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Redlight Street #99: Von der Sünde gezeichnet - aber nicht verloren

2019 125 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Von der Sünde gezeichnet - aber nicht verloren

Copyright

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Von der Sünde gezeichnet - aber nicht verloren

Redlight Street #99

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Auf dem Weg zu ihrer kleinen Wohnung erfährt Nell, dass Jonny eine heiße Spritze hat. Das bedeutet, dass das Syndikat beschlossen hat, dass jemand sterben soll. Nell glaubt, dass Martha diejenige ist und versucht sie zu warnen …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Auf dem Weg vom Bäcker zu ihrer kleinen Wohnung in der Grünen Gasse erfuhr Nell, dass Jonny eine heiße Spritze hatte. Gerücht, dachte sie im ersten Augenblick. Aber je länger sie darüber nachdachte, desto mehr glaubte sie daran. So war es immer - erst kam ein Verdacht auf, man lachte darüber, und dann erschrak man zutiefst. Nell war mit allen Wassern gewaschen und ließ sich nichts vormachen.

Jonny, der verdammte Bastard von Strichjunge, hatte also eine heiße Spritze.

Wem galt sie?

Wen wollte man damit um die Ecke bringen?

Vor einiger Zeit hatte sie vernommen, dass die Fixer wütend waren. Das Zeug sollte nicht mehr ganz astrein und obendrein sehr im Preis gestiegen sein.

Nein, dachte sie, Jonny war ahnungslos, Jonny wusste gar nichts davon. Die verdammten Dealer benutzten ihn nur, um den Süchtigen eine Abreibung zu verpassen.

Nell hatte das Haus erreicht, schloss die Tür auf und ging nach oben in die kleine Wohnung. Sie hatte eine winzige Küche, Bad und zwei Zimmer. Direkt vornehm sah es bei ihr aus. Nell hatte auch Glück, denn so leicht bekam eine Dirne keine Wohnung. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als irgendwo in einer Absteige oder im Puff selbst zu wohnen.

Frau Schröder, ihre Wirtin, wusste um ihren Beruf, schwieg aber und ließ sie in Ruhe. Und dieses Schweigen ließ sie sich verdammt teuer bezahlen. Es war reiner Mietwucher. Aber was sollte sie machen? Eine Nutte besaß keine Rechte, so schwieg man eben. Und Nell konnte nur in einer ordentlichen Umgebung leben. Sie hatte es versucht mit den anderen Mädels, aber nicht lange. Sie konnte es nicht ertragen. Deshalb war sie ausgezogen und lebte seit einem halben Jahr hier. Aber ihr Zimmer hatte sie noch immer im Puff. Das brauchte sie für die Arbeit.

Nell war eines der besten Pferdchen, welches man zur Zeit dort antreffen konnte. Schlank, sehr groß und biegsam, dezent gekleidet und auch nicht ordinär zu den Freiern. Man zahlte gerne ein wenig mehr, um sie zu bekommen. Jenny sagte immer, sie habe die Masche heraus, schnappe ihnen alle Freier weg. Nells Zuhälter saß seit einem halben Jahr im Gefängnis, und dort würde er auch noch eine Weile aushalten müssen. Warum war er auch so blöd, den Kerl so zusammenzuschlagen, dass er später starb! Nell hasste Bob, aber sie sagte es selbstverständlich nicht laut. Bevor er sie wieder ausbeuten konnte, würde sie von hier verduften. Man konnte sich überall eine neue Existenz aufbauen. Aber im Augenblick war sie hier sicher und scheffelte das Geld nur so. Ein hübsches Bankkonto war immer ein gutes Rückenpolster.

Aber alle Gedanken brachten sie immer wieder auf Jonny zurück. Verdammt, sie fixte nicht, brauchte nicht das Zeug. Was ging es sie also an? Aber wer von Martha, Jusa, Jenny, Lola, wer sollte daran glauben? Martha! Unwillkürlich musste sie an diese denken. Martha hatte in der letzten Zeit am meisten gestänkert, und außerdem hatte sie ihren Luden zum Teufel geschickt. Bestimmt wollte er sich somit an ihr rächen.

Ich muss sie warnen, dachte sie unwillkürlich. Ich darf Martha das nicht antun. Damals hat sie mir auch geholfen. Wenn ich sie jetzt warne, sind wir quitt für alle Zeiten.

Nell warf mit einem Knall die Brötchentüte auf den Küchentisch und ging ins Badezimmer. Sie war wütend. Nun musste sie wegen Martha raus und konnte sich nicht aufs Ohr hauen und anschließend in die Stadt gehen. Dieses verdammte Luder, warum musste sie auch immer noch Hasch nehmen! Kam sie denn nie zur Vernunft?

Nur eine Überdosis Heroin brachte den Tod, das wusste sie genau. Aber wenn Martha auf einem Tiefpunkt angelangt war, nahm sie alles, was sie bekommen konnte. Jonny musste also eine heiße Heroin Spritze mit sich führen. War es da nicht besser, sie fand Jonny und nahm sie ihm ab?

Nell warf in hohem Bogen die hackigen Schuhe von sich, schlüpfte in die schmalen Sandaletten, zog das Kleid aus und nahm den kurzen Rock sowie die enge gelbe Bluse. Wenn sie schon ging, konnte sie nachher gleich mit dem Geschäft beginnen und brauchte nicht erst zurück. Inzwischen kochte das Kaffeewasser. Sie schlürfte den Kaffee und grübelte nach. Wo würde sie ihn am schnellsten finden?

Jonny war fünfzehn Jahre alt, Mischblut und verdiente sich als Strichjunge seinen Unterhalt. Er machte Geschäfte für Luden und Dirnen, besorgte den Stoff und war für alles zu haben. Er war schnell und zäh wie eine Katze. Jonny erwischte man nicht so leicht.

Nell nahm die kleine Handtasche und verließ ihre Wohnung. Verdammter Mist, dachte sie noch einmal.

Das Wetter war schön, nicht so heiß und schwül wie in der vergangenen Woche. Es wurde auch mal wieder Zeit. Aber heute würde gut arbeiten sein, die Kerle würden nach den Nutten Schlange stehen. Da kannte sie sich aus. Ihr sollte es recht sein. Geld war nie zu verachten. Nell lief weiter, ohne auf die zudringlichen Blicke der Männer zu achten. Hier in der Stadt war für sie alles tabu. Sie wusste, man würde gleich Ärger mit den Bullen kriegen. Wenn sie etwas wollten, sollten sie zum Liebessilo kommen. Aber natürlich wussten nicht alle Passanten, dass sie so eine war. Stand einem ja nicht auf der Stirn geschrieben.

Sie grübelte nach. Verdammt, woher hatte sie nur die Nachricht bekommen? Was war der Anlass gewesen? Dann fiel ihr es wieder ein. Mercedes hatte sie auf der Straße getroffen. Sie war ein Stück mitgegangen und hatte allen Quatsch und Tratsch erzählt, auch von der Spritze. So ganz nebenbei, ahnte wohl nicht, was sie da quasselte. Und Nell wusste, Mercedes, das Miststück, schlief mit jedem Kerl, und sie hatte es ganz dicke mit den Dealern, ausgerechnet mit denen! Eine Nutte, die etwas auf sich hielt, tat das nicht. Auch sie waren wählerisch, wenn man auch immer das Gegenteil von ihrem Beruf behauptete.

Glaubte die vielleicht, dafür bekam sie den Stoff billiger? Da kannte sie die ausgekochten Hunde aber schlecht. Mercedes war aber so dumm unter ihrem Pony. Der konnte man alles vormachen, Hauptsache, die Möpse stimmten und sie hatte Stoff zum Spritzen.

Jetzt ärgerte sie sich über sich selbst. Sie hätte die Französin gleich festnageln sollen, um alles herauszukriegen. Solange das Weib nicht in Trance war, konnte man sich ganz gut mit ihr unterhalten. Aber nun war es zu spät.

Am Straßenplatz, dem Abgrenzungsbezirk zum Nuttenviertel, befand sich Freds Bar. Ein Treffpunkt aller Dirnen und Zuhälter und was sich sonst noch dazu zählte.

Nell sah, er hatte schon offen. Fred konnte auch wohl nicht genug Geld scheffeln. Mit der einen Hand stieß sie die Schwingtür auf und befand sich gleich vor der Theke. Wie schon so oft fragte sie sich, wer diesem Loch den Namen Bar angehängt hatte. Das war ja eine Spelunke, mehr wirklich nicht. Aber man konnte hier ausgezeichnet essen - das musste man Fred lassen. Und er betrog nicht, hatte wohl rechtzeitig eingesehen, dass es schlecht war, einen Zuhälter übers Ohr zu hauen.

Zu dieser frühen Stunde war noch nicht viel los. Ein paar Halbstarke mit Lederjacken und speckigen Haarmähnen quetschten sich in einer Ecke herum und knobelten. Pickeljünglinge, dachte Nell nur und setzte sich auf einen Hocker.

Fred kam aus dem Hinterzimmer angeschlurft. Er grinste, als er Nell erkannte. Er mochte sie ziemlich gern, hatte ihr doch tatsächlich mal einen Heiratsantrag gemacht. Aber das war schon eine Zeit her. Nell hatte amüsiert gelacht und Fred gesagt, ob er sich eine unbezahlte Bedienung dadurch sichern wollte. Fred hatte sie aber ganz ernst angesehen und gesagt: „Bei mir darfste in Samt gehen und alles tun, was du willst, bloß nicht mehr auf den Strich gehen. Und wenn ich mal abkratze, Nell, dann biste reich. Brauchst bloß bisschen nett zu mir sein!“

Fred hatte es wirklich so gemeint, und sie war dem dicken Kerl noch nicht mal böse. Hatte ihm die Hand getätschelt und gesagt: „Danke, Fred, bist ein guter Junge, aber weißt du, wenn so eine wie ich mal auf den Strich geht, dann kommt sie nicht wieder runter. Vielleicht später!“

„Ich werde immer auf dich warten, Nell!“

„Wenn du eine Frau haben willst, warum fragst du die andern nicht?“

„Weil sie Miststücke sind. Du nicht, du bist noch nicht verdorben.“

Nell musste jetzt an dieses Gespräch denken. Fred wischte mit einem nassen Lappen ihre Ecke sauber und stellte ungefragt eine Tasse heißen Kaffee vor sie hin. Mit einem Lächeln bedankte sie sich. War auch so eine Sache. Nell, die Nutte, trank nicht. War auch wohl eine kleine Sensation.

„Schon so früh unterwegs, Nell? Ich denke, deine Zeit ist um neun Uhr. Hast es so bitter nötig?“

„Nein, Fred, ich suche Martha. Hast du sie gesehen?“

„Noch nicht, aber Nell, was willste von der? Lass sie doch laufen, ist doch nichts für dich. Die ist doch mit allen Wassern gewaschen. Wenn du meinen Rat hören willst, lass die Finger von der.“

„Jonny hat eine heiße Spritze bei sich!“

Fred glotzte sie an und schob sich mechanisch das kleine Käppi auf den Hinterkopf. Sein Mund blieb offen.

„Ist das wirklich wahr?“, fragte er heiser.

„Bestimmt, du kennst mich doch. Ich will Martha warnen!“

„Meinst du, man hat es auf sie abgesehen?“

„Ganz sicher bin ich nicht. Auf alle Fälle will ich sie warnen. Oder Jonny aus dem Verkehr ziehen, der macht sich nur unglücklich. Die Bullen wissen doch, dass er der Zubringer ist. Stinkt es, nehmen sie ihn erst mal fest. Und das hat Jonny nicht verdient, wirklich nicht. Wenn, dann soll man die Richtigen einknacken, nicht die Unschuldigen!“

„Mann, Nell, sag das nicht so laut! Ich weiß ja, dass du Mut hast. Halt aber die Klappe, lass die Finger davon! Das geht niemals gut. Das Syndikat fackelt nicht lange, das weißt du doch. Warum musst du immer helfen?“

Nell lächelte unbeholfen.

„Ach Fred!“, meinte sie schwach. Fred füllte die Tasse aufs Neue. „Ich bin nun mal so!“

„Du solltest mit dem Leben aufhören, Nell, wenn du auch mein Angebot von damals nicht annehmen willst. Ich helf dir auch so, weißt du das? Ich geb dir jede Starthilfe. Versuch doch wieder in das andere Leben überzuwechseln! Eines Tages wirst du auch noch in der Gosse landen, und es wäre schade um dich. Ich wäre dann ehrlich betrübt.“

Sie streichelte seinen Arm. Er hielt ganz still.

„Fred, weißt du auch, dass du dem Alter nach mein Vater sein könntest?“

„Ja, verdammt noch mal, darum möchte ich dir ja helfen!“, keuchte er. „Ich hab’ keine Kinder, kein Weib, wer soll mich mal beerben? Tät es dir gern hinterlassen, aber nur, wenn du wieder vernünftig wirst!“

Nachdenklich zündete sie sich eine Zigarette an. Der Rauch stieg zur Decke. Ein Sonnenfunken malte kleine Kringel auf dem hellen Holz. Mit den Fingerkuppen zog sie kleine Figuren in der nassen Lache. Fred sah einen hellen Schimmer, der plötzlich in den Augen des Mädchens stand. Seine Worte gingen ihr also nach. Sie hob den Kopf und lächelte dieses eigenartige, verwehte Lächeln.

„Vielleicht hast du recht. Manchmal stinkt es mir auch, dieses Leben. Ich sollte vielleicht wirklich damit aufhören. Aber kann man dort wieder anfangen, wo man aufgehört hat?“

„Bestimmt, Nell, du musst nur den Willen dazu haben.“

„Ich werde es dir sagen, wenn es soweit ist. Jetzt noch nicht, und ...“, sie schob ihre Hand neben die seine, „wenn ich es tun werde, Fred, dann nur, weil ich es selbst so will und nicht, weil ich dich beerben möchte.“

Er schluckte.

„Du bist und bleibst die alte Nell, ich weiß das doch, hättest es nicht zu sagen brauchen. Aber soll Gutheit nicht belohnt werden? Ich finde, in jedem Märchen werden die guten Menschen belohnt, warum du nicht? Und wenn ich dazu auserkoren bin, was willste dann machen?“

„Fred, der Märchenerzähler!“, lachte sie. „So kenne ich dich ja gar nicht!“ Sie legte ein Geldstück auf die Theke.

„Nell!“

„Schon gut, Fred, wir verstehen uns. Eines Tages ist es doch wieder meins!“ Der Schalk saß ihr in dem Nacken. Sie winkte ihm an der Tür noch einmal zu.

Andere Gäste betraten das Lokal, er musste sich um sie kümmern.

Nell drehte sich noch einmal um.

„Wenn du Jonny siehst, halt ihn fest!“

Fred nickte nur. Sein Gesicht war sehr ernst.

Auf der Straße hörte Nell plötzlich Schritte hinter sich. Eine Gänsehaut kroch ihr unwillkürlich den Rücken herauf. Sie hatte keine Angst, das nicht, aber ...

Die Schritte hatten sie erreicht. Blitzschnell wandte sie sich um und riss die Augen auf.

„Mein Gott, hast du mich erschreckt.“

„Das wollt ich nicht“, japste Fred. „Wirklich, Nell, ich hab heute so ein komisches Gefühl im Magen. Nimm sie und bring sie mir eines Tages wieder! Du verstehst dich doch darauf?“ Ohne dass sie ihn davon abhalten konnte, hatte der Wirt ihr eine kleine Pistole in die Tasche geschoben. Niemand hatte es bemerkt.

Tränen schossen ihr in die Augen.

„Fred“, flüsterte sie hilflos.

„Schon gut“, brummte er. Er wandte sich um, wollte zurückgehen zur Bar.

„Ich wünschte, du wärst wirklich mein Vater.“

Hatte er die Worte gehört?

Ja, Fred fühlte auf einmal sein Herz leicht werden. Aber er drehte sich nicht mehr um.

 

 

2

Nell passierte den schmalen Durchlass und war dann im Sperrbezirk. Ein Bretterzaun schirmte die Außenwelt ab. Einmal hatte sie sich die Mühe gemacht und darüber nachgedacht, wer nun beschützt werden sollte - die Anwohner oder die dort draußen hinter dem Zaun lebten. Sie wusste es nicht, und es war ihr auch egal. Sie stülpte die Lippen zu einem verächtlichen Lächeln hoch. Für die da draußen, wie die Dirnen die Außenstehenden nannten, hatten sie nichts übrig. Es war und blieb eine verlogene Welt. Zwar herrschten hier raue Sitten, und man musste Ellenbogen gebrauchen, wenn man überleben wollte, aber trotzdem — ach, sie wollte jetzt nicht wieder grübeln.

Langsam kam die Dämmerung und hüllte die schmutzigen Häuserfronten in das Dunkel der Nacht. Dann wirkte die Straße anziehend und prickelnd. Am Tage sah man die stinkenden Hinterhöfe, die grauen hässlichen Fassaden und das nackte, schmutzige Leben, wie es wirklich war.

Fred hatte recht, wenn man nicht höllisch aufpasste, landete man tatsächlich im Sumpf oder in der Gosse, wie sie es nannten. Aber sie würde auf der Hut sein, ihr würde das nicht passieren, vorher würde sie abspringen. Die Gedanken spukten in ihrem Kopf herum. Aber sie schob sie zur Seite.

Einige neugierige Freier gingen die Straße auf und ab. Es war noch nicht viel los. Die Mädchen standen lustlos an den Häuserwänden und kümmerten sich nicht um die paar Männer. Die wirklichen Brocken kamen immer sehr spät. Wer jetzt auf Anschaffe stand, hatte es nötig, oder der Loddel hatte mal wieder eine Stange Schulden gemacht und brauchte Geld. Sie bedauerte die Mädchen und war froh, dass sie einspännig fuhr - noch! Aber sie war nicht auf den Kopf gefallen.

Zwei Männer streiften sie mit dem Ärmel und warfen ihr gierige Blicke zu. Sie waren angesäuselt und Nell wurde wütend, sagte aber nichts. Unten auf der Straße zankte sich eine Nutte mit einem Freier. Sie hörte Berthes Stimme bis hierher. Sie hatte es auch nötig, Tag und Nacht zu stehen. Sie wurde nun fünfzig und war mittlerweile im letzten Haus angelangt. Einst sollte sie eine Schönheit gewesen sein. Man hatte es ihr erzählt, so wie jede Neue im Bezirk gleich alles zu hören bekam. Die besten Nutten waren im ersten Haus untergebracht. So ging das Haus für Haus. Man rutschte immer weiter. Die meisten hielten sich höchstens ein Jahr im ersten auf. Wenn sie nicht das lange Geld machten, flogen sie kurzerhand vom Puffwirt auf die Straße. Er hatte die Order, vom Syndikat.

Nell befand sich nun schon das dritte Jahr dort und hatte viele Neider. Aber sie wurde gedeckt, da sie die höchsten Beiträge zahlte. Das musste sie, auch wenn ihr das Geld schrecklich leid dafür tat. Aber wer sich dem widersetzte, konnte sich eines Tages auf der Müllkippe oder wer weiß wo wiederfinden, und dann mit einem Loch im Kopf. Die fackelten nicht lange.

Jusa kam ihr entgegen. Sie schlenkerte die Tasche hin und her und sah hundemüde aus.

„Hab den ganzen Tag gestanden und nur fünf Blaue, kannst du dir das vorstellen?“

„Am Tage trauen sie sich halt nicht so. Da kommen höchstens Touristen, aber das weißt du doch, Jusa.“

„Kalle wollte es. Er ist mal wieder in der Klemme, muss gleich, um ihn auszulösen, das Geld bei ihm abliefern. Morgen gehöre ich Günther. Der Bock hat mich doch verkauft!“

Nell schwieg. Was sollte sie dazu sagen? Das kam täglich vor, dass ein Zuhälter, wenn er knapp bei Kasse war, eins seiner Pferdchen verkaufte. Günther war ein Neuling im Geschäft und wusste noch nicht, dass Jusa praktisch abgeschrieben war. Kalle hatte fünf Mädchen laufen und trotzdem nie viel Geld. Ihr tat Jusa leid. Günther war ein Schläger. Aber Jusa war zum Teil selbst schuld.

„Hast du vielleicht ein paar Mark für mich zum Leihen? Ich muss zum Friseur, hab kein Geld und Kalle verlangt alles gleich.“

Nell nestelte ihre Tasche auf und gab der Dirne zwanzig Mark. In ihrer Sprache war das ein Pfund.

„Du bist schon in Ordnung. Werd es dir bestimmt wiedergeben, ist doch Ehrensache!“

„Geschenkt, Jusa. Lass man! Ich will es ja gar nicht.“

Das Mädchen riss die Augen auf.

„Du bist aber gut, wenn du so weitermachst, biste bald unten durch!“

„Brauchst ja nicht Reklame damit machen“, meinte sie.

„Ich schweige wie ein Grab!“

„Geh aber wirklich zum Friseur, Jusa! Du siehst aus wie eine verlauste Eule. So kriegst du nie was Vernünftiges, und besonders am Tage sehen sie sich die Mädchen gründlich an.“

„Klar gehe ich!“

Nell war nicht so davon überzeugt. Jetzt fiel ihr wieder ihr Anliegen ein.

„Hast du Martha gesehen?“

„Nein, sie war heut noch nicht hier. Sie hat mir gesagt, sie macht die Nacht durch. Müsste also noch kommen!“

„Wenn du sie siehst, sag ihr, sie soll zu mir kommen!“

„Werd ich machen!“

Jusa trollte sich. Nell hatte immer noch keine Lust, sich aufzubauen, um einen Freier zu fangen. Mit den kleinen Männekens, die da liefen, war das auch kein Geschäft. Wenn die Kinos schlossen, ging der Betrieb los. Ziellos ging sie durch die Straße, blieb hier und da stehen, ging in einen Eingang und sprach mit den Mädchen. Nell mochten sie alle gern. Sie war freundlich und nie ärgerlich, machte nie Stunk, immer hilfsbereit. Das sprach sich schnell herum. Niemand wusste, woher sie kam. Eines Tages war sie plötzlich da, und ihr Lude sagte ihnen unmissverständlich, dass sie ab jetzt die Starnutte auf der Straße sein würde. Und das war sie geblieben.

Aber überall, wo sie nach Martha fragte, bekam sie eine abschlägige Antwort. Niemand hatte sie gesehen. Auch gestern sollte sie nicht dagewesen sein. Über Jonny wusste auch niemand etwas Genaues. Am Morgen habe er zwar für einige Besorgungen gemacht, aber sich dann wieder getrollt. Gegen Mittag sei plötzlich eine Streife gekommen und habe Hilde mitgenommen. Die hatte mal wieder vergessen, zum Amtsarzt zu gehen. Der Termin war überschritten, und so hatten sie sie einfach in den Streifenwagen gepackt und hingefahren.

Lola, die das mithörte, kicherte und sagte: „Spart man direkt ein Taxi. Sollte man es nicht immer so machen?“

„Du hast wohl Flöhe im Kopf, wie? Das tun die nur einmal, aber dann ist der Ofen duster!“

Nell ging die Straße zurück. Vor ihrem Haus neben dem Eingang stand Jenny, das Mischblut. Sie sah hervorragend aus und hatte eine tolle Figur. Auf die waren im Augenblick die Männer besonders scharf. Nell arbeitete recht gern mit ihr zusammen. Sie gaben auch ein gutes Gespann ab. Jenny dunkelhäutig, schwarz die Haare und die Augen, und daneben Nell mit dem hellen Haar, der hellen Haut und den blaugrün schimmernden Augen. Neben keiner anderen wirkte sie so faszinierend wie neben Jenny.

„Ich dachte schon, du würdest heute gar nicht kommen. Hab schon eine Nummer hinter mir.“

 

 

3

Nell schwang sich auf den Laufsteg, der an dem Haus angebaut worden war.

„Ich hatte was anderes vor!“

„Weiß ich, ist bis zu mir gedrungen. Du suchst Martha, nicht wahr? Die Mädchen sagen schon, du gingst ihnen langsam damit auf die Nerven. Hier haben wir etwas anderes zu tun, als uns um die Mädchen zu kümmern. Jeder muss für sich sorgen, oder schuldet sie dir Geld?“

„Nein, Jonny hat eine heiße Spritze!“

Jenny wurde blass. „Ehrlich?“

„Ja!“

Jenny verschwand im Haus und kam nach einiger Zeit wieder. Nell wunderte sich.

„Danke für den Tipp!“

Das Mädchen machte große Augen.

„Du etwa auch?“, staunte sie.

„Hab den ganzen Kram in den Müll geworfen. Bevor ich verrecke, verzichte ich auf angenehme Träume.“

„Jenny, wann hast du Jonny zuletzt gesehen?“

„Vor etwa vier Stunden!“

„Hat er etwas von Martha gesagt? Er beliefert sie doch!“

„Genau kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Ich weiß nur noch, dass er sagte, er müsse noch mal zurück und was holen. Er käme nicht aus.“

Sie presste die Zähne zusammen.

„Nell, du hast dein Möglichstes getan, und vielleicht trifft sie jemanden, der sie warnt!“

„Ja!“

„Was ist, warum bemühst du dich so darum? Martha ist doch keinen Schuss Pulver wert. Umgekehrt würde sie das doch nie machen.“

Nell biss sich auf die Unterlippe und zögerte mit der Antwort.

„Das verstehst du nicht.“

„Nein, ist mir auch egal. Sieh, da kommt einer, er meint uns!“

 

 

4

Ihr Gesicht war aufgedunsen, und die Augen wirkten wie aus Glas. Das Haar strähnig, es hätte dringend mal wieder gefärbt werden müssen. Den schwarzen Ansatz sah man schon ganz deutlich. In diesem Augenblick lag Martha ausgestreckt auf dem zerwühlten, schmuddeligen Bett. Es war halbdunkel im Raum. Nicht, weil es bald Abend wurde - das Fenster ging auf eine düstere Mauer hinaus. Ganz selten verlor sich mal ein Sonnenstrahl in das Zimmer. Martha starrte mit weit aufgerissenen Augen zur Decke. Große Risse waren dort zu sehen. Die Lampe hing schief und war unbeschreiblich schmutzig. Seltsam, heute auf einmal sah sie das alles, die Umgebung, die Verwahrlosung an sich selbst, das schreckliche Leben überhaupt, das sie führte. Es war, als hätten sich plötzlich die Augen ganz geöffnet, um ihr das alles zu zeigen. Sonst lebte sie nur in Trance, von einer Spritze zur anderen. Sie war süchtig, schon lange. Martha wusste es sehr wohl. Anfangs hatte sie noch immer geglaubt, sie würde von dem Los befreit werden. Allein, ohne Arzt und Anstalt. Aber je mehr sie über das Leben nachgrübelte, fand sie gar keinen Sinn, daraus aufzuwachen. Was noch lebenswert war in diesem Stinkloch, das waren die angenehmen Träume. Aber die waren verdammt teuer, die Preise stiegen, und sie kam mit der Bezahlung nicht mehr mit.

Sie hörte ein Geräusch, runzelte die Stirn und wandte den Kopf zur Seite. In der einen Ecke des Zimmers stand ein kleines Kinderbett. Darin hockte ein etwa einjähriges Kind. Es mochte wohl Hunger haben und auch nicht immer genügend zu essen kriegen. Mager, bleich und genauso dreckig und verfilzt wie die Mutter blickte es durch die Gitterstäbe zu dieser hinüber.

Martha raffte sich mühsam auf, schlurfte zum Schrank, wühlte darin herum. Irgendwo hatte sie doch noch eine Schachtel mit Plätzchen. Sie hatte sie doch gestern noch gesehen. Da, ihre Finger fühlten das Papier. Sie warf sie dem Kinde hin. Sofort griffen die Händchen danach und begannen eifrig zu kratzen und zu reißen. Es musste das schon öfters getan haben. Gierig verschlang es den ganzen Inhalt. Martha stand am Ende des Bettchens und sah zu. Sie hatte ein ausdrucksloses Gesicht. Und dann fühlte sie die Gier und Sucht wieder in sich aufsteigen. Die ersten Anzeichen meldeten sich. Das Jucken verstärkte sich, sie wurde unruhig, nervös, wütend auf sich selbst. Sie wollte doch nicht mehr, musste endlich damit aufhören. Außerdem musste sie zum Strich, die Uhr zeigte schon sechs. Doch dann begann sie lautlos zu lachen. Strich, das war jetzt auch zu Ende.

Unter der Matratze hatte sie das Besteck und das Pulver versteckt. Es war das letzte Tütchen. Jonny hatte ihr versprochen, nach sieben zu kommen. Aber er gab nur gegen Bargeld das Zeug ab. Und sie hatte keins.

Sie leckte sich über die Lippen, wurde aufgeregt, konnte es nicht mehr erwarten. Nein, diesmal wollte sie nicht das ganze Pulver nehmen. Sie musste nur so viel nehmen, um fit zu sein, nicht in Trance zu verfallen. Heute musste sie wachbleiben, gerade heute. Achtzehn Uhr dreißig, ja, das war die Zeit gewesen, die sie für eine Begegnung abgemacht hatte.

Vorsichtig schüttete sie die Hälfte des weißen Pulvers auf den Löffel, ging zum Wasserhahn und ließ ein paar Tropfen darauf fallen, zündete ein Streichholz an und hielt es unter den Löffel. Sie musste einige abbrennen, bis die Masse zu kochen begann. Dann zog sie die Spritze auf. Der Kolben drückte sich durch, die weiße Flüssigkeit war eingesogen. Kaum konnte sie den Arm abbinden. An vielen Stellen nässte er schon. Sie hatte sich die ganzen Venen zerstochen. Kam nicht rein, sie heulte fast. Biss sich auf die Lippen, pulte mit einer dicken Nadel vor, endlich war es soweit. Die Spritze glitt ihr aus den Händen, rollte auf den Tisch. In letzter Sekunde fing sie sie noch auf, versteckte sie wieder und setzte sich dann ans Fenster. Martha entspannte sich. Leise vor sich hindösend, dachte sie nach. Manchmal kicherte sie leise vor sich hin. Das Kind schien wieder zu schlafen, es regte sich nicht mehr. Ich muss es mal wieder aufnehmen, dachte sie träge.

Morgen würde alles anders sein, dann endlich hatte sie Geld genug und würde aus diesem scheußlichen Loch herausziehen. Ja, wenn sie genug Geld hatte, würde sie wieder wie früher aussehen, bildhübsch und reizend. Alles würde sie dann anders machen, und dazu brauchte sie dieses Kind. Wer hätte das gedacht!

Wieder kicherte sie leise vor sich hin. Der Kerl war auch zu blöd, glaubte es doch tatsächlich. Sie rieb sich das Kinn. Seit die Kleine auf der Welt war, zahlte er für ihren Unterhalt. Sie hatte ihm erklärt, sie müsse Maria in ein Heim geben, und das würde viel Geld kosten. Und da er sich in zwei Wochen mit einer Fabrikantentochter verheiraten wollte und absolut keinen Skandal gebrauchen konnte, den Martha angedroht hatte, war er endlich bereit, ihr eine größere Abstandssumme zu bezahlen. Und damit würde sie das neue Leben beginnen.

Um 18.30 Uhr wollten sie sich am Hafen treffen. Dort würde er ihr das Geld übergeben. Er scheute die Öffentlichkeit und das Licht. Und einstmals hatte er nicht genug von ihrer Liebe bekommen können. Pah, Martha spuckte auf den Boden. Diese verdammten Kerle, man sollte sich an ihnen rächen. Und bei Gott, sie tat es ja. Wenn der wüsste, dass Maria gar nicht sein Kind war! Nein, es durfte ihm nie unter die Augen kommen, denn dann würde er sofort sehen, dass es ein Mischblut war. Weiß der Teufel, wer ihr Vater war - sie wusste es nicht mehr. Damals in Frankfurt waren so viele Amis bei ihr gewesen. Aber dieser war reich und dumm genug, es ihr zu glauben.

Wo sollte sie Maria unterbringen, wenn sie das Geld hatte? Ein Heim kostete tatsächlich eine ganze Menge. Und die alte Frau war tot, die Maria bislang gepflegt hatte. Eines Tages würde die Fürsorge sich um den Fall kümmern.

Martha ging auf und ab. Ja, was war, wenn sie einfach mit dem Geld verduftete und das Kind zurückließ? Man würde es schon finden und dafür sorgen. Und bevor der Macker begriff, dass man ihn betrogen hatte, war sie schon über alle Berge.

Jetzt musste sie sich aber beeilen. Sie wollte zu diesem wichtigen Treffen nicht zu spät kommen. Und außerdem kam Jonny ja noch, und sie brauchte in vier Stunden wieder eine Spritze. Hastig rannte sie zum Schrank, riss ein Kleid heraus, warf den Morgenmantel ab und schlüpfte hinein. Vor dem Spiegel kämmte sie sich, und obschon sie sehr verlebt war, fand sie sich auf eine Art noch schön. Sie stellte es mit Befriedigung fest.

Endlich war sie fertig, nahm die Tasche vom Tisch, warf noch einen flüchtigen Blick auf das kleine Bett, zuckte die Achseln und öffnete die Tür. Nein, sie würde nicht wieder zurückkommen. Sie nicht! Sie hatte es satt, sich ewig um das Balg zu kümmern. Sie wollte endlich leben, endlich auch mal reich sein.

Ob sie nach Frankreich ging?

Niemand sah sie aus dem Haus gehen.

Sie ließ den Block hinter sich und bahnte sich einen Weg durch die tobenden und schreienden Kinder. Alles sah verkommen und hässlich hier aus. Es war ein Viertel, in dem sich Arbeitsscheue, kleine Ganoven und Leute, die einfach abgerutscht waren im Leben, zusammengefunden hatten. Die Miete war so gering, dass sie jeder bezahlen konnte. Aber dafür durfte man eben keinen Komfort erwarten. Und Kinder sprossen hier wie Pilze aus der Erde. Oft versteckte man sich hier vor der Polizei. Eine Razzia hier zu veranstalten, war ein Ding der Unmöglichkeit. Es gab so viele Schlupflöcher, dass sie immer rechtzeitig entkamen. Und wenn die Weiber und Männer in ihrer Wohnung vernahmen, die Bullen sind im Anmarsch, dann standen sie auf, Mann für Mann, und die Weiber kreischten und hielten so die Beamten auf. Währenddessen war der Betreffende gewarnt und sofort geflüchtet. Das Gesetz und die Polizei wurden gehasst wie die Pest.

Martha hatte die Straße erreicht. Langsam brach die Dämmerung ein. Sie fühlte sich guter Laune und freute sich auf den Abend. Ob sie sofort anschließend zum Bahnhof ging und verschwand? Wegen der paar Klamotten, die sie noch oben im Zimmer hatte, lohnte es sich wirklich nicht, noch einmal umzukehren.

An der Ecke wollte sie ein Taxi zum Hafen nehmen. Aber immer, wenn man die Biester mal brauchte, waren sie weg. Keines weit und breit zu sehen.

Schöner Mist! Jetzt musste sie doch tatsächlich das ganze Stück laufen. Das war schon weniger schön, und langsam begann sie zu maulen. Warum hatte er auch ausgerechnet den Hafen als Treff empfohlen, sie hätte sich dagegen wehren sollen! Aber jetzt war es zu spät.

Martha ging die Straßen entlang und war nach einer knappen Stunde an Ort und Stelle. Nun war es wirklich dunkel geworden, und wenn sie sich hier nicht so gut ausgekannt hätte, wäre es dumm gewesen.

Sie sah die brackige Soße des Kanals. Ein Schlepper tuckerte langsam an ihr vorüber. Sie konnte alles ganz genau sehen, was sich auf dem Deck abspielte. Er fuhr zur Schleuse. Sie war ganz unten im Hafen und von hier aus nicht mehr zu sehen. Martha kletterte über Schienenstränge, an riesigen Entladekränen vorbei. Kisten, Lastwagen, alte Baubuden, alles stand hier still in der Finsternis. Der Kerl war nicht schlecht, hatte sich den stillsten und dunkelsten Teil ausgesucht. Na ja, sie wollte hier ja keine Wurzeln schlagen und gleich abhauen.

Das Mädchen versuchte, die Dunkelheit, die sich hier besonders bemerkbar machte, zu durchdringen. Aber weit und breit sah sie keinen Mann. Sollte er etwa kneifen? Wut kochte in ihren Adern, sie würde sich das nicht bieten lassen. Das nicht!

Dann hatte sie die Stelle erreicht, die sie ausgemacht hatten. Sie hörte das Wasser gegen die Betonmauern gluckern. Schmatzende Laute gab es von sich. Unten im Entladehafen arbeitete man noch immer. Sie hörte die Männer schreien, die vielen Lichter warfen einen hellen Schein auf das Wasser.

Ein Geräusch hinter ihrem Rücken ließ sie herumfahren. Es hörte sich an, als würde eine Ratte in dem Gerümpel scharren. Aber dann sah sie die Umrisse und atmete erleichtert auf. Er war gekommen.

„Ich dachte schon, du würdest kneifen!“, sagte sie.

Der Mann stand halb hinter einem Bagger versteckt. Er machte auch keine Anstalten, näher zu kommen.

„So“, sagte er nur und warf die Zigarette in den Kanal. „Ich warte hier schon eine Weile.“

„Warum hast du dich nicht bemerkbar gemacht?“

„Meine Sache!“

Martha zögerte, biss sich auf die Lippen. Heute war er so anders, gar nicht mehr scheu, winselnd. Er hasste einen Skandal und wollte das Mädchen unbedingt heiraten. Sie wusste es, und darum hatte sie ihn ja in der Hand. Aber heute schien es ihr, als wäre er ein anderer Mann, kalt und so von oben herab behandelte er sie. Wenn es nicht lachhaft wäre, würde sie sagen, sie hätte Angst. Pah, sie und Angst!

„Hast du das Geld mit?“, zischte sie ihm zu. „Ich will weg, ich hab keine Lust, mir hier kalte Füße zu holen.“

„Das Geld?“

„Bist du blöd, oder was ist? War doch abgemacht, ich kriege das Geld und du hast deine Ruhe!“

Der Mann zögerte, blieb aber weiterhin im Schatten.

„Wie ich dich kenne, werde ich nie Ruhe vor dir haben. Du wirst immer wiederkommen und immer mehr von mir verlangen.“

Der Kerl schien Gedanken lesen zu können. Sie hatte es tatsächlich vorgehabt. Nervös lachte sie auf.

„Los, gib die Flöhe und quassel nicht so viel! Ich hab keine Zeit. Oder willst du, dass ich es in der Stadt erzähle? Ich kenne da einen von der Zeitung, für den wäre das ein gefundenes Fressen.“

„Ich habe das Geld nicht mitgebracht, ich habe es mir überlegt.“

„Nicht mitgebracht“, echote sie heiser. „Was denn sonst!“

„Das!“

Martha riss die Augen weit auf. Nun fühlte sie, wie die Angst ihr den Rücken heraufkroch. Sie sah in den Lauf einer Pistole mit Schalldämpfer. Der Mund wurde ihr trocken, sie schluckte.

„Du bist verrückt“, keuchte sie.

„Nein, ich werde dich für immer mundtot machen. Du sollst nicht mehr Gelegenheit haben, über meine Jugendsünden zu reden. Nie mehr! Wenn ich hier weggehe, bist du nur noch eine Leiche.“

Sie spürte, er meinte es ernst. Fieberhaft überlegte sie, ob sie ihn übertölpeln konnte. Wenn sie schrie - der Lärm da unten war so laut, man würde sie nicht hören. Und fliehen? Sie stand mit dem Rücken zum Wasser. Er versperrte ihr den Weg, sich in Sicherheit zwischen die Kräne zu flüchten.

„Hör zu, ich hab es mir überlegt. Ich will dein Geld nicht, hast du verstanden?“

Er lachte heiser auf, der Hahn schnappte, und Marthas Kopfhaut zog sich zusammen.

„Du machst dir vor Angst die Hosen voll. Diese Gelegenheit kommt mir nicht mehr, und ich wäre blöd, wenn ich dich wieder laufen ließe. Die ganze Zeit wollte ich dich umbringen, aber ich hatte keinen Mut dazu. Deine letzte Forderung hat mich dazu gebracht. Glaubst du, ich wäre so blöd und würde dir 50.000 Piepen in den Rachen schmeißen? Hast du vergessen, dass ich ein Geschäftsmann bin? Hättest du dich mit weniger begnügt, bei Gott, ich wäre vielleicht so blöd gewesen und hätte gezahlt. Aber diese Summe!“

„Du brauchst mir ja gar nichts zu geben. Ich will es nicht, verstehst du denn nicht? Ich werde auch ohne Geld die Klappe halten.“

„Ach nee, auf einmal? Und als ich dich darum anwinselte, wer hat da über mich gelacht?“

Martha spürte, sie waren zum letzten Punkt angekommen. Wenn sie ihn nur für eine Sekunde ablenken könnte, wäre sie gerettet - ein Sprung hinter den Laster, und in der Dunkelheit würde er es nicht wagen, einfach loszuballern. Sie kannte sich hier besser aus.

Martha lachte grell auf.

„Du Heini, du blöder Hund, du Feigling, du und schießen, ich lach mich tot!“ Mit dem letzten Wort warf sie sich herum und sprang.

Das Mädchen sah nicht mehr das Mündungsfeuer.

Jonnys Lungenflügel gingen wie Ambosshämmer. Er zitterte wie Espenlaub. Noch fester drückte er den Körper an Beton, verschmolz mit der Dunkelheit. Der Schweiß rann ihm aus allen Poren, er stöhnte lautlos vor sich hin. Mit den Augen rollte er wie mit zwei Glaskugeln. Den Mund aufgesperrt, so dass ihn kein Geräusch verriet. Die Kälte kroch ihm in das Zeug. Vorsichtig hob er den Kopf, sah den Mann da hinten, wie er die Pistole einsteckte, sich vorsichtig umsah und dann mit schnellen Schritten davonlief. Unter einer Laterne sah Jonny sein Gesicht. Der Kerl war bestimmt schon zehn Minuten verschwunden, und er lag noch immer verborgen hinter der Kiesschicht.

Teufel, Teufel!

Martha war spurlos verschwunden. Er konnte sie von seinem Versteck aus nicht sehen. Aber er hatte doch gesehen, dass der Kerl geschossen hatte. Als das Kribbeln sich im Bein festsetzte, stand er auf, schlenkerte mit Armen und Beinen, um das Blut wieder in Wallung zu bringen. Ihm war so übel, dass er sich erst mal eine Zigarette anstecken musste. In der gewölbten Hand fühlte er die kleine Flamme.

Ob er wiederkam? Wenn ja, und er sah ihn, Jonny, würde er ihn auch wie ein Karnickel über den Haufen schießen. Der Junge lehnte sich gegen einen Bretterstapel und zog den Hauch tief ein. Verflixt, das hätte ins Auge gehen können. Vielleicht war es auch nur eine Schreckschusspistole gewesen, und Martha war gar nicht tot. Was sie gesprochen hatten, das hatte er nicht hören können.

Martha hatte ihn hierher bestellt, um ihm das Zeug abzukaufen, und er wäre auch gekommen. Zum Glück hatte er sich nur ein wenig verspätet. Er mochte sich nicht ausmalen, was gewesen wäre, wenn er ahnungslos dazwischen getappt wäre.

Nun war so viel Zeit verstrichen, und der Kerl war nicht wiedergekommen. Jonny musste wissen, wo Martha geblieben war. Vorsichtig kletterte er über die Hindernisse, hatte endlich die Stelle erreicht, sah sich um und guckte sich die Augen aus. Jonny war ein Junge von fünfzehn Jahren und hatte Angst. Er war noch nicht mit allen Wassern gewaschen. Aber was er dann sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Wie von Furien gehetzt rannte er los. Das Grauen saß ihm im Nacken, und er konnte erst wieder Luft schöpfen, als der Kanal weit hinter ihm lag und er wieder auf belebten Straßen ging.

Mein Gott, was sollte er tun? Wo sollte er jetzt hingehen, sich verkriechen? Dann sah er Freds Bar und riss die Tür auf, war im Schankraum und blinzelte mit den Augen gegen das grelle Licht. Die Bude war voller Tabakrauch, und in der Nebenstube krakeelten sie am Billardtisch. Die Loddels hatten ihre Pferdchen abgeschoben zum Geldverdienen und warteten jede Nacht bei Freddy auf den Lohn.

Jonny duckte den Kopf, schlich wie ein geprügelter Hund in eine dunkle Ecke und versuchte noch einmal alles zu überdenken. Und er kam zu dem Schluss, einfach die Klappe zu halten. So würde er seine Haut nicht zu Markte tragen müssen.

Fred entdeckte ihn auf einer seiner Runden durch das Lokal. Seine Kellner mussten immer wieder angefeuert werden, sonst schliefen sie noch im Gehen. Stinkfaule Bande war das. Aber wo sollte er was Besseres aufgabeln?

Als er Jonny sah, kniff er die Augen zusammen. Da fiel ihm Nell wieder ein. Fred nahm ein Tablett und stemmte sich durch die dichte Menge hinüber zu Jonny.

„Hier trink“, sagte er freundlich und ließ sich neben dem Jungen nieder. Dabei bemerkte er, dass dieser ganz verstörte Augen hatte und unter seiner schmutzigen Haut blass wirkte. Jonny griff mit zittrigen Händen nach dem Glas und stürzte es gierig in sich hinein.

„Ich brauch jetzt was Scharfes!“

„In deinem Alter solltest du noch mit dem Trinken warten“, sagte Fred. Als er aber den hündischen Blick gewahrte, schnippte er mit dem Finger. Jonny griff den Schnaps und goss ihn in sich hinein.

„Wenn Streife kommt, verdufte ich selbstverständlich.“

Fred nickte nur mechanisch. Er beugte sich vor, sah Johnny eindringlich an. Dieser wich ihm aus.

„Hast du schon Martha getroffen?“

Jonny prallte zurück wie vor einer Klapperschlange. Mit der Zunge fuhr er sich über die spröden Lippen. Fred spürte, dass da etwas nicht stimmte. Verdammt, hatte er schon sein Zeug abgeliefert? Jonny wollte sich auf die Socken machen. Fred umspannte sein rechtes Handgelenk.

„Sprich!“, sagte er leise, aber sehr gefährlich. Jonny sackte in sich zusammen.

„Ich weiß nichts!“

„O doch, ich seh es dir an, du hast sie also schon getroffen. Hat man dich denn nicht gewarnt?“

Der Junge hob den Kopf.

„Gewarnt?“

„Hast du Martha getroffen oder nicht?“

„Getroffen schon, aber nicht mit ihr gesprochen“, sagte er vorsichtig. Er begriff nicht, was Fred wollte.

„Soll das heißen, dass du ihr das Zeug noch gar nicht ausgehändigt hast?“

Johnny begriff endlich.

„Nein!“

Freds Lippen verzogen sich zu einem Strich. Er beugte sich noch weiter vor, drängte ihn fast in die Ecke.

„Gib mir das Zeug und lass dich vorläufig nicht bei den Dealern sehen, das ist mein Rat!“

Jonny fühlte das Päckchen gegen seine Schenkel.

„Ich muss das Geld abliefern.“

„Ich geb es dir, damit du keine Scherereien hast.“

„Warum, Fred?“

„Weil du heiße Ware bei dir hast, kapiert?“

Jonny öffnete den Mund und starrte den Wirt an.

„Du meinst, man wollte Martha damit um die ...“ Er brach ab, schluckte.

„Ganz recht. Ich sag dir, gib mir das Zeug, oder du kommst in Teufels Küche. Und wenn nicht Martha, dann bekommt es aus Versehen ein anderer. Los!“

Johnny fühlte, wie ein Stein von seinem Herzen rollte. Er legte das flache Päckchen auf den Tisch. Blitzschnell ließ Fred es in seiner Tasche verschwinden. Er stand auf.

„Komm gleich ins Hinterzimmer, dort geb ich dir das Geld. Und du erzählst niemandem etwas davon, kapiert?“

Johnny nickte schwach. Seine Gedanken gingen im Kreis. Martha sollte um die Ecke gebracht werden. Die Dealer hatten es beschlossen, Martha die ... Er trank den Rest und stand auf. Kurze Zeit später nahm er das Geld in Empfang und schlich über den Hof fort. Fred sah ihm nach.

„Der hat doch was“, murmelte er vor sich hin. Doch dann musste er in seine Kneipe zurück. Vorn entwickelte sich eine zünftige Schlägerei unter den Zuhältern. Er musste eingreifen.

 

 

5

Jenny schob das eine Bein ein wenig vor, wippte in den Kniekehlen - es sah hinreißend aus. Die weißen Lackstiefelchen glänzten. Aus dem Fenster flutete Licht und strahlte sie an wie auf einer Rampe. Den Männern wurde es heiß, gierig starrten sie zu den Mädchen hinauf. Noch wagten sie sich nicht. Einer machte den Anfang, dann zogen sie alle nach. Jenny trug ein knallgelbes Kleidchen, aus großen Maschen zusammengefügt. Es gab jede Rundung ihres Körpers spielerisch zurück. Wenn sie sich bewegte, schob es sich höher, man konnte das knappe Höschen sehen. An den dunkelbraunen Fußgelenken hatte sie kleine Kettchen mit Glöckchen befestigt. Nell sah darauf nieder und hörte den feinen Klang.

„Manchmal denken die Kerle, ich wäre aus dem Urwald hierher gekommen“, kicherte Jenny. „Wenn ich denen sage, ich bin wie du in Deutschland geboren, glauben sie, ich lüge. Aber ich werde mich hüten, ihnen das zu sagen. Sie lieben das. Sieh, der da stiert mir schon direkt Löcher in den Bauch.“

Nell sah gelangweilt zu dem Mann, der sich vor ihnen postiert hatte. Sie sah ihm an, dass er sich nicht entschließen konnte. Sie oder Jenny, dunkel oder blond, was würde siegen? Nell reizte es auf einmal, sie wollte ihn vor Jenny erobern, wollte ihre alten Künste erproben. Sie beugte sich weit vor, die Bluse öffnete sich, er sah die runden festen Brüste.

„Guten Abend, mein Herr“, sagte sie mit rauchiger Stimme.

Er starrte sie überrascht an. Hatte wohl gelesen, Nutten reden jeden Kerl mit „na, mein Kleiner“ an. Die Zeitungen wollten immer alles besser wissen. Aber wie sie wirklich waren, das wussten nur ganz wenige. War ja auch egal.

„Warum kommen Sie nicht näher? Sie gefallen mir!“

Jenny funkelte mit den Augen. Nur schwer löste er sich von dem Mischblut. Doch als er Nell in die Augen blickte, hatte er die Dunkle vergessen.

Nell spürte, er war neu, wohl noch nie bei einer Nutte gewesen, hatte Angst, sie spürte es. Der Mann schluckte, sah zu Boden, blickte wieder auf. Ein paar Mädchen kamen mit ihren Freiern aus dem Haus. Er hörte das Lachen, die wohlwollende Stimme der Männer. Er warf in diesem Augenblick alle Bedenken über Bord. Er war erregt, er musste dieses Mädchen haben, musste es spüren, besitzen.

„Wieviel verlangen Sie?“, fragte er heiser.

Nell richtete sich auf, zupfte die Bluse zurecht. Der Mann gefiel ihr, jung und gut gebaut, damit machte es Spass. Nicht die alten Kerle, die schickte sie immer die Straße runter. Dort konnten sie sich vergnügen.

„Wollen wir das nicht lieber auf meinem Zimmer besprechen?“

Noch zögerte er. Nell stand an der kleinen Steintreppe, wartete. Jenny zog mit einem Freier ab. Sie sah es aus den Augenwinkeln heraus. Das Kinn vorgeschoben, mit dem herzförmigen Popo wackelnd, verschwand sie im Haus. Jenny konnte so manches bieten, ihr schien das Leben wirklich Spass zu machen. Na ja!

„Wollen Sie hier die halbe Nacht stehen, oder was ist?“

„Zuerst den Preis. Ich kenne das, auf dem Zimmer wird man betrogen.“

„So?“ Nell zog die Augenbrauen hoch. „Aber nicht bei uns, dann müssen Sie die Erfahrungen in einer anderen Stadt gemacht haben. Wir sind ehrlich bis auf die Knochen. Aber wenn Sie nicht wollen, bitte, ich habe keine Zeit mehr.“

Jetzt wollte er kommen. Aber in diesem Augenblick schob sich ein kleiner, runder Mann nach vorn.

„Ich geh mit. Ich kenn die, die ist gut. Los, Kleine, komm, wir machen es uns fein!“ Prustend stieg er mit seinen kurzen Beinen auf den Laufsteg. Nell war zwei Kopf größer als der Freier. Ein ulkiges Bild. Der andere schien enttäuscht, ging einen Schritt zurück. Nell drehte sich um und ging auf das Haus zu.

Der Freier kam eifrig wie ein Dackel hinter ihr hergelaufen. Auf der Treppe wollte er schon mit Schmuserei anfangen. Konnte es nicht mehr mit ansehen, wie sie da so vor ihm hinaufstieg. Aber da kannte er die Mädchen schlecht. Er bekam eine Abreibung von ihr, die sich gewaschen hatte. Am liebsten hätte er daraufhin wieder kehrtgemacht. Doch wenn er so früh draußen erschien, würden die Kumpels womöglich annehmen, er hätte nicht gekonnt und würden ihn auslachen.

Das Zimmer war klein und spärlich möbliert, aber sauber und nett auf seine Art. Sogar Blumen standen auf dem Tisch. Es war noch ein Neubau. Eros Center nannte man es in der Stadt. Sie standen nicht mehr auf der Straße, sondern im Hof, Kontakthof in ihrer Sprache. Dort kamen Männer, und die Mädchen nahmen sie mit auf ihr Zimmer. Eine ruhige, anständige Sache war das. Weiter unten auf der Straße ging es noch wie früher weiter. Dort standen die Bruchbuden und stanken zum Himmel.

Die Mädchen mussten jede Nacht einen hohen Preis für das Zimmer zahlen. Blieben sie ihn schuldig, wurden sie gleich rausgeworfen. Anwärterinnen auf so ein Zimmer waren immer genug vorhanden.

Sie hielt ihm die Hand hin.

„Wie ist die Taxe?“

„Was willst du denn ausgeben? Oder was willst du haben?“

Er schien sein Geld zu lieben. Nell kannte die Männer genau. Ihr konnte man kein X für ein U vormachen. Seine Finger umkrampften noch die Geldbörse.

„Dreißig“, stieß er mutig hervor.

Nell öffnete die Tür.

„Da haben Sie sich aber verlaufen, da müssen Sie noch ein paar Häuser weitergehen.“

„Da war ich schon. Das ist ja was für Besoffene oder Anfänger“, maulte er. Er zog einen braunen Schein heraus.

„Danke schön“, sagte sie liebenswürdig.

„Ziehst du dafür mehr aus?“

„Selbstverständlich, los, legen Sie sich hin!“ Nell zog das Höschen aus, drehte sich um.

„He, was machen Sie? Sie sollen sich doch nicht ganz ausziehen, das kostet noch mehr.“

Er wollte wütend werden. Aber Nell kannte sich mit diesen Typen aus. Ehe er überhaupt noch protestieren konnte, hatte sie ihn schon auf das Sofa gelegt. Er fixierte sie von unten herauf an und wurde gierig. Sie begann ihn zu streicheln. Der Mann quasselte in einem fort, aber sie hörte gar nicht hin. Ihre Gedanken waren weit fort. Eigentlich ekelte sie sich vor ihrem Beruf. Sie hasste ihn sogar, aber wie sollte sie davon freikommen?“

Sie ging hinter den Vorhang und wusch sich gründlich. Der Mann lag noch platt wie ein Frosch auf dem Rücken und seufzte.

„Bitte, stehen Sie auf, Ihre Zeit ist um!“

Die andern sprachen ganz anders. Sie hatte es noch nicht gelernt, so ordinär zu sein. Er rappelte sich hoch, klapste sie so nebenbei auf die nackten Schenkel.

„Bist ein lecker Mädchen, wirklich. Willi kennt sich da aus, bist schon prima, werd dich weiterempfehlen.“

Nell kräuselte die Lippen und schwieg. Kleiner Angestellter, dachte sie bei sich. Will sich wichtig machen. Aber sie blieb trotzdem höflich. Nicht jeder konnte Bankdirektor sein.

Details

Seiten
125
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931525
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497528
Schlagworte
redlight street sünde

Autor

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Titel: Redlight Street #99: Von der Sünde gezeichnet - aber nicht verloren