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REDLIGHT STREET #48: Ein Job für Anita

2019 105 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein Job für Anita

Copyright

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6

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8

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10

Ein Job für Anita

REDLIGHT STREET #48

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

 

Anita Gerdes arbeitet in einer Drogerie. Die Arbeit selbst gefällt ihr, jedoch die Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen nicht. Vor allem von der Ersten Verkäuferin wird sie immer wieder schikaniert. Eines Tages hat Anita genug. Sie findet in einer Zeitung eine Annonce, die sie interessant findet. Mit der Hoffnung, dass es nun für sie besser wird, kündigt sie, um die neue Stelle anzutreten, ohne jedoch zu wissen, was das für ein Geschäft ist, in dem sie arbeiten soll. Und dann betritt sie dieses und muss fassungslos feststellen, dass es ein Sex-Shop ist …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Man konnte wirklich nicht behaupten, dass sie beliebt war. Sie tat aber auch alles, um sich unbeliebt zu machen. So sahen es jedenfalls die Kolleginnen in der vornehmen Drogerie. Ja, sie waren sogar der Ansicht, dass sie vollkommen fehl am Platze war.

Anita Gerdes merkte das sehr wohl. Doch anfangs ließ es ihr Stolz nicht zu, dass sie es zeigte, wie weh man ihr damit tat. Gewissenhaft und ordentlich verrichtete sie ihre Arbeit. Der Chef war mit der Kraft zufrieden. Doch die Kolleginnen eben nicht.

»Sie gehört in einen kleinen Laden. Meinetwegen in der Stadtrandsiedlung. Das ist der reinste Stilbruch. Ich verstehe den Chef wirklich nicht. Wieso merkt er das nicht?«

Die Erste Verkäuferin, Fräulein Wittler, hatte eine besonders scharfe Zunge. Das kam daher, dass sie nicht verheiratet war und sich auch so grässlich benahm, dass sie nie einen Freund hatte. Natürlich hatten die anderen die Schuld. Andere Frauen hatten ihr die besten Männer weggeschnappt. Und jedem, der es hören wollte oder auch nicht, erzählte sie, wie gemein und widerwärtig die Freundinnen waren. Dabei habe sie so nette Männer gehabt. Wirklich! Nein, heiraten habe sie nicht gewollt. Man lebt ja nur einmal, und die Welt und ihre Ansichten waren ja so modern geworden. Warum sollte man sich da einen Ehemann zulegen? Frei und ungebunden hatte sie leben wollen. Leider war es nicht so. Also brauchte sie andere Opfer, um sich zu rächen, um ihre Launen abzureagieren. Die anderen kleinen Verkäuferinnen ließen sich nichts bieten. Im Gegenteil, da war eine, die war so schnippisch, man höre und staune, sie hatte der Wittler glatt auf den Kopf zugesagt, sie bilde sich das alles nur ein. Die Männer würden im Gegenteil einen großen Bogen um sie machen. Die Wittler war puterrot geworden. Das Früchtchen konnte es sich ja leisten. Sie war so kess und süß, die jungen Männer standen abends buchstäblich Schlange, um sie abzuholen. Sie war stets fröhlich und guter Laune.

»Was bilden Sie sich ein?«, keuchte die Wittler. »Das brauche ich mir nicht gefallen zu lassen.«

»Nein, ganz gewiss nicht«, sagte das freche Ding ernsthaft. »Was halten Sie davon, wenn Sie uns jetzt das Gegenteil beweisen? Dann nehme ich vor allen Kolleginnen mein Wort zurück. Na?«

Jetzt hatte ihr Gesicht eine fast grüne Farbe.

»Mit solch kindischen Dingen gebe ich mich nicht ab«, rief sie hochmütig und ging davon.

Es war ausgerechnet die bescheidene Anita, die ihr daraufhin über den Weg lief. Die Wittler drehte sich sofort um und rief: »Immerhin habe ich mehr Chancen als die Gerdes. Die kann doch wirklich keinen Hund hinterm Ofen hervorlocken.«

Die fünf Verkäuferinnen blickten Anita an. Diese wurde verlegen und huschte davon.

So war es gekommen, dass die Wittler sie ständig mit ihrer spitzen Zunge verfolgte. Und die anderen machten fröhlich mit, ohne überhaupt mal richtig nachzudenken, warum eigentlich. Anita hatte ihnen ja nichts getan. Im Gegenteil, sie übernahm oft noch Arbeit von anderen Kolleginnen, ohne etwas zu sagen. Ja, man konnte sie richtig ausnutzen.

Warum zog sie sich auch so altmodisch an? Und dann ihre Frisur! Dies war doch nun ein Geschäft, auf das man stolz sein konnte. Wer hier einkaufen kam, war wer. Diese Preise! Bloß weil sie mitten in der City arbeiteten, bildeten die Mädchen sich schon eine Stange darauf ein.

Anita verstand es einfach nicht. Wieso?, fragte sie sich immer wieder. Wir sind doch alle nur Verkäuferinnen. Warum tragen sie die Nasen so hoch?

Sie hatte solche Freude daran gehabt, als sie diese Stelle bekam. Sie umgab sich sehr gern mit schönen Sachen. Denn privat konnte sie sich das leider nicht leisten. Ihre Eltern waren arm. Sie erhielt auch keinen Zuschuss von daheim. Im Gegenteil, sie musste noch Geld heimschicken. Von dem, was da übrigblieb, konnte sie sich nur eine kleine Mansardenstube leisten, und an die Anschaffung von Kleidung war nur zu denken, wenn sie billig angeboten wurde.

Anita dachte an später. In ein, zwei Jahren würde sie auch mehr verdienen. Jetzt hatte sie ja erst mal gerade als Verkäuferin angefangen. Kurz nach der Lehre konnte man nicht so viel verlangen. Anita wusste außerdem nicht, dass der Chef sie unterbezahlte.

Am Montag war es ganz schlimm. Dann erzählten die anderen immerzu davon, was sie alles erlebt hatten. Ein paar hatten Freunde, die ein Auto besaßen. Sie waren oft unterwegs, oder sie gingen tanzen. Selbst die Wittler hatte dann immer eine Menge zu erzählen. Bei ihr strotzte alles vor Vornehmheit. Und welch nette Leute sie kannte, nein, da konnte einem wirklich das Herz schwer werden.

Auch die Kundinnen behandelten Anita recht kühl und von oben herab.

Dabei gebe ich mir die größte Mühe, dachte sie verzweifelt. Und doch tun sie so, als wäre ich ein Putzlappen.

Wie gesagt, seitdem die Wittler sie jetzt quälte, war es noch viel schlimmer geworden. Es dauerte nicht lange, da fühlte Anita, dass man sie rausekeln wollte. Regelrecht hinausjagen. Der Chef bemerkte nichts davon. Er kam ja auch immer nur ganz kurz, er besaß noch ein paar andere Zweigstellen und musste sich um diese kümmern.

Die Erste Verkäuferin hatte sehr schnell begriffen, dass die Kleine wenig Geld besaß. Also konnte sie sie damit am besten treffen. Auch heute sprach sie Anita an.

»Also, meine Liebe, Sie müssen jetzt mehr auf sich achten, ja? Eben noch hat mich eine Kundin angesprochen und gefragt, ob wir jetzt auch unsere Putzfrau verkaufen lassen. Ihre Haare, wirklich, Sie sollten zum Friseur gehen. So geht das nicht mehr weiter. Die Kundinnen haben ein Recht, von gepflegten Verkäuferinnen bedient zu werden. Gerade unser Kundenkreis wünscht es. Wir geben uns alle die größte Mühe, Anita. Wenn Sie sich nicht endlich ändern, dann muss ich mit dem Chef reden.« Ihre Worte klangen hochmütig und arrogant. Anita in ihrer Verzweiflung wusste ja nicht, dass die Wittler es niemals wagen würde, mit dem Chef über Anita zu reden. Bis jetzt hatte sich noch keine Kundin so geäußert. Aber das konnte sie ja wirklich nicht ahnen.

»Wenn Sie es sich nicht leisten können, meine Liebe, warum gehen Sie dann nicht in einen Supermarkt? Dort achtet man nicht so auf das Äußere einer Verkäuferin. Oder in eines dieser ausländischen Geschäfte?«

Das Blut schoss Anita in die Wangen. Sie stand da, und gab keine Antwort.

»Reden Sie endlich!«, zischte die Wittler sie an. Nichts brachte sie mehr auf die Palme, als wenn jemand verbissen schwieg. Damit nahm man ihr allen Wind aus den Segeln.

Anita hob ihren Kopf und sah sie mit ihren großen dunkelbraunen Augen stumm an. Dabei war sie nicht mal hässlich. Sie hätte wirklich ganz reizend aussehen können, ja, wenn sie sich ein wenig vorteilhafter gekleidet hätte und eben auch das schwarze Haar anders frisiert hätte. Dann hätten die anderen vielleicht sogar neidische Augen bekommen.

Anita wusste nicht, was sie ihr antworten sollte. Außerdem hatte die Erfahrung sie gelehrt, dass sie dann nur noch bösere Worte gegen sie fand. So nahm sie schweigend den Korb und ging ins Lager.

»Das ist wirklich die Höhe«, zischte die Wittler.

»Na, keinen Erfolg gehabt?«

»Es ist wirklich eine Zumutung.«

»Nun, als Verkäuferin ist sie aber sehr gut.«

»Habe ich dich um deine Meinung gefragt?«

In der Mittagspause ging Anita wie üblich in den nahen Park. Sie brachte sich immer Brote mit. Dort verzehrte sie sie auf einer Bank. Anita grübelte über ihre Lage nach. Lange würde sie das nicht mehr durchhalten. Es war ihr aufgefallen, dass sie schon nervös wurde, wenn sie nur die Wittler sah. Also würde sie auch bald Fehler machen, und dann hatte der Chef einen Grund, sie zu feuern. Eine gefeuerte Verkäuferin bekam sehr schlecht eine neue Stelle. Also musste sie ihm zuvorkommen.

Sie fühlte sich elend. Andere Mädchen in ihrem Alter waren fröhlich und lustig, schienen gar keine Sorgen zu kennen.

»Ich habe mir anscheinend das falsche Elternhaus ausgesucht«, murmelte sie vor sich hin.

Ein älterer Herr blieb stehen und sah sie an.

»Haben Sie mich angesprochen?«

Anita wurde rot.

»Nein, nein«, antwortete sie hastig.

»Komisch, mir war, als wenn ich Sie reden gehört hätte.«

Er ging weiter.

So ist das, dachte sie, alte Männer bleiben stehen. Meine Güte, bin ich denn wirklich so langweilig mit meinen neunzehn Jahren? Ich möchte auch glücklich und zufrieden sein. Ein aufregendes Leben führen. All das erleben, wovon die anderen jeden Morgen berichten.

Die nahe Turmuhr schlug zur vollen Stunde. Schon legte sich wieder ein Eisklumpen auf ihren Magen. Sie musste in das Geschäft zurück. Hastig zerknüllte sie das Papier und warf es in den nächsten Abfalleimer.

»Mir muss etwas einfallen, und zwar schnell.«

Sie rannte das ganze Stück und kam nur eine halbe Minute zu spät. Die Wittler stand schon in der Tür und sah sie vorwurfsvoll an.

»Zu spät kommen Sie jetzt auch noch. Wo soll das nur hinführen? Eine Moral ist das.«

Anita wagte nicht zu entgegnen, dass sie selbst doch jeden Morgen an die zwanzig Minuten zu spät kam. Hätte sie es nur getan, hätte sie sich gewehrt, dann wäre sie nicht mehr das Opfer gewesen.

Sie zog sich schnell die Jacke aus und stand dann wieder im Laden. Das verzweifelte junge Mädchen dachte nicht mal daran, dass sie nur angaben, denn wenn sie wirklich so vornehm gewesen wären, wie sie ständig vorgaben, dann wären sie bestimmt nicht Verkäuferinnen geworden, sondern hätten sich einen anderen Beruf gesucht. Auf alle Frauen, die ihnen überlegen waren, hatten sie einen Hass. Uber jede wurde abfällig geredet. Wohlgemerkt, erst wenn die Kundin den Laden verlassen hatte. Vor ihnen waren sie katzenfreundlich.

Die Zeit zog sich ereignislos dahin. Anita war froh, als endlich Feierabend war. Bevor man sich wieder auf sie stürzen konnte, hatte sie den Laden schon verlassen.

Befreit atmete sie auf. Jetzt war sie ein freier Mensch.

So konnte es wirklich nicht weitergehen. Sie wollte es nicht mehr. Auch ein gekrümmter Wurm tritt mal zurück. Anita musste mit dem Bus zu ihrer kleinen Mansardenstube fahren. Dabei fiel ihr eine Zeitung in die Hand. Viele ließen sie einfach liegen, wenn sie sie ausgelesen hatten. Anita nahm sie und dachte: Das Beste wird es sein, wenn ich sie studiere und mir dann eine neue Stelle suche.

Daheim machte sie sich ein Brot und Tee und setzte sich dann hin und begann zu lesen. Am meisten suchte man Putzfrauen. Nein, das kam nicht in Frage, obschon sie erstaunt war, als sie las, wieviel Geld man damit verdienen konnte. Ob sie vielleicht nach Feierabend putzen gehen konnte? Dann konnte sie sich Geld hinzuverdienen.

Ach nein, dachte sie, bestimmt leiden meine Hände darunter, und die Kolleginnen merken es sofort.

Dann kam die Spalte, in der Verkäuferinnen und Verkäufer gesucht wurden. Die meisten Stellenangebote kamen aus der Textilbranche, und man bevorzugte erfahrene Kräfte. Aber das war sie ganz bestimmt nicht. Außerdem hatte sie ja in einer Drogerie gelernt und würde sich in einem Textilgeschäft nur fehl am Platze fühlen. Wenn, dann musste sie schon einen ähnlichen Job finden, um nicht gleich wieder zu versagen. Dann fiel ihr eine kleine Anzeige in die Augen. Sie las sie dreimal.

»Wir suchen eine junge, frische Verkäuferin. Sie wird von uns angelernt. Gutes Klima. Sie kann selbständig arbeiten. Monatslohn 3000 DM.«

Anita starrte die Zahl an.

»Das gibt es doch nicht! Nie und nimmer kriegt man so viel Geld!«

Die Telefonnummer stand daneben. Anita stand auf und ging hin und her, grübelte darüber nach.

»Das ist doch nur ein Scherz. So viel Geld verdient niemals eine Verkäuferin. Nein, nie, nie!«

Sie dachte, sie werden sich verdruckt haben, und warf die Zeitung fort.

Am nächsten Morgen im Bus fand sie wieder eine herrenlose Zeitung.

»Also suchen wir weiter«, murmelte sie vor sich hin. Ganz in Gedanken schlug sie gleich den richtigen Teil auf, und sie traute ihren Augen nicht, die gleiche Anzeige stand wieder dort. Die gleiche Gehaltsangabe. Also zweimal unterläuft denen dieser Druckfehler bestimmt nicht, dachte sie. Dann wird es wohl seine Richtigkeit haben. Das gibt es doch nicht. Dreitausend! Du liebe Güte, ich darf gar nicht daran denken. Ich würde toll vor Freude sein. So viel Geld. Meine Güte, was könnte ich mir nicht alles dafür kaufen.

Zum ersten Mal war sie während ihrer Arbeit überhaupt nicht bei der Sache. Ständig musste sie an die Anzeige denken.

Und wenn ich anrufe? Das kostet nur zwei Groschen. Sicher ist die Stelle schon vergeben. Aber anrufen kann man trotzdem, und dann frage ich auch gleich, ob es stimmt, dass man ein so hohes Gehalt bekommt.

»Hören Sie mir eigentlich zu?«

Sie hob den Kopf. Die Wittler stand vor ihr, eine Augenbraue hochgezogen.

»Haben Sie etwas gesagt?«

»Ja, Sie werden es nicht glauben«, sagte sie spitz. »Da hinten steht eine Kundin und möchte bedient werden.«

Anita blickte hin. Es war eine einfach gekleidete Frau. Ach ja, das kannte sie schon. Um solche Kundinnen kümmerten sich die anderen Verkäuferinnen nicht. Und wenn, dann ließen sie die Kundin spüren, dass sie fehl am Platze war.

Anita ging zu ihr und fragte sie freundlich, ob sie ihr helfen könne.

»Ja, ich suche einen goldenen Gürtel, wissen Sie!«

»Wenn Sie bitte mitkommen möchten, dann zeige ich sie Ihnen«, sagte sie freundlich.

Wenig später verließ die Kundin den Laden. Sie hatte den teuersten Gürtel gekauft, den man im Geschäft hatte. Zufällig war der Chef anwesend. Er hatte es gesehen und kam jetzt zu Anita.

»Das haben Sie gut gemacht. Jetzt bekommen Sie die Prämie.«

Anita sah ihn groß an.

»Ja, wissen Sie denn nicht, dass Sie für den Verkauf sehr teurer Artikel eine Prämie erhalten? Wenn eine Verkäuferin es schafft, diese zu verkaufen, erhält sie einen Bonus von zehn Prozent des Verkaufspreises. Er hat hundertfünfzig gekostet, also erhalten sie fünfzehn Mark. Bitte kommen Sie mit zur Kasse!«

Die Wittler schnappte nach Luft.

Anita war glücklich über das unverhoffte Geld. Für sie war es eine ganze Menge.

»Danke«, sagte sie leise.

Als der Chef fort war, ging ihr endlich ein Licht auf. Deswegen ließ man sie kaum einmal die reichen Kundinnen bedienen. Jetzt hatte sie das Ganze durchschaut. Die Wittler war sauer, dass sie nicht erkannt hatte, dass diese Kundin in der Lage war, eine teure Ware zu kaufen.

Anita presste die Lippen zusammen.

Wieviel mögen sie sich schon eingesteckt haben, dachte sie verzweifelt. Die ganze Zeit habe ich es nicht gewusst. Ich habe so wenig Geld und könnte zusätzliche Einnahmen dieser Art gut gebrauchen. Sie ballte die Hände.

»Ich werde anrufen«, murmelte sie leise. »Ja, ich werde es zumindest versuchen. Ich bin hier nicht mehr das Aschenbrödel. Dann können sie selbst all die Schmutzarbeit machen, die sie mir immer zuschanzen.«

Anita war zum ersten Mal bereit, sich gegen die ungerechte Behandlung zu wehren.

Merkwürdigerweise hielt sich die Erste Verkäuferin im Hintergrund. Fühlte sie, dass in Anita eine Veränderung vorgegangen war?

Mittagszeit!

Sie nahm ihre Tasche und die Zeitung und verließ das Geschäft. Am Weg zu dem kleinen Park stand eine Telefonzelle.

»Wenn sie nicht besetzt ist, dann ist es Schicksal«, murmelte sie leise vor sich hin.

Sie war nicht besetzt. Anita suchte zwei Groschen, wählte mit zittrigen Fingern die Nummer. Wenig später meldete sich eine weibliche Stimme.

»Ja, bitte?«

»Ich rufe wegen der Anzeige an. Ist die Stelle noch frei?«

Die Stimme zögerte einen Augenblick.

Anita dachte: Ich hab es ja gewusst. So viel Glück kann man einfach nicht haben.

»Ja«, sagte die Stimme. »Die Stelle ist noch frei!«

»Wie?«

»Hören Sie, was sind sie jetzt von Beruf? «

»Ich bin Verkäuferin in einer Drogerie. Ich habe die Lehre bestanden und bin jetzt seit einem Jahr angestellt.«

»Hm, das klingt nicht schlecht.«

Anita atmete tief durch.

»Wie alt sind Sie?«

»Neunzehn«, sagte Anita. Sie hatte auf einmal einen Kloß in der Kehle.

»Ich kann mir denken, dass Sie sich vorher alles ansehen möchten?«

»Sicher, aber ist denn die Stelle noch zu haben?«

»Ich sagte doch schon, sie ist noch frei.«

»Dann nehme ich sie«, sagte Anita spontan.

»Hören Sie, ich würde doch lieber vorschlagen, Sie kommen erst hierher und sehen sich alles an.«

»Ach, wenn ich nur die Stelle bekomme. Übrigens, stimmt die Gehaltsangabe wirklich?«

»Ja!«

»Ich sage jetzt schon zu. Ich meine, es könnten doch noch mehrere Interessentinnen anrufen und die Stelle haben wollen. Bitte, ich nehme sie wirklich.«

Die Stimme antwortete kühl: »Es würde mich ja freuen, Kindchen. Wirklich. Wir suchen schon lange eine gute Verkäuferin. Also gut, ich merke Sie vor. Aber jetzt sagen Sie mir, wann Sie kommen können. Ich meine, um sich vorzustellen. Sofort können Sie wohl nicht anfangen?«

»Nein, ich muss die Kündigungsfrist einhalten. In drei Wochen könnte ich kommen. Ich bin hier noch auf eine Art Probezeit. Das heißt, sie ist eigentlich herum, aber der Chef hat wohl vergessen, den Anstellungsvertrag auszustellen. Jetzt bin ich froh darüber.«

»Na, das freut mich. Also kommen Sie heute?«

»Ich habe bis abends Dienst!«

»Das macht nichts, kommen Sie nur vorbei. Wir sind noch da. Wir haben andere Dienstzeiten, wissen Sie!«

Anita war selig.

»Wenn Sie mir bitte die Adresse nennen würden, dann schreibe ich sie mir auf.«

Die Dame nannte Straße und Hausnummer.

»Und wie heißt das Geschäft?«

»Gehen Sie nur in das Haus mit der angegebenen Hausnummer. Sie können es wirklich nicht verfehlen.«

Anita wunderte sich nicht, obwohl es doch ein wenig seltsam war, dass die Dame bis jetzt noch nicht gesagt hatte, um was für ein Geschäft es sich handelte. Und sie wollte Anita auch sofort, nur schien sie zu befürchten, dass sie, Anita, vielleicht doch einen Rückzieher machte.

Sie hängte den Hörer ein und ging nach draußen. So erregt war sie schon lange nicht mehr gewesen.

»Ich bin frei, mein Gott, ich bin wirklich frei«, sagte sie leise vor sich hin.

Dann sah sie auf ihren Stadtplan. Die Straße lag ein wenig abseits. Anita biss sich auf die Lippen. Ob man dort wirklich so gute Geschäfte machte, dass man einer Verkäuferin ein solches Gehalt zahlen konnte?

Sie war so freudig erregt, dass sie nicht mal Hunger verspürte. Das sollte wirklich etwas heißen.

 

 

2

Sie kam zwei Minuten zu spät.

Die Wittler sagte: »Er scheint Ihnen wohl zu Kopf gestiegen zu sein, der kleine Erfolg, wie?«

»Was meinen Sie?«, fragte Anita.

»Nun, der Verkauf am Morgen. Das war ein reiner Glücksfall. Eigentlich müsste ich ja die Hälfte des Gewinns abbekommen. Schließlich habe ich Ihnen die Kundin zugewiesen.«

Die Erste Verkäuferin war sich so sicher, Anita unter ihrer Fuchtel zu haben. Also hatte sie sich in der Mittagspause ausgedacht, dass man sie auch so noch schröpfen konnte. Jetzt standen sie sich gegenüber.

Anita hatte die Gewissheit: Ich werde bald sehr viel Geld verdienen. Diese alte Spinatwachtel kann mir nichts mehr anhaben. Sie nicht!

Sie starrte sie aus übergroßen Augen an.

Die anderen Verkäuferinnen waren jetzt auch eingetrudelt. Sie hatten alles mit angehört und fanden es von der Wittler doch ein wenig unverschämt. Aber sich auf Anitas Seite zu stellen, dazu hatten sie auch keine Lust. Sie dachten: Erst mal stehenbleiben, mal sehen, wie die kleine Naive sich jetzt verhält.

Die dunkelbraunen Augen bohrten sich in die verwässerten von der Wittler. Die Erste Verkäuferin trank heimlich, deswegen hatte sie auch immer den etwas glasigen Blick. Aber das wusste man hier im Geschäft nicht.

Die Wittler wurde ein wenig nervös.

»Verstehen Sie unsere Sprache nicht mehr?«

»Ich verstehe Sie sehr gut«, sagte Anita laut. »Wenn ich Ihnen etwas von den fünfzehn Mark abgeben soll, nun denn, dann müssen Sie mir erst mal all die Gewinne auszahlen, die Sie eingestrichen haben, wenn ich mal ein teures Stück verkauft habe und der Chef nicht anwesend war. Das hat man mir ja verschwiegen. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis, Fräulein Wittler.« Sie betonte das »Fräulein«, da sie wusste, dass die Wittler sehr viel Wert darauf legte, mit »Frau« angesprochen zu werden.

Die Wittler lief rot an.

»Sie unverschämte Person«, kreischte sie los. »Was für Frechheiten nehmen Sie sich da heraus? Hören Sie, wenn Sie das nicht sofort zurücknehmen, dann ...«

Alles hielt den Atem an.

»... dann wollen Sie mich feuern?«, fragte Anita. Sie fühlte sich wie auf einer Wolke. Mein Gott, war das schön, sich für alles rächen zu können. Richtig frei wurde man. Man war wer, man fühlte sich nicht mehr so zerdrückt und an die Wand geschoben.

Diesmal ging die Erste Verkäuferin zu weit.

»Das sage ich Ihnen«, zischte sie die kleine Angestellte an. »Wenn Sie sich nicht mäßigen und sich vor allen Dingen für diesen Ton bei mir entschuldigen, dann werde ich wirklich dem Chef Mitteilung machen. Dann können Sie sich an zwei Fingern abzählen, dass Sie dann gefeuert werden.«

»Wirklich?«

Die anderen Verkäuferinnen im Hintergrund dachten: Sieh mal an, die Kleine hat ja doch Schneid. Sie nimmt es tatsächlich mit der Giftnudel auf.

Die Wittler bekam keinen Ton heraus vor Staunen über Anitas verändertes Verhalten.

»Wissen Sie, wenn das so ist, dann ersparen Sie mir das Kündigungsschreiben. Ich wäre Ihnen also von Herzen dankbar, wenn Sie gleich den Chef anrufen und ihm alles sagen. Und bitte richten Sie ihm aus, dass ich auch gleich das Zeugnis haben möchte.«

»Sie können mich nicht bluffen«, schrie die Wittler, die allmählich die Sprache wiedergefunden hatte.

»Ich bluffe nicht«, sagte Anita ruhig. »Ich bin es nur leid, mich hier als Putzlappen behandeln zu lassen. Und jetzt soll ich Sie auch noch schmieren, das ist wirklich zu viel! Bitte, es ist mein voller Ernst. Sie haben ja eben selbst gesagt, wenn ich mich nicht entschuldige, werden Sie dafür sorgen, dass der Chef die Kündigung ausspricht. Also, ich entschuldige mich nicht. Ich habe Zeugen genug, die es gehört haben. - So, jetzt habe ich keine Zeit mehr. Wir müssen das Geschäft öffnen. Draußen warten schon die Kunden.« Anita ging davon.

Wie zu Stein erstarrt stand die Wittler da. Die anderen Verkäuferinnen, die sonst mit ihr gemeinsame Sache gegen Anita gemacht hatten, fielen ihr jetzt gleich in den Rücken.

»Damit hast du wohl nicht gerechnet, wie? Tja, so kann man sich irren. War auch nicht klug von dir, Geld zu verlangen. Sie hat wirklich recht in dieser Sache.«

Die Erste Verkäuferin fühlte sich betrogen. Ihr war so übel, dass sie sich erst einmal setzen musste. Was hatte sie da angerichtet? Noch vor ein paar Stunden hatte der Chef die Kleine wegen ihrer Bescheidenheit gelobt. Arbeitswillig, zuvorkommend hatte er sie genannt. So etwas würde man in der heutigen Zeit nur noch sehr selten finden.

Es war doch sicher bloß ein Schuss ins Blaue gewesen, die Kleine wollte bestimmt nicht fort. Sollte sie das einfach übergehen?

Am Nachmittag herrschte hektischer Betrieb. Niemand konnte sich jetzt um den anderen kümmern. Es war kurz vor Ladenschluss, als endlich die letzte Kundin den Laden verließ. Nachdem Anita jetzt wusste, dass man sich zusätzlich Geld verdienen konnte, strengte sie sich besonders eifrig an. Sie schaffte es auch tatsächlich, noch zwei weitere teure Artikel über hundert Mark zu verkaufen.

Die Wittler ließ sich zu der Bemerkung herab: »Nun lernen Sie es ja auch endlich.«

Anita warf ihr einen raschen Blick zu.

»Wirklich? Wenn man mich früher richtig angelernt hätte, stünde ich jetzt ganz anders da.«

»Nun, es ist ja noch nicht zu spät«, säuselte die Erste Verkäuferin. Sie hatte sich doch jetzt wirklich versöhnlich gezeigt. Also weiter konnte sie ihr nicht entgegenkommen.

Da hörte sie das junge Mädchen sagen: »Zu spät. Jetzt lohnt es sich auch nicht mehr.«

»Was wollen Sie damit sagen, es ist zu spät? Es ist nie zu spät. Bestimmt werden Sie noch mal eine gute Verkäuferin.«

Anita dachte: Das Leben ist doch wirklich recht komisch. Vor ein paar Stunden hatte ich noch schreckliche Angst vor der Wittler. Jetzt, wo ich weiß, dass ich eine gute Stelle bekomme, ist mir hier alles gleichgültig. Zum ersten Mal schweige ich nicht mehr, und schon geht alles besser. Es ist wirklich schade, dass ich jetzt gehe.

»Sie haben vergessen, dass ich kündigen möchte.«

Die Wittler wurde blass.

»Kommen Sie, Kleine, das ist doch längst vergessen.«

Neugierig gruppierten sich die anderen Verkäuferinnen um die beiden.

»Nein, denn ich gehe wirklich.«

Antia sagte es mit so viel Nachdruck, dass selbst die Wittler spürte, dass sie an Boden verlor.

»Aber das geht doch nicht. So schnell finden Sie keine neue Anstellung. Und wir sind ein ausgezeichnetes Geschäft. Man wird sich die Finger nach Ihrer Stelle lecken. Wir nehmen nicht jede.«

»Das ist mir alles egal. Ich gehe am Ersten. Bitte richten Sie das dem Chef aus. Das hatten Sie ja sowieso vor, wenn ich mich nicht entschuldige, und das werde ich nicht.«

»Ich habe es vergessen«, sagte sie hitzig.

»Fräulein Wittler, Sie verlieren Ihr Gesicht, wenn Sie das sagen.«

Anita war selbst über ihren Mut erstaunt. Aber man hatte sie so lange gedemütigt. Sie musste es einfach sagen. Schlimmer konnte es ja jetzt nicht mehr werden. Und die Dame am Telefon hatte ja gesagt, es wäre sogar gut, wenn sie gleich anfangen könnte.

Jetzt mischte sich Susi ein.

»Wovon willst du denn leben? Du musst doch erst mal eine neue Stelle finden, Kleine. Glaube mir, im Augenblick sieht es nicht rosig aus. Die Urlaubszeit steht vor der Tür. Da stellt man ganz gewiss nicht eine neue Verkäuferin ein. Überleg es dir noch mal!«

»Das brauche ich gar nicht. Ich habe schon eine neue Stelle.«

»Was?«, entfuhr es den anderen.

Anita lächelte.

»Als was denn? «

»Als Verkäuferin natürlich. Wenn ich euch das Gehalt sage, dann fallt ihr um.«

»Na, so umwerfend wird es wohl nicht sein«, sagte die Wittler spitz. »Ich muss sagen, wir zahlen sehr gut.«

»Sie sprechen, als würde der Laden Ihnen gehören«, sagte Susi lachend.

Die Wittler warf ihr einen bösen Blick zu.

»Na, was kriegst du denn?«, wollten die Kolleginnen wissen.

»Dreitausend«, sagte Anita stolz.

Alle lachten schallend.

»Sag mal, willst du uns einen Bären aufbinden? So viel kriegt man nicht mal auf dem Büro. Also, da musste schon eine ganz tolle Mieze sein und ein paar Fremdsprachen vorweisen, ja, dann kann man schon so viel verlangen. Und du willst als Verkäuferin so viel verdienen?«

»Ja!«

»Da hat dich aber einer gründlich verulkt, meine Liebe.«

»Nein. Damit ihr seht, dass ich nicht lüge, hier steht es in der Zeitung.«

Sie rissen sich das Blatt gegenseitig aus der Hand. Die Erste Verkäuerin bekam Stielaugen. Nein, so viel verdiente sie nicht mal mit ihren vielen Zulagen, die sie im Monat bekam.

»Und Sie wollen uns weismachen, dass man ausgerechnet Sie dafür nimmt?«

Anita reckte sich.

»Ja, man hat mich genommen.« Und jetzt flunkerte sie ein wenig. »Anscheinend sind andere davon überzeugt, dass ich gut verkaufen kann.«

Der Hieb saß.

»Also, richten Sie dem Chef bitte aus, dass ich mein Zeugnis haben möchte.«

»Das kann ich nicht kapieren«, keuchte Susi. »Wieso ist mir das nicht aufgefallen?«

»Weil du keine Zeitung liest«, sagte Anita achselzuckend.

Sie waren nämlich alle keine großen Leuchten. Es reichte kaum dazu, dass sie die Zahlen zusammenzählten, wenn die Rechenmaschine mal ausfiel.

Anita schlüpfte in ihre Jacke.

»Ich habe jetzt keine Zeit mehr.« Damit verschwand sie.

Fräulein Wittler stand noch lange auf derselben Stelle. Sie fühlte sich gar nicht wohl. Was hatte sie nur angerichtet? O mein Gott, das hatte sie doch wirklich nicht gewollt. Langsam begriff selbst ihr schwerfälliger Geist, dass sie diesmal zu weit gegangen war. Anita würde sich nicht umstimmen lassen. Wie würde der Chef wohl auf die Kündigung reagieren? Ihr schwante nichts Gutes.

 

 

3

Anita Gerdes hingegen befand sich im Augenblick in Hochstimmung.

»Das hat mir richtig gutgetan«, murmelte sie fröhlich. »Der habe ich es gründlich gegeben. Nein, die wird sich nicht mehr so schnell an kleinen Verkäuferinnen vergreifen.« Im Augenblick befand sie sich, auf dem Weg zu diesem neuen Geschäft. »Dreitausend, mein Gott, ich werde mir lauter neue Sachen kaufen. Und vielleicht kann ich mir dann auch eine kleine nette Wohnung leisten. Alles wird anders sein. Endlich aufleben. Endlich glücklich sein. Nicht mehr auf der Schattenseite des Lebens stehen müssen.« Sie verließ den Bus.

Sehr schnell fand sie die richtige Straße, und dann suchte sie die Hausnummer. Als sie diese gefunden hatte, blieb sie erst mal stehen und holte tief Luft. Dann las sie die Aufschrift über dem Schaufenster!

»Sex-Shop!«

Es war, als hätte sie in diesem Augenblick ein Keulenschlag getroffen.

»Nein!«, ächzte sie.

Ihr schwanden fast die Sinne. Jetzt war sie so sprachlos wie vorhin Fräulein Wittler.

Anita begriff alles! Darum das hohe Gehalt!

Das Blut schoss ihr in die Wangen. Da stand sie nun und fühlte, wie ihr der Boden unter den Füßen fortgezogen wurde.

»O mein Gott!« Sie schloss wie betäubt die Augen.

Anita hatte zu hoch gepokert. So viele Vorteile hätte sie in der Drogerie jetzt haben können. Jetzt, wo sie sich endlich durchgesetzt hatte. Hätte sie doch nur nichts von dieser neuen Stelle erzählt. Alles hätte ganz natürlich ausgesehen. Sie hätte so tun können, als hätte man sie noch einmal überredet.

Wenn sie jetzt klein beigab, dann würde sie für alle Zeiten das Gesicht verlieren. Sie mochte sich gar nicht ausmalen, wie man sie dann erst behandeln würde.. Die Wittler würde ihr die heutige Blamage nie verzeihen.

Sie musste kündigen!

Gleichzeitig wusste sie auch, dass sie so schnell nirgendwo eine andere Stelle bekommen würde. Und dann mitten im Quartal gekündigt! Jeder würde Lunte riechen! Nur nicht dieses Geschäft. Die mussten nehmen, wen sie bekamen. Deswegen auch der hohe Verdienst!

Anita biss die Zähne zusammen.

»Ich will«, sagte sie mutig. »Was ist denn schon dabei? Ich will ja nur als Verkäuferin hier arbeiten. Mehr nicht! Das ist ein ehrbarer Beruf. Ich werde viel Geld verdienen. Und wenn ich mir alles gekauft habe, was ich gern haben möchte, dann will ich mir eine neue Stelle suchen. Jawohl!«

In diesem Augenblick dachte sie nicht daran, dass es sehr schwierig sein würde. Denn was würde man von ihr halten, wenn sie sich mit einem Zeugnis von diesem Unternehmen bewarb? Man würde denken ...?

Sie war jung, und sie wollte ihren Stolz behalten!

Fest klemmte sie sich die Tasche unter den Arm. Mutig schritt sie auf den Eingang zu. Ein melodisches Klingeln empfing sie gleich auf der Schwelle. Leise Musik ertönte aus dem Hintergrund.

»Ja bitte?«

Sie war von dem vielen Licht so geblendet, dass sie im ersten Augenblick gar nichts richtig wahrnahm.

»Ja bitte? Womit kann ich dienen?« Die Stimme klang ein wenig erstaunt.

Anita sah sich die Frau, die vor ihr stand, genau an. Sie trug eine lila Perücke und einen knallgelben Pulli mit sehr weitem Ausschnitt. Ihr schwarzer Rock hatte an der Seite einen Schlitz. Hochhackige Schuhe! Sie war starkbusig, sehr grell geschminkt und auch nicht mehr die Jüngste.

»Äh«, stammelte sie, »ich komme auf die Anzeige. Ich habe angerufen.«

Zwei schwarze Äuglein musterten sie scharf.

»Ach so, Sie sind das!« Ein glucksendes Lachen ertönte an ihrem Ohr. »Meine Liebe, Sie sind die erste, die Mut hat.«

»Wwwieso?«, stammelte sie.

»Nun, es haben schon sehr viele angerufen. Wir haben seit vierzehn Tagen die Anzeige in der Zeitung. Es haben sich massenhaft viele junge Mädchen gemeldet. Alle wollten sie kommen und sich vorstellen, aber alle haben dann kehrtgemacht, als sie unseren Laden entdeckten. Sie sind also das erste Mädchen, das über diese Schwelle tritt. Das ist wirklich mutig. Das muss gefeiert werden.« Ehe sich Anita versah, wurde sie am Arm gefasst und in eine Art Hinterstübchen gezogen. Hier standen viele Flaschen und Gläser auf einem Regal.

»Hm, was nehmen wir denn mal? Sekt, ja das ist gut. Wir trinken Sekt!«

»Aaaber ...«, stotterte Anita.

»Kein Aber, mein Kind. Das geht auf Kosten des Hauses.« Und wieder kicherte sie los.

Die Frau ließ sie in einem weichen Sessel Platz nehmen, drückte ihr ein Glas in die Hand und schenkte dann ein.

»Prost! Prost auf ein mutiges Mädchen!«

Anita dachte: Ich träume das alles. Das gibt es doch nicht. Ich habe mich doch noch gar nicht geäußert. Du meine Güte!

Sie musterte die Frau verstohlen. Ungeniert saß sie da, lächelte mit ihrem zu groß geschminkten Mund, und ihre roten Fingernägel sahen aus, als hätte sie die Fingerspitzen gerade eben in Blut getaucht.

Die Musik spielte ununterbrochen. Jetzt sah Anita sich auch um. Überall Samt und weiches Licht. Viel Glas und viele Spiegel. Dann die Regale und die Theke. Alles war so anders. Außerdem lag ein schwerer Duft in der Luft.

»Moschus«, sagte die Dame, ohne gefragt zu werden.

»Wieso wissen Sie, dass ich daran gerade gedacht habe?«, fragte Anita verdutzt.

»Weil Sie geschnuppert haben.«

»Ach so!«

Die füllige Dame sprang mit einem Satz aus ihrem Sessel.

»Also, dann zeige ich jetzt Ihnen mal den ganzen Laden. Erst ansehen und dann reden, das ist meine Devise. Nur damit kommt man zurecht in dieser verflixten Welt.«

Mit zitternden Knien folgte das junge Mädchen der verlebten Dame.

»Hier, das sind die Regale für die Reizunterwäsche. Die wird am meisten gekauft. Hier die Parfüme. Da wirst du dich sehr schnell auskennen. Kommst ja vom Fach.« Ohne Übergang fing sie mit dem Du an. Es war irgendwie selbstverständlich. »Ja, hier haben wir dann die Bücher, die Filme und all die anderen Dinge, die nun mal gebraucht werden. Ich will dir mal was sagen. Du siehst dir alles später gründlich an. Prägst dir die Namen ein, das ist auch schon alles. Musst alles anpreisen. Ist alles gut. Übrigens ist es das wirklich. Tja, also das ist der Laden, Kleine. Wirst dich schnell zurechtfinden.«

»Ja«, sagte sie schwach.

»Ich will dir mal was sagen. Bis jetzt habe ich das noch allein gemacht. Aber seitdem wir das Kino haben, ist es einfach zu viel für mich. Ich kann nicht überall sein. Verstehste? Ich sag dir, seit wir das Kino haben, geht das Geschäft bombig. Umwerfend. Jetzt im Augenblick ist es still hier. Aber in einer halben Stunde geht es los. Sag mal, willste nicht gleich bleiben? Du, das zahl ich extra. Hör mal, wir können es wirklich so machen. Du siehst dir heute den Laden gründlich an, und dann machen wir nachher den Vertrag. Ich hoffe, du willst dann noch immer.«

Was man in einem Sex-Shop verkaufte, das wusste sie längst. Aber nun sah sie es mit eigenen Augen und war doch ein wenig verlegen.

»Kino?«, sagte sie ein wenig verdattert. »Aber das habe ich draußen gar nicht gesehen.«

»Wieso draußen? Das spielt sich doch hier drinnen ab. Im hinteren Teil, Kleine.«

»Ich ... ich meine doch die Reklame, Bilder und so.«

Die Frau lachte.

»Ach, jetzt verstehe ich. Nein, das ist verboten, weißt du. Wegen der Anwohner! Die würden gleich auf die Barrikaden gehen. Nee, das haben wir auch nicht nötig.«

»Liegt das Geschäft nicht ziemlich außerhalb? Wird man es auch finden?«

Die Frau mit den lila Haaren blickte sie an.

»Weißt du, wir brauchen keine Reklame zu machen. Man findet uns auch ohne Werbung. Die riechen uns, verstehste?« Sie lachte glucksend. »Komm, ich muss noch eine Keule köpfen.«

Anita sollte sehr schnell erfahren, dass eine Keule eine Sektflasche war. Da saßen sie also wieder in dem kleinen Hinterstübchen.

»Was für Filme bringt ihr denn?«

»Auf keinen Fall Mickymaus-Filme.« Sie lachte über ihren eigenen Witz.

»Damit hast du aber nichts zu tun. Das mache ich. Ich meine, ich kassiere nur, klar? Drehen, das macht Ottochen. Vor dem brauchste keine Angst zu haben, das ist ein Schwuler.«

Anitas Kopfhaut zog sich zusammen.

»Prost, ich bin die Jutta! Kannst mich ruhig so nennen. Alle nennen mich Jutta. Meine besten Freunde Juttachen. Tja, ich bin fünfundfünfzig. Haste nicht erwartet, nicht? Hab mich gut gehalten. Das mit dem Laden und so, das war meine Idee. Mein Kapital, verstehst du! Ich hab es reingebuttert. Erst haben sie mich alle ausgelacht. Hier in dieser prüden Stadt und so. Niemals wird das ein Erfolg. Na, im ersten Monat hat es düster ausgesehen, aber jetzt!« Ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus.

Anita sah sie groß an.

»Kindchen, damit du gleich alles weißt. Also, ich war auch mal eine Tippelschickse, ja, aber eine, die ihr Geld fein zur Bank gebracht hat. Ich hab zu meinem Lui gesagt, hör mal, wir wollen doch später nicht von der Wohlfahrt leben, nicht, also sehen wir zu, dass wir uns eine goldene Nase holen. Ewig kann ich ja nicht die Möpse anschaffen, irgendwann bin ich zu alt dafür. Kindchen, wirst dich dran gewöhnen müssen, dass ich so rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist.«

Anita hatte das Gefühl, in einem Honigtopf zu sitzen. Vor einer Minute auf die andere wurde sie in eine Welt gestoßen, die sie kaum vom Hörensagen kannte. Außerdem tat der Sekt jetzt auch seine Wirkung.

»Sie ... Sie hatten einen Zuhälter?«, lispelte sie, weil ihr die Zunge seltsamerweise ständig im Weg war.

»Klärchen«, sagte Jutta fröhlich.

»Aber ist das denn nicht gefährlich?«

»Nee, man muss sich den Richtigen aussuchen, das ist alles. Aber du sollst doch du zu mir sagen. Ist doch viel gemütlicher, nicht?«

»Das fällt mir so schwer. Dort, wo ich herkomme, ist alles so steif.«

Jutta schnaufte durch die Nase.

»Ja, kenne ich.«

»Sie ... du hast gesagt, ich brauche vor Ottochen keine Angst zu haben.«

»Nee, ist doch mein Lude, kapiert!«

»Ein ... ein Schwuler?«, stammelte die Kleine.

»Und?«, sagte die Dame mit der lila Perücke lachend. »Das ist es ja eben. Der bleibt mir treu, kapiert? Ich geh dem nicht an die Wäsche. Er kann in Frieden so leben, wie er es gern hat. Aber wir haben uns, wir sind nie einsam. Wir haben eine hübsche Wohnung, und ich stopf ihm die Socken.«

»Tttust du das wirklich?«

Jutta goss sich den Sekt wie Wasser in die Kehle.

»Meinste, ich könnte das nicht?«

»Doch, doch, natürlich kannst du das. Ich hab nur gedacht!«

»Ach, du meinst, weil ich hier eine Menge Mäuse einnehme, würde ich Ottochens Strümpfe nicht stopfen, sondern einfach wegwerfen?«

Sie nickte.

»Nee, von nichts kommt nichts, Kleine. Eines musst du dir hinter deine Löffel schreiben, man wird nicht reich von dem, was man verdient, sondern von dem, was man spart. Du, das hat ein ganz großer Mann gesagt. Henry Ford. Und der muss es doch wirklich gewusst haben. Früher, da hab ich das Geld nur so um mich geschmissen. Nach der Devise: schnell verdient, schnell ausgegeben. Aber recht bald habe ich dann gemerkt, wie dumm das von mir war. Wenn der Kasten leer war, dann musste ich wieder ranklotzen. Es hat mich einfach angewidert, verstehst du. Dann musste ich jeden Kerl nehmen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was das für ein miserables Gefühl ist, wenn man jeden nehmen muss. Da gab es Typen, du, einmal hätte mich einer bald geschafft. Dieser linke Hund! Wenn ich den je wiedertreffe, also, dem kratz ich die Augen aus, das kannst du mir glauben. Umbringen wollte mich der Kerl. So aus purer Lust. Du, da gibt es Abartige, da kann man nur noch ausspucken. Und manchmal krieg ich fast einen Koller, wenn jemand so einen Blödsinn über uns verzapft wie: >Die Dirnen sind wichtig. Sie müssen sein, sie schützen unsere ehrbaren Frauen. Sie nehmen sich der Männer an, die nicht wissen, wohin in ihrer Not.< Als ich das mal hörte, irgendein wichtiger Mann soll es gesagt haben, da war ich so wütend, dass ich ihm am liebsten eine Stinkbombe in die Wohnung geworfen hätte. Wir nehmen noch längst nicht alles. Das wär ja noch schöner. Nee, wir sind doch nicht lebensmüde.« Sie holte tief Luft und füllte die Sektgläser. Ihre kleinen Augen zwinkerten Anita an.

»Biste jetzt schockiert? Das haste wohl noch nie gehört, wie? Du gefällst mir, ehrlich. Ich weiß auch nicht, warum. Aber ich habe das verdammte Gefühl, dass man dich ganz schön gerupft hat. Du hast es bis jetzt auch nicht sehr einfach gehabt, wie?«

»Nein«, sagte Anita leise. Ihr war schwindelig. In ihrem Kopf schien sich ein Karussell zu drehen.

»Was ist mit dir? Biste krank?«

»Nein, ich glaube, ich bin betrunken.«

»Aber du hast doch nur ein paar Tropfen zu dir genommen?«, staunte die Dirne.

»Ich kann Alkohol nicht vertragen, und außerdem habe ich heute fast nichts gegessen.«

Wieder wuchtete sich die dicke Dirne aus dem Sessel.

»Kleine, warum haste mir das nicht gleich gesagt? Mensch, ich hab dich wohl reinweg überfahren, wie? «

»Nein, nein, es wird schon gehen, wirklich.«

»Nein«, sagte die Dirne feierlich. »Also, das wirst du von Juttachen nie sagen können, dass ich dich überfahren hab. Tut mir ehrlich leid. Aber jetzt koch ich dir erst mal ’ne starke Tasse Kaffee. Ein paar Brötchen hab ich auch noch. Ach was, die vergammelten Brötchen kann Ottochen essen. Du kriegst was Besseres. Bleib schön sitzen!«

In diesem Augenblick klingelte melodisch die Ladentür. Jemand stand im Geschäft.

Anita fühlte, wie ihr unwillkürlich eine Gänsehaut über den Rücken kroch.

»Hallo?«

Jutta goss gerade das Wasser in den Kaffeebehälter.

»Ich bin es«, hörte man eine rauchige Stimme.

Ein Mann, dachte Anita. Was er wohl kaufen will?

»Komm her«, rief die Nutte. »Du kommst gerade richtig.«

Der Vorhang teilte sich, und ein junges Mädchen, umwerfend hübsch, mit einer blonden Lockenpracht, die sich wirklich sehen lassen konnte, stand auf der Türschwelle.

»Hallo«, sagte sie verdutzt, als sie Anita sah.

»Hallo«, sagte diese erstaunt, denn sie hatte ja einen Mann erwartet.

Jutta kam aus der kleinen Kombüse, wie sie den Anbau nannte.

»Na, Bärbel, spring mal rüber zum Griller und hol uns was Anständiges. Sie ist halb am Verhungern. Das können wir doch nicht zulassen. Aber sag ihm, er soll dir nichts Vergammeltes andrehen, sonst kriegt er es mit mir zu tun. Sag ihm das, verstanden!«

Bärbel war von dieser Rede gar nicht beeindruckt. Anita dachte: Ob das vielleicht ihre Tochter ist? Herrgott, ist die schön.

»Wer ist sie?«, fragte Bärbel mit ihrer rauen Stimme.

»Das neue Mädchen für den Laden. Das heißt, wenn sie sich dazu entschließt.«

Details

Seiten
105
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931129
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496175
Schlagworte
redlight street anita

Autor

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Titel: REDLIGHT STREET #48: Ein Job für Anita