ein schlauer Fuchs, der bereits herausgefunden hat, dass uns Lonestar aufspürte.

Jetzt grübelt er darüber nach, was unseren Boss auf den Trail brachte. Mit seinem Grübeln ist er nicht allein. Shark und ich denken genauso darüber nach. Wells denkt vorerst nur an sich. Eine ganze Menge Leute beschäftigen sich also mit dir, Boss. Von jetzt an hast du einen Todfeind mehr. Deine Antwort war klar. Drummond wird kein Risiko eingehen wollen.«

»Dave, was, zum Teufel, redest du!«, brauste Shark auf. »Du stellst es so hin, als wäre Lonestar hinter jemandem her, der auch Drummonds Freund sein könnte.«

»Vielleicht ist es so. Der Boss könnte es bestätigen, das heißt, wenn er bereit dazu ist.«

Alle drei sahen Lonestar an. Der sagte jedoch nichts und schaute an den Männern vorbei in die Nacht hinaus. Er hätte jetzt eine Frage beantworten können. Sein Schweigen ließ diese Frage offen und wirkte niederdrückend.

Scott nickte. »Nun gut, Boss, es ist deine Sache, wenn du nicht reden willst, wirst du dafür deine Gründe haben. Vielleicht hat dich eine alte Rechnung auf den Trail gebracht und du suchst jemanden, der eine Stellung beim Trust hat. Drummond scheint so etwas zu ahnen.«

»Reden wir nicht mehr davon, Scott«, unterbrach ihn Horty ruhig. Seine Hände strichen dabei über die glatten Kolben der 45er Colts hinweg, als wollten sie sich überzeugen, dass die Waffen am rechten Platz lagen. »Wells, Drummond hat wirklich ein gutes Gedächtnis. Deine Ähnlichkeit mit deinem Vater ist jetzt erwiesen. Bete zu Gott, dass Drummond nicht auf diese Ähnlichkeit stößt!«

Wells zuckte erschrocken zusammen und duckte sich tiefer. Er gab keine Antwort, und erst als auch Lonestar seinen Platz verließ, um zum Küchenwagen ins Wagenburginnere zu gehen, sagte er rau:

»Ich ertrage es bald nicht mehr.«

Scott nickte und erwiderte: »Wenn du noch immer nicht begriffen hast, Junge, dass der Boss beabsichtigt, dich in deiner Angst in eine Corralecke zu jagen, bis du gegen die eigene Angst Sturm läufst, tust du mir leid. Er trägt schwerer als du, Junge. Er schleppt drückende Lasten mit sich herum. Aber etwas ist an ihm, was selbst einem Mann wie Drummond einen kalten Schauer durch das Gebein jagt. Richte dich an ihm auf, Junge! Wenn jemand wirklich zur Brigade der Verfemten gehört, ist er es!«

»Drummond wird mich glatt niederschießen, wenn er erst heraus hat, wer ich bin«, stammelte Wells. »Ich bin völlig durcheinander!«

»Damned!«, fauchte ihn Scott an, »du hast einen Colt und eine Winchester und Munition, du hast Shark und mich und – den Boss! Wenn dir das noch alles nicht genügt und deine Zähne weiter klappern, lege ich dich bald übers Knie und prügele dich so durch, dass es dir für immer eine Lehre sein wird.«

In diesem Augenblick drang ein schriller Wolfsschrei durch die graue Morgendämmerung, der sogleich von mehreren Seiten beantwortet wurde, als hätte ein Rudel Wölfe sich um die Wagenburg eingefunden. Shark und Wells schreckten hoch. Scott aber fuhr mit ruhiger Stimme fort: »Oder noch besser ist, wenn die Dreckwerfer dich vornehmen, Wells.«

»Dreckwerfer?«, schluckte Wells verstört.

»So nennen sich die Oglala-Sioux, mein Junge. Sie haben die Eigenart, mit Vorliebe Wolfsfelle zu tragen und sich mit Hingabe vor einem Angriff durch Wolfsschreie zu verständigen. Sei also froh, dass es nur die Dreckwerfer sind und nicht die Brules, was so viel wie verbrannte Schenkel bedeutet. Jeder der sieben großen Siouxstämme hat besondere Eigenarten, die wenig erfreulich sind. Wenn du nur mit Dreck beworfen wirst, Junge, bleibt dir das Arm- und Kopfabschneiden erspart.«

»Hör auf damit, Rotkopf! Der arme Wells wird gleich nach der Mama schreien«, mischte sich Shark ein. Doch Scott ließ sich nicht bremsen.

»Tut mir leid, auch das wird ihm wenig nützen. In wenigen Minuten wird sogar manch großartiger Bursche klein und hässlich werden. Die Oglalas greifen an!«

Es stimmte. In der grauen Morgendämmerung kamen sie herangeritten. Der schrille Kriegsschrei der heidnischen Reiter war ein Urlaut, der mit einem Schlag die Stille zerriss und durch Mark und Bein ging.

Oglala-Sioux!

Sie kamen nicht durch das Gras geschlichen, wie es Apachen getan hätten, nein, diese Kriegshorde, die sicherlich zu den besten Reitertrupps der Welt gehörte, griff offen an. Von allen Seiten zugleich in Reiterrudeln, die wie Trauben zusammenhingen und auseinanderplatzten.

Aus dem Morgendunst brachen sie hervor. Jetzt sah man sie deutlicher. Wehende Federhauben, halbnackte rote Krieger mit Wolfsfellen bekleidet, geschmeidige Oglala-Sioux und keine Agentur-Indianer, wie man sie oft in den Städten sah, und an denen ein weißer Mann mit Verachtung vorbeiging, angewidert von dem abstoßenden Anblick der zerlumpten, verlausten Gestalten. Das hier waren Kämpfer aus einem Reitervolk, von denen man noch sprechen würde, die der Armee viele schreckliche Niederlagen beibringen sollten.

Der junge Wells sagte plötzlich heiser vor sich hin: »Was ist das, großer Gott?!«

Was er weiter sagte, ging im Krachen der Gewehre unter. Die Männer unter den Wagen, hinter den selbstaufgebauten Deckungen begannen zu schießen. Niemand hatte ein Kommando nötig. Überall, unter den Wagen, krachte es. Die schnell näherkommenden Reiter schossen ebenfalls, und Pfeile und Kugeln schlugen gegen die Wagenburg. Neben dem jungen Wells bohrte sich ein Pfeil in das Wagenrad.

In diesem Augenblick begriff er, wie allein und auf sich gestellt jeder in diesem mörderischen Ringen war. Bisher hatte das schreckliche Geheul der Wilden, der offene Ansturm der Oglalas, ihn wie in einen Bann geschlagen und ihn schier gelähmt.

In diesem Moment warf er einen Blick ins Wagenburginnere und spürte seinen Herzschlag aussetzen, Er hörte Scotts und Sharks Winchester krachen und sah, wie heidnische Reiter während des Angriffs vom Pferd fielen. Er sah aber auch, dass nicht alle scheinbar getroffenen zu Boden fielen, sondern im nächsten Augenblick wieder auf dem galoppierenden Pferd sichtbar wurden.

Jetzt waren die Oglalas so nahe, dass er die grellen Kriegsfarben in den Gesichtern sah. Wells schoss immer noch nicht. In ihm waren noch die Hemmungen, die eigenartigen Verkrampfungen, die es ihm schier unmöglich machten, abzufeuern.

Er sah die erste Welle der Angreifer in das Feuer der Weißen hineinreiten und wieder zurückfluten. Pferde stürzten oder rasten angeschossen oder reiterlos zurück. Die vordersten Krieger erreichten die Wagenburg und warfen sich von den Pferden. Beile und Lanzen blitzten auf, Geschrei und Revolverkrachen übertönte alles. Noch immer lag Wells wie gelähmt vor Furcht und Grauen hinter seiner Winchester. Sein Blut trieb so schnell durch die Adern, sodass es in seinen Ohren rauschte und brauste und sich rote Schleier vor seine Augen schoben. Sein Herzschlag drohte auszusetzen.

Ein Pfeil streifte ihn. Der Schmerz löste augenblicklich seine Verkrampfung, und er drückte ab. Er traf einen Oglala-Sioux, als dieser sich vom Pferd lösen und auf die Wagenburg zuspringen wollte.

»So ist es recht, Wells!«, dröhnte Scotts Stimme wie aus weiter Ferne zu ihm. »Nur drauf und dran, gib es ihnen, Junge! Johooo!«, brüllte der Riese Scott und warf sich zwei Kriegern entgegen, wobei er seine leergeschossene Winchester wie eine Keule schwang. »So wird es gemacht, Junge!«, schrie er beim Keulenschwingen und drang auf seine Gegner ein. Der kleine Shark verließ ebenfalls die Deckung unter dem Wagen. Beide Männer hatten sich vom Kampffieber aus dem Schutz ihres Versteckes reißen lassen und wohl den Überblick verloren. Nun, so etwas sollte in der Hitze des Gefechtes schon oft vorgekommen sein. Diesmal schien es schiefzugehen, gleich ein Dutzend Oglalas rissen ihre Pferde herum.

Für ein Dutzend Krieger war die rote, prächtige Skalplocke des Riesen Scott ein magischer Anziehungspunkt, und jeder dieser Krieger beeilte sich, diesen Skalp als erster zu holen, um ihn sich an den Gürtel zu hängen.

Der junge Wells ließ die Winchester fallen und riss seinen Revolver hoch. Man hatte die Rechnung ohne ihn gemacht, und jetzt wuchs Wells über sich selbst hinaus. Er schoss und schrie: »Zurück, ihr Narren, zurück!« Wieder schoss er. Seine Kugeln lösten die Schar der Sioux und ermöglichten Shark und Scott zurück in die Deckung unter die Wagen zu kommen.

Der Siouxangriff aber flutete zurück. Die heidnischen Reiter rissen ihre Pferde herum. Auf manchem Pferd saßen nun zwei Sioux. Viele braune Gestalten lagen rings um die Wagenburg verteilt. Unter den Wagen stöhnten Männer der Raureiterhorde Drummonds.

Der schrille Wut- und Enttäuschungsschrei der abziehenden Sioux verriet nur zu deutlich, dass sie wieder einmal vergeblich versucht hatten, diesen Wagentreck endgültig zu stoppen.

Brandpfeile hatten zwei Wagenplanen entzündet. Die Männer waren bereits dabei, die Brände zu löschen, und noch während im Camp die Erregung des Kampfes nachklang, waren die Oglalas mit ihren Pferden verschwunden.

»Gut gemacht!«, hörte Wells Drummond hinter sich sagen. Den Jungen riss es herum. Eigenartigerweise hatte er plötzlich nur noch Widerwillen gegen Drummond und keine Angst mehr.

»Ich kannte vor Jahren einen Mann, der ähnlich wie du einigen Kameraden zu Hilfe kam und mitten im Kampfeifer von kalter Besonnenheit blieb. Es war mein Trailpartner Tom Wells. Jetzt weiß ich, dass du ihm gleichst, Green.«

Wells gab keine Antwort, als er den Namen seines Vaters von den Lippen seines Mörders hörte. Er brachte es fertig, ganz gelassen zu erscheinen und dem beobachtenden Blick Drummonds keinen Anhaltspunkt zu geben. Es war erstaunlich, wie gut Drummond einen Gegner wittern konnte. Doch seine plumpe Art, etwas zu erfahren, war zu leicht zu durchschauen. Drummond lud in aller Ruhe seine Winchester und dann seine Revolver auf und nahm den Blick von Wells. Wie beiläufig sagte er:

»Ich werde es noch herausbekommen, Freund. Wenn ich erst einmal eine bestimmte Fährte in der Witterung habe, folge ich ihr auch, und sie bringt mich ans Ziel.« Bei diesen Worten wandte er sich ab, um sich um die brennenden Planen zu kümmern. Der Riese Scott und der kleine Shark kamen jetzt näher. Beide drückten sie Wells wortlos die Hand.

Scott sagte dann: »Was wollte der Kerl?«

»Herausbekommen, ob er auf der richtigen Fährte ist«, erwiderte Drew Wells.

»Und?«

»Zum Teufel mit ihm!«, erwiderte Drew heiser. »Als der Angriff begann, sah ich, wie Pannemaker das nutzte und auf Lonestar schoss. Er hätte den Boss getroffen, wenn nicht Madam McLean den Boss mit sich zu Boden gerissen hätte.«

»By Gosh, du hast während des Siouxangriffes auf das geachtet, was im Wagenburginnern geschah?«, erkundigte sich Shark atemlos.

»Eigentlich habe ich alles zu erfassen versucht, was auf uns zukam und was hier vor sich ging. Ich war ziemlich verstört. Es kam alles zu schnell über mich. Ich sah noch, wie das schwarzhaarige, schöne Mädchen sich gegen den Boss warf und mit ihm zu Boden stürzte. Pannemakers Schuss fegte über die beiden hinweg und schlug in eine Wagenplane ein. By Gosh, dieser Pannemaker schoss unter seinem Wagenkasten hervor. Madam McLean muss den Schützen beobachtet haben.«

»Drew, bist du sicher, dass Pannemaker auf den Boss schoss?«

»Yeah«, erwiderte Wells voller Grimm.

Alle drei sahen sich bedeutungsvoll an. Scott sagte rau: »Ich verstehe das nicht. Was kann Pannemaker dazu gebracht haben, so übel vorzugehen?«

»Er bewacht das Mädchen wie ein Schießhund«, erwiderte Shark. »Aber das allein kann es nicht sein. Gleich von Anfang an, als wir auf diesen Treck stießen, hatte ich ein ungutes Gefühl. Der Fahrer zum Beispiel, auf dessen Wagen wir mitfuhren, beobachtete uns sehr misstrauisch und versuchte uns auszuhorchen. Immer wieder drehte er es so, dass das Gespräch auf Lonestar kam.

Lonestar muss für die Kerle hier ein Dorn im Auge sein. Wir wissen jetzt, woran wir sind. Es steht fest, dass die Kerle hier irgendwie eine Gefahr in Lonestar gewittert haben, aber sie sind sich noch nicht völlig sicher. Diese Raubwölfe spüren mit ihrem angeborenen Instinkt für Gefahr, dass Lonestar anders ist als sie. Vielleicht spüren sie auch, dass sie ihm nicht gewachsen sind und wollen ihn loswerden.

Der Siouxangriff schien ihnen wohl das beste Mittel, es auf die leichteste Art zuversuchen. Wenn der üble, hinterhältige Überfall gelungen wäre, hätte man uns weismachen können, dass die Oglalas daran schuld sind!«

»Mit anderen Worten: du hältst den Anschlag für geplant?«

»Genau!«, erwiderte Shark bedeutungsvoll. »Man isoliert uns und gibt es uns zu spüren. Ich wette, dass man uns alle vier in Fort Eagle diesem überdrehten Captain McLean übergeben wird, damit er uns in Uniformen steckt. Das heißt, wenn man uns nicht beim nächsten Siouxangriff aus Versehen eine Kugel durch den Rücken jagt und wir die Wanderung in die ewigen Jagdgründe antreten.«

»Wir werden uns in Acht nehmen müssen«, bemerkte Scott. »Jetzt gehe ich, um dem Boss einiges zu sagen.«

»Bleib!«, wurde ihm gesagt. Es war Drew Wells, der das verlangte und wie hypnotisiert ins Wagenburginnere blickte, wo Madam McLean mit Drummond dabei war, die Verwundeten zu versorgen.

Zum Glück hatte man keine Toten zu beklagen. Nicht einmal ein Schwerverletzter war dabei. Der pockennarbige Pannemaker, der neben Drummond stand und bei der Verwundetenbetreuung half, legte plötzlich sein Paket mit Verbandsstoff zur Seite und starrte auf Lonestar, der sich ihm langsam näherte.

Man spürte deutlich, dass etwas Gefährliches in der Luft lag. Man sah es daran, wie die Verwundeten aufblickten und der stämmige Drummond einen leisen Pfiff ausstieß, als Pannemaker seltsam bleich wurde. Man sah es daran, dass die Männer, die erfolgreich den Planenbrand bekämpft hatten, rußgeschwärzt näher kamen. Die Gespräche verstummten, das Stöhnen der Verwundeten hörte auf.

Nicht einmal die im Wagenburginneren untergebrachten Pferde und Ochsen bewegten sich, als schienen sie die Spannung zu spüren. Ein einziger Mann strahlte tödliche Kälte aus.

»Was ist los, Lonestar?«, wandte sich Drummond an Horty, der in zehn Meter Abstand vor Pannemaker stehengeblieben war und den Mann nicht aus den Augen ließ. »Wenn du Kummer willst, ist das hier nicht der richtige Ort dazu. Das hat Zeit bis Fort Eagle!«

»Wenn du an meinem Kummer beteiligt bist, Drummond, dann bereite dich vor«, entgegnete Lonestar so eiskalt, dass die furchtbare Spannung in der Wagenburg wuchs. Lonestars Auftreten mochte mitten im feindlichen Lager überheblich aussehen, aber er hatte seinen Rücken durch seine drei Mann starke Mannschaft gedeckt, die die Winehester in Anschlag brachte, als ob sie einen geheimen Befehl dazu bekommen hätte.

»Was soll das?«, erkundigte sich Drummond böse. »Wir haben genug Ärger mit den Oglalas und werden noch mehr bekommen. Bleibe vernünftig, Lonestar!«

Ohne auf Drummonds Worte einzugehen, sagte Lonestar zu Pannemaker: »Wer gab dir den Befehl?«

»Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Lonestar«, wich Pannemaker aus.

»Du leidest unter Gedächtnisschwund, Pannemaker. Madam, sagen Sie es ihm«, wandte sich Lonestar an das Mädchen, das erregt von einem Mann zum andern sah.

»Nun?«, erkundigte sich Pannemalcer höhnisch. Seine Augen funkelten sie an. Mit unverschämtem Spott musterte er das Mädchen, deren Schönheit in der Erregung noch stärker hervortrat.

Wahrhaftig, eine Frau ihres Formats musste einfach die Blicke der Männer auf sich lenken. Sie mochte dreiundzwanzig Jahre alt sein, war schlank und hochgewachsen. In ihrem feingeschnittenen Gesicht standen große blaue Augen von langen schwarzen Wimpern umrahmt. Die darüber gespannten Brauen glichen japanischen Tuschstrichen. Für die Männer mochte sie ein Wunschbild darstellen, das verlockend, doch nie erreichbar war. Frauen ihrer Art verschenkten nur einmal ihr Herz und dann für immer.

Sie hatte Lonestar das Leben gerettet. Als sie jetzt zögerte, sagte Lonestar eindringlicher: »Madam, sagen Sie es, sagen Sie es laut, dass es alle hören.«

»Ja«, gab sie entschlossen zur Antwort, »das will ich. Drummond, dein Fahrer Pannemaker hat versucht, Lonestar beim Siouxangriff aus dem Hinterhalt niederzuschießen. Wenn ich nicht eingegriffen hätte, wäre dein Gast bereits tot.«

Man hätte eine Stecknadel bei diesem schlichten, aber umso eindrucksvolleren Bericht fallen hören können. Das höhnische Grinsen auf Pannemakers Gesicht erstarb sogleich. Er wagte jedoch nicht zum Colt zu greifen. Er sah sicherlich in Lonestars Augen etwas, was ihn mit kalter Furcht erfüllte.

»Sie müssen sich geirrt haben, Madam«, sagte Drummond heiser.

»Nein! – Was geht hier vor, Wagenboss?«, wandte sie sich an Drummond mit blitzenden Augen.

»Das dürfen Sie nicht mich fragen, Madam. Wenden Sie sich an Panneamker«, distanzierte sich Drummond sogleich von diesem und zeigte damit deutlich, von welcher Art er war.

»Ich will es Ihnen sagen, Madam«, brachte Pannemaker vor. »Der Kerl kam Ihnen zu nahe, und so schoss ich einen Warnschuss ab.« Er hatte sich die Antwort bereits zurechtgelegt. »Ich habe den Befehl, auf Sie zu achten, und das werde ich auch weiter tun. Niemand soll es wagen, Ihnen schöne Augen zu machen.«

Pannemakers Versuch, seinen hinterhältigen Anschlag als harmlos hinzustellen, schien jedoch weder bei dem Mädchen noch bei Lonestar anzukommen, auch nicht, dass Pannemaker jetzt an seinem Gurt fingerte und die Schnalle aufmachte.

Mit einem Ruck ließ er seinen Revolver mitsamt Gurt und Holster hinter sich zu Boden fallen. Diese Geste, die, aus Angst vor Lonestars tödlichen Eisen, so viel bedeutete wie: Mit dem Revolver lasse ich mich mit dir nicht ein, zog ebenfalls nicht, denn jetzt schnallte auch Lonestar ab.

»Pannemaker, du hast recht, wenn du deinen Gurt ablegst. In der Gegenwart einer Lady schießen sich weiße Männer nicht herum«, sagte er dabei freundlich zu dem pockennarbigen Mann. »Ich werde dich überzeugen, dass sich Lady McLean frei bewegen kann, dass sie es nicht nötig hat, einem Bewacher deiner Art ausgeliefert zu sein.«

»Nun gut, Lonestar, dir werde ich beibringen, dass Gestalten wie du auf dem Bozemanweg rettungslos verloren sind. Wenn ich mit dir fertig bin wirst du laut sagen, was du hier im Lande willst. Vielleicht hören wir etwas Besonderes. Ein Frachtwagenfahrer aus Dakota kann immer und zu jeder Tageszeit einen Sattelstrolch schlagen. Macht Platz, Leute!«

Das wurde sofort befolgt. Die Verwundeten wichen zurück und mit ihnen Drummond und das Mädchen.

»Vielleicht wäre es für Sie besser, Madam, wenn Sie sich diese üble Sache nicht ansehen würden«, sagte Lonestar ruhig zu ihr. Sie wehrte sofort ab.

»Ich bin nicht zimperlich. Auf diesem Trail habe ich mehr gesehen als zwei Männer im Faustkampf.«

Während sie das sagte, hob Drew Wells Lonestars Waffengurt mit den 45er Colts vom Boden auf und glitt zu Shark und Scott zurück. Er hörte gerade Shark zu Scott sagen: »Ich muss mir meine Stiefel wieder anziehen. In Stiefeln bin ich gleich einige Zoll größer. Ich möchte in den Augen der Lady nicht allzu klein wirken. Was glaubst du? Kann der Boss Pannemaker eins aufs Haupt geben?«

Scott knurrte bitter: »Schau dir Pannemaker an. Er ist massig und fast so schwer wie ich. Er wäre ein Gegner für mich. Der Boss ist zu leicht, denn sicherlich hat Pannemaker dreißig Pfund mehr. Sie sind zu unterschiedlich. Schau nur richtig hin, an Pannemaker ist nicht ein Gramm Fett oder überflüssiges Fleisch zu viel. Er ist sehr muskulös, in seinen Fäusten muss Dynamit sein. Es ist so, als wolltest du gegen mich antreten, Leward. Ein kleiner Hund gegen einen Elefanten!«

»Eines Tages werde ich dir eins auf den Schädel geben, du Riesenbaby«, erwiderte Shark knurrig. »Ich frage mich nur, was für eine Rolle Pannemaker in dem üblen Verein spielt, weshalb er seinen Spaß zwischen den Indianerangriffen haben wollte.«

»Man sieht es doch; er ist Drummonds rechte Hand! Solange Drummonds Geschäftspartner Dick Steveland mit den schnellen Revolvermännern Bennett und Satter nicht da ist, spielt Pannemaker die zweite Geige.«

Er verstummte. In diesem Moment griff Pannemaker an. Er prallte jedoch nicht auf Horty, der im letzten Augenblick vor dem anstürmenden Koloss leicht wie ein eleganter Fechter zur Seite wich. Während er zur Seite glitt, zog er einen Schwinger herum, der trocken auf die Halsschlagader des vorbeistürmenden Gegners traf.

Pannemaker fand keinen festen Halt und taumelte gegen Drummond, der mit einer Verwünschung zur Seite sprang. Vielleicht war es diese Verwünschung, die Pannemaker stärker anfeuerte, glaubte er doch, dass der Boss nicht mit ihm zufrieden war. Pannemakers oberster Grundsatz war, dem Wagenboss zu imponieren. Er wirbelte herum und griff erneut an.

Jeder konnte sehen, dass dieser Mann viele Faustkämpfe hinter sich gebracht hatte, dass der Faustkampf Pannemakers Stärke war.

Diesmal konnte Horty nicht ausweichen, diesmal prallten sie zusammen. Es war, als bewegten sich Feuer und Wasser, als kochten die Elemente über. Der schnelle Schlagaustausch der beiden riss die Zuschauer in eine atemlose Spannung hinein, sodass die Erregung bei allen deutlich wurde. Jemand schrie laut:

»Schaut euch das an, Leute! Pannemaker zerschlägt einen Sattelstrolch!«

Näher drängten die Zuschauer. Wenn in diesem Moment nicht Drummond die Übersicht behalten hätte, wären nicht einmal Wachen zur Beobachtung der Sioux unter den Wagenkästen geblieben. Drummonds Befehl trieb die Wachen auf ihre Posten zurück.

Man konnte nie wissen, wann die heidnischen Kriegshorden es zum zweiten Mal an diesem turbulenten Morgen versuchen würden. Gerade erschienen sie wieder und kamen langsam heran, als ob der ausbrechende Lärm, der beim Schlagabtausch der Kämpfer bei den Zuschauern aufkam, sie hergelockt hätte.

Sie hielten sich außer Schussweite, und nur einzelne Reiter sprengten heran, doch nicht um anzugreifen, sondern um die Toten zu holen.

»Schießt nicht!«, schrie Drummond. »Lasst sie gewähren! Warten wir, bis der Kampf hier zu Ende ist. Auf diese Art haben die Sioux einen Vorteil herausgeholt.«

Nur wenige Männer hörten ihn. Die meisten waren von dem Kampf gebannt. Sie wussten nun, dass sie hier einen echten, einen wirklichen Kampf sahen, wie man ihn höchst selten sehen würde. Das ließ sie die Sioux vergessen, und zwar in einer Lage, die keineswegs dazu geeignet war, im eigenen Camp eine Sondervorstellung zu geben.

»Pannemaker wird ihn schlagen!«, schrie ein hagerer Frachtwagenfahrer. »Noch wenige Minuten und dann …«

In diesen aufregenden Minuten sah wohl niemand, dass Drummond sehr scharf die lange Front der außer Schussweite anhaltenden Sioux beobachtete, die in der Tat einen wirklich prächtigen Anblick boten, denn die ersten Strahlen der Morgensonne ließen die Spitzen ihrer Federhauben sowie den bunten Zierrat ihrer Kleider, Lanzen und Gewehre aufleuchten.

Niemand sah, wie er einen hageren Mann zu sich winkte, und dass er zu diesem Mann sagte:

»Steveland, Bennett und Satter sind noch immer nicht zurück. Irgendetwas muss die drei in die Flucht geschlagen haben. Je länger ich darüber nachdenke, umso klarer wird es mir, dass sie vor Lonestar flüchteten.«

»Soll das heißen, dass sie den Kurier der Armee, der Captain McLeans Abberufung bringen soll, nicht abgefangen haben?«

Niemand bemerkte, wie die beiden sich unterhielten, und das bewies, wie schwer der Kampf war, und wie hart sich die Gegner zusetzten. Man hörte deutlich das Klatschen ihrer Schläge und auch ihr Schnaufen und Stöhnen.

Drummond kümmerte es nicht.

»Dieser Narr Pannemaker kann es sich selbst zuschreiben, falls er verliert«, sagte Drumond zu Black Pete, dem man den indianischen Bluteinschlag ansah. »Was Steveland, Bennett und Satter betrifft, bin ich sicher, dass sie den Kurier erwischten und erledigten. Vorerst muss Captain McLean noch unser Mann bleiben. Wir sind im besten Geschäft, und wir lassen es uns nicht zerschlagen.«

»Wie passt Lonestar da hinein?«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er Fort Eagle nicht erreichen darf.«

»Was soll ich tun, Boss?«

»Reiten und schauen, ob die drei im Fort sind.«

»Jetzt reiten?«

»Jetzt ist es für einen Reiter leicht, durchzubrechen. Die Oglalas machen gerade eine Totenparadeschau. Los denn! Ich sorge dafür, dass die Wagenburg im rechten Augenblick geöffnet wird.«

»Wenn Captain McLean Fragen stellt?«

»Zum Teufel, Black Pete! Der Mann soll froh sein, dass er an unserem Geschäft beteiligt ist. Er soll nur weiter dafür sorgen, dass er Frachtwagen und Ladungen beschlagnahmen kann und sie zur Adlerschlucht weiterleitet. Der Narr hat sich uns zwar nicht ganz freiwillig angeschlossen, aber er brauchte immerzu Geld zum Pokern. Dabei verlor er gegen Steveland zu hoch. Ein Fortkommandant sollte keine Passionen und erst recht keine Spielleidenschaft haben.«

»Er sollte auch nicht saufen«, sagte Black Pete, wobei seine schräggestellten Augen höhnisch aufblitzten. Er wandte sich ab und ging, um sein Pferd zu holen. Drummond hatte immer noch zu tun. Diesmal holte er sich zwei Männer aus dem Zuschauerkreis und öffnete die Wagenburg.

Black Pete preschte aus der Wagenburg, die sogleich hinter ihm wieder geschlossen wurde, und ritt im gestreckten Galopp an der den Sioux abgewandten Seite davon.

Er war der beste Reiter, den Drummond zur Verfügung hatte. Zudem hatte er Indianerblut in den Adern und einen Witterungssinn wie kaum ein zweiter. Es gab keinen Zweifel, dass er es schaffen und Fort Eagle erreichen würde.

Bemerkenswert war, dass nicht einmal einer von Hortys Freunden den Fortritt gesehen hatte. Alle drei waren ganz beim Kampf, der immer noch tobte und jetzt durch einen schrecklichen Schwinger Pannemakers, der Lonestar von den Beinen fegte, endgültig zu Ende zu sein schien.

Doch gefehlt! Noch im Fallen verkrallten sich Lonestars Hände in Pannemakers Kleidung und rissen den schweren Mann mit sich nieder. Im nächsten Augenblick rollten die beiden am Boden übereinander. Nein, dieser Kampf konnte nicht mehr lange dauern. Beide Männer waren bereits gezeichnet. Beide bewegten sich nicht mehr so schnell wie am Anfang der heftigen Auseinandersetzung.

Einige Male hatte die Lady die Hände vor das Gesicht geschlagen und geschrien: »Hört auf, ihr beiden, hört auf!«

Aber weder der eine noch der andere hörten es. Sie waren nur mit sich beschäftigt. Sicherlich sahen sie nicht einmal die Zuschauer.

Pannemaker wusste jetzt, dass er sich in diesem Gegner völlig verschätzt hatte und alles auf eine Karte setzen musste. Auch er spürte die bleierne Schwere bereits so mächtig, dass er am liebsten aufgehört, sich lang auf den Rücken geworfen und die Hände hochgenommen hätte, um mehr Luft in die Lunge zu bekommen.

Alle seine Tricks wurden durchschaut und kamen nicht an. In diesem Kampf ohne Regeln und Ritterlichkeiten halfen seine Tricks nicht mehr. Immer war der andere eine Idee schneller. Auch jetzt, als sich Pannemaker überraschend schnell lösen wollte, um den Kampf endgültig zu beenden, wurde das vereitelt.

Lonestar kam zum Schlag. Dieser Schlag traf das ungedeckte Kinn Pannemakers so voll, dass Pannemakers Kopf weit in den Nacken flog, er seinen Gegner losließ und sich mit beiden Händen an den Kopf griff. Sofort stürmte Horty weiter und war bei ihm, bevor Pannemaker recht wusste, was geschah.

Lonestars Reserven schienen größer zu sein. Zur Verwunderung aller, die bereits einen Sieg Pannemakers erwarteten, zeigte es sich jetzt sehr deutlich, was für Kraftreserven in dem schlanken Horty Lonestar steckten. Zu spät erkannte Pannemaker, dessen Kopf wie auf einem dünnen Stiel pendelte, dass er jetzt blockieren musste. Er bekam die Fäuste nicht hoch. Sie waren ihm wohl zu schwer geworden.

Er verdaute den ersten Schwinger und den zweiten, aber beim dritten Schlag verglasten seine Augen. Von seinen Lippen kam ein unartikulierter Schrei. Schwer kippte er zur Seite.

»Steh auf, Pannemaker, steh auf!«, keuchte Horty. Er stand geduckt, wenn auch schwankend vor seinem Gegner, und sicherlich nur deshalb so breitbeinig, um sich selbst einen festen Halt zu verschaffen.

Jeder, der in das gezeichnete Gesicht des Siegers sah, wusste gleich, dass es in Wirklichkeit gar keinen Sieger gab und nur ein unheimlicher Wille Horty daran hinderte, sich neben seinen Gegner auf den Boden zu werfen.

»Steh auf!«

Pannemaker versuchte es, er hockte sich auf. Seine Augen blickten verschleiert auf seinen Bezwinger. Er schüttelte den Kopf, sprechen konnte er nicht mehr. Er holte verzweifelt kurzatmig Luft.

»Wenn sich unsere Wege nochmals begegnen, dann greife lieber zum Colt, Pannemaker«, sagte Lonestar rau, »und das sage auch allen andern, die mit dir in einem Sattel hocken. Geh mir aus den Augen!«

Pannemaker kroch auf allen vieren davon. Er schaffte es nur bis zu seinem Wagen. Dort blieb er im Grase liegen. Sofort kümmerten sich einige Männer um ihn.

Drummond wollte auch hingehen, doch Lonestar hielt ihn zurück.

»Willst du es auch mit mir versuchen, Lonestar?«, erwiderte Drummond gehässig. »Ich kann dich jetzt schlagen, einen zweiten Mann schaffst du jetzt nicht. Ich kann dich jetzt auch mit dem Colt schlagen. Deine schnellen Hände sind wohl nicht mehr so schnell.«

»Für dich immer noch schnell genug«, erwiderte Lonestar heiser. »Versuchen wir es!«

Das war unerhört, geradezu unheimlich. Noch nie hatte man einen Revolvermann erlebt, der sich nicht scheute, auch mit den Fäusten zu kämpfen, aber dass er nach einem Faustkampf einen Revolverkampf nicht scheute, wirkte auf die Männer wie eine kalte Dusche. Drummonds Augen verengten sich sogleich. Er sah sich Lonestar genauer an. Er spürte den eisernen Willen des Mannes.

»Ein andermal werde ich nicht nein sagen.«

»Zum Teufel damit! Du fühlst dich wohl nur im Hinterhalt sicher, oder wenn du andere die heißen Sachen austragen lässt. Beim Siouxangriff hast du dich sehr zurückgehalten, Drummond. Hier brauchst du es nicht.«

Das war stark, war mehr als jemals ein Mann gewagt hatte zu Drummond zu sagen. Das war eine glatte, unmissverständliche Herausforderung, und nur durch Madam McLeans Dazwischentreten wurde ein noch schlimmerer Kampf verhindert.

»Lonestar, Sie dürfen nicht mehr kämpfen!«, sagte sie und trat neben ihn. »Ich dulde das nicht! Ich werde von jetzt an ständig auf Sie achtgeben, dass man Sie nicht hinterrücks beseitigt.«

»Madam, dieses Camp sagt mir nicht mehr zu. Ich fordere die Einlösung des Versprechens von Drummond und möchte die Pferde für meine Partner haben. Ich fordere freien Ausritt für meine Partner und mich!«

Niemand sah ihm an, welche Mühe es ihn kostete, ohne zu stocken zu sprechen, und niemand ahnte, wie schwer es ihm wirklich fiel, auf den Beinen zu bleiben. Er fühlte sich ausgebrannt, leer und innerlich hohl. Er sehnte sich danach für einige Minuten unbeobachtet zu sein, um ganz allein mit seinen Schmerzen fertig zu werden. Doch zuvor wollte er die Situation nutzen.

Drummond schüttelte den Kopf.

»Du kannst in diesem Zustand nicht reiten, Lonestar.«

Im gleichen Atemzug wandte er sich an das Mädchen: »Madam, Sie sehen doch ein, dass ich ihn nicht reiten lassen kann und darf. Die Oglalas würden ihn schnell aus dem Sattel holen.«

»Sie dürfen wirklich nicht reiten, Lonestar!«, stimmte sie Drummond bei, packte Hortys Arm und versuchte ihn sanft fortzuziehen.

Er gab dem Druck ihrer Hand nach und ging, doch über die Schulter warf er Drummond zu: »Ich glaube nicht, dass wir damit fertig miteinander sind.«

Drummond gab keine Antwort und ging davon.

Ein wenig später saß Horty mit dem Rücken an ein Wagenrad gelehnt. Er ließ sich geduldig den von Beulen übersäten Oberkörper von Scott mit Whisky einreiben und versuchte das Mädchen anzulächeln, das an seiner Seite geblieben war.

Es war nur ein verzerrtes Grinsen, das er unterlassen hätte, wenn er es in einem Spiegel hätte sehen können.

»Bleiben Sie beim Treck«, sagte Madam McLean. »Wenn wir erst in Fort Eagle sind, werde ich meinen Bruder auf die Zustände in diesem Treck aufmerksam machen.«

»Madam, Ihr Bruder hat sicherlich ganz andere Sorgen.«

»Er ist der Kommandant von Fort Eagle«, erwiderte sie, ohne sich ablenken zu lassen. »Ich bin sicher, dass er auf mich hören wird und Drummond zur Rede stellt und Pannemaker zur Verantwortung ziehen wird.«

»Ihr Bruder, Madam, hat wohl alle Hände voll zu tun und kann sich nicht um so belanglose Dinge kümmern. Sie unterschätzen die Verantwortung eines Fortkommandanten!«

Sie wurde sichtlich verlegen, fing sich aber gleich wieder.

»Man spricht nicht gut von meinem Bruder auf dem Bozemanweg. Nur um herauszufinden, was an den Gerüchten wahr ist, ging ich auf diesen Trail.«

»Nur Gerüchte, Madam?« Als er das ausgesprochen hatte, tat es ihm bereits leid. Es traf sie überraschend hart. Ihre Augen flammten in dem bleich gewordenen Gesicht leidenschaftlich auf.

»Was wissen Sie?«

Ihre Frage überraschte ihn mehr als eine herbe Antwort es vermocht hätte. So antwortete er der Wahrheit gemäß: »Ich weiß eine Menge, Madam, aber nicht nur über Ihren Bruder. Ich weiß, dass dieses Frachtfuhrunternehmen die Hauptmacht des Trustes der Adlerschlucht darstellt, und in ihr einige recht üble Kerle sind, dass Sie, Madam, sich niemals dieser Wagenkolonne hätten anschließen dürfen. Die Wahrheit, Madam, ist oft bitter. Nicht jeder kann sie vertragen.«

»Ich doch!«, erwiderte sie schwer atmend, wobei sich ihre Brust stürmisch hob und senkte. »Wer sind Sie wirklich, Lonestar? Von Ihnen sind viele Gerüchte in der Kolonne im Umlauf. Ich spüre deutlich, dass man Sie hasst. In welchem Auftrag reiten Sie?«

»Das, Madam, werden Sie noch früh genug erfahren. Ich möchte nicht unhöflich sein, Madam. Es tut mir leid, dass ich es Ihnen nicht sagen kann.«

»Sie dürfen auch nichts über meinen Bruder sagen?« Flehend sahen ihn ihre großen Augen an.

Er schüttelte den Kopf.

Lange schwiegen sie beide. Die drei Partner im Hintergrund verhielten sich ebenfalls ruhig.

»Nicht einen Wink, nichts?«

»Doch«, erwiderte er ruhig, »aber behalten Sie es für sich. Sie haben mir das Leben gerettet, Madam, ich bin Ihnen vieles schuldig und werde es wohl für immer bleiben. Darum will ich Ihnen offen sagen: Setzen Sie nicht zu viel Hoffnungen auf Ihren Bruder.«

»Sie wissen also …«

»Ja«, entgegnete er schlicht. »Die Armee hat ihn ausgestoßen.«

»Auch das wissen Sie?«

»Ich weiß auch, dass der Kurier, der diese Nachricht überbringen sollte, auf höllische Art ums Leben kam, Madam, denn er war mein Halbbruder.«

»Oh, mein Gott«, sagte sie und ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen.

»Darum sind Sie also auf deiesem Trail?«

»Ich bin hinter den Schurken her, die es taten. Es waren drei: Steveland, der Teilhaber Drummonds, Satter und Bennett. Ich trieb sie vor mir her, Madam, und ich werde sie auch noch erreichen. Wenn Sie es Drummond oder irgendeinem seiner Raureiterbande weitersagen, wird die Jagd beginnen, Madam.«

Wieder grinste er ihr zu und fuhr fort: »Jetzt wissen Sie, warum die drei nicht auf den Wagentreck warteten, sondern zur Adlerschlucht durchritten und Drummond nun vergeblich nach ihnen Ausschau hält. Er wird ihnen erst in der Adlerschlucht begegnen. Dann aber rede ich ein Wort mit!«

Er sprach so leise, dass nicht einmal seine Partner ihn verstehen konnten.

»Der Kurier war Ihr Halbbruder?«, sagte sie bedrückt.

»Ich kam zu spät. Er starb in meinen Armen. Er war Leutnant, Madam, ein guter, großartiger Junge, mit viel Humor und einem starken, kämpferischen Geist. Er hatte nicht eine Chance, und ich konnte ihn nur noch ins Grab legen.«

»Lonestar, ich verstehe jetzt immer mehr. Es tut mir so leid. Sie wollen also an Ihres Halbbruders statt die Nachricht nach Fort Eagle bringen?«

»Es würde nichts nützen. Meinem Bruder wurden die Papiere und das Schreiben von der Abberufung des Captains McLean gestohlen. Seine Kuriertasche war leer.«

»Sie können nichts tun?«

Als er keine Antwort gab, sagte sie: »Dann werde ich meinen Bruder beschwören, das Kommando einem seiner Offiziere zu übergeben und …«

»Ihr Bruder, Madam, das ist anzunehmen, wird sich nie der Armee stellen. Er wird auch sein Amt nicht niederlegen, solange er seine Abberufung nicht in den Händen hat und der Trust im Hintergrund steht. Er weiß genau, was ihm geschieht.«

»So schlimm ist es?«

»Noch schlimmer, Madam! Ihr Bruder hat alle Brücken zu einem normalen Leben hinter sich abgebrochen. Er wird sich auch von Ihnen nicht überreden lassen. So leid es mir tut, Ihnen das sagen zu müssen, Sie hätten sich diesen Trail ersparen sollen.«

»Aber er ist doch mein Bruder!«

»Der nicht weiß, was für eine tapfere Schwester er hat, Madam«, erwiderte Horty ruhig und sah sie fest an. »Wenn Sie mich brauchen, Sie können jederzeit mit mir rechnen. Ich werde Ihnen immer zur Verfügung stehen.«

»Heißt das, dass Sie beim Treck bleiben werden?«

»Drummond hat es durch Ihre Hilfe geschickt verstanden, mich zu halten, Madam. Ich bedaure es nicht. Ich bin schon oft in einem Wolfskäfig gewesen, und viele Wölfe haben immer wieder versucht, mich zu beißen.«

Er sprach jetzt so laut, dass auch Shark, Scott und Wells ihn verstehen konnten. »Ich habe jedoch ein Zaubermittel gegen Wölfe, Madam«, sagte er, wobei er von Wells seinen Waffengurt entgegennahm, den dieser auf Hortys Wink herüberbrachte. Hortys Fingerspitzen strichen über die schmucklosen Kolben hinweg, dann legte er Gurt und Holster griffbereit neben sich. »Nur keine Sorge, Madam. Wir sind zwar nur zu viert, aber ich versichere Ihnen, dass wir vier eine schnelle Kugel schießen und Sie herausbeißen werden, falls es notwendig sein sollte.«

»Lonestar, Sie sehen zu schwarz, für mich befürchte ich nichts!«

»Pannemakers anmaßendes Auftreten hat mir eine andere Überzeugung beigebracht, Madam«, erwiderte er ihr ruhig. »Es könnte sein, dass Ihr Bruder nicht mehr mitmachen will. In diesem Falle sind Sie den Kerlen wie gerufen gekommen.«

 

 

6. Kapitel

 

Sehr nachdenklich ging Lucie McLean davon. Die Männer blickten hinter ihr drein. Wer sie weggehen sah, hätte sie gewiss für einen schlanken, hochgewachsenen jungen Burschen gehalten. Sie trug eng anliegende Hosen, eine Hemdbluse und einen Stetson mit flacher Krone, der von einer Kinnkordel gehalten wurde. Als sie sich kurz vor ihrem Wagen noch einmal umwandte und zurückblickte, wirkte sie wahrhaftig nicht mehr wie ein junger Mann, denn es war alles richtig an ihr, so wie ein Mann es sich nur wünschen konnte.

»Sie ist wahrhaftig wie ein Sonnenstrahl in diesem düsteren Camp«, sagte Scott nach langer Pause. »Sie übertrifft alles, was ich an Schönem sah.«

»Rotkopf«, knurrte Shark säuerlich, »komm wieder mit beiden Stiefeln auf den Boden zurück. Für dich wird dieser Sonnenstrahl nicht scheinen.«

»Du hast sicherlich Erfahrung darin, Leward«, erwiderte Scott, ohne eine Miene zu verziehen. »Schließlich hast du einen Hausdrachen, vor dem du ausgerückt bist und kannst Vergleiche ziehen!«

Shark gab keine Antwort. Er knurrte Unverständliches in seinen Stoppelbart hinein. Wells lachte leise vor sich hin, und Scott fuhr fort: »Es ist ein Unterschied, Leward, ob man die oder jene Frau hat.«

»Wem sagst du das?«, erwiderte Shark bissig. »Ich wollte mein Leben lang ein freier Mann bleiben und immerzu durch die Welt reiten. Aber eines Tages fand ich sie und ihre Familie. Mit letzterer hatte ich nicht gerechnet. Sie aber rechnete umso mehr mit mir, und ich bekam es bald zu spüren. Schon beim ersten Besuch setzten mich Schwager und Schwiegervater unter Whisky. So kam es schließlich, dass Balubeeh und nicht Marry meine Frau wurde. Man hatte mich mit Balubeeh verheiratet.«

»Ich habe sie kennengelernt«, unterbrach ihn Scott in ehrlichem Mitgefühl. »Ich hatte mich schon oft gefragt, wie du an diese Frau gekommen bist!«

»Balubeeh schwang gleich das Zepter über mir«, fuhr Shark fort. »Ich habe mich bis heute nicht davon erholen können!«

»Sie trieb dich, wie man so sagt, immerzu in eine Corralecke?«

»Genau!«, sagte Shark offen. »Sie trieb es solange, bis ich heimlich, bei Nacht und Nebel, davonschlich und mich empfahl. Es ist sicher, dass die ganze Familie mich in Empfang nehmen wird, falls ich mich blicken lasse, und das wird schlimmer sein, als zu Fuß und unbewaffnet mitten durch die Oglala-Horde zu gehen. Nun, ich gestehe, dass mir vor dem Heimkommen graut, aber eines Tages werde ich es tun. Dann stehe Gott mir bei!«

»Wie lange bist du schon aus dem Corral ausgebrochen, Leward?«, fragte Scott in der Absicht, Horty aufzuheitern.

»Vier Jahre«, sagte Shark. »Sie vergingen im Fluge. Wenn ich einmal sehr müde bin, kehre ich in den Schoß der Familie zurück. Ich wollte zwar als reicher Mann allen Verwandten imponieren, aber es wird wohl so sein, dass ich wie ein echter Satteltramp nach Hause komme.«

»Das heißt, wenn Balubeeh dich nicht vorher suchen kommt.«

Shark erblasste, machte eine rasche, abwehrende Bewegung und stieß hervor: »Male den Teufel nicht an die Wand, Dave! Sie bringt es fertig …«

Was Balubeeh noch weiter fertigbringen würde, erfuhren die Partner nicht mehr. Jemand schrie vom Küchenwagen her: »Kommt und holt es euch!« Sofort nahm Wells die Kochgeschirre. Als er fort war, kam Drummond. Er blieb vor Horty stehen und musterte ihn mit schmalen Augen.

»Lonestar«, sagte der Wagenboss, »ich habe über dich nachgedacht, und ich nehme es dir nicht übel, dass du in deiner Erregung zu weit gegangen bist. Schwamm darüber! Ich halte mein Versprechen, und in Fort Eagle sollst du die Pferde bekommen. So lange bleibe mit deinen Partnern unser Gast.«

Lonestar überlegte. Er wusste, dass er keine andere Wahl hatte, als das Angebot anzunehmen.

»Halte mir nur Pannemaker vom Leibe, Drummond! Einmal konnte er davonkommen. Versucht er es noch einmal, wird man ihn noch vor Fort Eagle beerdigen müssen und du hättest einen Frachtwagenfahrer weniger!«

»Er hat seine Lektion bekommen«, erwiderte Drummond, »aber er wird sie nicht hinnehmen. Er wird auf seine Chance warten. Und das, Lonestar, geht nur dich und Pannemaker etwas an!« Drummond ging weiter, ohne eine Antwort abzuwarten.

Scott sagte heiser, als er außer Hörweite war: »Dieser gerissene Schurke! Er will unsere Wachsamkeit einschläfern.«

Er verstummte und sah durch die Speichen der Wagenräder hindurch zu den Oglalas hin, deren Schlussreiter mit ihren vom Kampfplatz geholten Toten gerade im Wald untertauchten. In diesem Augenblick sah Scott auch die Rauchsignale, die in der Richtung aufstiegen, in der fernab die Adlerschlucht und Fort Eagle lag. Lonestar und Shark wurden sofort aufmerksam und schauten ebenfalls in Scotts Blickrichtung.

Shark pfiff durch die Zähne.

»Nun, Leward?«, fragte Scott. »Du kannst die Signale sicher lesen. Lange genug hast du mit den Sioux Handel getrieben. Was signalisieren die roten Dreckwerfer?«

Shark winkte ab. Er beobachtete die Rauchsignale, die in unregelmäßigen Intervallen gegeben wurden, und wollte anscheinend dabei nicht gestört werden. Es störte ihn auch nicht, dass Wells mit dem Essen zurückkam und überall in der Wagenburg über die Rauchsignale diskutiert wurde. Ja, man hatte die Rauchsignale allgemein entdeckt und man versuchte sie zu deuten.

»Kommt ihr Krieger, Luta Wambli, der Rote Adler, ruft euch! Hier gibt es Beute, kommt schnell! Je stärker wir sind, umso sicherer ist uns die Beute, umso leichter werden wir sie erringen können.«

So ungefähr übersetzte Shark die Rauchsignale. Bald sollte es sich zeigen, dass Sharks Übersetzung der Wahrheit entsprechen musste.

Die große Horde der Oglala-Krieger wurde zwei Stunden später im eiligen Ritt gesehen, als sie einen fernen Hügelkamm überquerte.

»Sie ziehen wirklich ab«, sagte der junge Wells ungläubig. Man hörte die Erleichterung in seiner Stimme. Scott dämpfte die Freude des Jungen, indem er nur antwortete:

»Sicher, sie ziehen ab, weil wir ihnen ein zu harter Brocken sind und sie sich an uns die Zähne ausgebissen haben. Sie haben etwas entdeckt, was ihnen leichter zu erobern scheint. Wir wissen nicht, was es ist, wir können es nur vermuten.

Sicher ist, dass dabei weiße Männer getötet werden. Vielleicht ist es ein Goldtransport aus der Adlerschlucht oder ein Siedlertreck, der vom Bozemanweg abgekommen und von einem hinterhältigen, mit den Sioux sympathisierenden Scout in eine Falle gelockt wurde. Vielleicht sind Frauen und Kinder dabei. Junge weiße Frauen und Kinder, die jetzt um ihr Leben bangen.«

Horty erhob sich. Er hatte sich so weit erholt, dass er ohne zu wanken stehen und gehen konnte. Ohne ein Wort zu sagen, suchte er Drummond und fand den Wagenboss bei den Pferden im Wagenburginnern.

»Drummond, du hast die Rauchsignale gesehen und gedeutet?«

»Gewiss, wir alle atmen auf. Wir werden sofort weiterfahren«, sagte Drummond. »Wir werden die Gelegenheit nutzen. Ein Glück, dass die roten Schufte uns nicht weiter belästigen.«

»Du hast zwanzig schwer bewaffnete Reiter, Drummond.«

»Was, zum Teufel, willst du eigentlich, Lonestar?«

In Drummonds Augen waren dunkle Schatten.

»Fällt es dir so schwer es herauszufinden, Drummond?«

»Lonestar, ich bin hier der Wagenboss! Meine zwanzig Reiter sind zum Schutz der Frachtwagen da. Sie kosten mich eine ganze Menge. Ich sehe nicht ein, weshalb ich sie losschicken sollte. Das Risiko, sie hinter den Oglalas dreinzuschicken, ist mir zu groß. Das gilt nicht nur für meine Reiter, sondern auch für die Fracht. Schlage dir Unmögliches aus dem Kopf, Lonestar.«

»Das wollte ich nur wissen«, erwiderte Horty Lonestar sehr sanft. Wieder blickten sich die beiden so ungleichen Männer scharf an. Offene Feindschaft lag in ihren Blicken. Weder der eine noch der andere gaben sich noch Mühe, es zu verdecken.

»Ich will dir etwas sagen, Freund«, sagte Drummond herrisch: »Was kümmern mich die andern, wenn es darum geht, die eigene Haut zu retten. In Fort Eagle hat man die Rauchsignale gewiss ebenfalls gesehen. Wenn Captain McLean nichts unternimmt, nun, dann ist es etwas anderes. Seine Pflicht ist es, über die letzte Teilstrecke des Bozemanweges zu wachen. Wenn er kein Risiko eingeht, dann brauche ich erst recht keins einzugehen. Lonestar, sei froh, dass du deine Haut bis nach Fort Eagle retten kannst!« Er wandte sich barsch von Lonestar ab und blies in ein Horn.

Das Signal wurde sofort verstanden. Männer eilten zu den Zugochsen, um sie ins Geschirr und vor die Frachtwagen zu bringen. Andere beschäftigten sich mit den Pferden. Pannemaker erschien nicht. Er lag in seinem Wagen, und ein anderer musste die Arbeit für ihn tun.

Lonestar holte sich seinen rostroten Wallach aus dem Seilcorral. Er prüfte die Sattelgurte. Die Wagenburg fuhr auseinander. Die Reiter flankierten den Treck.

Weiter ging es! Die Rauchsignale wurden noch immer gesandt, doch Drummond dachte nicht daran, seine Reiter einzusetzen. Nein, er dachte nicht daran, weißen Menschen zu Hilfe zu kommen.

Man konnte es ihm nicht einmal verübeln, denn niemand wusste, wann die Sioux wieder angreifen würden, und ohne die Reiter hätten es die Männer auf den Gespannen sehr schwer gehabt, mit den heidnischen Kriegshorden fertig zu werden.

Und wieder ritt Lonestar als Flankenreiter neben dem Treck. Seine Partner hatten den Wagen gewechselt und saßen nun neben einem anderen Fahrer auf dem Bock.

Shark hatte sich sogar seine Stiefel angezogen und Scott von irgendwoher einen krempellosen Stetson bekommen, der sein feuerrotes Haar verdeckte.

»Das ist gut so«, hatte Shark gesagt, als Scott die verwaschene Kopfbedeckung aufgesetzt hatte. »So wird dein Skalp verdeckt und fordert die Dreckwerfer nicht mehr allzu sehr heraus!«

Scott antwortete mit einem Fluch und umklammerte die Winchester auf seinen Knien stärker.

Meile um Meile trotteten die Ochsen. Der Treck kam wie im Schneckentempo vorwärts.

Die Spuren von unbeschlagenen Pferdehufen mehrten sich.

Mittags wurde nicht gerastet, sondern weiter durchgefahren, und als die Sonne untergehen wollte, sah man die Wachttürme von Fort Eagle und bald darauf das stark befestigte Fort.

Es war kaum zu glauben, dass man, ohne weiter von den Sioux behelligt worden zu sein, zum Fort kam.

Horty betrachtete das stark befestigte Bollwerk sehr aufmerksam. Es bestand aus zwei ineinander geschachtelten Anlagen, dem Außen- und dem Innenhof. Die Gebäude und Palisaden waren fest gefügt.

Von den Wachttürmen hallten Begrüßungsschüsse. Bald darauf drängten sich viele Neugierige, Soldaten und Zivilisten, auf den Laufgängen hinter der Palisadenwand.

Man sah auf den ersten Blick, dass viele Menschen in der Anlage Zuflucht gesucht hatten. Bei den Neugierigen, die vom Kampfgang her den langsam näherkommenden Treck beobachteten, befanden sich einige Frauen.

Das große Palisadentor öffnete sich, ein Zeichen, dass die Festung groß genug war, um die Wagenkolonne aufzunehmen. Die Wagen brauchten also nicht im Schutz des Forts zu einer Wagenburg zusammengefahren zu werden.

Aus dem Innern der Befestigung kam ein Sergeant, begleitet von einem Dutzend Kavalleristen, herausgeritten. Die Soldaten saßen gerade in den Sätteln und ritten ausgerichtet wie auf dem Exerzierplatz.

Vor dem Treck hielten sie vor Drummond, der mit seiner Reitergruppe ebenfalls anhielt, die Pferde an. Der Sergeant tippte an die Stetsonkrempe, wobei er zu Drummond sagte:

»Tut mir leid, dass Captain McLean nicht zur Begrüßung kommen konnte, Sir!«

Drummond hob überrascht den Kopf höher und sagte scharf:

»Sergeant, ich bestehe darauf, dass Captain McLean kommt! Kehren Sie um und holen Sie ihn!« Der Sergeant rührte sich nicht, sondern sah Drummond nur aufmerksam an. Trotz und Genugtuung leuchteten in seinen Augen auf. Beides kam auch jetzt in seinen Worten zum Ausdruck, als er sagte: »Sie haben mir nichts zu befehlen, Sir! Ihre Geschäftsverbindungen zu Captain McLean ändern das nicht. Ich habe die Tore öffnen lassen, und Sie werden jetzt Ihre Frachtwagenkolonne ins Fort fahren. Ich beschlagnahme hiermit die Fracht, Sir Drummond!«

Es war, als wäre aus heiterem Himmel ein Blitz niedergefahren. Drummond riss seine Augen weit auf und lachte dröhnend.

»Sie sind übergeschnappt, Sergeant!«, entfuhr es ihm. Sein Gesicht erstarrte zur Grimasse, während er fortfuhr: »Ich dulde keine schlechten Witze, Sergeant! Das dürfte Ihnen hinlänglich bekannt sein!«

Seine Raureiter formierten sich inzwischen so, dass sie von allen Seiten die Kavalleristen umringt hatten.

»Für diese persönliche Beleidigung ziehe ich Sie noch besonders zur Verantwortung!«, entgegnete der Sergeant trocken. »Es wäre besser, Sir, wenn Sie es ruhig hinnehmen würden. Die Menschen im Fort leiden bittere Not. Ich weiß, dass Sie Lebensmittel fahren und zur Adlerschlucht bringen wollen. Diese Lebensmittel werden hier für Frauen und Kinder dringend benötigt.«

»Sergeant, das können Sie mit allen Frachtfahrern machen, für mich gilt die Beschlagnahme nicht!«

»Sie sollten sich umsehen, Sir, zwei Kanonen sind auf uns gerichtet«, sagte der Sergeant ruhig. »Wir haben mit Schwierigkeiten gerechnet. Die Armee wird Ihnen die Ladung vergüten. Das dürfte gerade Ihnen nicht unbekannt sein. Machen Sie aus dieser Sache kein Drama, sondern behalten Sie und Ihre Leute die Nerven!«

»Den Teufel werde ich!«, sagte Drummond böse. »Ich kam hierher, um Captain McLean vier Männer zu übergeben, damit er sie zu Soldaten machen kann.« Bei diesen Worten blickte er zu Horty hin, hinter dem sich zwei seiner Raureiter mit ihren Pferden postiert hatten und die Eisen zogen. Dann blickte er zu Wells, Scott und Shark hin, die von drei Frachtwagenfahrern mit vorgehaltenen Winchestern herangetrieben wurden. Drummond nickte zufrieden und fuhr fort: »Nur deshalb kam ich, Sergeant! Übernehmen Sie die vier Burschen und nehmen Sie ihnen die Waffen ab. Denn ich will selbst mit Captain McLean sprechen, weiter keine Zeit versäumen und zur Adlerschlucht weitertrailen.«

Hinterhältig und gemein hatte man Lonestar, Scott, Wells und Shark überrumpelt.

»Boss«, wütete Scott, als er mit Wells und Shark nahe genug heran war, »diese Schufte! Ich habe bereits Schlimmes geahnt, aber dass sie uns wirklich in diesem verteufelten Fort abliefern wollten, das …«

»Wir werden wieder in Uniformen gesteckt, Boss«, sagte Shark, »das ist mir lieber als in dieser verruchten Gesellschaft zu bleiben. Drew, Junge, nimm es nicht so tragisch!«, wandte er sich an den bleichen Wells, dessen flammender Blick Drummond nicht ausließ. »Zur rechten Zeit wirst du so erwachsen sein, dass du dir einen gewissen Burschen vor die Eisen holen kannst.«

»Was soll das?«, wandte sich der hagere Sergeant an Drummond.

»Sergeant, machen Sie keine Geschichten, übernehmen Sie die Männer und lassen Sie mich Captain McLean aufsuchen. Sonst ergeht es Ihnen übel!«

In diesem Moment hörte man aus einem der Wagen, die weiter im Hintergrund ebenfalls zum Halt gekommen waren, einen Schrei. Im nächsten Moment sah man einen schlanken, knabenhaften Körper über den Wagenkasten springen.

Pannemakers Gestalt tauchte an der Wagenplane auf und verschwand sogleich wieder. Er mochte einsehen, dass er Lucie McLean nicht mehr aufhalten konnte, die so schnell sie konnte bis zur Reitergruppe lief und atemlos anhielt. Der Sergeant sagte nochmals: »Sir Drummond … was soll das?«

»Fragen Sie ihn nicht«, erwiderte Lucie McLean an Drummonds Statt. »Er wollte mich durch seinen Leibwächter Pannemaker im Wagen festhalten, aber ich entkam ihm. Ich lasse mich nicht mit Gewalt daran hindern, am Ziel meiner Reise auszusteigen. Ich bin am Ziel! – Das ist doch Fort Eagle?«

»Ja, Madam«, sagte der Sergeant verwundert.

»Mein Bruder, Captain McLean, ist hier Kommandant?«

»Madam, Captain McLean war bis gestern Nacht Kommandant«, erwiderte der Sergeant höflich, wobei er seinen Blick von dem Mädchen auf Drummond und wieder zurückschweifen ließ und sich gerader im Sattel aufsetzte.

»Es tut mir leid, Madam. Ihr Bruder hat gestern Nacht mit einer Horde Zivilisten und Soldaten fast alle Lebensmittel aus dem Fort herausgeschafft und ist auf und davon. Er ließ sogar seine Uniform im Fort zurück, so eilig hatte er es, und mit Recht! Eine Kontrolle ergab, dass er das Vertrauen, das alle in ihn setzten, schmählich missbrauchte. Er, der allein die Kontrolle über den Proviant hatte, hat uns alle verraten und betrogen. Seine Helfer waren die Magazinverwalter und alle Kerle, die damit zu tun hatten, für die Lebensmittelrationen zu sorgen. Tut mir leid, Madam, dass ich Ihnen Derartiges berichten muss.« Bei diesen Worten zog er so schnell seinen Revolver und schoss ihn ab, dass nicht einmal Drummond ihn hindern konnte.

Höflich wandte sich der Sergeant dann an den Wagenboss: »Sir, das war ein Signalschuss für die Kompagnie. Sie wird jetzt herausreiten und jeden Widerstand verhindern. Bei Ihnen und Ihren Männern ist mit Derartigem zu rechnen. Ihre Freunde, Drummond: Steveland, Bennett und Satter, haben sich ebenfalls mit Captain McLean zur Adlerschlucht abgesetzt. Bis vor wenigen Augenblicken vermutete ich, dass es nur um die Lebensmittel ging. Jetzt weiß ich, dass mehr dahinter steckte, Drummond, dass nicht nur Captain McLean zum Trust gehört, sondern …«

»Zum Teufel, was sonst noch?«, schrie der Wagenboss mit vor Zorn entstelltem Gesicht, aufgewühlt vom Erfolg des Schusses, der nun eine Kompagnie Kavalleristen aus dem Fort trieb. Erregt war er auch über die völlig verwandelte Lage und die Gewissheit, dass ausgerechnet seinem Frachtwagenzug das Gleiche geschehen musste, was vielen Frachtwagen vorher geschehen war.

Er war so erregt, dass er nicht die Blicke bemerkte, die der Sergeant mit Horty tauschte, und er sah nicht einmal, wie schwer Lucie McLean von der Hiobsbotschaft getroffen worden war und kaum noch auf den Beinen stehen konnte. Mit fahrigen Händen strich sie sich die schwarzen Haare aus der Stirn.

»Was gibt es sonst noch, heh?«, brüllte Drummond den Sergeanten an, doch der ließ sich nicht aus der Fassung bringen und entgegnete ruhig:

»Es gibt einen neuen Kommandanten, Drummond.«

»Das … das ist nicht möglich!«

»Nur weil der Kurier nicht angekommen ist, Drummond?«, mischte sich Horty ins Gespräch.

Es war, als hätte Drummond einen Schlag mitten ins Gesicht bekommen. Er fuhr im Sattel zu Horty herum.

»Was weißt du davon?«

»Mehr als du glaubst!«, war die harte Erwiderung. »Der Tod eines Kuriers wird niemals eine wichtige Entscheidung der Armee verhindern können!«

»Ich Narr!«, sagte Drummond heiser, »mein Gefühl hatte recht. Ich hätte dich mit deinen Partnern niederschießen sollen. Wer bist du wirklich?«

»Drummond«, meldete sich der Sergeant, »ich will es Ihnen sagen. Es ist der neue Fortkommandant, Captain Lonestar!«

Aller Augen richteten sich auf Lonestar. Die beiden Kerle hinter ihm nahmen ihre Winchestermündüngen sofort von seinem Rücken weg und trieben ihre Pferde zur Seite.

»In diesem Falle brauche ich mich wohl nicht erst vorzustellen, Sergeant O’Conner«, sagte Captain Lonestar ruhig. Mit scharf klingender Stimme fuhr er Drummond an: »Lassen Sie Ihre Männer die Waffen ablegen, Drummond. Nehmen Sie die Hände hoch. Ich verhafte Sie hiermit!«

»Mich?«, keuchte Drummond und stieß ein schauerliches Gelächter aus. »Wie wollen Sie das begründen, Captain?«, Er schielte dabei zu seinen Leuten hin, die sehr von der schnell anrückenden Reiterschar der Kavallerie beeindruckt waren und unruhig in den Sätteln hin und her rutschten. Er wägte offensichtlich seine Chancen ab und kam wohl sehr schnell zu der Überzeugung, dass in diesem Spiel der andere die besseren Karten hatte.

Fliehen konnte er nicht mehr und seine Leute in einen mörderischen Kampf schicken, noch viel weniger. Er sah seinen Männern an, dass sie jeden Kampf verweigern würden. Die Tatsache, dass der neue Fortkommandant Captain Lonestar hieß, schien sie ganz besonders zu beeindrucken.

»Ich verhafte Sie, Drummond, und klage Sie des Mordes an Wells’ Vater, der Beihilfe zum Mord an meinem Halbbruder, Leutnant Reming, ferner des Friedensbruchs und des öffentlichen Aufruhrs, der Begünstigung des schweren und leichten Diebstahls an militärischem Eigentum an!«

»Das alles werden Sie mir erst beweisen müssen, Captain«, erwiderte Drummond.

»Sie gehören dem Trust an; Steveland, McLean, Satter und Benett ebenfalls. Allein das genügt schon, Drummond«, entgegnete Lonestar ruhig. »Versuchen Sie keinen Widerstand! – Sergeant, nehmen Sie den Mann fest und führen Sie ihn mit seinen Leuten ins Fort.«

»Absitzen, Freunde!«, sagte Sergeant O’Conner mit einer Stimme, der man die tiefe Genugtuung anhörte. »Alle legen die Waffen dort auf einen Haufen! Ihre Fahrer, Drummond, bleiben vorerst auf den Wagen.«

Sergeant O’Conner hatte die höfliche Anrede »Sir« fallen lassen. Man spürte, dass er sich vieles von Drummond hatte gefallen lassen müssen, als Captain McLean noch Fortkommandant war. Jetzt war er am Zuge.

Drummond und seine Raureiter folgten, wenn auch widerwillig. Die Übermacht war ihnen zu groß. Von zehn Kavalleristen umringt traten sie den Fußmarsch ins Fort an. Sergeant O’Conner übernahm den Befehl über den Wagenzug. Die schwerfälligen Wagen setzten sich in Bewegung. Soldaten ritten als Flankenreiter.

Lucie McLean, Scott, Shark und Wells aber ritten neben Captain Lonestar. Sie hatten sich der ledigen Tiere der Raureiter bemächtigt. Kurz vor dem weit geöffneten Palisadentor hielten Shark, Scott und Wells ihre Pferde ein wenig zurück, sodass Lonestar und das Mädchen Lucie allein ritten.

»Wer hätte das gedacht«, sagte Wells. »Mit einem Fortkommandanten ritten wir die ganze Zeit über zusammen, und er war ein echter Kamerad.«

»Mit dem Nachteil, dass er dich nun in eine Uniform stecken wird, Dave«, erwiderte Scott. »Jetzt geht mir ein Licht auf, Freunde! Die ganze Zeit über muss Drummond etwas geahnt haben.«

»Er sprach davon, dass der Kurier sein Halbbruder war. Hölle, ich möchte nicht in der Haut jener schuftigen Mörder stecken, die ihn zu Tode brachten. Schaut nur, Sergeant O’Conner hat Pannemaker aus dem Wagen gezerrt und treibt den Kerl vor sich her.«

Sofort schauten Scott und Wells zur Seite, dorthin, wohin Sharks Augenmerk gerichtet war. Pannemaker lief vor dem Pferd des Sergeanten, das ihn jeden Augenblick zu überrennen drohte. Man sah, wie Pannemaker schwitzte und wie um sein Leben rannte.

»Das bekommt er für die Behandlung des Mädchens. Dieser Sergeant O’Conner stammt sicherlich aus Texas«, sagte Wells. »Ich habe noch nie einen Mann so laufen sehen. Er hat bereits die Raureiterhorde überholt.«

Das stimmte. Sergeant O’Conner trieb den Kerl unerbittlich vorwärts. Erst vor dem Palisadentor, als Pannemaker völlig erschöpft schwankte und taumelte und zusammenzubrechen drohte, ließ Sergeant O’Conner von ihm ab.

Er war jetzt so nahe mit Pannemaker herangekommen, dass man dessen keuchenden Atem hören konnte.

»Du machst es hart, Sergeant«, sagte Scott zu ihm.

Sergeant O’Conner kam noch näher heran und blinzelte den drei Partnern zu.

»Ihr habt es nicht lange auf dem Bozemanweg ausgehalten, ihr drei«, sagte er. »Die Rückkehr fiel euch wohl sehr schwer?«

»Nicht so sehr, Sergeant«, sagte Scott. »Wir drei hatten nur einen Wunsch: Wir wollten Sie nur noch einmal auf dem Exerzierplatz herumbrüllen hören.«

»Ihr Guten, ich dachte schon, dass euch das Gold in der Adlerschlucht stärker anzog als meine Stimme. Wenn ihr es so haben wollt, werdet ihr es bald selbst erleben können.«

»Der Himmel stehe uns bei!«, erwiderte Shark, und Scott fügte hinzu: »Amen!«

 

 

7. Kapitel

 

Eine Stunde später waren die Wagen im Fort nebeneinander aufgefahren und Soldaten damit beschäftigt, die kostbare Fracht, die von der Armee beschlagnahmt worden war, in das Magazin zu bringen. Drummond und seine raue Bande mussten hart mit anpacken. Erst als diese Arbeit erledigt war, wurden Drummonds Leute in einem Schuppen eingesperrt und jeder Mann vorher sorgfältig durchsucht.

Wachtposten zogen vor dem Schuppen auf. Sie waren stark bewaffnet, und allein ihr Anblick verriet Drummonds Kerlen, wie gering die Aussichten zum Entkommen waren. Während Drummonds Leute in das spärlich eingerichtete Quartier einzogen, berichtete Sergeant O’Conner Captain Lonestar, dass er Pannemaker und den Wagenboss Drummond von den andern abgesondert, in eine extra gesicherte Zelle eingeschlossen habe und besonders scharf bewachen lasse. Die beiden Männer hätten getobt und sich gegenseitig beschimpft.

»Kommen wir zur Sache, Sergeant! Man sagte mir, dass ich zwei Offiziere in diesem Fort zur Seite hätte?«

Sergeant O’Conner nickte: »Leutnant Atleveil und Leutnant Simon!«

»Die Herren sollen sich sofort bei mir melden!«

»Das ist unmöglich, Captain. Beide sind geflüchtet und sollen angeblich in der Adlerschlucht auf einem Claim arbeiten. Das Gold lockte sie und ließ sie fahnenflüchtig werden. Man sagt auch, dass sie mit Captain McLean gemeinsame Sache machten.«

»Die Nähe der Adlerschlucht hat manchem Mann zugesetzt?«

»Gewiss, Captain! Es würde zu weit führen, wenn man alles erwähnen würde, was sich seit dem Errichten dieses Forts zutrug.«

»Nun gut, ich möchte eine Liste über die Personenzahl in diesem Fort, Sergeant.«

»Ich habe sie bereits aufgestellt, Captain«, meldete Sergeant O’Conner. »Es sind im Fort zu viele Menschen und die Rationen knapp. Bald werden die Sioux den Sturm auf das Fort fortsetzen, und man kann sich an den zehn Fingern ausrechnen, wann dieses Fort aufhört zu bestehen.«

»Es steht schlecht?«

»Mehr als das, Captain! Es gibt eigentlich nur noch einen Ausweg.«

»Und der wäre?«

»Durchbruch zur Adlerschlucht! Aber das hat viele Nachteile. Auch dort ist der Proviant knapp, und der bevorstehende Winter dürfte dort noch Hungerperioden auslösen. Viele von den in der Adlerschlucht arbeitenden Männern werden den Winter nicht überstehen.

Gewalt und Verbrechen herrschen in der Adlerschlucht. Mord und Totschlag wird es geben, wenn man um eine Handvoll Mehl oder Fleisch sich zerfleischen wird. Achttausend Männer aber bedeuten eine riesige Gefahr für die Frauen der Siedler, die ins Fort kamen. Sie, Captain, haben eine große Verantwortung übernommen, an der bereits ein Vorgesetzter zerbrach.

Auf der anderen Seite sind achttausend Männer aber eine Gewähr dafür, dass keine Sioux in die Adlerschlucht eindringen werden. Das ist aber auch alles. Wenn Sie selbst einmal in der Adlerschlucht waren, Captain, werden Sie feststellen, dass es in der Hölle nicht schlimmer sein kann.«

»Es leben einige Männer in dieser Hölle, die ich einfangen werde, Sergeant«, entgegnete Horty bitter.

Sergeant O’Conner sah ihn verwundert an, schwieg aber. Er dachte sich nur sein Teil. »Was soll mit diesen Kerlen Shark, Scott und Wells geschehen?«, lenkte der Sergeant auf ein anderes Thema ein.

»Nichts! Behandelt sie gut. Es sind meine Freunde.«

»Auch Captain McLean hatte Freunde, Sir!« Er brach ab, denn der eisige Blick, den er auffing, ließ ihn augenblicklich verstummen.

»Sergeant, ich verbitte mir diesen Vergleich. Ich habe einige Sondervollmachten mitgebracht. Sie waren für einige Offizier bestimmt. Nun gut, holen Sie die Korporale her. Sie werden diese Sondervollmachten zu lesen bekommen. – Noch eins! Wo ist Madam McLean untergebracht?«

»Im Innenhof, Sir, bei den Frauen. Sie scheint völlig verzweifelt zu sein und sich ihres Namens zu schämen. Jedermann hier weiß, was ihr Bruder getan hat. Es ist recht schlimm für sie.«

»Ich möchte nicht erleben, dass man sie schlecht behandelt, Sergeant!«

»Ich werde darauf achten, Sir«, erwiderte Sergeant O’Conner. »Darf ich jetzt erfahren, wann Drummond und Pannemaker das bekommen, was sie verdient haben? Im Außenhof gibt es eine Menge Bäume mit kräftigen Ästen. Sie werden nicht davon befreit werden, Captain, eine Jury zusammenzustellen. Hier draußen ist man nicht gerade zimperlich.«

»Sergeant, vor vier Jahren war ich Ihr Kompaniechef irgendwo in einem zivilisierten Lande. Wenn Sie der Meinung sind, dass das heute anders sei, so behalten Sie das für sich! Gehen Sie jetzt!«

Sergeant O’Conner machte kehrt und ging. Auf dem Flur begegnete er einem graubärtigen Korporal.

»Wie ist der Neue?«, wurde O’Conner sofort gefragt.

»Neue Besen!«, sagte Sergeant O’Conner wütend. »Ich kenne ihn von früher. Er wird uns auf Trab bringen, dieses verteufelte Fort bis auf den letzten Mann verteidigen und hoffen, dass irgendwann ein Wunder geschieht und die Armee Ersatz schickt.«

»Dann ist er doch genau so, wie du dir einen Fortkommandanten gewünscht hast?«

»Habe ich das? Nun, dann muss ich völlig betrunken gewesen sein. Vielleicht hätten wir mit Captain McLean in der vergangenen Nacht alle zusammen zur Adlerschlucht aufbrechen sollen.«

»Dann wäre dir auch nicht wohl in deiner Haut, Sergeant. Du hast die Rauchzeichen gesehen. Es fragt sich, ob McLean jemals die Adlerschlucht erreicht.«

»Geier sterben nicht so leicht. Dieser McLean geht nicht so einfach unter. Ich frage mich nur, weshalb er in einer solch verteufelten Situation seine Schwester herkommen ließ.«

»Das kann ich dir sagen: Ich bin sicher, dass er erst nach Black Petes Besuch zu der Überzeugung kam, alles stehen und liegen lassen zu müssen und mit dem wertvollen Proviant und seinen Freunden zu verschwinden, sodass er darauf verzichtete, seine Schwester zu empfangen.«

»Wie kommst du nur darauf?«

»Ganz einfach! Ich war in der Nähe und hörte, wie Black Pete McLean einige Männer beschrieb. Gestern habe ich mir nichts dabei denken können. Erst als ich den neuen Kommandanten sah, erkannte ich, dass er einer der Männer war, die Black Pete beschrieben hatte. Es müsste doch interessant sein, zu erfahren, ob der neue und der davongelaufene Captain sich von früher her kannten?«

»Das soll nicht meine Sorge sein! Das sollte auch dich wenig kümmern. Wir sind Soldaten, und wir haben zu gehorchen und zu kämpfen. Es genügt mir, dass in diesem Fort nur bewährte Leute sind und ein neuer Wind wehen wird.«

»Machen wir uns doch nichts vor, Amigo, nennen wir das Kind beim Namen. Wir gehören der Brigade der Verfemten an, und das, Sergeant, ist ein Los, das wir auf uns nehmen müssen! Auf uns schauen die Zivilisten mit ihren Frauen und Kindern. Sie vertrauen uns und hoffen, dass wir ein Wunder vollbringen könnten.

Dabei kann sich doch jeder an den zehn Fingern ausrechnen, wie es steht: Um uns die Hölle! Bis Fort Laramie sind es einige hundert Meilen, und dazwischen ein Land, das den Sioux gehört. Bis zur Adlerschlucht sind es nur wenige Meilen, doch dort in den Goldfeldern sind über achttausend Männer, die wie in einem Hexenkessel leben und wahrhaftig das Militär nicht gern sehen würden.

Das Fort aber ist immer noch der sicherste Platz. Was immer auch kommen mag, man sollte es nicht aufgeben. Bei einem richtigen Kommandanten können wir Jahre durchstehen!«

»Sam, wir haben ihn bekommen«, sagte Sergeant O’Conner. »Es wäre alles glatt und klar, wenn er dem Trust nicht eine private Rechnung vorzulegen hätte. Du musst wissen, dass sein Halbbruder, Leutnant Reming, der als Kurier McLeans Abberufung bringen sollte, von Leuten des Trustes niedergeschossen wurde.«

»Jetzt glaubst du, dass er seine private Rechnung an den Mann bringen wird?«

»Genau das glaube ich, Sam«, entgegnete O’Conner nachdenklich. »Ich glaube, dass er den Trust in der Adlerschlucht zerschlagen wird. Ich glaube, dass er, soweit es in seinen Kräften steht, etwas dafür tun wird, dass in der Adlerschlucht im Winter keine Katastrophe eintritt. Ich glaube, dass er sich eine schwere, schier unlösbare Aufgabe gestellt hat. Je länger ich darüber nachdenke, umso fester bin ich davon überzeugt.«

»Sergeant, er ist auch nur ein Mensch, und er wird es sich noch überlegen!«

»Nicht Captain Lonestar! Ich kenne ihn von früher her. Als er damals zu uns kam, war er bereits ein bekannter Mann, von dem man sich allerlei erzählte. Die Armee hat ihn wohl aus ganz bestimmten Gründen zu diesem verlorenen Fort entsandt.«

»Das heißt also, dass er sehr hart und rau ist?«

Sergeant O’Conner schüttelte den Kopf. »Ich schätze, dass er in bestimmten Dingen nicht das tun wird, was wir erwarten, dass er die Schufte Drummond und Pannemaker als Gefangene behalten wird, um sie später vor ein ordentliches Gericht zu bringen. Ich denke, dass er genau das tun wird, was er für richtig hält und sich durch niemand beirren lässt, genauso wenig, wie er sich in seinem Verhalten zu den Männer beirren lässt, die er unterwegs irgendwo aufgegriffen hat.«

»Scott, Wells und Shark?«

»Die meine ich, Korporal«, antwortete O’Conner. »Sicherlich wird er sehr nachdenklich werden, wenn er erfährt, dass Shark, Scott und Wells den Vertrag mit der Armee unterschrieben haben und eigentlich Soldaten sind und als Fahnenflüchtige behandelt werden müssten.«

»Ich habe die drei im Mannschaftslogis untergebracht«, erwiderte der Korporal. »Ich kam hierher, um weitere Informationen zu holen. Was geschieht mit den Deserteuren? Alle drei machten einen geschlagenen Eindruck, als sie nun erfahren mussten, dass man sie als Deserteure behandeln würde. Ich weiß nicht, was nun mit ihnen werden soll.«

»Frage Sie den Captain, Korporal«, riet ihm Sergeant O’Conner. »Es ist seine Sache, zu entscheiden, ob die Namen seiner Partner aus der Mannschaftsliste gestrichen werden sollen oder nicht.«

Korporal Sam nickte und ging weiter. Er klopfte an die Tür, und auf Hortys »Herein«, trat er in das Kommandantenzimmer. Er grüßte exakt, nannte seinen Namen und Dienstgrad und trug seine Meldung vor. Horty saß hinter dem schweren Schreibtisch. Er trug immer noch Zivil und spielte mit einem Brieföffner. Dabei sah er den Korporal aufmerksam an.

»Die Namen von Shark, Scott und Wells bleiben in der Mannschaftsliste!«

»Sir, in diesem Falle sind sie Kavalleristen und werden …«

»In diesem Sonderfalle werden sie weder am Exerzierdienst noch an einem Appell teilnehmen, Korporal. Sie stehen zu meiner besonderen Verfügung und unterliegen keinem soldatischen Zwang. Sie werden sich frei im Fort bewegen können. Das ist ein Befehl!«

»All right, Sir! Alle drei machen bereits davon ausgiebig Gebrauch. Es besteht der Verdacht, dass die drei sich abermals durch die Flucht ihren Verpflichtungen entziehen werden.«

»Nicht, solange ich hier Kommandant bin, Korporal«, unterbrach ihn Lonestar ruhig. »Es ist sicher, dass es durch raue Methoden zur Unterschrift des Armeevertrages meiner drei Partner kam. Ich will jedoch niemand dafür verantwortlich machen, denn für diese drei übernehme ich selbst die Verantwortung.«

Kaum hatte er das gesagt, wurde heftig an die Tür geklopft. Im nächsten Moment wurde sie geöffnet, und herein stürzte der kleine Shark. Er war kaum noch wiederzuerkennen. Sein linkes Auge war zugeschwollen, und seine Augenbraue war aufgeschlagen. Ein Blutgerinnsel lief über die linke Wange.

»Captain, ich möchte Sie sprechen«, sagte Shark erregt. Er warf dabei dem Korporal einen misstrauischen Blick zu, doch der entfernte sich, als ihm Captain Lonestar zuwinkte.

»Was ist los, Shark?«

»Eine Menge, Captain! In diesem Fort glaubte ich Ruhe zu finden. Wir drei haben die Gelegenheit sogleich benutzt, um zu baden. Als das geschehen war, gab man uns ein Quartier im Mannschaftslogis, und dann hielt man uns unsere unterschriebenen Armeeverträge vor die Nase. Captain, alle drei haben wir unabhängig unter Druck diesen Vertrag unterzeichnet.«

»Dann werde ich sie ungültig machen, Shark«, sagte Captain Lonestar und griff zu einer Liste, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Doch bevor er sie in den Händen hielt, sagte Shark:

»Captain, ich erkenne den Vertrag an!«

Ungläubig schaute ihn Lonestar an.

Shark nickte und schluckte schwer. »Lieber Soldat sein als Zivilist«, sagte er heiser. »Als Soldat hin ich doch nur der Armee untertan und habe nur ihr zu gehorchen?«

»Genau, Shark!«

»Dann ist es gut«, erwiderte Shark grimmig. »Ich habe nichts dagegen, wenn Sie, Captain, die Verträge von Scott und Wells zerreißen und ungültig machen. Ich bleibe bei der Armee!«

»Nur weil man ab und zu baden kann?«

»Nein, weil die Armee mir der sicherste Ort ist und mich vor meiner Frau schützen kann.« Bei diesen Worten atmete er schwer. »Sie ist wahrhaftig hier im Fort. Irgendwie hat sie in Fort Laramie herausbekommen, dass ich unter die Frachtwagenfahrer gegangen bin und ein kleines Geschäft mit Lebensmittelladungen machen wollte. Bei meinem Rundgang im Fort stieß ich unverhofft auf sie. Sie hatte auf mich gewartet und nutzte meine Überraschung.

Ich entkam ihr nur durch eilige Flucht und versteckte mich im Mannschaftsgebäude. Es war schlimm! Lieber will ich in die Höhle eines Löwen gehen, als nochmals mit ihr Zusammentreffen.«

»Shark, unter diesen Umständen könnte ich keiner Bindung an die Armee zustimmen«, entgegnete Captain Lonestar sanft. »Sie hat wahrhaftig eine Menge Strapazen auf sich genommen, um ein Wiedersehen zu ermöglichen. Aber ich will sie mir ansehen und dann meine Entscheidung treffen.«

Captain Lonestar musste mit aller Gewalt das Lachen unterdrücken.

Shark ging. Er war noch nicht lange fort, als es zum dritten Mal heftig an die Tür hämmerte.

Ohne Aufforderung trat jemand ein: Balubeeh Shark!

Niemand brauchte sie Horty vorzustellen. Gegenüber dieser Frau musste der kleine, schmächtige Shark geradezu wie ein Zwerg wirken.

Höflich stand Horty auf und verbeugte sich leicht vor ihr.

»Ich war gerade im Begriff, Sie aufzusuchen, Madam«, sagte er ruhig. »Es freut mich, dass Sie selbst kommen.«

»Das glaube ich weniger«, erwiderte sie mit hoher Stimme. »Ich will meinen Mann, und ich werde ihn aus den Armen der verteufelten Armee herausreißen. Lange genug bin ich ihm auf der Spur, und jetzt lasse ich ihn mir nicht einfach nehmen. Er kommt mit mir zurück zur Familie und wird seine Pflichten übernehmen!«

Lonestar ließ sie reden und setzte sich wieder. Eine Flut von Beschimpfungen und Verwünschungen prasselten auf ihn nieder. Er wappnete sich mit Gleichmut gegen das Gerede dieser Frau, die ihm von Minute zu Minute unsympathischer wurde. Es musste die Hölle auf Erden sein, mit ihr zu leben.

»Er kommt mir nicht davon! Ich kam nicht durch dieses wilde Indianerland, um ihn der Armee zu lassen.« Ihre Stimme drang wie aus weiter Ferne zu Lonestar hin. Als sie endete, sagte er ruhig:

»Tut mir leid, Madam! Ihr Mann hat einen Zehnjahresvertrag mit der Armee abgeschlossen. Die Armee kommt für die Familien ihrer Soldaten auf. Sie tut alles, damit die Angehörigen versorgt werden. Soweit es möglich ist, können die verheirateten Frauen im Fort wohnen.«

»Hier wohnen?«, schrie sie ihn an, »ich denke nicht daran, Captain! Es wird doch wohl noch andere Wege geben, um zu seinem Recht zu kommen!«

»Versuchen Sie es«, erwiderte Captain Lonestar sanft. »Der Beschwerdeweg steht Ihnen offen. Von Fort Laramie aus können Sie sich an die nächst höhere Dienststelle wenden. Doch vorerst ist der Weg nach Fort Laramie blockiert. Sie werden den Herbst und den Winter abwarten müssen. In der Zwischenzeit überlegen Sie es sich, ob es sich lohnt. So long, Madam!«

 

 

8. Kapitel

 

Die Begegnung der Eheleute sprach sich schnell herum. Für einige Tage war das ein Gesprächsstoff. Die Sioux belagerten das Fort nicht mehr, und weit und breit war kein heidnischer Krieger zu sehen. In diesen Tagen der Ruhe wurde mit vermehrtem Eifer an der Befestigung des Forts gebaut. Holztrupps zogen in die nahen Wälder. Der Brunnen, der mitten im Fort lag, wurde vertieft. Ständig patrouillierten Wachtposten, und Späher waren unterwegs. Neue Hoffnungen beflügelten die Menschen im Fort.

Es war, als wollte der neue Kommandant die Worte, die Amerikanisches Pferd, der große Sioux-Häuptling, über das Fort ausgesprochen hatte, widerlegen.

»Tela nun vela«, hatte der Häuptling über das Fort gesagt, und das heißt: »Schon tot und doch noch lebendig.«

Über das Fort war der Stab gebrochen worden. Es lag allein und einsam. In den Augen der Siouxhäuptlinge war es bereits dem Erdboden gleichgemacht, und über dem Fort breitete sich bereits die Ruhe des Todes aus. Aber das Gegenteil war der Fall! Captain Lonestar durchkämmte die Wälder mit den besten Scharfschützen nach Wild. Er erlegte mit seinem Jagdtrupp Antilopen, Rehe, Hirsche und Büffel. Das Fleisch wurde in Streifen geschnitten und an der Luft und der Herbstsonne getrocknet.

Man war noch mit dem Befestigen des Forts beschäftigt, als die Kundschafter eine große Ansammlung indianischer Krieger zwischen der Adlerschlucht und dem Fort meldeten.

Ein Schwarzfußindianer, der als Scout der Armee in Fort Eagle verpflichtet war und der seine Streifzüge besonders weit in das Siouxgebiet ausdehnte, meldete den Untergang eines Frachtwagenzuges, dessen ausgebrannte Wagen er auf dem Bozemanweg in Richtung Fort Laramie gesichtet hatte. Keiner der Fahrer und Begleiter war davongekommen. Was der Scout schilderte und an Hand von Spuren rekonstruierte, ergab ein grauenhaftes Bild.

Die Sioux waren auch in der Folgezeit nicht untätig. Die Gräuelnachrichten mehrten sich, denn noch immer zogen Trupps von Fort Laramie auf dem Bozemanweg, um zur Adlerschlucht zu gelangen. Das Goldfieber lockte immer noch Männer an, die wenig danach fragten, ob sich die Siouxstämme alle erhoben hatten und gnadenlos zuschlugen.

Doch die Armee regte sich nicht. Es kam keine Verstärkung. Man wusste bei der Armeeführung, dass der Herbst zu Ende gehen würde, bevor man Truppen entsenden konnte. Dann würde der mörderische Winter im Siouxgebiet jeder Abteilung bitter zusetzen. Was das bedeutete, konnte nur der richtig ermessen, der die Blau-Eis-Blizzards kannte, die klirrende Kälte und den weißen Tod brachten.

Captain Lonestar baute vor und ließ Vorräte an Holz ins Fort schaffen, die er mit Erde bedecken ließ, um sie vor den Brandpfeilen der Sioux zu schützen.

Von Männern, die aus der Adlerschlucht ausbrachen, erfuhr Captain Lonestar, dass McLean bei einem Streit mit Steveland von diesem erschossen worden war.

»Ich war selbst dabei«, berichtete ein bärtiger Digger. »Der ehemalige Fortkommandant hatte keine Chance. Als er merkte, dass er im Pokerspiel von seinen drei Partnern betrogen wurde, schrie er laut: Jetzt begreife ich endlich! Ich war ein verteufelter Narr! Ihr habt mich stetig hereingelegt!

Er sprang auf und warf den Tisch mit den Karten um. Totenbleich stand er vor den dreien, die ihn hämisch angrinsten. ›Ich begreife immer mehr, wie sehr ihr mich hereingelegt habt, Steveland‹, sagte McLean von unheimlicher Ruhe erfüllt. ›Ich hätte euch eher durchschauen müssen, dann wäre ich nicht davongelaufen und hätte meine Stellung behalten. Ich hätte meiner Schwester in die Augen schauen können.

Ich hatte ein Brett vor dem Kopf! Jetzt begreife ich, wie tief ich in den Abgrund gesunken bin. Nun gut, ich bin ein Verlorener und stehe zu tief im Sumpf, als dass ich mich jemals daraus erheben könnte.‹

Bei diesen Worten lachte Captain McLean bitter und gequält vor sich hin. ›Mit mir ist es aus‹, fuhr er fort, ›und nur die Gewissheit, dass Captain Lonestar der Mann ist, der euch die Stirn zeigen wird, ist meine letzte Genugtuung. Drummond und Pannemaker hat er bereits erwischt, und euch wird er ebenfalls erwischen!‹

›McLean, du irrst! Er wird es nicht wagen, hierher in die Adlerschlucht zu kommen‹, erwiderte ihm Steveland. ›Und was Drummond und Pannemaker anbelangt, nun die haben immer noch Beziehungen im Fort und werden sie zu nutzen wissen. Der große Lonestar hat alle Hände voll zu tun, wenn er das Fort halten und beschützen will. Bis zum Frühjahr haben wir Zeit. Diese Zeit werden wir nutzen, und wenn wir dann abziehen, sind wir reich und mächtig, du aber … bist tot!‹

Er schoss noch, bevor er den Satz beendet hatte. McLean traf der Schuss mitten in die Brust, aber er fiel nicht um, sondern versuchte ebenfalls zu ziehen. Sein Revolver kam halb aus dem Holster, als Bennett seine Waffe aufbrüllen ließ. Der Hass brannte in McLean jedoch so stark, dass er den Revolver in die Höhe bekam. Feuern konnte er nicht mehr. Satter schoss als dritter Mann McLean mitten ins Herz. Er war nach diesem Schuss sofort tot.«

Der Digger verstummte, denn in diesem Augenblick öffnete sich die nur angelehnte Zimmertür völlig. Lucie McLean trat ein. Sie war totenbleich. In ihren wundervollen blau Augen schimmerten Tränen. Horty Lonestar sprang auf und wollte die Wankende stützen, doch sie wehrte ab.

»Ich kann es tragen, Captain«, hörte er sie sagen. »Es hat wohl so kommen müssen. Sie werden entschuldigen, dass ich unfreiwillig Zeuge dieses Gespräches wurde. Ich kam her, um Sie zu bitten, mir den Ritt zur Adlerschlucht zu ermöglichen. Jetzt ist das nicht mehr so dringend. Solange ich meinen Bruder lebend glaubte, hoffte ich, ihn dazu zu bringen, sich freiwillig der Armee zu stellen. Ja, jetzt kann ich warten, bis es Frühling wird, um sein Grab zu besuchen.«

»Madam, es tut mir leid …«

»Captain, mein Bruder hat sein Schicksal herausgefordert«, unterbrach sie ihn ruhig, wobei sie tapfer ihre Tränen niederkämpfte. »Ich kam zu spät zum Fort und werde zu spät zur Adlerschlucht kommen.« – Sie hatte noch die Kraft, sich von Captain Lonestar zu verabschieden und ging.

Captain Lonestar, der sie zur Tür begleitet hatte, sah hinter ihr drein. Sie lief aufrecht und stolz, eine mutige Frau, die sich gegen das Leid stemmte und sich nicht beugen ließ. Er war versucht, hinter ihr herzugehen, sie anzuhalten und in ihre Augen zu schauen. Die Versuchung war so stark, dass er sie kaum niederzwingen konnte.

»Sie hat dich eingefangen«, sagte er rau zu sich selbst, als der Digger gegangen war. »Ich werde ihr Zeit lassen und sie zur Besinnung kommen lassen müssen. Eines Tages werde ich es ihr sagen. Sie muss erst über den Tod ihres Bruders hinweg sein, dann aber …«

Er verstummte. Durfte er sich ihr je nähern? Die ungewisse Zukunft war alles andere als verlockend und nicht dazu angetan, Pläne zu schmieden. Vorerst musste jedes private Denken weit in den Hintergrund geschoben werden.

Captain Lonestar atmete schwer. Er trat zum Fenster und blickte in die Nacht, die sich wie ein dunkles Tuch vom Osten her ausweitete. Von den Palisaden her tönten dumpf die Schritte der Wachtposten auf dem Laufgang. Im Fort zwischen den Gebäuden bewegten sich Menschen. Einige Gruppen standen zusammen und diskutierten. Bald würde tiefe Stille herrschen. Das war jede Nacht so.

Es erinnerte an die berüchtigte Ruhe vor dem Sturm.

Captain Lonestar trug immer noch Zivil. Er hatte die Uniform, die seinem Dienstgrad entsprach, nicht angelegt. Seine Blicke tasteten nach dem Captainsrock, den McLean zurückgelassen hatte und der an einem Haken an der Wand hing. »So long, McLean«, sagte er heiser. Er verließ das Zimmer und ließ die Tür hinter sich zufallen.

Während er seinen Inspektionsrundgang antrat, dachte er an die Zeit vor vielen Jahren zurück. Er erinnerte sich an einen jungen Offiziersanwärter, der vielversprechend begabt, eine steile Laufbahn vor sich hatte.

Das Gold der Adlerschlucht und die leichte Lebensart hatten sein Schicksal entschieden. McLeans Grab lag jetzt irgendwo in der Adlerschlucht. Der Wind würde es bald glattfegen wie jenes Grab auf dem Bozemanweg, in das er, Captain Horty Lonestar, seinen Halbbruder gebettet hatte. Eine Rechnung stand noch offen. Die düsteren Schatten in Hortys Augen vertieften sich. Seine Rechte griff zum glatten Coltkolben und zog die Waffe halb aus dem Holster, um sie gleich wieder zurückgleiten zu lassen.

Er traf den Riesen Scott vor der Zelle von Pannenmaker und Drummond.

»Captain, ich habe mich für die Wachen einteilen lassen«, sagte der Rotkopf. »Am liebsten möchte ich mein Lager ganz hier aufschlagen, nur um nicht mehr Sharks Gejammer anhören zu müssen.

Der arme Bursche hat sich von seiner Frau einfangen lassen. Er zog zu ihr, und jetzt kommandiert sie ihn wie einen Hund herum. Man hat den beiden bereits ein Extrazimmer im dritten Block gegeben. Die Frauen ziehen sich von ihr zurück, und die Männer gehen ihr aus dem Weg. Captain, stecken Sie Shark in eine Uniform und befreien Sie ihn von ihr. Himmel und Hölle, das zarte Geschlecht habe ich mir ganz anders vorgestellt!«

»Ich kann nichts versprechen, Scott. Wo ist eigentlich Wells?«, lenkte Lonestar auf ein anderes Thema.

»Er treibt sich überall herum und macht Zielübungen. Seit dem Oglalaangriff auf den Treck hat er sich völlig verändert. Er scheint mit einem Schlag ein richtiger Mann geworden zu sein. Heute schoss er auf die Scheibe so gut, dass mir der Stetson hoch flog. Doch hierher kommt der Junge nicht. Es scheint mir, als wollte er Drummond nicht anblicken.«

»Er hat einen besonderen Grund dazu. Es ist nicht jedermanns Sache, in die Augen eines Mannes zu schauen, der den Vater umgebracht hat. Gib scharf auf ihn Acht, Scott! Der Trust wird versuchen, die beiden zu befreien.«

»Sie sollen es nur versuchen, Captain«, erwiderte Scott. »Nur über meine Leiche können die beiden in die Freiheit gelangen.«

Drei Stunden später sollte es sich auf schreckliehe Art bewahrheiten. Man fand den Riesen. Er war tot. Das Messer, mit dem man ihn meuchlings umbrachte, steckte noch in seinem Rücken. Er lag vor der Zellentür, die weit offen stand. Seine Remington-Winchester, mit der viele Siouxkrieger und nur wenige Kavalleristen ausgerüstet waren, war ihm zusammen mit seinem Revolver entwendet worden. Der Alarm, der die Entdeckung des Mordes und des Gefangenenausbruchs auslöste, riss Captain Lonestar aus dem Schlaf.

Sergeant O’Conner überbrachte ihm wenige Augenblicke später die Hiobsbotschaft.

Bei dem Toten befanden sich bereits Shark und Wells. Beide blickten nicht auf, als Captain Lonestar den Raum betrat. Beide knieten sie neben dem Toten nieder. Wells nahm mit einer fahrigen Bewegung seinen Stetson ab. Shark tat es dem Jungen nach.

»Sergeant!«

»Sir?«, meldete sich O’Conner.

»Stellen Sie fest, was weiter geschah und wieso die Schufte entkommen konnten. Schauen Sie bei den Pferden nach und fragen Sie herum. Niemand darf das Fort verlassen! Lassen Sie alle Ecken und Winkel, alle Verstecke im Fort durchsuchen. Bringt mir die beiden Schufte, ob tot oder lebendig! Bringt mir den verräterischen Schurken, der ihnen zur Flucht verhalf!«

O’Conner machte kehrt und stürzte davon.

»Nichts kann ihn zum Leben zurückbringen«, sagte Wells bitter. »Genauso hilflos blickte ich auf meinen Vater nieder, als er von Drummonds Kugel getroffen, tot am Boden lag. Diesmal haben sie nicht gewagt zu schießen und lautlos getötet. Captain, ich reite!«

»Ich schließe mich an«, meldete sich Shark düster. »Worauf warten wir noch? Die beiden Mörder können nur in einer Richtung reiten, dorthin, wo sie Hilfe finden könnten. Wir wissen zwar noch nicht, wie sie aus dem Fort herauskamen, aber das wird sich wohl gleich herausstellen lassen. Komm, Junge!«

Er packte Wells hart an der Schulter. Beide richteten sich auf. In ihren Augen brannten gelbe Lichter.

»Wartet!«, sagte Lonestar rau. Er spürte die Abwehr der beiden Männer.

»Wozu?«, brauste der junge Wells auf. »Ich kenne einen Siedler, der mir zwei Pferde, Sattel, Zaumzeug und Waffen leihen wird. Lange genug habe ich mich verkrochen. Die Angst ist endgültig vorbei, Captain!«

»Einen Augenblick, Junge! Du hast vergessen, dass ich nicht nur dein Partner, sondern auch dein Vorgesetzter bin«, unterbrach ihn Lonestar ruhig.

»Mit anderen Worten, Captain: Sie binden uns an den erpressten Vertrag? Sie wollen ein Unrecht gutheißen, das …«

»Bevor du weiter sprichst, mein Junge, und ausfallend wirst, will ich dich daran erinnern, dass wir mitten im Feindesland sind und hier ganz besondere Gesetze gelten.«

»Das gilt auch für mich, Captain?«, meldete sich Shark grimmig.

»Auch für dich, Shark«, erwiderte Lonestar ruhig.

»Shark«, wandte sich Wells heftig an den Kleinen, »mach, was du willst. Ich fühle mich nicht an die Armee gekettet. Ich berufe mich auf unsere Partnerschaft, Captain Lonestar.« Er schaute mit weit aufgerissenen Augen auf den Toten nieder. »Ich erinnere mich daran, Captain, dass auch Scott unser Partner war!«

»Das, mein Junge, habe ich nicht vergessen. Bettet Scott in den Nebenraum auf das Feldbett und holt den Feldarzt.«

»Wozu nur? Er kann doch nur Scotts Tod bestätigen, weiter nichts!« Shark verstummte, als er in Captain Lonestars Augen sah. Er kniff die Lippen fest zusammen und verzog sein Gesicht. Beide sahen sich an, doch dann taten sie, was Captain Lonestar ihnen befohlen hatte.

Wenig später kam Sergeant O’Conner zurück. Was er zu berichten hatte, warf ein klares Licht auf das Geschehene.

Korporal Sam war zusammen mit den Schuften Drummond und Pannemaker verschwunden. Vier Armeepferde fehlten. In Uniformen der Kavallerie gekleidet, waren Drummond und Pannemaker ohne Schwierigkeiten mit dem Korporal, der den Wachen am Tor zurief, dass er mit drei Reitern zu einer Patrouille ausreite, aus dem Fort herausgekommen und in die Nacht verschwunden.

Als O’Conner seinen Bericht beendete, kam Shark mit dem Feldarzt zurück.

Der Feldarzt konnte wirklich nur den Tod bestätigen. Er betrachtete das Messer genau. »Ich habe dieses Messer einmal in der Hand eines Frachtwagenbegleiters gesehen«, sagte er nachdenklich.

»Ich habe für Waffen, insbesondere für Messer, ein besonderes Gedächtnis. Dieses Messer gehört einem Mann namens Black Pete.« Er legte das Messer auf den Tisch. »Tut mir leid, Captain«, sagte er. »In den meisten Fällen komme ich immer zu spät.«

»Der vierte Reiter könnte Black Pete, das Halb-Blut, gewesen sein«, sagte O’Conner. »Irgendwie muss es dem Kerl gelungen sein, in einer Verkleidung ins Fort zu kommen. Ich verstehe nur nicht, warum Madam McLeans Zimmer offenstand!«

Es war, als hätte ein Peitschenschlag Horty getroffen. Er zuckte zusammen. Im nächsten Moment wirbelte er herum und stürzte aus dem Raum.

Er war atemlos, als er das Gebäude erreichte, in dem Madam McLean untergebracht war. Er brauchte nicht anzuklopfen, die Tür stand, wie O’Conner es gesagt hatte, sperrweit offen.

Nur einen Blick brauchte Horty Lonestar hineinzuwerfen. Die Spuren waren allzu deutlich sichtbar, ein Kind hätte sie lesen können. Es überlief ihn heiß und kalt. Er musste sich gegen die Wand lehnen, um Herr über seine plötzlich aufsteigende Schwäche zu werden. Wie aus weiter Ferne hörte er Sergeant O’Conners Stimme. »Das kann doch nicht wahr sein, Captain!«

Horty hob seinen Kopf und blickte zur Tür hin.

»Sergeant O’Conner, der vierte Mann war nicht Black Pete«, hörte er sich mit einer fremdklingenden, spröden Stimme sagen. Mit einem Ruck stemmte er sich von der Wand ab und stand etwas schwankend im Raum. Sergeant O’Conner wich bei seinem Anblick einen Schritt zurück.

»Bleiben Sie, Sergeant! Für die nächsten Tage übernehmen Sie das Kommando!«

»Captain, was wollen Sie tun?«

»Das sage ich nur Wells und Shark. Holen Sie die beiden her, Sergeant!«

O’Conner verschwand so eilig, als könnte er den flammenden Blick seines Vorgesetzten nicht mehr ertragen.

Captain Lonestar stand mitten im Raum. Seine schlanken, nervigen Hände senkten sich auf die Coltkolben herab und klammerten sich dort fest. Er schwankte noch, als er den Raum verließ und die Tür leise hinter sich zumachte, als wollte er die eigenartig wirkende Stille nicht verletzen. Er ging aufrecht, als er aus dem Haus trat und zwei Reitern seine Befehle gab.

Sergeant O’Conner brachte Shark und Wells. Er blieb außer Hörweite stehen, als sich Captain Lonestar mit beiden Männern leise unterhielt. Als die drei gingen, wischte sich Sergeant O’Conner fahrig über die Stirn, die mit kaltem Schweiß überzogen war.

»Korporal Sam«, sagte er wie im Selbstgespräch, »in einem hast du recht gehabt: jetzt gehörst du wirklich der Brigade der Verfemten an. Gott steh dir bei! Diesen Captain Lonestar kann nur noch der Tod aufhalten.«

Er beobachtete, wie die drei Männer auseinandergingen und wie zwei Kavalleristen drei Pferde aus dem Stall zogen und rittfertig machten. Wells verschwand im Mannschaftsquartier, und Captain Lonestar schritt in Richtung des Kommandantur-Gebäudes davon. Nur Shark bewegte sich auf eines der Häuser zu, in dem er mit seiner Frau untergebracht war. Sie empfing ihn an der Tür. Ihre keifende Stimme dröhnte laut durch die Nacht. »Wo steckst du nur, immerzu muss man dich aus einem Winkel herausholen! Diesmal werde ich dich …«

Shark gab keine Antwort und ging an ihr vorbei. Sie folgte ihm sofort. Dumpfer Lärm und Geschrei tönte aus dem Raum. Als er abbrach, erschien der kleine Shark. Er trug ein Bündel auf dem Rücken. Aufrecht schritt er an Sergeant O’Conner vorbei. Über die Schulter gewandt warf er ihm zu: »Wenn Sie ein gutes Werk tun wollen, Sergeant, holen Sie einen Eimer Wasser und gießen sie ihn meiner Frau über den Kopf. Wenn sie zu sich gekommen ist, bestellen Sie ihr, dass ICH von nun an den Ton angebe. Wenn ihr das nicht passt, soll sie sich zum Teufel scheren!«

Sergeant O’Conner war so überrascht, dass er keine Antwort geben konnte.

 

 

9. Kapitel

 

Drei Reiter waren unterwegs durch die Nacht. Wells und Shark saßen auf zwei gut genährten Kavalleriepferden. Sie folgten dem schnell reitenden Captain, der im Mondlicht tief gebeugt im Sattel saß und der Fährte von vier Pferden folgte.

Das Fort lag schon weit zurück. Drei Männer ritten im Indianergebiet. Bevor sie endgültig aufgebrochen waren, hatte Captain Lonestar noch besondere Instruktionen gegeben. Sergeant O’Conner hatte nochmals versucht, Captain Lonestar von diesem Ritt ins Ungewisse zurückzuhalten.

»Nur keine Sorge, Sergeant! Wir kommen zur rechten Zeit zurück. Sollte es brenzlig werden, wird auch das Fort unter Ihrer Führung jeder Übermacht der Sioux trotzen. Ich verlasse mich ganz auf Sie, Sergeant!«

Das war eine Belobigung, die O’Conner wohl, solange er lebte, nicht vergessen würde. Erst als Captain Lonestar mit Shark und Wells im scharfen Ritt in der Nacht verschwunden war, überkam O’Conner die schlimme Ahnung, dass man ihm eine große Verantwortung aufgepackt hatte. Sie begann damit, dass er Scott mit militärischen Ehren beerdigen lassen musste.

»Er war mein Kamerad und Freund, und er gehörte unserer Einheit an«, hatte Captain Lonestar gesagt. »Korporal Scott trug zwar nur für kurze Zeit die Uniform, aber das spielt keine Rolle, er starb als Kavallerist im Dienst!«

»Wem nützt die Beförderung zum Korporal etwas, am wenigsten doch dem armen Teufel«, sagte sich Sergeant O’Conner, doch hatte er es nicht laut ausgesprochen. »Wenn wir alle erst vor die Hunde gehen, ist es gleichgültig, ob man uns nachträglich um einen Dienstgrad befördert. Captain Lonestar, Wells und Shark, sorgt dafür, dass die Schurken ihrem verdienten Schicksal nicht entgehen. Reitet, damit das Mädchen befreit wird, und viel Glück auf den Weg!«

Das war ein Wunsch. Ein wenig Glück konnten die drei gut gebrauchen.

Sie ritten bis Mitternacht, wobei sie feststellten, dass alle Fährten, die sie von unbeschlagenen Pferdehufen sahen, zur Adlerschlucht zeigten.

»Wir müssen vom Bozemanweg herunter«, erklärte Captain Lonestar plötzlich und wies auf die Fährten der beschlagenen Pferdehufe, die aus der bisherigen Richtung abwichen. »Pannemaker, Drummond und der Korporal haben wie wir herausgefunden, dass es dort vor uns von Sioux wimmeln muss, und wollten kein Risiko eingehen. Sie versuchen auf einem Umweg zur Adlerschlucht zu kommen.«

»Captain, das verlangt wohl eine Entscheidung. Wenn wir jetzt weiterreiten, bekommen wir einen großen Vorsprung und sind vor den Schurken in der Adlerschlucht.«

»Oder ohne Skalp in den ewigen Jagdgründen, Shark. Ich glaube nicht, dass dir so etwas gefallen wird. Wenn wir weiterreiten, müssen wir durch viele Kriegstrupps der Sioux hindurch. Es ist sicher, dass sie Späher unterwegs haben und sehr aufmerksam sind. Man sagt, dass die Sioux ihre Feinde geradezu wittern können.«

»Nichts als Gerede, Captain«, sagte Shark. »Diese Heiden haben bestimmt kein besseres Riechorgan vom lieben Gott bekommen als wir. Wir sollten es versuchen!«

Das zeigte deutlich, mit welchem Grimm Shark erfüllt war. Er konnte nicht schnell genug an den Gegner kommen.

»Geduld!«, riet ihm Captain Lonestar sanft, wobei er seinen rostroten Wallach auf der von Pferdehufen hinterlassenen Fährte weitertrieb. »Nur mit der Ruhe, Shark! Vielleicht kommen wir alle drei schneller in die Hölle, als uns lieb ist!«

Shark antwortete nicht, und auch Wells blieb stumm. Weiter ging der Ritt durch die Nacht. Es war selbstverständlich, dass die drei Reiter jede Bodenwelle und jeden Nachtschatten ausnutzen, und dass sie ihre Umgebung mit scharfen Augen beobachteten.

Der Tod lauerte überall im Land. Er konnte aus jedem Busch, hinter jeder Bodenwelle, aus dem hüfthohen Präriegras schnellen und mit Kugeln und schwirrenden Kriegspfeilen die Attacke eröffnen.

Eine Stunde nach Mitternacht hielt Captain Lonestar seinen Wallach plötzlich an. Die beiden Partner machten es ihm augenblicklich nach.

Jetzt vernahmen alle drei die dumpf-klingenden Detonationen von Schüssen. Captain Lonestars scharfe Ohren hatten sie trotz des dumpfen Hufschlages wahrgenommen. Als der Captain, der sich im Sattel aufgerichtet hatte, jetzt zurücksank, hieb er nicht die Sporen über Weichen und Flanken seines Tieres, sondern sagte zu den beiden:

»Es ist seltsam … die Sioux kämpfen nur unter ganz besonderen Umständen in der Nacht. Sie tun es nur dann, wenn eine besondere Beute es ihnen wünschenswert erscheinen lässt, sich über die bösen Nachtgeister hinwegzusetzen. Sie glauben nämlich, dass ein Krieger, der in der Nacht stirbt, nicht den Weg in die ewigen Jagdgründe findet und ewig im Dunkeln herumirrt. Drummond mit seinen Kerlen hatte Pech. Er muss auf eine kleine Gruppe von Sioux gestoßen sein, die die weiße Frau bei ihm entdeckten. Jetzt kämpfen sie miteinander. Den Sioux geht es sicherlich um die weiße Frau.«

»Wenn wir zu spät kommen, Captain, geht sie durch alle Höllen. Warum haben die Schufte nicht mein Eheweib mitgenommen? Vor ihr wären alle roten Teufel davongelaufen. Mit ihr hätten sie geradewegs bis zur Adlerschlucht reiten können. Ich war ein Narr, dass ich das nicht ausnutzte und sie mitnahm. Sie fehlt mir jetzt.«

Captain Lonestar und Wells blickten den kleinen Shark erstaunt an. Der nickte und schluckte. »Seit unserem Aufbruch weiß ich, dass sie mir treu dienen wird. Das hat mich gewandelt und mich erkennen lassen, dass ich diese Frau eigentlich ganz gern habe. Wenn ich zurückkommen werde, nehme ich die Zügel straff in die Hände.«

»Viel Glück bei diesem Versuch!« erwiderte Wells spöttisch. Lonestar hatte nichts zu erwidern. Er winkte den beiden zu, ihren Ritt fortzusetzen. Jetzt ging es nicht mehr im Trab, sondern im Schritt vorwärts. Sie näherten sich vorsichtig dem Kampfplatz. Die Schussdetonationen wurden lauter. In der vor ihnen liegenden, vom Mondlicht angestrahlten Landschaft hoben sich bewaldete Hügel gegen den Nachthimmel ab. Beim Näherreiten kamen sie an Überresten eines verbrannten Wagenzugs vorbei.

»Unsere Wagen«, sagte Shark, als sie nahe genug heran waren und die noch sichtbare Beschriftung auf einem der ausgeplünderten, halb verbrannten Wagen im Mondlicht lesen konnten. »Jetzt brauche ich nicht mehr damit zu rechnen, sie jemals wiederzusehen.«

»Es war also gut, dass dir Captain McLean einen Schuldschein ausschrieb, Shark. Eines Tages wirst du ihn einlösen und blanke Dollars dafür zurückerhalten. Dann kannst du mich auszahlen.« Wells verstummte, denn abermals hatte Captain Lonestar das Zeichen zum Halt gegeben.

»Herunter von den Pferden«, sagte er. »Wir können sie nicht weiter mitnehmen und müssen sie zurücklassen. Wells, du bleibst bei den Pferden!«

»Captain, ich …«

»Tu, was ich dir sage, Reiter Wells! Das ist als Befehl aufzufassen!«

»Captain, der gute Junge hat seine Zivilmanieren noch nicht ablegen können. Vielleicht wäre es ganz gut gewesen, wenn ihn Sergeant O’Conner einigen militärischen Schliff beigebracht und ihn ein wenig auf Vordermann gebracht hätte.«

Shark lachte bei diesen Worten dumpf vor sich hin. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Der bittere Humor bei den Männern konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie ernst die Situation wurde.

In der Nähe waren die Sioux. Man wusste nicht, ob es eine starke oder eine kleine Kampfgruppe war, die sich im Feuergefecht befand. Das musste sich noch herausstellen.

Die drei glitten von den Pferden.

»Zieh die Stiefel aus, Reiter Shark!«, befahl Lonestar. Sharks Gesicht verzog sich im bleichen Mondlicht zu einem eigenartigen Grinsen.

»Nur zu gerne, Captain«, erwiderte er. »Erstens sind meine Blasen an den Füßen noch nicht verheilt, zweitens laufe ich sehr gerne auf leisen Sohlen, vor allem, wenn Sioux in der Nähe sind, und drittens hat mir mein verstorbener Großvater immer gesagt: ›Junge, achte darauf, dass du nicht immer die Stiefeln anbehältst, es könnte sonst sein, dass man in den Stiefeln stirbt, und das, Junge, wünsche ich nicht einmal meinen lieben Nachbarn‹.«

Er schwieg und zog die Stiefel aus. Er hing sie wie Captain Lonestar über das Sattelhorn. Es ist eigenartig, dass jeder Mann in der Nähe der Gefahr anders reagiert. Shark gehörte zu jener Sorte von Männern, die ihre Erregung durch Geschwätz abreagierten.

Wells war Sharks Geschwätz bereits überdrüssig geworden. Er atmete auf, als Captain Lonestar und Shark lautlos zwischen den Bäumen untertauchten und in der Richtung, aus der die Schussdetonationen erklangen, verschwanden.

Es wurde noch immer geschossen. In ungleichmäßigen Abständen krachte es. Wells’ geschultes Ohr hörte, dass es Remington-Winchester und Henry-Repetiergewehre alter Bauart waren, die im Jahre 1860 in der New-Haven-Waffen-Compagnie hergestellt wurden. Diese schwachen 44er standen weit hinter den Leistungen der Remington-Winehester zurück. Wie jeder Mann im Westen wusste er über Waffen genau Bescheid. Das Leben hing oft davon ab.

Wells lauschte den Schüssen, deren Feuerlichter, vom Buschwerk verborgen, er nicht sehen konnte. Er nahm die Zügel der drei Pferde und band die Tiere nebeneinander an einem der tiefhängenden Äste fest und wartete. Er fühlte sich zurückgesetzt und übergangen. Er ahnte nicht, dass ihn Lonestar nur wegen seines drängenden jugendlichen Ungestüms bei den Pferden zurückgelassen hatte. Ein Mann wie Wells konnte durch ein zu stürmisches Vorgehen alles in Frage stellen.

Wells wurde das Warten immer unerträglicher, denn jetzt verstummten die Schüsse. Vom Hang her drang ein schriller Aufschrei durch die Nacht und verstummte so plötzlich, dass Wells eine Gänsehaut über den Rücken lief. Selbst die Pferde standen ruhig mit erhobenen Köpfen, mit aufgeblähten Nüstern und nervös spielenden Ohren. Alle drei Tiere hielten die Köpfe in eine bestimmte Richtung.

Wells glitt augenblicklich von der kleinen Lichtung und aus dem Bereich des Baumschattens, unter dem die Pferde standen heraus in den dunklen Schatten des Gebüsches hinein.

Dort blieb er stehen und wartete weiter. Er fühlte, wie ihm der kalte Schweiß auf der Stirn stand und wie sein Instinkt unentwegt den leisen Atem der Gefahr spürte. Außer dem Rascheln des Blattlaubes im Winde war nichts zu sehen und zu hören.

»Es ist nichts«, sagte er sich, »hierher kommen die Sioux nicht.«

Er hatte das kaum leise vor sich hingesagt, als der rostrote Wallach ein leises, aber deutlich warnendes Schnauben vernehmen ließ. Im nächsten Moment drängten sich die beiden Armeepferde zur linken Hand unruhig hin und her. So viel wusste Wells: So benahmen sich Pferde nur, wenn sie Gefahr witterten, wenn Menschen in der Nähe waren, deren Geruch ihnen zuwider war. Bei Raubtieren verhielten sie sich ganz anders. Es war, als versuchten die Tiere sich näher an ihren Beschützer heranzudrängen.

In diesem Moment wusste er, dass er nicht warten, die Gefahr nicht auf sich zukommen lassen durfte. Er musste handeln, ehe sie so nahe heran war, dass sich die Pferde erschreckt losreißen und lospreschen würden. Er wusste, dass seine Kameraden und er von den Tieren abhängig waren, deren scharfer Geruch die Gefahr magisch anzog.

Er nahm sich noch die Zeit, seine Stiefel auszuziehen. Er ließ sie dort stehen, wo er sie auszog, doch gab er sich nicht mehr damit ab, sie um das Sattelhorn seines Pferdes zu hängen, sondern glitt, von seinem Instinkt gelenkt, zwischen den Büschen hindurch den Hang hinunter. Er verließ sich jetzt unbewusst auf seine innere Stimme, die so lebendig in ihm war, wie niemals zuvor.

Wells war kein Indianer. Seine Augen waren auch nicht so scharf, und es fehlte ihm die Gewandtheit zu verhindern, dass er Zweige und Laubwerk berührte und das Laub des vergangenen Jahres unter seinen Füßen raschelte. Außerdem waren die Wollsocken kein guter Schutz gegen Domen und aufrechtstehende Wurzelenden.

Er verletzte sich und kam zu Fall. Sein Glück war es, dass er dabei die Winchester, die er über den Rücken trug und auch seinen Revolver nicht verlor, denn als er sich vom Boden aufrappelte, sah er den ersten Siouxkrieger.

Nur fünf Schritte entfernt kam die heidnische Gestalt mit raubtierhafter Gewandtheit aus dem Busch genau auf ihn zugeritten. Eine grelle Lichtexplosion und ein scharfer, dröhnender Knall verwischten das Bild des Kriegers. Etwas Heißes brannte über Wells’ Rücken hinweg. Erst später wusste er, dass er seinen Revolver gezogen und nur einen Bruchteil früher feuerte als der Siouxkrieger, und dass seine Revolverkugel den Schuss des Kriegers ein wenig nur, aber doch entscheidend ablenkte.

Jetzt, nach dem Schuss, bemerkte er kaum, dass sein Revolver rauchte. Mit weit aufgerissenen Augen sah er auf die Gestalt, die im Feuerlicht gestürzt war und nun bewegungslos am Boden lag, als wäre sie mit der Erde eins. Vom Hügelkamm her drang ein schriller Wolfsschrei. Weiter unten am Hang wurde dieser Schrei erwidert.

Nur undeutlich sah Wells die Bewegung dort unten und riss die Winchester vom Rücken. Seinen Revolver steckte er hastig wieder ein. Schuss um Schuss jagte er heraus.

Am Hang blitzte es auf. Eine Kugel schlug unweit von ihm in den Boden. Sofort rollte sich Wells weiter, wechselte die leergeschossenen Patronenhülsen gegen neue Munition aus und wartete. Ja, er wartete auf das Mündungsfeuer des Gegners. Wells war ganz ruhig dabei und von einer eisigen Kälte erfüllt. Er wusste, dass er keinen Sioux an die Pferde herankommen lassen durfte.

»Das würde den roten Burschen so passen, uns drei barfuß durch ihr Land zu jagen«, redete er leise vor sich hin. »Die sollen sich wundern!«

Die Reaktion auf die plötzliche Begegnung mit einem Sioux war noch nicht eingetreten. Seine Gedanken beschäftigten sich noch nicht mit der Tatsache, dass sein Glück groß gewesen war und der Tod ihn schon berührt hatte. Nein, Wells’ Kampfeseifer war erwacht! Aus der Überraschung hatte er sich erholt, und jetzt blieb die kalte, nüchterne Entschlossenheit.

Wells hätte nun in Stellung bleiben und warten können. Er tat es nicht. Er glitt tiefer am Hang entlang. Dann stockte ihm plötzlich das Blut. Nur wenige Schritte seitlich lief eine Gestalt geduckt an ihm vorbei den Hang hinauf, mit so leisen Schritten, als hätte sie dicke Polster an den Füßen.

Wells, der die Gestalt mit dem prächtigen Federschmuck nur für einen Augenblick sehen konnte, bevor sie hinter den Büschen am Hang verschwand, hatte deutlich bemerkt, dass die Gestalt den rechten Arm seltsam steif hin und her schlenkern ließ.

Wells wirbelte sofort herum. Er wusste jetzt, dass es einen Wettlauf zu den Pferden geben würde, dass sein Gegner, von seiner Kugel gezeichnet und waffenlos geworden, nur noch eines erreichen wollte: an die Pferde heranzukommen!

Das zeigte deutlich, dass die Siouxspäher Lonestar, Shark und ihn beim Anritt beobachtet hatten und genau wussten, dass nur ein Mann bei den Pferden zurückgeblieben war.

Jetzt konnte Wells nicht weiter darüber nachdenken, was diese Gewissheit an Schlechtem in sich barg, dass sie den Tod von Shark und Captain Lonestar bedeuten konnte.

Nein, er musste jetzt handeln und stieß einen scharfen Ruf aus. Er rannte los. Diesmal ohne auf die Zweige zu achten, die ihm das Gesicht peitschten. Er spürte kaum die Verletzung am Rücken und die Schmerzen an den Füßen.

Wells war jung, er hatte noch die Elastizität der Jugend. Er erreichte die Lichtung zur gleichen Zeit mit dem roten Krieger, der gerade seitlich aus dem Busch brach und sein Kriegsbeil warf.

Wells duckte sich instinktiv. Das gefährliche Wurfgeschoß schlug hinter ihm in einen Stamm und blieb dort stecken.

Vielleicht war es der Anblick des riesengroßen Kriegers, dessen bemaltes Gesicht im bleichen Mondlicht wie eine Teufelsmaske wirkte, sodass Wells erster Schuss das Ziel verfehlte. Dadurch aber hatte der rote Krieger Zeit gewonnen und kam mit gewaltigen Sprüngen heran. Im Sprung riss seine Linke das Messer aus dem Gürtel.

Wells schoss aus einer Entfernung, in der er das Weiße im Auge seines Gegners sah. Mit rauchendem Eisen sprang er zur Seite.

Der riesige Indianer stürzte. Fast hätte er Wells beim Sturz unter sich begraben.

Wells’ Colt richtete sich blitzschnell auf den Gegner, doch er schoss nicht. Er mochte den Tod fühlen, der ihm verbot, die Waffe noch einmal auf einen Gegner abzudrücken, der sich mit letzter Kraft aufstemmte und aufhockte, sich mit dem Rücken gegen den Baumstamm lehnte, um aufrecht zu sterben.

In den dunklen Tieraugen des Kriegers waren die Schatten des Todes. In wenigen Augenblicken würde er zum Wanagni Yata, dem Sammelplatz der Seelen, gehen. Er starb nicht leicht, dieser Hunkpapa, dessen dunkler Oberkörper durch Tätowierungen verziert war. Auf den glatten, schwarzen Haaren trug er eine Federhaube mit besonderem Zierrat.

Sicherlich war er ein Häuptling. Er war zu stolz, zu Wells zu sprechen, obwohl dazu noch die Kraft in ihm war. Der Tod war nahe, das sah man deutlich.

»Wo sind meine Freunde, roter Krieger?«, wandte sich Wells an ihn. »Wo sind die Männer, die ihr angegriffen habt?«

Der Sioux schwieg. Eine steinerne Ruhe war in seinem Gesicht, das die scharfen Linien des Todes trug.

»Wo ist das Mädchen, Sioux?«, fragte Wells noch einmal, doch dann gab er es auf. Er fühlte die Verachtung und den Hass des Sioux’. Dumpfer Hufschlag trommelte durch die Nacht und entfernte sich rasch. In den Augen des Sioux’ leuchtete es auf, und dann hörte Wells, dass der Sterbende in einer Sprache, die er nicht verstand, zu singen begann.

Man brauchte Wells nicht zu erklären, dass es der Totengesang war. Der Gesang ging in einem unverständlichen Gurgeln unter und brach dann ab.

Wells beugte sich über den Sioux. Aufrecht und stolz war er gestorben. Ein Mann aus der großen Siouxnation, aus der Schar der roten Kämpfer, lebte nicht mehr.

Wells ging zu den Pferden zurück und beruhigte die nervösen, erregten Tiere, die an den Halftern zerrten.

Als er das geschafft hatte, lud er seine Waffen neu auf und wartete.

Eine Viertelstunde später hörte er am Fuß des Hanges die Stimme von Captain Lonestar seinen Namen rufen.

»Es ist alles in Ordnung, Captain«, erwiderte Wells.

Wenig später tauchten Captain Lonestar und Shark bei den Pferden auf.

 

 

10. Kapitel

 

»Wir kamen zu spät«, sagte Captain Lonestar bitter. »Drummond und Pannemaker haben den Durchbruch gewagt und sind mit Lucie McLean auf und davon. Unsere Ankunft hat die Sioux abgehalten, die Verfolgung aufzunehmen. Es war nur eine kleine Gruppe. Korporal Sam haben sie erwischt und skalpiert. Er liegt von Pfeilen durchbohrt drüben auf dem Hügelkamm. Reiter Wells, wir hatten Angst um dich!«

»Captain, wir sollten aufbrechen. Solange Drummond lebt, gibt es in meinem Leben keine ruhige Minute mehr.«

»Reiter Wells, wir fanden auf dem Hügel eine unbrauchbare Remington-Winchester und dann einen toten Krieger. Hier auf dem Kamm liegt ein toter Häuptling. Das mag unser Glück sein. Solange die Horde nicht einen neuen Häuptling gewählt hat, werden wir nicht verfolgt werden. »Korporal Wells«, du hast den Adoptivsohn eines berühmten Medizinmannes im Kampf besiegt. Großer Bär nannte er sich. Der Sitzende Stier, Sitting Bull, wird einen Adoptivsohn weniger haben. – Es wird Zeit, brechen wir auf!«

Captain Lonestar wartete keine Antwort ab. Er zog sich seine Stiefel an, dann betrachtete er sich Wells’ aufgerissenes Hemd und sah sich die Streifschusswunde an, die kaum die Haut geritzt hatte. Schließlich zog er Wells zwei Dornen aus der rechten Fußsohle und half ihm, in die Stiefel zu kommen. Als er Wells in den Sattel helfen wollte, winkte der Junge rau ab.

»Wenn das Sergeant O’Conner sehen würde, Captain …!«

»Korporal Wells, ich glaube, du wirst später nicht allzu viel dazuzulernen haben«, sagte Lonestar.

»In der Tat«, mischte sich der kleine Shark ein. »Er ist wie dazu geschaffen, der glorreichen Armee zu dienen und die Uniform der Kavallerie zu tragen. Auf diese Art, Drew, bekommst du einen ordentlichen Beruf und wirst nicht mehr herumzuvagabundieren brauchen.«

»Reiter Shark, auch als Soldat kann man seinen Mann stehen«, sagte Captain Lonestar ruhig. »Verschwinden wir, bevor man die Toten holt.«

Sie saßen auf und ritten weiter. Mit jeder Meile verstärkte sich das unbehagliche Gefühl, dass ein vierter mitritt. Keiner sprach seinen Namen aus, aber jeder der drei Reiter fühlte die Kälte, die der Unsichtbare ausstrahlte. Shark unterließ seine beißenden Bemerkungen. Er spürte deutlich, dass auch die beiden Begleiter etwas von der Kälte des Todes ausstrahlten, und das machte ihn stumm.

Der junge Wells schien merkwürdig verwandelt, so, als hätte die Begegnung mit dem Tod ihn zu einem anderen Menschen gemacht. In ihm würde Drummond nun nicht mehr einen Gegner haben, der vor Angst gepeinigt, von alten Erinnerungen gequält, wie gelähmt war.

Die Männer ritten nun schnell, doch so, dass sich ihre Tiere nicht völlig verausgabten. Mit jeder Meile holten sie auf. Immer, wenn sie über einen Hügelkamm hinwegritten und weit in die vom Mondlicht überfluteten Täler blicken konnten, sahen sie, dass die dunklen, beweglichen drei Punkte vor ihnen in der Nacht immer größer wurden.

Drei Stunden nach Mitternacht aber waren die drei Punkte nicht mehr zu erblicken. Den Grund dafür bildeten in der Ferne aufleuchtende Lagerfeuer. Der Brandgeruch hatte die Verfolgten aus der bisherigen Richtung getrieben. Weit hinten in der Ebene brannten die Campfeuer eines großen Siouxzeltlagers. Jetzt musste man doppelt vorsichtig sein und durfte nicht mehr über die Hügelkämme hinwegreiten, um der Gefahr zu entgehen, von indianischen Spähern schon von Weitem gesichtet zu werden.

Irgendwo im Norden lag die Adlerschlucht. Von überall her schienen, sich kleinere und größere Siouxhorden auf dem Wege nach Norden zu befinden.

»Wölfe, die Beute wittern«, sagte Captain Lonestar. »Wölfe, die gemeinsam jagen wollen. Im Herbst sammeln sie sich, um im Winter zu jagen. Sie hoffen durch Blockieren der Adlerschlucht einen fetten Brocken zu erwischen und lassen nur darum das Fort unbeachtet. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie es völlig aus den Augen verloren hätten. Eine unerhört große Streitmacht wird die achttausend schwer schuftenden Digger auf den Goldfeldern daran erinnern, wem das Land wirklich gehört. Niemand wird sich außerhalb der Adlerschlucht hinauswagen können. Achttausend Menschen werden die bittersten Monate ihres Lebens verbringen müssen. Mein Gott, nur Crazy Horse kann einen solchen Plan entworfen haben. Ein General der US-Armee hätte es nicht besser machen können. Es ist sicher, dass man von Tashuka Witko, den man auch Crazy Horse nennt, noch vieles zu erwarten hat. Es ist auch ebenso sicher, dass nach diesem Winter die Armee alle Hebel ansetzen muss, wenn sie nicht eine klägliche Niederlage erleben will!«

Weder Wells noch Shark hatten darauf etwas zu erwidern.

»Es ist gleich, ob uns die Sioux, die Cheyennes oder Arapahoes töten«, sagte Wells beim Ritt vom Sattel her, ein wenig später zu Shark. »Wichtig ist nur, dass Drummond aus der Welt gefegt wird, dass Pannemaker zur Hölle fährt und dass Madam McLean befreit wird.«

Je weiter sie ritten, umso vorsichtiger mussten sie sein, denn auch in der Nacht streiften die Siouxspäher umher. Manchmal hörte man ihre Verständigungsrufe, die Wolfs-, Coyoten- und Uhuschreie, die, täuschend nachgeahmt, nur ein Kenner ausmachen konnte.

»Nehmt die Kopfbedeckungen ab und wickelt euch die Taschentücher um die Stirn«, forderte Captain Lonestar seine Begleiter auf. »Steckt eure Messer hinter das Band am Hinterkopf, sodass sie von weitem in der Dunkelheit mit Federn verwechselt werden können.«

»Captain, in einer solchen Aufmachung sollten wir in die Adlerschlucht einreiten«, grinste der kleine Shark, »das würde die lieben Leute dort erheitern!«

»Die Sioux werden diese Sondervorstellung gratis liefern, Shark«, unterbrach ihn Captain Lonestar, dessen Besorgnis von Meile zu Meile wuchs und der sich fragte, was sein würde, wenn man den Schuften nicht vor der Adlerschlucht das Mädchen entreißen konnte.

Es sah böse aus. Die Hoffnung, die bereits in ihm aufgekeimt war, als die Verfolgten ins Blickfeld kamen, war nun wieder zerschlagen. Die streifenden Siouxspäher machten die Sorgen nicht geringer. Aus Versehen konnte man ihnen ins Blickfeld kommen und dann …? Nun, dann stellte sich die Frage, ob man immer noch mit der Wahl eines neuen Häuptlings beschäftigt war. Vielleicht stand das gesichtete große Siouxlager unter Sitting Bulls Befehl, der zu den fähigsten Männern der Siouxnation gehörte. Natürlich konnte Captain Lonestar nicht ahnen, dass der Name dieses Indianers in der Geschichte und Eroberung des wilden Westens noch eine besondere Rolle spielen würde. Allein der Gedanke, dass Sitting Bull bei seinen Hunkpapas sein könnte, war erschreckend genug.

Es gab keinen blutdürstigeren roten Mann, der mit größerer Überzeugungskraft reden konnte. Darin stand ihm sogar Crazy Horse nach, darin wurde er weder von Rote Wolke noch Amerikanisches Pferd übertroffen. Der oberste Medizinmann der Siouxnation sollte eines Tages am Little-Big-Horn das siebte Kavallerieregiment des Generals Custer bis auf den letzten Mann vernichten. Als Gegenschlag würde dann die Armee mitten im Winter über die Indianerdörfer herfallen.

Alle drei Reiter mochten jetzt daran denken, was sie in der Adlerschlucht erwartete. Der Trust hatte dort die Macht. Dort gab es weder Recht noch Gesetz. Von den wilden Männern dort beugte sich niemand vor dem Rang eines Captains der Armee. In der Adlerschlucht gab es keine Soldaten, die Befehle annahmen.

In ihre Gedanken versunken, ritten die drei bis zur Morgendämmerung und dann weiter bis zum Mittag. In der Nacht hatten sie die Fährte verloren. Jetzt gaben sie sich keine Mühe mehr, sie wiederzufinden, denn sie nahmen an, dass das letzte Treffen in der Adlerschlucht sein würde.

Gegen Mittag tränkten sie die Pferde an einem Creek und fütterten die Tiere. Sich selbst gönnten sie ebenfalls ein wenig Ruhe. Abwechselnd hielten sie Wache, sodass jeder etwas Schlaf bekam.

Die Rauchzeichen, die sie während der Ruhe beobachteten, meldeten den tapferen Tod eines Siouxhäuptlings.

»Großer Bär wird nun von seinem Volk besonders verehrt werden«, sagte Shark. »Auch ich weiß es zu schätzen, dass meine Haare noch fest auf meinem Schädel sitzen. Es muss doch sehr unangenehm sein, aufzuwachen und eine Glatze zu haben.«

»Dich würde sie gut kleiden, Leward«, antwortete Wells, wobei er sorgfältig seine Waffen reinigte. Ruhig fuhr er fort: »Was ich bisher gesehen habe, gibt mir eine Menge zu denken. Ich sehe ein, dass es Männer geben muss, die im Fort bleiben und gegen die rote Horde kämpfen, um die weißen Frauen und Siedlerkinder zu beschützen. Ich bedauere jetzt nicht mehr, dass ich den Vertrag mit der Armee unterschrieben habe. Ich werde bleiben, Leward.«

»Natürlich werde auch ich das tun, aber nur, weil es vorerst kein Zurück nach Fort Laramie gibt«, erwiderte Shark.

»Shark, ich habe dir noch nicht gesagt, dass dich der Feldarzt für untauglich erklärte«, mischte sich Captain Lonestar in das Gespräch. »Dein Vertrag gilt nicht. Die Armee hat auch ihren Stolz.«

»Du lieber Himmel!«, erwiderte Shark, und dann fluchte er laut vor sich hin. »Ich habe zwar nichts gegen dich, Lonestar«, sagte er böse, »aber dass ich nicht mehr Captain sagen muss, ist eine große Genugtuung für mich, und das entschädigt mich etwas!«

»Ich habe nichts dagegen, Leward«, sagte Horty Lonestar grinsend. »Meinen Vornamen wirst du dir sicherlich ebenfalls gemerkt haben. Ich höre es gerne, wenn Freunde ihn aussprechen.«

»In Ordnung, Horty! Wenn wir jemals heil und lebendig aus diesem Land herauskommen, lade ich dich und Drew nach Kansas ein. Kansas ist ein schönes Land. Gerade das rechte für einen Mann, der sich zur Ruhe setzen und die letzten Jahre seines Lebens in angenehmer Sicherheit verbringen will. Balubeeh hat jetzt endlich gemerkt, wer der Herr im Hause ist. Sie hat mir versprochen, fortan eine gute Frau zu sein.«

Er brach jäh ab und schaute auf die Rauchsignale, die in Intervallen zum Himmel stiegen. Mit trockener, spröde klingender Stimme meldete er Captain Lonestar:

»Horty, sie sind hinter uns her. Sie möchten die Burschen erwischen, die den großen Bären und den Hinkenden Mann töteten. Man möchte diesen Weißen ein besonders feierliches Begräbnis geben. Doch vorher wollen sie feststellen, wie viel Schmerzen wir ertragen und ob wir dabei noch die Totenlieder anstimmen können. Außerdem möchten die Brüder die weiße Frau haben, die ihnen entwischt ist, um sie als dritte oder vierte Frau in irgendein Häuptlingstipi zu stecken.«

»Das alles melden die Rauchsignale?«, erkundigte sich Wells.

Shark nickte. »Einiges steht zwischen den Zeilen, Sonnyboy. Man muss es sich herausklauben. Die Sioux telegraphieren nicht so klar, sondern bedienen sich einer bildreichen Sprache. Jetzt ist es an der Zeit, dass wir aus diesem netten Camp verschwinden. Sie werden uns bald wie die Hasen hin und her hetzen.

Ein kümmerlicher Trost ist es, dass auch Drummond und Pannemaker hin und her gehetzt werden, denn auch von ihnen ist anzunehmen, dass sie die Adlerschlucht noch nicht erreichten. Ein weiterer Trost ist es, dass dieses unübersichtliche und raue Gelände sich bis zur Adlerschlucht hinzieht.«

»Das hat sowohl Vor- als auch Nachteile«, meldete sich Captain Lonestar ruhig, der bereits dabei war, die Bauchgurte seines Pferdes nachzuziehen. Die Angst um Lucie McLean ließ sein Herz schneller schlagen. Er zwang sich zur Ruhe und wollte nicht daran denken, was dem Mädchen geschah, wenn es in die Gewalt der Sioux kam. Jetzt durfte man nicht die Nerven verlieren. Gerade das sollten die Rauchsignale bezwecken. Es war Siouxart, den Gegner zu lähmen und dann hart zuzuschlagen.

Er gab das Zeichen zum Aufbruch und weiter ritten die drei. Sehr bald schon sahen sie, weit hinter sich im goldenen Herbstsonnenlicht, aufsteigende Staubfahnen. Niemand brauchte den dreien zu sagen, was diese Staubfahnen zu bedeuten hatten. Sie konnten nur von den Hufen einer schnell reitenden Siouxkriegerschar aufgewirbelt werden.

Vor ihnen lagen die unübersichtliche Gegend und ein langer Nachmittag. Es waren noch viele Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit zu reiten, und man wusste nicht, ob die Schar der Verfolger sie nicht irgendwelchen versteckt lauernden Siouxhorden zutreiben wollte. Sie wussten jedoch, dass es keinen Sinn hatte, die Fährte verbergen zu wollen.

Jetzt waren sie die Gejagten. Es gab keinen Zweifel mehr. Der Staub, den ihre Pferde aufwirbelten, legte sich auf die Kleidung und die schweißige Haut, er brannte in den Augen und schuf dunkle Flecken an Nase und Augen, an Mund und Ohren.

Wells’ Hemd klaffte weit am Rücken auf, doch das störte ihn nicht. Er schaute nicht einmal zurück, und nur Shark tat es hin und wieder, wobei sein Gesicht eine immer grauere Farbe annahm.

Er atmete hörbar auf, als sie sich dem felsigen Boden näherten und in eine bizarre Landschaft von Steinen und hochstrebenden Felsen, von Geröll und Schotterhalden einritten, die ein sichtbares Zeichen für die Nähe der Adlerschlucht waren. Es war ein Land, das, von Canyons und Schluchten zerrissen, nur wenig Vegetation aufwies.

Es war Indianerland, Siouxland!

Das bedeutete, dass man erst jeden Weg und Steg ausfindig machen musste, die Sioux aber jeden Winkel und jedes Versteck kannten.

Den dreien mochte es jetzt erst bewusst werden, dass ihre Lage immer schlimmer wurde. Die Staubfahnen hinter ihnen verschwanden. Doch was hatte das schon zu besagen? Die Verfolger würden näher herankommen. Wenn sie erst auf dem granitharten Boden ritten, würde nicht einmal eine Staubfahne sie verraten.

Sie kamen an der Stelle vorbei, wo Daniel Ridger, der seine Herde zur Adlerschlucht bringen wollte, von vierhundert Two-Kettles-Sioux mit seinen Cowboys bis auf den letzten Mann niedergemacht wurde. Es war zuz Zeit, als man das Gold in der Adlerschlucht entdeckt hatte und die Kolonnen der Glücksritter aufbrachen und allen Verträgen mit den Sioux zum Trotz ins Indianergebiet gingen. Daniel Ridger hoffte, seine Herde gut zu verkaufen und dann mit seinen Cowboys als Digger in der Adlerschlucht sein Glück zu versuchen. Dort hinten am Hang lagen ihre Gräber. Man sagte, dass er und seine Jungens den Sioux einen harten Kampf lieferten und dass man ihnen allen das Haar ließ.

»Ähnlich kann es auch uns ergehen«, sagte Shark trocken in die Gedanken der anderen hinein.

In diesem Augenblick ritten sie gerade um eine Felsnase herum.

Alle drei sahen es zur gleichen Zeit!

 

 

11. Kapitel

 

Es war das satte Blau von drei Reitern der US-Kavallerie, das sich grell gegen die grauen Felswände abhob.

Alle drei ritten sie auf hochgebauten Kavalleriepferden, die sich im schnellen Galopp unter ihren Reitern bewegten. Der mittlere Reiter war bedeutend schlanker als seine Begleiter, und trotz der Uniform konnte man erkennen, dass es eine Frau war.

Ihr Haar flatterte gelöst im Winde. »Lucie McLean!«, stieß Horty Lonestar zwischen den Lippen hervor.

Alle drei hatten die Reitergruppe, die dort vorn so plötzlich ins Blickfeld kam, erkannt. Doch alle drei Männer reagierten anders. Während Captain Horty Lonestar den Namen des Mädchens nannte, dessen Bild sich in seinem Herzen eingewurzelt hatte, nannte Drew Wells den Namen: »Drummond!« Er kam wie ein pfeifender Laut von seinen Lippen. Seine Augen hingen wie gebannt an dem Mann, der seinen Vater erschossen hatte und vor dem er endgültig seine Angst überwunden hatte.

Shark hingegen sah zu Pannemaker hin, der, den beiden anderen einige Pferdelängen voraus, tief im Sattel gebeugt ritt.

Die drei Uniformierten waren irgendwo weit links aus einem Canyon hervorgekommen, und jetzt ritten sie schräg über die hügelige Landschaft.

»Freunde«, sagte Horty Lonestar, »wir reiten!«

»In unserer Richtung weiter? Heh, dann stoßen wir bald auf die Schufte. Du solltest an das Mädchen denken, Captain!«, sagte Wells heiser. »Wenn sie uns erst entdecken, werden sie Lucie McLean nicht schonen.«

»Korporal Wells, mach dir eines klar: Die Siouxhorde hat sich irgendwo hinter uns geteilt und auch die Fährte der drei aufgenommen. Sie müssen ganz scharf hinter Drummond, Pannemaker und Lucie McLean her sein, sodass Pannemaker sich kaum noch im Sattel umblickt und nur noch an sein eigenes Leben denkt. Der Kerl ist ins Laufen gekommen und wird nicht eher anhalten, bis ihm das Pferd unter dem Sattel zusammenbricht. Korporal Wells, wir müssen es jetzt darauf ankommen lassen. Tod oder Leben!«

»Dann Tod den Kerlen!«, erwiderte Wells, wobei es in seinen Augen hell aufleuchtete. In diesem Augenblick dachte er nicht an die Indianerhorden, die hinter ihnen und hinter dem Mädchen und dessen Begleitern her waren.

Sie hatten wohl alle drei den gleichen Gedanken, dass Pannemaker und Drummond schon zu lange auf der Welt waren. Keiner von ihnen aber dachte daran, alles Weitere den Sioux zu überlassen.

Horty Lonestar wusste, dass es dann unmöglich sein würde, vorerst etwas für Lucie McLean zu tun. Ja, es würde vielleicht unmöglich sein, das Mädchen zu retten. Jetzt machte sie noch einen frischen Eindruck und saß gut im Sattel. Sie machte das Rennen mit, als wäre sie es gewohnt, jeden Tag von morgens bis abends im Sattel zu sitzen. Das war wahrhaftig für eine Frau eine erstaunliche Leistung.

Auf Captain Lonestars Zeichen preschten sie los. Jetzt zeigte es sich, dass die Rastpausen, die sie immer wieder eingelegt hatten, und das vorsichtige Reiten die Kraftreserven der Pferde nicht verbraucht hatten. Die Pferde holten schnell auf.

Im Reiten schauten die drei immer wieder nach links und wandten sich zurück, doch so sehr sie ihre Augen auch anstrengten, von den Sioux war nichts zu entdecken. Doch das täuschte sie nicht und machte sie nicht irre.

Jetzt waren sie schon so nahe, dass sie den Hufschlag der anderen Pferde hörten. Drummond drehte sich im Sattel um und fuhr blitzschnell wieder herum. Er schrie Pannemaker etwas zu, der sich daraufhin ebenfalls im Sattel wandte und sogleich die Winchester aus dem Sattelschuh riss und schoss.

Doch die Kugel ging weit fehl, und auch seine zweite pfiff wirkungslos vorbei. Pannemakers Schießkunst vom galoppierenden Pferde aus schien nicht allzu groß zu sein. Drummond hingegen hatte bessere Nerven. Er löste zwar ebenfalls seine Winchester aus dem Sattelschuh und nahm sie quer über den Sattel, doch er schoss noch nicht. Er hatte sicher die Entfernung eingeschätzt und wusste wohl, dass nur ein Zufallstreffer einen der Verfolger aus dem Sattel reißen konnte. Er sparte sein Blei.

Wieder schrie er Pannemaker etwas zu, doch der gab keine Antwort. Er nahm nur sein Pferd zurück, sodass es neben dem Reittier des Mädchens lief und er so von dem Mädchen gedeckt wurde. Die heranstürmenden Verfolger machten immer mehr Boden gut.

Jetzt, wo es auf Biegen und Brechen ging, wo der Gegner herankam, versteckte sich Pannemaker feige hinter Lucie McLean. Um aus dem Hinterhalt mit dem Messer zu arbeiten, dazu hatte er sich entschließen können, nicht aber einen Kampf fair auszutragen.

Drummond und Pannemaker nahmen nur zwei Reiter wahr, Horty Lonestar und Wells, dass noch ein dritter Reiter bei den Verfolgern war, das sahen sie erst, als Shark, der mit seinem Pferde ein unheimliches Rennen lieferte, ihnen von vorn entgegenkam.

Der kleine Shark hatte aus eigenem Entschluss bei Beginn des Rennens sein Pferd in eine Bodenfalte getrieben und war darin entlanggejagt, bis ihn die Bodenfalte wieder freigab. Es war, als hätte Shark die gemeine Handlungsweise Pannemakers vorausgeahnt.

Shark ritt das Rennen seines Lebens, ohne Rücksicht darauf, dass ein solches wildes Rennen sein Pferd völlig verausgabte, sodass es unter ihm zusammenbrechen konnte. Er schoss im Reiten. Er schoss, noch bevor Pannemaker in der neuen Richtung nach ihm zielen und feuern konnte.

Seine Kugel streifte Pannemakers Pferd mitten im Galopp, sodass es grell wiehernd hochstieg. Pannemaker, der seine Winchester in Anschlag gerissen hatte und zügellos ritt, bekam nicht einmal schnell genug die Hände an die Zügel zurück. Er wurde im hohen Bogen aus dem Sattel geschleudert, wobei sich seine Winchester aus den Händen löste. Sein Pferd jagte an ihm vorbei.

Pannemaker rollte sich am Boden, doch bevor er in die Höhe kam, war Shark aus dem Sattel. Im vollen Jagen sprang Shark vom Pferde. Das war eine Leistung, wie man sie Shark nie zugetraut hätte. Er war bereits auf den Beinen, als Pannemaker sich taumelnd erhob.

Shark stand, wenn auch schwankend, dem Gegner gegenüber, an dem Drummond und das Mädchen vorbeigeprescht waren. Drummond hatte im Vorbeijagen auf Shark geschossen, doch die Kugel hatte nicht das Leben getroffen. Shark fühlte den heißen Schmerz und hörte seine eigene krächzende Stimme:

»Du bist dran, Pannemaker! Ich soll dich von Scott grüßen! … Zieh!«

Durch orangefarbene Schleier, die vor seinen Augen hin und her wallten, sah Shark den Gegner, der wie gebannt mit zuckendem Gesicht nur zehn Schritte entfernt vor ihm stand.

Shark hörte die heftigen Schussdetonationen, die hinter ihm aufrasten, aber das lenkte ihn nicht von seinem Gegner ab. Er sah nur Pannemaker, der sichtlich zögerte, als wäre ihm jetzt die Nähe des Todes bewusst geworden, als ob die Angst vor dem Tode ihn daran hindere, Sharks Befehl zu befolgen.

Ein Hoffnungsfunke blitzte in Pannemakers Gesicht beim Anblick von Sharks Verwundung auf. Diese Verwundung war es, die die Entscheidung hinauszögern ließ, für so lange, bis Shark zusammenbrechen würde.

Doch Shark schoss. Er wartete nicht. Seine Kugel streifte Pannemakers Ohr.

Der Schmerz ließ auch diesen handeln. Er zögerte nicht mehr, sondern zog seinen Revolver.

Shark wartete, bis die Mündung in die Höhe schwang und schoss zum zweiten Mal.

Diesmal traf seine Kugel voll. Pannemakers Augen weiteten sich. Seine Revolverhand sank kraftlos herunter, und die Waffe entglitt seinen Fingern.

Mit einem ungläubig erstaunten Ausdruck im Gesicht stand Pannemaker drei volle Sekunden, dann kippte er vornüber ins Gras. Shark bewegte sich auf ihn zu. Er beugte sich über den Toten. Übelkeit kam in ihm auf. Er schloss die Augen, um die Schatten zu vertreiben, die auf ihn zurasten. In seinen Ohren summte es. Seine Knie drohten einzuknicken. Eine gebieterische Stimme in seinem Innern dröhnte: »Nicht schlappmachen, Shark, halte dich nicht auf! Eile zu deinem Pferd und schwinge dich in den Sattel! Shark, los Shark …!«

Er hörte die Stimme laut in sich. Dann sah er durch den orangefarbenen Vorhang vor seinen Augen, wie sein Partner Wells auf ihn zukam. Der junge Wells beugte sich weit aus dem Sattel, so als wollte er Shark fassen und hinter sich im Sattel aufsitzen lassen. Doch hinter Wells tauchten andere Reiter auf. Shark sah sie plötzlich sehr deutlich.

Heidnische Reiter waren es, deren im Winde wehende Federhauben hell leuchteten. Sie lagen vorgebeugt auf ihren zähen, drahtigen Indianermustangs. Ein Rudel von zwölf Siouxkriegern erkannte Shark, dessen Sinne mit einem Schlag wieder voll funktionierten.

Shark wich den zugreifenden Händen Wells’ aus und schrie dem Jungen zu: »So long … Boy!«

Dann war Wells mit seinem Pferd auch schon vorbei.

»So long«, murmelte Shark heiser und dann dachte er: Irgendwo sehen wir uns später wieder. Balubeeh wird vergeblich auf mich warten. Es hätte jetzt schön sein können, aber es soll wohl nicht sein. Reite, Wells! Reite mit Lonestar und der Lady! Reitet um euer Leben, ich werde diese rothäutige Bande aufhalten.

In solchen Sekunden durchrasen Gedanken schnell das Hirn eines Mannes. Shark hatte sich entschieden. Er wollte kämpfen und sterben. Er dachte nicht daran, Wells zu belasten, er hatte den Rettungsversuch von Wells vorbeigehen lassen. Er wusste, dass ein Pferd zwei Reiter nicht weit tragen konnte.

Er hörte Wells’ Enttäuschungsschrei, als der Junge vorbeigeprescht war und wusste, dass Wells nicht noch einmal im Bogen zurückkommen und es nochmal versuchen konnte. Wells hatte begriffen, dass Shark die Verfolger stoppen wollte, dass er das eigene Leben einsetzte. Vielleicht hatte er auch beim Anreiten gesehen, wie es um Shark stand, sodass er einen zu Tode getroffenen Mann retten wollte.

Wie es auch sein mochte, in diesen Sekunden war der kleine Shark ein Mann, der über sich hinauswuchs und noch rasch die leergeschossene Trommel auffüllte.

Obgleich ein Kriegspfeil ihm den Stetson vom Kopf schlug und Kugeln wie Hornissen um ihn herumschwirrten. Er stand aufrecht, ein wenig breitbeinig, wie ein Pfahl, den man in den Boden gerammt hatte. Er schoss erst, als der erste heranstürmende Siouxkrieger sein Pferd genau auf ihn zutrieb, als wollte er mit seinem buntscheckigen Pony Shark überreiten. Er schoss, als das Pferd bis auf einige Schritte heran war, aus kurzer Distanz.

Seine Kugel machte die buntgewebte Indianerdecke leer, die dem Pony aufgeschnallt war. Seine schnell herausgefeuerten Kugeln trafen und stoppten den schnellen Angriff. Doch dann wurde er abermals getroffen und brach zusammen, als er die letzte Kugel herausgefeuert hatte.

Es waren nur noch sechs Siouxkrieger, die ihre Pferde scharf zügelten und geschmeidig vom Pferderücken rutschten.

Langsam umringten sie den Toten. Als sich einer der Krieger bückte und sein Messer zog, trat ein alter Krieger einen Schritt vor.

»Lass ihm das Haar! Er war tapfer. Sicherlich war er es, der Großer Bär tötete und ihm den Skalp ließ. Er hat gut gekämpft. Holt euch die beiden Skalps der Pferdesoldaten. Gehen wir, versuchen wir, die weiße Squaw dem Weißen Falken abzujagen.«

Als der kleine Trupp weiterritt, trugen einige Ponys die toten Sioux und den toten Shark.

Zwei Krieger trugen die Uniformjacken der US-Kavallerie lose um die Schulter gehängt. Zwei frische Skalps, zwei Winchester und zwei Pferde mit dem Armee-Brandzeichen waren ihre Beute. Weder Drummond noch Pannemaker würden sie vermissen – sie waren tot.

»Der Weiße Falke hat einen jungen, tapferen Krieger bei sich«, sagte der Anführer der Sioux in seiner kehligen Sprache zu seinen Begleitern. »Der junge Krieger hätte sich seinen Skalp holen können. Er tat es nicht und überließ uns den Skalp des Pferdesoldaten. Die Weißen sind Narren!«

Die Toten verzögerten die Verfolgung. Die Siouxbande, die wie ein Rudel Wölfe über den kleinen Shark herfiel, nahm den großen toten Gegner mit. Shark würde nach Siouxart bestattet werden.

Sharks letzter Kampf verschaffte Horty Lonestar mit dem Mädchen und Wells einen großen Vorsprung. Als sie sich das letzte Mal umblickten, hatten sie Shark zu Tode getroffen stürzen sehen.

»Ich kann es nicht begreifen«, keuchte der junge Wells. »Er wich zurück, als ich ihn zu mir aufs Pferd nehmen wollte. Ich werde niemals sein bleiches Gesicht vergessen, seine Augen, die voll Trotz waren.«

Er zerrte sich den Stetson vom Kopf. Horty Lonestar tat es ihm nach. Leise schluchzte Lucie McLean vor sich hin. Beide Männer schwiegen. Keiner von ihnen sprach das aus, was er dachte, doch beide bewunderten den kleinen Shark, der auf die große Reise gegangen war. Beide schluckten schwer, und es war verräterisch feucht in ihren Augen.

Captain Lonestar, der Wells zu Hilfe kommen wollte, als Shark das Aufsitzen verweigerte, hatte im rechten Augenblick den großen Siouxtrupp entdeckt, vor dem Pannemaker und Drummond geflohen waren. Dieser Siouxtrupp, bestehend aus vierzig Reitern, vereinte sich jetzt mit den Kriegern, gegen die Shark gekämpft hatte. Auch sie ritten langsamer und blieben schließlich außer Sichtweite zurück. Sie waren zu der Überzeugung gekommen, dass der Weiße Falke nicht lange mit dem Mädchen in der Adlerschlucht bleiben würde und dass sie ihn und die weiße Squaw auf dem Rückweg bekommen würden.

Davon wussten die drei indessen nichts.

»Es ist bitter«, sagte Horty Lonestar. »Ich hätte ihn heraushauen sollen!«

»Captain, dann wären wir jetzt alle vier erledigt«, entgegnete Wells heiser. »Shark mochte das erkannt haben. Wir haben ihm unser Leben zu verdanken. Ohne seinen schnellen Ritt hätte Pannemaker uns Schwierigkeiten gemacht.«

»Ja«, sagte Lucie McLean. »Er war so überrascht, als Shark von vorn auftauchte und somit sein übles Spiel zerschlug, dass er mich vom Pferd schießen wollte. Doch Shark schoss schneller, und so flog Pannemaker aus dem Sattel. Ich sah dann Wells und Drummond schießen und musste dann auf mein Pferd, das ausbrach, achtgeben. Ohne Ihre Hilfe, Captain Lonestar …«

Wieder schluchzte sie leise vor sich hin. Sie sprach nicht aus, was sie dachte.

Captain Lonestar hatte ihr Pferd eingefangen und herumgerissen, bevor es den angreifenden roten Kriegern entgegenstürmen konnte.

Details

Seiten
545
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931594
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497590
Schlagworte
westen hölle western-sonderedition band

Autor

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Titel: Im Westen ist die Hölle los - Western-Sonderedition Band 2