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Der Baron #10: Frühstück nach Art des Hauses

2019 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #10: Frühstück nach Art des Hauses

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Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

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Der Baron #10: Frühstück nach Art des Hauses

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Gerade noch rechtzeitig kommt Alexander von Strehlitz – genannt der Baron – hinzu, als der Film- und Fernsehproduzent Mario Callini über das hübsche Starlet, das sich für eine kleine Rolle beworben hat, herfallen will. Der Baron – ganz Gentleman – nimmt sich des Mädchens an und bringt es in Sicherheit. Callini ist jedoch ein mächtiger Mann in Rom, mit Kontakten zur Polizei und Mafia, der so etwas nicht vergisst. Er schwört Rache, weil von Strehlitz ihm dazwischenfunkte. Aber der Baron macht sich einen Spaß daraus, dem schwergewichtigen Callini immer einen Schritt voraus zu sein und ihn zum Gespött der Leute zu machen ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissaboner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt, anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen ... der Baron und seine Crew.

 

 

1

Er war in den sogenannten besten Jahren, und sein gutes Leben hatte ihn gerundet wie ein Stück Hefe den Teig. Feist und behäbig thronte er in seinem Ledersessel, eine dicke Brasil zwischen den Fingern der Linken, ein Glas Portwein in der Rechten. Sein Blick konzentrierte sich auf die junge Dame, die sein kostbar im Louis-XVI-Stil eingerichtetes Zimmer verschönte. Sie war um die Zwanzig, dunkel, etwas blass, schlank und rank, mit Augen wie ein Reh und Lippen wie der Kelch einer Blume. Und sie war Schauspielerin.

Ihr Kleid wirkte schlicht, wenn auch etwas kurz, aber die Beine, die darunter herausschauten, konnten die Kürze vertragen. Sie zu verbergen, wäre eine Sünde gegenüber allen Männern gewesen.

„Also, Signorina, die Rolle ist noch frei“, sagte der Dicke. „Aber ob Sie die bekommen ... hm ... das kommt eben noch darauf an.“

Sie nickte. Es war mehr die Andeutung eines Nickens. Darin lag all die aufgespeicherte Hoffnung, lag die Furcht, abgewiesen zu werden, entstanden aus wochenlanger Not in einer Zeit ohne Engagement, ohne eine Lira Honorar, eine miese Zeit, die Sabine Perkas nicht verlängert wissen wollte.

Der dicke Mario Callini musterte sie, zog sie schon mit seinem Blick aus. Die Zigarre in seiner Linken dampfte. Dann trank er mit einem Ruck den Portwein aus, stellte das leere Glas hart auf den Tisch und sagte: „Ich muss wissen, wie Sie gebaut sind. Ziehen Sie sich aus! Pronto!“

Das Mädchen wurde noch blasser. „Aber Signore Callini, ich ... ich will das nicht. Ich bin ein anständiges Mädchen und ...“

Er lachte schallend, als hätte sie einen guten Witz gemacht. Sie wurde rot vor Scham, und er lachte immer noch. „Anständiges Mädchen!“, wiederholte er unter Lachanfällen, bei denen sich sein Gesicht wie der Krebs im kochenden Wasser verfärbte.

Plötzlich wurde er ernst: „Also, ausziehen oder verschwinden! Ich kaufe keine Katze im Sack, verstanden?“ Sofort wurde er wieder freundlich und sagte schleimig sanft: „Es ist doch nichts dabei, Kind. Ich sehe am Tage Dutzende von nackten Mädchen, muss sie sehen. Als Fernsehproduzent kann ich mich davor nicht drücken. Ihre Rolle verlangt ein tadellos gebautes Mädchen. Also, mach dich endlich frei! Los, ich will sehen, was an dir dran ist!“

Sabine dachte an die längst überfällige Miete für ihr Zimmer, an den leeren Schrank, an den Hunger, den sie wirklich nicht mehr nur der Schlankheit wegen empfand, an die Rechnung beim Kaufmann ... und sie dachte auch an die Chance, die sie sich von der Rolle bei Callini versprach. Eine kleine Rolle, gewiss, aber doch wieder etwas Geld, etwas Dabeisein, etwas Kontakt zu Leuten vom Fernsehen und deshalb vielleicht das ersehnte Sprungbrett, auf das sie seit ihrer Ankunft in Rom so hoffte.

Sie schloss die Augen. Ich muss es tun, dachte sie. Ich muss es, wenn ich hier nicht zugrunde gehen will!

Ihre Finger glitten zum Reißverschluss des Kleides. Sie zog ihn auf, aber da hörte sie die schlurfenden Schritte des Mannes auf dem Teppich. Als sie die Augen öffnete, kam er auf sie zu, die Zigarre im Mundwinkel, ein sattes Grinsen um die wulstigen Lippen.

„Nun hab dich nicht, Kleines! Du bist doch hübsch. Zeig dich mal!“, sagte er, und ihr wurde bald übel beim Klang seiner widerlichen Stimme.

„Nein!“, sagte sie heftig und zog den Reißverschluss mit einem Ruck wieder zu. „Nein! Ich bin kein Flittchen, das sich einfach so auszieht.“

Er lachte diesmal nicht, sondern starrte sie gierig an. „Stolz?“ Er grinste breit, griff in seine Innentasche und brachte ein paar Banknoten zum Vorschein. „Sieh dir das mal an! Immer noch stolz?“

Sie zitterte vor Zorn, aber sie brachte es nicht fertig, einfach wegzulaufen. Allein dieser Termin, nur das Vorstellen bei Callini war nicht einfach gewesen. Und jetzt, da sie vor ihm stand, war alles umsonst. Mein Gott, dachte sie, Tausende von Mädchen sind in meiner Situation gewesen, die meisten haben sich gar nichts gedacht und die Moral einfach Moral sein lassen und auf die Pille vertraut. Das ist es doch, das will er, nichts sonst. Warum bin ich anders? Warum habe ich da Hemmungen?

Er stand plötzlich vor ihr, steckte ihr die Geldscheine in den Brustausschnitt, und bevor sie überhaupt reagieren konnte, hatten sich seine feisten Wurstfinger um ihre Hüfte gekrallt. „Na, herrlich bist du gebaut, mein Schatz. Geradezu herrlich!“

Sein Zigarrenatem wehte ihr ins Gesicht. Ihr Widerstand wuchs. Sie spürte, wie sich ihre Muskeln versteiften, wie sich alles in ihr gegen diesen Mann sträubte.

Er ließ sie wieder los, legte seine Zigarre weg und kam erneut auf sie zu. „Komm, mein Kleines, du brauchst dich nicht auszuziehen. Ich ziehe dich aus. Oh, ich mache das so zart, und noch nie ...“

„Bleiben Sie mir vom Leib!“, schrie sie ihn an. Mit einem Ruck warf sie sich herum und stürzte auf die Tür zu.

Der dicke Callini kam ihr langsam nach. Als sie die Tür erreicht hatte und sie aufmachen wollte, war sie verschlossen. Sie rüttelte am Griff, schlug gegen die Füllung und schrie: „Aufmachen!“ Callini lachte schallend und ging so langsam und so sicher weiter, als könnte ihm niemand mehr sein Opfer streitig machen.

Sabine warf sich herum, presste den Rücken gegen die Tür und starrte entsetzt auf Callinis Hände, die sich ihr wie die Klauen eines Raubtieres entgegen streckten.

„Du kleine Närrin, es nützt dir doch nichts! Wen Callini hat, den hat er. Du bekommst eine feine Rolle, bekommst feines Geld und wirst es bei Mario Callini gut haben. Weil du mir nämlich gefällst, du kleine Kratzbürste. Und nachher, da wirst du ganz zufrieden sein, weil es sich gut bei Mario Callini lebt. Sehr gut!“

„Lassen Sie mich hinaus! Rühren Sie mich nur nicht an!“, schrie Sabine entsetzt.

Er lächelte siegesgewiss. „Anrühren? Ich brauche dich doch jetzt nicht anzurühren, du Dummchen. Du wirst freiwillig kommen, Kleines. Ganz freiwillig. Na? Immer noch wild und streitsüchtig?“

Sie bebte und zitterte wie ein Rehkitz, das im Netz hängt. „Was Sie da machen, ist Freiheitsberaubung! Ich will hinaus! Ich schreie das Haus zusammen!“

„Die Türen und die Wände sind schalldicht, Kindchen. Niemand hört dich, niemand kommt herein. Ich habe meine Sekretärin weggeschickt. Wir sind ganz unter uns, mein Kind.“ Er drehte sich völlig überraschend um und kehrte zu seinem Sessel zurück, ließ sich hineinfallen, schenkte sich aus der Flasche Portwein ein und trank, als sei der Fall für ihn erledigt. Dann brannte er seine erloschene Zigarre an und beobachtete Sabine, die noch immer ratlos an der Tür lehnte.

„Wollen Sie mich nicht hinauslassen?“, fragte sie gepresst.

Er lächelte. „Willst du die Rolle wirklich nicht? Denk doch mal nach: hundertsiebzigtausend Lire sind doch kein Dreck. Du hast Schulden. O ja, ich weiß Bescheid. Mädchen wie du haben meist Schulden, wenn sie zu mir kommen. Und Hunger hast du. Dir werden jetzt schon die Knie weich. — Komm her, Kind, setz dich, und dann reden wir über alles. Du wirst sehen, es kommt etwas dabei heraus.“

Sie kam nicht. Und ihr Widerstand, ihre Zurückhaltung machten ihn fast verrückt. Er war gewohnt, dass sie sich auf Kommando auszogen, einer winzigen Rolle zuliebe, und das hing ihm zum Halse heraus. Er war auch gewohnt, dass sie ihm zu gefallen suchten, ihn umwarben, obgleich sie ihn so abstoßend finden mussten wie er sich selbst, wenn er vor dem Spiegel stand. Aber diese da, die war anders — stolz, scheu und spröde. Es reizte ihn. Es machte ihn von Minute zu Minute mehr verrückt nach Sabine. Er war gewohnt, das zu bekommen, was er wollte. Irgendwann. Und er wollte sie haben, wie er so vieles im Leben hatte haben wollen und sich zu irgendeinem Zeitpunkt auch genommen hatte. Er, der Film- und Fernsehproduzent Mario Callini. Als Zeitungsjunge hatte er in Neapel angefangen, dann hatte ihn die Nachkriegszeit hochgespült wie ein Stück Holz im Strudel. Ein paar unsaubere Geschäfte waren der Start gewesen, aber wer fragte heute schon danach. Jetzt besaß er Geld, viel Geld. Und er hatte mächtige Freunde, die ihn gut gebrauchen konnten, den Fernsehmann, der auch einem Politiker nützlich zu sein wusste. Oder einem hohen Beamten. Einem Staatsanwalt vielleicht oder einem Polizeichef, denn ein Mann hatte seine Freunde. Eine Hand wusch die andere in Callinis Bekanntenkreis. Was wollte da so ein kleines Mädchen ausrichten? Würde sie es wagen können, irgendwo zu behaupten, der Produzent Callini wäre ihr zu nahe getreten? Auslachen würde man sie, ja, auslachen!

„Bitte, lassen Sie mich gehen!“, bat Sabine.

Da erhob sich Callini wieder. Und jetzt sah er gar nicht mehr so weich, so aufgeplustert und so schlaff aus. O nein, Callini hatte auch harte Jahre in seiner Jugend erlebt. Er war nicht so schlaff und so wabbelig, wie er aussah. Und er war es schon gar nicht, wenn er etwas so sehr begehrte wie dieses spröde Mädchen aus dem Norden.

Er ging mit hängenden Armen auf sie zu. Wie ein Bär wirkte er, aber wie ein gefährlicher Bär. Und Sabine spürte, dass er gefährlich war, sie spürte es so sehr, dass es ihr die Kehle zuschnürte, als hätte er seine dicken Finger schon darum gelegt, um sie zu würgen.

Aber das wollte er gar nicht. Er wollte etwas anderes, und er war besessen von dem Gedanken, sie drüben auf der Couch liegen zu haben.

Er stand plötzlich vor ihr, und diesmal fuhren seine Hände blitzschnell nach vorn, ergriffen ihre Schultern, packten ihr Kleid, und dann riss er mit einer Kraft, die sie nie bei ihm erwartet hätte, das Kleid mit einem Ruck herunter.

Sie schrie, schlug nach ihm, stieß ihm ihre Fäuste ins Gesicht, aber er lachte nur und umklammerte ihre Arme mit eisernem Griff. Selbst als sie ihm das Knie in den Leib stoßen wollte, lachte er nur und riss sie herum, dass sie zum ersten Male spürte, wie stark er war.

„Hilfe!“, schrie sie, und er lachte dazu.

Sie kratzte, biss, trat, aber er hatte sie plötzlich so fest am Haar gepackt, dass der Schmerz sie überwältigte und ihr Schreien in wehleidiges Wimmern umschlug.

In diesem Augenblick gab es einen Knall, und die Tür flog auf. Sie schlug bis hinten an die Wand, dass es noch einmal krachte.,

„Lassen Sie das Mädchen los!“, sagte eine sonore Stimme. „Lassen Sie sie los, Sie erbärmlicher Schuft!“

Sabine fühlte sich zur Seite gestoßen, strauchelte und stürzte über den Rand des Teppichs zu Boden. Als sie aufsah, entdeckte sie einen großen, breitschultrigen Mann mit dunklen, an den Schläfen leicht melierten Haaren. Sie sah sein von der Sonne tief gebräuntes Gesicht, die hellgrauen Augen und das scharf gezeichnete Kinn. Er trug einen grauen Straßenanzug, aber er hätte selbst in Lumpen wie ein vollendeter Gentleman gewirkt.

„Der Baron!“, hörte sie Callini keuchen. „Zum Teufel, was suchen Sie hier?“

Der Mann in der Tür lächelte kalt. Es war, als betrachte ein Tiger sein Opfer. Sabine wandte den Kopf und sah entsetzt auf Callini, der neben seinen Schreibtisch getreten war und einen dolchartigen Brieföffner in die Rechte nahm.

„Ich habe gefragt, was Sie hier suchen? Wer hat Sie eingelassen?“, brüllte .Callini.

„Callini, Sie kleiner Schmutzfink, dafür werden Sie geradestehen müssen! Legen Sie diesen Scherzartikel aus Ihrer Hand, Callini!“ Der Mann, den Callini Baron genannt hatte, kam auf Sabine zu, streckte ihr die Hand entgegen und sagte aufmunternd: „Stehen Sie auf, Signorina! Er tut Ihnen bestimmt nichts mehr!“

Callini atmete hörbar und fauchte heiser: „Baron, dafür zerbreche und zertrete ich Sie! Und Sie machen gar nichts, absolut rein gar nichts! In Rom, das merken Sie sich, haben Sie ausgespielt. Niemand stört meine Kreise, niemand!“ Seine Stimme überschlug sich, als er diese Drohung aussprach, doch der Baron lächelte nur. Als befände man sich auf einem Ball oder sonst einer Gesellschaft, sagte er förmlich zu Sabine: „Strehlitz, wenn Sie erlauben.“ Dann half er Sabine auf. Als sie neben ihm stand, wurde ihr fast schlecht, so sehr hatte sie der Hunger der letzten Wochen und das Geschehen der letzten Minuten zermürbt. Sie taumelte etwas und wurde von Baron Strehlitz gehalten.

„Kommen Sie“, sagte er sanft, „dies ist kein Platz für Sie, und dieser Herr dort ebenso wenig ein Umgang für Damen.“

Callini kam, den Brieföffner schwingend, auf sie beide zu. „Ich bringe Sie um, Sie arroganter Mensch!“, schrie er mit überschnappender Stimme.'

Der Baron sah ihn an, fixierte ihn so fest, dass Callini stehen blieb. Und dann ging er unter diesem Blick sogar rückwärts bis zum Schreibtisch. Der Baron folgte ihm und sagte: „Sie kleiner widerlicher Schurke. Sie haben gebettelt und gefleht, dass ich Ihnen den Expeditionsfilm gebe, den ich gemacht habe. Ich hätte womöglich heute eingewilligt. Aber nun bin ich froh, Callini. Froh, dass ich nun weiß, an wen ich da geraten wäre. Sie kleines Stinktier! Mehr sind Sie wirklich nicht.“ Der Baron ging zu Sabine, fetzte im Vorbeigehen eine Gardine vom Fenster herab und hüllte Sabine, die ohne Kleid stand, damit ein. Dann sagte er beruhigend: „Kommen Sie, wir gehen!“

Als sie schon aus der Tür waren, kreischte Callini hinter ihnen schrill: „Ich mache Sie fertig, Baron, fix und fertig. Und dieses Mädchen bekommt in ganz Rom kein Stück Brot mehr! Dafür sorge ich! Ja, ich mache euch beide fertig! Ich bin mächtig. Ihr werdet euch wundern!“

Der Baron schlug die Tür des Vorzimmers zu, aber selbst dann hörten sie auf dem Flur noch die wilden Drohungen Callinis.

Zitternd vor Angst fragte Sabine: „Wird er tun, was er sagt?“

„Wir werden das ja sehen, aber sorgen Sie sich nicht, ich passe schon auf Sie auf.“

Sie stiegen in den Lift und fuhren nach unten. Es war ein großes Geschäftshaus, jetzt um diese späte Nachmittagsstunde allerdings schon von den meisten Büroangestellten verlassen. Auch Callinis Etage war wie ausgestorben gewesen, als der Baron mit Sabine zum Lift gegangen war. Doch dann, als sie unten die Tür zum Lift aufstießen, sahen sie die Menschen wie eine Wand. Der Pförtner, zwei Männer in Chauffeurskleidung und ein halbes Dutzend anderer Männer. Sie standen dicht an dicht im engen Gang zum Ausgang, sahen den Baron drohend an, der Pförtner sagte heftig: „Hier kommen Sie nicht durch, Signore! Hier bleiben Sie, bis die Polizei kommt. Ja, Signore Callini konnte noch rechtzeitig anrufen. Mit Räubern machen wir kurzen Prozess. Das war ein alter Trick, den Sie angewendet haben. Erst ein Mädchen, das sich auszieht und dann der Überfall! Haha, aber nicht bei uns in Rom!“

„Aber das ist doch nicht wahr!“, schrie Sabine, bevor der Baron etwas sagen konnte. „Callini wollte über mich herfallen, und der Herr hier hat mir gerade noch rechtzeitig ...“

Die Männer im Gang lachten wie auf ein Kommando. „Das erzählen Sie mal der Polizei!“, rief der Pförtner lachend, als hätte er noch keinen besseren Witz gehört. „Die lacht sich kaputt, wenn sie solchen Unsinn hört.“

Der Baron lächelte wieder, wie er gelächelt hatte, als Callini auf ihn losgehen wollte. „Treten Sie mal hinter mich“, sagte er leise zu Sabine. „Das Problem lösen wir schnell.“

Der Baron griff in die Westentasche, zog eine kleine Trillerpfeife heraus und stieß damit zwei starke und durchdringende Pfiffe aus. Im Flur vor dem Fahrstuhl hörte sich das an wie auf einem Bahnhof, wenn eine Lokomotive schrill pfeift. Die Männer, die noch immer wie eine Mauer standen, sahen unruhig und verständnislos auf den Baron.

Hinter ihnen war die Tür zur Straße geschlossen, aber es handelte sich um eine Glastür, über der die Belüftungsklappen geöffnet nach draußen geklappt waren. Durch diese Öffnung mussten die Pfiffe bis auf die Straße dringen.

Als ahnten sie etwas, drehten sich drei der hinten stehenden Personen um und blickten zur Tür. Dort tauchten plötzlich zwei Männer auf. Der eine groß und breit mit einem Nacken wie ein Stier. Der andere drahtig und schlank, mittelgroß und mit einem von vielen Boxkämpfen gezeichneten Gesicht. Die Tür wurde von dem Hünen aufgestoßen, dann waren sie beide im Gang, während die Tür langsam wieder zuschwang.

„Schwierigkeiten, Meister?“, rief der drahtige Mann von der Tür her.

„Pack sie nicht zu hart an, Le Beau, es sind lauter herzig-liebe Menschen!“, erwiderte der Baron ironisch.

Und da legte Le Beau, der drahtige Mittelgewichtler, schon los. Hinter ihm stieß des Barons stiernackiger und bulliger Chauffeur James nach, und alles ging so schnell, dass binnen Sekunden Männer brüllten, ein Gewirr um sich schlagender Männer entstanden war, in dem der Baron Sabine gelassen ins Freie bringen konnte, ohne dass ihn jemand daran hinderte. Das Durcheinander war so komplett, dass Männer miteinander rangen und sich schlugen, die vorher noch auf einer Seite gestanden hatten, um dem Baron den Weggang zu versperren. Im Trubel konnten viele Freund und Feind nicht mehr unterscheiden. Als sie es endlich begriffen, war die Haustür verschlossen, und weder vom Baron, dem Mädchen noch von seinen beiden Helfern gab es die geringste Spur. Alle vier waren weg.

 

 

2

Der Bentley des Barons rollte nahezu lautlos durch die Straßen. James, eben noch im Handgemenge erfolgreich gewesen, wirkte hinter dem Steuer, als könnte er kein Wässerchen trüben.

Hinten im Fond saßen der Baron und Le Beau, zwischen sich Sabine, die noch ganz aufgelöst vor Aufregung war.

Als wäre überhaupt nichts weiter passiert, sagte der Baron lächelnd: „Der Bursche neben ihnen, Fräulein, ist mein alter Freund Michel Dupont, den wir Le Beau nennen, weil er so unerhört schön ist.“

Le Beau verzog das Gesicht, das nie schön gewesen sein konnte, und Sabine lachte leise.

„Ich danke Ihnen, Monsieur Dupont“, sagte sie und sah ihn aus großen Augen an.

Le Beau, den Frauen noch nie abhold gewesen, besonders nicht so hübschen wie Sabine, erwiderte kess: „Meine Qualitäten liegen nicht im Äußeren, Fräulein. Aber ich bin ganz sicher, dass Sie bald Gelegenheit finden, das selbst nachzuprüfen.“

Sie vergaß das Erlebte für ein paar Minuten, lachte mit Le Beau, der sich in seinem Fahrwasser fühlte und mit ihr lebhaft Süßholz raspelte. Der Baron tat, als ginge ihn das alles nichts an, schob die Glasscheibe zurück, die James von ihm trennte und sagte: „James, wie ich Callini einschätze, wird er die Polizei auf uns hetzen. Fahren wir deshalb ins 'Royal' und nicht in mein Hotel zurück. Wir rufen Miss Lester von da aus an.“

Er wandte sich Sabine zu. „Wollen Sie in Rom bleiben?“

„Ich werde müssen“, erklärte Sabine und wurde wieder ernst.

„Niemand muss müssen“, behauptete Le Beau und sah Sabine verliebt an wie ein übermütiger Junge. „Unser Herr und Meister ist bestimmt bereit, Ihnen zu helfen, wie sich das für einen Freiherrn von altem Adel gehört.“

Sabine blickte den Baron überrascht an, doch der winkte ab. „Ist nicht so wichtig, Fräulein Perkas.“

„Er hat recht“, stimmte Le Beau spöttisch zu. „Seinen ganzen Namen auszusprechen, ist schon eine Last: Freiherr von Strehlitz; in der Zeit trinke ich drei Espresso leer. Wer ihn kennt, unseren verehrten Meister, nennt ihn Baron. Ganz große Ausnahmen, und ich bin natürlich eine, dürfen ihn beim Vornamen nennen. Er heißt Alexander.“

„Es reicht jetzt, Le Beau!“, knurrte der Baron.

Der Wagen hielt, und James sagte: „Das 'Royal', Chef.“

„Fahren Sie den Wagen in die Garage zu Bardolini, wir brauchen ihn heute nicht mehr. — Le Beau, du bringst Fräulein Perkas in die Hotelbar; ich komme später, wenn ich telefoniert habe. — James, Sie kümmern sich um Fräulein Perkas’ Gepäck. — Wo wohnen Sie, Fräulein Perkas?“

„Aber ... aber ich ...“ Sabine wurde verlegen. Sie bewohnte ein mieses Zimmer, weit draußen in einer Vorstadt, die Wirtin würde auch die rückständige Miete fordern und ... Etwas erschrocken sagte sie: „Ich bin etwas in Schwierigkeiten und habe ...“

„Ich verstehe“, erwiderte der Baron. „Wie viel brauchen Sie?“

„Aber das geht doch nicht!“, protestierte Sabine.

Le Beau legte ihr die Hand beschwichtigend auf den Arm. „Es geht alles. Sagen Sie nur, wie viel Sie brauchen!“

Sie sträubte und zierte sich, sodass der Baron kurz angebunden zu James gewandt erklärte: „Ich gebe Ihnen hunderttausend Lire mit, das wird ja wohl reichen.“ Und damit drückte er James ein Päckchen Geldnoten in die Hand. „Nehmen Sie den Kombi. Ich hoffe, sie hat nicht allzu viel Gepäck. Und passen Sie mir gut auf sie auf!“

 

 

3

Es war schon dunkel auf den Straßen, die Neonbeleuchtung brannte wegen des Streiks der Elektrizitätswerke nicht. Abgesehen von Notbeleuchtungen in den Hauptstraßen lag Rom im Dunkel. Im Royal-Hotel hatte man Petroleumlampen und Kerzen ausgeteilt. In der so im Schummerlicht liegenden Bar erhöhte das nur die gute Stimmung der Anwesenden.

In einer Nische, die eigentlich für verliebte Paare bestimmt war, saßen der Baron, Le Beau und eine schlanke, dunkelblonde Frau, die wohl infolge ihrer Brille etwas streng wirkte. Maud Lester war für einige Zeit die Sekretärin des Barons, hatte früher als Journalistin bei der „Daily Mail“ viel Erfolg gehabt und galt selbst unter den ehemaligen routinierten Kollegen als Frau mit Pep. Sie war hübsch, klug und mutig. Ihr Organisationstalent hatte sogar den Baron oft genug verblüfft. Da Robert, des Barons eigentlicher Sekretär, Urlaub machte, half des Barons Freundin Maud Lester solange aus.

Maud Lester betrachtete ein kleines Notizbuch in ihren Händen und sagte: „Callini ist ein ziemlich kalter Bursche; er hat Beziehungen, sehr gute Beziehungen zur Mafia, ebenso zur Polizei, zu den Politikern und verschiedenen sehr einflussreichen Geschäftsleuten.“ Sie sah den Baron an. „Alexander, wenn du mit ihm Schwierigkeiten hast, werden wir den Expeditionsfilm nicht in Italien verkaufen. Aber unserer Kasse täte ein Verkauf sehr gut.“

„Dann verkaufen wir ihn woanders“, erwiderte der Baron und trank seinen Martini.

„Nicht so einfach.“ Maud Lester blätterte in ihrem Büchlein. „In Deutschland, Belgien, Holland und Frankreich ist das schon im Fernsehen gelaufen. In den Ostblockstaaten haben wir mit dem Film keine Chance, und in Spanien ist man uns deshalb sogar böse, weil im Film der Kolonialismus angeprangert wird. Spanien hat Kolonien, sodass dasselbe auch für Portugal gilt. England hat den Film bei BBC schon gebracht, als wir gerade zwei Wochen aus dem Urwald zurückgekommen waren, sodass nur noch die Skandinavier bleiben, doch die zahlen dafür nicht so viel wie die Italiener. Unser Bankkonto ...“

„Liebste Maud, nun hören Sie aber wieder auf!“, sagte Le Beau. „Mich interessiert viel mehr, wohin Sie das Mädchen geschickt haben?“

„Fräulein Perkas ist oben in ihrem Zimmer, bewacht von James.“

Le Beau sah den Baron überrascht an. „Warum James und nicht ich?“, fragte er verblüfft.

Der Baron lächelte. „Weil James vor dem Zimmer wacht, Le Beau. Da wäre ich bei dir nicht so sicher.“

„Glaubt ihr denn, dass dieser Callini es wagt, das Mädchen ...“

„Callini? Der wagt noch ganz andere Sachen.“ Maud Lester deutete auf ihr kleines Buch. „Ich habe seine Vergangenheit ziemlich lückenlos. In Neapel gab es einige krumme Sachen. Da war er noch im Obsthandel. Er hat sogar für die Mafia ein paar knallharte Dinger gedreht, die ihm aber nicht bewiesen werden konnten. Hier in Rom hat es mit Erpressung und dergleichen begonnen. Auch kein Beweis, obgleich die Polizei Ihm immerzu auf den Fersen war. Dann wechselte der Polizeichef, und Callini war auf einmal ein Ehrenmann. Ich würde sagen, er denkt sich noch eine Menge aus. — Was hast du vor, Alexander?“, wandte sie sich an den Baron.

„Angriff, hat irgendein General gesagt, ist die beste Verteidigung. Aber wir warten am besten doch seinen ersten Streich ab.“

In diesem Augenblick näherte sich ein Hotelboy mit einem Tablett. Er sah sich suchend um, entdeckte dann den Baron in der Nische und kam auf ihn zu. „Signore, ein Brief für Sie!“

Der Baron gab dem Jungen ein Trinkgeld und nahm den Brief. Er schnupperte an dem Kuvert und sagte: „Sieht aus wie der erste Streich. Das Kuvert riecht genau nach dem aufdringlichen Parfüm Von Callini.“

Er riss das Kuvert auf und zog eine Karte heraus. „Na bitte, was sage ich: eine herzliche Nachricht von unserem Freund. — Aha, ich habe es geahnt.“

„Was schreibt er?“, fragten Le Beau und Maud Lester zugleich.

„Schicken Sie das Mädchen mit einem Taxi zu meiner Wohnung Via Gardi zurück, und alles ist vergessen. Ein Freund.“

„Scherzbold!“, meinte Le Beau.

„Ich würde es nicht so leicht befinden“, mahnte Maud Lester.

„Nein“, bestätigte der Baron, „es ist eine erste Warnung, aber nicht zum Kapitulieren. Er weiß auf alle Fälle, wo er mich zu suchen hatte. Das sollten wir nicht ganz vergessen.“

„Abreisen?“, fragte Maud.

Der Baron lachte trocken. „Jetzt fängt es hier erst an, Spaß zu machen. Aber die Kleine muss weg. — Le Beau, eine Ehrenaufgabe für dich. Du bringst sie nach Wien. Jetzt.“

„Jetzt? Flugzeug?“

„Ja. Maud, organisiere ihm das. Wenn alles klar ist, bringt euch James zum Flugplatz. Ich werde indessen unseren Freund beschäftigen, damit er abgelenkt wird. — Le Beau, während sich Maud um die Flugangelegenheit kümmert, wirst du Sabine und James ohne Auffallen aus dem Zimmer nach unten holen. Es darf niemand beobachten.“ Er stand auf. „Maud, wenn alles klar ist, besteigen wir beide ein Taxi. Ich werde vorher auch noch telefonieren.“

Maud nickte ihm zu, trank aus und ging. Auch Le Beau hatte seinen Auftrag und verschwand. Der Baron zahlte, schlenderte in die Hotelhalle und betrat eine der drei Telefonzellen. In einer anderen stand bereits Maud. Als sich der Baron unauffällig in der Halle umblickte, die er von dem kleinen Zellenfenster übersehen konnte, entdeckte er drei kräftige Männer, die offenbar nichts anderes zu tun hatten, als in ihren Zeitungen zu lesen und auf etwas zu warten. Welchem Typ die drei angehörten, konnte sich der Baron denken. Er lächelte, hob den Hörer ab und warf ein paar Münzen in den Schlitz. Dann wählte er eine bestimmte Nummer. Eine Frauenstimme meldete sich:„Hier Kranbetrieb Pecia und Söhne ...“

„Maria, mein Herzblatt, bist du es?“

„Oh, Alexander ...“

„Maria, ich weiß, wie spät es ist. Aber es ist dringend. Kannst du einen von euren größten Baggern auf Fahrt schicken?“

„Kann ich, aber ...“

„Kennst du den Bungalow in der Via Gardi, den Bungalow von Callini?“

„Ja, aber ...“

„Dann schick den Bagger dorthin. Ich werde dort sein und den Leuten sagen, was sie zu tun haben. Sag ihnen, ein Ingenieur der Stadt erwartet sie.“

„Alexander, das kostet eine Menge Geld und ...“

„Ich komme dafür auf. Geht das klar?“

„Ja, nur ... also gut, auf deine Verantwortung, Liebster.“

„Du bist ein Schatz, Maria! Und beeile dich! In einer halben Stunde muss das Ding anrollen.“

„Ja, wir sind für Noteinsätze gerüstet.“

„Ihr seid Prachtmenschen!“

Der Baron legte auf, lächelte versonnen und dachte an die Schäferstündchen mit Maria. Nun ja, sagte er sich, jeder hat so seine Beziehungen. Callini dort, und ich eben da. Er wählte weiter. Das Fernsehen meldete sich.

„Hören Sie“, sagte der Baron, „ich muss mit Dr. Bernardi sprechen.“ Und als er den ihm bekannten Fernsehredakteur hatte, sagte er: „Wenn ihr einen Gag erhaschen wollt, dann schickt ein Team in einer Dreiviertelstunde zu Callinis Bungalow in der Via Gardi. Sie wissen, Doktor, dass ich Ihnen bisher immer gute Themen geliefert habe. Das ist auch eines.“

Dr. Bernardi versprach, seine Männer loszuschicken. Als er wissen wollte, was bei Callini geschehen würde, sagte der Baron: „In seinem Garten wird ein Schatz gehoben.“

„Wir kommen sofort!“

 

 

4

Als der Baron mit Maud das Hotel verließ, trug Maud ein Kleid von Sabine, hatte sich ein Kopftuch umgebunden und die Brille abgesetzt. Wer nicht in ihr gesenktes Gesicht blickte, hätte sie für Sabine halten können. Und das schienen auch die drei Männer anzunehmen, die über eine Stunde schon in der Hotelhalle gewartet hatten. Kaum waren der Baron und Maud draußen in ein Taxi gestiegen, lief der eine der drei in eine Telefonzelle, während die beiden anderen im Laufschritt das Hotel verließen und einen kleinen Zweisitzer bestiegen, der im Parkverbot stand und bereits mit einem roten Polizeiprotokoll an der Windschutzscheibe dekoriert war. Aber daran störten sich die beiden nicht, sondern versuchten das Taxi einzuholen.

Der Baron beobachtete durchs Rückfenster den sich nähernden Sportwagen. „Unsere Freunde sind schon unterwegs“, sagte er zu Maud. „Nimm das alberne Kopftuch ab, Maud. Damit siehst du aus wie eine Hexe aus dem Märchen. — Chauffeur, könnte Ihr Wagen eine Panne haben?“, wandte sich der Baron an den Taxifahrer.

„Könnte wohl, aber er läuft wie ein Uhrwerk.“

„Für tausend Lire würden Sie aber anhalten und mal nach dem Motor sehen, wie?“

Der Chauffeur, ein Mann mit breitem Bauerngesicht, drehte sich halb herum. „Wenn es Ihnen Spaß macht! Aber wozu?“

„Hinter uns fahren gute Freunde her, die wollte ich mal näher besehen.“

Der Chauffeur schien Sinn für Humor zu haben. „Gut, ich halte an.“

Er hielt, stieg aus, klappte die Motorhaube hoch und betrachtete sich seinen Motor. Hinten schoss der Sportwagen heran, bremste und blieb ein Stück hinter der Taxe stehen. Der Baron stieg nun auch aus, ging zu dem Sportwagen zurück und rief unbefangen: „Hallo, können Sie uns helfen? Unser Taxi hat eine Panne, und wir müssen dringend zur Via Gardi!“

Die beiden Berufs-Gorillas sahen sich grinsend an, blickten dann wieder auf den Baron, dann sagte der eine, der mit seinem Gesicht die Zierde jedes Verbrecheralbums gewesen wäre: „Und ob wir Ihnen helfen können, Signore. Sind Sie allein?“

„Leider nicht. Eine Dame ...“

„Ah, dann bleibst du eben hier, Guiseppe, ich bringe die beiden zu ihrem Ziel“, meinte der Al-Capone-Doppelgänger und machte eine herrische Geste zu seinem Beifahrer hin, das Auto zu verlassen. Dem anderen schien das aber wenig zu gefallen, doch er bequemte sich schließlich, mit saurem Gesicht auszusteigen.

„Ich hole die Dame“, sagte der Baron. „Vielen Dank im Voraus, liebe Freunde!“, rief er über die Schulter zurück.

Die beiden grinsten sich wieder an, und der mit dem Verbrechergesicht sagte leise: „Du kannst mit einem Taxi nachkommen. Besser konnte es gar nicht kommen!“

Indessen zahlte der Baron den Taxifahrer aus, und zwar so, dass der für das Geld den doppelten Weg hätte fahren können. Dem Manne war das recht, und er lächelte belustigt, als der Baron laut zu seiner Begleiterin sagte: „Diese beiden netten Herren bringen uns zur Via Gardi, das heißt, der eine Gentleman ist so freundlich, uns seinen Platz zu überlassen.“

Sie stiegen in den engen Sportwagen. Maud saß ganz außen, der Baron in der Mitte. Sie fuhren schon, als der Gorillamann einmal nach rechts sah, um sich die vermeintliche Sabine anzusehen.

Doch sie blickte nach außen, und er kam nicht auf den Trick. Dafür konnte der Baron mitten auf einer stark befahrenen Kreuzung den Zündschlüssel umdrehen und abziehen, sodass der Motor einschlief. Der Wagen rollte gerade noch über die Kreuzung. Der Baron sah den Gorilla an und fragte:

„Ist was kaputt?“

Der Al-Capone-Nachfolger griff zum Schlüssel, um wieder anzulassen, jedenfalls wollte er zum Schlüssel greifen, aber da war nichts.

„Hehe! Wo ...“

Da hatte Maud schon eine kleine Sprühdose aus ihrer Handtasche geholt und spritzte am Baron vorbei mitten ins überraschte Gesicht des Berufsschlägers. Der bekam die Tränengasladung mitten auf die Nase, und der Rest war so todsicher wie die Garantie es auf dem Etikett der Sprühdose verhieß. Dem Gorilla kamen die Tränen tiefsten Mitgefühls, er nieste, prustete und hustete, und der Baron konnte Maud aus dem Wagen helfen, ohne sich noch groß um diesen lieben Mitmenschen kümmern zu müssen.

Die Hustenanfälle übermannten den Gorilla so sehr, dass es ihm nicht einmal gelang, eine Verwünschung auszustoßen, obgleich er immer wieder dazu ansetzte. Er wischte sich in den Augen herum, sah offenbar nichts und wurde von Hustenanfällen geschüttelt. So erging es ihm noch, als der Baron längst ein Taxi herangewinkt hatte und mit Maud eingestiegen war.

„Ja, das hält eine Weile vor. Er wird uns sehr in sein Herz schließen, Alexander“, sagte Maud.

„Es geht eben nichts über eine tiefe Freundschaft. — Hallo, mein Freund, machen Sie keine Umwege!“, sagte der Baron zum Chauffeur. „Die Via Gardi ist nicht in Sizilien. Die nächste rechts, bitte!“

Als sie einbogen und die vornehme Villenstraße befuhren, ging dort gerade wieder das Straßenlicht an. Der Warnstreik der Elektrizitätswerke war vorüber. Aber noch mehr Licht sahen sie dort, wo Callinis Haus sein musste. Ein riesiger Bagger, der auf ein Lkw-Chassis montiert war, blockierte die Straße, und auf seinem Dach blinkte es aufgeregt. Männer liefen umher, stellten Barriereböcke auf und winkten näher kommende Autos in eine Seitenstraße.

„Was ist denn dort los?“, fragte der Fahrer.

„Keine Ahnung, aber fahren Sie ruhig bis dorthin, wir gehen den Rest zu Fuß“, erwiderte der Baron.

Drei Minuten später stand der Baron dem Leiter des Baggerkommandos gegenüber. „Ich bin der Ingenieur“, sagte er. „Gibt es Schwierigkeiten?“

Der Vorarbeiter rieb sich die Hände an seiner Lederjacke ab. „Der Kerl, dem das Haus gehört, hat herumgetobt und will uns nicht ins Grundstück lassen.“

„Keine Umstände. Ich sehe es mir an.“ Der Baron hatte Maud schon vorgeschickt. Sie kam ihm entgegen und drängte sich durch die Kette der Schaulustigen, die noch an Zahl zunahmen. Er nahm sie zur Seite und fragte: „Wie sieht es aus?“

„Das Haus hat vorn im Garten einen Swimmingpool. Da stehen Hecken rundherum. Callini springt auf seinem Grundstück mit einem Schrotgewehr herum und spielt verrückt.“

„Gut, das passt gut. Geh in die nächste Telefonzelle und ruf die Polizei an. Sag ihnen, hier müsste nach einem Kabelbruch gesucht werden, und der Hausbesitzer mache Schwierigkeiten.“

Maud ging, und der Baron suchte den Baggerführer. Als er ihn gefunden hatte, sagte er: „Es kommt gleich Polizei, die euch den Weg freimacht. Der Kabelbruch befindet sich unmittelbar vor dem Swimmingpool, gut vier Meter tief. Ihr müsst ungefähr zehn Meter parallel zum Swimmingpool alles auf drei Meter Breite freilegen.“

„In Ordnung, wird gemacht. Wer hat die Anweisung gegeben?“

„Das Baudezernat der Stadt.“

Der Baggerführer winkte seinen Leuten, dann kletterte er auf seine Maschine. In der Ferne heulte ein Polizeiwagen heran. Der Baron ging ihm entgegen, winkte, und der Wagen hielt. „Helfen Sie dem Einsatzleiter, seine Aufgabe zu erfüllen!“, sagte er. „Der Hausbesitzer macht Schwierigkeiten.“

Die Polizisten nickten eifrig und fuhren weiter. Kurz darauf waren sie bei Callini, der drohte, fluchte und von seinen Beziehungen sprach. Aber die Polizisten störten sich nicht daran, nahmen ihm seine Flinte weg, schoben ihn beiseite und winkten den Bagger ins Grundstück. Und nach weiteren zehn Minuten grub sich die riesige Schaufel ins weiche Rasenland.

Um diese Zeit fuhren Maud und der Baron bereits wieder in die Innenstadt zurück.

 

 

5

„Das war der Baron!“, schrie Callini vor Zorn, als er mit hochrotem Kopf in seinem Büro auf und ab ging. Es war morgens. Die Sonne Roms schien durch die Fenster des Bürohochhauses, und der Himmel strahlte in sattem Blau. Unten auf den Straßen wälzte sich ein hupender und immerzu brummender Verkehr entlang, die Tauben flatterten von einem Dach zum anderen, und ein Lautsprecherauto verkündete, wen man am nächsten Sonntag wählen sollte. Dazwischen plärrte blecherne Marschmusik.

Aber all das nahm Callini nicht wahr. Er sah auf die fünf Männer in seinem Zimmer, die wie aufgereiht auf den Stühlen hockten und betreten ihren Chef anblickten.

„Ich habe schon gehört“, sagte Callini aufgeregt, „dass er Spaß an solchen Schelmenstücken hat. Doch wozu habe ich euch?“

Sie schwiegen. Auch der mit dem Al-Capone-Gesicht schwieg. Ihm tränten noch immer die geröteten Augen, als wäre er in einen Trauerfall verwickelt.

„Wähnend ihr Idioten einen Bockmist nach dem anderen macht und euch wie kleine Anfänger von ihm ausschalten lasst, gräbt mir so ein blödsinniger Bagger meinen ganzen Garten um, und die Polizei steht noch dabei und passt auf, dass er auch tief genug paddelt. Indessen schafft der Baron dieses Mädchen aus dem Land und lacht sich halbtot. — Und das alles geschieht mir! Mir, dem Manne, der in dieser Stadt bestimmt, aus wem ein Star wird und aus wem nicht. Wozu, zum Teufel, habe ich euch? Wozu, frage ich? Ihr bekommt doch keinen Dreck dafür, dass ihr meine Arbeit erleichtern sollt. — Ricardo, wo ist der Baron jetzt?“

Ricardo war ein hagerer Mann, trug eine Brille und sah aus wie einer der vielen unterbezahlten Volksschullehrer in Rom. Sein billiger Anzug mit Nadelstreifen und die zerknautschte Krawatte rundeten diesen Eindruck noch ab.

„Er ist in seinem Hotel.“

„Wer gehört noch zu ihm?“, wollte Callini wissen. „Da war doch ein Weib!“

„Ja, es ist eine Engländerin, sie ist seine Sekretärin. Miss Maud Lester. Und dann der Chauffeur James. Der andere, dieser Dupont, hat die kleine Perkas weggebracht. Wohin, konnte ich nicht erfahren.“

„Hat es jemals etwas gegeben, das ihr rechtzeitig erfahrt?“, polterte Callini hochroten Gesichts. „Immer kommt ihr zu spät. Wie vorigen Monat mit den Amerikanern, die ihren Familienfilm unterbringen wollten. Obgleich ihr Idioten gewusst habt, dass wir es verhindern müssen, weil wir eigene Filme dieser Art anzubieten haben, hat keiner von euch einen Ton gesagt, und erst als die Amis mit ihrem Dreck im Geschäft saßen, da fiel es dir ein, Ricardo!“

„Signore Callini, es war ...“

„Ich will nicht wissen, was gewesen ist, sondern was jetzt ist!“, schrie Callini mit überschnappender Stimme. „Ist die Anzeige bei Advokat Brassin erstattet worden?“

„Ja“, erwiderte Ricardo.

„Na also, und wann wird die Polizei ausgeschlafen haben?“

Ricardo lächelte säuerlich. „Commandante Rossi sagt, es wäre dem Baron nicht nachzuweisen, dass er es war, der den Bagger angefordert hat. Und die Disponentin von der Baggerfirma sagt, dass jemand von der Stadt angerufen hätte, ein Bauingenieur.“

„Feine Polizei. Hast du denen denn nicht erklärt, wie er es gemacht hat? Das war doch ein billiger Bluff, und die Polizei müsste das doch inzwischen auch begriffen haben!“

„Die Polizei, sagt Commandante Rossi, braucht nur Beweise, keine Vermutungen. Sie haben den Leuten vom Bagger ein Foto vom Baron gezeigt, aber niemand hat bestätigt, dass dies der Mann sei, der ihnen den Auftrag zum Graben gegeben habe. Und der Baron hat ein Alibi.“

„Was hat er?“, fragte Callini verblüfft. „Ein Barkeeper und zwei Barmädchen haben gesagt, dass er bei ihnen in der Bar gewesen wäre, die ganze Zeit über.“ Callini drehte sich um und sah einen betagten Weißhaarigen an, der die ganze Zeit schweigend in einer Ecke gesessen hatte. „Pablo, was sagst du dazu?“

Der Alte, der aussah wie ein greiser Industrieller, lächelte. „Er bekämpft dich mit deinen eigenen Waffen, und er hat sofort damit angefangen, bevor du überhaupt fertig gedacht hast. Ich rate dir, lass die Sache auf sich beruhen. Du hast etwas mit diesem Mädchen angestellt, da bin ich sicher, auch wenn du es hier vertuschen willst. Aber der macht keine Anzeige, und du wirst das besser auch nicht tun. Blas die Sache ab, Mario, es ist besser! Du bist noch nie ein Mann gewesen, der mit solchen Burschen Glück hatte.“

Callini sah sich nervös um und knurrte seine fünf Leute an: „Geht nach draußen und wartet. Ich rufe euch gleich wieder herein!“ Als sie verschwunden waren, sagte er zu dem Alten: „Pablo, ich lasse mich nicht treten, von keinem. Er hat mich getreten. Ich trete zurück!“ In seinem Blick war plötzlich ein harter, brutaler Zug von Gewalttätigkeit. „Ich sage dir eines, Pablo: Morgen ist er ruiniert, erledigt, kaputt!“

„Und wie?“, fragte Pablo spöttisch.

Callini überhörte den Spott und schwor grimmig: „Ich habe einen Plan, einen wunderbaren Plan. Ganz Italien wird über ihn lachen!“ Er wandte sich zur Tür. „Ricardo! Kommt wieder herein! Es geht los!“

 

 

6

Maud Lester kam gegen elf Uhr am Vormittag abgespannt ins Hotel zurück. Le Beau, der von Wien zurückgekehrt war, begleitete sie.

Details

Seiten
123
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931051
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496107
Schlagworte
baron frühstück hauses

Autor

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Titel: Der Baron #10: Frühstück nach Art des Hauses