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Was ich in deinen Augen lese

2019 103 Seiten

Zusammenfassung


Mit sorgenvollen Gesichtern standen die Ärzte am Bett der jungen Sabrina. Blass und schmal sah das schöne Mädchen aus, vom Tod bereits gezeichnet. „Es ist furchtbar, dass wir in diesem Fall so hilflos sind“, sagte Dr. Kayser bedrückt. „Ich kenne Sabrina seit Jahren und würde alles tun, um ihr Leben zu retten. Aber in diesem Fall sind wir an die Grenzen der ärztlichen Kunst gestoßen.“
Sein junger Kollege Karsten Kroll nickte. „Ich weiß. Und ich weiß auch, dass es zu spät ist, ihr zu gestehen, dass ich sie liebe.“
In diesem Moment zuckten Sabrinas Lider, sie öffnete die Augen. Aber... sah sie die beiden Männer wirklich an? Durften Dr. Kayser und Dr. Kroll an ein Wunder glauben?

Leseprobe

Table of Contents

Was ich in deinen Augen lese

Copyright

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Was ich in deinen Augen lese

Arztroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 103 Taschenbuchseiten.

 

Mit sorgenvollen Gesichtern standen die Ärzte am Bett der jungen Sabrina. Blass und schmal sah das schöne Mädchen aus, vom Tod bereits gezeichnet. „Es ist furchtbar, dass wir in diesem Fall so hilflos sind“, sagte Dr. Kayser bedrückt. „Ich kenne Sabrina seit Jahren und würde alles tun, um ihr Leben zu retten. Aber in diesem Fall sind wir an die Grenzen der ärztlichen Kunst gestoßen.“

Sein junger Kollege Karsten Kroll nickte. „Ich weiß. Und ich weiß auch, dass es zu spät ist, ihr zu gestehen, dass ich sie liebe.“

In diesem Moment zuckten Sabrinas Lider, sie öffnete die Augen. Aber... sah sie die beiden Männer wirklich an? Durften Dr. Kayser und Dr. Kroll an ein Wunder glauben?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Der Tag hätte nicht herrlicher sein können. Die Sonne schien, der Himmel war blau, und es war angenehm warm. Gudrun Giesecke trug ein hübsches Ensemble, das sie schlanker machte, als sie tatsächlich war. „Gudrun?“, fragte plötzlich jemand. Dr. Sven Kaysers korpulente Sprechstundenhilfe blieb stehen und drehte sich um. „Ja?“

„Gudrun Giesecke?“

„Ja.“

Der kahle kleine Mann lachte. „Mein Gott, du bist es wirklich! “

„Klar bin ick es“, gab die Berlinerin irritiert zurück. Kannte sie den Dicken? Sie wusste im Moment nicht, wo sie ihn unterbringen sollte. Irgend etwas an ihm kam ihr jedoch bekannt vor. Waren es seine Augen? Seine Nase? Sein Mund? „Und wer sind Sie?“, fragte sie.

Der Mann lachte wieder. „Erkennst du mich denn nicht wieder? Menschenskind, Gudrun, habe ich mich so sehr verändert?“ Er schlug mit den Händen auf seine Brust. „Becker.“ Er breitete seine Arme aus, damit sie ihn in seiner vollen Kürze und Breite betrachten konnte. „Dirk Becker.“

„Dirk.“ Jetzt wusste die Perle von der Spree, wen sie vor sich hatte. „Jott im Himmel. Dirk Becker. Du bist janz schön in die Breite jejangen.“

Der Mann hob grinsend den Zeigefinger. „Wer im Glashaus sitzt...“

„Na ja, aber ick habe wenigstens noch meene Haare.“

Becker strich sich mit der flachen Hand über die Glatze. „Ja, die sind futsch. Leider“

Die Arzthelferin musterte ihr Gegenüber von Kopf bis Fuß. „Siehst trotzdem jut aus“, befand sie. „Elejant. Schicker Zwirn, den de da anhast.“

„Danke.“

„Und wo wird man so schön braun?“, fragte Schwester Gudrun.

„Auf dem Nil“, gab Dirk Becker zur Antwort. Es war ihm anzusehen, wie sehr er sich über das Wiedersehen freute.

„Uff’m Nil?“

Becker nickte. „Ich habe eine Schiffsreise gemacht.“

„Is dat nich jefährlich?“, fragte Gudrun Giesecke.

Becker griente. „Wegen der Krokodile?“

„Wejen der Fundamentalisten“, sagte die Berlinerin, die schon seit einer Ewigkeit in München lebte.

Dirk schüttelte den Kopf. „Als wir da waren, hat sich keiner von denen Blicken lassen.“

Dirk Becker..., dachte Schwester Gudrun. Jottedoch, is dat lange her! Mindestens zehn Jahre. Damals war er vollschlank und hatte Haare, wenn ooch nich mehr allzu viele. Nur an seiner jeringen Jröße hat sich nix jeändert.

Der kleine Dirk hatte Gudrun ziemlich hartnäckig den Hof gemacht, doch sie hatte ihn nicht erhört, obwohl er ihr immer schon sehr sympathisch gewesen war.

Aber als Lebenspartner hatte sie sich Dirk einfach nicht vorstellen können, und so hatten sich seine vielen Avancen irgendwann totgelaufen und sie hatten sich bald danach aus den Augen verloren. Ihn jetzt, nach zehn Jahren, wiederzusehen, war auch für sie eine Freude. Nette Erinnerungen wurden in ihr wach. Dirk war zwar hartnäckig gewesen, jedoch niemals unangenehm.

Gudrun ließ sich von ihm zum Kaffee einladen, und sie redeten über die Vergangenheit. „Weißt du noch...“

„Ich erinnere mich noch...“

„Ich weiß noch, als ob es gestern gewesen wäre...“

„Da fällt mir ein...“

Es tat gut, in diesen vielen gemeinsamen Erinnerungen zu schwelgen. Was Gudrun nicht mehr wusste, rief Dirk ihr ins Gedächtnis zurück, und was Dirk vergessen hatte, daran erinnerte sich Gudrun noch genau.

„Wat haste in den letzten zehn Jahren jemacht?“, erkundigte sich Gudrun.

„Eine Firma gegründet...“

„Alle Achtung.“

„...und wieder zugesperrt.“

„Warum denn dat?“, fragte Gudrun. Dirk schürzte die Lippen und zuckte mit den Schultern. „Die Erträge entsprachen nicht meinen Erwartungen.“

„Dat tut mir leid für dich.“

Dirk Becker schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich habe keinen Verlust erwirtschaftet. Im Gegenteil, ich stehe heute finanziell besser da denn je.“

„Dat freut mir wiederum für dich. Und wat machste nu beruflich.“

„Nichts mehr.“

„Nüscht mehr?“

„Ich bin in Rente gegangen.“

„Und dat jefällt dir?“, fragte Gudrun ungläubig.

„Ich bin ein freier, glücklicher Mensch ohne Sorgen, kann tun und lassen, was ich will. Wenn es mir in den Sinn kommt, steige ich morgen in den ICE und fahre nach Hamburg. Oder ich fliege für ein paar Tage nach London oder Madrid.“

„Biste verheiratet?“

„Noch immer nicht.“ Becker lachte. „Du wolltest mich damals nicht, und eine andere wollte ich nicht. “

„Und wieso wolltest du bis dahin keene?“

„Wie, bis dahin?“

„Na ja, als wir uns kennenlernten, warste doch schon so um die Fuffzig.“

„Mir ist bedauerlicherweise nie die Richtige begegnet. Dich habe ich für die Richtige gehalten, aber bei dir holte ich mir so viele Abfuhren, dass ich ein Korbgeschäft hätte eröffnen können. Wieso hatte ich keine Chance bei dir?“

„Vielleicht haste mir zum falschen Zeitpunkt jefragt.“

„Angenommen, ich würde dich heute fragen...“

„Ach, Dirk, solln wa uns uff unsere alten Taje lächerlich machen und Romeo und Julia spielen?“

„Ich hätte nichts dagegen.“

„Aber ick.“

Es entstand eine kleine Pause. Dann fragte Dirk Becker. „Bist du auch schon im Ruhestand?“

Gudrun Giesecke schüttelte den Kopf. „Nee, ick arbeite noch in Dr. Kaysers Praxis als Sprechstundenhilfe.“

„Warum hörst du nicht auf?“

„Mir macht die Arbeit immer noch Spaß. Es ist ein jutes Jefühl, zu wissen, dat man noch jebraucht wird, dat man noch nich zum ollen Eisen jehört und dat man noch zu wat nütze is.“ Dirk fragte vorsichtig an, ob sie bereit wäre, mal mit ihm auszugehen.

Sie schmunzelte. „Wat versprichste dir davon?“

„Nichts“, beteuerte er. „Nur einen netten Abend.“

„Uff den würde ick mir freuen.“

„Dann, dann darf ich dich in den nächsten Tagen mal anrufen, ja?“, fragte Dirk Becker aufgeregt.

Gudrun nickte huldvoll. „Ick hätte nischt dajejen.“

 

 

2

„Was ist mit Ihnen heute los?“, fragte tags darauf Marie-Luise Flanitzer, Gudrun Gieseckes hübsche Kollegin.

„Wat soll mit mir heute los sein?“, gab die Berlinerin zurück.

„Sie sind so aufgekratzt.“

„Uffjekratzt? Icke? Dat bildest du dir ein.“

„Und da ist so ein eigenartiger Glanz in Ihren Augen.“

„Quatsch mit Soße!“, wehrte Gudrun viel zu schnell ab, um glaubwürdig zu wirken.

„Ehrlich.“

Dr. Sven Kayser gesellte sich zu den beiden. Er hatte die Unterhaltung mitbekommen und pflichtete seiner jungen Assistentin bei: „Sie haben sich tatsächlich merklich verändert, Icke.“

„Und wieso merke ick selber nischt davon?“, fragte Gudrun harsch.

„Was ist zwischen gestern und heute passiert?“, wollte der Grünwalder Arzt erfahren.

Gudrun schüttelte den Kopf. „Nischt.“

„Gar nichts?“ Sven Kayser lächelte. „Das glaube ich nicht.“

„Ick wüßte nich...“

„Wäre es möglich, dass Sie mit uns nicht darüber sprechen möchten?“

„Sajen Se mal, Chef, is dat so wat wie’n Vahör?“

„Nein, Icke, natürlich nicht.“ Dr. Kayser schmunzelte. „Wie kommen Sie denn auf so was? Schwester Marie Luise und ich haben lediglich festgestellt, dass mit Ihnen eine erkennbare und recht positive Veränderung vorgegangen ist, und, neugierig, wie wir nun mal sind, hätten wir gerne den Grund dafür erfahren.“

Schwester Gudrun atmete schwer aus. „Na schön, ihr Quäljeister jebt ja doch so lange keene Ruhe, bis ick es ausjespuckt habe. Also ick habe jestern nach zehn Jahren zufällich Dirk Becker, ’nen juten ollen Bekannten, wiederjetroffen. Er war eine Zeitlang hinter mir her wie der Teufel hinter ’ner armen Seele, und ick habe mir echt jefreut, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen. Zufrieden?“

Dr. Kayser grinste. „Noch nicht ganz.“ Gudrun Giesecke seufzte. „Wat denn noch?“

,, Mir drängen sich zwei Fragen auf “, sagte der praktische Arzt und Geburtshelfer.

„Und zwar welche?“, wollte Schwester Gudrun wissen.

„Wird Herr Becker nun aufs neue hinter Ihnen her sein?“

„Und Frage zwo?“

„Welche Chancen hat er heute?“

„Dieselben wie vor zehn Jahren“, antwortete Gudrun. „Dat habe ick ihm jestern schon verklickert, deshalb wird er ooch nich wieder hinter mir her sein. Jleichwohl...“

Dr. Kayser hörte auf. „Gleichwohl?“

„Jleichwohl werden wa demnächst mal janz schick ausjehen“, sagte Gudrun strahlend. Sie wandte sich an ihre junge, verheiratete Kollegin. „Sollte in den nächsten Tajen mal ’n Herr Becker anrufen und mir sprechen wollen, und sollte ick jerade nich verfügbar sein, sei bitte nett und höflich zu ihm und saje ihm, er soll es später noch mal versuchen.“

Marie-Luise Flanitzer nickte. „Ein Herr Becker. “

„Dirk Becker“, sagte Gudrun Giesecke.

Marie-Luise Flanitzer nickte noch einmal. „Ich werde es mir merken.“ Dr. Kayser grinste vielsagend, nahm die nächsten bereitliegenden Karteikarten an sich und kehrte ins Sprechzimmer zurück.

 

 

3

Katrin Sochor kam vier Tage früher als geplant nach Hause. Die attraktive dunkelhaarige Frau handelte mit Antiquitäten, und dreimal im Jahr klapperte sie Deutschland und die östlichen Nachbarstaaten ab, um sich mit alten Stücken einzudecken, die sich gut verkaufen ließen.

Diesmal hatte sie einige Raritäten aufgetan, die sich buchstäblich von selbst verkaufen würden. Wenn das Geschäft so großartig lief, war Katrin Sochor immer höchst zufrieden. Aufgekratzt schloss sie die Haustür auf. Es war der schönen Neununddreißigjährigen nicht anzusehen, dass sie bereits eine zwanzigjährige Tochter hatte.

Es gab auch noch einen zwanzigjährigen Sohn, aber den hatte Leo, ihr Mann, mit in die Ehe gebracht. Sabrina, die Tochter, studierte Germanistik und Publizistik, Joachim, der Sohn, wollte Maler sein.

Er malte auch, aber er verkaufte nur ganz selten ein Bild, deshalb hatte er noch einen zweiten „Beruf“, er war Lebenskünstler.

Wie er sich manchmal über die Runden schwindelte, war schon recht erstaunlich. Er wäre mit Sicherheit auf der Strecke geblieben, wenn er nicht so ein hübscher Bursche gewesen wäre, der beim weiblichen Geschlecht unwahrscheinlich gut ankam.

Was er in eine Beziehung einbringen konnte, waren gute Manieren, eine hohe Intelligenz und ein überdurchschnittliches Allgemeinwissen.

Das Geld steuerte die jeweilige Dame bei, die so lange für seinen Lebensunterhalt aufkommen durfte, bis sie ihm nahelegte, auch selbst mal etwas zu tun, das Bares einbringt. Wenn ein Verhältnis so weit „gediehen“ war, sah Joachim sich bedauerlicherweise gezwungen, es zu beenden und sich einer neuen Gönnerin zuzuwenden.

Er war, man kann es getrost so nennen, das schwarze Schaf der Familie und ließ sich nur ganz selten daheim blicken. Niemand vermisste ihn, seine Stiefmutter nicht und nicht sein Vater. Nur seine Halbschwester hätte ihn gerne öfter gesehen, und wenn ihre Sehnsucht nach einem Gespräch mit ihm mal besonders groß war, suchte sie ihn in seinem Atelier auf und blieb da oft bis in die Nacht hinein.

Katrin Sochor war also wieder zu Hause. Sie schleppte ihre beiden Koffer in die Diele und ließ sie da erst mal stehen. Stille umgab sie.

Sabrina war mit ihrem Freund Bernd Löffler an die Normandie gefahren, und Leo würde vermutlich noch bis spät abends unterwegs sein. Er war Verkaufsrepräsentant eines großen multinationalen Treibstoff und Schmiermittelkonzerns, vergleichbar mit Shell, BP oder Texaco.

Das Geschäft war rückläufig, und Leo musste sich mächtig ins Zeug legen, um die insolvenzbedingten Ausfälle und die damit einhergehenden Umsatzeinbußen durch Anwerben neuer Kunden aufzufangen.

Man hatte ihm am Jahresbeginn (wie zu jedem Jahresanfang) ein Ziel gesteckt, und wenn er das nicht erreichte, hatte er ein Problem, egal, wie viel er die Jahre davor für die Firma getan, wie hoch seine Umsätze in der Vergangenheit gewesen waren, und mit fünfundvierzig Jahren findet man nicht an jeder Straßenecke gleich wieder einen gleich gut bezahlten Job.

Katrin hätte nicht mit ihm tauschen mögen. Der Leistungsdruck, dem er ständig ausgesetzt war, machte ihm manchmal ziemlich zu schaffen.

Katrin hoffte, dass ihr Mann heute nicht zu spät nach Hause kommen würde, damit sie noch was voneinander hatten. Sie hatte ihm, wie nach jeder Reise, einiges zu erzählen. Zwanzig Jahre war sie mit ihm nun schon verheiratet, und sie liebte ihn noch immer. Sie fand das sehr schön.

Andere Ehepaare leben sich in dieser Zeit auseinander, ging es Katrin durch den Sinn. Unsere Ehe jedoch ist immer noch wunderbar intakt und glücklich.

„So“, murmelte sie. „Und nun raus aus den Klamotten und rein in die Wanne. Ich werde ein schönes, heißes, entspannendes Bad nehmen und verführerisch duften, wenn Leo heimkommt, und wenn er dann noch nicht zu müde ist...“

Ein kleines Lächeln huschte über ihr apartes Gesicht. Sie lief die Treppe hinauf und öffnete die Schlafzimmertür, und prallte zurück, als wäre sie gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.

Ihr Mann war zu Hause!

Und er war nicht allein!

Katrin Sochor riss fassungslos die Augen auf. Leo und diese, diese, diese... Wer war die Rothaarige eigentlich? Katrin kannte sie nicht.

Ihr Mann und das Mädchen, das seine Tochter hätte sein können... Beide nackt... Verschwitzt... Verstört wie Katrin...

Ihr war, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggerissen. Sie schwankte. Ihr Herz raste. In ihrem Kopf hämmerte es. Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ein roter Schleier breitete sich über ihre Augen. Das ist nicht wahr!, schrie es in ihr. Ich habe eine Sinnestäuschung. Das kann nicht sein. Leo und ich, wir lieben uns doch, wir haben uns doch bisher immer genügt. Wieso, auf einmal...

O Gott, mach, dass ich aufwache, mach, dass ich zu mir komme und ein leeres Bett vor mir habe. Tu mir das nicht an. Ich bitte dich, sei nicht so grausam.

Sie schloss die Augen, presste die Lider ganz fest zusammen, doch als sie die Augen wieder öffnete, waren Leo und die Rothaarige noch immer da.

Es war kein Trugbild, das sie narrte, es war bittere, traurige, entsetzliche Realität, und Katrin Sochor war gezwungen, sich ihr zu stellen.

„Katrin...!“, stieß Leo verdattert hervor. Sein scharf geschnittenes Gesicht war kreidebleich geworden. „Wieso... “

„Wieso ich schon zu Hause bin? Ich Närrin dachte, du würdest dich darüber freuen.“

„Wer ist das, Bärchen?“, piepste die Rote.

„Bärchen“, äffte Katrin sie nach.

Leo stammelte: „Das, das, das ist... “

„Ich bin seine Frau!“, half Katrin ihm weiter.

Die Rothaarige war bestürzt. „Du bist verheiratet, Bärchen?“

„Hat Bärchen dir etwas anderes erzählt?“, fragte Katrin.

„Ich dachte, du wärst geschieden, Bärchen.“

„Das wird er zum ehestmöglichen Termin sein“, fauchte Katrin. „Dann kannst du ihn haben nicht bloß für ein paar Stunden, sondern ganz.“

„Katrin...“

„Wenn du jetzt sagst: ‘Es ist nicht so, wie es aussieht! ’, erwürge ich dich!“ Sie kämpfte verbissen gegen die Tränen an. Nicht weinen, nur nicht weinen. Nicht jetzt. Später, wenn du allein bist.

„Es, es ist das erste mal, Katrin...“, beteuerte Leo Sochor. „Ich schwör’s... Ich hab’ noch nie...“

Katrin zeigte auf die Rothaarige. „Wer ist diese Person?“

„Susi Ritter“, antwortete ihr Mann, „die Tochter eines Kunden...“

„Würdest du Fräulein Ritter sagen, sie soll mein Bett verlassen und sich zum Teufel scheren? Und würdest du sie bitte dorthin begleiten?“

Leo Sochor versuchte seine zu Recht erzürnte Frau zu besänftigen. „Wir sind erwachsen, Katrin...“

„Raus!“, schrie sie ihm ins bleiche Gesicht. „Alle beide! Sonst passiert ein Unglück!“

 

 

4

Das Telefon läutete. „Praxis Dr. Kayser“, meldete sich Marie-Luise Flanitzer.

„Gudrun?“, fragte jemand am andern Ende unsicher.

„Ich bin Schwester Marie-Luise.“

„Oh, entschuldigen Sie, die Verbindung ist sehr schlecht.“

„Mit wem spreche ich?“

„Mein Name ist Becker...“

„Dirk Becker“, sagte Marie-Luise Flanitzer schmunzelnd. Gudrun Gieseckes alter, neuer Verehrer, dachte sie.

„Ja, woher wissen Sie...?“

„Schwester Gudrun hat über Sie gesprochen.“

Der Anrufer lachte gepresst. „Hoffentlich nicht schlecht.“

„Nein, erstaunlich gut sogar.“

„Ist sie heute nicht da?“

„Doch, sie ist hier, einen Augenblick, ich hole sie.“ Marie-Luise legte den Hörer neben den Apparat und begab sich in einen Raum, in dem ihre Kollegin gerade einen Patienten für ein EEG vorbereitete. „Ich mache weiter“, sagte sie. „Telefon für Sie, Gudrun.“

„Wer will mit mir parlieren?“, fragte die korpulente Berlinerin.

„Dirk Becker.“

Gudrun lachte. „Mein kleener, dicker, kahler Aujenstern.“ Sie verließ den Raum, griff sich den Hörer und meldete sich.

„Du hast gesagt, ich darf anrufen“, sagte der Mann am anderen Ende der Leitung.

„Darfste ooch.“

„Und du hast gesagt, du würdest mit mir ausgehen.“

„Ick stehe zu meinem Wort.“

„Wunderbar. Wie wär’s mit heute Abend? Oder hast du da schon was vor?“

„Eijentlich nich. Fernjesehen hätte ick. Diese olle Schnulze mit der Sonja Ziemann hätte ick ma anjekuckt, aber dat muss nich sein. “

„Freut mich, dass du mir den Vorzug gibst.“

„Allet is besser als fernsehen.“

„Das war aber jetzt nicht nett“, sagte Dirk Becker gekränkt.

„So hab’ ick dat doch nich jemeint. Is der Herr ’ne Mimose jeworden?“

„Entschuldige“, bat der Mann, „ich bin deinen etwas forschen Ton nicht mehr gewöhnt.“

„Wirst dir wieder dran jewöhnen müssen, wa? Ick kann mir uff meene alten Taje nämlich nich mehr ändern, verstehste?“

Sie verabredeten sich in einem noblen Innenstadtrestaurant. Gudrun erschien in einem leichten Kostüm, das graue Haar frisch gewaschen und gefönt.

Becker, er trug einen mitternachtsblauen Maßanzug, küsste ihr galant die Hand und gestand ihr: „Weißt du, dass ich immer noch Herzklopfen habe, wenn ich auf dich warte?“

Gudrun lachte. „Lässt dat bei dir denn nie nach?“

„Jetzt weiß ich erst, wie sehr ich dich in den vergangenen Jahren vermisst habe.“

„Warum haste dir dann nich eher bei mir jemeldet?“

„Ich dachte, es wäre dir nicht recht. “

Der Kellner kam. Sie bestellten einen Aperitif.

Becker hob sein Glas. „Ich möchte auf dein Wohl trinken, Gudrun Giesecke. Und auf diesen Abend. Und ich möchte dir sagen, dass ich dich noch genauso liebenswert und sympathisch finde wie vor zehn Jahren.“

„Komm, Dirk, dat reicht. Du machst mir ja janz valejen.“

„Ich bin schon still.“ Er stieß mit ihr an. Sie tranken und studierten die dicke Speisenkarte. „Du bist hoffentlich nicht gerade auf Diät“, sagte Becker.

„Nee. Du etwa?“

„Ich auch nicht.“

„Ick hab’ in meinem Leben bestimmt schon ’n Dutzend Zentner abjenommen, und wieder zu. “

„Heute schauen wir nicht auf Kalorien oder Joule. Heute wird gesündigt und gegessen, was uns schmeckt. “

In der Nähe erhoben sich vier Männer und schickten sich an, das Restaurant zu verlassen. Sie kamen an Gudruns und Dirks Tisch vorbei.

Der Letzte blieb plötzlich stehen. „Guten Abend, Schwester Gudrun“, grüßte er.

Die Berlinerin ließ die Karte sinken, hob den Kopf und blickte in das Gesicht eines attraktiven jungen Mannes, dichtes schwarzes Haar, dunkelbraune Augen, strahlend weiße, regelmäßige Zähne. „Herr Dr. Kroll“, sagte sie überrascht.

Dr. Karsten Kroll, er war Chirurg, fragte lächelnd: „Wie geht es Ihnen?“

Gudrun machte Dr. Kroll mit ihrem Begleiter bekannt und antwortete dann: „Jut jeht es mir. Und Ihnen?“

„Auch nicht schlecht.“

„Sind Sie noch bei Dr. Kayser beschäftigt?“

„Klar doch.“

„Dann werden wir einander demnächst sehen. Ich habe nämlich vor, Ihren Chef zu besuchen.“

„Fein. Ick bestelle Dr. Kayser schon mal ’nen Jruß von Ihnen, wenn’s recht is.“

„Ja.“ Karsten Kroll nickte. „Haben Sie schon gewählt?“

„Ick bin noch dabei, die Kate zu studieren.“

„Die Tiroler Leber ist hier wärmstens zu empfehlen. Ich hatte sie, und sie schmeckte phantastisch.“

„Danke für den Tipp“, sagte die Arzthelferin.

Dr. Kroll wünschte ihr und ihrem Begleiter einen angenehmen Abend und folgte seinen Bekannten, die inzwischen das Lokal verlassen hatten.

 

 

5

Jetzt weinte sie, laut und hemmungslos. Sie war zutiefst verzweifelt. Wie hatte ihr Leo das nur antun können? Was hatte sie falsch gemacht?

Wieso brauchte er eine andere Frau? Was hatte ihn an der Rothaarigen gereizt? Mit Sicherheit ihr Alter, dachte Katrin Sochor unglücklich.

Ich bin neununddreißig, Susi Ritter ist wahrscheinlich zwanzig. Leo ist fünfundvierzig und vermutlich in der Midlifecrisis. O Gott, warum muss es so etwas geben? Warum können Männer sich nicht einfach damit abfinden, dass sie älter werden? Warum meinen sie, sich ihre Jugend zurückholen zu können, wenn sie sich mit einem jungen Mädchen ins Bett legen?

Die deprimierende Leere des Hauses drohte Katrin zu erdrücken. So wird es von nun an immer sein, dachte sie gebrochen. Ich kann Leo nicht verzeihen, was er mir angetan hat. Ich kann es einfach nicht. Niemals. Ich habe ihm vertraut, aber er hat mich bitter enttäuscht. Ich will nichts mehr von ihm wissen. Er ist für mich gestorben.

Scheidung war für sie die einzig mögliche Konsequenz. Sie wollte keine Ehe fortsetzen, in der es kein Vertrauen mehr gab. Leo hatte behauptet, es wäre das erste Mal gewesen, aber hatte er die Wahrheit gesagt?

Und wenn er es einmal getan hatte, würde er es von nun an nicht immer wieder tun? Sie hatte keine Lust, sich mit solchen Fragen zu befassen.

Es war besser, einen Schlussstrich zu ziehen und sich auf ein Leben ohne Leo einzustellen. Eine Weile würde Sabrina noch zu Hause wohnen, und dann... Dann werde ich das große Haus vielleicht verkaufen und in ein kleineres ziehen, oder in eine Wohnung, sagte sich Katrin Sochor.

Sobald sie sich ausgeweint hatte, stürmte sie ins Schlafzimmer und riss das Laken von den Matratzen. Sie wechselte die Bettwäsche, der der Geruch der Anderen anhaftete und war entschlossen, das Zeug nicht zu waschen, sondern wegzuwerfen. Sie wollte es nicht mehr sehen.

Sabrina wird Augen machen, wenn sie nach Hause kommt und erfährt, dass ich ihren Vater rausgeschmissen habe, dachte Katrin Sochor bitter.

Aber sie wird mir recht geben. Sie ist eine Frau. Sie wird auf meiner Seite stehen. Wenn es darum geht, eine Front gegen untreue Männer zu bilden, halten die Frauen zusammen. Sabrinas Handikap wird dabei sein, dass mein untreuer Ehemann ihr Vater ist. Wird sie es angesichts dieser problemlastigen Tatsache fertigbringen, objektiv zu bleiben?

Sie liebt ihn. Sie liebt uns beide. Wir sind ihre Eltern, haben es ihr ermöglicht, in einer heilen Welt aufzuwachsen. Dafür ist sie uns dankbar, uns beiden.

Und plötzlich soll sie auf einen Elternteil verzichten. Wird sie das tun? Katrin ging ins Wohnzimmer. Ihre Koffer standen immer noch in der Diele.

Sie ließ sich in einen Ledersessel fallen und legte die Hände auf ihr Gesicht, als wollte sie sich vor der Welt verstecken. Habe ich voreilig gehandelt?, fragte sie sich, und sie ärgerte sich über ihre erwachende Unsicherheit.

Hätte ich nicht so hart mit Leo ins Gericht gehen sollen?, ging es ihr durch den Sinn. Hätte ich ihm die Möglichkeit geben sollen, sich zu verteidigen?

Hätte ich mir anhören sollen, was er zu seiner Rechtfertigung vorzubringen hatte? Manchmal gibt es Momente... Und Situationen... Wer weiß, wie es dazu gekommen ist, dass Leo mit dieser Rothaarigen im Bett landete.

Oft gibt es widrige Umstände, die dazu führen, dass man nicht einmal für sich selbst reinen Gewissens die Hand ins Feuer legen kann.

Sie weinte wieder heftiger, weil sie so enttäuscht, innerlich zerrissen und voller Zweifel war.

Zwei Stunden nach der Katastrophe läutete das Telefon. Sabrina war am andern Ende. Sie rief von der Normandie an und fragte: „Wie geht es euch?“

Katrin gab es einen Stich ins Herz. Sollte sie Sabrina erzählen, was vorgefallen war? Jetzt gleich? Am Telefon? Sie entschied sich dagegen.

„Gut“, sagte sie heiser.

„Was ist mit deiner Stimme, Mama?“, fragte Sabrina.

„Hab’ ’nen Frosch im Hals.“ Katrin räusperte sich. „Verbringst du eine schöne Zeit mit Bernd?“

»Es geht.“

„Was höre ich denn da heraus?“, fragte Katrin überrascht. „Etwa Unzufriedenheit?“

„Na ja“, dehnte Sabrina, „Bernd ist manchmal ein bisschen schwierig. “

„Wieso?“

„Ehrlich gesagt, er geht mir mit seiner ständigen Eifersucht ein wenig auf die Nerven.“

„Er liebt dich.“

„Kein Mann darf mich auch nur ansehen, das ist doch nicht normal!“

„Bernd will dich für sich allein haben“, meinte Katrin.

„Ich bin nicht sein Eigentum“, sagte Sabrina trotzig.

„Von wo aus rufst du an?“

„Ich bin im Hotel...“ Sabrina unterbrach sich kurz. „Bernd kommt.“

„Wie ist das Wetter bei euch?“, erkundigte sich Katrin Sochor.

„Es regnet.“

„Oje.“

„Aber für morgen ist wieder schönes Wetter angesagt“, sagte Sabrina.

Im Hintergrund sagte Bernd etwas.

„Es ist Mama“, hörte Katrin ihre Tochter zu Bernd Löffler sagen.

Bernd murmelte wieder etwas.

„Ich soll dich von Bernd grüßen“, sagte Sabrina zu ihrer Mutter.

„Danke“, sagte Katrin. „Grüß ihn zurück, und sei nicht zu streng mit ihm.“

„Ich werde mir Mühe geben“, erwiderte Sabrina. Sie versprach, sich bald wieder zu melden und meinte abschließend: „Ich umarme und küsse euch beide, dich und Papa, und ich freue mich schon auf ein Wiedersehen.“

Katrin gab es wieder einen schmerzhaften Stich. Sie zuckte heftig zusammen und ließ den Hörer auf den Apparat fallen. Kind, du wirst dich wundern, dachte sie niedergeschlagen. Dein Papa wohnt hier nicht mehr.

 

 

6

Die Patientin hatte rote Flecken im Gesicht. Dr. Kayser sah sich den Ausschlag genau an und verschrieb der Frau anschließend eine Salbe.

„Die wird Ihnen helfen“, sagte der Grünwalder Arzt. „Damit kriegen Sie die Rötungen weg. Massieren Sie die Salbe morgens und abends gut in die Haut ein, und in ein paar Tagen sehen Sie so gesund aus wie ein Baby.“ Er riet der Patientin (sie war die Letzte für heute) außerdem zu salz und gewürzarmer Kost, erhob sich und begleitete sie zur Tür.

„Chef“, sagte Gudrun Giesecke, nachdem Dr. Kayser sich von der Patientin verabschiedet hatte.

„Ja, Icke?“, gab der Allgemeinmediziner zurück.

Die Berlinerin hob die Augenbrauen. „Se ham jetzt noch ’nen privaten Besuch.“

„So? Wen denn?“

Schwester Gudrun sagte: „Herrn Dr. Kroll.“

Gudrun hatte Sven Kayser erzählt, dass sie Karsten Kroll getroffen und dass der junge Chirurg seinen Besuch hier angekündigt hatte.

„Herein mit ihm“, verlangte Dr. Kayser nun erfreut. Er kannte Karsten Kroll schon lange, war mit dessen Eltern bekannt gewesen, die auf tragische Weise ums Leben gekommen waren. Auf der Autobahn München-Salzburg war ihnen ein lebensmüder Geisterfahrer entgegengekommen. Der Mann hatte den Tod gesucht, und Karstens Eltern hatte er mitgenommen. Frontalzusammenstoß. Der Alptraum jedes Autofahrers. Für Karsten Krolls Eltern war er wahr geworden. Sie hatten keine Chance gehabt, waren beide noch an der Unfallstelle gestorben.

Sämtliche Zeitungen hatten darüber berichtet, und im Fernsehen hatte man die ineinander verkeilten Wracks gezeigt. Sven Kayser erinnerte sich noch genau an die schrecklichen Bilder als ob es gestern gewesen wäre.

Karsten Kroll schüttelte dem Grünwalder Arzt strahlend lächelnd die Hand. Sven nahm den jungen Kollegen mit in seine Räume.

Sie gönnten sich einen Cognac, und Sven fragte: „Wie geht’s denn immer, mein Lieber?“

Details

Seiten
103
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931198
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
augen

Autor

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Titel: Was ich in deinen Augen lese