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Vater auf Probe

2019 123 Seiten

Leseprobe

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Vater auf Probe

Copyright

1

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Vater auf Probe

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Maximilian Schänder macht es sich in seinem Privatleben leicht: junge Frauen, Partys und Alberta. Sie ist seine langjährige Haushälterin, die ihn schon seit Kindertagen bemuttert. Jäh wird seine Art zu leben unterbrochen. Beatrice, seine jüngere Schwester, bittet ihn, Pucki und Wimpi für zwei Wochen zu hüten. Natürlich sagt er zu, ohne lange darüber nachzudenken. Als sich Beatrice verdrückt, setzt erst jetzt das Denken bei Maximilian ein: Zwei Hunde, kein Problem! Die sollen für die Abwesenheit seiner Schwester in ein Tierheim. Doch dann kommt für ihn die große

Überraschung: Zwei süße kleine Kinder stehen in der Wohnung - Pucki und Wimpi!

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Die Vorhänge waren noch zugezogen. Die Sonne hatte wirklich große Mühe, ein wenig

Helligkeit in das Zimmer zu zaubern. Anscheinend wollte man das auch gar nicht. Der Zimmerbewohner lag noch im Bett, die Nase tief in die Kissen gesteckt, und schnarchte fürchterlich. Doch da ging die Tür auf, eine resolute Frau betrat den Raum. Mit einem Ruck zog sie die schweren Vorhänge zur Seite und riss die Fenster auf. Nun sah man erst richtig, wie herrlich der Morgen war. Aber das alles schien den Schlafenden überhaupt nicht zu stören. Da musste schon ein Panzer angerollt kommen oder ähnliches. Doch die Frau kannte sich in diesen Dingen recht gut aus, und sie flüsterte auch nicht erst liebevolle Worte, bat und flehte, er möge sich doch jetzt aus dem Bett erheben.

Nein, sie hatte eine ganz andere Methode. Sie ging zum Bett und riss mit einem Ruck das warme weiche, kuschelige Oberbett weg. Nun lag der Schläfer unbedeckt da, und die frische Frühlingsluft wehte über ihn hinweg. Das machte ihn schlagartig wach, das hieß, zuerst einmal riss er die Augen auf, erkannte den Störenfried und ließ ein fürchterliches Gebrumm hören.

»Alberta, du Sadistin, sofort gibst du mir das Oberbett wieder oder ich werfe dich heute noch hinaus! Wenn du um Mitternacht aufstehen willst, ist das deine Sache. Aber lass gefälligst andere Leute ihren friedlichen Schlaf genießen!«

Zuerst hörte man nur ein verächtliches Schnaufen, und dann legte Alberta los.

»Friedliches Schlafen nennst du das? He, Schnaps hast du wieder getrunken. Es riecht hier wie in einer Gastwirtschaft. Du solltest dich wirklich schämen, Max, ehrlich. Wenn das deine Mutter sehen könnte, die Ohren würde sie dir langziehen, jawohl.«

Er hasste es abgrundtief, wenn man ihn Max nannte, schließlich hatte er bei der Taufe den schönen Namen Maximilian erhalten, und er erwartete jetzt mit Recht, dass man ihn auch so rief. Aber bei Alberta stieß er auf taube Ohren.

Er wollte sich mit einer dünnen Decke zudecken und seinen Morgenschlaf fortsetzen. Da sagte die resolute Dame: »Es ist gleich acht, und ich dachte, dieser Tag sei so wichtig!«

»Waaas?«, schrie Maximilian auf und stand auch schon im Zimmer. »Du fürchterliches Weib, hast du schon wieder vergessen, mich rechtzeitig zu wecken?« Alberta ließ ihn gar nicht ausreden, sondern verließ das Zimmer. Sie hatte die morgendliche Herkulesarbeit geschafft, ihn rechtzeitig aus dem Bett zu werfen. Brummelnd ging sie über den Flur.

Wenn man jetzt vielleicht annahm, Maximilian sei ein Junge und müsse wie andere Leidensgenossen noch zur Schule, so irrte man sich gewaltig. Maximilian war schon vierzig Jahre alt, Alberta sechzig, und als ganz junges Mädchen war sie damals in den Haushalt seiner Eltern eingetreten. Sie hatte auch mitgeholfen, die beiden Kinder großzuziehen. Und seit die Eltern tot waren, das war nun schon seit gut fünfzehn Jahren, war sie der Ansicht, sie müsse sie weiter erziehen. Alberta war sozusagen ein altes Hausfaktotum, alles in einer Person, und nichts tat sie lieber, als Maximilian auf Hundert zu bringen.

Maximilian Schänder war Inhaber einer kleinen Fabrik. Diese stellte nur Modellkleider her. Er hatte sie seinerzeit von seinem Vater geerbt. Er war zwar kein Rockefeller, aber hatte doch sein gutes Auskommen, zumal er unbeweibt und ohne Kinder war. Max dachte im Traum nicht daran, sich mit einer Familie zu umgeben. Er führte ein flottes und sehr lustiges Junggesellenleben. Alberta machte ihm den Haushalt und stopfte ihm die Strümpfe, und für sein liebevolles Herz fand sich immer wieder ein hübsches Mädchen, das Verständnis für ihn hatte, ohne dass er es gleich heiraten musste. Natürlich setzten es sich einige in den Kopf, Frau Schänder zu werden, aber diesen ging er geschickt aus dem Weg.

Nein, er war wirklich mit seinem Leben sehr zufrieden. Er hatte einen Beruf, der ihm Spaß machte, war sein eigener Herr, besaß einen hübschen flotten Sportwagen. Das gehörte sich, nur so konnte man die Mädchenherzen im Sturm gewinnen, und wenn sie erst einmal entflammt waren, o lala!

Und dabei hätte er wirklich einen guten Vater abgegeben, das sagte auf alle Fälle Beatrice, die sich natürlich ärgerte, dass er noch nicht verheiratet war. Seine Schwester war nämlich der Ansicht, sie müsse den Bruder auch erziehen, obgleich sie jünger und verheiratet war und somit einen eigenen Mann hatte, den sie nach Maximilians Ansicht erziehen konnte. Aber ihn sollte man gefälligst in Ruhe lassen.

In diesem Augenblick befand er sich im Bad und sang laut und falsch. Als er dabei zufällig einen Blick auf die Armbanduhr warf, die er gestern Nacht hier hatte liegenlassen, stellte er fest, dass es erst sieben war. Und er fluchte nicht schlecht. Er fiel doch immer wieder auf Alberta herein.

Wenig später kam sie auch schon hereinspaziert und brachte ihm die frische Wäsche. Maximilian tauchte in der Wanne unter und schimpfte Alberta zum tausendsten Male aus, da sie ohne anzuklopfen ins Bad kam.

»Ich könnte nackt hier herumstehen, Alberta, und da wirst du blind«, grinste er sie an.

Alberta sah ihn nur hochmütig an und meinte dann achselzuckend: »Sag mal, von dem bisschen soll ich blind werden? Nee, nee, also wirklich, Einfälle hast du.«

Woraufhin Maximilian doch nun eine Weile sehr schweigsam wurde. Alberta hielt also nicht sehr viel von ihm? Und das sagte sie jetzt auch unmissverständlich: »Jungchen, ich will dir mal was sagen. Wenn ich nicht wäre und nicht so höllisch auf dich aufpassen würde, ich hab’ es deiner Mutter auf dem Sterbebett versprechen müssen, nur deswegen tu ich das, also, wenn ich nicht wäre, dann hättest du schon längst den Konkurs anmelden können, dann wärst du ein Nichts. Wenn ich nicht auf alles aufpassen würde ...«

»Ja, ja, ja«, sagte Maximilian. Er wollte sie forthaben. Jetzt in dem warmen Badewasser und wo er doch noch so viel Zeit hatte, wollte er noch ein wenig von der gestrigen Nacht träumen. Und Alberta störte ihn dabei sehr.

»Wenn du jetzt nicht sofort gehst, steh ich auf«, drohte er ihr.

Alberta warf ihm den Schwamm an den Kopf, kicherte und verließ wirklich das Bad.

Diese Morgenstunde war schön, und man konnte noch ein wenig nachschlafen. Aber kaum hatte er ein Augenlid geschlossen, als auch schon Alberta an der Tür polterte und rief: »Ich habe den Frühstückstisch gedeckt, ich muss fort. Schlaf also nicht ein, ja? «

»Alte Schreckschraube von Kindermädchen«, schrie er ihr nach.

Dann war er wieder allein, und er wäre bestimmt wieder eingeschlafen und somit nicht zeitig in die Fabrik gekommen, wo er doch für heute um acht Uhr eine Besprechung mit seinen Schneidern angesetzt hatte, wenn es in diesem Augenblick nicht geklingelt hätte. Zuerst ließ ihn das kalt, und er sagte sich: Dafür ist ja Alberta da. Aber dann fiel ihm ein, dass sie fortgegangen war. Er hatte sie vorhin noch zum Mond gewünscht, und jetzt fühlte er, wie sehr er doch von ihr abhängig war.

Das Klingeln hörte und hörte nicht auf. Das war eine Nervensäge, jawohl. Herrje, was sollte er nur machen? Bei dem Krach weiterschlafen, das ging wirklich nicht. Er musste also aus der Wanne steigen, das Badetuch um seine Hüften schlingen und dann zur Tür gehen. Alberta würde nachher schön über die nassen Teppiche schimpfen. Warum ist sie auch fortgegangen, dachte er grimmig. Mit einem Ruck riss er die Tür auf. Und eine Sekunde später hörte er eine spöttelnde Stimme: »Maxi, du, und ganz nass und fast nackt? Du siehst süß aus, wirklich, fast zum Küssen. Du liebe Güte, ich möchte dich fotografieren!«

Der Mann mit dem Seifenschaum im Haar starrte in zwei blaue Augen und auf einen roten Kirschmund. Er war immer noch nicht ganz aus seinen Träumen erwacht. Nun stand er verblüfft da und vergaß ganz, seine Besucherin hereinzubitten. Schließlich fragte sie mit etwas boshafter Stimme: »Na, sag mal, willst du mich heute vor der Tür stehen lassen, Maxi?«

Er lief puterrot an und schrie: »Nenn mich nicht immer Maxi! Du weißt ganz genau, dass ich das nicht vertragen kann.«

»Ich weiß, ich weiß, Maxi«, sagte seine Schwester Beatrice lächelnd, schob ihn zur Seite und spazierte in die Wohnung. Nebenbei umarmte sie den Bruder, so dass er Mühe hatte, das Badetuch festzuhalten, und fragte: »Wo ist Alberta?«

»Die ist mal eben einkaufen. Ich weiß nicht, was sie wieder hat.«

Beatrice drehte sich um, und dabei stellte er fest, dass sie noch immer so aufreizend hübsch aussah, mit den wirren blonden Löckchen und den puppenblauen Augen. Sie war ein süßer kleiner Fratz, o ja. Er konnte Rüdiger Wegener gut verstehen, dass er sie gleich vom Fleck weg geheiratet hatte.

Bis hierhin war er mit seinen Gedanken gekommen, als ihm klar wurde, dass Beatrice für gewöhnlich in Kiel wohnte und nicht mehr in dieser Stadt. Sie sahen sich sonst nur selten, zu Festtagen oder Geburtstagen.

»Darf ich mich vielleicht anziehen? Bestimmt kommt Rüdiger auch gleich, wie?«

»Ach nein«, lachte seine Schwester. »Der muss noch was besorgen. Und ich hab’ auch nicht viel Zeit, weißt du. Eigentlich wollte ich mit Alberta sprechen, aber jetzt bist du ja da. Hör zu, ich habe es brandeilig. In einer Stunde geht unser Flugzeug.«

»Flugzeug? Ich versteh nur Bahnhof?«

»Wir fahren in Urlaub, Rüdiger und ich, nach Bulgarien. Himmlisch soll es dort sein, ehrlich. Und da bin ich kurz vorbeigekommen, um ...«

»Wie nett«, spöttelte der Bruder. »Nur um mich aus der Wanne zu jagen. Jetzt, wo du es geschafft hast, haust du wieder ab. Köstlich, wirklich köstlich.«

»Herrje, Maxi, du hast mal wieder einen Kater«, sagte sie strafend, »sonst wärst du nicht so brummig an einem so schönen Frühlingsmorgen.«

Er lachte schallend, und dann sagte er: »Du bist bald so giftig wie Alberta. Ich möcht bloß mal gern wissen, wie der Rüdiger es mit dir aushält.«

»Du kannst ihn ja selbst fragen«, sagte sie wütend. »Er ist überglücklich mit mir, jawohl, grinse nicht so!«

»Wie kann ich ihn fragen, wenn er nicht hier ist und du mir sagst, dass du gleich wieder fort musst.«

»Wenn wir zurückkommen, werden wir eine Woche hier bei dir bleiben.«

»Ach, wie süß! Und du bist wohl nicht auf die Idee gekommen, mich vorher anzurufen und zu fragen, ob es mir auch passt? «

Nun begannen die Puppenaugen vor ihm zu schmeicheln, und Maximilian musste lächeln. Er hatte diesen Einwand gar nicht ernst gemeint, im Gegenteil, er freute sich auf diesen Besuch.

»Hör zu«, sagte sie beschwörend. »Rüdiger sieht so abgekämpft aus, und er braucht wirklich eine Erholung. Und jetzt bietet sich dieser billige Flug an, und da dachte ich, du würdest nichts dagegen haben. Nicht wahr, das hast du auch nicht?«

»Aber nein, im Gegenteil, ihr könnt auch anschließend zwei Wochen bei mir bleiben.« Sein Herz schmolz unter diesen flehentlichen Blicken wie Schnee in der Sonne.

Überglücklich warf sich die Schwester an seinen Hals und küsste ihn stürmisch.

»Siehst du«, rief sie schwärmerisch, »das hab’ ich Rüdiger auch gesagt. Ich hab’ ihm gesagt, Maxi ist der beste Bruder auf der ganzen Welt, und der reißt sich darum, Pucki und Wimpi für die Zeit zu beaufsichtigen, jawohl. Und das tust du doch, nicht wahr, bester Bruder? Ich hab’ an alles gedacht, wirklich. Du hast überhaupt keine Mühe mit ihnen. Sie sind unten im Taxi. Ich lass sie gleich raufbringen. In vierzehn Tagen sind wir ja wieder da, und dann bist du wieder frei, und ich bring dir auch ein wundervolles Geschenk mit, ehrlich, Maxi. Du wirst Augen machen.« Dann warf Beatrice einen bestürzten Blick auf ihre kleine Uhr, schrie spitz auf und sagte: »Du liebe Güte, jetzt muss ich wirklich weg, sonst fliegt Rüdiger noch ohne mich ab. Also tschau, Süßer, halt dich tapfer!«

Maximilian stand auf seinem kostbaren Teppich, um seine nackten Zehen hatte sich mittlerweile eine kleine Wasserlache gesammelt. Er sah, wie Beatrice aus der Tür wirbelte, sie mit einem Knall zuschlug, dass er zusammenzuckte. Das hatte er ihr nie abgewöhnen können, damals als sie noch bei ihm gewohnt hatte, vor ihrer Hochzeit.

Er schüttelte sich wie ein nasser Pudel und dachte: Die ist immer noch so wie damals. Zum Teufel, ich hätte nein sagen sollen, wirklich. Sie fährt in die zweiten Flitterwochen, in den Urlaub ans Meer, und ich bin der dumme Esel für alles. Überhaupt, was hat sie nur mit Pucki und Wimpi gemeint? Nie gehört diese Namen. Zu dumm, ich hätte sie wirklich fragen sollen.

Während er ins Bad zurückging und sich anzog, schimpfte er wütend vor sich hin.

»Also, da hab’ ich mich mal wieder ganz schön überfahren lassen, wirklich. Typisch Beatrice, bestimmt hat sich die feine Lady zwei Hunde angeschafft, und jetzt kann sie sie wegen der strengen Kontrollen nicht mit in den Urlaub nehmen. Und wer soll auf die aufpassen? Ich? Sie hat mich nicht mal gefragt, ob ich will. Was zum Teufel soll ich mit zwei Hunden? Die wollen abends Gassi gehen und morgens auch früh heraus, und Flöhe haben die bestimmt auch und machen mir Seen auf meine wertvollen Teppiche, kratzen an Mutters schönen Schränken. Nein, nein und nochmals nein, ich werde sie sofort in ein Tierasyl bringen. Lieber bezahle ich dafür eine Stange Geld, als dass ich mir von zwei Hunden mein freies Leben kaputtmachen lasse. Von Alberta ganz zu schweigen. Zwar liebt sie Beatrice abgöttisch, aber auf Hunde ist sie nicht gut zu sprechen, und wenn die hört, wie ich mich hab’ einwickeln lassen ...«

Fluchend ging er zum Spiegel und band sich die Krawatte. Dabei verzog er sein Gesicht.

»Ich sollte zum Flughafen sausen und ihr die Hunde nachbringen«, murmelte er vor sich hin. »Dem Rüdiger eine Standpauke halten, die sich gewaschen hat. Jawohl, das sollte ich tun. Aber ich bin ein verdammter Feigling, ich liebe kein Aufsehen.«

Wieder läutete die Klingel unaufhörlich.

»Die Hunde, das fängt ja schön an! Und ich weiß jetzt nicht mal, wer Wimpi und wer Pucki ist«, keuchte er und rannte zur Tür. Er hatte sich ausgerechnet, wenn er sie noch vor dem Frühstück gleich ins Tierasyl brachte, würde Alberta nichts davon erfahren. Natürlich musste er sie einen Tag, bevor Beatrice heimkam, schnell herausholen. Zum Glück konnten Hunde ja nicht reden.

Er riss die Tür auf und wollte dem Taxifahrer sofort zuschreien, dass sie unten bleiben sollten, er käme mit.

»Bin ich hier richtig bei Schänder?«, hörte er eine Männerstimme, sah aber keinen Mann, sondern nur Koffer und Kästen.

»Jjjjjja ...«, sagte Maximilian gedehnt.

»Dann gehen Sie mal zur Seite, ich kann nicht mehr!«

Verdattert sprang er zur Seite, und eine Sekunde später flogen lauter Gepäckstücke in seine Diele. Sprachlos sah er dem Taxifahrer in das gerötete Gesicht.

»Können Sie mir mal sagen, was das zu bedeuten hat?«

»Aber die gnädige Frau hat mir gesagt, es sei alles geregelt. Wenn sie fort wäre, solle ich damit anfangen, alles nach oben zu schaffen.«

Maximilian schlug sich vor den Kopf.

»Hören Sie, hier liegt ein Missverständnis vor. Wem gehört das Gepäck überhaupt?«

»Wimpi und Pucki«, sagte der Taxifahrer schnaufend. »Und damit Sie es gleich wissen, es kommt noch so eine Fuhre. Na ja, ich will ja nichts sagen, bezahlt hat sie ja anständig. Also, wenn Sie das bitte zur Seite räumen würden, dann kann ich jetzt die zweite Ladung raufbringen.«

Maximilian stand zur Salzsäule erstarrt mitten in seiner Diele, aber jetzt kam Leben in ihn. Das ging ja nicht mit rechten Dingen zu. Seit wann reisen Hunde mit Gepäck?, dachte er. Und so viel Gepäck, ist denn Beatrice total übergeschnappt?

»Halt, warten Sie!«, schrie er, aber der Mann war schon fort. Und wenig später hörte er ihn wieder die Treppe heraufkeuchen. Um Platz zu schaffen, schob er alles zuerst einmal ins Esszimmer. Dabei sah er den gedeckten Frühstückstisch, und sogleich begann sein Magen fürchterlich zu knurren. Und er musste noch fort, die Hunde ins Asyl bringen. Wieder polterten eine Menge Kästen und Köfferchen auf den Teppich.

»Und jetzt hole ich Wimpi und Pucki«, schnaufte der Taxifahrer. »Die sind schon ziemlich unruhig und machen Krach im Wagen. Es wird höchste Zeit, dass sie rauskommen.«

Maximilian wollte sagen: »Lassen Sie sie unten«, aber im Augenblick war er so von Gepäckstücken eingekeilt, dass er ihm nicht einmal nachlaufen konnte. So sagte er sich: Wenn er hier oben ist, werde ich den braven Mann zum Frühstück einladen, ihm ein saftiges Trinkgeld spendieren, und dann fahren wir gemeinsam zum Asyl. Bestimmt weiß der auch, wo in unserer Stadt so etwas zu finden ist. In der kurzen Zeit werden die beiden mir meine Wohnung nicht demolieren können. Und das Gepäck kommt so lange in die Rumpelkammer.

Maximilian ging zum Schrank und goss sich einen Wodka ein. Den hatte er auf den Schreck in dieser Morgenstunde wohl verdient. Er wollte ihn gerade in die Kehle gießen, als er eine Stimme hörte: »Hallo, Maxi, da sind wir!«

Maximilian verschluckte sich so sehr, dass er die ersten fünf Minuten keine Luft bekam und der Taxifahrer wirklich alle Hände voll zu tun hatte, ihn ins Leben zurückzubringen. Ganz erschöpft und schweißgebadet saß er wenig später auf dem Sofa und röchelte nur noch.

Vor ihm aufgereiht standen Wimpi und Pucki. Wimpi hatte süße blonde Ringellocken und blaue Augen, so strahlend wie der Frühlingshimmel, und ein Zuckermündchen. Pucki war genauso blond und schien Froschaugen zu besitzen. Jedenfalls saßen sie jetzt vor Sprachlosigkeit vor dem Kopf und nicht in dem Kopf.

Wenn Maximilian auch noch nicht ganz bei Verstand war, so wusste er doch eins, das waren keine Hunde, sondern ein Mädchen und ein Junge, genauer gesagt, sein Neffe und seine Nichte, die Kinder seiner Schwester.

Das Röcheln ließ langsam nach. Die Haare standen ihm zu Berge, als er daran dachte, dass vielleicht Wimpi und Pucki noch unten waren.

»Wo sind sie?«, flüsterte er entkräftet.

Der Taxifahrer klopfte ihm noch einmal heftig auf die Schulter.

»Wer?«

»Die Hunde?«, krächzte er.

»Hunde? Von Hunden hat die gnädige Frau nichts gesagt, wirklich nicht. Aber nichts für ungut, jetzt muss ich mich wirklich auf den Weg machen. Ich bin schon viel zu lange mit dieser Sache beschäftigt. Schließlich ist das mein Broterwerb.«

Maximilian bedankte sich mit einem Geldschein für die Wiedererweckung zum Leben, brachte den Taxifahrer zur Tür und verabschiedete sich. Dabei ging ihm der Gedanke durch den Kopf: Er hätte mich ersticken lassen sollen, wirklich.

 

 

2

Mit letzter Kraft schleppte er sich von der Wohnungstür ins Zimmer zurück. Da saßen die kleinen Ungeheuer, für ihn waren das jedenfalls welche. Kinder waren noch schlimmer als die Pest und die Pocken zusammen. In der Regel machte er einen großen Bogen um sie, und ganz besonders um Kinder unter fünf Jahren. Das waren wie gesagt Ungeheuer und keine menschlichen Geschöpfe.

»Sag mal, Maxi, wo werden wir wohnen?«, trompetete das kleine Mädchen.

Maximilian schauderte zusammen.

»Ich heiße nicht Maxi, klar! Und dann bin ich auch so etwas wie ein Onkel für dich. Richtig heißt das also Onkel Maximilian, verstanden?«

»Nee, Maxi, Musch sagt auch immer Maxi, wenn sie von dir spricht. Maxi ist viel schöner«, erklärte sie.

»Wer zum Teufel ist denn jetzt schon wieder Musch?«

»Mammy, oder Mutti, aber sie will, dass wir Musch zu ihr sagen. Dann denken die anderen Leute, sie wäre unsere Schwester.«

»O du lieber Gott«, stöhnte der Mann. Dann fiel sein Blick auf den Knaben, und er erinnerte sich schwach, dass er früher recht hübsch ausgesehen hatte - aber jetzt?

»Hat der immer so glotzende Augen?«, fragte er die Schwester.

»Nein«, sagte Wimpi und stupste Pucky an und sagte dazu: »Der macht jetzt nichts Komisches mehr, Pucki.«

Der kleine Junge von zwei Jahren schluckte, grinste und seine Augen waren nun nicht mehr so erschreckend groß.

»Der glaubt nämlich, du bist immer so komisch«, erklärte das freche kleine Ding auch noch.

Maximilian hatte sich auf das Sofa fallen gelassen und starrte nun die beiden an.

»Weshalb habt ihr jetzt eigentlich andere Namen? Ich kann mich schwach erinnern, dass ihr früher anders geheißen habt.« Und im Stillen setzte er hinzu: Das kommt davon, wenn man sich so wenig um seine Familie kümmert. Hätte ich mich auf dem Laufenden gehalten, dann wäre mir das nicht passiert, und sie hätte mir ihre Bälger nicht unter falschem Namen unterschieben können.

»Das stimmt«, sagte Wimpi. »Richtig heiße ich Alexandra und er da Rafael, aber Musch findet, Wimpi passt besser zu mir, wegen meiner langen Wimpern, weißt du.« Und damit er sich davon überzeugen konnte, klapperte sie mit den Wimpern wie mit Schmetterlingsflügeln. Sie sah mit ihren vier Jahren wirklich reizend aus, und sie schien es auch zu wissen. Der Schalk saß ihr obendrein im Nacken. Das bemerkte man schon am Glitzern der Augen. Aber wie gesagt, Maximilian kannte sich in diesen Dingen noch nicht so gut aus. »Und er heißt Pucki«, erklärte sie weiter, »weil er nachts noch Windeln braucht, so’n Puck, weißt du, der macht nämlich noch Pipi ins Bett.«

»O du mein Gott«, stöhnte Maximilian und legte das Gesicht in seine Hände.

Wimpi betrachtete ihn interessiert und fragte dann unschuldig: »Freust du dich gar nicht, dass wir dir jetzt für zwei Wochen Gesellschaft leisten, Maxi?«

Er sprang auf wie von einer Tarantel gestochen und lief quer durch das Zimmer. Dabei brüllte er wie ein verwundeter Stier: »Wer sagt, dass Hunde nicht niedlich sind? Sie sind die besten und feinsten Geschöpfe der Welt. So nett und ruhig sind sie, und die meiste Zeit liegen sie brav in ihrem Körbchen und machen Männchen, wenn man ihnen was schenkt. Und überhaupt steigt das Ansehen gewaltig, wenn man einen schönen Hund an der Leine herumführt. Die Mädchen bleiben stehen und stoßen Entzückensschreie am laufenden Band aus. Ich will zwei niedliche Hunde haben, und ich werde sie anbeten ...«

Soweit hatte Wimpi ruhig zugehört. Jetzt hopste sie vom Stuhl herunter und zupfte ihn am Jackett.

»Himmlisch, Maxi, du willst uns einen Hund schenken? Das finde ich toll. Musch will nämlich keine im Haus, weißt du, die sagt, sie hat an uns übergenug.«

Maximilian hörte mit dem Schreien sofort auf und starrte seine Nichte entgeistert an.

»Hunde?«, keuchte er, »ich soll auch noch Hunde in die Wohnung nehmen! Bist du denn ein Satanskind?« Er hätte vielleicht noch viele schlimme Worte hervorgesprudelt, die bestimmt nicht für Kinderohren geeignet sind, wenn es in diesem Augenblick nicht abermals an der Haustür geläutet hätte. Für Sekunden war es totenstill im Zimmer. Pucki saß noch immer sprachlos auf dem Sessel, und auch Wimpi hielt es für angebracht, einen Augenblick lang den Mund zu halten.

»Ist dies denn ein Tollhaus?«, brüllte Maximilian. »Will man mir vielleicht noch ein paar Kinder aufhalsen?«

Voller Zorn raste er zur Tür. Dort stieß er aber nicht mit einem Taxifahrer zusammen, sondern mit einem jungen Mädchen von fünfundzwanzig Jahren. Es war seine Sekretärin, und sie hieß Fräulein Hut und war für ihn so etwas wie eine graue Maus. Gewissenhaft, pünktlich, allwissend, aber ansonsten sah er in ihr nur einen Roboter. Maximilian war es noch nicht einmal aufgefallen, dass sie ein weibliches Wesen war. So grau und fad kam sie ihm vor, und sie drängte sich auch nie in den Vordergrund.

Nun stand sie auf der Schwelle, kühl, frisch und mit einem fragendem Blick in den grauen Augen.

»Herr Schänder«, sagte sie mit ihrer für ihn so faden Stimme. »Ich soll nachfragen, ob Sie heute noch die Konferenz wünschen oder nicht. Die Herren sind alle schon versammelt.«

»Du lieber Gott«, keuchte er und raufte sich die Haare. »Die hab’ ich doch tatsächlich vergessen. Herrje, ich werd noch verrückt. Natürlich komme ich.«

Aus dem Hintergrund kam prompt Wimpis Stimme: »Dürfen wir mit?«

Maximilian fühlte sich, als habe er einen Dolch zwischen die Rippen bekommen. Richtig, solange Alberta nicht da war, konnte er unmöglich seine Wohnung verlassen. Und dabei war diese Konferenz so wichtig. Er war wirklich dem Weinen nahe. Seit heute Morgen war für ihn die Welt völlig aus den Fugen geraten. Er fand sich einfach nicht mehr zurecht.

»So kann ich also ausrichten, dass Sie ein wenig später kommen?«, hörte er die kühle Stimme seiner Sekretärin.

»Ja, natürlich«, sagte er, und sie wollte sich wieder entfernen, aber da kam ihm ein grandioser Gedanke. »Warten Sie, liebes verehrtes Fräulein Hut! Ich habe eine riesige Bitte an Sie. Wie Sie sehen, kann ich im Augenblick nicht fort, das heißt, solange meine Haushälterin nicht da ist, muss jemand bei den Kindern bleiben. Würden Sie wohl so nett sein und so lange hierbleiben? Sie wissen doch, wie dringend die Besprechung heute ist.«

Fräulein Hut hatte noch gar keine Antwort gegeben, da bedankte er sich schon überschwänglich. Sie kam auch zu keiner Antwort, denn er raste hin und her, zog sich dabei seine Schuhe an, das Jackett, und kämmte sich noch einmal fix.

»Also, damit Sie im Bilde sind, wenn meine Haushälterin zurückkommt, dann sagen Sie ihr kurz, dass das die Kinder meiner Schwester sind. Alles andere werde ich heute Mittag mit ihr besprechen. Haben Sie mich verstanden? «

»Natürlich«, sagte Fräulein Hut spitz. »Sie schreien ja laut genug, man kann Sie wirklich nicht überhören.«

»Herrlich, herrlich, wunderbar«, sagte er aufatmend. Er war froh, so schnell als möglich von den Kindern fortzukommen.

Verdattert stand Fräulein Hut in der Diele und starrte auf die geschlossene Tür, als diese wieder aufgerissen wurde und ihr Chef den Kopf durchstreckte.

»Zum Teufel, wie sind Sie nur hierhergekommen? Mein Auto ist zur Inspektion weg.«

»Ich habe mein eigenes Auto unten stehen«, sagte sie ruhig.

Ehe sich Fräulein Hut versah, hatte Maximilian sich auch dieses schon angeeignet. Doch als er sah, wie klein das Auto war, fühlte er sich abermals vom Schicksal geschlagen. Und er hoffte jetzt nur inbrünstig, keine seiner Flammen würde ihn in dieser Blechkiste sehen.

Unterwegs beglückwünschte er sich zu seiner grandiosen Flucht. Das war wirklich Rettung in letzter Minute gewesen, und vor lauter Erleichterung dachte er nicht eine Sekunde darüber nach, ob sein Fräulein Hut mit der Lage fertig wurde oder nicht.

Diese stand noch immer im Flur und machte ein ziemlich unglückliches Gesicht. Nun war auch sie nicht an Kinder gewöhnt. Zu Hause lebte sie bei der Mutter, und immer wenn sie einmal ihre eigenen Wege hatte gehen wollen, hatte diese vorgegeben, krank zu sein, und so hatte sie sich seufzend gefügt und war all die Jahre daheimgeblieben. Nun war sie fünfundzwanzig und noch immer ledig.

Wimpi kam in den Flur und fragte sie interessiert: »Bist du Maxis Frau?«

Fräulein Hut errötete und sagte: »Aber nein.«

»Schade, du siehst ein wenig wie unsere Musch aus, natürlich ist sie viel schöner, weißt du.«

»Natürlich«, sagte Fräulein Hut, die sofort begriff, wovon das Kind sprach. Sie hatte auch schon mit Rafael alias Pucki Bekanntschaft geschlossen und überlegte sich gerade, wie man die Kinder wohl beschäftigen könne, als draußen energisch die Tür aufgeschlossen wurde und Alberta nach Hause kam. Diese blieb erst einmal sprachlos in der Diele stehen und starrte auf das Durcheinander.

»Was ist denn hier geschehen?«, schimpfte sie los, hörte aber sofort auf, als sie Fräulein Hut sah, die sie aber nicht erkannte, weil sie aus Eitelkeit nie eine Brille trug. Nur heimlich in ihrer Schlafstube beim Lesen. So kam es also zu diesem Missverständnis.

Fräulein Hut kannte Alberta nur flüchtig. Kurz und bündig erklärte sie ihr, wieso die Kinder hier waren. Alberta klatschte freudig in die Hände und rief: »Wie niedlich, Beatrices Kinder sollen bei uns bleiben, och Göttchen, was für eine Freude! Da werden wir aber viel Spaß miteinander haben. Was, ihr mögt doch die alte Alberta, nicht wahr?« Liebevoll drückte sie die beiden Kinder an ihren breiten Busen. Die beiden ließen es sich klaglos gefallen.

Alberta sah sich daraufhin um und schnauzte dann Fräulein Hut, die sie nämlich für das Kindermädchen hielt, an: »Was stehen Sie hier noch herum und gaffen mich an? Bei uns wird gearbeitet, verstanden. Und jetzt kommen Sie mit, ich zeige Ihnen die Zimmer der Kinder, und dann können Sie sofort mit dem Einräumen anfangen, verstanden.«

»Ja, aber ...«, wollte Fräulein Hut schüchtern Einwände machen, denn sie wusste ganz genau, dass sie jetzt sehr dringend in der Fabrik gebraucht wurde. Musste sie nicht immer mitstenografieren, wenn Maximilian seine Konferenzen abhielt? Aber von ihrer herrschsüchtigen Mutter an Gehorsam gewöhnt, wagte sie einfach nicht, der resoluten Alberta etwas zu erwidern. So bepackte sie sich mit einigen Gepäckstücken und marschierte hinter Alberta über den langen Flur.

Maximilian besaß noch immer die alte Wohnung von den Eltern, und die war wirklich sehr groß, besonders für einen Junggesellen. Also machte die Einquartierung in dieser Beziehung keine Schwierigkeiten.

»Hier ist das Zimmer von Alexandra und daneben das von Rafael. Sie werden auch noch irgendwo untergebracht, aber da muss ich noch mit Max reden.«

»Ich glaube, Ihr Max erwartet mich dringend«, versuchte sie nochmals, einen Einwand vorzubringen.

»Was?«, sagte Alberta verdutzt. »Das bilden Sie sich nur ein. Zwar läuft er jedem Rockzipfel nach, aber was Sie angeht, liebes Fräuleinchen, also da kenne ich den Geschmack von Max nun doch besser.«

Daraufhin errötete Fräulein Hut sehr stark und hatte außerdem heftig mit den Tränen zu kämpfen. Die beiden Kinder standen daneben und sahen zu, wie sich die beiden unterhielten. Sie schwieg betroffen und machte sich an die Arbeit, all die vielen kleinen Hemdchen und Söckchen und was nicht noch alles im Koffer war auszupacken. Schön säuberlich stapelte sie alles in den Schränken auf.

Sie hatte erst zwei Koffer geschafft, als das Telefon läutete. Es war Maximilian. Alberta nahm den Hörer ab. Maximilian tobte nicht schlecht und wollte von Alberta wissen, ob Fräulein Hut noch immer in seiner Wohnung sei.

»Ja, sie ist noch hier!«

»Dann gib sie mir mal sofort, zum Teufel, die kann was erleben«, schrie er in die Muschel.

Alberta legte den Hörer hin und holte Fräulein Hut.

»Der will Sie tatsächlich sprechen«, schnaufte sie verächtlich und begab sich wieder in die Küche.

»Ja, bitte«, hauchte Fräulein Hut in die Muschel.

»Zum Teufel, Hütchen«, so wurde sie im Betrieb genannt, »wo stecken Sie denn? Sie sollten doch nur so lange bleiben, bis Alberta zurück ist. Sie wissen doch genau, wie dringend Sie hier jetzt gebraucht werden.«

»Das weiß ich, Herr Schänder, aber ich kann trotzdem nicht fort.«

»Nicht fort?«, keuchte er. »Zum Teufel, was machen Sie denn nur Wichtiges?«

»Hemdchen und Höschen einpacken und Kleidchen auf Bügel hängen.«

»Waaas?«

»Ihre Haushälterin hält mich für das Kindermädchen. Sie lässt mich nicht fort, ich hab’ ja versucht, es ihr zu erklären, aber sie ...«

»Seien Sie still!«, knurrte er dazwischen. »Alberta kenne ich nun schon seit vierzig Jahren.« Dann lachte er plötzlich herzlich auf.

»Was soll ich jetzt machen?«

»Können Sie nicht heimlich fortschleichen?«

Fräulein Hut drehte sich herum.

»Die Küchentür ist offen, und ich muss daran vorbei. Ich glaube, ich schaffe es nicht.«

»Warten Sie, Hütchen, ich hole Sie aus der Höhle des Löwen heraus, ja!«

»Danke«, sagte sie trocken und legte auf. Und kurze Zeit später ärgerte sie sich über dieses Danke. Wieso bedankte sie sich noch? Er hatte sie doch in diese fatale Situation gebracht. Unwillkürlich musste sie auflachen.

Um keinen Verdacht aufkommen zu lassen, ging sie ins Kinderzimmer zurück. Wenig später aber hörte sie, dass die Tür leise geöffnet wurde. Sie streckte den Kopf in den Flur und gewahrte ihren Chef. Aber einen so ganz anderen. Er winkte ihr aufgeregt zu, das Haar war wirr, und um seinen Mund zuckte es verdächtig. Im Büro war er immer äußerst korrekt. Jetzt kam er ihr wie ein Schulbub vor.

»Kommen Sie rasch!«, wisperte er ihr zu. »Wenn Sie mich sieht, ist der Teufel los.«

In dieser Sekunde wusste Fräulein Hut, dass er Angst vor seiner Haushälterin hatte. Alberta hatte Ohren wie ein Luchs und war auch schon in der Diele.

»Was treibst du dich hier herum?«, donnerte sie Max an.

»Ich hole nur meine Sekretärin«, sagte er wütend. »Du hältst sie irrtümlich fest.«

»Hier ist keine Sekretärin, das sind alles nur faule Ausreden«, donnerte Alberta. »Du willst nur nicht in die Fabrik.«

»Dort steht sie ja. Wenn du nur deine Brille tragen würdest, Alberta. Das ist doch Fräulein Hut, meine Sekretärin. Kennst du sie denn nicht?«

»Natürlich, jetzt entsinne ich mich auch wieder«, sagte Alberta hoheitsvoll.

»Kommen Sie jetzt, Fräulein Hut, wir haben schon viel Zeit verloren!«

Diese kam auch, aber plötzlich schien bei Alberta der Groschen zu fallen und sie rief: »Ja, zum Teufel, wenn das deine Sekretärin ist, wo ist dann das Mädchen für die Kinder?«

»Es gibt kein Kindermädchen, Alberta. Heutzutage gibt es solche Geschöpfe nicht mehr.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»So wie es ist.«

»Du willst damit sagen, die Kinder sind ohne Schutz?«

»Aber du bist doch da, Albertachen, und du liebst Kinder doch so sehr!«

»Iiich? Das willst du meinen alten Knochen noch zutrauen? Ich will ja wohl für sie kochen, aber Kindermädchen spielen, nein, das ist nichts mehr für mich.«

Maximilian hatte den Arm seiner Sekretärin erwischt und zog sie flugs ins Treppenhaus.

»Hör zu, Albertachen, ich hab’ jetzt wirklich keine Zeit. Heute Mittag können wir uns in aller Ruhe über alles unterhalten, ja?«, rief er. Bevor sie noch ein Wort sagen konnte, hatte Max die Tür zugeschlagen und rannte die Treppe nach unten.

»Uff«, keuchte er, »das war hart.« Er warf einen wütenden Blick die Häuserfront hinauf.

»Ich verstehe das alles nicht so recht«, meldete sich Fräulein Hut schüchtern.

Er blickte sie an und grinste schief. Und dann erzählte er ihr in wenigen Worten, wie sich alles zugetragen hatte. Und sie lachte herzlich. Zum ersten Mal sah er die Frau in ihr und erkannte zugleich, dass sie gar nicht einmal hässlich wirkte, besonders jetzt mit den kleinen Lachfältchen um die Augen.

Fräulein Hut fuhr ihn in ihrer kleinen Klapperkiste zur Fabrik. Als sie ausstiegen und beide eilig dem Büro zustrebten, meinte er düster: »Ich glaube, ich gehe heute Mittag gar nicht nach Hause. Und was noch besser ist, ich gehe zum Flughafen, besorge mir auch ein Flugticket und verreise für vierzehn Tage.«

Fräulein Hut hatte heute seltsamerweise sehr viel Mut. Sonst hatte sie immer ein wenig Angst vor ihrem strengen Herrn Chef gehabt, obgleich sie wusste, dass er ein Weiberheld war.

»Feigling«, sagte sie verächtlich.

Verblüfft blieb er mitten im Flur stehen und starrte sie an.

»Sie wissen ja nicht, was Sie da sagen«, meinte er wütend.

Ihre grauen Augen ließen ihn nicht los.

»Sie sind doch ein Mann«, sagte sie lachend. »Und da hausen Sie freiwillig mit einem Drachen zusammen? Und ihr nennt euch das starke Geschlecht?«

Das herunterzuschlucken, war wirklich nicht einfach.

»Sie kennen Alberta nicht!«

»O doch, ich hatte vorhin das Vergnügen, eine Kostprobe zu bekommen.«

»Und Sie selbst«, höhnte er. »Sie haben es ja auch nicht geschafft.« Und er kam sich sehr stolz vor.

»Ich glaubte, in Ihrem Sinn zu handeln«, sagte sie rasch.

Maximilian merkte sehr schnell, dass er nur den Kürzeren zog, und so ging er rasch weiter. Dann waren sie mitten in der Besprechung, und es ging ziemlich heiß her. Schließlich ging es um die nächste Wintermode, und jeder hatte so seine Vorstellungen, und die alle unter einen Hut zu bekommen, war wirklich nicht leicht.

Als sie nach vier Stunden anstrengendster Arbeit erschöpft bei einer Tasse Kaffee saßen, um wieder zu sich zu finden, blickte Hütchen auf ihre Uhr und rief laut: »Herr Schänder, Sie müssen nach Hause. Es ist ein Uhr!«

»Wenn Sie so weitermachen, sind Sie bald eine zweite Alberta«, sagte er laut. Woraufhin er sehen konnte, dass seine Sekretärin sehr rot wurde.

»Ich werde erst heute Abend nach Hause gehen«, sagte er mit sehr viel Würde in der Stimme.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Maximilian nahm ahnungslos ab, bevor überhaupt seine Sekretärin nach dem Hörer greifen konnte. Sie hörte auch von ihrem Platz aus die laute Stimme. Kein anderer als Alberta wagte so laut und heftig mit ihm zu reden. Max hielt den Hörer von sich gestreckt. Fräulein Hut hörte ihn plötzlich demütig sagen: »Ja, ich komme sofort. Natürlich wollte ich jetzt kommen. Ich war schon an der Tür, als der Anruf kam, Alberta.« Als er den Hörer auflegte, warf er ihr einen wütenden Blick zu. »Sie will mir sonst die Kinder hierherbringen«, sagte er aufbegehrend. »Sagen Sie mal, Hütchen, Sie sind doch eine Frau, können Sie mir keinen Tipp geben?«

Wenn sie auch wie eine kleine graue Maus wirkte, so besaß sie etwas in hohem Maße. Und das war Humor. Heute hatte sie ihren Chef so ganz anders kennengelernt, und seltsamerweise hatte sie jetzt keine Angst mehr vor ihm. Zu seinem größten Erstaunen musste Maximilian nun feststellen, dass sie ihn auf dem Arm nahm. Lachend antwortete sie nämlich: »Unter uns gesagt, Herr Schänder, zu stillen brauchen Sie die Kinder nicht mehr. Aus diesem Alter sind sie schon heraus, soweit ich das beurteilen kann.«

Wütend warf er einen Notizblock nach ihr, das heißt, er wollte, aber sie hatte längst den Raum verlassen, und so musste er sich noch selbst bücken und ihn aufheben.

Mit grämlichen Gesicht kam er zu Hause an. Er hatte das ganze Stück zu Fuß gehen müssen. Sein todschicker Wagen war ja in der Werkstatt, und Hütchen war nirgends zu sehen gewesen.

 

 

3

Alberta stand wie ein Feldwebel in der Diele. Die Kinder schienen sich in der Küche köstlich zu amüsieren.

»Was machen die dort?«, fragte er, um der Strafpredigt auszuweichen.

»Sie lecken den Puddingtopf aus«, knurrte Alberta. »Aber nun zu uns. Hast du vielleicht ein Kindermädchen aufgetrieben?«

Maximilian war sprachlos.

»Ich habe dir doch schon gesagt, so etwas gibt es nicht.«

»Gut, dann wirst du eben die Pflichten übernehmen, Max.«

»Iiich?«, schrie er auf.

»Ja, du!« Und sie blickte ihn strafend an. »Hättest du getan, was ich dir all die Jahre predigte, dann würdest du jetzt nicht in dieser Patsche sitzen.«

»Verzeih, Alberta, ich komme so schnell nicht mit. Was sollte ich denn deiner Meinung nach tun?«

»Heiraten, du dummer Junge. Dann hättest du jetzt eine Frau, die sich um die Kinder kümmern könnte. Und außerdem hättest du auch eigene Künder und wüsstest mit ihnen umzugehen. Aber du hast ja nie auf mich gehört. Also ist das für dich eine sehr gute Übung. Du hast die Kinder gewollt, also wirst du dich auch um sie kümmern.«

»Alberta«, sagte er eindringlich, »ich habe sie nicht gewollt. Ehrenwort, und außerdem muss ich doch in die Fabrik.«

Wieder ein strafender Blick.

»Beatrice hätte dir nie ihre Kinder überlassen, wenn du nicht damit einverstanden gewesen wärst. Beatrice ist eine vollkommene Mutter.«

»Du hast sie immer in Schutz genommen«, sagte er düster. »Gut, ich habe mich also um die Kinder meiner Schwester gerissen. Kannst du mir jetzt auch sagen, was ich zu tun habe? Ich habe nämlich auch noch einen Beruf.«

Über seine plötzliche Sanftmut war Alberta ein wenig verwirrt. Sie wusste nicht, dass Maximilian wild entschlossen war, doch noch eine Person zu finden, die sich um die Kinder kümmern könnte. Es waren doch nur 14 Tage.

»Ich habe mir das so gedacht: Morgens hilfst du mir mit, sie anzuziehen. Du musst halt früher aufstehen. Dann frühstücken wir zusammen, und du kannst ins Büro gehen. Derweil bin ich so nett und kümmere mich um sie und koche das Mittagessen. Mittags essen wir gemeinsam, und dann nimmst du dir eine Stunde mehr frei und gehst mit ihnen spazieren. Die armen Würmer müssen ja auch an die frische Luft. Abends dasselbe. Natürlich kommst du jetzt pünktlich nach Hause, gehst mit ihnen ein wenig auf den Spielplatz, dann gibt es Abendbrot, und anschließend bringst du sie zu Bett.«

»Ist das wirklich alles?«

»Ja, so wenig hast du zu tun.«

Maximilians Miene hellte sich auf. Seiner Meinung nach war das wirklich leicht zu schaffen. Da war er in der Fabrik mit ganz anderen Sachen fertig geworden. Er rechnete sich aus, 14 Tage, nun denn, die würden rasch vorübergehen.

Und Alberta hat doch gesagt, wenn sie im Bett liegen, dann ist alles vorbei, dann kann ich sogar noch auf Liebespfaden wandeln, dachte er. Eigentlich ändert sich wirklich nichts. Ich verstehe gar nicht, wieso Mütter immer stöhnen, sie wären so geschafft am Abend. Er warf sich in die Brust und sagte sich: Ich werde es ihnen allen zeigen, wie einfach ein Mann so etwas bewerkstelligt, jawohl.

»Gut, ich bin einverstanden«, sagte er fröhlich und erhob sich. »Und jetzt möchte ich gern zu Mittag essen, Alberta.«

Sie grinste ihn an. »Bist ein guter Junge, Max.«

Er ärgerte sich nicht einmal, weil sie ihn wieder Max nannte. Im Augenblick schwebte er auf rosa Wolken. Beim Essen wurde die Sache ein wenig schwieriger. Pucki musste natürlich gefüttert werden, und Maximilian hatte noch keine Ahnung davon, dass Kinder bei Tisch partout keinen Hunger haben, den ganzen Tag über aber wie ein Wolf essen können. Mit viel List und Tücke versuchen sie dem Löffel mit Essen auszuweichen. Und wenn man die Hände dazu benutzen muss, den Schelmen macht es nichts aus. Pucki lachte sich nur halbtot, wenn sich der Onkel mit Pudding bekleckerte und noch von Alberta ausgeschimpft wurde. Max tupfte sich einen Puddingrest aus den Augenwinkeln. Er selbst hatte noch keinen Bissen herunterbekommen, und jetzt war alles kalt, und er hatte auch keinen Hunger mehr.

»Wahrscheinlich sind sie von der Fahrt ein wenig aufgedreht«, meinte Alberta gutmütig.

Da es heute schon ziemlich spät war, brauchte er sie nicht mehr an die frische Luft zu führen. Alberta wollte sie mit zum Einkaufen nehmen.

Als er ins Büro zurückgekehrt war, rief er sofort nach Fräulein Hut und gab ihr den Auftrag, ihm ein paar belegte Brötchen zu besorgen.

»Aber waren Sie nicht eben zu Tisch?«, fragte sie erstaunt.

»Seien Sie still und besorgen Sie mir, was ich Ihnen auftrage!« Er war nie guter Laune, wenn ihn der Hunger plagte.

Fräulein Hut hatte ein wissendes Lächeln in den Mundwinkeln, aber sie schwieg wohlweislich. Kaum war sie verschwunden, als auch schon Maximilians neueste Flamme anrief. Sie hieß Lydia. Das machte ihn augenblicklich munter.

»Hallo«, rief er in die Muschel. »Wie mich das freut, Lydiachen. Was machst du im Augenblick?«

»Nichts«, sagte sie träge. »Ich habe eben zu Mittag gegessen, und jetzt ruhe ich mich aus. Sag mal, Süßer, was unternehmen wir heute Abend?«

»Lass mich mal überlegen, ich hab’ noch gar keinen Plan gemacht.«

»Aber«, meinte sie sehr vorwurfsvoll. »Sonst weißt du es doch schon immer. Sonst denkst du doch nur an deine Lydia. Was ist denn los? «

Eine ganze Menge, wollte er sagen, aber in diesem Augenblick kam Fräulein Hut zurück und stellte ihm die belegten Brötchen auf den Schreibtisch.

»Äh«, sagte er verdutzt. »Weißt du, ich rufe gleich wieder an, ja?«

Traurig und allein saß er im Büro und verschlang die Brötchen. Und er versuchte fröhlich zu werden, denn Lydia hatte es verdient, dass man nur fröhlich zu ihr kam. Ja, was konnten sie denn heute unternehmen? Der Tag hatte so aufregend angefangen. Er hatte wirklich keine Lust, mit ihr zum Tanzen zu gehen. Das würden seine Knochen heute nicht aushalten. Halt, jetzt hatte er es! Schon längst wollte er mal wieder ins Theater gehen. Sofort rief er dort an und bestellte zwei Karten, dann meldete er sich bei Lydia. Diese war zwar nicht sehr erbaut, aber sie sagte doch zu.

Nun hob sich seine Stimmung, und er arbeitete tüchtig drauflos. Alles ging ihm spielend von der Hand. Und als man ihm noch meldete, dass sein Wagen unten sei, da war er in Hochstimmung. Fröhlich vor sich hinpfeifend fuhr er nach Hause. In der Tat, er hatte die Kinder seiner Schwester völlig vergessen. Und er dachte noch immer nicht daran, als er im Treppenhaus fürchterlichen Lärm vernahm. Dass der Krach aus seiner eigenen Wohnung kam, merkte er erst, als er die Tür aufgeschlossen hatte. Wimpi und Pucki spielten Indianer, und das mit einem solchen Stimmaufwand, dass man nichts anderes mehr hören konnte. Alberta hatte sich Watte in die Ohren gestopft und saß im Lehnstuhl am Fenster und las.

Sprachlos stand Maximilian vor ihr.

Sie zupfte sich die Watte aus den Ohren und sagte böse: »Du hast dich nicht an deine Abmachung gehalten. Du solltest mit den Kindern spazieren gehen. Jetzt ist es natürlich zu spät dazu. Es fängt ja schon an, dunkel zu werden.«

»Wirklich«, sagte er und tat sehr zerknirscht. Er hatte nicht mehr viel Zeit und wollte sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen. Noch schnell ein erfrischendes Bad nehmen, den dunklen Anzug überziehen, und dann runter in den Wagen und zu Lydia. Bei ihr würde er sich erst einmal gründlich ausweinen. Sie würde ihn vollkommen verstehen und nicht so boshaft blicken wie seine Sekretärin.

Er hatte doch schon wieder die Abmachung vergessen.

»Die Kinder müssen ausgezogen werden«, schrie Alberta in den Lärm hinein. Das war das Zeichen für die Kinder, sich sofort absolut unsichtbar zu machen.

Max, der Arme, musste jetzt wie ein wilder durch die Wohnung hetzen, bis er Wimpi erwischte, sie ins Kinderzimmer schleppte und sie dann auszukleiden versuchte. Da er kleine Mädchen noch nie ausgezogen hatte, machte er natürlich alles verkehrt. Und Wimpi wollte sich bald totlachen und versuchte natürlich immer wieder auszureißen. Über eine halbe Stunde musste er angestrengt arbeiten, bis er sie endlich ausgezogen und ihr das Nachthemdchen übergestreift hatte. Dann ging die Jagd auf Pucki los. Und da dieser im Kriechen noch fixer war als im Laufen und wegen seiner Winzigkeit unter alle Möbel krabbeln konnte, lernte Max seine Wohnung aus einer ganz anderen Perspektive kennen.

Es war wirklich eine Herkulesarbeit, und wenn Wimpi nicht gewesen wäre, die ihm fachmännische Ratschläge im Wickeln gegeben hätte, so hätte Pucki ohne Windel ins Bettchen gemusst, und am Morgen spätestens hätte Max das Versäumnis bemerkt.

Zu essen wollten sie nichts mehr, und er war froh darüber. Als er sie ins Bett gestopft hatte - beide wollten natürlich in einem Zimmer schlafen, und er hatte das Kinderbett von Pucki noch abbauen, es hinübertragen und wieder aufbauen müssen - war er eigentlich schon fix und fertig und brauchte dringend Ruhe. Die wollte er sich bei Lydia gönnen. Aber kaum, dass er zur Tür hinauswollte, richtete sich Wimpi empört auf und sagte: »Wo ist die Gute Nacht Geschichte?«

»Wie bitte?«

»Musch liest uns jeden Abend etwas vor, und wenn wir kein Märchen vorgelesen bekommen, können wir überhaupt nicht einschlafen, nicht wahr, Pucki?«

»Jajajaha«, setzte dieser sofort hinzu.

Max brannte die Zeit unter den Nägeln. Noch eine Viertelstunde, und es war acht Uhr und die höchste Zeit, sich im Theater einzufinden, sonst kam man nicht mehr hinein und musste bis zur Pause warten. Zum Glück hatte er sich mit Lydia vor dem Theater verabredet.

»Ich habe kein Märchenbuch«, sagte Maximilian der Wahrheit entsprechend. »Also müsst ihr heute ohne ein Märchen auskommen. Und jetzt gute Nacht.«

»Nee, nee«, protestierte Wimpi energisch. »Wenn Musch kein Märchenbuch hat, dann erzählt sie uns ein Märchen, jawohl. Also erzähl uns ein Märchen, Maxi!«

Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, wenn sie Maxi sagte. Aber jetzt schwitzte er Blut und Wasser. Vor fünfunddreißig Jahren hatte er zum letzten Mal Märchen gehört, dann hatten ihn nur noch Indianergeschichten interessiert. Aber da er mittlerweile seine Nichte ein wenig besser kannte und wusste, sie würde nicht aufgeben und noch so lauten Krach schlagen, dass Alberta kam, fügte er sich sofort. Warum sollte er erst viel Zeit vergeuden und dann doch tun müssen, was die Prinzessin wollte.

Details

Seiten
123
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931112
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496174
Schlagworte
vater probe

Autor

Zurück

Titel: Vater auf Probe