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CALLAHAN #23: Die letzten von Lonewells

2019 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Die letzten von Lonewells

Klappentext:

Roman:

CALLAHAN

 

Band 23

 

Die letzten von Lonewells

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Klaus Dill

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Als ich den Toten in der Wüste fand, vermutete ich zunächst, er sei vom Weg abgekommen und verdurstet. Bis ich das Kugelloch in seinem Hemd entdeckte und wusste, dass irgend jemand diesem armen Teufel aufgelauert und ihn anschließend umgebracht hatte. Aber warum nur?

Der Tod dieses Mannes führte mich schließlich nach Lonewells – in eine verlassene Stadt mitten in der Wüste, in der sich nur noch wenige Menschen aufhielten. Weil sie Gold gefunden hatten. Aber sie konnten nicht mehr weg von hier. Denn draußen vor der Stadt lauerte eine Bande von gewissenlosen Halunken, die es auf das Gold abgesehen hatten. Der Tote, den ich gefunden hatte, war ihr erstes Opfer gewesen, und ich wäre fast das zweite geworden. Zum Glück gelang es mir noch, mich nach Lonewells durchzuschlagen. Die Chancen standen jedoch immer noch gut, dass es weitere Tote geben würde. Mich eingeschlossen! Denn diese verdammten Hundesöhne begannen jetzt die Stadt zu belagern. Und für mich und die anderen Menschen wurde es immer auswegloser ..

 

 

 

 

Roman:

Der Mann lehnte wie schlafend an einem Felsblock. Der staubbedeckte Hut war ihm übers Gesicht gerutscht. Eine dicke Staubschicht lag auch auf seiner abgetragenen Kleidung. Langsam ritt ich durch das von Steilhängen gesäumte Arroyo auf ihn zu. Erst als ich dicht bei ihm mein Pferd zügelte, entdeckte ich den dunklen Fleck auf seiner Hemdbrust: eingetrocknetes Blut. Die hitzegesättigte Stille in dem sandigen Flussbett schien sich auf einmal noch zu verdichten. Es war ein so abgrundtiefes Schweigen, dass mir meine eigenen Atemzüge überlaut vorkamen.

Der Wind, der gestern den ganzen Tag lang Staubfahnen übers einsame Land gewirbelt hatte, war bald nach Einbruch der Dunkelheit abgeflaut. Er hatte alle Spuren im Arroyo verwischt. Das hieß, dass der Mann bereits vorher, also vor mehr als zwölf Stunden gestorben war. Eine Kugel war ihm mitten ins Herz gedrungen. Kein Wolf und kein Bussard hatte ihn bisher aufgestöbert, und das trockene Wüstenklima war der beste Verwesungsschutz.

Seit ich vorgestern den Bill Williams River durchquert hatte und nordwärts in Richtung Nevadagrenze und Grand Canyon ritt, befand ich mich in leerem Land. In dieser sonnenverbrannten Wildnis gab es nicht mal Tierfährten, nur Sand, Felsen, Dorngestrüpp und hie und da ein paar Mesquitestauden. Ausgerechnet in dieser absoluten Einöde saß da nun ein Toter vor mir!

Ich war die Stille der Wildnis ja gewohnt, doch nun erschien sie mir unwirklich und wie vom Atem einer unsichtbaren Gefahr durchdrungen. Hundert Fragen und Überlegungen schossen mir durch den Kopf. Aber ich hatte nicht den winzigsten Anhaltspunkt, das Rätsel zu lösen, das der Tote mir aufgab. Hier draußen, weit weg von allem, was Zivilisation, bedeutete, stand man dem Tod immer näher gegenüber als in den von hektischem Leben erfüllten Großstädten im Osten. Der Tod durch eine mitten ins Herz geschossene Revolverkugel war aber auch hier nicht weniger erschreckend als auf dem lautesten Abschnitt der Wall Street von New York.

Ich glitt aus dem Sattel. Sofort drängte mein Buckskin-Wallach von der schlaff am Felsen zusammengesunkenen Gestalt zurück.

„Nun hab dich nicht so!“, brummte ich, während ich die Zügel um einen Stein schlang. „Gefährlich sind immer nur die Lebenden.“

Dann schob ich dem Toten den Hut aus dem Gesicht. Der Mann war um die Fünfzig. Graue Fäden durchzogen seinen buschigen Schnurrbart, der ihm über die Mundwinkel hing. Auch seine Schläfenhaare waren grau. Sein Gesicht war hager, eingefallen, der Tod hatte es gezeichnet. Ein halb vom Sand zugewehter Revolver lag neben ihm. Ich hob die Waffe auf. Es war ein Smith and Wesson. Alle Patronen steckten noch in der Trommel. Der Fremde war demnach nicht mehr dazu gekommen, sich zu verteidigen. Gegen wen?

Möglich, dass ich nie eine Antwort darauf erhielt. Nicht nur möglich, sondern sicher war jedoch, dass ich nun nicht mehr der einzige „Zweibeiner“ in dieser von Gott und der Welt verlassenen Gegend war.

Ich kletterte den steinigen Hang hinauf und hielt Ausschau. Im Osten und Norden schimmerte wie zum Greifen nahe der bläuliche Wall der Hualapai Mountains. Nach allen anderen Richtungen dehnte sich ein Meer sanftwelliger Hügel, über denen trotz des frühen Vormittags schon die Luft vor Hitze flimmerte. Geröllfelder lagen dazwischen. Da und dort klaffte ein tief eingeschnittener Riss. Kein Fleckchen Grün, so weit das Auge reichte. Der Himmel wolkenlos, wie von flüssiger Glut übergossen.

Nirgends eine Bewegung, keine Andeutung einer Fährte, kein von Hufen hochgeschleuderter Staub. Nur Totenstille und eine Leere, die sich nun wie ein Bleipanzer um meine Brust legte. Ich kehrte ins Arroyo zurück. In meinem Gepäck befand sich ein Klappspaten, und ich wollte nicht weiterreiten, ohne den fremden Toten begraben zu haben. Beim ersten Spatenstich fand ich einen aufgerissenen Leinenbeutel. Ich hob ihn auf, stülpte ihn um.

In den Nähten entdeckte ich einige staubvermischte metallische Krümel. Ich rieb sie prüfend zwischen den Fingern. Meine Kehle wurde dabei noch trockener, als sie ohnedies schon war. Denn es war jene besondere Art von Metall, das überall auf der Welt eine Menge Unheil stiften konnte. Ich wusste das aus eigener bitterer Erfahrung. Ich hatte zwar noch immer keine Ahnung, wer der Fremde war, woher er kam und was er hier gewollt hatte. Aber jetzt wusste ich zumindest, wofür er gestorben war: für eine lumpige Handvoll Gold!

 

*

 

Sechs Stunden später sah ich von einer Bodenwelle aus zum ersten mal die Stadt. Für die zwei Dutzend Bretterhütten mit den dazugehörigen Nebengebäuden und Anbauten war diese Bezeichnung eigentlich zu hoch gegriffen. Aber es gab ja Nester mit nur sechs oder sieben Bretterbuden, die sich mit größter Selbstverständlichkeit ebenfalls Town nannten. Das war westlich vom Old Man River nun mal so üblich. Die Siedlung da drüben lag knapp vor den schroffen Abhängen der Hualapais. Sie war so tot und verlassen wie der Mann, den ich in dem ausgetrockneten Flussbett begraben hatte.

Sicher war dort irgendwann mal Gold gefunden worden. Das verrieten die vielen Löcher und Minenschächte in den hinter den Häusern emporschwingenden Bergflanken. Ebenso sicher war das schon ein paar Jahre her. Nun war die Wildnis längst wieder auf dem Vormarsch - wie überall, wo der Mensch nur für kurze Zeit Fuß fasste und sich gegen eine raue, feindliche Umwelt behauptete.

Von der Straße, die einmal in diese Öde geführt haben musste, gab es keinen Schimmer mehr. Dass die Häuser noch standen, hatte nichts zu bedeuten. In der Natur waren Jahre nur wie Minuten im Leben eines Menschen. Es gab Hunderte von solchen rasch aufgeblühten und ebenso schnell wieder vergessenen und vermodernden Goldgräberstädten hier im Südwesten. Im Moment interessierte mich nur eins: Wo Häuser standen, würde es auch Wasser geben.

„Na, geh schon!“, forderte ich meinen Buckskin auf. „Ein kühler Schluck und ein schattiges Dach werden uns beiden nicht schaden.“

Ich überlegte, ob ich nicht auch noch die Nacht da drüben verbringen sollte. Ich hatte es ja nicht eilig. Die Gegend am Grand Canyon, wo ich für ein paar Wochen jagen wollte, lief mir nicht davon. Ich hatte ein gutes Pferd, eine komplette Ausrüstung und genug Munition, um für eine Weile auch ohne Job auszukommen. Nur beim Näherreiten verströmte der Ort nicht gerade eine überwältigende Gastlichkeit. Ich hatte vielmehr ein Gefühl, als würde mich ein Hauch von Moder, Verfall und Untergang anwehen.

Die Hütten sahen verflixt wacklig aus. Ein Windstoß schien auszureichen, damit sie wie Kartenhäuser einstürzten. Alles war hastig und notdürftig zusammengeflickt. Ein einziges Gebäude war zweigeschossig. Es überragte die anderen wie ein Bollwerk. Auf den Hinterhöfen wucherte Unkraut. Mesquites und Dornbüsche hatten dicht an verfallenen Bretterwänden Wurzeln geschlagen. Droben auf den Claims standen nur mehr verrottete Zeltgerüste und Fragmente einstiger Kistenholzbuden.

Ich dachte unwillkürlich wieder an den Toten im Arroyo, an den Goldstaub in den Nähten seines Leinenbeutels. War es wirklich Jahre her, dass hier das letzte Nugget aus der Erde gebuddelt worden war? Aber der Mann konnte ja von weiß Gott wohergekommen sein ...

„Lonewells!“ las ich auf dem verwitterten Holzschild am Anfang der einzigen breiten Straße. „Neunhundert Einwohner.“ Die Zahl war vor langer Zeit durchgestrichen worden. Darunter standen die jeweiligen Berichtigungen: sechshundert, vierhundert, dreihundert, dann auf einmal nur mehr achtzig. Auch das war durchgestrichen. Zum Schluss hatte jemand mit einem Messer eine Sieben eingeritzt. Das sah noch ziemlich frisch aus.

Plötzlich bekam ich auch eine Witterung von kaltem Rauch und verbranntem Holz in die Nase. Ich spannte mich. Mein Blick schweifte die grauen, schmucklosen Häuserfronten entlang. Der Wind von gestern hatte jedes Gehsteigbrett, jede Vorbaustufe mit Staub gepudert. Nirgends eine Trittspur. Kein Rauch stieg aus einem der halb verrosteten Blechschornsteine. Fenster und Türöffnungen gähnten wie dunkle Höhlen. Mehrere Gebäude besaßen nur mehr ein Lattengerüst als Dach. Überall gab es geknickte Pfosten, losgerissene Bretter, zerbrochene Scheiben und umgeworfene Zäune.

Das Ganze war ein Bild der Trostlosigkeit. Wenn der Ziehbrunnen vor dem einstigen Mietstall nicht gewesen wäre, hätte ich wahrscheinlich meinen Rotbraunen herumgezogen und einen weiten Boden um dieses Kaff geschlagen. Ein Haufen Ärger wäre mir damit erspart geblieben!

Doch die letzte Wasserstelle nördlich vom Bill Williams River war ausgetrocknet gewesen. Und der Kuckuck mochte wissen, ob es mir mit der nächsten nicht ebenso ergehen würde! Außerdem loderte die Sonne wie eine Brandfackel über den Dächern, kein Lufthauch rührte sich, und vielleicht hatte ich mir den Rauchgeruch nur eingebildet. Ich fühlte mich nun wieder wie der einzige Mensch in hundert Meilen Umkreis, als ich nun gemächlich die Straße hinab zum Brunnen ritt. Das monotone Schaufeln der Hufe war das einzige Geräusch.

Ich kam an einem ehemaligen Minen-Kontor vorbei. An der Hauswand daneben entzifferte ich die verblasste Aufschrift „Jaysons Generalstore“. Dann kamen zwei verwaiste Saloons, das „Sweet Home“ und der „Dusty Dollar“. Das dritte ehemalige Etablissement von Lonewells stand schräg gegenüber dem Mietstall und dem mi Lehm ummauerten Ziehbrunnen. Es war jenes verhältnismäßig massive Doppelstockhaus. Das Schild über dem Vordach war mit Kugellöchern verziert, die Farbe war halb abgeblättert. „Nugget Star Palace“ stand darauf.

Wichtiger für mich war jedoch, dass die Brunnenwinde noch funktionierte. Ich hatte gerade den ersten vollen Eimer heraufgekurbelt und dem Wallach hingestellt, als das Knarren eines Vorbaubretts mich herumriss. Im selben Moment lag auch schon meine Rechte am Kolben des Peacemakers.

Zuerst sah ich den Mann auf der Veranda des „Nugget Star“ nur als Schatten. Zögernd schob er sich an den Rand, und ich erkannte eine hagere, schäbig gekleidete Gestalt. Das Gesicht war knochig, unrasiert, die Augen glühten in umschatteten Höhlen. Der Mann war unbewaffnet. Er stand leicht vorgeneigt da, die Schultern etwas verkrampft und hochgezogen, misstrauisch, wie auf dem Sprung. Mein erster Eindruck war, dass mit dem Typ etwas nicht stimmte. Ein Ausdruck unverhüllter und geradezu erschreckender Gier brannte in seinen Augen. Dann sah ich den nächsten.

Er tauchte rechts von mir an der Ecke des Mietstalls auf. Ein kleiner, drahtiger, schwarzhaariger Bursche. Er hatte die Schöße seiner zerknitterten Jacke nach hinten geschoben und lässig die Daumen in den Gurt gehakt. Ein kurzläufiger Revolver steckte in seiner Halfter. Das Knirschen von Sand unter Stiefelsohlen ließ meinen Blick weiterschnellen.

Der dritte war ein Bulle von Mann. Auf der eben noch verlassenen Fahrbahn stand er wie ein Riese da. Zotteliges Haar hing ihm auf die Schultern. Es wurde von einem bunten Indianerstirnband gehalten. Ein dichter Bart umrahmte das grobschlächtige Gesicht. Sein knallrotes Hemd war zerschlissen, die Nähte seiner mexikanischen Hose mit Silberknöpfen besetzt. Er trug zwei Sechsschüsser, beide hochgeschnallt, mit den Kolben nach vorn. Außerdem hing noch ein schweres Jagdmesser in einer fransenverzierten Scheide an seinem Gürtel. Der Hüne hatte die Fäuste in die Seiten gestemmt. Seine breitbeinige Haltung schien auszudrücken, dass ihm die ganze Stadt gehörte. Dazu grinste er breit.

Zwischen ihm und der Veranda des „Nugget Star“ erschien der vierte Mann meines „Empfangskomitees“. Er war der Oldtimer in der Runde. Ein untersetzter, knorriger Graukopf. Sein wettergegerbtes Gesicht war von Falten durchzogen. Die Schnurrbartenden hingen über sein wuchtiges Kinn. Er hatte ein rostrotes Armeeunterhemd an. Darüber spannten sich geflickte Hosenträger. Aus der auf dem rechten Oberschenkel aufgenähten Hosentasche ragte der Kolben eines Colts.

Nun wusste ich, dass die Witterung von zuvor mich nicht getrogen hatte.

„Hallo!“, grüßte ich flau.

Sie verharrten wie hingestellte Schachfiguren und starrten mich an, als wäre ich vom Mond gefallen. Das Grinsen blieb wie eingemeißelt auf dem bärtigen Gesicht des Hünen. Der kleine Drahtige hatte den Kopf ein wenig schiefgelegt und kniff, halb von der Sonne geblendet, ein Auge zu. Etwas Listiges, vielleicht auch Verschlagenes war an ihm. Sonst war sein sonnengebräuntes Gesicht völlig glatt. Der Oldtimer dagegen wirkte mürrisch und schwerfällig. Er schien am wenigsten von allen von meinem Aufkreuzen erbaut zu sein.

Der Hagere war inzwischen von der Saloonveranda auf die Straße gekommen. Er war wie ein einfacher Farmer gekleidet. Seine schwieligen Hände passten dazu. Er öffnete und schloss sie fortwährend. Ein Zeichen der Spannung, unter der er offenbar stand. Zögernd kam er auf mich zu. Dabei starrte er abwechselnd mich und mein Pferd mit hungrigen Blicken an. Als ich mich halb umdrehte, blieb er sofort stehen und duckte sich.

Ich wurde nicht schlau aus dem Verein. Banditen, die in der verlassenen Stadt Unterschlupf gesucht hatten, waren das nicht. Die hätten sich anders benommen. Trotzdem war hier allerhand faul. Das konnte ich fast mit den Händen greifen.

„Ihr habt doch hoffentlich nichts dagegen, Leute, dass ich hier mein Pferd tränke und die Wasserflasche auffülle“, sagte ich so ruhig wie möglich.

Der Massige grinste noch breiter. Seine Zähne blinkten. „Feines Pferd, Tilburn, was?“, rief er statt einer Antwort dem Hageren zu.

Das jähe heftige Keuchen hinter mir warnte mich. Ich fuhr herum und glaubte, ich spinne, als ausgerechnet der Farmertyp, von dem ich die wenigste Gefahr erwartet hatte, wie ein angeschossener Puma auf mich zustürzte. Ich konnte gerade noch zur Seite springen. Er sauste mit solchem Schwung an mir vorbei, dass er um ein Haar im Brunnen gelandet wäre. Ich hörte noch das heisere Auflachen des Hünen, dann sprang der Hagere schon wieder auf mich los.

Knochige Hände krallten nach meiner Kehle. Ich fackelte nicht lange. Vorhin hatte ich mich wie ausgebrannt gefühlt, nun war ich voll da - wie meistens, wenn’s mir an den Kragen ging. Mein Faustschlag trieb den Kerl mehrere Schritte zurück. Er schwankte, ruderte mit den Armen. Ein Krächzlaut kam aus seiner Kehle.

Dann ging er abermals, vom brüllenden Gelächter des Hünen begleitet, auf mich los. Er war kein Kämpfer, aber in seiner Raserei blind für jede Gefahr und völlig unberechenbar.

Ich duckte mich unter seinen wirbelnden Fäusten, warf mich aus der Hocke gegen ihn und schmetterte ihn mit meiner hochzuckenden geballten Rechten um. Staub puffte empor. Dann lag Tilburn auf dem Rücken, die Ellenbogen aufgestützt, das knochige Gesicht noch immer wie im Wahnsinn verzerrt.

„Zur Hölle, Mann, was willst du eigentlich von mir?“, schrie ich ihn an. Die anderen standen noch immer am selben Fleck. In Tilburns Augen erschien ein Flackern von Hass und Verzweiflung. Keuchend rappelte er sich von neuem hoch. Er stand noch nicht richtig, da schleuderte er sich gegen mich und versuchte mich umzureißen. Nur steckte nicht mehr genug „Dampf“ dahinter, das zu schaffen. Ich glitt einen Schritt zurück, mein hochschnellendes Knie erwischte sein Gesicht, und wieder lag er im heißen Staub.

Dem Massigen schien das Ganze riesigen Spaß zu bereiten.

„Du schaffst es nicht, Tilburn!“, johlte er. „Der Kerl erledigt dich mit geschlossenen Augen und der linken Hand! Dem schnappst du seinen Gaul auch beim hundertsten Mal nicht weg!“

Tilburn kam mühsam hoch. Das Brennen in seinen Augen war fort, seine Arme hingen herab, er schluckte. So stumm, wie er auf mich losgegangen war, wandte er sich nun ab und entfernte sich mit schlurfenden Schritten.

„Mann, er hat’s tatsächlich kapiert!“

Das Lachen des Bullen schmerzte in meinen Ohren. Ich legte schnell wieder die Hand an den Colt, als er sich in Bewegung setzen wollte. „Bevor ich nicht weiß, was hier gespielt wird, bleibst du besser, wo du bist!“, warnte ich ihn.

„Nicht doch, Mister!“ Er breitete die Hände aus. „Hier bist du unter lauter guten Freunden. Darfst es dem guten alten Jake Tilburn nicht verübeln, dass er durchgedreht hat. War schon lange bei dem fällig. Kein Wunder, nachdem wir nun fast schon zwei Wochen ohne Gäule in diesem Drecksnest festsitzen! Seit Tagen faselt er schon davon, dass seine Frau und seine zwei kleinen Kinder in Flagstaff auf ihn warten. Musst nicht denken, Mister, dass wir ihn mit deinem Pferd einfach hätten abhauen lassen. Hast du eigentlich auch ’nen Namen, Mister?“

„Na klar“, sagte ich, mehr nicht. Ich erntete dafür wieder sein Lachen. Aber er fiel mir allmählich auf die Nerven damit.

„Hab’ mich dran gewöhnt, dass die Leute mich Crazy Jim nennen! Weiß der Teufel, warum!“

Er lachte. Ich hatte es jedoch längst bemerkt: Es war ein Lachen, das seine .Augen nicht erreichte. Sie blieben kalt und wachsam. Das warnte mich. Ich war entschlossen, mich weder von seinem Namen, noch seinem Auftreten dazu verleiten zu lassen, ihn zu unterschätzen.

Ich nannte nun auch meinen Namen – Jed Callahan. Dann war er wieder am Zug. „Der Kleine da drüben, der aussieht wie ’n Fuchs, der grade ein Huhn verspeist hat, heißt Frenchy. Von dem Oldtimer hast du vielleicht schon gehört. Bob Smith, genannt Sacramento Smith. Unter den meisten Goldsuchern ist der bekannt wie ’n bunter Hund. Das ist einer von denen, die ihr ganzes Leben lang dem großen Fund nachjagen und dabei glücklich sind, verstehst du? Der war schon damals, vor ’ner halben Ewigkeit, in Kalifornien dabei, als es zum ersten mal so richtig losging. Stimmt’s, Smith, oder hab’ ich recht?“

Er kam nun doch näher. Er hatte den Gurt, an dem die beiden Revolver und das Jagdmesser hingen, abgeschnallt. Im Vorbeigehen warf er ihn dem kleinen Franzosen zu. Dann stapfte er um den Brunnen herum zu meinem Wallach.

„Ist auch wirklich ’n Prachtgaul“, nickte er beifällig. „Kein Renner, aber kräftig und zäh, grade richtig für dieses verdammte Land.“ Er fuhr dem Buckskin mit der Hand über Kruppe und Flanke, dann blickte er über die Schulter auf mich. „Was verlangst’n für ihn, Callahan, hm?“

Ich war nicht in der Stimmung für ein Palaver. Alles, was ich wollte, war, so schnell wie möglich wieder in den Sattel kommen und von hier verschwinden. Deshalb erwiderte ich schroff: „Du kannst ihn weder mit Geld, noch mit Blei bezahlen. Versucht also gar nicht erst!“

Crazy Jim lachte glucksend, bückte sich mit dem Rücken zu mir und betastete nun auch noch die Fesseln meines Rotbraunen. Seltsamerweise ließ es sich der Buckskin anstandslos gefallen. „Vielleicht überlegst du’s dir noch, Callahan“, brummte der Hüne dabei. „Könnte ja sein, dass du ...“

Plötzlich sauste er hoch. So misstrauisch und angespannt ich auch die ganze Zeit geblieben war, konnte ich doch nicht mehr rechtzeitig reagieren. Diese Blitzaktion hatte ich dem Bullen nicht zugetraut. Seine Faust raste wie ein Schmiedehammer auf mich zu. Die Wirkung war entsprechend. Ich war kein Bursche, der sonst mit einem einzigen Schlag außer Gefecht gesetzt werden konnte. Aber das war nicht irgendein Schwinger, das war wie der Huftritt eines auskeilenden Broncos.

Es war verrückt von mir gewesen, mich drauf zu verlassen, dass der Kerl ohne seine Schießeisen nichts versuchen würde. Seine Pranken waren nicht viel weniger gefährlich. Alles, was ich noch mitbekam, war ein saftiger Fluch von dort, wo der Oldtimer stand. Dann wurde es nach einem heftigen Funkenwirbel vor meinen Augen pechschwarz um mich.

 

*

 

Das erste, was ich danach spürte, war die Hand in meinem Nacken.

Eine schmale, kleine, aber kräftige Hand, die meinen Kopf stützte. Dann berührte eine Flaschenöffnung meine aufgesprungenen, trockenen Lippen, und ich schluckte durstig. Das half. Ich brachte endlich die wie verklebten Lider auf. Die Sonne blendete mich. Im selben Moment wurde mir aüch wieder die Knallhitze bewusst. Der Sand war so heiß, dass man Eier darauf hätte braten können. Dann blinzelte ich überrascht. Ein sommersprossiges Mädchengesicht neigte sich über mich. Es war ein wenig rundlich, der Mund eine Idee zu breit, aber mit der Stupsnase und den leuchtenden blauen Augen wirkte es ausgesprochen reizvoll.

ich schätzte sie auf achtzehn oder neunzehn. Als ich die Augen öffnete, rückte sie sofort von mir ab fast so, als hätte sie Angst, dass ich sie beißen würde. Nun, ich hatte zuletzt drunten in Ehrenberg ein festes Dach über dem Kopf gehabt, und nachdem der Bill Williams River hinter mir lag, war jeder Tropfen Wasser zu kostbar gewesen, ihn für eine Rasur zu opfern. Ich sah gewiss nicht gerade so aus, wie manche Leute sich einen Gentleman vorstellen. Ich versuchte diesen Eindruck etwas abzuschwächen, indem ich mich zu einem Lächeln anstrengte. Nicht leicht bei dem Brummschädel, den ich noch hatte.

„Vielen Dank, Miss! Wenn Sie mir jetzt auch noch verraten, wer Sie sind?“

„Ihr Pferd steht im Stall, Mister“, unterbrach sie mich mit einem ängstlichen Blick in Richtung zum „Nugget Star Palace“. „Ich hab’s abgesattelt, getränkt und gefüttert. Am besten, Sie ...“

Sie sprach den Satz nicht zu Ende. Bevor ich noch etwas fragen konnte, sprang sie auf.

Ich sah nun, dass sie wie ein Junge gekleidet war: Jeans, kariertes Hemd, halbhohe Stiefel. Das Haar war unter dem Hut aufgesteckt. Nur eine weizenblonde Strähne lugte hervor. Sie hielt die lederüberzogene Flasche mit beiden Händen wie einen kostbaren Schatz, während sie sich noch mehr von mir zurückzog. Nur sie und ich waren auf der Straße. Ich lehnte am Brunnen. Die Sonne war kaum weitergewandert.

„Hören Sie, Miss, sagen Sie mir nur, was hier eigentlich ...“

Sie warf sich plötzlich herum und lief zu einer der straßenaufwärts stehenden Hütten. Ich hatte für einen Moment den Wunsch, mich ins Ohr zu zwicken, um festzustellen, ob ich das alles nicht bloß träumte. Da hörte ich Crazy Jims typisches raues Lachen aus dem Saloon. Das trieb mich hoch. Das Gewicht des 45er Colts zog an meinem Gürtel. Meine Knie waren noch ein bisschen wacklig, aber das gab sich, als ich losmarschierte. Zur Hölle mit diesem lästigen Gekribbel unter meinem Skalp! Ich war nicht der Typ, der sich mir nichts, dir nichts umfegen ließ und dann klammheimlich fortschlich!

Bevor ich die Saloonveranda erreichte, glaubte ich für den Bruchteil einer Sekunde ein metallisches Aufblinken auf einem Bergrücken hoch über den Dächern von Lonewells zu sehen. Ich war mir aber nicht sicher, blieb deshalb stehen und spähte angestrengt zu jener Höhe hinauf. Nichts war mehr zu erkennen.

„Schlaf nicht ein, Tilburn!“ Das war wieder Crazy Jims heisere Stimme. „Na los, du alter griesgrämiger Schollenbrecher, das ist deine letzte Chance, vielleicht doch noch das Spiel zu machen! He, Frenchy, lass du die Pfoten oben! Du bist mir ein bisschen zu flink mit den Karten damit, Amigo!"

„Und du, mon ami, kommandierst für meinen Geschmack ein bisschen zuviel“, revanchierte sich Frenchy spöttisch. Sein französischer Akzent war unverkennbar. „Man könnte fast meinen, du hältst dich hier für den Boss.“

Ich kam zum Eingang, ohne dass sie mich bemerkten. Die Flügel der Schwingtür waren nach innen aufgebunden. Ich brauchte ein paar Sekunden, bis meine Augen sich an die Dämmerung gewöhnten. Der Raum wirkte genauso trist wie die übrige verlassene Stadt. Auch hier war alles grau vor Staub. Im Regal hinter der aus Kistenholzbrettern gezimmerten Theke gab es nur mehr Scherben und leere Flaschen. Umgeworfene Stühle und Tische lagen kreuz und quer im Saloon. Von den Fenstern war keines mehr verglast. Nur die schmale Treppe ins Obergeschoss war noch einigermaßen heil. Ich entdeckte Fußabdrücke im Staub auf den Stufen.

Mitten im Raum hockten die Männer an einem runden Tisch und pokerten. Eine halbvolle Brandyflasche stand zwischen ihnen. Keiner rührte sie an. Gebannt starrten alle auf Tilburns Hände, die ungeschickt die Karten austeilten. Jeder saß so verkrampft und angespannt da, als müsste er im nächsten Moment seinem Gegenüber an die Kehle springen. Dann fächerten sie fiebrig vor Ungeduld ihr Pokerblatt auf. Nur Frenchy bewahrte sich einen Schein von Lässigkeit. Mehrere Sekunden lang hörte ich nur ihr gepresstes Atmen. Sie waren von ihren Karten wie hypnotisiert.

Zum Kuckuck, um was spielten die eigentlich? Ich sah weder Chips noch Münzen oder Goldstücke. Ein jäher Verdacht durchfuhr mich. Plötzlich glaubte ich zu wissen, um welchen Einsatz es ging: um meinen Buckskin-Wallach, den das Sommersprossengirl netterweise versorgt und im Stall untergebracht hatte! Es war verrückt, aber die einzige passende Erklärung für diese seltsame Pokerrunde.

Zorn glühte in mir auf. Da saßen diese vier Hombres, als existierte ich überhaupt nicht mehr! Nur mein Pferd zählte noch und die Chance, auf seinem Rücken von hier wegzukommen. Ich spürte ein Kribbeln in den Fäusten, beherrschte mich aber. Meine Hand lag am Colt. Ich verließ mich darauf, dass ich ihn schneller aus dem Leder haben würde als jeder von denen dort. Sie hatten mich noch immer nicht entdeckt. Ihre Karten beanspruchten sie völlig. Das war meine Chance. Nun wollte ich sehen, wie die Sache weiterlief.

Schweigend tauschte jeder ein oder zwei Karten gegen neue aus dem abgelegten Stapel. Wahrscheinlich hatten sie’s vorher so ausgemacht. Den Einsatz erhöhen konnten sie ja nicht, wenn meine Vermutung stimmte. Nach ihren Regeln war Tilburn an der Reihe, sein Blatt zuerst aufzudecken. Er saß als einziger mit dem Gesicht zu mir am Tisch. Er schwitzte, seine Mundwinkel zuckten. Die ändern blickten ihn lauernd an.

„Verdammt, Mann, wenn du den Gaul von diesem Satteltramp auf einmal nicht mehr willst, dann sag’s und halt uns nicht auf!“, schnauzte Crazy Jim ihn an. Und mit einem hämischen Lachen: „Oder hast du nicht das richtige Blatt erwischt, he?“

Nun wusste ich es also genau! Tilburn aber warf die Karten hin und schlug die Hände vors Gesicht. Fehlte nur noch, dass er schluchzte. Er war fix und fertig wie ein zum Tode Verurteilter, ohne jede Hoffnung, hier jemals wieder lebend fortzukommen. Beinahe tat er mir leid. Wie, zum Henker, hatten diese Kerle nur ihre Gäule verloren? Da steckte doch noch mehr dahinter!

Jim, der Bulle, war nun dran. Mit dem Grinsen eines Siegers breitete er sein Fünferblatt auf. „Na, Smith, wie gefällt dir mein Full House?“

Der Grauhaarige zuckte die Achseln, sein Nussknackergesicht verdüsterte sich noch mehr, er warf ebenfalls die Karten hin. Jim lachte zufrieden. „Du darfst mir ruhig schon gratulieren, Frenchy!“

„Wozu denn?“ Jetzt war Frenchys Lässigkeit nicht mehr gespielt. Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück und deckte ebenfalls seine Karten auf. „Ein Full House ist ja nicht schlecht, mon ami, aber ein Viererpasch ist noch allemal besser.“

Jims Kopf ruckte noch mehr herum. Ich konnte jetzt sein halbes Gesicht sehen. Ohne das übliche Grinsen wirkte es abstoßend brutal und gewalttätig. Er starrte auf Frenchys Karten, dann sprang er plötzlich auf und hielt auch schon die Hand am Schießeisen. „Hab’s doch gleich gewusst, dass du wieder mal mogelst!“

Frenchys Rechte war unter der Tischkante verschwunden. Ich brauchte kein Hellseher zu sein, um zu wissen, dass er ebenfalls zum Ziehen bereit war.

„Du kommandierst nicht nur zu viel, du kannst auch nicht mit Anstand verlieren. Das sind Fehler, die du dir abgewöhnen solltest, wenn du mein Freund bleiben willst, Jim.“

„Der Teufel ist dein Freund, du verdammter ...“

Tilburn war erschrocken aufgesprungen und vom Tisch zurückgewichen. „Callahan!“, krächzte er, als er mich nun entdeckte.

„Lasst euch nicht stören, wenn ihr grade dabei seid, euch gegenseitig über den Haufen zu schießen!“, sagte ich und trat ein.

Ihre Köpfe flogen herum. Nun kam auch Frenchy vom Stuhl hoch. Seine Bewegungen waren katzenhaft, seine Augen funkelten. Plötzlich war die Feindschaft zwischen ihnen vergessen. Ihre angestaute Aggressivität hatte ein neues Ziel: mich. Sie reagierten wie seit langem aufeinander eingespielt. Crazy Jim trat vom Tisch weg nach links, Frenchy schob sich nach rechts zur Theke hinüber. Nur Sacramento-Smith blieb mit finsterer Miene, wo er war. Tilburn drückte sich neben einem der zerbrochenen Fenster an die Wand, halb zur Flucht, halb zum Angriff bereit.

Es war schon eine verflixt merkwürdige Gesellschaft, in die ich da geraten war. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Girl zu einem dieser Männer gehörte. Derselbe starre Blick wie bei meiner Ankunft war wieder in ihren Augen. Ich spürte schmerzhaft die Stelle, wo Crazy Jims Faust mich erwischt hatte. Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein. Jedenfalls regte sich wieder der heiße Zorn in mir. Ich war entschlossen, es darauf ankommen zu lassen, wenn sie’s so wollten.

Denn einem Mann hier draußen das einzige Pferd wegzunehmen, war gleichbedeutend damit, ihn zum Tod zu verurteilen. Dafür gab’s keine Rechtfertigung. Das war auch der Grund, weshalb auf Pferdediebstahl mancherorts noch immer der Strick stand. Ich stiefelte bis zum ersten Tisch, damit ich, wenn es brenzlig wurde, dahinter in Deckung geben konnte.

„Fairerweise hättet ihr mich einladen müssen, mitzupokern“, meinte ich bissig. „Aber ich bezweifle, ob ihr überhaupt wisst, was Fairness ist.“

Crazy Jims jähes Lachen konnte mich nicht darüber wegtäuschen, dass dieser Bulle drauf und dran war, es im nächsten Moment zu riskieren. Ich hatte beobachtet, wie schnell er vorhin die Hand an die Waffe gebracht hatte. Er zog über Kreuz, und ich war sicher, dass er den zweiten Colt nicht nur zur Verzierung mit sich herumschleppte. „He, du bist ja ein Witzbold, Callahan!“, rief er.

„Nimm dir ruhig ein Beispiel an ihm“, grinste Frenchy. „Ich hab’ was übrig für Leute, die noch einen Scherz zuwege bringen, wenn sie verloren haben. Oder hast du etwa noch gar nicht gemerkt, Callahan, dass Jim, dieses Schlitzohr, dir die Patronen aus der Gürtelkanone gepflockt hat, eh?“

Jim grinste übers ganze Gesicht. Mir aber lief es trotz der Hitze kalt über den Rücken. Ich verdammter Narr! Deshalb hatten sie es also nicht für nötig gehalten, sich um mich zu kümmern! Ich hatte diese Bande ganz schön unterschätzt.

Der kleine Franzose räusperte sich und kniff ein Auge zu. „Ist dir nicht gut, mon ami? Du siehst auf einmal gar nicht mehr so gesund aus.“

„Das gibt sich! Das ist jedes mal so, bevor ich mein Eisen auf Kerle richte, die sich einbilden, mich reingelegt zu haben!“, knirschte ich. „Glaubt ihr denn wirklich, ich hab’ nichts mitgekriegt und meinen Peacemaker inzwischen nicht längst nachgeladen?“

Sie duckten sich. Crazy Jim schaute schnell zu Frenchy. „Der blufft doch nur!“

„Ihr könnt’s ja rausfinden!“

„Du meinst, Frenchy kann’s rausfinden“, grinste der Hüne wieder. „Er hat schließlich deinen Gaul gewonnen, nicht ich. So ’n Glück für mich, was?“ Ein Glucksen kam aus seiner Kehle. Er machte jedoch weder Anstalten, zum Tisch zurückzukehren, noch die Hand von der Waffe zu nehmen. Er wartete vielmehr darauf, dass ich mich nun Frenchy zuwenden würde.

Da griff Sacramento-Smith ein. „Hölle und Verdammnis!“, polterte er auf einmal los, stieß seinen Stuhl zurück und stemmte sich hoch. „Mein ganzes Leben lang bin ich noch nie auf die Idee gekommen, ’nem Mann seinen Gaul wegzunehmen. Gut, nun habt ihr mich ja fast soweit gebracht! Fast, meine Herren! Denn der Teufel soll mich holen, wenn ich jetzt auch noch zusehe, wie ihr diesen Hombre von den Füßen schießt! Und alles nur, damit einer von euch ’ne Chance bekommt, am Leben zu bleiben! Nein, zur Hölle, schlagt euch dieses Geschäft aus dem Kopf!“

„He, was ist los, Smith?“, rief Crazy Jim. „Hat dir die Hitze geschadet? Oder ist das vielleicht nur ’n neuer Dreh, trotz deiner miesen Pokerkarten noch zum Zug zu kommen?“

Das hatte ich mich im ersten Moment auch gefragt. Nach meinen Erfahrungen traute ich hier keinem mehr. Doch die Entrüstung auf dem schnurrbärtigen Gesicht des Oldtimers war zweifellos echt Er zog den Colt aus der Hosentasche und legte ihn vor sich auf den Tisch. Es war ein alter, rostfleckiger Whitneyville Walker, das klobigste Coltmodell, das je fabriziert worden war. Das Ding sah aus, als könnte man damit Löcher wie mit einer Kanone schießen.

„Denk, was du willst, Jim!“, schnaubte der grauköpfige Goldsucher. „Aber komm nur nicht auf die Idee, jetzt noch deine Eisen anzufassen! Frenchy, das gilt auch für dich! Verdammt noch mal, begreift ihr denn nicht, Jungs, dass wir eben dabei waren, genauso dreckig zu handeln wie die Bastarde, die droben in den Bergen hocken und unser Gold wollen?“

„Zur Hölle mit dem verdammten Gold!“, jammerte Tilburn drüben beim Fenster. „Ich will am Leben bleiben, sonst nichts!“

„Was denkst du, weshalb wir um das Pferd von diesem Teufelsbraten gepokert haben!“, grinste Jim verkniffen. „Und von wegen zur Hölle mit dem Gold! Mach dir doch nicht selber was vor, Tilburn, du Niete! Wenn’s drauf ankommt, würdest du sogar deine Frau und deine Rotznasen dafür verkaufen. Stimmt’s?“

„Sei still!“, keuchte der Farmer. „Du hast kein Recht, so mit mir zu reden!“

Crazy Jim lachte verächtlich. „Du bist ein Dummkopf, Tilburn, ein Jammerer! Der geborene Versager! Du hast es mit deiner Farm zu nichts gebracht und würdest es auch zu nichts bringen, wenn du das Gold zentnerweise nach Hause schleppst!“

Tilburn starrte ihn hasserfüllt an. Aber vielleicht dämmerte auch Tilburn, was Crazy Jim in Wirklichkeit wollte. Wenn Tilburn jetzt wieder die Nerven verlor und entweder auf ihn oder mich losstürzte, bekam er, Jim, trotz Smiths Seitenwechsel vielleicht noch eine Chance. Es machte ihm bestimmt nichts aus, wenn Tilburn dabei auf der Strecke blieb. Im Grunde war hier ja jeder ein Feind des anderen. Und alles nur, weil auf einmal ein Pferd da war. Eine Chance für e i n e n Mann von fünfen! Ich kam mir wie unter Wölfen vor, die drauf und dran sind, sich gegenseitig zu zerfleischen. Aber das war nur eine Seite.

Zwei Wochen in diesem von der Sonne aufgeheizten Goldgräbernest am Ende der Welt und keine Hoffnung, mit heiler Haut von hier verschwinden zu können - das war die andere. Das setzte jedem zu. Da genügte der winzigste Anlass als Funke zur Explosion. Vor allem, wenn’s dabei auch noch um Gold ging! Ich musste wieder an den Mann im Arroyo denken. Aber nun wusste ich auch, dass ich mir vorhin das Aufblinken auf dem Bergkamm gegenüber dem „Nugget Star“ nicht eingebildet hatte.

„Vielleicht erzählt mir mal einer, was hier eigentlich los ist“, versuchte ich die geladene Atmosphäre zu entschärfen. „Wenn ich’s richtig mitgekriegt hab’, dann haben euch irgendwelche Halunken die Gäule geklaut, um euch samt eurem Gold hier festzunageln.“

„Amen!“, brummte Smith. „Damit hast du schon die ganze Geschichte erzählt, Callahan. Wir wissen auch nicht viel mehr, außer, dass die Hundesöhne da oben Tag und Nacht drauf warten, dass wir das verdammte Kaff verlassen. Frank Houston hat’s gestern versucht. Dieser verrückte Typ ist einfach losgezogen, bevor wir überhaupt kapierten, was er vorhatte. Zu Fuß! Weiß der Teufel, wie weit sie ihn kommen ließen. Wir haben zwar keine Schüsse gehört, auch kein Hufgetrappel, aber ich bin sicher, dass sie ihn irgendwo da draußen in den Hügeln geschnappt haben!“

„Darauf kannst du Gift nehmen!“, bestätigte ich grimmig. Als sie mich überrascht anstarrten, erzählte ich vom Grab, das ich heute vormittag im Schweiße meines Angesichts geschaufelt hatte. Das ging sogar Crazy Jim an die Nieren. Er fluchte heftig.

Smith spuckte auf den staubbedeckten Boden. „Was ich immer sage: Es ist aussichtslos, ohne Pferd nicht zu schaffen! Die Halsabschneider wissen das. Der Teufel soll sie holen!“

„Was für Kerle sind es denn?“, wollte ich wissen. „Und vor allem: wie viele?“

Der Graukopf starrte mich an, als hätte ich ihn beleidigt. „Das musst du sie schon selber fragen! Als sie sich eines Nachts unsere Pferde holten, ging alles ruckzuck. Seitdem haben wir von diesen Bastarden nicht mehr gesehen als das Fernglas, mit dem uns abwechselnd immer einer von denen in die Suppe guckt. Sobald wir uns auch nur zehn Schritte weit von den Hütten entfernen, schlägt dieser Bursche garantiert Alarm. Und wie das dann ausgeht, hast du ja an Houston gesehen! Und wenn du denkst, nachts wär’ es zu schaffen, dann irrst du dich! Dann hast du spätestens bei Sonnenaufgang diese Höllenhunde doch auf deiner Spur und obendrein die Gewissheit, dass du keine Deckung findest, wenn sie dich einholen. Glaub mir, Callahan, ich verfluche noch jetzt den Tag, an dem ich mich entschloss, mit diesen anderen Verrückten hier in Lonewells zu bleiben und weiter nach Gold zu buddeln, obwohl alle anderen längst auf und davon waren.“

„Hat es sich denn gelohnt?“

„Es lohnt sich nie, wenn du nachher deinen Skalp dafür hergeben musst - um was es auch geht! Aber noch haben wir ihn ja. Nun können wir nicht mehr tun als höllisch aufpassen, dass das auch so bleibt.“

„Habt ihr denn keine Angst, dass sie euch nochmals .besuchen? Zum Beispiel jetzt?“

„Klar, du hältst uns für ausgemachte Idioten, Callahan!“, knurrte Sacramento-Smith wütend. „Zum Teil hast du ja recht damit, aber eben nur zum Teil. Das haben auch diese Bastarde verdammt schnell kapiert, als sie’s vor fünf Tagen tatsächlich versuchten. Was die machen, können wir nämlich auch: abwechselnd Wache schieben. Vom Obergeschoss dieser ehemaligen Schnapsburg hast du ’nen einmaligen Ausblick. Da kannst du jeden Stein und Strauch auf dem Hang gegenüber sehen. Auch jetzt ist einer von uns oben, Steve Randlett, jüngstes Mitglied in unserem Verein.“

Ich verbiss mir die Frage, weshalb sie auch ihn nicht zu ihrer brisanten Pokerpartie eingeladen hatten. Statt dessen erkundigte ich mich nach der Kleinen mit den Sommersprossen. Smith zuckte prompt zusammen. „He, woher kennst du Sally, meine Nichte? Ich hab’ ihr doch extra klargemacht, dass sie sich ja nicht aus unserer Hütte wegrühren soll, solange wir ...“

„Ihr habt den Mann einfach auf der Straße liegengelassen, mitten in der prallen Hitze“, erklang die vorwurfsvolle Stimme des Mädchens hinter mir. „Da hab’ ich mich doch um ihn kümmern müssen, Onkel Bob! Zuerst dachte ich ja, es ist einer von den Banditen aus den Bergen, den ihr erwischt habt. Aber nun ...“

Das Zittern in ihren letzten Worten verriet sie. „Du hast gelauscht, Sally Smith!“, schnappte der Grauhaarige erbost. Er hatte mich und Crazy Jim im Moment vergessen.

Aber Jim nicht ihn! Er spannte sich wieder, seine Rechte kroch am Gürtel entlang. Da schob sich das Girl neben mich. Ich traute meinen Augen nicht. Tatsächlich hatte sie meine Winchester aus dem Stall mitgebracht!

„Ich hab’ nicht gelauscht, Onkel Bob!“, verteidigte sie sich. Dabei drückte sie mir das Gewehr in die Hand, als hätte ich es lediglich aus Versehen draußen liegengelassen. „Ihr wart vielmehr so laut, dass man auf der Straße jedes Wort verstehen konnte.“

Ich hätte ihr am liebsten einen Schmatz auf die Wange gedrückt, durfte aber Crazy Jim und Frenchy nicht aus den Augen lassen. Kaum hatte ich die Winchester angefasst, als der Hüne auch schon schaltete. Er stapfte zum Tisch zurück, setzte sich und tat, als ob nie etwas geschehen wäre. Frenchy grinste sauer.

Smith schien nicht zu wissen, ob er wütend oder erleichtert sein sollte. Dass er sich Sorgen um das Mädchen machte, sah ich ihm an. Wahrscheinlich hatte er dazu auch allen Grund. Nicht nur wegen der Pferdediebe, die nun hinter ihrem Gold her waren. Denn Crazy Jim musterte das hübsche Geschöpf neben mir so aufdringlich, dass ich wieder das bekannte Kribbeln in den Fäusten spürte. Welcher Teufel hatte den Oldtimer bloß geritten, dass er seine junge Nichte mit in dieses Höllennest geschleppt hatte? Nun verschanzte er sich wieder hinter einer grimmigen Nussknackermiene.

„Ich will nicht, dass du hierher kommst, Sally! Geh zurück und kümmere dich um’s Abendessen!“

„Nein, Onkel Bob!“

„Nein?“ Seine Augen wurden rund vor Verblüffung, weil sie ihm widersprach.

Sally rief verzweifelt: „Verstehst du denn nicht, dass ich es satt habe, immer nur in der Hütte zu hocken und zu warten, dass irgendwas geschieht?“

„Bravo!“ Crazy Jim klatschte seine Pranke auf den Tisch, dass die Brandyflasche wackelte. „Dein Onkel ist ein verrückter alter Bursche, der dich am liebsten unter ’nem Glassturz sehen würde, damit du ja nichts vom Leben mitkriegst! Komm her, Sally-Schatz, trink ’nen Schluck mit mir! Weiß der Satan, vielleicht ist das die letzte Flasche Fusel, die wir in diesem Kaff aufgetrieben haben! Was ist, Sweetheart? Hast doch nicht etwa Angst vor mir?“

Smiths Nichte musterte ihn mit einem Ausdruck von Abscheu und Angst. Auf der Stirn des schnurrbärtigen Oldtimers glänzten dicke Schweißperlen. Das hatte nicht mal die Pokerpartie um mein Pferd geschafft. „Geh jetzt!“, wiederholte er.

Für mich ein Zeichen, dass er die Situation und vor allem Crazy Jim richtig einschätzte. Dieser zweibeinige Büffel war genau der Typ, der nicht lange fackelte, wenn er irgend etwas haben wollte, ob das nun ein Pferd, eine Flasche Schnaps oder eine Frau war. Gewalt war für ihn immer der einzige Weg zum ZieL Ich begriff plötzlich, dass ich noch eine Menge Ärger mit ihm bekommen würde. Sally zögerte noch. Da stand der Hüne schon auf. Ich war jetzt wie Luft für ihn.

„Was ist, Sally-Schatz? Hab’ dich eingeladen. Willst mir doch keinen Korb geben, oder?“ Er grinste, aber die mitschwingende Drohung war nicht zu überhören.

Sally starrte ihn entsetzt an. Wie ein Kaninchen die Schlange! schoss es mir durch den Kopf. Sie schien zu keiner Bewegung fähig. Ich packte bereits mein Gewehr fester. Da mischte sich Frenchy ein.

„Weißt du eigentlich, dass es längst Zeit ist, Steve abzulösen, Jim? Diese Stille da oben gefällt mir nicht. Wenn der Junge nur nicht eingeschlafen ist! Das könnte verdammt unangenehm für uns ausgehen, wenn die Kerle sich wegen Callahans Ankunft irgendwas ausrechnen.“

Die Worte waren wie ein kalter Guss für Crazy Jim. Seine massigen Schultern bewegten sich. Frenchy stand lässig an der Theke. Er war schlau genug, Sally mit keinem Wort zu erwähnen. Jim atmete tief durch. Dann schnellte sein Blick von Frenchy zu Tilburn.

„Ja los, Schollenbrecher, geh rauf!“

„Ich bin doch noch gar nicht dran!“, stammelte der Hagere betroffen. „Die Reihe ist an dir, Jim.“

Er duckte sich, als Crazy Jim sich drohend voll zu ihm umdrehte. „Ja, ist gut, Jim, wir können ja tauschen, wenn du meinst.“

Er eilte zur Treppe. Der Hüne zog verächtlich die Mundwinkel herab. „Halt ja die Augen offen!“, rief er ihm nach. „Und wenn Steve schläft, dann weck’ ihn nicht! Der Junge wär’ doch nur eifersüchtig, wenn Sally-Girl mir ’n bisschen Gesellschaft leistet.“

„Ich glaub’ kaum, dass sie Lust dazu hat“, sagte ich.

„Ach, du bist ja auch noch da, Callahan! Kommt mir fast vor, als wärst du einer von denen, die ohne Verdruss nicht leben können!“

Er lachte, aber in seinen Augen glühte blanker Hass. Ich durchschaute ihn. Er war keineswegs verrückt, wie sein Name es besagte. Aber war ein Wilder. Damit meine ich, dass er kein Gesetz, kein Tabu respektierte. Seine Launen und seine Gier bestimmten sein Handeln, aber was er auch tat, tat er immer mit gerissener Überlegung. Dazu gehörte auch die Rolle des ständig lachenden, bärenstarken Draufgängers, der offenbar nichts ernst nahm.

Er grinste, als ich die Winchester auf ihn richtete.

„Nicht doch, Callahan! Du bist nicht der Typ, der einen einfach über den Haufen knallt. Das hättest du sonst gleich getan, als du die Knarre in die Hand bekommen hast. Gründe hattest du ja dafür.“

Er ließ es darauf ankommen. Er zeigte mir, dass auch er über mich Bescheid wusste. Da tauchte Tilburn wieder am oberen Treppenende auf.

„Steve ist nicht da!“ Seine aufgeregte, krächzende Stimme riss alle herum.

„Bist du besoffen, Mann?“, schrie Jim wütend.

„Er ist weg, abgehauen!“, keuchte Tilburn, mit beiden Händen fuchtelnd. „Wahrscheinlich übers Anbaudach.“

Sally stand noch so dicht neben mir, dass ich merkte, wie sie erschrocken den Atem anhielt. Unwillkürlich hob sie eine Hand an die Kehle. Dieser Steve schien ihr nicht ganz gleichgültig zu sein, registrierte ich.

„Das Pferd!“, stieß Crazy Jim im nächsten Moment hervor. „Verdammt, wohin habt ihr den Gaul gebracht?“

„Mach dir deswegen keine Sorgen, Jim“, meldete sich eine gepresste Stimme hinter mir. „Das Pferd ist noch da. Nur werd’ ich nicht warten, bis du dich damit aus dem Staub machst! Keine falsche Bewegung, Leute! Lass bloß deine Kracher stecken, Jim! Du auch, Frenchy! Und du, Fremder, bevor du dich umdrehst, leg dein Gewehr weg! Ich weiß genau, was auf dem Spiel steht Ich sag’s nur einmal: Wenn einer was versucht, drück’ ich sofort ab!“

 

*

 

Es war nicht nur das metallische Schnappen knapp hinter mir, das mich davon abhielt, etwas zu riskieren. Ich kannte diesen angespannten, schrillen Unterton, der in den Worten mitschwang. Das war die Stimme eines Mannes, der glaubt, dass er nichts mehr zu verlieren hat und zum Äußersten entschlossen ist.

„Steve!“, keuchte Sally. Sie war herumgefahren. Ich legte erst die Winchester auf den Tisch vor mir, ehe ich mich vorsichtig drehte.

Der Mann in der offenen Saloontür passte ebensowenig hierher wie Sally! Aber das war nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden. Steve Randlett war ebenfalls blutjung, höchstens, ein, zwei Jahre älter als Smiths Nichte. Kein Zweifel, dass er vor kurzem noch sein Brot als Cowboy verdient hatte. Er war der typische Mann des Sattels, schlank, sehnig, sonnengebräunt. Sein jetzt verkniffenes Gesicht war sonst sicher offen und sympathisch. Rötliche Haarbüschel lugten unter seinem Stetson hervor. Levishose und Baumwollhemd waren verblichen. Dazu trug er Texasstiefel und ein ausgefranstes Halstuch. Auf seinen Handrücken gab es Lassonarben. Jetzt hielt er allerdings kein Wurfseil, sondern einen ausgewachsenen Sechsschüsser, dessen Mündung abwechselnd mich und die übrigen Bewohner von Lonewells bedrohte.

Ein paar Sekunden lang sprach und bewegte sich keiner. Dann schnaubte Crazy Jim: „Verflucht und zugenäht! Bist du denn übergeschnappt, dass du einfach deinen Posten verlässt? Wie lang bist du da droben schon weg, du verdammter Kuhtreiber?“

„Schrei nicht so!“, versetzte der Cowboy scharf. „Ich hab’ gesagt, lass den Colt stecken, Mann! Frenchy, bleib stehen, lass die Hand oben! Glaubt ja nicht, ich bluffe nur!“ Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Sein Revolver ruckte heftig. „Abschnallen! Ihr alle! Frenchy, verdammt noch mal, du auch!“

„Darf ich vielleicht fragen, was ...“

„Einen Dreck darfst du! Tut sofort, was ich sage, sonst knallt’s!“

Der Junge war in einer ähnlichen Verfassung wie Tilburn zuvor - nur viel gefährlicher, weil er eine Waffe besaß und den Finger am Drücker hatte. Das kapierten auch die anderen. Ich hörte, wie ihre Waffengurte auf die Saloonbretter polterten. Auch ich öffnete die Schnalle und ließ den Gurt samt Peacemaker fallen.

Sallys Wangen glühten. Sie war ein Stück zur Seite gewichen und starrte den jungen Mann noch immer erschrocken an. „Steve, um Himmels willen, was ...“

„Wir verlassen die Stadt!“, unterbrach er sie hastig. „Der Buckskin ist kräftig genug, uns beide zu tragen. Ich hab’ ihn aus dem Stall geholt. Er steht gesattelt vor Jaysons Store, mit genügend Wasser und Proviant, dass wir bis nach Yucca kommen.“

Jim fluchte. Ich rief: „Moment mal! Wenn mich nicht alles täuscht, hast du eben von meinem Pferd gesprochen!“

„Red keinen Stuss, Mann!“, zischte er wütend. „Du bildest dir doch nicht etwa ein, dass der Gaul noch dir gehört, seit du mit ihm hier in Lonewells gelandet bist! Wenn ich nicht auf ihm verschwinde, tut’s ein anderer!“

Das war auch eine Art Logik. Wahrscheinlich hatten die Burschen hier alle schon einen leichten Knacks. Weiß der Kuckuck, wie ich nach zwei Wochen in diesem glutheißen Höllennest reagieren würde! Die Männer hatten Gold gefunden, der eine mehr, der andere weniger. Das allein war schon Anlass, sich gegenseitig wie Hund und Katz zu belauern. Dann noch der Verlust der Pferde und die pausenlose Gewissheit, dass auf dem Bergkamm über der „Geisterstadt“ ständig einer von den Banditen auf Beobachtungsposten hockte. Bei Steve kam außerdem noch hinzu, dass er ja nicht blind und taub war und bestimmt etwas von dem Kartenspiel von zuvor gemerkt hatte. Nun fühlte er sich doppelt verraten und verkauft. Das verstand ich. Ich hatte nur was dagegen, dass er sich auf meine Kosten revanchieren wollte.

„Als ehemaliger Cowboy müsstest du eigentlich besonders wissen, was es heißt, in dieser Teufelsgegend einem Mann sein Pferd wegzuschnappen!“, redete ich ihm ins Gewissen.

Crazy Jim hätte gewiss nur wieder gelacht Steve Randlett keuchte: „Du bekommst den verdammten Gaul zurück, Mann! Ich werd’ euch Hilfe aus Yucca herschicken, sobald ich mit Sally dort ankomme!“

„Wie nett von dir!“, höhnte Jim wütend. „Verflucht, weißt du denn überhaupt, wie weit es dorthin ist? Wenn du auch noch das Girl mitnimmst, schaffst du’s nie! Hast du etwa Angst, dass ihr hier was passiert, he?“ Er lachte dröhnend.

„Komm, Sally!“ Steve streckte eine Hand nach ihr aus. „Jedes weitere Wort ist ja doch nur Zeitverschwendung.“

Das Mädchen zögerte. Da brummte Sacramento-Smith: „Geh nur, tu, was er sagt! Ich hab’ zwar immer versucht, dich von ihm femzuhalten. Und ich glaub’ auch jetzt noch, dass dir ’n Kuhtreiber keine Zukunft bieten kann. Aber, verdammt noch mal, er ist der einzige, der’s ehrlich meint. Keiner von den anderen würde dafür sorgen, dass man uns tatsächlich hier raushaut.“

Details

Seiten
130
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931556
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497586
Schlagworte
callahan lonewells

Autor

Zurück

Titel: CALLAHAN #23: Die letzten von Lonewells