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Im Westen ist die Hölle los - Western-Sonderedition Band 1

2019 348 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Im Westen ist die Hölle los

Der Spieler mit dem Stern

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

Sein Wille war Gesetz

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

Bütten-Rede in Blei

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Im Westen ist die Hölle los

 

 

Western-Sonderedition Band 1

 

3 Romane in einem Band

 

von Heinz Squarra

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Edward Martin mit Kathrin Peschel, 2019

Korrektorat, Zusammenstellung: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Dieser Band beinhaltet folgende Western:

 

Der Spieler mit dem Stern

Sein Wille war Gesetz

Bütten-Rede in Blei

 

 

***

 

 

Der Spieler mit dem Stern

 

 

 

Klappentext:

 

Sheriff Slim Catlyn will die Überfälle und Morde, die seit einiger Zeit auf Siedler der Umgebung von Elvey Junction stattfinden, aufklären und den Schuldigen zur Verantwortung ziehen. Er hat einen Verdacht. Nur ist es äußerst schwierig, Beweise zu finden, dass der Drahtzieher, der sich stets im Verborgenen hält und andere die Schmutzarbeit machen lässt, der eigentlich Schuldige ist. Mit diesem Vorhaben macht Catlyn sich einen der einflussreichsten Männer in einem weiten Umkreis zum ärgsten Feind – zum Todfeind.

Ross Cunter, ein US-Marshal aus Fort Reno, bekommt den Auftrag nach Elvey Junction zu reiten. Auch er soll den Verbrecher finden und ihm das Handwerk legen. Cunter ahnt nicht, dass sein Weg ein sehr kurzer sein wird. Er trifft seinen alten Freund und Weggefährten Dean Logan, der fortan den Stern eines Marshals tragen wird und für mächtigen Wirbel sorgt, denn er ist ein Spieler, der es gewohnt ist zu gewinnen und niemals aufgibt …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Sheriff Slim Catlyn beugt sich tiefer über den verletzten Banditen Dan Cohler. Er hört den Hufschlag, der den Canyon herunterschallt, und er weiß, dass er verschwinden muss.

»Sprich!«, stößt er hervor.

»Wie … sieht es aus?«, haucht der Mann, dessen Hemd auf der Brust von seinem Blut dunkel gefärbt ist.

»Schlecht«, gibt der Sheriff knurrig zurück. »Es sieht schlecht mit dir aus. Deshalb solltest du reden. Alle Leute meinen, ihr hättet mit dem Rancher Elvey zu tun. Sein Sohn Yordy soll oft in die Berge gekommen sein. Ihr habt Farmer und Smallrancher überfallen. Und ihr konntet dabei kaum etwas gewinnen. Hat Yordy euch dazu beauftragt?«

Der Sheriff starrt den Banditen an und wartet erregt auf dessen Antwort. Er denkt nicht daran, dass sie für ihn keinen Wert haben kann, weil dieser Mann hier am Ende ist und nie mehr ein Zeuge für ihn sein kann.

Der Hufschlag ist lauter geworden.

»Dan, sprich!«, schreit Catlyn. »Du …«

»Ich … weiß. Es geht … zu Ende, nicht wahr?«

Dan Cohler nickt. Es ist kaum zu sehen. Seine spröden Lippen öffnen sich.

»Ja«, sagt er. Er sagt es so leise, dass Sheriff Catlyn das Wort von seinen Lippen ablesen muss.

Der Hufschlag scheint zu einem Orkan anzuwachsen. Und plötzlich ruckt der Kopf des Banditen zur Seite.

»Ja. Hat Yordy euch den Befehl gebracht, Farmer und Smallrancher zu überfallen?«

Sheriff Catlyn greift nach dem Kopf und wendet ihn zu sich. Er sieht den gebrochenen Blick des Banditen und steht auf.

Sheriff Slim Catlyn ist ein alter Mann. Seine Bewegungen sind müde, als er zu seinem Pferd geht und in den Sattel steigt. Als er losreitet, ist der Hufschlag nur schwach zu hören, weil er Lederlappen um die Hufe gebunden hat.

Catlyn reitet nur fünfzig Yards und biegt dann in einen Hohlweg ein, der steil in die Höhe führt. Er kann den Hufschlag immer noch deutlich hören. Wahrscheinlich haben sie den Schuss vernommen, den er auf Cohler abfeuerte. Sie werden ihn jetzt finden. Gleich!

Er ist kaum fünfzig Yards den Hohlweg hinaufgekommen, als der Hufschlag plötzlich erstirbt. Jetzt haben sie die Stelle erreicht, an der Dan liegt.

Catlyn reitet langsamer, um nicht doch noch gehört zu werden. Vielleicht denken sie, er wäre schon lange fort. Das könnte ihm einen guten Vorsprung sichern.

 

 

2. Kapitel

 

»Tot«, sagt Tip Danning und reibt mit der schmutzigen Hand durch seinen Stoppelbart. Er schaut auf und sieht die beiden anderen an, die noch in den Sätteln sitzen.

»Bestimmt der Sheriff von Elvey Junction«, entgegnet der blatternarbige Les Harms. »Ob … ob Dan noch lebte?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Wenn ein Mann stirbt, sieht vieles anders aus, Tip. Manchmal wird man dann weich. Du verstehst doch, was?«

»Natürlich verstehe ich. – Los, wir wollen sehen, ob wir ihn finden!« Tip Danning springt auf sein Pferd und jagt den Canyon hinunter; vorbei an dem schmalen Hohlweg.

Seine beiden Kumpane folgen ihm.

Eine halbe Stunde später öffnen sich die Bighorn Mountains vor ihnen. Sie sehen die Schleife des Flusses in der endlosen Prärie, und sie sehen die Häuser der Stadt in der Ferne. Aber sie sehen keinen Reiter.

»Verdammt«, zischt Tip Danning. »Er hat uns genarrt!«

»Vielleicht war er es gar nicht«, sagt der drahtige Ernie Truscott.

»Wer soll es dann gewesen sein?« »Keine Ahnung, Tip. Aber ich schätze, wir haben viele Feinde!«

»Unsinn. Der Sheriff schleicht schon ewig hier herum. Wir haben einen Fehler gemacht.«

»So?«

»Ja. Wir haben ihn für einen ausgebrannten alten Narren gehalten. Das hätten wir nicht tun dürfen.«

»Bis jetzt steht nicht fest, ob er es gewesen ist. Und wenn ja, so weiß niemand, ob Dan noch etwas sagen konnte oder wollte.«

»Wir kehren besser um.«

Sie wenden die Pferde und' reiten den Canyon wieder hinauf. Vielleicht hätten sie den Sheriff noch sehen können, wäre ihre Geduld größer gewesen. Denn sie sind kaum zehn Minuten verschwunden, als Sheriff Catlyn die Bighorn Mountains an einer anderen Stelle verlässt und durch die Prärie der Stadt zustrebt. Sie hätten ihn vom Ausgang des Canyons aus sehen können.

 

 

3. Kapitel

 

Sheriff Catlyn dreht den Docht der Lampe höher, und das Gesicht des alten Arztes wird aus der Dunkelheit gerissen.

»Jetzt halten Sie mich wohl für schwachsinnig, was?«, knurrt Catlyn und beugt sich über den Tisch, als könnte er Doc Roy Dexter nicht gut genug sehen.

»Durchaus nicht, Sheriff. Sie sind sehr intelligent. Bedauerlicherweise wissen das aber viele Leute.«

»Was … was soll das heißen, Doc?« Dexter zuckt die Schultern.

»Denken Sie selbst darüber nach. Ich persönlich halte es für Wahnsinn. Elvey ist ein mächtiger Mann. Er hat zwei Dutzend Reiter. Und Sie wissen ja, dass für die meisten Cowboys ihr Rancher ihr Gesetz und ihr Gewissen ist.«

»Es geht um ein Verbrechen, Doc.« »Natürlich. Um das Verbrechen, das sich überall in diesem Land westlich des Missouri abspielt. Das meinen Sie doch, Sheriff. Ein mächtiger Mann versucht, immer mächtiger zu werden. Er gebraucht seine Ellenbogen, und wenn er damit nicht ans Ziel kommen kann, beschäftigt er Banditen. Ich verstehe das schon. Aber ich weiß auch, dass ein Einzelner dagegen machtlos ist. Man wird Ihnen eine Kugel in den Kopf schießen. Und dann wird Ruhe sein!« »Ich werde Yordy verhaften. Er ist drüben im Saloon. Es ist meine Pflicht, Doc! Verstehen Sie das denn nicht?«

Doc Dexter schüttelt den Kopf. »Verstehe ich bestimmt nicht. Sie sind doch ein alter Mann, Catlyn. Glauben Sie wirklich, dass Yordy sich verhaften lässt? – Ausgerechnet Yordy Elvey, der wildeste aller wilden Burschen, die es in dieser Gegend gibt?«

»Ein Revolver ist immer ein gutes Argument.«

»Wenn Sie das wirklich, fertigbringen, wird morgen sein Vater hier sein, Catlyn.«

»Mit seinen zwei Dutzend Leuten, was?« »Genau.«

»Letzte Woche ist ein Siedler ermordet worden.«

»Ich weiß. Aber er wird nicht mehr lebendig, auch dann nicht, wenn Sie ebenfalls noch sterben. Und darauf läuft es hinaus.«

Der Sheriff geht zum Fenster und blickt auf die Straße hinaus. Drüben vor dem Saloon brennen zwei Lampen, die trübes Licht verbreiten. In ihm sind die Pferde zu sehen, die vor dem Saloon am Zügelholm stehen.

Es sind acht Pferde. Acht Pferde, die das Brandzeichen der Elvey-Ranch tragen.

»Aber irgendetwas muss geschehen!«, stößt der Sheriff hervor.

»Sicher. In Fort Reno gibt es einen Militärrichter, Catlyn. Das wissen Sie doch. Ich habe gehört, er hätte Marshals vereidigt. Ehemalige Revolvermänner. Sie verdienen bei ihm einhundertfünfzig Dollar im Monat. Eine schöne Stange Geld. Es sollen harte Burschen sein.«

»Und?«

»Schicken Sie ihm einen Boten. Das ist die einfachste Sache der Welt. Es sind im Laufe des letzten Jahres mehrere Morde geschehen. Er wird sich bestimmt darum kümmern. – Nur wissen muss er es!«

Catlyn starrt immer noch auf die Pferde mit Elveys Brandstempel. Er spürt, dass er diesen Mann hasst, weil er mehr und immer mehr haben will. Vielleicht hat Yordy nie anders als so werden können. Aber darum geht es nicht.

»Schicken Sie einen Boten!«, sagt der Doc noch einmal.

»Bis ein Marshal hier sein kann, ist vielleicht der nächste Mord geschehen.«

»Dafür wird Sie niemand verantwortlich machen, Catlyn.«

In diesem Moment kommt Yordy Elvey auf der anderen Straßenseite aus dem Saloon. Er ist ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren. Er hat schwarzes Haar und wild funkelnde Augen. Er ist groß und bewegt sich elastisch. Er erinnert den Sheriff irgendwie an eine schleichende Raubkatze.

Catlyn merkt auf einmal, wie seine Hand den Revolver im Holster berührt.

»Lassen Sie es!«, sagt der Doc scharf.

Catlyn streicht mit der linken Hand über den Stern, den er an der Lederweste trägt.

»Ich kann nicht, Doc«, erwidert er. »Ich kann es nicht! Ich weiß nun, dass er es war. Jeder hat seine Pflicht zu erfüllen.«

»Niemand wird von Ihnen verlangen, dass Sie dem Satan in den Rachen springen«, knurrt der Doc, der nun hinter den Sheriff getreten ist.

Yordy Elvey steht an der Stepwalkkante. Ein Mädchen in einem Seidenkleid ist aus dem Saloon gekommen und an die Seite des jungen Burschen getreten. Sie sagt etwas, aber das können die beiden Männer im Office des Sheriffs nicht verstehen.

»Ich kann es nicht«, sagt Catlyn, wendet sich um und schiebt den Doc zur Seite. Er geht mit harten, entschlossenen Schritten auf die Tür zu und öffnet sie.

»Catlyn …«

Die Tür schlägt mit einem Knall zu.

Der Arzt verschluckt, was er noch hatte sagen wollen. Er wendet sich wieder dem Fenster zu und sieht den Sheriff draußen auftauchen. Er bemerkt, dass der Mann seinen Colt in der Hand trägt. Es ist dunkel, wo Catlyn steht.

»Elvey!«, ruft der Sheriff.

Doc Dexter sieht den jungen Burschen auf der anderen Straßenseite zusammenzucken. Da ist ein hartes, metallisches Geräusch zu hören, und Dexter weiß, dass der Sheriff den Hammer seines Revolvers gespannt hat.

Im gleichen Moment bewegt sich Yordy Elvey, und schon sticht eine Mündungsflamme auf der Straße hinaus, und der dröhnende Knall des Schusses erfüllt für ein paar Herzschläge die Stadt.

Dexter schließt die Augen. Er hört einen Anprall an der Hauswand und dann einen dumpfen Fall, der die Bohlen des Stepwalks ächzen lässt.

»Das ist der Sheriff!«, schreit jemand.

»Yordy, du hast den Sheriff erschossen!«, schreit das Tanzmädchen im Seidenkleid, und der Doc sieht, dass es die Hände um Yordys Unterarm geschlossen hat.

»Tut mir leid, das konnte ich nicht sehen«, erwidert der Ranchersohn. »Ich sah nur eine undeutliche Gestalt, und ich hörte, wie ein Revolver gespannt wurde.«

»Er ist tot«, sagt wieder jemand.

Der Doc sieht Männer vor dem Fenster.

»Los, wir reiten!«, ruft Yordy drüben.

Sieben Männer kommen hinter ihm die Stufen zur Fahrbahn herunter, machen die Pferde los und steigen auf.

Hufschlag erschallt. Staub wallt in der Luft.

Doc Dexter geht mit schweren Schritten zum Schreibtisch und lehnt sich dagegen. Die Flamme der Lampe zittert leicht.

Jemand klopft an die Tür und tritt ein, ohne einen Ruf abzuwarten.

»Doc?«, fragt der Mann, als Dexter ihn sehen kann. »Was machen Sie hier?«

»Ich wusste, was er vorhatte. – Und ich, wollte ihn. aufhalten. Aber er hörte nicht auf mich. Wie sieht es mit ihm aus?«

»Herzschuss. Sie brauchen nur noch zu sagen, dass er beerdigt werden kann. Alles andere macht der Coroner. – Sagen Sie, wie soll das weitergehen?«

»Was?«

»Yordy hat ihn einfach niedergeschossen!«

»Er gab doch gleich eine Erklärung dafür ab. Hast du es nicht gehört?«

»Doch. Aber …«

»In Fort Reno gibt es einen Richter, der Leute für solche Fälle hat. Ich wollte es Catlyn schon erklären. Jemand muss nach Fort Reno reiten. Vielleicht du, Mac?« »Warum ausgerechnet ich?«

»Ich würde es auch tun, Mac. Aber wahrscheinlich werde ich in nächster Zeit hier noch dringender als bisher gebraucht werden. Ich kann also nicht. Vielleicht macht es ein anderer. Frage die Leute.«

Der Mann verlässt das Office. Nach einer halben Stunde kommt er zurück.

»Und?«, fragt der Doc.

»Die Leute haben darüber gesprochen.« »Das war nicht sehr klug, Mac. Ich habe mir das auch zu spät überlegt.«

»Wieso?«

,,Elvey und alle anderen werden es erfahren.«

»Ja.«

»Das hätte man vermeiden sollen. Nun bleibt nur zu hoffen, dass rechtzeitig jemand reitet – und nach Fort Reno durchkommt.«

»Es ist schon jemand unterwegs. Der Stallbursche. Er war ganz begeistert von der Idee.«

»Er ist auch noch sehr jung. Hat jemand Lust, den Sheriff in Elvey Junction zu machen?«

»Ich glaube, nein, Doc. Aber wenn ein Marshal kommt, dann …«

»Ja. Warten wir also.«

 

 

4. Kapitel

 

Die Sonne steht wie ein glühender Ball am Himmel, als Tip Danning den Reiter sieht.

»Na endlich«, brummt er. »Der hat schön lange gebraucht. Vier Tage!«

Ernie Truscott drängt sein Pferd etwas weiter nach vorn und biegt neben Danning die Zweige des Scrubbusches auseinander. Nun kann auch er den Mann sehen, der auf dem Wagenweg von Norden kommt. Er reitet langsam, als habe er einen weiten Weg hinter sich.

»Reiten wir ihm entgegen«, sagt Tip Danning. »Er braucht dann nicht so. lange zu warten.«

Harms, der Dritte im Bunde, grinst. Er zieht seinen Revolver und dreht die Trommel durch. Sie reiten zur Straße hinunter.

»Es ist nur dumm, dass wir es zu spät erfahren haben'', meint Harms.

»Wieso?«

»Nun, er war schon in Fort Reno!« »Das macht doch nichts«, entgegnet Danning. »In deinem Revolver steckt mehr als eine Patrone. Und in meinem auch. Hier ist doch kein Land, in dem man einen Marshal fürchten muss.«

»Es wirbelt Staub auf, Tip!«

»Dummes Gerede, Les.«

»Ich habe es in Kansas erlebt. Den Ersten haben wir erschossen. Dann kamen zwei Neue. Mit denen wurden wir auch fertig, Und weißt du, wer dann kam?« »Keine Ahnung.«

»Eine Abteilung Kavallerie, Tip!«

»Das ist allerdings schlimm. Aber Wyoming ist nicht Kansas. – Was habt ihr gemacht?«

»Wir haben uns in Luft aufgelöst. Jedenfalls müssen sie das gedacht haben.«

»Das war sehr klug von euch. Hier kann man das auch machen.«

Sie schwenken in die ausgefahrene Straße ein und halten an. Sie sehen, dass der Reiter, ein junger, rotblonder Mann, sein Pferd ebenfalls pariert hat.

»Komm doch näher, Kleiner«, meint Tip und grinst, als er sieht, dass der junge Mann zu zittern beginnt. »Immer komm! Wir beißen doch nicht!«

Der junge Mann scheint nachts daran zu denken, sein Pferd wieder anzutreiben. Tip Danning zuckt die Schultern.

»Dann müssen wir wohl kommen«, sagt er und gibt seinen beiden Kumpanen ein Zeichen.

Sie reiten näher an den jungen Mann heran. Zwanzig Yards vor ihm halten sie. Tip lehnt sich auf das Sattelhorn.

»Nun, wie war es in Reno?«, fragt er. »Ich … ich war nicht …«

»Du wirst uns doch nicht belügen wollen, wo wir so freundlich zu dir sind«, knurrt Harms und hält den Revolver über den Kopf seines Pferdes.

»Wie war es in Reno?«, wiederholt Tip Danning. »Kommt ein Marshal?«

»Ja, er kommt!«, schreit der Junge. »Und er wird euch vernichten.«

Tip lacht leise.

»Darauf freust du dich wohl sehr?«, erkundigt er sich.

Der Junge wird bleich bis zu den rötlichen Haarwurzeln hinauf.

»Immer freue dich«, meint Harms. »Lange hast du sowieso nicht mehr Zeit.«

»Ihr … ihr wollt mich ermorden!«

»Aber das ist doch Unsinn, mein Kleiner. Wir wollen nur alles genau wissen. Wann kommt er denn?«

»Das … Ich weiß nicht.«

»So, das weißt du also nicht. – Oder wolltest du sagen, es ginge uns nichts an?«

»Ihr verdammten Banditen!«

»Was für unhöfliche Worte«, sagt Danning und schüttelt den Kopf. »Les, ich glaube, wir werden schon sehen, wann er kommt.«

»Das denke ich auch. – Reite doch weiter, Kleiner!«

Die Banditen reiten von der Straße weg. Aber der junge Mann treibt sein Pferd nicht an.

»Auf was wartest du?«, fragt Danning. »Du wolltest doch in die Stadt. Also los!« Der Junge schnalzt mit der Zunge. Als er an den Banditen vorbei ist, nickt Danning.

Da hebt Harms den Revolver. Ein Schuss kracht.

»Reiten wir zu Elvey«, sagt Danning. »Oder willst du erst nachsehen, wie gut du getroffen hast?«

»Das dürfte überflüssig sein. Aber etwas anderes: Elvey hat verboten, dass wir zu ihm kommen.«

»So, hat er das? Ich muss es vergessen haben. Willst du ihn nicht fragen, wie viel er für einen Marshal ausgibt?«

»Ach, richtig.«

»Siehst du. Jede Sache hat ihren Preis. Schließlich machen wir das nicht für uns. Vorwärts!«

Sie jagen den Hügel hinauf und verschwinden zwischen den Büschen.

Der junge Mann bewegt sich. Er hebt schwach den Kopf und blickt hinter den drei Banditen her. Er weiß, dass in den Bighorn Mountains noch mehr Mitglieder dieser Bande stecken müssen.

Als die Banditen verschwunden sind, stemmt sich der junge Mann hoch. Es ist ihm, als hätte jemand eine glühende Nadel in seine Schulter gebohrt. Er wundert sich, dass Harms so sicher war, ihn tödlich getroffen zu haben, und zugleich weiß er, dass er diesem Umstand sein Leben verdankt.

»Red!«, ruft er dem Pferd zu, das ein Stück geflohen ist. »Red!«

Das Pferd knabbert an einem Sagebusch.

»Red!« Er versucht darauf zuzugehen, kommt aber nicht weit. Seine Beine knicken ein. Nebel wallen vor seinen Augen.

Doch nach einer Weile steht er wieder und geht schwankend auf das Pferd zu.

»Red!«

Da kommt ihm das Pferd entgegen. Er greift nach dem Sattelhorn und. merkt, dass die Kraft ihn wieder verlassen will. Er presst die Zähne zusammen und zieht sich am Sattelhorn in die Höhe. Die Schmerzen durchzucken seinen ganzen Körper.

Doch er sitzt im Sattel, und das Tier bewegt sich unter ihm.

 

 

5. Kapitel

 

»Das ist eine Schweinerei, Doc!«, ruft der Salooner Bruce Cabot. »Oder glauben Sie, er würde nur phantasieren?«

»Ohne Zweifel tut er das. Aber es wird die Wahrheit sein.« Der Doc blickt auf den verletzten jungen Mann, der vor einer halben Stunde in die Stadt kam und nun auf dem Bett liegt.

»Aber es ist die Wahrheit!«

»Kann sein, Cabot. Wir wollen von Glück reden, dass er noch lebt. Ich werde ihn kurieren. Verlassen Sie sich darauf!«

»Aber es muss etwas unternommen werden!«

»Spielen Sie nicht verrückt, Cabot. Denken Sie an unseren Sheriff und legen Sie Blumen auf sein Grab. Das beruhigt die Nerven.«

»Wir …«

»Wir warten auf den Marshal«, unterbricht der Arzt ihn. »Ich bin ganz sicher, dass er bald kommen wird, Cabot!«

Der Salooner geht rückwärts zur Tür. »Wie sie meinen«, murmelt er. Dann geht er hinaus und läuft zu seinem Saloon. Als er ihn betritt, ist außer dem Tanzmädchen Kate Duran niemand anwesend. Das Mädchen lehnt vor der Theke.

Hinter Cabot schwingt die Tür knarrend aus.

»Sie haben den Jungen um ein Haar erschossen«, sagt er.

»Das tut mir leid, Mr. Cabot.«

»So? Wirklich? – Kate, ein Marshal wird kommen! Das weiß ja jeder.«

»Würden Sie es sonst nicht zu mir sagen?«

»Nein. Und Sie wissen, warum!«

»Ja, ich weiß. War sonst noch etwas?« Cabot geht weiter, bis er dicht vor ihr steht. Er blickt in ihre dunklen Augen und auf das blauschwarze Haar, das sie fast wie ein Indianermädchen aussehen lässt. Aber sie ist keins. Sie ist ein Tanzgirl von achtundzwanzig Jahren, und sie sieht noch gut aus. Sie sucht nach ihrer Chance. Cabot weiß das alles ganz genau, und er weiß auch, dass sie glaubt, Yordy Elvey wäre ihre Chance.

»Sein Vater steckt dahinter«, meint er. »Sie wissen es!«

»Ich weiß nichts. Niemand weiß es! Niemand hat einen Befehl gehört, den Elvey gegeben hätte.«

»Dan Cohler hat es gestanden. Sie wissen, dass das der Sheriff gesagt hat.« »Dan Cohler ist tot. Und der Sheriff ist es auch, Mr. Cabot.«

»Ja, beide sind tot. Warum der Sheriff tot ist, weiß hier jeder.«

»Es war ein Unglück.«

»Kein Unglück. Kate, ich will Sie doch nur warnen! Sie suchen nach einem Glück, das es nicht gibt! Elvey ist nicht die Chance, von der ein Mädchen in Ihrer Lage träumt.«

»Sie sollten sich über mich keine Gedanken machen, Mr. Cabot. Wenn es Ihnen nicht passt, bin ich bereit, den Vertrag zwischen uns zu lösen.«

»Davon rede ich nicht, Kate. – Es wird ein Marshal kommen!«

Sie lächelt ihn an.

»Wissen Sie nicht etwas anderes?«, fragt sie. »Das interessiert mich nicht.«

Cabot geht hinter die Theke und schenkt sich einen Whisky ein.

»Der Weg führt in die Hölle«, murmelt er. »Eines Tages werden Sie es wissen!«

 

 

6. Kapitel

 

Dean Logan schiebt die Spielkarten zusammen und schaut Ross Cunter über den Tisch hinweg an. Der Mann trägt einen Stern an der Jacke. Einen silbernen Stern. Auf diesem Stern steht: US-Marshal. Und darüber schüttelt Dean Logan den Kopf.

»Wie bist du denn nur darauf gekommen?«, fragt er den Mann, den er seit vielen Jahren kennt und überall dort traf, wo es wild zuging. Aber niemals hat Cunter einen Stern getragen, wie sich Dean Logan vorgenommen hat, niemals einen zu nehmen.

»Das weiß ich auch nicht mehr«, erwidert Cunter. »Ich hatte auf einmal das Gefühl, zu nichts in der Welt nütze zu sein. Hast du das Gefühl auch schon gehabt?«

Dean Logan lächelt, als er den Kopf schüttelt und sagt: »Das muss ein verrücktes Gefühl sein, Ross. – Nein, ich hatte es noch nicht.«

»Vielleicht kommt es noch.«

»Vielleicht – wohin willst du?«

»In eine kleine Stadt hier in Wyoming. Nach Süden hinunter.«

»Aha.«

»Und du?«

»Nach Cheyenne.«

»Dann haben wir ein Stück den gleichen Weg.«

»Ja. Macht es dir nichts aus, mit einem Spieler und Revolvermann zu reiten?« »Du Narr! Glaubst du, ich wäre viel anders geworden? Ich habe einen Stern genommen. Ich arbeite für das Gesetz. Dafür bekomme ich einhundertfünfzig Dollar im Monat.«

»Sehr viel Geld«, sagt Logan und lächelt stärker. »Ich kann mich erinnern, dass du früher mehr in einer Nacht verspielt hast.« »Zugegeben. Aber ich denke eben anders darüber. Dean, eines Tages denkst du auch anders darüber! Bestimmt!«

»Kann ich mir schlecht vorstellen.« Dean Logan mischt die Karten. »Wirklich nicht?« »Nein. Ich spiele nicht mehr!«

Dean legt die Karten abermals auf den Tisch.

»Also schön. Trinken wir wenigstens noch einen. Oder …?«

»Das mache ich allerdings noch. Der Richter heißt …«

»Hör auf! Der Mann interessiert mich nicht. Wann willst du weiter?«

»In spätestens einer Stunde.«

»Gut. Keeper! Noch eine Flasche!«

Der Salooner bringt die Flasche. Dean schenkt ein. Er versucht Ross zu begreifen, aber es gelingt ihm nicht.

»Früher sind wir dorthin geritten, wohin es uns gerade trieb«, sagt er. »Nun musst du machen, was andere dir sagen.«

»Hast du irgendwo das Glück gefunden, das zu finden du ständig unterwegs gewesen bist?«, fragt Ross zurück.

»Wie soll ich das beantworten? Es hat mir gefallen.«

»Was?«

»Alles. Das Leben.«

»Unser Leben war Kampf. Kampf, Dean! Gegen was, wussten wir immer erst, wenn es so weit war. Ein sinnloser Kampf. Wir haben Geld gewonnen und es wieder ausgegeben, ehe wir uns über seinen Wert klarwerden konnten. Es war ein schlechtes Leben. Aber ich will nicht wie ein Prediger auf dich einreden.«

»Dann Prost!«

Eine Stunde später verlassen sie den Saloon. Das grelle Sonnenlicht blendet sie. Dean sieht ein paar Fallensteller, die mit bepackten Maultieren aus den Bergen gekommen sind. Alkalistaub hängt noch wie festgefressen in ihren Kleidern.

Ein zerlumpter Indianer nähert sich den Männern und spricht sie an.

»Verschwinde, Rothaut!«, bellt einer der bärtigen Männer.

Der Indianer sagt wieder etwas. Er sagt es in einer fremden, kehligen Sprache.

»Was will er denn, Orson?«

»Schnaps, zur Hölle. Was denn sonst? – Hau ab, Rothaut!«

Der Indianer greift nach der Jacke des Mannes. Da trifft ihn ein Schlag, der ihn auf die Erde wirft.

Dean steigt die Stufen hinunter. Der Indianer steht wieder auf. Dean gibt ihm einen Dollar und sagt:

»Lasst ihn in Ruhe. Er hat Durst wie ihr.«

»Er wird uns den Skalp abziehen, wenn er uns in den Bergen trifft«, schnaubt der Mann, der den Indianer niederschlug.

Dean blickt auf den Gürtel des Mannes. »Und du?«, fragt er. »Was machst du mit einem Indianer, den du in den Bergen triffst?«

»Genau das Gleiche.«

»Dean, komm!«, ruft Ross Cunter.

Dean wendet sich ab und geht zurück. Er steigt auf sein Pferd, das Ross schon vom Haltepfosten losgemacht hat.

Nebeneinander reiten sie aus der kleinen Stadt hinaus.

»Dieses Land ist voller offener Probleme«, sagt Dean.

»Wegen der Indianer?«

»Ja.«

»Das ist Sache der Armee, Dean. Damit habe ich nichts zu tun.«

»Und wenn schon. Es geht dich auch an.« »Nein. Die Indianer unterstehen keinem Richter. Ich kann also nichts mit ihnen zu tun haben.«

Eine Weile reiten sie schweigend weiter. Sie kommen über einen Hügel und können die offene Stadt in der Prärie nicht mehr sehen.

»Wie hieß die Stadt gleich?«, fragt Dean. »Ich habe es vergessen.«

»Ich habe es noch gar nicht gesagt«, meint Ross. »Sie heißt Elvey Junction. Ein mächtiger Rancher soll sie gegründet und nach sich benannt haben. – Schon gehört?« »Nein. Scheint nur ein winziges Nest zu sein. Aber weißt du, ich hätte Lust, dich bei deiner Arbeit zu beobachten. Erzählst du mir, was dort los ist?«

»Warum nicht? Da ist also ein Rancher, der seine Nachbarn loswerden will.« »Eine alte Geschichte.«

»Allerdings. Er hat Banditen, die in den Bighorn Mountains hausen.«

»Woher weißt du das?«

»Wenn du mich nicht unterbrichst, werde ich dir alles der Reihe nach sagen.«

»Also gut, Ross. – Weiter!«

 

 

7. Kapitel

 

Die Nacht ist dunkel. Zweige peitschen auf den Boden. Ein gestreckter Schatten flieht nach Norden.

Ross hat sich aufgerichtet und die Decke zurückgeschlagen.

»Es ist jemand in der Nähe«, sagt Dean, ohne den Kopf vom Sattel zu nehmen. »Vielleicht Leute, die etwas gegen dich haben.«

»Wie kommst du denn darauf?«, knurrt Cunter und dreht die Trommel seines Colts durch.

»Das weiß ich auch nicht, Ross. Ein Marshal ist doch ein Mann, gegen den viele etwas haben. Das erscheint mir sogar logisch.«

»Ruhig!«, zischt Cunter und richtet sich ganz auf. Er schleicht zu den Büschen hinüber. Und plötzlich schießt er.

Dean sieht den fauchenden Mündungsblitz, und der Knall schlägt an seine Ohren. Mit einem Satz ist er auf den Beinen und rennt zu Cunter. Als er hinter den Büschen ankommt, hat er seinen Revolver bereits in der Hand.

»Dort!«, schreit der US-Marshal und feuert wieder durch den Busch.

Dean schießt ebenfalls in der Richtung, obwohl er nichts als rabenschwarze Finsternis sehen kann.

»Fort!«, schreit eine Stimme.

Ein Pferd wiehert. Dann klingt Hufschlag auf. Am Ende der langen Hecke tauchen Reiter auf. Sie sind nur schattenhaft zu sehen, aber Dean zählt fünf Pferde.

Er lässt den Colt sinken und blickt Cunter an.

»Das war sicher das Empfangskomitee von Elvey Junction«, sagte er. »Hast du schon darüber nachgedacht, dass deine Aufgabe darin besteht, den Sohn des Ranchers des Mordes an dem Sheriff zu überführen und ihn aus der Stadt zu bringen?«

»Natürlich habe ich das. Und ob du es glaubst oder nicht, ich werde es auch tun!« »Jedenfalls wünsche ich dir Glück, Ross. Es scheint mir, als könntest du es gebrauchen.«

»Allerdings. Schlafen wir weiter. Die kommen heute Nacht nicht mehr zurück.«

 

 

8. Kapitel

 

Der Schuss fällt in einem Moment, wo keiner von beiden damit rechnete. Ross Cunter fällt aus dem Sattel. Ein Stöhnen kommt aus seinem Munde.

Dean ist mit einem Sprung auf dem Boden. Er hört den Knall des zweiten Schusses und das Sirren der Kugel über seinem Kopf. Er reißt die Winchester 73 aus dem Scabbard und feuert zurück, hinauf zu den Büschen. Er sieht Blätter, die abgerissen durch die Luft wirbeln und springt nach rechts.

Mindestens vier Schüsse peitschen gleichzeitig auf. Rechts wird der Sand der Poststraße in die Höhe gewirbelt. Die Pferde wiehern und drängen rückwärts. Dean springt ihnen nach und greift nach den Zügeln. Ein Schuss kracht vom Boden aus. Dann schreit Cunter auf. Die Waffe entfällt seiner Hand, und sein Kopf schlägt auf den Weg.

Dean lässt die Zügel los. Er richtet die Winchester wieder auf die Büsche und feuert in rasender Folge. Oben auf der Höhe wirbeln wieder Zweige und Blätter durch die Luft. Von dort fällt kein Schuss mehr. Dann ist Hufschlag zu hören, der sich entfernt.

Dean lässt das Gewehr sinken und nähert sich dem ehemaligen Sattelgefährten. Er sieht, dass dessen Schultern noch zucken. Langsam dreht er ihn um und starrt in das verzerrte, bleiche Gesicht. Er möchte etwas sagen, aber alles, was er jetzt vorbringen könnte, erscheint ihm lächerlich und nebensächlich. So also endet es.

Ross Cunters Finger zittern, als er den silbernen Stern von seiner Weste losmacht. Er hält ihn vor, und es sieht aus, als würde diese Bewegung seine ganze Kraft erfordern.

»Nimm!«, sagte er mit rasselndem Atem. »Nimm ihn, Dean!«

Irgendetwas in Dean Logan sträubt sich dagegen. Er will diesen verdammten Stern nicht, für den ein Mann für nichts und wieder nichts sterben muss.

»Nimm ihn«, sagt Cunter wieder. »Schreibe dem Richter in Fort Reno einen Brief. Und lege ihn dazu. In der nächsten Stadt!«

Dean greift nach dem Stern. Es ist ihm, als würde er ein glühendes Eisen berühren. Er denkt, dass er den Brief ja schreiben kann. Es wird wohl kein sehr freundlicher Brief werden. Aber er denkt nicht daran, dass Elvey Junction die nächste Stadt ist. Die nächste Stadt auf dem Weg nach Süden!

»Danke«, sagt der verletzte Marshal klar. »Du bist immer ein guter Junge gewesen, Dean.«

»Soll ich nicht nach deiner Wunde sehen?«

»Schon gut, nein. Männer wie wir … wissen, wann es so weit ist.«

Dean sieht, dass die Lippen Cunters zu zucken beginnen und schnell die Farbe verlieren.

»Begrabe mich, Dean«, sagt er. »Vielleicht hat das Schicksal deshalb gewollt, dass sich … unsere Wege … kreuzen.«

Dean weiß, dass es Cunter schon schwerfällt, zu sprechen. Er möchte ihm irgendetwas sagen, das ihn trösten könnte. Aber wahrscheinlich wird Cunter darüber zu lachen versuchen. Er hat viele ihrer Sorte sterben sehen. Im Grunde genommen war es immer gleich. Da merkt er, dass er den Stern immer noch in der Hand hält. Er fühlt sich nicht mehr ganz so heiß an. Vielleicht deshalb, weil er daran denkt, dass er ihn in Elvey Junction in einen Brief stecken wird. Morgen schon! Morgen wird er die Stadt erreichen. Er steht auf und geht zu den Pferden, die sich wieder genähert haben. Mit seiner Flasche kommt er zurück und gibt Cunter den scharfen Schnaps zu trinken.

»Es ist seltsam«, murmelt Cunter, dem der Whisky durch die Bartstoppeln rinnt, »die meisten haben in meiner Lage noch etwas zu regeln. Bei mir ist alles klar.«

Dean blickt auf den Blutfleck auf Cunters Hemd. Er wird immer größer. Er denkt daran, dass Cunter Texaner ist. Vielleicht ist er deshalb so. Er wartet darauf, dass sich der Körper im letzten Kampf aufbäumt, um ihn zu verlieren. Aber das geschieht nicht. Cunter hält ihm die Hand hin, und ehe er noch danach greifen kann, fällt sie zurück.

Verwirrt blickt Dean auf ihn nieder und sieht das gebrochene Licht der Augen.

»Es tut mir sehr leid«, murmelt er. »Aber ich verstehe nicht, dass du nicht geschrien hast.«

 

 

9. Kapitel

 

Yordy Elvey blickt Tip Danning fragend an.

»Wie tot?«, will er wissen. »So wie der Stallbursche?«

Danning blickt zu Boden.

»Das kommt nicht wieder vor«, knurrt er. »Es hat an Les gelegen.«

»Das will ich nicht wissen. – Wie tot?« »Richtig. Er wurde zweimal getroffen. Aber der andere schoss wie ein Verrückter.«

»Also zwei Marshals?«

»Ja. Ray wurde an der Schulter verletzt. Wir mussten aufgeben.«

»Und den Zweiten habt dir nicht getroffen?«

»Nein … nein.«

»Dannwird er morgen in der Stadt sein.«

»Ja.«

»Dort werdet ihr auch sein. Nicht alle! Zwei oder drei.«

»Ja.«

»Er muss tot sein, ehe die Leute Morgenluft wittern. Das wird sie davon abhalten, noch einen Marshal zu holen. Verstehst du das?«

»Sicher.«

»Es gefällt mir nicht, dass du so überheblich tust. Die beiden könnten längst tot sein.«

»Es war eben nicht so einfach. Hast du den Lohn mit?«

»Was?«

»Den Lohn.«

»Für was?«

»Für die Sache in der Stadt. Es soll doch sicher nicht wie ein Mord aussehen?« »Natürlich nicht. Es muss ein fairer Kampf werden.«

»Zweihundert.«

»Du bist verrückt!«

»Dreihundert. Und wenn du das noch einmal sagst, wird es immer mehr.« Yordy Elvey treibt sein Pferd näher an den Banditen heran, hinter dem die Felswand grau und steil in die Höhe steigt. Er misst ihn mit einem kalten Blick.

»Willst du mich erpressen?«

»Ich will einen guten Lohn, mein Junge. Nicht von dir. Von deinem Vater. Für mich bist du nur der Überbringer. Ich habe aber nichts gegen dich. Nur liebe ich in Geldgeschäften Ordnung.«

»Du verlangst zu viel!

»Nein. Vielleicht verlange ich zu wenig. Du darfst nicht vergessen, dass ihr uns bald nicht mehr braucht. Es sind nur noch wenige Smallrancher übrig. Bald sind sie verschwunden. Und noch etwas: Ein Marshal ist immerhin ein Marshal. Wir reden weiter darüber, wenn du das Geld hast.«

Tip Danning will sein Pferd wenden, aber Yordy Elvey greift ihm in die Zügel. Er bringt mit der linken Hand Geldscheine aus der Tasche und zählt dreihundert Dollar ab.

»Da«, sagt er zischend.

Danning greift nach dem Geld, steckt es ein und tippt an seinen Hut.

»Also morgen!«, zischt Yordy Elvey. »Und denke daran: Es muss ein ganz fairer Kampf sein. Lass dir etwas einfallen!« »Schon gut. Wir sind keine Stümper.« »Beinahe könnte man es aber meinen, Tip!«

»Was willst du damit sagen?«

»Nichts weiter. Du weißt es doch.«

»Der Stallbursche kann nicht beweisen, dass wir es waren. Niemand hat es gesehen, und wir sind bereit, das Gegenteil unter Eid auszusagen.«

Yordy grinst ein wenig.

»Du weißt ja, was die Leute glauben«, entgegnet er.

»Sie wollen uns gern beweisen, Banditen zu sein. Fast wäre es ihnen gelungen. Aber der gute Sheriff musste sterben. Und folglich wissen sie nichts! Du hast uns damals sehr geholfen, Yordy. Uns und noch mehr dir selbst!«

»Es war ein Versehen.«

»Ja, wir kennen deine Version. Darüber brauchen wir nicht zu streiten.«

»Wenn der Marshal tot ist, meldest du es mir. Komm so, dass dich niemand sieht!« »In Ordnung.«

Yordy blickt den Banditen noch einen Augenblick forschend an, dann wendet er sein Pferd und trabt durch den Felsenkessel.

Danning wartet, bis der Sohn des Ranchers im Canyon verschwunden ist. Der Hufschlag wird schnell leiser. Da stößt Danning einen Pfiff aus.

Aus einer Höhle kommt Ernie Truscott, der sein Pferd hinter sich herzieht.

»Hast du alles verstanden?«, fragt Danning. »Natürlich, Tip.« Truscott klettert in den Sattel. »Ich glaube nur nicht, dass es sehr einfach sein wird, den Marshal in einem fairen Kampf zu besiegen. Du weißt ja selbst, was für Kerle die Richter sich dazu auswählen.«

»Ja, ich weiß, Ernie. Aber ich habe gar nicht an einen fairen Kampf gedacht.« »Nicht?«

»Nein, Ernie. Nur den Anschein soll es haben. Und ich weiß schon, wie wir das machen. – Hole jetzt einen der Leute, damit er hier die Wache übernimmt. Ich warte so lange.«

Ernie Truscott nickt und treibt sein Pferd vorwärts. Er reitet in einen Hohlweg hinein, der weiter hinauf in die Bighorn Mountains führt. Rechts und links steigen die Felswände in die Höhe. Ernie Truscott ist nicht lange geritten, als sich vor ihm ein kleines Tal öffnet. Unter der überhängenden Felswand, auf der rechten Seite steht eine windschiefe Hütte, die aus den Stämmen verkrüppelter Kiefern zusammengefügt ist.

Ein Mann steht am Zugang des Tales. Er hat ein Gewehr in der Hand.

Ernie Truscott hat sein Pferd angehalten.

»Hole Joe«, kommandiert er. »Er soll unten im Felsenkessel die Wache übernehmen.«

Der Mann lehnt sein Gewehr gegen die Felswand und geht auf die Hütte zu. Die Tür knarrt beängstigend, als er sie öffnet.

 

 

10. Kapitel

 

Als Dean Logan die kleine Stadt erreicht, sieht er Männer und Frauen unter den vorspringenden Dächern vor den Häusern stehen. Er bemerkt, dass sie ihn alle anstarren. Außer dem Hufschlag seines Pferdes ist kein Geräusch in der Stadt zu hören. Dean hat für einen Moment das Gefühl, als wären es leblose Puppen, die dort stehen.

Er hält sein Pferd vor dem Saloon an und blickt zur Poststation hinüber. Er wird dem Richter in Fort Reno einen netten Brief schreiben. Er wird ihm mitteilen, dass Ross für eine Sache gestorben ist, die ihn – genau genommen – nichts angeht. Ja, es wird ein netter Brief sein, und der Richter steckt ihn sicher nicht hinter seinen Spiegel. Aber vielleicht interessiert er sich auch gar nicht dafür.

Dean Logan ist abgestiegen. Er lockert den Sattelgurt und schaut sich nach einem Stallmann um. Aber er sieht nur starr und abwartend stehende Menschen.

»Komische Stadt«, murmelt er. Dann schlingt er die Zügel um die Holmstange. Er wird den Keeper fragen, ob es einen Stall gibt. Er nimmt seine Satteltasche und steigt die Stufen zum Stepwalk hinauf. Mit der Stiefelspitze stößt er die Tür auf und tritt über die Schwelle.

Dahinter bleibt er wie angewurzelt stehen. Drei Männer lehnen an der Theke. Hinter ihnen ist der Keeper zu sehen.

»Hallo«, sagt einer der drei Männer. »Dich kenne ich doch.«

Dean Logan kramt in seiner Erinnerung. Er ist vielen Männern auf seinen rauen Wegen begegnet, und es waren nicht immer die Besten.

»Ich bin Ernie Truscott. Erinnerst du dich nicht?«

»Nein. Ich heiße Dean Logan. Es muss lange her sein.«

»Das stimmt.«

Dean Logan geht zu einem Tisch und legt die Satteltasche darauf. Er rückt sich an der Wand einen Stuhl zurecht und setzt sich.

»Ja, das stimmt«, sagt Truscott noch einmal. Er trinkt sein Glas aus und stellt es auf die Theke. Dann kommt er langsam an den Tisch und stemmt beide Hände auf die Platte. Er steht vorgereckt wie ein Raubvogel, der zuschnappen will.

»Das stimmt sogar haargenau«, wiederholt er noch einmal. »Du kommst von Norden nicht wahr?«

»Allerdings. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dich das etwas anginge.«

»Da irrst du dich aber, Logan. Oder willst du Jack auch schon vergessen haben?«

»Jack?« Dean schüttelt den Kopf. »Wer ist Jack?«

Truscott stößt ein abgehacktes Lachen aus, doch schlagartig ist er wieder ernst.

»Mein Bruder!«, brüllt er und packt den Tisch fester.

Dean zieht die Satteltasche herunter und hängt sie hinter sich an die Stuhllehne. Er blickt zu den beiden anderen Männern an der Theke und sieht ihre abwartenden Gesichter. Da weiß er, dass diese drei Männer Streit wollen.

Streit um jeden Preis. Auch um den Preis einer Lüge, die sie nicht beweisen können, so gut, wie er keinen Menschen vom Gegenteil überzeugen kann. Er steht auf und schnallt demonstrativ seinen Patronengurt ab, den er ebenfalls an die Stuhllehne hängt. Als er wieder sitzt, sagt er:

»Ich kann mich nicht erinnern, einen Bruder von dir getroffen zu haben, Truscott. Wahrscheinlich irrst du dich.«

Truscott schüttelt den Kopf. Ein sadistisches Grinsen sitzt wie festgefroren in seinem Gesicht.

»Ich irre mich nie«, behauptet er. »Nie, Logan, hörst du?!«

»Ja, du brauchst nicht so laut zu schreien.« Dean schaut dem Kerl in die dunkel glimmenden Augen. Vielleicht war es falsch, den Revolver abzulegen. Aber er denkt daran, dass der Keeper noch da ist.

Das Halbdunkel im Saloon zeichnet tiefe Schattenrisse in das Gesicht Truscotts. Es ist ein hartes, verschlossenes Gesicht, und Dean kann sich immer noch nicht erinnern, es schon einmal gesehen zu haben.

»Du hast meinen Bruder nach Fort Reno gebracht«, sagt Truscott. Seine Stimme klingt jetzt hart und kalt, so, als würde Glas zerbrechen. »Und dort wurde er hingerichtet.«

Dean lächelt. Er lächelt, weil er weiß, dass dieser Kerl ihn für einen Marshal aus Fort Reno hält. Und die beiden anderen an der Theke natürlich auch. Er muss an Ross denken. Vielleicht war es verrückt, mit ihm zu reiten. So hat er sich selbst in die größten Schwierigkeiten gebracht.

Der Stern, den er in der Tasche trägt, drückt ihm plötzlich gegen die Brust. Und auf einmal weiß er auch, warum ihn die Menschen draußen auf der Straße so angestarrt haben.

Sie alle halten ihn für den Marshal, der hierher kommen soll. Sie wissen noch nicht, dass Ross tot ist.

Aber Truscott und die anderen werden es wissen. Für sie sind es zwei Marshals, die auf dem Weg nach Elvey Junction waren. Und nun lebt noch einer davon. Diesen einen hat Truscott irgendwann schon einmal gesehen. Das spielt keine Rolle dabei. Ihre Geschichte muss schon festgestanden haben. Die Geschichte vom ermordeten Bruder, der sicher nie gelebt hat.

»Das habt ihr euch fein ausgedacht«, sagt er laut. »Sehr fein, Truscott. Aber falls du wirklich einen Bruder hattest, der nach Fort Reno gebracht wurde, so hat er sich das bestimmt verdient!«

»Du bist sein Mörder!«, grollt der Bandit. Und plötzlich packen seine Hände den Tisch an zwei Ecken und schleudern ihn mit einer kraftvollen Bewegung zur Seite.

Donnernd rammt der Tisch gegen die Holztäfelung der Wand. Dean hört die Bretter berstend zerbrechen, während er sieht, dass Truscott einen Schritt auf ihn zumacht. Er steht schnell wieder auf den Beinen.

Da holt Truscott zu einem schmetternden Hieb aus und springt vorwärts. Doch er springt genau in Deans Aufwärtshaken, der krachend sein Kinn trifft und ihn zurücktaumeln lässt.

Einer der beiden an der Theke stößt einen Fluch aus.

Dean kümmert sich nicht darum. Er wirft sich hinter Truscott her und schlägt noch einmal schmetternd zu.

Der Kerl wird gegen den kalten Kanonenofen geschleudert, reißt ihn um und geht selbst zu Boden.

Dean blickt die beiden an der Theke an. Die stellen ihre Gläser eben vorsichtig auf die Theke, als hätten sie Angst, den kostbaren Inhalt zu verschütten. Der eine von ihnen senkt die rechte Hand langsam auf den Kolben seines Revolvers hinunter. Es ist ein großkalibriger Revolver, und das Holster hängt tief an der Hüfte des Mannes.

Der andere Kerl hustet dünn und senkt die rechte Hand dann ebenfalls.

Dean kommt das alles immer mehr wie ein billiges, abgekartetes Spiel vor, das ebenso lächerlich wie gefährlich ist.

Die beiden Kerle beginnen gleichzeitig zu grinsen, als sie bemerken, dass Dean rückwärtsgeht, um zu dem Stuhl zu kommen, an dem sein Patronengurt hängt.

Jedoch bemerkt Dean, dass es ein unsicheres Grinsen ist, und er denkt, dass er ihnen das Spiel doch etwas aus der Bahn gebracht hat, als er die Waffe ablegte. So bleibt er wieder stehen. Er blickt auf den Mann, den er niederschlug.

Der wälzt sich über den Boden, macht eine Bewegung, als wollte er aufstehen, fällt aber zurück. Der Ofen rollt scheppernd um seine eigene Achse.

Da hat der eine an der Theke den Kolben des Revolvers erfasst. Und in diesem Moment weiß Dean, dass er doch einen Fehler gemacht hat. In den Augen des Mannes leuchtet die Mordlust. Vielleicht interessiert ihn das zurechtgelegte Spiel schon selbst nicht mehr.

In diesem Moment wird hinter den beiden eine Parkerbüchse gespannt.

»Genug«, sagt der Keeper brummig. »Nehmt Ernie mit und verschwindet!«

Die beiden schauen sich um.

Der Keeper weicht bis zum Flaschenregal zurück und lehnt sich dagegen.

»Los, hebt ihn auf und hinaus mit euch!«, schreit er. »Es ist kein Spaß!«

Die beiden zucken zusammen. Offenbar haben sie damit nicht gerechnet.

»Auf was wartet ihr noch?«, schreit der Keeper. »Verschwindet, sonst …!«

Da gehen die beiden zu ihrem Kumpan, ziehen ihn in die Höhe und schütteln ihn.

»Ernie!«, brüllt der eine ihn an.

Der andere lässt los und kommt zur Theke zurück. Er füllt ein großes Glas mit Wasser, das er seinem Komplicen ins Gesicht schüttet.

Truscott schüttelt sich wie ein Hund, der ins Wasser geworfen wurde.

»Was … was ist denn?«, fragt er verdreht. »Ich nehme …«

»Halte die Schnauze!«, knurrt der, der das Wasser holte. »Los, raus!«

Dean blickt ihnen nach, wie sie ihren Kumpan aus dem Saloon schleifen. Als die Schwingtür hinter ihnen ausgependelt ist, kann Dean den Kopf und den großen Hut des einen immer noch sehen. Sie schauen sich an.

»Wir warten auf dich, Logan!«, ruft der Mann.

»Ich wüsste nicht, warum«, erwidert Dean, obwohl er ihr fadenscheiniges Argument und ihren Willen kennt. Sie haben hier gewartet, weil sie ihn töten wollen. Sie haben auf den Marshal gewartet. Darüber muss er fast lachen.

»Ernie hat sehr an seinem Bruder gehangen«, sagt der Mann. »Er hat sich schon immer gewünscht, den Mann zutreffen, der ihn fortschleppte. Und wir waren Jacks Freunde.«

»Dann seid ihr ja eine nette Gesellschaft gewesen«, erwidert Dean höhnisch.

»Darüber kann jeder denken, wie er will, Logan. Wir denken, dass jede Sache ihren Lohn hat. Und wir geben dir deinen Lohn. Hier in der Stadt. Wir warten nicht gern, Logan!«

Das Gesicht des Mannes verschwindet.

Dean wendet sich um und blickt den Keeper an, der eben mit dem bulligen Lauf der Schrotflinte die beiden Gläser ins Spülbecken schiebt.

»Eine sehr nette Stadt«, sagt Dean.

»Sie waren ein Narr, dass Sie hierhergekommen sind. Vorn kommen Sie nicht mehr lebend hinaus und aus der Stadt. Verschwinden Sie durch die Hintertür! Ich habe im Stall ein Pferd stehen. – Ein gutes Pferd! Nehmen Sie es und laufen Sie bis zum Ende der Hecke. Niemand wird Sie bemerken, Logan. Sie haben eine gute Chance, diesen Halunken zu entkommen.«

Dean lächelt den Mann an. Er denkt an den Stern, den er in der Tasche trägt. Er wollte ihn hier bei der Post aufgeben. Aber das kann er schließlich auch in einer anderen Stadt tun. Die Frage ist nur, ob die drei Kerle ihn in eine andere Stadt kommen lassen wollen.

Sicher nicht.

Und dann ist da noch etwas: Sie haben ihn noch nie aus einer Stadt getrieben. Wenn er ging, dann war das immer sein Wille gewesen.

»Geben Sie mir einen Whisky«, sagt er, »ich kann ihn vertragen.«

Die Finger des Keepers zittern, als er die Schrotflinte abstellt und nach einer Flasche greift. Er füllt ein Glas und schiebt es über die Theke.

Trinken Sie schnell!«, stößt er hervor. »Der Doc war ein Narr!«

»Der Doc? – Wieso?«

»Er hatte doch den verrückten Einfall, einen Marshal kommen zu lassen. Sie haben hier so wenig eine Chance wie irgendein anderer.«

Dean nickt. Dieser Mann ist also auch davon überzeugt, einen Marshal aus Fort Reno vor sich zu haben. Ausgerechnet er soll dieser US-Marshal sein. Er, der er davon überhaupt nichts hält. Sie wollen ihn umbringen, nur weil sie das glauben.

Dean erkennt am Gesichtsausdruck des Mannes, dass es sinnlos ist, ihn davon überzeugen zu wollen, er wäre kein Marshal.

Der Keeper wird ihm nicht glauben. Genauso wenig, wie es irgendein anderer glauben wird. Er greift nach dem Glas und trinkt es auf einen Zug aus.

»Ihr Whisky ist gut«, sagt er. »Verdammt, verschwinden Sie! Reiten Sie schnell nach Reno zurück und sagen Sie dem Territoriumsrichter, dass ein Mann keine Chance hat. Hier müssen mindestens fünf kommen.«

»Wie heißen die beiden anderen?«

»Tip Danning und Les Harms.« »Welcher ist Harms?«

»Der Blatternarbige. Sie hausen in den Bergen. Der Sheriff hat …«

»Die Geschichte wurde mir erzählt.« Dean beißt sich auf die Unterlippe. Das hätte er nicht sagen sollen. Damit hat er die Meinung, dass er ein Marshal ist, bei dem Keeper nur verstärkt.

»Also verschwinden Sie!«, stößt der Mann hervor. »Es ist für uns alle besser.« »Ich bleibe.«

»Warum?«

»Weil ich mich von drei Banditen nicht fortschicken lasse, Mister. – Was ist dieser Yordy Elvey eigentlich für ein Kerl?« »Ein junger, wilder Bursche. Sein Vater hat zwei Dutzend Reiter. Vielleicht sagt Ihnen das mehr!«

»Das hätte ich Ross gar nicht zugetraut.« »Was?«

»Ach, ich habe ein Selbstgespräch geführt. Ihr Whisky ist wirklich sehr gut. Bekomme ich noch einen?«

Der Keeper schenkt ein.

»Von mir aus, wenn Sie ein Narr sein wollen, so bleiben Sie!«, knurrt er.

»Wie war das damals, als der Sheriff erschossen wurde?«, erkundigt sich Dean. »Ein Mann erzählte es auf dem Wege hierher. Aber offenbar wusste er es nur in Bruchstücken.«

»Es war sehr dunkel«, murmelt der Keeper. Er zieht den Kopf tief zwischen die Schultern. »Der Sheriff hat Yordy angerufen. Yordy sagte später, er habe nicht gewusst, wer es ist. Er will herumgefahren sein und sah die Waffe des Mannes.« »Seltsam«, meint Dean.

»Wieso?«

»Denken Sie doch einmal darüber nach. Yordy hat die bräunierte Waffe in der Dunkelheit gesehen. Die kleine Waffe! Aber nicht das große, helle Gesicht.«

»Der Sheriff war den Leuten im Wege. Jeder hier weiß, dass Elvey die Banditen beschäftigt.«

»Sie meinen, jeder vermutet es.«

»Sie sollten wirklich verschwinden, Logan!«

»Ja, ich werde verschwinden, Mister. Aber wenn ich es will!«

»Dann … dann werden Sie nie mehr gehen.«

Dean geht zu einem Tisch und setzt sich. »Logan, wir warten auf dich!«, schreit eine heisere Stimme auf der Straße.

Dean blickt zum Fenster hinaus. Drüben vor dem Haus kann er immer noch Menschen sehen. Sie stehen wie eine Mauer des Schweigens.

»Wissen Sie, wie die drei es machen wollen?«, fragt der Keeper.

Dean schaut ihn an und schüttelt den Kopf.

»Nein. Wissen Sie es?«

»Ja. Sie haben hier darüber gesprochen. Sie wollten es im Saloon erledigen. Das war ihr Plan. Aber sie hatten noch einen Ersatzplan, falls es nicht so klappt, wie sie dachten.«

»Interessant.«

»Sie werden alle drei nebeneinander stehen, Logan. Unten am Ende der Stadt, wo der Brunnen ist. Und sie werden alle drei gleichzeitig ziehen. Jeder von ihnen kann später behaupten, Sie hätten direkt vor ihm gestanden, und er habe das Gefühl gehabt, als hätten Sie ausgerechnet ihn töten wollen. Daran kann niemand etwas auszusetzen finden.«

»Das finde ich großartig, Mister. Welcher führt die Kerle an?«

»Tip Danning.«

»Er scheint ein heller Kopf zu sein.«

»Ja, vorausgesetzt, dass es sein Plan ist. Schließlich sind Sie nicht der Bande, sondern Elvey hier im Wege.«

Wenn ich ein Marshal wäre, denkt Dean. Er spürt, dass er Spaß an diesem Spiel bekommen hat. Vielleicht ist er deswegen noch hier.

»Logan, lange warten wir nicht mehr!«, ruft die heisere Stimme auf der Straße. »Noch einen Whisky«, verlangt Dean. Der Keeper bringt die Flasche an den Tisch.

»Haben Sie Ernie Truscotts Bruder Jack wirklich nach Fort Reno gebracht?«, fragt er.

»Nein.«

»Das dachte ich mir. – Wer war es?« »Vermutlich gar niemand. Ernie hat doch gelogen. Er hat bestimmt nie einen Bruder gehabt.«

»Das glaube ich auch.« Der Keeper schaut hinaus. »Und die anderen Leute halten das auch für eine Lüge.«

»Das ist sehr nett von den Leuten«, meint Dean. »Wie viele der Leute würden mir gegen die drei Banditen helfen?«

Der Keeper geht rückwärts zur Theke, während er den Kopf schüttelt.

»Sie irren sich!«, stößt er hervor. »Sie irren sich ganz gewaltig!«

»So?«

»In den Bergen stecken noch mehr Banditen. Und Elvey hat zwei Dutzend …« »Das sagten Sie schon.«

»Ihnen kann man es vermutlich nicht oft genug sagen, Logan! Nehmen Sie mein Pferd. Noch können Sie entkommen!« Dean schenkt sich das Glas voll.

»Ich möchte gern wissen, wie viel Elvey den drei Kerlen dafür gibt, dass sie mich umbringen«, meint er. »Sprachen sie nicht auch davon?«

»Die werden sich hüten, Logan. Aber vielleicht schreibt es Yordy eines Tages auf Ihren Grabstein.«

»Das muss ja ein netter junger Mensch sein.« Dean trinkt den Whisky, und es ist ihm, als würde ein heißer Strom seinen Körper durchziehen. Er muss wieder an Ross denken.

Was hätte der richtige Marshal wohl in seiner Lage getan? Ross war Texaner. Ein Mann mit einem Eisenschädel. Wahrscheinlich wäre er nicht gegangen. Wahrscheinlich hätte er hier im Saloon nicht einmal seinen Revolver abgelegt.

Ja, Ross hätte es anders gemacht. Aber fortgeritten wäre er nicht.

Dean zieht den Stern aus der Tasche und wiegt ihn in der offenen Hand.

»Logan, ich zähle jetzt bis zehn!«, schreit die heisere Stimme auf der Straße. »Wenn du dann noch nicht da bist, holen wir dich. Sicher kannst du dir denken, was wir mit einem Feigling machen!«

Dean weiß, dass sie kommen werden, wenn er sich nicht stellt. Und sie werden ihn dann einfach niederschießen. Sie können ja zu jedem sagen, dass er seine Chance nicht genutzt hat. Es ist ein fadenscheiniges Argument, aber hier wird es zählen.

»Eins!«

In diesem Augenblick öffnet sich die Hintertür, die zum Hotelaufgang führt.

Dean hat den Kopf gewandt. Er sieht eine junge Frau, und sein Blut stockt ihm in den Adern. Er erkennt sie sofort wieder, obwohl er sie seit einem Jahr nicht mehr gesehen hat. In Kansas waren sie sich zuletzt begegnet. In einem Spielsaloon. Er erinnert sich, dass er sie auf ihr Zimmer schickte, als der Streit mit den Bahnleuten anfing. Als er dann später hinaufkam, war sie nicht mehr da gewesen. Alles hatte so ausgesehen, als habe sie hastig ihre Sachen gepackt. Es war eine Enttäuschung für ihn gewesen. Doch er hatte nicht nach ihr gesucht. Er hatte es aber auch Ross Cunter nicht erzählt, den er am nächsten Tag traf.

»Zwei!«, zählt die heisere Stimme auf der Straße.

 

 

11. Kapitel

 

»Komm doch her, Kate«, murmelt der Keeper. »Sieh dir den Marshal aus Fort Reno an. Danning, Harms und Truscott warten auf der Straße auf ihn. Sie wollen ihn umbringen.«

»Sie kennen ihn wahrscheinlich nicht«, sagt das Tanzmädchen.

»Doch. Truscott hat behauptet, er würde ihn kennen, Kate.«

»Dann hat er ihn nie gesehen, wenn er zornig ist. Er ist ein Narr!«

»Vielleicht weißt du nur nicht, wie sie es machen wollen.«

Kate kommt näher. Sie blickt Dean immer noch an. Sie lehnt sich gegen die Theke und sagt: »So, da bist du also jetzt Marshal. Revolver-Marshal!«

»Du … du kennst ihn?«

»Sicher, Mr. Cabot. Wir haben einmal zusammengehört. Nicht wahr, Dean?« »Allerdings.«

»Er war Spieler. Wir haben zusammen ein Vermögen verdient. Aber ehe ich ihm klarmachen konnte, was sich damit alles anfangen lässt, hatte er es wieder verloren.«

»Das war Pech, Kate.«

»Ja. Das hast du damals schon gesagt. Warum bist du gekommen?«

Dean steht auf.

»Drei!«, zählt die heisere Stimme draußen.

»Ich wusste nicht, dass du hier bist«, sagt er.

»Was willst du?« Sie blickt auf den Stern, den er immer noch in der Hand hält.

Dean weiß, dass sie daran glaubt, dass er ein Marshal ist.

»Ich will Yordy verhaften und nach Fort Reno bringen«, sagt er aus einem Gefühl heraus.

Sie richtet sich gerade auf und misst ihn mit einem kalten, feindlichen Blick.

»Vier!«, zählt die heisere Stimme auf der Straße. Sie klingt ungeduldig.

»Nein!«, schreit Kate. »Nein, das darfst du nicht!«

»Sie ist mit Yordy verlobt«, erklärt der Keeper.

Dean ist es, als habe ihn ein Schlag ins Gesicht getroffen, und er spürt im Unterbewusstsein, dass er jetzt etwas gegen diesen Yordy, den er nicht kennt, hat.

»Fünf!«, zählt es draußen.

»Verlobt«, sagt Dean. »Das ist Allerdings eine Überraschung.«

»Du wirst fortgehen, Dean!«

»Ich glaube, Kate, das werde ich nicht tun. Auf dem Weg hierher ist Cunter erschossen worden. Du kennst ihn doch noch?«

Sie blickt ihn an, als habe sie kein Wort verstanden.

»Er war der beste Mensch, den ich je gekannt habe«, redet Dean weiter. »Er war so wie ich. Man konnte hunderttausend Dollar in der Tasche haben, mit ihm allein sein und sich umdrehen. Man konnte in seiner Gegenwart schlafen und wusste, dass man wieder aufwachen würde. Er war ein feiner Mann, Kate!«

»Wer hat ihn erschossen?«

»Das weiß ich nicht. Das möchte ich eben in Erfahrung bringen.«

»Warum bist du nun hier?«

Dean lächelt.

»Sechs!«, zählt die Stimme draußen. »Eigentlich wollte ich nach Cheyenne«, meint Dean. »Aber dann geschah das mit Ross. Das hier ist sein Stern.«

»Du … wolltest nach Süden?«

»Ja, Kate. Alle, die denken, ich wäre ein Marshal, irren sich.«

»Wem erzählst du das?«

»Dir, das hörst du doch. Ich habe Ross zufällig getroffen. Wir hatten uns eine ganze Zeit nicht mehr gesehen.« Dean schaut den Keeper an. Er erkennt, dass der ihm so wenig wie Kate glaubt. Warum glauben sie es eigentlich nicht?

»Sieben!«, zählt die Stimme, die jetzt ungeduldig klingt.

Dean blickt auf den Stern in seiner Hand, dann schiebt er ihn in die Tasche.

»Jedenfalls willst du Yordy etwas beweisen«, sagt Kate. »Du willst ihm beweisen, mit dem Mord an Ross etwas zu tun zu haben. Das ist doch die Wahrheit?«

»Ja, Kate. Das ist die Wahrheit. Vor einer halben Stunde wusste ich das selbst noch nicht. Was denkst du – hat er damit etwas zu tun?«

»Nein!«

Er nickt, weil er sie plötzlich zu verstehen glaubt. Deshalb ist sie also damals fort. Nicht wegen Yordy. Aber wegen der Chance, die sie suchte. Und nun bildet sie sich ein, diese Chance gefunden zu haben. Einen jungen Mann, der mit einem Stück Land fest verwurzelt ist und niemals davon fortgehen wird. Ein Mann also, der nicht ruhelos durch das Land zieht, tausend Gefahren durchlebt und leicht ausgibt, was er leicht gewonnen hatte.

Aber Yordy, das weiß Dean schon, ist auch nicht ganz so, wie sie sich ihn vorstellte. Er greift nach dem Land anderer. Er hat von seinem Vater gelernt, wie ein harter, reicher Mann in diesem Land denkt und handelt.

»Er hat damit nichts zu tun!«, stößt Kate heftig hervor, als er immer noch schweigt.

»Das werden wir ja sehen, nicht wahr? – Kate, ich kann dich verstehen. Ich habe darüber nachgedacht und gefunden, dass es wirklich kein Leben für eine Frau war. Aber auch hier findest du nicht, was du gesucht hast. Du solltest jetzt daran denken! Noch scheint es Zeit zu sein!«

»Du wirst die Stadt verlassen, Dean! Ich bitte dich darum! Du weißt, dass ich dich niemals um etwas gebeten habe!«

»Ja, ich weiß. Aber Ross … Denkst du dabei auch an ihn?«

Kate senkt den Kopf.

»Acht!«, schreit es auf der Straße.

»Ich habe ihm mein Pferd angeboten«, murmelt der Keeper. »Es steht hinten im Stall. Er könnte ungesehen entkommen.« Kate hebt den Blick wieder und schaut den Mann fast verächtlich an.

»Durch eine Hintertür stiehlt er sich nicht fort, Mr. Cabot. Haben Sie seinen Namen noch nie gehört?«

»Nein.«

»Neun!«, brüllt Danning.

»Du siehst, ich entscheide gar nicht, was zu geschehen hat«, meint Dean.

»Ich hatte gehofft, wir würden uns nie mehr sehen, Dean. Hast du wirklich nicht gewusst, dass ich hier bin?«

»Nein, Kate. Bestimmt nicht.«

»Ich … Vielleicht ist es dir recht, wenn ich mit den Männern draußen rede, Dean!« »Warum, Kate? Denkst du, sie werden auf dich hören?«

»Ja!«

»Dann hat Yordy Elvey sie also geschickt?«

»Das …«

»Sie würden nur in diesem Fall auf dich hören«, unterbricht er sie.

»Zehn!«, zählt die heisere Stimme.

Und plötzlich ist es überall still wie in einer tiefen Gruft.

»Wenn man sich geirrt hat, sollte man sich danach richten«, murmelt Logan. »Wann hast du es denn erkannt?«

»Was?«

»Dass Yordy nicht ist, was du so verzweifelt gesucht hast!«

Ihr Gesicht scheint zu versteinern. »Logan, jetzt warten wir noch eine Minute!«, schreit die heisere Stimme.

Kate lässt die Schultern sinken, als hätte sie den Kampf aufgegeben.

»Waren Sie dabei, als der Sheriff erschossen wurde?«, fragt sie den Keeper.

»Ich sah es, Kate.«

»Dann wissen Sie …«

»Logan sagte vorhin, dass Yordy das Gesicht des Sheriffs erkannt haben musste, wenn er den Colt sah. Diese Erklärung leuchtet mir ein.«

»Es geht doch um Ross«, sagt Dean.

»Es geht um den Sheriff«, entgegnet sie. »Das war der Stein, der alles andere ins Rollen brachte. Ich war dabei!«

»Dann weißt du ja, was du von Yordy zu halten hast«, erwidert er. »Es ist am besten, du richtest dich danach!«

Er wendet sich ab und will zur Tür gehen. Aber sie greift nach seinem Arm und hält ihn zurück. Er schaut sie an und bemerkt ihren flehenden Blick. Und da erinnert er sich, dass sie ihn schon einmal so angesehen hat.

Es war an dem Abend gewesen, ehe sie verschwand. Damals hatte sie nichts gesagt. Sie hatte ihn nur so angesehen. Und nun schaut sie ihn wieder so an.

Er schüttelt den Kopf, weil er ihre unausgesprochene Frage kennt.

»Nein«, sagt er kalt. »Ich glaube, dass ich das Ross schuldig bin. So gut, wie sie ihn trafen, konnten sie mich treffen. Und dann hätte Ross getan, was nun von mir erledigt werden muss.«

Er macht seinen Arm mit einer heftigen Bewegung frei und geht mit schnellen Schritten auf die Schwingtür zu.

Seine Stiefel wirbeln die Sägespäne in die Höhe.

»Denken Sie wenigstens an Ihren Revolver, Logan«, sagt der Keeper. »Auch wenn er Ihnen nicht viel helfen wird.«

»Er wird ihm helfen«, meint die Frau. »Sie kennen ihn nur nicht!«

 

 

12. Kapitel

 

Die Gluthitze der Sonnenstrahlen prallt gegen Deans Weidekleidung, als er an die Stepwalkkante tritt. Er sieht die Männer auf der anderen Straßenseite. Sie stehen immer noch an den Hauswänden und starren ihn an wie einen Geist.

Die Straße liegt verlassen in der Mittagshitze. Dean sieht, dass sein Pferd immer noch am Zügelholm steht.

»Cabot, kümmern Sie sich endlich um mein Pferd!«, ruft er über die Schulter. Dann steigt er die Stufen hinunter.

Die drei Banditen stehen vor dem gemauerten Brunnen am Ende der Stadt. Cabot hat also ihren Ersatzplan wirklich gekannt.

»Na also«, hört er Truscott sagen. »Ich wusste doch, dass er kommt. Er lässt sich nur sehr bitten.«

Dean schaut zu den Männern hinüber.

»Gibt es hier einen Schreiner?«, fragt er.

Ein Mann in einem schwarzen Anzug tritt vor.

»Ich bin der Doc«, sagt er. »Ich habe das alles eingeleitet. Ich war ein Narr, Mr. Logan. Gehen Sie nicht da hinauf!«

»Schon gut, Mister. Gibt es nun einen Schreiner?«

Ein anderer Mann schiebt sich in den Vordergrund. Er ist von großer, schmaler Gestalt.

»Wir brauchen drei Särge«, sagt Dean. »Da vorn stehen die Maße.« Er wendet sich ab und geht den Banditen entgegen. Er weiß, dass er viel versprochen hat.

»Vielleicht war es zu viel? Er lauscht auf das Knirschen seiner Schritte im Sand und auf das leise Rasseln der Sporenräder.

Irgendwo in der Stadt fällt eine Tür mit einem Knall zu.

Dean ist es, als wäre sein Revolver so schwer wie ein Bleiklotz, den sie ihm an die Hüfte gehangen haben. Noch niemals ging er in einen Kampf mit Männern, die sich nicht mit ihm angelegt hatten. Hier war er nur ein unwichtiges Glied. Aber sie wissen es nicht! Er denkt, dass sie eines Tages vielleicht anders darüber denken werden – wenn sie noch dazu kommen.

Die fratzenhaft verzogenen Gesichter der drei Männer kommen ihm näher.

Nein, sie werden nicht dazu kommen. Zwischen ihnen scheint Ross zu stehen.

Schon kann er den unbändigen Willen, zu töten, wieder in ihren Augen leuchten sehen. Da bleibt er stehen. Er weiß, dass es nun kein Ausweichen mehr gibt. Denn wenn er sich umdreht, werden sie auf seinen Rücken schießen.

»Großartig«, meint Tip Danning. »Ich wollte Ernie erst gar nicht glauben, dass du kommen würdest.«

»Wenn du fertig bist, können wir anfangen, Tip. Deshalb stehen wir doch hier, nicht wahr?«

»Allerdings. Welchen von uns willst du dir denn aussuchen?«

»Dich«, sagt Dean. Er weiß, dass das nur ein Bluff ist. Aber zugleich sieht er, dass Danning bleich und unsicher wird.

»Dich«, sagt er da noch einmal. »Du wirst es auf jeden Fall nicht überleben, Tip!«

»Los!«, zischt Truscott und greift zur Hüfte.

Dean spürt den. heißen Kolben des Frontiercolts in den Fingern. Er schwingt die Waffe hoch und schlägt mit der Linken über den Hammer. Grollend rast die Detonation durch die Stadt.

Tip Danning wird rückwärts geschleudert, und seine Waffe fällt in den Sand.

Dean wirbelt schon herum und feuert den zweiten Schuss ab. Er sieht Truscott fallen und spürt einen zuckenden Schmerz im linken Arm. Er wirbelt zurück. Eine Kugel streift an seinem Kopf vorbei.

Da drückt er abermals ab.

Harms wird um seine eigene Achse gedreht und stolpert zurück. Deans vierter Schuss holt ihn ein und schleudert ihn neben Danning.

Dean lässt die Waffe sinken. Er spürt sein warmes Blut, das über den Arm läuft. Er taumelt ein wenig, als er rückwärtsgeht.

»Das ist unglaublich«, hört er einen Mann hinter sich in der Menge sagen.

Da wendet er sich um und geht zurück. Er sieht Kate, die vor dem Saloon im grellen Sonnenlicht steht. Sie hat es so erwartet. Sie kennt ihn.

»Doc, kommen Sie her!«, ruft Logan. »Ich brauche Ihre Hilfe!«

Das Gesicht des Mannes glüht wie im Fieber, als er angerannt kommt.

»Sie sind ein Teufelskerl, Marshal!«, ruft er entzückt.

»Bitte sagen Sie Logan zu mir!«

»Wie Sie wünschen, Marshal Logan.«

Dean hat den Mund zu einer Erwiderung geöffnet, schließt ihn aber wieder. Er spürt, dass es sinnlos ist. Hier kann er wie gegen eine Mauer reden.

»Kommen Sie in mein Haus!«, drängt der Arzt, als er sieht, dass Dean das Blut bereits über das Handgelenk rinnt.

Dean geht neben dem Mann die Straße hinauf. Er bemerkt, dass die Männer immer noch an den Hauswänden stehen und schweigen.

»Was haben die Leute denn?«, fragt er den Doc. »Sind sie taubstumm?«

»Nein, Marshal. Aber sie denken daran, dass Elvey zwei Dutzend Reiter hat.«

»Ich bin sehr gespannt darauf, wie sehr er sich mit Truscott und seinen Freunden verbündet fühlt.«

»Das werden wir sicher bald sehen, Marshal. Sehr bald!«

 

 

13. Kapitel

 

Kate Duran sieht weiß wie eine frisch gekalkte Wand aus, als Dean in den Saloon kommt. Er geht zu einem Tisch und setzt sich dahinter.

»Kann ich ein Zimmer bekommen?«, fragt er den Keeper. »Ich brauche unbedingt Schlaf.«

»Sicher, Logan.«

»Dean, du solltest verschwinden«, sagt das Mädchen. »Lass es damit genug sein.« »Warum, Kate?«

»Weil sie es waren, die Ross erschossen haben. Du hast ihn gerächt!«

Dean pfeift leise durch die Zähne.

»Du weißt also, wer es war«, stellt er fest. »Darf man fragen, woher du es weißt?« »Das geht dich nichts an!«

»Vielleicht irrst du dich, Kate. Der Doc sagte mir, Danning habe dreihundert Dollar in der Tasche gehabt.«

»Na und?«

»Ich will wissen, wer ihm das Geld gegeben hat! – Wer, Kate?«

Das Tanzmädchen schaut den Keeper an. Der wendet sich ab und geht in die Küche, als wollte er mit dieser Frage nichts zu tun haben.

»Wer?«, fragt Dean wieder, steht auf und geht auf sie zu. Er bleibt so dicht vor ihr stehen, dass ihr warmer Atem sein Gesicht streift.

»Ich weiß es nicht!«, stößt sie hervor. »Lass mich in Ruhe! Sie sind es gewesen, und sie sind tot. Das sollte dir reichen!« »Nein, Kate. Ich will den Mann haben, der sie dazu angestiftet hat.«

»Truscott hat es wegen seines Bruders …«

»Hör doch endlich mit der Leier auf. Truscott hat nie einen Bruder gehabt. Darüber sprachen wir schon. Außerdem hat Danning das Geld gehabt. Er war also ihr Anführer. – Wer gab ihm das Geld?« Kate Duran weicht vor seinem erbarmungslosen Blick bis an die Wand zurück.

»Ich weiß es nicht!«, stößt sie keuchend hervor. »Und du irrst dich, wenn du auf Yordy Elvey tippst! Du irrst dich, Dean!« »Yordy also«, sagt er feststellend. »Ich hatte auf seinen Vater getippt. Aber Yordy kann das Geld auch nur von seinem Vater haben, wenn ich die Verhältnisse in diesem Tal richtig einschätze. Soll ich dir etwas sagen, Kate? – Ich bin auf die Begegnung mit deinem Verlobten gespannt. Er wird ja kommen, wenn er gehört hat, dass es nicht klappte.«

Sie kommt wieder auf ihn zu, als würde sie einem Zwang folgen.

»Du hast gesagt, du wärst kein Marshal, Dean. Stimmt das?«

»Du müsstest noch wissen, dass ich keine Lügen verbreite«, entgegnet er.

»Also gut. Du bist kein Marshal. Dir kann das alles gleichgültig sein. Das mit dem Sheriff und so weiter.«

»Aber nicht das mit Ross, Kate. Wir reden im Kreise herum. Ich werde niemals vergessen, dass er ermordet wurde!«

Dean zieht das Gästebuch zu sich herüber, greift nach dem Federkiel und schreibt seinen Namen in das Buch.

»Welches Zimmer?«, ruft er in die Küche.

»Fünf. Kate weiß, wo die Schlüssel sind.«

Das Mädchen geht hinter die Theke und nimmt den Schlüssel aus einem Kasten.

»Du hättest sehen müssen, wie er gestorben ist«, sagt Dean. »Er hat nicht geschrien, niemanden verflucht, nicht geweint, gar nichts! Dabei hat er genau gewusst, was kommen muss. Es war seltsam.«

»Aber er hat dir ein Versprechen abgenommen?«

»Nicht einmal das. Vielleicht hat er gespürt, dass ich das auch so für ihn zu Ende bringen würde. Damals wusste ich es noch gar nicht. Jetzt weiß ich es, Kate. Vielleicht solltest du versuchen, alles zu vergessen, was im letzten Jahr geschehen ist. Das ist ein gut gemeinter Rat von mir.« Er greift nach dem Schlüssel und verlässt den Saloon durch die Hintertür.

 

 

14. Kapitel

 

Dean erwacht durch ein Geräusch. Er hebt den Kopf und sieht, dass es im Zimmer dunkel ist. Draußen vor dem Fenster kämpft das letzte Tageslicht vergeblich gegen die anbrechende Nacht.

Logan greift nach seinem Revolver, den er auf den Stuhl neben dem Bett gelegt hat.

Jemand klopft an die Tür.

Da weiß er, dass schon einmal geklopft wurde. Das hat ihn geweckt.

»Wer ist da?«

»Ich. Kate!«

Er steht auf. Er hat sich vollkommen bekleidet niedergelegt. Er spürt den Schmerz in seinem linken Arm. Zwar hatte der Doc gesagt, es wäre nur ein Streifschuss gewesen, aber die Wunde muss doch tiefer sein, als er dachte.

Dean geht zur Tür und zieht den Holzriege] zurück. Er geht rückwärts.

Die Tür öffnet sich. Er sieht Kates bleiches Gesicht wie einen hellen Lichtstreifen durch die Dunkelheit leuchten und lässt den Revolver sinken.

Sie kommt ganz herein und zieht die Tür hinter sich zu.

»Was willst du?«

»Hörst du etwas?«

Dean geht zum Fenster und öffnet es. Ein anschwellendes Geräusch erfüllt die Luft.

»Hufschlag«, sagt er.

»Ja. Mindestens zehn Reiter, die hierher kommen. Ich wollte dich noch einmal bitten, mir diese Chance nicht zu verderben.« Sie kommt näher. »Hast du über alles noch einmal nachgedacht?«

Er sieht den flehenden Blick ihrer Augen. Dabei muss er daran denken, dass er sie geliebt hat. Vielleicht lebt dieses Gefühl jetzt noch irgendwo in seinem Unterbewusstsein. Und ausgerechnet sie bittet ihn um eine Chance, die bedeutet, sich mit einem anderen Mann nicht anzulegen. Weil sie ihn haben will!

»Ich habe geschlafen«, sagt er abweisend.

»Du … du wirst also nicht fortgehen?«

»Nein.«

»Dann tut es mir leid, dass ich gekommen bin.« Sie will sich abwenden, aber er hält sie am Arm fest.

»Kommt es dir nicht selbst komisch vor, was du von mir verlangst?«, fragt Logan. »Es ist doch eine ziemliche Zumutung!«

»Wieso?«

»Kate, wir zwei haben …«

»Hör auf damit, ich weiß, was du sagen willst!«, unterbricht sie ihn schroff. »Erinnere mich nicht an diese Zeit. – Schön, wenn du nicht gehen willst, wirst du selbst den Schaden haben!«

Sie geht mit kurzen, festen Schritten zur Tür und öffnet sie.

»Kate!«, holt sie sein Ruf ein und lässt ihre Füße stocken.

»Was noch?«

»Entscheide dich nicht voreilig. Wenn Yordy den Befehl, Ross zu töten, gegeben hat, wird er kein langes Leben mehr haben!«

»Du bildest dir reichlich viel ein. Hörst du nicht selbst schon, dass es mindestens zehn Reiter sind?« Sie geht hinaus und wirft die Tür zu, sodass sie mit einem Knall ins Schloss fällt.

Lauter dringt der Hufschlag zum Fenster herein, als ihre Schritte verklungen sind.

Dean schließt es und lehnt sich dagegen. Er dreht die Trommel seines Colts durch.

Ja, er hört es. Es sind vermutlich noch mehr als zehn.

Er geht zur Tür, nimmt unterwegs den Patronengurt auf und legt ihn um. Er schiebt die Waffe ins Holster und öffnet die Tür.

Als er den Saloon betritt, steht Kate an der Theke und der Keeper dahinter.

»Ein Cowboy war in der Stadt«, sagt Cabot. »Er hatte es sehr eilig, wieder fortzukommen.«

Dean schaut Kate an. Im trüben Licht der beiden Lampen leuchtet ihre Haut auf dem Gesicht so durchsichtig wie Glas.

»Ich bin gespannt, was sie wollen«, entgegnet er. »Weißt du es nicht, Kate?«

»Ich habe dich gewarnt, Dean. Mehr kann ich für dich nicht tun.«

»Eines habt ihr offenbar übersehen, Kate: Wenn Yordy nur hierher kommt, um gegen mich etwas zu unternehmen, so ist das ein Eingeständnis seiner Schuld!«

»Er hat damit nichts zu tun!«, ruft sie mit schriller, überkippender Stimme.

»Na also! Dann kann er auch nichts von mir wollen. Cabot, ich habe Hunger.« »Jetzt?«

»Du bist verrückt und überheblich«, sagt das Mädchen kalt. »Du hast gegen sie überhaupt meine Chance! Warum tust du denn noch so, als ginge es um eine Kleinigkeit, der jeder gewachsen ist!«

»Deine Sorge ist rührend, Kate«, entgegnet Logan. »Also gut, Cabot. Ich habe eben keinen Hunger.«

Der Hufschlag dröhnt jetzt laut in die Stadt herein. Jeden Moment müssen die Reiter draußen auftauchen. Dean fragt sich, ob er wirklich ein Narr ist. Ja, wahrscheinlich hat sie recht. Er hat gegen das Rudel keine Chance, und er weiß in dieser Minute, dass er nicht mehr hier wäre, sondern irgendeinen Trick versucht hätte, um Ross zu rächen; wenn sie nicht hier wäre. Nein, er will ihr nichts beweisen. Dazu kennt sie ihn gut genug. Er will nur sehen, wie sie reagiert. Deswegen steht er noch hier. Doch plötzlich denkt er daran, dass ihr Leben eine lange Kette bitterer Enttäuschungen gewesen ist.

Sie ist damals fortgegangen, weil er ihr nicht geben konnte, was sie suchte. Sie hat ihn aus ihrem Leben gestrichen. Und nun wird sie Zusehen. Sie und eine ganze Stadt.

Er schaut Cabot scharf an, erkennt die Schweißperlen auf dessen Stirn und weiß, dass der Mann Angst hat. Vielleicht Angst um ihn. Vielleicht auch nur um das Inventar seines Saloons.

Kate stößt einen kleinen Schrei aus. Dean schaut sie an und erkennt die roten Flecken auf ihren Wangen. Draußen werden Pferde pariert, und ein raues Kommando erschallt. Kates Atem geht stoßweise. Sie wirft ihm noch einen unsicheren Blick zu, hat die Lippen aber fest aufeinandergepresst.

Dean weiß, dass sie von nun an schweigend zusehen wird.

Er schaut zur Tür, vor der Staub in die Höhe quillt. Eine Hutkrone taucht auf und darunter ein kantiges, junges Gesicht. Er weiß, dass das Yordy Elvey ist, obwohl er ihn niemals zuvor gesehen hat.

Da wird die Tür mit dem Kolben eines Spencergewehres aufgestoßen.

Der Mann, der hereinkommt, ist von fast schmaler Gestalt. Das Gesicht passt dazu. Er steht leicht vorgebeugt, verharrt einen Moment und kommt dann näher. In seinen dunklen Augen tanzen glimmende Punkte.

Hinter ihm drängen die anderen herein. Dean unterlässt es, sie zu zählen. Es spielt für ihn keine Rolle, ob es zehn oder fünfzehn sind. Die Übermacht ist erdrückend.

Kate versucht in die Wand zu kriechen. Als die Männer alle stehenbleiben, ist ihr keuchendes Atmen wieder zu hören.

»Ist er das?«, fragt der junge Mann und blickt dabei an Dean vorbei.

»Wer?«, brummt der Keeper,

»Frage nicht so dumm. – Ob er das ist?«

»Ja«, sagt der Keeper kleinlaut. »Aber er ist allein.«

Yordy grinst, als er sich den Hut aus der Stirn schiebt.

»Allein«, meinte er. »War er auch allein, als er drei Männer tötete?«

»Drei Banditen«, verbessert Dean.

»Wer sagt dir das?«

»Sie haben sich wie Banditen aufgeführt, Mister.«

»Sei nicht so förmlich. Niemand hier weiß, was Danning und seine Freunde taten. Du als Fremder kannst es gleich gar nicht gewusst haben.«

»Ich sagte, sie haben sich wie Banditen aufgeführt«, meint Dean. »Übrigens habe ich einen von ihnen gekannt – von früher.«

Die Männer schieben sich rechts und links um den jungen Anführer herum und bilden so einen Halbkreis, der auf Dean wie eine Mauer aus Steinen wirkt.

»Mein Name ist Elvey«, sagt Yordy. »Das dachte ich mir.«

»Mein Vater hat diese Stadt gegründet. Wir brauchen hier niemanden, der für Ordnung sorgt.«

»Anscheinend doch, Elvey. Der Sheriff ist ermordet worden.«

»Das war ein Unglück. Der Sheriff war ein Narr. Er rief mich an und hatte den Colt in der Hand. Es gibt mehr als zehn Männer, die das gesehen haben.«

»Warum hatte er einen Colt in der Hand?«

»Weil er ein Narr war, das sagte ich doch. Es war ein Unglück.«

»Jemand hat behauptet, der Sheriff habe in den Bergen einen Banditen angeschossen. Dieser Bandit soll ein Geständnis abgelegt haben, das Sie schwer belastet.« »Wer sagt das?«

»Das werde ich Ihnen nicht erzählen. Elvey. Und zwar deshalb nicht, weil Sie dann sicher mit Ihrer ganzen Streitmacht bei ihm aufkreuzen. Ich wollte Ihnen nur erklären, dass die Leute wissen, warum der Sheriff einen Colt in der Hand hatte – und warum er sterben musste!«

Dean erkennt den grausamen, brutalen Zug, der wie hingezaubert in Yordy Elveys Gesicht steht. Es ist ihm, als wäre Kates Atmen noch lauter geworden. Erkennt sie immer noch nicht, wohin sie das Schicksal mit diesem Mann treiben wird?

»Sie Lügner!«, keucht Yordy. »Sie hundsgemeiner, dreckiger Kerl sind hierhergekommen, um mich und meinen Vater in den Schmutz zu ziehen.«

Dean muss lächeln, obwohl seine Lage nicht dazu angetan ist. Er findet, dass Yordy sich für seinen Auftritt gut vorbereitet hat. Natürlich werden weder Kate noch der Keeper ein Wort glauben können. Überhaupt weiß jeder in dieser Stadt, wie die Dinge wirklich liegen.

Aber das wird nie etwas nützen. Yordy hat sich gut vorbereitet. Und er geht davon aus, einen US-Marshal vor sich zu haben. Wahrscheinlich macht er nur deshalb so viele Umstände, weil er sich sicher ausgerechnet hat, dass er irgendwann dem Richter eine Erklärung abgeben muss.

Dean lehnt sich gegen die Theke. Er weiß auf einmal, dass Yordy nicht gekommen ist, um wie ein wildgewordener Stier über ihn herzufallen. Er will ihn reizen. Er will eine Handhabe, die dem Richter in Fort Reno am Powder River einleuchten muss. Denn schließlich ist auch ein US-Marshal nur ein Mensch, den man töten kann, wenn seine menschlichen Schwächen durchbrechen und wenn er andere zwingt, zum Revolver zu greifen.

»Sehr klug, mein Junge«, sagt er laut. Sein Lächeln verstärkt sich. Er denkt daran, dass sich Yordy schon damals, als er den Sheriff erschoss, alles sehr gut ausgerechnet hatte. Jeder spricht darüber, dass er mit den Banditen in den Bergen zu tun hat. Aber der Einzige, der das beweisen konnte, ist tot.

Die Männer neben Yordy treten von einem Bein auf das andere.

»Dauert es euch zu lange?«, fragt Dean. »Ich will euch erklären, wie das war. Die drei Banditen standen hier im Saloon. Truscott wollte mich niederschlagen, aber das klappte nicht. Sie forderten mich zu einem Duell auf. Draußen am Brunnen warteten sie auf mich. Sie zogen alle drei gleichzeitig. Zumindest was meine Person betrifft, ist es ganz fair zugegangen. – So, Elvey. Nun fragen Sie jeden in der Stadt, ob es so gewesen ist.

»Sie haben mich beschimpft!«, grollt Yordy. »Mich und meinen Vater!«

»Entschuldigen Sie! Ich war etwas voreilig, Elvey. Ich wollte das nicht.«

Dean sieht, dass Yordy die Farbe aus dem Gesicht verschwindet, als würde sie von einem Lappen weggewischt. Er sieht auf einmal ratlos aus.

»Cabot, geben Sie mir doch einen Whisky«, sagt Dean, ohne sich umzuwenden. »Und Elvey auch einen! – Ich wollte Sie nicht beleidigen, Yordy.«

Der Keeper schenkt zwei Gläser voll. Yordy sieht jetzt noch ratloser aus als vorher. Der Keeper schiebt die Gläser über den Schanktisch. Dean greift mit der linken Hand nach dem einen.

»Auf Ihr Wohl, Elvey«, meint er und hebt das Glas hoch.

Yordy blickt in seiner Ratlosigkeit zu Kate hinüber. Dann kommt er näher und greift nach dem Glas. Für einen Augenblick erwartet Dean den Inhalt ins Gesicht zu bekommen. Da trinkt Yordy schon. Er trinkt sein Glas ebenfalls aus und stellt es auf die Theke zurück.

Elvey blickt die Männer an, die er mitgebracht hat. Auch sie sehen irgendwie enttäuscht aus. Da wendet sich Yordy scharf ab. Vor ihm bildet sich eine Gasse. Durch sie geht er zur Tür. Die anderen folgen ihm.

»Kate, ich habe mit dir zu reden!«, schreit der Ranchersohn.

Dean sieht, dass sich das Mädchen von der Wand löst und hinter den Männern hergeht.

»Das haben Sie großartig gemacht, Logan«, sagt der Keeper, als draußen Pferde losgemacht werden und Männer aufsitzen. »Wie kamen Sie nur darauf?«

»Ich hätte es beinahe zu spät erkannt«, gibt Dean zurück. »Er wollte es auch so machen, dass es fair aussieht. Er hat wohl daran gedacht, dass wieder ein US-Marshal kommen könnte. Oder mehrere. Oder der Richter selbst – vielleicht mit Soldaten!«

»Ja, so wird es sein. Aber denken Sie, dass nun alles zu Ende ist?«

»Zu Ende kann es erst sein, wenn ich weiß, dass der Mann tot ist, der den Auftrag gab, Ross Cunter zu ermorden.«

»Ich meinte, ob Sie denken, dass Yordy nun aufgibt?«, fragt der Keeper.

»Sicher wird er auf einen Trick verfallen, Cabot. Darüber wollen wir uns nicht die Köpfe zerbrechen. Bekomme ich jetzt etwas zu essen?«

Cabot geht in die Küche.

Auf der Straße erschallt ein Befehl. Hufschlag braust auf, und Staub weht über die Schwingtür hinweg in den Saloon herein.

Dean greift nach der Flasche und füllt sein Glas. Er hört die Tür knarren und sieht in dem Spiegel neben dem Regal, dass es Kate ist. Hinter ihr pendelt die Tür aus. Sie ist stehengeblieben und blickt ihn im Spiegel an.

Dean stellt die Flasche ab und hebt das Glas an die Lippen.

»Jetzt kommst du dir sehr klug vor, was?«, fragt sie scharf.

Dean stellt das Glas auf das schimmernde Messingblech zurück. Er schaut das Tanzmädchen immer noch im Spiegel an. »Wieso, Kate?«

»Weil du ihn so prächtig losgeworden bist. Hast du nun gemerkt, dass er ein guter junger Mann ist, Dean?«

»Ich habe gemerkt, dass er Verstand im Kopfe hat, Kate. Sonst nichts.« Dean hebt das Glas wieder an und trinkt es aus.

Sie kommt näher. Ihre kurzschaftigen Stiefel wirbeln die Sägespäne, die den Boden bedecken, in die Höhe. Sie bleibt dicht vor ihm stehen, als er sich umgewandt hat.

»So hast du es oft gemacht«, sagt sie kalt. »Immer wenn es dir zu viele waren.« »Entschuldige mal, Kate. Ich habe es heute mit dreien gleichzeitig aufgenommen. Es ist zu viel verlangt, zehn bis fünfzehn Männer besiegen zu wollen. Das sollte dir auch einleuchten.«

»Ich sagte: So hast du es schon oft gemacht. In allen wilden Städten, in denen sie über dich herfielen und nicht wussten, wie sie anfangen sollten!«

»Stimmt. Du hättest ihm eben vorher sagen sollen, dass ich auch meine Taktik habe. Oder war keine Gelegenheit dazu?« Die Kälte weicht aus ihrem Gesicht, als sie nach seinem Arm greift.

»Ich will nicht, dass du hier stirbst«, sagt sie leise.

Dean zieht die Brauen in die Höhe. »Warum?«, will er wissen. »Weil es Yordy belasten müsste? – Oder wirklich nur meinetwegen?«

»Nur deinetwegen.«

»Das kann ich nicht glauben, Kate. Es geht dir um Yordy. Du willst vermeiden, dass andere kommen, die in der Sache herumkramen.«

»Du bist doch kein Marshal, hast du gesagt. Wieso sollten andere kommen? Wer kümmert sich schon um dich? Du bist doch nichts! Ein ziehender Revolvermann mit einer glücklichen Hand im Spiel. Wer also sollte kommen, wenn du kein Marshal bist?«

Dean lächelt sie an.

Ihre Hand fällt von seinem Arm.

»Hat er dir aufgetragen, herauszufinden, ob ich ein Marshal bin oder nicht?«

»Sie halten dich alle für einen Marshal, Dean. – Aber ich weiß, dass du keiner bist. Ich kenne dich zu gut. Und deshalb wird niemand kommen und nach dir fragen!« »Du hast Ross vergessen, Kate. Ich werde dem Richter schreiben, was ihm geschehen ist und wer es war. Ich muss nur erst wissen, welchen Namen ich schreiben muss. Und ob dahinter ein Kreuz gehört.«

In der Ferne verklingt der Hufschlag der Reiterschar.

»Du bleibst also?«, fragt sie herb.

»Ja, ich bleibe. Du müsstest von früher her wissen, dass meine Entschlüsse nicht umzustoßen sind. Auch dann nicht, wenn mir ein wilder Bursche anhand von zehn bis fünfzehn Männern seine Macht demonstriert hat.

Der Keeper kommt aus der Küche.

»Das Essen ist gleich so weit«, meint er. »Kate, wir werden Gäste bekommen. In spätestens einer Stunde! Denkst du noch daran?«

»Ja, ich habe es nicht vergessen.« Sie schaut Dean noch einen Augenblick zwingend an, dann wendet sie sich abrupt ab und geht zur Hintertür.

»Sie wollte Sie warnen, Logan«, meint der Keeper. »Es scheint noch irgendetwas in der Luft zu liegen.«

»Das Gefühl hatte ich auch. Aber sie spricht sich nicht aus.«

»Wenn Sie mich fragen, ich kann sie verstehen, Logan.«

»So?«

»Ja, Das hier ist der dritte Saloon, der mir gehört. Ich habe von ihrer Sorte viele kennengelernt. So eine Chance, wie sie sich ihr bietet, begegnet den wenigstens. Deshalb kämpft sie so verzweifelt darum.« »Sie muss doch wissen, dass Yordy ein Schuft ist, Cabot.«

»Natürlich weiß sie das. Aber sie rechnet anders, Logan. Noch ein paar Jahre, dann wird sie kein Keeper mehr haben wollen. Ich auch nicht. Mir tut das leid. Aber davon kann ich nicht leben. Die Männer wollen junge Mädchen sehen! Keine alternden Frauen, Logan.«

»Ja, ich weiß das.«

»Sehen Sie, Kate weiß es auch. Und deshalb ist es ihr gleichgültig, was für ein Mann er ist. Wenn er nur etwas hat und ihr Ruhe und Frieden für immer bieten kann!«

»Yordy ist ein Schuft. Wenn ich ihn nicht töte, wird es ein anderer tun. Oder der Richter lässt ihn aufhängen.«

»Die Elveys sind mächtige Leute, Logan. Wenn ihnen erst einmal das ganze Tal gehört, will ihnen kein Mensch noch etwas tun. Wissen Sie nicht, wie das hier draußen ist?«

»Ich will es nicht wissen, Cabot. Vielleicht verstehen Sie das!«

»Dann sind Sie ein Gerechtigkeitsnarr und werden kein langes Leben haben. Komisch. Es passt nicht in das Bild, dass ich mir von Ihnen mache.«

»Viele Dinge passen nicht zueinander und gehören doch zusammen.«

Der Keeper geht in die Küche.

Dean läuft zu einem Fenster und schaut auf die Straße hinaus.

Zwei Männer betreten den Saloon und setzen sich an einen Tisch. Kurz danach kommen noch drei.

Der Keeper taucht wieder auf und bringt Flaschen und Gläser an die Tische.

»Ist heute nichts los?«, fragt einer der Männer mit einem schiefen Blick auf Logan.

»Doch«, meint der Keeper. »Natürlich. Ihr müsst nur etwas Geduld haben!«

Dean geht auf die Straße hinaus. Er sieht den Doc auf sich zukommen und wartet.

»Wir sind alle Feiglinge«, murmelt der Mann. »Als Elvey kam, wollte ich die Leute zusammentrommeln und Ihnen helfen. Aber es war keiner bereit, mit mir zu gehen.«

»Schon gut. Es ist ja nichts geschehen.« »Aber es wird etwas geschehen.«

»Hat irgendjemand eine Ahnung, wo die Banditen in den Bighorn Mountains zu finden Sind?«

»Nein. – Warum?«

»Ich brauche eine Aussage. So eine, wie sie der Sheriff bekommen haben soll.« »Einer der drei Kerle hätte Sie Ihnen liefern können. Konnten Sie nicht einen verschonen?«

»Nein. Ich musste schnell und genau schießen. – Wieso hätten die mir helfen sollen?«

»Sie waren es, die den Stallburschen überfallen und angeschossen haben. Sie waren reif für den Strick und hätten sicher erzählt.«

»Darüber habe ich erst später nachgedacht. Es ging alles zu schnell. – Danke, Doc.« Dean geht an dem Mann vorbei. Er läuft die Straße hinunter, ohne zu wissen, wohin er will. Er sieht einen flachen Wagen vor dem Store stehen und hält wieder an. Ein Mann in geflickten Kleidern sitzt auf dem Bock.

»Ich brauche Draht!«, ruft er schrill. Dean erkennt einen zweiten Mann auf dem Stepwalk. Der hat sich eine grüne Schürze vor den Leib gebunden. Dean erkennt das im Licht der unter dem Vordach hängenden Lampe.

»Aber ich habe keinen Draht!«, ruft der Mann.

»Doch, du hast welchen«, schnaubt der auf dem Bock. »Ich weiß es! Du willst ihn mir nur nicht verkaufen! Ich will mein Land einzäunen. Das weißt du auch. Elveys Rinder werden sich dann nicht mehr auf meine Felder verirren. Ich denke, das ist mein gutes Recht!«

»Ich habe keinen Draht, zum Teufel!« Der Mann beugt sich vom Bock und scheint den Storehalter anzustarren.

»Hat er dir verboten, an uns Siedler Draht zu verkaufen?«, fragt der Mann.

»Nein. Niemand hat etwas verboten. Aber ich weiß, dass Elvey etwas dagegen hat. Seine Herefords verletzen sich an dem Draht.«

»Er hat Leute genug, die die Rinder von den Drähten fernhalten können. Ich will dir etwas sagen: Die Herden werden auf unser Land getrieben. Und dem will ich einen Riegel vorschieben!«

Dean sieht, dass der Storekeeper den Kopf schüttelt.

»Nicht mit meiner Hilfe«, sagt er. »Außerdem hast du Schulden bei mir. Wann willst du denn den Draht bezahlen?« »Nach der Ernte. Das weißt du doch.«

Der Storekeeper tippt sich an die Stirn. »Verrückt. Verrückt müsste ich sein, wenn ich dir Draht gebe, den du nicht bezahlen kannst. Ich handle mir die größten Schwierigkeiten ein und habe nicht einmal was verdient. – Nein! Fahre nach Hause. Von mir bekommst du keinen Draht. Tut mir leid.«

Dean sieht, dass sich der Mann auf dem Bock des Wagens aufrichtet und nach der Peitsche greift. Es scheint, als wollte er noch etwas sagen. Aber dann schaut er nach vorn und knallt mit der Peitsche durch die Luft.

Die beiden abgemagerten Pferde ziehen den leeren Ranchwagen die Straße hinunter. Der Storekeeper löscht die Lampe und ist für Dean nur noch als unklarer Schatten zu sehen.

Knarrend bewegt sich eine Tür. Ein Riegel fährt in eine Zuhaltung.

Dean schaut dem Wagen nach, bis ihn die Nacht aufsaugt.

So also sieht es in dieser Stadt aus, denkt er bitter. Er will weitergehen, als hinter ihm ein dünnes, raues Lachen erschallt.

 

 

15. Kapitel

 

Dean weiß, dass er einen Fehler gemacht hat. Er hat zu sehr auf das geachtet, was auf der anderen Straßenseite geschah.

Etwas Hartes berührt ihn im Rücken, und er fühlt, dass es der Lauf eines Revolvers ist.

»Wir gehen nach links«, sagt eine befehlende Stimme.

Dean geht vor dem Revolver her.

»Hier herum!«, erschallt hinter ihm ein Kommando, als sich zwischen zwei Häusern eine Lücke öffnet.

Dean biegt um die Ecke. Für einen Moment berührt ihn der Revolver nicht. Er wirbelt herum, sieht ein Gesicht vor sich und schlägt zu. Sein Hieb wirft den Mann rückwärts.

Da hört er knirschende Schritte hinter seinem Rücken, wirbelt zurück und sieht eine Faust. Er weiß im gleichen Moment, dass er ihr nicht ausweichen kann. Der Schlag explodiert auf seiner Nase und wirft ihn gegen die Holzwand des Hauses. Es ist ihm, als würde sein Bewusstsein in einem Strom lauen Öls fortschwimmen. Da trifft ihn der nächste Faustschlag gegen die Stirn und lässt seine Füße einknicken.

»Schnell«, hört er eine Stimme sagen. »Es soll niemand sehen!«

Er wird hochgehoben und fortgetragen. Er möchte sich wehren, aber die Befehle, die er sich gibt, erreichen seine Arme und Beine nicht.

Da wirft man ihn auf den Boden. Der Aufprall durchzuckt seinen Körper.

»Die Stricke!«, sagt die Stimme scharf.

Dean fühlt, dass sie ihn herumwälzen. Seine Lippen berühren den sandigen Boden. Die Hände werden ihm auf den Rücken gezogen. Da kann er sich plötzlich wieder bewegen.

Er wirft sich herum, sieht ein verzerrtes Gesicht über sich und schlägt zu. Aber seine Faust ist zu langsam, und der Mann zieht den Kopf zur Seite. Er schlägt zurück, und Deans Kopf wird so hart auf den Boden gestoßen, dass er das Bewusstsein verliert.

»Das war ja ein harter Brocken«, sagt der Mann knurrig.

»Schneller!«, raunt der andere.

 

 

16. Kapitel

 

Cabot schiebt alle Gläser von der Theke ins Spülbecken.

Kate, die die Tür geschlossen hat, kommt zurück. Unter der Decke hängen noch dicke Rauchschwaden. Draußen auf der Straße verklingt das Lied eines Betrunkenen. Ein paar Cowboys der Elvey-Ranch verlassen die Stadt.

»Ist er nirgends zu sehen?«, fragt Cabot. »Nein.« Kate bleibt am Schanktisch stehen. Sie legt die Hände darauf, und Cabot kann sehen, dass ihre Finger zucken.

»Du weißt doch etwas!«, schreit er sie wild an.

Sie zuckt zusammen, schaut auf und schüttelt den Kopf.

»Was soll ich denn wissen?«

»Wo sie ihn hingeschleppt haben!« »Niemand weiß, ob er nicht fortgeritten ist, Mr. Cabot.«

»Rede nicht so steif, verdammt. Sein Pferd steht im Mietstall. Er ist nicht fortgeritten. Außerdem halte ich ihn für einen Mann, der seine Rechnungen bezahlt. Bei mir hat er das noch nicht getan. – Kate, du hast mit Yordy gesprochen, ehe er die Stadt verließ. Was hat er gewollt?«

»Das ist eine persönliche Sache«, erwidert sie abweisend.

Cabot beugt sich über die Theke und blickt sie scharf an.

»Er ist ein US-Marshal!«

»Er ist keiner.«

»Also gut, dann ist er eben keiner. Aber er ist ein guter Mensch. Einer, der für seine Freunde einsteht! Kate, so etwas findet man hier draußen sehr selten!«

»Mag sein. Das geht mich nichts an.« »Kate, ich habe ihm erklärt, warum du so bist. Er hat das verstanden, hat es wohl vorher schon gewusst.«

»Solange wir zusammen waren, hat er sich nie danach gerichtet, Mr. Cabot. Ich habe damit nichts zu tun! Ich weiß nicht, wo er ist. Ich habe ihm lange genug gesagt, dass er verschwinden soll.«

»Also haben sie ihn verschleppt«, stellt Cabot fest.

»Das habe ich nicht gesagt!«

»Du hast es gewusst, Kate. Schämst du dich nicht? Du hast genau gewusst, dass sie ihm eine Falle stellen wollen. Und du hast nichts dagegen getan. Sie werden ihn ermorden!«

»Das werden sie nicht!«

Cabot richtet sich bolzengerade auf. »Also weißt du es doch!«

Kate senkt den Kopf.

»Ja«, sagt sie leise. »Ja, ich habe es gewusst. Aber Yordy hat mir versprochen, dass sie ihn nur zehn Meilen aus der Stadt bringen und dann freilassen. Ich denke, das wird ihn zur Vernunft bringen.«

Cabot bläst die Luft pfeifend aus dem Mund.

»Und du bist überzeugt, dass sie das auch tun?«, fragt er.

»Ja. Er hat es so versprochen, und er weiß, dass ich mit ihm kein Wort mehr wechseln werde, wenn sie etwas anderes tun!«

»Wann will er denn kommen und dir sagen, was geschehen ist?«

»Irgendwann. Sie werden es schon sehen, Mr. Cabot.«

 

 

17. Kapitel

 

»Bist du jetzt munter?«, fragt der Mann, der links von Dean Logan reitet.

Dean schaut ihn an. Er versucht noch immer, die Fesseln zu lockern, aber es gelingt ihm nicht. Sie haben ihm die Hände auf den Rücken gebunden und seine Beine am Sattelgurt festgeschnallt. Sie haben es so gemacht, dass er wehrlos ist.

»Was habt ihr vor?«, fragt er.

»Nichts weiter. Wir bringen dich nur ein Stück von hier fort. Unser Boss denkt, dass du dir dann überlegst, wie überflüssig du in Elvey Junction bist. Etwa zehn Meilen. Die haben wir bald geschafft. Zu Fuß ist das eine weite Strecke.«

Der andere lachte leise. Dean schaut ihn an und glaubt, ihn unter den Männern, die hinter Yordy standen, gesehen zu haben. Die beiden riechen nach Pferden, Schweiß und Rindern. Es müssen Cowboys sein. Er hatte sie erst für Banditen aus den Bergen gehalten.

Dean schaut in die nachtdunkle Prärie hinaus. Er merkt, dass er sogar seinen Colt noch im Holster hat. Aber natürlich ist es ihm unmöglich, die Waffe mit einer Hand zu erreichen.

Zwei Cowboys also. Er fragt sich, ob sich zwei Banditen auch allein in die Stadt gewagt hätten, nachdem er drei auf einmal erschossen hatte.

Sie nähern sich einer Buschgruppe, die sich am Fuße eines Hügels von rechts nach links zieht.

»Wir werden uns nicht mit einem Marshal anlegen«, meint der eine. »Aber du wirst verstehen, dass wir etwas gegen dich haben müssen. Du hast unseren Boss beleidigt. Niemand hier draußen kann das auf sich sitzen lassen. Unser Boss ist noch sehr human.«

»Ich dachte immer, Yordys Vater wäre euer Boss«, erwidert Dean. »Ihn kenne ich gar nicht. Also kann ich ihn nicht beleidigt haben.«

»Yordy ist ein erwachsener Mann, Logan. Das hast du vergessen.«

Dean will etwas erwidern, als ein Schuss fällt. Er sieht den zuckenden Mündungsblitzt und spürt, wie das Pferd unter ihm einknickt. Er wird auf den Boden geworfen, fühlt wie das Pferd ausschlägt und dann ruhig liegt. Das eine Bein, das unter dem Leib des Tieres begraben liegt, schmerzt ihm. Er hörte Schüsse dicht neben sich und hört den einen Cowboy schreien:

»Verdammt, Banditen!«

Dann krachen wieder Schüsse. Zwischen den Büschen blitzt es viermal nebeneinander auf.

»Zu viele für uns!«, ruft der andere. »Los, zurück. Er scheint tot zu sein!«

Hufschlag lässt den Boden erzittern. Plötzlich fällt kein Schuss mehr. Die Banditen denken gar nicht daran, hinter den Männern, die sie überfielen, her zu schießen, und Dean findet das mehr als seltsam.

Es dauert nicht lange, da hört er Schritte. Und dann sieht er ein stoppelbärtiges, grinsendes Gesicht über sich.

»Hallo, Marshal«, sagt der Mann mit grollender Stimme. »Das ist aber eine Überraschung!«

Dean weiß genau, dass er diesen Mann noch nicht gesehen hat.

»Woher weißt du denn, dass ich ein Marshal bin?«, fragt er.

Der Kerl zuckt die Schultern und grinst noch breiter.

»Ich weiß es eben«, gibt er zurück. »Mach dir keine Gedanken darüber.« Er hebt den Kopf und blickt zu den Büschen, aus denen er gekommen ist. »Lynn, komm her!«, ruft er. »Bringt die Pferde mit. Es ist alles in Ordnung.«

Gleich darauf sieht Dean drei weitere Männer. Er kennt keinen von ihnen.

»Das ist also der US-Marshal, der Tip, Les und Ernie auf dem Gewissen hat«, sagt ihr Sprecher. »Seht ihn euch ruhig genau an.«

»Ich muss sagen, euer Nachrichtendienst funktioniert«, meint Dean sarkastisch.

»Was soll das heißen?«

»Das weißt du doch. Was habt ihr jetzt vor?«

»Wir nehmen dich zunächst einmal mit. Ich denke, wir sind genug, um dich zu bewachen. – Lynn, nimm ihm den Revolver ab! – Wir werden dir zeigen, wo Tip, Les und Ernie gelebt haben. Und dann töten wir dich!«

»Hat das Yordy befohlen?«

»Yordy, kenne ich nicht.«

»Du stellst dich reichlich dumm an.« Dean sieht, dass der Mann sich sofort niederbeugt und die Hand zur Faust schließt.

Doch dann richtet er sich wieder auf und schnauft verächtlich.

»Macht ihm die Beine los und zieht ihn hervor!«, kommandiert er.

 

 

18. Kapitel

 

Sonnenstrahlen irren durch die Fenster in den Saloon herein. Der Keeper hat sich gegen die Theke gelehnt und blickt zwischen Kate Duran und Yordy Elvey hin und her.

Kate ist bleich bis zu den Haarwurzeln hinauf geworden.

Yordy zuckt die Schultern.

»Das war eben Pech«, erklärt er. »Meine Leute wurden von Banditen überfallen. Dafür konnten sie nichts. Sie haben gesehen, dass ihn der erste Schuss tödlich traf. Da sind sie geflohen. Weiter konnten sie auch nichts tun. Es müssen viele Banditen gewesen sein!«

Das Mädchen geht zu einem Stuhl und setzt sich.

»Wir wissen hier nur von der Bande in den Bergen«, meint Cabot. »Das war nie eine sehr starke Bande, Elvey. Und gestern wurden drei von ihnen hier in der Stadt erschossen. Mehr als fünf können es also kaum noch sein. Und davon muss nach Logans Angaben mindestens einer verletzt sein.«

»Ich weiß nicht, wie viele es sind. Tatsache ist, dass meine Leute von ihnen überfallen wurden. Dafür können sie nichts.«

Kate steht wieder auf. Sie geht rückwärts bis zur Wand, gegen die sie sich lehnt. Für Cabot sieht es aus, als wäre sie vor Yordy geflohen, den sie immer noch anstarrt.

»Du lügst!«, schreit sie auf einmal. »Yordy, du lügst!«

»Wieso denn?«

»Ihr habt ein abgekartetes Spiel getrieben!«

»Unsinn.«

»Jedenfalls wird nie ein Mensch beweisen können, dass es anders war«, meint Cabot.

Yordy ist mit ein paar schnellen Schritten um die Theke herum und hämmert dem Keeper die Faust ins Gesicht.

Cabot stolpert über das dicke Rumfass und fällt zu Boden.

»Das nächste Mal schieße ich dir eine Kugel in den Kopf!«, zischt Yordy. »Ich lasse mich von euch nicht beleidigen. – Kate, denke in Ruhe darüber nach. Du wirst dann wissen, dass deine Gedanken ohne Grundlage sind.«

Yordy Elvey wendet sich mit einem Ruck ab und geht hinaus. Cabot steht auf.

Sie hören Yordy draußen fortreiten. Cabot blickt das Mädchen an.

»Das hat er sehr glatt gemacht«, meint Cabot und reibt über sein gerötetes Kinn. »Sehr glatt! Das wird ihm nie ein Mensch beweisen können. Aber vielleicht hat es Ihnen die Augen geöffnet.«

Warum sind Sie heute so förmlich, Mr. Cabot?«, fragt sie.

»Das weiß ich auch nicht. Was haben Sie nun vor, Kate?«

»Was soll ich denn Vorhaben? – Nichts!«

»Es … es bleibt also dabei?«

»Bei was?«

»Mit Yordy und Ihnen?«

Kate geht zum Fenster und schaut auf die Straße hinaus. Eine Staubfahne, die Yordys Pferd aufwirbelte, hängt noch in der Luft.

»Ich möchte, dass er hier in der Stadt beerdigt wird«, sagt sie, ohne sich umzuwenden. »Können Sie jemanden damit beauftragen, ihn zu holen?«

»Ja. Das will ich gern tun, Kate. Sie haben ihn immer noch geliebt!«

Sie fährt jäh herum.

»Das ist nicht wahr!«, schreit sie.

»Haben Sie Angst, Yordy könnte es hören? Der weiß es längst. Ein Mann spürt so etwas. Und vielleicht haben sie es deswegen so gemacht! – So, dass er sich als fairer Gegner vor Ihnen präsentieren konnte und gleichzeitig der dauerhafte Sieger ist. Auf den Kopf gefallen ist er wirklich nicht.«

Kate kommt an die Theke zurück. »Schicken Sie jemanden hinaus!«, sagt sie drängend.

Cabot bindet sich die Schürze ab und geht zur Tür. Dort bleibt er stehen und schaut sich um.

»Sie fühlen sich mitschuldig«, meint er. »Kate, du solltest das Land verlassen! Glaube mir, Yordy ist kein Mann für dich!«

Er geht hinaus, und die Tür klappt Hinter ihm zu. Kate schenkt sich ein Glas halb voll Whisky, trinkt es aus und hustet. Plötzlich hat sie Tränen in den Augen stehen, die über ihre Wangen rinnen und auf ihr schimmerndes Seidenkleid tropfen.

 

 

19. Kapitel

 

Dean Logan lässt die Axt sinken und blickt den stoppelbärtigen Banditen, der an der Wand der Hütte lehnt, an.

»Du wirst jetzt die Klappe halten«, sagt er. »Ich arbeite so schnell, wie ich will! Habt ihr mich eigentlich nur am Leben gelassen, weil ihr selbst zu faul seid, euch Holz für den Winter zu spalten?«

»Erraten, Logan. Mach schneller, sage ich dir!«

Dean hebt die Axt wieder und schlägt auf das Holz der Krüppelkiefern ein. Er denkt, dass es keinen Zweck hat, sich mit dem Banditen zu streiten. Damit schürt er nur dessen Wachsamkeit.

Aus der windschiefen Hütte kommt einer, der einen Verband aus verblichenem Kattunstoff um die Schulter geschlungen hat. Er gibt ein böses Grollen von sich.

»Ray, fange nicht schon wieder an«, knurrt der Stoppelbärtige.

»Mir springt das Messer von selbst in die Hand, wenn ich daran denke!«, knirscht Ray.

Dean lässt die Axt abermals sinken.

»Woher willst du denn wissen, dass ich es war, der dich verletzt hat?«, fragt er.

»Ich habe es gesehen! Ich habe es ganz genau gesehen!«

»Damit gibst du zu, dass ihr Cunter umgebracht habt, nicht wahr?«

Der Stoppelbärtige wirbelt seinen Colt am Abzugsbügel über den Zeigefinger. Das Grinsen in seinem Gesicht wirkt wie eine Herausforderung.

»Natürlich geben wir das zu«, meint der Bandit. »Damit kannst du ja doch nichts mehr anfangen.«

Dean schaut zur anderen Seite hinüber. Drei Banditen sitzen auf abgewaschenen Steinen und grinsen ihm zu. Alle grinsen. Alle lassen sie ihn spüren, wie fest sie ihn in der Zange haben. Und alle haben natürlich ihre Waffe in den Händen. Nur Ray nicht. Der hat mit seiner Schulter und seinem Hass zu tun.

»Sagst du mir noch, ob es Yordy Elvey war, der es befohlen hat?«, fragt Dean.

»Zu was, Logan? Denkst du, dass man sich im Himmel dafür interessiert? Du kommst doch in den Himmel?«

»Er ist doch ein guter Mensch«, sagt einer der anderen. »Freilich kommt er in den Himmel. Wir wandern in die Hölle. Nur etwas später als er.« Der Kerl stimmt ein meckerndes Lachen an.

Plötzlich kracht ein Schuss.

Die Banditen fahren zusammen, wirbeln herum und starren zum Eingang des Tales.

Dort hält ein Reiter. Die Banditen senken ihre Revolver.

Dean sieht, dass es Yordy Elvey ist. Auf den Messingknöpfen, die das Hutband zieren, brechen sich die letzten Sonnenstrahlen, die über die Felswände hinweg ins Tal fallen.

Der Reiter setzt sein Pferd wieder in Bewegung und kommt näher. Der Revolver, den er in der Hand hält, raucht noch.

»Warum ist keiner unten im Felsenkessel und passt auf?«, fragt Yordy.

»Wir … wir hatten es vergessen«, stottert der Stoppelbärtige.

»Einer geht sofort hinunter! Ihr müsst doch verrückt sein.«

»Lynn, hole dein Gewehr!«, kommandiert der Stoppelbärtige.

Einer der Banditen holt sein Gewehr aus der Hütte und dann sein Pferd aus dem Anbau, der sich dahinter befindet. Er reitet an Yordy vorbei aus dem Talkessel.

Elvey steigt ab.

»Warum macht er das?«, fragt er und nickt zu Dean hinüber.

»Wir dachten uns, dass er arbeiten kann, während er wartet«, sagt der Stoppelbärtige. »Ich glaube, so etwas hat er noch nie gemacht.«

»Fesselt ihn!«

Dean sieht den Stoppelbärtigen auf sich zukommen. Er bemerkt, dass nun auch Ray seinen Colt gezogen hat. Hinter sich hört er die beiden anderen. Er weiß, dass er dem Stoppelbärtigen die Axt entgegenschleudern könnte. Irgendwie gefällt ihm das nicht. Doch da hebt er den Arm schon und wirft die Axt mit einer kraftvollen Bewegung.

Ein Schuss kracht. Die Axt wird im Fluge getroffen und nach rechts geschleudert. Sie geht knapp am Kopf des Stoppelbärtigen vorbei und fährt mit einem pochenden Geräusch in die Hüttenwand, aus deren Fugen Moos gerissen wird.

Dean schaut Yordy an, dessen Colt nun wieder raucht.

»Ich dachte gar nicht, dass du so gut bist«, sagt er belegt.

»Aber sonst ist alles eingetroffen, was du gedacht hast?«

»Nur ein Teil. Elvey. Aber noch sind wir nicht am Ende.«

Yordy verzieht das Gesicht, als er grinst. Dann wendet er sich dem Stoppelbärtigen zu.

»Hoffentlich weißt du nun, dass es nicht gut ist, ihm die Hände freizumachen, Dale«, meint er. »Auch wenn ihr ihn gut kontrollieren könnt, kann einer von euch den Schaden davon haben.«

»Ja«, knurrt Dale. »Los, fesselt ihn.«

Dean wirbelt herum. In dieser Minute ist es ihm gleichgültig, ob sie ihn jetzt oder später töten. Er sieht die beiden vor sich und fällt den einen an. Sein Faustschlag treibt dem Mann zurück und wirft ihn von den Beinen. Er springt den anderen an. Zusammen schlagen sie auf den Boden. Da kniet sich jemand auf seinen Rücken und Dale ruft:

»Ray, die Stricke!«

Dean wehrt sich verzweifelt, kann den Stoppelbärtigen aber nicht abschütteln. Rod, der unter ihm liegt, keucht.

Dean werden die Hände auf den Rücken gerissen. Er wehrt sich dagegen, aber seine Kraft reicht nicht. Riemen schnüren sich um seine Handgelenke. Dale lässt von ihm ab. Ein schmerzhafter Tritt trifft ihn in die Hüfte und rollt ihn von Rod herunter. Über sich sieht er Yordy.

»Hast du darauf gehofft, dass ich es kurz machen würde?«, fragt der schurkische Sohn des mächtigen Ranchers.

Dean antwortet nicht.

»Du hast dich geirrt«, meint Yordy. »Mit einem Marshal würde ich es nie kurz machen. Und mit dir noch aus einem anderen Grunde nicht! – Bringt ihn in die Hütte!«

 

 

20. Kapitel

 

Kate läuft zu dem staubbedeckten Reiter hinüber und fällt ihm in die Zügel. Sie blickt auf das ledige Packpferd, das der Mann hinter sich führt.

»Wo haben Sie ihn?«, fragt sie.

Der Mann schüttelt den Kopf.

»Nicht gefunden«, murmelt er.

»Nicht gefunden?«

»Nein.«

»Ich habe Ihnen aber doch beschrieben, wo es gewesen ist!«

»Die Stelle fand ich auch. Und ein totes Pferd. Außerdem noch ein paar zerschnittene Stricke. Sonst nichts weiter, Miss Duran. Sie können mir glauben, dass ich mich genau umgesehen habe!«

Männer sind auf die Straße getreten. Kate wendet sich um und sieht den Keeper vor sich stehen.

»Haben Sie denn nicht einen anderen finden können, der die Augen aufmacht?«, schreit sie ihn an.

»Ich habe die Augen aufgemacht«, sagt der Mann hinter ihr ruhig. »Aber ich konnte nichts weiter finden, Miss Duran.« »Schon gut, Morton«, sagt der Keeper. »Sie meint das nicht so.« Er greift nach Kates Schulter, dreht sie herum und führt sie zum Saloon hinüber. Es sieht aus, als würde sie allein den Weg nicht finden. Sie scheint im Moment willenlos zu sein.

Cabot schiebt das Mädchen auf einen Stuhl, geht zur Tür zurück und schließt sie. Als er die Klappe darüber herunterlassen will, tauchen Männer auf dem Stepwalk auf.

»Es ist geschlossen«, verkündet er und lässt die Klappe fallen. Er geht zur Theke, schenkt sich ein Wasserglas voll Whisky und trinkt es aus. Er sieht, dass Kate ihn anblickt.

»Warum hat er ihn nicht gefunden?«, fragt sie.

»Wahrscheinlich, weil es ihn nicht zu finden gab, Kate. Es klang, als hätten die Banditen ihn mitgenommen. Ich frage mich, zu welchem Zweck.«

»Aber die Cowboys haben doch gesehen, dass er erschossen wurde!«

»Sie wollen es gesehen haben, Kate. Das ist ein Unterschied. Ich bin jetzt mehr als vorher davon überzeugt, dass Yordy uns ein abgekartetes Spiel vorgemacht hat. Und da Logan offenbar noch am Leben ist, kann es sein, dass es ihm früher oder später bewiesen wird.«

Kate will hochfahren, aber Cabot winkt ab.

»Sagen Sie nichts, Kate«, murmelt er. »Merken Sie auch schon, dass Sie zu vieles erreichen wollen?«

»Zu vieles? Wie meinen Sie das?«

»Sie wissen es doch. Sie lieben einen Mann, der ein Abenteurer ist. Gleichzeitig fürchten Sie sich davor, dass er eines Tages keines natürlichen Todes sterben könnte. Gleichzeitig wollen Sie aber auch Ruhe und Frieden erringen. Und das wieder erhoffen Sie sich von Yordy. Das ist zu vieles auf einmal.«

»Das ist nicht wahr«, entgegnet sie schroff. »Ich habe mit ihm nichts mehr zu tun. Ich habe ihn vergessen.«

»Warum sollte er dann hier in Ihrer Nähe wie ein Christenmensch beerdigt werden?«

»Weil …, weil …«

»Nun sagen Sie es doch, Kate! Davor braucht sich ein Mensch nicht zu schämen!«

»Ihr seid ja alle verrückt!«, schreit sie ihn an. »Verrückt!«

Cabot schenkt sein Glas wieder voll. »Eigentlich darf ich gar nicht so viel trinken«, brummt er. »Jedenfalls hat der Doc das gesagt.«

»Dann hören Sie doch auf damit.«

»Mir kommt noch ein Gedanke, Kate.« »So?«

»Stellen Sie sich Folgendes vor: Yordy sieht in dem Marshal …«

»Er ist kein Marshal!«

»Gut. Yordy sieht also in Logan den Mann, der einen Mörder sucht. Und außerdem sieht er in ihm einen Rivalen, was Sie betrifft. Bei seiner Veranlagung war es dumm von uns, daran zu glauben, dass er Logan nur zehn Meilen fortbringen lassen wollte, um ihn dann freizulassen. Er musste sich selbst ausrechnen können, dass Logan umkehren würde.«

»Ohne Pferd?«

»Auch ohne Pferd. Männer wie Logan lassen nie eine Sache auf sich beruhen. Folglich hat Yordy diesen Gedanken kaum gehabt.«

»Was soll die lange Rede?«

»Ich möchte wissen, wo er jetzt steckt.« »Yordy?«

»Ja, er. Ich wette, er hat uns ein raffiniertes Spiel vorgemacht. Er will ihn verschwinden lassen, ohne dass der Verdacht auf ihn fällen kann. Und er will ihn natürlich gründlich verschwinden lassen. Die Banditen hausen in den Bergen. Sheriff Catlyn hat den Canyon aus dem er damals kam beschrieben. Es würde mich nicht wundern, wenn Yordy heute noch aus diesem Canyon käme.«

Kate steht langsam auf und blickt ihn an.

»Es wäre natürlich zu gefährlich, wenn Sie das in Erfahrung bringen wollten«, redet Cabot weiter. »Das müsste ein Mann versuchen.«

»Ich will mich selbst davon überzeugen«, sagt sie hart. »Vielleicht ist es ein guter Gedanke, aber ich kann es nicht glauben!«

»Sie wollen nicht, Kate. Verstecken Sie sich gut!«

»Ich werde erst zur Ranch reiten«, entgegnet sie lebhaft, als würde der Gedanke sie elektrisieren. »Dann weiß ich, ob es Sinn hat, am Canyon auf ihn zu warten. Aber Sie irren sich bestimmt, Mr. Cabot!«

Der Keeper schüttelt den Kopf. Aber das kann Kate, die zur Tür geht, schon nicht mehr sehen.

 

 

21. Kapitel

 

»Ich würde gern deinen Vater kennenlernen, Yordy«, sagt Dean, den sie an einen Stuhl gefesselt haben.

»Wozu?«

»Ich möchte herausfinden, ob es nur deine Schuld ist, dass du ein Bandit geworden bist.« Dean blickt sie der Reihe nach an. »Ich habe mich bei solchen Betrachtungen nie damit zufriedengegeben, dass ein Bandit eben ein Bandit ist. Ich wollte immer wissen, wieso er dazu werden konnte.«

»Er redet wie der Prediger bei uns zu Hause«, sagt Ray. »Soll ich dir sagen, wieso ich ein Bandit geworden bin? Ich habe im Zorn einen Mann erschlagen. Wegen einem Mädchen!«

Dean schaut immer noch auf Yordy. Er weiß, dass der zu den jungen Männern gehört, die den Reichtum ihres Vaters für eine Selbstverständlichkeit halten. Zu den jungen Männern, die von sich denken, über anderen Menschen zu stehen und auf ihnen herumtreten zu können.

»Ich will dir mal was sagen«, knurrt Yordy. »Ich bin kein Bandit. Und mein Vater ist auch keiner. Die Siedler im Tal brechen den Boden um und legen Felder an, obwohl hier zehntausend Jahre lang nichts als Gras gewachsen ist. Hier ist ein Rinderland. Sonst nichts! Aber jetzt fangen sie an, Drahtzäune zu ziehen. Daran reißen sich die Herefords die Leiber auf. Bildest du dir ein, ein Rancher kann dabei zusehen? Wir brauchen offenes Land – Zugang zu allen Wasserstellen. Und wenn die Territoriumsverwaltung so vernagelt ist, Siedler ins Land zu lassen und ihnen noch zu helfen, dann müssen wir uns auf eine andere Art schützen.«

Dean schaut von einem der Banditen zum anderen und zuletzt wieder auf Yordy.

»Dann muss man Banditen ins Land holen und die Siedler terrorisieren«, meint er. »Damit sie von selbst wieder gehen. Das ist eine feine Erklärung, Yordv. Ich bin überzeugt, dass du das für euer Recht hältst. Und gerade deshalb würde ich deinen Vater gern kennenlernen.«

Yordy grinst ihn an.

»Der Wunsch wird dir nicht erfüllt werden. Aber vielleicht genügt es dir, wenn ich sage, dass mein Vater ein alter Mann ist. Er hat es mir vollkommen übertragen, hier die richtige Ordnung wiederherzustellen.« »Danke, Yordy. Das genügt.«

»Ich möchte wissen, was er damit noch anfangen will«, brummt Ray. »Boss, du gibst ihn doch mir?«

»Immer langsam, Ray. – Hör zu, Logan. Da ist noch etwas. – Es geht … um Kate Duran.«

Dean nickt. Es ist ihm schon eine ganze Weile klar, dass Yordy die Sache nur deshalb so umständlich gemacht hat. Er will mehr über Kate wissen. Über ihr früheres Leben.

»Seit wann kennst du sie?«, will der Ranchersohn wissen.

»Seit Jahren, Yordy.«

»Seit Jahren also. Und wie gut … ich meine, du hast sie sehr gut gekannt?« »Natürlich, Yordy. Soll ich dir davon erzählen?«

»Ja.«

»Und sollen es alle hören?«

Elvey nagt sich an der Unterlippe, blickt die anderen von unten herauf an und macht dann eine Kopfbewegung zur Tür.

»Wartet draußen«, sagt er. »Aber nicht direkt vor der Tür!«

»Okay, Yordy«, brummt Dale. »Das is deine Privatsache. Los, kommt!«

Die Banditen gehen hinaus. Die Tür schlägt zu.

Yordy geht zum Tisch und brennt die Lampe an, weil es in der Hütte schon sehr dunkel geworden ist. Er setzt sich wieder.

Dean versucht, die Fesseln zu lockern. Doch es gelingt ihm nicht.

»Rede!«, zischt Yordy.

»Wir haben noch nicht über deine Gegenleistung gesprochen«, sagt Dean. »Jede Sache hat ihren Preis. Das weißt du wohl besser als ich.«

»Was verlangst du?«

»Dass du mir die Fesseln durchschneidest.«

»Versprichst du dir etwas davon?«

»Du hast draußen genug Leute, die dafür sorgen werden, dass ich euch nicht entkommen kann. Aber gefesselt erzähle ich nichts.«

Dean erkennt, dass Yordy angestrengt nachdenkt. Natürlich ist er fest entschlossen, ihn, den unliebsamen Widersacher, aus dem Wege zu räumen. Aber er will mehr von Kate wissen. Und er will das offenbar um jeden Preis wissen, auch wenn er den Preis am Ende nicht bezahlen will.

Yordy zieht seinen Bowie-Knife aus dem Gürtel, tritt hinter Dean Logan und schneidet ihm die Fesseln durch. Er tritt sofort zurück, steckt das Messer weg und zieht seinen Colt.

»Mach keinen Blödsinn!«, sagt er kalt. »Es wäre dein Ende!«

Dean steht auf und massiert seine Handgelenke. Er wendet sich Yordy zu und sagt: »Mein Ende ist für dich und die anderen eine beschlossene Sache. Du musst dir besser merken, was du sagst.«

»Du wolltest von dir und ihr erzählen! Ich muss es wissen.«

»Ich weiß, Yordy. Natürlich muss man über die Frau Bescheid wissen, die man heiraten will. Von ihr selbst erfährt ein Mann kaum die Hälfte. Vor allem, wenn es sich um eine Frau wie Kate handelt.« Dean geht zum Tisch und lehnt sich dagegen. Er blickt auf die Lampe. Sie flackert leicht.

»Los, fang an!«, ruft Elvey drängend. Dean blickt auf die Mündung des Revolvers.

»Ich lernte sie in Santa Fe kennen«, sagt er. »Vor ungefähr fünf Jahren.« »Da war sie fast noch ein Kind.« »Wieso?«

»Sie ist jetzt dreiundzwanzig.«

Dean lächelt.

»Du meinst, sie hat dir das erzählt«, entgegnet er.

»Wie alt ist sie dann?«

»Dreiundzwanzig war sie damals in Santa Fe, Yordy. Sie ist älter als du. Aber das dürfte wohl keine Rolle spielen. Es ging ihr schlecht. Der Saloon, in dem sie gearbeitet hatte, wurde gerade geschlossen. Der Besitzer war erschossen worden. Wegen Kate. Ein paar betrunkene Cowboys wollten sie mitnehmen. Sie waren auf dem Weg nach Texas. Es waren fünf. Und wir waren zwei. Ross Cunter und ich. Wer Cunter ist, weiß du, was?«

Yordy zeigt die Zähne. Sie funkeln im Lampenlicht.

»Weiter!«, zischt er.

»Ob deine Freunde zuhören?«, fragt Dean leise. »Vielleicht lehnen sie an der Tür.«

Yordy ist mit einem Schritt bei der Tür und stößt sie heftig auf. Die Banditen sitzen auf den abgewaschenen Steinen in der Mitte des Bergtales. Er schließt die Tür wieder.

Da steht Dean hinter ihm.

»Sehr unvorsichtig«, sagt er und schlägt zu. Sein Hieb trifft Yordy auf den Kopf und wirft ihn gegen die Tür. Vielleicht ist es der Schmerz, der ihn abdrücken lässt. Der Knall des Schusses erfüllt die ganze Hütte.

Da fällt Yordy schon. Dean reißt ihm die Waffe aus der Hand und springt zurück. Er hört die hastigen Schritte der Banditen und ruft: »Wenn einer hereinkommt, fährt er zur Hölle.«

Die Schritte verstummen.

»Verdammt, das war die dümmste Idee, auf die er je gekommen ist«, ruft der Stoppelbärtige draußen grollend.

»Die Eifersucht«, sagt Ray. »Was habe ich immer gesagt? – Wenn ein Mädchen im Spiel ist, geht alles zum Teufel!«

»Ruhe! – He, Logan, wirf die Waffe weg und komm heraus, Du hast keine Chance.«

Dean blickt auf Yordy, der auf dem Boden liegt. Er muss das Bewusstsein verloren haben. Er weicht bis zur rückwärtigen Wand zurück. Hinter sich hört er das Stampfen der Pferde im Anbau. Vielleicht kann er auf einem Pferd aus dem Felsenkessel kommen. Er wendet sich um und betrachtet die dünnen, morschen Stämme. Er greift danach und reißt einen heraus. Jetzt kann er die Pferde schon undeutlich sehen. Er bricht den zweiten, armdicken Stamm heraus.

»Yordy!«, ruft Dale. »Yordy, melde dich!« »Er ist bewusstlos«, sagt Dean. »Er liegt genau vor meinen Füßen.« Er fragt sich, ob er Yordy von hier fortbringen könnte, verwirft den Gedanken aber sofort wieder. Wenn überhaupt, dann kann er es nur allein und auf einem schnellen Pferd schaffen. Er greift nach dem dritten Stamm. Das Holz ist so morsch, dass er es zwischen den Fingern zerdrücken kann.

Die Tür bewegt sich. Dean hebt die Waffe und schießt. Der Flammenblitz taucht den Raum für einen Moment in blendende Helligkeit. Eine graue Pulverdampfwolke zieht in den Anbau, und die Pferde schnauben erregt.

Die Tür hat sich wieder geschlossen. »Was machen wir nur?«, fragt draußen eine Stimme.

Dean bricht den nächsten Stamm heraus. Er kann das fast ohne Geräusche tun. Er sieht, dass sich Yordy immer noch nicht bewegt. Wenn er noch fünf Minuten Zeit gewinnt, wird er ein Pferd gesattelt haben. Er zerdrückt den nächsten Stamm und dann noch zwei.

»Yordy!«, ruft draußen jemand.

»Er schläft immer noch«, sagt Dean. »Ich wette, er hat ihn umgebracht«, meint Ray. »Schon mit dem ersten Schuss. Es war ein verrückter Gedanke. Dale, sage doch, was wir machen sollen! Es muss etwas geschehen!«

»Wir müssen vor allen Dingen Ruhe bewahren«, knurrt der Stoppelbärtige. »Er kann uns doch nicht entkommen!«

Dean spürt eine wilde Freude darüber, dass sie gar nicht daran denken, wie nahe er den Pferden ist. Schon hat er wieder zwei der dünnen, morschen Stämme herausgebrochen. Nun ist das Loch groß genug, sodass er hindurchkriechen kann.

Draußen kracht ein Schuss. Die Kugel fährt durch die Wand und wirft Moos aus den Fugen.

»Hör auf«, meint Dale. »Vielleicht lebt der Boss doch noch, und du triffst ihn versehentlich.«

Dean Logan kriecht durch das Loch in den Anbau und stößt ein leises Zischen aus, mit dem er die Pferde beruhigen will.

 

 

22. Kapitel

 

»Dort!«, schreit Ray. »Verdammt, die Pferde! Das haben wir vergessen!«

Ledige Pferde jagen den Banditen entgegen. Schüsse peitschen hinter ihnen auf, und Kugeln fahren jaulend durch den Talkessel. Die Banditen rennen zur Seite und werfen sich zu Boden. Funken sprühen unter den Hufen auf.

»Da!«, ruft Dale und feuert, als er den Reiter um die Hütte sprengen sieht.

Dean liegt fast auf dem Hals des Pferdes und treibt es durch einen Zuruf an. Die Kugeln umwehen ihn.

»Schneller!«, kommandiert der stoppelbärtige Dale und feuert seinen Colt erneut ab. Aber der Reiter rast dem Zugang des Tales entgegen und verschwindet darin.

»Fangt die Pferde!«, schreit Dale.

Sie rennen hinter den Pferden her, aber die aufgeschreckten Tiere weichen ihnen aus und galoppieren durch den Kessel.

Ray rennt zur Hütte und zieht die Tür auf.

»Elvey!«, hören die anderen ihn rufen. »Kommt her, er bewegt sich noch!« Ray geht fast schüchtern näher und beugt sich über Yordy, der eben die Augen öffnet und seinen Kumpan verwirrt anblickt.

»Wo … wo ist er?«, fragt Elvey, als sein Blick klarer geworden ist.

»Er flieht, Boss.«

»Hilf mir.«

Ray zieht Elvey mit einer Hand hoch. Sein Gesicht verkrampft sich dabei im Schmerz. Elvey taumelt an ihm vorbei hinaus. Er sieht, dass die anderen immer noch hinter den Pferden herjagen. Da hat Dale das eine Tier erreicht, reißt den Kopf nach unten und bringt es zum Stehen.

»Einen Sattel!«, ruft er. »Rod, bring einen Sattel her! Lasst die anderen Gäule. Ich bringe ihn zurück!«

Yordy hat sich gegen die Wand der Hütte gelehnt und massiert seinen Kopf.

Rod hastet in den Anbau und schleppt einen Sattel zu Dale, der das Tier inzwischen beruhigt hat.

»Willst du ihn verfolgen, Boss?«, ruft Dale Elvey zu.

»Nein. Ich … ich fühle mich elend!«

Da hat Rod schon den Sattel auf den Rücken des Tieres gelegt und schnallt den Gurt unter dem Leib des Pferdes fest.

»Dem werde ich zeigen, was hier in den Bighorn Mountains los ist!«, knirscht Dale, als er aufsitzt.

 

 

23. Kapitel

 

»Wer ist da?«, ruft Lynn, der in dem kahlen Felsenkessel die Wache hält.

»Dale«, gibt Dean mit verstellter Stimme zurück. Er hofft, den Stoppelbärtigen gut nachzuahmen. Er hat sich den Hut tief in die Stirn gezogen und reitet schnell auf Lynn zu.

Als er bis auf wenige Pferdelängen heran ist, richtet sich Lynn gerade auf.

»Das ist …«

Da prallen die Pferde schon hart zusammen, und Lynn, der darauf nicht gefasst ist, wird aus dem Sattel geworfen.

Dean Logan springt ab. Er sieht, dass Lynn eben wieder aufspringen will. Da wirft er sich auf ihn. Ein Schlag trifft ihn aufs Ohr und zaubert bunte Sterne vor seine Augen. Er weiß, dass er verloren ist, wenn er jetzt nicht durchkommt. Sein zäher Wille ringt den Schmerz nieder. Seine Faust zuckt vorwärts und trifft Lynn am Kinn. Er stemmt sich hoch und dreht den Mann um. Dann kniet er sich auf dessen Rücken, nimmt ihm das Halstuch ab und bindet ihm die Hände damit zusammen.

»Was hast du vor?«, fragt Lynn.

»Ich nehme dich mit nach Elvey Junction«, entgegnet Dean, steht auf und hebt den Mann hoch. Er wirft ihn quer über sein Pferd und bindet ihn mit dem Lasso fest.

Als Logan aufsteigt, die Zügel beider Pferde nimmt, hört er den Hufschlag, der schnell lauter wird.

»Keine hundert Yards bringst du mich!«, schreit Lynn. »Sie kommen schon!«

Dean reitet auf den Talausgang zu. Der Hufschlag wird immer lauter. Vielfach schallt er in den kahlen Kessel hinein, aber Dean glaubt zu hören, dass es nur ein Pferd ist. Er hält zwischen den schroffen Felswänden an und schaut zurück. Seine Hand mit Yordys Colt hebt sich langsam.

Da taucht der Reiter auf.

»Lynn!«, schreit er, und Dean erkennt, dass es Dale ist.

»Hier!«, ruft er.

Der Reiter kommt durch den Kessel gesprengt.

»Warte, Logan!«, schreit er. Dann blitzt es bei ihm auf.

Die Kugel fährt klatschend gegen die Felswand und zirpt jaulend zum Himmel.

Dean feuert zurück. Er sieht das Pferd einknicken und Dale über den Boden rollen. Er nimmt die Zügel kürzer und jagt die Pferde in den Canyon hinein.

Als er rechts einen Hohlweg sieht, der tiefer in die Berge führt, schwenkt er in diesen ein und zieht das zweite Pferd mit sich. Er weiß, dass es nicht sehr lange dauern wird, bis die anderen die Pferde beruhigt haben und ihn verfolgen werden. Er muss Umwege machen.

Der Weg führt schon bald in kahle Höhen, kreuzt sich mit anderen Wegen, und Dean Logan verschwindet spurlos in den Bighorn Mountains.

 

 

24. Kapitel

 

Yordy Elvey kommt als Erster aus den Bergen. Er pariert sein Pferd sehr heftig, als er den Reiter zwischen den Büschen sieht. Yordy beugt sich vor, um besser sehen zu können.

»Ich bin es«, sagt eine helle Stimme.

Yordy reitet weiter.

»Kate?«, fragt er.

Ja.«

»Was willst du hier?«

»Ich habe auf dich gewartet, Yordy. Ich wollte wissen, wie viel Wahrheit an der ganzen Geschichte ist. Glaubst du mir, dass ich es immer nicht wahrhaben wollte? Die Leute waren sich immer darüber einig, dass du der Anführer der Banditen bist. Aber ich wollte es nicht glauben.«

Yordy blickt die anderen an, die rechts und links von ihm halten. Es sind Dale, Joe und Rod. Nur Ray haben sie oben in den Bergen gelassen. Und das auch nur, weil sie kein Pferd mehr für ihn hatten.

»Wartest du schon lange hier?«, fragt Elvey.

»Ich war erst bei deinem Vater. Er sagte, du wärst im Haus, doch er wollte mich nicht einlassen. Er glaubte mir nicht.«

»Was?«

»Dass wir verlobt sind, Yordy. Er hält nichts von mir. Er meint, dass Geld zu Geld kommen muss. Ich aber habe kein Geld.«

»Mein Vater ist ein alter Mann. Ich habe dir oft genug erklärt, dass ich mache, was ich denke, Kate!«

»Das hast du mir oft erklärt. Dann denkst du also genau wie er, dass die Siedler verschwinden müssen?«

»Das weißt du doch. Du wolltest doch immer die Frau eines mächtigen Mannes sein. Warum denn auf einmal nicht mehr? Weil Logan …«

»Er ist doch tot«, sagt sie, als er plötzlich schweigt. »Hast du das nicht gesagt?« »Doch. – Natürlich ist er tot.«

»Ich wollte ihn in der Stadt beerdigen lassen, Yordy. Aber man konnte ihn nicht finden.«

»Was du nicht sagst. – Ich will wissen, wie lange du hier schon wartest!« »Ungefähr zwei Stunden, Yordy. Ich musste lange warten. Warum antwortest du nicht? Habt ihr ihn jetzt erst getötet?« »Du liebst ihn wohl immer noch?«, schreit er sie an.

»Und wenn es so wäre? Wenn ich mir verschiedenes überlegt hätte, Yordy?« »Das würde ich sehr bedauern, Kate. Du bist doch von ihm fortgelaufen.«

»Ja. Aber ich habe mir nur eingeredet, gefunden zu haben, was ich suchte. Es war ein Irrtum. Jetzt weiß ich das.«

»Jetzt weiß sie es«, meint Dale und lacht polternd. »Jetzt hasst sie dich, Yordy! Komisch, wie sehr sich doch eine Frau verändert. Verdammt, hier kann er also nicht vorbeigekommen sein.«

»Halte die Schnauze!«, brüllt Elvey,

»Er ist euch also entkommen«, stellt das Tanzmädchen fest.

»Ja. Mit einem Gefangenen«, gibt Yordy zu. »Wahrscheinlich will er ihn nach Fort Reno bringen. Und dort wird Lynn auspacken, wenn es ihm an den Kragen geht. Es ist keine Zeit mehr, um sich aus der Sache herauszureden, Kate. Ja, ich habe diese Leute hierher kommen lassen. Es gab keinen anderen Weg.«

»Um die Siedler zu vertreiben, nicht wahr? – Es ist dir nur noch nicht gelungen. Die amerikanischen Bauern sind starrköpfig. Sie brauchen dieses Land und kämpfen darum. Hast du das auch schon gemerkt?«

»Das spielt jetzt keine Rolle, Kate. Wir müssen offen über alles reden. Logan darf diesen Mann nicht nach Fort Reno bringen. Ich weiß, wie der Richter denkt. Er hat keinen Sinn für die Rinderzucht.«

»Er ist ja auch kein Rancher. – Yordy, unsere Wege trennen sich! Es ist alles anders, als ich dachte.« Sie will das Pferd wenden, als Elvey nach den Zügeln greift.

»Nur nichts überstürzten, Darling«, sagt er und grinst sie boshaft an.

»Was soll das?«

Details

Seiten
348
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931587
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497588
Schlagworte
westen hölle western-sonderedition band

Autor

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Titel: Im Westen ist die Hölle los - Western-Sonderedition Band 1