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Friedhof der Trucks

2019 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Friedhof der Trucks

Copyright

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Friedhof der Trucks

Roman von Manfred Weinland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 92 Taschenbuchseiten.

 

Bob Washburn und Jim Sherman sind zwei erfahrene Trucker. Bei strömendem Regen taumelt ihnen plötzlich auf einer Nebenstrecke ein Mann vor die Stoßstange. Im letzten Moment gelingt es den Truck zu stoppen und den Bewusstlosen zu bergen. Der Mann braucht schnell einen Arzt. Die Trucker sind gezwungen, den Auflieger mit der kostbaren Ladung am Streckenrand zurückzulassen, weil sie ohne ihn schneller sind. In Oak Ridge finden sie einen Arzt. Jim bleibt bei dem Verletzten und Bob fährt zurück, um den Auflieger zu holen. Doch er erlebt eine böse Überraschung...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Ein Pfeil zischte durch die diesige Luft und grub sich mit dumpfem Ton in den Leib einer Ratte. Zu spät hatte sie versucht, den ausgelegten Köder zwischen die grünüberwucherten Wracks zu zerren. Das graubepelzte Tier verendete zuckend.

Der alte Mann senkte zufrieden den selbstgefertigten Bogen. Mit einem neuen Pfeil kratzte er einen weiteren Strich in die Holzbalken des überdachten Hochstandes, wo ihm die Wetterkapriolen der letzten Tage wenig anhaben konnten. Mit geschmälten Augen hielt er zwischen den Resten der Peterbilts, Macks, Kenworths, Brockways, Volvo Whites, Fords und dem Heer an Kleinwagen, mit dem das Gelände übersät war, weiter Ausschau nach den grauen Nagern, die hier ihr Schlaraffenland und ihren Meister gefunden hatten.

Hier, auf dem Friedhof der Trucks …

 

 

 

Eine faustbreit hinter der Windschutzscheibe begann die Dunkelheit, und selbst die durch den Regen stochernden Scheinwerfer erhellten den Fortlauf der Straße nur unzureichend. Ihre Lichtbündel hatten etwas Kraftloses inmitten eines Unwetters, das seit geschlagenen zwei Stunden anhielt und seinen Höhepunkt dabei immer noch nicht erreicht zu haben schien.

„Was für ein verdammter Planet“, fluchte Max Lawrence ungestüm am Steuer seines Trucks. „Ein gottverfluchter Planet, dessen Klima immer mehr aus dem Ruder läuft...!“

Es war höllisch schwül. Die Klimaanlage des Trucks hatte sich irgendwo zwischen Frisco und Beaumont verabschiedet. Seither schien die Hitze wie von einem Staubsauger ins enge Führerhaus gezogen zu werden.

Treibhausklima.

Alles hatte damit begonnen, dass Leo Howly von der Shotgun Seite einen skeptischen Blick zum bleiernen Himmel geworfen hatte. Seit Mittag hingen die Wolken extrem tief, und es hatte ausgesehen, als würde sich die Mutter aller Unwetter über ihnen zusammenbrauen.

Dann war es losgegangen.

Von einem Wimpernschlag zum anderen waren fette Tropfen gegen Verdeck und Scheibe geklatscht; der Auftakt einer höllischen Inszenierung. Der Gewittersturm hatte den schwindenden Tag vorschnell in stockdunkle Nacht verwandelt!

Howlys schweißnasses Haar klebte wie altes Sauerkraut auf der von Pigmentflecken übersäten

Haut. Er war ein Jahr älter als Lawrence, dreiunddreißig, und schwor auf die reinigende Kraft des Knoblauchs. Er war zugleich der einzige Mensch, den Max Lawrence jemals mit grunzendem Behagen in eine rohe Zwiebel hatte beißen sehen.

Trotzdem kamen sie gut miteinander aus.

Ihre Fracht bestand aus Ersatzteilen für eine der wenigen Zuckerrohrmühlen, die sich im äußersten Süden Louisianas noch in privater Hand befanden. Das Gros der Plantagen war längst von finanzkräftigen Aktiengesellschaften aufgekauft worden, deren Stammsitze sich in Houston, Atlanta oder hoch oben in New York befanden.

Zu weit, um noch Interesse an den kleinen und großen Nöten der einfachen Arbeiter zu haben ...

Ihr Ziel befand sich in der Nähe von Lafitte, und bis La Place, ein halbes Hundert Meilen vor New Orleans, hatten sie der gutausgebauten Interstate 10 folgen können. Aber spätestens hinter Larose hatte das Interstate Netz aufgehört und war einer Art gemäßigter Wildnis gewichen.

Seither waren sie entlang eines Tom Sawyer Panoramas gefahren, ohne den Zauber der alten Geschichten zu spüren. Nicht nur die Terminnot, auch die lange Abwesenheit von zu Hause machte ihnen zu schaffen. Seit anderthalb Monaten hatte Howly seine Frau nicht mehr gesehen, nur mit ihr telefoniert. Das war bisheriger Negativrekord, und da Annie ein hübsches Kind war, machte er sich so seine Gedanken. Telefonsex war auf Dauer keine würdige Alternative ...

Dann war der sonnenheiße Blitz niedergezuckt. So nahe, dass Lawrence vor Schreck fast das Steuer losgelassen hätte. In Sekundenschnelle wurde die mit Mückenkadavern gepflasterte Frontscheibe sauber gewaschen.

Seither herrschte, obwohl gerade acht Uhr, Finsternis.

„Schöne Scheiße!“ Lawrence hieb gegen das Lenkrad. „Das hat uns gerade noch gefehlt!“

„Besser, wir halten irgendwo an“, pflichtete Howly bei.

„Habe ich schon erwähnt, dass ich Gewitter hasse?“

„Tausendmal“, nickte Howly, der mit Lawrence seit nunmehr acht Jahren durch alle Bundesstaaten rockte.

„Ich wurde bei Gewitter geboren“, fuhr Lawrence ungerührt fort. „Kind der Elemente hat mich meine Mutter betitelt, ehe sie mit dem Kerl, der wahrscheinlich mein wirklicher Vater war, durchbrannte.“

„Tausendmal“, wiederholt Howly. „Diese Scheiße erzählst du mir echt zum xtausendsten Mal jedes mal, wenn’s auch nur entfernt irgendwo kracht, geht dieselbe Leier los...“

Max Lawrence lachte rau. Es klang, als würden sich Stücke aus seiner Lunge lösen.

Das merkwürdige Lachen verging ihm, als selbst die Wischer die herabschüttenden Wassermassen kaum mehr bewältigten. Vernünftigerweise hatte er die Fahrt ohnehin auf etwa 15 Stundenmeilen gedrosselt.

„Karte!“, verlangte er. „Sieh nach, wo genau wir sind ... Verdammt! In unserem Auftrag stand nichts von Unterwasserausrüstung. So wie das gießt, würde mich nicht mal wundern, wenn uns gleich Noahs Arche von links die Vorfahrt schneiden würde!“

„Ideen hast du ...“

„Wie wahr“, knurrte Lawrence. „Ich bin ein Mensch mit Phantasie.“ Er angelte sich das Mikro und schaltete auf Sendung. „Hallo, ihr da draußen! Hört mich jemand, mit oder ohne Kiemen ...?“ Er lachte kollernd, weil er bereits ahnte, dass sich niemand melden würde. Es war nicht der erste Versuch dieser Art, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Seit Einsetzen des Regens hatten sie es ständig probiert.

Howly faltete immer noch die Karte auseinander, als das Umleitungsschild vor einem reißenden Fluss auftauchte, der, wie sich herausstellte, auf der Karte nur als sanftes Bächlein eingezeichnet war. Die Brücke, die kaum von den Scheinwerfern des Trucks erreicht wurde, stand bis zum Geländer unter Wasser. Nur ein paar Masten ragten noch empor. Jemand hatte eine provisorische Absperrung davor errichtet. Das Umleitungsschild zeigte nach rechts ins Nirgendwo.

Lawrence hatte den Truck problemlos zum Stehen gezwungen und schnappte sich nun selbst voller Ungeduld die Straßenkarte. Im Innenlicht des Führerhauses studierte er, was dieser außerplanmäßige Zwischenfall für sie bedeutete.

„Wir haben keine andere Wahl.“ Er gab die Karte an seinen Partner zurück. „Die Umleitung führt durch ein Waldgebiet und trifft in knapp zehn Meilen Entfernung wieder auf die Fortsetzung dieser Straße. Das riskieren wir!“

„Bist du sicher?“

„Willst du hier campen?“

„Nein, aber den Regen abwarten. Sieht so aus, als wären wir die einzigen Narren, die sich überhaupt so weit gewagt haben!“

Sie mussten beide schreien, um sich zu verständigen. Draußen rauschte der Regen in fast apokalyptischer Stärke.

„Ich werde Annie nie wiedersehen!“, heulte Howly theatralisch.

Vor Max Lawrence’s geistigem Auge tauchte Howlys üppig ausgestattete Frau auf. Howly wusste nicht, dass sein Kompagnon ihre Partnerschaft so ernst nahm, dass er auch Annie vollwertig darin einbezog. Er kannte alle ihre Vorzüge. Howly hatte ihm so lange davon vorgeschwärmt, bis er sie einfach hatte testen müssen...

Genau dieser Howly hätte ihn jedoch, wenn er auch nur davon geahnt hätte, augenblicklich unter die Räder ihres gemeinsamen Trucks geschleift, um ein paarmal vor und zurückzufahren.

„Was ist nun?“, fragte Max. „Wagen wir es?“

Howly gab sich einen Ruck. „Okay. Mir fällt auch keine verlockendere Alternative ein.“

Während Max Lawrence nach rechts steuerte, riss Howly das Mikrofon an sich und versuchte seinerseits, Kontakt zu irgendwem herzustellen.

Lawrence spottete: „Wenn du Kontakt zu einem Delphin kriegst, geb’ ich einen aus, etwas anderes wird sich nämlich nicht melden. Außer uns war vermutlich wirklich keiner so blöd, den Wetterbericht in den Wind zu schlagen.“

Die Stimme aus der Box fiel mit einem neuerlichen Blitz zusammen und war schneller als das folgende Donnergrollen.

Beide Trucker waren sofort wie elektrisiert, zumal es sich eindeutig um eine Frauenstimme handelte, die nassforsch erklärte: „Ich steh’ auf Truckys! Wer seid ihr?“

„Vorsichtig!“, mahnte Lawrence geistesgegenwärtig. „Du bist in festen Händen!“

Warum er das sagte, war klar: Die Frau klang jung, blutjung sogar, und temperamentvoller, als es für einen Ehemann ratsam sein konnte.

Howly ging gar nicht darauf ein. Er war bemüht, den Kontakt nicht wieder zu verlieren. Die Unbekannte meinte: „Ihr müsst ganz in meiner Nähe sein. Mein Gerät hat nur eine sehr begrenzte Reichweite. Sagt mal, wie’s bei euch aussieht. Kurze Szenenbeschreibung!“

Leo Howly erzählte gerade von der überfluteten Brücke, als Lawrence ins Mikro rief. „Wasser, Wasser, Wasser!“, rief er. „Genug der Ortsbeschreibung?“

Es knackte hart in der Verbindung.

„Sie hat abgeschaltet...“, röchelte Howly.

In der Kabine gewitterte es plötzlich heftiger als draußen. Howlys Augen schleuderten seinem Partner Blitze entgegen. Nur am Donnerwetter musste er noch üben, wenn man Lawrence’s stoischen Gleichmut als Maßstab nahm.

„Du hirnverbrannter Ochse ...!“

„Keinen Streit, Freunde, eure Rettung naht!“, krähte es verzerrt aus dem Funk.

Beide Trucker erstarrten. Selbst dem „Kind der Elemente“ verschlug es die Großmäuligkeit, als vor ihnen zwei Scheinwerfer aus der triefenden Dunkelheit auf sie zutanzten.

„Außerirdische!“, lästerte Max, nachdem er sich wieder gefangen hatte. „Die UFOs fliegen tief heute. Muss am Wetter liegen ...“

Howly ging gar nicht mehr darauf ein. Angespannt wartete er, bis sich das graue, nicht identifizierbare Gefährt aus dem Einheitsgrau des Unwetters schälte und dicht neben dem Führerhaus des Kens zum Stehen kam,

„Was ist denn das für ein Vogel?“ Lawrence riss staunend die Augen auf. Sekundenlang schien er an seinen eigenen Witz zu glauben.

Das Fahrzeug ähnelte einem Pickup mit offener Ladefläche, aber es war kein Pickup. Es war irgend etwas... anderes.

Glockenhelles, sympathisches Lachen klang aus dem CB und lenkte sie ab.

„Ihr habt zwei Möglichkeiten, Jungs: Umsteigen zu mir oder im Schneckentempo dorthin folgen, wo mein Zuhause steht! Vor morgen früh wird es nicht aufhören zu regnen. Die hiesigen Wetterfrösche sind da knallhart... Also, Gents?“

„Umsteigen!“, flehte Howly, aber nicht nur die Wetterfrösche, auch Max Lawrence war nicht zu erweichen, „Du hast sie nicht mehr alle in der Krone! Willst du unser gutes Stück hier draußen im Niemandsland ersaufen lassen? Kommt nicht in die Tüte! Wir nehmen Vorschlag Nummer Zwei, Lady!“, wandte er sich an die Lotsin.

Leo Howly seufzte.

Von der Lady kannten sie immer noch ausschließlich die forsche Stimme.

„Einer von uns könnte doch wenigstens...“, startete Howly einen letzten Versuche Dabei merkte er selbst, wie wuselig ihn die Frau gemacht hatte. Seit sechs Wochen war er von Annies Spielsachen getrennt, wenn er daheim war, ging manchmal mehrmals täglich die Post ab. Entsprechend fatal wirkte sich längere Abstinenz bei ihm aus.

„Wenn einer umsteigt, dann ich!“, ernüchterte Lawrence ihn endgültig. Scheinheilig fügte er hinzu: „Das bin ich schon deiner Ehe schuldig!“

Howly warf das Handtuch. Sekunden später setzte sich der Tross in Bewegung.

Anstatt besser zu werden, wurde die Straße nur schmaler, bis sie fast einspurig war. Zweige schrammten entlang der Karosserie, und Blättermatsch betonierte die Scheibenwischer immer hoffnungsloser ein.

Lawrence krallte sich schließlich das Mikro. „Wie weit ist es denn noch?“

„Sind gleich da, Gents. Nur die Ruhe. Eine letzte Biegung noch ...“

Lawrence blieb der Fluch im Halse stecken. „Spinnt die ...?“

Das Vehikel vor ihnen gab plötzlich Vollgas und wurde von der Wasserwand einfach geschluckt. Sowohl Lawrence als auch Howly bemerkten zu spät, dass die Bodenhaftung ihres Truck-Gespanns flöten ging.

Eine erdbebenheftige Erschütterung pflanzte sich durch den Truck. Der hintere Auflieger schien auseinanderzubrechen. Mit der Schnauze voran tauchte die Zugmaschine in einen kaum erkennbaren morastigen Tümpel, in dem sich die durchdrehenden Räder binnen Sekunden festfraßen, bis Max Lawrence entnervt den Motor abstellte.

„Endstation!“, keuchte er ungläubig.

Auch Leo Howly war blass bis in die Lippen. „Dieses... Biest!“, keuchte er. „Dieses miese, kleine, hinterhältige Biest...!“

Was er damit ausdrücken wollte, lag auf der Hand.

Die Lichter des vorausfahrenden Gefährts blieben auch die folgende Zeit verschwunden.

 

 

2

„Wir müssen aussteigen und nachsehen“, sagte Howly nach einer Weile, als erinnerte er sich seines eigenen Ausrufs nicht mehr.

„Nachsehen?“, echote Lawrence böse.

„Vielleicht tun wir ihr unrecht, und es ist auch ihr etwas passiert!“ Lawrence grunzte. „Der ist nichts passiert, noch nicht. Der passiert erst etwas, wenn ich sie zwischen meine Pranken kriege!“

„Und wenn doch ...?“

„Du kannst ja nachsehen. Ich kümmere mich nur um eines, um unser Goldstück hier, das eindeutig abgesoffen ist! Frag mich mal, durch wessen Schuld! Verdammt, weißt du überhaupt, in welchem Shit wir stecken?“ Er zeigte nach draußen, wo der Regen wie zum Hohn allmählich schwächer wurde. Zu sehen war fast nichts mehr, nachdem die Scheinwerfer im Morast versunken waren. Die Nase des Trucks steckte bis Oberkante Kühlerhaube im Wasser. Nur der Frachtauflieger stand noch auf einigermaßen sicherem Grund.

„Ohne Hilfe kommen wir hier nicht wieder raus!“, brachte es Max Lawrence auf den Punkt.

Leo Howly antwortete nicht. Er ließ keinen Zweifel daran, dass er seine ursprüngliche Absicht nicht vergessen hatte. Aus dem Seitenfach holte er eine Stablampe. Ohne sie zu überprüfen, rückte er die Schirmmütze zurecht, stieß die Tür auf und glitt nach draußen.

„Wir sind geschiedene Leute, wenn du das tust!“, gab Lawrence ihm mit auf den Weg.

Auch davon ließ sich Howly nicht mehr aufhalten. Leere Drohungen wusste er einzuschätzen.

Er glitt ins Wasser, das ihm bis zur Brust reichte, ehe seine Füße endlich Halt fanden. Ringsum illuminierte das Wasser von den immer noch funktionierenden Scheinwerfern.

Der Trucker watete schwerfällig in die Richtung, wohin das Fahrzeug mit der Frau verschwunden war. Als er die Lampe anknipste, musste er feststellen, dass sie nicht funktionierte.

Als er den Kopf drehte, glaubte er beim Truck Bewegung zu erkennen. Eine Gestalt, die ebenfalls durch das Wasser watete.

Folgte ihm Max ...?

Leo Howly wollte gerade rufen, als er zwei weitere Schemen auf der anderen Seite wahrnahm. Sie alle bewegten sich nicht vom Truck weg, sondern darauf zu!

Sekunden später erklang ein Schrei, der nur von seinem Partner stammen konnte.

Kein normaler Schrei, sondern einer aus höchster Not geboren!

Als er abrupt abbrach, überkam Howly eine Gänsehaut wie noch nie in seinem Leben.

Er war extreme Situationen gewohnt. Pannen waren nicht selten, wenn man 300 Tage im Jahr unterwegs war, bei jeder Jahreszeit und bei jeder Witterung.

Aber Max hatte nicht wegen einer Panne geschrien.

Diese Gestalten ...

Ein Schuss peitschte.

Howly kannte den Klang der Pistole, die sie im Truck mitführten, seit die Straßen immer unsicherer wurden. Es gab Trucker, die keine Waffe anrühren wollten, egal, was geschah. Er und Max gehörten nicht dazu.

Und jetzt hatte ein Schuss aus dieser Waffe gekracht!

Was ging in ihrem Truck vor?

Licht flammte auf und zerriss Howlys Gedankenkette.

Er blickte genau in den Strahl, der suchend über das Wasser glitt. Geistesgegenwärtig tauchte er ab. Kalt schloss sich der Tümpel über seinem Kopf. Gleichzeitig machte er Schwimmbewegungen mit den Armen, um von der Stelle zu kommen.

Als er prustend nach Luft schnappte, merkte er, dass der Wasserstand bereits niedriger geworden war. Hinter ihm gellten Stimmen. Weitere Lichter tanzten über den Tümpel.

Howly arbeitete sich mit Armen und Beinen weiter, bis er halbwegs trockene Gefilde erreichte. Die Fortsetzung der Straße fand er nicht. Dafür klang in unmittelbarer Nähe die Frauenstimme auf, die er bislang nur aus dem Lautsprecher des CB-Funks gekannt hatte.

„Was ist los bei euch da drüben? Was habt ihr für Probleme?“

Howly überlegte fieberhaft. Die Windgeräusche halfen, sich lautlos zu entfernen. Die Antwort, die vom Truck herüberkam, verstand er bereits nicht mehr. Es gab allerdings keinen Zweifel, dass die Stimme nicht Max gehörte...

Leo Howly begriff allmählich, dass etwas Ungeheuerliches geschah. Kein Zufall, eiskaltes Kalkül hatte sie in diese Lage gebracht!

Nackte Angst lenkte ihn fort von der Stelle, wo der Schrei seines Partners immer noch wie ein Echo zu hängen schien.

Leo Howly ahnte, dass es um viel mehr ging als den Truck, die Ladung oder sonst etwas Ersetzbares.

Es ging um sein Leben!

Max war vielleicht schon tot...

Der Gedanke machte ihn kirre. Bleischwer wurden seine Beine. Dennoch schleppte er sich weiter.

Als erneut Stimmen, diesmal männliche, in seiner Nähe aufklangen, glaubte er zu wissen, was er davon zu halten hatte.

Man suchte nach ihm.

Man ahnte oder wusste von dieser Frau, dass Max nicht allein im Truck gesessen hatte.

Es war, als wäre eine Jagd eröffnet worden, bei der er, Leo Howly, das bevorzugte Wild verkörperte!

Leo schlug sich durch das Gestrüpp und merkte nicht, dass er sich immer weiter von der teilüberschwemmten Straße entfernte.

Motorengeräusch kam und ging.

Seine Schuhe versanken im knöcheltiefen Morast, und am Rande fragte er sich, welcher Wagen unter diesen Umständen noch in der Lage war vorwärtszukommen.

Obwohl er andere Sorgen hatte, fragte er sich auch, wem diese sirenenhafte Frauenstimme gehören mochte.

Worauf hatten die Typen es abgesehen?

Auf das bisschen Ladung?

Brachte man dafür Menschen um?

Irgend jemand hatte Leo einmal gesagt, in Louisiana gingen die Uhren anders als sonstwo auf der Welt.

Bis heute hatte er damit nichts anfangen können. Aber vielleicht stimmte es. Nicht nur die Uhren, auch die Menschen mussten hier anders ticken, wenn das, was ihm gerade widerfuhr, möglich war...!

Sie dürfen mich nicht kriegen!, dachte er.

Max ist tot!, wisperte es aus den Untiefen seiner Seele, wo er schon immer ein Feigling und Angsthase gewesen war. Nur war er vorher noch nie in eine Situation gekommen, in der diese Wesenszüge so dramatisch zum Ausbruch gekommen waren wie nun.

DU bist tot!, rumorte es weiter in seinen Schläfen. Wenn sie dich kriegen, bist DU tot...!

Er wusste nicht, wer „sie“ waren.

Er wollte es nicht wissen.

Er rannte, bis er umfiel.

Selbst als es Tag wurde, nahm der Alptraum kein Ende ...

 

 

3

San Antonio, Texas.

„Bei Murphys Gebeinen!“, fluchte Jim Sherman. Sein Griff in den Kühlschrank war zu einem Fiasko geworden. Die Milchflasche war seiner Hand entglitten, und der Inhalt hatte sich großzügig über die einzelnen Fächer, seine Hosen und den Küchenboden verteilt.

„Murphy?“, fragte Bob Washburn.

„Der, bei dem alles, was schiefgehen konnte, auch prompt schiefging ...!“

„Heute schaffst du es locker, dem Typen Konkurrenz zu machen“, griente der dunkelhäutige Part des auf allen Highways bekannten Trucking-Duos „Sherman & Bukker“.

Jim nickte düster.

Beim Duschen hatte er plötzlich unter kochend heißem Wasser gestanden, weil der Thermostat versagte. Ein spontaner Sprung aus der Duschkabine hätte ihm dabei fast das Genick gebrochen, weil die Seife schneller als er draußen, und dort genau unter seinem Fuß, gelandet war.

Sie waren bei den letzten Vorbereitungen vor einer mehrtägigen Tour quer durch Texas und Louisiana. Leicht verderbliche Lebensmittel in einem Spezialauflieger mussten von San Antonio bis Baton Rouge transportiert werden. Dort sollten sie bei einer Elektronikfirma neuartige Beobachtungsinstrumente für ornithologische Studien abholen und hinunter zur Halbinsel bringen, die weit in den Golf von Mexiko hineinragte und als eines der letzten Reservate in Louisiana, besonderem Naturschutz unterstand. Das Delta National Wildlife Refuge verfügte über einen weltweit einzigartigen Bestand seltener Meeresvögel.

Genaueres darüber wussten weder Bob noch Jim, obwohl sie sich sonst recht gut mit „seltenen Vögeln“ auskannten ...

Es läutete an der Haustür.

„Soll ich ...?“, fragte Bob mit Blick auf das Malheur. „Wenn du unabkömmlich bist...?“

Jim schob sich kopfschüttelnd an ihm vorbei.

Vor der Tür wartete eine Überraschung.

Von der attraktiven Brünetten, die ihn aus nussbraunen Rehaugen anlächelte, kannte er jeden Quadratzentimeter Haut, immerhin hatte er ein halbes Jahrzehnt Bett und sonstiges mit ihr geteilt.

„Carla Sue!“

Sie lächelte verkrampft. „Klingt nicht unbedingt erfreut.“

„Sorry, ist heut nicht mein Tag ... Komm trotzdem rein!“

Seine Ex-Frau kannte den Weg, nur er kannte sie kaum wieder im burschikosen Look, der ihrem sonstigen Hang zu eleganter Kleidung widersprach. Sie trug einfache Jeans, stonewashed, eine helle Bluse und darüber eine dunkle, ärmellose Weste. Sie wirkte ein bisschen wie eine krampfhaft auf Country & Western getrimmte Nachwuchssängerin kurz vor ihrem ersten Nashville-Auftritt.

„Wechselst du jetzt in die Folklore-Branche?“, spielte Jim auf ihre Boutique an. „Kehrt deine verwöhnte Kundschaft etwa zurück zu den Wurzeln ...?“

Carla Sue war wortlos vor dem Schlachtfeld Küche stehengeblieben. Von Bob war keine Spur zu entdecken. Aber die Verandatür stand offen. Es schien, als habe sich der Ex-Schwergewichtsboxer vorausschauend aus dem Staub gemacht. Er achtete Jims Privatsphäre, und Carla Sues Auftauchen zu dieser Stunde konnte nur privat sein. Sehr privat. Im nächsten Moment hörte Jim draußen den „Thunder“ anspringen. Offenbar nutzte Bob die Zeit, um einen letzten Check vor der großen Fahrt durchzuführen.

Auch Carla Sue hörte es. „Du bist nicht allein?“

Er schüttelte den Kopf.

„Bob?“

Er nickte.

Ohne zu fragen, nahm sie einen Lappen, Besen und Schaufel und machte sich daran, die Schweinerei vor dem Kühlschrank zu beseitigen.

Jim griff ihr in den Arm. „Lass doch. Ungeschicklichkeit wird bestraft. Ich räume das selbst weg.“

Sie streifte seine Hand weg. „Lass mich! Ich bin ja gleich fertig. Die paar Scherben noch ... Autsch!“ Sie steckte den Finger in den Mund.

„Geschnitten?“ Er war sofort bei ihr. Ihre Hand musste er sich fast erkämpfen.

Der Schnitt war nicht sehr groß, aber er blutete enorm.

Die Art, wie sie ihm den gespreizten Finger hinhielt, war fast eine Aufforderung, ihn in den Mund zu nehmen, wie sie es zuvor getan hatte.

Jim beherrschte sich.

„Das haben wir gleich ...“

Er fand Heftpflaster und Schere und versorgte sie wie eine erstklassige Krankenschwester.

Carla Sues Augen glommen seltsam, als sie sich nicht davon abhalten ließ, ihre begonnene Säuberungsaktion fortzuführen. Sie gab nicht eher Ruhe, bis der letzte Makel im und um den Kühlschrank herum verschwunden war.

„Die Hose musst du selbst wechseln. Oder soll ich ...?“

„Schon in Ordnung“, wiegelte er ab. „Aber lass deine Nummer da, wenn du gehst. Kann sein, dass mir das jetzt öfter passiert. Seit ich halbes Greisenalter erreicht habe, kämpfe ich ständig gegen die Tücke des Objekts!“

„Mit fünfunddreißig fängt wahrhaftig die Tatterigkeit an“, erwiderte Carla Sue. „Ich hoffe dennoch, dass du meine Nummer hast. Ich bin vielleicht nicht immer sofort erreichbar, aber ich wohne immer noch sehr allein in meiner sehr großen Wohnung, und ...“

Sie verstummte.

Aber da war er wieder: dieser Unterton...

Jim wartete nicht länger. „Was, außer deiner Eigenschaft als Putzfee, führt dich wirklich so früh morgens zu mir?“

„Als wir uns das letzte Mal sahen, war nicht die richtige Gelegenheit, darüber zu reden ...“

Als sie das letzte Mal zusammengetroffen waren, hatte Luke Ryland, der Trucker-King, mit dem Tod gerungen. Carla Sue war erst eine Woche nach seinem Infarkt und der lebensbedrohlichen Schussverletzung im Texas Memorial Hospital aufgekreuzt. Alle Versuche, sie ausfindig zu machen, waren zunächst gescheitert. Schließlich war sie im Texas Memorial erschienen, hatte der Familie aber keine Erklärung gegeben, wo sie so lange gesteckt hatte. Einige hatten das nicht sehr positiv aufgenommen. Besonders Darlene, ihre jüngere Schwester, nicht.

„Worüber zu reden?“, fragte er. Eine innere Stimme riet ihm zur Zurückhaltung. Carla Sues ganzes Auftreten ließ erahnen, dass es sich um etwas ziemlich Persönliches handelte.

Ihre nächsten Worte bestätigten dies.

„Ich wollte mit dir über uns reden.“

Er blickte sie schweigend an. Dann wandte er sich ab. „Kaffee?“

Die Kanne in der Maschine war noch randvoll. Er hatte sie mit auf die Tour nehmen wollen.

„Ein Kaffee könnte uns beiden nicht schaden.“ Sie setzte sich an den Tisch, warf jedoch einen unsicheren Blick nach draußen, wo Bob immer noch an der Garage zu hören war.

Jim stellte eine volle Tasse vor ihr ab. „Wie geht es Luke?“

„Soweit gut, danke. Er managt von zu Hause aus bereits wieder die Geschäfte mit Pat. Die beiden haben sich in den Kopf gesetzt, den Markt für Trucks zu revolutionieren.“

„Es ist ihnen zuzutrauen, dass sie das schaffen.“ Jim lächelte etwas gezwungen. „Ich habe übrigens nicht so viel Zeit, wie du vielleicht ...“

„Wir brauchen nicht lange“, unterbrach sie ihn. „Ich wollte nur etwas Grundsätzliches bereden. Bereits vor den tragischen Ereignissen um Dads Infarkt und seine Schussverletzung kursierte das Gerücht, dass ihr beide - du und Bob - wie soll ich mich ausdrücken, expandieren wollt.“

„Wir wollen ein zweites Team hinzunehmen“, nickte Jim. Er setzte sich ihr gegenüber. „Das Vorhaben liegt momentan auf Eis. Wie du vielleicht auch erfahren hast, sind die beiden Truck-Ladies, mit denen wir fast einig waren, tödlich verunglückt sind. Gelegenheit für uns, die Sache noch einmal gründlich zu überdenken.“

„Ich fand die Idee hervorragend.“

„Nett von dir.“

„Hör auf, mich nett zu finden!“, fauchte sie.

Er blickte verwundert. „Wie hättest du es denn lieber?“

„Wenn du mich endlich mal wieder als Frau sehen würdest.“

„Das tue ich.“

„Ja.“ Ein bitteres Lachen kam aus ihrer Kehle. „Als verwöhnte Tochter eines reichen Vaters.“

Er schwieg.

„Es stimmt also?“ Sie atmete schwer.

„Müssen wir das jetzt besprechen?“

„Jetzt oder nie!“

„Warum die Eile? Ich muss gleich weg.“

„Erinnerst du dich an unser Gespräch im Krankenhaus?“, fragte sie.

Erstaunlicherweise erinnerte er sich sogar an den genauen Wortlaut ihres Dialogs abseits der anderen, und erstaunlicherweise hatte er sofort daran denken müssen, als er sie vor der Haustür hatte stehen sehen.

Carla Sue: „Du hast gar nicht gefragt, wo ich war.“

Jim: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es wichtig wäre, für uns.“

Carla Sue: „Es ist wichtig - gerade für uns!“

Jim: „Ich verstehe nicht, was du meinst.“

Carla Sue: „Ich würde es dir ja erklären. Wenn du mich lässt.“

Jim: „Gut. Ich höre zu.“

Carla Sue: „Nicht hier!“

Jim (schulterzuckend): „Auch gut... Sag mir, wenn du soweit bist - was immer es ist.“

Offenbar war sie jetzt soweit und kam unaufgefordert auf sein Angebot zurück.

„Ich bin in mich gegangen“, sagte sie. „Ich weiß, das klingt bescheuert, aber ich habe mich gefragt, ob ich es ertragen würde, dich in den Armen einer anderen zu sehen ...“

„Carla Sue! Bitte ...“

„Nein, lass mich! Ich muss es loswerden!“ Sie lächelte verkrampft. Das fehlende Make-up fiel ihm erst jetzt auf, und er musste sich eingestehen, dass er kaum eine schönere und ausdrucksstärkere Frau kannte. Carla Sues Schönheitsgeheimnis bestand darin, dass sie kein Geheimnis hatte. Sie brauchte keine Schminke, wenn sie dennoch darauf zurückgriff, war sie die uneingeschränkte Königin. Hier und heute war sie nur Carla Sue, und Jim dämmerte, dass hinter ihrem vermeintlichen Zufallsbesuch viel mehr steckte.

„Du hast mir immer vorgeworfen - zu Recht vorgeworfen, dass ich nicht für das raue Trucker-Leben geschaffen wäre! Das mag zugetroffen haben. Aber der Mensch ändert sich, ich auch. Als ich hörte, was ihr vorhabt, dachte ich, das könnte die Chance sein, auf die wir beide gewartet haben ...“

„Wovon redest du?“, fragte er kühl.

„Hast du nicht zugehört?“ Ihre Wangen glühten. „Ich rede von uns! Davon, dass ich es noch einmal versuchen möchte! Ich war nicht einfach nur so für einige Zeit von der Bildfläche verschwunden, ohne dass jemand wusste, wo ich mich aufhielt, ich habe etwas erledigt.“

„Was?“, fragte Jim, ohne sicher zu sein, dass er es wirklich hören wollte.

Sie zögerte.

Draußen erstarb der Motor des Kenworth W 900. Bob hustete vernehmlich, als wollte er ankündigen, dass er jetzt zurückkehre.

Rasch sagte Carla Sue: „Ich habe Fahrunterricht genommen.“

Er begriff nicht. „Fahrunterricht?“

„Ich hab’ es geschafft“, sagte sie mit großen, glänzenden Augen. „Ich darf jetzt jedes Monster fahren! Ich darf nicht nur - ich kann!“

„Du meinst...?“

Sie nickte.

„Das ist nicht dein Ernst...“

„Doch! Was sagst du dazu?“

„Ich bin platt!“

„Ist das alles?“, giftete sie ihn an. Er war nicht ganz unschuldig daran.

„Ich verstehe immer noch nicht ganz, was du mir damit sagen willst.“

„Du machst es einem nicht leicht!“

Er zuckte die Schultern. „Also?“

„Ich möchte mich aktiv an eurem Vorhaben beteiligen, das Thunder Team zu verstärken. Ein zweiter Truck wird aufzutreiben sein. Dad ...“

„Jetzt begreife ich“, stoppte er sie ungläubig. „Du willst mit einer vierten Person das zweite Team stellen, das uns vorschwebt...!“

Sie blickte ihn mit ihren Haselnussaugen an und verblüffte ihn erneut. „So dachte ich es mir, offen gestanden, nicht.“

Jim seufzte erleichtert. Verfrüht.

„Ich dachte eher, dass du und ich das eine Team bilden könnten und wir für Bob einen Shotgun finden müssten

Jim blieb die Spucke weg. Ehe er etwas erwidern konnte, trat Bob durch die hintere Verandatür. „Hi, Carla Sue! Redet ihr von mir?“

„Würdest...“, setzte Jim gepresst an, „würdest du uns noch einen klitzekleinen Moment allein lassen?“ Bob spürte sofort, dass etwas nicht Alltägliches in der Luft lag. Er machte auf dem Absatz kehrt und ging wieder nach draußen.

„Er hätte ruhig mitdiskutieren können ...“ Carla Sue ballte zornig die Fäuste.

„Hätte er nicht!“

„Und warum nicht?“

„Weil du verdammten Müll redest!“, erklärte er schonungslos. „Ich fürchte, wir müssen wirklich miteinander reden, über uns, Carla Sue!“

Sie schluckte. Vielleicht begriff sie, dass sie Porzellan zerschlagen hatte, das so leicht nicht wieder zu kitten war. Dennoch meinte sie: „Fang an. Ich halte einiges aus.“

„Ich weiß. Und es ist auch besser, endlich reinen Tisch zu machen.“ Er griff ihre Hand, die kalt und leblos auf dem Tisch lag. „Es ist nicht leicht, dir das klarzumachen. Ich mag dich, Carla Sue, ich mag dich als gute Freundin. Ich hatte mindestens so lange Gelegenheit, über uns nachzudenken, wie du, nur bin ich zu einem etwas anderen Resultat gekommen. Ich glaube nämlich nicht, dass das, was dir vorschwebt, Zukunft hätte. Es ginge vielleicht drei Tage gut, länger nicht. Das weiß ich. Du klammerst dich da an eine Illusion. Hättest du vorher mit mir gesprochen, wäre dir diese Enttäuschung erspart geblieben. Es tut mir ehrlich leid, aber Fehler sollte man nicht wiederholen, und es wäre ein gewaltiger Fehler zu glauben, wir beide könnten uns noch grundlegend ändern. So wenig, wie ich für dein Leben geschaffen bin, so wenig bist du es für meins! Gib es endlich vor dir selbst zu, Carla Sue. Mit uns beiden, das wird nichts mehr. Auf freundschaftlicher Basis hat es nach unserer Trennung funktioniert. Aber ...“

Sie stand auf. Ihr Gesicht war ausdruckslos. Sie ging an ihm vorbei in den Flur.

„Carla Sue ...“

„Ich habe verstanden“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.

Es klang eher nach dem Gegenteil.

Jim wusste, dass er drastische Worte gewählt hatte. Allerdings war ihr Ansinnen nicht weniger

drastisch gewesen. Deshalb blieb er sitzen, obwohl er sich denken konnte, dass sie nur darauf wartete, aufgehalten zu werden.

Dann hörte er die Tür schlagen und einen Motor aufheulen.

Bob kehrte zurück. „Die hatte es aber eilig ... Darf man fragen, was sie wollte?“

„Man darf“, seufzte Jim.

Er verfluchte Murphy.

Er verfluchte diesen Tag, der noch nicht zu Ende war ...

 

 

4

24 Stunden später.

Baton Rouge, Louisiana.

„Ich warte hier“, sagte Jim.

„Du kannst gern mitkommen ...“

Jim grinste nur. Auch er wusste, wann es an der Zeit war, Freundschaften nicht überzustrapazieren.

Die Mauern des anonymen grauen Wohnblocks wuchsen neben dem „Thunder“ hervor und ließen bestenfalls erahnen, wie viele Menschen dahinter an ihren Leben bastelten.

Nicht nur Jim, auch Bob pflegte ein mitunter äußerst kompliziertes Privatleben. Baton Rouge war seine erste Adresse für Probleme. Hier, im 13. Stockwerk dieses Hauses, wohnte Sheila Dalton mit Sohn Michael, dem nunmehr dreijährigen Beweis dafür, dass es zwischen Sheila und Bob einmal heftig „gefunkt“ hatte.

Die kaffeebraune Kreolin hatte sich in den fast vier Jahren auch für Bob als unbezähmbar erwiesen und nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie ihre persönliche Freiheit wegen eines gemeinsamen Kindes nicht aufgeben wollte. Ein stinknormales Eheleben kam für sie nicht in Frage, dafür glaube sie sich ungeeignet. Sie liebte das Leben und war, auch was ihr Liebesleben anging, jemand, der den Drang hatte, alles Reizvolle einmal auszuprobieren.

Da Bob diesbezüglich auch einiges hinter sich hatte, konnte er es ihr kaum vorwerfen. Dennoch hatte es lange gedauert, bis er mit dem Arrangement klargekommen war, das sie getroffen hatten. Er durfte Michael besuchen, wann immer ihm danach war. Durch die relativ große Distanz zwischen San Antonio und Baton Rouge war dies nur selten möglich. Wann immer ihn dennoch ein Auftrag in die Nähe führte, zweigte er etwas Zeit ab, um seinen Sohn zu sehen.

Nicht selten musste er dabei allerdings mit Sheilas Freundin Sandy Winfield als Gastgeberin vorliebnehmen. Dann nämlich, wenn die „Louisiana-Lady“ wieder einmal mit ihrem Peterbilt auf Achse war. Bob und Sandy waren nicht gerade ein Herz und eine Seele, was viel damit zu tun hatte, dass er den stillen Verdacht hegte, Sandy kümmere sich mehr um Michael als seine leibliche Mom ...

Details

Seiten
100
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931174
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496194
Schlagworte
friedhof trucks

Autor

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Titel: Friedhof der Trucks