Lade Inhalt...

Redlight Street #97: Auch Engel müssen weinen

2019 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Auch Engel müssen weinen

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

Auch Engel müssen weinen

Redlight Street #97

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Tanzen ist Ceciles Leben, dafür brennt sie, nur dafür lebt sie. Um perfekt zu sein, setzt sie sich unter immer größeren Leistungsdruck, und so verfällt sie dem Rauschgift, das sie aufputscht und sie zu einer scheinbar vollkommenen Balletttänzerin macht. Dadurch aber gerät sie in einen Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen ist. Wird Cecile es schaffen, oder ist ihr Weg in den Abgrund vorgezeichnet?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https//twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https//cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Probe im Schauspielhaus!

Stankowski schrie, dass die Stimme überschlug und nur ein Krächzen zu hören war. Das machte ihn noch rasender. Wie ein Tobsüchtiger rannte er auf der Bühne umher und scheuchte alle durcheinander. Seine Augen blitzten zornig, und er hob immer wieder anklagend die Hände. Warum konnten ihn diese Leute nicht verstehen? Er gab sich so viel Mühe, und außerdem war er die Ruhe selbst.

„Ich habe dir gesagt, du sollst von dieser Seite kommen! Verflixt, rede ich vielleicht chinesisch oder was sonst? Von rechts, hast du gehört, von rechts sollst du auf die Bühne kommen!“

Cecile sagte: „Ja, von rechts!“

„Sie hat es kapiert“, murmelte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Also, noch einmal, du kommst von rechts, langsam gehst du bis zur Mitte, und erst dort beginnst du, verstanden? Wir haben es schon hundertmal geprobt. Es ist doch ganz leicht.“

„Ja“, bestätigte Cecile und ging wieder hinter den Vorhang.

„Los, die Stelle noch einmal!“, schrie Stankowski in den Orchesterraum.

Die Streicher setzten ein. Der Scheinwerferkegel flammte auf, ging wie suchend über die leere Bühne, erhaschte die Tänzerin, blieb stehen. Cecile kam einen Schritt vor, hob die Arme über den Kopf, beugte sich, tänzelte näher, drehte sich und ging wieder einen Schritt weiter.

„Gut, gut!“, rief Stankowski aus dem Hintergrund. „Gut, Mädchen! So musst du es machen. Ich weiß doch, dass du es kannst.“

Cecile Warren, die Balletttänzerin, hörte ihn nicht. Mit starrem Gesicht tanzte sie weiter. Sie fühlte nur das Zittern in ihren Füßen. Das gleißende Scheinwerferlicht brannte auf ihrem Gesicht. Jeder Muskel war bis zum Äußersten angespannt.

Ich bekomme gleich einen Krampf, dachte sie dumpf.

Sie begann zu tanzen, wurde hektisch und unkontrolliert in ihren Bewegungen.

„Aufhören, aufhören!“, schrie der Ballettmeister.

Die Musik brach ab. Er sprang auf die Bühne.

„Himmel, Herrgott, wir haben doch alles durchgekaut! Was ist denn jetzt schon wieder los?“

„Ich kann nicht“, sagte das Mädchen. „Ich kann einfach nicht, ich bin müde. Diese Proben machen mich noch verrückt.“

Stankowski sah sie wütend an. „Mein liebes Mädchen, proben müssen wir, das weißt du ganz genau. Und wie lange wir proben, das bestimme ich. Du bist unser Star, das wissen wir alle. Aber eines will ich dir mal sagen und schreibe es dir hinter deine hübschen Ohren: Wenn du Starallüren bekommst, dann warst du die längste Zeit hier, klar?“ Cecile blickte in den dunklen Zuschauerraum.

„Ich kann nicht mehr tanzen.“

Der Kapellmeister Böhm kam näher. „Machen wir doch eine Pause, Stankowski. Auch ich könnte sie vertragen.“

„Bist du damit einverstanden, Cecile? Wirst du nach der Pause wieder tanzen? Aber richtig, so wie du es sonst immer tust?“

„Ja, ja“, versprach sie eifrig. „Nach einer Pause bin ich wieder fit.“

„Gut, ich nehme dich beim Wort.“

Cecile griff nach dem leichten Überwurf und verschwand zwischen den Kulissen. Kurze Zeit später war sie in ihrer Garderobe. Sie schloss sich ein. Im Augenblick konnte sie niemand ertragen. Hastig lief sie zu ihrem Schminktisch. Da lag ihre Tasche, sie riss sie auf. Mit fahrigen Händen holte sie das Besteck hervor. Ein heller Glanz stand in ihren Augen, als sie die Spritze aufzog. Cecile wusste, sie musste vorsichtig sein. Deshalb jagte sie sich die Spritze in den Oberschenkel. Die Wirkung würde zwar etwas später einsetzen, aber sie durfte ihre Arme nicht ruinieren. Man würde die Einstiche sehr schnell bemerken.

Ein Zittern ging durch ihren Körper. Sie legte sich auf das kleine Sofa. Die Anspannung ließ nach, die Nerven beruhigten sich wieder. Sie hatte einfach zu lange gewartet. Vor der Probe hätte sie sich einen Schuss geben sollen, dann wäre ihr das alles nicht passiert. Aber es war ihr nicht möglich gewesen, denn sie war immer wieder von irgendjemand gestört worden.

Ganz ruhig und gelassen war sie jetzt. Sie konnte ohne das Gift nicht mehr auskommen. Ohne zu fixen, konnte sie nicht mehr tanzen. Erst seitdem sie das Zeug nahm, wusste sie, was Tanz war. Sie war erstklassig, und das Publikum war von ihr begeistert. Sie rasten und klatschten wie besessen, wenn sie tanzte. Tanzen war ihr Leben, schon als fünfjähriges Mädchen hatte sie damit begonnen.

Cecile stand auf und holte eine Zigarette. Während sie rauchte, blickte sie in den Spiegel. Noch kein Fältchen im Gesicht. Keiner sah ihr an, dass sie schon dreißig war. Viele hielten sie für vierundzwanzig. Sie war die Primadonna des Balletts. Ohne sie fand keine Vorstellung statt.

Es wurde leise an die Tür geklopft.

„Wer ist da?“

„Die Pause ist gleich zu Ende, Fräulein Warren.“

„Ja, ja, ich komme schon.“

Cecile drückte die Zigarette aus und legte den Umhang wieder um. In den Kulissen war es immer empfindlich kalt und zugig. Eine Erkältung konnte sie sich nicht leisten. Für Wochen war das Haus ausverkauft.

„Na, jetzt wieder in Ordnung?“

„Ja, nun kann ich tanzen“, erwiderte sie fröhlich.

„Na, dann beginnen wir noch einmal ganz von vorn. Bist du damit einverstanden?“

Sie nickte.

Cecile stand hinter dem Vorhang und konzentrierte sich auf ihren Auftritt. Das Orchester begann leise zu spielen. Die Musik lag ihr im Blut. Wenn sie Musik hörte, musste sie tanzen, tanzen und war glücklich.

„Los, du musst raus!“

Wie eine weiße Daunenfeder schwebte sie auf die Bühne. Ein Rauschen war in ihrem Blut. Wirbeln, tanzen und lachen! Sie vergaß, wo sie war, und tanzte.

Stankowski hielt die Luft an. Verflixt, sie übertraf sich ja heute selbst. Hoffentlich war sie auch am Abend so gut. Aber was war denn das? Cecile wurde immer schneller und wilder. Der Tanz war berauschend schön, das fühlte er als Fachmann sofort. Er blickte in ihr Gesicht. Ihre Augen waren riesengroß und starrten in die Ferne.

Sie tanzte einen Tanz, den es gar nicht gab, nicht in diesem Stück. Der Kapellmeister kam nicht mehr mit und brach ab. Cecile tanzte weiter. Er fasste sie am Arm.

„Bin ich schon fertig?“, staunte sie. „Weißt du, was du tanzen sollst?“

„Aber ja, den sterbenden Schwan.“

„Sehr richtig. Aber du tanzt, als wärst du eine glückliche Braut und kein sterbender Schwan.“

„Ich möchte viel lieber was Lustiges tanzen. Ehrlich!“

„Aber die Leute wollen den sterbenden Schwan sehen, hörst du?“

„Ja, ich passe jetzt auf.“

Noch einmal! In der ersten Viertelstunde ging es wundervoll. Sie war einmalig. Dann machte sich die Einspritzung wieder bemerkbar, und sie wirbelte herum.

„Du sollst sterben, sterben!“, schrie Stankowsky aus dem Hintergrund. „Du bist doch jetzt der Schwan, Cecile.“ Langsam sank sie zu Boden. Der Todestraum des Schwanes wurde wahr. Die Flügel zitterten noch, hoben sich, senkten sich zu Boden. Cecile legte den Kopf auf ihren Arm und verharrte so, bis man sie hochhob.

„Wunderbar, Cecile, wunderbar!“

„Ja?“ Ihr Gesicht strahlte.

„Vergiss dich heute Abend nicht. Ich kann dir nicht immer zubrüllen, was du tun musst.“

„Warum wollen die Leute eigentlich nur immer dieses Stück sehen? Ich mag es nicht mehr.“

„Wir müssen uns nach dem Publikumsgeschmack richten, meine Liebe. So, Probe beendet! Um halb acht muss alles wieder da sein.“

Cecile lächelte und ging dann leichtfüßig davon.

„Ich will nicht immer auf der Bühne sterben“, murmelte sie vor sich hin. „Ich will tanzen, tanzen.“

 

 

2

Cecile hatte sich umgezogen. Das Straßenkostüm war recht lose geschnitten, oder besser ausgedrückt, das Mädchen war in letzter Zeit erschreckend abgemagert. Die Kleidung war ihr viel zu groß. Doch sie verbarg geschickt diesen Fehler. Außerdem war sie Künstlerin durch und durch und wusste genau, wie sie sich bewegen musste, um Eindruck zu machen. Sie trug eben die Jacke nur noch offen, so fiel ihre Magerkeit nicht weiter auf.

Gewiss, eine Tänzerin musste auf ihr Gewicht achten. Wurde sie zu dick, konnte es sein, dass sie die Stellung verlor, die sowieso recht hart war, und wenn man ein gewisses Alter erreicht hatte, musste man diesen Beruf aufgeben.

Früher hatte Cecile auch immer furchtbare Angst davor gehabt, einmal ohne Tanz leben zu müssen. Aber seit sie das Rauschgift nahm, war sie wieder fröhlich und heiter wie eh und je. Dass diese Sucht auch die Ursache ihrer zu großen Magerkeit war, daran dachte sie nicht. Wer Rauschgift nahm, vergaß einfach, regelmäßig zu essen und zu trinken. Je länger man süchtig war, um so unkontrollierbarer wurde das Leben. Es waren so viele, die sterben mussten, sie zerstörten sich selbst. Sie verhungerten, ohne sich dieser Tatsache bewusst zu werden.

Cecile schminkte die Lippen und verließ dann ihre Garderobe. Die anderen Mädchen der Tanzgruppe waren schon gegangen. Nur Yvonne war noch da. Sie stand etwas versteckt neben einer Strebe. Cecile sah sie nicht, und Yvonne wollte auch nicht gesehen werden. Als Cecile verschwunden war, huschte Yvonne in Ceciles Garderobe und begann fieberhaft, den Raum zu durchsuchen. Doch sie fand nichts. Bevor sie wieder den Raum verließ, vergewisserte sie sich, dass niemand in der Nähe war.

Cecile hatte inzwischen den Ausgang erreicht. Ein kurzer Blick auf die kleine Armbanduhr sagte ihr, dass sie sich beeilen musste, wenn sie Michael noch treffen wollte.

Und dann sah sie Martin und runzelte unwillkürlich die Stirn. Es war ja nicht so, dass sie den Mann nicht mochte, aber sie fühlte sich immer ein wenig schuldbewusst in seiner Gegenwart. Sie wusste, Martin liebte sie schon seit geraumer Zeit. Martin war aber ein Mensch, den sie nicht so recht verstehen konnte. Sie hätte es lieber gesehen, wenn er weniger schüchtern, mehr impulsiv und lebensfroh gewesen wäre. Mit seinen dreißig Jahren wirkte er mitunter wie ein gesetzter Mann. Aber damit tat sie ihm unrecht. Der wahre Grund war, dass sie in der Theaterwelt groß geworden war. Das war eine ganz andere Welt, und sie hatte bis jetzt auch nur dort Männer kennengelernt. Martin verkörperte einfach das bürgerliche Leben, ein gesetztes, ruhiges Leben ohne Aufregung.

Seit einem Jahr ungefähr war er ständig in ihrer Nähe. Geduldig wartend und alle ihre Launen ertragend, liebte er sie. Das war keine bloße Schwärmerei, sondern eine echte Liebe. Vielleicht hätte sie ihn auch wiedergeliebt, wenn sie nicht süchtig gewesen wäre. Das Rauschgift verwischte alle Linien. Sie kannte nur noch eins: den Augenblick der nächsten Spritze.

„Martin“, sagte sie lächelnd und reichte ihm die Hand. „Wie lieb von dir. Hast du schon gewartet? Ich meine, hast du schon lange auf mich gewartet?“ Martin überreichte ihr Rosen. Sie nahm sie und roch daran. „Haben wir vielleicht etwas verabredet?“

„Nein, Cecile, das nicht. Du gibst ja nie eine genaue Zeit an. Du hast so viel Arbeit. Ich bin einfach auf gut Glück vorbeigekommen. Wie ist es, möchtest du mit mir essen gehen?“

„Ich habe eine Verabredung“, und als sie seinen Ausdruck bemerkte, setzte sie schnell hinzu. „Geschäftlich, weißt du?“

„Ich verstehe, also wieder vergebens gekommen.“

Er tat ihr in diesem Augenblick wirklich leid.

„Martin, ich würde schrecklich gern zusagen. Leider geht es heute nicht. Du vergisst, dass wir vom Theater ganz anders sind. Ich will dir nicht wehtun, Martin, aber ich bin nicht die Richtige für dich. Ich weiß es, ich würde dich unglücklich machen. Warum glaubst du mir nicht?“

Der Mann nahm ihre Hände und lächelte sie herzlich an. „Ob du mich unglücklich machst, das musst du mir schon überlassen, zu beurteilen. Nein, es würde mir nie einfallen, dich mit anderen zu vergleichen. Du bist bezaubernd und einmalig, und deshalb liebe ich dich so sehr, bitte versteh mich doch.“

„Weil ich Tänzerin bin?“

„Nein, Cecile, das ist wunderbar, großartig. Aber du bist außerdem eine Persönlichkeit, wie man sie selten findet, eine starke Persönlichkeit.“

Sie lächelte leicht. „Du wirst ja direkt poetisch, Martin. Das hätte ich gar nicht von dir gedacht.“

„Du weißt so vieles noch nicht. Du gibst mir ja nie Gelegenheit, dir zu zeigen, wie ich bin.“

„Ich weiß, ich bin ein Scheusal, mein Lieber. Ich werde Buße tun. Aber ich muss jetzt wirklich fort, sonst treffe ich den Mann nicht mehr, und das wäre sehr schlimm. Heute Abend habe ich wieder Vorstellung und kann nicht weg. Aber morgen, Martin, vielleicht, wenn morgen die Proben nicht wieder so schrecklich lang sind, könnten wir doch etwas unternehmen.“

„Komm, Cecile, ich habe gelernt, zu warten, aber man soll andere nicht warten lassen. Komm, ich bring dich zu deiner Verabredung.“

Sie zögerte einen winzigen Augenblick. Aber es wurde wirklich höchste Zeit. Michael war so ungeduldig, und er konnte auch sehr zornig werden. Sie brauchte ihn, sie war von ihm abhängig. Er öffnete ihr die Wagentür.

Cecile wartete, bis er eingestiegen war, und sagte dann: „Im ‚Wilden Löwen‘ habe ich die Verabredung.“

„Cecile, hast du eigentlich nie daran gedacht, deinen Beruf an den Nagel zu hängen?“

„Warum? Stört er dich? Oder anders gefragt, will mich deine Familie nicht? So ist es doch. Leute vom Theater, Gott, das sind doch keine Menschen. Sie wünschen sich eine konservative Schwiegertochter.“

„Was du wieder für einen Unsinn redest. Nein, meine Frau kann ich mir nach meiner Wahl aussuchen. Nur, weil wir eine kleine Schuhfabrik haben, meinst du, wir hielten uns für etwas Besonderes? Nein, wir sind ganz einfach und bürgerlich“, setzte er noch hinzu.

Eben, dachte Cecile, das ist es ja. Darum könnte ich auch keine Ehe mit dir führen. Du bist zu bürgerlich, du würdest mich zerstören.

„Würdest du mich denn heiraten?“, hörte sie ihn mitten in ihre Gedanken hinein fragen.

Cecile blickte ihn von der Seite an. Er war ein schöner Mann, das musste man ihm lassen. Er verstand auch, etwas aus sich zu machen. Sie wunderte sich, dass ihn noch keine andere geangelt hatte. Seit über einem Jahr war sie hier am Theater, und seit dieser Zeit machte Martin ihr den Hof. Anfangs nur aus der Ferne, aber er war nicht zu übersehen.

„Du träumst ja, du hast meine Frage noch nicht beantwortet, Cecile. Oder war ich zu voreilig?“

Sie lachte hell auf.

„Dort drüben ist das Lokal. Ich muss aussteigen, Martin. Vielleicht rufe ich dich morgen an.“

„Du weichst mir aus“, sagte er leise. „Du willst mir nicht antworten. Cecile ...“

„Lieber, guter Martin, bitte! So etwas kann man doch nicht zwischen Tür und Angel besprechen. Martin, ich ...“

„Du hast keine Zeit, entschuldige, dass ich es vergaß.“

Sie stand auf dem Bürgersteig. Himmel Herrgott, dachte sie, wenn ich du wäre, würde ich mich nicht andauernd für andere entschuldigen und würde mir das Benehmen, das ich dir biete, auch nicht gefallen lassen. Du kennst mich sehr schlecht. Mit Sanftheit, Martin, ist bei mir nichts zu erreichen.

Martin fuhr an. Sie drehte sich um und ging auf das Lokal zu. Es war kein besonders gutes Lokal. Aber was sollte sie machen, sie musste sich nach Michael richten.

Der Wirt musterte sie kühl. Er kannte sie nicht, da er nicht ins Theater ging, und sich für Kunst nicht interessierte.

„Ja?“, fragte er rau.

„Ich suche einen Herrn“, sagte Cecile und blickte sich in der Schenke um, konnte aber Michael nicht entdecken.

„Wie heißt er denn?“

„Michael Bong.“

„Ach der, der war eben hier. Hat ziemlich lange gewartet und schien sehr wütend zu sein.“

„Ist er fortgegangen?“, rief sie.

„Er will in einer halben Stunde wiederkommen“, erklärte der Wirt.

„Danke, ich werden dann solange auf ihn hier warten. Würden Sie mir wohl einen starken Kaffee bringen?“

„Aber sicher doch.“

Cecile setzte sich in eine Ecke und schaute zu den Männern am anderen Ende der Theke hinüber.

 

 

3

„Michael, endlich bist du da!“, rief Cecile, als sie ihn in der Tür stehen sah.

Er hob nur schwach die Hand, ging dann zum Wirt, um mit diesem ein langes Gespräch zu führen. Cecile wurde sichtlich nervös. Sie steckte eine Zigarette an und blickte verstohlen zu den Männern hinüber. Endlich ging Michael vom Wirt weg und kam zu ihr. Er setzte sich und steckte sich schweigend eine Zigarette zwischen die Lippen. Sie schob ihm ihr Feuerzeug zu.

„Ich konnte nicht früher kommen“, sagte sie leise. „Bestimmt nicht, Michael.“

Seine Augenbrauen waren finster zusammengezogen. „Ich habe hier eine halbe Stunde gewartet. Glaubst du, ich habe meine Zeit gestohlen?“

„Du kennst doch Stankowski, Michael, er ist doch so pingelig. Und die Proben machen mich noch kaputt.“

Der Mann zerdrückte die Zigarette. Er mochte nicht gern daran erinnert werden, dass er auch mal Tänzer war. Jetzt war er auf die schiefe Bahn geraten. Cecile wusste nur dunkel Bescheid, wollte aber nicht neugierig fragen.

„Du bist doch mein Freund, du kannst mir doch nicht böse sein“, umschmeichelte sie ihn.

„Bin ich das wirklich?“, fragte er sarkastisch. „Nein, wenn ich es wäre, würde ich es dir nicht immerzu beschaffen, meine Liebe. Ich bin ein Lump.“

Cecile erschrak vor seinem Ausbruch. Sie wusste nicht, dass der Mann hin und wieder von starken Gewissensbissen geplagt wurde. Sie brauchte ihn. Ohne ihn war sie einfach aufgeschmissen. Ohne ihn konnte sie nicht mehr leben.

Sie lachte nervös. „Aber Michael, was redest du denn da! Du bist wirklich mein Freund.“

„Du hältst mich also nicht für einen Lumpen?“

„Nein, denn du bist der einzige Mann, der mir geholfen hat, das vergesse ich nicht.“

„Verdammt, Cecile, was redest du da! Ich hab gedacht, es wäre nur eine kleine Verlegenheit, eine kleine Schwäche, und ich half dir. Aber du bist nicht davon losgekommen. Das ist schlimm, Cecile. Ich bin kein Lump, glaub es mir.“

„Aber du lebst doch davon“, sagte sie verwundert. „Du hast mir das Zeug besorgt, zuerst die Tabletten, dann die Spritzen. Ich weiß doch, dass du es auch an andere verkaufst. Du bist doch ein Dealer, nicht wahr?“

„Bist du verrückt! Wie kannst du das so öffentlich sagen?“

„Michael, hast du es mitgebracht?“, sie legte ihre Hand offen auf den Tisch. „Hast du schon wieder nichts mehr?“

„Nein.“

„Cecile, du bist verrückt. Hör auf damit, oder du verlierst deinen Job. Du bist ja schon süchtig. Du musst aufhören, oder Stankowski macht es mit dir so, wie mit mir.“

„Ich bin sein Star“, sagte sie hochmütig.

Er lachte bitter auf. „Das war ich auch einmal. Tänzer war mein Beruf, mein Leben. Jahre habe ich dafür geschuftet, um dann rausgeschmissen zu werden. Doch lassen wir das. Hier hast du etwas, aber sei vorsichtig damit.“ Rasch verschwand das leichte Päckchen in ihrer Handtasche. Geld wurde diskret über den Tisch geschoben.

„Michael, wenn ich dich nicht hätte! Aber sei unbesorgt, ich werde nicht süchtig, ich habe mich in der Gewalt. Aber ich kann ohne Spritze nicht mehr tanzen. Erst jetzt weiß ich, was Tanz ist; es ist alles anders, greifbar ist die Musik für mich geworden. Farbig, wie ein wunderschöner Rausch.“

Und sie will nicht süchtig sein, dachte er und schloss die Augen. Ja, er war ein Lump, er hatte Cecile dazu verführt, und jetzt erschrak er vor seinem eigenen Tun.

„Was hast du mir besorgt?“

„Hasch, wie üblich.“

Sie biss sich auf die Lippen. „Michael, hast du nichts anderes? Es hat doch gar keine Wirkung. Das ist ja etwas für Anfänger. Es macht mich nicht mehr so glücklich, wie sonst. Ich brauche was anderes. Kannst du es mir besorgen?“

„Nein“, sagte er hart. „Von mir bekommst du nur Hasch.“

Sie begann zu betteln. „Du“, flüsterte sie. „Man spricht so viel von Heroin, bitte, lieber Michael. Ich möchte es doch nur einmal versuchen. Wenn ich es nicht vertrage, höre ich sofort damit auf.“

„Du weißt nicht, was du sagst, Cecile. Von mir bekommst du das Zeug nicht. Wenn ich es auch andern verkaufe, manchmal bin ich noch so etwas wie anständig. Nimm Heroin, und du bist kaputt, du bist fertig. Du bist in kurzer Zeit nur noch ein Wrack. Sieh sie dir doch mal an auf den Plätzen, in den Absteigen, wo man sie finden kann, diese lebenden Skelette. Nein, Cecile, und abermals nein!“

„Aber ich brauche etwas anderes.“

„Hör auf, das ist mein Rat. Hör endlich damit auf. Noch kann es dir nicht schwerfallen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Wie stellst du dir das vor? Ich soll meine kleinen Freuden aufgeben? Aber wenn du es mir nicht geben willst, nun, dann muss ich endlich anfangen, mir das Zeug in die Vene zu spritzen. Vielleicht habe ich dann mehr davon.“

Er betrachtete ihre Arme. „Du bist verrückt.“

„Ich will nur glücklich sein“, erwiderte sie.

„Warum hast du damit angefangen?“

„Warum, warum! Ich war krank, müde, ausgelaugt und dann die anstrengenden Proben. Ich konnte einfach nicht mehr, ich war am Ende. Ich dachte jedes Mal, wenn ich auf den Zehen stand, jetzt fällst du um. Ich taumelte nur noch, und Stankowski machte so ein böses Gesicht. Du kennst ihn doch. Ich hatte Angst, darum nahm ich eine Tablette. Und gleich war mir besser. Danach habe ich getanzt, Michael. Ach, du hättest mich sehen müssen! Sie haben gerast, denn ich übertraf mich selbst. Es war wundervoll, ich schwebte nur noch, war gar nicht mehr auf der Bühne.“

„Hast du auch schon mal daran gedacht, dass du den Beruf aufgeben musst?“, sagte er leise.

Wie eine kalte Dusche war seine Frage. Ernüchtert starrte sie ihn an. „Was sagst du da? Ich kann nur tanzen. Wenn ich nicht mehr tanzen darf, will ich sterben.“

„Aber jeder, der diesen Beruf ergreift, weiß, dass er ihn nicht für immer ausüben kann. Wenn seine Zeit um ist, dann hat er zu gehen. Und die Mädchen noch früher, als die Männer. Deine Zeit ist bald da, Cecile.“

„Nein, hör auf, ich kann das nicht hören. Du bist böse, Michael, garstig, warum erschreckst du mich so? Keine tanzt besser, Stankowski braucht mich einfach, hörst du? Er kann gar nicht auf mich verzichten. Darum muss ich immer besser werden. Verstehst du jetzt, warum ich nicht mehr nur Hasch nehmen kann?“

„Du willst die Tatsachen einfach nicht sehen, das ist es. Du bist verblendet. Aber es ist ja sinnlos. Warum soll ich mich mit dir herumstreiten. Eines Tages wirst du selbst wissen, wie es ist, ein Leben zu führen wie ich. Wie ein streunender Kater schleiche ich ums Theater herum, atme den Geruch ein, sehe durch die Ritzen, will hinein, will wieder zu ihnen gehören.“ Brüsk brach er ab. „Ich habe keine Zeit mehr. Ich muss fort.“

„Du bist sehr lieb, Michael, ich dank dir recht schön für alles.“

„Eines Tages wirst du mich verfluchen.“

Sie nahm ihre kleine Handtasche und stand auf. Michael brachte sie auf die Straße.

„Können wir nicht gemeinsam gehen?“, murmelte sie.

„Es ist besser, wir zeigen uns nicht in der Öffentlichkeit, besser für dich.“ Und damit verschwand er im Gewühl.

Cecile ging die Straße hinunter. Viele Menschen brandeten an ihr vorüber. Ungeschminkt und ohne Kostüm erkannte man die Tänzerin nur sehr schwer. Wie im Traum schritt sie dahin. Sie hatte schon längst alles vergessen, was Michael ihr gesagt hatte. Wichtig für sie war nur das kleine Päckchen in ihrer Tasche, die Träume.

Und plötzlich hatte sie es sehr eilig. So lange hatte sie schon keine Spritze mehr gehabt. Sie musste sich beeilen, nach Hause zu kommen; dort konnte sie glücklich sein. Ganz allein konnte sie sich das Glück verschaffen.

Sie lächelte.

Mit dem Taxi fuhr sie zu ihrer Wohnung, zahlte und stieg hastig die Treppe hinauf. Oben angekommen, warf sie schnell alles von sich, Schuhe, Jacke, Tasche. Da war auch schon das Besteck. Sie schüttelte ein wenig Pulver und Wasser auf einen Löffel, zündete ein Streichholz an, brachte alles zum Kochen, zog die Spritze auf.

Und zum ersten Male stach sie die Nadel in den Arm. Sofort rann ein Glücksschauer durch ihre Glieder.

„Herrlich“, flüsterte sie und legte sich auf das Sofa.

Sie schwebte durch den Raum, alles war bunt und schön, alles lächelte, sogar der Stuhl, der Tisch. Sie tanzten, lachten und machten ihr Freude. Cecile schlief ein.

 

 

4

Zur gleichen Zeit saßen der Ballettmeister und der Theaterdirektor in Stankowskis Wohnung zusammen. Brenner war gekommen, weil Stankowski ihn darum gebeten hatte.

Sie saßen sich gegenüber. Brenner rauchte. Der Ballettmeister hielt nichts von Zigaretten. Sie ruinieren die Gesundheit, meinte er.

„Ich weiß gar nicht, was Sie haben“, sagte Karl Brenner. „Langsam habe ich das Gefühl, Sie verlangen Unmögliches. Es klappt doch alles. Warum raufen Sie sich die Haare, stöhnen und meinen, der Abend würde ins Wasser fallen? Bis jetzt hat noch jede Aufführung geklappt. Noch nie hatten wir das Haus so oft bis auf den letzten Platz ausverkauft.“

„Sie denken nur an das Geld“, schrie Stankowski. „Ich aber muss die Aufführung machen. Wenn etwas schief geht, bin ich der Schuldige. Aber ich warne Sie, diesmal halte ich meinen Kopf nicht hin, hören Sie, Brenner? Ich habe Sie gewarnt.“

„Ja, ja, die alte Leier. Aber hören Sie, Mann, ich habe mir heute die Proben angesehen. Sicher, die Warren war nervös. Das gebe ich auch zu.“

„Nervös, das ist doch kein Ausdruck, fertig war sie, restlos fertig!“

„Aber Sie haben sie doch überschwänglich gelobt!“

Stankowski lachte bitter auf.

„Soll ich sie vielleicht öffentlich verfluchen? Ich brauche sie, und das ist es ja, was mich so rasend macht. Und sie weiß, dass ich sie brauche.“

„Die Warren wird wie immer tanzen und das Publikum begeistern. Sie ist eine Meisterin ihres Fachs, das können wir nicht in Abrede stellen.“

„War“, sagte der Ballettmeister bitter. „War, mein Lieber. Die Zeiten, wo sie wirklich eine hervorragende Künstlerin war, hat sie überschritten, schon längst.“

„Sie wollen auf das Alter hinaus?“

„Alter! Sicher“, sagte Stankowski, „eine Tänzerin muss mit dreißig gehen, dass wissen Sie, und das wissen auch die Mädchen. Nur die Solotänzerinnen können sich noch ein wenig länger halten. Aber im Augenblick meine ich nicht das Alter. Die Warren ist anders geworden, ganz anders. Hektisch, nervös, zerstreut und oft sehr launenhaft.“

„Vielleicht hat sie Liebeskummer“, meinte Brenner.

„Das glaube ich nicht. Nein, dann würde sie sich anders verhalten. Es muss etwas anderes sein.“

„Haben Sie schon einmal mit ihre gesprochen?“

„Mit Cecile? Nicht nur einmal, sondern schon hundertmal, aber sie entgleitet mir im Gespräch. Ich komme einfach nicht an sie heran. Ich begreife das nicht. Wenn es nicht Unsinn wäre, so würde ich behaupten, das ist gar nicht mehr die Warren.“

Der Direktor sprang auf. „Was soll das heißen? Sollte man uns eine fremde Person untergeschoben, haben?“

„Nein, nein. Sie verstehen mich falsch. Es ist Cecile, ja, aber eine andere Cecile.“

„Gut, ich habe verstanden. Sie sind gegen das Mädchen. Sie wollen Sie los sein, das ist es doch, nicht wahr?“

Stankowski rannte im Zimmer auf und ab und rang die Hände.

„Los sein, lieber heute als morgen, wenn ich guten Ersatz für sie bekäme. Das macht doch keinen Spaß mehr mit der Warren. Gut, sie hat einen Namen. Aber wenn wir jetzt ein Mädchen finden könnten, das genauso gut tanzt wie sie und wenn wir kurz vor der Vorstellung einfach sagen, die Warren wäre krank und eine andere würde für sie tanzen. Glauben Sie, dass dann das Publikum aufsteht und geht?“

„Also Betrug?“

„Nein, verdammt noch mal. Ich behalte Cecile, aber nicht in dieser Verfassung. Ich zitterte jeden Abend bei der Vorstellung, sie könnte mitten auf der Bühne zusammenbrechen. Die Patzer, die sie macht beim Tanzen! Mir sträuben sich oft die Haare! Das Publikum mag es vielleicht hinnehmen, weil es nicht weiß, was falsch ist, solange die Harmonie noch stimmt. Aber mich macht das verrückt. Wenn sie nicht bald geht, dann gehe ich“, sagte er düster.

„Hören Sie, mitten in der Spielzeit? Sie wissen ganz genau, dass Sie das nicht können.“

„Brenner, ich will es ja auch gar nicht. Aber verstehen Sie mich doch, ich will nur das Beste für das Theater. Ich will eine vollkommene Aufführung.“

„Es ist ja nicht so, dass ich das nicht alles wüsste“, gab Brenner zu. „Natürlich mache ich mir auch Gedanken über die Warren. Soll ich mal mit ihr sprechen?“

„Von mir aus können Sie das tun. Aber ich sage Ihnen jetzt schon, es hat keinen Zweck, Und außerdem, bald muss sie sowieso gehen. Die Leute wollen junge, knusprige Mädchen sehen. Sie hat ihre Zeit erfüllt. Wir müssen uns schnellstens nach Ersatz umsehen. Je früher, desto besser. Und wenn es mitten in der Spielzeit ist. Mit einer kleinen Notlüge können wir alles noch retten.“

„Sie hat einen Vertrag bis zum Ende der Spielzeit. Wir können ihn nicht brechen“, sagte der Direktor.

„Ich weiß, und das ist es. was mir Kopfzerbrechen macht. Aber hören Sie, Brenner, werden wir den Vertrag auch nicht lösen können, wenn die Warren dagegen verstößt?“

„Das ist natürlich etwas anderes. Haben Sie eine Handhabe? Beweise?“

„Nein“, stöhnte der Mann.

„Und wie ist es mit der Nachfolgerin?“

„Sie meinen ein bestimmtes Mädchen aus der Gruppe? Bis jetzt habe ich noch nicht danach gesucht. Aber jedes begabte Mädchen könnte nach intensivem Üben wohl einspringen. Ich meine, nur so lange, bis wir wirklich eine gute Tänzerin gefunden haben. Und wenn die Spielzeit vorbei ist, dürfte es nicht so schwer sein, eine zu bekommen. Natürlich müssen wir mehr bieten, als die anderen.“

„Und wer soll das bezahlen?“

„Das Theater natürlich.“

„Sie ruinieren mich.“

„Kaum, mein Lieber, denn es ist ja nicht Ihr Geld.“

„Ich muss darüber Rechenschaft ablegen“, erwiderte der Direktor scharf.

„Ich darf also annehmen, Sie sind meiner Meinung?“

„Bringen Sie mir Beweise, und ich löse den Vertrag mit Fräulein Warren. Aber nur dann, wenn es wirklich schlagkräftige Beweise sind, und vor allen Dingen, wenn eine Ersatztänzerin vorhanden ist.“

„Das lassen Sie meine Sorge sein, das werde ich schon schaffen. Eine besonders Begabte wird sich in der Gruppe bestimmt finden lassen.“

„Gut, dann ist also unsere Unterredung zu Ende? Ich habe noch zu tun. Und heute Abend findet die Vorstellung wie üblich statt?“

„Selbstverständlich, und wenn ich sie auf die Bühne prügeln müsste“, sagte der Ballettmeister.

Brenner lächelte leicht.

„Nun, dann brauche ich mir keine Sorgen zu machen. Wie ich Sie kenne ...“

Stankowski sah ihm wütend nach. Dieser aufgeblasene Fatzke, dachte er. Was weiß der schon über das Tanzen? Der hängt sein Herz nur an die Opern. Na ja, noch ist nicht aller Tage Abend.

 

 

5

Yvonne stand im Halbschatten des gegenüberliegenden Hauseinganges. Wenn sie sich erst einmal für eine Sache erwärmt hatte, konnte sie stur wie ein Panzer sein. Sie war erst siebzehn, aber ihr Verstand überreif, ihr Charakter verdorben. Wie bei allen Mädchen von der Tanzgruppe war Yvonne auch nicht ihr echter Name.

Die Zeit schien ihr lang zu werden. Doch sie harrte reglos aus und schaute mit scharfen Blicken hinüber. Zu gern hätte sie gewusst, was man dort jetzt verhandelte.

Endlich ging drüben die Tür auf. Sie ging noch ein wenig weiter zurück. Nein, man hatte sie nicht gesehen. Brenner dachte auch gar nicht daran, sich umzuschauen. Warum auch? Er bestieg seinen Wagen und brauste davon.

Das Mädchen wartete noch ein paar Minuten, dann huschte es über die Straße und verschwand in dem Haus. Es klingelte und Stankowski öffnete.

Er war überrascht.

„Du?“, sagte er verwundert. „Haben wir uns denn verabredet?“

Yvonne lächelte ihn bezaubernd an und sagte: „Ich dachte, du freust dich, wenn ich mal ganz überraschend vorbeikomme.“

„Ja, natürlich tu ich das“, sagte er rasch.

„Oder hast du vielleicht keine Zeit für mich?“, schmollte sie.

Sie hatte sich an den Ballettmeister herangemacht. Ihr Instinkt sagte ihr nämlich, dass, wenn sie was werden wollte, dies nur über diesen Mann möglich war. Sie musste ihn für sich gewinnen, ihn auf sich aufmerksam machen. Nur so fiel man in einer großen Tanzschar auf. Das Können konnte man erlernen. Zuerst musste man auffallen, in aller Munde sein. Skrupellos hatte sie ihn verführt. Und der vierzigjährige, ledige Stankowski war ein Mann. Wem schmeichelte es nicht, von so einem hübschen jungen Ding begehrt zu werden?

Er nahm sie in die Arme und küsste sie.

Yvonne wollte aber jetzt kein Schäferstündchen, sondern wollte erfahren, warum der Direktor bei ihm gewesen war. Nach ein paar Minuten löste sie sich von dem Mann und ging zum Barschrank.

„Ich darf doch?“ Sie lächelte ihn bezaubernd an.

Sie hatte das Gesicht einer Puppe, mit blondem Haar und großen Kulleraugen und dem unschuldigen Blick kleiner Kinder. Man konnte ihr einfach nicht böse sein.

„Natürlich, mixe mir auch einen“, sagte er lachend.

„Den üblichen?“

„Du kennst dich ja aus.“

Sie hantierte mit den Flaschen herum. Für eine Weile war es still im Raum. Stankowski ging zum Schreibtisch und sortierte einige Briefschaften. Dabei kam ihm in den Sinn, dass er Yvonne noch nie gefragt hatte, ob sie ihn heiraten wolle. Langsam wurde es Zeit, an eine Ehe zu denken. Man wurde nicht jünger, und allein alt werden, das war auch nicht nach seinem Geschmack. Jedes Mädchen war wild auf die Ehe. Und sie liebte ihn doch.

„Sag mal, ich habe vorhin Brenner aus dem Haus kommen sehen. Ich war zwar noch ein ziemliches Stück weg, aber ich habe ihn erkannt. Was ist, gibt es neue Proben, neue Aufführungen? Wird der Spielplan geändert?“

„Nein, selbstverständlich nicht. Der steht fest. Wir werfen ja nicht das Geld zum Fenster hinaus. Was glaubst du, was die Kostüme immer kosten. Nein, bis zu den Sommerfeiern bleibt es konstant. Wieso fragst du?“

„Ich meine nur, warum kommt er dann persönlich?“

„Ach, es geht um die Warren. Wir haben Ärger mit ihr.“

Yvonnes Augen verengten sich zu Schlitzen. Doch der Mann sah sie nicht an. War das der große Augenblick?

Jetzt durfte sie keinen Fehler machen.

„Hier dein Glas, Walter.“

„Danke, Liebes“, lächelte er. „Du, Yvonne, ich wollte dich etwas fragen. Komm, setz dich zu mir.“

„Gleich“, sagte sie. „Aber jetzt bin ich zu gespannt. Wieso habt ihr Ärger mit der Warren? Die ist doch Spitzenklasse. Der kann man doch nichts vormachen. Ich verstehe nicht, wieso der Direktor sich über sie beschwert. Oder wollte er sie vielleicht vernaschen, und sie wollte nicht?“

Yvonne war schlau genug, die Rivalin in den Himmel zu heben. Sie musste den Anschein erwecken, als sei sie ihre beste Freundin, und sie wäre nur auf ihr Wohl bedacht.

„Dummes Mädchen! Wie kommst du denn auf solchen Unsinn? Nein, es sind die Proben. Sie lässt merklich nach. Hast du es denn heute nicht bemerkt? Sie ist einfach am Ende.“

„Aber Walter“, schmeichelte sie. „Man kann doch einmal müde sein. Immer kann man nicht fit sein. Wir sind doch auch nur Menschen. Du bist wirklich zu genau.“

„Dein Gefühl für die Warren in Ehren, Liebes. Aber wir denken allen Ernstes daran, sie zu ersetzen.“

„Was? Mitten in der Spielzeit? Habt ihr schon eine Neue?“

„Das ist es ja eben. Wenn wir eine hätten, dann könnte sie für Cecile einspringen, und sobald der Vertrag abgelaufen ist, müsste sie dann gehen. Vorzeitig können wir ihr ohne Grund auf keinen Fall kündigen, das geht nicht. Wir haben außerdem keine geeignete Tänzerin. Das macht mich so nervös.“ Yvonne spielte mit ihrem Glas. In ihrem Herzen war ein toller Aufruhr.

Jetzt musste sie ganz vorsichtig sein, ganz geschickt. Sie setzte sich neben den Mann und streichelte seinen Arm.

„Ich weiß, Walter, du hast in letzter Zeit viel Ärger gehabt. Auch ich spüre das sehr wohl. Und dabei möchte ich dir alle Sorgen abnehmen. Aber wie kann ich das? Ich bin ja nur ein kleines Mädchen.“

Gerührt schloss er sie in seine Arme. „Wenn du nur immer lieb und zärtlich zu mir bist, das hilft, und das genügt auch. Du brauchst dir dein hübsches Köpfchen nicht zu zermartern, das will ich nicht. Entschuldige, dass ich davon angefangen habe. Meine Sorgen will ich dir nicht auch noch aufhalsen.“

„Aber Walter, ich will sie doch mit dir teilen. Sonst komme ich mir ja ganz überflüssig vor. Schau, wir müssen einfach gemeinsam überlegen. Vielleicht finden wir wirklich eine Lösung.“

Sie stand auf und begann ein wenig zu tanzen. Gedankenverloren sah er ihr dabei zu.

„Walter“, lächelte sie. „Was wäre, wenn ich Tag und Nacht schuften würde. Vielleicht könnte ich es dann schaffen?“

„Was schaffen?“

„Ich meine, die Solotänze, – wenn man täglich stundenlang übt. – Und wenn dann die Warren mal unpässlich ist, dann könnt ich doch einspringen!“ Walter lachte.

„Du, aber du bist doch nur in der Gruppe. Nein, mein Kindchen, dein Wille in Ehren. Aber das musst du mir überlassen.“

„Walter“, sie kniete sich vor ihm nieder und sah ihn zärtlich an. „So versteh mich doch. Ich meine es nur gut mit dir. Meinst du, mir macht es Spaß, zu üben und nochmals zu üben. Aber bedenke, wenn jetzt Cecile plötzlich mitten in der Vorstellung nicht mehr kann. Du sagst doch selbst, du zitterst jeden Abend um sie. Was wird dann? Du kannst die Leute nicht wegschicken. Cecile und ich haben die gleiche Größe, und mit ein wenig Schminke könnte ich mich in Cecile verwandeln. Keiner würde den Schwindel bemerken.“

Stankowski starrte das Mädchen an. Er schluckte. Mechanisch trank er sein Glas leer.

Yvonne ließ ihn nicht aus den Augen. Sie lächelte ihn an, streichelte seine Hände.

„Du siehst so müde aus, Walter. Mir bricht das Herz! Ach, wenn ich doch nur helfen könnte!“

Yvonne erhob sich und nahm ihm das Glas ab. Walter stand auf und stellte sich an das Fenster. Er überdachte alles. Mein Gott, wenn ich sie wirklich so weit bringen könnte! Wenn Yvonne wirklich in der Lage wäre, einzuspringen und ich abends nicht mehr zittern müsste vor Angst! Natürlich nur solange, bis die Spielzeit zu Ende ist und wir eine neue Solotänzerin haben.

„Möchtest du noch einen Schluck?“, fragte sie und reichte ihm das neu gefüllte Glas.

„Danke, ja, jetzt kann ich einen gebrauchen.“

Yvonne lehnte sich an ihn.

„Ich wäre sehr glücklich“, murmelte sie. „Ich wäre dann soviel mit dir zusammen. Nicht nur in den zärtlichen Stunden, sondern überhaupt. Ich will an deinem Leben teilnehmen, Walter. Kannst du das denn nicht verstehen?“ Der Ballettmeister legte den Arm um ihre Schulter.

„Mein liebes, kleines Mädchen, du bist einfach wundervoll. So etwas wie dich gibt es kein zweites Mal.“

„Du übertreibst, mein Liebster“, drohte sie ihm schelmisch.

„Nein, nein, ganz gewiss nicht. Aber, Yvonne, ich kann es nicht annehmen. Mein Gewissen …“

„Aber warum denn nicht?“, meinte sie scheinbar unbefangen.

„Du weißt nicht, was das heißt, proben, üben; den ganzen Tag müsstest du üben. Einmal mit der Gruppe, und dann alle Tänze, die Cecile tanzt. Wenn du tatsächlich mal einspringen willst, dann musst du vollkommen sein. Du weißt nicht, was es heißt, Solotänzerin zu sein. Es bringt dich um.“

„Nein, nein, lieber Walter. Ich habe ja dich. Du bist der beste Lehrmeister. Und ich bin noch so jung, ich kann das verkraften. Warum siehst du mich so an?“

„Weil ich, verdammt noch mal, bald soweit bin, es wirklich mit dir zu versuchen. Und wenn die Warren weiß, dass ich jemanden als Ersatz habe, vielleicht reißt sie sich dann zusammen, und du brauchst gar nicht einzuspringen. So etwas ist immer gut. Es hat schon oft genützt.“

Cecile musste gehen, und zwar so schnell wie möglich. Wenn sie dann ihre Stelle übernahm und wirklich vollkommen war, würde man sie auch für die nächste Spielzeit nehmen. Sie war dann nicht mehr eine unter vielen, sondern sie war ein Star! Dann konnte sie Walter Stankowski zum Teufel schicken.

„Du bist plötzlich so schweigsam geworden, meine Liebe. Jetzt bist du wohl selbst erschrocken, was?“

„Nein, morgen beginne ich gleich. Und du wirst sehen, ich werde es schaffen, ich werde es schaffen ...“

Ein harter Glanz stand in ihren Augen. Für einen Moment war der Mann verblüfft. War sie vielleicht gar nicht so sanft und anschmiegsam, wie er dachte?

Er brauchte sie, er konnte ohne sie nicht mehr leben. Und er hatte vorgehabt, sie zu fragen, ob sie seine Frau werden wolle.

„Ich muss jetzt gehen. Ich bin ja nur auf einen Sprung gekommen.“

„Kommst du heute Abend mit?“, bedrängte er sie. „Nach der Vorstellung?“ Noch brauchte sie ihn.

„Aber Walter, da fragst du noch?“

 

 

6

„Maria, Sie können gehen, ich brauche Sie jetzt nicht mehr.“

Die Garderobenfrau kniete vor Cecile und zupfte noch ein wenig an dem Federrock herum. Dann erhob sie sich und musterte ihr Werk noch einmal eingehend.

„Bitte, legen Sie sich aber nicht wieder damit hin, wie letztes Mal. Alles war verdrückt und das kurz vor dem Auftritt. Ich dachte, der Stankowski würde mir den Kopf abreißen.“

„Keine Sorge, Maria. Ich bleibe starr und steif stehen. Aber gehen Sie jetzt bitte. Ich muss mich noch ein wenig sammeln.“

„Überhören Sie aber nicht das Klingelzeichen.“

„Nein, nein.“

Endlich war Maria aus dem Zimmer gegangen. Cecile rannte zur Tür und schloss sie ab.

Allein!

Sie atmete tief durch. Diese Erregung, diese Unruhe, bald hätte sie sie nicht mehr verbergen können. Sie brauchte unbedingt eine Spritze, sonst kam sie um. Cecile fühlte schon das Zittern in ihren Beinen. Hastig riss sie die Handtasche an sich und stülpte den Inhalt auf den Tisch. Da war das kleine, weiße Päckchen. In ihrer Schmuckschatulle verwahrte sie ihr Besteck.

Cecile war erregt. Ihre Augen hatten einen fiebrigen Glanz bekommen. Sie konnte kaum die Spritze aufziehen. Alles in ihr gierte nach dem Gift. Hastig band sie sich den linken Arm ab. Sie hatte sich vorgenommen, immer abwechselnd vorzugehen und auch ins Bein zu spritzen. Man durfte einfach nichts merken.

Sie fand die Vene und drückte den Kolben herunter, löste den Gürtel, und das Gift floss in die Ader. Entspannt lehnte sie den Kopf zurück. Ah, das tat gut, wirklich gut. Köstlich! Ein Traum!

Es wurde an ihre Tür geklopft.

„Ja“, rief sie rau.

Sie hatte sich so erschreckt, dass ihr fast die Spritze aus der Hand gefallen wäre.

„Liebes Fräulein Warren, könnte ich Sie einen Augenblick sprechen?“

Sie stand starr mitten im Raum.

„Wer ist denn da?“

„Yvonne, bitte machen Sie doch einen kurzen Augenblick auf, ja?“

Cecile war nun wirklich aufgeregt. Mit fliegender Hast räumte sie alles in die Tasche zurück, warf den Schmuck in die Kassette. Schon wollte sie die Tür öffnen, als sie sich noch einmal umsah, und mit Schrecken bemerkte, dass die Spritze mitten auf dem Tisch lag. Wohin damit, so schnell?

Sie legte hastig eine Zeitung darüber. Dann ging sie öffnen.

Yvonne, frisch und jung, stand vor ihr.

„Was ist los? Hat die Vorstellung schon angefangen?“

„Nein, nein, dann müsste ich ja schon draußen sein. Darf ich hereinkommen?“

Cecile zögerte. Yvonne spürte, hier war etwas. Ohne auf eine Antwort zu warten, betrat das Mädchen die Garderobe. Es drehte sich nach Cecile um.

„Bitte verzeihen Sie mein Eindringen. Es ist was Dummes passiert, ich meine, für mich. Ich habe meinen Lippenstift verloren. Ich kann ihn nicht finden. Stankowski dreht mir den Hals um. Die anderen Mädchen haben nur ihren und wollen ihn mir nicht leihen. Schreckliche Bande! Liebes Fräulein Warren, haben Sie vielleicht einen für mich? Ich kaufe ihn ihnen auch selbstverständlich ab.“

Cecile hielt sich den Kopf und zergrübelte sich das Hirn. Instinktiv spürte sie, Yvonne wollte etwas ganz anderes, aber ihre Gedanken waren noch nicht in Ordnung. Sie konnte sich nicht konzentrieren. Um nicht aufzufallen, musste sie eben das Spiel mitspielen.

„Warten Sie, ich will mal nachsehen. Irgendwo muss ich noch einen neuen Lippenstift haben.“ Cecile ging zum Schrank und wühlte in den Fächern herum.

Maria würde sich wieder über die Unordnung entsetzen. Aber sie hatte jetzt keine Zeit.

Yvonne stand in der Mitte des Raumes und schaute alles gründlich an. Wenn Cecile ihr auch den Rücken zukehrte, so durfte sie doch nicht auffällig herumschnüffeln.

Auf dem Tisch sah sie das Durcheinander. Und dann entsann sie sich, dass sie Papier rascheln gehört hatte, nachdem sie an der Tür geklopft hatte.

Vorsichtig ging sie einen Schritt näher und hob das Zeitungsblatt hoch. Da sah sie die Spritze.

„Hier, ich habe ihn gefunden. Sie können mir einen neuen besorgen. Das Geld will ich nicht. Ich hab immer gern etwas Vorrat. Sie brechen ja so schnell ab.“

Yvonne nahm den Lippenstift entgegen. „Vielen Dank, Sie sind wirklich lieb.“

„Ach, das ist doch nicht der Rede wert.“

Details

Seiten
100
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931495
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v497524
Schlagworte
redlight street auch engel

Autor

Zurück

Titel: Redlight Street #97: Auch Engel müssen weinen