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Dr. Florian Winter #19: Eine Million für ein Baby

2019 178 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Eine Million für ein Baby

Copyright

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Eine Million für ein Baby

Dr. Florian Winter Band 19

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 178 Taschenbuchseiten.

 

Während seines Urlaubs in Frankreich erhält Professor Dr. Florian Winter ein unmoralisches Angebot von einem Fremden: Für eine Million Mark soll er die Geburt eines Jungens attestieren, weil ein Mädchen nicht die Erbfolge antreten kann. Dr. Winter schlägt das Angebot aus – kurz darauf ist der Unbekannte tot, ermordet! Aber nicht nur diese seltsame Begegnung beeinträchtigt seinen wohlverdienten Urlaub: In der folgenden Nacht muss Winter eine Not-OP an einer deutschen Touristin durchführen, die von ihrem Mann misshandelt worden war – und selbst noch lange nach seiner Rückkehr nach Deutschland verfolgen ihn diese Geschehnisse ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Die Sonne versank im Meer. Nimmermüde brandeten die hohen Wogen gegen das von Menschenhand gebaute Bollwerk des Deiches. Von dieser ergreifenden Stimmung gefesselt, saß der Mann auf der Bank und blickte hinaus auf die unendliche kupferrote Weite der See. Er merkte nicht, dass sich jemand von hinten näherte.

„Herr Professor Winter?“ Die Stimme klang sanft. Winter wandte sich um und blickte in ein schmales Altmännergesicht, das vom milden Abendsonnenschein gerötet war.

„Herr Professor Winter“, sagte der Mann und lächelte, „es war schwer, Sie einmal allein zu finden. Ich benötige ein Vaterschaftsgutachten und biete Ihnen dafür eine Million.“

Ein Wahnsinniger, dachte Winter überrascht und sah völlig perplex in das faltige Gesicht des Mannes, der gar nicht so aussah wie ein Verrückter.

„Sie halten mich für einen Irren, Herr Professor Winter.“ Das Gesicht entspannte sich zu einem Lächeln. „Verständlich, wenn ich Sie hier so überfalle. Dazu noch in Ihrem Urlaub. Aber ich glaube, es ist eine einmalige Gelegenheit. Ich habe Sie die ganze Zeit beobachtet und jetzt erstmalig die Chance gehabt, Sie völlig allein und weitab von eventuellen Mithörern zu sprechen. Glauben Sie mir, es ist kein Irrsinn, es ist eine ganz vernünftige Sache. Entschuldigen Sie, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Semmelroth ist mein Name.“

Winter war aufgestanden und schwankte in der Überlegung, ob er gehen oder bleiben sollte. Aber auch hier schien der andere seine Gedanken zu erraten.

„Gehen Sie nicht, bleiben Sie, eine Million ist auch für Sie kein Dreck. Hören Sie mir zu Ende zu. Und nochmal, das ist keine Schnapsidee. Was ich von Ihnen brauche, ist nichts weiter als ein Gutachten, eine Bestätigung, über die Sie als Arzt Ihres Rufes fünf Minuten brauchen. Fünf Minuten, Herr Professor Winter, für eine Million!“

„Sagen Sie mal, wollen Sie mich hier verkohlen, oder was soll das alles? Wie Sie schon ganz richtig festgestellt haben“, erklärte Winter ungehalten, „befinde ich mich im Urlaub, dazu noch im Ausland. Sind Sie mir etwa nachgereist, um mir Ihr merkwürdiges Ansinnen ...“

Der andere schüttelte den Kopf. Jetzt, wo Winter die erste Überraschung überwunden hatte, nahm er sich die Zeit, diesen Mann genau anzusehen. Seiner Schätzung nach war er um die Sechzig. Groß, schlank mit grauen Haaren, die jetzt in der Abendsonne rötlich schimmerten. Die Haut seines Gesichtes war tief gebräunt, faltig wie bei einem Menschen, der viel an der frischen Luft ist. Seiner Art zu sprechen nach, hätte er ein Intellektueller sein können.

„Herr Professor Winter“, sagte Semmelroth sanft, fast nachsichtig zu Winter, als müsse er einem unduldsamen Kind etwas erklären, „wenn Sie sich vorstellen, die Paul-Ehrlich-Klinik zu Hause in Deutschland, bei Ihnen in Bonn, an der Sie die gynäkologische Abteilung leiten, würde eines Tages aufgeteilt in vielleicht acht Kliniken, jede für sich arbeitet selbständig. Was, glauben Sie, wie effektiv diese acht Kliniken, jede für sich, noch wären?“

„Überhaupt nicht“, entgegnete Winter, der jetzt auf dieses Beispiel einging. „Keine könnte effektiv arbeiten, natürlich nicht. Es sei denn, alles würde auf die Kleinbetriebe umgestellt, ich meine die medizinischen Einrichtungen und Geräte und so weiter.“

„Das kann nicht geschehen. Mit anderen Worten, die bislang so leistungsfähige Paul-Ehrlich-Klinik“, erklärte Semmelroth, „ist dann, wenn acht kleine Kliniken daraus gemacht worden sind, gar nichts mehr, man kann es vergessen. Richtig?“

„Es könnte so sein. Ich möchte nur wissen, worauf Sie hinaus wollen.“

„Ich werde es Ihnen jetzt sagen. Können Sie sich ein kräftiges, leistungsfähiges und über ein fast Jahrhundert hinweg gesundes Industrieunternehmen vorstellen, das mehr als siebentausend Menschen beschäftigt? Die Weiterführung des Betriebes ist aber nur deshalb von Generation zu Generation möglich gewesen, weil ein Erbe da war, ein Nachfolger des vorherigen Geschäftsführers. Sollte einmal eines Tages kein Erbe mehr da sein, so wird dieser ganze Betrieb zerfallen. Die Erbansprüche anderer Verwandter kommen zum Zuge. Entweder muss man das Unternehmen verkaufen, in der gegenwärtigen Zeit nur mit gewaltigen Verlusten, oder aber man muss das alles aufteilen. Es würde aber, wenn die Leute halbwegs vernünftig sind, zu einem Verkauf kommen. Dann besteht womöglich die Firma weiter, ihr fehlen aber die finanziellen Reserven, die jetzt noch vorhanden sind. Alles in allem, wäre sie ebenfalls dem Tode geweiht. Kommt es aber zur Aufteilung, kann man die ganze Geschichte auf der Stelle abschreiben.“

„Und was habe ich damit zu tun? Erlauben Sie, Herr Semmelroth, es ist vielleicht ganz interessant, was Sie mir erzählen, aber ich wollte heute Abend noch ...“

„Hören Sie mir bitte nur noch fünf Minuten zu. Sie werden herrliche Tage in La Grande Motte, dieser Kunstperle der Carmargue, noch vor sich haben. Die fünf Minuten, die im Vergleich zu dem, was ich Ihnen biete, eine geringe Mühe darstellen, sollten Sie opfern.“

Winter zuckte die Schultern. Fünf Minuten noch, aber dann hatte er ernsthaft vor, zurück zu seiner Frau in die Ferienwohnung zu gehen und den Urlaub auf diese Weise fortzusetzen, wie er sich das vorstellte.

„Ich will es Ihnen jetzt präzise erklären, Herr Professor Winter. Ich habe eine Tochter von achtundzwanzig Jahren, die ist meine Erbin. Aber nach dem Vertrag, der noch vom Gründer unseres Betriebes stammt, kann eine Frau den Betrieb nicht erben, nur ein Sohn. Eine Frau wäre nur wiederum die Verwalterin des Erbes ihres Sohnes, wenn sie einen hat. Meine Tochter hat vor drei Monaten einem Kind das Leben geschenkt. Das Kind ist ein Mädchen.“

„Ich gratuliere“, sagte Professor Winter, „hoffentlich ist das Kind sehr gesund.“

„Das Kind ist gesund. Und dem Kind soll es auch an nichts fehlen. Aber wir brauchen einen Jungen.“

„Ihre Tochter ist hoffentlich noch nicht so alt, um noch ein Kind zu bekommen. Das könnte ein Junge sein.“

„Irrtum. Meine Tochter hat dieses Kind in Dublin, in Irland bekommen. Die Geburt war nicht einfach. Man musste eine Schnittentbindung vornehmen, gleichzeitig auch die Gebärmutter entfernen. Sie werden als Gynäkologe wissen, dass dies mitunter notwendig sein kann. Hier war es notwendig.“

„Ist das Kind gesund?“

„Das Kind ist sehr gesund, alles in Ordnung, auch meiner Tochter geht es gut, aber wie gesagt, bei dem Kind handelt es sich um ein Mädchen. Und meine Tochter wird nie wieder ein Kind bekommen können, das ist Ihnen ja klar. Was wir aber brauchen, ist ein Erbe. Meine Tochter kann zwar das Erbe verwalten, aber sie könnte nicht das Erbe für einen Verwalter verwalten, also praktisch für ihre Tochter, dass die vielleicht irgendwann mal einen Sohn bekäme. Dies ist nicht möglich. Jedenfalls schreibt der Gesellschaftervertrag das ausdrücklich vor, und ich bin inzwischen bei drei Anwälten gewesen, namhafteste Leute auf der deutschen und europäischen Justizszene, in der Hoffnung, dass dieser Gesellschaftervertrag als unsittlich erklärt werden kann. Leider ist das nicht möglich. Immerhin ist meine Tochter noch in Irland und immerhin besteht die Möglichkeit, dass meine Enkeltochter vielleicht ein Junge sein könnte.“

„Ich kann doch kein Mädchen zu einem Jungen erklären!“ Winter lachte. „Sagen Sie mal, wie stellen Sie sich so etwas vor?“

„Das sollen Sie gar nicht. Wir haben ein Kind, und dieses Kind ist zur gleichen Zeit geboren worden. Dieses Kind ist ein Junge. Verstehen Sie jetzt? Es muss dieser Junge sein, der geboren worden ist.“

„Sagen Sie mal, glauben Sie, dass diese Ärzte in Dublin mit Blindheit geschlagen sind?“, fragte Winter.

„Das glaube ich nicht. Es waren sehr gute Ärzte. Aber wer sagt uns, dass dieses Kind überhaupt in Irland geboren ist? Könnte es nicht ganz anders gewesen sein? Nämlich so, dass Sie meinem Enkelsohn ans Licht der Welt verholfen haben. Ich habe Ihnen ja erklärt, was Sie für eine solche Bestätigung bekämen. Eine Million, Herr Professor Winter. Eine Million in bar!“

Winter schüttelte den Kopf. „Verrückt! Das ist einfach absurd, Herr Semmelroth.“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen, Herr Professor Winter. Ich werde mich morgen Mittag noch einmal bei Ihnen melden. Und dann ...“

Winter schüttelte energisch den Kopf. „Sie brauchen sich bei mir nicht zu melden. Das ist vollkommen unmöglich. Ich weiß nicht, was Sie sich vorstellen. Ich kann doch nicht hingehen und behaupten, ich hätte einer Geburt beigewohnt, die überhaupt nicht in dieser Form stattgefunden hat.“

„Das alles ist doch spitzfindig“, meinte Semmelroth. „Ich serviere Ihnen die Geschichte so, dass Sie außer Ihrer Unterschrift überhaupt nichts zu tun brauchen. Und Sie werden es verantworten können. Sie sind jetzt hier in Frankreich, Sie hätten in der fraglichen Zeit auch woanders sein können. Niemand wird Sie jemals danach fragen. Kein Mensch kümmert sich darum. Meine Tochter lebt noch immer auf diesem ziemlich einsamen Hof in Irland.“

Winter unterbrach ihn schroff. „Und Sie glauben im Ernst, dass Ihre Tochter mit diesem Tausch einverstanden ist? Dass eine Mutter ihr Kind einfach weggibt, um irgendein anderes an die Brust zu legen. Das glauben Sie wirklich? Ich nehme an, ich kenne Ihre Tochter, ohne sie je gesehen zu haben, in diesem Punkt besser als Sie.“

„Natürlich wird es nicht so sein. Es sind Zwillinge, verstehen Sie? Es sind Zwillinge! Die Tochter und der Junge. Beide Kinder sind am selben Tag geboren. Es wird überhaupt nicht schwerfallen. Und seien Sie versichert, es gibt ganz wenige Zeugen. Ich habe diese Sache hier selbst in die Hand genommen. Ich habe mir die Zeit, obgleich ich weiß Gott anderes zu tun hätte, selbst genommen, um mit Ihnen zu reden. Es gibt niemanden sonst. Natürlich ist mein Chauffeur mit mir hier, aber er weiß nichts. Er weiß gar nicht, weshalb wir hier sind.“

Im ersten Augenblick war Winter fassungslos über das, was er da gehört hatte. Glaubte dieser Mann wirklich, dass es möglich war, einen Arzt, zudem einen, der einen Ruf zu verlieren hatte, mit einer Million zu bestechen, ihn zu überreden, einen massiven Betrug zu begehen? Dieser Mann sah nicht aus, als wäre er so töricht, dies zu glauben. Und doch kam er mit seiner Million. Und überdies, überlegte Winter weiter, gab es ein Geburtsprotokoll. Dublin, das war schließlich eine europäische Hauptstadt. Um Gottes willen, und dann diese Geschichte mit diesem untergeschobenen Jungen.

„Hören Sie, Herr Semmelroth, dieser Junge hat schließlich eine Mutter. Und diese Mutter ist auch eine Zeugin. Und eines Tages will diese Mutter ihr Kind wiederhaben und ...“

Er schüttelte heftig den Kopf. „Nein. Die Mutter des Jungen ist froh, wenn sie das Kind los wird. Die sozialen Verhältnisse dieser Familie sind sehr schlimm, wirklich schlimm. Und es ist eine gute Tat, diesem Jungen eine andere Zukunft zu bieten.“

„Was wissen Sie von dieser Familie? Was wissen Sie von den ererbten Charaktereigenschaften des Kindes? Überlegen Sie doch einmal, wenn Sie selbst sagen, die sozialen Verhältnisse ...“

„Nein, so ist es nicht. Die sind unverschuldet in Armut geraten. Der Vater ist bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommen, er war ein Seemann. Es sind bereits sieben Kinder da, dieses wäre das achte gewesen. Und die alten Leute, die Großeltern dieser Kinder, haben zu tun, um sich selbst über Wasser zu halten. Kurzum, man hätte mir am liebsten noch ein Kind anvertraut bei den Aussichten, die ich einem solchen Kind zu bieten habe.“

„Und Sie glauben im Ernst, dass diese Frau niemals mit jemandem darüber sprechen würde, das nehmen Sie an? Sie haben massenhaft Zeugen, doch nicht nur Ihren Chauffeur.“

„Ach, Unsinn, niemand denkt sich etwas dabei. Die glauben doch, wir adoptieren dieses Kind. Was in Wirklichkeit geschieht, erfährt ja niemand.“

„Sind Sie noch nie auf die Idee gekommen“, widersprach Winter, „dass vielleicht Leute innerhalb Ihrer Familie den Dingen auf den Grund gehen könnten? Dass Ihre Tochter in Dublin ist, werden wohl einige wissen.“

„Niemand weiß es. Niemand in meiner Familie, niemand im Betrieb. Ich allein weiß es. Und natürlich ist kaum etwas in Dublin bekannt. Diese einsame Farm, auf der sie lebt ...“

„... liegt letztendlich“, vollendete Winter, „auch nicht im brasilianischen Urwald. Ich will damit sagen, es ist ein Kinderspiel, den Dingen wirklich auf den Grund zu gehen. O nein, nicht für zehn Millionen und nicht für hundert. Es ist überhaupt keine Diskussion weiter erforderlich. Ich glaube, wir beide stehlen uns gegenseitig die Zeit.“ Winter hatte sich erhoben, lächelte den Älteren nachsichtig an und sagte freundlich, fast besänftigend: „Ich glaube, ich muss jetzt gehen. Es hat doch keinen Zweck, dass wir uns über dieses Thema noch einmal unterhalten. Schade um die Zeit, die Sie meinetwegen dafür aufgewendet haben. Und ich glaube auch nicht, dass Sie, wenn Sie wirklich einen Mann finden, der seinen Namen und seine Unterschrift dafür hergibt, viel Glück damit haben, im Gegenteil. Ich möchte Ihnen keinen Rat geben, aber ich stehe auf dem Standpunkt, dass man einem Mitmenschen durchaus sagen kann, wenn er sich in eine große Gefahr begibt. Sie begeben sich in eine Gefahr. Die Gefahr nämlich, dass Sie erpresst werden können, von eben demjenigen, der davon weiß. Ich werde es ganz sicher nicht sein. Ich habe unser Gespräch in zwei Minuten völlig vergessen. Ich will auch nicht mehr daran erinnert werden. Aber Sie sagten selbst, dass Sie nicht unvermögend sind. Und bei einem solchen Angebot liegt das auch irgendwie auf der Hand. Man kann also davon ausgehen, dass es Leute gibt, die hier die einmalige Chance ihres Lebens sehen. Haben Sie das auch bedacht?“

„Meinen Sie jetzt jemand, dem ich das anbiete, so wie Ihnen, und der dann ...“

Winter schüttelte den Kopf. „Nein. Ich meine, wenn es wirklich gelingt, jemand zu finden, der unterschreibt. Und ich habe Ihnen ja gesagt, da ist die Kindesmutter, ganz gleich, ob sie im Augenblick froh ist, dieses Kind in gute Hände zu geben. Später wird sie versuchen, an dem guten Leben ihres Sohnes teilhaben zu wollen. Das Risiko, das Sie eingehen mit diesem Kind, dessen Eigenschaften Sie nicht kennen, wie ich schon sagte, all das sind doch Dinge, die Sie gar nicht verantworten können. Und Ihre Tochter, wie lange, glauben Sie, wird sie glücklich sein mit diesem Jungen?“

„Sie braucht ihn nicht aufzuziehen. Da ist natürlich Personal da.“

„Ganz egal. Offiziell soll es doch ihr Sohn sein. Und die Schwester dieses Sohnes, das wirkliche eigene Kind Ihrer Tochter, das wird nach kurzer Zeit in den Augen der Mutter als benachteiligt dastehen. Damit fängt es an. Ich könnte Ihnen jetzt noch tausend Gründe aufzählen, warum Ihre Theorie zwar zu verwirklichen ist, aber nicht gutgehen kann. Und schon deshalb, abgesehen davon, dass es sich um einen handfesten Betrug handelt, würde ich es nicht machen. Das sind für mich so schwerwiegende Gründe wie die rein rechtliche Seite.“

Winter sah ihm an, dass Semmelroth diese Argumente einfach nicht ein sehen wollte. Er war alt und vermögend, vielleicht auch mächtig, aber im Augenblick konnte sich Winter keinen uneinsichtigeren Menschen vorstellen als ihn.

„Bis morgen Mittag, ich werde mich irgendwie bei Ihnen melden, Herr Professor Winter. Sie haben einen großen Namen, und ich muss auf einen Mann wie Sie zurückkommen. Aber ich möchte Ihnen nur eines sagen: Denken Sie nicht, Sie könnten mich an der Geschichte aufhängen. Selbstverständlich habe ich nie mit Ihnen gesprochen. Jedenfalls nicht über so etwas. Ich würde es als glatte Verleumdung hinstellen.“

„Das kann ich mir denken“, entgegnete Winter. Dann nickte er Semmelroth zu und ließ ihn einfach stehen.

 

2

Die einjährige Andrea Winter empfing ihren Vater im kurzen Hemdchen, tapste barfuß über den Flur der Ferienwohnung und kreischte vor Vergnügen, als sie ihren Vater wiedersah. Er fasste sie unter den Armen, schwenkte sie hoch, und sie schrie vor Freude. Denn genau das hatte er mit ihr machen sollen.

„Was hast denn du für ein Bauchbetrüger-Hemdchen an?“

Andrea meckerte vor Vergnügen und strampelte ungeduldig, damit der Papi endlich machen sollte, worauf sie ungeduldig wartete. Er nahm sie, setzte sie sich auf die Schulter, und sie klammerte sich an seinem Haar fest. Dann musste er wie ein Pferd hin und her galoppieren, und Andrea konnte es gar nicht wild genug zugehen. Sie schrie ausgelassen, und ihre Freude mehrte sich nur noch, als die Mami auftauchte. Helga Winter kam aus dem Zimmer, sah Vater und Tochter, lehnte sich in den Türrahmen und schüttelte den Kopf.

„Ihr beide werdet auch nicht mehr vernünftig. Andrea soll ins Bettchen und nun machst du sie so richtig munter“, meinte sie ein wenig vorwurfsvoll. Aber Florian merkte sehr genau, dass sie sich im Grunde über ihn und die Kleine freute. Denn Andrea war glücklich. Der Strand, wo sie splitternackt herumspringen konnte, der Sand, das flache Wasser, dies alles bereitete ihr ein solches Vergnügen, wie es ihr die Eltern in Bonn nicht bieten konnten.

„Wo ist denn unser Sohnemann?“

„Auch so ein Katastrophenfall“, meinte Helga Winter sarkastisch. „Der Herr Sohn wandelt wieder auf Freiersfüßen.“

„O Gott!“ Winter tat, als wäre er wirklich entsetzt. Aber er wusste ja, was seine Frau damit meinte, und er fragte spitzbübisch: „Doch wohl unter den Augen der zukünftigen, gestrengen Schwiegermama.“

Helga lachte. „Sag das nur nicht so laut, am Ende glauben Albert und Janette wirklich, dass wir so etwas denken.“

„Nun mach aber einen Punkt“, erwiderte Winter lachend. „Und wenn schon, das wäre doch noch lange nicht das Schlechteste. Chou ist schließlich aus gutem Hause. Und so alt wie unser Stefan ist sie auch. Man kann nie wissen, vielleicht wird wirklich noch einmal etwas aus den beiden.“

„Nun höre aber du auf mit deinen Prophezeiungen. Hast du schon ein Programm für den Abend? Wo hast du eigentlich so lange gesteckt?“

„Ich war am Strand, habe den Sonnenuntergang beobachtet. Es war wunderschön.“

„Inzwischen hat mich deine Tochter in Atem gehalten, aber jetzt muss sie wirklich ins Bett. Andrea, komm, jetzt musst du runter von Papis Schultern. Jetzt geht’s in die Heia.“ Andrea war da ganz anderer Meinung. Sie wollte noch etwas von ihrem Papi haben. Sie klemmte ihre kleinen Schenkel fest um seinen Hals, krallte sich in seinem Haar fest, um nur ja nicht von diesem herrlichen Platz wegzumüssen, auf dem sie sich gerade befand.

„Ich habe nicht das Gefühl, dass sie mit deinen Vorschlägen einverstanden ist“, erklärte Winter. „Was meinst du, Andrea, sollen wir noch etwas herumhüpfen? Oder gehen wir jetzt in die Heia?“

„Hüpsen, hüpsen!“, rief Andrea. Und dann begann Winter wieder auf dem Korridor herumzuspringen, seine Tochter auf den Schultern, die vor Vergnügen krähte. Helga Winter indessen stemmte die Arme in die Hüften, schüttelte resignierend den Kopf und meinte: „Und das nennt der Mensch Erziehung.“

Winter hielt inne, hob seine Tochter von den Schultern herunter und dann nahm sie auf den Arm. „So, und jetzt müssen wir wirklich in die Heia, sonst kriegen wir Krach mit der Mami. Willst du Krach mit der Mami?“, fragte er Andrea und erwartete, dass die jetzt heftig den Kopf schütteln würde, aber genau das tat sie nicht. Sie nickte emsig mit dem Kopf, lächelte verschmitzt und rief:

„Hüpsen, hüpsen!“

„Siehst du“, sagte Helga Winter, „deine fantastische Erziehung. Fehlt bloß noch, dass du sie wieder auf die Schultern nimmst und dann tatsächlich mit ihr herumhopst.“

„Wir müssen jetzt in die Heia.“ Andrea merkte, dass es ernst wurde, sie versuchte es noch mit ein paar Tränen, aber der Papi ließ sich wirklich nicht erweichen, vielleicht deshalb, weil die Mami so vorwurfsvoll dreinblickte. Und da gab er der Mami nach. Andrea hingegen ahnte instinktiv, dass es ganz anders verlaufen wäre, hätte die Mami nicht dabeigestanden. Dann wäre der Papi sicherlich, weich geworden. Und da hatte sie sogar recht.

Mit viel Tamtam wurde Andrea schließlich ins Bett gebracht, es gab das übliche Gutenachtküsschen, dann zog Helga Winter die Vorhänge zu, ließ die Jalousie herab und sagte: „Und nun wird geschlafen, Andrea, bis morgen früh, schön geschlafen. Träume süß und mach die Äugelchen zu.“

Als es dann endlich still wurde und die beiden das Zimmer verlassen hatten, wischte sich Helga Winter die Stirn ab und seufzte: „Gott sei Dank, die hat mich heute geschafft, sage ich dir. Es ist schon schlimm, wenn sie noch so klein sind und man sie mit in den Urlaub nimmt. Schade, dass wir kein Boot mieten konnten. Na ja, was nicht geht, das geht nicht.“

„Übernächstes Jahr sieht das schon ganz anders aus“, erwiderte Florian, „da ist Stefan auch etwas älter, und mit Andrea kann man dann schon etwas mehr unternehmen. Im Augenblick fühlt sie sich am Strand am wohlsten.“

„Kommen Albert und Janette zu uns?“, erkundigte sich Helga Winter, während sie in der kleinen Küche der Ferienwohnung das Abendessen vorbereitete.

„Ich weiß nicht. Ich nehme an, dass Albert nachher unseren Sohnemann bringt. Und da werden wir ja sehen, was sie vorhaben. Weißt du, Helga, wir sollten uns nicht immer verabreden. Die beiden haben auch eigene Interessen, genau wie wir. Wenn wir zweimal die Woche oder dreimal etwas zusammen unternehmen, na schön. Aber so jeden Abend, ich weiß nicht ... Ich würde ganz gern einmal mit dir alleine sein, so sehr ich Albert und Janette schätze.“

Sie hielt mit dem Schneiden von Tomaten inne, sah ihn an und nickte : „Ich verstehe dich. Ihr seid schon in der Klinik immer zusammen und jetzt im Urlaub auch.“

„Das ist es nicht. Er geht mir nicht etwa auf den Geist, das habe ich nicht gemeint. Aber du kennst doch Janette. Sie ist unheimlich temperamentvoll, das französische Blut in ihren Adern lässt sich nicht verleugnen. Und hier ist sie unter Landsleuten. Sie hat immer etwas vor, und ich bin überzeugt davon, dass sie ganz gern einmal mit Albert allein ist. Wir sollten ihr einmal anbieten, Chou zu uns zu nehmen. Die Kleine ist ja wirklich brav.“

„Unserem Sohnemann würde das sehr gefallen“, stellte Helga Winter fest und blickte aus dem Fenster. „Ich dachte, er kommt schon, aber es sind andere Kinder, die Berliner, von schräg gegenüber, weißt du. Du, sieh mal, da steht da drüben einer und glotzt immer hier herüber, genau auf unser Fenster.“

„Wo?“, fragte Winter und trat neben seine Frau, blickte nach draußen auf die ruhige Straße und sah vor diesem gewaltigen Betonbau auf der anderen Straßenseite einen Mann stehen. Es war ein jüngerer Mann mit dunklem Haar, sportlich gekleidet, als sei er gerade vom Tennisspiel gekommen.

„Der wartet wahrscheinlich auf irgendwen“, meinte Winter. Aber er hatte sofort ein eigenartiges Gefühl, musste sehr intensiv an Semmelroth denken. Ob der etwa jemanden hergeschickt hatte, der das Haus und damit die Winters beobachten sollte?

Helga hatte sich wieder ihren Tomaten zugewandt. „Die Zwiebeln sind herrlich hier. Guck mal, wie schön die sind. Die könnte ich so essen“, sagte sie und plauderte immer weiter, erzählte von Dingen, die sie hier schön fand. Sie waren schon einmal in La Grande Motte gewesen, allerdings mit dem Boot. Aber jetzt hatten sie es sich als Ferienziel erkoren, obgleich Helga Winter anfangs diese Stadt aus der Retorte und diese Betonburg, wie Florian Winter La Grande Motte nannte, ein wenig unheimlich vorgekommen war. Nun aber gefiel es ihnen hier. Das Moderne erwies sich nicht als so feindlich, wie es im ersten Augenblick den beiden vorgekommen war.

Während sie erzählte, stand er schräg hinter ihr, blickte aus dem Fenster und beobachtete seinerseits diesen Mann, der beständig herüberschaute. Erst hatte ihn Winter für einen Franzosen gehalten, aber als er ihn genauer beobachtete, kam er zu der Überzeugung, dass es ein Deutscher war. Der junge Mann hatte Zigaretten aus der Tasche gezogen und das, so konnte Winter von hieraus deutlich erkennen, war eine deutsche Marke.

Nach einer Weile ging dieser junge dunkelhaarige Mann, und Winter glaubte schon, dass alles mit Semmelroth nichts zu tun hatte. Da sah er, wie dieser junge Mann in ein Auto stieg, das schräg gegenüber parkte. Er fuhr aber nicht weg, er blieb in diesem Auto sitzen, lehnte sich zurück und beobachtete weiter den Eingang des Ferienhauses, in dem die Winters wohnten.

Helga Winter hatte eine Frage gestellt, die war von ihm aber gar nicht gehört worden. In Gedanken versunken blickte er zu diesen Auto hinüber, merkte nicht, wie seine Frau ihn ansah, die Frage wiederholte und schließlich genau wie er in dieselbe Richtung schaute, aber den Grund für sein Interesse nicht sah. Schließlich fragte sie ihn, während sie ihn gleichzeitig am Arm stupste:

„Sag mal, wo schaust du immer hin? Der Kerl, der da gestanden hat, ist doch fort.“

„Ist er nicht, er sitzt dort drüben im Auto“, erwiderte Winter.

„Im Auto? In welchem? In dem blauen Renault?“

„Genau in dem blauen Renault.“

„Ach, jetzt sehe ich ihn. Der gafft doch immer noch hierher. Was will der bloß? Glaubst du wirklich, dass der auf wen wartet? Der sieht doch aus wie ein Franzose. Und das Auto hat eine französische ... nein, es hat eine deutsche Nummer.“

„Eben drum. Es hat eine deutsche Nummer.“

„Meinst du, der wartet auf jemand?“

„Sieht so aus. Schließlich wohnen wir nicht allein in diesem Haus. Wenn ich nicht irre, gibt es noch vierundzwanzig oder fünfundzwanzig weitere Leute, die dieses Haus bevölkern. Vielleicht ist ein junges hübsches Mädchen drunter.“

„Die vom dritten Stock, nicht wahr? Vielleicht ist es die. Aber nein, die kann es nicht sein, die hat so einen Blonden. Den habe ich heute mit ihr am Strand gesehen.“

Winter fing an zu lachen.

„Was lachst du?“, fragte sie erbost, als er noch immer nicht damit aufhörte.

„Wir benehmen uns wie vom Dorf. Jetzt fangen wir schon an, über die Leute zu reden, die hier vorbeigehen oder die draußen stehen und zufällig auf irgendetwas warten.“

„Du machst es doch ganz genauso. Er beobachtet das Haus, und du beobachtest ihn.“

Sie ahnte nicht, dass er einen Grund hatte, diesen Mann im Auge zu behalten. Sie ahnte auch nichts von seinem Gespräch mit Semmelroth. Er war fest entschlossen, ihr nichts davon zu erzählen. Nicht etwa, dass er fürchtete, sie könne der Meinung sein, diese Million zu verdienen, sei das Risiko wert, sie würde da genauso denken wie er. Aber vielleicht bedeutete es für sie eine Belastung, wenn sie von diesen Dingen wusste. Je länger er über Semmelroth und sein Angebot nachdachte, umso ärgerlicher empfand er dieses ganze Gespräch. Wie kann ein Mann in seinem Alter nur auf eine solche verrückte Idee kommen? Das Ganze ist total hirnverbrannt, sagte er sich. Nein, wenn der noch einmal hier aufkreuzt, lass ich ihn einfach stehen. Ich glaube, dafür ist jede Sekunde zu schade.

„Warum ziehst du die Stirn so in Falten, was denkst du?“, wollte Helga Winter wissen.

„Nichts weiter. Ich habe nur etwas überlegt“, behauptete er. „Das hat mit dem Burschen da nichts zu tun.“

„Zieh die Stirn nicht so in Falten, nachher gehen sie nicht mehr weg.“

Er lachte. „Sorgen hast du!“ Er wandte sich dem Tisch zu, auf dem Helga das Abendbrot zurechtmachte. „Die Tomaten sehen lecker aus. Aber das Brot ... Ich möchte mal wieder ein richtiges herzhaftes Brot haben. Immer nur Weißbrot.“

„Die haben auch anderes hier, importiert von zu Hause“, erklärte Helga. „Aber wenn wir schon hier sind, können wir auch das essen, was die Leute hier essen. Das haben wir doch immer getan. Früher hast du das selbst gesagt.“

„Schon gut, Helga“, entgegnete er und vermied es, noch einmal zum Fenster hinauszusehen. Er strich sich über die Wange und meinte: „Ich glaube, ich könnte noch einmal mit dem Apparat drübergehen.“

Sie hatte nicht hingesehen und wusste nicht, was er meinte. „Mit welchem Apparat?“

„Mit meiner Mähmaschine. Ich bin gleich wieder da.“

„Nun bleib nur nicht so lange, wir essen jetzt. Wo nur Stefan bleibt? Die wissen doch, dass wir um diese Zeit essen. Die sollten ihn wirklich bringen.“

Florian Winter hatte gar nicht mehr hingehört. Er war ins Badezimmer gegangen, nahm den Rasierer. Aber während er sich rasierte, blickte er zum Fenster hinaus zu dem blauen Renault. Und noch immer saß der junge Mann drin und noch immer schaute er auf das Haus.

Vielleicht wartet er wirklich auf jemand. Vielleicht auf uns.

 

 

3

Dr. Albert Rose und seine Frau Janette wohnten mit ihrer Tochter, die sie Chou nannten, ein paar Straßen weiter in einem Apartmenthaus. Ihre Ferienwohnung gehörte Janettes Bruder. Janette, die gebürtige Französin war, durfte auch über die Jolle ihres Bruders verfügen, die unten in der Marina lag.

Bei den Roses befand sich zurzeit auch Stefan, Professor Winters Sohn. Er spielte mit der gleichaltrigen Tochter Chou, die eigentlich Anette hieß.

„Ich glaube, ich gehe mal los und hole unseren Sohnemann“, erklärte Florian Winter.

Helga Winter hatte das Abendbrot bereits auf den Tisch gestellt. „Es wird auch höchste Zeit, dass er endlich kommt. Mein Gott, ich verstehe gar nicht, wieso Albert ihn nicht bringt.“

„Der wird schon kommen, mach dir mal keine Sorgen. Ich gehe mal los, womöglich haben die nicht auf die Uhr gesehen. Das kann ja mal vorkommen. Schließlich sind wir in den Ferien, da kommt es auf fünf Minuten nicht an.“

„Aber ich habe das Abendbrot fertig, und hier steht sein Müsli, das schmeckt nachher nicht mehr, wenn es solange herumgestanden hat.“

„Also ich gehe ja schon“, erklärte Winter, und es reizte ihn auch zu gehen, schon deswegen, um die Reaktion des Burschen in dem blauen Renault zu beobachten. Also ging er los und nahm sich vor, sofort beim Verlassen des Hauses auf diesen blauen Renault und den jungen Mann zu achten.

Er erlebte eine Überraschung. Als er aus der Haustür kam, war der blaue Renault gerade abgefahren. Florian Winter sah ihn am Ende der Straße um die Ecke biegen und erkannte darin nur den Fahrer. Niemand sonst.

Also doch ein Irrtum, sagte er sich und beschloss, die ganze Geschichte zu vergessen.

Als er das Apartmenthaus mit der Ferienwohnung der Roses erreicht hatte, entdeckte er nirgendwo auf der Wiese vor dem Haus Kinder. Vielleicht, sagte er sich, hat sich Stefan schmutzig gemacht und Albert oder Janette müssen ihn noch abwaschen. Das war vor zwei Tagen schon einmal passiert und da hatte ihn Janette unter die Dusche gesteckt.

Er klingelte, und die Tür stand offen. Die Ferienwohnung befand sich im zweiten Stock. Mit langen Sprüngen lief er hinauf. Aber als er oben ankam, war die Tür noch nicht geöffnet. Er klingelte noch einmal an der Tür. In der Wohnung regte sich nichts.

Schlagartig steigerte sich seine aufkeimende Unruhe. Er klingelte erneut, rüttelte an der Tür, aber die war fest verschlossen. Jetzt fiel ihm abermals der blaue Renault ein. Der junge Mann, das Gespräch mit Semmelroth ...

Vielleicht sollte ich die Polizei verständigen, überlegte er. Wischte aber diesen Gedanken rasch wieder beiseite. Es kann auch eine Kette unglücklicher Zufälle sein, die mich an etwas Kriminelles denken lässt. Womöglich klärt sich alles ganz harmlos auf. Aber sie müssten doch zurück sein, sie müssten längst Stefan wiedergebracht haben. Und sie sind doch nicht weggegangen. Sie hatten mir ausdrücklich gesagt, sie würden dableiben. Stefan und Chou könnten auf der Wiese spielen.

Er war nicht imstande, seine Unruhe zu verdrängen. Die Angst um den Jungen, aber auch, dass den Roses etwas zugestoßen sein könnte, steigerte sich, als er die Treppe hinunterging, die Haustür öffnete und über die Wiese und die im diffusen Licht des scheidenden Tages liegende Straße blickte.

Es war mit einem Male still geworden. Der Lärm, der sonst hier am Tag über herrschte, hatte sich verflüchtigt. Weiter drüben, wo die Lokale lagen, da würde jetzt viel mehr Betrieb sein. Aber hier, in einer reinen Wohngegend, war Stille eingekehrt.

Diese Stille gerade war es, die Florian Winter fast in eine Panikstimmung versetzte.

Die Garage!, dachte er. Ich muss in der Garage nachsehen, ob das Auto da ist.

Die Garage befand sich unten im Haus. Es gab eine Einfahrt, sie stand offen. Vorn war eine Schranke, die mit einem Schlüssel bedient werden konnte, den nur die Bewohner dieses Hauses hatten. Er lief in die Garage, sah nach der Box, wo Roses Wagen stand und erkannte ihn schon von Weitem. Das Auto war da.

Vielleicht sind sie im Boot gefahren, überlegte er. Ganz sicher, die müssen im Boot gefahren sein.

In seiner Fantasie begann er sich auszumalen, was alles passiert sein konnte. Unbewusst begann er zu laufen. Sportlich, wie er war, fiel ihm das nicht schwer. Aber dann, als er einmal nicht auf eine Bordsteinkannte achtete, vertrat er sich noch den Fuß. Es schmerzte höllisch, aber ihm wurde der Schmerz dennoch gar nicht so bewusst. Er humpelte dann weiter, von Unruhe getrieben, so schnell er konnte, und wollte zur Marina hinunter. Dort draußen am Meer, wo die Schiffe alle lagen, die vielen, vielen Boote, an langen Stegen. Jetzt um diese Zeit drängten sie sich regelrecht aneinander. Aber er kannte die Stelle, wo die Jolle lag, die eigentlich dem Bruder von Janette gehörte. Die Roses benutzten sie zuweilen. Auch Florian Winter, der ein leidenschaftlicher Segler war, hatte schon manche Fahrt in diesem Urlaub zusammen mit seinem Freund Albert Rose gemacht. Nie weit hinaus, denn dazu taugte diese kleine Jolle nicht. Aber am liebsten hätte Florian Winter eine richtige lange Fahrt gemacht mit einem großen Boot bis hinüber nach Afrika, wie damals zusammen mit Kaiser, einem mit ihm befreundeten Staatsanwalt.

Mit Andrea, überlegte er, kann ich so etwas nicht machen. Sie ist noch zu klein, aber vielleicht wirklich in zwei bis drei Jahren ...

Nach dieser kurzen Ablenkung erinnerte er sich jäh wieder an den wahren Grund, warum er zur Marina lief und jetzt den Steg betrat und entlanghumpelte, wo ziemlich weit draußen die Jolle liegen musste.

Junge Leute belagerten diesen Steg, ein Mädchen spielte mit einer Gitarre, ein paar Jungen und andere Mädchen standen um die Spielenden herum und sangen mit.

Winter zwängte sich an ihnen vorbei und brauchte gar nicht bis ans Ende des Steges zu gehen, um zu sehen, dass die Jolle dalag. Festgemacht war sie und dümpelte, wie all die anderen Boote, in der leichten Dünung.

Winter ging wieder zurück. Ratlos, wo er jetzt noch suchen sollte. Er beschloss zunächst noch einmal zurückzugehen und Helga zu informieren, sonst wurde sie noch unruhig, was ihn selbst betraf. Unruhig? Sie würde bestürzt sein, wenn sie erfuhr, dass er die Roses und Stefan nicht gefunden hatte.

Es war ein gutes Stück von der Marina bis zu dem Apartmenthaus, wo sie ihre Ferienwohnung hatten. Der Fuß schmerzte. Es wurde nicht besser mit jedem Schritt, im Gegenteil.

Etwas essigsaure Tonerde, und die Sache hat sich, dachte er noch. Wichtiger wäre, ich hätte Stefan und die Roses.

Als er endlich die Straße erreichte, wo sich das Apartmenthaus befand, da sah er plötzlich den blauen Renault wieder. Er stand nun ein wenig weiter vorn, also genau der Haustür gegenüber. Und wieder saß der junge Mann im Wagen, blickte auf die Haustür hin.

Winter blieb auf der gegenüberliegenden Seite, humpelte da den Fußweg entlang und konnte nun die Nummer des Wagens deutlich erkennen. Es war ein Düsseldorfer Kennzeichen.

In dem Augenblick, als sich Winter näherte, stieg der Fahrer aus, ging um den Wagen herum, ohne Winter zu beachten, überquerte die Straße und lief dann hinüber zur Haustür.

Winter blieb einen Moment lang stehen, um zu beobachten, was der Mann tat. Der drückte jetzt auf eine Klingel, wandte sich dann um, die Hände in den Taschen und wippte auf den Absätzen.

Winter überquerte nun auch die Straße, ging zur Tür hin, sah den jungen dunkelhaarigen Mann an, der musterte ihn kurz, aber ohne besonderes Interesse.

Da Winter einen Schlüssel hatte, schloss er auf, wandte sich an den jungen Mann und fragte: „Wollen Sie auch ins Haus?“

„Nein, nein, ich warte hier.“ Es klang nicht unfreundlich, aber auch nicht so, als wollte dieser junge Mann noch mehr sagen.

Nachdenklich schloss Winter die Tür wieder hinter sich, ging dann die Treppe hinauf, und jetzt spürte er seinen Knöchel noch mehr als zuvor. Er nahm, was er sonst nie tat, das Geländer zu Hilfe. Oben dann, als er vor der Wohnungstür stand, hörte er drinnen Stimmen. Und eine davon gehörte seinem Sohn Stefan.

 

 

4

„Du kannst noch keine hundert Meter weg gewesen sein, als Albert, Janette, Chou und Stefan gekommen sind“, erklärte Helga Winter ihrem Mann, als der eingetreten war und erleichtert und verwundert zugleich auf die Runde blickte, die da am Abendbrottisch saß.

„Wo bist du nur solange geblieben?“, wollte Albert Rose wissen. Im dunkelblauen T-Shirt und weißen Hosen saß der gut aussehende mittelblonde Oberarzt neben seiner zierlichen dunkelhaarigen Frau. Und neben ihr die Tochter der beiden, Chou genannt, am anderen Ende Stefan, der weißblonde Sohn der Winters.

Florian Winter setzte sich, wischte sich die Schweißperlen von der Stirn und stellte fest:

„Ich glaube, ich habe zu viel Fantasie, und den Fuß habe ich mir auch vertreten.“

„Wo warst du denn bloß?“, erkundigte sich seine Frau eindringlich. „Du hast noch gar nichts zu meinem Kleid gesagt. Sieh doch das Kleid einmal an.“

Er blickte zu ihr auf. Sie trug ein hellblaues Kleid mit weitem glockigem Rock. Er kannte dieses Kleid gar nicht.

„Hast du ...“ Er kam nicht weiter mit seiner Frage. Sie lachte, und Janette stimmte in dieses Lachen mit ein.

„Frauen sind Verschwörer“, bemerkte Albert Rose. „Du musst dich nicht wundern. Janette hat ihr dieses Kleid geschenkt. Sie musste es unbedingt haben. Aber du siehst ja, dass es ihr gar nicht passen kann, trotzdem musste sie es haben. Als ihr klargeworden ist, dass es ihr nicht passt, da hat sie es kurz entschlossen mitgenommen und Helga verehrt.“

„Ja, ja, schon gut, wunderbar, dieses Kleid“, meinte Winter etwas schroff. „Aber jetzt muss ich doch wissen, wieso ihr so spät dran seid. Ich habe euch überall gesucht, selbst bei euch zu Hause in der Garage. Der Wagen steht da und rührt sich nicht von der Stelle. Dann dachte ich, ihr wäret mit dem Boot weg. Aber das Boot liegt auch fest. Und irgendwo unterwegs habe ich mir noch den Fuß vertreten.“

„Und jetzt braucht der liebe Onkel Doktor einen Arzt, was?“, spöttelte Helga, wurde aber sofort ernst, als sie sah, dass ihm im Moment nicht zum Scherzen zumute war. Das konnte sicherlich nicht nur mit dem Fuß zusammenhängen. Und wehleidig, das wusste sie, war Florian nicht. Da steckte irgendetwas dahinter. Aber was? Schon vorhin, bevor er gegangen war, hatte sie sich über ihn gewundert. Irgendwie kam er ihr verändert vor.

„Ja, wir hatten einen Bummel gemacht und uns etwas verspätet“, erklärte Albert Rose entschuldigend. „Sei nicht böse, alter Freund, so etwas kann schon mal vorkommen. Und wie gesagt, du kannst nicht weit gewesen sein, da waren wir schon hier. Wir hatten natürlich gedacht, du gehst zu uns nach Hause, siehst, dass keiner da ist und kommst sofort zurück. Wieso hast du angenommen, dass wir mit dem Boot ...“

„Ich habe es eben angenommen“, erklärte Winter. „Irgendwie liegt das doch auf der Hand.“

„Aber wir hatten dir doch gesagt, dass wir niemals mit Stefan mit der Jolle fahren, ohne dass du es weißt. Und überhaupt, die Jolle ist nicht das Sicherste, was es gibt. Ich würde ihn niemals mitnehmen, wenn du nicht dabei bist.“

Na ja, dachte Winter, da hat er ja recht, ich würde seine Tochter auch nicht mitnehmen. Und ein verantwortungsloser Mensch ist Albert nie gewesen.

„Es war nur so ein Gedanke von mir.“

Ein Gedanke, dachte er. Ich war in Panik. Ich habe mir Dinge eingeredet, die offensichtlich absurd sind. Am liebsten hätte er jetzt über die Geschichte mit Semmelroth gesprochen, aber das wollte er nicht. Dennoch hielten sie sein Verhalten von eben für spleenig. Aber wenn er ihnen das erzählen sollte, würden auch die anderen irgendwie nervös werden und Dinge vermuten, die, wie Winter nun inzwischen zu wissen glaubte, gar nicht existierten. Der junge Mann von unten, der offenbar auf andere Leute wartete, vielleicht auf ein Mädchen aus dem Haus, wie Winter schon zuerst angenommen hatte. Und die ganzen Umstände, die der Reihe nach aufgetreten waren und tatsächlich offensichtlich nur eine Verkettung gewesen sein konnten, eine Verkettung von Zufällen.

„Jedenfalls“, seufzte Winter, „tut mir jetzt der Knöchel weh. Und meine liebe Frau könnte sich einmal als Samariterin betätigen und etwas essigsaure Tonerde mit Wasser verdünnen. Wie ist es denn, Schwester Helga?“

„Das kann ich auch machen, kann ich gut“, behauptete Janette, deren nett wirkender französischer Akzent die Herkunft verriet.

„Also dann du, Schwester Janette“, meinte Winter lachend.

„Die liebe Schwester Janette“, meinte Helga lächelnd, „wird dir jedenfalls nicht so helfen können, wie du es dir einbildest. Du musst nicht erwarten, dass ich essigsaure Tonerde und womöglich noch ein Operationsbesteck in unserem Urlaubsgepäck mitführe. Wie sieht es in deiner Notfalltasche aus?“

„Da ist keine essigsaure Tonerde drin“, brummte Winter.

„Und ich habe so etwas auch nicht.“ Rose lachte.

„Wir sind ja tolle Ärzte, was? Nicht einmal essigsaure Tonerde haben wir. Aber Reparil hätte ich, wie ist es damit?“

„Ich glaube, das müssten wir auch haben. Also schmieren wir Reparil drauf.“

„Bist du sicher, dass nichts gebrochen ist?“ Helga begann an seinem Fuß herumzutasten. „Schwillt ganz schön an.“

„Ach wo, da ist nichts gebrochen, das ist verknackst, was sonst?“

„Bist du eigentlich bei deinen Patienten auch so schnell sicher, dass sonst weiter nichts sein könnte?“, fragte sie lachend. „Da stellt er sich immer an, muss alles ausschließen, muss sichergehen. Röntgen natürlich und was nicht alles, aber bei ihm selbst, da ist weiter nichts.“ Sie drückte ihn vorn an den Ballen und er verzog das Gesicht vor Schmerz. „Bist du verrückt?!“, fauchte er.

„Wenn das weh tut, könnte auch etwas gebrochen sein.“

„Ach wo, ich bin doch noch die ganze Zeit gelaufen.“

„Du weißt genau, dass man mit einem angebrochenen Fuß noch eine ganze Weile laufen kann, je nachdem.“

„Male nicht den Teufel an die Wand, da ist weiter gar nichts. Ich habe mir den Fuß vertreten und damit basta. Wo ist das Reparil? Schmier was drauf und dann stimmt es. Ich kann es auch selbst tun“, meinte er unwirsch.

„Auf alle Fälle machen wir mal einen kalten Umschlag“, entschied Helga.

„Nein, keinen kalten Umschlag“, widersprach Winter. „Tu das Reparil drauf und Schluss.“

„Werden wir mit dieser komplizierten Operation noch einig? Oder sollen wir medizinischen Rat in Bonn erfragen?“, spottete Rose.

„Mir kommt es auch bald so vor“, brummte Winter.

„Na, dann lasst mich mal, schließlich bin ich Chirurg“, erklärte Albert Rose, untersuchte den Fuß und meinte: „Also,ich glaube nicht, dass da was gebrochen ist. Du hast dir den Fuß verzogen, das ist alles. Ich nehme an, in zwei Tagen ist die Sache gelaufen.“

Bereits eine Stunde später wurde der Fuß dick, trotz Reparil-Salbe und obgleich Winter ihn hochgelegt hatte.

„Ganz schön angeschwollen“, stellte Helga fest. Aber Winter winkte ab.

„Das tritt sich fest mit der Zeit. Wie ist es nun, wollen wir etwas Bridge spielen oder Skat oder wie immer?“

„Die Kinder müssen ins Bett“, entgegnete Janette. „Ich glaube, Albert, wir müssen nach Hause. Wenn du willst, kannst du ja noch bleiben.“

„Nein, nein, ich komme schon mit“, entgegnete er, deutete auf Winters Fuß und meinte: „Hoffentlich ist das morgen wieder soweit klar. Du weißt ja, wir beide wollten ja mit der Jolle ...“

Winter entsann sich wieder der Sache mit Semmelroth. Der wollte sich ja morgen gegen Mittag irgendwie bemerkbar machen. Vielleicht wäre es ganz gut, wenn ich nicht da bin, sagte er sich. Die Fahrt mit der Jolle böte schon einen Anlass. Aber womöglich machte er sich an Helga heran. Und von da an ist sie beunruhigt. Nein, es ist wohl besser, wenn ich hierbleibe.

„Ach weißt du, mit dem Fuß, das ist morgen noch nicht völlig weg, das glaube ich nicht. Verschieben wir es auf später. Wir haben ja noch vierzehn Tage.“

„Also denn bis später.“

Als die Roses schon weg waren und Stefan längst im Bett lag, setzten sich Helga und Florian Winter auf den Balkon und genossen die wohltuende abendliche Kühle.

„Ich finde es herrlich, dass es hier keine Mücken gibt. Überall sonst an der See wimmelt es von Mücken, besonders an der Adria. Aber hier sind gar keine.“

„Weil es hier nicht so viele Pinien gibt. Es sind die Pinien, durch die die Mücken angelockt werden haben wir eigentlich noch etwas von dem Wein?“

„Ach, ich glaube, ich werde heute nicht sehr alt“, entgegnete Helga. „Ich möchte am liebsten ins Bett. Und für dich wäre es mit deinem Fuß auch besser, wenn du dich langlegst.“

„Ich merke im Moment gar nichts mehr. Wenn er hochliegt, dann meckert er auch nicht. Bleib doch noch etwas sitzen, es ist so herrlich. Jetzt am Abend diese Stille, der klare Himmel, sieh doch mal, alles voll Sterne.“

Helga gähnte. „Das ist andere Abende hier auch so. Du bist nur zu müde, um überhaupt aufzustehen“, behauptete sie.

„Also gut, geh du zuerst ins Bad. Ich sitze hier noch, bis du fertig bist“, entgegnete Winter, lehnte sich zurück und blickte zum Sternenhimmel empor.

Helga ging durch den Raum, und als sie auf der anderen Seite im Bad war, öffnete sie das Fenster und schaute auf die Straße hinunter, die man von hieraus sehen konnte. Im Licht der Laternen entdeckte sie plötzlich diesen jungen Mann wieder, der schon am Nachmittag dort gestanden und auf das Haus geschaut hatte.

Jetzt stieg er in ein Auto ein, das genau gegenüber vor der Haustür stand. Aber er fuhr noch nicht ab.

Komisch, dachte Helga, schon wieder dieser Kerl. Was der nur hier will? Jetzt wartet er doch bestimmt nicht auf irgendein Mädchen.

Sie zuckte die Schultern und wollte schon das Fenster schließen, als sie hörte, dass der Wagen unten angelassen wurde. Scheinwerfer flammten auf, das Fahrzeug fuhr ab.

Helga schaute dem Wagen noch ein Stück hinterher, da tauchte plötzlich am anderen Ende der Straße wieder ein Auto auf. Es fuhr langsam bis zur Haustür des Nachbarhauses und dort hielt der Wagen an. Und nun erkannte Helga Winter im Licht der Laternen die Aufschrift auf der Seite des dunklen Wagens. Und da stand „Police“.

Polizei, dachte Helga. Was die wohl wollen um diese späte Stunde?

Zu Hause hätte sie sich wahrscheinlich kaum dafür interessiert, aber nun im Urlaub, da sie Zeit im Überfluss hatte, interessierte es sie schon, was da geschah.

Ein uniformierter Polizist stieg aus, ging auf die Tür zu. Sie hörte bis hierher, wie es schellte. Nach einer Weile sprach der Polizist mit jemand, den sie nicht sehen konnte. Obgleich sie gut Französisch beherrschte, verstand sie doch auf die Entfernung nicht, was die beiden sprachen. Schließlich aber kam der Polizist zusammen mit dem Hausmeister, den sie sehr wohl erkannte, auf dem Fußweg zurück. Beide gingen aber nicht auf das Auto zu, sondern näherten sich dem Haus, in dem auch Helga sich befand. Das Auto wurde jetzt wieder angelassen und fuhr langsam nebenher, hielt jetzt ebenfalls genau vor ihrer Haustür. Der Hausmeister und der Polizist gingen auf die Haustür zu. Dann stieg ein zweiter Polizist aus, kam ebenfalls zur Tür.

Helga hörte unten den Hausmeister auf Französisch sagen: „Es ist sehr spät, meine Herren.“ Unmittelbar danach läutete es. Helga erschrak derartig, dass sie zusammenzuckte. Bei uns, dachte sie erschrocken. Wieso läuten die bei uns?

Der Hausmeister war ein kleiner schnurrbärtiger Mann, trug eine Baskenmütze, und in seinem Mundwinkel hing eine Zigarettenkippe. Als er zu Florian Winter aufsah, der ihm geöffnet hatte, machte er den Eindruck eines Mannes, der sich in großer Verlegenheit befindet. Er sprach französisch, weil er wusste, dass Professor Winter ihn verstand.

„Es tut mir sehr leid, ich bin sehr unglücklich darüber, Herr Professor, dass wir Sie gestört haben. Aber der Herr ist von der Polizei. Er möchte mit Ihnen sprechen. Es ist, glaube ich, sehr wichtig. Es tut mir wirklich leid. Entschuldigen Sie, bitte entschuldigen Sie vielmals!“

Winter nickte nur, zwang sich zu einem Lächeln und blickte dann den Polizisten an. In einwandfreiem Französisch fragte er ihn: „Was gibt es zu so später Stunde?“

„Kann ich einen Augenblick hereinkommen?“, fragte der Polizist. Er war ein schlanker, sehniger Mann, über dessen rechte Wange eine Narbe verlief. Ein zweiter Polizist kam jetzt die Treppe herauf. Offensichtlich erhitzte ihn der Aufstieg. Sein Gesicht war gerötet. Er blinzelte ins Licht der Treppenhausbeleuchtung, blieb dann drei Stufen unter dem Podest stehen und sah schnaufend auf Professor Winter.

„Ich muss Sie bitten, sehr leise zu sein, meine Kinder schlafen“, erklärte Winter. „Also gut, kommen Sie herein.“

Der Hausmeister entschuldigte sich noch mal und beteuerte, dass es nicht in seinem Sinne gewesen sei, einen Gast zu stören. Dabei warf er dem schlanken Polizisten einen vorwurfsvollen Blick zu. Aber der Polizist reagierte gar nicht darauf. Auch der Dicke mit dem roten Gesicht, an dem sich der Hausmeister, als er nach unten ging, vorbeizwängte, schien wenig von der Verlegenheit des Hausmeisters beeindruckt. Er kam herauf, folgte seinem Kollegen in den Korridor der kleinen Ferienwohnung.

„Sie hätten nicht später kommen dürfen, ich wollte zu Bett gehen“, erklärte Professor Winter. Er wunderte sich, als er ins Wohnzimmer trat, dass seine Frau nicht da war. Vielleicht ist sie ins Bett gegangen, aber sicherlich hört sie, was wir sprechen. Er deutete auf die Couch, und die beiden Polizisten setzten sich. Der schmale, große drehte seine Mütze in den Händen und schien nun ebenfalls verlegen zu sein. Schließlich kam er mit den Worten heraus:

„Es ist eine schwierige Geschichte, Herr Professor. Wir benötigen Ihre Hilfe.“

„Meine Hilfe?“ Winter dachte sofort an irgendein medizinisches Problem.

„Wollen Sie den Arzt in mir oder worum geht es?“

„Nicht den Arzt“, widersprach der Polizist. Dann griff er in seine Bereitschaftstasche, die er umgehängt trug, zog etwas heraus, einen Umschlag. Er entnahm ihm drei Bilder und legte sie auf den Tisch. „Wir möchten nichts,weiter, als dass Sie uns sagen, ob Sie einen dieser Männer kennen.“

Es waren die Fotografien dreier Personen. Noch bevor Winter das eine Bild herumgedreht und näher angesehen hatte, da erkannte er es. Das Bild stellte Semmelroth dar. Und er brauchte auch gar nichts zu sagen. Beiden Polizisten war bei Winters Anblick klargeworden, dass er diesen Mann zu kennen schien. Die beiden anderen waren ihm fremd.

„Ja“, bestätigte er, „ich habe diesen Mann heute gesehen. Eine eigenartige Geschichte.“

„Vielleicht doch ein medizinisches Problem“, meinte der Polizist. „Dieser Mann sucht einen Arzt, einen guten Arzt, einen Geburtshelfer, nicht wahr?“

Winter nickte. „Ja, er wollte ein Attest, sagen wir mal, ein Gutachten.“

„Für eine Million, nicht wahr?“, erklärte der Polizist.

„Woher wissen Sie das?“, fragte Winter verwundert.

„Sie sind nicht der Erste. Wir wissen nur nicht, wie viel andere noch.“

„Ist es verboten, jemand eine Million anzubieten? Was hat er sonst getan?“

„Wir sind nur gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie ihn kennen. Wann haben Sie mit ihm gesprochen? Sie sagten heute.“

Winter nickte. „Ja. Es ist noch gar nicht solange her. Kurz vor Sonnenuntergang. Ich saß am Meer, blickte auf die sinkende Sonne auf das Meer hinaus, es war ein wunderbarer Anblick. Plötzlich hörte ich ihn hinter mir sprechen. Ich war richtig erschrocken gewesen. Und dann kam er mit seinem Angebot, eine Million dafür, dass ich ihm ein Attest schreibe für ein untergeschobenes Kind.“

Die beiden Polizisten blickten sich verständnisinnig an. Der Dicke nickte nur, und der Schlanke meinte: „Es ist immer gleich. Aber es ist lange her, dass er es zum letzten Mal versucht hat. Damals waren es erst hunderttausend Deutsche Mark. Jetzt ist es schon eine Million. Ich hatte es mir gedacht. Er war vorigen Sommer auch schon da und hat einen Frauenarzt angesprochen. Sie sind auch Frauenarzt, nicht wahr?“

„Ja, das bin ich. Woher wissen Sie das?“

„Wir haben es festgestellt. Und es geht auch nicht nur um ein Gutachten. Doch davon später. Herr Professor Winter, erzählen Sie uns doch einmal, was Ihnen dieser Mann gesagt hat. Was hat Ihnen Semmelroth erzählt?“

Winter berichtete von dem Zusammentreffen am Abend, von den Vorschlägen dieses Mannes, die ganze Geschichte. Auch dass der ihm gedroht hatte, alles abzuleugnen, falls Winter diese Sache ausplaudern sollte.

Als er fertig war, fragte der hagere Polizist: „Er hat Ihnen also gesagt, dass seine Tochter in Dublin ist?“

„Er hat gesagt“, berichtigte Winter, „dass sie auf einer einsam liegenden Farm lebt, das die Kinder aber, das eigene und das, was man unterschieben will, in Dublin zur Welt gekommen sind.“

„Dublin also“, meinte der Polizist und sah seinen Kollegen wieder an. Der nickte, ohne dass Winter begriff, was es zu bedeuten hatte. Er wollte schon danach fragen, da sagte diesmal der untersetzte korpulente Polizist:

„Sie werden sich gewundert haben, weshalb wir zu Ihnen gekommen sind. Aber wir haben in seiner Tasche Ihre Adresse gefunden. Wir wussten nur nicht genau, in welcher der vielen Wohnungen Sie sind. Deswegen haben wir den Hausmeister gebeten, uns zu führen. Wir wollten wissen, was an diesen Adressen stimmt.“

„Aber was er getan hat, ist doch kein Verbrechen. Ich meine, den Betrug hätte ich doch erst begangen, falls ich auf sein Ansinnen eingegangen wäre“, meinte Winter.

Der untersetzte, korpulente Polizist nickte. „Stimmt, wenn es das nur wäre. Aber das ist nicht alles. Offen gestanden haben wir noch eine Frage an Sie.“ Er blickte seinen Kollegen an und nickte ihm aufmunternd zu. Der räusperte sich und fragte: „Kennen Sie Semmelroth wirklich erst von heute?“

„Natürlich. Von heute Abend. Da habe ich ihn zum ersten Mal in meinem Leben gesehen.“

„Sie sind ihm wirklich nie zuvor begegnet?“

„Nein, ich sagte es doch. Heute Abend zum ersten Mal. Warum fragen Sie das alles?“

Keiner der beiden Polizisten gab ihm darauf eine Antwort, vielmehr fragte der Hagere weiter:

„Und es ist Ihnen sonst nichts aufgefallen, als Sie mit ihm gesprochen haben? Sein Chauffeur, von dem er redete, haben Sie den gesehen?“

Winter schüttelte den Kopf. „Nein, nur ihn, sonst niemanden.“

„Eigenartig, ich hatte geglaubt, er sei nicht allein mit Ihnen gewesen. Bisher waren sie immer zu zweit. Es ist das erste Mal, dass er allein geblieben ist.“

„Wollen Sie mir nicht endlich sagen“, forderte Winter, „was tatsächlich dahintersteckt? Es kann doch nicht nur sein, weil er solche Angebote macht.“

„Nein, deshalb allein auch wirklich nicht. Vielmehr haben wir ihm, wenn wir das erfahren haben, immer nur eine Verwarnung ausgesprochen. Vor einem Jahr hat er einem Kollegen von Ihnen aus Italien ein ähnliches Angebot gemacht und von ihm verlangt, er solle ihm ein Attest schreiben. Der Italiener war sehr erbost darüber, fühlte sich beleidigt und hat deshalb auch, wegen Aufforderung zu einer Straftat, Anzeige erstattet. Wir sind bei ihm gewesen und haben Semmelroth verwarnt und angedroht, dass er abgeschoben wird, wenn sich so etwas wiederholt. Und jetzt hat es sich wiederholt. Aber wir können ihn nicht abschieben.“

„Ist auch kein Grund, um jemand abzuschieben“, meinte Winter. „Mein Gott, er hat Ihnen doch keinen wirklichen Schaden zugefügt. Vielleicht ist er nur verwirrt oder von einer fixen Idee besessen. Gibt es diese Tochter überhaupt?“

Der hagere Polizist zuckte die Schultern. „Wir wissen es nicht. Wir sind nur hier, weil wir Ihre Adresse gefunden haben und eigentlich haben wir den ganzen Fall schon abgegeben an das Kommissariat in Montpellier. Der Kommissar wird kommen und den Fall weiterführen.“

„Jetzt schon ein Kommissar wegen so etwas?“ Winter lachte. „Machen Sie mal einen Punkt. Das hört sich ja an, als hätte er einen Mord begangen.“ Der Dicke blickte Winter ausgesprochen traurig an. Auch der Hagere machte ein säuerliches Gesicht. „Er nicht“, sagte der Hagere, „er sicher nicht, ein anderer. Es ist Semmelroth, der ermordet worden ist.“

Winter starrte die beiden Polizisten fassungslos an. „Ermordet?“, wiederholte er bestürzt. „Wieso denn ermordet?“

„Er ist tot. Er ist in einem Boot gefunden worden in der Marina. Jemand hat ihn mit einem harten Gegenstand erschlagen. Mehr kann ich jetzt nicht dazu sagen. Der Kommissar von Montpellier wird die Sache weiter untersuchen. Wir sind den Adressen nachgegangen, die in seinem Buch standen. Hinter Ihrer stand auch noch das Datum von morgen und zwölf Uhr.“

„Ja“, bestätigte Winter, „er hatte mir gesagt, ich solle es mir bis dahin überlegen. Aber um Himmels willen, wieso hat ihn denn jemand ermordet?“

Die Polizisten zuckten beide die Schultern und der Hagere meinte: „Wir haben einen bestimmten Verdacht. Ist Ihnen niemand aufgefallen, jemand, der sich irgendwie verdächtig gemacht hat?“

Winter dachte sofort an den jungen Mann in dem blauen Renault. Aber er sagte nichts. Um Himmels willen, ich kann doch nicht irgendeinen Menschen, der mal auf der Straße auf jemanden wartet, verdächtigen. Dass dieser junge Mann eben noch, kurz vor Ankunft der Polizei, unten auf der Straße gestanden hatte, wusste er nicht. Aber Helga wusste es. Helga, Winters Frau, die so gut wie alles von dieser Unterhaltung mitgehört hatte, ob sie nun wollte oder nicht. Die Wände in dieser Ferienwohnung waren dünn wie Papier. Und jetzt, wo sie das hörte, dachte sie sofort an den jungen Mann im blauen Renault, der ein Düsseldorfer Kennzeichen trug. Doch auch sie sagte nichts. So etwas musste sie erst einmal mit Florian besprechen ... Nein, sagte sie sich, wer weiß, ob dieser junge Mann wirklich etwas damit zu tun hat. Ihre Gedanken ähnelten sehr denen ihres Mannes. Beide schwiegen also.

Der hagere Polizist bat Professor Winter, am nächsten Tag doch einmal bei der Polizeistation vorbeizukommen, um das Protokoll zu unterschreiben.

Winter versprach es; die Polizisten entschuldigten sich vielmals für die Störung, dann gingen sie. Als sie weg waren, kam Helga von nebenan. Sie war noch angezogen und hatte noch nicht im Bett gelegen, wie er gedacht hatte. Bestürzt sah sie auf ihren Mann und der sagte:

„Du hast natürlich alles gehört.“

„Es war nicht zu vermeiden, du weißt ja, wie dünn die Wände sind. Um Himmels willen, du hast mir überhaupt nichts von der Geschichte erzählt.“

„Ich wollte dich nicht verrückt machen. Es war eine so absurde Sache, und du kannst dir ja an den fünf Fingern abzählen, dass ich so etwas ablehne.“

„Aber der Dunkelhaarige mit dem blauen Auto. Hör mal, Florian, der hat sich doch wirklich verdächtig gemacht. Der ist eben wieder da gewesen.“

„Wieso, eben wieder?“

„Ja. Kurz bevor die Polizei kam, ich war gerade im Badezimmer. Ich habe vom Fenster aus auf die Straße gesehen. Da stand er dort unten, ging dann an sein Auto, setzte sich hinein, und nach einer Weile fuhr er weg. Und unmittelbar danach tauchte von links hinten die Polizei auf. Sie haben erst beim Hausmeister gehalten und ihn herausgeholt und sind dann hierhergekommen.“

„Verrückte Geschichte.“ Winter wischte sich über die Stirn. „Aber das geht doch wirklich nicht mit rechten Dingen zu.“

„Weißt du, Florian, am liebsten möchte ich hier wegfahren.“

Er sah seine Frau überrascht an. „Wieso denn wegfahren? Wir haben den Mann doch nicht umgebracht.“

„Trotzdem, es ist mir richtig unheimlich hier.“

Er lachte. „Wenn wir wegfahren, dann halten die uns für verdächtig. Nein, und außerdem, was geht es uns an? Ich habe diesen Semmelroth nicht gekannt. Es ist natürlich furchtbar, dass er ermordet worden ist, aber deshalb brauchen wir doch nicht wegzufahren. Wir haben doch mit alldem nichts zu tun, wirklich nicht.“

„Wer könnte ihn denn ermordet haben? Wer hat ein Interesse daran, einen Menschen umzubringen? Da muss doch etwas dahinterstecken. Erschlagen!“

„Das vermuten die, wissen sie auch nicht genau. Vielleicht war es ein Unfall oder sonst etwas. Ach, Helga, jetzt machen wir uns verrückt mit diesen Dingen.“

Er nahm sie in die Arme, fuhr ihr tröstend übers Haar und sie fragte: „Sollten wir doch nicht besser wegfahren? Den Rest des Urlaubes denken wir an nichts anderes als an diese Sache. Auch wenn die uns zehnmal nicht verdächtigen. Das ist doch kein Urlaub!“

„Bis jetzt war’s doch schön hier. Albert und Janette sind auch da. Wenn ich das denen erzähle“, fuhr er überlegend fort, „die lachen sich kaputt.“

„Was gibt es da zu lachen, Florian, wenn jemand umgebracht worden ist?“

„Doch nicht darüber, sondern über diese ganze Geschichte, dieses Ansinnen, das er an mich gestellt hat. Für eine Million ein falsches Attest. Er muss wirklich geistesgestört gewesen sein. Du hast doch gehört, was die erzählt haben. Der hat so ein Ansinnen nicht nur an mich gestellt, schon an mehrere. Irgendein italienischer Gynäkologe hat sich beschwert darüber bei der Polizei, er hat Anzeige erstattet, er fühlte sich beleidigt und zu einer Straftat angestiftet. Mein Gott, deswegen würde ich nie zur Polizei gehen. Verrückte gibt’s genug, wenn man wegen jedem von denen zur Polizei ginge, dann kämen wir aus dem Schreiben gar nicht mehr heraus.“

„Glaubst du denn überhaupt, dass das wahr ist?“, fragte Helga. „Dass es diese Tochter und all das überhaupt gibt?“

„Nein“, erklärte er, „ich halte das für Spinnereien. Ein Geistesgestörter, irgend so etwas.“

„Aber sah er denn so aus?“

Winter lachte. „Die sehen nie so aus, die wenigsten jedenfalls, wenn du nicht einen ausgesprochen Schwachsinnigen vor dir hast. Du weißt doch, welche Formen des Wahnsinns es gibt. Die Paranoia ist auch sehr, sehr schwer festzustellen. Mancher Mensch, der leicht erregbar ist, ein übersteigertes Selbstwertgefühl hat oder an Minderwertigkeitskomplexen leidet, bei dem die Fantasie durchgeht, ist noch völlig normal, aber einen Schritt weiter, und es ist Paranoia. Wo ist hier die Grenze? Ansehen kann man das den wenigsten, zumal sich viele durchaus normal benehmen. Aber das weißt du ja, Helga. Ich will dir ja keinen Vortrag halten. Er sah jedenfalls absolut nicht so aus. Er sah tatsächlich aus wie ein gut situierter älterer Herr, obwohl mir natürlich sein Angebot schon ein wenig schizophren vorgekommen ist. Aber ich hatte auch gar nicht vor, darauf einzugehen, die Hintergründe zu orten, weil es in dieser Form und auch anders gar nicht in Frage kommt. Auch für zehn Millionen, auch für hundert bin ich nicht bereit, einen Betrug vorzunehmen und gleichzeitig meine Karriere zu ruinieren. Ich könnte mich ja selbst im Spiegel nicht mehr ansehen. Nein, Helga, dieses Thema brauchen wir gar nicht weiter zu erörtern. Ich finde, so sehr viel geht es uns nicht an. Ich weiß nicht, wie er auf mich gekommen ist. Offensichtlich kam er öfter hierher. Das Einzige, was mich daran interessiert, ist herauszufinden, weshalb er sich an mich gewandt hat. Alles andere interessiert mich nicht.“

„Dieser junge Mann mit dem blauen Wagen!“

„Ja, merkwürdig ist das schon. Aber ob da ein Zusammenhang besteht?“

„Deswegen habe ich ja nichts gesagt. Ach, Florian“, meinte sie und sah bekümmert zu ihm auf, „aber eine ärgerliche Geschichte ist es doch. Ich glaube, ich kann heute Nacht nicht schlafen. Ich bin richtig aufgeregt, merkst du das nicht? Ich fliege am ganzen Körper.“

„Aber wir haben doch nichts damit zu tun, Schäfchen. Du brauchst dich nicht aufzuregen“, beruhigte er sie.

„Und ich rege mich trotzdem auf.“ Sie löste sich von ihm, ging zum Fenster und blickte auf die Straße. Aber der blaue Renault und der junge Mann waren nicht zu sehen. Alles lag still. Nirgendwo an der gegenüberliegenden Fassade brannte Licht hinter einem Fenster. Nur der Schein der Laternen fiel auf den Asphalt.

„Wir sollten ins Bett gehen, Helga, komm! Schluss jetzt der Vorstellung. Es war zwar ein aufregender Abend, aber wir sollten uns wirklich keine Gedanken weiter machen.“

„Es hätte wirklich nur noch gefehlt, dass er mit der Frage gekommen wäre, wo du dich den Abend über aufgehalten hast.“

Winter lächelte. „Aber Schäfchen, das hätte doch bedeutet, dass sie mich verdächtigen.“

„Eben, es sind doch Polizisten gewesen.“

„Gendarmen. Es ist die Gendarmerie, nicht die Stadtpolizei. Merkwürdigerweise. Aber so dumm sind die nicht, dass die mich verdächtigen würden. Die wollten nur einiges wissen. Hätte ich auch getan, wenn ich einen bestimmten Namen in einem Notizbuch finde, das einem Ermordeten gehört.“

„Verrückt! Wirklich verrückt.“ Sie schüttelte fassungslos den Kopf. „Ich glaube nicht, dass ich schlafen kann. Weißt du was, wir trinken noch ein Glas Wein. Den roten, der macht so schön müde. Sonst schlafe ich bestimmt nicht ein.“

„Du willst nicht einschlafen, aber du solltest aufhören, solche verrückten Gedanken zu haben. Mit uns hat die Geschichte weiter nichts zu tun. Die haben die Adresse gefunden, sind deshalb hierhergekommen. Das ist alles.“

„Wessen Adresse wohl noch in diesem Buch gestanden haben mag?“, überlegte sie.

„Jetzt grübelst du schon wieder in Dingen herum, die uns nichts angehen. Helga, komm, jetzt trinken wir wirklich noch ein paar Glas Wein. Und dann schläfst du wenigstens.

Du machst dich ja selbst verrückt.“ Helga war wieder ans Fenster getreten, blickte auf die Straße, da näherte sich von hinten ein Scheinwerferpaar.

„Mach das Licht aus!“, rief sie ihrem Mann zu. „Schnell!“

Details

Seiten
178
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931204
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496337
Schlagworte
florian winter eine million baby

Autor

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Titel: Dr. Florian Winter #19: Eine Million für ein Baby