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Ermordet und noch quicklebendig?: N.Y.D. – New York Detectives

2019 105 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ermordet und noch quicklebendig?: N.Y.D. – New York Detectives

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Ermordet und noch quicklebendig?: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

 

Der Millionär Dean Xavier, dem die Bellevue Apartments gehören, bittet seinen alten Freund und ehemaligen Bandkollegen Wilkie Lenning, den Mord an einem seiner Mieter aufzuklären: Burt Yellen, alias Barry York – der äußerst kreative Chefdekorateur führte ein Doppelleben. Außerdem war Fotografieren seine Leidenschaft! Eine Kugel mitten in die Stirn hatte dem ein Ende gesetzt. Wilkie Lenning, der für den bekannten New Yorker Privatdetektiv Bount Reiniger arbeitet, trifft wenig später auf den Killer ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Burt Yellen/Barry York — Sein Tod gibt der Polizei und Bount Reiniger viele Rätsel auf, die nicht leicht zu lösen sind.

Lucille York — Sie beklagt den Tod ihres Mannes nicht. Sie trauert nur seinem Geld nach.

Dean Xavier — Ein alter Freund von Wilkie Lenning engagiert Bount Reiniger, damit dieser Licht in das Dunkel um den Mord an York bringt.

Des Ohio — Niemand scheint mehr Gründe gehabt zu haben, York zu töten, doch er behauptet, mit dem Mord nichts zu tun zu haben.

June March — unterstützt Bount Reiniger bei seinen Ermittlungen.

Bount Reiniger — ist Privatdetektiv.

 

 

1

Der Killer stoppte seinen roten Mustang.

Sein Opfer wohnte vier Blocks von hier entfernt. Es wäre unvernünftig gewesen, näher an das Ziel heranzufahren.

Eiskalt war die Miene des Mannes. Was er vorhatte, berührte ihn nicht im mindesten. Er war der Auffassung, dass die Person, zu der er unterwegs war, den Tod verdiente.

Hat einer Gewissensbisse, wenn er eine Laus zerquetscht?

Der Mörder stieg aus.

Er gab der Wagentür einen leichten Schubs. Sie fiel mit einem satten Geräusch ins Schloss. Kein Mensch beachtete den Mann. Er überquerte die Straße. Im Streulicht einer Peitschenlampe blieb er stehen und zündete sich eine Zigarette an.

Er blies den Rauch in den Wind, der vom Hudson River herüberwehte, und setzte seinen Weg fort. Hart schlugen die Absätze auf den Asphalt. Jeder Schritt hallte von den eng beisammenstehenden Hausfassaden wider.

Ohne Eile näherte sich der Mann seinem Ziel.

Einmal blieb er kurz stehen und prüfte den Sitz seiner Pistole, die in dem Schulterholster steckte. Der dazugehörige Schalldämpfer, den er zu benützen gedachte, befand sich in der Außentasche seines Jacketts.

Fast schlendernd wie ein abendlicher Spaziergänger erreichte er den Battery Park. Autos rollten an ihm vorbei. Ein Zeitungsjunge versuchte, seine letzten Exemplare an den Mann zu bringen.

Der Killer zog sich in einen düsteren Durchlass zurück. Nun war er bestrebt, sich so lautlos wie möglich vorwärtszubewegen. Es gelang ihm beinahe spielend. Er schien darin Übung zu haben. Vorbei an erhellten Fenstern huschte der Mann auf eine Tür zu, hinter der eine Feuertreppe lag, die noch nie im Ernstfall benützt worden war.

Ein Glück für die Mieter. Einer dieser Mieter sollte noch in dieser Stunde das größte Pech seines Lebens haben. Sein Tod war beschlossene Sache. Dass er den Mordanschlag überlebte, war ausgeschlossen. Dazu hatte sich der Killer zu gewissenhaft auf die Tat vorbereitet.

Der Mann schob einen Drahtbürstenschlüssel in das Türschloss.

Er stocherte damit kurz herum. Dann gab es ein kaum wahrnehmbares Klacken, und die Tür war nicht mehr länger versperrt. Rasch steckte der Mörder seinen Schlüssel ein.

Er öffnete die Tür und glitt in das Gebäude.

Im Keller summte die Klimaanlage.

Der Mann stieg die Treppe hoch. Er hatte es immer noch nicht eilig. Sein Opfer war ihm sicher. Und dass ihm hier auf der Feuertreppe jemand begegnen würde, war so gut wie ausgeschlossen.

Wer benützt schon Stiegen, wenn ihm ein halbes Dutzend Fahrstühle zur Verfügung standen.

In jedem zweiten Stockwerk blieb der Mörder kurz stehen. Er wollte das Apartment seines Opfers nicht schnaufend und total verschwitzt betreten. Während der kurzen Pausen atmete er stets kräftig durch und setzte seinen Weg nach oben dann unbeirrt fort.

Als er die Etage erreichte, in der die Person, der sein Besuch galt, wohnte, angelte er seine Pistole aus dem Schulterholster. Ein flüchtiges Grinsen huschte über sein Gesicht.

Er war sicher, dass sein Erscheinen bei seinem Opfer einen lähmenden Schock auslöste. Dadurch würde er leichtes Spiel haben.

Ein Todesschuss auf kurze Distanz!

Und niemand würde davon etwas mitbekommen.

Der Killer schloss die Tür auf, als wäre er hier zu Hause.

Er betrat das Apartment vollkommen ruhig und konzentriert. Es konnte nichts schiefgehen. Alle Vorzeichen standen günstig für ihn. Ein Durch-und-Durch-Profi war hier am Werk.

Das Apartment strahlte in Festbeleuchtung. Jedes Lämpchen brannte. Frank Sinatra sang Songs aus dem Musical „South Pacific“. Dazu rauschte zwar nicht das Meer, aber die Dusche.

Das Opfer reinigte sich noch vor seinem Tod.

Mit einem oft geübten Griff schraubte der Killer den Schalldämpfer auf die Pistole.

Er gelangte lautlos ins Wohnzimmer. Und er fühlte sich in die Zeit des französischen Sonnenkönigs versetzt. Schnörkel hier, Plüsch und Seide da. Vergoldete Bilderrahmen dort. Alles nobel.

Und wäre es nicht von Könnerhand arrangiert worden, hätte es kitschig gewirkt.

Der Mann mit der Pistole grinste. Ein hübscher Platz zum Sterben, dachte er.

Das uralte Messingtelefon begann zu rasseln.

Der Killer huschte hinter eine mit Versailles-Motiven bemalte spanische Wand.

Die Dusche hörte zu rauschen auf.

Das Opfer erschien im Livingroom. Ein großer, schlanker, gut aussehender Mann. Schwarze Schmachtlocken. Scharf geschnittene Züge. Ein Frauentyp schlechthin.

Er trug einen goldfarbenen Frotteemantel.

Fünf Schritte hatte er bis zum Telefon. Er machte die ersten beiden. Das Rasseln hörte auf. Der Mann blieb stehen und ließ einen Fluch hören, der nicht in diese vornehme Umgebung passte.

Da trat der Mörder hinter dem Paravent hervor.

Dem Opfer stockte der Atem. Es wollte um Hilfe schreien. Aber die Kugel des Killers war schneller.

 

 

2

Ohne Eile kehrte der Mörder zu seinem roten Mustang zurück.

Er setzte sich in das Fahrzeug, startete den Motor, fuhr los, steuerte seinen Wagen zur Einfahrt Brooklyn Battery Tunnel und gelangte auf diesem Weg nach South Brooklyn.

Dort verließ er sein Fahrzeug wieder.

Er betrat einen Coffee Shop, der dafür bekannt war, dass man hier die besten Milkshakes von New York bekam.

An den zahlreichen Tischen saßen viele Jugendliche. Sie alberten und trieben harmlose Späße mit dem Service-Personal.

Der Killer setzte sich an den Tresen.

„Sir?“, fragte der Mulatte dahinter. Er trug ein weißes Schiffchen auf dem schwarzen Kraushaar. Es saß verwegen schief.

„Mokka“, verlangte der Mörder.

Er bekam das schwarze Gebräu umgehend. Der Mulatte schob ihm einen gläsernen Zuckerspender hin, doch der Mann verzichtete darauf, seinen Mokka zu süßen.

Er schlürfte leise an dem belebenden Getränk. Vor seinem geistigen Auge schien ein Film abzulaufen. Er erlebte die Tat noch einmal. Er sah, wie das Opfer tödlich getroffen zusammenbrach.

Es bewegte ihn nicht.

Er warf einen Blick auf seine Hände.

Sie waren vollkommen ruhig.

Warum auch nicht? Die Kugel hatte einen Kerl erwischt, der den Tod verdient hatte. Man kann im Leben viele Dinge tun, ohne dass man dabei Kopf und Kragen riskiert.

Und dann gibt es wiederum Dinge, von denen man besser die Finger lässt, weil sie eine tödliche Gefahr in sich bergen. Der Mann, der jetzt tot in seinem Apartment lag, hätte diese Lebensregel beherzigen sollen. Dann wäre ihm der Besuch des Killers erspart geblieben.

Nachdem der Mörder seinen Mokka getrunken hatte, suchte er die Telefonzelle im Hintergrund des Lokals auf. Er fütterte den Apparat mit einem Dime und schloss die Falttür hinter sich, damit niemand das Gespräch mithören konnte.

Er wählte eine sechsstellige Nummer.

Sein Anruf wurde erwartet.

Fast augenblicklich meldete sich am anderen Ende der Leitung eine nervöse Männerstimme: „Ja?“

„Ich bin es“, sagte der Mann nur. Der andere wusste trotzdem, wer am Apparat war.

„Ich hab’ schon Magenkrämpfe.“

„Weshalb denn?“

„Die Nerven. Wenn ich mich aufrege, schlägt sich das bei mir immer auf den Magen“, stöhnte der Mann am anderen Ende des Drahtes.

„Hab’ ich dir nicht gesagt, du kannst ganz ruhig sein, die Sache ist bei mir in besten Händen?“

„Aber ja doch. Und ich habe mir die ganze Zeit einzureden versucht, dass nicht das Geringste schiefgehen könne, aber meine Nerven wollten mir nicht glauben. Ich habe einiges ausgestanden, seit du weggefahren bist. Wie lief’s bei ...?“

„Eine glatte Sache. Er hatte nicht die geringste Chance.“

„Dann ist er also ...“

„Natürlich ist er das“, unterbrach der Killer. „Und es gab keinerlei Komplikationen. Du kannst zu zittern aufhören.“

„Hast du dich im Apartment umgesehen? Konntest du finden, was wir ...?“

Die Miene des Mörders verfinsterte sich. „Tut mir leid. Aber finden konnte ich nichts.“

Der Mann am anderen Ende der Leitung erschrak. „Größer Gott, was machen wir denn nun? Ich habe so fest damit gerechnet, dass du ...“

„Schmeiß doch nicht gleich wieder die Nerven weg“, sagte der Killer eindringlich.

„Du weißt, was auf dem Spiel steht!“

„Selbstverständlich weiß ich das. Deshalb werde ich auch nicht ruhen, bis ich das Gesuchte gefunden habe.“

Der andere seufzte. „Wenn du damit nun aber keinen Erfolg hast.“

„Solange das Gesuchte niemand anderes findet, brauchen wir uns keine grauen Haare wachsen zu lassen.“

„Das Zeug ist eine Zeitbombe, die tickt. Niemand weiß, wann sie hochgeht. Du musst sie finden und entschärfen, ehe sie ...“

„Ich werde sie finden“, unterbrach ihn der Mörder. „Verlass dich darauf. Schließlich bin ich nicht von gestern.“

„Ich wollte, diese Aufregungen wären vorbei.“

„Versuch’ dich zu beruhigen. Nimm zwei Schlaftabletten und geh zu Bett. Du wirst sehen, morgen sieht die Welt ganz anders aus.“

„Das glaube ich nicht. Nicht, solange wir nicht haben, was wir haben müssen“, sagte der Mann am anderen Ende.

Der Killer hängte ein und verließ die Telefonzelle. Er bezahlte seinen Mokka und kehrte zu seinem Mustang zurück.

Während er den Anlasser mahlen ließ, dachte er nach.

Das Problem war noch nicht ganz gelöst. Aber der Mörder war zuversichtlich, dass er die Angelegenheit schon in Kürze so in den Griff bekommen würde, wie sich sein Freund das vorstellte.

Wichtig war nur, dass man einen kühlen Kopf behielt und die Übersicht nicht verlor. Für den Mann im roten Mustang stellte das keine Schwierigkeiten dar. Er verließ sich auf seine guten Nerven.

Und auf seine außergewöhnlichen Fähigkeiten, über die er zweifellos verfügte.

 

 

3

„Ein piekfeiner Stall“, sagte Lieutenant Ron Myers zu seinem Vorgesetzten Captain Toby Rogers, dem Leiter der Mordkommission Manhattan C/II.

Er stand mit dem Captain im Sonnenkönig-Zimmer.

Die Männer der Spurensicherung waren bei der Arbeit. Sie schnüffelten mit einem kleinen Staubsauger in jeden Winkel. Sie besprühten Türgriffe und Möbel mit einem feinen weißen Pulver, um die Fingerabdrücke sichtbar zu machen.

Der Polizeifotograf fotografierte das Zimmer und alle Nebenräume. Er bannte den Toten von allen Seiten auf die Platte.

Doc Moses, sechzig Jahre, klein, mit Kneifer und Spitzbauch, ein Ass auf dem Gebiet der Gerichtsmedizin, untersuchte den Toten.

„Wie lange ist er schon tot?“, fragte Toby Rogers den Arzt.

Moses war an diesem Morgen mal wieder mit dem linken Bein aufgestanden.

Er war schon an anderen Tagen kaum zu genießen. Aber diesmal hätte er einiges darum gegeben, wenn er sich selbst hätte in den Hintern treten können.

Er blickte Captain Rogers wie einen persönlichen Feind an und sagte: „Kann ich nicht so genau sagen.“

„Das weiß ich“, entgegnete Toby. Er behandelte den Polizeiarzt an Tagen wie diesem mit Samthandschuhen.

Kein hartes Wort. Ganz weiche Welle. Doc Moses war trotz allem ein unentbehrlicher Mann. „Ich will es ja nicht auf die Minute genau wissen, Doc“, meinte Toby.

Moses kratzte sich am Hinterkopf. Er verzog das Gesicht, schielte durch den Kneifer zu dem Toten hinüber und meinte: „Zehn, zwölf Stunden ist er tot. Genau kann ich es Ihnen erst sagen, wenn ich ihn auseinandergenommen habe.“

„Ich kriege Ihren Bericht noch heute?“, fragte Toby sanft.

Beinahe ein Satz zu viel. Doc Moses’ Kopf ruckte herum. „Sie kriegen meinen Bericht, sobald er fertig ist!“, antwortete er ungehalten.

Toby nickte mit einem entwaffnenden Lächeln. „Ich bin sicher, dass das heute sein wird.“

Moses drehte sich um und ging wortlos davon.

Ron Myers wiegte den Kopf. „Teufel, bei dem muss man jedes Wort auf die Waage legen.“

Rogers winkte ab. „So schlimm ist der alte Moses nun auch wieder nicht.“

Der Lieutenant drehte die Augen zur Decke, seufzte und sagte: „Mir reicht’s.“ Myers leckte sich über die Lippen. „Äh eigentlich wollte ich dir was zeigen, Toby.“

Rogers nickte. „Okay.“

Sie begaben sich in einen kleinen Raum, der keine rechte Funktion zu haben schien.

Ein Stuhl und ein Tisch standen hier. Sonst nichts. Ein glatter Stilbruch zu den übrigen Räumen des Apartments.

Ron wies auf eine Glaswand. „Einwegspiegel!“, erklärte er.

Rogers trat vor die Wand. Er blickte in ein Schlafzimmer, das erst im Jahre 2000 im Warenhauskatalog angeboten werden würde.

Eine Wasserliege, schilfgrün, die einen sanft in den Schlaf schaukelte, vorausgesetzt, man wurde vorher nicht seekrank. Ausmaße: drei mal drei Meter.

Ein Plätzchen, auf dem man sich allein verloren vorkam. Sämtliche Möbel hatten futuristischen Charakter, und trotzdem auch Niveau.

„Eines muss man dem Mann lassen, er hatte Geschmack“, sagte Rogers.

„Wie man sieht, kann man von Geschmack allein nicht leben“, entgegnete Ron Myers.

„Lass den Sarkasmus, Ron.“

„Weißt du, woran ich immer zuerst denke, wenn ich einen Einwegspiegel sehe, durch den man in ein Schlafzimmer oder Bad gucken kann, Toby?“

„Hm?“

„An einen Voyeur.“

„Du meinst, er hat bei ganz bestimmten Spielchen von hier aus zugesehen?“

„Entweder er hat zugesehen, oder er hat zusehen lassen“, meinte,Ron Myers. „Ich denke, das sollten wir für die nächste Zeit im Auge behalten. Der Tote war ein attraktiver Mann in den aktivsten Jahren. Dem gaben bestimmt eine Menge Mädchen ohne Zögern die erwünschte Landeerlaubnis. Ich könnte mir vorstellen, dass unser toter Freund daraus ein lukratives Geschäft machte. Es gibt genug Männer, denen es genügt, bloß mal ein bisschen zuzusehen. Wenn es nicht so wäre, würde es nicht so viele Sexfilme geben. Durch diesen Einwegspiegel bot sich die einmalige Gelegenheit, so etwas nicht gespielt, sondern live miterleben zu können. Das ist gewissen Gentlemen bestimmt ein paar nette Bucks wert.“

„Tatsächlich eine Theorie, die man nicht so ohne weiteres unter den Teppich kehren sollte, Ron.“

Der Lieutenant grinste. „Wie du siehst, hat auch ein Lieutenant ab und zu helle Momente.“

Sie kehrten in den Livingroom zurück.

Die Raumpflegerin hatte den Toten entdeckt.

Leichen sind nicht jedermanns Sache. Und schon gar nicht so knapp nach dem Frühstück.

Die Frau hatte einen kapitalen Nervenzusammenbruch erlitten. Mit allem, was dazu gehört. Zuerst hatte sie wie am Spieß geschrien. Dann war sie ihn Ohnmacht gefallen. Jetzt befand sie sich im Hospital. Und keiner durfte zu ihr. Jede weitere Aufregung hätte ihr entweder den Verstand vollends geraubt oder ihr Herz zum Stillstand gebracht.

Da Rogers die Dame nicht umbringen wollte, hatte er freiwillig darauf verzichtet, sie zu vernehmen.

Toby betrachtete den Toten.

„Burt Yellen“, sagte Ron Myers neben ihm.

Der Captain zündete sich eine Zigarette an. Er wusste nicht, wohin mit dem Streichholz. Myers nahm es ihm fürsorglich aus der Hand und warf es zum Fenster hinaus.

Yellen hatte ein Loch genau in der Mitte der Stirn.

„Ein Präzisionsschuss“, sagte Ron, als er vom Fenster zurückkehrte. „Das muss einer getan haben, der mit ’ner Kanone umgehen kann wie der Zauberer mit dem Zylinder.“

„Ein Schuss auf eine Entfernung von fünf Metern, schätzte Rogers. „Was ist mit dem Nachtportier?“, fragte er.

„Was soll mit dem sein?“

„Ich möchte mit ihm reden“, sagte Toby.

„Soll ich ihn holen?“

Toby nickte, und Ron trabte davon. Wenig später kehrte er mit dem Nachtportier zurück.

Der Mann sah sehr alt aus und hatte ein zerfurchtes Gesicht.

Sein Name war Ray Brand. Und damit man ihm auf Anhieb ansah, dass er ein Portier war, trug er die Uniform eines solchen.

Scheu schaute er nach dem Toten. „Stört er Sie?“, fragte Toby Rogers.

Brand musste zuerst mal schlucken, um eine klare Antwort geben zu können. „Ein bisschen“, antwortete er dann.

„Möchten Sie nach nebenan gehen?“

„Nach nebenan?“

„Ins Schlafzimmer“, sagte Toby.

„Wenn Sie meinen.“

„Es liegt bei Ihnen.“

„Gut. Schlafzimmer“, nickte der magere Nachtportier.

Ron folgte ihnen.

Brand nahm auf dem Wasserbett Platz. Als das Ding zu schaukeln begann, wollte er erschrocken aufspringen. Rogers legte ihm die Hand auf die Schulter. „Versuchen Sie sich zu beruhigen.“

Der Nachtportier starrte auf die geschlossene Schlafzimmertür. „Das ist leichter gesagt als getan, Captain. Möchten Sie wissen, was in mir vorgeht?“

„Was denn?“

„Ich muss immerzu daran denken, dass der Mord passiert ist, während ich Dienst hatte. Theoretisch müsste der Killer an mir vorbeigekommen sein.“

„Theoretisch ja“, sagte Toby. „Deshalb habe ich gebeten, dass Sie sich zu unserer Verfügung halten.“

„Es kam aber kein Fremder an mir vorüber“, erklärte Ray Brand. Nervös spielte er mit seinen Fingern. Rogers angelte sich mit dem Bein einen Nylonflauschhocker und setzte sich darauf.

„Es muss nicht unbedingt ein Fremder den Mord begangen haben“, sagte Toby.

Brand riss erschrocken die Augen auf. „Sir ...“

„Theoretisch könnte es auch einer der Hausbewohner gewesen sein.“

„Captain, das ist doch nicht Ihr Ernst, was Sie da sagen.“

„Sie halten das für ausgeschlossen?“

„Für ganz und gar ausgeschlossen!“, rief Ray Brand heiser.

„Ihrer Meinung nach wohnen in diesem Apartmenthaus also ausschließlich saubere Leute.“

„Das will ich meinen.“

„Was halten Sie von Burt Yellen?“

„Auch ein Ehrenmann denke ich.“

„Haben Sie eine Ahnung, warum man ihn umgebracht hat?“

„Nein, Captain. Mr. Yellen war ein netter, freundlicher Mensch.“

„Waren Sie schon mal in diesem Apartment?“

„Nein, Sir.“

„Haben Sie sich oft mit Mr. Yellen unterhalten?“, wollte Toby wissen.

„Nein, Sir“, antwortete der Portier sofort.

„Aber Sie behaupten, Mr. Yellen wäre ein netter, freundlicher Mensch gewesen.“

„So etwas sieht man einem doch an, Captain.“

„Ihrer Meinung nach lag also kein Grund vor, Mr. Yellen zu ermorden.“

„Absolut kein Grund, Captain.“

„Und doch ist er tot.“

„Ich stehe vor einem Rätsel.“

Rogers presste die Zähne zusammen und meinte: „Nicht nur Sie, Mr. Brand. Angenommen, der Mörder ist keiner der Hausbewohner. Wir werden das natürlich noch überprüfen. Angenommen, der Killer kam auch nicht an Ihnen vorbei. Ich baue doch darauf, dass Sie in der vergangenen Nacht auf Ihrem Posten waren, Mr. Brand!“

„Captain ...“, wollte sich Brand entrüsten.

Rogers winkte ab. „Sie müssen mich verstehen. Ich kenne Sie nicht. Ich kenne Ihre Dienstauffassung nicht. Und ich muss mir eine Basis schaffen, von der aus ich operieren kann. Also Sie waren die ganze Nacht in Ihrer Portierloge.“

„Ja.“ Das kam knapp, aber bestimmt. Brand legte größten Wert darauf, dass der Captain ihm das glaubte.

„Gut“, sagte Toby. „Der Killer kam also nicht an Ihnen vorbei. Dass er aber im Haus war, können wir nicht wegleugnen. Also: Wie kam er hier rein, ohne von Ihnen gesehen zu werden?“

„Die Feuertreppe“, sagte Ray Brand sofort, „er kann nur über die Feuertreppe gekommen sein.“

„Ist die frei zugänglich?“

„Natürlich nicht. Sämtliche Türen sind abgeschlossen. Aber, im Vertrauen gesagt, die Schlösser bringt jeder Ganove im Handumdrehen auf.“

„War Mr. Yellen oft zu Hause?“, wollte Toby Rogers wissen.

Der Nachtportier schüttelte den Kopf. „Nein, Sir. Also ich tippe darauf, dass Mr. Yellen auch noch anderswo eine Wohnung oder ein Haus besaß. Manchmal war er eine ganze Woche nicht hier.“

„Was war er von Beruf?“, fragte Rogers.

„Keine Ahnung. Aber er war immer gut angezogen. Also muss er einen Job gehabt haben, der ihm was einbrachte.“

„Wenn er hier war, hatte er dann oft Besuch?“

„Er brachte hin und wieder junge hübsche Mädchen mit“, erwiderte der Nachtportier. Er lächelte. „Mr. Yellen hat die Girls immer vor mir versteckt.“

„Warum glauben Sie, hat er das getan?“, fragte Toby.

„Vielleicht waren es verheiratete Frauen. Was weiß man.“ Brand legte beide Hände auf seine Brust. „Ich wäre bestimmt der Letzte gewesen, der Mr. Yellen deswegen Schwierigkeiten gemacht hätte.“

„Vielleicht hatte Yellen kein Vertrauen zu Ihnen, weil er das nicht wusste“, meinte Rogers.

„Scheint so.“

„Wenn er diese Mädchen hierher in seine Liebeslaube brachte“, fuhr Toby fort, „kam dann auch hin und wieder mal ein Mann mit?“

Brand hob erstaunt den Kopf. „Noch ein Mann? Sir, Sie denken doch nicht etwa, dass sie dann zu dritt ...“

Toby wies auf den Spiegel. „Was ist das, Mr. Brand?“

„Das ist ein Spiegel, Sir.“

„Sehen Sie, und diese Antwort ist nur bedingt richtig, Mr. Brand.“

Der Nachtportier schaute Lieutenant Myers an. „Ist es etwa kein Spiegel?“

„Doch“, bestätigte Ron, „es ist einer. Aber nur von dieser Seite. Von der anderen Seite kann man durch ihn hindurchschauen. Einwegspiegel nennt man das. Wir nehmen an, dass sich Mr. Yellen hier auf diesem Bett mit dem Mädchen vergnügte, während hinter dem Spiegel jemand stand, der ..., na ja, Sie wissen schon.“ Brand schüttelte heftig den Kopf.

„Also nein, meine Herren. Nein, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“

„Eines hat sich aus unserem Gespräch aber doch herauskristallisiert: Dieses Apartment diente Yellen als Liebesnest“, fasste Toby zusammen. „Yellen brachte junge, hübsche Mädchen hierher. Das waren doch Ihre Worte, Mr. Brand, oder?“

„Na ja ...“

„Wen brachte Yellen gestern mit?“, fragte Toby Rogers.

„Gestern? Niemanden. Gestern kam Mr. Yellen allein hierher.“

„Kam das öfter mal vor?“

„Aber ja.“

Toby erhob sich. „Vielen Dank, Mr. Brand. Nennen Sie dem Lieutenant noch Ihre Adresse. Dann können Sie gehen.“

Ron schrieb auf, was Brand ihm sagte. Der Nachtportier war froh, das Verhör hinter sich zu haben. Er verließ das Apartment fast fluchtartig. Um den toten Mr. Yellen machte er einen großen Bogen.

Rogers wies auf den Leichnam. „Was war er für ein Mensch, Ron?“ Die Männer vom Leichenschauhaus kamen. Kräftige Kerle, denen der Anblick von Toten nichts ausmachte. Sie rochen nach Schnaps das Parfüm dieser Leute.

Nicht immer sahen die Leichen, die sie abholten, so gut aus wie Burt Yellen. Wer dann keinen Schnaps braucht, der hat keine Seele in der Brust.

„Yellen war ein Weiberheld, wie man so schön sagt“, meinte Ron Myers.

„Sieh zu, dass du seine Prints kriegst, bevor ihn die Leichenmänner fortschaffen.“

Myers nickte und wollte sich darum kümmern. Rogers hielt ihn am Arm zurück. „Hast du herausgekriegt, wem dieses Apartment gehört, Ron?“

„Nicht nur dieses Apartment, das ganze Haus gehört einem einzigen Mann. Er nennt das Gebäude Bellevue Apartments.“

„Wie ist sein Name?“, wollte Rogers wissen.

„Dean Xavier“, antwortete Lieutenant Myers. Dann ging er zu Yellen, um sich dessen Prints zu holen.

 

 

4

Das Haus war eine teure Angelegenheit.

Allein das Darumherum musste ein Vermögen gekostet haben. Tennisplatz, Swimmingpool, Reitparcours, 18-Loch-Golfplatz. Es war alles vorhanden, was ein Luxusmieter für sein tägliches Trimm-dich-Programm benötigte.

Sogar einen automatischen Schießstand gab es. Elektronische Trefferanzeige. Automatische Tontaubenschleuder.

Nur schießen musste man selbst.

Das alles gehörte Dean Xavier. Fünfunddreißig Jahre alt. Junggeselle.

Es war ein heißer Tag. Über den Natursteinen der Terrasse flimmerte die Hitze. Im Haus zauberte die Air-Condition-Anlage eine erträgliche Temperatur in sämtliche Räume.

Wilkie Lenning schlürfte an seinem Highball.

Ein permanentes Grinsen lag auf seinem Gesicht. Er trug eine Polaroid-Sonnenbrille. Jetzt nahm er sie ab. Er legte sie vor sich hin auf den weißen Marmortisch.

„Das halt’ ich im Kopf nicht aus“, tönte der schlaksige Wilkie. „Ich kann’s nicht fassen“, sagte er kopfschüttelnd. „Mein guter alter Kumpel Dean, ein Millionär! Sag mir, wie du das geschafft hast! Als wir beide derselben Band angehörten und auf der Gitarre zupften, da warst du doch noch so arm wie ’ne Kirchenmaus.“

Xavier lachte. „Ein Glück, dass das kein Dauerzustand blieb. Nachdem du die Band verlassen hast, machte ich einen Trip nach L.A. Dort lernte ich einen cleveren Manager kennen, dem gefiel, wie ich spielte. Er nahm mich unter Vertrag und brachte mich groß raus.“

Lenning nickte. „Aha.“

„Das fand seinen Niederschlag in der Börse“, erklärte Xavier. „Du kennst mich. Ich bin von Natur aus sparsam, legte Cent auf Cent, und so brachte ich es mit ein bisschen Glück zu meiner ersten Million.“

„Soll das heißen, dass du bei der ersten Million nicht Halt gemacht hast?“

Xavier grinste. „Schwierig ist immer nur die erste Million. Von da an fängt die Mechanik an. Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu. Ein gutes und ein wahres Sprichwort“, sagte Wilkies Freund. „Ich will nicht protzen, deshalb sage ich bloß: Ich bin zufrieden. Kennst du die Bellevue Apartments?“

„Den mächtigen Prachtbau am Battery Park?“

„Genau den meine ich.“

„Was ist damit?“

„Gehört mir“, erklärte Xavier.

„Hört, hört“, sagte Wilkie.

„Ich danke dir, dass du auf meinen Anruf so prompt reagiert hast, Wilkie.“

„War doch selbstverständlich. Ich dachte, dich gibt’s nicht mehr. Dein Anruf traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel.“

Xavier schob die Unterlippe über die Oberlippe. „Ich wollte, mein Anruf hätte bloß einen einzigen Grund gehabt, dich wiederzusehen. Mal so richtig einen draufmachen. Von alten Zeiten reden. Eine Freundschaft, die niemals ganz zu Ende gegangen ist, wieder neu aufleben lassen. Aber ich hab’ dich nicht nur deswegen angerufen. Tut mir leid, dass es nicht so ist.“

Wilkie sagte spontan: „Du hast Kummer, wie? Wenn ich dir helfen kann ... Ich meine, um unsere Freundschaft wäre es schlecht bestellt, wenn der eine dem anderen nicht auch mal unter die Arme greifen würde, wenn’s nötig ist.“

„Ich habe erfahren, dass du als Privatdetektiv tätig bist“, sagte Xavier.

Wilkie grinste. „So was spricht sich in einschlägigen Kreisen schnell herum.“

„Ich möchte, dass du einen Fall für mich übernimmst, Wilkie.“

„Lass mal den dicken Hund von der Leine. Worum geht’s denn?“

„Um Mord!“, erklärte Xavier.

Darauf brauchte Wilkie einen kräftigen Schluck. „Darf ich mehr erfahren?“, fragte er. Er drehte das Highball-Glas zwischen den Handflächen hin und her, während er Xavier gespannt ansah.

Und Dean Xavier begann zu erzählen.

Er sprach von Burt Yellen, von seinem rätselhaften Ende, von Captain Rogers und dessen Besuch hier bei ihm. Wilkie war ein ausgezeichneter Zuhörer. Und Xavier war ein guter Erzähler. Seine Story war so perfekt, dass Wilkie hinterher keine einzige Frage zu stellen brauchte.

Er kannte sich aus.

„Wirst du den Fall übernehmen, Wilkie?“

„Ich arbeite niemals allein, Dean.“

„Ich weiß. Du arbeitest für Bount Reiniger. Aber ich dachte ich wollte, dass du das Honorar allein kriegst.“

„Nett, dass du daran gedacht hast. Was die Finanzen angeht, scheinst du wirklich an alles zu denken. Aber ich bin nicht so scharf aufs Geld. Vermutlich ist das ein Fehler. Es macht mir nichts aus, zu teilen. Komm, ich bringe dich zu Bount Reiniger. Du wirst sehen, der Mann ist ein patenter Kerl.“

 

 

5

Toby Rogers zeichnete kleine Männchen aufs Papier.

Er hatte den Telefonhörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt. Ein unerfreuliches Gespräch mit dem District Attorney Brown. Der wusste mal wieder alles besser.

Toby fing an, einen Galgen zu zeichnen. Und das Männchen, das er darunterkritzelte, hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Brown.

Das gefiel Toby. Er grinste.

Das Telefonat fiel ziemlich einseitig aus. Als der District Attorney schließlich doch noch zu einem Ende gekommen war, legte Toby auf und murmelte irgendetwas von „kreuzweise“.

Die Tür ging auf. Ron Myers trat ein. Sein Blick fiel auf das Papier, das vor Rogers lag. „Sieht aus wie Brown, der am Galgen hängt.“

„Ist auch Brown“, entgegnete Toby Rogers lächelnd. Er knüllte das Papier zusammen und warf es in den Papierkorb.

„Gibt’s was Neues?“, wollte der Captain wissen.

„Es wird langsam.“ Ron Myers rieb sich die Hände, als wäre ihm kalt.

Bevor er weitersprach, ging er zum Wasserspender. Er zupfte einen Papierbecher unten raus und füllte ihn randvoll. Das konnte nicht gutgehen. Er verschüttete ein Viertel davon auf sein Jackett. Toby war das von Ron gewohnt. Auch der Fluch, der darauf folgte, war immer derselbe.

„Nun?“, sagte Toby.

„Du hattest recht.“

„Womit?“

„Burt Yellen heißt in Wirklichkeit Barry York.“

Details

Seiten
105
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931211
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496338
Schlagworte
ermordet york detectives

Autor

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Titel: Ermordet und noch quicklebendig?: N.Y.D. – New York Detectives