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Golden Rose Saloon

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Golden Rose Saloon

Copyright

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Golden Rose Saloon

Western von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.

 

Als Shayne Kelly in der Stadt eintrifft, ist seine erste Station der Golden Rose Saloon. Als er sich dort ein Bier bestellt, wird er von Jean Dupree, einem Revolvermann, aufgefordert, zu gehen. Doch Kelly lässt sich nicht einschüchtern, denn er war hierhergekommen, um der Besitzerin des Saloon zu helfen. Charles Russell will mit allen Mitteln die Stadt beherrschen. Dazu gehört auch Katie Reeds Saloon, den er in seinen Besitz bringen will. Um sein Ziel zu erreichen, schickt er seine Revolvermänner los ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover:Tony Masero

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de

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1

Der Dunkelgekleidete kräuselte die Lippen und spie aus. Tabakbrauner Speichel klatschte auf die Tischplatte. Erschrocken zuckten die beiden Männer zurück. Angst und Ekel lagen in ihren blassen Gesichtern. Ihr Besteck landete scheppernd auf den Dielenbrettern des Saloons.

„Raue Gegend hier“, brummte der Dunkelgekleidete grinsend, „nichts für Krämerseelen aus dem Osten.“ Sein Blick aus schmalen Augen lag geringschätzig auf den beiden, deren noble Anzüge allzu deutlicher Ausweis städtischer Geschäftsleute waren.

Die Frau stand allein hinter dem Bartresen. Ihre Hände tasteten nach der Schrotflinte. Doch der Mann schien auch im Hinterkopf Augen zu haben. Er drehte sich nur halb um und streifte sein Jackett beiseite, dass der Griff des schweren Sechsschüssers sichtbar wurde.

„Lass es sein, Katie! Ich schieße nicht gern auf eine Frau!“

Resigniert wich sie zu den Flaschenregalen zurück. Er wandte sich wieder den beiden Städtern zu, die vor Schreck kein Wort hervorbrachten.

„Frische Luft würde euch guttun, Freunde. Ihr seht mächtig blass aus.“

Sie verstanden augenblicklich, stießen die Stühle weg und hasteten zum Ausgang. Mit wehenden Rockschößen eilten sie auf die Schwingtür zu. Und erneut fuhr ihnen der Schreck in die Knochen, als sich die helle Türöffnung vor ihnen verdunkelte. Aber sie begriffen, dass ihnen keine neue Gefahr drohte. Die Sporen des hochgewachsenen Mannes klirrten leise, als er die Türflügel aufstieß. Verwundert lächelnd blieb er stehen, betrachtete die beiden Geschäftsleute, die zitternd einen raschen Bogen um ihn machten und ins Freie schlüpften. Die Schwingtür pendelte noch, als er seinen Weg fortsetzte und sich der Theke näherte. Er schob den Stetson aus der Stirn, und flachsblondes Haar wurde sichtbar.

Freude und Überraschung malten sich plötzlich in die Züge der Frau.

„Shayne!“, rief sie. „Shayne Kelly! Mein Gott ...“

Der Dunkelgekleidete stand regungslos und lauernd da. Aus zusammengekniffenen Augen fixierte er den Fremden, der so aufreizend furchtlos daherkam.

Shayne Kelly schien ihn nicht einmal zu beachten. Er warf die Satteltasche auf die Theke, legte die Winchester daneben und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Minutenlang sah er die Frau mit seinem jungenhaften Lächeln an.

„Du hast dich nicht verändert, Katie“, sagte er dann, „man könnte sogar meinen, du wärest jünger geworden in all den Jahren.“

Sie blickte zu Boden. Im nächsten Moment wich ihre Wiedersehensfreude der Besorgnis. Ihr Blick deutete zu dem Dunkelgekleideten, der sich immer noch nicht vom Fleck gerührt hatte.

Shayne Kelly verstand sofort. Doch keine Regung seiner Miene zeigte, dass er dem anderen auch nur Beachtung schenkte.

„Ein kühles Bier!“, sagte er. „Damit könntest du mir nach diesem Ritt einen Gefallen tun, Katie.“

Sie griff hastig nach einem Glas.

„Verzeih, Shayne, dass ich nicht gleich daran dachte. Ich ... ich bin etwas verwirrt.“ Ihre Hände zitterten, als sie das Glas unter den Zapfhahn hielt.

Shayne Kelly antwortete nicht. Er lehnte den rechten Ellenbogen auf die Theke und drehte sich halb um. Noch immer lag das Lächeln in seinen Mundwinkeln, als er den finsteren Burschen musterte, der neben dem Tisch mit umgekippten Stühlen und halbverzehrten Steaks stand.

Shayne Kelly war ganze sechs Fuß groß, schmalhüftig und breit in den Schultern. Seine hellbraune Lederjacke war vom Staub des Zweitageritts grau geworden. Wind und Wetter hatten harte Furchen in seine gebräunten Gesichtszüge gemeißelt. Die blauen Augen des hochgewachsenen Mannes waren von einer Klarheit, dass sich Unerschrockenheit und Unnachgiebigkeit darin spiegelten.

Katie Reed schob das Bierglas vor ihn hin.

Als Shayne danach griff, setzte der Dunkelgekleidete ein spöttisches Grinsen auf.

„Ich würde es nicht trinken, Mister. Das Bier schmeckt in diesem Laden schal und abgestanden. Zu wenig Umsatz. Sie verstehen?“

Shayne lächelte nur. Er hob das Glas an die Lippen und leerte es in einem Zug bis zur Hälfte. Er stellte es weg und nickte bedächtig.

„Ich verstehe, Mister.“ Er machte eine Bewegung mit der Linken, deutete auf die leeren Tischreihen des Saloons. „Zu wenig Betrieb hier, stimmt’s? Dabei hätte Katie es verdient, jeden Tag hundert Gäste zu haben.“

„Komische Sache“, höhnte der andere, „aber es scheint keinem hier zu gefallen.“

„Mir schon“, entgegnete Shayne gelassen. „Ich denke, ich werde Katies erster Stammgast sein. Das Bier ist übrigens nicht abgestanden, Mister.“

Die Miene des anderen wurde so dunkel wie seine Kleidung.

„Hüten Sie sich!“, zischte er. „Ich kann es nicht vertragen, wenn man mich verspottet!“

Shayne zuckte die Achseln, wandte sich wieder seinem Bier zu.

„Schon gut, Mister. Ich habe Sie zu keinem Gespräch aufgefordert. Und ich will meine Ruhe.“

Shaynes Blick haftete auf Katie, die vor Angst kein Wort herausbekam. Sie war noch so schön wie damals, als er sie zuletzt gesehen hatte. Reifer noch und selbstbewusster. Allein, die ständige Sorge, in der sie lebte, hatte das Feuer ihrer dunklen Augen erlöschen lassen. Resignation lag darin, stumme Verzweiflung.

Der Schuss krachte, als Shayne nach seinem Bierglas greifen wollte. Die Kugel strich sengend an seinen Fingerspitzen vorbei, ließ das Glas zersplittern. Gerstensaft spritzte über Shaynes Hand und verursachte dunkle Flecken auf seiner staubigen Jacke.

Katie Reed war vor Schreck erstarrt.

Indessen war Shayne Kelly nicht einmal zusammengezuckt. Er hatte es kommen sehen, weil er Katies Miene beobachtet hatte. Sie konnte ihn nicht warnen, denn ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Er wandte den Kopf und sah den rauchenden Colt, den der andere auf ihn gerichtet hielt.

„Du wirst die Flecken von meiner Jacke bürsten“, sagte Shayne ruhig.

Der Dunkelgekleidete runzelte ungläubig die Stirn. Dann brach er in schallendes Gelächter aus.

Genau das hatte Shayne gewollt. Für einen Moment war der andere unaufmerksam. Es genügte.

Blitzartig stieß sich Shayne von der Theke ab, schnellte zur Seite weg. Aus den Augenwinkeln heraus sah er noch, wie Katie sich vor den Flaschenregalen zu Boden warf.

Der Schuss hallte donnernd von den Wänden zurück. Doch der Dunkelgekleidete hatte um einen Atemzug zu spät reagiert. Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut, als das Blei wirkungslos in die Dielenbretter fuhr. Er schwenkte den Sechsschüsser herum, wollte von Neuem abdrücken.

Da sprang ihn die grellrote Lanze des Mündungsfeuers an. Shayne Kelly hatte im Fallen gezogen. Und mit geradezu unheimlicher Präzision fand die Kugel aus seinem Colt ihr Ziel.

Der andere stieß einen zornigen Schrei aus. Sein rechter Arm wurde wie von einem Huftritt beiseite gefegt. Grenzenlos erstaunt sah er seinen Sechsschüsser in hohem Bogen durch die Luft fliegen. Polternd landete die Waffe irgendwo auf dem Fußboden. Zu weit entfernt. Seine Rechte schwoll augenblicklich an. Trotzdem gab der Dunkelgekleidete nicht auf. Mit wutverzerrtem Gesicht wollte er seine Schlappe ausbügeln, griff mit der Linken unter das Jackett.

Doch Shayne Kelly war bereits auf den Beinen. Wieder spuckte sein Colt Feuer. Das Blei fuhr haarscharf vor den Stiefelspitzen des anderen in den Boden.

Er erstarrte, ließ die Hand sinken.

„Lass es sein, Hombre!“, warnte Shayne, nachdem das Donnern des Schusses verklungen war. Er trat auf den Mann zu, aus dessen Augen ihm wilder Hass entgegenloderte. Unbeeindruckt förderte Shayne einen doppelläufigen Remington Derringer zutage, den der andere in der Innentasche seiner Jacke verborgen hatte. Rasch überzeugte sich Shayne, dass es nicht noch weitere versteckte Waffen gab. Er hob seinen Hut auf und stülpte ihn sich über die blonden Haare. Dann legte er den Colt neben sich auf die Theke und streifte die Lederjacke ab, ohne den Dunkelgekleideten auch nur einen Sekundenbruchteil aus den Augen zu lassen.

Katie hatte sich inzwischen aufgerappelt. Aus weit geöffneten Augen starrte sie Shayne an, als könne sie nicht glauben, dass er noch am Leben war.

„Eine Kleiderbürste, Katie!“, bat er.

Wortlos erfüllte sie seine Bitte.

„Das wirst du nicht wagen!“, zischte der andere in ohnmächtiger Wut. „Du wirst dir noch wünschen, nicht geboren worden zu sein!“

Shayne Kelly lächelte nur und nahm den Colt in die Rechte.

„Ein Wort mehr, Hombre! Los doch, dann bringe ich dir den Square Dance bei!“ Er legte seine Lederjacke und die Bürste auf den Tisch, der der Theke am nächsten stand. Den Revolver behielt er in der Hand, als er zurück an die Theke trat.

„Fang an, Revolverschwinger! Und sag Bescheid, wenn die Bierflecken nicht mehr zu sehen sind.“

Der Dunkelgekleidete schäumte vor Wut. Hinter seiner Stirn arbeitete es. Welche Demütigung war größer? Vor der Frau zu tanzen oder die Jacke bürsten zu müssen? Als sich der Revolverlauf des Blonden auf seine Stiefelspitzen richtete, griff er rasch nach der Bürste und machte sich an die Arbeit. Zähneknirschend.

Shayne wusste, dass er sich einen Todfeind geschaffen hatte, kaum dass er in der Stadt angekommen war. Doch es kümmerte ihn nicht. Sein Leben lang hatte er mit immer neuem Verdruss fertigwerden müssen. Das hatte ihn zu einem stahlharten, gnadenlosen Kämpfer gemacht. Und überdies war er nicht nach Clayton in New Mexico gekommen, um auszuruhen. Nein, er hatte von vornherein gewusst, dass er auch hier kämpfen musste. Wie überall, wo ihn sein unbändiger Gerechtigkeitssinn zum Eingreifen zwang.

„Wie heißt er, und was treibt er hier?“, fragte Shayne, ohne den Blick von dem Bürstenden zu nehmen.

„Jean Dupree“, antwortete Katie. Ihre Stimme zitterte. „Er vertreibt mir die Gäste.“

„Eine feine Beschäftigung für einen französischen Gentleman“, nickte Shayne, „sicher haben ihn die Messieurs aus Louisiana verscheucht, weil er für ihre sauberen Kreise zu schmutzige Gedanken hat.“

Dupree unterbrach seine Zwangsarbeit. Es schien, als wollte er sich auf seinen Bezwinger stürzen. Doch das Knacken des Revolverhahns ließ ihn resignieren. Weiß vor Wut machte er weiter. Er konnte nur noch die Linke gebrauchen, denn seine Rechte war gerötet und angeschwollen, schien ihm höllische Schmerzen zu bereiten.

„Gut so, Monsieur Dupree!“, lobte ihn Shayne Kelly. „Und beim nächsten Mal werden Sie bestimmt besser darüber nachdenken, ob Sie einen Fremden mit dummen Scherzen herausfordern.“

Katie Reed war im Begriff, ihm ein neues Glas Bier einzuschenken. Die Schwingtür flog plötzlich auf, als Shayne sich eine Zigarette drehte und sie anzündete. Er ließ das Streichholz fallen und trat es aus.

Die beiden Männer waren blitzschnell hereingekommen, bauten sich sofort links und rechts von dem Eingang auf. Die schweren Sechsschüsser in ihren Fäusten redeten eine deutliche Sprache.

Sofort ließ Dupree die Bürste fallen. Ein heimtückisches und zufriedenes Grinsen kerbte sich in seine Mundwinkel, als er aus der Schusslinie huschte.

„In Deckung, Katie!“, murmelte Shayne, ohne sich umzudrehen. Links neben ihm lag die Winchester auf der Theke. Zur Rechten sein Colt. Doch er konnte es nicht riskieren, nach einer der beiden Waffen zu greifen. Noch nicht.

Er musterte die beiden Kerle, die jetzt langsam näherkamen. Sie waren von der gleichen Sorte wie Dupree. Obwohl sie sich äußerlich so wenig ähnelten wie Tag und Nacht. Der eine war ein Halbblut, wahrscheinlich ein Yaqui Mischling. Durch sein bis zum Gürtel offen stehendes Hemd war eine silberne Kette zu sehen, an der er ein indianisches Amulett trug. Seine dunklen Augen funkelten mordlustig unter dem glänzenden blauschwarzen Haar. Der andere war schlank, eher hager. Er trug die Kleidung eines Weidereiters. Doch seine schmalen Hände und die bleiche Gesichtshaut zeigten, dass er kaum an Sattelarbeit gewohnt sein konnte. Seine Lippen waren dünn und blutleer. Er machte den Eindruck eines Schwindsüchtigen.

„Gebt es dem Hundesohn!“, schrie Dupree aus sicherer Entfernung. „Er soll wissen, dass er in Clayton nicht ungestraft große Töne spucken kann!“

Die beiden Revolvermänner nickten. Sie näherten sich Shayne Kelly bis auf fünf Schritte.

„Komm näher! Von der Theke weg!“. forderte der Blasse mit einer Stimme, die so kalt war wie der Stahl seiner Waffe.

Shayne machte sich keine Illusionen. Im Augenblick stand es für ihn höllisch schlecht. Duprees Freunde hatten ihn überlistet. Was nicht einmal schwierig gewesen war. Vermutlich hatten sie den Schusswechsel gehört, hatten sich angeschlichen, einen Blick durch das Fenster geworfen und waren dann im richtigen Moment hereingestürmt.

Shayne Kelly war im Begriff, dem Befehl Folge zu leisten, als sich das Blatt unverhofft zu seinen Gunsten wendete. So trat er lächelnd einen Schritt vor. Mehr nicht.

Dupree bemerkte den Marshal noch vor seinen Freunden. Doch mehr als Unwilligkeit über die Störung war in seiner Miene nicht zu lesen. Keinerlei Respekt vor dem Eingreifen des Gesetzeshüters.

Der Marshal blieb vor der nachschwingenden Pendeltür stehen. Auf seinem hellen Baumwollhemd blinkte der Stern matt im Gegenlicht. Als er die Winchester durchlud, war das Spiel seiner mächtigen Muskeln unter den Hemdsärmeln zu erkennen. Das metallische Geräusch des Repetierhebels ließ die beiden Revolvermänner herumwirbeln. Ihre ärgerlichen Gesichter zeigten, dass sie mit einer Störung dieser Art nicht gerechnet hatten.

„Verschwinde, Banks!“, knurrte der Blasse. „Du wirst hier nicht gebraucht!“

Shayne Kelly runzelte die Stirn. Fast hörte es sich an, als ob man in dieser Stadt in einem solchen Ton mit dem Marshal zu reden pflegte. Doch der Blasse hatte sich getäuscht, wenn er glaubte, den Vertreter des Gesetzes einschüchtern zu können.

„Ich gebe euch eine Minute Zeit!“, erklärte der Marshal schneidend. „Steckt eure Waffen weg und verlasst den Saloon! Sonst bin ich gezwungen, euch einzusperren.“

Dupree und die beiden anderen wurden unsicher. Sie spürten, dass Marshal Banks es ernst meinte.

„Bist du verrückt?“, empörte sich Dupree dennoch. „Du stehst auf verlorenem Posten, wenn du dich mit uns anlegst!“

Der Marshal schüttelte den Kopf.

„Ich denke, ich bin nicht allein.“ Er deutete auf Shayne Kelly. „Ich dulde keine Schießerei in der Stadt! Das ist alles. Also macht, dass ihr verschwindet!“

Der Blasse und das Halbblut sahen abwartend zu Dupree hinüber. Dessen Unsicherheit blieb deutlich in seinem verschlagenen Gesicht. Er wusste, dass er in einem Kampf wegen seiner verstauchten Rechten nicht mithalten konnte. Also standen die Chancen zwei zu zwei. Zu knapp für einen Mann wie Jean Dupree. Hinzu kam, dass Shayne Kelly bereits wieder an der Theke war, nahe bei seinen Waffen.

„Also gut“, knurrte Dupree schließlich. Der Zeigefinger seiner Linken bohrte sich in Marshal Banks’ Richtung. „Aber ich warne dich, Banks! Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!“ Er gab seinen beiden Gefährten einen Wink. Widerstrebend schoben sie ihre Revolver zurück in die Holster. Der Marshal trat einen Schritt beiseite, um sie vorbeizulassen. Dann kam er auf Kelly zu, sah ihn sekundenlang stumm an.

„Es gilt auch für Sie, Fremder. Ich dulde keine Schießereien in der Stadt! Diesmal waren Sie im Recht. Aber es kann leicht anders kommen.“

Shayne nickte lächelnd und verstaute seinen Sechsschüsser im Leder.

„Danke für die Hilfe, Marshal.“

Der Gesetzesvertreter machte wortlos kehrt und ging hinaus.

Katie Reed schob das inzwischen gefüllte Bierglas über den Tresen. Die Erleichterung war ihr anzumerken.

„Ich werde den Saloon schließen, Shayne. Es kommt sowieso niemand mehr. Außerdem haben wir eine Menge zu besprechen.“

„Ja“, sagte Shayne und zündete sich eine neue Zigarette an. Seine Gedanken kreisten um den Marshal und die Revolvermänner, die sich einen Dreck um den Metallstern kümmerten.

Es schien eine Menge faul zu sein in Clayton, New Mexico. Und dabei drehte es sich nicht allein um Katie Reeds Saloon. Soviel hatte Shayne Kelly in der ersten Stunde seiner Anwesenheit schon mitbekommen.

 

 

2

Ein heißes Bad, saubere Kleidung und eine ausgiebige Abendmahlzeit weckten Shaynes Lebensgeister. Er fühlte sich frisch und ausgeruht, erinnerte sich kaum noch daran, dass er seit Sonnenaufgang im Sattel gesessen hatte.

Katies Wohnzimmer befand sich im Obergeschoss des Golden Rose Saloon, am Ende eines langgestreckten Korridors, von dem zu beiden Seiten Hotelzimmer abzweigten. Aus dem Fenster hatte man einen hervorragenden Blick über die Main Street, über deren nordwestlichem Ende die Glut eines Sonnenuntergangs von atemberaubender Schönheit lag.

Shayne wandte sich vom Fenster ab, als Katie zur Tür hereinkam. Sie brachte eine staubige Flasche und zwei Gläser mit.

„Zu unserem Wiedersehen etwas Besonderes, Shayne. Spanischer Rotwein. Ich habe ihn aus New Orleans kommen lassen.“

„Hm“, brummte er verschmitzt, „willst du einen an Whisky und Bier gewöhnten Weidereiter unter den Tisch trinken?“

„Tu nicht so!“, entgegnete sie in gespielter Empörung. „Du bist mehr herumgekommen als ich, Shayne Kelly!“

„Nicht mein Verdienst, Katie. Der Krieg sorgte dafür. Außerdem ist es lange her. Und …“ Er brach ab, denn es war ein böses Stichwort gewesen. Er sah die plötzliche Trauer in Katies Zügen und suchte vergeblich nach tröstenden Worten.

„Lass uns von etwas anderem reden ...“

„Es tut mir leid, Katie. Ich wollte nicht ...“

„Ich habe dich darauf gebracht“, unterbrach sie ihn und stellte mit einem Ruck die Flasche auf den Tisch. Dann wandte sie sich ab, um Gläser zu holen.

Mit zerfurchter Stirn nahm Shayne den Korkenzieher.

Major James Reed. Captain Shayne Kelly. 2nd Cavalry, Confederate States Army. Seite an Seite hatten sie im Bürgerkrieg gegen die Yankees gekämpft. Noch kurz vor der Kapitulation war James Reed schwer verwundet worden. Von den Folgen dieser Verwundung und der anschließenden Tortur im Gefangenenlager der Nordstaatenarmee hatte sich Reed nie richtig wieder erholt. Als kranker Mann war er auf seine Ranch in Texas zurückgekehrt. Durch die Wirren der Nachkriegszeit war Shayne Kelly gezwungen gewesen, seine eigenen Wege zu gehen. Dann hatte ihn eines Tages die schlimme Nachricht erreicht, und er hatte sich in den Sattel geschwungen, um seinem toten Freund die letzte Ehre zu erweisen.

Damals hatte er Katie zum letzten Mal gesehen. Seitdem waren Jahre vergangen, die vieles geändert hatten. Katie hatte ihren Mut bewiesen, hatte sich nicht übereilt in eine neue Ehe gestürzt. Die Ranch hatte sie nicht halten können. Doch James Reed hatte ihr genügend Geld hinterlassen, so dass sie auf eigenen Beinen stehen konnte.

Doch nun - so schien es - war sie den Schwierigkeiten nicht mehr gewachsen. Den Problemen, denen sich eine Frau in dieser wilden Zeit gegenübersah, wenn sie ebenso selbständig sein wollte wie ein Mann.

Katie Reed und Shayne Kelly hoben die Gläser, genossen den feurigen Rotwein, der die Zunge löste und es leichter machte, über Sorgen und Nöte zu sprechen.

„Ich hatte gehört, dass du dich in Amarillo aufhieltest“, begann Katie. „Diese Nachricht war für mich wie ein Strohhalm, an den sich ein Ertrinkender klammert. Glaube mir, Shayne, ich hätte es nie gewagt, dich in meine Dinge hineinzuziehen, wenn ich einen anderen Ausweg gewusst hätte. Aber ...“

Shayne zog seinen Stuhl zu ihr heran und legte ihr beruhigend die Hand auf den Unterarm.

„Keine Vorwürfe!“, sagte er leise. „Ich habe dir damals versprochen, dass ich immer für dich da sein würde. Und in Amarillo hat mich nichts gehalten. Ich hatte dort einen lausigen Job als Deputy Sheriff, den sie mir aufschwatzten, nachdem ich ein paar Desperados zur Strecke brachte. Nun - erzähle mir, was es mit dieser merkwürdigen Stadt auf sich hat. Ich muss alles wissen, um dir helfen zu können.“

Katie sah ihn dankbar an. Ein wenig leuchteten ihre dunklen Augen jetzt, und ihre ebenmäßigen Gesichtszüge wirkten beinahe so gelöst wie in früheren Jahren. Sie leerte ihr Glas und holte Luft, als müsse sie einen Anlauf nehmen.

Shayne Kelly nahm die Flasche und schenkte nach. Er ertappte sich bei dem Gedanken, wie schön und begehrenswert Katie ihm in diesem Moment erschien. In diesem Moment? Nein, eigentlich hatte er solche Empfindungen schon früher gehabt, hatte sie jedoch als absurd verdrängt. Es widersprach allem Ehrgefühl eines Texaners, die Frau des besten Freundes auch nur in Gedanken zu begehren. Doch jetzt war die Situation völlig anders! Oder? Er kam nicht mehr dazu, darüber nachzudenken, denn Katie begann zu berichten: „Praktisch fing das Unheil damit an, dass ich von dem Verkauf des Golden Rose Saloon hörte. Ich war damals auf dem Weg nach Santa Fe und machte hier in Clayton für einige Tage Station. Ich wohnte in einem der Hotelzimmer dieses Hauses und freundete mich von Stunde zu Stunde mehr mit dem Gedanken an, einen Saloon zu besitzen. Ich sagte mir, dass ich mein Geld gut anlegen und stets genügend Beschäftigung haben würde, um mit der Erinnerung fertigzuwerden. Nun, dann kam es zum Verkauf. Es gab noch einen zweiten Interessenten. Ich habe ihn überboten.“

Shayne stieß einen leisen Pfiff aus.

„Und damit hast du dir deinen ersten Feind gemacht, wie?“

Katie nippte an ihrem Glas und nickte.

„Richtig, Shayne. Dieser zweite Interessent war Charles Russell, von dem man sagt, dass er der mächtigste Mann in Clayton sei. Sein Pech war, dass ich über mehr flüssige Mittel verfügte als er. Und dass ich es mir in den Kopf gesetzt hatte, diesen Saloon zu besitzen. Danach begann eine aufregende Zeit. Anfangs lief der Saloon gut, wie in der Zeit der Vorbesitzer. Wir hatten fast jeden Abend irgendwelche Darbietungen, und die Leute kamen in Scharen. Außerdem profitierte ich von der Bahnlinie. Die Durchreisenden kamen ausnahmslos zu mir, wenn sie Essen oder kühle Drinks wollten.“ Sie machte eine Pause. Shayne drängte sie nicht, denn er sah, dass ihr die unangenehmen Erinnerungen fast körperliche Anstrengung bereiteten. „Dann fing Russell plötzlich an, mir den Hof zu machen“, fuhr Katie fort, „aber ich bekam sehr bald heraus, dass es ihm mehr um den Saloon als um mich ging. Außerdem ist er ein hässlicher alter Dickwanst. Nun ... ich freundete mich ein wenig mit Marshal Banks an. Du hast ihn vorhin kennengelernt. Durch ihn erfuhr ich Russells eigentliche Ziele. Der Saloon liegt unmittelbar an der Bahnlinie, praktisch schon am Stadtrand. In der Umgebung gibt es genug freies Gelände. Russell will alles aufkaufen und ein großes Umschlagzentrum einrichten. Für Frachtgüter aller Art, vom lebenden Rind bis zum Nähgarn. Der Saloon ist dabei wesentlicher Bestandteil seiner Pläne. Das Ganze soll eine Art Treffpunkt für Händler, Frachtkutscher und Eisenbahner werden, die Stadt soll dadurch stetig größer werden, neue Geschäfte sollen aus dem Boden schießen ...“

„... und Charles Russell könnte sich für den Rest seines Lebens zur Ruhe setzen“, ergänzte Shayne, der nun Katies schwierige Lage vollständig erfasst hatte. „Warum verwirklicht Russell seine Pläne nicht ohne den Golden Rose Saloon? Er könnte doch einen neuen und größeren Saloon an anderer Stelle aufbauen und dir Konkurrenz machen.“

Katie schüttelte den Kopf.

„Er ist starrsinnig wie ein greises Maultier. Nicht im Entferntesten hatte er damit gerechnet, dass jemand auftauchen würde, der ihm den Golden Rose Saloon vor der Nase wegschnappte. Er war überzeugt, dass er den Kaufvertrag schon in der Tasche hatte. Und dann war es ausgerechnet noch eine Frau, die ihm das Geschäft seines Lebens verdarb. Nein, Shayne, Russell wird nicht eher ruhen, bis er seine Niederlage wettgemacht hat. Zwei Niederlagen eigentlich, denn ich setzte ihn vor die Tür, als er mir mit fadenscheinigen Liebeserklärungen einen Heiratsantrag machte.“

„Du hast ihn also schwer gedemütigt“, stellte Shayne fest. „Und diese Revolvermänner stehen in seinen Diensten?“

Katie lächelte bitter.

„Offiziell sind sie nur zu seinem persönlichen Schutz eingestellt. Sobald sie sein Haus verlassen, haben sie angeblich Freizeit. Und was sie in ihrer Freizeit machen, so sagt Russell, ginge ihn nicht das geringste an. Das sei eine Sache für den Marshal.“

„Ich verstehe. Und vor dem Marshal hat keiner von ihnen Respekt. Warum nicht, Katie?“

„Ich kann es dir nicht erklären, Shayne. Ich bin von Douglas Banks schwer enttäuscht worden, denn ich hatte gehofft, dass er mir helfen würde, als die Schwierigkeiten begannen. Doch er redete sich heraus und unternahm nichts, als die Revolverschwinger mir die Gäste aus dem Saloon ekelten. Nur wenn es ganz schlimm wurde und in Schießereien ausartete, griff Banks ein. Dann beschränkte er sich jedoch darauf, Russells Männer zu verwarnen und die Beteiligten nach Hause zu schicken.“

„Russell hat den Marshal in der Hand“, sagte Shayne. „Ich werde herausfinden, weshalb. Weiß Banks, warum ich hergekommen bin?“

„Er wird es ahnen. Vor einigen Tagen schrie ich im Zorn heraus, dass ich bald nicht mehr allein sein würde. Dass ich ihn dann nicht mehr vergeblich um Hilfe anzuflehen brauchte.“

Shayne Kelly nickte stumm. Sein Blick verlor sich. Weshalb hatte Banks trotz allem eingegriffen, als die Gunmen ihn im Saloon bedrängten? Es passte nicht zu dem, was Katie von dem Marshal erzählt hatte. War es etwa Eifersucht? Wollte Banks dem Fremden vor Katies Augen beweisen, dass er doch ein Mann war?

Von Katie erfuhr er weitere Einzelheiten. Sie lebte allein in dem Saloon, denn sie konnte sich kein Personal mehr leisten. Kamen unverhofft doch noch einmal Bahnreisende, so tauchten im Handumdrehen Dupree oder seine Gefährten auf, um den ahnungslosen Gästen für immer den Appetit zu verderben.

Das Yaqui-Halbblut hörte auf den Namen „Tongue“, also Zunge. In seiner Heimat war er vom Stamm seiner roten Mutter ausgestoßen worden. Zuvor hatten sie ihm die Zunge abgeschnitten, nachdem sie ihn als Lügner überführt hatten. Seitdem konnte das Halbblut nur noch lallen und wilde Knurrlaute ausstoßen. Sein Gehör war dagegen schärfer als das eines gesunden Menschen.

Der blassgesichtige Freund Duprees war tatsächlich schwindsüchtig, angeblich jedoch ausgeheilt. Er hieß Milton. Ferrer und zeichnete sich dadurch aus, dass über seine Herkunft absolut nichts bekannt war. Fest stand lediglich, dass er erschreckend schnell mit dem Sechsschüsser war.

Von Jean Dupree wusste Katie zu berichten, dass er von französischen Einwanderern aus Louisiana abstammte. Dort hatte er nach dem Bürgerkrieg für die Yankees gearbeitet und ihnen Südstaaten-Offiziere ans Messer geliefert, die sich verborgen hatten, um neuen Widerstand gegen die siegreichen Truppen aus dem Norden zu organisieren. Als sie ihn nicht mehr brauchten, hatten auch die Yankees den Verräter Dupree einfach fallengelassen. Er war aus Louisiana geflüchtet und verdiente seitdem sein Geld als bezahlter Revolvermann.

Denkwürdige Zeitgenossen waren es also, die sich Shayne Kelly hier in Clayton zu Feinden gemacht hatte.

 

 

3

Es behagte ihm nicht, Katie für eine Weile alleinlassen zu müssen. Doch es hätte dem hochgewachsenen Texaner weit weniger gefallen, innerhalb von vier Wänden schlafen zu müssen, deren Umgebung ihm unbekannt war. Er wäre sich dann so hilflos und unsicher vorgekommen wie ein Gefangener in seiner Zelle. Daher verließ Shayne Kelly den Saloon kurz nach Einbruch der Abenddämmerung. Er hatte vor, einen Rundgang zu unternehmen, sich Straßen und Gebäude der kleinen Stadt genau einzuprägen. Eine Vorsichtsmaßnahme, die er stets dann traf, wenn er in eine fremde Gegend kam.

Durch den Hintereingang des Golden Rose Saloon trat er ins Freie. Sofort spürte er die Gefahr. Sein geschulter Instinkt signalisierte ihm die Blicke, die jede seiner Bewegungen verfolgten.

Unauffällig beobachtete er seine Umgebung, während er sich den Anschein völliger Arglosigkeit gab. An der Südostseite des Saloons verliefen in Steinwurfweite die Geleise der Bahnlinie. Vom Hinterausgang aus waren eine Reihe von Verladecorrals zu sehen, die zur Zeit allerdings leer standen. An der Nordwestseite des Saloons führte eine schmale Seitenstraße zur Main Street.

Noch konnte Shayne nicht ergründen, wo sich der Bursche verbarg, der ihn beobachtete. Möglich auch, dass es mehrere waren, die nur darauf gewartet hatten, dass er den Saloon verlassen würde. Jedenfalls schienen sie nicht vorzuhaben, ihm eine Kugel aus dem Hinterhalt zu verpassen.

Er rückte seinen Revolvergurt zurecht und lenkte seine Schritte in Richtung Hauptstraße.

Kein Geräusch war hinter ihm zu hören. Dennoch spürte er überdeutlich, dass ihm jemand folgte. In sicherer Entfernung und höllisch geschickt.

Shayne dachte nicht daran, sich umzudrehen. Wenn er seine Verfolger überlisten wollte, musste er sie zunächst in Sicherheit wiegen. Und dabei konnte er sich Zeit lassen. Denn er war es, der die Richtung bestimmte.

Für Clayton und New Mexico, unweit der texanischen Grenze, war dies die betriebsamste Stunde des Tages. Feierabendstimmung erfüllte die Main Street, deren Länge von der Bahnlinie bis zum nordwestlichen Stadtrand gut sechshundert Yards betrug. Die Bürger von Clayton hatten ihre Häuser verlassen, um die Abendluft zu genießen oder sich einen Drink zu genehmigen. Und die Männer von den umliegenden Ranches und Farmen waren in die Stadt gekommen, um sich den Staub der Tagesarbeit aus der Kehle zu spülen.

Shayne bog aus der Seitenstraße nach rechts auf die Main Street ein. Es gab einen überdachten Gehsteig, der sich über die gesamte Länge der Hauptstraße erstreckte. Schon nach wenigen Schritten stellte Shayne fest, dass es seine Verfolger jetzt leichter haben würden. Genügend Menschen waren auf dem Gehsteig. Das machte es jemandem mit finsteren Absichten leicht, sich zu tarnen. Shayne verzichtete also auch jetzt darauf, sich umzudrehen und nach etwaigen Verfolgern Ausschau zu halten. Ihm genügte die Tatsache, dass er sie im Rücken spürte. Vermutlich warteten sie auf einen günstigen Moment. Und den sollten sie bekommen.

Vor dem Fenster des General Store blieb Shayne eine Weile stehen, um sich scheinbar interessiert die neuesten Waffenmodelle anzusehen, die dort ausgestellt waren. Doch es gab niemanden, der sich ihm auf bedrohliche Weise näherte. Er setzte seine Schritte fort. Schräg gegenüber zweigte eine Seitenstraße ab, an deren Ende Shayne den Mietstall wusste, in dem er seinen Wallach untergebracht hatte. Weiter nach Nordwesten verbreiterte sich die Main Street und formte einen halbkreisförmigen Platz, um den sich die Kirche, die Schule, die Town Hall und das Bankgebäude gruppierten.

Shayne überquerte den Platz. Gleich hinter dem Bankgebäude erblickte er ein Wohnhaus, das nach dem Äußeren in Clayton nicht seinesgleichen fand. Das Haus war zweigeschossig und aus Ziegelsteinen gebaut. Es lag ein paar Yards vom Gehsteig zurück und hatte einen von Holzsäulen getragenen Vorbau. Hinter einigen der Fenster brannte gelbes Licht aus Kerosinlampen. Für Shayne Kelly drängte sich die Ahnung auf, dass dieses prächtige Haus niemandem anders als Charles Russell gehören konnte. Unmittelbar gegenüber befand sich das Office des Marshals. Auch dort brannte Licht. Hinter dem Fenster war ein Schatten zu erkennen, der sich auf und ab bewegte. Plagten Douglas Banks quälende Gedanken, die ihn nicht zur Ruhe kommen ließen?

Der hochgewachsene Texaner setzte seinen Weg fort und näherte sich jener Stelle, die die einzige Lärmquelle in Clayton bildete. Der Wagon Wheel Saloon befand sich auf der anderen Straßenseite, nicht weit vom nordwestlichen Stadtrand entfernt. Geräuschfetzen aus Pianogeklimper, der schrillen Stimme einer Sängerin und vielstimmiges Gegröle aus heiseren Männerstimmen wehten herüber.

Es handelte sich lediglich um ein flaches Holzgebäude, das allein nach dem Äußeren keinem Vergleich mit dem Golden Rose Saloon standhielt. Doch vor der Haltestange des Wagon Wheel Saloon drängten sich die Pferde dicht an dicht. Selbst die hartgesottensten Weidereiter aus der Umgebung schienen es nicht zu riskieren, bei Katie Reed einzukehren. Es machte Shayne Kelly klar, wie sehr Russells Revolvermänner gefürchtet waren und wie wenig man auf den Einfluss von Marshal Banks vertraute. Shayne konnte es diesen Männern nicht einmal verdenken, dass sie Katies Saloon mieden. Nach harter Arbeit wollten sie ihr Vergnügen. Keinen Verdruss.

Shayne schlenderte an den nächsten Häusern vorüber. Die Werkstatt des Schreiners war darunter und die Gebäude des Hufschmieds. Kurz darauf gab es wieder eine schmale Seitenstraße, die nach rechts von der Main Street wegführte. Kurzentschlossen tauchte Shayne Kelly in dieser Gasse unter. Er beschleunigte seine Schritte, verließ die schützenden Schatten der Häuser und sah im nächsten Moment den Friedhof vor sich liegen. Im versiegenden Zwielicht der Abenddämmerung erblickte Shayne die Grabkreuze, die eine Anhöhe bedeckten. Der Friedhof war von einer Mauer aus aufgeschichteten Felsbrocken umgeben.

Shayne schlüpfte durch den Rundbogen des Portals und verharrte hinter dem rechten Pfeiler. In wenigen Augenblicken würde es völlig dunkel sein. Doch schon jetzt stand es für ihn keineswegs ungünstig. Wenn es jemand auf ihn abgesehen hatte, so war der Texaner wenigstens für den Anfang im Vorteil.

Er horchte in die zunehmende Dunkelheit. Vor der Lärmkulisse aus dem Wagon Wheel Saloon war es schwer, fremde Geräusche auszumachen. Doch Shayne Kelly besaß ein scharfes Gehör, das sich unzählige Male in gefahrvollen Situationen bewährt hatte. So entgingen ihm nicht die Schritte, die sich sehr bald näherten. Er war nicht überrascht, denn es bestätigte nur seine ursprüngliche Ahnung.

Die Schritte wurden zögernd, verharrten, setzten sich fort. Teilten sich schließlich in verschiedene Richtungen.

Shayne spannte die Muskeln. Er musste höllisch auf der Hut sein. Sie hatten ihn in der Seitengasse verschwinden sehen. Folglich ahnten sie, wo er sich verborgen hatte, und ... dass er seine Verfolger bemerkt hatte. Sie würden versuchen, ihn in die Zange zu nehmen. Denn sie wollten ihm eine Lektion erteilen. Fragte sich nur noch, in wessen Auftrag.

Ein Schatten huschte plötzlich in langen Sätzen durch das Friedhofsportal, an Shayne Kelly vorbei. Fünf, sechs Schritte weiter kam der Schatten zum Stehen, verschmolz mit der Dunkelheit.

Fast im gleichen Moment hörte Shayne ein Geräusch, das mit einem dumpfen Aufprall endete. Schräg rechts, hinter seinem Rücken. Einer war über die Mauer gesprungen!

Aber noch hatten sie nicht herausgefunden, wo er steckte. Warteten vielleicht darauf, dass er nervös wurde und sich zu erkennen gab.

Shayne handelte, als der dritte Mann durch das Portal geschlichen kam. Blitzschnell stieß er sich von dem Pfeiler ab, bekam den Mann an der Schulter zu packen und riss ihn herum. Ein erschrockener Laut war zu hören. Dann setzte Shayne seine Fäuste in Aktion, feuerte eine Serie gnadenloser Hiebe ab, die den Burschen innerhalb von zwei Sekunden außer Gefecht setzten. Ohne dass er noch zu einer Gegenwehr kam.

Doch es gab keine Ruhe für den Texaner. Denn nun hatten die beiden anderen Kerle ihr Ziel erkannt und drangen von zwei Seiten auf ihn ein. Obwohl er ihrem ersten Ansturm geschickt auswich, brachten sie ihn in arge Bedrängnis. Die Dunkelheit erleichterte es ihnen, heimtückische und gemeine Hiebe anzubringen. Er spürte ihren Atem, der nach Alkohol und Tabakdunst roch. Doch wenn sie glaubten, ihn im Handumdrehen bezwingen zu können, so hatten sie sich getäuscht.

Trotz ihres blindwütigen Angriffs gelang es Shayne, sich auf eine wirksame Gegenwehr zu konzentrieren. Das Blatt wendete sich unverhofft zu seinen Gunsten, als ihn einer der beiden Gegner plötzlich von hinten ansprang und die Arme um seinen Hals schlang. Shayne hielt dem jähen Druck stand, steckte einen Hieb des anderen ein, der im Normalfall den Kampf entschieden hätte. Aber das Durchhaltevermögen des Texaners stand weit über dem Durchschnitt. Er verdaute den Hieb fast mühelos und konterte augenblicklich mit einem eisernen Aufwärtshaken. Den Mann, der ihn frontal bedrängt hatte, schleuderte er drei Schritte weg. Zwischen zwei Grabsteinen schlug er hart auf den Boden.

Der andere, der Shayne im Nacken saß, hatte es nicht rechtzeitig geschafft, dem Texaner die Kehle zuzudrücken. Dafür bekam er nun den wachsenden Zorn des großen Mannes zu spüren. Unvermittelt fühlte er sich wie von Urgewalten hochgerissen und nach vorn katapultiert.

Shayne Kelly hatte den Gegner abgeschüttelt wie ein lästiges Insekt. Es waren keine erfahrenen Kämpfer, mit denen er es zu tun hatte. Wer ihm eine Lektion erteilen wollte, musste schon qualifizierte Burschen aufbieten. Der Mann, der versucht hatte, ihm die Kehle zuzuschnüren, kam überraschenderweise wieder auf die Beine.

„Komm nur!“, knurrte Shayne und ballte erneut die Fäuste.

Doch er brauchte sich nicht mehr die Mühe zu machen. Der andere sprang auf und hastete mit langen Sätzen davon, tauchte unter im Gewirr der Grabsteine. Bald waren nur noch seine Schritte zu hören, und wenig später war es still, als er irgendwo über die Mauer sprang.

Lächelnd klopfte sich Shayne Kelly den Staub von der Kleidung. Er zweifelte keinen Augenblick daran, wem er diesen abendlichen Zwischenfall zu verdanken hatte. Es war geradezu hirnverbrannt, ihn auf diese Art und Weise kleinkriegen zu wollen.

Er drehte sich eine Zigarette und zündete sie an. Geduldig wartete er, bis die beiden Bewusstlosen zu sich kamen.

Das Mondlicht reichte aus, um sie in den Lauf seines Sechsschüssers blicken zu lassen. Das matte Schimmern des Waffenstahls war nicht zu übersehen. Benommen richteten sie sich halb auf, wagten aber nicht, das Weite zu suchen.

„Nun, Freunde?“, begann Shayne Kelly grinsend. „Ihr habt mir eine Menge zu erzählen, nicht wahr?“

Sie schwiegen.

„Falls ihr nicht wisst, welche Geschichte ich hören will“, fuhr er fort, „dann werde ich euch auf die Sprünge helfen. Wer gab euch den Auftrag, mir aufzulauern?“ Bei den letzten Worten war seine Stimme eisig geworden. Dennoch wartete er vergeblich auf eine Antwort.

„Nun gut“, meinte Shayne gelassen. „Beim Marshal werdet ihr es euch wohl überlegen, ob ihr weiter die Taubstummen spielen wollt.“

Einer der Burschen stieß ein kehliges Lachen aus.

„Bring uns nur zum Marshal, Fremder! Dort sind wir bestens aufgehoben.“

„Einen größeren Gefallen kannst du uns gar nicht tun“, fügte der andere kichernd hinzu.

Shayne Kelly konnte den Humor der beiden Kerle nicht teilen.

„Setzt euch in Bewegung!“, befahl er. „Ihr werdet den Respekt erst wieder lernen müssen. Ihr - und einige andere in dieser Stadt.“

Sie lachten noch immer, gehorchten aber seiner Anordnung. Sie zweifelten offenbar nicht daran, dass der hochgewachsene Texaner von seiner Waffe Gebrauch machen würde. Wenigstens vor ihm hatten sie schon jenen Respekt, der ihnen bei Marshal Banks völlig fehlte.

Während Shayne Kelly seine Gefangenen in Richtung Main Street dirigierte, waren seine Sinne hellwach. Jeden Moment konnte er erneut mit einer Überraschung rechnen, denn einer seiner Gegner war ihm entkommen. Wenn dieser Mann Verstärkung holte, konnte es ein schlimmes Ende nehmen. Shayne folgte den beiden Männern mit drei Schritten Abstand. Er ließ sie und die Umgebung keinen Sekundenbruchteil aus den Augen. Während der Lärm aus dem Wagon Wheel Saloon allmählich anschwoll, erreichten sie unbehelligt die Hauptstraße.

 

 

4

Shayne Kelly sah schon von weitem, dass im Marshal’s Office auch jetzt noch Licht brannte.

Während er die beiden Männer über die Straße trieb, gab es nur einige wenige Bürger, die ihm von den Gensteigen her nachschauten. Das Getöse im Wagon Wheel Saloon setzte sich mit unverminderter Lautstärke fort. Niemand interessierte sich dort für Dinge, die außerhalb der primitiven Vergnügungshölle geschahen.

Shaynes Gefangene blieben vor der Tür zum Marshal’s Office stehen. Grinsend drehten sie sich um.

„Und nun, Großer?“

„Anklopfen!“, befahl Shayne. „Wie es sich für höfliche Menschen gehört.“

Ihr Grinsen schwand. Doch sie gehorchten. Denn sein Blick zeigte ihnen, dass er nicht zu Scherzen aufgelegt war.

Marshal Banks öffnete die Tür. Er schien die Stimmen bereits gehört zu haben. Stirnrunzelnd musterte er die beiden Männer, die ihn mit herausfordernden und unverschämten Blicken bedachten. Dann sah er Shayne Kelly und dessen Sechsschüsser.

„Herein mit euch!“, knurrte Banks und trat beiseite.

Die beiden stutzten. Shayne war mit einem Schritt zur Stelle und rammte dem einen den Revolverlauf in den Rücken. Das half. Der Mann stolperte vorwärts. Sein Gefährte folgte ihm verdattert. Shayne Kelly schloss die Tür hinter sich.

Ehe sich seine heimtückischen Widersacher versahen, hatte Marshal Banks ihnen die Revolver abgenommen und auf seinem Schreibtisch deponiert.

Shayne hatte erst jetzt Gelegenheit, sich die Männer näher anzusehen. Beide waren sie wie Weidereiter gekleidet. Der eine untersetzt und stiernackig mit bösartig funkelnden kleinen Grauaugen. Der andere schlank und breitschultrig, nur einen halben Kopf kleiner als der Texaner.

„Hören Sie, Marshal“, begann der Stiernackige zu protestieren. „Sie haben kein Recht, uns festzuhalten. Dieser Fremde hat uns überfallen und ...“

„Still!“, unterbrach ihn Banks eisig. „Ihr redet erst dann, wenn ihr gefragt werdet.“

Die Unterkiefer der beiden Männer klappte herunter. Verblüfft starrten sie den Marshal an, als ob sie ein fremdartiges Wesen vor sich hätten.

Banks wandte sich an Shayne Kelly: „Berichten Sie, Mister!“

Shayne nannte dem Marshal seinen Namen und erzählte, was vorgefallen war.

„Der dritte Halunke ist mir leider entwischt“, schloss er. „Doch wenn Sie diese beiden einsperren, Marshal, wird sich auch ihr Komplize finden lassen.“

Banks nickte bedächtig.

„Der Kerl lügt!“, schrie der Untersetzte. „Kein Wort ist wahr, Marshal! Sie werden es nicht wagen, uns ins Jail zu sperren! Sie wissen, dass Sie das nicht ...“

Banks brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

„Schnallt eure Waffengurte ab! Bis zur Aufklärung des Vorfalls seid ihr festgenommen.“

Wieder brachten sie vor Verblüffung kein Wort hervor.

„Mister Kelly“, forderte Banks den Texaner auf. „Bitte helfen Sie dabei, die Männer in die Zelle zu bringen.“

„Gern“, nickte Shayne lächelnd.

Im hinteren Teil des Gebäudes befanden sich zwei Zellen mit massiven Gitterstäben. Als sich der Schlüssel knirschend im Schloss drehte, setzten die beiden Gefangenen lautstark zu neuem Protest an. Doch Shayne Kelly und der Marshal kümmerten sich nicht darum, schlossen die Türen und begaben sich zurück ins Office.

„Mit allem haben sie gerechnet“, meinte Shayne. „Nur nicht mit einer solchen Niederlage.“

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931167
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496181
Schlagworte
golden rose saloon

Autor

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Titel: Golden Rose Saloon