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Darling, ich muss dich erschießen - Ein Archibald Duggan Thriller

2019 125 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Darling, ich muss dich erschießen

Copyright

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Darling, ich muss dich erschießen

Ein Archibald Duggan Thriller

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Ein Geldtransporter wird ausgeraubt, die Beweise und Indizien weisen in eine eindeutige Richtung. Bei dem Überfall wird ein junger Mann erschossen, auch dessen Bruder und seine Freude geraten in Verdacht. Aber Archibald Duggan ist misstrauisch, ihm erscheint das Ganze arrangiert. Bei seinen Nachforschungen trifft er auf einen unaufgeklärten Bankraub, der schon zwanzig Jahre her ist. Hat das eine eventuell mit dem anderen etwas zu tun?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Ihr rotes Haar stand im Gegenlicht der scheidenden Sonne in Flammen. Sanft rollten die Wellen des Pazifik aus, nur weiter draußen, an der Barre, brachen sich härtere Brecher mit dumpfem Getöse.

Maureen Bernitt streifte das bunte Minikleid so selbstverständlich über den Kopf, als wäre sie am FKK-Strand. Archibald Duggan fand ihre Natürlichkeit bezaubernd. Er löste den Gürtel der schlichten Leinenhose, als Maureen am winzigen BH herumfummelte.

„Moment!“, sagte Archibald und löste den Haken auf ihrem braungebrannten Rücken. Er hauchte einen Kuss auf ihren Nacken, und seine Hände griffen sanft nach ihren steilen Brüsten.

„Aber Archibald!“, rief sie mutwillig. „Am hellen Tag tut das kein feiner Mann!“

„Wer sagt denn, dass ich ein feiner Mann bin?“

Sie drehte sich langsam um und schlang die Hände um seinen Nacken. „Ich zum Beispiel.“ Sie küsste ihn und machte sich plötzlich los, streifte den Slip über die langen schlanken Beine und lief ins aufspritzende Wasser. Archibald folgte ihr wenig später.

Maureen schwamm ausgezeichnet, und eine Weile balgten sie sich wasserspritzend. Die Sonne verschwand wie ein blutroter Ball hinter der Kimm, so, als habe sie jemand an unsichtbarer Schnur weggezogen. Über den winzigen weißen Strand vor der Steilküste fielen tintige Schatten.

„Fang mich!“, rief Maureen und kraulte dem Ufer entgegen.

Archibald spurtete wie ein Hai hinterher. Er erwischte sie dort, wo das Wasser noch bis zu ihrem drallen Po hinaufspritzte, wirbelte sie hoch und schleppte sie, die lustvoll aufkreischte, auf den feinen Sand.

Sie atmete schwer, als er sie auf die Luftmatratze legte und seine Lippen in ihre vergrub. Ihre Hände zerwühlten sein nasses Haar. „Komm“, hauchte sie.

 

 

2

315 000 Dollar befanden sich im schwarzen Kombiwagen. Löhnung für mehr als tausend Arbeiter und Angestellte der Oil-Corporation in Blacktown. 315 000 Dollar – genug Geld, um die Geier anzulocken.

Art Anders saß am Steuer. Er machte die Fahrt zum hundertsten Mal, und noch nie war er nervös gewesen. Seiner ängstlichen Frau hatte er zu Anfang oft gesagt: „Ich weiß nicht, was du willst! Nichts kann passieren, absolut gar nichts! Ich habe einen schnellen Flitzer unterm Hintern, und er ist rundherum gepanzert. Ich habe Panzerglas vor der Nase, und neben und hinter mir sitzen meine beiden Kumpels. Die perforieren jeden Hampelmann, der uns etwas am Zeuge flicken will. Dick und Bud sind Spezialisten mit ihren Kugelspritzen!“

Art Anders stand sechs Fuß und einige Zoll hoch in den Schuhen, war Soldat bei einer Spezialtruppe gewesen und schoss auch so gut, wie es die Cowboys in den Filmen immer vorexerzieren. Außerdem fuhr er dem Deubel ein Bein ab, wenn es sein musste. Wenn er am Steuer saß, hatte man das Gefühl absoluter Sicherheit.

Das jedenfalls war die Meinung von Dick Baer und Bud Bottom, die als bewaffnete Begleiter den Schutz des Geldtransports übernommen hatten. Auch sie kannten jeden Stein am Weg. Auch sie dachten genauso wenig wie Art Anders an Kummer und Verdruss.

Bud Bottom war einen guten Kopf kleiner als Art Anders. Er bestand nur aus Sehnen und Muskeln, war unglaublich zäh und ausdauernd und auch geduldig. Es machte ihm nichts aus, in glühender Hitze auf dem Schießstand zu stehen und auf die beweglichen Scheiben zu ballern.

Dick Baer war phlegmatischer. Er wirkte dick, war es aber nicht. Vielmehr strotzte er von Muskeln wie ein Gewichtheber. Tatsächlich stemmte er mit einer Hand weit mehr als einen Zentner. Und zwar nicht nur mit der rechten, sondern auch mit der linken Hand.

Es war Mittag. Längst lag die Silhouette von Los Angeles hinter ihnen. Dort hatten sie bei der Filiale der First National Bank die Geldsäcke abgeholt. Prall gefüllte Säcke, ordnungsgemäß verplombt. 315 000 Dollar.

Morrow City glitt vorbei. Hitze flimmerte über den kahlen Bergen der Coast Range. Hitze nistete in der Kabine. Auch die geöffneten Fenster halfen nicht viel. Die angewärmte Luft, die sie hereinschaufelten, spülte nur die Stickigkeit hinaus. Den drei Männern machte es nicht viel aus. Sie waren Hitze gewohnt. Wenn Dick Baer hin und wieder einen Fluch losließ, war das nicht ernst gemeint.

Ein Rastplatz flirrte vorbei; ein paar Menschen beim Picknick, ein Schläfer im staubigen, verbrannten Gras, der den Hut über das Gesicht gezogen hatte. Dann die Abfahrt vom Highway, das letzte Stück Straße nach Blacktown. Eine Straße, die sich schlangengleich in Serpentinen und Haarnadelkurven durch die Berge wand und Art Anders einige Fahrkunst abverlangte.

„Noch ’ne halbe Stunde“, sagte Bud Bottom und gähnte. „Stinklangweiliges Geschäft!“

Er warf den Zigarettenstummel aus dem Fenster und griff nach einer neuen.

Art Anders grinste breit und brummte: „Kannst dich ja heute Abend beim Mariner-Ball austoben. Wenn’s nach dir ginge, müsste hinter jedem Strauch ein Gangster hervorhüpfen und unsere Panzerplatten mit MP-Garben anpicken! Aber die Zeiten sind vorbei!“

Dick Baer wälzte sein Kaugummi von rechts nach links und knuffte Bud in die Hippen. „Wollen wir mal einen Gang machen?“

„Bin ich ein Kampfhahn, Muskelprotz?“

„Werde nur nicht persönlich! He, Art, hast du den roten Flitzer hinter uns schon gesehen?“

Art Anders schielte in den Außenspiegel und hob die Schulter. „Was denkst du, wofür ich meine Spiegel habe! Die kleine Mücke wird ’nem Ölarbeiter gehören. Fährt einen ganz schönen Zahn, das Ding. Liegt wie ein Brett auf der Straße.“

Bud Bottom, der rechts außen saß, drehte die Scheibe noch weiter herunter und blickte nach hinten. Der rote Sportwagen, ein Sunbeam, flitzte wie ein Pfeil durch die Kurven. Nur ein Mann saß in dem Coupé. Ein Mann mit einem Strohhut.

„Der will nichts von uns“, sagte Bud. Es klang beinahe traurig.

Wieder nahm Art Anders eine Haarnadelkurve. Auf einer Länge von etwa einer Meile fiel die Straße steil ab mit einem Gefälle von fünfzehn Prozent. Links und rechts türmten sich Felswände, nackt und kahl. Die Straße schien zu brennen, so flimmerte sie im Sonnenglast. Die Tachonadel schwankte um die sechzig Meilen.

Etwa hundert Yards vor ihnen öffnete sich die Felswand zur Rechten. Dort lag ein Steinbruch, in dem aber schon seit Jahr und Tag nicht mehr gearbeitet wurde. Er hatte nur das Material für die Straßen der näheren Umgebung geliefert. Ein weiterer Abbau lohnte nicht. Aus der Einmündung in den Bruch ragte die Rückfront eines Truck heraus, der Kastenaufbau eines Zehntonners. Der Fahrer machte wohl Pause.

Trotzdem zogen sich die Augenbrauen von Art Anders zusammen. Er ließ das Dreiklanghorn losbrüllen, denn wenn der Fahrer plötzlich rückwärts auf die Straße setzte …

Ein Mann lehnte am Hinterrad des Truck und hob die Hand. Es sah aus, als grüße er. Noch fünfzig Yards bis zur Einmündung in den Steinbruch, noch vierzig …

Da war der Mann plötzlich verschwunden; und genau in dieser Sekunde begann die riesige Rückfront des Truck sich in Bewegung zu setzen, langsam nur, Zoll für Zoll.

„Gib Gas!“, schrie Bud Bottom und zog mit einem blitzschnellen Griff die Pistole aus dem Schulterholster.

„Bremsen!“, rief Dick Baer. Plötzlich spürte er den salzigen Schweiß, der über seine Stirn lief und über die Backen.

Das Dreiklanghorn brüllte wieder auf, Art Anders gab Gas. Mit einem Blick hatte er erkannt, dass neben dem Truck keine Lücke mehr frei war. Er musste dran vorbei, koste es, was es wolle! Noch zwanzig Yards, noch fünfzehn …

Der Truck tat plötzlich einen Satz rückwärts, blockierte von einer Sekunde zur anderen mehr als die halbe Straßenbreite.

Zwischen seiner Rückfront und der Felswand zur Linken der Straße blieb höchstens noch Platz für einen Straßenfloh, für einen Kleinwagen – nicht aber für ihren Car.

„Eine Falle!“, durchzuckte es Art Anders. Bud Bottom steckte den Arm durchs Fenster, zog die Hand mit der automatischen Pistole hoch und jagte in blinder Wut Schuss auf Schuss auf den riesigen Kasten des Truck. Wenn es hier zu Ende sein sollte, dann wollte er wenigstens noch seinen Zorn abreagieren.

Art Anders wusste, dass es kein Entrinnen mehr gab. Diesmal hatte er es falsch gemacht. In dem Augenblick, als er den Truck erkannt hatte, hätte er sofort bremsen müssen und ganz langsam heranfahren.

Zu spät. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander, als er die Bremse so hart durchtrat, dass Bud Bottom nach vorn geschleudert wurde und die Pistole verlor. Er knallte mit dem Kopf gegen das Panzerglas. Die Pneus kreischten wie getretene Hunde, der Wagen ging in die Knie. Art Anders riss das Steuer nach rechts herum. Mit aller Kraft drehte er das Lenkrad, der Wagen schleuderte, schien sich vom Boden abzuheben.

Dann kam der splitternde Krach des Aufpralls. Die drei Männer in der engen Kabine wurden wie gliederlose Puppen herumgewirbelt. Es gab keine Gegenwehr mehr. Stille senkte sich über sie wie ein schwarzes Tuch.

 

 

3

Weder Art Anders noch Bud Bottom noch Dick Baer sahen die Männer, die um den Truck herumgelaufen kamen. Sie sahen auch nicht den roten Sportflitzer, der plötzlich hinter ihnen mit kreischenden Bremsen hielt. Sie sahen nicht den Mann mit Strohhut, der Ruck-zuck aus dem Flitzer sprang und Deckung in einer Felsnische suchte.

Sie hörten nicht das Stakkato einer MP-Salve, die den roten Sportwagen durchlöcherte und im Nu in Flammen aufgehen ließ. Auch der Mann aus der Deckung der Felsnische begann zu schießen, und zwar mit einem Revolver.

Sie sahen nicht, wie die Geldsäcke aus ihrem zertrümmerten Wagen geholt wurden, hörten nicht den Todesschrei eines Mannes, den das Blei erwischt hatte. Sekunden später verstummten die Schüsse, Schritte hasteten davon, ein Motor röhrte auf.

Der Sportwagen brannte jetzt lichterloh. Sein Besitzer hüpfte wie ein Springbock aus seiner Felsnische, gönnte dem Flammenherd keinen Blick und suchte zwanzig Schritte weiter noch einmal Deckung. Erst als er sicher war, dass die Gangster das Weite gesucht hatten, wagte er sich an den Tatort heran. Immer noch hielt er den Revolver in seiner Rechten.

Der Tote lag neben dem Trümmerhaufen des Kombiwagens mit ausgebreiteten Armen auf dem Gesicht. Ein junger Bursche, bestimmt noch keine zwanzig Jahre alt. Über das Gesicht hatte er einen schwarzen Nylonstrumpf gezogen.

Der Mann mit dem Strohhut tastete nach dem Puls des Toten. Dann steckte er die Waffe ein und holte die bewusstlosen – oder toten – Männer aus dem Kombiwagen.

 

 

4

Dieses Drama spielte sich am Freitag ab, am hellen Tage, ziemlich genau mittags um zwölf Uhr.

Zwei Stunden später hielt Archibald Duggan Siesta. Immer noch. Und natürlich nicht allein.

Durch die offene Balkontür kam, durch die Markise nicht aufzuhalten, die heiße Luft; fern schwappten die Wellen an einen menschenübersäten Strand. Das Hotel war eins der besten am Platze.

Er langte über Maureen hinweg nach dem eisgekühlten Long Drink. Während er daran nippte, nagten ihre Zähne an seinem Ohrläppchen. „Krieg’ ich auch ein Schlückchen?“, murmelte sie schläfrig.

Er ließ sie trinken, setzte das Glas ab und küsste ihren Bauchnabel. Sie kicherte. „Nicht, das kitzelt!“

Seine Lippen glitten höher, erreichten die Brust – das Telefon schlug an. „Mist!“, brummte Archibald Duggan.

Maureens Hand schnellte zur Seite und legte sich auf den Hörer. „Lass doch. Wir sind einfach nicht da.“

Aber in der Beziehung verstand er keinen Spaß. Schließlich konnte es etwas Wichtiges sein. Wichtiger noch als das Tête-à-Tête mit einer atemberaubend schönen Frau namens Maureen. Er nahm den Hörer. „Duggan.“

„Na, Gott sei Dank! Alan Warner gibt sich die Ehre, Archibald! Wie gut, dass ich deine Adresse notiert habe, als wir uns vorgestern trafen.“

Archibald Duggan gähnte. „Na und? Wo steckst du, Alan?“

„Ganz in der Nähe. Ich wollte nur nicht vergeblich zu deinem Hotel geturnt kommen bei dieser Affenhitze. Störe ich?“

„Immer.“

„Das nutzt aber nichts. Es handelt sich um einen ganz dicken Hund. Und da ich deine Geldgier kenne, aber auch deine Spürnase …“

„O Mann! Komm mir nur nicht mit Arbeit!“

Darauf ging Alan Warner nicht ein. „Bis gleich!“, verkündete er fröhlich und hängte ein.

Archibald Duggan warf den Hörer hin. Maureen maulte: „War das etwa dieser Versicherungsagent?“

„Genau der. Ich wette, er steht binnen zehn Sekunden auf der Matte. Komm, Darling, zieh dich an!“

Sie kicherte. „Und wenn ich nicht will?“

„Dann schmeiße ich dich über den Balkon. Das fehlte noch, dass du Warner ins Schwitzen bringst!“

 

 

5

Niemand konnte Alan Warner ansehen, dass er ein Ass seiner Versicherungsgesellschaft war – der General Insurance Corporation. Er galt als Experte auf dem Gebiet des Versicherungsbetruges. Hin und wieder hatte Archibald Duggan mit ihm schon knifflige Fälle gelöst.

Warner kam eine halbe Stunde später lässig zur Tür hereingeschlendert. Die Sonne ging auf seinem Gesicht auf, als er Maureen begrüßte. „Ihr Anblick tut dem Herzen eines Junggesellen gut! Haben Sie heute Abend schon etwas vor? Ich kenne da ein tolles Lokal …“

„Shut up!“, knurrte Archibald. „Soweit kommt’s noch, dass du an meinen Blüten naschst!“

„Wer sagt denn das?“, fiel Maureen ein. „Lassen Sie sich nicht dumm machen, Alan. Kann man in der Bar auch tanzen?“

Alan deutete ein paar Hüftverrenkungen an. „Und ob, Maureen! Wir werden einige Sohlen aufs Parkett legen, dass die Heide wackelt!“

Archibald Duggan leerte das Glas, stülpte den Panama auf. „Okay, meine Lieben, spielt mal Bäumchen wechsele dich. Andere Mütter haben auch schöne Töchter. Adios, und amüsiert euch schön. Hoffentlich ist deine Brieftasche ordentlich gepolstert, Alan. Dieses Weib ist eins der vergnügungssüchtigsten unter Gottes Sonne. Sekt trinkt sie kübelweise. Pass auf, dass die General Insurance nicht pleite geht.“

Er war schon an der Tür, als Alan ihn am Ärmel erwischte und herumzog. Es war ein Judogriff. So schmächtig und unscheinbar Alan wirkte, er war exzellent trainiert.

„So haben wir nicht gewettet, Sir!“, rief er. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“

Archibald grinste auf ihn hinab. „Du bist im falschen Düsenjäger, Amigo. Erstens ist es dein Job und nicht meiner, zweitens mache ich ein paar Tage blau, weil ich schon kaum noch weiß, wie eine Bar von innen aussieht. Ich werde tanzen, dass nicht nur die Heide wackelt! Gott befohlen!“

„Tja“, seufzte Alan, „dann werde ich mir die Prämie allein verdienen. Fünfzehn Prozent von 315 000 Dollar!“

Das machte Archibald stutzig. Kleingeld konnte jeder zu jeder Zeit brauchen.

„Ich höre“, sagte er friedfertig. Der Flachs blühte nicht mehr. Er steckte sich eine Zigarre an, setzte sich und starrte den Rauchkringeln nach.

„Na bitte“, griente Alan Warner. „Entschuldige, dass ich deinen Seelenfrieden gestört habe, aber jetzt ist die Spur vielleicht noch heiß!“

„Spare deine weisen Randbemerkungen. Wer, was, wann, wo, wie, womit, warum?“

Warner klappte sein Notizbuch auf. „Die Lohngelder sollten nach Blacktown gebracht werden, zur Oil-Corporation. Besitzer der Bohranlagen und Raffinerien ist ein gewisser Jan Wilder, verheiratet, mit ’nem Sohn von achtzehn. Ich bin seit einiger Zeit mit der Aufklärung einiger mysteriöser Vorfälle im Werk Wilders befasst. Zum Beispiel ist ein Bohrturm in die Luft geflogen. Offenbar Sabotage. Und heute dies! Für meine Gesellschaft geht es um einige Millionen.“

„Zahlbar an Wilder, nicht wahr? Gut. 315 000 Dollar sind weg. Wie?“

„Ich war eine halbe Stunde nach dem Unfall am Tatort. Gott sei Dank hat es einen Zeugen gegeben. Ihm ist es sogar gelungen, einen Gangster tödlich zu verletzen. Einen jungen Burschen, mit dessen Identifizierung der Sheriff noch beschäftigt ist.“

„Ausgezeichnet!“, rief Archibald. „Dann ist der Käse doch schnell gegessen. Du glaubst an einen Zusammenhang zwischen dem Sabotageakt und dem Überfall?“

„Ich weiß nicht, was ich denken soll. Die Vermutung liegt doch nahe, oder?“

„Wir werden sehen. Wie heißt der Sheriff?“

„Saunders. Du findest sein Office am Ortsrand von Blacktown.“

„Und der Zeuge?“

Alan lächelte. „Das ist der einzige Lichtblick bei der ganzen Geschichte. Der Mann heißt Fred Palencia und ist Privatdetektiv in Morrow City. Er arbeitet für Jan Wilder und war zufällig auf dem Weg zu den Bohrtürmen, als kurz vor ihm der Überfall erfolgte. Er konnte in Deckung gehen, ehe sein Wagen von MP-Salven perforiert wurde und in die Luft flog. Aus der Deckung hat er geschossen und getroffen.“

„Sonst noch Tote?“

„Nein. Die drei Geldfahrer sind schwer verletzt, noch nicht vernehmungsfähig. Ich bezweifele auch, dass sie etwas gesehen haben.“

Alan schilderte kurz den Hergang des Verbrechens, während Archibald Duggan sich Notizen machte, dann zum Hut griff und sagte: „Okay. Sollten wir uns irgendwann begegnen, kennen wir uns nur flüchtig. Viel Spaß mit Maureen – und lass dich nicht lumpen!“

„He, so warte doch!“, rief Warner, aber da war Archibald schon auf dem Flur und beim Lift. Er hatte es eilig und freute sich diebisch, dass der eingefleischte Junggeselle jetzt einen weiblichen Klotz am Bein hatte.

 

 

6

Trotz des Stoßverkehrs kam Archibald Duggan schnell voran mit seinem Porsche. Auf dem Highway ließ er den schnellen Hirsch dann röhren, schaltete an der Ausfahrt herunter und schlitterte in die Kurven und Serpentinen des Weges nach Blacktown.

Das ausgebrannte Wrack des Sunbeam war inzwischen beiseite geschafft worden. Das ausgeglühte Metall war noch heiß, und er konnte deutlich am verbrannten Asphalt die Stelle erkennen, an der es den Wagen erwischt hatte.

Archibald rangierte den Porsche vor das Wrack an den Rand der Felsbarriere, stieg aus und versuchte sich zu vergegenwärtigen,wie es abgelaufen war. Die letzte scharfe Kurve lag etwa fünfzig Schritte zurück, und fünfzig Schritte voraus erkannte er den Einschnitt des Weges zum Steinbruch, und darin mehrere Leute sowie den Aufbau des LKWs.

Die Sonne stand schon tief, aber sie erreichte noch die Felsnische schräg gegenüber. Er sah etwas blinken und ging hinüber. Es waren drei leere Patronenhülsen. Von hier aus also hatte der Privatdetektiv Fred Palencia die Gangster unter Beschuss genommen. Er hatte unglaubliches Glück gehabt, dass er in dieser Nische auf Anhieb eine so gute Deckung gefunden hatte. Etwa in Kopfhöhe entdeckte Archibald mehrere Absplitterungen im Gestein. Dort waren die Kugeln der Gangster eingeschlagen.

Tief in Gedanken steckte er die leeren Hülsen ein, stieg wieder in seinen fahrbaren Untersatz und ließ ihn bis zum Steinbruch rollen. Hinter dem klotzigen Kastenaufbau des Truck stand ein Radio Car mit der Aufschrift COUNTY SHERIFF.

Ein Berg von einem Mann stützte den Ellbogen auf das Dach und sprach in die Muschel des Funktelefons. Er trug einen Stetson, ein helles Hemd mit dem Sheriffstern darauf und eine verwaschene und verwitterte Hose. Sehr uniformiert wirkte er nicht. Seine beiden Begleiter – die Deputys – wirkten dagegen so tipptopp, wie aus einem Schaufenster gestiegen.

Archibald wollte den Trümmerhaufen des Station Car betrachten, als einer der Deputys ihn anfauchte: „He, Sie! Hier hat keiner ’rumzuschnüffeln! Kratzen Sie die Kurve!“

Archibald Duggan lächelte sein sonnigstes Lächeln, zog den Ausweis und leierte sein Sprüchlein herunter: „Leider muss ich mich um die Sachen kümmern. Die General Insurance hat mich mit der Wahrnehmung ihrer Interessen beauftragt. Folglich sind wir so etwas wie Kollegen, okay?“

Der noch junge Sheriff-Stellvertreter maß ihn mit rasiermesserscharfem Blick, röntgte seinen Ausweis förmlich, reichte ihn zurück und knurrte: „Unterhalten Sie sich mit dem Boss! Aber trampeln Sie hier nicht ’rum wie ein Bär im Porzellanladen! Wir sichern Spuren!“

„Fein. Wie ich hörte, ist ein Gangster auf der Strecke geblieben?“

„Sie hören wohl das Gras wachsen, was?“

„Heutzutage reisen Neuigkeiten schnell.“

Der Sheriff steckte das Funktelefon in den Wagen zurück, pflanzte sich eine dicke Zigarre zwischen die Lippen und musterte Archibald Duggan. Er machte den Eindruck eines urgemütlichen Mannes, der jeden Tag darauf wartete, Großvater zu werden. Die Schmunzelfalten um die Augen gefielen Archibald, aber er las auch Wachsamkeit in den steingrauen Pupillen. Wer diesen Mann für dumm ansah, war selbst der Dumme.

„Duggan“, sagte er. „Gestatten Sie, Sheriff, dass ich mich ein wenig umsehe? Ich will Sie keinesfalls stören.“

Der Sheriff brannte die Zigarre an, ließ das Streichholz fallen, paffte zwei, drei Züge und streckte die rechte Pranke aus. Marke Kohlenschaufel.

„Archibald Duggan?“, sagte er mit einem rollenden Bass, der von den Zehen herauf kam. „Kann mich erinnern, dass Sie mal ein dickes Ding in Los Angeles gelöst haben. Ist zwei Jahre her.“

„Sehr geehrt“, schmunzelte Archibald. „Ihr Gedächtnis ist computerverdächtig.“

„Kann nicht klagen.“ Saunders ging neben Archibald her zur stumpfen Schnauze des Truck. Er senkte die Stimme zu einem grollenden Flüstern. „Sie haben erstklassige Verbindungen, was? Habe damals so was läuten hören.“

„Kein Kommentar, Sheriff“, raunte Archibald ebenso leise. „Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie …“

„Ich habe meine Klappe schon halten können, als ich mir die Hose mit der Kneifzange anziehen musste. Bin froh, dass Sie Ihre Nase in diese faule Kiste stecken.“ Er kniff ein Auge zu. „Ich heiße Rick. Was wollen Sie wissen?“

„Alles, Rick.“

Der Sheriff grinste breit. „Habe ich mir gedacht. Wir arbeiten mit der City Police in Morrow City zusammen. Den toten Gangster haben wir zur Identifizierung dort eingeliefert. Sie können ihn im Leichenschauhaus ansehen. Ein junger Dachs, bestimmt noch keine zwanzig. Verstehen Sie das, Sir, dass heutzutage so viele junge Burschen die tollsten Bolzen drehen?“

„Hm, Rick – dafür gibt’s einen Haufen gelehrter Begründungen. Ein schönes Wort heißt zum Beispiel Akzeleration, was soviel wie Wachstumsbeschleunigung bedeutet. Mädchen sind heute manchmal mit zwölf bis dreizehn Jahren körperlich scheinbar ausgereift. Ihr geistig-seelisches Wachstum aber ist buchstäblich in den Kinderschuhen geblieben. Dieses Missverhältnis zeigt sich genau so bei den sogenannten Halbstarken. Wenn Sie meine Meinung hören wollen, versündigen zu viele sich an der heutigen Jugend. Angefangen bei den Eltern, die keine Zeit haben, weil sie Geld verdienen müssen; weiter bei den Lehrern, die meist nur nacktes Wissen vermitteln und sich den Teufel um seelische Krisen ihrer Schüler kümmern – weil die meisten eben wirklich nur Lehrer, aber keine Erzieher und Pädagogen sind. Und aufgehört bei fast jedem von uns, der die Jugend in Bausch und Bogen für verdorben erklärt.“

Ein warmes Licht erschien in des Sheriffs kühlen Augen. „Sie haben recht. An unserer Wohlstandsgesellschaft ist verdammt viel faul. Ich habe auch zwei Jungen. Zwillinge. Sind jetzt zwanzig und auf dem College. Prächtige Burschen. Wenn ich mir vorstelle, dass die mal ein Auto klauen könnten oder so ein Ding drehen wie dieses hier …“

„Das werden sie nicht, Rick. Der Truck ist also gestohlen worden?“

„Ja. In der vergangenen Nacht. Er gehört Dandy Smoletta in Morrow City. Kennen Sie Smoletta?“

„Leider nicht, Rick.“

Der Sheriff massierte sein Kinn. „Das ist auch so etwas, was ich nicht begreife. Smoletta ist für mich so etwas wie ein Boss der Unterwelt. Ganz unter uns natürlich, denn ich kann ihm nichts beweisen, habe auch noch nie etwas mit ihm zu tun gehabt. Aber er unterhält ein paar Spielklubs, mit denen er jede Menge Dollars scheffelt. Bei ihm verkehrt die Highsociety von Hollywood genau so wie die Haie der Slums. Und ausgerechnet dem klauen die Brüder einen LKW! Wenn das nicht oberfaul ist …“

Archibald Duggan notierte in Gedanken den Namen Smoletta. Dann sagte er leichthin: „Es könnte ein privater Racheakt sein, denn jeder Gangster hat auch seine intimen Feinde.“

„Denen würden schnell die Augen tränen, wenn Smoletta seine Hunde von der Kette lässt. Wissen Sie, der Bursche legt alles Geld schnellstens an. Dieser Truck fährt zum Beispiel für die Fruit Company, die Smoletta gehört. Ich wette, der hat in den letzten Jahren einige Millionen gemacht.“

„Emsig, emsig! Aber Geldverdienen ist hierzulande nicht strafbar, vorausgesetzt, dass er das Steuerzahlen nicht vergisst.“

Der Sheriff zwinkerte vergnügt. „Es wäre mein schönster Tag, wenn die Steuerfahndung dem schmierigen Burschen auf den Pelz rücken würde! Aber weiter im Text. Sie wissen, wer den Gangster abgeschossen hat?“

„Ein Privatdetektiv, nicht wahr?“

„Ja. Aus Morrow City. Wohnt schon einige Jahre da. Heißt Fred Palencia und war vor langer Zeit mal Polizist. Hat bei einem Streifengang eine Kugel abgekriegt und ist beinamputiert, folglich dienstunfähig.“

„Das Schießen hat er jedenfalls nicht verlernt. Sie kennen ihn?“

„Flüchtig. Scheint nicht besonders gesellig zu sein. Er meint, es wären drei oder vier Gangster gewesen. Genau kann er sich nicht festlegen, weil sie ihn mit blauen Bohnen beharkt haben. Die Gangster sind mit einem Wagen getürmt.“

„Wohin?“

„Keine Ahnung. Die Straße nach Blacktown wird nicht gerade häufig befahren. Es gibt ein paar Abzweigungen in die Berge hinein oder zur Küste hinunter. Sie werden im Augenblick alle überprüft, bis jetzt ohne Ergebnis. Das Schlimme ist, dass wir keine Beschreibung der Karre haben. Palencia hat sie nicht gesehen. Kann sie auch gar nicht gesehen haben, weil die Gangster ihren Schlitten hinter der nächsten Kurve abgestellt hatten. Dort habe ich nämlich einen Ölfleck entdeckt.

„Gute Arbeit! Fingerprints im Truck oder im Unglückswagen?“

„Haufenweise. Ich fürchte nur, dass die Diebe sich nicht für uns verewigt haben.“

„Leiten Sie alle sichergestellten Prints am besten gleich an die FBI-Zentrale, Rick. Das verspricht am ehesten Erfolg. Wie geht’s den drei Geldtransportleuten?“

Rick Saunders hob die breiten Schultern. „Miserabel, sagt der Doc. Der Fahrer Art Anders hat schwere Quetschungen am Brustkorb und ein Loch im Kopf. Der Begleiter Dick Baer hat einen Schädelbasisbruch, weil er gegen das Panzerglas geflogen ist. Und Bud Bottom, der zweite bewaffnete Begleiter, hat den rechten Arm einige Male gebrochen und ebenfalls einen Schädelbruch. Die Jungens tun mir verdammt leid.“

Ein Cadillac kam auf leisen Pneus angeschlichen und setzte sich unmittelbar hinter den Wagen des Sheriffs. Der Mann hinter dem Steuer trug eine Sonnenbrille und eine Uniformmütze wie ein südamerikanischer General, mit einem Haufen Goldlitzen und ähnlichem Firlefanz daran. Der Mann, der sich lässig aus dem Fond des Protzschlittens schob, war schlank und drahtig und so elegant wie das männliche Starmannequin eines Modemagazins. Nicht mal die goldene Uhrkette auf der perlgrauen Weste fehlte, und in der Rechten schwang er ein silbernes Stöckchen mit goldenem Knauf. Wer angibt, soll ja mehr vom Leben haben.

„Das ist Dandy Smoletta“, murmelte Sheriff Saunders, ohne sich vom Fleck zu rühren. Das hatte Archibald Duggan sich schon gedacht.

 

 

7

Keiner der Deputys verlegte Smoletta den Weg. Der Glücksritter betrachtete seinen Truck, zog ein goldenes Etui, steckte eine Zigarette an und trat lässig auf den Sheriff zu. Er tippte mit dem silbernen Stöckchen an den Panama und sagte kehlig: „Sie sind Saunders? Wann kriege ich meinen Wagen wieder?“

„Vielleicht morgen“, entgegnete der Sheriff kalt und sehr steif. Er rührte sich so wenig wie die Felsblöcke der Umgebung.

„Machen Sie gefälligst Dampf dahinter!“, bellte Smoletta. „Jede Stunde, die der Wagen hier herumsteht, kostet mein Geld.“

„Mister“, sagte Saunders gelassen, „die Aufklärung eines Verbrechens dauert gewöhnlich etwas länger als das Begehen der Tat. Wenn wir alle Spuren gesichert haben, können Sie Ihren Truck in die Werkstatt bringen. So weit wird er noch auf eigenen Rädern laufen. Vorausgesetzt, dass Sie den geplatzten Reifen hinten rechts wechseln lassen.“

„So schlau bin ich selbst! Fehlt etwas an der Ladung?“

Der Sheriff tat erstaunt, vielleicht war er es auch wirklich. „Was denn, beladen ist der Truck auch? Dann muss ich ihn ja tatsächlich diese Nacht bewachen lassen!“

Smoletta presste die Lippen fest aufeinander und quetschte dann hervor: „Sie sind ein Intelligenzbolzen! Untersuchen stundenlang die ganze Gegend und sehen noch nicht mal, dass der Truck beladen ist!“

Des Sheriffs Stimme blieb unverändert. Archibald Duggan musste seinen Gleichmut bewundern, mit dem er die aggressive und beleidigende Haltung Smolettas hinnahm.

„Okay, Mister“, sagte er glatt. „Ich nehme zur Kenntnis, dass Ihnen ein beladener Laster gestohlen worden ist. Ich werde gleich nachsehen, ob sich noch Gangster zwischen der Ladung verbergen.“

Smolettas Backenknochen sprangen hervor. Er lachte böse. „Das werden Sie bleiben lassen! Ich denke, die Gangster sind mit einem Haufen Geld durchgebrannt? Sie glauben doch nicht im Ernst, dass sich noch einer hier versteckt halten könnte!“

Saunders wiegte den Kopf. „Wenn man alt genug wird, kann man die tollsten Sachen erleben. Haben Sie den Schlüssel für die Ladeklappe dabei?“

Smoletta tippte sich an die Stirn, diesmal nicht mit dem Stöckchen, sondern mit dem Zeigefinger. „Sie haben nicht alle Meisen unter dem Hut! Selbst wenn ich den Schlüssel bei mir hätte, würde ich nicht aufschließen. Ich habe nämlich meine fünf Sinne noch beisammen.“

Archibald hielt es für an der Zeit, dem Sheriff Schützenhilfe zu geben und warf ein: „Niemand bezweifelt, dass Sie ein kluger Mann sind, Sir. Aber ich vermute, dass Sie noch keine Gelegenheit hatten, sich mit Kriminellen zu befassen.“

„He!“, bellte Smoletta. „Wer hat denn Sie gefragt? Was sind Sie denn für eine komische Figur, Freund?“

Archibald lächelte, obwohl ihm nicht danach zumute war. Solche arroganten und protzigen Gents hatte er immer schon ganz besonders gut leiden können.

„Duggan. Im Versicherungsauftrag. Leider werde ich es nie zu solchen Reichtümern bringen wie Sie, aber dafür traue ich mir zum Beispiel zu, die Diebe Ihres Trucks zu finden. Und wenn mir ein Rat erlaubt ist: Sie sollten wirklich den Laderaum vor Zeugen öffnen und durchsuchen, denn wenn die Diebe Ihnen etwas gestohlen haben, kriegen Sie womöglich Scherereien mit der Versicherung.“

Smoletta zog die Oberlippe von den Zähnen. Sein Zahnklempner war ohne Zweifel so teuer wie sein Schneider.

„Ein Schnüffler!“, höhnte er. „So eine miese Figur will mir Ratschläge geben! Das ist doch nicht drin!“

Archibald ließ sich nicht beirren und fuhr katzenfreundlich fort: „Außerdem glaube ich zu wissen, worauf der Sheriff tippt. Auch unter Gangstern soll es intelligente Leute geben. Zum Beispiel könnten die Diebe Ihres Wagens und des Geldes so raffiniert gewesen sein und die 315 000 Eier in Ihrer Ladung versteckt haben. Sie brauchten sich dann nur noch zu merken, wohin die einzelnen Kisten deklariert sind. Es bestünde sogar die Möglichkeit, dass die Diebe unter den Kunden zu suchen sind, die Sie mit dieser Ladung beliefen. Es wäre nicht das erste Mal, dass …“

Das silberne Stöckchen pfiff mit einem Lufthieb, der einem Fechter Ehre gemacht hätte, dicht vor Archibalds Nase vorbei.

„Shut up!“, schrie Smoletta. „Sie sind wohl vom Affen gebissen? Unter meinen Kunden gibt es nicht einen faulen Kopp – und ich verbiete hiermit jedem, meine Ladung zu durchsuchen! Jedem! Haben Sie verstanden, Sheriff?“

Rick Saunders kniff ein Auge zu. Ohne ein Wort zu erwidern, stiefelte er an Smoletta vorbei zu seinem Radio Car und nahm das Funktelefon heraus. Seine Stimme dröhnte laut genug, dass Smoletta jedes Wort verstehen konnte.

„Geben Sie mir den Staatsanwalt!“

Smoletta ruckte herum und wieselte auf Saunders zu. „Was soll der Blödsinn, Sheriff? Natürlich habe ich es nicht so gemeint, aber es ist doch einfach Quatsch, dass Sie die Ladung durchsuchen …“

„Hallo!“, sagte Saunders. „Ja, ich bin’s selbst, Sir. Wir haben die Spurensicherung fast beendet und brauchen nur noch die Ladung des Trucks zu durchsuchen. Leider sträubt sich der Besitzer, ein gewisser Mr. Smoletta aus Morrow City, dagegen. Wenn Sie es für richtig halten, bitte ich um einen Durchsuchungsbefehl. Wenn Sie heute nicht mehr dazu kommen, können wir es natürlich auch auf morgen verschieben. Ich würde den Truck über Nacht bewachen lassen. Danke, Sir. Ende.“

Er legte den Hörer zurück, nahm die Zigarre au dem Mund und spie aus. Seine Stimme klang sehr fröhlich. „Tut mir leid, Mr. Smoletta, dass der Richter im Augenblick nicht zu erreichen ist. Auf Anordnung des Staatsanwalts bleibt Ihr Truck beschlagnahmt, weil er das Tatinstrument von Gangstern gewesen ist. Wegen Ihrer Weigerung können wir die Ladung erst morgen Nachmittag inspizieren. Guten Abend, Mr. Smoletta.“

Der Sheriff machte kehrt, ließ den Dandy einfach stehen und rief seinen Deputys zu: „Ihr beiden bleibt hier und macht weiter. Ich habe dringend in der Stadt zu tun.“

Ohne Archibald Duggan oder Smoletta auch nur einen Blick zu gönnen, schwang sich der Hüne hinter das Steuer und stellte die Sirene an. Dann setzte er zurück, wobei er dem im Wege stehenden Cadillac einen leichten Rammstoß versetzte. Der Chauffeur fluchte laut, ließ den Motor an und beeilte sich, aus der Gefahrenzone zu kommen. Smoletta fuchtelte mit seinem Stöckchen durch die Luft und vergaß ebenfalls seine gute oder – wahrscheinlich – schlechte Kinderstube. Um ein Haar hätte er in blinder Wut auf den Streifenwagen eingeschlagen.

Als der Sheriff abgebraust war, trat Archibald neben Smoletta und sagte gedankenvoll; „Yeah, mit der Obrigkeit kann man trübe Erfahrungen sammeln. Ich kann manches Lied davon singen.“

„Spinner!“, schrie Smoletta. Wieder sauste sein Stöckchen durch die Luft und riss Archibald den Hut vom Kopf. Wenn er sich nicht gebückt hätte, wäre seine Stirn durch eine Beule verschandelt worden.

Es wäre ein leichtes gewesen, den Dandy am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen. Aber hin und wieder muss ein Mann seinen Verstand gebrauchen und jede leidenschaftliche Aufwallung hinunterschlucken. Besonders dann, wenn er einen kleinen Schnüffler spielte und es mit einem möglicherweise großkalibrigen Gangster zu tun hat.

Mit einem Gangster, den er aufs Kreuz legen würde! Das gelobte er in dieser Minute. Und nicht nur deshalb, weil ausgerechnet Maureen Bernitt und Alan Warner Zeugen wurden, wie er sich bückte und den schönen Panama aus dem Staub aufhob, ihn sorgsam abklopfte, aufs Haupt setzte und mit durchgedrückten Knien zu seinem Porsche ging.

Smoletta schwang sich auch gerade in den Fond des Cadillac.

 

 

8

Es waren nicht die fröhlichsten Gedanken, die Archibald Duggan auf der Fahrt nach Morrow City bewegten. Die Kiste sah ziemlich verfahren aus. Wenn in diesem üblen Spiel wirklich eine große Gang die Hand im Spiel hatte, wenn womöglich ein Knilch wie Smoletta mit unter der Decke steckte, dann gab es einiges zu knacken und zu beißen.

Der Platz des Überfalls war ideal gewählt worden. Wäre nicht zufällig der Privatdetektiv dazwischengekommen, hätte es für die Gangster natürlich noch günstiger ausgesehen. Aber auch so hatten sie sich beinahe ungehindert, wenn auch vermutlich überstürzt, absetzen können.

Schätzungsweise war ihnen ein Vorsprung von einer Stunde zugute gekommen, und in der Zeit hatten sie sich entweder an Bord eines Motorbootes an der nahen Küste begeben können, vielleicht auch waren sie in einen anderen Wagen umgestiegen, oder sie hatten die Beute irgendwo in der Nähe versteckt. Sie konnten sogar mit einem Hubschrauber getürmt sein. Archibald tippte auf die letzte Möglichkeit, denn dieser Überfall schien glänzend organisiert worden zu sein. Anfänger waren es nicht gewesen.

Kurz vor dem Highway wurde er von einem froschgrünen Ferrari überholt und in der Kurve so geschnitten, dass er mit Gewalt auf die Bremse steigen musste. Archibald erkannte gerade noch den weißen Sturzhelm des Mannes am Steuer. Dafür merkte er sich die Nummer, denn er hatte diese Selbstmord- oder gar Mordkandidaten hinter dem Volant zum Fressen gern. Angeben wie eine Tüte Mücken, andere in Gefahr oder gar ums Leben bringen und dann hinterher stiften gehen!

Der Bursche scherte auf den Highway ein, ohne sich um den starken Verkehr zu kümmern. Sollte er sich den Hals abfahren, der arme Irre. Vielleicht knöpfte die Highway Patrol ihn sich vor.

In Morrow City fuhr Archibald Duggan zur Polizeistation und saß ein paar Minuten später dem leitenden Kommissar der Mordkommission gegenüber. Er hieß Rod Dolan. Archibald hatte ihn vor etwa einem Jahr zuletzt gesehen. Bei seinem Anblick begann Dolan zu feixen und kam ihm mit ausgestreckten Händen entgegen.

„Hallo, Sir! Fein, Sie mal wieder zu sehen. Ich wette, Sie hat dieser Geldraub auf die Beine gebracht!“

„Die Wette haben Sie gewonnen, Rod. Aber nennen Sie mich bitte Archibald – wie gehabt.“

„Okay, okay. Zigarre? Ein Schnäpschen gefällig?“

„Einen Bourbon nehme ich gern, danke. Ich will Sie auch nicht lange aufhalten. Zwar fällt der Überfall nicht in Ihre Zuständigkeit, aber Sheriff Saunders sagte mir, dass die Leiche des Gangsters in Ihrem Leichenschauhaus liegt. Haben Sie seine Identität schon feststellen können?“

Dolan füllte zwei Gläser bis zum Rand und stieß mit Archibald an. Dann brummte er: „Wird nicht so einfach sein. Der Boy ist blutjung und bestimmt noch in keiner Kartei erfasst worden. Wenn er aus Los Angeles stammt, was ich annehme, dann sind wir aufgeschmissen. Wollen Sie sich den Täter ansehen?“

„Schaden kann es nicht, wenn es mir auch bestimmt nicht weiterhilft. Hatte er eine Waffe bei sich?“

„Sicher. Einen Woodsman Colt, Kaliber .38. Drei Kugeln abgefeuert.“

„Und natürlich nur seine eigenen Fingerabdrücke daran, oder?“

Rod Dolan schaute verblüfft auf. „Das habe ich noch gar nicht untersuchen lassen. Die Kanone steckte in seinem Achselholster.“

„Wer hat sie denn dahin gesteckt? Der Sheriff?“

„Was weiß ich? Da der Fall mich nichts angeht und ich gerade genug andere Sorgen habe …“

„Gut, Rod. Vielleicht kommen wir mit der Waffe weiter.“

„Sie glauben doch nicht etwa, dass der Halbstarke die Waffe registrieren lassen hat? Ich wette, er hat den Colt genau so geklaut wie den LKW und das Geld – das er nicht mehr in die Finger gekriegt hat.“

Rod Dolan führte Archibald zu den Leichenkammern. Der Spruch des Coroners war schon gefällt worden, aber die Leiche konnte erst zur Bestattung freigegeben werden, wenn sich die Identität des jugendlichen Gangsters herausgestellt hatte. Es sei denn, sie blieb auch in den nächsten Tagen ungeklärt. Fotos des Toten waren schon an die Presse gegeben worden.

Der Junge hatte ein Gesicht wie Milch und Blut. Es sah aus, als schliefe er. Kaum zu glauben, dass so ein Kind sich an einem solchen Verbrechen beteiligt hatte. Aber oft schon war Archibald Duggan durch die glatte Fassade eines Menschen getäuscht worden.

Rod Dolan deckte wieder das weiße Tuch über das starre Gesicht. Wortlos gingen sie in sein Büro zurück. Archibald ließ sich die Anschrift des Privatdetektivs Palencia geben und fuhr ein Haus weiter.

 

 

9

Fred Palencia hatte Office und Wohnung in der Nähe des Hafens in einer stillen Seitenstraße.

Ein schwarzer Lincoln hielt direkt vor dem Haus. Archibald Duggan setzte seinen Flitzer dahinter, zwängte sich aus dem Futteral des Wagens und marschierte zu Fuß die drei Treppen hinauf. Es roch nach Vornehmheit. Palencia schien zu den erfolgreichen und vielbeschäftigten Privatdetektiven zu gehören. Die erhabenen Messingbuchstaben an der Tür zu seinem Office unterstrichen diesen Eindruck.

Archibald drückte auf den Klingelknopf und wartete geduldig. Er drückte nach einer Minute noch einmal – die Tür flog auf, und eine Frau hastete heraus. Zweifellos hatte sie den ersten Frühling hinter sich, aber die Kunst der Masseuse und Friseuse und der Kosmetikerin hatten etwas sehr Attraktives aus dem Gesicht mit der blonden Haarpracht gemacht. Archibald traf nur ein kalter Blitz aus leicht schräg geschnittenen Augen, dann war sie vorbei.

Palencia trat auf die Schwelle und rief: „Gute Nacht, Madam.“ Dann fiel sein Auge auf Archibald Duggan, und er taxierte ihn in Sekundenschnelle ab. Sicher stufte er ihn nicht in die Klasse der Vermögenden ein, denn seine einladende Handbewegung fiel knapp aus. „Bitte, Mister …“

„Duggan“, sagte Archibald. „Entschuldigen Sie die Störung, Mr. Palencia. Es handelt sich um den Überfall heute Mittag. Wir sind in gewisser Weise Berufskollegen.“

„So?“ Das klang noch knapper.

Sein Office ähnelte dem Büro eines Generaldirektors, es war reichlich protzig eingerichtet, aber viele Klienten ließen sich zweifellos dadurch blenden.

Palencia ging langsam und ein bisschen steifbeinig zum Schreibtisch. Er nahm eine Zigarre aus einer silbernen Schatulle und drehte sie zwischen dicken Fingern. Alles an dem Mann war massiv und stabil gebaut. Er hatte ungefähr Archibalds Größe, neigte aber zur Korpulenz. Vielleicht lag es daran, dass er ein Bein verloren hatte und sich nicht wie ein Sportler bewegen konnte. Schiefergraue Augen musterten Archibald kritisch.

„Für wen arbeiten Sie, Mr. Duggan?“

Archibald ließ sich ohne Einladung in den Besuchersessel fallen und sagte: „Die First National Bank möchte ihr Geld wiedersehen und die Versicherung ihres nicht verlieren. Darum hat sie mich mit Ermittlungen beauftragt.“

„Die halten wohl nicht viel von der Polizei, was?“

„Das ist mir gleich. Für mich könnte es ein fetter Job werden – vorausgesetzt, dass ich die richtige Spur entdecke. Sie haben ja mächtiges Glück gehabt, dass Sie einen der Gangster erwischt haben.“

Palencia steckte die Zigarre an und stelzte hinter den Schreibtisch. Seine Stimme klang knurrig: „Glück nennen Sie das? Um ein Haar wäre ich im Eimer gewesen! Haben Sie mein Auto gesehen? Mann, ich bin gehüpft wie ein Hase!“

„Kann ich mir denken, Mr. Palencia. Wie viele Gangster waren es?“

Er hob die schweren Schultern. „Drei oder vier insgesamt. Genaues habe ich nicht sehen können, weil sie mir blaue Bohnen um die Ohren gepfeffert haben. Jedes Mal, wenn ich nur eine Nasenspitze sehen ließ, knallte es wie beim Schützenfest.“

Archibald nickte anerkennend. „Um so bewundernswerter, dass Sie zurückgeschossen und sogar einen getroffen haben! Auf die Distanz ein Meisterschuss!“

„Schönen Dank für die Blumen. Mir wär’s lieber, ich hätte ihn nicht erwischt. Ich glaube, es war purer Selbsterhaltungstrieb, dass ich geballert habe!“

„Sicher. Ebenso gut hätte man Sie ausknipsen können. Haben Sie gleich gewittert, dass etwas nicht stimmte?“

Palencia betrachtete seine Zigarre, als wäre sie mit Pferdehaar präpariert. „Nicht gleich in der ersten Sekunde. Ich bin ziemlich langsam aus der Kurve herausgekommen, und vielleicht eine Sekunde oder zwei vorher war der Geldtransportwagen in den Truck geknallt. Den Krach habe ich natürlich gehört und unwillkürlich auf die Bremse getreten. Na ja, und dann kam auch schon dieser Bursche mit seiner MP hinter dem Truck hervor. Was glauben Sie wohl, wie fix ich aus meinem Schlitten gehüpft bin!“

„War das dieser junge Bursche, der jetzt tot ist?“, fragte Archibald.

„Da bin ich überfragt. Ich habe bloß die MP gesehen und bin um mein Leben gerannt. Mit meiner lahmen Flunke war das kein Zuckerlecken. Wenn der Kerl ein bisschen eher geschossen und genauer gezielt hätte …“

„Der war bestimmt genau so nervös wie Sie. Denen ging’s ja bestimmt auch nur ums Geld. Und die konnten auch nicht ahnen, dass sie in Ihnen einen Meisterschützen gegen sich hatten. Sie waren früher Polizist, nicht wahr?“

„Stimmt. Wer hat Ihnen denn das gesagt?“

„Sheriff Saunders. Hm, ich hatte gehofft, Sie könnten mir eine Beschreibung des einen oder anderen Täters geben.“

„Tut mir leid. Die Burschen haben derart schnell gearbeitet, dass bloß Sekunden verstrichen sind, bis sie mit dem Zaster über alle Berge waren. Hat der Sheriff schon eine Spur?“

Archibald zuckte die Achseln. „Sah mir nicht danach aus. Besonders gesprächig war er nicht. Sie wissen ja, dass Leute wie wir von den Cops nicht mit offenen Armen empfangen werden. Hat man Sie eigentlich nur mit der MP beharkt oder auch mit anderen Waffen?“

„Weiß ich nicht. Mit Sicherheit waren es mehrere Maschinenpistolen.“

„Hat neben der Leiche des jungen Gangsters eine Waffe gelegen? War er sofort tot?“

„Als ich hinkam, bestimmt. Eine Waffe habe ich nicht liegen sehen. Wahrscheinlich haben die anderen Ganoven seine MP mitgenommen.“

„Möglich. Ich hörte, Sie arbeiten für die Oil-Corporation?“

Palencia kniff ein Auge zu. „So fragt man Leute aus. Hat Saunders seinen Mund nicht halten können?“

Details

Seiten
125
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931136
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496177
Schlagworte
darling archibald duggan thriller

Autor

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Titel: Darling, ich muss dich erschießen - Ein Archibald Duggan Thriller