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Schieß, wenn du ihn siehst!

2019 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Schieß, wenn du ihn siehst!

Copyright

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Schieß, wenn du ihn siehst!

Western von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Shannon Carters schafft es nicht, sich gegen drei Mann zur Wehr zu setzen. Es sind Kopfgeldjäger, die ihn für einen gewissen Mister Harvey Brook halten, der jemanden getötet haben soll. Gezwungenermaßen begleitet Carter die drei, die ihn zum Sheriff nach Medicine Bow bringen wollen, denn er ist sich sicher, dass sie ihm nicht glauben werden, wenn er ihnen erklärt, dass sie den Falschen haben ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover Tony Masero

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Shannon Carter hörte polternde Schritte. Harte Stiefelabsätze, die auf Treppenstufen schlugen. Dann Männerstimmen.

Mit einem Satz sprang er aus dem Bett, schleuderte die Decke beiseite.

Die Schritte waren jetzt ganz nahe. Keine Stimmen mehr zu hören.

Shannon Carter brauchte seinen Revolver nicht zu suchen. Der Gurt mit dem schweren Sechsschüsser hing über der Stuhllehne. Nackt, wie er geschlafen hatte, riss er den 45er Colt heraus und glitt behände zurück ins Bett, zog die Decke bis zu den Schultern hoch und verbarg die Rechte mit dem Colt darunter.

Verdammt, dieses Hotelzimmer hatte ihn unachtsam werden lassen! Viel zu fest hatte er in der ungewohnten Umgebung geschlafen und nicht an eine Gefahr geglaubt. Draußen in der Wildnis, da war es anders. Da erwachte er schon beim leisesten Geräusch und wusste genau, ob Verdruss drohte.

Er dachte nicht darüber nach, wer ihm hier in diesem fremden Landstrich Böses zufügen wollte - in dieser winzigen Stadt, die einen so verschlafenen und harmlosen Eindruck auf ihn gemacht hatte.

Nein, Shannon Carters untrüglicher Instinkt meldete Gefahr. Die Schritte endeten jetzt vor seinem Zimmer.

Regungslos lag er im Bett. Aus halb geschlossenen Augen beobachtete er die Tür. Jemand flüsterte etwas. Dann war es wieder still. Carter zweifelte nun nicht mehr daran, dass man es auf ihn abgesehen hatte. Egal, wer es war - er würde den Zorn des Mannes zu spüren bekommen, der aus Arizona kam und einen langen, harten Ritt hinter sich hatte. Shannon Carter liebte es nicht, am frühen Morgen gestört zu werden. Schon gar nicht auf diese heimtückische Weise.

Die Türklinke wurde langsam heruntergedrückt.

Carter lächelte. Er hatte abgeschlossen. Sollten sich die Kerle dort draußen etwas einfallen lassen!

Die Klinke war jetzt ganz unten. Es gab einen leisen Ruck an der Tür, und als sich diese nicht öffnete, bewegte sich die Klinke in ihre ursprüngliche Stellung zurück.

Es geschah nur wenige Sekunden später. Ein ohrenbetäubendes Krachen. Holz zersplitterte, und die geborstene Tür spuckte einen Burschen aus, dessen Anblick allein schon zum Fürchten war. Er stoppte seinen Schwung ab. Ein 45er Smith & Wesson lag plötzlich in seiner Rechten. Die Laufmündung zeigte auf Carters Stirn.

Langsam öffnete Shannon Carter die Augen. Der Fremde war etwa fünfeinhalb Fuß groß, ganz in Schwarz gekleidet und hatte stechende dunkle Augen über einem ungepflegten Vollbart. Sein breitkrempiger Hut war staubbedeckt. Hinter dem Bärtigen tauchte ein zweiter Mann auf. Nein, eher ein Junge noch. Achtzehn vielleicht, höchstens zwanzig Jahre alt. Sein Gesicht war blass und ohne Bartwuchs. Doch in den hellen Augen lag ein grausamer Zug.

Der Schwarzgekleidete grinste spöttisch. Seine Stimme klang wie grobkörniges Sandpapier. „Zeit zum Aufstehen, Mister Brook! Wir haben einen ziemlich weiten Weg vor uns!“

Shannon Carter zwang sich zur Ruhe.

„Ich weiß nicht ...“, erwiderte er gedehnt, „... weshalb Sie mir diesen Namen geben, Fremder. Aber ich sehe, dass Sie keine freundlichen Absichten haben.“

Zu spät bemerkte der andere den leeren Revolvergurt am Stuhl. Und er brachte auch keine Antwort mehr hervor, denn unter der Bettdecke hob Carter blitzschnell den 45er und drückte ab. Das Mündungsfeuer sengte ein Loch in die Decke. Mit unheimlicher Präzision fand das Blei sein Ziel, schlug dem Schwarzgekleideten seinen Smith & Wesson aus der Hand. Mit dem Krachen des Schusses flog der Kipplaufrevolver gegen die Wand und polterte zu Boden.

Ungläubig starrte der Schwarzgekleidete auf seine Rechte, die durch den Aufprall verstaucht war und kraftlos herabhing. Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut, und die gesunde Linke ballte sich zur Faust. Carter hatte seine Bettdecke zurückgeschlagen und den Colt auf den Jungen in der Tür gerichtet, bevor dieser ziehen konnte.

„Verschwindet!“, knurrte der Mann aus Arizona. „Wer immer ihr seid und was immer ihr wollt! Verschwindet, bevor ich euch danach frage!“

Die Miene des blassgesichtigen Jungen blieb ausdruckslos. Keine Gefühlsregung zeigte sich darin. Weder Furcht noch Ärger über die erlittene Niederlage.

Anders der Schwarzgekleidete. Seine Augenlider bildeten schmale Schlitze.

„Den demolierten Revolver wirst du mir ersetzen, Brook!“, zischte er gefährlich leise. „Und außerdem rate ich dir, Vernunft anzunehmen. Wir haben vorgesorgt. Sieh dich zum Fenster um, dann weißt du es!“

Carter zog die Mundwinkel nach unten.

„Du musst dir schon einen besseren Trick ausdenken, Fremder! Dieser ist so alt, dass selbst der dümmste Gaul zu wiehern anfängt.“

Statt einer Antwort machte der andere eine knappe Handbewegung.

Glas zerbarst. Ein Scherbenregen fiel klirrend zu Boden. Der Schreck durchfuhr Carter wie eine glühende Lanze. Das Vordach! Natürlich! Sein Zimmer befand sich im ersten Stock, und ein Kumpan der beiden Eindringlinge hatte sich über das Vordach von außen an das Fenster herangeschlichen.

Rasch wandte Carter den Kopf. Er wusste im gleichen Moment, dass er keine Chance mehr hatte.

Eine Winchester war durch die zersplitterte Scheibe auf ihn gerichtet. Ruhig lag die Waffe in den braungebrannten Fäusten eines Halbbluts, dessen Lachen zwei perlweiße Zahnreihen offenbarte.

Nun lachte auch der Schwarzgekleidete. Einzig der blasse Junge mit den grausamen Augen blieb so ungerührt wie zuvor.

„Das ist Bloody Arrow“, erklärte der Schwarzbart höhnisch. „So heißt er, seitdem ihn die Krieger vom Stamm seiner Mutter davonjagten. Um ihn anzutreiben, jagten sie ihm einen Pfeil in die Schulter. Tja, und er zog sich eigenhändig das blutige Ding heraus und brannte sich die Wunde mit Pulver aus. Tagelang flüchtete er durch die Wildnis, bis er eine Ansiedlung der Weißen erreichte und auf Hilfe hoffte. Doch auch sie jagten ihn davon. Seitdem tötet er jeden, der ihm Verdruss bereitet. Egal, ob rot oder weiß, Bloody Arrow kennt keine Rassenunterschiede.“

Das Halbblut kicherte bei der Schilderung seiner Geschichte.

Shannon Carter ließ wortlos seinen Colt sinken. Er musste aufgeben. Vorerst jedenfalls. Für eine Aufklärung des Irrtums war es nicht der Moment, denn dass ihn die fremden Eindringlinge mit jemandem verwechselten, schien offensichtlich.

„Brav so!“, nickte der Schwarzbart, nahm den Colt an sich, um ihn auf dessen Eigentümer zu richten. „Bevor ich einen neuen Revolver auftreibe, werde ich mich deines Schießeisens bedienen,

Brook. Und nun mach, dass du aus den Federn kommst!“

Carter warf die Bettdecke vollends beiseite und stand auf. Schwarzbart und der Junge grinsten nur, als sie den Nackten vor sich sahen. Das Halbblut dagegen prustete los, als gebe es die lächerlichste Figur des Jahres zu sehen.

Carter ließ sich durch die übertriebene Albernheit dieses Mannes nicht täuschen. Im Kopf schien dem Halbblut einiges zu fehlen. Und das machte Bloody Arrow vermutlich gefährlicher als seine beiden Verbündeten zusammen.

Ohne Hast kleidete Shannon Carter sich an. Dann wollte er zum Waschtisch.

„Stopp!“, bellte der Schwarzbart. „Vergeudete Zeit, Mister Brook! Du wirst noch dreckig genug werden, bis wir in Medicine Bow sind!“

Carter horchte auf. Aber er sagte nichts. Medicine Bow war die nächste Stadt, in der es einen Sheriff gab. Rock River, der Ort, in dem Carter die Nacht verbracht hatte, war zu klein, um einem Mann des Gesetzes Arbeit zu bieten.

Der Schwarzbart nahm Carters Revolvergurt an sich und warf ihn dem Jungen an der Tür zu, der ihn geschickt auffing. Noch immer hatte der Blassgesichtige seinen Sechsschüsser nicht gezogen. Vertraute er so sehr auf seine Schnelligkeit?

Mit einem Wink des Colts, den er in der Linken trug, gab der Dunkelgekleidete das Zeichen zum Aufbruch.

„Abmarsch, Brook! Auf das Frühstück wirst du heute leider verzichten müssen.“

Achselzuckend gehorchte der Mann aus Arizona. Er war kein Selbstmörder. Im Augenblick war es sinnlos, Widerstand zu leisten. Ebenso sinnlos, wie diesen finsteren Kerlen zu erklären, dass er Shannon Carter hieß, und dass sie sich vermutlich in der Tür geirrt hatten. No, sie waren wie reißende Wölfe, die sich auf ihr Opfer gestürzt hatten und es niemals wieder herausgeben würden. Selbst wenn es ihm wirklich gelingen sollte, sie von ihrem Irrtum zu überzeugen, so würde das wenig ändern.

Carter wusste, dass sie aus Wut über ihren eigenen Fehler keinen Moment zögern würden, den Finger krumm zu machen. Vor allem dem Halbblut traute er eine solche Reaktion zu.

Der Blassgesichtige trat zur Seite, als Carter sich der zerborstenen Tür näherte. Einen Atemzug lang traf sein Blick den des Jungen, und unwillkürlich fröstelte er. Diese Augen waren so eiskalt wie ein Gletscher in Alaska, der niemals auftaute. Wie viele schlimme Erfahrungen musste der Junge in seinen wenigen Lebensjahren schon hinter sich gebracht haben?

Durch das zersplitterte Türholz trat Carter auf den Flur hinaus und ging langsam zur Treppe hin, die in den kleinen Empfangsraum des Hotels hinunterführte. Hinter sich hörte er nun wieder das Poltern der Stiefelabsätze, die ihn erst vor wenigen Minuten aus dem schönsten Traum gerissen hatten. Mit müden Bewegungen schritt Shannon Carter die knarrenden Stufen hinunter. Er hatte viel Zeit. Doch der Schwarzbart schien seine Gedanken zu lesen.

„Du bist kein lahmer Maulesel, Brook. Spiele uns nichts vor und nimm deine langen Stelzen in die Hand! Den Weg kennst du. Zum Mietstall hinüber!“

Ohne eine Antwort zu geben, beschleunigte der hochgewachsene Mann seine Schritte ein wenig. Der Empfangsraum war leer. Er hatte es nicht anders erwartet. Weder der Hotelbesitzer noch dessen Frau ließen sich blicken. Ihnen hatte es gereicht, den Desperados Auskunft geben zu müssen. Nun hatten sie sich verkrochen und warteten angstschlotternd darauf, dass der böse Spuk vorüberging. Shannon Carter konnte es ihnen nicht verdenken.

Die Hoteltür stand offen. Carter trat hinaus auf den Gehsteig. Die aufgehende Morgensonne blendete ihn. Er hatte mit dem Auftauchen des Halbbluts gerechnet. Doch Bloody Arrow war so plötzlich neben ihm wie ein Schatten aus dem Nichts, dass Shannon Carter sein Erschrecken nicht verbergen konnte. Brutal stieß ihm das Halbblut den Kolben der Winchester in die Seite, um dann in ein schrilles Kichern auszubrechen. Carter krümmte sich, doch er richtete sich schnell wieder auf. Kein Schmerzenslaut kam über seine Lippen. Er konnte viel einstecken. Sehr viel.

„Los, weiter!“, kommandierte der Schwarzbart. Kein Zweifel, dass er in dem Trio das Kommando führte. „Lauf zum Mietstall, Arrow! Hole die Pferde heraus! Auch das von Mister Brook!“

Das Halbblut machte auf dem Absatz kehrt und hetzte mit wieselflinken Sätzen über die ausgedörrte Hauptstraße von Rock River.

Der Mietstall befand sich schräg gegenüber. Ein windschiefer Holzschuppen, dem man ansah, dass sein Besitzer keine großen Geschäfte machte. Dieses Nest lag zu tief in der Einöde des südöstlichen Berglandes von Wyoming. Der Fortschritt hatte sich offenbar einen anderen Weg gesucht und Rock River einfach vergessen. Keine Menschenseele ließ sich auf der Straße blicken, die Shannon Carter jetzt hoch aufgerichtet überquerte. Noch niemandem war es gelungen, seinen Stolz zu brechen. Auch die dreckigen Halunken, die ihm mit drei Schritten Abstand folgten, würden dies nicht schaffen.

Die Leute verkrochen sich in ihren Behausungen. In Windeseile hatte es sich herumgesprochen, welche Absichten die drei Fremden in das Hotel geführt hatte. Und die Menschen von Rock River wussten nur zu gut, dass es das Beste für sie war, nicht mehr als einen vorsichtigen Blick durch das Fenster zu riskieren. Bis die Gefahr vorüber war. Dann gab es Gesprächsstoff für Tage, Wochen und Monate.

Das Halbblut brachte die Pferde. Der Mietstallbesitzer, ein gebeugter alter Mann, musste ihm dabei helfen. Der Alte zitterte vor Angst, doch ihm war zweifellos klargeworden, dass das Halbblut mit einer Kugel nicht geizen würde.

Die Pferde waren bereits gesattelt. Carters stämmiger Schecke näherte sich seinem Herrn mit freudigem Schnauben. Er strich dem Pferd sanft über die Nüstern.

„Aufsitzen!“, ertönte die kratzende Stimme des Schwarzbarts. „Du zuerst, Mister Brook!“

Shannon Carter gehorchte auch diesmal. Er packte das Sattelhorn und schwang sich behände auf den Rücken seines Schenken. Der Kolbenhieb, den ihm das Halbblut versetzt hatte, war bereits vergessen. Carter hatte es gelernt, solche Schmerzen mit unbändiger Willenskraft aus seinem Bewusstsein zu verdrängen.

Während Schwarzbart und der Junge ebenfalls aufsaßen, löste das Halbblut sein Lasso und schnürte Carters Füße unter dem Bauch des Schecken zusammen. Immerhin durfte Carter die Stiefel in den Steigbügeln behalten, und er konnte auch die Beine beim Reiten noch bewegen. Seine Hände wurden um das Sattelhorn gefesselt.

Bloody Arrow gab dem Schecken einen Schlag auf die Kruppe. Dann runzelte er verwirrt die Stirn, als das Pferd nicht reagierte und sich erst auf ein Zungenschnalzen seines Reiters in Bewegung setzte.

„Der Sonne entgegen!“, bestimmte der Anführer der drei, nachdem sich das Halbblut mit einem Satz in den Sattel seines struppigen Indianerponys geschwungen hatte.

Im Schritt ließ Carter seinen Schecken dem Ortsrand entgegenstreben. Es war für den hochgewachsenen Mann keine Überraschung, dass der Scabbard leer war. Entweder hatten die Desperados seine Winchester beim Mietstallbesitzer zurückgelassen oder sie an sich genommen.

Mit zusammengekniffenen Augen ritt er zum östlichen Stadtausgang. Es war ein schlimmes Gefühl für Shannon Carter, drei Männer im Rücken zu wissen, die skrupellos über Leben oder Tod anderer Menschen entschieden. Doch Carter zeigte sein Unbehagen nicht. Es genügte, wenn er selbst dies spürte. Er hielt sich nicht für unbezwingbar, und es machte ihm nichts aus, sich einzugestehen, dass er Angst verspürte wie jeder andere Mensch. Nur war Shannon Carter mutig und unerschrocken genug, um für sein Leben zu kämpfen.

Und das sollten die drei Halunken noch zu spüren bekommen!

 

 

2

Eine knappe Meile östlich von Rock River gabelte sich der Weg in zwei Richtungen. Ein verwitterter Wegweiser zeigte an, dass bis nach Medicine Bow zwanzig Meilen in nordwestlicher Richtung zurückzulegen waren.

„Du kennst den Weg, Mister Brook“, rief der Schwarzbart von hinten. Dann trieb er sein Pferd an, um nun neben Shannon Carter zu reiten.

Carter blickte stumm geradeaus. Dennoch entging ihm keine Einzelheit des bewaldeten Hügellandes ringsum. Auch spürte er, dass ihn der Dunkelgekleidete prüfend von der Seite musterte.

„Ich hätte dich für schlauer gehalten, Brook“, sagte dieser nach einer Weile, „wenn du nur ein wenig auf der Hut gewesen wärest, hättest du es irgendwann merken müssen, dass wir dir schon seit zwei Wochen auf der Spur sind. Oder lag es daran, dass du dich so verdammt sicher fühltest?“

Shannon Carter hielt es für angebracht, sein Schweigen jetzt zu brechen. Er musste endlich wissen, woran er war. Aber er musste es so geschickt anstellen, dass die anderen ihn trotzdem weiterhin für den Mann hielten, den sie jagten.

„Ich kenne eure Sorte“, sagte er und wandte den Kopf zur Seite. Er hielt dem spöttischen Blick des Schwarzbarts stand. „Kopfgeldjäger nennt man euch wohl.“

Der andere lachte, und auch seine beiden Kumpane stimmten mit ein.

„Galgenhumor nennt man es wohl, was du an den Tag legst“, äffte ihn der Schwarzbart nach, „oder glaubst du allen Ernstes, dass niemand auf den Gedanken gekommen wäre, sich die fünftausend Dollar zu verdienen, die sie in Medicine Bow für dich zahlen werden? Tot oder lebendig, Brook! Wir hätten uns keine Mühe zu machen brauchen. Hätten dich einfach über den Haufen knallen können, um deine Leiche vor dem Sheriffs Office abzuladen. Aber es ist nun mal unser Grundsatz, einen Mörder möglichst lebend abzuliefern. Schließlich soll sich jeder verteidigen können!“

Wieder lachten sie lauthals.

„Hm“, machte Carter, als sie sich beruhigt hatten, „ich bin also ziemlich viel wert, wie mir scheint. Vielleicht kannst du mir wenigstens verraten, wie ich mit Vornamen heiße, Kopfgeldjäger!“

Die Miene des Schwarzbarts verfinsterte sich.

„Halte mich nicht zum Narren!“, zischte er. „Sonst wird es für den Rest unseres Weges weniger lustig zugehen!“

Carter zuckte die Achseln.

„Wie du willst, Kopfgeldjäger.“ Er wandte den Blick nach vorn und zeigte damit, dass er an einem weiteren Gespräch nicht interessiert war. Aber jetzt war das Misstrauen des anderen geweckt.

„Bringe mich nicht in Wut!“, drohte er. „Behaupte nur noch, dass du uns nicht kennst!“

Der Mann aus Arizona lächelte jetzt.

„Tut mir leid, Kopfgeldjäger, falls du ein berühmter Mann sein solltest - aber ich habe von dir und deinen Gefährten noch nie gehört.“

Die Augen des Schwarzbarts schossen glühende Blitze.

„Leslie!“, schrie er plötzlich. „Sag es ihm! Damit er es nie wieder vergisst!“ Zum ersten Mal hörte Carter jetzt die Stimme des blassgesichtigen Jungen. Eine leidenschaftslose, kalte Stimme, die eher zu einem Dreißigjährigen gepasst hätte: „Captain John Winters und Sergeant Leslie Miles von der vierten Kavallerie! Bloody Arrow, Zivilist!“

Shannon Carter runzelte die Stirn. Hatte er es ausnahmslos mit Verrückten zu tun? Möglich, dass diese abgerissenen Gestalten einmal bei der Kavallerie gedient hatten. Aber dass sie damit herumprotzten, war geradezu ein Hohn. Man brauchte sie nicht einmal genauer anzusehen, um zu wissen, dass sie unehrenhaft entlassen worden waren.

Winters, der Schwarzbart, hielt es für notwendig, noch eine Erklärung zu liefern.

„Nun weißt du es ganz genau, Brook. Und wenn du am Galgen baumelst, werden deine letzten Gedanken in diesem Leben uns gelten. Du bist nicht der erste, dem es so geht, Brook. O nein, vor dir hat es schon viele Outlaws gegeben, die mit dem Gedanken an Captain Winters ihr erbärmliches Leben ausgehaucht haben. Es ist ein Krieg, den wir führen, Brook! Ein neuer Krieg. Denn der Bürgerkrieg ist schon fast vergessen, und mit den Indianern hat die Armee kaum noch Schwierigkeiten. Was diesem Land jetzt zu schaffen macht, sind die Outlaws, die Gesetzesbrecher, die mit ihren Schandtaten den Fortschritt hemmen. Das ist die Front, an der Sergeant Miles, Bloody Arrow und ich kämpfen. Du bist unser Feind, Brook, weil du gegen die Gesetze verstoßen hast, indem du einen Menschen umbrachtest.“

Carter lächelte wieder. Er konnte nicht anders, er musste Winters einfach mit einem spöttischen Blick messen.

„Eine feine Geschichte, die du dir zurechtgebastelt hast, Captain Kopfgeldjäger. Vorhin hörte es sich noch anders an. Was macht ihr denn mit den fünftausend Dollar, he? Für die Armeekasse etwa? Und eure Uniformen? Wo habt ihr die gelassen?“

Es konnte nicht gutgehen. Das hatte Carter vorher gewusst.

Winters war blitzschnell bei ihm. Sein rechter Arm flog hoch, und der Handrücken klatschte in Carters Gesicht. Einmal. Gleich darauf ein zweites Mal. Dann erst ließ der Schwarzbart mit einem wütenden Knurrlaut von ihm ab.

Shannon hatte sich nicht zur Wehr gesetzt. Er wollte nicht, dass sie es zum Anlass nahmen, ihn zusammenzuschlagen. Seine Kräfte brauchte er noch. Doch der Zorn stieg in ihm auf, als er das warme Blut spürte, das aus seinen aufgeplatzten Lippen zum Kinn hinabrann. Diese beiden Hiebe würde er Winters zehnfach heimzahlen. Das war für ihn so sicher, wie er nicht jener Mister Brook war, für den sie ihn hielten.

Während der nächsten Minuten ließen sie ihn in Ruhe. Winters beschränkte sich darauf, Carters Pferd hin und wieder einen Schlag mit den Zügelenden zu versetzen, um es voranzutreiben. Doch der Schecke reagierte nur dann darauf, wenn Shannon Carter mit einem Schenkeldruck nachhalf.

Der Mann aus Arizona war sich nun über seine Lage im Klaren. Wenigstens so weit was den Sinn des heimtückischen Überfalls und die Absichten der Kopfgeldjäger anbetraf. Was es mit dem geheimnisvollen Mister Brook auf sich hatte, war zunächst nicht wichtig. In schwierigen Situationen zerbrach sich Shannon Carter nie den Kopf über die Dinge, die nebensächlich waren. Selbstmitleid und weibisches Wehklagen halfen nicht weiter. Nur nüchternes Abwägen und entschlossenes Handeln waren geeignet, Probleme aus dem Weg zu räumen.

Nun hatte Carter von vornherein nicht mit einem Spazierritt gerechnet, als er seine Zelte in Arizona abbrach und sich auf den Weg nach Montana machte. Dazu war der Westen noch zu rau und ungezähmt. Und Carter war nicht der Mann, der sich in eine Postkutsche setzen und den trägen Reisenden spielen konnte. Er brauchte sein Pferd und die Weite des Landes. Nur dann fühlte er sich sicher.

Das Letzte, was er erwartet hätte, war allerdings, dass man ihn für einen steckbrieflich gesuchten Mörder hielt. Ihn, der seine Dienstzeit bei der Armee ehrenvoll hinter sich gebracht und in Arizona als Vormann das Vertrauen seines Ranchers erworben hatte. Doch er war in den Verdruss hineingeraten, und er konnte sich nur mit eigener Kraft daraus befreien.

In Montana wartete sein Bruder, der seine Ranch jetzt so weit aufgebaut hatte, dass er ohne die Hilfe eines erfahrenen Rindermannes nicht mehr auskam. Und als sie sich damals trennten, hatte ihm Shannon versprochen, dann zur Stelle zu sein, wenn es notwendig wurde.

 

 

3

Die drei Männer essen zu sehen und den Kaffeeduft zu spüren, war für Shannon Carter eine Höllenqual. Immer ausgedörrter wurde seine Kehle, und der Magen war nicht mehr als ein glühender Klumpen. Doch trotz seiner schlimmen Lage behielt er seine Sinne unter Kontrolle, zwang sich zu scheinbarer äußerlicher Gleichgültigkeit.

Eine Stunde mochte vergangen sein, als die Kopfgeldjäger ihre Mittagspause beendeten und die Proviantreste in den Satteltaschen verstauten.

Leslie Miles und das Halbblut lösten Carters Fußfesseln und hoben ihn in den Sattel seines Pferdes. Diesmal verschnürten sie seine Fußgelenke und führten das Lasso unter dem Bauch des Schecken hindurch. Anschließend lösten sie ihm auch die Handfesseln, um dann seine Handgelenke vor dem Körper neu zusammenzubinden. Auf diese Weise konnte er sich beim Reiten am Sattelhorn festhalten. Trotzdem musste es eine höllische Schinderei werden, denn es war schwierig, das Gleichgewicht zu behalten.

„Viel Spass dabei!“, kicherte das Halbblut, nahm die Zügelenden des Schecken und schwang sich in den Sattel seines Indianerponys. Auch Winters und Miles waren aufgesessen. Der Schwarzbart hob den rechten Arm und gab das Zeichen zum Aufbruch. Gerade so, als ob er eine Schwadron Kavalleristen in Marsch setzte. Aber Miles und Bloody Arrow kannten es. Sie kümmerten sich nicht darum.

Während sie zum Weg zurückritten, übernahm das Halbblut mit dem Gefangenen im Schlepp die Spitze. Winters und Miles folgten im Abstand von einer Pferdelänge. Sie wollten Carter im Auge behalten, obwohl sie ihn längst nicht mehr als Gegner betrachteten. Die Vorsichtsmaßnahme war ihnen in Fleisch und Blut übergegangen.

Über eine Stunde lang geschah nichts, was Shannon Carter auch nur eine winzige Hoffnung geboten hätte. Das Landschaftsbild blieb immer das Gleiche. Der Weg schlängelte sich in unzähligen Windungen durch die Senken zwischen den unübersehbaren Hügelkuppen, die mit Buschwerk und Bäumen bewachsen waren. Weder Reiter noch Wagengespanne begegneten den Kopfgeldjägern auf ihrem eintönigen Ritt, dessen Ziel der Tod war. Der Galgen für den Mann, den sie in ihrer Geldgier zum Mörder gestempelt hatten.

Die sengende Sonne machte Carter schläfrig, und auch seine Gedanken wurden langsamer. Hinzu kamen die Schmerzen und die Mühe, sich senkrecht im Sattel zu halten. So kam ihm irgendwann der Gedanke, einfach zu resignieren. Wenn er sich nun dem Sheriff ausliefern ließ? Musste sich dann nicht herausstellen, dass sie den Falschen erwischt hatten? Einen, der dem wirklichen Mörder höchstens zum Verwechseln ähnlich sah, sonst aber nichts mit dem steckbrieflich gesuchten Brook zu tun hatte.

Obwohl dieser Gedanke bequem war, siegte letztlich doch die Willenskraft in Carter. Das Risiko war zu groß. Wenn er wirklich aussah wie Brook, würde ihm der Sheriff möglicherweise nicht glauben. Und die Bevölkerung von Medicine Bow erst recht nicht. Nein, sie würden den Mörder hängen sehen wollen. Und der Sheriff konnte ein neues Blatt in seinen Ruhmeskranz flechten, wenn er einen Outlaw an den Galgen brachte. Was zählten schon die Beteuerungen eines Gesetzesbrechers, dessen Konterfei sich auf einem Steckbrief befand! Sie würden ihn einfach aufknüpfen und sein unbequemes Gerede überhören. Auch der seriöseste Richter konnte sich solchen Bestrebungen kaum widersetzen.

Shannon Carter blieb dabei, dass er einen Fluchtversuch wagen musste.

Etwa eineinhalb Stunden nach ihrem Aufbruch beim Creek war es mit der Eintönigkeit schlagartig vorbei. Bloody Arrow zügelte plötzlich sein Pony und brachte auch Carters Schecken zum Stehen. Dann deutete das Halbblut wortlos den Weg entlang.

Winters und Miles richteten sich in den Sätteln auf.

Jetzt sah auch Shannon Carter, was das Halbblut meinte. Er erblickte die beiden Silhouetten, die sich über eine Hügelkuppe bewegten und dann in der nächsten Senke verschwanden. Etwa eine Meile mochten sie entfernt sein.

„Ich übernehme das!“, entschied John Winters. Seine beiden Gefährten nickten nur. Dann sah sich der Schwarzbart rasch um. Ein bewaldeter Hang zur Rechten erschien ihm am geeignetsten. „Nehmt Brook mit und wartet dort auf mich!“, befahl er.

Miles und Bloody Arrow gehorchten ohne Widerworte. Während Winters auf dem Weg blieb, ritten sie mit ihrem Gefangenen zwischen die Bäume, wo sie schon nach zwanzig Schritten vor Blicken geschützt waren.

Carter lernte zu unterscheiden. Dies schien eine ernste Situation zu sein. In solchen Momenten gab es offenbar keine Diskussion zwischen den Kopfgeldjägern.

Nur ... Shannon Carter begriff noch nicht, weshalb Winters eine solche Vorsichtsmaßnahme ergriff. Nur weil zwei Reiter auftauchten? Winters und seine Kumpane handelten doch nicht gegen das Gesetz, wenn sie einen Outlaw zum Sheriff brachten. Was hatten sie also zu befürchten?

Eines wurde Carter jedoch klar: Wenn er Glück hatte, bot sich ihm jetzt die Chance, auf die er seit eineinhalb Stunden gewartet hatte.

Er war sich selbst überlassen. Miles und Bloody Arrow waren aus den Sätteln gesprungen, hatten sich hinter Baumstämmen verborgen und spähten angestrengt zum Weg hinüber.

Oh, sie sollten bald merken, was es bedeutete, den vermeintlichen Mörder Brook zu unterschätzen!

Die Pferde der beiden Kopfgeldjäger waren zum Greifen nahe. Carters Blick streifte die Kolben der Winchester, die aus den Scabbards ragten. Dann begann er mit der Arbeit.

Vom Weg her waren bereits die Hufgeräusche der herannahenden Reiter zu hören.

Carter lockerte zunächst seine Armmuskeln und bewegte die Finger, damit das Blut besser zu pulsieren begann. Gleichzeitig prüfte er die Festigkeit der Fesseln. Er stellte fest, dass der Strick in sechs Windungen um seine Handgelenke geschlungen war. Der doppelte Knoten befand sich vorn, knapp oberhalb der Handrücken.

Sie hatten geglaubt, ihn sorgfältig genug gefesselt zu haben. Doch Carter brauchte nur Sekunden, um herauszubekommen, dass die einzelnen Windungen des Stricks unterschiedlich straff gespannt waren. Indem er die Handgelenke geschickt gegeneinander bewegte, schaffte er es, die Spannung auszugleichen. Dadurch bekamen seine Handgelenke etwas mehr Bewegungsfreiheit. Nun rieb er beide Arme aneinander, in entgegengesetzter Richtung, so dass sich die Fesseln etwa um Handbreite emporschoben.

Das Hufgetrappel auf dem Weg war inzwischen lauter geworden. Die beiden Reiter konnten nicht mehr sehr weit entfernt sein.

Carter hielt inne, als sich das Halbblut plötzlich vom Baum abwandte und seine Winchester aus dem Scabbard zog. Miles zog währenddessen seinen Sechsschüsser aus dem Holster und ließ die Trommel rotieren, um die Ladungen zu überprüfen.

„Kann sein, dass es gleich blaue Bohnen regnet“, rief Bloody Arrow halblaut, das Gesicht zum unvermeidlichen Grinsen verzogen. „Leider können wir nicht auf dich achtgeben, Brook. Aber du weißt ja: ,Tot oder lebendig‘ steht auf dem Steckbrief. Mach dir also nichts draus, wenn du ein Stück Blei auffängst! Uns kratzt es nicht.“ Mit glucksendem Lachen lief er zurück zu dem Baum, hinter dem er sich schon vorher verborgen hatte.

Shannon Carter setzte seine mühsame Tätigkeit unverzüglich fort. Nachdem er die Fesseln ein Stückchen gelockert hatte, gelang es ihm nun, die Arme zu drehen, bis die Handflächen nach vorne zeigten. Er krümmte die Hände nach oben und kam mit den Fingern an den Knoten heran.

Innerlich triumphierte Carter. Er würde es schaffen. Der Rest war schnell zu erledigen. In Arizona, bei der Arbeit mit Rindern und Pferden, hatte er es in langen Jahren gelernt, mit Lassos und Stricken umzugehen, die verschiedensten Knoten zu schlagen, zahlreiche Tricks anzuwenden. Die hatten Miles und Bloody Arrow nicht ahnen können, als sie ihn fesselten.

Vom Weg her waren jetzt Stimmen zu hören. Carter sah, wie die beiden Kopfgeldjäger vor ihm die Muskeln anspannten. Die erste Hälfte des Knotens hatte er bereits geöffnet. Die Hufgeräusche brachen ab, und die Stimmen waren deutlich zu verstehen.

„Hallo, Winters!“, rief einer. „Komisch, aber von weitem glaubten wir, vier Reiter gesehen zu haben!“

„Schon möglich“, gab der Schwarzbart zurück, „jetzt bin ich jedenfalls allein.“

„Ich weiß nicht recht“, entgegnete der andere, „vielleicht verheimlichst du uns etwas. Wir können uns nämlich nicht vorstellen, dass dich deine beiden Freunde einfach im Stich lassen. Und dann war da noch einer. Zum Teufel, ich frage mich, wer das gewesen sein könnte!“

„Genau das!“, fügte der zweite hinzu. „Weißt du, Winters, wir suchen diesen Harvey Brook. Den Kerl, für den der Sheriff in Medicine Bow fünftausend Dollar ausspuckt. Und nun hörst du besser auf, uns etwas vorzumachen. Wenn du und deine Freunde Brook erwischt habt, können wir darüber reden. Irgendwie werden wir uns schon einigen, denke ich ...“

Shannon Carter wusste schlagartig Bescheid. Das war es also! Winters und seine Gefährten fürchteten die Konkurrenz. Sie schienen nicht die einzigen zu sein, die den Mörder suchten, von dem Carter nun endlich den Vornamen wusste.

Er löste den Knoten vollends, behielt jedoch die Fesseln noch an den Handgelenken.

„Eure Rechnung geht nicht auf“, war Winters Reibeisenstimme zu hören. „Ich werde mit euch keine krummen Geschäfte machen.“

„Dumm von dir!“, tönte es höhnisch zurück. „Dann müssen wir dich eben zwingen!“

In die plötzliche Stille klang das Knacken eines Revolverhahns.

„Los jetzt, Winters! Führe uns zu deinen Begleitern! Und keine faulen Tricks! Sonst wirst du es mit einer Kugel bezahlen!“

Das Halbblut kicherte leise und brachte die Winchester in Anschlag. Leslie Miles kauerte regungslos hinter seinem Baumstamm. Vorsichtig spannte er den Hahn seines Sechsschüssers.

Shannon Carter ahnte, dass die drei Kopfgeldjäger nicht zum ersten Mal auf diese Weise mit Konkurrenten fertig wurden.

Hufgeräusche klangen jetzt auf. Das Zeichen dafür, dass Winters sich den Anordnungen der beiden fremden Reiter beugte.

Carter spannte die Muskeln. Mit einer so günstigen Gelegenheit hatte er nicht im Traum gerechnet. Nun kam es nur darauf an, dass er den richtigen Moment erwischte. Dass er Miles und das Halbblut nicht misstrauisch machte, bevor die beiden mit den fremden Reitern zu tun hatten.

Die Hufe der herannahenden Pferde schlugen dumpf auf Grasboden. Schon waren die Bewegungen der Reiter durch die Lücken zwischen den Bäumen zu erkennen.

Nur noch wenige Augenblicke ...

Zweige raschelten, als Winters und die Fremden das dünne Unterholz erreichten.

Shannon Carter streifte die Handfesseln ab und hängte den Strick über das Sattelhorn.

„He, Sergeant Miles!“, rief Winters, nur noch wenige Schritte entfernt. „Bloody Arrow! Macht keinen Unsinn! Sie haben mich vor dem Lauf!“

„In Ordnung!“, antwortete Miles. „Kommt nur herüber!“

Die Fremden konnten nicht ahnen, dass sie nur noch wenige Schritte zurücklegen mussten, bis das Halbblut und sein blassgesichtiger Kumpan sie im spitzen Winkel von zwei Seiten unter Feuer nehmen würden.

Shannon Carter war jetzt völlig ruhig. Wie stets in entscheidenden Momenten. Er wartete, bis Miles und Bloody Arrow die Waffen hoben und anvisierten.

Die dumpfen Hufgeräusche wurden lauter.

Dann krachte der erste Schuss aus Bloody Arrows Winchester. Ein gellender Schrei bewies den Erfolg. Carter sah, wie sich Winters vom Pferd warf.

Nun donnerte auch Miles’ Revolver. Bloody Arrow jagte weitere Kugeln aus dem Lauf seiner Winchester. Das Krachen der Schüsse verdichtete sich zu einem infernalischen Stakkato.

Mit einem Schenkeldruck trieb Shannon Carter sein Pferd nach vorn. Er beugte sich vor, riss Miles’ Winchester aus dem Scabbard, packte mit der Linken die Zügel des Schecken und zog ihn herum.

Der Lärm der Schüsse übertönte alles andere. Daher gelang es Carter, unbemerkt in den Wald einzudringen. Mit hartem Schenkeldruck trieb er den Schecken durch die dichtstehenden Bäume. Rasch gewann er Vorsprung.

Plötzlich brachen die Schüsse ab. Sekundenlang blieb es still.

Dann waren wütende Rufe zu hören. Winters’ heiseres Organ übertönte die beiden anderen.

Shannon Carter drehte sich nicht um. Er schob die Winchester in seinen Scabbard, um beide Hände frei zu haben. Es wurde heller. Der jenseitige Waldrand kam in Sicht.

Rasch erreichte er freies Gelände.

Erst in diesem Moment hatten sich die Kopfgeldjäger von ihrer Überraschung erholt und schwangen sich auf die Pferde.

Carter wusste, dass nun eine gnadenlose tödliche Jagd auf seinen Kopf begann.

 

 

4

Die Grasfläche hinter dem Waldrand zog sich auf etwa zweihundert Yards bis zur nächsten Hügelkuppe empor. Dies war die entscheidende Strecke, die Carter zurückzulegen hatte.

Er beugte sich weit nach vorn und veranlasste den Schecken zu einem rasenden Galopp. Dumpf hämmerten die Hufe über den Grasboden, und Carter spürte die Muskeln des Tieres unter sich. Nur einmal wandte er rasch den Kopf. Seine Verfolger waren noch nicht zu sehen, hatten noch damit zu tun, sich durch die eng stehenden Bäume zu drängen.

Er war versucht, einen Freudenschrei auszustoßen, als er die Hügelkuppe erreichte und im nächsten Moment den jenseitigen Hang hinunterpreschte. Welliges Gelände schloss sich an. Reaktionsschnell zog Carter den Schecken in die nächste Senke, einen flachen Taleinschnitt, der in mehreren Biegungen nach Süden führte.

Sein Vorsprung betrug nun rund dreihundert Yards. In einer Ebene wäre das lächerlich wenig gewesen, doch hier, in dem unübersichtlichen Landstrich, hatte er die Chance, den Vorsprung rasch zu vergrößern. Das begann schon damit, dass die Kopfgeldjäger herausfinden mussten, welche neue Richtung er eingeschlagen hatte. Wenn sie den Hügel herunterkamen, mussten sie sich damit wenigstens minutenlang aufhalten. Wertvolle Zeit für Shannon Carter.

Als er die erste Biegung des Taleinschnittes erreichte, sah er sich erneut um. Ein zufriedenes Lächeln glitt über seine wettergegerbten Züge. Die Verfolger waren noch immer nicht in Sicht.

„Streck dich, Alter!“, spornte er sein Pferd an, indem er die Worte ins Ohr des Schecken rief und dessen Hals sanft tätschelte. Das treue Tier schien verstanden zu haben, denn es beschleunigte tatsächlich seinen Galopp. Carter war froh, dass er das Pferd in den vergangenen Stunden nicht überanstrengen musste. So kamen ihm jetzt die Zähigkeit und die Ausdauer des Rinderpferdes zugute.

Für eine gewisse Zeit musste er das Tempo beibehalten. Nur dann konnte er sicher sein, dass ihn die Kopfgeldjäger vorerst aus den Augen verloren. Und schließlich war es der Anbruch der Dunkelheit, worauf er hoffte.

Nicht ein einziges Mal hörte Shannon Carter bei seinem rasenden Ritt die Hufgeräusche der Verfolger, geschweige denn, dass ihre Stimmen zu vernehmen waren. Doch sie waren ihm auf der Spur. Wie reißende Wölfe, denen das Opfer aus den Fängen geschlüpft war. Und mit der tödlichen Ausdauer der Wölfe würden sie nicht eher ruhen, bis sie ihr Opfer wieder eingefangen hatten.

Carter nutzte jeden Vorteil, den ihm das Gelände bot. Sorgsam vermied er jede Anhöhe, auf der man ihn weithin gesehen hätte. Er orientierte sich am Stand der Sonne und ritt in südlicher Richtung. Bis zur Staatsgrenze Wyoming Colorado waren es gut und gerne vierzig Meilen. Eine höllische Strecke, wenn man hartnäckige Verfolger auf der Fährte hatte. Doch erst in Colorado konnte Carter verschnaufen. Dort suchte man den Mörder Harvey Brook nicht. Und erst dort konnte sich Carter zum Kampf gegen die Kopfgeldjäger stellen.

Nur eine gute halbe Stunde brauchte er, bis er den Creek erreichte. Er löste die Fußfesseln und nutzte die Gelegenheit, um rasch sein Pferd zu tränken, sich selbst mit einigen Schlucken kühlenden Wassers zu versorgen und dann die Wasserflasche zu füllen. Keine zwei Minuten waren vergangen, als Carter sich wieder in den Sattel schwang und seine Flucht fortsetzte.

Er führte den Schecken durch den Creek und behielt die südliche Richtung bei. Die Stelle, an der die Kopfgeldjäger gerastet hatten, befand sich weiter südlich, eine halbe Meile vielleicht. Carter vermied es absichtlich, zu nahe an den Weg heranzukommen, der von Rock River nach Medicine Bow führte.

Einmal hatte er erfahren müssen, dass außer Winters und seinen Gefährten weitere Hyänen Jagd auf die fünftausend Dollar Kopfgeld machten. Carter wollte nicht riskieren, solchen Hyänen in die Arme zu laufen. Überhaupt musste er jegliche Nähe von Menschen meiden. Alle kannten sie in diesem Landstrich vermutlich den Mörder Harvey Brook. Ein Wunder nur, dass man ihn am Abend zuvor in Rock River nicht sofort gefangengenommen hatte. Aber die Leute dort waren offenbar zu feige für solche Taten.

Schon bald stärkte sich Carters Gefühl der Sicherheit. Seine Schmerzen waren vergessen, und auch den Hunger unterdrückte er so lange, bis er es sich leisten konnte, eine kurze Pause einzulegen. Aber dazu musste er erst den Sonnenuntergang abwarten.

Der Feuerball war bereits auf dem Weg nach Norden und näherte sich den Hügelkuppen am Horizont. Längst hatte sich die Sonne vom grellen Gelb in ein sattes Rot verfärbt. Die schützende Dunkelheit würde nun nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Carter behielt seine bisherige Taktik bei. Er nutzte jede Senke und jeden Taleinschnitt, um immer wieder die Richtung zu wechseln. Zeichnete man seine Bewegungen auf eine Landkarte, so musste es aussehen wie die Fluchtlinie eines hakenschlagenden Hasen. Doch stets achtete Carter darauf, dass er die grobe südliche Richtung beibehielt. Sein Orientierungsvermögen ließ ihn selbst in dieser fremden Gegend nicht im Stich.

Nun konnte er es sich leisten, den Schecken öfter in gemächlichen Trab verfallen zu lassen. Er durfte das Pferd nicht übermäßig beanspruchen.

Das Zwielicht der Abenddämmerung war hereingebrochen, als er den Weg kreuzte, der von der Gabelung bei Rock River nach Osten führte. Carter war nun sicher, dass der Bogen, den er um die kleine Stadt schlug, weit genug sein würde. Allerdings wusste er, dass es südlich von Rock River verschiedene Farmen und kleine Ranches gab. Auch diese menschlichen Ansiedlungen musste er meiden, obwohl es ihm mächtig schwerfiel.

Die Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit verging wie im Flug. Das Absinken der Temperatur war für den einsamen Reiter eine Erfrischung. Er konnte es jetzt riskieren, die beabsichtigte Pause einzulegen. Dazu wählte er einen Wald aus, in dem es schon völlig finster war. Durch die Baumkronen schimmerten die ersten Sterne. Der Abendhimmel war wolkenlos und von tiefem Blau.

Carter versorgte erst sein Pferd und dann sich selbst aus der Wasserflasche. Sein Hunger machte sich brennender als zuvor bemerkbar. Da er es in Rock River nicht mehr geschafft hatte, seine Proviantvorräte aufzufrischen, musste er sich jetzt mit einem trockenen Brotkanten und einem Stück Dörrfleisch begnügen, das sich noch in der Satteltasche fand. Trotzdem erschien ihm die kärgliche Mahlzeit wie ein Festessen. Danach drehte er sich eine Zigarette. Die Glut verbarg er beim Rauchen hinter der hohlen Hand.

Er überdachte seine Lage.

Bloody Arrow.

Das Halbblut würde ihm bei der Verfolgungsjagd sicherlich am gefährlichsten werden. Er war sicher, dass Bloody Arrow beim Spurenlesen die Fähigkeiten eines Indianers besaß. Ohnehin würde es den Kopfgeldjägern nicht schwerfallen, die Fluchtrichtung Carters zu ahnen. Praktisch gab es für ihn nur zwei Möglichkeiten. Colorado oder Nebraska. Da er jedoch nicht wusste, wie groß die Entfernung zur Grenze nach Nebraska war, zog er es vor, einfach nach Süden zu fliehen. In die Richtung, aus der er gekommen war.

Für seine Pause gönnte sich Shannon Carter nicht mehr als zehn Minuten. Bevor er seinen Weg fortsetzte, überprüfte er die Winchester, die er aus Leslie Miles’ Scabbard mitgenommen hatte. Das Röhrenmagazin war vollständig geladen. Sechs Patronen vom Kaliber 30.30. Zum Glück besaß Carter noch ein Päckchen Munition des gleichen Kalibers, das sich in einer der beiden Satteltaschen befand. Er war also nicht wehrlos, wenn es darauf ankam.

 

 

5

Carter war im Begriff, einen Hügel seitlich am Hang zu überqueren, als er die Lichter sah.

Er zügelte das Pferd und glitt lautlos aus dem Sattel. Geduckt lief er zur Spitze des Hügels empor, wo er sich flach auf den Boden legte. Vor ihm erstreckte sich ein Talkessel, dessen Ausmaße er wegen der Dunkelheit nicht schätzen konnte. Etwa eine Viertelmeile entfernt schimmerte das Licht durch die quadratischen Fenster eines flachen Hauses. Breit und wuchtig ruhte das Gebäude auf dem Erdboden, umgeben von zwei langgestreckten Stallungen und einem runden Stangencorral.

Lange beobachtete Shannon Carter die menschliche Behausung, deren Lichter ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit vermittelten. Es war still dort unten im Tal. Weit entfernt heulte ein einsamer Coyote den Mond an, dessen bleiche Sichel im Südosten zu sehen war.

Shannon Carter kam sich wie ein Dieb vor. Wie eine lichtscheue Kreatur, die auf Beute lauerte. Und während er dies dachte, packte ihn die Wut auf die Kopfgeldjäger. Sie waren es, die ihn in diese Lage gebracht hatten. Ihnen verdankte er es, dass er zum ersten Mal in seinem Leben gezwungen war, sich heimlich durch die Nacht zu stehlen, die Nähe anderer Menschen zu meiden. Und das nur wegen eines bösen Irrtums.

Nach einer Weile gewann sein Drang nach Geborgenheit die Oberhand. Vielleicht war es auch die friedliche Atmosphäre, die von der kleinen Farm im Tal ausging. Carter beschloss, es zu versuchen. Er vertraute darauf, dass im Haus aufrechte Menschen wohnten, die das Wort eines ehrlichen Mannes von dem eines Strauchdiebes zu unterscheiden wussten. Gewiss hätte er die Nacht im Freien verbringen können. Aber er brauchte eine kräftige Mahlzeit, Proviant für den weiteren Ritt und vor allem Schlaf.

So lief er zurück zu seinem Pferd, schwang sich in den Sattel und ritt auf die Farm zu. Er schlich sich nicht an wie ein Räuber, und er ließ die Winchester im Scabbard.

Als er auf Steinwurfweite an das Haus herangekommen war, erlosch im vorderen Raum das Licht. Dann wurde die Eingangstür geöffnet.

Carter lächelte. Die Hufschläge seines Pferdes waren nicht zu überhören gewesen.

Ohne zu zögern, ritt er langsam weiter.

„Halt, wer da?“, scholl ihm die tiefe Bassstimme eines Mannes entgegen. Im schwachen Lichtschimmer aus den hinteren Räumen des Hauses glaubte Carter das Blinken eines Gewehrlaufes zu erkennen. Er zügelte seinen Schecken.

„Shannon Carter ist mein Name“, rief er laut und deutlich. „Ich bin unbewaffnet und bitte um ein Nachtlager!“

„Gut, Mister!“, antwortete der Bass. „Steigen Sie vom Pferd und kommen Sie herüber!“

Carter folgte der Aufforderung, ließ den Schecken mit herabhängenden Zügeln stehen und ging langsam auf das Haus zu. Drinnen wurden nun wieder Lichter angezündet. Neben dem erhellten Türrahmen erkannte Shannon den Farmer, der sich mit einer doppelläufigen Schrotflinte aufgebaut hatte. Der Mann war untersetzt und hatte große Fäuste, die von harter Arbeit zeugten. Sein rotblondes Haar bedeckte den kantigen Schädel mit kleinen Locken. Unter buschigen Augenbrauen musterten ein Paar klare blaue Augen den Ankömmling.

Details

Seiten
123
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931181
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496195
Schlagworte
schieß

Autor

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Titel: Schieß, wenn du ihn siehst!