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Mord hat Hauptsaison - Krimi-Sonderedition Band 1

2019 423 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Mord hat Hauptsaison

Ich wollte, es wäre Nacht

Personenverzeichnis

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

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Archibald Duggan und der schnelle Tod

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Der Abgrund so nah

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Der Autor Horst Bosetzky

Mord hat Hauptsaison

 

 

Krimi-Sonderedition Band 1

 

 

3 Romane in einem Band

 

von Horst Bosetzky

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: unsplash und Kathrin Peschel, 2019

Korrektorat, Zusammenstellung: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Dieser Band beinhaltet folgende Krimis:

 

Ich wollte, es wäre Nacht

Archibald Duggan und der schnelle Tod

Der Abgrund so nah

 

 

***

 

 

Ich wollte, es wäre Nacht

 

 

 

Klappentext:

 

Man will es nicht glauben: Gottfried und Joana sitzen ganz schön in der Tinte, denn sie hatten sich bei dem pensionierten Beamten Dolgenbrodt eingenistet und ihm bei seinen alltäglichen Beschäftigungen geholfen. Seine Rente reichte glatt für drei Personen. Und nun liegt er tot am Fuße der Aluleiter. Das sieht verdammt nach einem Mord aus. Natürlich wird der Verdacht sofort auf sie fallen. Aber was noch schlimmer ist: Ihr Leben wie die Maden im Speck ist damit abrupt zu Ende!

Also beschließen sie, seinen Tod zu vertuschen, um weiter die Pension kassieren zu können.

Aber einen Toten am Leben zu erhalten kann schwerer sein, als einen Lebenden zu töten. Diese Erfahrung bringt beide in arge Bedrängnis – besonders wenn sich eine ältere Dame in den Kopf gesetzt hat, den pensionierten Beamten Dolgenbrodt zu heiraten …

 

 

***

 

 

Personenverzeichnis

 

Herbert Dolgenbrodt – stirbt zum völlig falschen Zeitpunkt

Joana und Gottfried Mörz – graust vor nichts mehr als vor Arbeit

Gerda Großmann –möchte eine alte Liebe neu entfachen

Hagen Plottka – unterwandert die Bürokratie mit Menschlichkeit

Verena Zietz – hilft ihm dabei, so gut sie kann

Ulli Witt und Waltraud Terletzki – leiden still vor sich hin

Krücken-Kutte, Zwiebel-Else, Mi-mi-mi, Trabbi, Pizza, Schulle mit der Ratte – kämpfen einfallsreich ums Überleben

Gisela Roggensack – ist die Schikane in Person

Thomas Hundt und Petra Zechow – agieren als dynamisches Duo der Polizei

 

 

***

 

 

1.

 

Es war ein Mittwoch im September und noch immer Sommer in Berlin. Wer Zeit und Muße hatte, Wessis, Ossis, Rentner, Hedonisten, und einen Zwanzigmarkschein in der Tasche, konnte draußen auf den nachgemachten Bistrostühlen hocken und den Ku’damm pur genießen, brauchte nicht die infrarotbeheizten Schankveranden mit ihren Filtern aus Glas.

Gottfried ließ seinen Beaujolais, Saint-Etienne-de-la-Varenne, Bonbonlange im Mund, ehe er den letzten Schluck runter in die Kehle rinnen ließ, hob das leere Glas gegen die Gedächtniskirche und sagte mit schönster Schaubühnenstimme: „Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein! / Du strahlst mir, durch die Binde meiner Augen, / Mir Glanz der tausendfachen Sonne zu! / Es wachsen Flügel mir an beiden Schultern / Durch stille Ätherräume schwingt mein Geist; / Und wie ein Schiff, vom Hauch des Winds entführt / Die muntre Hafenstadt versinken sieht / So geht mir dämmernd alles Leben unter …“

„Na, hoffentlich nicht!“, lachte Joana und prostete ihm mit ihrer eisgekühlten Coca-Cola zu. „Der Prinz von Homburg, na … Nieder mit dieser Dekadenz, es lebe die imperiale Kraft Amerikas. Coke – is it!“

Sie schwiegen, als ahnten sie, dass dies die Ouvertüre ihres nächsten Lebensabschnitts war und als solche schon die großen Themen offenbarte.

„Warum lieben wir es so, hier am Ufer des Kurfürstendamms zu hocken?“, fragte Gottfried und versuchte, die angefeuchtete Kuppe seines rechten Zeigefingers so über den Rand des Rotweinglases streichen zu lassen, dass ein durchdringend hoher Ton entstand. „Alles strömt an uns vorbei, und wir verharren im wohligen Stillstand. Nicht ganz im Stillstand, nein, aber unsere Uhren gehen doch um ein Vielfaches langsamer als die der meisten anderen …“

Joana legte ihre Hände auf die seinen. „Muss ich nun über deine Reflexion reflektieren …?“

Er beugte sich über den kleinen Tisch hinüber, dass er mit der Brust die Karaffen und Gläser verschob, und küsste sie. „Musst du.“

„Der Kurfürstendamm: Urbanität, New York, das sorgt ein jedes Mal für eine hübsche Endorphin-Ausschüttung.“

„Was ist das?“

Joana liebte das Dozieren. „Endorphin, das ist inneres, körpereigenes Morphium, das, was uns die großen Glücksgefühle schenkt: beim Orgasmus, beim Marathonlauf, beim Zocken, beim Bergsteigen – und beim Sterben …!“

„… was wir uns bitte bis zum Schluss aufheben wollen!“ Gottfried schnipste mit den Fingern. „Frau Oberin, wir hätten gerne gezahlt.“

„So schnell schon …?“ Joana sah auf die Uhr. „Ach Gott, ja, gleich fünf …!“

„Und wir müssen noch zum Heidelberger Platz, sehen ob wir die Zange für Onkel Herbert kriegen.“

Onkel Herbert war kein leiblicher Onkel, sondern ihr „Wohnungsgeber“ Herbert Dolgenbrodt, und bei der besagten Zange handelte es sich auch um keine Kneif-, Flach- oder Rohrzange, ein Werkzeug also im engeren Sinne, sondern um ein wichtiges Requisit des Berliner S-Bahn-Betriebes früherer Jahre: die Knipserzange, an jedem Bahnhofzugang von blauberockten Beamten in ihren vieleckigen hölzernen Verschlägen, den sogenannten Wannen, in der Hand gehalten, um damit in die zugereichten gelben Pappfahrkarten zwecks Entwertung den Bahnhofsnamen zu stanzen; so zum Beispiel: Ah für Anhalter Bahnhof, So für Sonnenallee oder Ni für Nikolassee. Wer über eine solche Zange verfügte, war insofern Herr über das Schicksal anderer Menschen, als er ihnen das Reisen gestatten oder aber auch schnauzend untersagen konnte. Bei vielen der Berliner Jungen hatte der majestätisch-hoheitsvolle Akt des Knipsens einen derart starken Eindruck hinterlassen, dass sie sich noch Jahrzehnte später den Besitz einer solchen Zange erträumten; so auch Herbert Dolgenbrodt, der sich anschickte, Anfang Oktober dreiundsechzig zu werden.

„Dieser Automat hier ist doch lächerlich dagegen“, sagte Joana, als sie auf dem U-Bahnhof unten ihre Sammelkarte in den Entwerterschlitz steckte und das grelle Plink vernahm. „Kein Kind wird das später mal nachspielen wollen.“

„Damit haben wir nicht nur Hunderte von Arbeitsplätzen verloren, sondern auch ein Stückchen Kultur.“

„Wenn Betriebswirte herrschen, kannst du halt nichts anderes erwarten!“

Sie fuhren S- und U-Bahn nicht nur, weil sie sich kein Auto leisten konnten oder wollten, sondern vor allem auch aus Überzeugung: Da konnten sie in aller Ruhe sitzen und schauen, lesen oder schlafen.

Schon auf der nächsten Station, Spichernstraße, verließen sie die nüchtern-moderne Linie 9 und stiegen um zur Linie 2, dem Prunkstück des Berliner U-Bahn-Netzes, prunkvoll schon lange vor der Metro in Moskau, Grundsteinlegung 1909, als die damals noch selbständige Gemeinde Wilmersdorf mal so richtig protzen wollte und dem armen Berlin zeigen, was ’ne Harke ist, aber auch deswegen so ins Monumentale geriet, um gutbetuchte Bürger in die neu entstehenden Stadtviertel zu locken. Hohenzollern-, Fehrbelliner und Breitenbachplatz: teure Natursteine mussten es sein, Muschelkalk, Granit und Marmor sogar, Riesenportale mit Adlern darauf, Stuckdecken, kunstgeschmiedete Tore und Mosaik, wo immer es ging.

Heidelberger Platz. An der pompösesten aller Stationen stiegen sie aus, fühlten sich von der U-Bahn wie in einen Rats- oder Weinkeller versetzt, wenn nicht gar in einen Dom: So gewaltig wirkte hier das Kreuzgratgewölbe, doppelt noch, mit seinen gedrungen-massigen Pfeilern, und wie ein Spielzeug erschien in dieser Kulisse ihr dottergelber Zug.

„Wir hätten gleich bis Thielplatz weiterfahren sollen“, sagte Joana. „Der von Struppe & Winkler hat vorhin angerufen, dass das Buch da ist.“

„Was’n für ’n Buch?“, fragte Gottfried.

„Dittberner: FDP-Partei der zweiten Wahl …“

„Fährst du morgen hin. Ob du nun dein Referat in diesem Semester nicht hältst oder im nächsten, kommt doch aufs selbe raus …“ Dies sagte er ohne jeden Spott und ohne jede Schärfe so nebenher, denn schon längst stand er fasziniert vor der museumsalten „Personenwaage“, die hier auf dem Bahnhof Heidelberger Platz zwei Weltkriege, eine Art Revolution, die Weltwirtschaftskrise, die Nazis, die Nachkriegsnot, die Berliner Blockade und die Beutezüge der Nostalgie-Sammler unbeschadet überstanden hatte. „Auf der wollt ich mich schon lange mal wiegen …“

„Mit Sachen an bringt das doch nichts …“

„Wenn’s weiter nichts ist …“

Und Gottfried zögerte keine Sekunde, sich sämtliche Kleidungsstücke vom Körper zu reißen und die hingestreckten Arme seiner Frau als Kleiderständer zu verwenden. Splitterfasernackt stand er dann auf dem geriffelten Tritt, steckte seine zwanzig Pfennig in den Schlitz, vernahm voller Entzücken das Rattern, Dröhnen und Rauschen im Innern des Monstrums, sah, wie sich das blitzende Gestänge hob und senkte, in Zahnräder griff, Gewichte in Bewegung setzte und zuletzt zornig rumpelnd in einen Blechkasten fuhr, den Drucker, nur damit der dann ein kleines Pappkärtchen ausspucken konnte. „77 Kilo …“

Joana schüttelte den Kopf. „Du bist und bleibst ein Kind …!“

„Na, Gott sei Dank“, erwiderte Gottfried. „Lass mich der neuen Freiheit genießen / Lass mich ein Kind sein, sei es mit!“ Währender noch darauf hinwies, dass das aus Schillers „Maria Stuart“ sei, beeilte er sich schon, wieder in Slip sowie Hemd und Hose zu schlüpfen, denn nun kam der Stationsvorsteher angestürmt, von einer Wilmersdorfer Witwe mit dem Schreckensruf in Bewegung gesetzt, dass da in seinem Revier ein Exhibitionist sein Unwesen triebe.

„Ich soll Sie wohl zur Anzeige bringen!“, schnauzte der Beamte.

Gottfried breitete die Arme aus. „Bruder, lass uns lernen, einander so anzunehmen, wie wir sind. Versuche nicht, uns Fahrgäste nach deinem Bilde umzuformen! Denn siehe: Wer die Nase hart schnäuzt, zwingt Blut heraus; und wer den Zorn reizt, zwingt Hader heraus! Salomo 30, 33 …“

Der Mann murmelte: „… wieder ’n Irrer …!“ und floh in sein Häuschen zurück.

„Nun aber los!“, mahnte Joana, und sie liefen zum Ausgang.

Oben in der Mecklenburgischen Straße wohnte Speiche, ein spindeldürrer Eisenbahnfreak, an die fünfzig schon, der Gefühlsorgasmen bekam, wenn er die 01 x 100, eine der wenigen betriebsfähigen Lokomotiven der Deutschen Bundesbahn, einmal streicheln durfte. Bei dem nun hatte sich Herbert Dolgenbrodt schon vor Langem eine alte Knipserzange bestellt, wenn irgend möglich sogar noch mit der Kennung Fh (Frohnau), seinem Heimatbahnhof“. Nun endlich hatte Speiche sie im „Fahrgastforum Beusselstraße“ einem anderen Fan abtauschen können, und da die veranschlagten 570 DM schon auf sein Konto überwiesen worden waren, stand der feierlichen Übergabe nichts mehr im Wege.

„Da kommta ja endlich anjedampft!“, rief Speiche, im Hauptberuf Vervielfältiger beim Senator für Inneres. „Ewije Studenten und nie Zeit ham …! Wie jet det’en Herberten nach seine Pensionierung? Kanna wieda bessa loofen …?“

„Nein, eigentlich nicht. Er geht selten raus, und wenn er das Haus verlässt, dann nur mit einer Gehstütze aus Stahl.“

„Na, zum Jlück hatta euch beede ja. Ihr habt euch ja ooch jesucht und jefunden!“ Speiche schlug Gottfried so gewaltig auf die Schulter, dass der eine halbe Stunde lang Rückenschmerzen hatte.“Könnta ja noch ’n Weilchen studieren … Langer Rede, kurza Sinn: Hier habta die Zange, und im Winta, wenn ick mein Boot einjemottet habe, komm ick ma selba raus.“

Damit waren sie entlassen und machten sich mit dem inzwischen gut eingewickelten Geburtstagsgeschenk auf den Weg zur nahebei gelegenen Haltestelle des 6ers, um mit dem Bus schnell zum Bahnhof Schöneberg zu fahren, von wo die S-Bahnlinie 1, der pinkfarbene Strich im Streckennetz, nach Norden führte, in 40 Minuten hinauf nach Frohnau.

19 Uhr 13. Von Friedenau her schob der Zug, inzwischen über fünfzig Jahre alt, aber im vorletzten Jahre noch einmal kräftig geliftet, mit abschwellendem Fahrgeräusch sein kantiges Nietengesicht dicht an der Bahnsteigkante entlang, das trübe Khaki zum Sandgelb aufgehellt und rot wie ein Rubin nun das alte Ochsenblut, und sie ließen sich auf die angenehm geschwungenen Holzbänke fallen.

Als sie anfuhren, machte Gottfried nach, wie die Motoren aufbrummten, erst dumpf, dann immer heller wurden. „Ööööhhh …“

Keiner drehte sich um. Das war das Schöne an Berlin, wie beide fanden.

„Mythos S-Bahn“, sagte Joana. „Hat denn der RIAS schon was verlauten lassen …? Von deinem Hörspiel, mein ich …“

Gottfried kratzte am Schildchen „Nicht hinauslehnen“ herum. „Sie haben es weder gut noch schlecht gefunden. Keine Zeile von ihnen …“

„Das ist doch aber ’ne Unverschämtheit!“, erregte sich Joana.

„Wieso …?“

„Dass man ’nem jungen Autor nicht mal ’n paar Zeilen schreibt.“

„Konnten sie doch gar nicht“, wandte Gottfried ein.

„Wieso konnten sie nicht?“

„Weil ich’s noch gar nicht abgeschickt habe, Feigling ich …“ Fr verbarg sein Gesicht hinter dem Kragen seiner Jeansjacke. „Solange ich ein Manuskript noch zu Hause liegen habe, bin ich der Größte, voller Hoffnung, voller Zuversicht … Und das ist doch ein herrlicher Zustand, oder? Schick ich’s aber weg, kommt es zurück, und ich stürze in ein Schwarzes Loch hinab.“ Dieses Bild kam ihm wohl, weil sie gerade in den legendären Nord-Süd-Tunnel hinunterglitten. „Was ist nun klüger? Liegen lassen natürlich, denn: Schön ist die Welt doch immer nur als Vorstellung … Aua, aua – Schopenhauer!

„S-Bahn ist doch immer wieder ’n schönes Thema, und die Idee, dass sich einer den berühmten S-Bahn-Mörder von damals zum Vorbild nimmt, die ist doch prima, das Nebeneinander der beiden Ebenen …“

Iglu-weiß und in gletscherschimmerndem Türkis die Pfeiler, so hatten sie den Anhalter Bahnhof, das heißt: die unterirdische S-Bahn-Anlage, wieder instand zu setzen gewusst, einschließlich des Stationsnamens an den Wänden in schwarzer Nazi-Fraktur; eröffnet worden war ja nun mal im Jahre 1939.

Gottfried lenkte vom Thema ab, indem er ihr erklärte, dass sie gerade eben die am Ende des Kriegswahnsinns gesprengte Unterführung des Landwehrkanals passiert hätten („Der ganze Tunnel voller Wasser, viele ertrunken; siehe Wolfgang Staudtes Rotation …“), kehrte aber im selben Atemzug auch wieder zum Thema seiner Schreibsucht zurück: „Hier oben hab ich mal bei Siemens angefangen. Und nur davon geträumt, den Schreibtisch mal mit ’ner Schreibmaschine zu vertauschen …“

„Du bist doch auch ’n großes Talent, und solange die Symbiose mit Onkel Herbert noch hält, hast du ja Zeit für deinen großen Roman …“ Joana, die neben ihm saß, rückte ihm die Nickelbrille gerade und küsste ihn zärtlich. „Ein bisschen siehst du aus wie Dschingis-Khan und ein bisschen wie Rilke – das muss doch was geben!“

„Na, du erst: halb Rita Süssmuth, halb Sophia Loren!“ Er küsste zurück.

„Warte mal ab!“

„Sag ich ja immer: Warten ist alles, am Ziel sein ist nichts!“

Das Vier-Wagen-Züglein mühte sich weiter, stieß furchtlos in den ungepflegten Stollen hinab, um – bis auf den Potsdamer Platz – alle diejenigen Stationen in der Ehemals-DDR anzufahren, die vor Kurzem noch als sogenannte Geisterbahnhöfe gottverlassen dagelegen hatten, von Friedrichstraße abgesehen, dem Grenzübergang, um sich dann am unsprengbaren Bunker im Humboldthain mit lautem Hupton am Tageslicht zurückzumelden.

„Schön gruselig ist es hier …“ Joana schüttelte sich. „Und das erst im Kriege, als sie alles total verdunkelt hatten. So der richtige Tatort für den S-Bahn-Mörder: mit ’nem Bleikabel auf die Frauen los und sie dann aus’m Zug gestoßen …“

„Das war nicht hier“, belehrte Gottfried sie. „Das war doch auf der Strecke nach Erkner, so zwischen Karlshorst und Köpenick. Hier aber, nächste Station, Gesundbrunnen, wäre unser lieber Onkel Herbert beinahe Opfer geworden …“

„Des S-Bahn-Mörders doch nicht …?“

„Nein, der schnell schließenden Tür. Vor vierzig Jahren, ’n junger Spund ist er noch gewesen, kommt er mit seinem Verein vom Fußballspiel zurück, ziemlich besoffen, weil sie wieder mal gesiegt hatten … Hat er dir die Geschichte nie erzählt?“

„Nein.“

„Na, kein Wunder. Muss er dringend pinkeln, das viele Bier, will aber nicht aussteigen und die Mannschaft verlassen, reißt er also die Tür auf der vom Bahnsteig abgewandten Seite auf … Ein wahrer Wasserfall, es nimmt kein Ende mehr. Da knallen die Türen plötzlich zu. Abfahren! Und er wird eingeklemmt: rechte Hand und Pimmel.“

„Gott, darum hat er also keine Kinder!“

„Weiß ich nicht. Lag wohl eher an seiner Frau, der lieben, die partout keine wollte.“

„Die hat dann ’71 das Zeitliche gesegnet …?“

„Ja. ‚Heißa, rief da Sauerbrod, heißa, meine Frau ist tot!‘ Aber statt nun auf lustigen Witwer zu machen, ist er eher ’n Sonderling geworden, ’n Einzelgänger. Kam das mit der steifen Hüfte dazu.“

„Wär’s nicht so gekommen, hätten wir uns kaum bei ihm einnisten können“, hob Joana hervor.

Gottfried wurde plakativ. „Mit null Bock und hohen Mieten wirste schnell zum Parasiten!“

Joana hatte in der BZ ihres Gegenübers mitgelesen. „Heute Abend gibt’s ’n Film mit Bud Spencer …“

„Bad Segeberg wäre mir lieber: Karl May mit Winnetou, Winnethree, Winnefour und den andern Apalachen …“

19 Uhr 55 war es geworden, und sie hatten nicht mehr als zwei Minuten Verspätung.

„Sei froh now“, sagte Gottfried. „Laufen wir nach Hause.“

Trotz des lieblichen Herbstabends war es in der Gartenstadt, zu Beginn des Jahrhunderts vom Fürsten Donnersmarck als Reißbrettarbeit in Auftrag gegeben, so still und einsam, dass Joana erschrak. „… als hätten sie gerade ’ne Neutronenbombe …“

„Der Eremit gern hierherzieht …“, sagte Gottfried.

Inzwischen wurden sie aber auch schon von etlichen Hunden verbellt, und aus einer Ballettschule drang ein monotones Plimmplimm auf die Straße hinaus.

Zum Franziskanerweg waren es knappe zehn Minuten, vorbei an stattlichen Landhäusern und Villen, schließlich war man von Senatens Seite gerade mit dem Prädikat gesegnet worden, als bevorzugte Wohnlage zu gelten, aber auch übler Pappkartonschrott dabei, auf kleinen Hammergrundstücken, und steingewordener Kuharschgeschmack von Architekten, die ohne jedes Gefühl für die alte Mark Brandenburg waren und das, was in ihren Orten möglich war, dies hier für Los Angeles oder Hamburg-Wellingsbüttel hielten.

Herbert Dolgenbrodts Haus dagegen, aus handgeformten Ziegelsteinen in einen Sandhügel gebaut und weiß gestrichen, passte zu den Kiefern und den Birken, die es reichlich rahmten, stand im hinteren Teil eines langgestreckten Grundstücks von zwölfhundert Quadratmetern Größe, das weithin naturbelassen war, Park und Wald, Dschungel fast, etwas für Dornröschen.

Vom schwarzen Eisenzaun an der Straße hatten sie über einen ziemlich zugewachsenen Weg an die vierzig Meter zu laufen, ehe sie die Haustür erreichten, aufgehalten noch von einer Grube und aufgeworfenem Sand; der Hinterlassenschaft ihres Klempnermeisters.

Man betrat das Haus quasi durch den Keller, denn den eigentlichen Eingang, auf der straßenabgewandten Seite gelegen, konnte man nicht mehr benutzen, seit Dolgenbrodt dort einen Anbau hatte hochmauern lassen.

Gottfried schloss auf und sagte, dass man die Knipserzange erst einmal verstecken sollte, „… wir sagen, wir hätten sie noch nicht gekriegt, dann ist am Geburtstag wenigstens noch ’ne gewisse Überraschung da …“ Sodann, kaum in den Vorraum eingetreten, schrie er ein so kräftiges „Halloooo!“ nach oben, als gelte es, einen mehrere hundert Meter höher gekletterten Bergsteigerkollegen zu grüßen.

Doch das Echo blieb aus.

„Wird er wieder vorm Fernseher hocken und eingeschlafen sein“, meinte Joana und versteckte die Knipserzange unter alten Schals im Kleiderschrank.

Gottfried stieg die schmale Treppe hinauf, die viel zu steil war für Dolgenbrodt und seine steife Hüfte, doch er hatte Jahr für Jahr den Umbau gescheut: zu viel Lärm und zu viel Dreck. Und außerdem erinnert mich das immer an Holland; da bin ich doch als junger Mensch so gerne gewesen.

„Herr Dolgenbrodt, hallo …!“ Nur intern war er ihr Onkel Herbert, dies auch seiner Ähnlichkeit mit dem barschen Grunzer Herbert Wehner wegen, offiziell aber war es stets beim Sie geblieben. „Wir sind wieder da.“

Wieder keine Antwort.

„Er scheint doch weggegangen zu sein“, rief Gottfried nach unten.

Joana kam nun ebenfalls nach oben in die Diele. „Ach, war er doch schon seit Wochen nicht mehr. Das ist ja ’ne richtige Phobie bei ihm geworden, vor Straßen und Plätzen …“

Sie machten sich daran, in Bad, Küche und Esszimmer nach ihm zu suchen.

„Nichts …“

„Sitzt er sicher wieder ganz versunken bei sich im Museum drin …“ So Gottfrieds Vermutung.

Als Museum bezeichneten sie vom Tage ihres Einzugs an, fünf Jahre waren es nun bald, Dolgenbrodts Anbau, an der Rückfront des alten und ererbten Hauses, Baujahr 1938, auf die Kuppe des Hügels gesetzt und von ihm anfangs auch durchaus, wie dem Finanzamt annonciert, als Arbeitszimmer genutzt, nach und nach aber immer mehr zur Sammelstelle seines Altberliner Trödelkrams geworden, von zerschlissenen Straßenbahnsitzen bis hin zum echten Leierkasten. Von diesem Raum, immerhin an die 38 Quadratmeter groß, konnte man mithilfe einer zumeist eingezogenen Aluminiumleiter ins „Archiv“ hochklettern, in die geräumige Dachschräge, wo ein Besucherbett stand und sich neben alten Zeitungen, Magazinen, Speisekarten, Programmheften und dergleichen in langen Regalen alles an Briefen und Postkarten fand, die die Dolgenbrodts seit der Inbesitznahme dieses Hauses je erhalten hatten.

Die Tür zu Museum und Archiv war eingeklinkt, und Joana klopfte leise an, denn Onkel Herbert, immer cholerischer, je älter er wurde, konnte furchtbar los toben, wenn man ihn durch unverhofftes Eintreten erschreckte und zusammenfahren ließ.

Erst als sich auch jetzt nichts rührte, zog sie die Tür, als ehemaliger Eingang richtig schwere Eiche, vorsichtig auf und fragte noch einmal tastend: „Herr Dolgenbrodt …“

Wieder nichts, sodass Gottfried, der kurz hinter ihr war, nun draußen auf der Diele einen uralten elektrischen Schalter herumdrehte und damit die Neonleuchte im Türrahmen oben, die beide Räume ausreichend erhellte, zum Aufflammen brachte.

Sie fuhren zurück, denn Herbert Dolgenbrodt lag gleichermaßen zusammengekrümmt wie hingestreckt am Fuße seiner Aluleiter, und man brauchte nicht studierter Mediziner zu sein, um zu erkennen, dass hier nichts mehr zu machen war.

„… ermordet …!“, stieß Joana hervor.

 

 

2.

 

Hagen Plottka wälzte sich grunzend herum und ging mit einem kleinen Aufschrei über Bord, fiel aber nicht, wie in Traum und Halbschlaf erhofft, in champagnergleich aufspritzendes Mittelmeerwasser, sondern knallte mit Kopf und Becken auf harten Beton, fuhr hoch und erschrak nun erst recht, denn der gespenstergrün strahlende Radiowecker auf einem Schränkchen hoch über ihm zeigte statt der Zeit ein Datum an: 7.5.55

Das war genau ein Jahr vor seiner Geburt, und sein Organismus reagierte auf diese Nachricht mit Herzrasen, Schweißausbruch und Atemnot.

7.5.56

Einleitung der Geburt, Abgang des Fruchtwassers. Er flutschte ins Leben hinaus und schrie aus Leibeskräften, als man ihn abzunabeln begann.

Er sprang auf, stieß sich den Kopf an einer tiefhängenden Lampe, sah, wie durch ein schwervergittertes Fenster, hinten, oben, an der Decke, verstaubte Sonnenstrahlen nach ihm suchten, und glaubte plötzlich ganz genau zu wissen, wo er war: in einer Zelle!

Justizvollzugsanstalt Moabit, U-Haft.

„Wie auch anders …“

Draußen kicherten mehrere Frauen. Wie das, im Männerknast? Er stürzte zum Fenster, blinzelte nach oben und konnte zwei mallorcabraune Beine hochverfolgen bis zum schön geblümten Slip. Fast hätte er an ein Arbeitstreffen von Psychologinnen mit Sozialarbeitern und weiblichen Anstaltsbeiräten geglaubt, wenn da nicht auch … Ein gelber Doppeldeckerbus der Linie 22 dröhnte schwer wie eine Diesellok vorbei, ließ alles vibrieren. Vorschulkinder spielten Einkriegezeck. Zwei kloßdicke Rentnerinnen ließen ihre Dackel gesetzeswidrig auf den Bürgersteig kacken.

Da machte es bei Hagen Plottka endlich klick. Nicht in einer Zelle war er hier, sondern im Keller seiner Lieblingskneipe, Gerhards Gruft. War er also wieder voll gewesen, total, und der liebe Gerhard hatte ihn bei Ladenschluss hier unten abgelegt, war dann mit seiner neuen Tussi nach Hause abgebraust.

Der Wecker zeigte nun 7.59, und als er in der nächsten Sekunde auf 8.00 sprang, hatte Plottka auch begriffen, dass er eben mit seinen verquollenen Augen und seinem verkaterten Hirn bei 7.55 und 7.56 die eine Fünf doppelt wahrgenommen haben musste. Daher also das Datum seiner Geburt.

Schrecklich! Er machte Licht und besah sich in einem Sperrmüllspiegel.

Wie der Kohlenklau auf den alten Zweite-Weltkrieg-Plakaten. Stoppelhaar und unrasiert, ein Pflaster am Kinn, eine Gaunervisage.

„Ein Schwein bist du …!“ Er klopfte sich auf seinen Wahnsinnsbauch und fand, dass er langsam alle Chancen hatte, bei den Fatboys mitzumachen, „… der letzte Arsch!“

Es stank furchtbar nach ausgeschwitztem Bier.

„Plottka, du Penner!“

Ohne sich irgendwie zu waschen („Fällt ja doch nicht auf …!“) oder nach einer Rasiergelegenheit zu suchen, zog er Jeanshose und –jacke über seine schmuddelig weiße Unterwäsche, hievte sich stöhnend am Treppengeländer zur Schankstube hinauf und zapfte sich ein Bier. Zigaretten hatte er selber, zwei Buletten lagen auch noch herum; welch ein Frühstück wieder einmal!

Gerhard, der Engel der, hatte auf einen Bierdeckel „Vergiss nicht abzuschließen!“ geschrieben und den Schlüssel durch den Filz gepiekt. Plottka suchte nach einem Kugelschreiber, quittierte das mit einem dicken „Danke!“ und verließ dann Gerhards Gruft in Richtung S-Bahn, schnürte immer am Rande des Märkischen Viertels entlang, bis er vor einem Imbissstand, die Bierpullen zur Begrüßung geschwenkt, Krücken-Kutte neben Zwiebel-Else entdeckte. Umarmungen, Wange an Wange gepresst.

„Schlürfste ooch noch eene mit?“

„Aba nur weil ihr’t seid …“ Plottka machte Frieda drinnen ein Zeichen, indem er drei Finger hob, ließ zugleich Münzen in ausreichender Menge auf dem abgegriffenen Zahlteller tanzen, nahm die eine Krücke seines Freundes Kurt und zielte damit auf die Elster dichte bei im Baum, die nach irgendeiner Beute gierte. „Peng!“

Frieda musste, ehe sie das Bier herausreichen konnte, erst einige Kästen umstapeln, und Zwiebel-Else nutzte die Chance, ihr einen Riegel Lila Pause zu klauen, ließ ihn schnell in einer ihrer aufgebauschten Plastiktüten verschwinden.

„Wohin willste’n umziehen?“, fragte Plottka mit Blick auf ihr gesamtes Hab und Gut.

„Heut Abend nach Lodz, bis zum letzten Zug lassen sie einen da ja sitzen. Dann weeß ick nich … Irgendwo Platte machen.“

„Ick jeh arbeeten jetze“, erklärte Krücken-Kutte. „Mal sehn, wat abfällt dabei …“ Wollte sich zum Betteln vor der Deutschen Bank am Ku’damm niederlassen.

Das Bier kam, und sie stießen an. Gleich gegenüber befand sich eine Bushaltestelle, und Plottka verfolgte mit Spannung die Versuche einiger jüngerer Leute, die vorbeihuschenden Autofahrer derart anzumachen, dass sie anhielten und sie einsteigen ließen. Die Mädchen zumeist in Sexy-Pose, wenn auch leicht ins Lächerliche gewendet, die Knaben, indem sie auf lieb und harmlos machten und sich als Partner für intelligente Gespräche anboten, beispielsweise Computerhefte schwenkten. Offenbar waren ein, zwei Busse ausgefallen.

Plottka setzte seine leer gezischte Flasche ab und lachte. „Mal testen, wat ick für Chancen habe … Tschüs!“ Schon hatte er sich unter die Schar der Anhalter gemischt.

Und siehe da, nach knappen fünf Minuten hielt der Lieferwagen eines Baustoffhändlers neben ihm, und der Fahrer beugte sich nach draußen. „Wo willste’n hin?“

„Zum Sozialamt, Farchanter Straße …“

„Dacht ick mir doch!“ Der Mann, stellte sich heraus, kam aus einer WG, Kreuzberg, Skalitzer Straße, klärte Plottka über die schändliche Politik von IWF und Weltbank auf, dass die das Elend in der Dritten Welt verursachen täten, und auch er die verdammte Pflicht und Schuldigkeit hätte, bei den Demos dagegen wirksam mitzumachen.

„Da trägste bei mir offne Türen nach Athen“, lachte Plottka und zeigte sich an Ort und Stunde äußerst interessiert.

Es war 9 Uhr 11, als der nette Agitator ihn direkt vorm Sozialamt aussteigen ließ, einem zur Abrissreife gealterten Backsteinbau aus Kaiser-Wilhelm-Zeiten, Gesindehaus eines verlorengegangenen Gutes, zur Außenstelle geworden, als in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre die Zahl der Berliner Sozialhilfeempfänger auf 170000 angestiegen war, die neue Armut jeden zwanzigsten Bürger der sogenannten freien Welt zum „Klienten“ werden ließ.

Plottka stieg ein paar Stufen hinauf, drückte die schlichte Holztür nach innen und kam in einen schlecht beleuchteten Flur, auf dessen Holzbänken schon so viele Leute hockten, dass er unwillkürlich stehen blieb. Auf dem Boden standen leere Coca-Dosen, die als Aschenbecher dienten und aus denen der Rauch herausquoll wie aus kleinen Vulkanen, hochzog zu den handgemalten Schildern „Rauchen nicht gestattet!“. Schlecht gezielte Kippen hatten schwarzumrandete Löcher in den flaschengrünen Linoleumboden gebrannt, der an einigen Stellen so aufgeworfen war, dass er Plottka des Öfteren an Landschaftsformen denken ließ, zum Beispiel an die Holsteinische Schweiz. Die durchgetretenen Stellen hatten zufälligerweise auch Form und Größe des Plöner und Eutiner Sees, nur der Dieksee war zu klein geraten. Er sah in den eigentlichen Warteraum hinein, aber da lehnten sie schon an den Wänden. Mi-mi-mi, der Stotterer, tigerte wie ein eingesperrtes Tier zwischen Kellertreppe und Warteraum umher und machte auch den Ruhigsten nervös. Ein türkisches Baby protestierte gegen diese Welt bis fast hin zum pseudokruppschen Husten. Auf der Treppe zur oberen Etage hockten junge Türken und redeten ganz offensichtlich über den Fußball in Berlin, denn öfter hörte er das Wort „Türkiyemspor“, den Namen des Vereins, der ihre ganze Hoffnung war. Nichts dagegen verstand er von dem, was die Deutschen polnischer Zunge an der Tür zum Chefzimmer hinten zu schimpfen hatten. Trabbi, klein wie Norbert Blüm und zumindest ebenso umtriebig, saß lauernd hinter seiner Morgenpost getarnt. Auch Pizza war schon da, kein Italiener, sondern nur so genannt wegen der teils aufgeplatzten Eiterpickel im Gesicht, und schlug sich mit geballten Fäusten immer wieder rhythmisch auf die Oberschenkel.

Plottka nickte ihnen zu, zählte insgesamt 26 wartende Bürger, davon mindestens 10 Ausländer und gut die Hälfte unter 30 Jahre alt.

Nachdem er das erledigt hatte, riss er an der ersten Tür, drückte die Klinke mit Karacho nach unten, warf sich schließlich mit all seiner Masse gegen das Holz.

„Mann, mach keenen Terror hier!“, rief eine Frau mittleren Alters, die sich bislang ganz ruhig auf ihren Strickstrumpf konzentriert hatte. „Zieh dir ooch ’ne Nummer!“

„Die zieh ick mir nie, die mach ick!“, sagte Plottka und löste damit Lachstürme aus, zumal er nun ins Zimmer der bekanntermaßen sehr attraktiven Gruppenleiterin stürmte.

„StOI Plottka meldet sich zur Stelle und bedauert seine geringfügige Verspätung zutiefst: Dringender Fall von Selbstverwirklichung hat wieder einmal angelegen.“

Verena Zietz lehnte sich zurück und musterte ihn. „StOI heißt ja wohl nicht nur Stadt-Oberinspektor, sondern – auf Russisch – meines Wissens auch so viel wie: Halt, Stopp! Wenn ich dich so sehe, dann möchte ich dir das doch schon mal ganz leise zurufen, lieber Hagen … Deine Anpassung an unsere Klienten ist vielleicht doch schon ein wenig zu weitgehend …“

„Du, so kann ich wirklich am besten mit ihnen!“, rief Plottka mit aller Emphase, die er aufbringen konnte. „Ich hab nur leider heute Morgen nicht mehr gewusst, wo ich gestern Abend meinen Wagen abgestellt hatte …“

Verena, vom geradezu idyllischen Amt für Bürgersorgen vor nicht allzu langer Zeit hierher befördert worden, verhinderte Verhaltensforscherin, Zoologin und so weiter, sah auf ihr mitgebrachtes Aquarium hinüber. „Wenn’s mir um meine Fische nicht zu leid täte, würd ich dich mit dem Kopf da reinstecken und …“

„Gerne, solange du keine Piranhas drin hast. Aber gib mir vorher bitte noch den Ersatzschlüssel fürs Zimmer nebenan; meinen hab ich irgendwie zu Hause liegen lassen …“

Plottka machte eine artige Verbeugung in Richtung Vorgesetzte, bat noch einmal darum, dass ihm die kleine Kernzeitverletzung doch bitte gütigst vergeben werde, und trat dann wieder auf den Flur hinaus, konnte aber vor Aufnahme seiner Dienstgeschäfte nicht umhin, noch den beiden Kollegen im Zimmer 2 ein fröhlich rituelles „Guten Morgen!“ zuzurufen: Ulli Witt und Waltraud Terletzki.

Als er Witt erblickte, verspürte er sofort wieder die anfallartige Angst vor gewissen Formen des Delirium tremens: Das konnte doch nicht sein, dass der …! Ein Traumgespinst, eine Halluzination, die kleinen grauen Zellen aufgefressen … Denn da, wo der jetzt saß, auf dem schönen Platz am Fenster, hatte jahrelang die Roggensack gehockt, die Gisela. Zuletzt ein mehr als problematischer Fall. Von einer faszinierenden Frau zur wahren Furie geworden. Hatte nun gekündigt, alles hingeschmissen. Gestern war ihr letzter Tag gewesen, und er hatte noch immer das Bild vor Augen, wie sie dabei war, dem armen Ulli Witt zu zeigen, was hier Sache war, einen schon ganz klein gewordenen Punker fürchterlich zusammenschiss, weil der nicht ordnungsgemäß auf dem angesagten Friedhof angetreten war, um seinem Staate beim Gräberschaufeln und anderen gemeinnützigen Arbeiten zu helfen. Sie war fürchterlich im Brast gewesen, hatte den Kollegen genauso angefaucht wie den buntgefärbten Antragsteller. „Natürlich gibt es bei der ‚Pflicht zur Arbeit‘ ’ne Rechtsgrundlage, und zwar ist das der § 25 des BSHG: ‚Wer sich weigert, zumutbare Arbeit zu leisten, hat keinen Anspruch auf Hilfe zum Lebensunterhalt…‘„ Am liebsten, so war es Plottka vorgekommen, hätte sie dem anderen auch noch eine runtergehauen. Er hatte noch immer ihre Stimme im Ohr, vorgestern beim total misslungenen Ausstand in Gerhards Gruft: „Ich hasse dieses Scheißsozialamt, ich hasse euch alle! Jahrelang mein Leben vergeudet mit euch.“

Plottka riss sich wieder ins Hier und Heute zurück.

Die verbliebene Kollegin im Zimmer, die Waltraud Terletzki, wie der Ulli Witt um die vierzig herum, pfannikloßdick und immer wieder mit dem Titel „Miss Phlegma“ ausgezeichnet, hatte bei den Ausbrüchen der Roggensack nur still vor sich hin leiden können, war im Augenblick gerade damit beschäftigt, einer jungen Türkin das Prinzip „Erst fragen, dann kaufen“ mit Gestenhilfe zu erklären. „Schulden übernehmen wir grundsätzlich nicht!“

Derart eingestimmt, konnte er nun selber mit der Arbeit beginnen, natürlich nicht, ohne seine Klienten vorher noch ein wenig um Geduld und Verständnis gebeten zu haben. „Kinder, ich muss mir erst mal aus’m Keller Wasser holen und meine Kaffeemaschine anwerfen.“

Nur Trabbi protestierte. „Über fünfzehn Minuten schon von der Kernzeit vergangen, und noch immer keinen Handschlag getan …! Ich sage nur eins: Dienstaufsichtsbeschwerde!“

Pizza trat ihm so heftig gegen die Kniescheibe, dass der Reflex seine helle Freude daran hatte. „Weeßte nich, det det Selbstmord is, äh!?“

Plottka grinste und wollte seinen Weg fortsetzen, ebenso un- wie doch gerührt, Mi-mi-mi kam aber, Michael Minzel, um ihm die Plastikkanne abzunehmen. „La-la-lassen Sie mi-mi-mich das ma- ma-machen.“

„Schleimer!“, sagte Pizza, da ganz der große Autonome, ließ den andern aber ziehen.

So konnte sich Hagen Plottka nun endlich hinter seinen Schreibtisch zwängen und die erste Nummer in Flur und Warteraum rufen.

Eine Neu-Berlinerin mit schwäbischem Akzent, geboren in, wie sich später herausstellen sollte, Fellbach bei Stuttgart, erschien, ihr fünf Monate altes Büble frisch gewickelt im Arm, und sagte, dass sie nicht mehr aus und ein wisse, seit ihr Mann an Krebs gestorben sei, denn a) habe sie das Kind und b) sei sie zu 60 Prozent körperbehindert, könne also keinesfalls einer geregelten Tätigkeit nachgehen. Plottka griff zum ersten Formular und nahm die Daten auf, überschlug dann alles und sagte ihr, dass sie, da die Rente mit der Sozialhilfe verrechnet werde, mit etwa 640 Mark rechnen könne. „Regelsatz für den Haushaltungsvorstand und Regelsatz für das Kind, plus Mehrbedarf, den Sie als Alleinerziehende mit einem Kind unter sieben Jahren bekommen … Ihre Miete übernehmen wir natürlich auch, 300 Mark, zuzüglich der Heizkosten …“

„Danke…“ sagte die junge Frau und: „Ich könnte Sie umarmen!“

Die laufende Nummer 2 hingegen, ein arbeitsloser Trucker, dem der Führerschein entzogen worden war, hätte ihm am liebsten in den Arsch getreten, als er Bargeld für einen neuen Wintermantel haben wollte, stattdessen aber nur einen Wertgutschein bekam. „Ich weiß doch, dass du säufst wie ’n Loch. Eh du bei C&A angekommen wärst, hättste doch schon die ersten hundert Mark versoffen und die zweiten in’n Puff getragen, Mann!“

Die Nummer 3, Schulabgänger ohne Chance und Bock auf eine Lehre, war Legastheniker, und Plottka brauchte eine gute Viertelstunde, um mit ihm zusammen das Formular Soz 3016/10.85 mit Kreuzchen und Daten zu füllen, den Antrag zur Weiterzahlung der HL (Hilfe zum Lebensunterhalt).

Dann kam Schulle mit der Ratte, in seiner Lederrüstung ganz Ivanhoe der Schwarze Ritter, und ließ das liebe Tierchen zu Plottkas Ekel und Entsetzen an seinem blonden Pferdeschwanz schaukeln. Ging dabei leicht in die Hocke, und Plottka hatte schon Angst, dass er ihm nun aus lauter Protest ins Zimmer kacken würde, doch es folgte nur ein Sprung, ein Abheben direkt in die Höhe, um wirksamer auf den hölzernen Besucherstuhl herunterkrachen zu können; wohl in der Absicht, den in vier bis fünf Einzelteile zu zerlegen. Doch das Sperrmüllmöbel hielt.

Plottkas Warnlämpchen aber blieben eingeschaltet, denn Schulles rechte Hand war in die Hosentasche gefahren. Kam sie gleich mit einem Schlagring hervor, ließ sie ein Messer aufschnappen? Roheitsdelikte waren schließlich sein Hobby, und erst am Dienstag hatte er hier furchtbar rumgetobt und Rache geschworen.

Klar zum Gefecht! Plottka zog seine eine Schublade auf, die rechts in der Mitte, wo Gummiknüppel und Tränengassprüher griffbereit lagen, setzte auch die Spitze seines linken Fußes auf den Bodenschalter, der nur so aussah, als könnte man mit ihm die zusätzliche Tischlampe anknipsen, in Wahrheit aber ein Alarmknopf war.

Überraschenderweise aber gab sich Schulle mit der Ratte diesmal sehr bürgerlich und demütig. „Ich bin all hier erst kurze Zeit / Und komme voll Ergebenheit / Einen Mann zu sprechen und zu kennen / Den alle mir mit Ehrfurcht nennen.“ Um dann, als Plottkas Staunen gar kein Ende nehmen wollte, noch hinzuzufügen: „Faust im Mund ist besser als Faust auf’m Tisch!“

Plottka blätterte in der schnell gezogenen Akte und stellte fest, dass sein Klient 1981 das Abitur mit einem Schnitt von 1,9 gemacht hatte, um dann nacheinander als Designer, Schauspieler, Rockmusiker, Fischwarenhändler, Fahrradverleiher und Steinsetzer zu scheitern. Ganz der Typ des neuen Klienten, der ihnen schwer zu schaffen machte. Kein pflegeleichter Rentner, sondern einer, der seine Rechte kannte, viel Beratung brauchte und Ablehnungen nicht mehr klaglos akzeptierte, sondern lieber mal Rabatz machte.

„… also Ärger mit der Roggensack gehabt …?“ Ganz vorsichtig begann Plottka die Partie zu eröffnen. Sehr untertrieben war das natürlich, denn Schulle hatte ihr gedroht, sie zu ermorden, wenn sie ihm weiter Schwierigkeiten machen würde. Dies nicht laut gebrüllt, sondern Stunden nach seinem Besuch am Telefon verkündet. Die Roggensack hatte es jedenfalls ihm und der Terletzki so berichtet.

„Es geht um meinen neuen Wintermantel. Ich hab doch selbst Ihre Verwaltungsvorschriften in der Hand gehabt und weiß, was Sache ist: Nach fünf Jahren haben Männer Anspruch auf ’nen neuen! Und was macht die Roggensack, anstatt mir einen zu bewilligen? Sie schickt mir den Prüfdienst nach Hause und lässt den bei mir im Schrank rumwühlen …! Warum denn das?“

„… kann ich sie leider nicht mehr fragen, weil sie weg ist: Erst noch ’n paar Tage Resturlaub, dann geht sie als Reiseleiterin nach Kenia. Vielleicht findet sie da irgendeinen TUI-Macker zum Vögeln. Eine neue Liebe ist ja wie ein neues Leben …“

„Krieg ich nun den Mantel – oder krieg ich ihn nicht …!?“

Das klang schon wieder ganz nach Drohung, aber so versteckt, dass bei Plottka nicht die Alarmglocken schrillten, sondern ein viel subtileres Gefühl Besitz von ihm ergriff: A faint cold fear thrills through my veins. Und so suchte er zunächst Zeit zu gewinnen. „In der Anlage Soz 3019/11.82 ist aber nur von einer durchschnittlichen Gebrauchsdauer die Rede, das heißt, dass ein Mantel auch sechs, sieben oder acht Jahre halten kann. Da muss ich erst mal mit Ihrer Sozialarbeiterin sprechen. Wenn Sie bitte draußen Platz nehmen würden …“

Schulle mit der Ratte strich zwar wortlos ab, grinste aber derart maliziös, dass Plottka ganz genau wusste: Da ist doch noch was.

Dennoch griff er sofort zum Telefon, fand aber die Dame besetzt, ging auf den Flur hinaus, um Herrn Schulz das anzuzeigen, stieß dabei auf einen gehbehinderten Veteranen und trug den halb ins erste Stockwerk hinauf, wo die Kollegen Niedergesäß und Klinke ihren Dienst am Volk versahen.

Andreas Niedergesäß, teils in Verfremdung seines Namens, teils wegen seiner hinten/unten stets sehr beutelnden Hose im Amtsbereich nur als Tiefarsch bekannt, war gerade dabei, kräftig über die Sozialhilfeempfänger zu schimpfen. „Was die von uns an Geldern und sonstigen Zuschüssen bekommen – Kleidung, Hausrat und so weiter –, kann sich ein schwer arbeitender Familienvater heute kaum noch leisten! Und unsere lieben Sozialarbeiter unterstützen sie in ihren überzogenen Forderungen auch noch!“ Dabei knetete er mit den Fingern seiner rechten Hand jene Fettpartie, die bei ihm das Kinn ersetzte.

Da war sein Gegenüber schon von ganz anderem Format, im American Football aktiv, den Berlin Rambos als Gründungsmitglied zugehörig und in der Berliner Verwaltung als „der Pionier“ bekannt. Dies nun weniger deswegen, weil er am liebsten als Pionier des Wilden Westens am Sacramento eine Ranch gegründet hätte, sondern seines Namensvetters Klinke wegen, jenes preußischen Soldaten, der sich 1864 im deutsch-dänischen Krieg auf den Düppeler Schanzen selbst in die Luft gesprengt hatte, damit seine Kameraden durch die so geschaffene Bresche voran zum Siege stürmen konnten.

Nach kurzem Gruß eilte Plottka wieder nach unten, stieß dabei mit Pizza zusammen, dessen Nummer gerade aufgerufen worden war.

Langsam bekam er Hunger nach etwas Süßem, Schokolade oder Kuchen, hatte aber noch keinen Vorwand gefunden, um bei Verena anzuklopfen und etwas zu schnorren, musste erst noch in den sauren Trabbi beißen. „Bitte sehr, Herr Hahn …“

Trabbi, ihr Diplom-Querulant, mit 55 Jahren und ohne jede Liebe zum Computer als Bilanzbuchhalter dauerarbeitslos, hatte über all die Jahre hinweg mit seinen Widersprüchen schon neun Aktenbände gefüllt, zwei Pappkartons voll, die bei Plottka an der Heizung standen.

Am schönsten waren immer seine einleitenden Sätze. „Im Normalfalle sollte die Bearbeitung eines Antrages drei Arbeitstage dauern, bei Ihnen aber kann man von drei Wochen ausgehen. Ich sage Ihnen das nur in Ihrer Funktion als Erster Sachbearbeiter hier.“

„Wir sind nun mal das Stiefkind der Verwaltung oder ihre Prügelknaben, ganz wie Sie wollen, zweihundertfünfzig neue Stellen fehlen uns, fünfzig Prozent Personal mehr müssten wir haben …“ Plottka versuchte es erst einmal auf die sachliche Tour. „Was ist denn Ihr konkretes Anliegen heute …?“

„Ich habe von Frau Roggensack kein Kohlegeld bekommen, sondern nur jeden Monat Gutscheine …“

„Ist doch schön, kühl genug war der Sommer ja …“

„Ja, aber die Kohlenhändler lösen diese Gutscheine inzwischen nicht mehr ein, weil sie vom Amt erst ein halbes Jahr später abgerechnet werden.“

Plottka sah aus dem Fenster. „Ich sagte doch, dass uns die Leute dazu fehlen: Gehen Sie zum Stadtrat, gehen Sie zum Bürgermeister …“

„Das werde ich auch machen!“ Trabbi sprang auf. „Und unsere Selbsthilfeorganisation werde ich Ihnen auf den Hals hetzen! Das ist doch alles Taktik hier, um uns aus’m Bezirk rauszugraulen!“ Die Tür so zugeknallt, dass Plottka glaubte, das alte Gebäude würde wie ein Glibberpudding wackeln.

Nun konnte er wirklich nicht anders, als eine seiner kleinen Schreibtischschubladen aufzuziehen und nach seinem Flachmann zu greifen. Ein Schluck Gorbatschow ließ ihn alles wieder nüchterner sehen. Er gähnte anhaltend, streckte sich und ging dann auf den Flur hinaus, sich den nächsten Klienten, die nächste Klientin zu krallen.

„Mann, det stinkt ja wie im …!“ Das „Affenkäfig“ ließ er weg, das hätte am nächsten Morgen wieder, je nachdem, in der taz oder der BZ gestanden, aber Zigaretten und Schweiß, Knoblauch und Bier, Urin und Erbrochenes, Fürze und Parfüm, das gab in der Tat eine Duftnote, die es in sich hatte. Er stürzte zur Eingangstür und riss sie auf.

„Füllt den Mief lieber in Flaschen und schickt ihn nach Bonn“, riet ihm Schulle mit der Ratte. „Aufschrift Die neue Armut, Kohls Creation für die neunziger Jahre.“

„Kann ick nich drüber lachen!“, lachte Plottka. „Ick muss ausjewogen sein!“

„Bitte sehr …“

Eine junge Frau, so ansehnlich, dass er sich automatisch seine schwarzen Strubbelhaare glattstrich und mit einer schnellen Handbewegung den bauchbedingt immer etwas offenen Reißverschluss nach oben zog, trat ein, besetzte den Besucherstuhl und offenbarte derart viel an Bein und Oberschenkel, dass er gar nicht anders konnte, als ganz intensiv an das eine zu denken.

Sie hieß Heide Soundso und begann mit einer Suada auf die Roggensack. „… die hat mich Dienstag mit der Bemerkung weggeschickt, ich sollte doch lieber auf’n Strich gehen, so wie ich aussehe, anstatt sie dauernd zu nerven …“

„Tut mir leid“, sagte Plottka. „Die ist ab nach Kenia, und es sieht so aus, als ob sie sich hier mit ’nem fürchterlichen Rundumschlag von all ihren Lieben verabschiedet hat. Worum ging’s denn in Ihrem Falle …?“

„Ich bin Studentin, Chemie, achtes Semester, alleinstehend, ein Kind, und habe eine Zweizimmerwohnung, deren Miete das Sozialamt hier bezahlt. Nun hat mir Ihre Kollegin gesagt, dass ich untervermieten muss, sonst würde sie die Mietkosten nicht mehr übernehmen.“

Plottka nickte. „Das soll es laut Senat nicht geben, Ausnahmefälle aber seien möglich, wobei es dann auf die Wohnungsgröße ankäme …“ Er staunte über sich selber, zu welch schönem Deutsch er fähig war. „Gehn wir mal zur Chefin, die soll das mal selber wieder aus der Welt schaffen.“

Doch der Weg zu Verena war ihm zunächst versperrt, denn ihr jugoslawisches Reinemache-Ehepaar war mit einer großen Tasche gekommen, um die Räucheraale zu bringen, die die Soz-II-Besatzung letzte Woche bei ihnen bestellt hatte. Ein Schwager von ihnen war am Steinhuder Meer sesshaft geworden, und über ihn konnten sie die Tierchen weit unter Marktpreis beziehen.

Er-Saftic hatte sich, um seine Identifikation mit Berlin und den Deutschen voll unter Beweis zu stellen, ein rot-weißes Jersey des hiesigen Eishockey-Bundesligaclubs übergestreift: riesig die Rückennummer 18 Schwindt. Kein Spiel ließen sie aus, und Sie-Saftic bat alle ständig, das Konfetti aus ihren Lochern für sie zu sammeln: Man brauche es, um es bei Berliner Torerfolgen in die Halle zu werfen.

Aber nicht nur mit der Aalverteilung trugen sie zur Verzögerung der Dienstgeschäfte bei, sondern auch noch mit einem Schal, einem Tuch aus buntem Chiffon, das sie gestern Abend im Flur gefunden hatten.

„… das gehört der Gisela!“, rief Verena, der Roggensack also. „Das schicken wir ihr nach Mombasa nach, ich hab die Adresse zu Hause …“

„Quatsch!“ Plottka riss es ihr aus der Hand und schenkte es der jungen Frau, die von der Roggensack am Dienstag so schikaniert worden war. „Eine kleine Entschuldigung von uns allen …“

Damit zog er sich für einige Minuten in sein Kabuff zurück, um sich voller Heißhunger über seinen Aal herzumachen. Als das Telefon jetzt klingelte, konnte er sich die Fettfinger gar nicht so schnell abwischen. „Ja …?“

Tiefarsch war’s. „Du, ich hab den Zembrowski zu dir runtergeschickt, halt den doch mal so lange mit was auf, bis die Polizei da ist. Die fahnden nach dem, und bei mir hier wittert er nur was, wenn’s so ewig dauert …“

„Ja, okay …“ Plottka legte auf. Zembrowski, er musste einen Moment lang überlegen … Ah, ja, Pizza war das. Da stand er auch schon in der Tür bei ihm.

„Ich soll mich bei Ihnen noch mal melden …“

Plottka fuhr ihn an: „Nehmen Sie sich ’ne Nummer, und warten Sie wie alle anderen …!“ Dabei fiel ihm sein Kugelschreiber aus der Hand, und als er sich bückte, um ihn wieder aufzuheben, flüsterte er Pizza, der sich ebenfalls niedergebeugt hatte, für die anderen unhörbar ins Ohr. „Hau ab, der hat die Bullen alarmiert …!“

Pizza nahm sich, um nicht aufzufallen, kommentarlos eine Pappnummer vom Haken, sagte zu den Umstehenden, dass er die Wartezeit noch nutzen wolle, um sich eine BZ zu kaufen, und ging dann lässig-cool zum Ausgang hin. Doch als er die Tür aufgezogen hatte, sah er draußen den grün-weißen Streifenwagen schon angerollt kommen.

„Weg da!“ Er warf sich nach hinten, wühlte sich wie ein Stürmer beim Rugby durch den Wall der Wartenden hindurch, hatte auch insofern Glück, als Verena in eben dieser Sekunde aus ihrem Chefkäfig kam, um zur Toilette zu eilen, stieß sie noch ein Stückchen zur Seite und jagte auf ihr Fenster zu, das zwar zur Hälfte offen stand, aber weithin von ihrem Aquarium verstellt wurde. Doch schon hatte er das Hindernis zu Boden gerissen und sich hinaus in Hof und Garten geschwungen.

„Meine Fische, mein Gott!“

Die Polizisten stürmten herein, die Leute grapschten nach den wegflutschenden Tieren, viele Füße wurden nass, und die beiden anwesenden Babys schrien so, dass keiner mehr ein Wort verstand.

Plottka hatte sich hinter seinen Schreibtisch geflüchtet und kaute ungerührt an seinem Räucheraal herum.

Da kam, ohne dass er aufgerufen worden war, Schulle mit der Ratte herein, um erst dicht vor seinem Drehsessel stehen zu bleiben.

„Inzwischen weiß ich alles, mein lieber Hagen … Und wenn du nicht gehörig Kohle abdrückst, dann …!“

 

 

3.

 

Gottfried stieß den blank gewordenen Spaten mit archaischer Lust in den Berlin-Frohnauer Boden, baute Burgen an Nord- und Ostseestrand, Langeoog und List, Hohwacht und Heiligenhafen, fünfzehn, zwanzig Jahre war es her, grub lange Tunnelröhren durch die Buddelkistenberge auf dem Hinterhof. Komm zum Mittagessen rauf! Du bist Erde und sollst zu Erde werden … Mörz, wo finden wir diese Textstelle? Im 1. Buch Mose. Richtig, setzen, Eins! Arbeiter der Stirn und der Faust … Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten … Jetzt ein kühles Spaten-Bräu …! Die Assoziationen befielen, überfielen ihn, waren ungewiss wie Traumbilder und zugleich auch derart real, dass er sich ständig neu besinnen musste, immer wieder vergewissern, wer er war, das Kind, der Junge, der Mann, und wo er war.

Weiß-gelb-bräunlich war die nächste Ladung, die nach oben flog, aus der mittlerweile metertiefen Grube auf den lockeren Kraterhügel hinauf, von der Färbung seines Stuhlgangs, wenn er Gallenschmerzen hatte, wieder Backstein aufgefrischter Stadtbahnbögen oder des Bethanienhauses, Kreuzberg/SO 36. Wer anderen eine Grube gräbt … Bornim-Grube … Golm, Bornim-Grube, Marquardt, Satzkorn; S-Bahn – nicht elektrisch – zwischen Wildpark im Süden, Wustermark im Norden. Das ganze Haus hing voller S-Bahn-Pläne, und es war unvermeidlich, nach so vielen Jahren die Stationen auf allen Strecken in der richtigen Reihenfolge hersagen zu können.

Grube, Grübeln. Das Grübeln ist der Tod der frischen Tat. Aber: Erst wägen, dann wagen. Vergleichen Sie diese beiden Sinnsprüche. Deutschaufsatz, 12. Klasse. Mörz, wieder nur Vier minus. Sie sollten es doch lieber lassen, Journalist zu werden, und sich stattdessen einen Beruf auswählen, bei dem es mehr auf Zahlen ankommt, Prozente, vielleicht doch Kaufmann werden; Siemens wäre da nicht schlecht. Wer noch nicht war bei Siemens, AEG und Borsig, der hat das ganze Elend noch vor sich. Die treuesten Mitarbeiter des Hauses sind von jeher in unserer Angestelltenschaft zu finden … Haben wir es mit Menschen zu tun, die sich voll mit ihrem Unternehmen, in das sie eingebettet sind, identifizieren … Auswendig gelernt zur Kaufmannsgehilfenprüfung. Gottfried, der Siemensianer, der Siemens- Indianer …

Gottfried, der in Gottes Schutz und Frieden Stehende (mittelhoch-deutsch); Kurzform: Götz.

Götz George, Schimanski, Tatort Frohe Aue gleich Frohnau.

Trink nie wieder einen doppelten Whisky auf nüchternen Magen!

Die nächste Schaufel ausgehoben. Leben als der heroische Versuch, mit seiner Unlust fertigzuwerden.

„Hallo, Herr Mörz …!“

Gottfrieds Erinnerungsketten rissen augenblicklich, seine Zeitmaschine zerschellte, löste sich auf in silberne Perlen, in fortschießende Feuerwerksgarben, in ein bläuliches Nichts, als hätte jemand beim Computerspiel den falschen Knopf gedrückt.

Der Postbote vorne am Zaun.

Er warf den Spaten hin, schwang sich mit einer ungelenken Flanke auf den Weg und lief zum Tor, von guter Figur, Basketballermaßen fast, doch schlaksig, untrainiert, konnte einen Cineasten schon ein wenig an den jungen Tati in den Ferien des Monsieur Hulot erinnern.

„Ein Einschreiben für Herrn Dolgenbrodt!“

„Der schläft …“ Gottfried drehte den schwarzen Knauf herum und zog das Gartentor nach innen. „Ich kann doch auch …?“

„Na, aber immer! Wenn Sie können, dann dürfen Sie auch!“

Ihr Landbriefträger, wie sie ihn nannten, war ihnen immer als einer der fröhlichsten aller Menschen erschienen, der Stimmungsaufheller für depressive grüne Witwen und alterskranke Eremiten, wie sie hier versammelt waren.

Gottfried schielte nach dem Absender auf der DIN-A4-großcn Papptasche. „Was Amtliches?“

„Aus 2142 Gnarrenburg …“

„Ah, ja, das ist sein Eisenbahnfreund Schorse …! Der hat wieder ’n einmalig historischen Fahrplan aufgetrieben … 1913 oder so. Von der Bahnlinie Bremervörde-Worpswede-Osterholz, vom geliebten Moorexpress … Da wird er wieder happy sein …!“

„Muss ja auch schön sein, die Gegend da oben …“

Gottfried malte seinen Namen auf den roten Quittungsbeleg. „Hängt bei uns auf’m Klo … ’n Foto vom Triebwagen und das Gedicht von Tetjus Tügel dazu: ‚Du brust mank Elw un Weser hin un her, van Stoa na Bremen dörus Heid und Moor …‘“

„… Stoa – was is’n das …?“

„…a) ’ne griechische Säulenhalle und b) ’ne Philosophenschule: Immer cool bleiben, stoisch … Aber was das nu’ mit der Eisenbahn zu tun hat …?“

„Wird ’n Ort bei Bremen sein. Frag ich mal bei uns im Amt.“

„Stade wahrscheinlich …“ Gottfried nahm das Päckchen und machte Anstalten, sich wieder zurückzuziehen.

 

*

 

„Oh, Sie sind fleißig beim Schippen …?“ Der Blick des Postboten war trotz der dichten Büsche und Hecken zum Mittelteil des langgestreckten Gartens gedrungen. „Lohnt sich doch gar nicht, nach Erdöl zu bohren, wo das Heizöl jetzt so billig ist …“

„Ach, wir haben ja so ’n Ärger mit unserer Sickergrube gehabt …!“ Gottfried setzte nun zu einem langen Vortrag an. „Das Grundstück hat doch schon Onkel Herberts Schwiegervater gehört … ’38 hat der gebaut hier, und dabei auch ’ne große Sickergrube anlegen lassen. Alles immer rein in die, bis dann in den fünfziger Jahren die städtische Kanalisation … Da mussten sie natürlich alle ran, ob sie wollten oder nicht. Aber der alte Herr muss sich damals fürchterlich über die Anschlusskosten geärgert haben, das viele Geld, wo's doch auch so gegangen ist. Also hat er, um zu sparen, nur ’ne Leitung für die Fäkalien legen lassen, bis zum Hauskasten hier vorn. Der Rest aber, Badewasser, Waschwasser, der ist weiterhin in unsere Sickergrube geflossen …!“

„… und da hat nun die Umweltbehörde …?“

„Ja, als wir uns ’ne Geschirrspülmaschine gekauft hatten und plötzlich der halbe Garten vollgelaufen war mit Lauge. Ausgerechnet an dem Tag muss der Mann von den Wasserwerken zum Ablesen kommen und das sehen, die ganze Bescherung …! Aber es war ja auch besser so, wegen der Bäume, wegen der Pflanzen …“

„Klar, die ganze Chemie …“ Der Postbote gab sich den Befehl, das rechte Bein leicht anzuwinkeln, zu heben und sich wieder aufs Dienstrad zu schwingen. „Hat der Klempner neue Rohre gelegt …?“

„Ja, das, was früher in die Sickergrube reingeflossen ist, das geht nun auch …“

„… und wenn Sie’s selber wieder zuschippen, sparen Sie ja ’ne Menge Geld. Viel Spaß dabei!“ Klingelnd ging es weiter Richtung Sigismundkorso. „Und schönen Gruß noch an Herrn Dolgenbrodt …!“

„Danke, mach ich …!“

Gottfried ging wieder nach hinten, warf das Einschreiben auf die nahebei aufgebaute Tischtennisplatte, sprang in seine Grube hinunter, rettete einen Marienkäfer, der zu stark eingesandet war, um noch vom ziegelbraunen Abflussrohr abheben zu können, und schwang dann mit neuer Kraft den Spaten.

Herr Pukas, ihr Nachbar zur Rechten, ließ ihn stutzen, denn als der eben, 91 Jahre alt, durch seinen noch immer tipptopp gepflegten Garten trippelte, das Tannengehölz, klein und nobel, schien es Gottfried, als hätte er, und das am Sommerende, verwehten Schnee im Haar, und er brauchte Sekunden, bis er begriff, dass es der Schopf des alten Mannes war. Er kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee … Sofort wieder begann es in Gottfried zu wispern.

„Guten Morgen, Herr Pukas!“, rief er überlaut hinüber, doch der Nachbar reagierte nicht, hatte offenbar sein Hörgerät, um die Batterie zu schonen, abgestellt. Möglich aber auch, dass er im Glauben war, Dolgenbrodt selber würde da buddeln, und den grüßte er nie, den mied und hasste er, seit ihm Anfang der achtziger Jahre Macbeth, der damalige Dolgenbrodt'sche Dobermann, beim bösen Rütteln am Zaun („Wann reparieren Sie den denn endlich mal!“) fast die Nase abgebissen hätte.

Gottfried war inzwischen an der alten Sickergrube angekommen, vor fünfzig Jahren nicht mit einigen vorgefertigten Betonringen nach unten gebracht, sondern Stein für Stein gemauert, dachte an geheimnisvolle Gänge, wie sie in den alten Büchern … Und schrie auf, als ihm Schwärme brauner Mäuslein um die Beine spritzten, hatte Angst um seine Hosenbeine, sprang ans Ende der Grube zurück, zerknickte fast das neue Abflussrohr.

Joana erschien oben auf der Terrasse. „Is was …?“

„Hier ist ’n Mäusenest gewesen, ’n Hohlraum an’er Sickergrube …“ Gottfried schlug mit dem Spaten auf einen durchgerosteten Emaille-Eimer. „Die scheinen hier früher ihren ganzen Müll vergraben zu haben …“

„Vielleicht ’n Schatz aus’er Germanenzeit … ? Die Semnonen sollen ja hier, die Sueben …“

„Höchstens ’45 …“ Gottfried stocherte mit einigem Eifer in den vergrabenen Scherben herum, Tellern, Tassen, Einweckgläsern und dergleichen, zerbeulten Milchkannen und Schüsseln, sämtlich mit runden Topfflickern versehen, deutsche Nachkriegskultur.

„Nichts …! Aber …“ Er stutzte, fühlte jäh den Schweiß ausbrechen. „Knochen …!“

Joana kam die schmale Treppe von der Terrasse heruntergesprungen. „Zeig mal …“

„Hier, ’n Stückchen neben dem Müll …“ Gottfried hielt ihr einen länglichen Knochen entgegen, konnte ein Wadenbein sein, nein, ein Unterarmknochen, Speiche, Elle.

„Gib mal her …!“ Joana war in die Grube hinuntergesprungen und hatte ihm den Spaten aus der Hand gerissen, hob nun weiteren Sand vom Knochenhaufen, schaufelte den Rest mit den Händen beiseite. „Hier is’n Schädel …!“ Sie riss ihn hoch, „…’n bisschen flache Stirn …?“

Gottfried nahm ihn und lachte: „Heil Dir, o König! Denn das bist Du. Schau – hier des Tyrannen Haupt; die Welt ist frei.“

Joana sah ihn zweifelnd an.

„Guck nicht so, ich hab noch alle! Shakespeare, O-Ton: Macduff ruft das, wenn er am Schluss auf die Bühne kommt, den Kopf des erschlagenen Macbeth in der Hand. Und der Schädel hier, das ist doch der von Macbeth … Vom Dobermann, Mensch! Den Hund, den treuen Freund des Menschen, den haben sie nicht in die Tierkadaveranstalt gekarrt, sondern hier verbuddelt …!“

O Gott!“ Joana zog wieder von dannen, klopfte sich den Sand von Jeans und Shirt.

Gottfried schippte weiter, durchstieß das Wurzelnetz der Haselnussbüsche, die Weg und Sickergrube säumten, mit ihren Früchten ganze Mäuseheere nährten, Eichhörnchen auch, schuf einen immer größeren Hohlraum unter dem Rohr.

Ein Türenknallen nebenan ließ ihn zusammenfahren. Frau Dr. Füllmich, Studienrätin, Englisch und Französisch, geschieden, menschenfeindlich und verbittert, strebte mit Koffern und Taschen einer draußen wartenden Taxe entgegen. Wohin es ging, wusste er nicht, denn sie hatte die diplomatischen Beziehungen zu Dolgenbrodt schon seit ewig abgebrochen, seit wohl ihr Mann, ein Architekt, einen Swimmingpool gebaut und zünftig eingeweiht hatte. Jedes Wochenende nun gewaltiger Lärm, den ganzen Sommer über, bis Dolgenbrodt – der die Stille liebte, das Vogelgezwitscher und das Rauschen der Blätter im Wind – die Contenance verloren hatte. Eines Morgens waren etliche Kotsäulen seines Hundes übers meerblaue Planschewasser getrieben …

Der Höllenlärm eines Schredders, eines Gartenhäckslers, ließ Gottfried aufhorchen. Wenn das Ding innerhalb von zehn Sekunden stehen blieb, sich festgefressen hatte an einem wieder mal zu dicken Ast, dann war es Pyromanski, eigentlich Roman Pyrokowski, aber von Dolgenbrodt so genannt, weil er pausenlos allen Abfall, Blätter und Äste, aber auch Pappen, Plastiktüten, Farben und dergleichen bei sich verbrannt hatte, auf dem Grundstück hinter ihnen fast ständig irgendein Feuerchen am Lodern war. Gewesen war, da Dolgenbrodt mit einer Reihe von Anzeigen schließlich doch Erfolg gehabt hatte. Pyrokowski, Rechtsanwalt und Berufspolitiker, mit Sprüchen wie „Auf meinem Grundstück kann ich schließlich machen, was ich will!“ oder „Das bisschen Rauch, das ist doch hysterisch!“ bekannt geworden, hatte der häuslichen Müllverbrennung abschwören müssen und sich für seinen Gartenabfall diesen entsetzlichen Schredder gekauft. Den lautesten, um Dolgenbrodt zu ärgern.

Und das Ding blieb wirklich stehen, hielt sich an das Urteil „Mangelhaft“ der Stiftung Warentest.

„Gottfried – Essen! Und bring noch Selters aus dem Keller mit!“

„Was gibt's denn heute?“

„Pochierten Lachs.“

„Der Hedonist nichts andres isst!“ Gottfried setzte den linken Fuß auf das frisch verlegte Abflussrohr, katapultierte sich gleichsam aufs Nullniveau zurück und stieg die gewundene Natursteintreppe rechts vom Haus zur Terrasse hinauf, wo Joana den Mittagstisch gedeckt hatte.

„Solltest du nicht durchs Haus kommen und Selters mitbringen!?“

„Ich komm doch durch die Eingangstür nicht richtig rein, weil da der Schrank vorliegt …“

„Ah, ja … Dennoch: Guten Appetit …!“

„Gleichfalls … Mir jedenfalls wird es trefflich munden.“

Während des Mahles hatten sie, was Dolgenbrodts Tod betraf, genügend Zeit, die einzelnen Möglichkeiten noch einmal in aller Ruhe auszudiskutieren: a) Mord, b) Selbstmord, c) Unfall.

„… einiges spricht ja doch dafür, dass er ermordet worden ist“, sagte Joana, an einer Gräte lutschend. „Der Schreibtisch und ein Teil seiner Schränke durchwühlt …“

„Was er durchaus auch selbst gewesen sein kann“, hielt Gottfried dagegen.

„Die Terrassentür stand offen“, trug Joana weiter vor.

„Wer wagt sich denn zu uns schon rein, wo doch überall sozusagen unsichtbare Schilder hängen: Vorsicht, bissiger Mensch! Und das Motiv …? Sicherlich war er spinnefeind mit allen hier, furchtbar zerstritten, mit Pukas, mit der Füllmich und mit Pyromanski vor allem, aber die haben das doch alle jahrelang geübt, ihm aus dem Wege zu gehen, da ist doch ’ne Affekttat völlig ausgeschlossen.“

„Dann eben ’n Einbrecher, der …“

„… auf seine Eisenbahnermützen, seine abgeschraubten Stationsschilder und seine Loklaternen scharf gewesen ist!“, lachte Gottfried dazwischen. „Frohnauer Pensionär mit Gepäcknetz totgeschlagen!“

„War es aber ein Mord, dann gibt es einen Mörder!“ Joana blieb beharrlich. „Und wenn es einen gibt, kann der irgendwie gefasst werden oder von sich aus Reue zeigen und zur Polizei laufen und alles erzählen.“

„Das ist eben das berühmte Restrisiko!“, gab ihr Gottfried Bescheid. „Aber da es ganz sicher Selbstmord war, brauchen wir uns über das Verhalten des Mörders wohl keine großen Gedanken zu machen.“

Joana ließ ihr Fischmesser fallen, um sich eindrucksvoller an die Stirn tippen zu können. „Grantig war er, verbittert über die Menschheit als solche, aber doch nicht depressiv, und nie hat er uns gegenüber einen Suizid auch nur andeutungsweise erwähnt.“

„Aber hat er nicht seine Aluminiumleiter nach unten geklappt und Anstalten gemacht, trotz seines Hüftleidens nach oben zu klettern …? Warum wohl? Weil dort oben Stricke liegen, weil es dort auf dem Dachboden, und nur dort, die geeigneten Balken in jeder Menge gibt …“ Gottfried verschluckte sich an der Sauce Hollandaise.

Joana klopfte ihm kräftig auf den Rücken, um dann mit ihrem stärksten Trumpf zu kommen. „Und wo, bitte schön, ist denn da der Abschiedsbrief …!?“

Gottfried spülte seine Speiseröhre mit einem Schluck Württemberger Weißherbst frei. „Mit dem ist er nicht mehr fertig geworden … Oder wollte er nicht mehr … Tatsache ist, dass er noch am Schreibtisch war und da mit seinem roten Filzer was auf’n Tagesspiegel raufgekritzelt hat, was nun wirklich nicht sehr optimistisch klingt, weißt du ja: Ich wollte, es wäre Nacht …“

Nun höhnte Joana so überzogen, dass er loszischte, sie möge bitte leiser sein. „Ja, und dann hat er seine eiserne Krücke genommen und sich selber umgeschlagen …!“

Gottfried gab sich alle Mühe, ruhig-überlegt zu bleiben. „Nein, er ist nach oben geklettert, um sich zu erhängen, aber auf halbem Wege von der steilen Leiter gestürzt und mit dem Hinterkopf auf seine S-Bahn-Schienen geschlagen, auf das Stück an der Wand hinten, das wir im Frühjahr auf’m stillgelegten Bahndamm oben abgesägt haben …“

„Dann ist es streng genommen ’n Unfall gewesen!“

„… ’n Unfall in deinem Sinne nur, wenn er aus einem anderen Grund als dem, Selbstmord zu begehen, hochgeklettert wäre. Aber was sollte er für einen Grund dazu gehabt haben …?“ Gottfried sah sie triumphierend an.

Joana dachte nach. „Oben ist doch sein Archiv, da lagern seine Eisenbahnmaterialien alle … Und hat er nicht gesagt, dass er für das Eisenhahn-Journal einen Artikel über die Nordbahn und den Bau des Bahnhofs Frohnau schreiben wollte …?“

„Schon, aber da hätte er mich doch raufgeschickt und suchen lassen“, gab Gottfried zu bedenken. „Ich wüsste nicht, was ihm so wichtig gewesen sein könnte, dass er selber da rauf ist … Es gibt wirklich nur den einen Grund: die Balken und der Strick …“

„Aggressiv und bissig war er, ich kann’s nur wiederholen, hätte mit Freude ganze Städte auslöschen können, aber sein Hass hat sich immer nur gegen die anderen gerichtet, nie gegen sich selbst …“

Joana gab sich nicht geschlagen. “Selbstmord, nein! Und damit kann’s für mich nur ein Unfall sein, wenn er wirklich nach oben wollte, um in seinem Eisenbahnarchiv zu wühlen. Es muss halt über ihn gekommen sein: das Schreiben, die Lust, was aufs Papier zu bringen. Das müsstest du ja selbst am besten kennen …!“

„Bei aller Bahn-Besessenheit bei ihm: nein!“ Gottfried wischte sich den Mund ab und trank genüsslich seinen letzten Schluck Weißherbst.

„Mir wäre wohler, wenn in dieser Hinsicht alles klarer wäre“, sagte Joana.

„Was macht’s …? Wir können ja so oder so nicht mehr zurück. Und es erhöht den Reiz des Spiels.“

„Spiel …? Nein! Um unsere Existenz geht’s! Wenn sein Tod aktenkundig wird, dann heißt doch das für uns: Sozialamt, Abstieg, aus! Schluss mit unserm schönen Leben.“

„Inszenieren wir den Ernst unseres Lebens als amüsantes Spiel! Onkel Herbert macht’s möglich …“ Gottfried stand auf. „Gehen wir in den Keller runter, seinen Sarg weiter zunageln. Du kommst doch mit …?“'

„Irgendwie scheint’s mir noch immer pietätlos zu sein …“

„Gott, wenn du daran denkst, wie andere – und viel bessere Menschen als er! – unter die Erde gebracht worden sind … Oder auch nicht … Tieffliegerabstürze, vom Kerosin zu Staub verbrannt … Im Jumbo überm Meer zerfetzt … In Hiroshima von der Atombombe … Der Holocaust, Katyn, die Massengräber auf all den Schlachtfeldern der Erde…“

„Hör auf!“

„Ich will ja nur sagen, dass wir mit ihm, daran gemessen, noch außerordentlich christlich verfahren …“

Sie stiegen die Treppe zum Keller beziehungsweise zum ebenerdigen Eingang des kleinen Landhauses hinunter.

Dort schien es, als hätte jemand des besseren Transports wegen einen ungewöhnlich hohen und schmalen Bauernschrank auf den Rücken gelegt. Bauernmalerei war geradezu eine Obsession der verstorbenen Eva-Maria Dolgenbrodt gewesen, und beinahe jeden normal gebeizten Schrank in ihrer Umgebung hatte sie abschleifen und rosa-beige bis lachsfarben grundieren müssen, so im Ton der Büstenhalter und Korsagen ihrer Zeit. Grüne Ranken waren dann hinaufgekommen, Rosenblütenblätter, Enzian, Vergissmeinnicht, Herzchen und dergleichen. Eines dieser Kunstwerke hatte Gottfried nun zersägt und mit Joanas Haltehilfe einen Sarg daraus gebastelt. Den Deckel hatte die Tür eines weiteren Schranks geliefert, der oben im Esszimmer stand und seinen Inhalt, Teller, Tassen, Gläser, nun ungeschützt zeigte.

„Wollen wir noch mal reinsehen …?“ Gottfried sah sie an.

„Danke …“

„Dann gib mir mal die Nägel rüber …!“

Er machte sich ans Werk, schlug sich dabei immer wieder auf den Daumen.

„Wenn er wenigstens ’n Testament gemacht hätte … Zu unseren Gunsten …“ Joana besah sich im Spiegel. „Ich komm mir wie ’ne Erbschleicherin vor, ’ne Mörderin …“

„… betonte er immer wieder: Ihr seid wie meine Kinder, ihr sollt mal alles haben – und dann: nichts … Aua!“ Wieder hatte Gottfried mehr den Daumen als den Nagelkopf getroffen.

„Und erbt das nun alles seine Leipziger Cousine …! a) hat sie sich nie um ihn gekümmert, während wir ihn Tag für Tag ertragen haben, versorgt mit allem, gepflegt … Und b) hat er sie doch fürchterlich gehasst …!“ Sie imitierte Dolgenbrodt. „Margot, da müsst ihr euch ’ne dicke fette Ratte vorstellen, furchtbar geschminkt und mit Goldklunkern behangen, DDR-High-Society, den edlen und einfachen Sozialismus im Mund, aber so leben wie Sue Ellen auf der Southfork Ranch in Dallas …!“

Gottfried jagte den letzten Nagel ins altersharte Holz. „Onkel Herbert, selber schuld, dass du nicht auf’m ehrlichen Friedhof, sondern heute Nacht bei dir im Garten … Hättest du ’n Testament gemacht und uns als deine Erben eingesetzt, dann hätten wir’s nicht tun müssen. Aber so? Willst du uns ins Elend stoßen? Nein, sagst du. Na bitte! Dann nimm es klaglos hin. Was, du freust dich sogar, dass du unter deinen geliebten Haselbüschen …! ? Wunderbar, dann ist ja alles geritzt!“

Joana nahm den Hammer und die restlichen Nägel, trug alles in den Werkzeugkeller zurück. „Fragt sich nur, wie lange wir das Spiel auch spielen können …? Ist doch schließlich ’n durchbürokratisiertes Land hier, und irgendwann muss doch irgendwem mal auffallen, dass da einer …?“

Gottfried setzte sich auf die Treppe. „Den Nachbarn nicht, da wird ihn keiner vermissen, ganz im Gegenteil … Außerdem war er ja zuletzt kaum noch im Garten, auf der Straße schon gar nicht. Da müssen wir nur überall rumerzählen, dass er sich noch stärker eingegraben hat. Das glaubt uns jeder. Von daher droht uns keine Gefahr, kann das bis zum Jahre 2000 so gehen. Und Freunde von früher her hat er ja meines Wissens keine mehr.“

„Aber die Behörden …?“

„Volkszählung ist vorbei, wählen muss er nicht müssen, alles an Steuern und Gebühren wird per Dauerauftrag … Mit seinen Ärzten hat er sich eh verkracht, und auch sonst käme da keiner und fragte nach ihm …“ Gottfried war in dieser Hinsicht nicht bange.

„Und wenn nun doch was unterschrieben werden muss?“ Joana hatte es übernommen, die Gegenargumente vorzutragen, ohne diese Befürchtungen nun auch tatsächlich alle zu hegen.

„Seine Unterschrift ist einfach genug, die kann ich schon nachmachen, wenn ich ’n bisschen übe …“

Joana lachte. „Und wenn er nun neunzig wird und der Bezirksbürgermeister zum Gratulieren kommt …?“

„Diese und ähnliche Fragen sind doch müßig, gnädige Frau! Vielleicht fällt uns schon morgen ein Flugzeug auf’n Kopf, in der Anflugschneise Tegel sind wir ja. Vielleicht fliegt das Kernkraftwerk in Greifswald in die Luft oder eins bei den Tschechen nebenan. Vielleicht hast du morgen Krebs, ich Aids. Und wenn dreist alles auffliegen sollte: Das Spiel alleine zählt, die Inszenierung, der Tanz auf dem Vulkan. Was soll uns groß passieren, wenn …? Und eine passende Geschichte lässt sich immer konstruieren: Dass er uns beim Baden ertrinkt, dass er nach Garmisch-Partenkirchen verreist, aber nie dort angekommen ist, dass er … Und so weiter, und so weiter …!“

„Trotzdem: Wahnsinn bleibt es!“

„Das ist es ja gerade, was reizvoll ist. Aber davon abgesehen: Eine andere Wahl haben wir doch gar nicht. Entweder wir machen das hier – oder wir melden uns beim Sozialamt und ziehen ins Obdachlosenasyl …“

Joana lachte. „Ich bin doch ganz deiner Meinung, aber als Advocatus Diaboli, da …“

Gottfried stand auf und nahm sie in die Arme. „Trautes Heim … Wir schaffen es schon! Auch wenn alles jeden Augenblick so platzen kann wie ’n Luftballon.“

Sie gingen wieder nach oben, ein Tässchen Kaffee zu trinken, konnten sich aber, da es zu tröpfeln begann, nicht mehr draußen niederlassen.

„Irgendwo hat’s mal so ’nen Fall in Südfrankreich gegeben“, sagte Gottfried. „Ich hatt’s mir aus der Zeitung ausgeschnitten, kann’s aber nicht mehr finden. Da hat einer fast zehn Jahre lang den Nachbarn vorgetäuscht, sein Vater würde noch leben. Und ist immer mit ’ner täuschend echten Puppe im Haus umhergefahren, im Rollstuhl drin.“

„Gute Idee“, sagte Joana. „Und hat die Pension vom Alten kassiert …?“

„Na sicher.“ Den traurigen Schluss allerdings, den verschwieg er ihr, dass sich der Sohn erschossen hatte, als der Bürgermeister des kleinen Städtchens eines Tages, doch stutzig geworden, zur Polizei gegangen war, kam ihr stattdessen mit seiner veröffentlichungsreifen, wie er immer wieder betonte, BAXI-Philosophie. „Die Befolgung externer Impulse ist das einzig wahre Prinzip. Versteh die Zeichen, die die Himmel dir geben! Und diesmal war ja alles eindeutig genug …“

Er brach ab, und sie schraken furchtbar zusammen, denn in diesem Augenblick wurde unten überaus heftig ans Drahtglas ihrer Eingangstür geklopft und gebummert.

„Aufmachen! Der Kesselreiniger ist da!“

Gottfried war kaum noch imstande, einen Satz herauszubringen. „Den muss er noch bestellt haben, bevor er …“

„Ist denn abgeschlossen …?“, fragte Joana, die Hand auf den Magen gepresst.

„Nein, ich wollte doch gleich noch mal nachmessen, den Sarg, und dann mit dem Zollstock draußen nachsehen, ob die Grube … Hat der vorne wieder übers Gartentor gegriffen und den Knauf …“

Joana fasste sich als Erste, stürzte hin zur Treppe und schrie nach unten. „Warten Sie, ’s geht heute nicht, wir …!“ Wollte wenigstens noch eine Plane …

Doch da stand der Mann auch schon im Eingangsraum, seine Gerätschaften hinter sich im Schlepp, sah den Bauernschrank, den Gottfried in der Nacht zum Sarg umgebaut hatte, und erwies sich auch sofort als der Choleriker, als den sie ihn seit Jahren fürchteten.

„Herrschaften, ihr habt ja wohl ’ne Macke, war …!?“ Und kam dann, nachdem er Joana erblickt hatte, erst richtig in Fahrt. „Wie soll ick’n hier durch mit meinem Sauger und meine Bürsten … mit die Kiste im Wege …!?“ Wütend trat er mit dem Fuß dagegen, wollte sie zur Seite schieben, und das Ganze bog sich durch wie ein Faltboot, das in eine Dampferwelle kam.

 

 

4.

 

Gerhards Gruft war im Souterrain einer achtzig Jahre alten Villa untergebracht, wilhelminischer Backstein, treudeutsch, hier ein Erker, dort ein Türmchen, trutzig und verspielt zugleich, nicht weit entfernt von der landesweit bekannten Nervenklinik, die offiziell den Namen Karl Bonhoeffers trug, den jüngeren Berlinern aber in Zusammenhang mit Fixern und Drogenentzug eher als Bonnies Ranch geläufig war, früher bloße Irrenanstalt und in Dalldorf gelegen. Bis sich dessen ehrbare Bürger 1905 entschlossen hatten, den Ortsnamen vom Kaiser per Kabinettsorder in Wittenau umändern zu lassen, auf dass Handel und Wandel nicht länger stockten und die Berliner aufhörten, über sie zu spotten, sie nicht mehr ihre Billetts bis Hermsdorf hin lösen mussten, der damals nächstgelegenen Station.

Die Kneipe, Pinte und Kaschemme, die Hagen Plottka seine eigentliche Wohnung nannte, wenn nicht gar den postnatalen Uterus, passte also prima ins Gelände, war eine düstere Mischung aus Katakombe, Höhle und Verlies, gänzlich schwarz gestrichen und mit mancherlei Memento-mori-Utensilien geschmückt, zwei Särgen beispielsweise, einem Naturknochengerippe und diversen Totenschädeln aus täuschend echtem Plastik. Dazu noch Leichenhemden, dicke weiße Kerzen, Kränze, Schleifen und zehn friedhofsoriginale Grabsteine, die den Gästen als Tische dienten. Und über allem in sakralen Lettern, Gold mit Schwarz, die allein seligmachende Devise: Besauf dich und vergiss es!

An diesem Abend war Hagen Plottkas Runde nahezu vollständig beisammen, hatte sich den Stammtisch hinten in der Ecke gegen konkurrierende Gäste erobert. Vier von ihnen waren echte Berber, Stadtstreicher, Penner, wie immer man sie nennen mochte: Krücken-Kutte, Zwiebel-Else, Mi-mi-mi und Suppenhuhn, während die anderen beiden derzeit durchaus so etwas wie einen festen Wohnsitz hatten: Blaubacke hauste am Bahnhof Wilhelmsruh in einem zur Laube umgebauten S-Bahn-Wagen; Pizza hatte sich, obwohl von ordnungsliebenden Nachbarn ständig gejagt, im Keller einer jenen Frohnauer Altzeit-Villen eingenistet, die auf die CDU-geliebten Abrisstruppen warteten. Alle schaufelten sie, von Plottka dazu eingeladen, ihre inhaltsreiche Gulaschsuppe mit so viel Gier und Tempo in sich hinein, dass man unschwer Schlüsse ziehen konnte auf die Häufigkeit und Güte ihrer sonstigen Mahlzeiten.

„Lasst es euch schmecken!“, sagte Plottka. „… und, Gerhard, noch ’ne Karaffe Blut der Erde für uns …!“ Gemeint war, in Anlehnung an ein Udo-Jürgens-Lied, griechischer Wein.

Blaubacke, auf den eigenen Visitenkarten, Fetzen von Toilettenpapier, ausgewiesen als „promovierter Germanist und diplomierter Alkoholiker“, verhinderter Lehrer, dozierte über die „etymoph-thongologische Systematik der deutschen Wörter“, war bei seinem Lieblingsthema. „Suppe … Kommt vom frühneu- und mittelhochdeutschen ‚suppen‘ beziehungsweise ‚supfen‘, also schlürfen und trinken, und gehört als Intensivbildung zum schönen Verb saufen, althochdeutsch ‚sufan‘. Prost!“ Und weiter, nachdem er sein Glas wieder abgesetzt hatte. „Hängt inhaltlich alles zusammen: Suppe und Schule, Schlürfen und Saugen, Säugling, Suff und Sucht.“

Du bist ja gut drauf heute“, stellte Plottka fest.

„Ja, weil ich jetzt endlich in der Lage bin, mein Leben lang auf der BVG zum Nulltarif zu fahren!“

„Wie das …?“

„Na, Pizza hat mir jetzt endlich vom Krempelmarkt einen geklauten Stempel besorgt, also so einen verstellbaren, wie ihn die Busfahrer vorne haben. Und den habe ich nun immer bei mir in meiner alten Aktentasche, vor Antritt der Fahrt auf die richtige Linie gestellt, plus Uhrzeit und Woche. Dazu eine Sammelkarte für elf Mark und fünfzig; eine einmalige Investition und unvermeidlich. Sehe ich nun einen der blauen Kontrolleure nahen, greife ich schnell in die Tasche und stempele mir die Karte …!“

„Wenn nun aber ’n Zivilfahnder kommt?“

Blaubacke lachte. „Gott, die erkennt man doch sofort! Biedermänner und -frauen, Miefbürger und Miefbürgerinnen, eben noch in adretten Kleidchen und Adler-Einheitsanzug, schlüpfen sie nun in Windjacke, Kutte und Jeans und ziehen sich statt ihrer Pumps und Latscher Turnschuhe an, damit sie so aussehen wie wir. Aber alles proper und neu, nicht secondhand und keine Spur zerrissen und verdreckt. Unheimlich witzig! Wie ich diese Schnüffler hasse!“

„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“, sagte Plottka. „Ist zwar von Lenin, aber dennoch Grundlage unserer aller Ordnung. Und ich als Beamter muss dich eindringlich bitten …“

„Die ganze BVG hat doch nur den einen Zweck, die Leute von Bahnen und Bus weg- und zum eigenen Wagen hinzubringen. Das sichert dicke Gewinne für die Autofirmen und Banken, vor allem aber für die Beton-Mafia Berlin e. V. und also auch die entsprechenden Parteikassen, denn neue Straßen und Autobahnen müssen nun her, im Tunnel unter dem Tiergarten durch, Parkhäuser et cetera. S-Bahn-Strecken bleiben stillgelegt, Fahrpläne werden ausgedünnt, du stehst ewig da und wartest oder wirst zusammengequetscht, wenn du mal wo mitgekommen bist. In den rollenden Sozialstationen …“

„Die Herren, die das alles ausbrüten, fahren schließlich im teuren oder Dienstwagen umher“, warf Plottka ein. „Dafür verdienen sie ja auch so viel Geld, dass sie ’ne positivere Weitsicht haben als ihr!“

Gerhard kam, der Wirt, um abzuräumen. „Na, die Speisung der Armen beendet …?“

„So ist es, Meister aller Gruftieklassen! Bring mal ’ne Lage Magenbitter oder Klaren, jeder wie er will …!“

Gerhard, der sich bei seinem letzten Job auf dem städtischen Friedhof zu Berlin-Hermsdorf eine Leichenträgeruniform widerrechtlich angeeignet hatte und nun auch immer trug, lüftete seinen Zylinder und zeigte auf ein handgemaltes Schild, das knapp über Plottka hing:

Wir teilen unseren wohlgeehrten Kunden mit, dass die Herren LEIHMANN, ANSCHREIBEMEIER und GRATISHEIMER von hier unbekannt verzogen sind!

Mit großer Magiergeste hatte Plottka im Nu drei nagelneue Hunderter fächerförmig zwischen seine Finger gezaubert. „Bitte sehr! Wollen wir alles noch verfressen und versaufen heute.“

„Freut mich“, sagte Gerhard und kraulte sich den Fidel-Castro- Bart, während er Zembrowski, der links von Plottka saß, so eingehend musterte, als wäre er bei einem Vopo in die Lehre gegangen.

„Zählste meine Eiterpickel …?“

„Nee … Aber, Pizza, wenn du mir die Bullen hier anlockst, dann …!“

„Das war doch ’n Irrtum gestern!“, beteuerte der derart Angesprochene. „Mach mich nich an, ey! Die haben mich mit’m Bankräuber verwechselt, den se am Bundesplatz unten fotografiert hatten. Tolle Ähnlichkeit, echt, aber ick hatte ja mein Alibi: Bodybuilding! Zur Tatzeit in’er Sportschule jewesen …“

„Dann hättste doch nicht abhauen brauchen bei uns im Amt!“, hielt ihm Plottka vor.

„Da wusst ick ja noch nich, ob det mit mein Alibi auch klappen tut!“, grinste Pizza. „Freundschaftsmäßig, wenn du verstehst, was ich meine …“

„Haste wieder geklaute Sachen verscherbeln helfen?“, wollte Gerhard wissen.

„Angebot und Nachfrage“, erwiderte Pizza. „Wat meinste, wie die Leute uff’m Krempelmarkt scharf sind auf billige Sachen …“

Plottka wusste das auch definitorisch zu klären. „Sagt da neulich ein Klient zu mir: ‚Ich klaue nicht, ich finde nur Sachen, bevor andere sie verloren haben!‘“

Suppenhuhn begann unvermittelt zu schluchzen und steigerte sich immer mehr in ihr Elend hinein. „Früher, als ick noch reiche Freier hatte, da …!“ Plottkas Bemerkung hatte sie an ihre Glanztage erinnert, auch an die einen oder anderen sogenannten Beischlafdiebstähle. „Jetze aber, wo ick wie ’ne Hexe aussehe …!“ Bleich war sie, ausgemergelt, wies mehr Lücken als einsetzbare Zähne auf. „Und HIV positiv bin ick nu ooch noch …!“ Sie sprang auf und rannte zur Tür. „Vor die S-Bahn werf ick mir jetzt …!“

Gerhard fing sie ab, und Plottka nahm sie in die Arme. „Mit deinen harten Knochen geht det doch nicht! Die entgleist doch bloß, und dein Kopp behältste weiterhin uff’m Hals!“

„Ick bin am Ende!“

„Sind wa doch alle! Wat soll'n denn Krücken-Kutte und Zwiebel- Else ohne dich anfangen? Ohne deine Talente …!“

Da strahlte Suppenhuhn wieder, kam zum Tisch zurück und erzählte, wie sie jetzt immer zu ihrem Frühstück kam. „Mit null Mark in’er Kralle, echt! Ick jeh also in’n Supermarkt rin und nehm mir ’n Wagen. Da pack ich ’n bisschen Wurst rin und Käse, aller, wat sich schnell uffmachen lässt. Und irjendwo findste imma ’ne Ecke, wo de det schnell runtaschlingen kannst. Dazu hol ick mir zwee Flaschen Bier und trink se aus. Und die leeren Pullen jeb ick denn zurück und sacke sechzig Pfennig ein. Pfand, vastehste. Sicha, ’n bisschen koofen musste nachher ooch, wat abdrücken aus der eijenen Schatulle, aba …“

Mi-mi-mi hob Murkel vom Boden, seinen Mischlingswelpen, irgendwie Collie, Schäferhund und Beagle, und streichelte ihn. „Hab ick von Det-det-det-lef … Der is wie-wie-der im Knast … Den-den kenn ick vom-vom-vom ju-ju …“ Er schaffte es nicht.

„… vom Jugendhof her“, half ihm Plottka weiter. „Vom Heim …“ Und leise zu Blaubacke, während sich Mi-mi-mi von seinem Hund das rechte Ohr abschlecken ließ. „Beide neurotische Fehlentwicklungen mit depressiven Rückzügen und aggressiven Durchbrüchen. Diebstähle, Vandalismus, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Körperverletzung … Neurotische Dissozialität …“

Mi-mi-mi setzte seinen Hund wieder auf den Boden. „Wat sagste …? Neu-neu-neu …?“

„Nichts!“

„Der Det-det-det-lef und ich … Beide warn wa im-im-im, wie heißt’n dette …? Nich, wat du …“

„Jugendnotdienst dann?“

„Jenau! Mann, ey, wie der da eenen von die Erzieher inne Kü-kü-kü-che jesperrt hat und dann-dann-dann …“

„Hat er Benzin gegen die Tür gekippt und angezündet, ich weiß …“ Plottka bestellte eine Runde Klaren. „Aber so was lassen wir schön bleiben!“

„Vasprochen is-is-is vasprochen!“, sagte Minzel feierlich. „Jerze, wo ick Murkel habe!“

Wenn er sich mit dem in der Wilmersdorfer Straße zum Betteln niedersetzte, brächte das gut und gerne das Doppelte wie ohne Hund. „Be-be-besonders die-die-die …“

„… Omas und Opas“, half ihm Krücken-Kutte weiter. „Und die Ausländer, die jeben wat. Tiere bei der Sitzung sind sowieso det Beste. Als ick meinen kleenen Rhesusaffen hatte, da war so ville drin in meiner Mütze, det mir die Roggensack, det Flintenweib det, det die mir keen Sozi-Geld mehr geben wollte. Sagt die: „Mann, Kutte, mit einer Sitzung von ’ner Stunde machst du mehr Kohle als ick ’n janzen Tag im Amt! Da hab ick ihn wieda abschaffen müssen, klaro …!“

Zwiebel-Else beschwerte sich, dass sie immer viel weniger Geld in ihrer Blechbüchse habe als Krücken-Kutte. „Unjerecht ist det, det se Frauen weniger …!“

Suppenhuhn stimmte ihr zu. „Weil se uns für Nutten halten und dann denken: igittigitt, wenn se uns sehen, wie wa dreckig sind, bloß nich mit der …“

„Komm ins Amt, denn kriegste neue Sachen“, sagte Plottka.

„Und Zwiebel-Else wird ab morgen auf Entzug geschickt: Bis zum Jahresende keine Zwiebel mehr gekaut … Vor allem keine Knobauchzehe mehr …“

„Det wir Penner sind, liegt an die Erdstrahlen“, erklärte Krücken-Kutte. „Nur an die Erdstrahlen. Ick hab von alle von uns Viere geprüft – ick betone: wissenschaftlich jeprüft det wa alle jeboren worden sind üba Stellen, wo bestimmte Erdspalten sind und Wasseradern. Und Erdstrahlen, meine Damen und Herren …!“ Er erhob sich, um nun auch zu den anderen Gästen zu sprechen. „… Erdstrahlen machen Menschen arbeitsunfähig und krank. Wir hier sind alle die Opfer verderblicher Erdstrahlen. Und geheilt werden können wir nur, wenn uns das Sozialamt endlich magnetisierte Alufolien bezahlt, zum Abschirmen! Von Entstrahlungsgeräten gar nicht mal zu reden …“

Plottka zog ihn auf den Stuhl zurück. „Nu setz dir ma wieda, Kutte, und halt ’n Sabbel …!“ Mit diesen Worten warf er ein abgegriffenes Skatspiel auf den Tisch. „Jetzt wird Schwimmen gespielt!“

Das taten sie dann auch über die nächsten anderthalb Stunden hinweg, von Plottka mit einer Lage Buletten und reichlich Bier bei guter Laune gehalten. Dieses Schwimmen galt zu Recht als sogenanntes Kneipenspiel, konnte also von Leuten mit vergleichsweise niedrigem IQ auch dann noch ausreichend gut ausgeübt werden, wenn sie schon ziemlich blau waren und sich außerdem noch intensiv unterhielten, stritten und gegenseitig verscheißerten. Drei Karten bekam jeder und konnte, falls sie ihm nicht passten, pro Runde eine von ihnen gegen eine aus einem Dreierhaufen tauschen oder aber, dies jeweils einmal, alle drei auf einmal weiterschieben beziehungsweise „Passe!“ sagen. Eine Runde war zu Ende, wenn ein Spieler „Knack!“ sagen konnte, das heißt, von einer Farbe Dame/ König/ Ass hatte, oder aber „Blitz!“ (drei Asse in der Hand). Verlierer war der mit den wenigsten bis dahin gesammelten Punkten, und er hatte einen seiner drei auf den Tisch gelegten Groschen in den Aschenbecher zu werfen. Wobei alles so war wie beim Skat, mit der Ausnahme, dass Drei, Sieben, Achten und so weiter 30 Punkte zählten. Wer seine drei Groschen losgeworden war, der schwamm – und hatte auszuscheiden, wenn er noch einmal verlor. Der Matchwinner bekam den groschenvollen Aschenbecher, gewann also bei sieben Spielern immerhin 1,80 Mark.

Blaubacke war der erste Glückliche, sagte zwar: „Der Spieler wird von Gott verachtet, weil er andern nach dem Gelde trachtet“, sackte aber alles ein, dann folgten Mi-mi-mi und Suppenhuhn.

„Hier sind ebenfalls Erdstrahlen!“, rief Krücken-Kutte und tastete mit seiner stählernen Gehstütze den Fußboden ab. „Sieh mal, wie die ausschlägt!“

„Pass mal auf, det ick nich ausschlage!“ Gerhard, der Wirt, nahm ihm die Krücke ab und trug sie zur Theke. „Mir die Jäste vagraulen!“

„Brechen wir jetzt“, sagte Plottka, „aber auf! Obergruftie, die Rechnung!“

„Getrennt?“

„Haha!“ Plottka fischte die vorhin vorgewiesenen Geldscheine aus der aufgenähten Tasche seines schmuddeligen Oberhemdes („…so lässt der Staat seine Diener verkommen!“) und ging zur Theke.

„Heißen Dung!“, sagte Blaubacke. „Hat ausgebrochen … äh, ausgesprochen gut geschmeckt!“

„Ja“, rief Pizza, „unser Dank wird dir ewig nachschleichen!“

Zwiebel-Else hörte nur noch was von schleichen und öffnete ihren Schließmuskel so sukzessive, dass keiner einen Ton vernahm, sich aber alle die Nasen zuhielten und zu schimpfen anfingen.

„Schnauze! Sonst nehm ick euch nich mit!“ Das wirkte, denn Zwiebel-Else hatte, wenn es darum ging, „Platte zu machen“, wirklich einen extra Sinn, fand immer einen Platz zum Schlafen. „U-Bahn-Baustelle vorm Rathaus Reinickendorf, da hab ick wat.“

So zogen sie, es war kurz vor Mitternacht, alle sieben los. Suppenhuhn, Krücken-Kutte und Mi-mi-mi folgten Zwiebel-Else, Pizza wollte noch bei einer Freundin klingeln und sehen, ob sie ihn rein ließ, und Plottka und Blaubacke machten sich auf den Weg zum S-Bahnhof Wilhelmsruh. Der eine wollte den Zug 0 Uhr 40 nach Hermsdorf nehmen, der andere hatte dort zwischen Böschung und Mauer seinen ausrangierten S-Bahn-Wagen stehen.

Sie kamen durch eine ausgedehnte Laubenkolonie und pinkelten mit Genuss gegen die Laternenpfähle.

„Sag mal …“ Blaubacke rülpste und sah zu Plottka hinüber, der sich noch hinter einen Mörtelhaufen hockte, um zu kacken. „Warum machste’n das eigentlich alles …?“

„Weil ick Durchfall habe nach der Scheißgulaschsuppe. Kocht der die mit Sauerkraut!“

„Ich meine das andere …!“

Plottka stöhnte. „Mann, det nimmt ja gar keen Ende mehr!“

„Schließlich bist du Beamter …!“ Blaubacke ließ nicht locker, hätte einen guten Oberlehrer abgegeben.

„Darum ja gerade …“ Plottka war nun fertig und suchte nach Abwischpapier. „Haste mal ’n paar Tempotaschentücher …?“

„Ja …“ Blaubacke warf sie ihm zu. „Weil du Beamter bist …?“

„Wiedergutmachung oder: Schuld und Sühne. Ich war grad z. A.-Inspektor geworden, da kommt so ’n Junge zu mir, so ’n Typ wie Minzel einer ist, Mi-mi-mi-Michael, und erzählt mir, dass er ’ne chronische Darmkrankheit hätte …“

„Passt ja prima …!“

„Ja –!“ Plottka stieß vor Schmerz die Luft aus den Lungen. „Der Nachschiss …schuss! Na, bitte! Also: ’ne Darmkrankheit, und durch die hat er seinen Job verloren, Verkaufsfahrer ist er gewesen bei ’ner Delikatessengroßhandlung … Denn wenn’s bei ihm mit Macht gekommen ist, dann hat er’s nicht mehr halten können. Immer rein in die Hosen, und aus!“ Plottka stand wieder auf und brachte seine Kleidung in Ordnung. „Steht der also bei mir vorm Schreibtisch und sagt: ‚Ich-ich brauche eine Ho-ho-se mehr, weil ich mir-mir immer reinma-ma-mache …!‘ Da hab ich ’n Lachanfall gekriegt, hab das natürlich gar nicht geschnallt, dass das ’n armes Würstchen war. Das hat mir die Roggensack nachher erst gesagt. Der jedenfalls rausgestürzt aus’m Büro … Und ’ne Stunde später hat er sich dann Zoo vor die S-Bahn geworfen. Meine Schuld! Da hab ich dann beschlossen …“

Blaubacke sah beim Weitergehen zu ihm hin, suchte, so schlecht das Licht auch war, an seinem Gesichtsausdruck zu erkennen, inwieweit er wieder einmal flunkerte. „Ehrlich …?“

„Ich schwöre es! Wieso, glaubst du mir nicht?“

„Die Geschichte schon, doch ansonsten nicht ganz …“

Plottka stieß eine leere Coca-Dose den Schotterweg entlang. „Ich geb ja zu, dass ich mich noch immer weigere, erwachsen zu werden. Erwachsen ist für mich, wenn man geheiratet hat, Anzug, Schlips und Kragen trägt, die Haare kurz geschnitten, den Tagesspiegel liest, über Autos spricht und Urlaubsreisen, immer sauber ist und ordentlich. Mamas Liebling eben, Junge Union …“

„Noch immer Aufstand gegen deine Mutter …?“

„Gegen das ganze bürgerliche Heldenleben!“

„Angst hast du, vorm Älterwerden, vorm Leben: immer das kleine Schmuddelkind bleiben. Die orale Phase beibehalten bis zum Altersheim …“ Blaubacke hatte heute seine psychoanalytische Nacht. „Plus einen nekrophilen Zug, siehe Erich Fromm …“

„Fromms haben wir uns schon mit vierzehn aus’m Automaten geholt!“, fiel ihm Plottka ins Wort.

„Nekrophilie ist das Hingezogensein zu allem, was verwest … Siehe Suppenhuhn und Zwiebel-Else …“

„Quatsch! Leute will ich um mich haben, die anders sind als all die braven Menschen. Was soll ich’n mit Verena anfangen oder dem Niedergesäß, die langweilen mich doch bis zum absoluten Tiefschlaf hin. Oder soll ich’s Fernsehen anmachen, die ganze Serienscheiße? Da seid doch ihr von ganz anderem Karat!“

„Danke!“ Blaubacke blieb stehen, um sich angemessen zu verneigen. „Und der King biste auch noch bei uns, der absolut Größte. Hilfeleistung, mein Lieber, das ist immer auch ’ne Machtausübung …!“

„Was auch immer – das Licht wird dunkler mit ’nem Dimmer!“, reimte Plottka und furzte so laut, dass nebenan die Hunde losbellten. „Hör auf! Wenn schon, dann lieber Anneliese statt Analyse!“

Sie kamen zum S-Bahnhof Wilhelmsruh, menschenleer, und nahmen mit kurzer Umarmung Abschied voneinander, denn von Schönholz her war schon der Zug zu hören. Blaubacke winkte noch, als Plottka die Treppe hinaufhastete.

„Uff!“ Keuchend kam der Sozial-Amts-Mann oben an und konnte gerade noch die Tür zum letzten Wagen aufreißen, ehe der Stationsvorsteher ansetzte, den Abfahrtsauftrag in sein umgehängtes Mikrofon zu flüstern.

Plottka fiel auf eine der hölzernen Längssitze und sah sich suchend um. Alles leer. Ein bisschen mulmig war das irgendwie. Sosehr die S-Bahn in Berlin ein Mythos war, sosehr wirkte auch der legendäre S-Bahn-Mörder nach, und so kam es, dass sich nach zwanzig Uhr die Fahrgäste auf den Außenstrecken fast alle im ersten der vier Wagen sammelten, da, wo der Fahrer ihnen, obwohl hinter einer Tür verborgen, Sicherheit versprach.

Nun, schwächlich sah er nicht aus, im Gegenteil: mit seinen Körpermassen, auch weiblich nicht. Also schloss er die Augen, um die drei Stationen lang zu dösen: Wittenau (Nordbahn), Waidmannslust, dann kam schon Hermsdorf, wo er gleich am Bahnhof im Obergeschoss eines umgebauten Pferdestalls Quartier genommen hatte.

Der erste Halt, die Tür ging auf, er blinzelte …

… und schnellte hoch.

Schulle mit der Ratte, in dieser Nacht noch mehr der Skinhead als sonst.

„… so ’n Zufall …“ quetschte Plottka heraus, aber sonderlich cool klang es nicht.

„Nein, ich hab in Gerhards Gruft angerufen, wann ihr gegangen seid …“ Schulle ließ eine schwere Kette wie einen Rosenkranz, wie ein Jo-Jo kreisen, mal um die rechte, mal um die linke Hand. „Du hast mal wieder nicht gezahlt, mein Lieber …!“

Plottka sah zur Notbremse hin, doch die war zu weit entfernt. „Geh doch zur Polizei …“

Schulle mit der Ratte lachte. „Ich schlag doch keinen Spielautomaten zu Klump, bis der nicht den letzten Groschen ausgespuckt hat …!“

„Erpresser!“

„Und was bist du?“

Plottka, mit all dem Alkohol im Blut, wusste nicht mehr, wo er war. Das Rauschen im Schädel verschmolz mit dem Rauschen des Zuges, der nun, als der Wagenführer den Fahrstrom weggenommen hatte, durch die Nacht trieb wie ein Düsenclipper.

Die Ratte … Das weizenblonde Jungvolkhaar, der Hitlerjungenblick … Auch der Mann hatte jetzt ein Rattengesicht. Er hasste den anderen, und er hatte Angst vor ihm. Arsch, du! Der Aggressionsschub mischte sich mit seiner Angstbeißerhaltung.

Plottka riss an der Tür. Die war zwar verriegelt, doch der Mechanismus war alt, und er bekam sie körperbreit auf.

„Willste dich rausstürzen!?“, höhnte Schulle mit der Ratte.

„Nein, dich will ich …“ schon hatte er den anderen gepackt „… rausschmeißen jetzt …!“

„Pass mal auf, dass du nich selber …!“

Sie kämpften wie zwei Tiere, während die weiße Ratte verstört unter die runden Heizkörper sprang.

Es war 0 Uhr 46.

Um 0 Uhr 49 meldete der Führer des um ein paar Minuten verspäteten Gegenzuges, dass etwa hundert Meter hinter dem Bahnhof Waidmannslust eine leblose Person liege.

 

 

5.

 

„Wir müssen heute unbedingt Geld abheben“, sagte Joana. „Nachmittags kommt der Fernseher … Quelle …“

„Hat er sich den doch noch bestellt gehabt?“ Gottfried strich sich seine Lieblingskonfitüre auf die Frühstücksschrippe, die Himmlischen Früchte, zog den Duft von Zimt und Nelken schnuppernd in die Nase, ließ Joana auflachen, dass er sie an einen Kater vorm Baldrian erinnere.

„Ja, dürfte er wohl, sonst hätten die nicht angerufen gestern …“

„Mit ’nem Scheck wollen wir nicht …?“

„Die Unterschrift nachmachen, wenn da die Quelle-Leute nebenstehen, das ist doch viel schwieriger, als wenn du jetzt in aller Ruhe …“

„Lass die in der Bank misstrauisch werden, und alles ist vorbei. Ich komm mir vor wie immer beim Fliegen: Angst, dass jeden Augenblick ’ne Bombe … Der große Crash!“

„Typisch Herzneurotiker“, konstatierte sie.

„Ist doch Wahnsinn alles!“

„Kannste immerhin ’n Buch drüber schreiben“, war Joanas Trost. „Oder ’n Drehbuch … Such dir was aus.“

„Ein Buch zu schreiben ist so schwer, wie Chinesisch zu lernen; ein Drehbuch wie Englisch … Dafür gibt es für Letzteres auch ein Mehrfaches an Geld …“

Joana goss sich Jacobs Krönung nach. „Mach beides. Ich sorg dann für die Bühnenfassung. Fehlt bloß noch der richtige Schluss, der große Gag …“

„Das neue Abflussrohr platzt, Onkel Herbert wird nach oben gespült!“, lachte Gottfried.

Joana hatte nebenbei im Faust geblättert. „Wenn Phantasie sich sonst mit kühnem Flug / Und hoffnungsvoll zum Ewigen erweitert / So ist ein kleiner Raum ihr nun genug / Wenn Glück auf Glück im Zeitenstrudel scheitert.“

„Unsers scheitert nicht!“, rief Gottfried aus.

„Wenn du inzwischen geübt hast, seine Unterschrift gut genug nachzumachen.“

„Hab ich. Und außerdem tauch ich schon jahrelang jeden Monat am Bankschalter auf und reich der Kassiererin das Auszahlungsformular mit seiner Scheckkarte rüber … The same procedure as every year … Meinst du, die lässt da von der Unterschrift erst ’n graphologisches Gutachten anfertigen …!?“

„Manche von den Bankleuten haben so was im Gefühl, dass da was …“

„Im Urin, ja!“, höhnte Gottfried. „Auf, auf zum fröhlichen Jagen! Die Anna ist undicht, die Nacht zu erhellen … Ah, Diana ist kundig … Was bin ich wieder zerstreut heute; wie ein Professor nach ’ner Seebestattung: in alle Winde, die Asche …! Na, besser als hier bei uns zwischen Abflussrohr und Sickergrube. Wer andere in die Sickergrube steckt, ist selbst ein Schwein …!“

„Hast du morgens schon getrunken …?“

„Betrunkene Menschen fliegen mit unsichtbaren Schwingen …!“

„Los, Geld abholen!“

Zu ihrer Bank, oder besser gesagt: zu der, die Herbert Dolgenbrodts Girokonto führte, waren es in gerader Linie keine zehn Minuten, doch sie machten noch einen Umweg von einer knappen Stunde, angeblich, um „sich die Beine zu vertreten und etwas frische Luft zu schnappen“, in Wahrheit aber aus der Furcht heraus, im entscheidenden Augenblick nicht die Nerven zu haben, dies alles durchzustehen, cool zu bleiben.

Erst oben am Hubertussee kehrten sie um, wieder einmal mit der für sie existentiellen Frage beschäftigt, wie sie denn in Zukunft möglichst risikolos an Dolgenbrodts Geld gelangen konnten. Seine Scheckkarte hatten sie, doch leider wurde die ja mit Ende des Jahres für ungültig erklärt. Eine Geheimnummer für den Automaten hatte er nie haben wollen.

„… bleibt uns ja nur, das Geld wie bisher am Schalter abzuholen“, sagte Gottfried. „Die Kosten fürs Haus, Strom, Wasser und so, werden ja alle per Dauerauftrag …“

„Und wenn wir nun ’ne neue Scheckkarte wollen …?“

Gottfried zog Joana den Bahndamm hinauf, wo sie für die neuen S-Bahn-Gleise Richtung Hohen Neuendorf/Oranienburg schon alles abgeholzt hatten. „Weiß ich nicht … Ich hab jetzt erst einmal ’n Formular für ’n Dauerauftrag ausgefüllt … Dass wir jeden Monat achthundert Mark von seinem auf unser Konto überwiesen kriegen. Verwendungszweck: Hilfe in Haus und Garten. Dazu hab ich seinen Ausweis mit und ’ne gefälschte Vollmacht, falls das nötig sein sollte.“

„Ob wir nicht doch ’n bisschen mehr …?“

„Das fällt sonst auf.“

„Und ohne neue Scheckkarte können wir dann nichts mehr abheben?“

„Nein, weil die Kassiererin die immer in ihren Computer reinsteckt … Scheiße, ja!“ Gottfried stieß ein paar Schottersteine den Bahndamm hinunter, traf dabei eine bizarr verbogene ehemalige Stromschiene, die auf halber Höhe an einigen Baumstümpfen hing.

„Da muss schon mal einer ’n kräftigen Wutanfall gehabt haben“, lachte Joana.

„Nee, das war Ende Mai ’45, als hier ’n Munitionszug in die Luft geflogen ist. Nicht mal Tiefflieger, sondern Funken einer vorbeifahrenden Lok. Räder und Schienenstücke sind bis zur Oranienburger Chaussee rübergeflogen. Im Umkreis von einem halben Kilometer alles kaputt, auch die Gebäude am Poloplatz hinten …“

„Schön, aber unser Scheckkartenproblem, das …“

„Bis dahin hab ich seine Stimme drauf, hundertprozentig, und ruf dann an bei der Bank: ‚Ja, hier Herbert Dolgenbrodt. Mein Neffe kommt gleich zu Ihnen, um meine neue Scheckkarte zu holen. Ich sitze hier im Rollstuhl und … Sie kennen mich ja … Danke. Wiederhören!‘“

„Nicht schlecht, aber doch noch ein bisschen zu sehr wie ’n degenerierter preußischer Oberst“, kam Joanas Bewertung. „Nicht so sehr an Hubert von Meyerinck denken.“

„Okay, okay. Ich werde mir ohnehin alle Mühe geben, im Laufe der Zeit immer mehr zu werden wie er. Bis ich wirklich Herbert Dolgenbrodt bin. Dann müssen wir nur noch mich verschwinden lassen …“

„Wenn du aber denkst, dass ich dann noch mit dir ins Bett …“

Damit stiegen sie zum Poloplatz hinunter („1913 das erste Turnier, heute wieder jeden Sommer…“) und kamen wenig später zum Zeltinger Platz, wo ihre Bank trotz Glas und Chrom neben der Backsteinwucht der märkischen Johannes-Kirche nur ärmlich und bescheiden wirkte.

Gottfried, tief durchatmend, fand es besser, allein hineinzugehen. „Sonst denken sie noch, wir seien Bonnie and Clyde …“

Eine andächtige Stille umfing ihn, als er die langgestreckte Schalterhalle betrat. Ein Kunde saß beim Filialleiter hinten, flehte offensichtlich um Kreditverlängerung, eine Oberschichtenlady, sichtbar einem Topmanager – oder Zahnarztharem – entstiegen, plauderte mit einer ebenso gelangweilten Sachbearbeiterin über die Vor- und Nachteile einer Kenia-Safari im Sommer, und eine Normalhausfrau und Mutter mühte sich am Stehpult mit dem Ausfüllen eines Antrags auf Eröffnung eines Girokontos herum.

Gottfried hielt nun auf die Kasse zu, objektiv gesehen auch in gerader Linie, hatte aber das Gefühl, wie ein Betrunkener zu laufen, in Schlangenlinien immer. Eine steile Rampe schien es hochzugehen, die Knie wurden immer weicher, und er schwitzte wie am Ende eines Tausendmeterlaufs. Kam dazu, dass im Panzerglashäuschen eine Dame hockte, die er schon von jeher gefürchtet hatte: wie die Hexe Kaukau in der ersten Fibel seines Lebens, wie die Spinne Thekla in der Biene Maja, wie seine Klassenlehrerin, Mathe und Physik, im Weddinger Gymnasium. „Mörz: Wie kommt es, dass, wenn von fünf Menschen in einem Raum sieben diesen Raum verlassen, zwei zurückkommen müssen, damit dieser Raum wirklich leer ist?“ Gott, war das eine blöde Ziege, diese Kassiererin, ein Alptraum, ein altes Schrapnell!

„Ich hätte gerne das Geld für Herrn Dolgenbrodt abgeholt …“ hörte er sich piepsen, plötzlich mit der Stimme eines fünfjährigen Knaben.

Die Kassendomina strafte ihn sofort mit absoluter Nichtbeachtung, zählte seelenruhig ihre Scheine weiter. Obwohl ja wirklich dasselbe Ritual wie immer, schnellte seine Pulsfrequenz diesmal erheblich nach oben, und seine Galle begann gefährlich zu puckern. Hinter der Schaufensterscheibe sah er Joana ungeduldig schmulen.

Gottfried hustete anhaltend. „Das Geld für Herrn Dolgenbrodt bitte …!“ Und schob die weiße Auszahlquittung (2000 DM) mit der gefälschten Unterschrift noch weiter die grau-weiß gemuschelte Marmorfläche entlang.

Doch noch immer keine Reaktion. Ob sie schon etwas geahnt hatte und die Polizei …? Psi-Phänomen, magische Fähigkeiten? Eine Gabe, die von ihm ausgehenden Wellen aufzufangen und zu deuten …? Quatsch, die war doch immer so bekotzt! Und warum sollte sie was ahnen: Es war doch alles wie immer. Dolgenbrodt hatte im März dieses Jahres mit dem Leiter gesprochen und eine Vollmacht hinterlegt: Einmal im Monat wird Herr Mörz hier erscheinen und das Bargeld abheben, das ich benötige. Geht in Ordnung. Die beiden kannten sich seit Ewigkeiten, und mochte das auch nicht so ganz strengen Bankkriterien genügen, es klappte halt. In Frohnau war eben vieles anders.

Gottfried machte sich Mut, indem er sich diesen Tatbestand immer wieder selbst erzählte.

Aber: Konnte eine Frau wie diese nicht doch erfühlen, dass da diesmal etwas anders war, dass er das Geld für einen Toten wollte, sozusagen den Geruch eines Leichenfledderers verströmte, eines Erbschleichers, eines Quasimörders?

Endlich ließ sie sich herab, ihre Zählarbeit zu unterbrechen und mit hoheits- und verachtungsvoller Geste nach seinem Zettel zu greifen.

Jetzt! Jetzt musste sie spüren, merken, ahnen, sehen, dass das nicht Dolgenbrodts genuine Unterschrift …

„Da stimmt was nicht …!“

Gottfried starb in diesem Augenblick, hatte jedenfalls das Gefühl von Kreislaufkollaps, Sturz vom Zugspitzgipfel nach Garmisch hinunter, Erschlagenwerden.

„Was denn bitte …?“

Die Unterschrift, haha! Hörte er sie sagen, nein, sagte sie gar nicht, sondern: „Das Datum!“

Setzen, Fünf!

„Wie …?“

„Frohnau ist kein Datum!“, belehrte sie ihn.

„Oh, Entschuldigung …!“ Er riss ihr die Auszahlquittung wieder weg und trug das Datum ein. „So, bitte …“

„Wie darf’s denn sein …?“

„Wie immer: die Hälfte Fünfzigmark-, die andere Hälfte Hundertmark-Scheine bitte …“

Die Hohe Frau begab sich zu ihren Vorräten und griff nach den verlangten Scheinen. „Geht’s ihm gut, Ihrem Onkel …?“

„Das Gehen fällt ihm immer schwerer, die Hüfte … Er muss viel liegen …“ Gottfried brach ab.

Sie sah ihn prüfend an, während sie ihm das Geld ganz penibel auf den Tresen zählte. „… eins-eins, eins-zwei, eins-drei …“

Gottfried hielt den Atem an, versuchte aus der Angst heraus, dass sie, trotz des Panzerglases zwischen ihren Köpfen, seine Gedankenwellen auffangen könnte, krampfhaft an anderes als Dolgenbrodt zu denken, stellte sich vor, der Bankchefin, die sich gerade links von ihm zum obersten Regal hochreckte, unter den Rock zu fassen, hatte aber keine Chance, die Gestalt des Toten von seinem inneren Bildschirm verschwinden zu lassen.

„… eins-sieben, eins-acht, eins-neun, zwei! Bitte. Sie schmunzeln ja so: Soll’s mit dem Onkel zusammen nach Bangkok gehen …?“

Hatte sie also mitgekriegt: seinen Blick zu den Azubi-Beinen hinauf, sein erotisch-sexistisches Grinsen …! Das andere auch: Dolgenbrodt …? Nein. Sonst hätte sie ja nicht vermutet, dass das Geld für sextouristische Zwecke Verwendung finden … Dolgenbrodt und er …

„Nein, nein!“, beeilte sich Gottfried zu versichern, „…’n Rollstuhl brauchen wir!“

Sie verstummte und zog sich in die hinteren Regionen ihres kleinen Reiches zurück, ließ Gottfried unbehelligt von dannen ziehen und in Joanas Arme sinken.

„Geschafft!“ Das erste Abenteuer war siegreich bestanden.

Nun konnten sie losfahren, um wirklich den besagten Rollstuhl zu kaufen. Dazu eine geeignete Schaufensterpuppe.

Sie gingen über die Brücke hinweg und auf das Pagodentor des S-Bahn-Eingangs zu, alles am Fuße des eigentlichen Frohnauer Wahrzeichens, des Casino-Turms, mittelalterwuchtig wie am Hamlet-Schloss in Helsingborg. Einen Delikatessenladen gab es da in den Vorräumen des Bahnhofs, und sie kauften sich zur Feier des Tages eine Flasche Champagner, leerten sie, während sie unten auf das Züglein warteten und zwischen den ersten Stationen ihrer halbstündigen Fahrt.

Dann versank Joana im wohligen Dschum, sah sich mit Gottfried zu einer Talk-Show geladen, im Mittelpunkt des Abends stehen, herrlich alles zwischen Tag und Traum.

MODERATORIN: Mal ganz direkt: Würden Sie sich beide als Kriminelle bezeichnen …?

JOANA: Nein. Es gibt da eine berühmte Theorie des amerikanischen Soziologen Robert K. Merton, in der abgehoben wird auf die dominierenden Ziele und Werte in einer Gesellschaft, also: Geld, Macht, Prestige und so weiter, und die legitimen Mittel, diese Ziele zu erreichen, Arbeit also. Wer einerseits die besagten Ziele und Werte verinnerlicht hat und auf der anderen Seite zu einem Arbeitsplatz gekommen ist und auch arbeiten will, der ist normal bei ihm, der legt Konformität an den Tag. Ein Plus-Plus-Mensch ist das im Merton-Schema. Ein Plus-Minus-Typ ist nun der, der zwar auch ein schönes Leben führen will, dem aber die legitimen Mittel dazu fehlen; der also arbeitslos oder unlustig ist. Merton meint damit den Kriminellen, nennt aber diese Kategorie interessanterweise Innovation …

GOTTFRIED: So verstehen wir uns auch, als Leute, denen mal was Neues eingefallen ist.

MODERATORIN: Was die Öffentlichkeit ja auch mit Interesse und Entzücken … Aber, von den strafrechtlichen Aspekten einmal abgesehen, makaber ist das Ganze doch, oder …? Dabei sehen Sie doch beide eher harmlos aus, sanft, verträumt …

JOANA: Ich bin immerhin schon mal in Kreuzberg bei ’ner Demo festgenommen worden …! Mit ’nem Stein in der Hand.

MODERATORIN: Und das bei Ihrem Vornamen … Joana. Poetischer geht es ja kaum.

JOANA: Es gab mal eine Schauspielerin: Joana Maria Gorvin, und von der ist meine Mutter bei einem Berlin-Besuch einmal derart fasziniert gewesen, dass ihre eine Tochter auch so heißen musste.

MODERATORIN: Daher also Ihre gewisse Affinität zum Theater?

JOANA: Ach …!

MODERATORIN: Ihr Vater ist aber ehrbarer Beamter in Bremen …

JOANA: Amtsrat bei der Senatskommission für das Personalwesen, ja.

MODERATORIN: Geboren sind Sie am 17.6.1955 in Achim bei Bremen und haben nach dreizehn Schuljahren brav das Abitur gemacht.

JOANA: Brav wohl weniger, aber immerhin.

MODERATORIN: Und damit schon das Endziel einer bürgerlichen Karriere erreicht …?

JOANA: Vielleicht. Ich bin erst mal in ’ne WG in Bremen gezogen, Ostertor-Viertel, Landweg, und hab gejobbt. Als Verkäuferin, als Zeitungsträgerin, als Kantinengehilfin, als Animateurin in einem Ferienclub, als Bardame … Was erleben halt, raus aus’m spießigen Mief. Dann bin ich zu ’ner Demo nach Berlin und dort hängengeblieben.

MODERATORIN: Was den Bruch mit Ihrer Familie zur Folge hatte?

JOA NA: Ja. Aber das schwarze Schaf bin ich ja schon immer gewesen. Fünf Geschwister, und alle was geworden: Zahnarzt, Apotheker, Diplomingenieur, Grundschullehrerin und … und … die Frauke ist Verwaltungsinspektorin geworden.

MODERATORIN: Sie dagegen studieren seit zwölf Jahren Psychologie, Politologie, Theaterwissenschaft, Germanistik und noch manch anderes … Mit welchem Ziel …?

JOANA: Mit keinem. Ich will nichts werden, ich will nur wissen, warum die Welt so ist, wie sie ist. Nicht säen, nicht ernten, nur leben. Sozusagen anwendungsfrei, verwertungsfrei. Sehen und verstehen. Das Dasein genießen, wie eine Schwalbe an einem Sommertag. Nicht alleine, mit Gottfried zusammen.

MODERATORIN: Und wo haben Sie den kennengelernt …?

JOANA: In der Siemens-Kantine, als ich die Kartoffeln auf die Platten raufgeklatscht habe.

MODERATORIN: Da haben Sie, Herr Mörz, als stinknormaler Industriekaufmann …?

GOTTFRIED: Äußerlich ja, innerlich habe ich mich aber immer schon als Autor gefühlt, als Schriftsteller, auch wenn ich damals außer zwei, drei Kurzgeschichten …

MODERATORIN: Geboren worden sind Sie am 3.2.1950 in Berlin, aufgewachsen im Wedding, Sparrplatz. Vater gestorben, als Sie fünfzehn waren, Mutter Kassiererin bei Bolle … Alle Achtung, dass Sie da Ihr Abitur gemacht haben …!

GOTTFRIED: Wer immer strebend sich bemüht, den werden wir erlösen!

MODERATORIN: Dann sind Sie Stammhauslehrling bei Siemens geworden?

GOTTFRIED: Ja, Rodach, Arnberg, Bocholt, dann nach Berlin zurück. Immer nur mit einem Wunsch: Raus da und schreiben! Obwohl alles, was ich bis heute an Romanen, Hörspielen und so geschrieben habe, niemand haben wollte …

MODERATORIN: Das wird ja nun anders werden, nachdem alle Sie kennen.

GOTTFRIED: Ich hoffe es. Aber auch ohne Erfolg würde ich … Es ist eine Sucht, nichts anderes.

MODERATORIN: Dann wäre das, was Sie mit dem armen Dolgenbrodt gemacht haben, sozusagen eine besondere Form der „Beschaffungskriminalität“ …?

GOTTFRIED: Ja, wenn Sie so wollen.

MODERATORIN: Wie sind Sie beide denn eigentlich an Ihr, ja, muss man ja wohl so sagen: Opfer geraten …? An Herbert Dolgenbrodt?

JOANA: Durch dessen Hobby: Eisenbahn, S-Bahn vor allem …

GOTTFRIED: Und durch mein Schreiben!

JOANA: Durch deinen Vater auch …!

MODERATORIN: Wie denn nun?

GOTTFRIED: Mein Vater war zum einen bei der S-Bahn, Schlosser im Bw Papestraße, Meister, auch so ein Verrückter, und zum anderen hat er in regelmäßigen Abständen kleinere Beiträge für die Berliner Verkehrsblätter verfasst …

MODERATORIN: Ah, daher auch Ihre schriftstellerische Ader!

GOTTFRIED: Ich weiß nicht … Sicher ist aber, dass wir dadurch die kleine Dachwohnung bei Dolgenbrodt bekommen haben, denn der kannte meinen Vater vom Arbeitskreis Berliner Nahverkehr her, wenigstens vom Namen und vom Mal-guten-Tag-Sagen.

MODERATORIN: Wie das Leben so spielt …!

JOANA: Ja, den einen spült es nach oben, den anderen nach unten.

MODERATORIN: Na, Dolgenbrodt hat es doch auch nach oben gespült, als Ihr Abflussrohr geplatzt ist …!

GOTTFRIED: Ja, wie sagt doch Friedrich Dürrenmatt: „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“

MODERATORIN: Da kann ich mir aber noch ganz was anderes vorstellen …

Drei Stunden später waren sie zurück und ließen ihre Taxe lange halten, auf dass sie der gesamte Franziskanerweg beim Entladen des Rollstuhls beobachten konnte. Der arme Dolgenbrodt, kann er jetzt gar nicht mehr allein … Wird er sich erst recht zu Hause verschanzen …

Die ebenfalls gekaufte Schaufensterpuppe hingegen steckte in einer Kiste, sorgfältig auseinandergenommen.

Joana hatte im letzten Winter im Rahmen ihres theaterwissenschaftlichen Studiums im Theater des Westens gejobbt und kannte auch den Requisiteur einer privaten Filmproduktion, sodass sie keine Mühe gehabt hatten, sich die beiden Sachen zu beschaffen.

„Würde sich doch lohnen, dass wir uns bald einen kleinen Wagen …“ Gottfried sah dem Taxifahrer hinterher, der eben gelöhnt worden war und sich nun daran machte, dem Frohnauer Straßenlabyrinth, alles geschwungen und gegeneinander versetzt, alsbald wieder zu entkommen. „Mit den fast fünftausend Mark, die Onkel Herbert in der Schublade hatte … Und nur aus Pietät für ihn darauf verzichten, nur wegen seiner S-Bahn-Sucht …“ Er hatte es schon ganz gut drauf, Dolgenbrodts Stimme zu kopieren. „Als anständige Menschen habt ihr mit der S-Bahn zu fahren! Ein Pkw ist und bleibt für mich tabu!“

Joana fror trotz der über zwanzig Grad an diesem hymnusschönen Spätsommertag. „Hör auf!“

„Wenn’s wirklich so echt klingen sollte, kann ich mich ja bald ans Telefon ranwagen!“

„… ranwagen ja, Rennwagen nein!“

„Bitte, parodier mich nicht!“ Gottfried stampfte mit den Füßen auf. „Ich will mein Auto haben!“

Joana tippte sich gegen die Stirn. „Damit die Leute dann pausenlos fragen, warum wir mit dem armen Onkel Herbert nicht mal spazieren fahren oder zum Arzt …!“

„Wenn du recht hast, hast du recht…“, musste Gottfried eingestehen. „Also rein mit dem Rollstuhl ins Haus …“

Kaum war das erledigt, kam die Firma Quelle mit Dolgenbrodts letzter Bestellung, dem großen Fernsehapparat, Katalognummer 020.853, 898 DM, und da sie bar bezahlten, ging natürlich alles glatt.

Doch als sie das Gerät gerade auf die Schubkarre hinaufgeschoben hatten und nach hinten rollen wollten, erhob sich draußen auf dem Bürgersteig ein bedrohliches Graugansgeschnatter, und schon wurde Sturm geklingelt.

„Friedel, ich bin’s!“

Gottfried erstarrte. Seine Mutter. Und wenn er etwas hasste, dann dieses Friedel. Wie Tante Friedel. Er brachte es nie über die Lippen, sie hingegen nicht seinen richtigen Namen, ihr von seinem Vater aufgezwungen. Sie war mit ihrer Wandergruppe gekommen, ihren Kegelschwestern aus dem Märkischen Viertel, in dem sie jetzt wohnte, Senftenberger Ring.

„Reinlassen müssen wir sie“, sagte Joana.

„Sie ist doch bloß wieder hinter Onkel Herbert her! Scheiße! Daran hab ich gar nicht mehr gedacht …“

„Nur eine Mutter weiß allein, was lieben heißt und glücklich sein“, rezitierte Joana einen Spruch aus der guten Stube ihrer Schwiegermutter.

Gottfried wurde böse und fauchte sie an. „Dich kann man ja nicht zur Mutter machen!“

„Friedel, Johanna!“, tönte es von draußen. „Eure Mutter und Schwiegermutter ist da. Ich seh euch doch!“

Sie flötete das so manieriert wie eine Gouvernante in einem sehr missglückten Ufa-Film, hätte dabei von ihrer Wohngegend, früher Sparrplatz/Wedding und nun Märkisches Viertel, wie auch vom Beruf her stark bis fürchterlich berlinern müssen, tat es aber nicht, weil sie vor ihrer Kassiererinnentätigkeit bei Bolle zehn Jahre lang im noblen KaDeWe angestellt gewesen war, täglich Damen hoher Güteklassen in die Pelze rein- und rausgeholfen hatte; und sogar Sprache konnte ja beträchtlich abfärben.

Gottfried eilte nun nach vorne, sie und ihre fünf Begleiterinnen artig einzulassen.

Da die Schubkarre mit dem neuen Fernseher darauf den Weg zum Haus versperrte, Joana den Gästen aber andererseits quer über den Rasen entgegeneilte, um sie vom Hause fernzuhalten, trafen sie genau über der Stelle mit ihr zusammen, an der Dolgenbrodt begraben lag.

Küsschen, Küsschen. „Johanna, mein Kind!“ An das Joana hatte sie sich nicht gewöhnen wollen. „Stören wir …?“

„Nein, nein … Wir haben nur …“ Gottfried zeigte auf die Schubkarre.

„Ich verstehe schon … Wir waren nämlich gerade im Buddhistischen Haus, bei euch hier in Frohnau … Und da wollte ich meinen Freundinnen nur mal zeigen, wo ihr wohnt, und Herrn Dolgenbrodt gleich das Buch mitbringen …“

„Welches Buch …?“

„Na, das hier …“ Sie zog es aus der Tasche. „Das über die Berliner S-Bahn …“

„Ah, ja …“ Gottfried nahm es, schlug es auf. „Berlin und seine S-Bahn … Transpress … VEB Verlag für Verkehrswesen Berlin … Da wird er sich aber freuen. Ich geb’s ihm nachher …“

Sie funkelte ihn an. „Das hätte ich gerne selber getan …!“

„Tut uns leid, aber er schläft ganz tief und fest …!“ Joana sagte es spontan und verspürte im selben Augenblick so etwas wie Schüttelfrost: Scham und Ekel kamen da zusammen, Angst und Unbehagen, Schuld und Larmoyanz, und sie musste schlucken, hörte ihre wie Gottfrieds Stimmen, während sie ins Haus lief, um sich überm Kellerausguss zu erbrechen.

… ich kann das Gesicht nicht sehen, den Kopf, das ganze Blut!

… reiß das Laken vom Bett, wir wickeln ihn ein.

… das reicht nicht.

… nimm noch die Decke von der Couch! Und hol die Wäscheleine aus’m Keller!

… es sickert immer noch durch!

… hat er nicht eben noch gezuckt …!?

… der ist doch schon ganz kalt!

… hör auf!

… wir müssen ihn im Keller unten haben, bevor die Leichenstarre …!

Durch das offene Kellerfenster hörte sie ihre Schwiegermutter lachen und Gottfried fragen, ob sie denn nun endlich ein Kind bekämen, ihren ersten Enkel.

„Nein, nur ’ne Sommergrippe. Dasselbe, was Dolgenbrodt hat: Brechdurchfall und Fieber. Ich hoffe, du steckst dich nicht an. Der Virus soll bei älteren Leuten nicht so ganz ungefährlich sein. Hier nebenan hatten wir gestern schon ’n Todesfall … Aber setzen Sie sich doch erst einmal, meine Damen, ich mach Ihnen schnell ’n Kaffee. Ist ja herrlich hier im Garten …“

Die Damen, die Joanas Würgen und den nachfolgenden Schwall sehr deutlich mitbekommen hatten, bedankten sich vielmals und waren schon verschwunden, als Joana wieder im Garten erschien.

„Wieder besser …?“ Gottfried nahm sie in den Arm.

„Ja. Nur so ein unkontrollierter Angriff meines Über-Ichs, das das natürlich alles unverzeihlich findet …“ Sie zeigte zu Dolgenbrodt nach unten. „Ist ja auch schrecklich! Wie sein Hund liegt er da …“

„Erde ist Erde …“

„Mit dem Verstand begreif ich das auch!“

„Knips sie aus, deine Gefühle …!“ Er stockte, denn unter ihrer Tischtennisplatte lag eine Werbebroschüre, offenbar seiner Mutter und einer der anderen Damen verlustig gegangen. „Info Service, Otto Berg …“

„Ist das nicht ’ne Bestattungsfirma …?“

„Ja, ’ne sehr gute sogar. Die hat meinen Vater damals …“ Und dann las er ihr die ersten Zeilen vor: „Halt! Legen Sie diese Broschüre bitte nicht zur Seite. Auch wenn Sie meinen, Bestattung wäre kein Thema für Sie. Es lohnt trotzdem.“

„Bitte, Gottfried, hör auf!“

„Wir müssen sozusagen leichenfest werden!“

„Ich glaub, das Schicksal tut jetzt alles, uns psychisch zu foltern …“ Joana hielt Kopf und Unterarme unter den schnell aufgedrehten Gartenschlauch.

„Ein Blick in unsere Ausstellungsräume zeigt eine breite Auswahl an Kiefern-, Eichen- oder Mahagonisärgen … Neuerdings aber halten wir für Sie auch umgebaute Bauernmöbel bereit …!“

Joana riss den Schlauch herum und setzte ihn wie einen Wasserwerfer ein, sodass er fliehen musste.

Sie folgte ihm, wild nach einer heftigen Nummer. Doch kaum hatte er sich wieder abgetrocknet und ihr seine Bereitschaft bekundet, da hielt ein Lastwagen vor ihrer, vor Dolgenbrodts Tür, und schon war ein verwegen aussehender Mann, ein wenig schon der Sam Hawkins bei Karl May, auf die Straße gesprungen und hatte losgeblökt: „Herrschaften, hallo …!“

Ihr Kesselreiniger, dem sie gestern, um ihn ruhig zu stellen, eine Flasche Whisky in die Hand gedrückt hatten. Ob er dennoch was gerochen hatte, im wahrsten Sinne des Wortes, und nun kam, sie zu erpressen …?

Joana ging wieder nach vorne und war Augenblicke später einem Kollaps nahe, einer Ohnmacht, versucht, dieser Wirklichkeit ein für alle Mal zu entfliehen mit einem Ruck, einem Verrücken, einem kurzschlussartigen Verrücktwerden.

Stand da, als sei der Kesselreiniger nicht schon Katastrophe genug, ein Mann in einem blauen Overall und hob genau an der Stelle, wo sie Dolgenbrodt vergraben hatten, die Erde wieder aus, war schon spatentief gekommen und stieß immer weiter nach.

„Halt!“, hörte sie sich schreien. „Halt, nein!“

Schrie so, dass Gottfried halbnackt herausgestürzt kam.

Ihr Klempner!

Gottfried flog geradezu auf den Mann mit dem Spaten herab und riss ihn zurück. „Sind Sie denn wahnsinnig …!? Ich hab das alles mühsam zugeschippt, und Sie …!?“

Der Handwerker, ein Pykniker von ausgesuchter Schläfrigkeit, so von der Art ostpreußischer Hinterwäldler, die zur Kaiserzeit stellungssuchend nach Berlin gekommen waren, starrte ihn an, eine Statue mit Namen „Die Verständnislosigkeit des BILD-Lesers nach zehn Minuten Schaubühnen-Macheth“, sagte dann mit schleppender Stimme: „Ich hab doch die Fugen noch nicht abgedichtet gehabt …“ Und ließ den Spaten, Roboter, der nicht mehr abzuschalten ging, noch einmal in die noch längst nicht wieder feste Erde flutschen, konnte jede Sekunde Dolgenbrodts Sargdeckel treffen.

… lass mich vorm Fernseher sitzen, war Joanas Stoßgebet, alles nur ein Film sein mit Louis de Funes oder Didi Hallervorden, Komödie und Blödelei! So idiotisch albern konnte doch die Wirklichkeit nicht sein!

Gottfried hielt den Arm des Mannes mit Schraubstockkräften fest. „Schluss jetzt! Das bleibt so, wie es ist!“

„Wo die Rohre zusammengesteckt sind, da sickert noch immer ’n bisschen Feuchtigkeit durch, und da wachsen Ihnen die feinen Wurzeln rein und verstopfen Ihnen das Rohr!“, beschwor sie der Klempner, richtig empört und viel temperamentvoller, als sie es je vermutet hätten.

„Hab ick jestern vajessen: Ihre Unterschrift!“, schrie zugleich ihr Kesselreiniger. „Junger Mann, ick steh nich ewig hier!“

…was haben wir uns da bloß eingebrockt! Joana hätte sich am liebsten wie die Elster bei Pukas nebenan in die Lüfte erhoben und wäre mit schnellem Flügelschlag davongeflogen, far far away.

Gottfried wandte sich zum Gartentor und gab Joana einen Stoß in Richtung Klempnermeister. „Mach du das mal …!“

„Lassen Sie’s bitte zu“, sagte Joana und sah den Handwerksmann mit jenem Miss-Piggy-Lächeln an, mit dem sie schon vor fünfzehn Jahren ihren Lateinlehrer in Achim dazu gebracht hatte, ihr statt der objektiv richtigen Sechs eine Vier minus zu geben: Oh, ich würde dich so gern vernaschen, wenn ich doch nur könnte, wie ich wollte …!

„Aber nur, wenn Herr Dolgenbrodt mir schriftlich bestätigt, dass er keine Regressansprüche stellt, wenn sein Rohr in drei, vier Jahren verstopft sein wird!“

„Kann er nicht, er liegt im Bett, er schläft … Neununddreißig Fieber …“

Na schön, dann unterschreiben Sie mir einen Wisch, dass ich das Rohr noch abdichten wollte, Sie mich aber dran gehindert haben!“ Damit ging er zur nahebei aufgebauten Tischtennisplatte, zog seinen Rechnungsblock aus der Overallhose und begann mit der Formulierung eines entsprechenden Textes.

Fünf Minuten später war alles überstanden: Der Kesselreiniger fuhr fröhlich pfeifend mit seinem in Ordnung gebrachten Auftragsblock davon, und der Klempner kletterte in seinen Werkstattwagen, Joanas Unterschrift in der Beuteltasche seines Overalls.

Als sie allein waren, umarmte Joana ihren Mann, schmiegte sich an seinen erhitzten Körper und fuhr ihm die Oberschenkel hinauf. „Du hast so viel in der Erde gebuddelt und zwischen den feinen Wurzeln gesteckt … Hoffentlich ist dein Rohr nicht auch schon verstopft … Lass uns das mal prüfen …!“

Überdreht, wie sie waren, wurde das ein überaus beglückender Test.

„Wenn wir uns beide haben, wird uns alles gelingen!“

 

 

6.

 

Die acht museumsalten S-Bahn-Wagen der Deutschen Reichsbahn (DDR), unten eklig rot wie geronnenes Blut und oben so ungewiss weißgrau wie eine frisch erbrochene Mehlsuppe, waren als Zuggruppe K wie Konrad vor gut zwölf Minuten in Oranienburg losgeschickt worden, dem Kreisstädtchen im Norden hoch über Berlin, und wollten sich eben ganz der Schwerkraft überlassen und auf ihren ausgefahrenen Gleisen in freiem Fall nach Süden stürzen, sich genau bei Frohnau ins Stadtgebiet bohren und erst eine Stunde später am Wannsee unten, kurz vor Potsdam, wieder stehen bleiben, mussten aber knapp hinter Hohen Neuendorf noch auf die alte Trasse wechseln, weil die DDR-Oberen nach dem Mauerbau beschlossen hatten, das feindliche West-Berlin in weitem Bogen zu umgehen war und die neuen Schienen noch nicht wieder lagen, hatten sie doch 61 teilweise sogar den Bahndamm abtragen lassen.

„Da drüben, das ist schon Frohnau …“ Gerda Großmann, die, in Fahrtrichtung gesehen, auf der rechten Wagenseite saß, zeigte auf den nahezu 350 Meter hohen Fernmeldeturm, „… die roten Lichter oben seh ich jeden Abend, wenn ich bei mir am Küchenfenster steh.“

„Vergiss nicht, für Yannik zweimal Nutella mitzubringen“, mahnte ihre Schwiegertochter, denn manches war im alten West- Berlin noch immer billiger als bei ihnen draußen.

Gerda Großmann stöhnte leise auf und nutzte auch diese Chance, ihren Unmut über den merkwürdigen Vornamen ihres Enkels kundzutun. „Ja, ich hab ihn ja trotzdem sehr lieb …“

„Mutter …!“ Ihre Schwiegertochter verwies auf die Vielzahl weltbekannter Athleten aus der ehemaligen DDR, die undeutsche Vornamen trugen. „Kennste nicht Bill Huck, den Rennfahrer, oder unsere Boxer: Henry Maske, Enrico Richter … Warum nicht mal ’n Tennisspieler …“ An Yannik Noah, den exotischen Franzosen, hätten sie gedacht, denn bei einem seiner Matches sei es wohl passiert. „Als der im Fernsehen …“

„So genau hab ich’s ja gar nicht wissen wollen …!“

Gerda Großmann sah so interessiert-entzückt aus dem Fenster, als rollten sie den Rhein entlang und nicht durch märkische Heide, märkischen Sand, viel öder, als es Stationsnamen wie Bergfelde, Schönfließ oder Mühlenbeck-Mönchmühle denn erahnen ließen. „Früher vom Führerstand aus sah ja alles noch viel schöner aus, da hattest du ’ne ganz andere Perspektive …“

Ihre Schwiegertochter stöhnte leise auf. „Deine S-Bahn-Zeit, ja … War das auf dieser Strecke hier, wo du dir das Fleisch für Onkel Albert drüben zwischen den Beinen festgebunden hattest …?“

„Ach, Kind, die gab’s doch vor der Mauer noch gar nicht, als S-Bahn jedenfalls. Nee, 48/49, da bin ich gleich bis Gesundbrunnen durchgefahren und dann in den Nordring rein. Bis Beusselstraße. Da hat er damals gewohnt, Seitenflügel, vier Treppen. In der Blockade, als sie in West-Berlin drüben nichts zu präpeln hatten, überhaupt nichts Richtiges; wir aber!“

„Hihi, ich hätt das nicht gegessen …!“

„War doch gekocht alles!“ Gerda Großmann lachte. „Was meinste, was wir gleich nach’m Krieg alles gegessen haben, ohne es zu wissen: Ratten, Pferde, Hunde, Katzen … Und bei uns die dicke Frau Meier-Vorberg, als die eines Tages spurlos verschwunden war, da …“

„Schwiegermutter: Schluss!“

„Na, Albert hat’s damals prächtig geschmeckt …! Und der is ooch imma so jerne S-Bahn jefahrn …“

„Ihr mit eurer S-Bahn …!“

„Fünfundzwanzig Jahre bin ich mit der verheiratet gewesen. Erst als Schaffnerin. Wenn der Kollege auf’m Bahnsteig die Kelle hochgehoben hat, den Befehlsstab, dann musst ich von draußen an die Scheibe klopfen: Türen schließen! Und dann den ausfahrenden Zug beobachten, bis der letzte Wagen aus’m Bahnhof hinten raus war. Wenn da einer noch reinspringen wollte und dann … Is ja ab und zu doch einem das Bein abgequetscht worden und so …“

„Ich fahr nie wieder mit dir zusammen, wenn du nicht mit deinen Schauermärchen …!“

Gerda Großmann freute sich. „Und die Angst immer, dass uns einer auf die Gleise springt. Hab ick zum Jlück nie mitjemacht, aha Kollegen, die …!“ Je aufgeregter sie wurde, desto stärker berlinerte sie. „Jelernt hatte ick ja Kontoristin, aber Albert hat imma jesagt: Mädel, du musst raus aus’m Büro, die Welt sehn: von Potsdam nach Erkner, von Wannsee nach Frohnau!“

„Aber ist das nicht langweilig: jeden Tag dasselbe …?“, fragte ihre Schwiegertochter.

„Als wir EBM hatten, schon.“

„Was …?“

„Ein-Mann-Betrieb, Abfahr-Auftrag durch Funk. Als das kam, da hatt ich aber schon den Lehrgang mitgemacht, da war ick Führer …“

Ihre Schwiegertochter zeigte sich nun wieder interessierter. „Und da hast du denn deinen Mann kennengelernt …?“

„Ja, und gestorben ist er dann genau zwanzig Jahre später …“ Sie lehnte sich zurück in die Kuschelecke des Wagens, jenen beliebten Platz, wo hinter der Schutzwand zur Tür nicht sogleich das Fenster folgte, sondern erst noch warmes Holz beziehungsweise eine glatte Plastikfläche kam. „Damals bin ich Vollring gefahren … Fast jenau ’ne Stunde einmal ums innere Berlin herum. Die eine Grenze war zwischen Sonnenallee, also Westen, und Treptow, also Osten, die andere zwischen Schönhauser Allee und Gesundbrunnen, verstehst du …?“

„Ja, klar …“

„Und bei uns in Ost-Berlin, da standen immer Transportpolizisten uff den Bahnhöfen, und die haben drauf geachtet, dass keine von unsern Soldaten und Polizisten eingeschlafen waren und dann bis in’n Westen mitgefahren sind. Is doch mal einer aus Versehen rüber, weil er eingenickt war, und is dann zurückgekommen, also einer von’er NVA oder von’er Volkspolizei, dann is er festgenommen und verhört worden. Kontakte zu den amerikanischen Dienststellen, das haben se da gleich angenommen. Da haben wir denn manchmal einen zurückschmuggeln müssen … Mit vollem Risiko! Steht da, am 3. Mai ’51 is das gewesen, weeß ick noch wie heute, steht da uff’m Bahnhof Tempelhof dein Vater, besoffen jewesen, einjeschlafen, steht der da und macht: Bitte, bitte! War Liebe uff’m ersten Blick bei mir, trotz seiner grauen Uniform … Also dürft er sich bei mir vorn uff’m Führerstand verstecken. Bis Ostkreuz hat er da uff’m Fußboden gelegen, so lang wie er war … Immer mir zu Füßen, damit, wenn an’er Grenze einer rinjeguckt hat …“

Ihre Schwiegertochter lachte. „Ist schon komisch. Wenn sie euch beide da geschnappt hätten, war ich heute mit ’nem anderen Mann verheiratet, gäb’s Yannik nicht …“

„Wie das Leben so spielt … Aber meistens ist es da vorn im Führerstand verdammt einsam gewesen … Man hat das Sprechen verlernt …!“

„Na, das holst du jetzt ja wieder alles nach!“

Gerda Großmann knuffte ihre Schwiegertochter. „Du Biest, du! Sag ick eben ja nischt mehr!“

Sie kamen im weiten Bogen über das Karower Kreuz, Blankenburg und Fleinersdorf nach Pankow, und jetzt war es ihre Schwiegertochter, die von ihren kleinen und größeren Nöten erzählte, dass sie sich vor allem um Bodo, ihren Ältesten, doch Sorgen mache. „Musste der Marxismus-Leninismus studieren, mein Gott, ausgerechnet …! Wer soll’n den jetzt nehmen …! ? Und deinen Sohn haste damals heiß jemacht, dass er zur NVA …!“

„Gott, wer hätt’ det allet ahnen könn’n …!? Du weißt ja, wassa jesagt hat: ‚Mutter, drei Berufe wird es immer geben: Toilettenmänner, Totengräber und Soldaten. Gepinkelt wird immer, gestorben wird immer und …‘“

„… aber wenn nun alles abgerüstet wird, dann …“

„Ah, gucke mal, da drüben ist ja meine alte Nordbahntrasse!“ Gerda Großmann war endlich wieder beim Thema, zeigte nach rechts aus dem Fenster, wo hinter Grenzstreifen und Mauer, die noch immer nicht abgeräumt war, nur hin und wieder Löcher zeigte, Westberliner Häuser zu erkennen waren und auf einem Damm ein Vier-Wagen-Züglein in den alten, nur ein wenig aufgehellten S-Bahn-Farben: Ockergelb und Dunkelrot. „… die Kurve da, das ist zwischen Wollank- und Bornholmer Straße … Der is ja noch imma nich wiedereröffnet, der Bahnhof. Kind, wie oft bin ick da mit meinen Zügen langjerauscht! Von Frohnau runta …“

„Frohnau, Frohnau …?“ Ihre Schwiegertochter dachte nach. „Wohnt da nicht dein alter Tanzstundenfreund, der mit derselben S-Bahnmacke wie du?“

„Der Herbert Dolgenbrodt, ja. Wo ihm die Frau vor ’n paar Jahren weggestorben ist …“

„Mensch, Schwiegermama, du wirst ja rot! So ’n reicher West-Witwer, was, der …!? Besuchst du ihn denn mal?“

„Selbstverständlich, ja …“

 

 

7.

 

Es war ein Freitag Mitte Oktober, und Hagen Plottka hockte, obwohl seine Sprechstunde schon längst begonnen hatte, immer noch im Keller auf dem dienstlichen Klo, ließ gerade die Verdauungsprodukte der letzten drei Tage in die Porzellanschüssel fallen und brummte dabei: „Der Beamte hat sich mit voller Hingabe seinem Berufe zu widmen …“ Das war, wie er bei seiner Inspektorenausbildung gewissenhaft gelernt hatte, der § 54 des Bundesbeamtengesetzes.

Mit dem Abwischen zögerte er noch, denn das Toilettenpapier, das ihm sein Dienstherr zur Verfügung stellte, war so rau, dass es ihm am laufenden Bande Hämorrhoiden bescherte. Typische Verletzung der Fürsorgepflicht. Außerdem hatte er noch immer Schwierigkeiten, die rechte Hand entsprechend zu krümmen, obwohl seit dem Duell im S-Bahn-Wagen nun auch schon wieder gute drei Wochen ins Land gegangen waren. Beim Sturz auf Schotter und Bahndamm hinunter hatte sich Schulle mit der Ratte mit aller Kraft festhalten wollen und ihm fast die Fingerglieder ausgerissen.

Plottka drehte sich nach hinten und spülte, ertrug den eigenen Gestank nicht mehr, war aber zu einer angemessenen Koordination seiner Körperteile noch immer nicht fähig, fluchte gewaltig, weil er den nackten Arsch nicht mehr schnell genug hochreißen konnte und einiges an Wasserspritzern abbekam. Fing ja gut an, dieser Tag …!“

Unmutig ließ er sich wieder auf die schwarze Brille hinab und studierte die Anzeigenseite einer in den Papierhalter gestopften BZ. Ein Wink des Schicksals, heute Abend mal wieder. Seit drei Jahren war er geschieden, und welches adrette Bürgermädchen wollte ihn denn noch. Die anderen hingegen wollte er nun nicht, die Demo-Emanzen, mit denen er befreundet war, mit Dutzenden, oder Suppenhuhn vielleicht. Also, ehe er zum Triebtäter wurde. Yeni! Türkisches Modell – tabulos und unbehaart. Nein, da hatte er 'ne gewisse Scheu vor. Neu: stark behaarte Viola. Auch nicht. Britta, knabenhaft. Gott, nee. Neu. Jamaica-Traum Isabell. Nein, da kam womöglich wieder ’ne Razzia dazwischen: Mädchenhandel, Sklavenhandel, schlimm. Ebenso bei: Thai-Sternchen oder 3 Thai-Modelle besuchen. Schließlich schrieb er sich zwei Nummern heraus: Vielseitige, reife Frau und Schmusemodell, 39 Jahre. Mal sehen.

Er gähnte und wartete mit zunehmender Verzweiflung darauf, dass sich nun endlich etwas Arbeitslust bei ihm einstellen wollte. Nein, noch immer nicht. Er wünschte sich ins Bett des Schmusemodells, an den Strand von Maspalomas, in die Eissporthalle in der Jaffestraße, irgendwohin, wo halt mehr los war als hier.

Kaum gedacht, da war schon was los, na bitte. Zwei Toiletten weiter der Aufschrei einer Frau, seiner Kollegin Terletzki.

„Hör auf zu spiegeln, du Sau!“, schrie er und bummerte mit beiden Fäusten gegen die hölzerne Wand, die sich zwischen ihm und der anderen Männerkabine befand. Dahinter lag die Damentoilette, zwar von einer gut zwei Meter hohen steinernen Wand vom Männerklo getrennt, doch zwischen deren oberen Rand und der Decke war lediglich ein fester Maschendraht gespannt, sodass geile Klienten immer wieder kleine Spiegel an die Toilettenbürsten banden und auf den Beckenrand traten, um den Damen nebenan bei ihren Verrichtungen genüsslich zuschauen zu können.

Polternde Geräusche, und der ertappte Voyeur suchte das Weite.

Plottka machte sich nicht die Mühe, nun die Hosen hochzureißen und dem Täter hinterherzueilen, vielleicht auch noch die Polizei ins Amt zu holen; es gab Schlimmeres.

Stattdessen nutzte er die Zeit, die Graffiti-Versuche an der Tür vor ihm, Hinterlassenschaften frustrierter oder aber triebüberschüssiger Klienten, noch einmal genauer in Augenschein zu nehmen. Männliche und weibliche Geschlechtsteile und Symbole in vielerlei Farben und eine kunstvolle Darstellung seiner masturbierenden Chefin. Verenas Ritze ist wirklich Spitze! Gut, dass sie davon nichts wusste, es hätte sie dazu gebracht, die ganze Tür aushängen zu lassen. Rot ist die Liebe, und schwarz ist das Loch – Verena sei tapfer, rein muss er doch. Sonderlich anregend fand er das nicht, und obwohl ihn viele eine große Sau nannten, verhielt er sich seiner Chefin gegenüber immer eunuchenhaft zahm.

Diese Inschriften amüsierten ihn eher, sollten sich die Kerle doch ruhig einen runterholen hier unten, waren sie oben bei den Sachbearbeiterinnen umso sanfter, in Rage brachte ihn aber das, was weiter unten stand: Schluss mit dem NS-Verbot! Homos in die Seifenfabrik! Schlesien muss wieder deutsch werden! Ausländer raus! Dazu ein Türke, der an einem Galgen baumelte, und einiges an Hakenkreuzen, SS-Runen und dergleichen. Da brachte er seine Sitzung blitzschnell zu Ende und stürzte zum Schrank der Reinemacheleute im Kellerraum hinten, holte sich die Sidolin-Flasche und rieb gute fünf Minuten an der Tür herum, bis alles nur noch ein unleserliches Farbgeschmiere war. Den Rest konnte nachher das Ehepaar Saftic besorgen.

Nun war er motiviert genug, sich in seine Tagesarbeit zu stürzen. Na also! Fast beschwingt stieg er nach oben.

Der Flur war krachend voll, und es stank hier schlimmer als unten im Toilettenraum, vor allem so ungemein süßlich, als hätten sie alle Dünnschiss gehabt und es in die Hosen gehen lassen. Puh! Fast hätte er sich, wäre das nicht zu provozierend gewesen, beim Aufschließen seiner Tür die Nase zugehalten.

Ein Milieu, das ihn so erfreute wie damals Vater Zille das seine. Ein Libanese warf sein Schlüsselbund mit der Handfläche nach oben und versuchte es, was selten gelang, mit dem Handrücken wieder aufzufangen. Eine überraschend gepflegte Rentnerin, Typ Grauer Panther, sicherlich intakt genug, mit dem Rollenden Hotel, diesem Sarg auf Rädern, um die halbe Welt zu gondeln, löste ein launiges Kreuzworträtsel und fragte pausenlos herum. „Amerikanischer Politiker mit T, auch als Futterstoff bekannt …?“ “Taft …“ half ihr Plottka weiter und sicherte sich damit nicht nur ihren Dank, sondern auch den prüfenden Blick einer jungen Alternativen. Turnschuhe und Jeans, na klaro, eine schwarze Lederjacke und einen schwarzweiß karierten Araberfeudel um den blassen Hals gewickelt. Die Welt und insbesondere ihn verachtend, feilte sie die krallenlangen Nägel. Die Frau daneben war ein Mann, ihr androgyner Partner, hatte die langen Haare zum Zopf gebunden und signalisierte allen mit autistisch-aggressivem Blick, dass er zu den echten Autonomen gehörte. Damit es aber auch Plottka begriff, den er ganz offenbar, da ja Beamter, für überaus bescheuert hielt, schwenkte er dazu die taz. Trabbi saß als Vierter auf der Bank und schrieb schon wieder eine Dienstaufsichtsbeschwerde. „Diese Wartezone ist in hohem Maße menschenunwürdig, und ich werde mich beim Senator selber über diese unzumutbaren Gerüche hier beschweren!“

„Schreiben Sie: olfaktorische Belästigung, dann klingt das vielleicht besser“, rief ihm Plottka zu, stolperte fast über ein vielleicht vierjähriges Mädchen, das auf einem Dreirad herumfuhr und alles und alle mit braunen Rehäuglein ansah und anstaunte. „Na, du …!?“, sagte Plottka und strich der Kleinen übers dunkle Haar, dachte: Und in welcher Gosse wirst du mal landen, unter welchem Auto, in welchem Massengrab, atomzerstrahlt. Bin ich zynisch, fragte er sich. Nein. Ein sentimentaler Knopp war er, hatte feuchte Augen, während er sein Zimmer betrat. Beschissenste aller möglichen Welten. So gut ging’s uns schließlich noch nie.

Die erste Nummer aufgerufen, der erste Fall. Eine ehemalige Garderobenfrau, sechzig Jahre, Kehlkopfkrebs.

„Nehmen Sie doch bitte Platz, Frau Glubig … Was gibt es denn?“

Mit Hilfe eines speziellen Gerätes formte sie nun mühsam jedes Wort, kam es wie aus einem Computer mit fast leerer Batterie: „Mir … haben … sie … den … Strom… abgestellt …“

„Ich hatte doch mit Frau Roggensack gesprochen, dass wir Ihre Stromschulden übernehmen würden.“

„Einen … Spirituskocher … hat … sie … mir … angeboten … bevor … sie … nach … Kenia …“

Plottka stand auf. „Kommen Sie mal, Frau Glubig, wir gehen schnell zur Chefin rein, und die soll das dann ein für allemal …“

Er führte die kranke Frau zu Verena ins Zimmer und wollte die Sache ganz schnell auf den Punkt bringen, wurde aber schon nach dem ersten Satz gebremst, als seine Vorgesetzte sich grazil erhoben hatte und nun ganz dicht neben ihm stand. „Hagen, Mensch, secondhand, na schön, thirdhand, wenn’s denn sein muss, aber nun fourthhand …! Ich weiß nicht so recht … Irgendwie sollten wir doch noch ’n bisschen anders aussehen als unsere Klienten …“

Jeden zweiten Tag dasselbe, und, wie es sich für ein Ritual gehörte, wiederholte auch Plottka das alte Argument: „Wir sollen doch sparen, sparen, sparen, und da hab ich’s doch mit meinen Klamotten viel einfacher, den Leuten eine Bekleidungshilfe zu verweigern als du mit’m teuren Boutiquen-Look …“

Ihr Flüstern sorgte bei Frau Glubig für eine gewisse Verwirrung, und sie glaubte, dass sie nun wirklich einen Spirituskocher … „Da geh ich eher ins Wasser!“

„Aber nur ins Badewasser, wenn Ihr Durchlauferhitzer wieder funktioniert!“, lachte Plottka und konnte dann mit Verenas Rückendeckung die Sache per Anruf bei der Bewag bald in Ordnung bringen. „Der Monteur kommt noch heute Nachmittag, und dann haben Sie wieder Strom. Bezahlen tun wir.“

Frau Glubig strahlte und eilte hinaus, um sich zur Feier des Tages bei Hertie ein schönes Frühstück zu gönnen.

„Wenn ich so weitermache“, sagte Plottka grinsend zu Verena Zietz, „krieg ich, wenn ich vierzig werde, den Bundesverdienstkeks am Bande …!“

Das Grinsen verging ihm aber gründlich, denn als er wieder in sein Zimmer kam, saß da Schulle mit der Ratte, einer neuen weißen Ratte, im Drehsessel hinterm Schreibtisch.

„Ich will nur schnell kassieren …“

Hatte den Sturz aus der S-Bahn ohne große Blessuren überlebt, Glück gehabt, dass der Zug kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Waidmannslust nicht mehr allzu schnell gewesen war. Ein kurzer K. o., eine leichte Gehirnerschütterung und ein paar kleinere Wunden und Hautabschürfungen, hatte schon am nächsten Morgen aus dem Krankenhaus entlassen werden können und den Ärzten gegenüber angegeben, von allein durch eigene Schuld hinausgestürzt zu sein, beim Versuch zu kotzen.

Plottka zog fünf blaue Riesen aus der Hosentasche und reichte sie dem anderen hin.

Schulle mit der Ratte stand wieder auf und hatte klugen Trost parat. „Hast ja bald wieder deine Besoldungserhöhung … Weißte doch: Einsam hat man keine Kraft / Die die Not vom Leibe schafft / Wo sich viele Hände reichen / Wächst die Kraft, der Feind muss weichen. Tschau!“

Plottka nahm seine große Papierschere vom Tisch, packte sie wie einen Dolch und machte die Bewegung des Zustechens. „Es hat alles seine Grenzen, auch meine Kosten-Nutzen-Überlegung …“

„Ich bin eben so ’n Typ, den es reizt, das genau herauszufinden …“

Damit verschwand er wieder, und Plottka rief den nächsten Klienten ins Zimmer, einen 23jährigen Fachverkäufer für Fotoartikel, der bislang arbeitslos gewesen war, nun aber eine Stelle hatte, sein erstes Geld jedoch erst am Monatsende ausgezahlt bekommen sollte.

„… brauche aber dringend was, weil ich nächsten Freitag heiraten werde … Das Überbrückungsgeld … Zur Ausgestaltung unserer Riesenfete …“

Plottka sah den deutschen Jungmann an, wie er lässig am Goldkettchen spielte, aus seinen hellen Edelklamotten süßliche Zuhälterdüfte verströmte und stolz war auf seine Nussschalenbräune aus dem Südsee-Sonnenstudio gleich um die Ecke. „Da gehen Sie mal zum Arbeitsamt.“

„Da sind die Kassen leer.“

„Was meinen Sie, was unsere sind …“

„Das ist mein Recht!“

„Nein, Herr Reese, das ist meine Ermessensentscheidung … Und da entscheide ich nun mal ohne Ansehen der Person …“ Was glatt gelogen war. „… entscheide ich also, dass Sie vom Sozialamt nichts kriegen, weil Sie wohl ohne Weiteres auch ’n ganz normalen Bankkredit aufnehmen können …“

„Das ist ja ’ne Unverschämtheit! Ich werde mich beschweren.“

„Wenn es Sie erleichtert, bitte …!“ Plottka schob den Mann zur Tür hinaus, ohne sich an ihm die Finger sauberzumachen.

Das Telefon riss ihn zum Schreibtisch zurück, bevor er die nächste Nummer aufgerufen hatte, und da er seinen Nachnamen weithin verdrängte, für alle nur „der Hagen“ war, meldete er sich, ganz in Gedanken, ausschließlich mit diesem.

„… Hagen ist da?“, fragte eine Dame höheren Jahrgangs ziemlich bissig zurück.

„Ja, sag ich doch …!“

„Ich wollte nicht Hagen, ich wollte das Sozialamt in Berlin …!“

Plottka lachte los. „Das ist der Witz des Tages …! Lassen Sie mich bitte …“

„Das ist ’n Ferngespräch, junger Mann!“ Und aufgelegt.

Schnell aber war Hagen Plottka das Lachen vergangen, denn inzwischen hatte es bei ihm überdeutlich klick! gemacht. Die Tante eines ihrer Bezirksstadträte …

Da war sie schon wieder. Er nahm den Hörer ab und meldete sich mit schnell verstellter Stimme, näselnd und viel tiefer. „Plottka, bitte sehr …?“

Stellte sich alsbald die nächste Panne heraus. Ausgerechnet bei der hatte er die Unterlagen verschlampt und vergessen, den Bescheid …

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Titel: Mord hat Hauptsaison - Krimi-Sonderedition Band 1