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Bill Jackson 3 - Die Verdammten von Nebraska

2019 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

DIE VERDAMMTEN VON NEBRASKA

Klappentext:

Roman:

BILL JACKSON STORY

 

Band 3

 

DIE VERDAMMTEN VON NEBRASKA

 

Ein Western von Heinz Squarra

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover 2019: Tony Masero

Redaktion und Korrektorat: Alfred Wallon

© Cover: Tony Masero

© dieser Ausgabe 2019 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappentext:

Bill Jackson hat das Grauen des Krieges hinter sich und hofft, in Texas eine neue Heimat zu finden. Aber dort trifft er nur auf neue Grausamkeit, Terror und Kampf. Er ist mit May Bridger von Texas nach Nebraska geritten - in der Hoffnung, etwas für sie und sich aufbauen zu können. Aber das Grauen holt ihn ein … und May muss einen hohen Preis dafür zahlen. Dies macht Bill Jackson zu einem verbitterten Mann, der nicht mehr an die Zukunft denkt, sondern nur noch auf Rache sind. Wird es ihm gelingen, diesen Hass eines Tages zu vergessen? Oder wird ihn sein Schicksal direkt in die Hölle führen?

 

 

 

 

 

Roman:

„Dort steht sein Wagen!", brüllt eine gellende Stimme.

Bill Jackson lässt die Drahtrolle, die er eben aufheben wollte, fahren. Er richtet sich auf und blickt aus dem Store auf die Straße hinaus.

Plötzlich krachen Schüsse, und jäh ist die mittägliche Stille in North Platte zerrissen. Das Pferd vor dem Wagen schnaubt und wirft den Kopf hoch.

Bill ist mit drei längen Sätzen draußen auf dem Gehsteig.

„Dort!", ruft es von links.

Eine Kugel weht an seinem Kopf vorbei und bohrt sich dumpf pochend in die Bretterwand des Hauses. Ein zweiter Schuss brüllt auf.

Da beginnt das Pferd zu laufen, reißt den flachen Ranchwagen mit sich, wird getroffen und bricht zusammen. Der Wagen läuft auf. Knirschend zerbricht die Deichsel. Mit eingeschlagenen Vorderrädern rumpelt das Fahrzeug nach links und kracht polternd gegen eine Hütte.

Wieder krachen Colts. Ein langer Fetzen wird von einer Vorbaustütze gerissen. Etwas streift Bill Jackson heiß über die Schulterspitze und klatscht hinter ihm in die Wand.

Der Storekeeper schreit etwas, aber es geht im Getümmel unter. Und die fünf Männer auf der linken Seite lachen rau und schießen so schnell, dass ihre Gesichter hinter dem schwefelfarbenen, wehenden Pulverdampf wie hinter einem dichten Vorhang verschwinden.

Bill Jackson erkennt dennoch, dass es Cowboys der Hooker-Ranch sind. Sie konnten ihn, den Smallrancher, nie leiden. Aber sie haben noch nie zur Waffe gegriffen. Und nun schießen sie, ohne ihn anzurufen.

Wieder weht eine Kugel an ihm vorbei, und schräg hinter ihm zerspringt ein Fenster in Tausende feiner Scherben, die zur Erde rieseln.

Der Storekeeper stößt einen Schrei des Entsetzens aus.

Dann kracht eine Schrotflinte. Das gehackte Blei fährt den Cowboys entgegen und treibt sie zur anderen Straßenseite hinüber. Einer von ihnen brüllt und schlenkert seinen Arm.

„Schert euch zum Teufel!", kreischt der Storekeeper. „Marshal! Zum Teufel, wo steckst du denn?"

Niemand zeigt sich.

Von der anderen Straßenseite krachen wieder Schüsse. Eine lange Furche wird in den Sand der Fahrbahn gezogen. Dann spürt Bill einen brennenden Schmerz an der Wange.

Da hat er seinen Colt in der Hand. Er spürt den Rückschlag und sieht den Mündungsblitz Pfeifend streicht die Kugel über die Straße und reißt einem der Männer den Hut vom Kopf. Der Stetson rollt über den Gehsteig die Stufen herunter und bleibt im schuhtiefen Staub liegen.

„Macht ihn fertig!," keucht einer von der anderen Seite.

Eine knatternde Salve treibt Bill in den Store hinein. Er sieht das kalkweiße Gesicht des Storehalters, der eben eine Schrotpatrone in das rauchende Gewehr schiebt. Er streckt die Waffe zum Fenster hinaus und schießt. Drüben schreit wieder einer.

„Genug!", ruft eine Stimme. „Er hat das Pferd verloren, und der Wagen dürfte ebenfalls zum Teufel sein. Auf der Schulter kann er den Draht nicht aus der Stadt tragen."

Auf einmal fällt kein Schuss mehr. Die Cowboys verschwinden mit harten Schritten und rasselnden Sporen. Vor dem Saloon springen sie auf ihre Pferde und galoppieren die Straße hinauf. Sie verschwinden in einer dichten Staubwolke. Als der Schleier sich senkt, sind sie verschwunden.

Nur ein Pferd steht noch drüben vor dem Saloon. Es ist ein pechschwarzer Rappe, dessen Sattel und Zaumzeug mit kleinen Silbernägeln verziert ist.

Bill Jackson kennt dieses Pferd. Er blickt es aus spaltengen Augen an, während er seinen Colt ins Halfter schiebt.

Es ist Pat Hookers Pferd. Und Pat Hooker ist der Rancher und somit der Boss jener Männer, die eben den Feuerüberfall starteten.

„Man scheint Sie verwechselt zu haben, Jackson", sagt der Storehalter.

Bill wendet sich um und blickt den Mann an, der eben sein mörderisches Schrotgewehr in eine Ecke stellt.

„Ich bin schon drei Monate hier", erwidert er. „Sie können mich nicht verwechselt haben. Ich werde Hooker fragen."

„Sie sollten ihn nicht fragen, Jackson. Er hatte gleich etwas gegen Sie, als Sie hierherkamen. Vielleicht hat er nun eine Handhabe gefunden. Der Marshal wird von der Eisenbahn, und von dem, was sie mit sich gebracht hat, vollauf beschäftigt. Sie wissen, wie ich das meine. Hier herum gehört die Macht schon den Leuten, die genug Geld haben."

Bill antwortet nicht. Er tritt hinaus und geht nach links. Dann steigt er zur Fahrbahn hinunter und überquert die Straße. Er blickt zu den Schuppen der Eisenbahn hin, zu den Verladerampen und zu den vielen Saloons, die sich da oben um die Gleise gruppieren, als wäre dort eine zweite Stadt entstanden.

Jackson geht genau auf das Pferd zu, und er denkt daran, dass Hooker ihm jetzt ein Pferd und einen Wagen schuldet.

Der Marshal ist nirgends zu sehen. Vielleicht hat ihn Hooker abbestellt. Vielleicht ist seine Macht dazu groß genug.

Bitter denkt Bill Jackson daran, dass er in seinem ganzen bisherigen Leben auf der Seite derer gestanden hat, die die Gesetze nicht machen, sondern zu beachten haben.

Dreißig Jahre ist er nun alt. Überall wurde er gehetzt oder nicht geduldet. Es scheint, als wäre in diesem weiten, fast endlosen Land kein Platz für ihn. Hier oben hatte er gehofft, mit May, die er auf dem Weg von Texas herauf geheiratet hat, noch einmal ganz von vorn anfangen zu können. Aber nun scheint es ihm, als wollten sie es auch diesmal nicht zulassen.

 

*

 

Halbdunkel und Kühle empfangen ihn, als er den Saloon betritt. Es ist sehr ruhig; nicht so laut wie weiter oben am Schienenstrang der Union Pacific. Zwei Männer sind anwesend. Der eine ist Hooker, ein Mann über Vierzig, breit und wuchtig, mit einem eckigen Kinn und kalten Augen. Der andere ist der Keeper. Ein gut gekleideter Mann mit einer schweren Goldkette über der weinroten Weste.

Pat Hooker lehnt an der Theke. Er blickt Bill Jackson entgegen, und sein Gesicht ist ernst. Er nippt an seinem Bourbon, stellt das Glas dann auf das schimmernde Messingblech.

Bill Jackson macht ein paar Schritte in den Saloon hinein, bleibt dann stehen. Er schaut den Rancher an und sagt: „Ihre Leute haben mein Pferd erschossen, Hooker. Sie haben es sicher gehört."

Hooker greift wieder nach seinem Glas und trinkt noch einen Schluck. Dann stellt er das Glas zurück und blickt den Keeper an.

„Eine Zigarre, Mercer", meint er.

Der Keeper gibt ihm eine lange, dünne Zigarre. Hooker beißt die Spitze davon ab und spuckt sie auf den mit Sägespänen bestreuten Boden.

„Ich rede mit Ihnen, Hooker", sagt Bill gedehnt.

Der Rancher reißt ein Schwefelholz über den Daumennagel und brennt seine Zigarre an. Sein Gesicht verschwindet für einen Moment hinter einer blauen Rauchwolke.

Bill denkt an die Cowboys, die hinter dem wehenden Pulverdampf verschwanden. Zugleich spürt er, wie die Wut in ihm höher steigt, und auf einmal liegt seine Hand auf den Kolben des Colts.

Hooker nimmt die Zigarre aus dem Mund und dreht sie zwischen den Fingern. Er blickt auf die Glut, als er sagt: „Weiß der Teufel, was in die Boys gefahren war, Jackson. Ich hatte es ihnen nicht befohlen. Ganz davon abzusehen, brauchen Sie keinen Draht mehr. Ihre zehn Longhorns sind tot."

Bill lässt den Kolben des Revolvers los Seine Hände sind schweißnass.

Hooker schiebt die Zigarre wieder in den Mundwinkel und sagt daran vorbei: „Meine Leute haben sie erschossen. Vielleicht waren sie deshalb so wild. Ich weiß es nicht. Auf meiner Weide liegen mehrere tote Herefords. Das Texasfieber hat sie befallen. Und nur Ihre Longhorns können es mitgebracht haben. Sie wissen ja, dass ein guter Cowboy sehr an dem Vieh hängt, das ihm anvertraut wurde. Das ist der ganze Grund."

Bill geht bis zur Theke und lehnt sich dagegen. Seine Longhorns tot. Umsonst bis hierher nach Nebraska getrieben.

„Das ist ganz unmöglich", sagt er kratzig. „Ich habe in Hays City einem Doc dreißig Dollar bezahlt, damit er die Rinder untersucht Er hat festgestellt, dass sie keine Texaszecken in ihrem Fell haben."

Hooker zuckt die Schultern und bläst den Rauch aus dem Mund.

„Offenbar hat sich der Doc geirrt. Es gab außer Ihren keine Texasrinder in diesem County. Ich hoffe, Sie sehen ein, dass meine Leute nichts als ein gerechter Zorn gepackt hatte. Sie sollten weiterhin einsehen, dass Sie sich hier am Platte River unmöglich gemacht haben. Ich bin kein Unmensch, Jackson. Ich. gebe Ihnen vierundzwanzig Stunden Zeit, zu verschwinden. Das wird Ihnen genügen, schätze ich."

Bill Jacksons Hand legt sich wieder auf den Revolverkolben. Er denkt an May, die in der Hütte auf ihn wartet, und die nun sicher schon alles weiß. Vor allem sind es ihre Träume, die jäh zerschmettert wurden.

Hooker lächelt auf eine harte Art, als er seine Jacke anhebt.

„Ich bin nicht bewaffnet, Jackson", meint er. „Lassen Sie das. Sie machen sich damit nur selbst Kummer. Was mit einem Mörder geschieht, ist ja bekannt."

Der Keeper schiebt für Bill ein gefülltes Glas über die Theke.

„Trinken Sie", brummt er. „Und denken Sie genau über alles nach. Ich halte Mr. Hookers Vorschlag für sehr fair. Jeder andere wäre vielleicht explodiert, wenn seine Rinder zugrunde gehen, weil ein anderer halbwilde Longhorns ins Land gebracht hat."

Bill blickt den Keeper gar nicht an. Er fragt sich, ob seine Rinder wirklich noch Texaszecken mit sich schleppen konnten.

„Mein Vormann stellte schon vorgestern fest, dass verschiedene Rinder glühend heiße. Rücken haben. Vielleicht sind morgen noch mehr tot." Hooker nippt an seinem Bourbon. „Sie tun sich selbst den größten Gefallen, wenn Sie schnell verschwinden. Sich und Ihrer Frau, Jackson."

Bill dreht sich um und geht hinaus. Er hat vergessen, dass er von Hooker ein Pferd zu der Erklärung haben wollte.

Die Sonne prallt gegen seine Kleidung, als er auf die Fahrbahn hinuntertritt. Er hört Schüsse krachen, deren rollendes Echo durch die Stadt weht. Oben bei der Eisenbahn schreit jemand, dann ist ein raues Lachen zu hören.

Bill geht zum Store hinüber. Er sieht den Händler vor der Tür stehen.

„Den Draht brauche ich nicht mehr", sagt Bill. „Können Sie mir ein Pferd verkaufen?"

Der Mann nickt. Ohne eine Frage zu stellen, geht er um das Haus herum.

Bill folgt ihm. Er achtet nicht darauf, was für ein Pferd er bekommt. Es ist ihm gleichgültig. Er nimmt den alten Sattel, den ihm der Händler gibt und legt ihn auf den Rücken des Tieres.

„Der Marshal konnte nicht kommen", hört er den Storehalter sagen.

„So?"

„Ja. Er wird nie mehr kommen. Er wurde vor einer Stunde im Bullhorn-Saloon erschossen."

Bill zieht den Bauchgurt des Sattels fest und wendet sich um.

„Von wem?", fragt er.

„Von ein paar texanischen Treibherdenleuten. Es soll Streit wegen eines Mädchens gegeben haben. Die Texaner sind verschwunden. Der Barbier hat es mir erzählt."

Bill führt das Pferd in den Hof hinaus und steigt in den Sattel. Er blickt zu seinem flachen Ranchwagen hinüber, der noch immer an der Hüttenwand steht. Das tote Pferd ist verschwunden.

„Ich lasse den Wagen reparieren, Jackson", meint der Storehalter neben ihm.

Bill antwortet nicht. Er wendet das Pferd und reitet die Straße hinauf.

 

*

 

Immer näher kommen die Saloons, die sich um die Bahnschuppen und Verladerampen gruppieren. Aus einem großen Holzfass; das auf langen Stelzen steht, sprudelt ein dünner Wasserstrahl, der in der trockenen Erde versickert.

Aus dem Schatten eines Vordaches tritt eine Frau und lehnt sich an eine Stütze. Sie blickt zu ihm her, steckt sich eine lange Zigarettenspitze in den Mund und lächelt wie ein Raubtier.

Bill pariert das Pferd. Ein Schauer rinnt seinen Rücken hinunter. Er erkennt sie sofort wieder.

„Hallo, Jackson", sagt sie. „So klein ist die Welt, was?" Ihr perlendes Lachen klingt in seinen Ohren wie das Knurren eines Pumaweibchens.

„Alice Arcon", sagt er fad. In der gleichen Sekunde weiß er, dass sie nicht überrascht ist, ihn hier zu sehen. Er denkt an Texas, wo er sie zuletzt gesehen hat. Damals hatte sie ihn bewegen wollen, mit ihr zu fliehen. Als er nicht mitmachte, floh sie allein; vor ihrem Mann, dem Doc, der sein Examen nicht bestanden hatte.

Er weiß, dass sie ihn dafür hasst. Und er sieht in ihren Augen, dass sie großen Spaß daran hat, ihn so überrascht zu haben.

Knarrend öffnet sich die Schwingtür des Saloons. Ein großer, schwarzer Mann mit einem scharfgeschnittenen Gesicht und zwei tiefgeschnallten Colts tritt auf den Gehsteig.

Alice Arcon schaut über, die Schulter. Der Mann, den Bill niemals gesehen hat, grinst scharf zu ihm herüber.

„Verschwinde!", zischt die Frau.

Das Gesicht des Mannes scheint zu einer Maske zu erstarren. Er dreht sich um und geht in den Saloon zurück.

Alice wendet sich wieder an Bill, der der Szene mit steigender Verwunderung gefolgt ist.

„Ich freue mich riesig, dich hier getroffen zu haben, Bill", sagt sie. „Willst du nicht absteigen und ins Haus kommen?"

Er treibt sein Pferd durch einen Schenkeldruck näher heran.

„Ich habe dir damals gesagt, dass ich nicht mit dir gehe, Alice. Du bist verheiratet. Unsere Einstellung zu den Dingen des Lebens in diesem Land war grundverschieden. Ich will nicht hoffen, dass du mir gefolgt bist."

„Was bildest du dir denn ein? Ich und dir folgen? Du bist verrückt!"

Bill sieht, dass ihr Lächeln abfällig geworden ist. Er schnalzt belegt mit der Zunge. Das Pferd unter seinem Sattel geht weiter. Er spürt den Blick der Frau in seinem Rücken, doch er sieht sich nicht um.

Auf der anderen Seite fliegt eine Tür mit einem Knall auf. Ein Mann schlittert schreiend über den Bohlenweg, verpasst die Stufen und fliegt in den aufwirbelnden Staub.

Ein zweiter Mann taucht im Türrahmen auf. Sein hämisches Lachen schallt über die Straße.

„Verschwinde, Hombre!", ruft der Mann oben auf dem Gehsteig.

Der Mann auf der Straße ist aufgestanden und klopft den Staub von seiner Kleidung. Er geht zu den Pferden, die an der blankgewetzten Holmstange angebunden sind, macht eins davon los und steigt in den Sattel. W’ortlos reitet er davon.

Bill Jackson reitet am Wasserbehälter vorbei und über die Schienen hinweg. Er sieht, dass die großen Verladekorrals leer sind. Dahinter erhebt sich der Stiefelhügel. Und dort stehen ein paar Männer im Kreis um ein Loch. Vielleicht ist es der Marshal, den sie beerdigen.

 

*

 

Bill Jackson ist nicht weit gekommen, als er sie auftauchen sieht. Sie reiten in einer breiten Kette auf ihn zu. Und sie sind wieder fünf Mann. Genau die gleichen, die es schon in der Stadt mit ihm versuchten.

Schnell kommen die Reiter näher. Ihre Schreie, mit denen sie die Pferde antreiben, schallen in Bills Ohren. Er sieht die Pulverdampfwölkchen aufsteigen und hört das Sirren der Kugeln rechts und links von sich.

Bill Jackson zieht den Colt und feuert zurück. Ein Pferd bricht zusammen, und der Cowboy wird wie ein Pfeil über den Hals des Tieres geworfen. Er überschlägt sich im Gras.

Die anderen schießen umso wilder. Bills Pferd bricht nach der Seite aus und rast in die Talsenke hinunter; auf das Pinienwäldchen zu. Etwas streift über seinen Rücken. Er hebt den Arm wieder und schießt. Sie greifen ihn von der Seite an und wollen ihm offenbar den Weg abschneiden. Er trifft einen von ihnen in die Schulter, was die anderen langsamer werden lässt. Dann erreicht er den Wald. Zweige peitschen in sein Gesicht und reißen ihm den Hut vom Kopf. Er hält sein Pferd an und steigt ab. Mit der rauchenden Waffe in der Hand geht er zurück.

Sie haben vor den Bäumen angehalten.

„Kommt her!", schreit Bill ihnen entgegen. „Na los!"

Zweige brechen. Er sieht einen Schatten und feuert darauf. Die Kugel pfeift durch das Geäst und bohrt sich ratschend durch einen Stamm. Der Schatten ist verschwunden.

Bill bückt sich nach seinem Hut, stülpt ihn auf den Kopf und zieht Patronen aus den Schlaufen seines Gurtes. Er hört Pferde schnauben und Waffen klirren. Lose herumliegende Zweige brechen unter Stiefelsohlen. Er schießt abermals. Ein unterdrückter Schrei antwortet ihm.

„Zurück!", schnarrt eine Stimme.

Wenig später erklingt Hufschlag, der sich entfernt.

Bill Jackson greift nach den Zügeln und führt sein Pferd zum Saum des Waldes. Er sieht die Reiter bei dem Mann anhalten, der sein Pferd verloren hat. Der Cowboy steigt hinter einem anderen auf. Alle fünf reiten weiter. Offenbar haben sie die Lust verloren.

Bill fragt sich, ob die Männer wirklich so hassen können, weil Hookers Herefords vom Texasfieber befallen wurden. Alice Arcon fällt ihm ein. Sie war bestimmt nicht überrascht, ihn hier zu sehen. Bill schüttelt den Kopf. Nein, es erscheint ihm unsinnig, sie damit in Verbindung zu bringen. Sie und Hookers Leute sind zwei Dinge, die nicht zusammenpassen.

Als die Reiter hinter der Hügelkuppe verschwunden sind, steigt er in den Sattel und reitet aus dem Wald hinaus. Die Männer werden nach North Platte reiten. Mindestens einer von ihnen muss zum Doc.

Bill reitet am Rande des Waldes entlang und über einen Hügel. Er sieht in der nächsten Talsenke eine kleine Herde Herefords. Vielleicht sollten die fünf Männer diese Herde bewachen und haben statt dessen auf ihn gelauert, weil sie sicher sein konnten, dass er auf diesem Weg kommt.

Jackson reitet ins Tal hinunter. Er hält sein Pferd in der Nähe eines weißgesichtigen Stieres an. Das mächtige Tier steht reglos und hat die Augen geschlossen. Plötzlich beginnt es heftig zu zittern.

Bill treibt sein Pferd wieder an und reitet dicht an das Tier heran. Er streckt die Hand aus und fährt damit über den Rücken des Stieres. Glühende Hitze berührt seine Hand, und es ist ihm, als habe er ins Feuer gegriffen.

Der Stier macht einen taumelnden Schritt nach der Seite. Jäh kippt er um.

Bill Jackson reitet weiter. Es ist keine Täuschung. Hookers Rinder sind vom Texasfieber befallen. Er kommt über den nächsten Hügel. Auf einmal macht er sich bittere Vorwürfe, seine Rinder nicht gleich in einen Korral gesperrt zu haben. Es wäre mit den zehn Tieren leicht gewesen. Aber er hatte sie frei laufen lassen, wie alle Männer hier oben ihre Rinder frei laufen lassen, damit sie sich das beste Gras selbst suchen können.

In der Senke, die er eine halbe Stunde später erreicht, sieht er fünf der mageren und ehemals so wilden Longhorns liegen. Er reitet zu ihnen hinunter, sieht die großen Einschusslöcher, aus denen das Blut gelaufen ist. Und er sieht die Flanken der Tiere, die sein Brandzeichen tragen. Voller Stolz hat er es ihnen aufgedrückt, ehe er mit May hierher kam.

Plötzlich stutzt er. Eines der Rinder trägt kein Brandzeichen.

Bill springt aus dem Sattel und geht auf das tote Rind zu. Nein, es gibt keinen Zweifel. Die Flanke des Tieres ist nicht gezeichnet.

Er richtet sich steif auf und blickt suchend umher. Ein paar tote Herefords liegen in der Nähe. Geier kreisen über ihm am Himmel. Bald wird sich der Gestank der Kadaver ausbreiten.

Bill geht zu seinem Pferd zurück und steigt wieder auf. Langsam reitet er weiter, über den nächsten Hügel hinweg und in die Senke hinunter. Wieder sieht er drei Longhorns erschossen im Gras liegen. Er hält bei ihnen an. Sie tragen sein Brandzeichen, alle drei. Suchend streift er weiter, bis er auch die letzten beiden Tiere neben trockenen Sage-Büschen liegen sieht. Und eins dieser Tiere hat kein Brandzeichen.

Bill Jackson sucht weiter, bis sich die Nacht über das Land senkt. Er findet keine weiteren Rinder. Es sind zehn Stück, so viele, wie er ins Land brachte. Aber zwei davon gehören ihm nicht.

 

*

 

Die Tür des flachen Hauses öffnet sich, und eine lange Lichtbahn zeichnet bizarre Schatten in den Sand. Die Gestalt einer jungen Frau tritt ins Licht. Sie hat ein Gewehr unter den rechten Arm geklemmt.

„Ich bin es!", ruft er hinüber, während er aus dem Sattel gleitet.

Die Frau lässt das Gewehr sinken. Sie ist von schmaler Gestalt. Ihr Gesicht sieht unter den schwarzen Haaren und im Schein der Petroleumlampe sehr bleich aus.

Bill führt das Pferd in den Anbau und geht dann ins Haus hinein. Er schiebt May vor sich her und schließt die Tür.

Sie lehnt das Gewehr an die Wand und blickt ihn über den Tisch hinweg an.

„Du hast den Wagen nicht mitgebracht, Bill", sagt sie. „Du weißt also, was los ist?"

„Sie haben es mir auf ihre Art erklärt, May", erwidert er.

„Der Doc in Kansas hat die Longhorns nicht richtig untersucht. Vielleicht verstand er auch nichts davon. Du müsstest dem Marshal ..."

„Der Marshal wurde heute erschossen. Ich habe etwas anderes festgestellt: zwei unserer Rinder sind verschwunden. Dafür liegen zwei andere erschossen zwischen den Hügeln."

May stemmt die Hände auf die grobe Tischplatte und starrt ihn über den Tisch hinweg an.

„Zwei wurden vertauscht? Dann treibt Hooker mit uns ein böses Spiel!"

Bill setzt sich auf einen Stuhl. Er blickt sie eine Weile sinnend an, dann schüttelt er langsam den Kopf.

„Irgendwie ist das eine Rechnung, die nicht aufgehen kann", meint er. „Hooker war nicht davon begeistert, uns in seiner Nachbarschaft zu sehen. Das stimmt soweit. Aber Hooker ist auf der anderen Seite ein eiskalter Rechner. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er uns die Rinder vertauscht, verseuchtes Vieh hierherbringt und sich selbst unübersehbaren Schaden macht. Hookers Leute sind auf mich losgegangen. Es kann sein, dass er sie wild machte. Er selbst griff nicht ein. Er sagte mir, wir sollten binnen vierundzwanzig Stunden verschwinden. Wir könnten jetzt gehen, May. Wahrscheinlich würde uns niemand aufhalten. Aber die Texaszecken fallen den Herefords weiter aus den Fellen und stecken immer mehr Tiere an. Daran kann Hooker, wenn er großes Pech hat, zerbrechen. Und das muss er vorher gewusst haben."

May setzt sich ebenfalls.

„Aber ... aber wer soll es dann sein? Wer kann sonst noch etwas gegen uns haben? Bill, uns kennt hier niemand! Wir sind Fremde, die gekommen sind und ein kleines Haus bauten!"

„Ich habe Alice Arcon in der Stadt getroffen. Es sah nicht so aus, als hätte sie nicht gewusst, dass wir hier sind."

May steht abrupt wieder auf, tritt an die Wand und lehnt sich dagegen. Ihr hartes Atmen erfüllt den Raum.

„Alice Arcon? Aus Texas?"

„Ja. Sie hat nicht vergessen, dass ich sie abgewiesen habe. Arcon hat damals auf mich geschossen. Sie hätte also glauben müssen, dass ich tot bin. Sie hätte verwundert sein müssen, mich auf einmal zu treffen. Aber sie war es nicht. Sie hat gewusst, dass wir hier sind. Ich weiß nicht, wie groß der Hass einer enttäuschten Frau sein kann und wie lange er in ihr lebt."

„Wir ... wir wollen fortgehen."

„Immer und überall bin ich gegangen, May. Wohin wollen wir nun wieder gehen?"

„Ich weiß nicht. Irgendwohin. Weißt du, was Alice Arcon hier macht?"

„Nein. Aber ich sah einen Mann mit zwei Colts, dem sie Befehle gab. May, ich bin fest davon überzeugt, dass sie dahintersteckt. Natürlich wird man es ihr nicht beweisen können. Aber vielleicht kann ich es Hooker erklären."

„Du musst dich irren, Bill."

„Es ist ganz einfach. Die Rinder treiben sich hier überall herum. Die Cowboys achten darauf, dass sie sich nicht zu weit verstreuen. Niemand hat sich bis jetzt darum gekümmert, dass unsere Longhorns und Hookers Herefords nicht zusammenkommen. Es war den Männern gleichgültig. Ich wollte das abändern und einen Korral bauen. Vielleicht verwenden sie das Argument jetzt gegen mich. Aber vielleicht lässt Hooker sich auch erklären, wie alles zusammenhängen muss. May, zwei Männer genügen, um zwei Longhorns einzufangen und wegzubringen und dafür zwei andere auf die Weide zu treiben."

May kommt zum Tisch zurück, dreht den Docht der Lampe höher, so dass es heller im Raum wird.

„Lass uns gehen!", sagt sie eindringlich. „Gleichgültig, wie es wirklich ist, du kannst allein nichts gewinnen!"

„Ich werde mit Hooker reden. Er muss mich anhören. Er muss sich davon überzeugen lassen, dass irgend jemand ihm Schaden macht, um mich damit zu vernichten!"

May greift über den Tisch hinweg nach seiner Hand. Bittend blickt sie ihn an.

„Lass uns fortgehen, Bill! Wir können hier nichts gewinnen. Du hast einen Colt und ein altes Gewehr. Du bist allein! Niemand wird dir helfen. Sie werden dich alle hassen, wenri Hooker daran zugrunde geht und vielen Handwerkern der Stadt die Existenzgrundlage raubt!"

„Ich werde mit ihm reden!", beharrt Bill. „Und er muss mich anhören!"

 

*

 

Alice Arcon lächelt Pat Hooker an der Lampe vorbei zu.

„Ich freue mich, dass Sie meinen Saloon besuchen", sagt sie. „John! Sieh doch im Lager nach, ob wir noch Whisky aus Kentucky haben."

John Doolin, der Mann mit den beiden Colts, der jetzt eine weiße Jacke trägt und der Keeper ist, verschwindet durch eine Tapententür.

„Wie haben Sie es angestellt, zu dem Saloon zu kommen?", erkundigt sich der Rancher.

Alice Arcon lächelt stärker.

„Ich bin schon lange im Westen", sagt sie. „Ich kenne das Land. Es hat mir keine großen Schwierigkeiten gemacht. Ich habe gespielt. Viele Männer haben Freude daran, eine Frau gewinnen zu lassen."

„Eine Frau wie Sie, Alice", meint Hooker. Er dreht den Kopf und blickt zur Theke hinüber. So entgeht ihm ihr spöttisches Lächeln. Es ist verschwunden, als er sie wieder anschaut.

„Ich habe erfahren, dass Sie eine Ranch in der Nähe haben", sagt Alice.

„Ja. Die einzige in zweihundert Meilen Umkreis, die wirklich eine Ranch ist. Wenn es Sie interessiert, würde ich mich über Ihren Besuch freuen."

„Oh, das nehme ich an, Mr. Hooker. Sagen wir morgen früh."

„In Ordnung. Ich schicke zwei meiner Leute zu Ihnen. Sie werden ..."

John Doolin tritt an den Tisch und stellt eine Flasche darauf.

„Es ist gut, John", sagt Alice.

Der Mann entfernt sich.

„Ich habe selbst Leute", fährt sie an den Rancher gewandt fort. „Machen Sie sich wegen mir keine Umstände. Man hat in der Stadt heute erzählt, es sähe um Ihre Rinderzucht schlecht aus."

„Stimmt. Aber die Leute übertreiben. So ein verdammter Drei Kühe-Rancher hat Longhorns hierhergebracht. Ich dachte mir erst nichts .dabei. Aber nun sind meine Tiere von den Texaszecken befallen worden und sterben zu Dutzenden. Ich weiß nicht, ob schon alle Herden davon befallen sind."

„Das tut mir leid. Also morgen früh. Ich muss mich um die anderen Gäste kümmern."

 

*

 

Bill Jackson zügelt sein Pferd neben dem Tränktrog und blickt zum Haupthaus hinauf. Daneben erstreckt sich das flache, lange Bunkhaus. Ein paar Männer stehen davor, die ihn anblicken. Zwei von ihnen stützen sich auf Gewehre. Es sind moderne Mehrladegewehre, Winchester 66. Die Männer grinsen.

„Ist der Rancher da?", fragt Bill.

Niemand antwortet. Sie blicken ihn an und grinsen, aber sie antworten nicht.

Knarrend schwingt die Tür des Haupthauses auf. Sie liegt im Schatten des Verandadaches. Ein Mann kommt heraus. Ihm folgt ein zweiter. Beide treten an die Brüstung der Veranda. Sie grinsen ebenfalls. Bill erkennt den einen sofort wieder. Es ist der Mann mit den beiden Colts, der gestern von Alice Arcon Befehle bekam, die er auch befolgte. Den zweiten Mann hat er noch nie gesehen. Aber auch er trägt zwei Colts tief an den Hüften.

Etwas in Bill krampft sich zusammen. Was machen die beiden Kerle aus North Platte hier? Sie gehören ganz offensichtlich zusammen.

„Wie gefällt er dir, Bliff?", fragt Doolin.

„Es geht. Vor dem Frühstück bin ich nicht für große Brocken. Das weißt du ja, John."

Die Cowboys vor dem Bunkhaus lachen. Alles kommt Bill wie ein prächtiges Theater vor, bei dem er die Witzfigur abzugeben hat. Wahrscheinlich warten sie nur darauf, dass er sauer reagiert. Sie werden dann schießen. Und da es keinen Marshal mehr gibt, brauchen sie dafür noch nicht einmal eine Erklärung abzugeben.

„Was willst du denn, Sonny?", erkundigt sich Doolin. „Mr. Hooker frühstückt gerade."

Da geht die Tür auf. Hooker kommt heraus, überquert die Veranda und tritt zwei Stufen die Treppe herunter. Er legt eine Hand auf das Geländer und die andere auf den Kolben des Colts, den er heute mit einem hellbraunen Patronengurt umgeschnallt hat.

„Sie kommen gerade richtig, Jackson", meint der Rancher. „Gerade vor einer Stunde kamen meine Leute zurück. Sie haben festgestellt, dass wieder fünfzig Tiere umgefallen sind."

Die beiden Cowboys mit den Gewehren verändern ihre Haltung. Sie heben die Gewehre an.

„Ich sehe ihn über Kimme und Korn, Boss!", ruft der eine.

Hooker geht nicht darauf ein. Er schaut Bill immer noch an.

„Hooker, ich bin gekommen, weil ich Ihnen etwas erklären will", sagt Bill kratzig. „Ich habe mir die Longhorns angesehen, die Ihre Leute erschossen haben. Zwei davon gehören mir nicht!"

„So?"

„Man sollte den Doc bemühen. Er kann bestimmt feststellen, ob es meine Rinder waren, oder die beiden anderen, die die Texaszecken im Fell trugen."

„So? Und woher kommen die anderen beiden Longhorns? Sind sie allein von Texas hierher gewandert? Jackson, es gibt keine Viehzüchter in dieser Gegend, die sich mit störischen Texasrindern befassen. Sie wissen das so gut wie ich!"

„Zwei der Rinder tragen kein Brandzeichen. Ich habe alle meine Tiere gezeichnet, Hooker!"

Der Rancher zuckt die Schultern, während sein Gesicht immer verschlossener wird.

„Offenbar haben Sie zwei vergessen", sagt er.

„Ich habe keine ..."

„Haben Sie nicht gehört, was ich sagte? Meine Leute haben wieder tote Rinder gefunden. Jackson, ich habe ganz allgemein etwas gegen Leute von Ihrem Schlag. Aber ich bin kein Unmensch. Dass meine Leute Sie beschossen haben, entzog sich meiner Kontrolle. Ich weiß nicht, ob ich Sie noch gehen lassen will, wenn wieder tote Rinder gefunden werden. Sie verstehen doch, wie?"

Bill hat verstanden. Er hatte erwartet, Hooker erklären zu können, dass ein Dritter seine Hand im Spiel haben muss. Aber nun scheint es, als wollte Hooker sich gar nichts erklären lassen.

„Ich sehe ihn immer noch über Kimme und Korn", meint der eine Weidereiter beim Bunkhaus.

Da knarrt die Tür des Haupthauses wieder. Bill zuckt zusammen, als hätte ein Schlag seinen Nacken getroffen.

Alice Arcon steht auf der Veranda zwischen den beiden Männern mit den tiefgeschnallten Colts. Sie lächelt zu ihm herunter und fragt an Hooker gewandt: „Ist das der Drei Kühe-Rancher?"

„Ja. Ich habe ihm vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben, um zu verschwinden. Die sind noch nicht um."

Bill Jackson weiß nicht, wie die Frau zu Hooker steht. Aber er weiß, dass sie ihr Spiel raffiniert eingefädelt hat. Wenn er jetzt sie verdächtigen würde, käme er wahrscheinlich nicht mehr von dieser Ranch fort.

„Wir sehen heute Abend nach, ob Ihre Hütte verlassen ist, Jackson", meint der Rancher. „Beten Sie, falls Sie an Gott glauben, dass bis dahin keine Herefords mehr umgefallen sind."

Bill blickt immer noch auf Alice Arcon. Wie sehr hat sie sich verändert, seit er sie kennenlernte. Jetzt tut sie, als hätte sie ihn niemals zuvor gesehen. Und dabei war ausgerechnet sie es, die am Anfang seiner rauen Wege stand. In Texas hat sie sich mit ihm verbinden wollen. Damals in Langtry war es gewesen, wo ihn die Bürger der Stadt als Revolversheriff angeworben hatten.

Davon wissen die beiden Kerle mit den tiefgeschnallten Colts sicher nichts. Sie würden sonst kaum so überlegen tun.

„Auf was warten Sie noch?", fragt der Rancher grollend.

„Hooker, warum wollen Sie nicht ..."

„Harry!", unterbricht ihn der Rancher.

Drei Cowboys lösen sich von der Wand des Bunkhauses und kommen über den Hof. Zwei haben Gewehre in den Händen, der dritte seinen Colt.

Die Winchester des einen kracht plötzlich. Die Kugel streicht über den Boden und wirbelt den Staub in die Höhe. Die Männer lachen, als sie sehen, dass das Pferd erschrocken schnaubend in die Höhe steigt und Bill zu tun hat, es zu beruhigen.

Da kracht der zweite Schuss. Er trifft Bills Hut und weht ihn davon.

Das Lachen wird lauter.

Ein vierter Mann nähert sich mit einer Peitsche. Bill wendet das Pferd. Er sieht ein, dass es sinnlos ist. Er kann hier warten, bis sie ihn in den Kopf schießen. Aber er kann Hooker niemals etwas erklären.

Zischend streicht die Peitsche durch die Luft, trifft das Pferd auf die Hinterhand und lässt es mit einem wilden Sprung lospreschen.

Das Lachen gellt in Bills Ohren. Die nächste Kugel zieht einen heißen Strich an seiner Hüfte entlang. Das Pferd donnert an einer Fenz vorbei. Hinter ihm wird das Lachen leiser, bis es verklingt.

Bill ist nicht weit gekommen, als er den Hufschlag eines einzelnen Pferdes hinter sich hört. Er blickt zurück und sieht einen der Cowboys, der etwas in der Hand schwenkt.

Bill wartet. Als der Reiter näherkommt, erkennt er, dass es sein Hut ist, den der Mann in der Hand hält. Der Cowboy pariert sein Pferd vor ihm und wirft ihm den Hut mit einem Grinsen zu.

„Den hast du vergessen", meint er und dreht sein Pferd. Er rast davon, ehe Bill noch etwas sagen kann.

Jackson blickt auf die beiden Löcher, die die Winchesterkugel in den Stetson gebohrt hat. Dann stülpt er ihn auf den Kopf und setzt seinen Weg fort.

Hinter struppigen Büschen auf der Höhe eines Hügels hält Jackson sein Pferd an. Im Tal sieht er ein paar Männer, die bemüht sind, Rinder nach Westen zu treiben. Bill erkennt, dass immer wieder Herefords strauchelnd ausbrechen und umfallen, sobald sie getrieben werden. Der Weg der Herde durch das Tal ist von liegenden Rindern gekennzeichnet. Manche schlagen noch mit den Beinen um sich. Andere liegen still, und ihre Leiber dunsen unter der heißen Sonne auf.

Er muss daran denken, dass Hooker eigentlich noch sehr human zu ihm ist. Mancher andere Rancher würde vielleicht so wie verschiedene der Cowboys reagieren und seinen Widersacher in den Boden stampfen wollen. Hooker aber hält sich zurück. Vielleicht aber nur noch, weil er ihm eine Frist gesetzt hat, als er sich über das Ausmaß der Seuche noch nicht im klaren war.

Jackson zieht das Pferd herum und reitet weiter. Er weiß jetzt ganz genau, dass es nicht seine Schuld ist. Er und Hooker sind die Opfer. Hooker sicher nur, weil er zufällig der Mann ist, der in seiner Nähe lebt.

Er fragt sich, was Alice Arcon, wenn sie dahintersteckt, erwartet. Ob sie denkt, dass er fortgehen wird? Oder ob sie sicher ist, dass er nun nicht mehr aufgeben will, obwohl er außer einer kümmerlichen Hütte nichts in Nebraska zu verlieren hat?

Er findet auf seine stummen, verzweifelten Fragen keine Antwort. Er weiß nur, dass irgendwer und wahrscheinlich Alice Arcon bittere Rache nehmen will. Wenn er fortgeht, wird sie ihn mit ihrem Hass verfolgen. Wahrscheinlich müsste er sie töten, um vor ihr Ruhe zu haben. Aber wie soll ein Mann seinen Feind töten, wenn es eine Frau ist?

 

*

 

Alice Arcon gibt dem Rancher die Hand und geht zu ihrem Pferd, das John Doolin am Zaumzeug hält. Alice Arcon trägt einen geteilten Wildlederrock, der es ihr gestattet, im Herrensitz zu reiten.

Hooker geht neben ihr her.

„Ich habe mich gefreut, Alice", sagt er. „Sie sind mir jederzeit willkommen."

„Besuchen Sie mich doch gelegentlich in der Stadt wieder", erwidert sie und steigt auf, ehe er ihr helfen kann.

Zusammen mit Doolin und Bliff Bruce reitet sie davon. Doolin lacht schallend, als die Ranch ein Stück hinter ihnen liegt.

„Ein dummer Narr", meint er. „Ich hatte schon die Luft angehalten, als sich herausstellte, dass Jackson etwas gemerkt hat. Aber Hooker ist hirnverbrannt und stur genug, ihn nicht einmal anzuhören."

„Er ist genau der Mann, den wir gebraucht haben", erklärt die Frau ungerührt. „Wahrscheinlich werden die Texaszecken alle seine Rinder vernichten. Wenn er pleite ist, kaufe ich die Ranch. Er wird auch dann noch nichts merken."

„Und wenn Jackson flieht?", fragt Bruce. „Wenn er hier aufgibt und sich irgendwie rächen will? Er wird wissen, wer die Longhorns ausgetauscht hat."

„Er kann es höchstens vermuten, Bliff. Beweisen kann er es niemals."

„Na schön. Er nimmt es also nur an. Wie nun, wenn er fortgeht und es nicht vergisst?"

„Du meinst, wenn er irgendwann wiederkommt?"

Bruce nickt.

„Ja."

„Er sieht wie ein Mann aus, der seine Gegner nicht vergisst", mischt sich Doolin ein.

„Er wird nicht fortgehen", sagt .Alice Arcon. „Er fühlt sich mit gutem Grund im Recht. Er wird dafür kämpfen."

„Woher kennst du ihn eigentlich, Alice?", will Doolin wissen.

„Aus Texas. Und aus Missouri. Er hat meinen Bruder im Duell erschossen. Es ist schon zehn Jahre her. Aber darum geht es nicht. Er wies mich ab, als ich seine Hilfe brauchte. Niemals in meinem Leben hat mir ein Mann etwas abgeschlagen. Keiner wäre auf den Gedanken gekommen, nicht mit mir zu gehen, wenn ich mit dem Finger nach ihm gewinkt hätte."

„Nur er", sagt Doolin, und sein Gesicht wird lang. „Was war er in Texas?"

„Sheriff. Revolversheriff!"

Doolin pfeift durch die Zähne.

„Revolversheriff?", fragt Bruce verblüfft. „Warum hast du uns das noch nicht gesagt?"

„Weil es unwichtig ist, Bliff. Es ist längst vorbei."

„Ein Mann muss eine verdammt schnelle Schusshand haben, wenn er so etwas werden kann", sagt Doolin schleppend. „Hast du schon einmal gesehen, wie er zieht, Alice?"

„Er hat meinen Bruder besiegt und alle anderen, die es danach mit ihm im Kampf versuchten", entgegnet sie. „Habt ihr jetzt Angst?"

„Du rückst jedenfalls reichlich spät damit heraus", knurrt Bruce.

„Er wird nicht fortgehen", erwidert sie überzeugt. „Heute Abend wird Hooker wild genug sein, denn bis dahin hat ihm die Sonne wieder eine Menge der kranken Rinder umgebracht. Er wird dann über Jackson herfallen und ihn vernichten. Wir brauchen nur zu warten, bis Hooker fertig ist. Aber er darf nicht merken, dass wir darauf warten."

„Das ist klar", brummt Doolin.

Bruce nickt zustimmend.

„In ein paar Jahren ist alles vergessen. Niemand wird noch daran denken, wie wir zu der Ranch gekommen sind."

„Wir oder du?", erkundigt sich Doolin.

„Ich, damit wir uns ganz richtig verstehen, John. Aber du und Bruce, ihr werdet einen Job haben, wie er euch niemals zuvor angeboten wurde. Ich bezahle euch jetzt schon besser, als euch irgendwer bezahlen würde."

„Schon gut", brummt Bruce. „Das wissen wir doch. Aber wie nun, wenn dein Mann, der Doc aus Texas, eines Tages auftaucht?"

„Er wird nicht auftauchen. Er hat getrunken. Er hatte für nichts als Whisky Sinn. Sein Verstand hat darunter gelitten. Vielleicht ist er längst tot. Wenn nicht, wird er sich getröstet haben."

„Du solltest dich scheiden lassen", murmelt Doolin.

„Eben das will ich nicht, John. Und zwar deshalb nicht, weil es zuviel Staub aufwirbeln könnte. Es bringt ihn, wenn er noch lebt, am Ende auf meine Spur. Ich weiß nicht, ob er auch so gut hassen kann wie ich. Aber ich glaube, er kann es."

 

*

 

Als Bill Jackson vor der Hütte absteigt, kann er May durch die offene Tür sehen. Sie steht am Tisch und packt etwas zusammen.

„Was machst du?", fragt er rau.

„Ich packe, Bill." Sie richtet sich auf und kommt heraus. Ihr Gesicht sieht schmal aus, und ihre Augen liegen tief in den Höhlen und sind von dunklen Ringen umgeben. Sie scheint während der Nacht wenig Schlaf gefunden zu haben.

„Wir hätten nicht einmal einen Wagen, den wir mit dem Zeug beladen könnten, May. Hast du nicht daran gedacht?"

„Doch. Es ist nicht viel. Wir haben zwei Pferde. Wir bringen bestimmt alles fort, was wir noch brauchen."

„Und wohin wollen wir gehen?"

„Irgendwohin. Es ist mir egal."

Er lässt die Zügel zur Erde hängen, geht auf sie zu und greift nach ihren zuckenden Schultern. Sein Griff ist so hart, dass sich ihr Gesicht schmerzlich verzieht. Er merkt es nicht.

„Du tust mir weh."

Er lässt sie los und geht in die Hütte hinein. Das Sharpsgewehr lehnt noch dort an der Wand, wo May es gestern Abend hinstellte. Bill greift danach.

„Wir bleiben", sagt er. „Wir haben kein Geld mehr. Ich wüsste nicht, was wir anfangen sollen."

„Früher habe ich in Saloons getanzt, Bill", erwidert May. „Ich habe dabei eine Menge Geld verdient. Du bist einmal ein Spieler gewesen. Ich habe gehört, dass in den Black Hills Gold gefunden wurde. Hast du davon nichts erfahren?"

„Doch."

„Also. Was zögerst du dann noch? Ich weiß heute, dass man Geld braucht, wenn man in diesem Land anerkannt werden will. Wir kommen hier niemals zu etwas. Du hast das längst selbst eingesehen. Du willst jetzt nur nicht nachgeben. Du bist immer so gewesen! Und es war immer verkehrt!"

Bill öffnet das Schloss der Sharps und lässt es wieder zuschnappen. Er langt die Schachtel mit den Patronen vom Schrank und stellt sie auf den Tisch.

„Ich war immer im Recht, May."

„Ja. Aber es hat dir nie etwas genützt. Du weißt genau, dass es dir auch hier nichts nützen wird. Wie viele Cowboys mag Hooker haben?"

„Vielleicht zwanzig. Ich weiß nicht genau. Warum fragst du?"

„Du sollst dir ausrechnen, wie groß deine Chance gegen sie ist. Wenn sie kommen, werden sie alle gleichzeitig schießen. Und sie werden zwischen dir und mir auch keinen Unterschied machen. Sie werden das gar nicht können."

Bill nimmt die Patronen aus der Schachtel und schiebt sie in die Taschen. Er weiß, dass er für May die Verantwortung übernommen hat. Daran hatte er nicht gedacht. Nun erinnerte sie ihn daran.

„Ich werde dich nach Fort Kearney bringen", sagt er. „Dann kehre ich zurück."

„Du wirst mich nicht ins Fort bringen. Wir gehen in die Black Hills. Von mir aus können wir umkehren, wenn wir dort genug Geld gemacht haben, um Menschen darzustellen, vor denen man Achtung wegen ihres Geldes hat."

Bill tritt auf sie zu. Er sieht den Glanz, der jetzt tief in ihren Augen sitzt.

„Glaube mir, dass ich die Menschen kennenlernen konnte, während ich von Tingeltangel zu Tingeltangel zog", sagt sie hart. „Sie werden uns jeden Wunsch von den Augen ablesen, wenn sie nur wissen, dass wir Geld haben. Du.kannst sie alle zerbrechen, Bill! Wir werden nicht lange brauchen, um stark und mächtig zu sein."

„Gut, May. Gehen wir." Er geht an ihr vorbei hinaus und holt das zweite Pferd aus dem Anbau. Als er damit um die Hütte kommt, sieht er sie kommen. Sie sind mindestens fünfzehn Mann. Sie kommen über den Hügel und sprengen in die Senke herab.

May stößt einen erschrockenen Schrei aus. Da kracht der erste Schuss. Die Kugel jault über das Dach und verliert sich wimmernd im Nichts.

May springt in die Hütte hinein. Die zweite Kugel trifft das Pferd in die Hinterhand und lässt es davonrasen.

Bill springt hinter May in die Hütte, zieht die Tür zu und klemmt den Balken in die eisernen Krampen. Er geht mit dem Gewehr zum Fenster, richtet es nach draußen und schießt.

Eine knatternde Salve ist die Antwort. Moos rieselt aus den Fugen der Wände. Die Reiter haben sich zu einer breiten Kette auseinandergezogen und stürmen auf die Hütte zu. Ihre Kugeln fahren polternd in die Wände. Ihre Schreie vermischen sich mit den Abschüssen zu einem Inferno, das auch das zweite Pferd Bills in die Flucht schlägt.

Dann sind sie heran. Einer springt direkt vor dem Fenster ab und wirft sich dagegen. Er kommt im Prasseln der zerbrechenden Scheibe herein.

Bill schlägt ihm den Lauf des Gewehres auf den Kopf, dreht sich und schießt. Er sieht einen Mann die Arme hochwerfen und vom Pferd stürzen. Da streift eine Kugel über seinen Arm. Hinter ihm ist ein unterdrückter Schrei zu hören.

Bill wirbelt herum und sieht May, die an der Wand langsam niedersinkt. Sie hat beide Hände vor den Leib gepresst. Ein dünner Blutfaden wird zwischen ihren Fingern sichtbar.

Bill fühlt, wie sich seine Finger öffnen und das Gewehr auf seine Zehen fällt.

„May!", ruft er schrill. „Nein!"

In diesem Moment fällt sie ganz zur Seite. Ihr Kopf rollt auf die Erde. Sie bewegt sich nicht mehr.

Er kniet neben ihr nieder und berührt mit schweißnassen Händen ihr Haar.

„May!"

Verzweifelt schallt sein Schrei durch die Hütte. Niemand beantwortet ihn. Er hört ein Poltern an der Tür und eine raue Stimme hinter sich. Beides dringt nicht in sein Bewusstsein.

„May!", ruft er wieder und dreht ihren Kopf herum. Glasige, gebrochene Augen starren ihn an.

Da greift eine Hand nach seiner Schulter. Sie reißt ihn hart zurück, und eine Faust trifft sein Kinn. Er rennt bis gegen die Wand und kracht mit der Schulter dagegen.

Von links kommt ein anderer.

„Über die Hälfte der Rinder sind tot!", schreit er. Eine Faust kommt auf Bill zu, trifft ihn schmetternd gegen die Schläfe und wirft ihn in die Arme eines anderen, der sofort ebenfalls zuschlägt.

Bald merkt er nicht mehr, was sie mit ihm machen. Und er hört auch nicht mehr Hooker, der zu den anderen sagt, dass es nun genug wäre.

 

*

 

Ike Bedford, der jüngste von Hookers Cowboys, beginnt plötzlich zu zittern, als sein Blick auf die Frau fällt.

„Boss!", sagt er fast flüsternd und doch sehr scharf. „Sieh dir das an!"

Hooker hat die Frau schon gesehen.

„Niemand wird davon erfahren", sagt er rau. „Hört ihr! Niemand! So etwas darf in diesem Land nicht sein! Niemand hat dafür Verständnis. Er und sie müssen spurlos verschwinden!"

Ike Bedford blickt von einem zum anderen. Die rauen Gesichter der Männer sagen ihm mehr als die zahllosen toten Herefords, die er auf der Weide sah und die auch ihn verrückt gemacht hatten.

„Bringt ihn hinaus", sagt der Rancher schnarrend. „Er hat mich an den Rand des Ruins gebracht. Vielleicht habe ich in acht Tagen kein einziges Rind mehr. Es tut mir nicht leid, was geschehen ist. Sie hat Pech gehabt. Niemand hat sie gesehen."

Die Männer schleifen den Bewusstlosen hinaus und übergießen ihn mit Wasser, bis er zu sich kommt. Einer hat sein Lasso von der Schlaufe am Sattelhorn losgemacht.

„Da ist noch etwas, Boss", sagt Ike Bedford. „Er sagte heute Morgen, dass zwei Rinder sein Brandzeichen nicht tragen. Ich kann mir nicht denken, dass ein Mann bei zehn Rindern vergisst, dass er nur acht gezeichnet hat. Ich habe nach den Longhorns gesucht, die wir erschossen haben. Und ich habe festgestellt, dass er die Wahrheit sagte. Ist es nicht denkbar, dass du einen Feind hast, der nicht Jackson heißt? Drei Monate lang standen seine Rinder und deine zusammen. Niemals stellten wir einen Fall von Texasfieber fest. Jetzt auf einmal. Hat keiner von euch darüber nachgedacht? Findet es keiner seltsam, dass es drei Monate dauern konnte, ehe sich die Krankheit übertrug?"

„Wir wollen es kurz machen", knurrt der Cowboy, der das Lasso von seinem Sattel genommen hat.

Hooker nickt.

„Wir müssen es hinter uns bringen, Boys. Und niemand redet darüber. Kein Mensch soll erfahren, was gewesen ist."

 

*

 

Bill hebt die Hände und reibt sich über die brennende Stirn. Noch immer hat er das Bild vor Augen, sieht er May, die sich die Hände auf den Leib presst und ihn anblickt.

Sie hatte fortgehen wollen. Und er hatte zu lange gezögert.

Jetzt stehen sie in einem Kreis um ihn. Sie wollen ihn beseitigen. Wahrscheinlich wollen sie es im Augenblick nur, um den feindlichen Zeugen der grauenhaften Tat mundtot zu machen. Hooker scheint jetzt nicht an seine Rinder zu denken, die tot auf den Weiden liegen.

„Da drüben ist ein Baum", sagt einer.

Der mit dem Lasso geht hinüber.

„Warum willst du nicht darüber nachdenken, Boss?", fragt der junge Ike Bedford.

„Ich habe keinen Feind. Niemand hat etwas gegen mich. Und nun lass mich gefälligst in Ruhe!"

Die Cowboys greifen nach Bill, der plötzlich um sich schlägt. Er trifft zwei der Männer und springt den Rancher an. Sein donnernder Hieb treibt den Mann von den Beinen. Er springt über ihn hinweg und auf den Rücken eines Pferdes.

Ein Schuss kracht.

Das Pferd steigt in die Höhe. Bill hält sich am Sattelhorn fest, um nicht zu stürzen.

„Aufhören!", schreit Ike Bedford. „Boss, mein Gewehr ist auf dich gerichtet! Sag ihnen, dass sie aufhören sollen!"

Bill wirft den Kopf herum. Er sieht das finster entschlossene Gesicht des jungen Burschen und dessen Gewehr, das auf den Rancher zielt.

Hooker, der wieder aufgestanden ist, steht mit hängenden Schultern.

„Du Narr, Ike!", sagt er pfeifend. „Dafür bringen wir dich ebenfalls unter die Erde!"

„Im Moment bist du der Hölle näher als mir. Al, lass die Finger vom Colt! Hooker, befiehl ihnen, abzuschnallen. Wenn du tot bist, haben sie niemanden mehr, der ihnen Lohn zahlt. Erinnere sie daran!"

Al lässt den Kolben los und presst einen Fluch durch die Zähne.

„Hörst du nicht, Hooker?", erkundigt sich Bedford.

Bill zieht die Winchester aus dem Sattelschuh und richtet sie ebenfalls auf die Männer.

„Danke, Cowboy", sagt er zu Ike, ohne ihn anzusehen. Er zwingt sich, nicht in die Hütte hineinzublicken. Es nützt May nun nichts mehr, wenn er auch von diesen gnadenlosen Männern umgebracht wird.

Waffen fallen klappernd zu Boden.

„Ike, das wirst du noch bitter bereuen", schnarrt der Rancher. „Wir jagen euch beide, bis eure Pferde umfallen. Jackson, nun bist du auch noch ein Pferdedieb !"

Einer der Männer will um Bill herum. Der schwenkt das Gewehr blitzschnell und schießt, ohne zu zielen. Der Cowboy schreit und knickt ein.

„Ich habe ihn in den Oberschenkel getroffen", erklärt Jackson. Er wirft doch einen Blick in die Hütte. Auf einmal glaubt er, Hooker dafür töten zu müssen. Doch als er das Gewehr auf ihn richtet, bringt er den Finger nicht krumm. Irgend ein kleiner Rest ist noch in ihm. Ein Rest Ehrfurcht, den er vernichten muss.

Die Cowboys schieben sich nach den Seiten. Bedford hat sein Pferd gedreht.

„Los!", schreit er.

Bill wendet das Pferd und wirft sich über den seidenweichen Hals. Hinter ihm gellt ein Schrei auf, dann krachen Schüsse. Mündungslichter lecken, ihnen nach. Ike Bedford stöhnt auf und krallt sich an der Mähne des Tieres fest.

„Was ist?", ruft Bill, indem er sich dreht und zurückschießt.

„Ich weiß nicht. Die Hüfte!"

Bill repetiert das Mehrladegewehr und schießt noch einmal nach hinten.

„Kannst du dich festhalten?"

„Ja, es geht."

Bill schießt immer wieder zurück, um die Verfolger aufzuhalten. Sie kommen genau zwei Meilen, da kann sich Bedford nicht mehr im Sattel halten. Er rutscht zur Seite und fällt auf den Boden.

Bill Jackson fängt das Pferd ein und kehrt um. Er sieht den Cowboy mit verkrampftem Gesicht auf dem Boden liegen. Ike hat seinen Colt in der Hand. Der Hufschlag weht ihnen entgegen.

Als die Reiter auftauchen, schießen sie gleichzeitig. Schrilles Wiehern erschallt. Männer schreien. Bill Jackson spürt die eisige Kälte, die ihn ergriffen hat. Er sieht sie schattenhaft und zielt genau. Und er hört dreimal die Schreie, die ihm sagen, dass er getroffen hat.

Als er das Gewehr leergeschossen hat, drehen die Verfolger ab. Er lädt die Waffe mit den Revolverpatronen aus seinem Gurt und schießt noch zweimal hinter ihnen her. Dann kniet er neben Ike nieder und dreht ihn herum.

Der junge Cowboy hat die Augen offen und schaut ihn an.

„Sie sind fort, Ike."

„Ja. Es brennt so sehr."

Bill reißt dem Jungen das Hemd auf. Er zündet ein Schwefelholz an und sieht einen breiten, blutenden Streifen.

„Ich werde dich verbinden, Ike. Hast du Wasser in deiner Flasche?"

„Whisky", sagt Bedford und lächelt unter Schmerzen.

„Das ist noch besser." Bill holt die Flasche und spült die Wunde aus. Er sieht, wie sich Ikes Körper aufbäumt und ein Fluch über die Lippen des Jungen springt.

Als er ihn verbunden hat, hilft er ihm, auf die Beine zu kommen.

„Es ist schon wieder besser", stößt Ike hervor. „Wir wollen uns beeilen. Ich wette, sie kommen wieder, wenn Hooker sie beruhigt hat."

Bill schiebt den Cowboy in den Sattel und steigt ebenfalls auf.

„Wenn ich dich festbinden soll, musst du es sagen."

„Ich sage es dir."

 

*

 

Sie reiten den Hügel hinunter und kommen an den Creek, der das Weideland durchzieht und hinunter zum Platte River fließt. Sie treiben die Pferde hinein und reiten mitten im Fluss aufwärts.

Eine Stunde später verlassen sie das Wasser. Wieder eine Stunde später halten sie in einem Waldstück. Ike lässt sich aus dem Sattel gleiten und legt sich auf den Boden.

„Ich muss noch einmal zurück", sagt Bill, der nicht abgestiegen ist.

„Warum?"

„Es ... es war meine Frau."

Ike versucht, sich aufzurichten, sinkt aber wieder mit einem Ächzen zurück.

„Du solltest es lassen", meint er flach. „Hooker ist mächtiger als du. Immer kann ein Mann kein Glück haben."

„Du verstehst mich falsch. Sie war meine Frau. Eine gute Frau, die sehr viel durchgemacht hat. Sie hat sich ein ordentliches Grab verdient. Hooker wird nach uns suchen und nicht bei der Hütte sein. Ich komme zu dir zurück."

„Ach so."

„Ja. Warum hast du das eigentlich für mich getan?"

„Ich weiß nicht so genau, Bill. Vielleicht, weil ich in Yuma mit sechzehn Jahren sehen musste, wie sie einen Mann henkten, von dem sich dann herausstellte, dass er unschuldig war."

„Tut es dir jetzt leid?"

„Nein. Waren es bestimmt nicht deine Rinder?"

Bill schüttelt den Kopf, aber Ike Bedford kann es nicht sehen.

„Nein", sagt er. „Alice Arcon hat die Rinder irgendwie beschaffen lassen."

„Alice ..."

„Arcon. Ja. Sie hasst mich. Was sie noch für Pläne damit verbindet, weiß ich nicht. Vielleicht ist sie sehr enttäuscht, wenn sie erfahren muss, dass ich entkommen bin."

„Du wirst also bestimmt nicht zu Hooker reiten?", fagt Ike.

„Nein. Meine Frau hatte mir gerade erklärt, dass ein Mann sich auf einen Kampf gut vorbereiten muss. Da kamt ihr. Ich werde sie rächen. Ganz bestimmt werde ich das tun! Aber ich bereite mich darauf vor. Wahrscheinlich wird sich dann vieles geändert haben. Aber Alice Arcon, das fühle ich, wird hier als strahlender Sieger herumlaufen."

„Gibst du mir mein Gewehr?"

Bill zieht die Waffe aus dem Scabbard und reicht sie Ike hinunter.

„Danke. Ich warte hier auf dich. Rufe deinen Namen, ehe du zu nahe kommst."

„Gut." Bill hebt schwach die Hand, wendet das Pferd und reitet aus dem Wald.

 

*

 

Die Toten vor der Hütte sind verschwunden, als Bill sein Pferd anhält und absteigt. Er hat das Gewehr in der Hand, als er sich der Tür nähert. Kalte Entschlossenheit beherrscht ihn, und er macht sich auf einen Anblick gefasst, der ihm das Herz in der Brust umdrehen muss.

Wahrscheinlich haben die Verletzten die Toten mitgenommen.

Als er iri der Tür steht, sieht er May. Sie liegt noch immer an der Wand auf dem Boden. Niemand scheint sie berührt zu haben.

Er geht auf sie zu, lässt das Gewehr fallen und kniet bei ihr nieder.

„May!"

Sein Ruf schallt von der Wand zurück. Plötzlich erklingt ein hämisches Lachen hinter ihm. Er fährt in die Höhe und reißt das Gewehr mit sich. Noch während er herumwirbelt, erkennt er die beiden Männer und schmettert dem einen den Kolben gegen den Kopf. Der andere schießt von der Hüfte aus und trifft Bill am Arm.

Da hat Jackson das Gewehr gedreht und feuert zurück.

Der Mann wird von der Wucht der Kugel nach draußen getrieben und fällt.

Bill blickt auf den anderen, der das Bewusstsein verloren hat. Er hebt May auf und trägt sie hinaus. Im Anbau holt er einen Spaten und gräbt ein Loch in den Boden. Er ist damit halb fertig, als er ein Geräusch in der Hütte hört.

Bill geht hinein. Der Mann ist aufgestanden. Er sieht noch benommen aus.

„Verschwinde!", zischt Bill. Sein Zeigefinger spielt nervös am Abzug. Er merkt kaum, dass er im Begriff ist, einen Weg einzuschlagen, der ihn jedes Maß für Recht und Unrecht verlieren lässt.

Taumelnd geht der Mann an ihm vorbei, stolpert zu den Büschen, bei denen er sein Pferd angebunden hat, und steigt in den Sattel. Er macht das zweite Pferd los und reitet schweigend fort.

„Du hast etwas vergessen!", ruft Bill ihm nach, als sich der Mann zehn Meter entfernt hat.

Der Cowboy dreht den Kopf. Die Bewegung wirkt träge und unsicher.

„Was?"

„Deinen Partner. Und sage Hooker, dass er nicht nach mir zu suchen braucht. Eines Tages komme ich zurück. Er wird dafür bezahlen. Er hat mir das einzige genommen, an dem ich gehangen habe."

Der Cowboy kommt zurück, steigt ab und hebt den Toten auf. Bill hilft ihm nicht, als er sich bemüht, die leblose Gestalt über den Sattel zu bugsieren. Dann steigt der Mann schweigend auf und reitet abermals davon.

Bill blickt ihm nach, bis der Mann hinter dem Hügel verschwindet. Er weiß, dass er sich nun beeilen muss. Der Mann hat es nicht sehr weit bis zu Hookers Ranch.

Details

Seiten
123
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931143
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496178
Schlagworte
bill jackson verdammten nebraska

Autor

Zurück

Titel: Bill Jackson 3 - Die Verdammten von Nebraska