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Josse, Liebling und Schrecken der Nonnen

2019 113 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Josse, Liebling und Schrecken der Nonnen

Copyright

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Josse, Liebling und Schrecken der Nonnen

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Josse, eigentlich Josef, ist ein kleiner Satansbraten, der die Nonnen im Waisenhaus so manches Mal graue Haare wachsen lässt. Der kleine Wicht hat es nicht nur faustdick hinter den Ohren, er ist auch ein kluger Bursche. Sein sehnlichster Wunsch ist es, einen Vater zu haben, mit dem man richtige Abenteuer erleben kann. Und so beginnt er sich einen Plan auszudenken, den er auch sogleich - mit ein bisschen Hilfe des alten Gärtners Bertram - in die Tat umzusetzen ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Josse war ein echtes Waisenkind. Echter ging es gar nicht. Er hatte weder Vater noch Mutter, jedenfalls konnte niemand sie ausfindig machen. Jetzt werden vielleicht ein paar Leser denken, dass das arme Kind in eine Decke gerollt vor einer Kirche gefunden wurde, oder noch rührseliger, im Rinnstein. Nein, so dramatisch ging es doch nicht zu. Josse wurde ganz normal entbunden. Die ganze Sache lief so ab: Eines Nachts - natürlich stürmte es draußen, und es regnete selbstverständlich auch, denn Babys kommen nie beim Sonnenschein zur Welt - kam vor gut fünf Jahren, am 19. März, eine schwangere Frau in das Krankenhaus. Sie hatte es furchtbar eilig, und die Hebammen und Schwestern hatten ihre liebe Not mit ihr.

Kaum, dass sie die durchnässte Frau ausgezogen hatten, purzelte sozusagen ihr Kind schon auf den Entbindungstisch. Ohne Geschrei und Schmerzen, einfach so! Man packte das Baby zu den anderen in die Kinderstube und die junge Frau in ein Bett auf der Station. Morgen war auch noch ein Tag. Als aber die eilfertigen Hebammen am nächsten Morgen nach der jungen Mutter sehen wollten, war diese verschwunden. Nicht das winzigste Lebenszeichen hatte sie hinterlassen. Verblüfft blickten sie sich an, aber sie kam nicht zum Vorschein.

Die Presse war am nächsten Tag voll davon, und Josse ganz groß auf der Titelseite. Das muss ihm wohl zu Kopf gestiegen sein, so sagten jedenfalls Schwester Danuta und Schwester Emmy. Das heißt, das sagten sie erst später, als sie die Bekanntschaft mit Josse machten.

Er war also angekommen auf dieser Welt und hatte ein Anrecht auf ein anständiges Leben. Die Schwestern und Ärzte im Krankenhaus liebten ihn, bemutterten ihn und tauften ihn auch. Weil er am Josefstag geboren worden war, wurde er der Einfachheit halber, und damit unter den Schwestern kein Streit entbrannte, Josef getauft. Und, da es ein Dienstag war, hieß er also in den amtlichen Papieren Josef Dienstag.

Da sich natürlich auf den Zeitungsbericht hin niemand meldete, kam Josse ins Waisenhaus. Und dort lernte er dann die Schwestern Danuta und Emmy kennen. Am ersten Tag waren sie ganz entzückt, ein so berühmtes Kind bei sich aufnehmen zu dürfen. Welches der sechsundachtzig Kinder hatte denn schon mal in der Zeitung gestanden? Keines!

Aber ihre Gefühle änderten sich schon in der nächsten Nacht ganz beträchtlich.

»Josef«, seufzte Schwester Danuta, wischte sich den Schlaf aus den Augen und wankte ins Babyzimmer. Dort schrie Josef wie eine Sirene, nur einfach so. Und das tat er jede Nacht. Er fand, dies war die günstigste Zeit, um seine Lungen zu kräftigen. Am Tage kam man ja nicht dazu. Da wurde man gebadet, gefüttert, alle Augenblicke gewindelt, auf den Rücken geklopft. Richtiggehend anstrengend war das, und so blieb nur die Nacht dafür übrig.

»Josef«, seufzte Schwester Emmy, als er größer wurde und ständig mit dem Töpfchen umfiel. »Josef«, seufzten beide im Chor, wenn er seinen Mitgenossen im Babyzimmer mit seinem Breilöffel ein schöneres Aussehen geben wollte.

»Josef«, seufzten sie, wenn er einen Bleistift fand und damit die Tapeten bekritzelte.

»Josef!«, schrien sie gemeinsam, wenn er wackelig, wie er noch war, durch das Haus watschelte und Dummheiten anstellte.

Mit drei Jahren fiel er in die Regentonne und wurde kurz vor dem Ertrinken gerettet. Die Köchin meinte, man hätte ihn ruhig drin lassen sollen. Die Schwestern holten ihn aus den Frühbeeten und aus dem Kohlenkeller. Mit vier Jahren begann er zum ersten Mal, die großen Kinder zu necken. Er versteckte sämtliche Schuhe, und dies so intensiv, dass er sie selbst nicht wiederfand; auch nach einer Tracht Prügel nicht, auch dann nicht, als man ihn mit Schokolade bestechen wollte.

Von den übrigen Kindern wurde er nur Rübe genannt, weil er feuerrote Haare hatte, und nicht nur das, sein Gesicht war so mit Sommersprossen übersät, dass man gar nicht feststellen konnte, wo das Gesicht und wo der gesprenkelte Pulli aufhörte bzw. anfing. Und dazu hatte er eine Stupsnase und abstehende Ohren. Mit der Sauberkeit hielt er es gar nicht gut. Josef sah immer wie ein Straßenjunge aus.

Als er fünf Jahre alt wurde und selbständig denken konnte, änderte er seinen Namen. Josef war nämlich der Ansicht, nur alte Opas hießen Josef oder Heilige. Ein Opa war er wirklich nicht, das konnte er beschwören. Und was so ein Heiliger ist - also, die Köchin sagte ihm ständig, wenn sie ihn in der Speisekammer erwischte: »Du verdammter Satansbraten.« Nein, ein Heiliger würde er ganz bestimmt nicht werden. Also brauchte er diesen Namen nicht mehr.

Höflich, wie er nun einmal war, bat er die Schwestern, ihn doch einfach umzutaufen. Woraufhin sie ihn gottlos nannten und er mal wieder in der Ecke stehen musste.

»Ich will aber nicht mehr Josef heißen. Josef ist doof!«

Die anderen Kinder im Raum grinsten ihm zu.

»Ich heiße jetzt Josse, so. Josse und nicht anders.«

Die Schwestern sagten: »Du kannst wirklich froh und dankbar sein, dass man dir in der Taufe einen so schönen Namen gegeben hat. Wir denken gar nicht daran, dich anders zu nennen, Josef.«

Josse war seit jenem Tage auf beiden Ohren taub, wenn man ihn Josef rief. Schwester Danuta lief schon blaurot an, aber er muckte sich nicht. Bis sie seufzend nachgaben, und Josse war zufrieden.

Das kleine Kerlchen kannte seine bewegte Vergangenheit und war ziemlich stolz darauf. Außerdem kannte er auch nichts anderes als das Waisenhaus.

Es gab dort auch einen großen Aufenthaltsraum. Und wenn es regnete oder überhaupt, wenn sie Lust hatten, konnten sie dort die Kinderstunde am Fernsehen verfolgen. Josse war der leidenschaftlichste Zuschauer. Hei, was die kleinen Jungen dort alles erlebten! Toll! Warum nur hatten die Nonnen keine Pferde? Er, Josse, könnte dann auch so tolle Abenteuer erleben, und sein Leben würde nicht zu langweilig verlaufen.

Mit der Zeit wurde er aber etwas nachdenklich. Die Sache war nämlich die: Gleich, welche Sendung, die Kinder lebten darin nie in einem Waisenhaus. Sie hatten zumindest einen Vater, hin und wieder auch eine Mutter oder beide. Josse dachte über diese Angelegenheit ein paar Tage gründlich nach. Deshalb war er auch so mustergültig artig, und die Nonnen glaubten schon, er brüte irgendeine ansteckende Krankheit aus.

Nach vier Tagen intensiven Nachdenkens kam er zu dem Entschluss, dass man einen Vater haben müsse. Damit würde sich alles grundlegend ändern. Auf eine Mutter wollte er großzügig verzichten. Mit weiblichen Wesen hatte er nichts im Sinn, die kannte er zur Genüge. Bestimmt waren sie nicht anders als die Nonnen. Nein. Aber einen Vater! Nun denn, wenn die so wie im Fernsehen waren! Herrgott, wie kam man zu einem Vater?

Josse dachte wieder nach.

Im Waisenhaus gab es eine Menge Kinder, die noch einen Elternteil hatten und oft zu ihnen gehen durften, besonders in den Ferien und an den Feiertagen. Er fragte sie also höflich, ob sie vielleicht ihren Vater gegen ein krummes Taschenmesser an ihn abtreten würden.

»Du bist wohl bekloppt, Josse, was? Man verschenkt doch nicht seinen Vater! Mann! Der ist nämlich Klasse! Hau ab, wir haben keine Zeit mehr, müssen Schularbeiten machen.«

So waren die Großen immer. Angeben bis zum Verrücktwerden. Aber Josse wusste nun: Im Tauschverfahren bekam man keinen Vater. Die Jungen wären auch schön blöd gewesen, wenn sie es getan hätten. Aber er wollte einen eigenen Vater haben, unter allen Umständen. Er wandte sich sogar an Schwester Danuta. Die strich ihm über die roten Haare, was wirklich alle hundert Jahre einmal vorkam und seufzte: »Ach, Josse, das geht doch nicht.«

»Warum nicht?«, bohrte er hartnäckig weiter.

»Du bist noch zu klein, das verstehst du nicht.«

Das sagten die Erwachsenen immer, wenn sie keine Antwort wussten. Josse wusste Bescheid.

Aber da gab es noch eine andere Sorte von Kindern im Heim. Doch zuerst einmal dachte er: Vielleicht werde ich adoptiert? Dann bekomme ich zwar auch eine Mutter, na ja, die muss ich dann halt in Kauf nehmen. Aber ich habe einen Vater.

Doch, er wusste ganz genau, die Aussichten waren hier sehr gering. Wenn wirklich ein Ehepaar auftauchte und ein Kind wollte - wohin gingen sie? Ins Babyzimmer. Dort gerieten sie regelrecht in Ekstase. Josse verstand das absolut nicht. Er hatte für Babys nichts übrig. Die konnten noch nicht mal laufen, das konnte er! Sie machten sich noch voll und nass und krähten den ganzen Tag. Eine Unterhaltung mit ihnen war ausgeschlossen. Er, Josse, war ein gesitteter, anständiger Junge, der auf Bäume klettern konnte und selbst aufs Klo ging, wenn es Zeit wurde. Aber die Besucher warfen nicht mal ein Auge in die Zimmer der größeren Kinder. Nein, hier brauchte er sich überhaupt keine Hoffnungen zu machen.

Übrig blieben nur noch die Wochenendkinder. Auf die setzte er seine ganze Hoffnung. Nicht auf die Kinder wohlverstanden, sondern auf die Leute, die solche Wochenendkinder nehmen wollten.

Hin und wieder wurde in der Stadt Reklame dafür gemacht. Man solle doch an die armen Waisenkinder denken, die nur das Heim kennen würden. Wochenendkind, das hieß, man suchte sich ein Kind im Heim aus, und dieses durfte dann zum Wochenende die Wahlfamilie besuchen.

Eine Menge Kinder aus dem Heim war am Wochenende bei Familien; in der Überzahl natürlich kleine Mädchen, aber auch ein paar Jungen. Und was die alles erzählten! Natürlich übertrieben sie mächtig. Aber das wusste unser Josse natürlich nicht. Er glaubte ihnen aufs Wort. Den Himmel auf Erden mussten sie haben! Und das an zwei Tagen jede Woche!

Also, wenn er einen eigenen Vater haben wollte, musste er es irgendwie anstellen, dass man das nächste Mal ihn aussuchte! Josse ging in sich.

 

 

2

Dieses nächste Mal sollte schon ein paar Tage später sein. Alle Kinder sollten sich am Nachmittag unten in der Haupthalle versammeln.

Josse war furchtbar aufgeregt. Nun würde er seinen Vater kennenlernen. Aufgeregt kämmte er sich seine strubbelige Mähne. Natürlich hatte der Pullover wieder einen Fleck, die Schuhriemen

zweimal geknotet und die Strümpfe sahen wie Putzlappen aus.

»Ein Junge darf nicht wie ein geleckter Kater aussehen«, brummte er vor sich hin. Diesen Ausspruch hatte er noch gestern im Fernsehen gehört.

Die Uhr schlug drei, und Josse sauste auf dem Treppengeländer nach unten in die Halle. Er wollte sich einen günstigen Platz sichern, kam aber wie immer sehr spät und musste sich am Ende der Reihe aufstellen.

Ossi sagte: »Für dich ist das doch zwecklos. Meinst du, die nehmen dich, Rübe? Mann, geh doch lieber spielen, als hier doof rumzustehen!«

Josse knuffte ihn in die Seite. Wäre Schwester Danuta nicht in diesem Augenblick hereingekommen, hätte es eine zünftige Schlägerei gegeben.

Josse stand da und dachte: Wenn ich jetzt ganz fest die Luft anhalte, dann wird mein Gesicht ganz rot, und man sieht die vielen Sommersprossen nicht. Er stand also da wie ein geblähter Luftballon.

Das Ehepaar kam herein und betrachtete sich die Kinder, blieb vor jedem stehen. Die Frau legte sogar mal die Hand unter das Kinn eines Kindes oder auf die Schulter.

Josse, der, wie gesagt, am Ende der Reihe stand, ließ seine Luft wieder ab. Bei sich dachte er: Wir stehen hier, als sollten wir prämiert werden, gerade so! Fehlt nur noch, dass sie mir in den Mund gucken wollen. Also, wenn sie das tut, beiß ich ihr in den Finger. Bin ich ein Pferd oder eine Kuh? Nein! Ich bin ein kleiner Junge und wirklich nicht so doof wie die anderen. Außerdem gefiel ihm der Mann nicht. Nein, den will ich nicht als Vater haben. Der sieht ja gar nicht sportlich aus. Eine Memme ist das! Und Josse sagte sich: Was soll ich hier noch weiter rumstehen. Ist doch langweilig. Ich gehe zum Klo.

Nach einer Weile, er hatte sich nur auf den Deckel gesetzt, bemerkte er unter der Tür ein paar abgekratzte Schuhspitzen.

Mann, dachte er, der Emil ist zu doof, um zu spionieren. Verrät sich selbst, der blöde Kerl.

»Was willst du?«, kläffte Josse aus dem stillen Örtchen.

Emil erschrak mächtig.

»Iiich soll nachsehen, ob du auch wirklich musst, sagt Schwester Emmy«, stotterte Emil.

Emil war ein Junge von der Sorte, der sich immer bei den Nonnen beliebt machen will und daher ständig petzt. Josse biss sich auf die Lippen. Emil würde petzen. So doof war er nun auch nicht, dass er nicht merken würde, wenn Josse nur so tat, als müsse er aufs Klo.

Zuerst drehte er ihm mal den Rücken zu, hob den Deckel und strengte sich fürchterlich an. Aber nichts kam. Er bückte sich, schöpfte mit den Händen ein wenig Wasser aus dem Klo und ließ es wieder zurücklaufen. Das hörte sich richtig echt an. Ja, er fand so großen Gefallen daran, dass er gar nicht mehr aufhören wollte.

»Mann, hast du ein Fass leergesoffen?«, rief Emil durch das Schlüsselloch.

»Ich bin doch kein Baby wie du«, sagte Josse hochnäsig.

Die Sache war also erledigt. Aber nun hatte er nasse Hände. Wohin damit? An der Hose abputzen, das würde verdächtig aussehen. Schwester Danuta konnte man ja was vormachen, aber nicht Schwester Emmy.

Kurz entschlossen zog er hinten sein Unterhemd aus der Hose und wischte sich daran die Hände trocken. Vergesslich wie er aber war, ließ er es hinten heraushängen. In aller Seelenruhe trottete er hinter Emil in den Saal zurück. Die Leute waren schon fort. Sie hatten die kleine Biggy ausgewählt.

»Komm her!«, sagte Schwester Emmy. »Das nächste Mal verlässt du nicht den Saal, verstanden? Du bleibst so lange hier, bis ich euch sage, dass ihr gehen dürft.«

»Jawohl, Schwester Emmy«, sagte Josse mit demütigem Gesicht. Die Schwester sah das heraushängende Hemd.

»Das ist ja ganz nass!« sagte sie entsetzt.

Josse tat so, als bemerke er es erst jetzt, befühlte es fachmännisch und nickte. »Ja, tatsächlich! Es ist wirklich nass.«

»Was hast du denn jetzt schon wieder angestellt, Josse?«

»Ich? Gar nichts«, sagte er mit dem unschuldigsten Gesicht der Welt.

»Das Hemd wird nicht von ganz alleine nass«, sagte die Schwester streng.

»Nein, das stimmt, Jaaa, wenn das so ist, dann muss ich wohl drauf gepinkelt haben«, sagte Josse mit demütiger Stimme. Dass dies unmöglich sein konnte, daran dachte er gar nicht. Einem Mädchen konnte das vielleicht passieren, aber nicht einem kleinen Jungen.

Schwester Emmy machte ein strenges Gesicht. Sie hielt sehr viel auf gute Sitten und eine gute Aussprache.

»Josse!«, rief sie streng. »So sagt man das nicht!«

»Vielleicht drauf gepi...?«, sagte er hoffnungsfreudig.

Peng, hatte er eine Ohrfeige weg.

»Ab in die Ecke!«, sagte Schwester Emmy streng.

Schwester Danuta, die das hörte, rief entsetzt: »Bloß nicht in die Ecke, dann müssen wir nachher wieder die halbe Wand tapezieren.«

So war es wirklich. Josse, der sich sehr schnell in der Zimmerecke zu langweilen begann, seine Hände mussten ja ständig etwas tun, kratzte dann an den Tapeten herum.

»Was machst du denn in so einem Falle mit ihm, liebe Schwester«, seufzte Schwester Emmy.

»Ich hab’ eine neue Strafe für ihn gefunden. Los, Josse, geh raus und hilf Bertram!«

Josse tat, als sei er sehr erschrocken. Ja, er bat sogar Schwester Danuta, von dieser schlimmen Strafe abzusehen; er wolle sich jetzt auch wirklich ändern.

»Nein, Strafe muss sein. Und jetzt geh! Zwei Stunden bleibst du bei Bertram.«

Kaum war Josse außer Sichtweite der Nonnen, da schoss er wie ein übermütiges Füllen davon.

Die Sache war nämlich die: Die Kinder im Waisenhaus mochten Bertram nicht. Er hatte immer ein bitterböses Gesicht und brummte, wenn sie nur in seine Nähe kamen. Die Kleineren fürchteten sich sogar vor ihm. Bertram war leidenschaftlicher Gärtner. Jetzt war er Rentner, nachdem er vierzig Jahre lang eine Lokomotive gefahren hatte. Weil er selbst keinen Garten besaß, pflegte er für ein kleines Taschengeld den Gemüse- und Blumengarten des Waisenhauses. Dies tat er nun schon seit drei Jahren. Josse war es, der dicke Freundschaft mit Bertram geschlossen hatte. Bertram war nämlich gar nicht böse. Er hatte nur ein Zucken im Gesicht, darum sah er immer so böse aus. Bertram sagte ihm, das seien die Nerven.

Aber wie gesagt, für die Kinder war es die schlimmste Strafe, neben Bertram im Garten helfen zu müssen.

Josse kam den Hauptweg entlang geschlendert, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Bertram war bei den Rosen.

»Na, mal wieder was ausgefressen?«

»Nööö«, sagte Josse träge. »Schwester Emmy wollte wissen, warum mein Hemd hinten nass ist, und da hab’ ich ihr gesagt, ich hätte wohl drauf gepinkelt. Und da sagt sie, so heißt das nicht, und da hab’ ich >drauf gepisst< gesagt. Das heißt, sie hat mich nicht mal aussprechen lassen.«

»Und wie ist es wirklich nass geworden?«

Josse sagte es ihm. Bertram grinste.

»Also, ehrlich, wenn ich noch jünger wäre, ich würd dich adoptieren, Josse.«

»Wirklich?«

»Klar, Josse. Du bist in Ordnung.«

Josse's Herz war plötzlich so leicht wie eine Feder. Er setzte sich auf die Bank neben Bertram.

»Sollen wir wieder um die Wette spucken, Josse?«

»Au ja, ich hol schnell ein Stöckchen.«

Bertram war ein Original und nahm immer noch Kautabak. Und wenn er genug gekaut hatte und sich genug Spucke im Mund befand, dann machten Josse und er ein Wettspucken. Josse steckte ein Stöckchen ins nächste Blumenbeet. Und wer es mit seiner Spucke traf, der war Sieger.

Einmal hatte Josse es auch mit Kautabak versucht, aber danach war er drei Tage grün wie ein Hering gewesen, nach Meinung von Schwester Danuta. Natürlich wollten sie im Waisenhaus wissen, was er gegessen habe. Aber er verriet seinen Freund nicht. Das war doch Ehrensache!

Beide wurden nicht Sieger. Heute blieb das Stöckchen frei von Spucke. Vielleicht lag es auch daran, dass beide heute nicht die rechte Lust hatten.

Josse war heute ziemlich still. Bertram sah ihn ganz erstaunt an.

»Bist du vielleicht krank?«

»Nein, ich muss nur so furchtbar viel nachdenken, weißt du?«

»Aha! Und worüber musst du so furchtbar viel nachdenken?«

»Darüber, dass die Leute immer nur kleine Mädchen nehmen.«

Bertram sagte: »Aha!«, obwohl er nicht richtig wusste, was der Junge damit meinte.

»Ja, vorhin waren doch wieder Leute da; und ich möchte doch so furchtbar gern einen eigenen Vater haben. Aber die nehmen nur immer Mädchen. Warum ist das so, Bertram?«

»Tja«, sagte der Alte.und kratzte sich am Kopf. »Mädchen, nun, die sehen nun mal so niedlich aus, weißt du?«

»Und warum sehen kleine Jungen nicht niedlich aus?«, wollte Josse wissen.

»Dann wären sie keine richtigen Jungen, sondern nur Memmen. Zum Beispiel du, Josse. Ich weiß, du hast ein goldenes Herz, ehrlich. Bist der netteste Junge aus dem Heim. Mit dir unterhalte ich mich am liebsten.«

»Aber die Leute können mein goldenes Herz nicht sehen. Dann ist es doch Verschwendung, wenn man eines hat. Ich kann nichts damit anfangen.«

»Warum willst du denn unbedingt einen Vater, Josse? Dir geht es doch ganz gut im Heim. Ich versteh dich gar nicht.«

»Ach«, sagte der Junge, »Bertram, dazu bist du viel zu alt, das verstehst du nicht«, antwortete er altklug. Der Mann schmunzelte. Josse kam sich furchtbar schlau vor. Die anderen sagten immer: Du bist viel zu jung, das verstehst du noch nicht. Aber er sagte zu Bertram: Du bist zu alt. Und bestimmt war Bertram schon hundert Jahre alt. Wie sollte er auch da verstehen, wofür man unbedingt einen Vater brauchte?

Sein Vater war ein Wesen seiner Fantasie, mit dem man einfach alles anstellen konnte. Kumpel würden sie sein, so wie im Fernsehen. Und ein Vater sagte auch nicht immerzu: Wie schmutzig bist du schon wieder. Und woher hast du das Loch denn schon wieder. Nein, sie hatten ganz andere, wichtigere Dinge zu bereden.

»Sind zwei Stunden schon um?«, wollte Josse wissen.

»Noch ein bisschen dauert’s schon«, sagte der Alte.

»Na ja, hacken wir ein wenig, Bertram. Dann geht die Zeit schneller herum.«

»Heute hast du es ja mächtig eilig.«

Josse sagte nichts. Er nahm eine Hacke und arbeitete wirklich fleißig. Wenn er wollte, konnte er das wunderbar. Er wusste auch, was Blumenpflänzchen waren und was Unkraut. Bertram konnte sich voll und ganz auf ihn verlassen. Er hatte es ihm einmal gesagt, und das genügte. Josse war ein aufgewecktes Bürschchen.

So arbeiteten die beiden so ungleichen Kameraden eine ganze Weile still nebeneinander. Und der alte Mann dachte: Ist doch wirklich schade. Das Kerlchen hätte es wirklich verdient, in eine Familie zu kommen. Er ist ein Original, lässt sich nicht so schnell kleinmachen.

»Jetzt sind zwei Stunden vorbei«, sagte Bertram.

»Ja gleich, ich mach das hier nur noch fertig«, sagte das Kind.

Schwester Emmy war der felsenfesten Überzeugung, Josse würde nicht im Garten sein. Bestimmt hatte er sich vor seiner Strafe gedrückt. Und sie grübelte schon, wie sie ihn deswegen zur Rede stellen könne. Als sie nun um die Ecke bog und die beiden so emsig bei der Arbeit sah, blieb sie erstaunt stehen.

»Das muss man ihm lassen«, murmelte sie leise, »er tut immer das, womit man nicht rechnet.«

Dann ging sie weiter und sprach den Gärtner an.

»Na, wie kommen Sie mit dem Lauser zurecht? Bestimmt hat er wieder etwas angestellt. Er ist nämlich unser Schlimmster.«

Bertram stützte sich auf seine Hacke und sah die Schwester ganz treuherzig an.

»Also, wenn Sie mich fragen, der ist schwer in Ordnung. Mit Josse schaff ich den Garten viel schneller. Der ist ein ganz fixes Bürschchen.«

»Wirklich?«, sagte die Schwester verblüfft.

»Ei freilich! Hätten Sie man bloß noch mehr von der Sorte, mich würd’s freuen.«

»Mich nicht!«, rief Schwester Emmy entsetzt. »Einer genügt mir vollkommen.«

Mit wehenden Röcken lief sie davon.

»Siehst du«, sagte Josse altklug. »Wenn ich mal nix anstelle, dann ist es ihnen auch nicht recht. Was soll ich bloß machen?«, seufzte er auf.

»Junge, bleib so, wie du bist. Du wirst schon dein Glück machen.«

»Wirklich?«, strahlte er den Alten an.

»Klar, denk immer daran, dass du ein goldenes Herz hast, Junge!«

Josse steckte die Hände in die Hosentaschen und lief pfeifend zum Haus zurück.

Schwester Emmy stand in der Fensternische und sah ihn kommen.

»Josse, komm einmal her!«

Sofort schlug sein Herz bis zum Hals. Er hatte immer ein schlechtes Gewissen. Irgendetwas hatte er immer ausgefressen, und es war eben nur eine Frage der Zeit, bis die Schwestern seine Missetaten entdeckt hatten. Daher wusste er vorher nie, weswegen man ihn ausschelten würde.

»Ja?«, sagte er ziemlich kleinlaut. Seine gute Laune war verflogen.

»Komm zu mir, Josse!«

Obwohl ein Spitzbub vom Scheitel bis zur Sohle, war er doch an Gehorsam gewöhnt.

»Ja, Schwester Emmy?«, sagte er mit demütigem Gesicht.

»Hier, steck das schnell fort, damit die anderen es nicht sehen!«

Fassungslos blickte Josse auf seine rechte Hand. Darauf lag ein großer, dicker Riegel Schokolade. Verwirrt schaute er die Schwester an.

»Ja, der ist für dich. Sag es aber nicht weiter«, und dann strich sie ihm sogar noch über den roten Schopf. »Du begreifst doch, dass wir dich so oft ausschimpfen müssen, nicht wahr, Josse? Wir sind für dich verantwortlich, und wir wollen doch nur dein Bestes. Du sollst mal ein anständiger, netter, großer Junge werden. Und darum müssen wir so oft mit dir schelten.«

Josse fühlte das Glücksgefühl in sich zurückfluten. Schnell stopfte er den ganzen Riegel Schokolade in den Mund, bevor die Schwester es sich vielleicht anders überlegte. Bei denen konnte man nie wissen ...

Auf einem Bein davon hüpfend, war für ihn heute die Welt wieder in Ordnung

 

 

3

Josse bewohnte mit Emil, Franz und Ossi ein kleines Zimmer unter dem Dach. Die drei waren älter als Josse und gingen schon zur Schule. Schwester Emmy sagte, sie sollten auf Josse ein wenig achtgeben. Pustekuchen, aufpassen! Der Kleine dachte: Wenn ich nicht aufpasse, ärgern mich die drei doch den ganzen Tag. Leider vergaß er zu erwähnen, dass Emil, Franz und Ossi oft ihre liebe Not mit Josse hatten.

Heute war er aber ganz mustergültig. Als sie zum Schlafen raufgehen sollten, stand er lange am Fenster und sah auf die kleine Stadt. So viele Häuser gab es da! Josse konnte sie gar nicht zählen. Ossi sagte: »Es sind bestimmt tausend.« Er glaubte ihm aber nicht so recht. Ossi hatte eine Fünf im Rechnen, und das war sehr schlimm. Doch es waren genug da. Und Josse sagte sich: In einem dieser Häuser wohnt doch bestimmt ein Mann, der schrecklich gern einen Sohn wie mich haben möchte. Ich muss ihn nur finden. Er hatte nämlich noch immer nicht die Suche nach einem Vater aufgegeben.

Im Waisenhaus brauchte er gar nicht zu suchen. Außer Bertram kam hin und wieder der alte Doktor und untersuchte die Kinder, ob sie auch gesund waren. Der war auch nicht der richtige Vater für Josse. Er hörte schon ein wenig schlecht.

»Ich muss also in die Stadt gehen und mir einen Vater suchen. Wenn ich ihn gefunden habe, dann kommt er zum Waisenhaus und sagt den Schwestern: >Entschuldigen Sie, Schwester Danuta und Schwester Emmy, aber den Josse, den möchte ich gerne behalten. Der wohnt jetzt bei mir. Er ist jetzt mein Sohn.<«

Ja, so einfach war das alles. Die ganze Sache hatte nur einen kleinen Haken: Wie kam er aus dem Heim? Wenn er ein Schulkind gewesen wäre, hätte es keine Schwierigkeiten gegeben. Aber bis dahin wollte er nicht mehr warten.

Josse würde auch das meistern. Schwester Danuta war am Morgen immer so nervös. Sie hatte darauf zu achten, dass alle Kinder pünktlich und sauber mit dem Schulranzen das Heim verließen. Er musste sich also nur unter die Gören mischen und mitlaufen.

Josse stand am nächsten Morgen sehr früh auf, suchte sich einen sauberen Pulli aus dem Schrank, wusch sich, dass er bald so rot wie ein Krebs war. Schließlich sollte sein zukünftiger Vater einen guten Eindruck von ihm bekommen.

Unten konnte er vor Aufregung nicht frühstücken. Und dann war es soweit. Natürlich bemerkte Emil sofort, dass Josse draußen war.

»Mensch, Rübe, geh bloß zurück! Du gehst noch nicht zur Schule, du Doofkopp.«

»Ich geh ja schon«, murmelte Josse und blieb stehen. Die Kinder hatten es sehr eilig, rannten los und kümmerten sich nicht mehr um Josse.

»So«, sagte er und stopfte seine Hände bis zu den Ellenbogen in die Hosentaschen.

»So, jetzt geh ich meinen Vater suchen.«

Die Straße wurde von vielen Bäumen gesäumt. Etwas weiter zurück lagen ein paar Häuser. Die Sonne schien; es war schönes Wetter. Vergnügt vor sich hinpfeifend genoss er, aus dem Käfig entwischt zu sein. Hei, man fühlte sich gleich ein paar Zentimeter größer!

Und dann kam auch noch ein Müllauto um die Ecke. Wenn man ihn fragte, was er später einmal werden wollte, so sagte er inbrünstig: »Müllonkel.«

Wenn sie am Heim vorbeikamen, kletterte er immer auf den Zaun. Er war ihr dankbarster Zuschauer. Seine ganze Liebe galt den rollenden Tonnen und dem großen, stinkigen Auto. Und jetzt stand er hier so nahe daneben und konnte dieses Vergnügen in vollen Zügen genießen. Er war so glücklich, dass er gar nicht bemerkte, wie er automatisch immer weiter mitlief. Bis einer der Männer ihn schmunzelnd anblickte und sagte: »He, Bürschchen! musst du nicht wieder heim? Deine Mutti wird dich gleich suchen.«

Da wachte Josse wieder auf und sah sich betroffen um. Das Heim war schon gar nicht mehr zu sehen. Er rannte in die erste kleine Stichstraße. Nicht viel weiter vorn entdeckte er einen weiten Platz. An der rechten Ecke stand ein kleines Häuschen. Da saß ein Fräulein drin und verkaufte Süßigkeiten und Zeitungen. Jetzt strickte sie. Auf dem Platz dahinter war eine Tankstelle und eine Reparaturwerkstätte. Für Autos interessierte er sich immer. Leider hatte er noch nie in einem fahren dürfen. Nur Ossi erzählte Wunderdinge davon. Er hatte sich mal übergessen und musste schnellstens ins Krankenhaus gefahren werden. Davon erzählte er jetzt noch immer, obwohl das schon zwei Jahre zurücklag.

Neben der Tankstelle stand ein Auto, und Josse sah zu seiner Verblüffung zwei Beine darunter hervorschauen. Das war so interessant, dass er erst mal näher heranging. Er hatte ja so viel Zeit, und sein Vater lief ihm bestimmt nicht weg. Wenn schon ausgerissen, dann wollte er auch richtige Abenteuer erleben. Schließlich musste er ja seinen Vater unterhalten, wenn sie mal zusammen in eine Höhle eingeschlossen waren oder wenn sie Schiffbrüchige waren.

Er hockte sich also neben das Auto und schaute interessiert zu. Ach, war der Mann herrlich schmutzig!

Martin Adam, Besitzer dieser kleinen Tankstelle und Werkstatt, fluchte laut vor sich hin. Diese verdammte Schraube wollte sich einfach nicht lösen. Und er musste sie aufbekommen, sonst kam er nicht an die Federung heran. Immer wieder suchte er nach einem Gegenstand in seinem Werkzeug, das er neben sich aufgebaut hatte. Er schaute schon gar nicht mehr hin. Martin war so eingebildet, dass er vor seinen Freunden behauptete, seine Hände seien so sensibel wie die eines Chirurgen.

»Ich brauche gar nicht hinzusehen. Ja, ich könnte sogar blind die Wagen reparieren. Meine Fingerspitzen ertasten alles.«

Die Freunde machten sich über ihn lustig. Aber das war er schon gewöhnt und sagte deswegen nur: »Neidisch seid ihr, jawohl! Ihr seid nur in der Fabrik angestellt, aber ich habe es geschafft, ich hab’ mein eigenes Unternehmen.«

»Unternehmen!«, kicherten sie. »Hast du vielleicht auch einen Direktor?«

Martin war wütend geworden und hatte das Stammlokal verlassen. Diese blöden Kerle, dachte er, Grips nicht für einen Heller! Aber wenn sich jetzt die Schraube nicht löst, spreng ich die ganze Kutsche in die Luft.

Wieder streckte er die Hand aus und wollte den schweren Hammer an sich ziehen, als er plötzlich ein Kinderknie erwischte. Verblüfft blickte er auf und sah in ein Bubengesicht mit so viel Sommersprossen, dass er kaum die Augen entdeckte.

»He! Verschwinde!«, schnauzte er ihn an.

Josse ging zwei Meter zurück, hockte sich dann wieder hin und schielte unter das Auto. Liebend gern hätte er dort mitgemischt.

»Ich könnte dir ein wenig helfen, ich hab’ massig Zeit«, bot er sich an.

»Zieh bloß Leine!«, zischte Martin wieder.

Er war wirklich nicht höflich zu Josse. Aber der war diese Tonlage gewöhnt und kümmerte sich gar nicht darum. Ein anderer kleiner Junge wäre schon längst erschrocken davongelaufen. Martin Adam hasste kleine Jungen, und ganz besonders solche mit lauter Sommersprossen und einer Stupsnase.

»Hast du nicht verstanden? Du sollst abhauen! Dich verdünnisieren, kapiert.«

Josse lächelte ihn nur an. Toll schmutzige Hände hatte der! Schwester Danuta würde direkt in Ohnmacht fallen, wenn sie diese Hände sehen könnte.

»Wenn du nicht auf der Stelle verschwindest, geh ich zu deiner Mutter!«, drohte Martin.

Josse lächelte vergnügt und kam ein wenig näher gekrochen.

»Sag mal, bist du vielleicht taub?«

»Nein, wenn ich hören will, höre ich die Mäuse husten, sagt Ossi.«

»Ich geh auch zu deinem Vater, und der verprügelt dich dann«, bot Martin ihm an.

Josse kam noch einen halben Meter näher.

»Sag mal, du Straßenwanze, du hast wohl gar keine Ehrfurcht vor deinen Eltern, wie?«

»Was ist eine Straßenwanze?«, fragte er höflich. Schwester Emmy hielt die Kinder dazu an, immer zu fragen, wenn sie ein Wort nicht kannten. Nur so wurde man gebildet.

»Du bist eine Straßenwanze!«, zischte Martin. »Außerdem bin ich kein Lexikon auf Beinen, das dir Auskunft geben muss. Also, ich mache dir jetzt ein Angebot: Du verschwindest auf der Stelle, und ich sage niemandem etwas.«

Josse schaute sich um und antwortete: »Hier ist so viel Platz, ich kann doch wohl hier ein wenig stehen und gucken!«

Martin Adam, der Besitzer der kleinen Werkstatt, begann so laut zu brüllen, dass das Fräulein in dem Kiosk das Fensterchen aufriss und herausschaute.

»Dies ist meine Tankstelle! Und ich verklage deine Eltern, dass sie ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkommen.«

Das Echo kam sofort.

»Was ist Aufsichtspflicht?«

Martin kam unter dem Auto hervor. Josse staunte über seine Größe und sah ihn bewundernd an. Martin bemerkte diesen Blick sehr wohl.

»Du kannst meine Eltern gar nicht anzeigen«, sagte Josse.

»Und warum nicht?«, keuchte der junge Tankstellenbesitzer.

»Weil ich keine habe«, sagte Josse seelenruhig.

»Wie?«

»Nein, ich hab’ keine. Meine Mutter hat mich verstoßen, weißt du?«

Und ehe sich`s der Mann versah, erzählte Josse mit Genuss seine kleine, kurze, erbärmliche Lebensgeschichte. Endlich fiel der Groschen bei Martin Adam.

»Ach! Jetzt verstehe ich. Du bist aus dem Waisenhaus ausgerissen oder wie man jetzt so schön sagt - Kinderheim.«

»Ja.«

»Geh bloß wieder zurück, bevor dich die Polizei sucht!«

»Warum soll die mich denn suchen?«, staunte Josse.

»Weil man im Kinderheim dein Verschwinden bemerken wird, und dann ruft man die Polizei, und die sucht dich dann in der ganzen Stadt. Glaubst du, ich will Schwierigkeiten haben? Nachher heißt es womöglich, ich hätte dich dazu angestiftet.«

»Och«, sagte Josse, »darüber brauchen wir uns keine Sorgen zu machen.«

Er sagte schon wir! Martin wischte sich an einem Putzlappen die Hände ab.

»Weißt du, die Schwestern sind immer furchtbar froh und glücklich, wenn sie mich eine Weile nicht zu Gesicht bekommen.«

Wider Willen musste der junge Mann lächeln.

»Du bist wohl ein ganz Schlimmer, wie?«

»Och, ich bring nur ein bisschen Leben in die Bude«, antwortete Josse. Diesen Ausspruch hatte er auch am Fernsehen gehört, und weil er ihn schick fand, in seinen Wortschatz aufgenommen.

»Bürschchen, sag mal, hat man dich aus Versehen zu lange in der Sonne stehengelassen?«

»Du magst also meine Sommersprossen nicht?«, fragte er traurig. Aber dann hellte sich sein Gesichtchen auf. »Ich kann sie auch verschwinden lassen. Ich hab’ mir einen Trick ausgedacht.«

»So, da bin ich aber gespannt«, sagte Martin.

»Hier, guck mich mal genau an. Und dann musst du mir gleich sagen, ob du noch ein paar siehst.« Und schon hielt er wieder die Luft an. Der junge Mann glaubte, das kleine Kerlchen würde gleich platzen, so sehr strengte er sich an.

»Aufhören! Aufhören!«, rief er erschrocken.

»Hast du noch welche gesehen?«, japste Josse.

»Nicht die Bohne!«

Er freute sich mächtig. »Das hab’ ich nämlich geübt, weißt du?«

Martin hatte inzwischen die Schraube gelöst und war jetzt in ansprechbarer Laune.

»Sag mal, Bürschchen, warum bist du eigentlich aus dem Heim ausgekniffen? Willst du vielleicht auf Wanderschaft gehen? Ich meine, verduften?«

»Ich bin ausgekniffen, weil ich mir einen Vater suchen will«, sagte Josse mit fröhlicher Stimme.

»Wie bitte?«, fragte der Mann verdutzt. »Was willst du?«

»Ich brauche ganz dringend einen eigenen Vater, weißt du. Und da sie im Heim nicht auf Bäumen wachsen, muss ich mir einen in der Stadt suchen. Bei uns im Heim gibt es nur den alten Bertram, und der sagt, er würde mich gern als Sohn haben, aber er sei schon zu alt und bekäme auch nicht die Genehmigung dafür.«

»Wozu brauchst du denn so dringend einen Vater? Hast du vielleicht Krach mit ein paar Jungen im Heim, und soll er die dann vermöbeln?«

»Mensch, bist du doof«, sagte Josse wegwerfend. »Man braucht einen Vater, um was zu erleben. Und die Jungen kann ich selbst verprügeln, hörst du!«

»Wieso glaubst du zu wissen, dass man auch gleich Abenteuer erlebt, wenn man einen Vater hat?«

»Das weiß ich nun einmal ganz genau.«

»Und woher?«

»Vom Fernsehen. Mann, da musst du mal hingucken! Die Kinderstunde! Und ein Pferd müssen wir natürlich auch haben oder ein Auto. Hast du vielleicht ein Pferd, Onkel?«

»Nein, ich hab’ kein Pferd«, lachte Martin, der allmählich Spaß an dem aufgeweckten Bürschchen bekam.

»Ein Auto?«

»Natürlich habe ich ein Auto. Ich bin doch der Tankstellenbesitzer, und da muss man ein Auto haben. Da drüben steht es.«

Josse erhob sich aus seiner Hockstellung und ging zum Auto, um es zu begutachten.

»Mann, ist das gut«, seufzte er und sah Martin an, der ihm gefolgt war.

»Ja, nicht wahr«, sagte dieser. »Ganz neu, erst fünf Tage alt«, und schon wischte er schnell einen nicht vorhandenen Fleck vom Kotflügel.

Josse hatte sich gleich in das blitzende Auto verliebt. Ja, er sah sich schon auf dem Beifahrersitz, eine kesse Mütze auf dem Kopf. Der Wind pustete ihm um die Nase, und sein Vater fuhr ganz toll schnell über eine Landstraße, und alle Leute sahen ihnen neidisch nach. Und schon kam die unvermeidliche Frage, auf die Martin Adam überhaupt nicht gefasst war.

»Willst du nicht mein Vater sein?«

Ruckartig drehte sich der junge Mann um und starrte den kleinen Wicht von oben bis unten an. Dann lachte er schallend. Also, das war wirklich der köstlichste Witz, den er seit Jahren gehört hatte. Er, er sollte so mir nichts dir nichts der Vater von so einer Rotznase werden. Du liebe Güte, da würde ein Zipfelchen aus seiner Don-Juan-Krone brechen. Er war ein stadtbekannter Herzensbrecher. An Heirat dachte er überhaupt nicht. Schön dumm waren die anderen Männer, die sich eine Frau an den Hals hingen. Und jetzt sollte er auch noch Vater spielen! Wenn es ein niedliches kleines Mädchen mit puppenblauen Augen gewesen wäre, dann hätte man bei den Frauen Mitleid erheischen können. Aber dieser abgebrochene Gartenzwerg! Der konnte ja nichts dafür, dass er rote Haare hatte und so viele Sommersprossen, dass sein Gesicht kaum reichte, um sie alle vorzuzeigen.

Josse merkte, dass er sich irgendwie anpreisen musste.

»Bertram sagt, ich hätt’ ein goldenes Herz. Vielleicht kann man damit etwas anfangen«, meinte er zuversichtlich.

»Wer ist denn Bertram?«

Josse seufzte. »Hab’ ich dir doch schon erzählt. Das ist doch unser Gärtner!«

»Ach, ja richtig! Jetzt entsinne ich mich.«

»Du musst dich doch richtig freuen, wenn du mein Vater wirst«, meinte Josse naiv. »Guck mich mal an! Ich bin schon mächtig groß. Und arbeiten kann ich auch schon. Massig! Im Heim tu ich bloß immer nur so. Wenn die also sagen, ich sei faul, dann ist das nicht wahr. Ich meine, dort arbeite ich nicht gem. Aber wenn du mein Vater wirst, dann arbeite ich ganz doll, Ehrenwort!«

Die Augen des Jungen schauten ihn so treuherzig an, dass Martin unwillkürlich lächeln musste.

»Du bist wirklich ein komischer Vogel, Kleiner. Wie heißt du eigentlich?«

»Ich heiße Josse Dienstag. Dienstag, weil ich an einem Dienstag geboren wurde, sagte Schwester Danuta.«

»Josse, komischer Name. Hab’ ich noch nie gehört«, brummte der junge Mann durch die Nase.

»Richtig heiße ich Josef. Aber das ist nur ein Name für Opas und Heilige. Und da die Nonnen mich nicht umtaufen wollten, hab’ ich mich selbst umgetauft, mit Spucke.«

Martin lachte schallend. Der Kleine war wirklich ein Original, und ein goldenes Herz besaß er wirklich. Aber leider konnte man so etwas nicht in klingende Münzen umsetzen.

»Wie heißt du denn?«

»Ich heiße Martin.«

»Und weiter?«

»Adam!«

Josse riss erstaunt seine Augen weit auf. Die Schwestern erzählten den Kindern jeden Tag etwas aus der Bibel, und so war der kleine Kerl wohlbewandert.

»Bist du der erste Mensch?«, fragte er flüsternd.

»Nein, ich heiße nur so. Der richtige Adam, weißt du, der ist schon schrecklich lange tot.«

»Aber das war doch bestimmt dein Vater, nicht wahr?«

Martin nickte lachend. Antworten konnte er im Augenblick nicht, und das hätte auch keinen Zweck. So, wie er den Burschen kannte, würde er noch heute Abend herumfragen. Solange der Junge hier war, konnte er nicht arbeiten. Er musste noch ein paar Ersatzteile aus der Innenstadt besorgen. Bei dieser Gelegenheit konnte er den Jungen auch wieder im Heim abliefen.

»Josse Adam klingt schön«, sagte der Bub.

Martin sagte: »Möchtest du in meinem Auto fahren?«

»Wirklich? Ehrenwort? Du flunkerst auch nicht? Martin, du bist wirklich ein klasse Vater.« Fest schlug er in dessen Hand ein.

»Warte hier, rühr mir aber nichts an! Ich bin gleich wieder da. Muss mich nur umziehen und ein wenig waschen.«

»Mich stört Dreck nicht«, grinste Josse ihn an.

»Das glaub ich dir aufs Wort«, war die Antwort.

Wenig später saß ein glückseliger Josse im Auto und konnte vor Freude kaum stillstehen. Er wusste gar nicht, was er zuerst bewundern sollte: das Autoinnere oder die vorbeiflitzenden Häuser und Leute. Als sie zum Großhandel für Autoteile kamen, blieb er brav sitzen und sah den Leuten auf dem Vorplatz zu, die einen Lastwagen entluden. Nun war er schon so lange auf und hatte sich noch keine Sekunde gelangweilt, was im Heim aber ständig der Fall war - und besonders in der Zeit, wenn die Großen entweder in der Schule waren oder über ihren Hausaufgaben brüteten, wobei er sie nicht stören durfte. Getan hätte er es bestimmt, aber Schwester Emmy führte die Oberaufsicht. Sie saß mit einem Strickzeug im gleichen Zimmer und hatte wie eine Eule ihre Augen überall.

Ein neuer Kunde kam auf den Platz. Auch er hatte einen Jungen bei sich. Dieser stieg aus und spazierte im Hof hin und her. Natürlich hatten diese beiden kein so schönes Auto wie Martin Adam. Und als der Junge näherkam, fuhr Josse ihn sofort an: »Fass bloß nicht das Auto meines Vaters an, sonst kriegst du Kloppe von mir!«

»Phhh«, machte der fremde Junge. »Wenn ich will, bewerf ich ihn sogar mit Steinen.«

»Dann reiß ich dir ein Ohr ab!«, kreischte Josse zurück.

Martin kam aus dem Lager zurück und wollte wissen, was der Kleinkrieg bedeutete.

»Er wollte dein Auto mit Steinen bewerfen, und da hab’ ich ihm gesagt, ich würde ihm ein Ohr abreißen.«

»Bist du immer so rabiat?«

»Was heißt rabiat?«

Doch Martin brauchte ihm dies Wort nicht mehr zu erklären. Ehe sich Josse nämlich versah, standen sie schon vor dem Waisenhaus. Die Tür ging auf und Schwester Danuta, ziemlich aufgelöst, kam herausgelaufen.

»Mein Gott, da ist er ja wieder! Lieber junger Mann, ich bin Ihnen von Herzen dankbar, dass Sie uns den Ausreißer zurückbringen. Schwester Emmy und ich wollten gerade die Polizei benachrichtigen.«

»Wirklich?«, sagte Martin und schaute Josse spöttisch an. »Habe ich es nicht gesagt?«

»Diese verdammte Klatschtante hat mal wieder gepetzt«, sagte Josse verächtlich.

Bevor er aber noch viel mehr sagen konnte, hatte die Nonne ihn am Kragen gepackt und ins Haus geschoben.

 

 

4

Josse rannte den Gartenweg hinunter. Es war immer noch der gleiche Tag. Bertram kam aus den Johannisbüschen hervor, und sagte: »Hast du es so eilig, deine Strafe abzuarbeiten?«

»Ich muss nicht brummen«, sagte Josse. »Ich komme, um dir ein Geheimnis anzuvertrauen.«

»Nein, wirklich? Dann komm mal mit nach hinten! Ich habe da in meiner Jackentasche ein paar Sahnebonbons. Vielleicht magst du welche?«

»Bertram, du bist der beste Mensch«, sagte Josse mit Überzeugung.

Der alte Mann grinste: »Schieß mal los. Was hast du denn angestellt?«

Details

Seiten
113
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931105
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496173
Schlagworte
josse liebling schrecken nonnen

Autor

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Titel: Josse, Liebling und Schrecken der Nonnen