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Der Baron #7: Ein kleines bisschen tot, Sir

2019 118 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Baron #7: Ein kleines bisschen tot, Sir

Copyright

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Prolog

1

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3

4

5

6

7

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Der Baron #7: Ein kleines bisschen tot, Sir

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Aufgrund einer Verwechslung erfährt James Morris, schwergewichtiger Chauffeur von Alexander von Strehlitz, genannt der Baron, dass die Millionärstochter Diana Harkener ermordet werden soll und informiert seinen Boss. Der Baron, der immer bereit ist, in Not Geratenen zu helfen, lässt Diana zu ihrer eigenen Sicherheit von seinen Leuten entführen. Doch die verwöhnte junge Frau glaubt ihm das mit der Ermordung nicht und zeigt ihn bei der Polizei an. Von Strehlitz muss ins Gefängnis, derweil versucht seine Crew herauszufinden, wieso man Diana nach dem Leben trachtet – und warum die russische Großfürstin Nina James, den vermeintlichen Killer, anheuern will ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Das sind die Leute, die Sie kennenlernen sollten:

Alexander von Strehlitz, genannt der „Baron“, 38 Jahre, 1,88 m groß, dunkelhaarig, gut aussehend, schlank und muskulös, sehr sportlich, abgeschlossenes Zoologiestudium, Hobbysegler und Hochseeschiffer mit Kapitänspatent für große Fahrt, bekannter Schriftsteller von Reiseberichten und Expeditionserlebnissen, Leiter von verschiedenen Expeditionen in Afrika und Südamerika, in Übersee durch seine Goodwillreisen zugunsten unterentwickelter Gebiete in Südamerika bekannt geworden, Sieger vom Indianapolis-Rennen für schwere Tourenwagen 1969, ebenso bekannt in Monte Carlo und der Jet-Society als brillanter Pokerspieler und Gesellschafter. Frauen vergöttern ihn, Männer schätzen ihn als prächtigen Partner und umsichtigen Leiter oft abenteuerlicher Unternehmungen.

Robert Burton, der Sekretär des Barons, 35 Jahre alt, 1,70 m groß, spärliches dunkelblondes Haar, korpulent, Brillenträger, gelernter Bankkaufmann, ein Mathematiker aus Passion, spricht sieben Fremdsprachen und hat ein fabelhaftes Gedächtnis, viel Sinn für Statistiken und Daten. Robert arbeitet seit Jahren für den Baron und weiß über dessen Finanzen besser Bescheid als der Baron selbst. Hat die Eigenart, immer dann französisch mit dem Baron zu sprechen, wenn es um Geldfragen geht.

Michel Dupont, genannt „Le Beau“, 28 Jahre alt, 1,75 m groß, drahtiger durchtrainierter Mann mit dunklem Haar, kantigem, nicht sehr schönem Gesicht mit zerschlagener Nase. Seit vielen Jahren dem Baron ein treuer Freund und Begleiter auf vielen abenteuerlichen Reisen. Le Beau ist gebürtiger Franzose, sehr leidenschaftlich, liebt Frauen und gutes Essen und Trinken, ist leicht zu erregen, ein ausgezeichneter Karatekämpfer, Motorbootfahrer aus Leidenschaft und begeisterter Reiter. Außer Frauen und Pferden liebt er auch rasante Wagen. Er ist gelernter Motorenschlosser und Flugzeugmechaniker.

James Morris, der Chauffeur des Barons, 31 Jahre alt, 1,94 m groß, sehr stark und breit, wiegt über zwei Zentner, Stirnglatze, sonst struppiges, dunkelblondes Haar, breites Gesicht mit Stupsnase. James war früher Artist, nämlich Untermann einer menschlichen Pyramide. Nach einer Knöchelverletzung verlor er sein Engagement und geriet in schlechte Kreise. Der Baron holte ihn gegen Kaution aus einem Lissaboner Untersuchungsgefängnis und fand in James den treuesten Anhänger, den ein Mensch sich denken kann. Wo James hinschlägt, blüht keine Blume mehr, aber gleichzeitig hat der Hüne ein friedliches gutartiges Gemüt, tut für den Baron alles, aber dass der Baron einen so mäßigen Autofahrer wie ihn zum Chauffeur gemacht hat, begreift James selbst nicht.

Das also sind der BARON und seine Freunde ROBERT, LE BEAU und JAMES. Ein echter und draufgängerischer Mann und seine Freunde. Ihr Feld ist die Welt, heute sind sie reich, morgen haben sie keinen roten Heller, und immer sind sie bereit, dem Teufel auf den Schwanz zu treten, wenn es gilt anderen zu helfen, die in Bedrängnis sind. Keiner von ihnen ist ein Tugendbold, aber wenn die Lage es erfordert, halten sie eiserne Disziplin. Sie sind vier knallharte Männer, und für manch einen sind sie die letzte Hoffnung. Sie lieben das Abenteuer, sie lieben das Leben. Ob im Orkan auf See, im dampfend heißen Urwald oder auf schillerndem Parkett des Casinos von Monte Carlo, sie sind überall zu Hause. Es gibt Zeiten, da trinken sie Sekt und essen Kaviar, und es gibt Situationen, da teilen sie sich den letzten Tropfen lauwarmen und brackigen Wassers und kauen auf harter Brotrinde. Und immer bleiben sie Kameraden und halten zusammen ... der Baron und seine Crew.

 

 

Prolog

Strehlitz als Entführer

Tampico (eig. Bericht) — Die mexikanische Polizei verhaftete heute überraschend den deutschen Baron von Strehlitz unter dem dringenden Verdacht der Entführung. Die Festnahme geschah aufgrund einer Anzeige, die von der amerikanischen Millionärstochter Diana Harkener erstattet wurde. Diana Harkener war mehr als dreißig Stunden mitsamt ihrem Sportflugzeug spurlos verschwunden gewesen, überraschend tauchte sie auf dem Flughafen Tampico wieder auf und bezichtigte spontan Baron Strehlitz, sie entführt zu haben. Grund für die Entführung soll angeblich ein massiver Erpressungsversuch am Vater Diana Harkeners sein. — Vor dem Comisario der Polizei gab Baron Strehlitz jedoch eine wesentlich andere Darstellung des Falles ab ...

 

1

Der Zufall hatte für James einen besonderen Knüller parat. Und wie oft im Leben, beginnt alles fast unscheinbar, was eine neckische Katastrophe werden will.

James Morris schwitzte. Himmel, das Wasser lief ihm aus allen Poren, und seine Leber war trockengelegt wie die Gila-Wüste. Das war wieder mal eine der Schnapsideen des Barons, ein bankrottes Ölfeld aufzukaufen, bloß weil er ein paar hundert Menschen vor dem Hungertod bewahren wollte.

Der letzte Bulldozer wurde vom riesigen Schwenkarm des Krans vom Deck des Frachters gehievt, kam bedenklich ins Schwanken, als er zum Pier einschwenkte und drohte die Trossen zu zerreißen, weil der betrunkene Macker oben im Kran an alles andere dachte, bloß nicht an seinen Job.

„Langsamer!“, brüllte James hinauf zum Turm. „Ich schneide dir die Ohren ab, wenn das Ding zu Bruch geht!“

Es ging nicht zu Bruch. Der Macker fing den Bulldozer ungefähr drei Millimeter über der Pier ab. Die Stahltrossen knirschten und ächzten, aber sie hielten. Dann rasselten die Ketten des mächtigen Räumers auf die Kopfsteine. Vor ein paar Wochen hatte das Ungetüm noch in Florida gewirkt.

James wischte mit der Handkante über die Stirn und schlenkerte das Wasser ab. Unter Tampico hatte er sich wunder was vorgestellt, aber dass man hier bei lebendigem Leibe geröstet wurde, wusste er erst jetzt.

Er trottete zum Hafenamt, unterfertigte die Papiere und machte sich im Schweinsgalopp auf zur nächsten Taverne. Sie hatten sogar Bier da, richtiges Bier, wenn auch in Büchsen.

Er ließ gleich vier dieser winzigen Blechdinger kommen, und der Gerstensaft lief und lief und lief, dass sämtliche Leberzellen einen Freudentanz begannen.

„Hallo, Joe!“, sagte eine heisere Stimme neben James, eine Stimme, die wie ein Reibeisen klang. Da James Morris noch nie Joe gehießen hatte, warf er nicht mal einen Blick zur Seite, versah die dritte Bierbüchse mit zwei Löchern und ließ es gluckern.

Ein Ellbogen traf ihn in der Seite. „He, Joe Randall! Kennst du deine alten Freunde nicht mehr?“

Nun konnte James kaum etwas Schlimmeres passieren, als wenn er beim Trinken gestört wurde. Er setzte die Dose ab, warf immer noch keinen Blick zur Seite und machte mit dem linken Arm eine ausholende Bewegung, als wolle er einen der zwei Millionen Brummer fangen, die über der Bartheke schwebten.

Sein Arm traf das Kinn des Mannes neben ihm, worüber der die Balance verlor, drei Schritte rückwärts taumelte, einen Tisch umschmiss und sich auf den Hintern setzte.

James wischte über die Lippen, ehe er die Dose wieder ansetzte.

„Mann!“, schrie der Kerl hinter ihm. „Daran erkenne ich dich genau, Joe! Das ist noch genau die Handschrift von früher.“

Die dritte Dose war leer. James Morris, annähernd zwei Meter hoch und mehr als zweihundert Pfund gewichtig, schnippte mit Daumen und Zeigefinger und sagte nur das Wort: „Tequila!“ Aber das hätte er nicht tun sollen. Noch ein Tupfer auf die Kopfpartie des anderen und danach rasche Flucht, das wäre besser gewesen. Aber James ahnte nichts. So blieb er. Und deshalb konnte das Unheil seinen Verlauf nehmen.

„Zwei Gläser!“, rief der Mann neben ihm heiser. „Junge, Joe! Jetzt besaufen wir uns, dass Tampico aus den Fugen geht!“

James war nicht nachtragend. Das Wort besaufen gefiel ihm ausnehmend gut, zumal der Baron erst morgen eintreffen würde. Außerdem war der erste heiße Brand gelöscht, und zum anderen interessierte es ihn brennend, wieso er für einen Joe gehalten wurde, obwohl er doch James getauft worden war.

Der Mann neben ihm war einen halben Kopf kleiner als er, aber in den Schultern eher noch breiter, und das wollte viel heißen. Sein Schädel war viereckig, wie mit der Axt zugehauen, und wenn er grinste wie jetzt, kriegten seine abstehenden Ohren Besuch.

„Mann“, seufzte James, „hat deine Mutter dich schön gemacht!“

Dann erinnerte er sich an gewisse Formalitäten, die unter höflichen Menschen üblich waren. Nicht umsonst hatte Baron Alexander von Strehlitz versucht, aus ihm einen anständigen Menschen zu machen. „Gestatten“, sagte er und verbeugte sich, „James Morris.“

Dem Bullen neben ihm fielen fast die Äugen aus dem Kopf, ehe er von einem Lachkrampf geschüttelt wurde, „James ... Morris?“ Tränen kullerten über die braunen Lederbacken. „Wer hat dich denn umgetauft, Joe? Bist du unter die Mormonen gegangen?“

James hielt dem Mann ein Glas Tequila hin. „Hör zu, Kumpel, wenn ich sage, ich heiße James Morris, dann gilt das. Ich habe dich nie gesehen, du hast mich nie gesehen. Klar?“

Der Bulle hörte auf zu lachen, wischte die Tränen ab, kippte den Tequila und schüttelte den Kopf. „Denk doch mal nach!“, murrte er. „Sieben Jahre ist es her. So wahr ich Terry Wendrell heiße, ich habe nie geglaubt, dich lebend wiederzusehen.“

James gab es auf. Ein Terry Wendrell war ihm nie begegnet. Er leerte die vierte Bierdose.

„Also gut“, raunte Wendrell dicht an seinem Ohr. „Wir haben das Ding nie gedreht, bei dem du verschüttgegangen bist. Zwanzig Jahre hatten sie dir aufgebrummt, Joe, weil du den Schließer umgepustet hast.“

„Ich heiße James. Wenn dir das nicht passt ...“

„Gut, gut, James. Was machst du jetzt? Malochen?“

„Ich bin Chauffeur.“

Da war bei Terry Wendrell der zweite Lachanfall fällig. „Wenn du jetzt noch erzählst, dass du in feiner Livree herumläufst, falle ich tot um! Sieht doch ein Blinder, dass du im Hafen schuftest.“

„Nur ausnahmsweise.“

James hielt es für besser, die Anker zu lichten, aber Terry Wendrell hängte sich wie eine Klette an ihn. Also suchten sie einen Platz hinten in der Ecke, tranken acht bis zehn Tequila und ein halbes Dutzend weitere Bierchen, und Wendrell redete sich den Mund fusselig.

Binnen einer Stunde wusste James die ganze Lebensgeschichte des Joe Randall, für den er gehalten wurde. Demnach musste Randall ein ausgebuffter Gangster gewesen sein, einer von der Sorte, die erst schoss und dann fragte.

„Boy, o Boy“, schwärmte Wendrell, „das waren Zeiten! Weißt du noch, wie ich den Tresor von Woolworths mit einer Sprengladung geknackt habe?“ James schwieg dazu, weil reden Silber und schweigen Gold ist. Er horchte erst wieder auf, als Wendrell ihn beim Arm packte und raunte: „Schmeiß deinen Job hin, Joe!“

„James, verdammt!“

„Also schön — James. Ich sage dir, wir haben ein Ding in Aussicht, daran stoßen wir uns gesund.“

„Ich stehe nichts aus“, sagte James Morris. „Einmal habe ich mir die Pfoten verbrannt, nie wieder.“

Das stimmte. Wäre damals in Lissabon der Baron nicht gewesen, hätte es haarig ausgesehen.

Wendrell hörte gar nicht hin. Er hatte vorhin schon einiges getankt gehabt, und jetzt taten die Tequilas und Bierchen ein Übriges, seine Zunge Galopp laufen zu lassen.

„Geld“, lallte er, „Geld liegt auf der Straße. Bloß die Blöden heben es nicht auf. Schon mal den Namen Harkener gehört?“

„Möglich.“

„Clay Harkener, hundert Millionen schwer. Wetten, dass wir den ausnehmen wie einen Truthahn?“

James spürte auch schon die Geister des Alkohols rumoren. Er lachte. „Wie denn? Der hat sein Geld auf der Bank.“

„Na und? Mit dem richtigen Schlüssel kriegst du jeden Tresor auf.“

„Mit Dynamit, was?“

Trotz des erheblich gestiegenen Alkoholpegels konnte James Morris noch geradeaus denken. Hundert Millionen, das hörte sich gut an. Und er dachte an den Baron, der schon manchem Multimillionär harte Dollars abgenommen hatte, weil er immer Geld brauchte für mildtätige Gaben. Aber das geschah auf legale Weise, nicht durch Raub.

Jedenfalls war sein Interesse hellwach, und er sagte sich, dass es manchmal gar nicht verkehrt war, wenn man für einen anderen gehalten wurde, auch wenn der andere ein Gangster war.

„Pass mal Obacht, Joe“, lallte Wendrell.

„James“, verbesserte James mild.

„Geh zum Teufel mit deinem James, das behalte ich nie! Also, Joe ... James ... die Sache ist die, dass Harkener eine Tochter hat. Diana heißt sie, und das ist ein Weib, sage ich dir, danach würde ich mir sämtliche Finger lecken.“

„Aha.“ Bei James rastete etwas ein. Es war ja immer dieselbe Masche, mit der Burschen wie Wendrell zu Kies kommen wollten. „Ihr wollt sie kidnappen.“

„Puh!“, machte Wendrell. „Seh ich so verrückt aus? Außerdem hat Diana Harkener sich mit ihrem Alten verkracht. Ist also fraglich, ob er überhaupt in die Tasche fasst! No, Boy! Wir jagen ihm die Furcht Gottes ein.“

„Da bin ich aber neugierig!“

Wendrell kippte den nächsten Tequila. Sein Adamsapfel hüpfte. „Ganz einfach, Amigo. Morgen ist Diana Harkener eine tote Leiche. Bum!“

Das wäre James fast auf den Magen geschlagen. Er schluckte ausnahmsweise trocken runter, griff nach einer Beruhigungszigarette und lehnte sich zurück.

Am liebsten hätte er diesem kaltschnäuzigen Killer Wendrell die Visage poliert, aber er bezähmte seine Wut. Nicht umsonst hatte der Baron ihm verschiedene Lektionen erteilt.

„Verrückt!“, brummte er. „Total plemplem.“

„Quatsch doch nicht, Joe! Erstens kriegen wir für den Schuss hundert Mille.“

„Von wem?“

„Denkst du, ich quatsche Namen aus? — Und anschließend, wenn wir die Möpse haben, legen wir erst richtig los. Wetten, dass Harkener die Augen tränen?“

„Mir auch“, sagte James. „Bei so viel Dusseligkeit kann ich bloß weinen.“

„Du machst nicht mit?“

James erhob sich. „Ich muss mal“, verkündete er. „Wo ist denn diese Puppe?“

„Diana? Morgen früh fliegt sie zu den Bahamas. Bloß kommt sie nie dort an.“ James ging für Knaben und kam sehr ins Grübeln. Das war schon ein dickes Ei, verflucht noch eins! Wenn der Baron hier wäre, könnte man dran drehen, aber so ...

Als er an den Tisch zurückkehrte, war die Pulle leer und Terry Wendrell so voll, dass er den Kopf in den Armen vergraben hatte und schnarchte.

James ließ ihn schnarchen, zahlte die Zeche und trottete zum Hotel.

 

 

2

Der Abend war noch jung, gerade zehn Uhr vorbei. Trotzdem lag Robert Burton, Sekretär des Barons, mit Bermuda-Shorts angetan auf dem Bett und schlief. Außerdem schwitzte Robert, aber wer tat das nicht in diesem Vorzimmer der Hölle.

James betrachtete eine Weile Roberts Gesicht unter der zu hoch geratenen Stirn. Manchmal sah er es doppelt, aber das lag auch bloß an der Hitze und den Bierchen, von den Tequilas ganz zu schweigen.

Er schwankte leicht hin und her und griff zweimal daneben, als er Roberts Schulter packen und schütteln wollte. Beim dritten Mal geriet es.

„Hör mir mal zu, Robby, altes Haus“, brummte er.

Robert fuhr hoch, als läge eine Giftschlange neben ihm. Er sah James hoch wie einen Turm über sich aufragen, roch die Schnapsfahne und ließ sich zurücksinken. „Ach du! Lass mich schlafen, zum Teufel! Sauf den Rest aus dem Fass Tequila auch noch aus, aber lass mich bloß in Ruhe!“

James ließ sich auf das Bett fallen. Robert schrie „Au“! —, denn sein linkes Bein wurde eingequetscht.

„Pardon“, sagte James mit schwerer Zunge. „Tut mir mächtig leid, dass du jetzt einen Bluterguss kriegst. He, penne nicht wieder ein!“

„Wer soll wohl schlafen, wenn du wie ein Hirsch röhrst.“

„Ich bin kein Hirsch“, widersprach James. „Ich heiße auch nicht Joe Randall. Sag mal, kennst du Joe Randall?“

„Nein, du?“

„Ich auch nicht.“

„Dann rede keinen Blödsinn und verdufte! Pfui Teufel, stinkst du nach Schnaps!“

„Bier und Tequila. Sauber, sauber. Kennst du denn vielleicht Diana Harkener oder wie die heißt?“

„Also James, wenn du dich in ein paar blaue Augen vergafft hast, dann geh gefälligst dahin und sing der Dame deine Arien vor. Ich bin völlig erledigt.“

„Ich auch, Robby. Hast du etwas zu trinken da?“

„Nein, zur Hölle!“

„Schade. Du kennst Diana Harkener nicht? Sie ist nämlich morgen tot.

Robert öffnete das linke Auge. „Junge, musst du geladen haben! Harkener ... hast du Harkener gesagt?“

„Die ganze Zeit. Du hörst mir ja nie zu.“

„Meinst du etwa die Tochter von Clay Harkener? Blond ist sie und ein Gedicht in Samt und Seide.“

„Aha. Weiß nicht, ob sie blond ist.“

„O Mama! Was weißt du eigentlich?“

„Dass sie morgen ein kleines bisschen tot sein soll. Morgen. Ist sie schön?“

„Warum soll sie sterben?“

„Weil ihr Alter hundert Millionen hat oder so.“

„Verrückt!“

„Habe ich auch gesagt. Weißt du was, Robby! Wir befreien sie.“

„Befreien? Ist sie denn gefangen?“

„Weiß ich doch nicht. Ich meine, wir retten sie. Dann spuckt sie vielleicht einen Scheck aus.“

„Woher weißt du das eigentlich?“

„Was?“

„Dass Diana Harkener umgebracht werden soll.“

„Von einem alten Kumpel, der glaubt, dass ich ein alter Kumpel von ihm bin. Dabei habe ich ihn noch nie gesehen. Er mich auch nicht. Weil ich nämlich nicht Joe Randall heiße.“

„Au“, sagte Robert. „Geh in dein Zimmer und schlaf dich aus! Das ist ja nicht anzuhören, was du für einen Unsinn zusammenredest.“

James erhob sich, die Bettfedern quietschten, er gähnte. „Hast recht. Bin verdammt müde. Wenn ihr Flugzeug in die Luft fliegt, kann ich auch nichts dran machen. Sag mal, wieso wohnst du eigentlich in einem Karussell? Man wird ja richtig schwindelig in deiner Bude.“

Robert, seufzte, ließ sich zurückfallen und schloss die Augen. Er hörte James zur Tür schwanken, hörte ihn sagen: „Du, wenn diese Dingsda, diese Diana wirklich so ein flotter Käfer ist, wäre es doch eigentlich ein Jammer, wenn sie nicht auf den Bahamas ankäme. Oder waren es die Bermudas? Schade, dass der Baron nicht da ist. Der wäre gleich wie wild hinter der Geschichte her. Aber ich bin besoffen, und du bist eine Niete. Schlafe gut, Robby.“

Die Tür fiel ins Schloss. „Niete!“, knurrte Robert. „Ich eine Niete. Was bist dann wohl du, du Riesenross? Besoffen wie tausend Schweden und ... verflucht, hat er mir jetzt einen Bären aufgebunden oder nicht?“

Robert Burton richtete sich wieder auf. Bei James wusste er nie so recht, wie er dran war. Fest stand nur, dass er betrunken war.

Er wischte den Schweiß ab, trat ans Fenster und lauschte den Geräuschen der Stadt. Gestern noch hatte er Diana Harkener gesehen, zusammen mit Arcaro Vilotti, dem berühmten Rennfahrer.

Da Roberts Hirn funktionierte wie ein gut gefütterter Computer, wiederholte er noch einmal alles, was James von sich gegeben hatte, so konfus es auch gewesen war.

Nein, James konnte sich das nicht aus den Fingern gelutscht haben. Und wenn nur ein Körnchen Wahrheit dran war, musste etwas geschehen. Aber was?

Robert setzte sich auf die Bettkante, griff zum Telefon und fragte den Portier: „Mein Chef, der Baron von Strehlitz, kommt morgen an, wie Sie wissen. Er möchte gern mit Miss Diana Harkener zusammentreffen. Können Sie feststellen, wo die Lady abgestiegen ist?“

„Gewiss, Señor.“

„Ausgezeichnet. Rufen Sie bitte zurück.“

Zehn Minuten später sagte der Portier, dass die Señorita Harkener ein Luxus-Appartement im Gästehaus einer bekannten Ölcompany bewohnte. Dort, so glaubte Robert, war sie die Nacht über sicher.

„Morgen wird die Señorita leider nicht mehr zugegen sein“, fuhr der Portier fort. „Sie fliegt mit ihrer Privatmaschine zu den Bahamas, nach Nassau.“

„Danke.“

Robert legte auf und setzte seinen Hirncomputer in Bewegung. Eine Lösung des Problems fand er nicht.

Also griff er wieder zum Telefon und meldete ein Blitzgespräch mit Miami in Florida an. Dort bewohnte der Baron ein Zimmer im HILTON.

Es dauerte und dauerte, bis der Apparat endlich weckte. Zum Glück war Baron von Strehlitz gleich dran.

„Was gibt’s, Robert?“, fragte er. „Ich komme morgen doch ohnehin nach Tampico. Habt ihr Mist gebaut?“

„Nein, Sir.“ Robert sprach deutsch, weil er fürchten musste, dass das Gespräch mitgehört würde. Englisch konnte der Portier einigermaßen, nicht aber Deutsch. „Es handelt sich um etwas anderes, Sir, eine sehr merkwürdige Geschichte, die James auf geschnappt hat.“

„Schießen Sie los, Robert!“

Robert berichtete, was er wusste oder sich zusammenreimte. „Wie gesagt, Herr Baron, das alles klang sehr verworren, aber wenn doch etwas dran ist ...“

„Sie sagen es, Robert. Wir müssen davon ausgehen, dass das Leben der Lady in Gefahr ist. Glauben Sie, dass Sie James wach kriegen?“

„Das wird schwierig sein, Herr Baron.“

„Gießen Sie ihm Wasser über den Schädel. Ich halte es für aussichtslos, die Frau zu warnen. Außerdem könnten die Mörder jederzeit wieder zuschlagen. Das beste dürfte sein, wenn sie aus dem Verkehr gezogen wird.“

„Aber wie?“

„Sie kennen ja Tampicos Flugplatz. Pirschen Sie sich mit James an das Flugzeug der Lady heran. Suchen Sie nach der Bombe. Kann sein, dass sie mit dem Höhenmesser gekoppelt ist. Ich glaube nicht, dass sie einen eingebauten Zeitzünder hat.“

„Und wenn wir keine Bombe finden?“

„Nun, sie könnte auch im Gepäck der Dame sein. Lassen Sie mich nachdenken ...“

Es wurde ein langes Gespräch, aber als Robert auflegte, war er sehr viel schlauer und zuversichtlicher geworden.

Er kleidete sich an und ging hinüber zu James, der schnarchte wie ein Grizzly im Winterschlaf. Einen Eimer Wasser brauchte er nicht zu bemühen.

Doch nüchtern war James noch immer nicht, als sie das Hotel verließen und mit einem wackeligen Taxi zum Flughafen fuhren.

 

 

3

Diana war genau der passende Name für die junge Dame, die morgens um sieben Uhr in den Swimmingpool vor dem Gästehaus der Ölcompany sprang und einige Bahnen kraulte. Ohne Frage hätte sie beim Miss-Universum-Wettbewerb einen Preis davongetragen, aber von solchem Firlefanz hielt Diana Harkener nichts.

Sie war sehr selbstbewusst, manche hielten sie auch für arrogant oder gar exzentrisch, und weil sie sich den richtigen Vater ausgesucht hatte, konnte sie das Wort „Not“ nicht einmal buchstabieren.

Es machte auch nichts, dass sie ihr Elternhaus seit Jahr und Tag nicht mehr betreten hatte. Der monatliche Scheck traf pünktlich bei ihrer Bank ein, sie hatte drei Wagen zur Verfügung und ein Flugzeug und eine Motorjacht. Die Männer lagen ihr zu Füßen, aber darüber lachte sie nur. Wer sie erobern wollte, musste sich eine Menge einfallen lassen. „Freiheit!“ stand in großen Lettern über ihrem Leben.

Auch Arcaro Vilotti konnte ihr nicht imponieren, obwohl er ein Draufgänger war und noch dazu ein schöner Mann. Als sie aus dem Wasser stieg, stand er an der Leiter und lachte ihr zu. „Sie haben mich um fünf Minuten geschlagen, Diana. Warum stehen Sie eigentlich immer so früh auf?“

„Weil es mir Spaß macht.“ Sie stieg die Leiter hinauf. Vilotti wollte sie mit einem Kuss beglückwünschen, aber sie schwenkte den Kopf zur Seite, tat einen gewandten Schritt nach links und stieß ihn in den Rücken. Da segelte er ins Wasser.

Sie sahen sich erst beim Frühstück wieder, das sie gemeinsam auf der Terrasse einnahmen.

„Sie sind gar nicht nett zu mir, Diana“, klagte Vilotti. „Warum bleiben Sie nicht noch den einen Tag hier und fliegen dann mit mir zum Rennen nach Brands Hatch? Ich würde doppelt so gut fahren!“

„Tun Sie’s doch einfach, Arcaro. Ich habe keine Lust, auf einer Tribüne zu sitzen und die Raserei anzuschauen. Viel lieber springe ich in die Brandung auf den Bahamas.“

„Wie Sie meinen. In spätestens fünf Tagen bin ich dort bei Ihnen! Verraten Sie mir Ihr Hotel?“

Diana schaute ihn gleichgültig an. „Warum? Ich weiß ja gar nicht, ob ich in fünf Tagen noch dort bin.“

„Wo denn sonst?“

„Oh, die Welt ist groß. Sie wissen, dass ich es nirgends lange aushalte.“

„Ich wette, es steckt doch ein Mann dahinter! Wie heißt der Glückliche?“

„Sie irren. Eine Frau steckt dahinter.“

„Wie bitte?“ Er schaute sie verblüfft an.

Sie lachte. „Nicht, was Sie denken. Ich meine die Frau, die mein Vater geheiratet hat. Damit ist alles anders geworden.“

„Sie hassen sie?“

„Nein. Oder doch? Ich weiß es nicht. Ich verachte meinen Vater, weil er sich von diesem billigen Frauenzimmer hat einfangen lassen. Das ist alles.“

Sie erhob sich. Zehn Minuten später wurde ihr Gepäck in den Wagen getragen. Vilotti begleitete sie zum Flughafen.

Er stand auf der Dachterrasse und winkte, als Diana mit einem Jeep zu ihrer Twin Bonanza gefahren wurde. Er sah sie einsteigen. Ihr Gepäck war schon in der Maschine verschwunden.

Die Propeller begannen zu kreisen, erst der linke, dann der rechte. Die Twin Bonanza rollte über den Runway zum Ablaufpunkt, hielt kurz, dann sangen die Motoren heller und rissen den Vogel über die Piste, bis er sich in den blassblauen Himmel hob.

Als Vilotti kehrtmachte, wäre es fast mit einem bulligen Mann zusammengeprallt, der so kompakt wirkte wie ein Bär.

„Pardon“, sagte Vilotti leise und ging. Terry Wendrell starrte noch lange dorthin, wo die Bonanza im Sonnenglast zu einem flirrenden Pünktchen geworden war und nun ganz verschwand. „Tolles Weib“, sagte er. „Ein wahrer Jammer um sie. Aber hunderttausend Dollar sind auch Geld.“

 

 

4

Diana Harkener ahnte nichts Böses.

Sie ging auf die vom Tower vorgeschriebene Höhe von sechstausend Fuß und setzte Kurs auf die Bahamas. Vielmehr nicht direkten Kurs, denn sie musste Kuba umfliegen.

Plötzlich erschien ein ziemlich großer, ja ein sehr großer Mann neben ihr. Er grinste, und es sah so aus, als sei er scheußlich verlegen. Das Ding in seiner Hand war ein Revolver.

„Tut mir leid, Madam“, sagte er und pflanzte sich in den Sitz des Copiloten. „Ich hatte diesen Trip eigentlich auch nicht eingeplant. Wenn Sie meinen Brummschädel hätten, wüssten Sie, warum.“

Diana schaute auf den Revolver und in das grinsende Gesicht.

Sie ließ die Hände sinken, denn sie hatte gerade die Kurssteuerung eingeschaltet.

„Was soll das?“, fragte sie tonlos. Dann lachte sie. „Ach so! Ich verstehe! Freiflug nach Kuba, nicht wahr?“

Noch ein Gesicht, ein mondrundes übrigens, tauchte im Gang zwischen den Pilotensitzen auf. Es wirkte nicht verlegen, sondern bekümmert und vielleicht auch verängstigt.

„Gestatten“, sagte der zweite Mann, „mein Name ist Burton.“

„Und ich heiße Morris“, sagte der erste. „Nennen Sie mich einfach James. Aber sagen Sie das nicht durchs Mikrofon, sonst kann ich mich nirgends mehr blicken lassen.“

Komische Vögel sind mir da zugeflogen!, dachte Diana. Laut sagte sie: „Welchen Kurs befehlen Sie also?“

James Morris schaute zu Robert auf und hielt sich den Schädel. „Sag du es ihr, Robby. Mein Kopf muss jeden Moment auseinanderfliegen.“

„Warum gurgelst du mit Tequila? Also, Madam, die Lage ist so, dass wir soeben Ihr Leben gerettet haben.“

„Aha.“ Sie schüttelte den Kopf und zweifelte endgültig an Roberts Verstand. „Ich nehme nicht an, dass Sie Komiker sind.“

„Mitnichten, Madam. Wenn Sie erlauben, führe ich Ihnen das Corpus Delicti vor.“

Sehr behutsam griff Robert hinter sich und öffnete eine Blechschachtel.

Darin lagen säuberlich verpackt mehrere Stangen Dynamit. Vielleicht war es auch Ekrasit oder Nitro. Und natürlich war auch eine Sprengkapsel dabei, sowie ein elektrischer Zünder, der mit einem Höhenmesser verbunden war.

„Dieses Ding“, sagte Robert, „war in Ihrer Maschine versteckt. Sie sollten in die Luft fliegen. Wenn ich Ihnen das Prinzip der Bombe erklären darf?“

Da riss Diana der Geduldsfaden. „Es ist schon schlimm genug, dass Sie sich bei mir angeschlichen haben und mich mit dem Revolver bedrohen. Aber dass Sie mir jetzt noch ein Märchen verkaufen wollen, ist ja wohl das Letzte!“

„Na schön. Wie Sie meinen. Manche Leute müssen zu ihrem Glück gezwungen werden.“

„Für wie dumm halten Sie mich eigentlich?“

„Madam, ich würde mir nie erlauben, eine Dame für dumm zu halten. Da wir jetzt weit genug über See sind, werden Sie die Kurssteuerung ausschalten und die Höhe aufgeben.“

„Und weiter?“

„Wir machen kehrt, Madam. Schauen Sie sich vorher bitte die Luftkarte an. Etwa hundert Meilen von Tampico entfernt habe ich ein Kreuz eingezeichnet. Ein altes Ölcamp, das in Kürze wieder den Betrieb aufnehmen wird.“

„Und was soll ich dort?“

James kicherte. „Mit uns darauf anstoßen, dass Sie noch leben! Wetten, dass wir noch die besten Freunde werden?“

„Die Wette haben Sie verloren!“ Diana Harkener war ein kluges Kind. Was konnte sie schon tun als gehorchen? Die Geschichte mit der Bombe glaubte sie natürlich nicht.

Sie schaltete die Kurssteuerung aus, berechnete ihren Standort, drückte die Steuersäule jäh an, so dass Robert in die Knie ging und sich krampfhaft festhalten musste, während James mit dem Kopf gegen das Steuerhorn knallte.

„Au!“, schrie er. „Wenn Sie das noch mal machen, lege ich Sie übers Knie!“

Wenig mehr als eine halbe Stunde später tauchte unter ihnen das jammervolle Ölcamp auf. Die narbige Graspiste des Flugplatzes daneben sah gar nicht vertrauenerweckend aus, aber Diana legte eine bildschöne Landung hin.

„Und was nun?“, fragte sie, als sie die Maschine vor die Wellblechbaracke der ehemaligen Abfertigung gerollt hatte und die Quirle der Propeller stillstanden.

„Jetzt“, sagte James, „trinke ich ein Fass Bier aus. Robert wird Ihnen alles erzählen. Wenn Sie ihm nicht glauben, kann Ihnen keiner helfen.“

 

 

5

Baron Alexander von Strehlitz landete um elf Uhr vormittags in Tampico, und zwar mit der Aero Commander seines alten Freundes Gien Colbert.

Le Beau hatte den Flug von Miami herüber verschlafen, weil er die Nacht mit Wein, Weib, Gesang verbracht hatte. Das heißt, Gesang war dabei am geringsten vertreten gewesen. Als der Baron ihn weckte, gähnte er ziemlich laut, blickte konsterniert um sich und meinte: „Hier ist es ja noch viel heißer als in Florida!“

Sie gingen gemeinsam zum Abfertigungsgebäude hinüber, wobei Le Beau in regelmäßigen Abständen gähnte und fluchte.

„Jammere nicht“, sagte der Baron unerbittlich. „Deinen Spaß hast du gehabt, jetzt kommt der Ernst des Lebens. Nimm ein Taxi, fahr zum Hafen und sorg dafür, dass unsere Maschinen sofort auf die Schuten verladen werden! Ich möchte sie spätestens übermorgen in San Clemente auf dem Kai stehen sehen.“

„Immer ich!“, stöhnte Le Beau.

Sein Gemüt heiterte sich erst auf, als unmittelbar vor ihm ein prachtvoll gewachsenes weibliches Wesen mit blauschwarzem Haar auf den Taxistand zustöckelte. Ganz Kavalier, riss er ihr den Schlag auf.

Dann erst warf er einen Blick in das Gesicht der Dame und fiel fast um. Ein zahnloser Mund grinste ihn an, die Haut war von ledernem Gelb und verrunzelt wie bei einem Schrumpfkopf. Er machte, dass er zum nächsten Taxi kam.

Während Gien Colbert gleich die Abfertigung vornahm, denn sie wollten ohne Verzug weiter nach San Clemente — dem Ölcamp —, erledigte der Baron mehrere Telefonate. Es entging ihm nicht, dass in der Flugleitung ein ziemlicher Wirbel herrschte, verursacht durch das spurlose Verschwinden einer Twin Bonanza.

„Wenn Weiber schon allein fliegen!“, schrie der Flugleiter und raufte sich das graue Haar. „Würde mich nicht wundern, wenn die Señorita in Kuba gelandet ist.“

Der Baron glaubte es besser zu wissen, aber begreiflicherweise enthielt er sich der Stimme. Als Gien Colbert eben vom Wetterfrosch zurückkam und die Abfertigung abholte, stürmte ein Mann herein, der schon mehr als einmal Schlagzeilen gemacht hatte: Arcaro Vilotti.

„Haben Sie endlich Nachricht von Miss Harkener?“, rief er.

Alexander von Strehlitz hatte Vilotti zuletzt beim Rennen von Indianapolis gesehen, wusste, dass er aus einer verarmten italienischen Adelsfamilie stammte, aber von dem Titel Marchese kaum Gebrauch machte. Alexander wusste ferner, dass Vilotti ein geradezu tollkühner Fahrer war, der eben deshalb selten das Ende eines Rennens erlebte, weil er den hochgezüchteten Motoren zu viel zumutete.

In Indianapolis allerdings war Vilotti fündig geworden und hatte eine ganz hübsche Prämie eingesteckt.

„Nichts“, sagte der Flugleiter und zog bedauernd die Schultern hoch. „Wir haben schon Fernschreiben an alle Flughäfen rings um den Golf geschickt. Keiner hat auch nur einen Pieps von der Twin Bonanza gehört.“

„Das gibt es doch nicht“, rief Vilotti. „Wann hatten Sie den letzten Funkkontakt mit der Maschine?“

„Nicht lange nach dem Start, Señor. Sie kennen die Dame?“

„Wir sind befreundet. Ich mache mir die größten Vorwürfe, dass ich sie habe allein fliegen lassen, aber sie wollte einfach nicht auf mich hören. Morgen wäre ich mit ihr geflogen ...“

Der Baron hörte nicht mehr hin. Er hatte es eilig und war überdies sehr neugierig, ob Robert und James richtig gespurt hatten.

Eine Viertelstunde später raste die Aero Commander über, die Piste und schraubte sich den weißen Zirren entgegen, die schlechtes Wetter andeuteten. Und wieder nur zwanzig Minuten später senkte sich die Nase der Maschine zur Graspiste auf San Clemente hinab.

 

 

6

Diana Harkener saß mitten in ihrem Kofferberg auf einem wackeligen Stuhl, denn bessere Möbel gab es nicht in der Wellblechbaracke, die sich hochtrabend Flugleitung nannte.

Draußen maß man vierzig Grad im Schatten, aber hier drinnen waren es mindestens fünfzig. Kein Wunder also, dass die stolze Lady sich entblättert hatte und ihre Reize im Bikini darbot.

„Reizend!“, stellte der Baron fest, als, er über die Schwelle trat. „Ich kenne eine hübsche Badebucht in der Nähe, ganz ohne Haie. Wenn Sie erlauben, werde ich Sie dorthin fahren, Madam.“ Diana starrte den großen Mann mit dem überaus männlichen und eindrucksvollen Gesicht an. „Wer sind Sie? Gehören Sie auch zu dieser Bande von Entführern?“

James senkte den Revolver, den er auf die Dame gerichtet hielt und griff seufzend zu einer Bierdose. „Gott sei Dank, Sir, dass Sie endlich da sind. Wenn Sie mich fragen, hüte ich lieber eine Herde von Wildpferden als dieses blonde Gift. Haben Sie das Loch in Roberts Eierkopf gesehen?“

„Ach. Robert hat ein Loch im Kopf?“

„Yes, Sir. Das Elend mit Robert ist, dass er immer die Samthandschuhe anbehält. Mich hat die Lady in die Hand gebissen. Ob ich wohl den Arzt aufsuche? Vielleicht hat sie einen Giftzahn.“

„Schämen Sie sich, James!“

„Ich? Wieso ich? Als ich mal den Hund unseres Nachbarn gebissen habe, hat meine Mutter mir eine Tracht Prügel verpasst. Seitdem bin ich gut erzogen. Verdammt, dies Bier ist so heiß wie Grog.“

„Dann würde ich es einfach nicht trinken. Madam, verzeihen Sie, wenn Sie nicht gentlemanlike behandelt wurden. James meint es nicht so, er ist rau, aber herzlich.“

Diana sprang auf. „Jetzt reicht es mir! Glauben Sie Narr etwa, dass Sie auch nur einen Cent Lösegeld bekommen? Da kennen Sie meinen Vater aber schlecht!“

„Ich kenne ihn gar nicht, Madam. Oh, ich vergaß! Strehlitz mein Name. Alexander von Strehlitz. Der Einfachheit halber nennen Sie mich bitte Alexander, Diana. Ich bin sicher, dass wir bald die besten Freunde sein werden.“

„Sie sollten sich in psychiatrische Behandlung begeben. Was also wollen Sie von mir?“

„Es Ihnen so gemütlich wie möglich machen, bis wir das Komplott gegen Ihr Leben aufgedeckt haben. Das ist natürlich nur ein Vorschlag zur Güte.“

„Was Sie nicht sagen. Und wenn ich ihn nicht annehme?“

Der Baron zuckte die Achseln. „Ich nehme an, dass Robert Ihnen erklärt hat, um was es sich handelt. Gewiss wurde Ihnen auch die Bombe vorgeführt. Es war doch eine Bombe an Bord. James?“

„Yes, Sir.“

„Wo ist sie?“

„Robert hat sie mitgenommen zu dem Lausekaff San Clemente.“

„Gut. Ich werde das Ding in Augenschein nehmen.“

„Tun Sie doch nicht so scheinheilig!“, schrie Diana. „Wahrscheinlich haben Sie selbst die Bombe gebastelt und in meine Twin Bonanza eingebaut. Mich legen Sie nicht rein.“

Alexander seufzte. „Immer diese Vorurteile! Erlauben Sie mir die Frage, wer von Ihrem Ableben profitieren könnte?“

„Reden Sie doch nicht so geschwollen daher, Sie Hochstapler! Sie wollen absahnen und kein anderer.“

Der Baron schaute zur Uhr. „Meine Zeit ist leider bemessen. Ich könnte Sie Ihrem Schicksal überlassen. Steigen Sie in Ihre Maschine, fliegen Sie nach Tampico oder zu den Bahamas und zeigen Sie mich an. Der Tatbestand der Entführung ist zweifellos erfüllt.“

„Sofort täte ich das, aber Sie lassen mich ja nicht!“

„Doch, doch, Gnädigste. Ich habe Arbeit und Ärger genug am Hals. Wenn ich dann in der Zeitung von Ihrem jähen Tod lese, werde ich eine schwarze Krawatte anlegen. Ah, da kommt Robert mit dem Jeep. James, weg mit dem Revolver! Wir lassen die Lady jetzt allein.“ James hielt die Tür für den Baron auf. Draußen krabbelte Robert gerade aus dem Jeep. Er trug einen weißen Kopfverband.

„Mein Beileid“, sagte der Baron mitfühlend. „Ein Schädelbruch ist es hoffentlich nicht?“

„Fast, Sir, fast. Ich habe mir eine Entführung immer sehr viel anders vor gestellt.“

„Ja, im Leben passieren die wunderlichsten Geschichten. James, sind Sie halbwegs nüchtern?“

„Halbwegs? Aber Sir! Wann bin ich schon mal richtig voll!“

„Gestern Abend zum Beispiel. Wie war das mit diesem Wendrell?“

James erzählte die Story noch einmal. Auch, dass er offenbar der Doppelgänger eines gewissen Joe Randall war.

Der Baron nickte dazu. „Ich habe noch in der Nacht beim FBI angerufen. Vor ungefähr sieben Jahren ist ein Joe Randall, auf den Ihre Beschreibung passt, James, in Frisco wegen Raubüberfall in Tateinheit mit Totschlag zu zwanzig Jahren verurteilt worden.“

„Na so was! Der Knabe sitzt also noch?“

„Nein, er ist vor zwei Jahren gestorben. Hier habe ich Notizen über seinen Werdegang. Familie hatte er keine, ist in den Slums von Frisco geboren, dort aufgewachsen und schließlich in Fürsorgeerziehung gekommen. Mit sechzehn der erste Ausbruch aus der Anstalt, mit siebzehn die erste Strafe — na, lesen Sie es sich selbst durch.“

„Warum, Sir? Der Bursche ist weg und interessiert mich nicht die Bohne.“

„Sollte er aber, James. Diese Geschichte interessiert nämlich mich. Sie werden versuchen, Kontakt mit Wendrell aufzunehmen.“

„Du kriegst die Motten! Pardon, Sir, aber mit so einem Gesocks habe ich nicht gern zu tun.“

„Sie müssen nicht, James. Aber ich könnte mir vorstellen, dass wir auf diese Art einem dicken Hund auf die Spur kommen.“

„Ah so. Aber, Sir, ich bin Ihr Chauffeur.“

„Bis auf Weiteres nicht mehr, James. Erzählen Sie Wendrell, dass Sie keine Lust mehr haben, mein Kuli zu sein. Erzählen Sie meinetwegen von diesem Lausekaff San Clemente, in dem Sie nicht vor die Hunde gehen wollen. Aber tragen Sie nicht zu dick auf. Ich fürchte, mit den Burschen ist nicht zu spaßen.“

„Ach du dicker Vater! Ich soll also Joe Randall spielen?“

„Nein. Sie bleiben stur dabei, dass Sie James Morris sind.“

„Und wenn ich nun gegen die Gesetze verstoßen muss?“

„Hm. Oft heiligt der Zweck die Mittel. Im Übrigen bleiben wir in Kontakt.“

„Aber, Sir, die Burschen wollen das Ding doch in den Staaten drehen! In Los Angeles, glaube ich.“

„Ich werde mich bemühen, zur rechten Zeit dort zu sein. Wichtige Nachrichten schicken Sie unter dem Decknamen San Clemente nach Tampico hauptpostlagernd. Auch Telegramme.“

„Okay, Sir. Verdammt, warum muss ich bloß so ’nem Galgenstrick ähnlich sehen?“

Der Baron wandte sich an Gien Colbert, der inzwischen mit einigen Männern die Aero Commander entladen hatte. Mehrere Aggregate und vor allem Iridium gehärtete Gesteinsbohrer hatten sie von Florida herübergebracht.

Als die Aero Commander mit James an Bord startete, trat Diana Harkener aus der Baracke. Sie hatte ein luftiges Kleid — Mini natürlich — über den Bikini gezogen.

„He!“, rief sie. „Ich habe Hunger!“ Der Baron wandte sich zu ihr um. „Ach ja, Sie sind ja auch noch da. Ich dachte, Sie wollten gleich losfliegen. Sollen wir Ihnen behilflich sein, die Koffer an Bord zu bringen?“

Diana stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Glauben Sie, ich falle auf Ihre blöden Witze rein? Natürlich haben Sie längst wieder die Bombe eingebaut.“

„Wie Sie meinen, Madam. Leider habe ich keinen Rolls-Royce zur Verfügung. Wenn der Jeep Ihren Ansprüchen genügt, steigen Sie bitte ein.“

Diana ließ ihre Koffer in der Baracke, nur eine Handtasche nahm sie mit. Hochnäsig stieg sie auf den Beifahrersitz, während der Baron das Steuer nahm.

Er fuhr wie die Post über den ruppeligen Weg, der jenseits des Flugplatzes in den Dschungel eintauchte.

Dort öffnete Diana ihre Handtasche, zog eine Pistole vom Kaliber .22 heraus und drückte sie dem Baron in die Seite.

„Stopp!“, rief sie scharf. „Jetzt tanzen Sie nach meiner Melodie!“

Der Baron hielt, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und sagte ergeben: „James hat recht, Sie sind wirklich ein blondes Gift. Vielleicht haben sogar die Leute nicht ganz unrecht, die Sie ins Jenseits schicken wollten. Und was befehlen Sie jetzt, Gnädigste?“

„Machen Sie kehrt! Sie werden mich auf dem Flug begleiten. Wenn dann die Bombe explodiert, sind wir beide erledigt.“

„Wie Sie befehlen. Sollten wir nicht doch lieber vorher essen?“

„Wenn Sie noch ein Wort sagen, schieße ich!“

Er glaubte ihr. Sie war geladen bis obenhin. Und ihr Temperament hätte für ein Dutzend Frauen ausgereicht.

Der Baron stieß den Wagen zurück bis zum Flugplatz, wendete und fuhr wesentlich langsamer als vorher an die Twin Bonanza heran.

Robert stand neben den verschwitzten Männern vom Bohrkommando, die die schweren Kisten auf einen Laster wuchteten. Ihm fiel der Unterkiefer herab, als er den Baron mit erhobenen Händen aus dem Jeep steigen und auf das Flugzeug zugehen sah.

Diana drückte die Pistole in Alexanders Nierenpartie, und das war durchaus nicht angenehm. Wenn sie einen nervösen Zeigefinger hatte, kriegte der Arzt in San Clemente Arbeit.

Alexander setzte sich auf den Sitz des zweiten Piloten. Er war neugierig, wie die tatkräftige Lady sich alles Weitere vorstellte. Schließlich konnte sie nicht gut mit der Pistole auf ihn zielen und gleichzeitig die Maschine starten.

Das schien auch ihr klar zu sein, denn sie trat hinter ihn, hob die Pistole und schlug zu. Er brachte eben noch den Kopf so weit zur Seite, dass die Waffe ihn nur streifte, dabei allerdings fast sein Ohr abriss. Es blutete nicht schlecht.

Seufzend warf Alexander den Kopf nach vorn auf die Steuersäule und tat, als sei er bewusstlos. Blut tröpfelte auf sein schönes Hemd, er hörte Diana „Oh!“, rufen und sah durch fast geschlossene Lider hinweg, wie sie in den Pilotensitz kletterte. Die Pistole legte sie zwischen die Sitze.

Details

Seiten
118
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738931013
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496092
Schlagworte
baron

Autor

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Titel: Der Baron #7: Ein kleines bisschen tot, Sir