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Leiche auf Eis - Ein Jack Braden Thriller #10

2019 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Leiche auf Eis

Copyright

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Leiche auf Eis

Ein Jack Braden Thriller #10

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Hank Murphy betreibt offiziell eine Pfandleihe, das große Geld macht er allerdings mit Hehlerei im großen Stil. Dummerweise kann ihm die Polizei, allen voran Detective Lieutenant Archie McBride, nie etwas nachweisen. Stattdessen wird McBride eine Anklage wegen Anstiftung zum Meineid angehangen, woraufhin er seine Marke verliert und untertaucht. Als man Hank Murphy kurz darauf ermordet auffindet, glaubt sein Bruder Jeremias, dass der ehemalige Police Detective der Täter ist und beauftragt den Privatdetektiv Jack Braden mit den Ermittlungen – fein gesponnene Spannung mit manchen Wendungen ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

„Niemand sollte sagen, dass Hank Murphy ein Stinktier ist — es wäre eine Beleidigung für die Stinktiere!“

Dieser Ausspruch stammte von Archer McBride, weithin bekannt als Archie, das Ross. Und Archie musste es wissen. Denn von allen Police Detectives in New York hatte er sich am meisten mit Murphy befasst.

Es war so weit gekommen, dass Archie einen dunkelroten Nacken und bläuliche Lippen bekam, wenn er den Namen Hank Murphy nur hörte.

Man kann das verstehen. Insgesamt neunmal hatte Archie, das Ross, seine Schritte zur Staatsanwaltschaft gelenkt. Insgesamt neunmal hatte er einen Ordner mit Beweismaterial auf den Tisch des Hauses gepackt.

Dreimal hatte der Attorney von vornherein abgewinkt.

„Das langt nicht, Archie! Damit kriegen wir Murphy nicht. Das zerfetzen seine Anwälte in der Luft.“

Sechsmal war Anklage erhoben worden.

Resultat: „Freispruch aus Mangel an Beweisen.“

Der Aktenstapel in Sachen Hank Murphy wurde immer größer. Eines Tages hängte ein Witzbold ein Schild daran:

„Archie McBride’s gesammelte Werke!“

Archie, das Ross, hatte das gar nicht witzig gefunden.

Der Boxkampf Archie McBride kontra Hank Murphy wurde in einschlägigen Kreisen mit Spannung verfolgt. Sowohl in der Unterwelt als auch im Polizeihauptquartier wurden Wetten aufgelegt. Und sogar die Cops schätzten die Chancen ihres Kollegen, Hank Murphy im zehnten Anlauf zu Fall zu bringen, nicht nennenswert hoch ein.

Ehe Archie, das Ross, aber zum zehnten Mal angriff, wurde er zur Staatsanwaltschaft bestellt, und Distrikts Attorney Philip Young schüttelte bekümmert den Schädel.

„Wie konnten Sie nur, Archie!“

„Was habe ich gekonnt, Phil?“, fragte Archie, das Ross.

„Ich verstehe zwar, dass Sie ’nen mächtigen Rochus auf Murphy haben, aber so weit hätten Sie nicht gehen dürfen!“

„Wie weit?“

Es stellte sich heraus, dass drei mehr oder weniger ehrenwerte Gents Anzeige erstattet hatten. Und zwar gegen Mr. Archie McBride, Detective Lieutenant beim Polizeihauptquartier von New York City. Wegen Nötigung, in Tateinheit mit Anstiftung zum Meineid.

„Phil“, sagte Archie, das Ross, „das glauben Sie doch selber nicht!“

„Es ist nicht wichtig, was ich glaube“, entgegnet e D. A. Philip Young noch bekümmerter. „Es ist nur wichtig, was das Gericht dazu sagen wird.“

Das Gericht — unter Vorsitz von Stadtrichter Simon Lindley — erkannte auf „Schuldig im Sinne der Anklage“. Das Urteil lautete auf achtzehn Monate Gefängnis.

Archie, das Ross, blieb auf freiem Fuß und legte Berufung ein.

Aber auch in zweiter Instanz wurde er für schuldig befunden und zu achtzehn Monaten verurteilt.

Das Gericht ließ ihn wissen, dass es ein Gnadengesuch befürworten werde: in Anbetracht seiner bisherigen Unbescholtenheit. Und so weiter.

Archies Verteidiger war ein Ehrenmann. „Im Vertrauen, Archie, ich an Ihrer Stelle würde das Urteil annehmen.“

„Aber ich bin unschuldig, verdammt nochmal!“

„Das brauchen Sie mir nicht zu versichern. Ich glaub’s Ihnen ja, Archie. Aber außer mir glaubt es Ihnen eben niemand.“

„Das muss sich erst ’rausstellen! Wir gehen in die dritte Instanz.“

„Archie! Ich rede doch gegen meinen eigenen Geldbeutel, wenn ich Ihnen rate, das Urteil anzunehmen. Meinen Sie, das würde ich tun, wenn ich mir auch nur die Spur einer Chance ausrechnete? Ich habe doch weiß Gott getan, was ich konnte. Die Anklage ist nicht zu erschüttern. Murphy hat Sie geschafft, Archie. Sie werden auch in der letzten Instanz verurteilt werden. Kein Verteidiger der Welt könnte etwas daran ändern. Dieses Gericht will ein Gnadengesuch befürworten, und Sie wissen so gut wie ich, dass der Rest dann nur noch eine Formsache ist. Ich habe es jedenfalls noch nie erlebt, dass ein vom erkennenden Gericht befürwortetes Gnadengesuch abgelehnt worden wäre. Nehmen Sie das Urteil an, Archie, und Sie sind und bleiben ein freier Mann.“

„Ein erledigter Mann!“

„Das sind Sie so oder so. Wenn wir in die dritte Instanz gehen, werden Sie die achtzehn Monate absitzen müssen. Wenn wir Glück haben, achtzehn Monate. Sie wissen, was auf Anstiftung zum Meineid steht! Wir haben zweimal Glück gehabt, zweimal sind uns alle nur denkbaren mildernden Umstände zugebilligt worden. Aber wer garantiert uns, dass wir auch in der dritten Instanz so viel Glück haben werden? Wie, wenn aus den achtzehn Monaten mehrere Jahre werden würden? Eine weitere Revision gäbe es nicht, Archie!“

„Ich will keine Gnade, ich will mein Recht!“

„Sie sind und bleiben ein freier Mann, wenn Sie ...“

„Ein erledigter Mann! Für alle Zukunft erledigt!“

„Das ist eine Phrase, Archie! Sie sind noch nicht einmal vierzig! Sie haben ein paar tausend Dollar auf der Bank; genug, irgendwo neu anzufangen.! Die USA sind groß, Archie, Sie können überall ...“

So redete Francis Millower auf Archie, dass Ross, ein. Archie saß auf der Anklagebank, und der Verteidiger vor ihm.

Unmittelbar hinter Archie McBride aber, auf der vordersten der Bänke für das Publikum, saß ein großer schlanker Mann, der ganz Ohr war.

Nach etwa fünf oder sechs Minuten erhob sich der Verteidiger.

„Euer Ehren! Mein Mandant hat mich zu der Erklärung bevollmächtigt, dass er das Urteil annimmt! Das Gnadengesuch wird Ihnen morgen zugehen.“

„Gut, Mr. Millower. Damit ist das Urteil rechtskräftig.“

„Ich verstehe die Welt nicht mehr!“, murmelte Archie McBride.

„Wer versteht schon die Welt, Archie!“, murmelte Millower.

Und der Richter verkündete: „Es ergeht der Beschluss: Der Verurteilte bleibt bis zur Entscheidung über das Gnadengesuch auf freiem Fuß!“

Millower deutete eine Verbeugung an. Die Reporter spritzten zu den Telefonen. Archie, das Ross, blieb sitzen.

Die Zuschauer auch. Für den nächsten Fall.

Nur der Mann hinter McBride erhob sich. Stehend wirkte er nicht nur hochgewachsen, sondern baumlang.

„Alles Gute, Archie!“, murmelte er.

Archie, das Ross, wendete den Kopf und rang sich ein schräges Grinsen ab.

Der Baumlange knöpfte den Sakko seines hechtgrauen Zweihundertfünfzig-Dollar-Anzugs zu, stülpte lässig den Hut auf, klopfte Archie zweimal leicht auf die Schulter und ging mit langen, wiegenden Schritten zur Tür.

Vor der Tür stand die Meute der Pressefotografen. Im Gerichtssaal selbst durften sie nicht knipsen. Also warteten sie hier auf Archie McBride.

„Lasst mich durch, Jungs!“, sagte der baumlange Mann.

Allem Anschein nach kannten sie ihn. Etliche riefen ihm ein paar Brocken zu.

Er lächelte zerstreut und ging durch die Gasse, die sich vor ihm auftat.

Die Bildreporter warteten vergebens auf Archie, das Ross.

Er verließ den Saal durch das Anwaltszimmer, und das Gerichtsgebäude über eine Nebentreppe. Und zwar allein. Francis Millower, sein Verteidiger, hatte in einer anderen Sache zu tun.

McBride ging eilig die Straße hinab. Eilig, weil die Fotografen jeden Augenblick antraben konnten.

Archie, das Ross, hatte erst wenige Schritte getan, als ein Porsche „Carrera“ an den Rinnstein glitt.

„Kann ich Sie irgendwo hinbringen, Archie?“, fragte der baumlange Mann, der hinter dem Lenkrad saß, durch das offene Fenster.

Archie, das Ross, schüttelte stumm den Kopf.

 

 

2

Dawn „Sunny“ Barris beendete gerade ein Telefonat, als der Baumlange eintrat. Sie hatte ihn am Schritt erkannt, während er die Diele durchquerte. Also machte sie sich nicht die Mühe, den Kopf zu wenden und durch die Glastür zu blicken.

Sie saß nämlich auf dem Schreibtisch und ließ die wohlgeformten Beine baumeln. Und diese Beine waren beileibe nicht alles, was an ihr wohlgeformt war.

Ganz und gar nicht.

Der Baumlange — Mr. Jack Braden — entnahm Sunnys Haltung, dass das Telefonat sich in die Länge gezogen hatte. Und da ein sanftes Rot ihre Wangen überzog, zweifelte er nicht daran, dass es sich bei dem Dauergesprächspartner um Mr. Anthony Gilford handelte, First Agent der FBI-Leitstelle New York, seit Jahr und Tag getreuer Verehrer von Miss Dawn Barris.

Braden nahm mit einem Schenkel neben Sunny Platz. Er griente.

„Ich muss jetzt Schluss machen!“, sagte Sunny. „Good bye!“

Braden nahm ihr den Hörer weg.

„Ist irgendetwas los, Tony?“, frozzelte er. „Oder stehlen Sie meiner Sekretärin nur die von mir teuer bezahlte Zeit?“

„Ich heiße Anthony! Nicht Tony!“, stellte Mr. Gilford pikiert richtig. „Wie oft habe ich Ihnen das schon gesagt?!“

„Dreiundzwanzigtausendsiebenhunderteinundvierzig Mal!“, behauptete Braden.

„Wissen Sie, was Sie sind?“, kam es aus der Membrane.

„Neugierig“, sagte Braden. „Nämlich darauf, wann Sie es aufgeben werden, an mir herumzuerziehen.“

„Sie sind kein Gentleman! Ihr Vater hatte bessere Manieren als Sie.“

„Auch das“, sagte Braden, „höre ich zum dreiundzwanzigtausendsiebenhunderteinundvierzigsten Mal von Ihnen. Die nächste Strophe singen wir gemeinsam. Drei — vier!“

Allein — Mr. Gilford hatte bereits aufgehängt. Gesangliche Darbietungen entfielen. Braden seufzte — und hängte auf.

„Sie sind unmöglich!“, sagte Sunny streng. „Eines Tages werde ich Sie verprügeln.“

Sie reichte ihm bestenfalls bis zum Kinn. Insofern war das eine reichlich kühne Drohung.

„Mir schaudert!“, sagte er. „Wo ich doch so empfindlich bin.“

Sie knipste ihre Handtasche auf, fingerte eine Eindollarnote heraus, legte sie mit spitzen Fingern zwischen Braden und sich selber und konstatierte: „Sie bezahlen mich mit rund drei Dollar die Stunde. Das Gespräch mit Tony dauerte knapp zwanzig Minuten. Stecken Sie den Dollar ein und schämen Sie sich — wenn Sie können.“

„Wie macht man das?“

Sie rutschte vom Schreibtisch, warf — schwupp! — die blonde Mähne in den Nacken —, und ihre Augen waren blitzende Eisberge in einem Meer von funkelndem Zorn.

Selbst einem instinktlosen Halbtrottel wäre angesichts dieser Augen aufgegangen, dass Mr. Gilford absolut keine Chance hatte. So viel Zorn verschwendet eine Frau nur, wo sie liebt.

Braden war allerdings noch instinktloser. Wenigstens in dieser Hinsicht. Zumindest tat er so.

Er brauchte nicht vom Schreibtisch zu rutschen; seine langen Gehwerkzeuge reichten ohnehin bis zum Fußboden.

„Wo waren Sie überhaupt die ganze Zeit?“, fragte sie abgewendet. „Ich habe Sie stundenlang zu erreichen versucht.“

„Im High Court of Justice“, sagte er. „Im Landgericht. Wussten Sie, dass heute die Berufungsverhandlung gegen Archie McBride angesetzt war? — Nein? — Ich wusste es auch nicht.“ Braden war wegen einer anderen Sache hingegangen.. „Ich stolperte zufällig darüber.“

„Sie reden von Archie, dem Ross?“

„Ja. Ich stolperte zufällig darüber. Der Saal war überfüllt, aber ich steckte mich hinter Millower. Er verteidigte Archie. Er sorgte dafür, dass die Leute in der ersten Reihe zusammenrückten, sodass ich mich dazwischenquetschen konnte.“

„Wie ist es ausgegangen?“

„Achtzehn Monate. Das bekam er auch vor dem Stadtgericht.“

Der Boxkampf Archie McBride contra Hank Murphy hatte ja in den interessierten Kreisen Furore gemacht, Sunny war also im Bilde.

„Archie wird in die Revision gehen, nehme ich an.“

„Nein. Francis Millower hat es ihm ausgeredet. Und nach Lage der Dinge war das wohl tatsächlich die klügste Entscheidung.“ Er erklärte es ihr, wiederholte Millowers Argumente.

„Ich verstehe es nicht recht“, murmelte sie hinterher. „Glauben Sie nicht auch, dass Archie unschuldig ist?“

„Subjektiv unbedingt“, sagte Braden. „Ob aber auch objektiv ...“

„Was heißt das?“

„Nun, Hank Murphy ist ohne jeden Zweifel eine der übelsten Ratten, die diese Stadt je gesehen hat. Aber sein Einfluss reicht weit, verdammt weit. Er hat Geld. Er hat Beziehungen und Verbindungen. Archie war so etwas wie ein Don Quichotte: der aussichtslose Kampf gegen Windmühlenflügel. Er hat es neunmal probiert, und es ist neunmal danebengegangen. Möglich, dass Archie tatsächlich getan hat, was die Anklage ihm vorwirft — aber wenn, dann doch nur, weil er anders nicht zum Ziel kommen konnte. Weil es unmöglich war, Murphy mit legalen Mitteln das Handwerk zu legen, Subjektiv ist Archie McBride unschuldig. Auf jeden Fall. Objektiv hingegen ... Ich weiß es nicht, Sunny! Möglich, dass Archie alles Maß verloren hatte und tatsächlich versuchte, die drei Männer unter Druck zu setzen und zu einem Meineid zu zwingen. Es ist aber ebenso gut möglich, dass sie — die drei Männer — von Hank Murphy gekauft und bezahlt worden sind, um Archie zu erledigen. Ich weiß es nicht. — Eines allerdings ...“ Braden brach ab.

„Ja, Jack?“

„Millower redete lange und beschwörend auf Archie ein. Aber Archie wollte nicht. Er wollte das Urteil nicht annehmen. Das Argument, das ihn schließlich doch umstimmte, lieferte er selber!“'

„Welches Argument?“

„Archie sagte: 'Wenn ich eingesperrt werde, ist niemand mehr da, der es Murphy besorgt.'“

Dann fuhr sich Jack über die Stirn und schüttelte sich den Schädel frei. Er langte in die Gesäßtasche, brachte die Banknotenrolle zum Vorschein und wickelte zwanzig Dollar ab.

„Wie wäre es, wenn wir diesen alleinstehenden Dollar und diese zwanzig Dollar miteinander verprassen würden? Ich kenne da eine nette kleine Bar, wo ...“

„Ein andermal gern“, sagte sie. „Aber für heute habe ich schon eine Einladung.“

„Viel Spaß!“, sagte er. Und erwischte sich in letzter Sekunde noch dabei, dass er im Begriff stand, die Verbindungstür zu seinem Privatbüro in das Schloss zu wuchten.

Er runzelte die Stirn und schloss die Tür betont behutsam.

 

 

3

Archie, das Ross, war schon vor der ersten Verhandlung vom Dienst suspendiert worden. Nun, da das Urteil rechtskräftig war, wurde er fristlos entlassen — unter Verlust seiner Pensionsansprüche.

Er packte seine Koffer, gab sein möbliertes Apartment auf, kaufte sich einen gebrauchten Buick eight, stieg ein und fuhr davon. Ohne jemandem zu sagen, wohin.

Das war am 16. Oktober.

Am 16. Januar morgens um sechs — auf den Tag genau drei Monate später — stolperte ein gewisser Norman Förster über eine Schneewehe in der West 72. Straße, Manhattan, City of New York.

Über Schneewehen stolpert man gemeinhin nicht, jedenfalls nicht über Schneewehen, die noch nicht vereist und nicht verhärtet sind. Frische Schneewehen sind weich. Wenn Mr. Förster dennoch stolperte, dann, weil die betreffende Aufwehung sozusagen einen Grabhügel bildete. Der Tote, der darunter lag, war Hank Murphy.

Die ganze Nacht über war ein Schneesturm durch die Straßenschluchten gefegt. Und Mr. Förster stolperte über den zugewehten Leichnam, als er sich daran machte, den Bürgersteig vor dem Haus freizuschaufeln.

Förster erinnerte sich sofort, dass er gegen vier Uhr morgens einen Schrei gehört hatte. Im Halbschlaf. Aufgestanden, um nachzusehen, was es da gäbe, war er nicht.

Es stellte sich später heraus, dass noch drei andere Leute diesen Schrei gehört hatten: offenbar den Todesschrei Murphys.

Hank Murphys Hinterkopf war zertrümmert.

Das stellte allerdings erst Dr. Doyle Sutter fest, der Polizeiarzt, der der Mordkommission VI zugeteilt war.

Boss H. S. VI. war nach wie vor Lieutenant Rudy Hornblower.

Braden las in der Presse, hörte im Rundfunk und hörte und sah im Fernsehen davon.

Was Hornblower und seine Mannschaft herausfanden, war dies:

Hank Murphy war am 8. Januar, also acht Tage vorher, nach Las Vegas, Nevada, geflogen. Um einen Mann namens Albert Smoke zu treffen. Im Palace Hotel.

Die Maschine war flugplanmäßig gelandet. Murphy hatte ein Taxi genommen und war direkt ins Palace gefahren. Dort hatte schon ein Telegramm für ihn bereitgelegen: „ankunft verzögert sich um zwei tage albert smoke.“ Aufgegeben am 7. Januar in Santa Monica, Los Angeles, Kalifornien, 22 Uhr abends.

In Harolds Club — einem der großen Vergnügungspaläste von Las Vegas — hatte Murphy dann die Zeit totgeschlagen. Jedenfalls im Wesentlichen dort.

Aber Albert Smoke war überhaupt nicht nach Las Vegas gekommen. Er hatte vielmehr ein weiteres Telegramm geschickt, aufgegeben in Phoenix, Arizona, am 10. Januar, 11 Uhr vormittags.

„Unabkömmlich stop schlage vor treff am fünfzehnten chicago hilton Chicago illinois stop unerhört wichtig stop unbedingt kommen albert smoke.“

Murphy verließ Las Vegas noch am selben Tag, also dem 10. Januar. Er flog aber nicht nach Chicago, sondern nach Los Angeles. Ankunft dort: 10. Januar, 19.37 Ortszeit.

Er verließ den Flugsteig im Kielwasser der Stewardess mit den anderen Fluggästen. Dann verlor sich seine Spur. Am 14. Januar, acht Uhr abends, erschien er in der Halle des Hotels Hilton, laut Aussage des Taxifahrers, von Midway Airport kommend, einem der Flugplätze Chicagos.

Wo er inzwischen gewesen war — niemand weiß es.

Er nahm ein Zweizimmer-Apartment im fünften Stock.

Am Morgen des 15. Januar, nachdem er sein Frühstück eingenommen hatte, erhielt er ein weiteres Telegramm, aufgegeben in Evanston, einem Vorort von Chicago:

„transaktion geplatzt stop wenn überhaupt noch etwas zu retten dann treff am sechzehnten manhattan west 72 Street ecke columbus avenue vier uhr früh albert smoke.“ Unmittelbar nach Erhalt dieser Depesche hatte Murphy packen lassen und war ausgezogen.

Per Taxi.

Aus irgendwelchen Gründen meldete sich der Taxifahrer nicht.

Wie Murphy nach New York gekommen war, konnte nicht festgestellt wenden. Wahrscheinlich per Bahn. Vielleicht auch mit dem Taxi: eine Taxifahrt Chicago-New York kostet rund zweihundert Dollar. Für den Cabbie vielleicht Grund genug, den Mund zu halten: mit einer Mordsache wollte keiner etwas zu tun haben.

Eine Fluglinie hatte Murphy jedenfalls nicht benutzt, das durfte als feststehend gelten, nicht nur, weil sein Name auf keiner Passagierliste verzeichnet war, sondern weil den Stewards und Stewardessen der vier in Betracht kommenden Maschinen Fotos von Murphy vorgelegt wurden — mit negativem Ergebnis.

Alles das erfuhr Braden von Hornblower selber, als er den Lieutenant in seinem Dienstzimmer aufsuchte. Das ergab sich so, weil Braden in einer anderen Sache im Hauptquartier zu tun hatte.

Braden wunderte sich darüber, dass Hornblower so bereitwillig auspackte — für gewöhnlich war der Lieutenant nicht so umgänglich.

„Ist irgendein Haken dabei, Rudy?“

„’n Haken nicht direkt, aber ... Hören Sie, Braden! Sie haben Archie, das Ross, doch ganz gut gekannt. Es gibt Leute in diesem Haus, die mir einreden wollen, ich brauchte Archie nur zu verhaften, und dann hätte ich Murphys Mörder.“

„Wissen Sie denn, wo er steckt?“

„Aber ja. Er hat ’n Alibi. Vielleicht könnte ich daran wackeln, aber, verdammt nochmal, es geht mir lausig gegen den Kamm. Vielleicht will ich gar nicht daran wackeln. Was meinen Sie, Jack? Trauen Sie’s Archie zu?“

„Wo ist er und was macht er?“

„Er hat ’n möbliertes Zimmer in Greenwich Village. Und machen tut er vorläufig eigentlich gar nichts — er lebt von seinen Ersparnissen. Sie wissen, dass sein Gnadengesuch durchgekommen ist?“

„Ich hörte davon.“

„Sie schulden mir noch eine Antwort.“ Braden kippte sich auf die Füße und stülpte den Hut auf.

„Es ist Ihr Problem, Rudy, nicht meines.“

„Verdammt nochmal, ja! Aber ich will ja nur Ihre Meinung hören!“

„Vielleicht habe ich keine“, sagte Braden. „Kann auch sein, es geht mir so ähnlich wie Ihnen, Rudy, vielleicht will ich keine Meinung haben! — Good bye, alter Knabe!“

Es wurde Bradens Problem. Denn am 1. Februar — sechzehn Tage nach dem Mord an Hank Murphy — erschien unangemeldet ein leicht fülliger Mittvierziger im Büro der Braden-Detektei. Sunny sah ihn durch die Glastür. Sie nickte ihm auffordernd zu, und er kam von der Diele ins Sekretariat.

„Guten Tag!“, sagte er. „Sie sind Miss Barris, nicht wahr?“

„Allerdings?“

Sunny ließ das Wort fragend verschweben, was einer Aufforderung gleichkam, sich vorzustellen.

Aber das tat er nicht.

„Melden Sie mich bitte Mr. Braden!“

„Ich weiß gar nicht, ob er im Haus ist.“

„Das sagt meine Sekretärin auch immer, ehe sie weiß, mit wem sie es zu tun hat. Braden ist im Haus. Ich weiß es. Sein Wagen steht vor der Tür. — Ja, ich weiß, ich hätte mich vorher anmelden sollen, aber ich bezweifle, dass sich Braden bereit erklärt hätte, mich zu empfangen. Da ich nun aber einmal hier bin, sollten Sie ihn auf jeden Fall fragen. Ich bin Jeremias Murphy. Hank Murphy war mein Bruder.“

„Einen Augenblick!“, sagte Sunny.

Sie erhob sich, ging nach nebenan ins Privatbüro und kam schon nach wenigen Sekunden zurück.

„Wenn Sie mir bitte folgen wollen!“

Sie führte den Besucher in die Diele zurück — und von dort ins Besucherzimmer.

 

 

4

Braden strich sich sein langes Kinn. Er hatte nie gehört, dass Hank Murphy einen Bruder oder überhaupt irgendwelche Verwandte gehabt hatte.

„Merkwürdig!“, murmelte er.

Dann straffte er seine lange Gestalt und betrat das Besucherzimmer durch die Tür, die sich — ohne Schlüssel — nur von innen öffnen ließ.

Murphy stand mit dem Rücken zu dieser Tür. Langes, zottiges Haar. So lang und so zottig, dass man auf den Gedanken kommen konnte, er habe sich mit der Friseurinnung überworfen. Aber vielleicht sollte das nur die beginnende Glatze kaschieren. Schiefe Absätze. Der graue Straßenanzug zerknittert: billigste Konfektion. Die Finger bewegten sich unruhig.

Der Besucher drehte sich um, und sein Anzug sah von vorn nicht besser aus als von hinten. Das Oberhemd war am Kragen und an den Manschetten dunkelweiß, die Krawatte ein ganz und gar nicht keimfreier Baumwollstrick: 65 Cent im Ausverkauf.

Wenn die Manschettenknöpfe und der Brillant am rechten Ringfinger echt waren, dann trug dieser beinahe ärmlich gekleidete Mann allerdings ein kleines Vermögen mit sich herum.

Er reichte Braden nicht bis zum Kinn, war noch kleiner als Sunny und schob ein kleines Bäuchlein vor sich her. Das stubenfarbene Gesicht leicht gedunsen. Sehr hohe Stirn, sehr gescheite Augen, aber ein weicher Mund und eine labile Kinnlinie. Schlechter Teint: Mitesser und Pusteln. Die Rasur mäßig. Kleine, aber breite Hände, sehr lange Fingernägel, oben auf Hochglanz poliert, aber kaum übersehbare Trauerränder darunter.

Bradens Gesamteindruck: Ein Mann ohne feste Konturen. Intelligent, aber energielos. Vermögend, denn die Manschettenknöpfe und der Brillant waren unbedingt echt, aber geizig. Eitel, siehe die polierten Fingernägel, aber kein Ausbund an körperlicher Sauberkeit.

„Mr. Murphy?“

„Mr. Braden.“

Murphys Händedruck war weder zu weich nur zu fest. Seine Hand fühlte sich feucht an.

„Ich habe ’ne Menge Gutes über Sie gehört, Braden. Sie sollen eine Kanone sein.“

„Das macht doch nichts. Oder?“

Murphy lächelte, und das Lächeln war nicht unsympathisch.

„Setzen wir uns. Was kann ich für Sie tun?“

„Es handelt sich um meinen Bruder, wie Sie sich sicher schon gedacht haben.“

„Ich habe es mir gedacht. Ich wusste allerdings nicht, dass Hank einen Bruder hat.“

„Das wusste er vermutlich selber nicht mehr. Wir hatten uns seit mindestens fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen. Er war ... er war wohl kein Ehrenmann.“

„Das ist delikat ausgedrückt — aber es stimmt.“

„Dessen ungeachtet war er mein Bruder.“

Jeremias Murphy verstummte. Er erwartete, dass Braden etwas sagte.

Und Braden sagte: „Na und?“

„Sie kennen die JM Pocket Books — die JM Taschenbücher? JM steht für Jeremias Murphy.“

„Sie sind also Verleger?“

„Ja.“

„Nie gehört“, sagte Braden. „Nie etwas von JM Taschenbüchern gehört oder gesehen.“

Murphy langte in die Innentasche seines Sakkos und legte zwei broschierte Bücher auf den Tisch.

„Hübsch bunt!“, sagte Braden.

So umschrieb er seine Ansicht, die da lautete: grausig geschmacklos.

Die Titel: „Alarm auf Beta 13“. Und: „Tödlicher Äther“.

„Zukunftsromane?“

„Allerdings. — Mr. Braden, Hank mag gewesen sein, wie auch immer, er war immerhin mein Bruder. Er hat sein Leben gelebt, und ich meines — aber er war mein Bruder.“

„Das sagten Sie schon.“

Murphy starrte irritiert auf Braden, ob der ihn verkohle. Aber Mr. Jack Braden blickte steinern. Sein Gesicht war ausdruckslos wie eine Marmorplatte.

„Ich habe mir sagen lassen“, fuhr Murphy fort, „dass als Hanks Mörder am ehesten ein ehemaliger Detective Lieutenant namens Archie McBride in Betracht kommt.“

„Möglich ist vieles“, sagte Braden.

„Und ich habe mir weiter sagen lassen, dass Lieutenant Hornblower, der Mann, der die Ermittlungen leitet, seinen früheren Kollegen ganz bewusst ausklammert. Ich meine: aus dem Kreis der Verdächtigen.“

Wieder wartete Murphy darauf, dass Braden irgendetwas erwidern sollte.

„Aha!“, sagte Braden.

„Sie sind nicht überrascht?“

„Sie meinen verblüfft. Überrascht ist oder wird man, wenn man bei irgendetwas ertappt wird. Wenn man etwas Befremdliches erfährt, ist oder wird man verblüfft. Der Unterschied sollte Ihnen als Verleger eigentlich klar sein. — Nein, ich bin nicht verblüfft. Warum sollte ich? Die Stadt ist voll von diesem Gerücht — wenigstens die interessierten Kreise.“

„Mr. Braden! Die Sache geht nicht vorwärts. Hornblower vertuscht, anstatt zu ermitteln ...“

„Tut er das?“

„Tut er das nicht?“

„Ach — wissen Sie —, Rudy Hornblower ist zweiundsechzig oder dreiundsechzig. In zwei oder drei Jahren wird er pensioniert werden, und außerdem leidet er an Gastritis. Er sieht zu, dass er über die Runden kommt. Ich kenne ihn, und ich weiß, dass er eines ganz bestimmt nicht riskiert — nämlich seine Pension. Und die würde er aufs Spiel setzen, wenn er — bewusst — etwas vertuschte oder verschleppte.“ Wieder schien Murphy irritiert.

„Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht ganz.“

„Keiner versteht keinen. Darüber sind ganze Bibliotheken geschrieben worden.“

„Mr. Braden! Ich möchte Sie engagieren. Was würde das kosten?“

„Viel!“, sagte Braden lakonisch.

„Ich möchte, dass Sie Hanks Mörder fassen. Die Cops schaffen es nicht, oder wollen es gar nicht schaffen. Und ich möchte, dass Sie ...“

„Augenblick! Wir wollen das präzisieren. Was möchten Sie? Dass ich den Mörder finde — oder dass ich Archie McBride den Mord anhänge?“

„War er es denn nicht?“

„Bin ich allwissend?“

„Ich möchte, dass Sie Hanks Mörder finden — wer auch immer es sein mag.“

„Darüber kann man reden.“

„Was würde das kosten?“

„Wer kann das vorher wissen? Ich habe kein Anstreichergeschäft: per Quadratmeter so und so viel. Wenn ich mich ausschließlich mit einer Sache befasse, dann habe ich einen Tagessatz, aber das ist in Ihrem Fall nicht zu machen. Das geht nur pauschal. Ich würde sagen: zweitausend zuzüglich aller Spesen und Unkosten. Und weitere dreitausend Erfolgshonorar. Zwei Mille wären sofort fällig. Die dreitausend an dem Tag, an dem der Mörder rechtskräftig verurteilt wird — und zwar auf Grund der von der Braden-Detektei angestellten Recherchen und Ermittlungen. Wenn wir das nicht schaffen, brauchen Sie natürlich auch kein Erfolgshonorar zu bezahlen.“

„Sie sind nicht gerade billig, Braden.“

„Nein“, sagte Braden gelassen.

Jeremias Murphy seufzte kellertief — und zückte sein Scheckbuch.

„Ehe Sie zu schreiben beginnen: Außer den zweitausend noch ein Tausender als Spesenvorschuss.“

Murphy hatte den Füllhalter schon entschraubt. Nun zögerte er.

„Wissen Sie, wie viel mein Anzug gekostet hat?“

„Vierzig Dollar, hoch gegriffen!“

„Das stimmt ungefähr. — Mr. Braden! Ich hin Zeit meines Lebens ein sparsamer Mensch gewesen.“

„Ich sehe es!“, sagte Braden.

„Ihre Forderung ist unverschämt!“

„Good bye!“, sagte Braden. „Sie finden den Ausgang sicherlich selber.“

Murphy stand auf. Er trug sein Bäuchlein in Richtung Diele. Er legte die Hand auf den Türknauf — und wendete den Kopf.

„Fünfzehnhundert! Tausend für Honorar — und fünfhundert als Spesenvorschuss.“

„Good bye!“, sagte Braden. „Und grüßen Sie schön! Es ist egal, wen.“

Murphy rang sich ein säuerliches Lächeln ab — und machte kehrt.

Braden legte einen Schalter um.

„Zwei Quittungen, Sunny!“, sprach er in das Mikrophon. „Zweitausend Honorar, tausend Spesenvorschuss. Und ein Vollmachtsformular: Mr. Jeremias Murphy Verleger — wie ist Ihre Adresse, Sir? — 241 Ost 44. Straße, Manhattan, City of New York. Der Auftrag lautet: Aufklärung des Mordes an Hank Murphy — und so weiter. Im Erfolgsfall weitere Dollar dreitausend. — Bringen Sie alles herüber!“

Murphy unterschrieb zwar. Sowohl den Scheck als die Vollmacht. Aber er war ziemlich sauer.

„Nachdem nun die Formalitäten erledigt sind“, sagte Braden, „die erste Frage: Was wissen Sie über Ihren Bruder — was, das nicht allgemein bekannt wäre?“

„Überhaupt nichts, Mr. Braden. Ganz und gar nichts.“

„Das ist nicht viel.“

„Wir haben uns seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen, seit mindestens fünfzehn Jahren nicht mehr. Ich hörte gerüchteweise, dass er — hm — nicht unbedingt korrekte Geschäfte machte. Das ist aber auch alles. Ich habe ihn ganz bewusst gemieden — und er mich wohl auch. Ich weiß nichts über ihn, buchstäblich gar nichts über das, was er während der letzten fünfzehn Jahre getan oder gelassen hat.“

„Das ist nicht viel“, wiederholte Braden.

In diesem Augenblick kam Sunnys Stimme aus der Membrane:

„Wenn Sie mal eben herüberkommen möchten, Mr. Braden!“

Sie war nicht nur blitzhübsch, sie war auch eine ausgezeichnete Sekretärin. Sie wusste, wann es dienlich war, ihn nicht beim Vornamen, sondern hochoffiziell „Mr. Braden“ zu nennen.

„Entschuldigen Sie mich eine Sekunde!“

Als Braden in das Sekretariat kam, fiel ihm sofort auf, dass Sunny sehr blass war.

„Rudy Hornblower ist tot“, sagte sie tonlos.

Den Telefonhörer hielt sie noch in der Hand.

Sie legte mechanisch auf. Dann lösten sich Tränen aus ihren Wimpern.

Braden selber sah plötzlich ziemlich käsig aus. Rudy Hornblower hatte seine Eigenheiten gehabt. Er war ein Original gewesen. Ein Eisenfresser, ständig mit Galle getränkt. Speziell Bradens Anblick hatte auf ihn gewirkt wie die Capa eines Toreros auf einen andalusischen Kampfstier ...

Und doch!

„Tot?“, echote Braden.

Sunny nickte.

„Es war Max Jarrow.“ Eine Handbewegung machte deutlich, dass sie meinte, es sei Jarrow gewesen, der angerufen hatte, Sergeant Max Jarrow, Hornblowers rechte Hand, stellvertretender Boss H. S. VI. „Er sagte, Hornblower sei erschossen worden. Seine Leiche läge in Hank Murphys Wohnung.“

Braden machte auf dem Absatz kehrt.

„Unser neuer Klient soll seine Adresse dalassen! Ich melde mich bei ihm!“

Da war er schon in der Diele. Und gleich darauf im Treppenhaus.

Der Lift war im Erdgeschoss. Braden nahm die Treppe.

Draußen schneite es — große, matschige Flocken. Die Windschutzscheibe des Porsche war halb zugeweht. Braden fuhr mit dem Sakkoärmel darüber, verstaute seine lange Gestalt dann routiniert hinter dem Steuer, legte den Rückwärtsgang ein, kam mit einem gekonnten Schlenker aus der Parkreihe.

Erster Vorwärtsgang, Kupplung, Gas.

Der Fahrer eines Lieferwagens zeigte einen Vogel, als der Porsche sich unmittelbar vor seinem Kühler in den Verkehrsstrom mogelte. Aber das focht Braden nicht an.

In der Parkreihe auf der anderen Straßenseite stand eine himmelblaue DeSoto Limousine, in der ein breitschultriger Mann von südländischem Typus saß, scheinbar in eine Zeitung vertieft, die er über dem Lenkrad ausgebreitet hatte. Aber er las eben nur scheinbar.

Dieser Mann bewunderte Bradens Fahrkunst uneingeschränkt. Dann faltete er die Zeitung zusammen und legte sie neben sich.

Drei oder vier Minuten später trat der Untersetzte mit dem Bäuchlein in dem Vierzig-Dollar-Konfektionsanzug auf die Straße.

Er blickte straßauf und straßab und entfernte sich dann langsam in Richtung Central Park. Also der Verkehrsrichtung entgegengesetzt — die 54. Straße ist Einbahnstraße.

Der Mann in dem De Soto fuhr an, um drei Blocks herum. Er hielt nahe der Kreuzung 54. Straße 3. Avenue — dort, wo der Mann in dem billigen Konfektionsanzug gleich vorbeikommen musste.

 

 

5

Hank Murphy hatte sein Geschäft und seine Wohnung in der Bayara Street gehabt, in China Town, nahe der Bowery. Diese Gegend hat sich in den letzten fünfzehn Jahren ein bisschen herausgemausert, ist nicht mehr ganz so verrufen, wie sie einmal war, aber immer noch alles andere als eine bürgerliche Idylle.

Hank Murphy war Pfandleiher gewesen. Nichts gegen das Gewerbe als solches. Aber es gibt eben in jeder Branche so’ne und solche.

Das Geschäft existierte noch. Die drei Messingkugeln über der Tür — das Wahrzeichen des US-amerikanischen Pfandleihergewerbes — schaukelten leicht im Wind, als Braden aus dem Carrera kroch. Es schneite nicht mehr.

Der Laden hatte zwei Schaufenster mit festmontierten, stabilen Gittern davor. Die Tür war durch ein Scherengitter gesickert.

Hinter dem Fenster, das in der Ladentür eingelassen war, hing ein Pappschild: Geschlossen!

Keine Annahme von Pfändern!

Ausgabe von Pfändern nur werktags 4 bis 6 Uhr nachmittags.

Darunter irgendein amtlicher Stempel und zwei unleserliche Unterschriften.

Neben der Pfandleihe befand sich ein kleinerer Laden: Tabakwaren, Zeitschriften und Schreibwaren. Zwischen den beiden Geschäften die Haustür.

Braden wunderte sich. Nichts deutete darauf hin, dass in dem alten, achtstöckigen Backsteingebäude etwas Ungewöhnliches los war. Kein Cop. Kein Streifenwagen. Nichts in der Art.

Die Namensschilder neben den Klingelknöpfen gaben Auskunft: Hank Murphy hatte in der fünften Etage gewohnt.

Braden wollte das Haus gerade betreten, als er sie kommen hörte: von der Bowery her jaulte ein Martinshorn — und gleich darauf sah er sie auch.

Vorweg ein Streifenwagen. Dahinter der schwarze Dodge — der Dienstwagen von H. S. VI. Und wieder dahinter das Spezialfahrzeug der Spurensicherung: ein Laboratorium auf Rädern.

Es gab Braden einen Stoß in die Herzgrube.

Rudy Hornblower würde sich nie mehr aus dem Dodge wälzen, würde nie mehr das verbeulte Stück Filz in den Nacken stoßen und nie mehr knurren: „Sie schon wieder mal, Braden! Verdammt schlechte Luft hier!“

Im nächsten Augenblick wimmerten die Bremsen — und Braden riss die Augen auf. Denn Rudy Hornblower hockte wie eh und je neben Jarrow, der den Dodge fuhr. Er wälzte sich wie eh und je heraus, schob gewohnheitsmäßig den museumsreifen Filz in den Nacken, der fast so viele Dienstjahre hinter sich haben musste wie sein Besitzer, baute sich wie eh und je vor Braden auf, die Fäuste in die Hüften gestemmt.

Aber im Gegensatz zu sonst knurrte er Braden nicht an. Er sagte vielmehr zunächst gar nichts, schluckte nur ein paarmal — und wirkte nicht annähernd so missgestimmt wie gewöhnlich.

Braden hatte sogar den Eindruck, dass Hornblower aus irgendwelchen Gründen gerührt war. Das prägte sich allerdings nur in den Augen des Lieutenants aus — höchstens drei oder vier Herzschläge lang.

Dann rastete Hornblower sozusagen in seine seelische Normallage ein.

„Jemand hat mir das Maul wässrig gemacht“, knurrte er gallig. „Jemand rief mich an und behauptete, Sie lägen mit ’nem Loch im Balg in Murphys Wohnung.“ Er schämte sich offenbar seiner eben gehabten Gefühle. „Schade, dass es nicht stimmt!“, fügte er ruppig hinzu.

Auch Braden hatte ein paarmal geschluckt. „Von Ihnen behauptete jemand das Gleiche, Rudy!“, sagte er. „Auch per Telefon. Ein Mann, der sich als Jarrow ausgab.“

„Kennen Sie denn meine Stimme nicht mehr?“, nörgelte Jarrow.

„Nicht ich, sondern meine Sekretärin hat den Anruf entgegengenommen, Max! Verdammt, ich hätte gleich stutzig werden sollen. Wenn Sie tatsächlich ... Sie hätten doch unbedingt mich selber verlangt.“

„Na, und ob! Bei so einer Nachricht.“ Wieder ein Martinshorn. Die Ambulanz! Es hatte sich schon eine Menschentraube gebildet. Die Cops aus dem Streifenwagen riefen:

„Weitergehen! Hier gibt’s nichts zu sehen.“

Es war vergeblich.

„Wie war es bei Ihnen, Rudy?“

„Auch ein Mann. Er verlangte mich selber. Und dann sagte er nur: Ihr Freund Braden ist tot. Er liegt erschossen in Hank Murphys Wohnung. — Und er hängte ab, ehe ich eine Frage stellen konnte. Ich rief sofort in Ihrem Office an, aber da meldete sich niemand ...“

„Meldete sich niemand?“

„Nein. Darum gondelte ich los. Jemand hat uns beide verschaukelt. Verdammt, was soll das?“

„Bin ich Hellseher?“, sagte Braden trocken.

„Kommen Sie mit! Los!“

Es gab keinen Fahrstuhl. Hornblower ächzte, während sie über die ausgetretene Treppe nach oben stiegen. Etliche Türen gingen auf, und Neugierige blickten heraus: Sie hatten vorher aus den Fenstern geguckt, von den verröchelnden Martinshörnern aufgeschreckt.

Zwischen dem zweiten und dem dritten Stock stieß es Hornblower offenbar sauer auf. Er zitierte den Mann vom Telefon: „'Mein Freund Braden!' — Haha!“, schnaubte er hohl.

Hank Murphy hatte das ganze obere Stockwerk bewohnt. Hornblower entfernte das Siegel, das er eigenhändig über das Schlüsselloch geklebt hatte — und er schloss mit dem Originalschlüssel auf.

Die Tür führte direkt in das große Wohnzimmer.

„Augenblick!“, sagte Braden. Er ging in die Hocke und malte mit dem Zeigefinger einen Kringel auf den Fußboden hinter der Schwelle.

Hinterher war seine Fingerkuppe schmutzig, und — und der Kringel zeichnete sich deutlich im Staub ab.

„Hier war niemand!“, stellte Hornblower fest.

„Die Feuertreppe!“, warf Braden ein.

Aber es zeigte sich, dass das Fenster zur Feuertreppe nicht geöffnet worden war. Die Siegel, die Hornblower von innen dagegengeklebt hatte, waren unversehrt.

Sie gingen dennoch durch alle Räume, hinterließen deutlich sichtbare Spuren im Staub, aber außer den von ihnen verursachten waren keine zu sehen.

„Irgendwer hat uns auf den Arm genommen“, knurrte Hornblower. „Preisfrage: Warum? Nur um sich ’n Späßchen zu machen? Kann ich mir schlecht vorstellen.“

Braden sagte nichts.

Hornblower schloss die Wohnungstür wieder ab — und in diesem Augenblick klingelte das Telefon.

Sie waren im Nu wieder drinnen.

Hornblower meldete sich mit einem lakonischen: „Ja?“

Er hielt den Hörer nur halb ans Ohr, sodass Braden mithören konnte.

„Sekretariat Braden. Ist Mr. Braden dort?“ Hornblower reichte den Hörer schweigend weiter.

„Trocknen Sie Ihre Tränen, Sunny! Ich stehe hier neben Rudy. Er ist unbeschädigt. Es war nicht Jarrow, der Sie anrief. Jemand hat einen schlechten Witz gemacht.“

„Gott sei Dank!“, hauchte Sunny.

Braden sagte: „Ich komme wieder ins Office! Ende!“

Er legte auf — und begegnete Hornblowers Augen. Sie liefen sozusagen über vor Misstrauen.

„Kann nicht behaupten, dass mir das gefällt, Braden.“

„Was?“, fragte Braden in sonniger Unschuld.

„Dass Sie sie so schnell abgeknipst haben. Sie rief doch nicht aus Langeweile an. Sie wollte Ihnen irgendetwas melden, und Sie machten die Klappe zu, bevor Sie so weit kam. — Was ist es, was ich nicht hören soll, Braden?“

„Sie haben eine ausschweifende Fantasie, Lieutenant.“

„Dafür werde ich bezahlt — mäßig, aber doch. Was sollte ich nicht hören?“

„Rudy! Dawn arbeitet seit fast sechs Jahren für mich — und solange kennen Sie einander. Jemand hat ihr gesagt, Sie seien erschossen worden! Und das war ein verdammter Schock für Dawn. Was ist natürlicher, als dass sie hier anrief, um Einzelheiten zu erfahren.“

Das Misstrauen sickerte aus den Augen in Hornblowers Hirn zurück.

„Na schön! Gehen wir!“

Er versiegelte die Wohnungstür wieder. „Das war doch ’n Witz, oder?“

„Was meinen Sie?“

Hornblower kopierte Bradens Stimme — und das nicht einmal ungekonnt: „Trocknen Sie Ihre Tränen ...“

Braden schüttelte den Kopf.

Hornblower hatte plötzlich einen Kloß in der Kehle.

„Sie hat wirklich geweint? Um mich?“

Braden nickte.

„So was!“, staunte Hornblower.

 

 

6

Schräg gegenüber war ein chinesisches Restaurant, eines der vielen, die es in dieser Gegend gibt.

Braden zeigte mit dem Kinn hinüber.

„Schicken Sie Ihren Verein nach Hause, Rudy!“, schlug Braden vor. „Ich bin dafür, wir setzen uns dort drüben ein bisschen zusammen. Ich fahre Sie nachher zum Hauptquartier.“

„Wenn Sie wüssten, wie mein Spesenkonto aussieht!“, seufzte Hornblower bekümmert.

Braden wusste es. Er kannte Hornblowers fanatische Sparsamkeit, dessen grundsätzliche Abneigung gegen Ausgaben aller Art.

„Oder ist das als Einladung zu verstehen?“, fragte Hornblower lüstern.

Braden antwortete nicht.

„Ja! Das ist natürlich was anderes. Nicht, dass ich geizig bin, das sei ferne von mir! Aber Sie wissen vermutlich nicht, dass ich sieben Kinder habe ...“

Braden wusste es. Und er wusste auch, dass sie längst erwachsen waren und sich selber ernährten.

„Oder habe ich Ihnen das schon einmal gesagt?“

„Gelegentlich!“, sagte Braden zutreffend. „Bestimmt nicht öfter als dreitausend Mal.“

Das Restaurant war einigermaßen gepflegt. Sie fanden einen stillen Winkel, und Braden ließ Whisky auffahren.

Er selber trank einen. Hornblower fünf oder sechs.

„Lassen Sie uns gemeinsam nachdenken, Rudy! Was sollte das nun?“

„Wahrscheinlich findet jemand, dass ich die Sache nicht forsch genug vorwärtstreibe. Jemand wollte Wind machen. Ich gebe zu, das ist ’ne sehr dünne Erklärung — aber wissen Sie ’ne bessere?“

„Wie forsch treiben Sie es vorwärts?“

„Ich habe getan, was ich konnte. Nun weiß ich nicht weiter.“

„Wie sieht Archies Alibi aus?“

„Er lag im Bett, als Murphy starb. Nicht in seinem eigenen Bett. Er übernachtete im Bungalow Nummer 3 in 'Holliday Inn' — das ist ’n Motel am Highway Nummer 85, etwa zwanzig Meilen vor Trenton.“

„Wie heißt sie?“, tippte Braden.

Und er hatte richtig getippt.

„Nora Willis. Sie schwört, dass er die ganze Zeit dort war. Mit ihr zusammen. Insgesamt drei Tage. Und Nächte, versteht sich. Murphy starb in der zweiten Nacht. Insgesamt acht weitere Zeugen. Aber es ist theoretisch drin, dass er’s trotzdem war. Es war Zeit genug, während der Nacht hin- und herzufahren und morgens wieder im Motel zu sein.“

„Wer ist Nora Willis?“

„Sie wohnt ein Stockwerk über Archie.“

„Verheiratet?“

„Liegt in Scheidung. Deswegen mussten sie sich aus der Stadt verkrümeln. Oder auch nur aus dem Haus. Dabei ’n solides Mädchen, wenn Sie mich fragen. Ungefähr dreißig. Keine Kinder. Ganz und gar nicht der Typ, der mit dem nächstbesten Mann loszottelt. Schlicht und einfach Liebe, wenn Sie mich fragen.“

„Liebe! — Sie würde also notfalls einen Meineid schwören für Archie?“

„Nach meiner Ansicht, ja — aber ich sehe nicht in sie ’rein. Das ist mir auch gar nicht so wichtig. Sehen Sie mal, Braden — diese drei Tage — und Nächte — das brüllt doch sozusagen nach: 'Falsches Alibi'! Verdammt, ich halte Archie nicht für ’nen derartigen Idioten. Ihm wäre was besseres eingefallen.“

„Was hatten Sie vor, Rudy, als der Anruf kam?“

„Nichts Besonderes. Wenn Sie meinen, ich sollte von irgendetwas zurückgehalten werden, dann sind Sie auf ’nem falschen Pferd. Was hatten Sie denn vor?“

„Nichts. — Was wissen Sie über Murphys Familie?“

„Sie meinen — über seine Frau? Andere Verwandte hat er nicht.“

„Nicht?“

„Nein. Er war sechsundfünfzig, seine Eltern sind längst tot. Alle seine Blutsverwandten sind tot.“

Braden zuckte nicht mit der Wimper.

Details

Seiten
123
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931242
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496341
Schlagworte
leiche jack braden thriller

Autor

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Titel: Leiche auf Eis - Ein Jack Braden Thriller #10