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Die schärfste Waffe

2019 158 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die schärfste Waffe

Copyright

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Die schärfste Waffe

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 158 Taschenbuchseiten.

 

Der nicht ganz eindeutig Selbstmord eine Industriellensohns ruft das FBI auf den Plan, denn eine junge Prostituierte soll daran beteiligt sein. Da der Fall die Grenzen überschreitet, wird es zu einem Fall für FBI-Agent Trevellian und seinen Partner. Keiner von beiden kann jedoch wissen, dass diese eigentlich harmlose Sache weite Kreise zieht, denn im Hintergrund zieht ein bekannter Gangster die Fäden. Er will den großen Coup landen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Willis Crawford ließ den Mercedes langsam ausrollen, damit sie nicht von der eigenen Staubwolke eingeholt wurden. Mit nachlassendem Tempo schien die Luft heißer zu werden. Beiderseits des Weges standen Eichen; dunkelgrün schirmte das Laub die Sonne ab. Das Licht blieb oberhalb des Waldes, doch die Hitze vervielfachte sich zum Boden hin und senkte sich als erdrückende Last in den offenen Wagen. Der Geruch von Baumharz war erstickend. Kein Windhauch regte sich.

Willis Crawford schwitzte mehr als sonst.

Rosanna beobachtete ihn. Wie hingegossen lag sie in dem Winkel zwischen Sitzlehne und Beifahrertür. Willis zog die Handbremse an und hob abwechselnd das linke und das rechte Bein, weil die Hose an seiner Haut klebte. Er zupfte ein Bündel Kleenex-Tücher aus der Packung und rieb sich von der Stirn bis zum T-Shirt ab, wie ein Boxer nach zehn Runden. Hastig zündete er sich eine Zigarette an, als brauchte er das Nikotin zum Überleben. Sein Atem rasselte.

»Was ist?«, fragte Rosanna lahm. »Was hast du?« Mit seinen einunddreißig Jahren war er ganz schön schlaff. Nur bei der einen Sache brachte er noch was zustande. Als ob er seinen ganzen Lebenswillen auf das Eine konzentrierte.

Er druckste herum, wich ihrem Blick aus, paffte hastig. Das Sprechen schien ihn zu viel Anstrengung zu kosten. Rosanna hatte keine Lust, zu warten, bis er endlich ein Wort rauskriegte. Interessant war sowieso nur, was er aus der Brieftasche zog, nicht, was er redete. Sie wandte sich nach hinten, nahm ein Glas und füllte es zur Hälfte mit Eiswürfeln aus der elektrischen Kühlbox. Den Rest der Luft im Glas beseitigte sie mit Kentucky Bourbon. Sie ließ sich zurück in den Sitzwinkel sinken.

»Wir machen es gemeinsam, Kleines«, sagte Crawford plötzlich mit einer solchen Feierlichkeit, dass er sich anhörte wie ein Priester beim heiligen Donnerwetter.

Rosanna setzte das Glas an und genoss es, wie der kalte Whisky ihren Hals heiß werden ließ. Sie schluckte noch einmal und sah ihren reichen Gönner an.

»Versteh ich nicht. Haben wir es jemals anders gemacht als gemeinsam?«

»Du weißt, wovon ich rede.« Das Feierliche in seiner Stimme vibrierte weiter. »Wir gehen gemeinsam in den Tod, Kleines.«

Sie starrte ihn an und kriegte den Mund nicht zu. Sie wusste, dass sie ziemlich einfältig aussah, wenn sie so baff war wie jetzt, im Augenblick war es ihr egal. Es gab ja keinen Zeugen. Außer Willis. Und der schien sie sowieso nicht zu sehen. Seine Augen sahen irgendwas, weit weg, was kein anderer sah.

Rosanna leerte das Glas in einem Zug und langte nach hinten, um nachzuschenken. Wenn sie mit ihm zusammen war, musste sie sich sowieso erst in Fahrt bringen. Jedes Mal. Nüchtern konnte sie das nicht ertragen. Sobald Willis aus den Klamotten stieg, war es das Beste, die Augen zu schließen und sich Supermann vorzustellen, wie der aus dem Trikot schlüpfte. Willis schleppte zwanzig Kilo Übergewicht und jede Menge Probleme mit sich herum.

Geld allein machte eben nicht glücklich.

Und nun war er auch noch durchgedreht.

Am Geld konnte das nicht liegen.

Jedenfalls schien dies der verrückteste heiße Septembertag ihres achtzehnjährigen Lebens zu werden. Was in den ersten drei Septembermonaten ihres Lebens gelaufen war, wusste sie natürlich nicht. Egal. So einen Tag im Indian Summer wie diesen hatte die Welt noch nicht gesehen.

Rosanna leerte das zweite Glas Kentucky Bourbon bis zur Hälfte. »Ich hab keine Ahnung, was du meinst, Will«, sagte sie so beiläufig wie möglich.

Er schien sie nicht gehört zu haben. »Wir werden uns noch einmal lieben«, sagte er, etwas leiser jetzt, und er betrachtete den Metallstern auf der Kühlerhaube, als sähe er ihn zum ersten Mal. »Ich habe es mir genau überlegt. Wir gehen auf diese Waldwiese mit dem langen Gras. Du weißt, wo die Bäume im Viereck steh’n, wie die Wände eines Zimmers.«

»Nur das Dach fehlt«, gluckste Rosanna. Sie hatte beschlossen, sich über seinen Schwachsinn lustig zu machen. Das war wohl das Beste. Ernst nehmen konnte man so was schließlich nicht. »Wenn ich mich im Freien ausziehe, fühle ich mich so nackt!« Sie prustete los, als hätte sie einen besonders gelungenen Witz erzählt.

Willis Crawford redete weiter mit dem Haubenstern. »Wir werden eins sein mit der Natur, und die Erde wird uns aufnehmen. Wir werden vereint sein, Kleines! Wir werden uns ein letztes Mal lieben und dann auf ewig zusammen sein. Weißt du, dass du der einzige Mensch warst, in dessen Nähe ich jemals Herzenswärme gespürt habe?«

»Ich bin noch immer da!«, protestierte Rosanna. Langsam wurde ihr komisch im Kopf. Wenn er nicht bald aufhörte, so predigermäßig zu reden, konnte ihr wirklich ganz anders werden. »Und ich denke nicht daran …«

Er unterbrach sie, indem er die Hand auf ihre Schulter legte. Jetzt sah er sie an. »Kleines! Warum tust du mir weh?« Tränen traten in seine Augen. Seine Stimme klang weinerlich wie die eines Kindes, das seinen Willen nicht bekommt. »Ich habe es dir doch schon gesagt Ich habe dir alles erklärt. Und jetzt nimmst du mich nicht ernst!«

Hm, dachte Rosanna, wahrscheinlich hast du’s mir wirklich erzählt, alter Lustmolch. Aber da muss ich schon abgefüllt gewesen sein. Also hab ich nichts mehr mitgekriegt. Fällt ja auch schwer, bei deinem pausenlosen Gelaber. Da muss man ja irgendwann die Ohren abschalten.

Andererseits war sie auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen. Sie traf sich mit Willis dreimal die Woche. Mindestens. Manchmal sogar öfter, wenn er es ganz besonders nötig hatte. O Mann, eine bessere Geldquelle hatte sie nie gehabt! Mehr Freiheit hatte sie auch nie gehabt. Und sie hatte ihre verdammte Freiheit nur deshalb, weil sie sie bezahlen konnte.

Also reiß dich zusammen, Rosanna, ließ sie sich von einer energischen inneren Stimme befehlen. Spiel ein bisschen mit, lass ihn jammern, in ein Ohr rein, aus dem anderen raus. Und nachher, wenn er fertig ist, legt er seinen Kopf in deinen Schoß und heult wie ein kleines Kind. Wäre ja nicht das erste Mal. Nur ist er bislang noch nicht auf die Idee gekommen, sich umzubringen. Wahrscheinlich will er sich nur mal wieder interessant machen. Mitleid braucht er, das ist es.

»Aber ich nehme dich ernst«, hauchte sie. Sie nahm ihr Whiskyglas in die Linke und legte ihre rechte Hand auf die seine, die immer noch schwer auf ihrer Schulter ruhte.

Auch sein Atem ging schwer. Er stopfte den Zigarettenrest in den Aschenbecher und steckte sich sofort eine neue an.

»Es ist alles aus«, murmelte er zwischen zwei tiefen Zügen. »Alles!«

Rosanna erschrak. Verdammt, meinte er es etwa doch ernst? Wenn diese Geldquelle versiegte, sah es schlecht aus für sie. Ausgerechnet Willis! Von seiner Sorte liefen nicht allzu viele herum in Kingston, New York.

»Gib mir auch eine«, bat sie und nahm die Zigarettenschachtel aus der Brusttasche seines Hemds, ohne dass er es richtig merkte. Sie gab sich selbst Feuer und steckte die Schachtel zurück. Dann kippte sie den Rest des Whiskys in sich hinein. Die Lust auf mehr war ihr vergangen. Auf einmal wollte sie nüchtern bleiben. Sie brachte es fertig, eine echt besorgte Miene aufzusetzen.

»Was ist denn bloß los mit dir, Will? Du hast doch irgendwas! Komm, lass uns auf deine grüne Wiese gehen! Da bringe ich dich auf andere Gedanken!«

Er starrte durch sie hindurch, als hätte sie nichts gesagt. Und wie selbstverständlich griff er in die Gesäßtasche seiner schweißklebenden Hose.

Jäh wich Rosanna von ihm weg. Panik schoss in ihr hoch. Mit dem Rücken stieß sie gegen die weich gepolsterte Türkante. Sie wollte schreien, aber sie schaffte es gerade noch, sich zusammenzureißen. Ihr war, als müssten ihre Augen jeden Moment wie Tennisbälle aus den Höhlen springen.

Dass eine Pistole so riesengroß war, hätte sie nie gedacht.

Sie konnte es nicht fassen, dass er das Ding die ganze Zeit in der Tasche gehabt hatte. Und sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass er wusste, wie man damit umging.

»Steig aus«, sagte er nur »Wir gehen auf die Wiese.«

Rosanna presste die Lippen zusammen. Sie gehorchte und ließ die Zigarette in den Sand fallen. Sie schlug die Tür zu und stellte fest, dass ihre Beine zitterten. Willis stieg auf seiner Seite aus und hörte nicht auf, mit der gottverdammten Pistole auf sie zu zielen. Es sah nicht profimäßig aus, aber trotzdem gefährlich. Weil sein Finger schon am Abzug lag und er so höllisch zitterte. Schweiß lief ihm in Bächen über das Gesicht. Rosanna spürte, wie sich die Angst in ihrem Körper ausbreitete. Dieser Idiot war nicht mehr zurechnungsfähig!

»Hör mal, Will«, sagte sie so vorsichtig wie möglich »Reg dich bitte nicht auf, ja? Ich tue ja alles, was du willst, aber …«

»Dann ist es gut«, unterbrach er sie. Er war vor der Motorhaube stehengeblieben. »Geh vor! Du kennst den Weg!«

»Ja, einverstanden. Steckst du wenigstens die Pistole wieder weg?«

»Ja, ja, natürlich«, antwortete er zerstreut und schob das klobige Ding zurück in die Gesäßtasche. Seine beigefarbene Hose spannte unter der Bauchrolle.

Rosanna atmete auf und ging los. Einen Moment lang war sie versucht, sich bei ihm unterzuhaken und die guten, alten fröhlichen Zeiten wieder aufleben zu lassen. Aber sein Gesicht war so starr, dass sie einfach an ihm vorbeiging. Er folgte ihr. Seine Schritte klangen schwer und trampelnd.

»Meine Frau hat rausgekriegt, dass ich was mit dir habe«, sagte er, als sie den Waldweg erreichten. »Jetzt macht sie mir die Hölle heiß. Und den Kindern erzählt sie, was ihr Dad für ein Schwein ist.«

Womit sie nicht ganz Unrecht hat, dachte Rosanna in einem Anflug von Schadenfreude. Aber sie zwang sich, auf dem Teppich zu bleiben. Irgendwie spürte sie, dass es mit Willis noch nicht ausgestanden war. Sie begann, sich in den Hüften zu wiegen. Die hellblauen Edeljeans, das wusste sie, saßen schön stramm über ihrem Hintern, und der hatte auf Willis immer so gewirkt, dass er sich wie ein Pavian fühlte. Vielleicht kam er wenigstens auf andere Gedanken.

»Ich trau mich nicht mehr nach Hause«, fuhr er fort und schluchzte fast. »Es ist ja nicht nur meine Frau. Mein Vater macht mich auch verrückt. Mangelnde Führungsqualitäten, kein Durchsetzungsvermögen – und so weiter und so weiter. Ich habe alles, was ein Manager normalerweise nicht haben darf. Er hat mir damit gedroht, dass ich zu Hause bleiben soll. Mein Geld würde ich trotzdem auch weiterhin kriegen. Für den Job würde er dann einen wirklichen Profi einstellen. Stell dir das um Himmels Willen vor! Ganz Kingston würde über mich lachen! Meine Frau hat auch noch Wind davon gekriegt. Sie tut sich mit dem Alten zusammen, das weiß ich. Sie würde es fertigbringen, mein Verhältnis mit dir an die große Glocke zu hängen. Nein, ich bin sicher, sie bringt es fertig!«

Rosanna hätte ihm gern erklärt, dass es ihrer Meinung nach kein Verhältnis war, das sie hatten. Ihrerseits eher eine berufliche Beziehung. Doch sie sagte es nicht. Denn das hätte ihn wohl erst richtig in den Sumpf seiner Depression gestoßen.

»Du bist die einzige, die mich je ernst genommen hat.« Crawford schrie es fast, und dann schluchzte er wirklich. Er hörte sich an wie ein völlig verzweifeltes Kind. Nur mühsam konnte er sich beruhigen.

»Mein Gott, es geht ja nicht nur um diese Äußerlichkeiten! Wenn es das nur wäre, könnte ich es vielleicht ertragen. Nein, es ist das, was unter dem Strich bleibt! Alle verachten mich! Sie verachten mich grenzenlos! Ich bin ein Nichts in ihren Augen, eine totale Null!« Er weinte.

Eine totale Null mit so viel Geld, dass man nur davon träumen kann, dachte Rosanna verbittert. Es gab eine Menge Leute, die sich nur an den Kopf fassen würden, wenn sie sein Gejammer hörten. Sie überlegte, wie sie aus dieser Situation herauskam. Erst einmal musste sie ruhig bleiben, die Klappe halten. Denn ihr lag so einiges auf der Zunge, wenn sie den Schwachsinn hörte, den er da heraus schniefte. Gern hätte sie ihm empfohlen, nach New York City zu fahren, wo sie ein paar Jahre gelebt hatte. Dort sollte er sich mal in der South Bronx auf die Straße stellen und sein ach so beklagenswertes Elend ausposaunen! Es würde nicht lange dauern, und die Typen aus den Rattenlöchern würde ihm den Marsch blasen. Hinterher würde er dann wissen, was wirkliches Elend ist.

Sie erreichten die Wiese. In der Sonne war es warm. Trotzdem fröstelte Rosanna. Sie ging weiter, denn sie wusste, dass er es am liebsten in der Mitte mochte, von all dem verdammten Gras umgeben Rosanna bekam Hautjucken von dem Grünzeug, aber er wollte die pure Natur, keine Decke oder irgendwas.

»Ich habe lange nachgedacht«, redete er weiter in seiner weinerlichen Art. »Weißt du, es ist nicht so, dass ich mein Leben wegwerfe. Ich will auch deshalb Schluss machen, weil ich die Menschen in meiner Nähe damit bestrafe. Verstehst du? Sie werden den Rest ihres Lebens mit einer schweren Schuld zubringen müssen. Denn sie werden sich sagen müssen, dass sie mich auf dem Gewissen haben. Ich wünsche mir nur, dass sie unter der Last zusammenbrechen, dass sie ihres Lebens nicht mehr froh werden. Dann habe ich erreicht, was ich will.«

Himmel!, dachte Rosanna mit einem flehentlichen Blick nach oben Hoffentlich ist dieser Wahnsinn bald vorbei! Warum rannte sie nicht einfach weg! In den Wald! Bis er seine Pistole herausgezerrt hatte, bis er richtig zielen konnte … Verflucht, nein, dieses blinde Huhn brachte es fertig und erwischte sie mit der ersten Kugel.

Sie blieb an der Stelle stehen, wo sich das Gras seit dem letzten Mal noch nicht ganz wieder aufgerichtet hatte. Ohne sich umzudrehen, zog sie sich aus. Noch vor ein paar Minuten wäre sie überzeugt gewesen, dass der Anblick ihres Körpers Willis auf andere Gedanken gebracht hätte. Jetzt aber war sie kein bisschen mehr sicher. Ein paar Teilchen in seinem Kopf mussten komplett ausgerastet sein. Rosanna spürte, wie sie eine Gänsehaut bekam.

»Dreh dich um«, forderte er. Es klang so energisch, als ob er jetzt einen Sergeant auf dem Kasernenhof imitieren wollte.

Rosanna gehorchte.

Und glaubte, vom Schlag getroffen zu werden!

Schon wieder hatte er die verdammte Pistole in der Hand!

Sein Gesicht sah aus wie eine gekalkte Maske.

Er stierte auf ihre Brüste. Dass sie eine Gänsehaut hatte, schien er aber nicht mitzukriegen. Sonst war er immer um jede Kleinigkeit besorgt gewesen, ganz der einfühlsame Liebhaber, der er bei seiner Alten nicht sein durfte. Rosanna wusste, dass so ein durchgedrehter Softie gefährlicher sein konnte als ein brutaler Hund. Bevor das große Nervenflattern ausbrach, musste sie wenigstens einen letzten Versuch starten. Und wenn das nichts half, konnte sie nur noch rennen – rennen wie ein Hase.

»Aber Willis, Darling!«, wisperte sie vorwurfsvoll. »Wir wollten doch erst …«

»Ich habe es mir anders überlegt«, knurrte er, und seine Wut galt all denen, die ihn gequält hatten. »Ich will es hinter mich bringen. Wir werden uns im Paradies lieben, Kleines. Warte nur einen Moment. Es dauert gar nicht lange.« Er hob die klobige Waffe ein Stück höher, trat einen Schritt vor und drückte die Laufmündung auf Rosannas nackte Haut – in der Herzgegend.

Der Stahl war kalt, obwohl er bestimmt Crawfords Körpertemperatur hatte. Rosanna zuckte zusammen. Und im selben Atemzug überflutete Panik ihre Sinne.

Sie packte seinen Arm mit beiden Händen und stieß ihn hoch.

Der erste Schuss löste sich. Etwas wie ein zischender Gluthauch strich über ihre Schulter. Es krachte hart und trocken, und ihr war, als würde das Trommelfell ihres linken Ohrs zerschmettert. Sie schrie!

Willis keuchte und feuerte. Die Schüsse krachten in rasender Folge und verursachten einen hellen Pfeifton in ihrem Ohr. Rosanna spürte den verstärkten Druck seines Arms. Ihr Schrei steigerte sich zum Gellen. O Wahnsinn!

Immer wieder drückte er ab. Die Kugeln fauchten an ihrem Kopf vorbei, eben darüber hinweg. So genau konnte sie es nicht feststellen. Die Welt um sie herum schmolz zusammen bis auf den kleinen Fleck niedergetrampelten Grases. Die Welt wurde zu einer Hölle aus Krachen und Dröhnen. Beißender Gestank von verbranntem Schwarzpulver breitete sich aus. Nun schrie auch Willis. Sein Kalkgesicht war eine Wutfratze.

Rosannas Verzweiflung wuchs. Sie wusste, dass sie nicht mehr lange durchhalten konnte. Ihre Kräfte ließen nach, ihre Arme begannen zu zittern.

»O Himmel!«, schrie sie. Hörte das denn überhaupt nicht auf? Wie viele gottverdammte Kugeln waren in dieser elenden Pistole?

Crawford feuerte und feuerte.

Rosanna hatte das Gefühl, von Feuer, Rauch und Brandgeruch verschlungen zu werden – wenn es denn schon nicht das Blei war, das sie traf und tötete. Sie wusste nicht, dass ein Fünfzehn-Schuss-Magazin für eine Pistole heutzutage durchaus gängig war.

»Wir sterben gemeinsam!«, heulte Crawford.

Rosanna merkte, wie ihre Armmuskeln schlaff wurden. In Todesangst, mit letzter Anstrengung, warf sie sich ihm entgegen. Es überraschte ihn. Doch die Pistole stieß noch immer ihre wütenden Blitze aus dem Lauf. Crawford stolperte rückwärts. Rosanna stürzte auf ihn zu. Ihren Griff lockerte sie nicht. Sein Pistolenarm knickte ein. Ein Sengen zischte an Rosannas Gesicht vorbei. Dann krachte die Pistole noch einmal.

Willis Crawford riss die nackte junge Frau mit sich zu Boden. Rücklings schlug er hin. Rosanna schrie noch immer. Sie merkte nicht, wie sie heiser wurde und ihre Stimme nach und nach versiegte. In ihrem linken Ohr schrillte es lauter denn je. Sie hielt den Arm des übergewichtigen Mannes, und nichts in der Welt schien sie dazu bringen zu können, ihn loszulassen.

Sie stieß sich von ihm weg.

Erst als sie hochkam, wurde ihr bewusst, dass er nicht mehr schoss. Es war still geworden, unnatürlich still. Und erst jetzt hörte sie ihr eigenes heiseres Krächzen. Der schwere Arm mit der tödlichen Waffe bedrängte sie nicht mehr.

Rosanna erstarrte, halb aufgerichtet, über den daliegenden Mann gebeugt.

Sie hatte noch nie einen Toten gesehen. Nur im Fernsehen, in den Krimis, aber da waren sie ja nicht echt. Und die Leichen bei Flugzeugabstürzen und Erdbebenkatastrophen sahen immer so verstümmelt aus, dass man keinen Gesichtsausdruck mehr erkennen konnte. Trotzdem wusste Rosanna schlagartig, dass sie einen echten Toten vor sich hatte.

Diese Leiche hatte mal Willis Crawford geheißen.

Und die letzte Sekunde seines Lebens hatte Willis, der Idiot, dazu verwendet, sich selbst eine Kugel in die Brust zu jagen.

Rosanna richtete sich vollends auf. Sie fror. Es war kalt in der Nähe einer Leiche. Sie beeilte sich, ihre Sachen anzuziehen. Ihre Gedanken fuhren Karussell. Natürlich war sie nicht schuld am Tod dieses Verrückten. Ein Unfall! Also das Autotelefon benutzen, die Polizei anrufen … nein! Die Familie war zu reich und zu mächtig. Vor allem Mrs Crawford würde einen Hass auf die kleine Nutte haben, bei der sich ihr Willis wohler gefühlt hatte als bei ihr.

Rosanna fror auch dann noch, als sie angezogen war. Verdammt, sie musste sich dazu zwingen, geordnet zu denken.

Wenn niemand auf sie aufmerksam wurde, konnte sie auch von niemandem falsch beschuldigt werden.

Haargenau!

Das war der Punkt!

Sie überlegte, was wichtig war, was beachtet werden musste. Niemand hatte sie mit Willis zusammen gesehen. Das war ja auch immer in seinem Interesse gewesen. Sie hatten sich in der Bucht am Hudson River getroffen und waren dann ein Stück landeinwärts gefahren. Nur Feld- und Waldwege.

Okay!

Spuren verwischen, Fingerabdrücke und so. Was sonst noch? Ihr fiel nichts ein. Spuren und Fingerabdrücke, das war’s. Sie zwang sich zur Ruhe, verharrte und überlegte. Alles, was sie auf dem Leib getragen hatte, hatte sie wieder angezogen. Sie hätte ihren Slip am Tatort vergessen können. Aber so etwas Beknacktes kam ja nur in den Fernsehkrimis vor. Die Pistole hatte sie nicht angefasst, Himmel, nein! Und Willis Feuerzeug? Seine Autoschlüssel? Sie war nicht mehr sicher.

Sie biss sich auf die Unterlippe, bis es schmerzte. Es ging nicht anders, sie musste sich vergewissern. Rasch sah sie sich um, bevor sie sich bückte. Auf der sonnenüberfluteten Waldwiese war sie die einzige Menschenseele. Will zählte ja nicht mehr, der arme Hund.

Sie überwand sich und griff in seine Hosentaschen. Sie fand das flache silberne Feuerzeug. Sie suchte in den Taschen ihrer Jeans und fand ein unbenutztes Papiertaschentuch. Sorgfältig rieb sie das Feuerzeug damit ab und schob es in die Tasche, in der sie es gefunden hatte. Die Autoschlüssel hatte er nicht bei sich. Also hatte er sie in seiner Aufregung steckenlassen, der Trottel.

Rosanna starrte seinen Arm an, die Hand mit der Pistole. Sie richtete sich auf und sah sich noch einmal um. Lage unverändert. Okay, natürlich konnte der Wald voller Gaffer sein, und sie hätte es niemals herausgekriegt. Aber mit solchen Unmöglichkeiten brauchte sie sich wohl kaum zu belasten. Sie ging den Weg zurück, den sie gekommen war. Klar, dass die Polizei nicht etwa glaubte, Willis Crawford sei mutterseelenallein in der Landschaft herumspaziert. Doch es gab in Kingston schließlich noch ein paar andere Girls, die sich als Ein-Personen-Dienstleistungsbetrieb anboten. Eine Menge Auswahl würden die Cops da haben.

Mit größter Sorgfalt wischte Rosanna alles im Wagen ab, was abzuwischen war. Der Zündschlüssel steckte, wie vermutet. Auf dem schmalen Rücksitz lag Crawfords Jackett. Rosanna konnte dem plötzlichen Impuls nicht widerstehen. Sie griff in die Innentasche. Tatsächlich hatte er die Brieftasche dringelassen, der Trottel. Ein dickes Bündel Scheine steckte in dem weichen Leder.

Rosanna zählte zweitausend Dollar für sich ab. Sieben- oder achthundert waren es noch, die drinblieben. Sie schob ihre zweitausend in die rechte Gesäßtasche und wischte die Brieftasche ab, bevor sie sie mit Taschentuchfingern an ihren Platz schob.

Zweitausend! Toll! Das Zehnfache dessen, was Willis sonst gezahlt hätte. Vielleicht eine kleine Leistungszulage. Aber mehr als dreihundert wären nicht drin gewesen. Zweihundert würde sie melden; das hieß, sie musste hundert abliefern. In Ordnung, das machte einen Gewinn von tausend-neunhundert. Für zehn Minuten Todesangst verdammt angemessen.

Sie kicherte verstohlen. Unter dem Strich hatte sich der Tag gelohnt, einschließlich Panik. Sie konnte ein paar Wochen überbrücken, bis sie Ersatz für Willis gefunden hatte.

Sie musste nur höllisch aufpassen, dass ihr Lumpenhund nicht dahinterkam, wie viel Bucks sie in Reserve hatte. Das Schwein würde jeden einzelnen Cent aus ihr herausprügeln.

Rosanna überprüfte noch einmal alle Stellen an dem nagelneuen Mercedes, die sie möglicherweise angefasst hatte. Das Glas, das sie benutzt hatte, nahm sie mit. Mit einem Bündel Kleenex-Tüchern verwischte sie ihre Spuren im Sand neben dem Wagen und wich auf den grasbewachsenen Wegesrand zurück. Dort ging sie auch in Richtung Flussufer. Das Glas warf sie an einer felsigen Stelle ins Wasser, wo es mindestens drei, vier Meter tief war. Rosanna fühlte sich mit jedem Schritt besser. Sie kannte die Landschaft und die verschlungenen Pfade, auf denen man Kingston erreichte, ohne dass irgend jemand später hätte sagen können, aus welcher Richtung sie gekommen war.

 

 

2

Das Ufer erinnerte an einen Sandstrand in südlichen Breiten. Nur das Wasser leuchtete nicht so kristallklar, wie man es von den bunten Bildern in Reiseprospekten gewohnt war. Der Strand gehörte zu einem Baggersee. Die Wasserfläche hatte garantiert ihre zehn Hektar und nur eine schmale Zufahrt zum Fluss. In der Mitte des Sees thronte eine Insel mit einer Baracke darauf.

»Das scheint die Fährverbindung zu sein«, sagte Milo und zeigte auf ein Ruderboot aus rostigem Stahlblech. Zwei Riemen aus verwittertem Holz lagen auf den Duchten. Aber der Kahn hatte kein Leck, war also noch in Betrieb.

»Sehr einladend«, brummte ich.

»Bevor du nicht das Gegenteil beweisen kannst, musst du davon ausgehen, dass Dodds ein gastfreundlicher Mensch ist«, belehrte mich Milo. »Er könnte sich hier schließlich abschotten wie auf einer Burg. Den Graben um sich herum hat er ja.«

»Danke fürs Augenöffnen«, grinste ich.

Wir gingen auf die Selbstbedienungs-Fähre zu.

Nach zwei Schritten war Schluss damit.

Ein Sandvorhang baute sich vor uns auf und stoppte uns.

Das Peitschen der Schüsse setzte mit dieser winzigen Zeitverzögerung ein, die der Schall zu seiner Fortpflanzung braucht. Nicht viel größer war die Zeitspanne, die Milo und ich brauchten, um uns hinter den Rostkahn zu werfen. Der Vorhang aus Sandfontänen folgte uns. Die Schüsse verdichteten sich zum Dröhnen, Milo und ich hatten vorläufig nichts anderes zu tun, als den Kopf einzuziehen.

Der gastfreundliche Dodds hütete sich indessen, seine schwimmende Rostbeule zu durchlöchern. Ein zweites Exemplar hatte er am Strand seiner Insel liegen. Natürlich brauchte er beide, um einen reibungslosen Fähr-Pendelverkehr möglich zu machen. Deshalb zwirbelte er seine Gewehrkugeln nur kurz vor unserer Deckung in den nachgiebigen Boden. Sand schwappte in das Boot; es klang, als ob jemand Maisgrieß in einen trockenen Behälter schaufelte.

Das Schüssepeitschen hörte nicht auf, Barney Dodds probte den fliegenden Magazinwechsel.

»Welche Art von Gastfreundschaft ist das?«, erkundigte ich mich bei meinem Freund und Kollegen.

»Sei froh, dass er nicht auf den Wagen schießt«, entgegnete Milo.

Ich bedachte ihn mit einem Seitenblick. Jedes Wort war hier überflüssig. Dodds verdichtete den Sandboden mit Hochgeschwindigkeitsblei, und Milo hatte seinen versöhnlichen Tag. Überhaupt: Wir durften sicher auch froh sein, dass Dodds seine Besucher nicht über den Haufen schoss, bevor sie guten Tag sagen konnten. Wir durften mindestens genauso froh sein, dass er uns nicht hatte tanzen lassen. Das machte ich mir klar, während ich meinen Smith & Wesson zog und gewohnheitsgemäß die Trommel ausschwenkte, um die Kammern zu überprüfen. Sechs Magnum-Patronen in den Kammern. In Ordnung. Außerdem hatte ich zwei Schnelllader mit noch mal je sechs Patronen in den Taschen meines spätsommerlich leichten Jacketts.

Der Sportwagen stand zwanzig Meter oberhalb von uns in der hohlwegartigen Einfahrt zum früheren Kieswerk. In dem roten Renner lagen zwei Maschinenpistolen, Marke Heckler & Koch, Modell MP5 Die offizielle Dienstwaffe des FBI. Nichts in der Welt hätte uns vorher darauf gebracht, dass wir für unseren Freundschaftsbesuch bei Barney Dodds besser mit der MP aufmarschiert wären. Ich konnte mir vorstellen, wie die Jungs in der Stadtverwaltung jetzt grinsten. Schadenfroh. Das sind schließlich alle Leute, die ahnungslose Engel ins Vergnügen schicken.

Auch Milo hatte seinen Dienstrevolver gezogen.

Und Barney feuerte und feuerte.

»Niemand soll behaupten, dass ich absichtliche Alleingänge unternehme«, sagte ich, kramte mit der freien Hand in der Jackentasche, zerknickte ein Streichholz und klemmte es zusammen mit einem langen zwischen Daumen und Zeigefinger.

Milo sah mich misstrauisch an.

Und zog den Kürzeren.

Ich zeigte ihm, dass das zweite Streichholz wirklich lang war. Er seufzte und nickte. Ich wandte mich grinsend nach rechts und robbte an der Seite des Boots entlang, die der Barackeninsel abgewandt war. Früher war es mal eine Halbinsel gewesen, hatten wir bei der Stadtverwaltung von Kingston erfahren. Und früher hatte die Baracke das Büro des Kieswerks beherbergt. Dann hatte man den See weiter ausgebaggert, und die Halbinsel war zur Insel geworden. Es hatte sich nicht gelohnt, die Wellblechbude abzureißen. Schließlich war das Kieswerk stillgelegt worden, Barney Dodds hatte die Narrenfreiheit bekommen, sich hier häuslich niederzulassen.

Die Entfernung Ufer – Insel betrug dreißig Meter, schätzungsweise.

Ich stieß den 3.57er im Beidhandanschlag am Bootsheck vorbei.

Und ich feuerte, bevor der wild gewordene Schießer auf seiner Insel reagieren konnte. Der 3.57er ruckte und wummerte in meinen Fäusten. In rascher Folge zog ich durch und hatte den gewaltigen Rückschlag unter Kontrolle. Das Teilmantelblei hieb Löcher wie von unsichtbaren Fäusten ins Wellblech. Eine Fensterscheibe verwandelte sich in einen Scherbenregen. Die Schüsse dröhnten wie Donner über den See. Ich konnte Milos Schritte hören, wie er Haken schlagend zum Sportwagen rannte. Das Gewehrpeitschen war verstummt. Die sechste Kugel jagte ich nur mit der rechten Hand hinaus. Gleichzeitig langte ich mit der Linken in die Jackentasche und angelte mir den ersten Schnelllader.

Trommel ausschwenken und Ejektor betätigen verschmolzen zu einem blitzschnellen Handgriff. Im Sonnenlicht funkelten die sechs leeren Messinghülsen aus dem Stahlzylinder. Ich stieß die sechs fabrikfrischen hinein und schnippte den Kunststoff-Haltering weg. Es klickte, als ich die Trommel einschwenkte, und auf der Insel entschloss sich der wütende Barney zu einer neuen Taktik.

Er brüllte.

Eine Flüstertüte half ihm dabei.

»Verschwindet, ihr Bastarde! Was ihr macht, ist Hausfriedensbruch! Verschwindet, oder ihr fahrt zur Hölle!«

Einen Moment waren Milo und ich perplex. Es war nicht so, dass wir Dodds nicht ernst nahmen Aber den handgreiflichen Teil seiner Verrücktheit konnte man denn doch nur mit einem gelinden Schmunzeln hinnehmen. Weshalb er uns mit Blei begrüßte, war uns sowieso ein Rätsel. Vielleicht tat ich den Jungs in der Stadtverwaltung doch unrecht. Möglich, dass es sonst nicht Barneys Art war, erst auf seine Besucher zu schießen und sie dann nach ihrem Namen zu fragen. Doch zum Nachdenken blieb keine Zeit mehr.

Ein bis eben nicht dagewesenes Geräusch folgte der Brüll-Offensive.

Das neue Geräusch wirkte sich nicht nur auf die Trommelfelle aus. Es erreichte auch direkt das Rückgrat, wo es mit einem eisigen Kribbeln auf und ab kroch.

Es war diese unvergleichliche Mischung von Fauchen und Röhren, wie sie nur ein ausgewachsener Florida-Alligator von sich gibt.

Sehen konnte ich das Vieh noch nicht. Aber ich war sicher, es hauste mit Barney Dodds zusammen auf der Insel.

Milo machte kurzen Prozess. Er ließ die MP hämmern. Völlig richtig. Wir mussten zur Sache kommen. Schließlich waren wir nicht hier, um den Belagerungszustand zu eröffnen.

Ich kroch zurück, halfterte meinen Smith & Wesson und schob das Rostboot zu Wasser. Milo jagte die Feuerstöße in kurzen Abständen ins Barackenblech. Er hatte genügend Reservemagazine zur Verfügung, um die Begleitmusik für die Dauer meiner Überfahrt zu liefern.

Ich lief ins seichte Uferwasser und brachte das Boot in Fahrt. Als das Wasser schon kniehoch war, schwang ich mich hinterher. Geduckt erreichte ich die mittlere Bucht, warf die Riemen in die Dollen und pullte. Milos MP hämmerte zuverlässig. Verglichen damit hörte sich der Alligator kleinlaut an. Barney Dodds kam nicht wieder zum Schuss. Trotzdem wollte sich in meinem Magen kein Wohlgefühl einstellen. Es musste daran liegen, dass ich nicht wusste, welcher Art von Empfang ich entgegen ruderte.

Die paar Minuten, die ich bis zur Insel brauchte, vergingen wie im Flug. Ich konnte es kaum fassen, als ich den Kiel auf Sand knirschen hörte. Direkt links von mir war Barneys Rostboot Nummer zwei. Ich schwang mich in eben die Richtung und hatte zwischen den beiden Stahljollen erst einmal Deckung.

Milo feuerte weiter. Ich hörte jetzt deutlich die schmetternden Einschläge ins Wellblech. Dodds hatte keine Chance, sich an dieser Seite seiner Behausung ins Freie zu wagen. Ob er es an der anderen Seite tun würde, war die Frage. Ich erhielt die Antwort in der nächsten Sekunde.

Dieses Angriffsfauchen klang, als ob das Vieh mit etwas Hartem auf seinen eigenen Schuppen rasselte. Ich hörte es in den kurzen Pausen zwischen Milos Feuerstößen.

Und gleich darauf war es in meinem Blickfeld.

Ein Alptraum war nichts dagegen. Auf der Sandfläche zwischen Baracke und Booten watschelte es heran. Ein Riesenvieh. Bestimmt drei Meter lang. Genau ließ sich das nicht schätzen, weil es fortwährend den Schwanz hob und den Boden peitschte. Jeder Schlag dröhnte, und jedes Mal entstand eine lange Furche im Sand.

Zielstrebig witternd hatte der Alligator mich entdeckt. Aus kleinen gelben Augen starrte er mich an. Dann riss er die mächtige Klappe auf. Ich erhielt einen eindrucksvollen Vorgeschmack auf das, was mir blühte: Reißzähne, so weit das Auge reichte. Zwei ausgewachsene Männerarme hatten kaum mehr Spannweite als dieses Mordsgebiss. Ober- und Unterkiefer klappten zu. Das Schuppentier trug ein Halsband aus fingerdickem Leder mit einem Stück Kette daran. Barney Dodds persönliche Hofhund-Variante. Ich war versucht, eine Magnum-Kugel zwischen die tückischen kleinen Augen zu stanzen.

Doch ich ließ es. Aus dem gleichen Grund wie Milo. Er beschränkte sich nach wie vor darauf, den wild gewordenen Inselbewohner in Deckung zu zwingen. Logisch, dass der Alligator durch das Gehämmer immer nervöser wurde. Und zumindest für mich kehrte sich Milos Feuerschutz ins Gegenteil um. Statt Dodds hatte ich den Alligator auf dem Hals.

Dabei durften wir dem lieben Tierchen nicht einmal ein Haar krümmen.

Okay, in Florida waren sie inzwischen wieder zur Jagd freigegeben. Da unten hatten sie sich wie Kaninchen vermehrt. Aber Barney Dodds hatte seine Riesenechse in den Bundesstaat New York importiert. Und hierzulande galten strenge Tierschutzgesetze.

Milo und ich würden den gesamten FBI in die Schlagzeilen bringen, wenn wir einen Alligator erschossen. Zumal wir nicht den geringsten Grund dafür hatten.

Denn dass man sich von so einem Vieh bedroht fühlt, ist für Tierschützer noch lange kein Anlass. Und wenn ein Alligator einen Menschen frisst, ist alles klar. Dann hat der Mensch das Schuppentier bedroht. Oder herausgefordert. Oder geärgert.

Auf jeden Fall reagierte dieses Monstrum, das mich da mit seinem ellenlangen Maul angähnte, völlig natürlich und erklärlich. Ich würde keinen Funken Mitleid ernten, falls Barneys Haustier mich zwischen die Zähne kriegte. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass der Herr der Kiesinsel seinen vierbeinigen Freund mit voller Absicht auf mich gehetzt hatte. Nein, in der Welt der verständnisvollen Tierfreunde hatten Milo und ich zwangsläufig die schlechteren Karten.

ALLIGATOR FRISST BEWAFFNETEN G-MAN!

So eine Schlagzeile würde niemanden sonderlich aufregen.

Anders sah es im umgekehrten Fall aus.

FBI-AGENT ERSCHIESST WEHRLOSEN ALLIGATOR!

Allright, ich war mir aller Konsequenzen bewusst. Die Zeit, die mir blieb, schmolz zusammen. Denn das schwergewichtige Reptil entwickelte seine Angriffstaktik. Es schleifte seinen breiten Bauch aus meinem Gesichtswinkel und schwenkte nach links weg. Die Absicht war mehr als deutlich. Der Alligator hatte einen Überraschungsangriff im Sinn, blitzschnell von der

Wasserseite her. So viel Hinterhältigkeit hatte Barney Dodds ihm gar nicht erst anerziehen müssen. Das ist diesen Monstern angeboren. Ich weiß, wovon ich rede. Es war nicht das erste Exemplar dieser beißwütigen Art, das mir begegnete. Auch den harten Burschen, die sich mit ihnen auskannten, war ich begegnet – als Urlauber, aber auch während meiner beruflichen Aufenthalte in Florida und Louisiana, Gatorman Jackson aus Tampa war einer von diesen Burschen, die ihr Geld damit verdienten, vor ehrfürchtigen Touristen lebende Alligatoren aufs Kreuz zu legen und zappeln zu lassen. Ich rief mir die Handgriffe in Erinnerung, die Jackson mir beigebracht hatte.

Milos MP-Stakkato mit Unterbrechungen war inzwischen zur vertrauten Geräuschkulisse geworden. Wenn Dodds nicht ein drittes Ruderboot auf der anderen Seite der Baracke liegen hatte, saß er auf seiner Insel fest.

Ich halfterte den Revolver. Geduckt drehte ich mich um. Meine Nackenhaare sträubten sich. Die Echse war schneller, als ich gedacht hatte.

Mir blieb eine knappe Sekunde Reaktionszeit. Sie reichte für meinen Gegenangriff.

Ich spannte die Beinmuskeln und schnellte dem borstigen Baumstamm entgegen, der da mit affenartiger Geschwindigkeit auf mich zu rauschte. Derartiges Verhalten sind sie nicht gewohnt, die Riesenviecher. Deshalb bekam der schuppige Bursche seine große Klappe nicht rasch genug auf. Mit Todesverachtung warf ich mich auf ihn und erwischte ihn mit beiden Armen.

Augenblicklich spürte ich die gewaltigen Kräfte, die in diesem baumlangen Tierkörper steckten. Der Alligator bäumte sich auf, peitschte das Wasser und versuchte, seinen Rachen aufzureißen. Doch genau das verhinderte ich mit eisernem Griff. Es war, als hätte ich einen jungen Dinosaurier im Arm. Sein bärenstarkes Gezappel verwandelte das Wasser in eine brodelnde, schäumende Hölle. Ich musste raus aus dieser Hölle. So rasch wie möglich. Deshalb konzentrierte ich mich auf meinen Griff. Ich brauchte ihn nur wenig zu korrigieren. Die Echse zerrte und ruckte jetzt wie ein Rottweiler, dem man den Knochen wegzureißen versucht. Ich passte höllisch auf, nicht in die Reichweite der Pranken zu geraten. Selbst wenn er den Schwanz noch so sehr krümmte, konnte mich der Alligator damit nicht erwischen.

Ich fing an, ihn an Land zu ziehen – Stück für Stück, Millimeter für Millimeter. Natürlich merkte er es sofort. Und er bäumte sich auf. Im seichten Uferwasser jetzt, hieb er regelrechte Furchen in den sandigen Grund. Er sträubte sich gegen mein Ziehen. Seine Angriffswut schlug in Panik um. Ich merkte es, spürte seine Todesangst. Er gab ein dumpfes Gurgeln von sich. Der Alligator fühlte sich wie ein Tier auf dem Weg zur Schlachtbank. Er hatte keine Ahnung, wie viel Freunde er unter den Menschen hatte.

Aber ich hatte ihn an der richtigen Stelle vor dem breiten Schädel. Und ich lockerte meinen Griff nicht um den Bruchteil eines Millimeters. Ich zog ihn auf die Boote zu. Die Gefahr wurde noch größer. Der Panzerkörper der Echse krümmte und streckte sich noch wilder. Es war die Panik, die das bewirkte. Auf meine Umgebung konnte ich nicht achten.

Einer von Milos MP-Garben folgte ein Schrei. Dann herrschte plötzlich Stille.

Ich konnte auch darauf nicht achten. Alles kam nun auf meinen Kraftreserven an, die ich mobilisierte. Der Echsenschwanz traf eines der Boote. Der Schlag dröhnte wie von einer Riesenpauke über den See. Im selben Atemzug hatte ich das Gefühl, als würde sich der Schuppenkörper um mich wickeln. Ich knickte in den Knien ein. An Land schien sich das Gewicht des Alligators zu vervielfachen. Und der Schwung, den er sich selbst gab, drohte mich umzuwerfen. Mit größter Willensanstrengung schaffte ich es, auf den Beinen zu bleiben. Wie auf Stelzen dahinstochernd zerrte ich das sich aufbäumende Riesenvieh zwischen den Booten nach vorn. Es begleitete unseren gemeinsamen Weg mit weiteren Paukenschlägen.

Den kritischen Augenblick überwand ich mit eiserner Entschlossenheit. Ein winziger Moment genügte mir, um eine Bootsleine mit der Linken zu packen und um das Alligatormaul zu schlingen. Im Handumdrehen waren es mehrere Seilwindungen, die die Echse daran hinderten, noch einmal die Zähne zu zeigen. Auf Knoten verzichtete ich. Ich lockerte meinen Griff, sprang nach vorn und schnellte sofort zur Seite. Ein Schwanzhieb dröhnte haarscharf neben mir. Es hörte sich an, als ob mindestens eines der Boote in Trümmer zerlegt wurde.

Ich packte einen der schweren Riemen aus Eichenholz, und ich war rasch genug zur Stelle, bevor die Echse mit dem Boot an der Leine auf Wanderschaft gehen konnte. Mit der Schmalseite des Riemenblatts schlug ich zu. Immer wieder. Ich traf präzise die Stelle hinter dem Schädel, die Gatorman Jackson mir gezeigt hatte. Er wäre stolz auf mich gewesen, wenn er mich in diesen Minuten gesehen hätte. Das bildete ich mir jedenfalls ein.

Der Alligator schnaufte und streckte sich.

Erst in diesem Moment merkte ich, wie verdammt still es um mich hemm geworden war. Ich richtete mich auf und ließ den Riemen sinken. Der durchnässte Anzug klebte an mir. Ich drehte mich um und sah Barney Dodds im Eingang seiner Baracke. Ein massiger, breitschultriger Mann mit spiegelnd kahler Kopfhaut inmitten eines dunklen Haarkranzes. Sein blau-weiß gestreiftes T-Shirt war blutgetränkt. Er musste die Tür aufgerissen haben. Das Schnellfeuergewehr war ihm aus den Händen gerutscht und in den Sand gefallen. Ich wandte mich zur anderen Seite, Milo stand am Ufer des Sees.

»Hol über!«, rief er und reckte die MP empor wie ein siegreicher Guerillero, der seine Companeros aus dem Dschungel zusammenruft.

Ich verschnürte das komplette Paket an dem Pflock. Dann lief ich zu Dodds und stellte fest, dass seine Bewusstlosigkeit von einem Schulterdurchschuss herrührte. Nicht lebensgefährlich, wenn mein medizinisches Halbwissen ausreichte. Ich stieg in eine der Rostjollen und erfüllte Milos Fährwunsch. Er hatte den Ambulanzwagen schon angefordert. Auch die Kollegen von der County Police in Kingston waren im Anmarsch.

 

 

3

Milo nickte wiederholt, während er sich umsah. Er schien alles bestätigt zu finden, was er vermutet hatte. Und er rümpfte die Nase. »Keine Klimaanlage«, stellte er fest. »Habe ich mir gedacht.«

Ich grinste nur. Klimaanlagen liegen meinem Freund und Kollegen mehr als alles andere am Herzen – besonders die Sorte, die dauernd nicht funktioniert.

Es war stickig heiß in der Bude. Der Geruch von verdorbenen Speiseresten hing in der Luft, die sowieso schon zum Schneiden war. Der Indian Summer erfreute die Einwohner des Staates New York in diesem Jahr mit Rekordtemperaturen. Besonders angenehm war das sicherlich für den Alligator, den es dank Dodds in unsere Breiten verschlagen hatte.

Die Kollegen von der County Police waren abgezogen, Dodds lag längst in Kingston im Hospital. Wahrscheinlich hatte er die Behandlung schon hinter sich. Auf jeden Fall wurde er scharf bewacht. Die Kollegen hatten es uns zugesagt.

Der Alligator lag an seinem ursprünglichen Pflock hinter der Baracke. Er war friedlich geworden, seit er wieder an seiner gewohnten Kette lag. Ein Spezialtransporter des Zoos in Albany war unterwegs, um die Echse abzuholen.

Als gefährliches Tier würde sie im Zoo bleiben; die entsprechende richterliche Anordnung war nur noch eine Formsache.

Wir hatten die Baracke für uns.

Milos Ausschau nach der Klimaanlage war nicht so abwegig, wie es sich auf den ersten Blick anhörte. Ich fand einen Schalter neben der Tür und knipste. Elektrisches Licht aus Leuchtstoffröhren erhellte das unbeschreibliche Chaos, in dem Barney Dodds gehaust hatte. Mitten in dem Durcheinander von schmutzigem Geschirr, leeren Konservendosen, Bergen von Kleidung, Schuhen und Stiefeln auf dem Fußboden gab es einen Tisch mit einem Personal Computer, einschließlich Matrixdrucker. Auch ein Kühlschrank war vorhanden und ein Elektroherd. Ein Unterwasserkabel versorgte demzufolge die Dodds-Insel mit Energie. Traumhaft.

»Lassen wir die Chips für ihn sprechen«, sagte ich und schwang mich auf den Hocker am Computertisch. Dodds war bis zum Abtransport nicht aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht. Mit all den Fragen, die wir ihm stellen wollten, hatten wir vorerst nicht landen können.

Milo brummte zustimmend und begann, durch das Wohnchaos zu streifen. Von den Mehltüten im Vorratsregal nahmen Kakerlaken raschelnd Reißaus.

Ich betätigte den Power-Schalter des Computers, und tatsächlich setzte ein wohlklingendes Summen ein. Die Schrift unter dem Bildschirm wies den Apparat als einen Kingsford XT 22780 aus. Heimische Produktion. Die Herstellerfirma hatte ihren Stammsitz in Kingston. Ich konnte mir allerdings kaum vorstellen, dass ein Bursche wie Dodds vor Lokalpatriotismus glühte.

Ich schob die Programmdiskette ein, gab dem elektronischen Hirn ein paar Tastenbefehle und erhielt nach einer Weile die erste strahlend grüne Mitteilung auf dem Grau des Bildschirms:

Dies war der 22. September.

Die Zeit: 18.55 Uhr.

Augenblicklich erinnerte mich mein Magen mit verständlichem Knurren daran, dass die letzte Mahlzeit fast sechs Stunden zurücklag Ein Pizzaviertel wäre das Mindeste gewesen, was ich meinem Verdauungszentrum um diese Zeit an Gutem hätte tun sollen. Noch besser ein T-Bone-Steak, ein Porterhouse, ein Sirloin oder etwas in der Güteklasse.

Ich stellte das Knurren mit einem gedanklichen Versprechen ab: Sobald wir auf der Dodds-Insel fertig waren, würde unser erstes direktes Ziel eine Pizzeria oder ein Steakhouse sein. Kingston war zwar nur eine etwas größere Kleinstadt, mit Restaurants jedoch überdurchschnittlich bestückt. Was wohl daran lag, dass Kingston noch zum Fremdenverkehrsgebiet Catskills gehörte.

Milo war nebenan in einem Abstellraum verschwunden. Von Zeit zu Zeit klapperten Werkzeuge oder Gerätschaften, die er untersuchte.

Ich nahm mir Dodds Diskettensammlung vor. Nirgendwo in der ganzen Bude war etwas auf Papier Geschriebenes zu sehen. Begreiflich. Der zeitgemäße Computerfreak verließ sich ganz auf seine elektronischen Speicherkapazitäten. Und Kingston war auch in der Beziehung eine Hochburg.

KINGSFORD ENTERPRISES war der Computerkonzern. Die besagte Firma mit Stammsitz in Kingston. Kingsford-Zweigwerke gab es in verschiedenen Bundesstaaten der USA. Immer, wenn mehr als nur ein Bundesstaat betroffen sein könnte, tritt bei polizeilichen Ermittlungen automatisch das FBI auf den Plan. Schon, wenn nur die Möglichkeit besteht, dass Gesetze verschiedener Bundesstaaten berührt werden könnten, ist das FBI zuständig.

Seit dem Abend des 16. September wurden wir von der County Police Kingston und der New York State Police auf dem Laufenden gehalten Die State Police hatte ihre Kriminalabteilung eingeschaltet, das Bureau of Criminal Investigation, mit dem wir eng zusammenarbeiteten.

Jonathan D. McKee, unser Chef, hatte Milo und mich erst jetzt nach Kingston schicken können. Ebenso wie alle anderen Agenten des New Yorker FBI-Distrikts waren wir fest in anderen Fällen eingespannt gewesen.

Der 16. September war der Todestag Willis Crawfords gewesen.

Der Familie Crawford gehörte der Computerkonzern Kingsford – die Firmenbezeichnung war zusammengesetzt aus Kingston und Crawford. Willis, der Alleinerbe, hatte seinem Leben ein Ende gesetzt. Das war die offizielle Leseart, die auf Wunsch der Familie auch an die Medien gegeben worden war. Die Kollegen von State Police und County Police wussten indessen, dass weder die Eltern noch die Witwe des jungen Crawford an einen Selbstmord glaubten. Deshalb hatten die trauernden Hinterbliebenen unsere Kollegen gebeten, das FBI zu informieren.

Auch die örtlichen Polizei- und Kriminalbeamten vermuteten, dass Willis Crawford ermordet worden war.

Es gab ein paar konkrete Spuren, die man uns reserviert hatte.

Eine dieser Spuren war Barney Dodds.

Seine Computerdateien bestanden aus Mädchennamen, Datumsangaben und Dollarbeträgen. Das wunderte mich nicht, denn Barney Dodds war ein Zuhälter. Die Geldbeträge waren dreistellig, gelegentlich nur zweistellig. Ich schenkte mir ein langes Durchchecken der Disketten. Denn mich interessierte nur ein einziger Name.

Rosanna.

Ich gab den Namen als Suchwort ein und begann, es durch die Speicherpositionen der Disketten zu jagen. Immer wieder leuchtete ein gerastertes Feld auf:

Suchwort nicht vorhanden.

Erst bei Diskette Nummer fünf hatte ich Erfolg. Ich stieß einen Pfiff aus, als sich die Kolonnen auf dem Bildschirm aneinanderreihten.

»Milo!«, rief ich. »Das musst du dir ansehen!«

Er tauchte im Durchgang zum Abstellraum auf. »Und was hältst du hiervon?« Er hielt eine UZI hoch, das israelische MP-Modell mit dem Stummellauf. »Unser Freund Barney ist auch ein Waffenfreak. Eine Schrotflinte, zwei Revolver, eine Automatik – und jede Menge Munition.«

»Reißt mich nicht vom Hocker«, entgegnete ich. »Ich habe Rosanna.«

»Im Ernst?« Milo ließ sich herüberlocken. Er schob sich vom Türrahmen weg, fand einen gefahrlosen Weg durch das Chaos, und spähte mir über die Schulter. Auch er konnte sich einen Pfiff nicht verkneifen.

Rosannas Erfolgszahlen waren mindestens dreistellig. Doch sie hatte gelegentlich vierstellige Erfolgszahlen zu verbuchen gehabt. Und das unterschied sie von ihren Kolleginnen in Barney Dodds elektronischer Kartei.

Ich ließ die ellenlange Liste über den Bildschirm rollen. Doch der Name Willis Crawford tauchte nirgends auf. So einfach sollte es uns denn doch nicht gemacht werden. Weitere Disketten ließ ich durchlaufen. Es gab nur die eine Rosanna-Datei.

Milo packte das Waffenarsenal mitsamt Munition in eine Kiste. Die Kollegen konnten sich damit amüsieren. Bevor wir losfuhren, nahm Milo Funkverbindung mit dem Kingston-Office der State Police auf.

Rosanna, von der wir nun schon so viel gehört hatten, wurde beschattet.

Milo erklärte den Kollegen, dass wir in ungefähr zwei Stunden übernehmen würden.

 

 

4

Rosanna war noch einmal kurz in ihre Wohnung gegangen. Nach dem Besuch im Hospital hatte sie sich zum Auswringen gefühlt. Einerseits. Andererseits wie ein junges Reh im Frühling.

Rosanna horchte auf den Klang ihrer hochhackigen Schuhe und fand, dass sich ihre Schritte selbstbewusst und energisch anhörten. Sie gefiel sich selbst.

Es war noch immer nicht ganz dunkel. Die Straßenlampen an der Albany Street streuten blasses Licht aus. Es war einer dieser Abende, an denen man glaubte, dass die Nacht nie zu Ende gehen würde, die Straßencafés waren voller Menschen, Fenster und Türen weit offen. Niemand konnte es in seinen vier Wänden aushalten. Die Quecksilbersäule stand noch genau da, wo sie am Nachmittag gestanden hatte. Kein Windhauch regte sich im Tal des Hudson River.

Musikfetzen begleiteten Rosanna und all die anderen, die noch unterwegs waren – auf der Suche nach dem richtigen Platz, wo die Drinks gut gekühlt oder die Steaks zart genug waren.

Rosanna konnte sich in den spiegelnden Schaufensterscheiben sehen, und sie war zufrieden mit sich. Ihr Haar – schulterlang, blond und raffiniert gelockt – schien bei jedem Schritt schwingend zu schweben, exakt wie in diesen Werbespots für Haarspray. Die weißen Hochhackigen waren genau das Richtige, um ihre Eins-achtundsiebzig und die Superlänge ihrer Beine zu betonen. Erst von der Mitte der Schenkel aufwärts hatte sie die Pracht ein bisschen verhüllt. Diese Andeutung eines Rocks war knalleng und so weiß wie die reine Unschuld. Typen mit Forscherdrang fühlten sich durch so was aufgefordert. Passte die Hand unter den Rocksaum oder nicht?

Rosanna zwinkerte ihrem Schaufenster-Spiegelbild zu. Ihre leichte rote Bluse bestand aus einem Hauch von Seide. Der teure Stoff schien ein Eigenleben zu führen, wie er wogte, vom freien Federn ihrer Brüste in Bewegung gehalten. Rosanna war in der Stimmung für Forscherhände. Ihr machten die Blicke Spaß, die ihr von den Tischen der Cafés und Restaurants oder aus den dahinschleichenden Autos folgten.

Es hatte mit diesem neuen Freiheitsgefühl zu tun.

Nach dem Hospitalbesuch hatte die Kleidung auf ihrer Haut geklebt. In ihrem Apartment war sie unter die Dusche gesprungen und hatte sich kalt berieseln lassen. Und damit war dann auch Barney Dodds wie ein Zwei-Zentner-Sack von ihr abgefallen. Bildlich gesprochen. Er würde sie nicht mehr herumkommandieren, sie nicht mehr wie eine gottverdammte Sklavin behandeln. Wenigstens vorläufig nicht. Sie würde den Cops dankbar sein für jeden Tag, den sie ihn unter Verschluss hielten.

Leider war damit das Problem nicht für alle Zeiten gelöst. Zuhälterei und Widerstand gegen die Staatsgewalt reichten wohl kaum, um Barney, den Bastard, lebenslänglich in die sich bessernde Gesellschaft zu bringen. Irgendwann würde er also wieder da sein, würde sich wieder aufspielen wie der große Zampano und drauflos prügeln, wenn man nicht sofort gehorchte.

Es sei denn, es war inzwischen ein noch Größerer da, einer, der Barney sagte, wann und in welche Richtung er abmarschieren durfte.

Ein drahtiger Jüngling tänzelte ihr in den Weg. Rosanna blieb stehen und sah die Gruppe Gleichaltriger. Kichernd lauerten sie unter einer Markise und äugten herüber. Ihr Vortänzer spielte sich auf, indem er mit einem Hunderter wedelte.

»Machst du’s mir dafür ein bisschen nett?«, fragte er feixend. Unter der Markise pusteten sie in die hohle Hand.

Rosanna grinste ihn an. »Ist das alles, was du gespart hast, Baby?«

Er blinzelte verdattert »Wa … wa …?« Ihm fehlten die Silben.

Rosanna zupfte ihm den Hunderter aus der Hand, rollte ihn zusammen und ließ ihn unter dem Rockbund verschwinden. Der Junge beobachtete es mit Kugelaugen.

»Nun geh nach Hause«, sagte sie mütterlich und tätschelte ihm die Wange »Denk ein bisschen nach, lern dazu und spar weiter. Irgendwann wirst du so viel zusammen haben, dass es für den Straßenstrich reicht. Also Kopf hoch, Baby! Du musst nur durchhalten. Einer wie du hat’s schwer, ich weiß. Wenn man bei den normalen Girls nicht landen kann, macht einen das fertig. Total klar! Deshalb sag ich, du musst nachdenken. Irgendeinen Grund wird’s ja haben, dass du armes Schwein auf Nutten angewiesen bist.«

Der Junge kriegte einen roten Kopf

Unter der Markise grölten sie vor Vergnügen.

Rosanna machte Anstalten, weiterzugehen.

»Mei … meine hun …«, stotterte der Jüngling, und wieder war sein Silbenvorrat erschöpft.

Rosanna blieb noch einmal stehen und sah ihn von oben herab an. »Dies war ein Beratungsgespräch, Baby, und du hast den Mindestsatz bezahlt Dachtest du, du kriegst es umsonst? Ich bin nämlich auch Seelenklempnerin. Geschnallt? Das ist wie beim Rechtsverdreher. Jedes Wort kostet was.«

Die Zuschauer unter der Markise hielten sich den Bauch.

Der Junge setzte zum lauten Protest an und wollte nach Rosannas Arm greifen. »Ich will meine hundert …«

»Sieh mal da!«, unterbrach sie ihn und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Straße, Ein Streifenwagen rollte sehr langsam vorbei, »Möchtest du, dass ich schreie? Ich erzähle den Cops nur ein paar Takte, und du bist dran wegen versuchter Vergewaltigung.«

Der Junge wurde bleich.

Rosanna schmunzelte, marschierte los und freute sich über das anhaltende Gelächter der Markisensteher.

Nach vier Schritten drehte sie sich um und gab dem Jungen seinen Schein zurück. Sie hatte nie ein verdutzteres Gesicht gesehen. Aber auch kein dankbareres. Sie klopfte ihm auf die Schulter und ging weiter. Der Rhythmus ihrer hohen Absätze klang härter und energischer. Sie war eine Siegerin. Dieser Abend und diese Nacht gehörten ihr. Alles würde so laufen, wie sie es sich vorstellte.

Sie steuerte auf die Bar an der nächsten Ecke zu.

THREE WILD MICE

Die drei wilden Comicmäuse tanzten über dem Empfang. Auf dem großen, wetterfesten Bild, das von Spots angestrahlt wurde, machten Katzen die Musik. Darunter hing ein Schild mit auswechselbaren Buchstaben wie vor einem Kino.

ROSEROOM RAMBLERS

Das war die neue Band, die ab heute spielte. Rosanna mochte keine Discomusik. Deshalb ging sie in Bars wie diese, wo die Musik nicht aus Konserven kam, sondern mit der Hand gemacht wurde. Das kam sowieso wieder in Mode.

Weshalb sie ins Hospital gegangen war, wusste sie noch immer nicht genau. Stand sie trotz allem noch so unter Barneys verdammtem Einfluss, dass es eine Art Zwang gewesen war? Sie hatte einfach hingehen müssen, wie die anderen Girls es auch getan hatten. Brav antanzen, damit man sich hinterher nicht prügeln lassen musste. Möglich also, dass Angst der Grund gewesen war.

Oder nur Neugier? Vielleicht auch das. Erst die schweißtreibende Angst und dann die Neugier, was mit ihm passiert war. Anschließend die Erleichterung, dass er noch in Narkose lag und gar nicht sprechen konnte. Sie hatten ihm den Schulterdurchschuss zugenäht, damit er so bald wie möglich fit fürs Gefängnis war.

Es gab noch eine dritte Möglichkeit, an die Rosanna eigentlich nicht recht glauben mochte: Sie war in die Höhle des Löwen vorgedrungen, um herauszufinden, ob man ihr auf die Schliche gekommen war. War sie wirklich so mutig?

Hm, allright, vielleicht hatte sie keine andere Wahl gehabt. Sie musste einfach wissen, was los war. Aber jetzt war sie genauso schlau wie vorher.

Sechs Tage nach Willis Crawfords Tod waren zwei FBI-Agenten aufgekreuzt, hatten sie, Rosanna, einfach übergangen und waren direkt zu Barney Dodds vorgestoßen. Das musste einen Grund haben. Sechs Tage lang hatte anscheinend niemand daran gezweifelt, dass Willis Selbstmord begangen hatte. Weshalb sollte sich das plötzlich geändert haben? Vor allem hätte Barney sowieso nichts darüber sagen können, was sich auf der Waldwiese abgespielt hatte. Klar, dass Willis Witwe die G-men darauf aufmerksam gemacht hatte, was ihr Verflossener in seiner Freizeit getrieben hatte. Vor allem, mit wem er es getrieben hatte. Der Hinweis auf Barney Dodds musste dann wiederum von den Cops gekommen sein, denn Mrs. Crawford würde kaum jemals etwas von einem Burschen wie Barney gehört haben. Leute wie die Crawfords lebten schließlich in einer anderen, besseren Welt.

Rosanna lächelte dem Portier zu, der die Eingangstür der Bar für sie aufhielt und gleichzeitig seinen Blick an ihr auf und ab wandern ließ. Rosanna nahm es als ein Kompliment, schließlich war es Bewunderung.

Nicht mal die Cops, die Barney im Hospital bewachten, hatten sie angesprochen. Zuerst hatte Rosanna noch geglaubt, dass sie beschattet wurde. Aber sie hatte beim besten Willen niemanden entdecken können, der ihr folgte. Es gab ihrer Meinung nach nur eine Erklärung dafür: Man wollte sie zappeln lassen. Man verdächtigte sie.

Dieser Gedanke konnte ihre gute Stimmung jedoch nur wenig trüben.

Schließlich gab es keinen Zeugen und keine Beweise.

Wenn sie es nicht selber hinausposaunte, würde niemals jemand erfahren, wie Willis Crawford wirklich gestorben war.

Rosanna betrat die Bar, eine gelungene Anhäufung von messing-gerahmten Spiegeln, Messingleuchtern, Mahagonitäfelung und dunkelrotem Teppichboden. Auch die Theke war aus Mahagoni, und der Handlauf aus blankpoliertem Messing glänzte matt im spärlichen Licht. Nur auf dem Bandpodium jenseits der ovalen Tanzfläche war es heller. Die Instrumente, Mikrofone und Lautsprecherboxen waren fertig aufgebaut. An den Tischen saßen nur wenige Leute. Erst wenn es draußen kühler wurde, würde sich der Laden hier drinnen langsam füllen. Der Platz reichte für zweihundert Figuren Rosanna hatte kein Verlangen nach frischer Luft; als Kind und als Jugendliche hatte sie genug davon bekommen. Immer dann, wenn ihre Alte die winzige Wohnung für sich brauchte, weil sie einen Freier da hatte, der ihr neuen Fusel finanzierte. Barney Dodds war die absolute Krönung dieser Typen gewesen. So manches Mal hatte Rosanna sich gefragt, warum sie damals nicht einfach abgehauen war. Aber es musste wohl so gewesen sein, wie Barney ihr grinsend klargemacht hatte, als er sich zum ersten Mal zu ihr unter die Dusche gestellt hatte: Ich sag dir was, Kleines, wir beide gehören zusammen. Ich bin dein Ersatz-Daddy. Ach was, ich bin besser als jeder Ersatz! Das wirst du schon noch merken.

Irgendwie hatte er recht behalten, der Bastard.

Details

Seiten
158
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931044
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496098
Schlagworte
waffe

Autor

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Titel: Die schärfste Waffe