Lade Inhalt...

JIM SHANNON #16: Shannon und der Boss von Silverrock

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Shannon und der Boss von Silverrock

Klappentext:

Roman:

JIM SHANNON

 

Band 16

 

Shannon und der Boss von Silverrock

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Edward Martin, 2019

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

In der Stadt Silverrock ist ein Kampf zwischen dem zwielichtigen Tom Fremont und dem Minenbesitzer Joe McCall ausgebrochen. Fremont möchte unbedingt die Silver Star-Mine an sich reißen, aber das wird McCall niemals zulassen. Deshalb lässt ihn Fremont töten. Er hat allerdings nicht damit gerechnet, dass McCall noch eine Tochter namens Jenny hat und sie die Mine erbt – und dass der Abenteurer Jim Shannon ihr zur Seite steht. In der alten Mine soll sich nämlich auch noch ein Silberschatz befinden, und auf den haben es Fremont und seine Revolvermänner abgesehen. Erneut gerät Shannon in eine brenzlige Situation, und er muss wieder mal sämtliche Trümpfe ausspielen, um seine Haut zu retten ...

 

 

 

 

Roman:

Shannon sah die Felsblöcke, Sträucher und Bäume auf dem Grund der Schlucht. Das Seil, an dem er mit dem Kopf nach unten hing, scheuerte an der Felskante. Shannons straff zusammengeschnürte Füße schienen abgestorben. Schweiß glänzte auf seinem schmalen, sonnengebräunten Gesicht. Er biss die Zähne zusammen. Er wusste nicht, was ihn zwang in die Tiefe zu starren.

Der hagere, bärtige Mann, der neben ihm hing, keuchte und fluchte. Er wand sich hilflos am Strick. Seine Augen quollen vor Entsetzen hervor. Vergeblich suchten seine knochigen Hände nach einem Halt an der leicht überhängenden Felswand.

Ein hartes, glattrasiertes Gesicht neigte sich über die Schluchtkante. „Ihr braucht nur zu reden! Wer von euch beiden ist der Revolverschwinger, den Joe McCall nach Silverrock gerufen hat? Raus mit der Sprache! Ich geb euch noch 'ne Minute! Dann durchschneid ich die Stricke!"

„Nein!", schrie der Bärtige. „Ich hab nichts damit zu tun. Ich kenn McCall nicht, hab nie von ihm gehört. Um Himmels willen, holt mich rauf! Lasst mich leben!"

„Die Lüge rettet dich jetzt nicht mehr“, murmelte Shannon bitter, „auch dann nicht, wenn du mir das Todesass zuzumogeln versuchst. So wie ich die Schurken da oben einschätze, lassen die uns beide nicht am Leben, ob du nun zugibst, dass du McCalls Revolvermann bist oder nicht.“

„Noch ’ne halbe Minute!“, drohte die grausame Stimme über ihnen.

Pferde schnaubten. Ein sanfter Wind strich über die Felsen. Wolkenschatten wanderten über die tief eingekerbte Schlucht.

„Holt mich rauf!“, brüllte der Bärtige. „Ich bin nicht der Mann, den ihr sucht! Lasst mich frei!“

Er war halb wahnsinnig vor Angst. Shannon konnte ihn nicht hassen, auch wenn er selbst verzweifelt war, einen so sinnlosen Tod zu sterben. Er wusste weder, wer Joe McCall war, noch hatte er die drei Halunken, die ihn plötzlich wie Wölfe aus dem Hinterhalt angefallen und überwältigt hatten, je zuvor gesehen. Völlig ahnungslos war er auf dem Ritt nach der kleinen Minentown Silverrock in den Bergen von New Mexico gewesen. Jetzt war es aus und vorbei mit dem Traum von einem kühlen Glas Bier in einem dämmrigen Saloon, von glatten Karten auf dem grünen Samtbezug eines Pokertisches. Aus und vorbei für immer?

„Nimm dein Messer, Cliff!“, hörte er die Stimme des Glattgesichtigen über sich. „Ich geb diesen verstockten Kerlen noch zehn Sekunden Einer von ihnen ist todsicher der Mann, auf den wir gewartet haben. Das war schon daran erkenntlich, wie sie ihre Schießeisen trugen, als wir sie erwischten. Habt ihr gehört da unten? Noch zehn Sekunden. Jetzt nur noch neun, noch ...“

Ein verzweifelter Gedanke schoss Shannon durch den Kopf. Ein letzter Bluff. Was hatte er schon zu verlieren?

„Okay!“, rief er. „Ich geb auf. Ihr habt gewonnen.“

Der Mann neben ihm hörte auf, um sich zu schlagen. Er starrte den schlanken, dunkelhaarigen Satteltramp aus aufgerissenen Augen an. Sein bärtiges Gesicht zuckte. Der Kopf des Banditenführers erschien wieder über ihnen.'

„Na also, warum nicht gleich, Freundchen? McCall, dieser verdammte Dickschädel, hat dich also angeworben, damit du Fremont zur Hölle beförderst. Als wenn das so leicht wäre! McCall hat wohl absichtlich vergessen, dir von mir und meinen Jungs zu erzählen. Ich bin Bragg Slaughter. In ganz New Mexico gibt es niemand, der es mit mir und meiner Crew aufnehmen kann. Wieviel hat McCall dir für diesen Höllenjob geboten, he?“

Shannon starrte auf das blinkende Messer am Seil. Die Schurken machten keine Anstalten, ihn und den anderen Gefangenen heraufzuholen. Aber die zehn Sekunden waren um und Shannon lebte noch. Das spornte seinen Überlebenswillen an. Niemals aufgeben! Das war das Motto, nach dem er lebte.

Shannon keuchte: „Ich habe McCalls Anzahlung von dreihundert Dollar bei mir.“

Das wirkte. Shannon kannte sich aus mit solchen Burschen, die für Geld zu jeder Schandtat bereit waren.

Ein scharfes Blinken war in den Augen des Anführers. „Du lügst! Wir haben dich durchsucht, als du bewusstlos warst, und keinen lumpigen Dollar bei dir gefunden.“

Shannon grinste verzerrt. „Habt ihr auch in meiner Stiefeln nachgesehen?“

Ein kurzes Zögern, dann verschwand das Messer von dem Seil, an dem Shannon baumelte. „Holt ihn rauf!“, befahl Bragg Slaughter.

Das Seil kratzte über die Felskante. Gleich darauf lag Shannon auf dem heißen staubigen Plateau. Sein Brauner und das Pferd des Bärtigen, den die Verbrecher schon vor Shannon auf dem Weg nach Silverrock abgefangen hatten, standen bei den Banditengäulen. Stille herrschte ringsum.

„Lasst mich endlich frei!“, schrie der Bärtige. „Was wollt ihr denn noch? Jetzt habt ihr doch den richtigen Mann.“

„Cliff!“ Slaughter schnippte lässig mit Daumen und Mittelfinger. Der grobschlächtige Kerl mit dem Messer bückte sich. Ein Schnitt durchtrennte den Hanf. Der auf Rettung wartende Mann sauste mit einem grellenden Schrei in die Tiefe.

Shannons Magen krampfte sich zusammen. Übelkeit würgte ihn. Der Bandit Cliff schob gleichmütig sein Bowiemesser in die Lederscheide am Gürtel. Drohend bauten sich die Kerle vor Shannon auf. Männer mit tiefhängenden Colts und gierigen Augen. Männer, denen ein Menschenleben nichts bedeutete. Noch immer schmerzte der Schrei des Revolvermannes, der mit einer Lüge sein Leben hatte retten wollen, in Shannons Ohren. Er wusste, dass diese Halunken nur noch sein Geld wollten und entschlossen waren, ihm keine Chance zu lassen. Eine kalte, verzwei felte Wut erwachte in dem Gefangenen.

Slaughters Kumpane waren kräftige, derbgesichtige Burschen in einfacher Reitertracht. Slaughter selber hätte besser in einen Saloon als in diese raue Felsenwildnis westlich des Rio Grande gepasst. Er trug einen maßgeschneiderten hellen Anzug, eine rote Weste aus Chinaseide, Rüschenhemd, Kragenschleife und einen weißen Pflanzerhut. Ohne den Colt hätte er wie ein Südstaaten-Aristokrat vor dem Bürgerkrieg ausgesehen. Nur seine Ausdruckweise war damit nicht zu vereinbaren.

„Her mit dem Zaster, Hundesohn!“

Er stieß mit dem Stiefel nach dem Gefangenen.

Shannon setzte sich auf. Seine Hände waren nicht zusammengebunden. Er streifte die Schlinge von seinen Fußgelenken, griff in den rechten Stiefelschaft und zog die Geldscheine hervor. Dreihundert Dollar, die nicht von McCall stammten, sondern von einer zwölfstündigen Pokerrunde in Albuquerque.

Er tat, als wolle er das Geld resigniert Slaughter reichen, öffnete aber plötzlich die Hand, und der Wind packte die Scheine und wirbelte sie davon. Cliff und der andere Halunke reagierten genauso, wie Shannon erwartet. Der unbewaffnet am Boden hockende Mann war für sie jetzt nicht so wichtig wie die Dollars. Fluchend stürzten sie hinter den Scheinen her. Bragg Slaughter dagegen griff mit verkniffener Miene zum Colt.

Aber sie hatten nicht irgendeinen Revolverschwinger und Satteltramp erwischt. Shannon war ein in hundert Gefahren und Abenteuern erprobter Kämpfer. Ein Mann, der immer wieder in Verdruss verwickelt wurde und sich seiner Haut erwehren musste, seit er nach Kriegsende als heimatloser Sattelwanderer kreuz und quer durch den Westen trailte. In die Enge getrieben, wurde Shannon zum Tiger. Auch jetzt!

Slaughter war schnell, ein Profi im Umgang mit dem Schießeisen. Doch bevor er seine langläufige Waffe aus dem eingefetteten Leder bekam, schnellte Shannon wie eine Stahlfeder los. Er umschlang Slaughters Beine, riss ihn um und schlug ihm den 45er aus der Hand. Cliff und der dritte Bandit fuhren herum, fluchten und griffen sofort zu den Eisen.

Da hielt Shannon bereits Slaughters Sixshooter in der nervigen Faust. Er rollte von dem elegant gekleideten, etwa gleichaltrigen Banditen weg und richtete die Waffe auf sie.

„Macht keinen Fehler, Muchachos! Einen von euch nehm ich todsicher noch mit!“

„Schießt!“, keuchte Slaughter trotzdem. „Macht ihn fertig, wenn ihr den Job bei Tom Fremont nicht verlieren wollt!“

Ein Mann, der keine Niederlage ertrug, dem es nicht mehr um Revolverlohn ging, sondern allein darum, Shannon am Boden liegen zu sehen.

Seine Komplicen zögerten. Doch als Shannon sich geduckt aufrichtete, rechnete sich Cliff eine Chance aus und schwang den Sechsschüsser hoch. Ein Feuerstrahl peitschte aus Shannons Colt. Der grobschlächtige Bandit brüllte. Sein Revolver wirbelte über die Schluchtkante, wo auch Shannons dreihundert Dollar verschwunden waren. Bleich starrte Cliff zuerst auf seine blutende Rechte, dann auf Shannons rauchende Waffe. Er verbiss seinen Schmerz, als er begriff, dass der dunkelhaarige, schlanke Fremde ihn ebensogut hätte töten könen. Cliffs Kumpan riss hastig die Hand von der Halfter.

„Nicht schießen! Ich geb auf!“

Slaughter kniete keuchend am Boden. Er starrte Shannon, der rückwärts zu den Pferden ging, hasserfüllt an. Shannons Coltgurt hing am Sattel seines Braunen. Die .Winchester steckte im staubgepuderten Scabbard. Sein Pferd und seine Waffen, damit hatte Shannon alles, was er brauchte, um am Leben zu bleiben. Jetzt hinderte ihn nichts mehr daran, sich in den Sattel zu schwingen, um auf Nimmerwiedersehen aus der Gegend um Silverrock zu verschwinden. Oder doch? Da war der Schrei von zuvor, den Shannon nicht vergessen konnte ...

„Das bereust du noch!“, knirschte Bragg Slaughter. „Bilde dir jetzt bloß nicht ein, du schaffst es, Joe McCall aus der Tinte zu holen, in der er steckt. Du hast hier nur Glück gehabt. McCalls Sache ist genauso verloren, wie du es bist!“

„Du Dummkopf!“, antwortete Shannon scharf. „Der andere war der Mann, auf den ihr es abgesehen hattet. Ich war nur zufällig nach Silverrock unterwegs. Mein Name ist Jim Shannon. Ich habe weder mit McCall noch sonst jemand in Silverrock etwas zu tun. Hoffentlich bringt ihr das jetzt endlich in eure Schädel!“

„Es spielt keine Rolle mehr! Eines Tages hol ich mir deinen Skalp, egal, ob du nun nach Silverrock oder anderswohin reitest!“

Slaughter meinte es ernst. Ein schaler Geschmack füllte Shannons Mundhöhle. Warum musste es immer wieder Männer geben, die darauf aus waren, ihn zu töten? Es war wie ein Fluch, der ihn überallhin verfolgte. Shannon ließ sich von seiner Bitterkeit nichts anmerken. Er zuckte die Achseln. Ein kaltes Lächeln kroch um seine Mundwinkel.

„Wie du willst, Slaughter. Ich werde nicht vor dir davonlaufen. Du musst mich nicht suchen. Ich werde kommen und meine dreihundert Dollar von dir zurückholen. Du brauchst nichts weiter zu tun, als auf mich zu warten.“

 

*

 

Nicht nur Bragg Slaughter wartete.

Als Shannon sein Pferd in der Dunkelheit am Ortseingang von Silverrock zügelte, entdeckte er sofort die Gestalten, die scheinbar unbeteiligt an Hausecken und Vordachpfosten lehnten. Ihre tiefgeschnallten Colts verrieten sie. Es waren Männer mit tief in die Stirn gezogenen Hüten, die ihre sicherlich hellwachen Augen verbargen, während sie so taten, als gäbe es für sie weiter nichts, als Zigaretten zu qualmen und schläfrig dem Treiben auf der Main Street zuzusehen. Wieder geisterte jenes kalte, gefährliche Lächeln um Shannons Mund. Er hatte Slaughter von Anfang an richtig eingeschätzt: Ein Mann, dem Fairness nichts, die Vernichtung eines Gegners jedoch alles bedeutete.

Shannon ließ sich durch die. Ansammlung der Revolvermänner nicht aus der Ruhe bringen. Lässig lagen seine Hände auf dem Sattelhorn. Eine Zigarette klebte schief in seinem Mundwinkel. Er konnte jetzt sein Pferd wenden und lautlos davonreiten. Lautlos, weil die Hufe seines Braunen mit Tüchern umwickelt waren. Doch Shannon sah Slaughters Falben am Holm vor dem Dusty Dollar Saloon, und er blieb. Er war kein Mann, der Ärger suchte, wenn er sich vermeiden ließ. Aber er hatte es sich angewöhnt, kräftig zurückzutreten, wenn man ihm absichtlich auf die Zehen stieg. Außerdem hatte er einem gewissen Mister Bragg Slaughter etwas versprochen ...

Shannon rauchte ruhig seine Zigarette zu Ende, während er die Main Street von Silverrock beobachtete. Silverrock, das war eine Minentown wie Dutzende andere, durch die Shannon auf seiner ruhelosen Zickzack-Fährte bereits gekommen war. Die bewaldeten Kämme der Black Range umschlossen das Tal, in dem sich die niedrigen Hütten mit den falschen Bretterfassaden duckten wie die Mauern eines Gefängnisses. Lichter schimmerten von fernen Plateaus. Der rote Schein von riesigen Schmelzöfen flackerte durch die Nacht.

Silverrock. das waren Saloons, Stores und Boardinghouses entlang einer breiten staubigen Fahrbahn, auf der Fuhrwerke rumpelten und Scharen derb gekleideter Bergwerksarbeiter nach Einbruch der Dunkelheit lärmten. Männer, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wie Sklaven schufteten, um dann bei Whisky, Spiel und Flittergirls all die mühselige Plackerei zu vergessen und sich für ein paar viel zu kurze Stunden als Könige zu fühlen.

Shannon fiel auf, dass sie alle einen weiten Bogen um die Kerle machten, die Slaughter am Straßenrand postiert hatte. Und noch etwas stach ihm in die Augen. Ein Name, der immer wieder auf den Holzschildern an den Gebäuden auftauchte. „Tom Fremont’s General Store“ — „Tom Fremont’s Boardinghouse“ — „Tom Fremont’s Livery Stahle“ ... Es war immer dasselbe: ein Reicher, der in irgendeiner einsamen, von der Außenwelt abgeriegelten Stadt im Rinder- oder Silberland den großen Boss spielte.

Doch wer war McCall?

Shannon schnippte den Zigarettenstummel weg. Er war nicht McCalls wegen hier. Er wollte Slaughter nicht länger warten lassen. Er zog seinen Braunen herum und ritt am dunklen Stadtrand entlang. Zehn Minuten später tauchte er zu Fuß an der schattigen Ecke des Dusty Dollar Saloon auf. Er wartete gerade so lange, bis mehrere vorbeischwankende Planwagen den Blick auf die Saloonfront verdeckten. Da stieg er die ausgetretenen Stufen hinauf und betrat den großen verräucherten, von mehreren Petroleumlampen trüb erhellten Raum. Ein Dutzend grölender, Witze reißender, sich gegenseitig auf die Schultern klopfender Miner polterten hinter ihm herein. Shannon lehnte sich neben der Tür an die Bretterwand. Seine Luchsaugen suchten die vom Tabakqualm vernebelten Tischreihen ab.

Im Saloon war Hochbetrieb. Die drei Keeper hinter der grob gezimmerten Theke hatten alle Hände voll zu tun, um dem Andrang der Durstigen Herr zu werden.

Shannon hatte Appetit auf einen Drink. Doch ein Whisky oder ein Bier waren keine Kugel in den Rücken wert, wenn er sich an der Theke postierte. Der große, schlanke Satteltramp entdeckte Slaughter in der entferntesten Ecke des Saloons. Dort, in der Nähe des Treppenaufgangs, schien er sich sicher zu fühlen. Wenn er jedoch überhaupt noch an Shannon dachte, so ließ er sich davon nichts anmerken. Slaughter war in eine Pokerpartie vertieft. Mit Erfolg, wie die angehäuften Münzen und Geldscheine vor ihm bewiesen. Ein mit grünem Samt bezogener Spieltisch mit Gläsern, Karten, Geld — das war genau der Platz, an den der glattgesichtige Schuft im hellen Anzug hinpasste.

Shannon hätte ihn allerdings lieber hinter dem Gitter einer Gefängniszelle gesehen. Doch Silverrock war eine Town ohne Jail, ohne Sheriff, ohne Gesetz — mit Ausnahme von Tom Fremonts Gesetz, das von Männern wie Slaughter verkörpert wurde.

Shannon nahm sich vor, nicht zu neugierig zu sein. Fremont interessierte ihn nicht. Der Westen war voller Fremonts. Wenn Shannon mit Slaughter fertig war, wollte er aus Silverrock verschwinden. Es wurde Zeit, dass er wieder mal ein friedliches Plätzchen zum Ausruhen fand.

Shannon bewegte sich mit der Lässigkeit einer großen, geschmeidigen Raubkatze quer durch den Saloon. Slaughter sah ihn erst an, als er schon am Tisch stand. Einer von Slaughters Mitspielern warf gerade wütend die Karten hin und erhob sich.

„Verdammt, nun langt’s mir! Sie haben mich ganz schön ausgenommen. Slaughter! So schnell lass ich mich mit Ihnen nicht wieder in ’ne Pokerrunde ein! Der Teufel soll die Karten holen und ...“

Er schluckte vorsichtshalber hinunter, was ihm noch auf der Zunge brannte. Aber Slaughter hatte gar nicht zugehört. Er sah auch nicht, wie der bullige, städtisch gekleidete Mann ärgerlich davonstapfte. Seine kalten hellen Augen starrten Shannon an. Einen Moment saß er steif und reglos auf dem Stuhl, dann glitt seine langfingrige Rechte von der Tischkante und schob die Anzugjacke über den mit Elfenbeinschalen ausgelegten Coltknauf zurück.

Shannon lächelte. „Was dagegen. Gentlemen, wenn ich mich in das Spiel einkaufe?“

Die beiden anderen Männer, ebenfalls Bewohner von Silverrock, blickten nur kurz auf. „Jeder, der genug Geld hat. ist willkommen“, brummte der mit dem Walrossschnurrbart. „Der Einsatz steht bei zweihundert Bucks.“

„Ich bin dabei.“ Shannon angelte sich den frei gewordenen Stuhl und setzte sich. Auch seine Rechte ruhte wie zufällig in der Nähe des Coltkolbens. Slaughter starrte ihn unverwandt an, jeden Augenblick bereit, aufzuspringen und zu ziehen.

„Ihr Einsatz, Mister!“, knurrte der Schnurrbärtige. „Wir spielen nur gegen Bares.“

„Mister Slaughter ist so freundlich, meinen Anteil zu übernehmen“, sagte Shannon sanft. „Er schuldet mir noch dreihundert Bucks.“

Die Männer starrten erst ihn, dann Slaughter an. Eine beklommene Ahnung dämmerte auf ihren eben noch vom Spielfieber geröteten Gesichtern. Aber keiner wagte es, einfach aufzustehen. Slaughter nickte. „Schon gut“, sagte er gepresst und schob widerwillig die Scheine über den Tisch.

Er warf schnell einen Blick zur Tür. Keine Spur von den Revolverschwingern, die noch immer brav auf der Straße Wache hielten. Wütend biss Slaughter sich auf die Unterlippe. Sicherlich war er alles andere als ein Feigling. Aber er hielt es für ein unnötiges Risiko, sich einer Kugel auszusetzen, wenn genug andere Männer da waren, um Shannon in die Zange zu nehmen. Deshalb wartete er. Der mit dem Walrossschnurrbart teilte die Karten für Shannon aus. Es war ein mittelmäßiges Blatt. Aber von dem Augenblick an, da Shannon die fünf Karten in den Fingern hielt, war seine Miene eine steinerne Maske.

„Ich kaufe zwei und erhöhe um zwanzig.“

Slaughter übernahm schweigend seinen Einsatz. Die anderen gingen mit. Shannon tauschte zwei Karten und erhielt noch schlechtere dafür. Slaughter erhöhte um fünfzig, und der Schnurrbärtige stieg fluchend aus. Der andere war ein kleiner, verknöcherter Typ mit wachen Augen, der Slaughter um zwanzig Dollar überbot und kichernd auf seinem Stuhl hin und her rutschte.

„Ich gehe mit“, erklärte Shannon gelassen. „Slaughter, tun Sie mir den Gefallen und machen Sie meinen Einsatz.“

Der hellgekleidete Revolvermann starrte ihn hasserfüllt an. Aber sein Hass schien an Shannon wie an einem Felsen abzuprallen. Slaughter schob das Geld hin. Er machte seinen eigenen Einsatz, legte zehn Dollar dazu und blickte den kleinen Städter eisig an. „Ich wette, Baines, damit sind Sie aus dem Rennen.“

„Aber nicht doch! Ich ...“ Der Schnurrbärtige hustete warnend, und plötzlich schien der kleine Mann auf seinem Stuhl zusammenzuschrumpfen „Na ja, wenn ich es genau überlege“, meinte er mit einem ängstlichen Blick auf Slaughter, „dann werd ich wohl passen.“

Shannon schob ebenfalls abrupt seine Karten zusammen. „Ich schlage vor, wir wiederholen das ganze Spiel.“

Slaughter ließ um ein Haar die Maske fallen. „Bist du verrückt?“, zischte er und beugte sich auf dem Stuhl vor.

Shannon hob die Schultern. „Ein Spiel mit fünf Assen ist genauso ungültig wie ein nicht unterschriebener Vertrag.“

Slaughter stieß heftig seinen Stuhl zurück. „Wenn du behauptest ...“

„Ich behaupte nur, dass fünf Asse im Spiel sind, nicht, wer das überzählige Ass hineingeschmuggelt hat. Fühlen Sie sich etwa getroffen, Slaughter?“

Der Bandit sprang auf. Jetzt konnte er nicht mehr zurück. „All right, Shannon, tragen wirs also aus! Deswegen bist du doch gekommen, du Hundesohn!“

Die Städter verließen hastig ihren Platz am Tisch. Ringsum wurden Stühle gerückt. Männer wichen aus der Schusslinie.

Shannon blieb ruhig sitzen. „Ich hab gesagt, ich werde kommen und meine dreihundert Bucks zurückholen, nichts weiter.“

„Wenn du das Geld anrührst, schieß ich!“, fauchte Slaughter. „Ich hab es ehrlich im Spiel gewonnen, auch die dreihundert von dir.“

„Das eben bestreite ich“, lächelte der Satteltramp und griff nach den Geldscheinen, jedenfalls sah es so aus, als wolle er das tun. Im nächsten Moment jedoch warf er sich seitwärts vom Stuhl.

Slaughters Kugel pfiff haarscharf an ihm vorbei. Shannon spürte noch den glühenden Luftzug. Ehe Slaughters Coltmündung ihm folgen konnte, schoss er vom Boden aus zurück. Das war eine Sache, die Shannon für seine Gegner so gefährlich machte. Er war nicht nur schnell, sondern konnte aus allen möglichen Winkeln und Stellungen feuern und seine Kugel dort plazieren, wo er sie haben wollte.

Er schaffte es auch diesmal.

Sein Treffer stieß Slaughter zurück. Slaughters Sixshooter polterte auf die Saloonbretter. Keuchend prallte der Bandit gegen die Wand. Sein rechter Jackenärmel färbte sich rot. Slaughter presste die Linke über die blutende Wunde. Zwei, drei Sekunden war atemloses Schweigen im Saloon.

Shannon erhob sich mit der Waffe in der Faust.

„Ich hoffe, beim nächsten mal überlegst du’s dir, bevor du wieder einen Wehrlosen mit einem Fingerschnippen zum Tod verurteilst!“, klirrte seine Stimme durch den Dusty Dollar Saloon. Er rührte das Geld nicht an. Jetzt hieß es schnell sein und aus Silverrock verschwinden, ehe Slaughters Schießerfreunde auf der Bildfläche erschienen. Die Menge wich auseinander, als Shannon mit erhobenem Colt herumfuhr. Er rannte zur Tür.

„Achtung, er flieht!“, schrie Slaughter gellend. „Lasst ihn nicht entkommen!“

Shannon stieß die Schwingtür auf und sprang auf den Vorbau. Männer bahnten sich von der gegenüberliegenden Straßenseite aus einen Weg durch das Getümmel auf der Fahrbahn. Flüche vermischten sich mit dem Knarren von Rädern und dumpfem Hufschlag. Das emsige Treiben auf der Main Street konnte Shannon nur recht sein. Von den Minenarbeitern dachte niemand daran, die Hand gegen ihn zu erheben. Im Nu war er an der Saloonecke, rannte durch die dunkle Passage auf den Hinterhof, wo sein Pferd stand. Er hatte ausgeführt, was er sich vorgenommen hatte. Slaughter war billig genug weggekommen. Aber jetzt gab es nichts mehr, was Shannon in diesem einsamen Nest in den Bergen New Mexicos hielt. Mit einem Satz war er im Sattel, warf den Braunen herum — und da zuckten ringsum Münidungsfeuer aus den Schatten.

Ein glühender Schmerz fuhr schräg über Shannons Brust. Der Braune wieherte schrill. Seine hämmernden Hufe rissen Staubfahnen hoch. Shannon stieß einen Schrei aus und verschwand seitwärts vom Pferderücken.

„Wir haben ihn!“, brüllte eine Stimme im Finsteren. Aber das hatten viele Halunken schon vor diesem Kerl geglaubt, wenn Shannon in der Nacht den alten Indianertrick anwandte und wie hingeklebt an der Seite des weitergaloppierenden Pferdes hing. Der Schmerz auf seiner Brust zählte jetzt nicht. Wichtig war nur, Abstand zu den eben noch feuerspeienden Revolvern zu gewinnen. Der Braune jagte an morschen Bretterwänden und halbverfallenen Zäunen vorbei.

Es dauerte nur Sekunden, bis das Geschrei und die Schüsse hinter dem Flüchtenden erneut lostobten. Doch gerade auf diese Sekunden kam es an. Shannon zog sich wieder in den Sattel, und diese Bewegung jagte einen neuen heftigen Schmerz durch seinen Oberkörper. Er biss die Zähne zusammen. Hatte es ihn doch schlimmer erwischt, als er anfangs gedacht hatte?

Jeder Huftritt des Braunen erschütterte ihn. Dunkelheit ringsum. Weder Weg noch Steg. Baumgruppen und Felsen huschten schattenhaft vorbei. Vor Shannons Augen verschwamm alles. Blut floss über seinen Oberkörper. Die Wunde brannte wie Feuer Er zügelte sein Pferd und lauschte.

Sie waren hinter ihm her.

Er hörte Stimmen und Hufgetrappel aus der Richtung, wo die Stadt lag. Vielleicht war es verrückt gewesen, sich nach Silverrock hineinzuwagen, um Bragg Slaughter eine Lektion zu erteilen. Shannon grinste rissig. Er hatte schon eine Menge „Verrücktheiten“ überstanden. Er würde es auch diesmal schaffen. Aber als er dann die Satteltasche aufschnallte, um sein Verbandszeug herauszuholen, begannen rote Punkte vor seinen Augen zu kreisen.

Er merkte noch, dass Reiter auf ihn zujagten, hatte aber nicht mehr die Kraft, sich im Sattel zu halten.

 

*

 

Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee kitzelte Shannon in der Nase. Er schlug die Augen auf. Sonnenlicht flutete durch schmale Fensterluken in einer Blockhauswand. Shannon ruhte auf einem Deckenlager. Ein straffer Verband umspannte seinen Oberkörper. Eine raue Stimme sagte:

„Da sind Sie ja wieder — gerade rechtzeitig zum Frühstück. Keine Sorge, hier sind Sie sicher — wenigstens vorläufig.“

Shannon setzte sich auf. Die Wunde schmerzte leicht, aber er fühlte sich erholt und ausgeschlafen. Ein untersetzter grauhaariger Mann in der Kleidung eines einfachen Minenarbeiters reichte ihm lächelnd einen dampfenden Kaffeebecher. Shannon blickte in ein wettergegerbtes, von tiefen Linien durchzogenes Gesicht.

„Sie sind McCall, stimmt´s?“

„Richtig“, grinste der Grauhaarige.

Er wies auf den hageren, hakennasigen Mann am Tisch. „Und das ist Jake Longley, der einzige von meinen Minenarbeitern, der bei mir geblieben ist, seit dieser Hundesohn Fremont darauf aus ist, mir die ,Spanish Star“ abzujagen. Jake ist mehr als ein Angestellter, er ist mein Freund. Wir dachten schon, wir würden vergeblich auf Sie warten, Mortimer. Große Klasse, wie Sie Slaughter zurechtgestutzt haben, aber ehrlich gesagt, auch ziemlich leichtsinnig. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn Jake und ich Sie nicht vor Fremonts Schießern gefunden und hierher gebracht hätten! Dann wären alle Hoffnungen, die ich auf Sie setzte, vielleicht umsonst gewesen.“

Shannon setzte den Becher ab. „Tut mir leid, McCall, ich bin nicht der Mann, für den Sie mich halten. Mein Name ist Jim Shannon.“

McCall starrte ihn betroffen an. Der hagere Miner am Tisch erhob sich ruckartig.

„Verdammt!“, krächzte er. McCall schluckte, wischte sich fahrig mit der Hand über die Stirn. Eine schwielige, verarbeitete Hand, die leicht zitterte. „Mortimer ist ein Revolvermann, der mir helfen soll, die Snanish Star Mine gegen Fremonts Banditen zu verteidigen. Ich ließ ihm durch einen Mittelsmann eine Nachricht zukommen. Ich erwarte ihn seit Tagen. Er wird wohl erst noch auftauchen ...“

Der Kaffee schmeckte Shannon nicht mehr. Er stand auf. „Mortimer ist tot. Er liegt in der Black Range auf dem Grund einer Schlucht.“

Longley packte das Remingtongewehr, das neben seinem Frühstücksteller auf dem Tisch lag. Seine tiefliegenden Augen funkelten drohend.

„Woher wissen Sie das?“

„Ich wäre um ein Haar ebenfalls dort gelandet. Das ist auch der Grund, warum ich in Silverrock eine persönliche Rechnung mit Bragg Slaughter abzumachen hatte.“

Seine Worte trafen McCall wie ein Schlag. Der Grauhaarige schloss einen Moment die Augen. Longleys Gewehr sank herab. „Aus!“, murmelte er. „Joe, jetzt sind wir erledigt. Wir haben unsere Skalpe gegen Fremonts Schießer für nichts und wieder nichts riskiert. Weiß der Teufel, wie Fremont Wind davon bekommen hat, dass du einen Revolverkämpfer erwartetest. Mortimer war unsere letzte Chance.“

McCall ballte die Fäuste. „Ich geb nicht auf.“

Longley schüttelte den Kopf. „Fremont braucht uns hier nur auszuhungern, und er hat gewonnen. Wir können uns nicht immer wieder heimlich nach Silverrock hineinschleichen und uns von Emmery mit allem versorgen lassen, was wir hier draußen brauchen. Einmal wird es schiefgehen. Einmal werden uns Fremonts verdammte Killer erwischen.“

„Ich halte dich nicht, wenn du gehen willst, Jake, das weißt du. Du sollst nicht denken, dass du mir verpflichtet bist, nur weil ich dir mal das Leben gerettet habe.“

„Genau das denk ich aber!“, grinste Jake Longley hart. „Verdammt will ich sein, wenn ich dich jemals im Stich lasse.“

McCalls scharfe graue Augen tasteten Shannon ab, blieben an der tiefgeschnallten Halfter mit dem 44er Army Colt hängen.

„Hm, was halten Sie davon, Mortimers Job zu übernehmen?“

„Nichts. Ich bin kein Mann, der seinen Colt vermietet. Ich lebe von allen möglichen Jobs, auch von den Karten, wenn es sich ergibt. Aber ich kämpfe nur, um mich meiner Haut zu wehren, nicht für Geld.“

Enttäuschung stand in McCalls Blick, aber die Entschlossenheit wich nicht von seiner Miene. Die Entschlossenheit eines Mannes, seinen Besitz bis zum letzten Atemzug zu verteidigen. Er ging zur Hüttentür und öffnete sie.

„Kommen Sie, Shannon.“

Der Satteltramp trat zu ihm. Sonnenschein glänzte auf einem tiefer gelegenen Plateau. Das Blockhaus klebte wie ein überdimensionales Schwalbennest auf einer schmalen Felsterrasse etwa sechzig Fuß darüber. In den Stein gehauene, von einem wackligen Holzgeländer gesäumte Stufen führten herauf. Es war eine Festung, die ein Mann, wenn nötig, gegen eine Armee verteidigen konnte — vorausgesetzt, diese Armee schoss nicht gleich mit Kanonen. Joe McCall deutete auf die gegenüberliegende Felswand, in der ein mit schweren Balken abgestützter Stolleneingang klaffte. Hundert Yard weiter stürzte ein Wasserfall in einen düsteren Felsschlund. Ein monotones Rauschen erfüllte die Einsamkeit.

„Das ist die ,Spanish Star“, die älteste Mine in dieser Gegend“, erklärte McCall heiser. „Sie stammt noch aus der Zeit der Eroberungszüge der Spanier. Niemand kümmerte sich um sie. Ich brauchte nur hinzugehen und sie auf meinen Namen eintragen zu lassen. Alle dachten, die Mine sei längst ausgebeutet. Aber ich hab sie mir genau angesehen. Sie bringt noch genug Silbererz, um damit für ein ganzes Leben ausgesorgt zu haben.

Als ich mit der Förderung anfing, begann der große Ärger mit Fremont. Er besaß das Geld und die Macht, sich zum großen Boss in Silverrock aufzuschwingen. Die halbe Town gehört ihm und die meisten Minen in der Gegend, jedenfalls die, die etwas abwerfen. Natürlich haben ihre früheren Besitzer nicht immer freiwillig verkauft. Aber dafür hatte Fremont ja Slaughter und seine Schießer. Hauptsache, ihm selber war kein krummes Ding nachzuweisen. Darauf legte Fremont Wert. Denn er weiß genau, dass irgendwann das Gesetz auch in die Black Range kommen wird, und dann will er ‘ne reine Weste haben.

Außerdem gibt es ’nen Hombre in Silverrock, der nicht nach seiner Pfeife tanzt wie die anderen, sondern ihm genau auf die Finger guckt: Ted Emmery, ein junger Rechtsanwalt aus dem Osten. Emmery steht auf meiner Seite. Er war es, der meinen Brief an Bill Mortimer aus dem Tal schmuggelte. Doch Emmery kann mir nicht helfen, wenn Fremont die Geduld verliert und zum Sturm auf die ,Spanish Star' bläst.“

Shannon schwieg. Es dauerte eine Weile, bis McCall weiterredete. „Die ,Spanish Star' ist der letzte Brocken, den Fremont schlucken will. Weiß der Teufel, warum er so versessen darauf ist. Er hat Minen genug, bessere. Er hat mir tausend Dollar für die ,Spanish Star“ geboten. Als ich ablehnte, sorgten Slaughers Killer dafür, dass alle meine Arbeiter davonliefen und Jobs bei Fremont bekamen. Wie gesagt, nur Jake ist geblieben. Wir beide haben natürlich nicht die geringste Chance, das Silber aus der ,Spanish Star' zu holen. Ganz zu schweigen davon, dass alle Schmelzöfen im Umkreis von zwanzig Meilen Fremont gehören.“

„Fremonts Tod würde alles ändern“, meinte Shannon schleppend. „Deshalb riefen Sie Bill Mortimer.“

„Ich hab keine Wahl!“, keuchte McCall. „Niemand schafft es, an Tom Fremont heranzukommen, höchstens ein Mann, der mit seiner Leibwache fertig wird. Ein Mann wie Sie!“

„Ein Killerjob“, murmelte Shannon bitter. „Ein Job, wie Slaughter ihn ausübt. Nein, McCall, geben Sie sich keine Mühe — dazu tauge ich nicht.“

„Fremont hat mich in die Enge getrieben. Er zwingt mich, zurückzuschlagen. Es ist Notwehr.“

„Ich verstehe Ihre Situation, McCall. Aber im Endeffekt geht es doch darum, einen Mann für einige tausend Bucks in Silber zu töten, egal, ob dieser Mann nun ein Schurke ist oder nicht.“

„Es geht um mehr: zum Beispiel um mein Leben.“

„Was hindert Sie daran, Fremonts tausend Dollar zu nehmen und aus Silverrock zu verschwinden?“

„Eine ganze Menge“, antwortete McCall ausweichend. „Außerdem sind tausend Dollar ein Pappenstiel gegen das Silber, das wir aus der ,Spanish Star' holen könnten. Ich sage ,wir, Shannon. Ich biete Ihnen den halben Anteil an der Mine, wenn Sie bleiben und für mich kämpfen. Sie können hier reich werden.“

„Joe, du bist verrückt!“, krächzte Longley. „Du kennst ihn ja kaum.“

„Er hat Slaughter besiegt. Und er ist der Mann, der Fremont schlagen kann. Das ist alles, was jetzt zählt. Was ist, Shannon? Wenn Sie wollen, reite ich noch heute trotz Fremonts Schießern zu Ted Emmery und lasse alles verbriefen.“

Ein fiebriger Glanz war in seinen sonst eher kühlen grauen Augen. Shannon schüttelte den Kopf.

„Nein!“

Longley lachte hart. „Ein Mann, der die Hälfte einer ertragreichen Silbermine ausschlägt, muss entweder strohdumm oder bis obenhin voller Angst sein.“

Shannon drehte sich gelassen um Er tat so, als würde er das wütende, fast schon gehässige Glitzern in den Augen des hageren Miners übersehen.

„Angst ist eine gesunde Sache, wenn es darum geht, mit dem Leben davonzukommen. Nur das zählt. Einem Toten nützt auch eine millionenschwere Silbermine nichts. Ich hab Fremonts Revolverschwinger in Silverrock gesehen. Ich bin angeschossen und bilde mir nicht ein, im Handumdrehen mit diesen Kerlen fertig zu werden. Wenn Sie mich fragen, Sie stehen hier auf verlorenem Posten.“

„Ich frage Sie aber nicht!“

„Und ich kämpfe nicht gern für eine von vornherein aussichtslose Sache.“

Longley hob langsam die Remington, bis die Mündung auf Shannons Brust zielte. Ein düsteres Lächeln geisterte um seinen Mund.

„Vielleicht bleibt Ihnen gar keine Wahl. Wenn Fremonts Killer uns auf den Pelz rücken, werden sie keinen Unterschied zwischen Ihnen und uns machen. Dann werden Sie sich wohl oder übel Ihrer Haut wehren müssen, wie Sie es nennen, Shannon. lch brauch nur dafür zu sorgen, dass Sie dann noch hier sind.“

„Vorsicht! Ich bin kein Mann, der sich erpressen lässt.“

„Mal abwarten“, knurrte Longley. „Lassen Sie die Hand vom Schießeisen. Ich werde bestimmt abdrücken. Das bin ich schon Joe schuldig, den es beinahe selbst erwischt hätte, als er mich mal aus einem eingestürzten Stollen befreite. Los, Hombre, schnallen Sie jetzt vorsichtig den Waffengurt ab.“

Longley meinte es ernst, Shannon seufzte. Er hatte es schon zu oft erlebt, wie Männer zu Hyänen wurden, wenn es um Gold und Silber ging. Was brachte Menschen dazu, Besitz höher zu bewerten als ein Leben?

McCall winkte müde ab. „Er hat recht, Jake, es ist der falsche Weg. Ich hab ihm ein Angebot gemacht, er hat es abgelehnt. Lass ihn gehen.“

„Er ist es uns schuldig, dass er bleibt und mit uns kämpft. Wir haben schließlich unseren Hals riskiert, ihn hierherzuholen.“

„Wir haben es getan, weil wir ihn für Mortimer hielten. Leg das Gewehr weg, Jake.“

„Du bist der Boss“, brummte Longley und senkte widerwillig die Waffe. „Wenn du nur keinen Fehler machst, Joe! Wenn wir ihn nur nicht irgendwann in den Reihen von Fremonts Revolvermännern wiedersehen!“

„Bestimmt nicht, Jake! Da müsste ich mich schon sehr in ihm täuschen. — Vergessen Sie, was geschehen ist, Shannon. Reiten Sie, bevor Slaughters Freunde Sie doch noch aufstöbern. Schauen Sie zu, dass Ihre Verletzung in Ordnung kommt. Ihr Pferd steht unten auf dem Plateau.“ Er streckte dem Satteltramp die Hand hin.

Ein seltsames Lächeln glitt über sein verwittertes Gesicht. Nicht das Lächeln eines Mannes, der eine Niederlage erlitten hat. Eher ein Lächeln, als hätte er noch einen versteckten Trumpf in der Hinterhand.

Als Shannon die Hütte verließ, wurde er das Gefühl nicht los, dass er noch längst nicht aus dem Kampf um die alte spanische Silbermine heraus war.

 

*

 

Shannon ritt bis nach San Pablo, einer kleinen Mexikanersiedlung in den südlichen Ausläufern der Black Range. Dort quartierte er sich in einer gemütlichen Cantina ein, um seine Brustverletzung auszukurieren. Der Cantinero war ein alter Freund von ihm, und seine junge hübsche Tochter tat alles, um Shannons düstere Erinnerung an Silverrock und alles, was damit zusammenhing, zu verscheuchen.

Es waren Tage wie im Paradies. Shannon hatte nicht im Sinn, so rasch wieder weiterzureiten. Es war gut, einmal unter Freunden zu leben, nachts nicht allein am Campfeuer zu hocken, nicht dauernd darauf gefasst, den Colt ziehen zu müssen. Jede Stunde in dem einsamen, von malerischen Berghängen umschlossenen Mexikanerdorf war eine Wohltat. Doch Shannons Ahnung bei seinem Abschied von McCall hatte ihn nicht getrogen ...

Am fünften Tag seines Aufenthalts betrat Juanita, die Tochter des Cantineros, am frühen Vormittag Shannons Zimmer. Shannon saß am Tisch und ölte gewohnheitsmäßig seinen 44er Colt. Die braunhäutige, mandeläugige Schönheit schwebte lächelnd zu ihm, küsste ihn auf die Wange und raunte ihm ins Ohr:

„Besuch für dich, Querido. Unten in der Cantina sitzt ein Mann, der dich sprechen will.“

Ihr weiches Lächeln erlosch, als Shannons Haltung sich spannte. Sie musterte ihn besorgt.

„Hätte ich nicht sagen sollen, dass du hier bist, Querido?“

„Schon gut“, sagt er, rauer als beabsichtigt. „Wer. ist der Mann?

„Er hat keinen Namen genannt. Er sieht aus... nun ja, fast so wie ein Landstreicher.“

„Bewaffnet?“

„Ich habe keine Waffe an ihm gesehen. Er ist bestimmt kein Pistolero, wenn du das meinst.“

Shannon lächelte. „Dann ist es ja gut. Ein Mann wie ich hat viele Feinde. Das ist auch der Grund, warum ich immer nur für ein paar Tage bei dir bleiben kann.“

Seine alte Vorsicht war erwacht. Es hatte schon zu viele unliebsame Überraschungen in seinem gefahrvollen Leben gegeben. Shannon war manchmal so verwegen, dass andere es haarsträubend nannten, aber er war kein Mann, der seinen Feinden eine überflüssige Chance einräumte. Mit gewohntem Schwung schnallte er den Coltgurt um, überprüfte den richtigen Sitz der frisch geölten Waffe und stieg die schmale Holzstiege zur Cantina hinab.

Der Mann, der auf ihn wartete, hockte allein an einem runden Tisch, eine Flasche und ein halbvolles Glas vor sich. Shannon hatte ihn nie zuvor gesehen. Er hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit einem Landstreicher. Das Sonnenlicht, das durch die offene Tür der Cantina fiel, streifte ein fleischiges, stoppelbärtiges Gesicht mit stechenden Augen, die Shannon gespannt entgegenblickten. Die Kleidung des Mannes war schäbig, zerschlissen, staubbedeckt. Aber am Pfosten neben dem Cantina-Eingang war ein Klassepferd festgebunden. Ein rassiger Fuchshengst, der gut und gern seine fünfhundert Dollar wert war. Dafür hatte Shannon einen Blick.

„Shannon?“, fragte der Stoppelbärtige, und ohne eine Antwort abzuwarten: „Setzen Sie sich.“

Shannon blieb am Tisch stehen. Der Stoppelbärtige lehnte sich zurück, schob die Jacke auseinander und hakte die Daumen in die Ärmelausschnitte der fleckigen Weste so als wolle er zeigen, dass er keine Waffe versteckt auf dem Körper trug.

„Was wollen Sie?“, fragte Shannon kurzangebunden. „Wer sind Sie?“

Die wulstigen Lippen in dem unrasierten Gesicht dehnten sich zu einem Grinsen. „Tom Fremont. Ich bin hier, um Ihnen ein Angebot zu machen, Shannon.“

Shannon starrte in die kleinen glitzernden Augen und begriff, dass es kein schlechter Scherz war, was er da erlebte. Shannon war ein erfahrener Pokerspieler, der sich jederzeit eisern in der Gewalt hatte. Ohne eine Miene zu verziehen setzte er sich. Vom Stuhl aus sah er die beiden Kerle, die Fremont mitgebracht hatte. Sie lehnten bei ihren Gäulen am gegenüberliegenden Zügelholm. Einer beobachtete die Tür der Cantina, der andere spähte die Straße hinab, als erwarte er dort jemand. Shannon lehnte sich zurück, holte sein Rauchzeug hervor und drehte sich lässig eine Zigarette. Fremont wartete gleichmütig. Ein Mann, der aussah, als hätte er keine fünfzig Cents in der Tasche. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, dass er der große Boss von Silverrock war.

„Was für ein Angebot?“, fragte Shannon, als die Zigarette brannte.

Fremont grinste. „Sie haben Slaughter den Revolverarm zerschossen, Hombre. Er wird nie mehr so schnell und tüchtig wie früher sein. lch biete Ihnen seinen Job.“

Shannon zuckte nicht mit der Wimper. „Und deshalb sind Sie mir den langen Weg von Silverrock bis hierher nachgeritten?“

„Warum nicht?“

„Sie hätten sich den Weg sparen können.“

„Sie sind nicht nur schnell mit dem Colt, sondern auch schnell mit Ihrer Zunge, Shannon. Ein bisschen zu schnell. Sie haben vergessen, nach dem Preis zu fragen.

„Kein Interesse.“

„Vielleicht doch. Tausend Dollar auf die Hand, wenn Sie ja sagen. Ansonsten zweihundert pro Monat bei freier Kost, Logis und Ausrüstung. Kennen Sie ’nen Job, wo Sie mehr verdienen?“

„Nein.“

„Na also! Holen Sie sich ‘n Glas, damit wir darauf anstoßen. Es ist noch genug in der Flasche.“

„Kein Grund zu feiern, Fremont. Was wollen Sie eigentlich wirklich von mir?“

Fremont griff betont vorsichtig in die Innentasche seiner schäbigen Jacke. Er zog ein Bündel Geldscheine heraus und warf es lässig auf den Tisch.

„Ich sagte schon, ein Geschäft mit Ihnen abschließen, Amigo. Da sind die tausend Dollar Anzahlung. Greifen Sie zu.“

Tausend Dollar waren in einer Zeit, in der ein Cowboy dreißig Bucks Im Monat verdiente, eine Menge Geld. Doch Shannon warf keinen Blick darauf. „Verschwinden Sie, Fremont. Sie stehlen mir die Zeit.“

Der große Boss von Silverrock schien nicht beleidigt. Er trank sein Glas aus und goss von neuem ein. „Sie behaupten doch nicht, der verrückte alte Joe McCall hat Ihnen mehr geboten?“

Shannon lächelte scharf. „Das ist es also. Sie haben Angst, ich könnte schon auf McCalls Lohnliste stehen und nach Silverrock zurückkehren, wenn ich wieder richtig auf dem Damm bin, um Ihnen an den Kragen zu fahren. Keine Sorge, ich bin aus dem Spiel, auch wenn es mir fast schon leid tut. Aber ich bin kein Mensch, der seinen Colt verkauft.“

„Es wäre auch niemand mehr da, außer mir, der ihn kaufen würde“, grinste Fremont. „Wer redet denn noch von McCall?“

Er lachte spöttisch. Dieses Lachen und die eigenartige Betonung seiner Worte weckten ein Gefühl der Beklommenheit in Shannon. Dieser gerissene Schurke, der sich einen Spaß daraus machte, alle vor den Kopf zu stoßen und wie ein armseliger Bettler herumzulaufen, war nicht zu unterschätzen. Bevor Shannon etwas sagen konnte, klang Hufgetrappel vom Ortseingang.

Die beiden Schießer vor der gegenüberliegenden Adobelehmhütte setzten sich sporenklirrend in Bewegung. Der eine kam auf den Eingang der Cantina zu. Der andere trat mitten auf die sonnenbeschienene staubige Fahrbahn, legte die Hand an den Revolver und starrte dem Reiter entgegen, den Shannon von seinem Platz aus nicht sehen konnte. Shannon erhob sich geschmeidig.

„Wohin?“, grinste Fremont.

„Ich hab so das Gefühl, als würde ich weiteren Besuch bekommen“, erwiderte Shannon ruhig. Fremont setzte das Glas an die Lippen.

„Ich an Ihrer Stelle würde nicht so verdammt neugierig sein, sondern bleiben.“

„Sie sind nicht an meiner Stelle.“

Shannon stiefelte zur Tür. Die sehnige Gestalt des einen Revolvermannes verdunkelte den Eingang. Der Kerl stand breitbeinig auf der Schwelle, die Hand am Colt, und machte keine Anstalten, Shannon den Weg freizugeben. Das Hufgetrappel auf der Straße verstummte. Die blecherne Stimme des anderen Revolverschwingers trieb herein.

„Du hast die falsche Richtung eingeschlagen, Emmery. Reit nach Silyerrock zurück, oder verdrück dich sonstwohin. Hier hast du nichts zu suchen.“

„Ich will zu Shannon. Ich weiß, dass er hier ist. Gib den Weg frei, Reanow. Lass dein Eisen stecken. Ich bin unbewaffnet.“

„So ein Jammer!“, lachte der Halunke. „Das ist aber ein Fehler in diesem Land, Emmery, das wirst du verdammt schnell herausfinden.“

Sporen rasselten. Das Pferd des fremden Reiters schnaubte und stampfte nervös mit den Hufen. Der Mann in der Tür grinste herausfordernd. Shannon drehte sich zu Fremont um, der grinsend am Tisch hockte. „Sagen Sie ihm, dass er mit seinem Leben spielt, wenn er versucht, mich aufzuhalten.“

„Wieso? Er ist alt genug, selbst zu wissen, was er tut. Ich hab nichts damit zu schaffen.“ Fremont bleckte seine Zähne. „Ich weiß nur, dass er ein Freund von Bragg Slaughter ist.“

„Richtig!“, knurrte der Kerl in der Tür drohend. „Und deshalb werden wir dich zur Hölle schicken, Shannon, wenn du jetzt eine falsche Bewegung machst. Zeig dich, Clant!“

Die Hintertür der Cantina flog mit einem Knall auf. Ein dritter Typ aus Fremonts Killergarde stand mit einem Colt in der Faust geduckt auf der Schwelle. Er brachte gerade noch den Mund auf, um irgendeine hämische Bemerkung loszulassen, da lag Shannon schon am Boden und schoss.

Der Kerl mit dem Colt prallte heftig gegen den Türrahmen und rutschte ächzend an ihm nieder.

Shannon blieb in Bewegung. Eine Kugel knirschte neben ihm in den Lehmboden. Shannon schoss aus der Drehung, ohne zu zielen, rein instinktiv. Der Schurke bei der Tür stieß einen Schrei aus, brach auf die Knie und rollte bewusstlos auf die Seite. Im nächsten Moment war Shannon wieder auf den Beinen, warf einen Blick auf Fremont, doch der rührte sich nicht. Der einzige Unterschied war, dass er nicht mehr grinste.

Gleich darauf sprang Shannon ins Freie. Ein Mündungsfeuer glühte ihm entgegen. Die Kugel meißelte Mörtelbrocken von der Cantinawand. Fremonts dritter Killer versuchte, den Schatten zwischen den gegenüberliegenden Häusern zu erreichen. Shannon zielte auf seine wirbelnden Beine. Als der Schuss krachte, machte der Halunke einen Luftsprung, dann blieb er stöhnend und fluchend im Straßenstaub liegen.

Shannon lud erst seinen 44er nach, ehe er sich dem Mann auf dem nervös tänzelnden Pferd zuwandte. Er war jung, kräftig und trug einen zerknitterten, staubbedeckten Stadtanzug. Blaue Augen leuchteten in einem sonnengebräunten Gesicht. Ein zaghaftes Lächeln stahl sich um seine Lippen.

„Nach allem, was McCall mir erzählt hat, müssen Sie Shannon sein.“

„Und Sie sind Ted Emmery, der Rechtsanwalt aus dem Osten, der sich ausgerechnet Fremonts Town als Wirkungsstätte ausgesucht hat. Schwer zu verstehen, wovon Sie dort leben. Aber kommen Sie rein, Emmery. Ich hab gehört, dass Sie zu mir wollen.“

Emmery stieg ab, band sein Pferd fest und betrat hinter Shannon die Cantina. Die verwundeten Revolverschwinger hatten sich durch die Hintertür verdrückt. Fremont stand gerade von seinem Stuhl auf und legte ein paar Münzen neben das leere Glas. Er grinste schief.

„Hallo, Emmery, tut mir leid, dass Sie hier so einen unfreundlichen Empfang hatten.“

Der junge Rechtsanwalt stockte. Seine Miene spannte sich. „Was wollte er von Ihnen, Shannon?“

„Er hat mir ‘nen Job angeboten, einen ziemlich gut bezahlten Job.“

„Und? Haben Sie ja gesagt?“

Shannon lächelte schmal. „Seh ich so aus?“

Emmery seufzte erleichtert. „Dann ist es ja gut. Dann bin ich doch nicht zu spät gekommen. Pech für Sie, Fremont, was?“

„Keine Ahnung, von was Sie reden.“

„Von McCall und seinem Testament, Sie verdammter Hundesohn.“

„Vorsicht, Emmery!“, grinste Fremont drohend. „Passen Sie auf, wie Sie mit mir reden — oder es ist besser, Sie kehren von hier aus nicht mehr nach Silverrock zurück.“

„Ich werde zurückkommen, verlassen Sie sich darauf. Und ich werde dafür sorgen, dass es eines Tages dort einen Sheriff gibt, der Ihnen das Handwerk legt.“

„Moment mal, Emmery“, mischte sich Shannon ein. „Sagten Sie nicht was von einem Testament?“

Emmerys blaue Augen verdüsterten sich. Er nickte grimmig. „McCall ist tot. Raten Sie mal, wer ihn auf dem Gewissen hat.“

„Soviel ich weiß, gibt es dafür keinen Anhaltspunkt“, meinte Fremont achselzuckend. „Der arme McCall! Hätte er doch seine Mine an mich verkauft, dann wäre das sicher nicht passiert."

Shannon spürte ein Kribbeln in den Fäusten. Aber er beherrschte sich. Gleichzeitig konnte er sich eines leisen Gefühls der Schuld nicht erwehren. McCall tot! Die Worte dröhnten in seinen Ohren. Er dachte an das breite verwitterte Gesicht mit den fiebrig glänzenden Augen. Emmery zog einen verschlossenen Umschlag aus der Innentasche seiner Anzugjacke.

„McCall wurde hinterrücks erschossen, kurz nachdem er bei mir war und sein Testament beurkunden ließ. Er hat Ihnen, Shannon, ein Drittel der ,Spanish Star' vermacht. Ich bin Ihnen nachgeritten, um Sie davon in Kenntnis zu setzen.“

Shannon starrte erst ihn, dann Fremont an. Emmery sagte: „Er weiß Bescheid. Deshalb wollte er mir ja zuvorkommen und Sie auf seine Seite bringen. Mein Schreiber hat ihm die Durchschrift von McCalls Testament zugespielt. Ich bin dem Kerl zu spät auf die Schliche gekommen und hab ihn natürlich gleich gefeuert. Es ist also kein Geheimnis mehr, was ich da vor Fremont ausplaudere. Er ist längst im Bilde.“

„Was Sie sich da nur zusammenreimen!“, grinste Fremont kopfschüttelnd. „Shannon, Sie werden doch nicht so verrückt sein und dieses Erbe antreten. Es bringt Ihnen garantiert nur Scherereien.“

„Das Gefühl hab ich auch“, meinte Shannon schleppend. „Wer erbt die beiden anderen Drittel?“

„Eines davon Jake Longley, das andere McCalls Tochter Jenny. Wenn ein Erbe ablehnt oder McCalls Schicksal erleidet, fällt das jeweilige Drittel an die beiden anderen.“

„Ich wusste nicht, dass McCall eine Tochter hat.“

„Ihretwegen war McCall so entschlossen, die Silbermine nicht aufzugeben So oft ich mit ihm zusammentraf, sprach er davon, dass das Silber aus der ,Spanish Star“ der Grundstock einer neuen Zukunft für Jenny sein soll.“

Plötzlich sah Shannon den grauhaarigen Minenbesitzer in einem ganz anderen Licht. Nicht mehr als den auf Reichtum versessenen, vom Silberrausch gepackten Abenteuerer, der leichtsinnig sein Leben wagte. Jetzt verstand er McCalls verzweifelte Hartnäckigkeit besser. Emmery und Fremont blickten ihn gleichermaßen gespannt an. Shannons Gedanken wirbelten. Ein Drittelanteil an einer alten spanischen Silbermine! Er konnte ablehnen. Besitz bedeutete ihm niemals soviel wie seine Freiheit. Er dachte an McCalls Lächeln beim Abschied. Hatte McCall damals schon diese Idee gefasst? Überzeugt, dass er es zumindest als Toter noch schaffen würde, Shannon in das Silbergebiet um Silverrock zurückzuholen? Shannon lächelte matt. Wenn man es recnt besah, hatte Joe McCall ihn hereingelegt. Sein Testament war ein Appell an Shannons Pflichtgefühl.

„Okay, ich nehme an“, sagte er zu Emmery.

Fremont brannte sich eine teure Zigarre an. „Na schön, so hätte ich’s auch gemacht. Sie wissen natürlich, dass ich bereit bin, Ihren Anteil an der Spanish Star aufzukaufen. Nennen Sie mir Ihren Preis.“

„Verschwinden Sie!“

„Ich habe McCall tausend Bucks geboten. Ich biete Ihnen fünftausend, Shannon.“

„Warum sind Sie so verrückt auf die Spanish Star. Fremont?“

„Das kann ich Ihnen sagen“, erklärte der junge Rechtsanwalt. „Es gibt da eine alte Geschichte von einem spanischen Silberschatz, der in einem geheimen Stollen der Spanish Star versteckt sein soll. Silberbarren im Wert von hunderttausend Dollar.“

„Du liebe Zeit!“, lachte Fremont heiser. „Wer glaubt denn schon an dieses Märchen?“

„Sie zum Beispiel“, antwortete Ted Emmery kalt. „Und wenn Sie bereit sind, soviel Geld in eine Sache zu stecken, dann müssen Sie sich dieser Sache sehr sicher sein. Ich kenne Sie, Fremont.“

„Noch nicht gut genug“, brummte der große Boss von Silverrock und verließ mit harten Schritten die Cantina. Gleich darauf wirbelte der Hufschlag seines Fuchshengstes davop.

Shannon grinste. „Sie haben ein fabelhaftes Talent, sich Feinde zu schaffen, Emmery “

„Fremont wird vorerst mit Ihnen, Longley und Jenny McCall genug zu tun haben“, grinste Emmery zurück.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931259
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496342
Schlagworte
shannon boss silverrock

Autor

Zurück

Titel: JIM SHANNON #16: Shannon und der Boss von Silverrock