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Schicksale im Haus an der Ecke #16: Ilonas Heimkehr zur Liebe

2019 104 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ilonas Heimkehr zur Liebe

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Die Hauptpersonen:

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Ilonas Heimkehr zur Liebe

Schicksale im Haus an der Ecke #16

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

 

Ilona arbeitet als Dirne. Bei einem Besuch bei ihrer Schwester passiert es – sie verliebt sich in Johannes. Ilona will diese Liebe nicht zulassen, denn wenn er erfährt, dass sie eine Prostituierte ist, würde er sie nicht mehr wollen.

Aber auch Johannes, der Ilona liebt, hat so seine Probleme, denn er scheut sich, über seinen Beruf zu reden, weil er denkt, dass sie dann nichts mehr mit ihm zu tun haben will.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen:

Johannes Ringberger - Handelsvertreter, hat kein Glück bei Frauen, wenn er gesteht, welche Ware er vertritt.

Ilona - Mädchen aus dem Haus an der Ecke, ist sauer, weil sie sich verliebt hat.

Eva-Maria - Mädchen im Haus an der Ecke, kann einen honorigen Kunden nicht bedienen, weil ihr Hund etwas dagegen hat.

Dazu die Bewohner vom Haus an der Ecke.

 

 

1

Nur zögernd erwachte das Viertel zu neuem, hektischem Leben. Noch ganz verschlafen machte mancher die Augen auf und gähnte erst einmal ausgiebig. Das Leben war hier hart. Doch sie mussten alle froh sein, dass es im Augenblick einigermaßen lief. Man munkelte schon in den Kneipen, dass sich schon bald vieles verschlechtern würde. Langsam schlich sich überall die Angst ein. Viele wollten es noch nicht wahrhaben, sahen die unübersehbaren Zeichen noch nicht, taten einfach so, als sei alles beim alten.

Im Haus an der Ecke war das ganz anders. Dort lebten ja auch nur Menschen, die helle im Kopf waren. Sonst hatten sie hier gar keine Chance. Die Leute vom Haus an der Ecke wollten alles im Griff behalten.

Besonders Ida, die Köchin. Sie war die Seele des Bordells. Zwar sagte sie immer, sie gehöre schon zum alten Eisen und man behielte sie nur noch aus Barmherzigkeit. Dann folgten viele Seufzer, aber sie fühlte sich dabei pudelwohl. Die Mädchen und auch Deike, die Bordellmutter, wussten einfach, was sich gehörte. Also fingen sie sogleich an, ihrer Ida zu beteuern, dass sie ohne sie doch gar nicht leben könnten. Ja, wenn Ida einmal das Eckhaus verlassen würde, müsste zwangsläufig alles drunter und drüber gehen.

Ida war darüber zufrieden, zeigte es natürlich nicht. Das war einfach unter ihrer Würde. Das war eine ganz vertrackte Sache mit der guten alten Ida. Sie war praktisch zur Dirne geboren. Wenn einer sie fragte, was sie denn als junges Mädchen getan habe, konnte sie sich nur daran erinnern, schon immer in diesem Viertel gelebt zu haben. Sie hatte vieles durchgestanden und war dann eine alte versoffene Hure geworden. Ida war vor gut fünf Jahren an einem Tiefpunkt angelangt und wollte schon Selbstmord begehen. Sie sah einfach keinen Ausweg mehr. Doch davor hatte Walter sie beschützt. Deshalb liebte Ida Walter heiß und innig. Walterchen liebte übrigens Ida auch. Ida sorgte dafür, dass aus dem Buben mal etwas ganz Großes wurde. Er ging zur Oberschule und wurde von Ida verwöhnt, von den Mädchen im Bordell auch. Walter hatte wirklich das große Los gezogen. Seine richtigen Eltern tranken und waren froh, wenn sie den Buben nicht zu Gesicht bekamen. Hin und wieder zeigte er sich bei ihnen, schon damit er keine Schwierigkeiten mit der Jugendbehörde bekam.

Ida und Deike waren die Seele des Eckhauses. Das Haus an der Ecke war berühmt. So mancher Großlude leckte sich die Finger danach, eins seiner Mädchen hier unterzubringen. Was hatten sie nicht schon alles ablehnen müssen! Ja, das Haus an der Ecke war schon etwas Besonderes. Mitten im Viertel befand sich dieses Haus. Alle sprachen hier von Liebe, von käuflicher Liebe wohlverstanden, von der Liebe für ein paar Stunden oder Minuten. Doch im Haus an der Ecke waren sie dazu übergegangen, auch untereinander lieb und nett zu sein. Deike, einst eine große Stardirne, hatte nach ihrer Krebsoperation einen langen, schweren Weg gehen müssen, bis sie über ihren eigenen Schatten springen konnte. Sie hatte es nicht nur dank ihrer Haushälterin Imke geschafft, dass ihre Erkrankung nicht wieder aufgeflackert war, sie hatte sich fast zu einem ganz neuen Menschen verändert. Sie war zur Mutter der Dirnen geworden. Das war eine schöne Aufgabe für eine Frau, die gerade noch geglaubt hatte, am Leben zerbrechen zu müssen. Nicht Geld stand an erster Stelle in diesem Haus, sondern Menschlichkeit. Darum war es für neue Mädchen gar nicht so einfach, sich zurechtzufinden. Auch die Kunden hatten Schwierigkeiten damit, stand doch in den Zeitungen immer nur zu lesen, wie gemein, brutal und verlogen Dirnen doch waren. Dirnen galten nur als Lustobjekte. Gefühle kannten sie angeblich nicht. Das regte die Tüllen sehr auf, und schon deswegen wurden sie häufig wütend und zornig. So kam es halt, dass sie genau das taten, was die Gesellschaft von ihnen erwartete. Viele Besucher, auch Frauen, kamen in dieses Viertel und begafften die Tüllen wie Tiere im Zoo. Auch das schluckten die Mädchen einfach und schwiegen. Dirnen waren gute Menschenkenner. Wären sie es nicht, gingen sie bald zugrunde. Die leichten Mädchen regten sich zuweilen noch darüber auf, dass man sie für den Abschaum der Menschheit hielt. Sie schlugen sich oft noch mit diesem Problem herum und wollten den Kunden die Wahrheit einbleuen. Viele von ihnen gingen doch nur auf den Strich, weil sie Geld brauchten. Am Tage führten sie ein ganz normales Leben. Aber auch am Tage gab es hier normale Frauen, die hier auf Anschaffen gingen, wie sie es nannten. Wenn dann ihr Mann abends heimkam, waren sie wieder zur Stelle. Viele Ehemänner ahnten nicht einmal, woher das Geld kam. Die Frauen sprachen nicht darüber, wenn sie schweigend Reparaturen, Lichtrechnungen und vieles mehr bezahlten. Das Gehalt des Mannes reichte oft nicht aus, besonders für die Klamotten, die sie sich anschafften. Die Stadt war voller Lärm, und viele Frauen konnten und wollten nicht daran vorbeigehen. Zum Ehemann wurde dann jedes Mal gesagt: »Das habe ich billiger bekommen.« Oder: »Eine Freundin von mir hat es nicht mehr gewollt, und ich habe es ihr abgekauft.«

Es gab im Viertel eine regelrechte Arbeitszeit, die musste eingehalten werden. Zuhälter richteten sich danach und verdienten nicht schlecht dabei. wussten sie doch, dass die Kunden immer wieder neue Gesichter sehen wollten. Also waren sie froh, dass sie auf diesen grauen Markt zurückgreifen konnten.

Im Haus an der Ecke hingegen war das etwas anderes. Dort standen Mädchen auf der Rampe, die Vollblutdirnen waren. Sie machten ihre Arbeit wirklich ausgezeichnet, sonst dürften sie hier auch gar nicht stehen. Dafür sorgte schon die alte Ida. So kam es auch, dass hierher sehr viele Stammkunden kamen. Auch noch in dieser unruhigen Zeit. Alle Welt hatte die Angst im Nacken. Aids! Das Wort erschreckte alle. Es prangte in Zeitungen, auf Litfasssäulen, einfach überall. Im Fernsehen konnte man es auch ständig hören und sehen. Angst ist tödlich. Angst würgt alles ab, sogar den gesunden Menschenverstand.

Neulich hatte Deike noch zum King gesagt: »Wenn die so weitermachen, kann es sich vielleicht ins Gegenteil umkehren.«

»Wie meinst du das?«, fragte der Großlude.

»Was ist, wenn sie plötzlich denken, es hat doch keinen Zweck? Wir sind der Seuche ausgeliefert! Es ist doch wurscht, wann wir zugrunde gehen!«

Marek hatte die Stirn gerunzelt.

»Da ist was dran! Bei Zeus, daran denken die wohl alle nicht, wie?«

Deike sagte ruhig: »Manchmal finde ich es einfach furchtbar. Wie bei Krebs! Dass es Krebs gibt, das darf den Bürgern niemals aus dem Gedächtnis entfallen. Würde man nicht ständig davon reden, wüsste man bestimmt auch nicht von den vielen Krebstoten.«

»Mädchen, du gehst da einen gefährlichen Weg!«

»Ich habe nichts zu verlieren«, sagte Deike spröde.

Trotzdem war sie darauf bedacht, dass sich die Mädchen sauber hielten. Irgendwie wollte sie es allen anderen zeigen.

Marek hatte sie lange angesehen. Deike war ein Rätsel für ihn. Früher war sie sein Mädchen gewesen. Er hatte viel Geld mit ihr gemacht. Dann war sie hoch aufgestiegen, und sie hatten sich nur noch selten gesehen. Sein Geld war pünktlich überwiesen worden. Deike hatte nur noch in vornehmen Kreisen gelebt. Ja, jetzt entsann Marek sich sogar daran, dass es mal einen Mann in Deikes Leben gegeben hatte. Er war im diplomatischen Dienst und hatte sie heiraten wollen. Marek hatte nie herausgefunden, wer es gewesen war. Deike wäre fast daran zerbrochen. Er war der Erste gewesen, der sie sofort hatte fallen lassen nach ihrer Operation. Er, Marek, hatte ihr dann eigentlich aus lauter Barmherzigkeit die Leitung des Bordells übertragen. Er hatte nur an einen Übergang gedacht. In der Regel wurden Bordells nämlich von Männern geführt. Hier im Haus an der Ecke hatte ein ziemlicher Saustall geherrscht. Marek konnte es lange nicht glauben, was Deike daraus gemacht hatte. Sein Ansehen war durchaus noch mehr gestiegen. Schon lange wusste der Großlude, dass das Leben nicht nur aus Geldverdienen bestand. Es musste etwas geben, was ihm einen Sinn gab. Mareks Mutter wollte, dass er heiratete und eine Familie gründete. Deike sollte die Frau für ihn sein. Doch sie wehrte sich. Viele Jahre hatte sie nicht mehr mit einem Mann geschlafen. Sie konnte sich einfach niemandem so zeigen, wie sie jetzt war. Das hatte Marek auch akzeptiert. Und doch war sie noch immer scheu vor ihm. Ein merkwürdiges Geschöpf war Deike schon.

Als sie glaubte, alles fest im Griff zu haben, kam diese Aidsseuche. Damit war wirklich nicht zu spaßen. Gerade in diesem Viertel war es schlimm. Wenn es so weiterging, würden sie schließen müssen. Der King wusste, es gab immer Männer, die ein käufliches Mädchen brauchten, Männer, die nicht normal veranlagt waren, die das Gefühl hatten, ihre Bedürfnisse der eigenen Frau nicht zumuten zu können. Die kamen und entluden sich hier bei einem käuflichen Mädchen. Wenn sie das nicht mehr konnten, würden sie sich andere Opfer suchen. Schon in der Bibel war von käuflichen Mädchen die Rede. Deshalb sprach man ja vom ältesten Gewerbe der Welt. Und jetzt sollte alles zu Ende sein?

Krankheit macht ehrlich.

»Wie ehrlich? Was waren die wirklichen Hintergründe? Es war einfach zum Verrücktwerden! Marek hatte schon erfahren, dass einige Häuser schließen mussten. Es hatte auch einen Mord gegeben. Ein Mann hatte geglaubt, Aids zu haben und wollte sich an den Dirnen rächen. Er hatte eine von ihnen umgebracht, hier im Viertel. Dann hatte sich herausgestellt, dass beide gar kein Aids gehabt hatten. So schnell konnte alles durcheinander geraten.

Deike würde wie ein Fels in der Brandung stehen. Sie wusste, was Angst war. Sie hatte sie überwunden. Deike war ein wunderbares Mädchen.

Ida war auch standhaft.

»Wir müssen es schaffen«, hatte Marek noch gestern zu Deike gesagt. »Deike, wir dürfen nicht aufgeben! Wir müssen allen zeigen, dass es auch so geht!«

Sie hatten einen kleinen Zank wegen Salome gehabt. Sie war Orientalin und durfte kein Schweinefleisch essen. Sie hatte kürzlich für einige Aufregung im Haus an der Ecke gesorgt. Salome war auch zur Zeit das einzige Mädchen, das nicht ständig im Haus an der Ecke lebte. Ihre Eltern durften nicht wissen, wie sie ihr Geld machte. Die Eltern waren Asylanten und brauchten das Geld. Salome war ein nettes Mädchen. Ida hatte sich zwar zuerst geweigert, ihr eine Extrawurst zu braten.

»So weit kommt das noch«, hatte sie wütend geschrien. »Dann muss ich bald für jede ein anderes Gericht kochen! Nein, und nochmals nein!«

Salome mit ihren großen dunklen Augen hatte Ida schmachtend angeblickt und gesäuselt: »Du sein sehr gute Mensch, Idachen! Ich dir sährr lieben! Nix anders kochen. Ich nur einfach nicht essen, wenn Schweinefleisch auf Tisch, ja? Ich dann nur Gemüse und Kartoffeln essen! Ährlich, ich nix Extrawurst! Extrawurst auch von Schwein!«

Sie waren alle in herzhaftes Gelächter ausgebrochen. Ida hatte nicht lachen wollen. Das war einfach gegen ihre Würde. Doch schließlich konnte sie nicht mehr an sich halten und lachte auch. Walterchen schrie: »Idachen, du kannst ja lachen! Mensch, bist du aber hübsch.«

So etwas durfte sich nur Walterchen leisten. Hätte das ein anderer gesagt, der läge jetzt mit Blutergüssen in der Küche. Alle hielten die Luft an und blickten die Köchin an. Sie wurde dunkelrot. Walterchen blickte sie mit strahlenden Augen an.

»Ich wünsche mir eine Mutter, die immer lacht! Ach Idachen!« Dann hatte er Ida in die Arme genommen und sie fest gedrückt.

Deike hatte den Mädchen hastig zugewinkt. Sie waren wie Diebe aus der Küche geschlichen, Salome im Schlepptau. In der Diele hatte sich das Mädchen losgerissen und gesagt: »Warum heimlich fort? Warum Dame Ida immer böse, wenn sagen, ich dir lieben, Idachen?«

»Niemand soll sehen, wie butterweich sie ist.«

»Warum nicht?« Salome hatte es noch immer nicht kapiert. Hanna, die Sprecherin der Dirnen, sagte trocken: »Man muss ihr mal böse mitgespielt haben, der guten Ida. Sie rastet einfach aus. Liebe ist für sie ein Lebenselexier, aber sie will es eben nicht wahrhaben.«

»Komisch, wirklich komisch!«

»Jetzt weißt du Bescheid!«

Das neue Dirnchen konnte es noch immer nicht ganz kapieren.

»Komm«, sagte Hanna zu ihr. »Gehen wir wieder auf die Rampe. Du brauchst heute noch Kunden!«

Salome nickte.

»Klar, hier alles nette Männer, ährlich! Richtig lustige Männer. Daheim oft schwermütig. Bei Liebe nix gut, wenn Männer nicht lustig. Hier schöner leben, ährlich!«

»Verstehst du das?«

Deike wandte sich an Carmen.

»Nein! Ist zu hoch für mich!«

»Sie ist zu bewundern. Sie sieht alles durch eine rosa Brille.«

»Ja, sie ist zu beneiden.«

Dann hatten sie sich getrennt, und jede war ihrer Arbeit nachgegangen.

 

 

2

Der Tau war bereits getrocknet. Die Sonne schien jetzt immer wärmer. Die Besenhexen zogen ein und machten Lärm. Ida stand auch schon in der Küche. Sie ließ es sich mal wieder nicht nehmen und machte frische Brötchen. Das bedeutete, sie hatte sich mal wieder mit dem Bäcker überworfen.

Das Telefon klingelte. Für gewöhnlich hatte Ida es um diese Zeit nicht sehr eilig. Die Mädchen der Nachtschicht schliefen tief und fest. Die Tagschicht würde sich langsam aus den Federn quälen. Also wer konnte jetzt schon etwas wollen?

Das Telefon hörte nicht auf, Ida zu ärgern. Mehlverschmiert, wie sie gerade war, ging sie in die Halle und bellte in die Muschel: »Was ist jetzt schon wieder los?«

Dann hörte sie eine Stimme und schnappte nach Luft. Es war eine sehr hochgestellte Persönlichkeit. Ida lauschte.

»Wann?«, fragte sie.

Dann legte sie auf, blickte Fritzchen, den unmöglichen Bobytail an. Er beschnupperte ihre Hände.

»Seit wann stehst du auf Brötchenteig?«, fragte Ida und grinste den Wuschelhund an.

Der Bobytail gehörte sozusagen zum Haus an der Ecke. Er liebte Ida nicht nur, weil sie so gut nach Essen roch, sondern sein Hundeherz war überhaupt sehr aufnahmefähig. Er liebte einfach alle hier im Haus. Seine Besitzerin war Eva-Maria. Manchmal erinnerte er sich noch daran. Eigentlich nur, wenn er sonst nichts Besonderes vorhatte.

Ida blickte in seine Knopfaugen und sagte: »Na ja, alter Knabe, wir zwei halten mal wieder die Stellung, nicht wahr?«

»Wuff«, machte Fritzchen. Das konnte einfach alles bedeuten.

Ida besann sich wieder darauf, dass sie ja gerade eine Bestellung entgegengenommen hatte. Jetzt blickte sie erst einmal auf den Plan der Mädchen. Ida konnte wirklich von Glück sagen, dass er keine Eintragung aufwies, sonst wäre sie ganz schön angeschmiert gewesen.

Ida ging in die Küche zurück und wusch sich die Hände. Die Brötchen mussten jetzt warten. Sie stieg ächzend die Treppe hinauf und stöhnte so laut, dass ein paar Mädchen von der Tagschicht wach wurden. Sie kümmerten sich aber nicht darum. Ida spielte mal wieder ihre Rolle. Ida bollerte gegen Evas Tür.

»Los, mach mal auf!«

Eva-Maria hatte noch nicht lange geschlafen und war dementsprechend sauer.

»Was ist denn los?«, fragte sie mürrisch.

»Heb deinen faulen Hintern aus dem Bett, dann wirst du es erfahren!«

»Oh nein«, rief die Dirne aus. »Das soll hier einer aushalten! Ich bin müde! Bist du es, Ida?«

»Wer denn sonst? Ich bin doch kein Geist!«

Eva dachte, wenn es nicht wirklich dringend ist, dann kann sie was erleben! Ida darf sich nicht alles herausnehmen! Auch sie muss ihre Grenzen einhalten. Nackt, wie sie gerade war, stand Eva auf und öffnete die Tür. Ida blickte sie an und sagte: »Du bist zu dürr, Mädchen! Du solltest mehr essen!«

Eva schnappte nach Luft.

»Du bist doch nicht deswegen zu mir gekommen, um diese Zeit?«

»Ein Galan hat angerufen, Täubchen!«

»Was? Du hast doch wohl abgesagt, Ida!«

Ida blickte Eva schadenfroh an.

»Nein!«

Eva-Maria fuhr sich mit allen zehn Fingern durch die Haare.

»Ida, du machst mich kaputt! Wer ist es denn?«

Ida ließ genüsslich den Namen auf der Zunge zergehen. Eva sah Ida starr an. Dann bekam sie einen ganz roten Kopf. Ida dachte, da schau her, er ist ihr nicht ganz gleichgültig.

»Er will dich in zwei Stunden bei sich sehen!«

Ida bekam einen Kuss von Eva-Maria.

»Toll!«

»Ich dachte, du wärst hundemüde!«

»Idachen, er ist ein Goldstück! Du weißt ja gar nicht, wie süß er ist!«

»Süß reich, glaube ich!«

»Er macht immer so zauberhafte Geschenke. Aber nicht nur das, er ist mir ein wirklicher Freund.«

»Na ja, dann musst du ja eine Menge leisten! Worauf steht er denn?«

»Das fragt man nicht«, sagte Eva-Maria.

»Dann kann ich jetzt wohl gehen?«

»Danke, Idachen!«

»Das ist auch das Mindeste, was ich erwarten kann«, war Idas bärbeißige Antwort.

Eva-Maria war fertig zum Ausgehen. Wenn die Mädchen das Bordell verließen, kleideten sie sich ziemlich unauffällig. Sie wollten nicht gleich als Dirnen erkannt werden. Schließlich hatten sie auch noch so etwas wie ein Privatleben.

In der Küche erhielt Eva-Maria ein Frühstück von Ida. Für die anderen Mädchen war es noch zu früh. Ida ließ es sich nicht nehmen, sie alle abzufüttern.

»Damit du mir nicht schlapp machst«, sagte sie und knallte Eva eine Tasse vor die Nase.

»Ich hätte auch in der Stadt essen können«, sagte Eva-Maria.

»Das wird ja immer schöner!«, schimpfte Ida. »Das kommt nicht in Frage! Meine Mädchen werden von mir gut ernährt. Iss mir ja nicht den Fraß in den Schnellimbissläden! Das ist pures Gift!«

Eva-Maria fütterte heimlich ihren Hund mit ihrem Brötchen. Ida bemerkte es zum Glück nicht. Wenn die Mädchen nämlich immer alles essen würden, was Ida ihnen vorsetzte, wären alle Dirnen schon dick und fett. Zum Glück hatte man ja den Mülleimer Fritzchen. Dieser kuschelte sich verzückt an Evas Beinen. Das Mädchen schmunzelte.

»Du Racker«, sagte sie lachend.

»Hast du die Hundesteuer schon bezahlt?«, fragte Ida.

»Du meine Güte, ist die auch schon wieder fällig?«

»Deike hat es gesagt.«

»Eigentlich müsstet ihr alle mitbezahlen«, sagte die Dirne vergnügt.

»Du kannst dich freuen, dass du den Hund hierbehalten darfst«, war die Antwort.

Eva-Maria erhob sich.

»Ich muss jetzt gehen. Ich möchte ihn nicht warten lassen.«

»Dann viel Spaß!«, wünschte Ida der Tülle.

»Sollte es ein langer Tag werden, dann streich mich von der Liste!«

»Und deine Stammkunden?«, fragte Ida.

»Ach, die sollen sich mal nach einer anderen umsehen!«

Eva-Marie verließ durch die Hintertür das Bordell. Sie ging durch die Einfahrt und bemerkte, dass sie verfolgt wurde. Sie drehte sich sogleich um. Fritzchen war ihr gefolgt. Eva blieb stehen. »Hör zu, du kannst wirklich nicht mitkommen!«

Der Hund blickte sie an. Im Augenblick hatte das Hündchen große Lust darauf, spazieren zu gehen. Er verstand Eva gar nicht. Ging sie denn nicht mit ihm Gassi?

»Geh zurück, ja?«, bat Eva.

Fritzchen blieb stehen und ließ den Kopf hängen.

»Geh zu Idachen!«, befahl Eva erneut.

Fritzchen ging zwei Schritte zurück.

»Du bist wirklich ein braver Hund! Ich bringe dir auch was mit, ehrlich.«

Eva tätschelte seinen Kopf und ging dann schnell weiter. Sie wollte nicht zu spät kommen. Außerdem freute sie sich ungemein darauf, ihren Kunden wiederzusehen. Er war so selten in Hamburg. Leichtfüßig lief sie durch das Bordellviertel. Aus den offenen Türen kippten die Putzfrauen gerade das Wischwasser. Eva musste jedes Mal schnell zur Seite springen. Neben ein paar Mülltonnen lag eine Schnapsleiche. Eva kannte das und kümmerte sich nicht weiter darum. Ein Paar Tüllchen staksten an ihr vorbei. Sie waren voll Stoff und hatten glasige Augen. Eva sah ihnen nach und dachte, die haben es auch nicht leicht.

Am Tage sah das Viertel ziemlich wüst aus. Grauenhaft, dachte Eva. Man sollte sich eine dunkle Brille aufsetzen, wenn man so früh durch die Straßen laufen muss. Es ist zum Kotzen, ehrlich!

Dann hatte sie die Mauer erreicht. Die trennte dieses Viertel von der Straße ab. Ein großes Schild zeigte an, dass nur Männer ab achtzehn und keine Frauen dieses Viertel betreten durften. Das Schild war schon alt. Es richtete sich schon lange keiner mehr danach.

An der Ecke stand ein Taxi. Der Fahrer machte einen verschlafenen Eindruck. Eva-Maria kannte ihn.

»He, Erwin! Willst du etwas verdienen?«

Der Fahrer riss die Augen auf.

»Mensch Eva, so früh unterwegs? Oder ist was los?«

»Kannst du mich fahren?«, fragte sie.

Er grinste sie an.

»Du siehst zum Anbeißen aus. So was Schnuckeliges, und das schon am frühen Morgen! Meine Alte sollte sich mal ein Beispiel an dir nehmen.«

»Bist du frei?«

»Süße, für dich immer! Was kostet die Welt?«

Eva-Maria lachte leise auf.

»Du bist wohl immer zu Späßen aufgelegt, wie?«

»Das Leben ist nicht spaßig, also muss man sich selbst kitzeln«, sagte der Taxifahrer und grinste Eva fröhlich an. Doch dann bekam er kugelrunde Augen. »Nee, ach weißt du, also das habe ich gar nicht gerne! Alles was recht ist, Eva, aber ich glaube ...«

Die Dirne blickte ihn groß an.

»Was ist los? Wieso glotzt du mich jetzt so an? Los, ich habe es eilig! Mach die Tür auf! Ich muss los!«

»Mit dem Kalb? Also ehrlich! Der macht mir das Auto kaputt!«

»Welches Kalb? Sag mal, bist du vielleicht besoffen? Du, dann fahre ich nicht mit dir! Ich will nämlich heil ankommen; verstehst du?«

»Bist du blind?«

Erwin brauchte ihr nichts mehr zu erklären, gerade schmiegte Fritzchen sich an Evas Beine, Eva quiekte.

»Du blöder Hund, habe ich dir nicht gesagt, du sollst heimgehen.«

Fritzchen war die ganze Zeit lautlos hinter ihr hergetrottet. Jetzt stand er vor Eva und war irgendwie voller Tatendrang. Das sollte bei Fritzchen viel heißen. In der Regel war er nämlich der faulste Hund, den man sich nur vorstellen kann.

»Was ist jetzt? Gehört dir das Kalb?«, fragte Erwin.

»Ja, schon! Aber verflixt ...« Eva-Maria biss sich auf die Lippen. Was sollte sie nur tun? Fritzchen zurückschicken? Wie sie ihn kannte, würde er alle möglichen Abstecher machen und vorläufig nicht im Haus an der Ecke erscheinen. Fritzchen durfte überhaupt nicht alleine herumlaufen. Zurückbringen? Dazu reichte ihre Zeit nicht mehr. Also musste Eva ihn wohl oder übel doch mitnehmen.

»Verdammter Mist!«, schimpfte sie.

»Was ist jetzt? Soll ich einen Viehtransporter bestellen?«

»Hör zu, du kriegst das Doppelte, sollte er Ärger machen! Ich hab es wirklich eilig! Oder kannst du ihn vielleicht nachher zurückbringen?«

»Darüber lässt sich reden. Wenn er mich nicht auffrisst und ich ein gutes Trinkgeld bekomme, könnte ich das glatt tun.«

»Du bist ein Schatz!«

Endlich durften die beiden einsteigen. Fritzchen, der unmögliche Bobytail, schien zu begreifen, dass er sich im Augenblick von der besten Seite zeigen musste. Er legte sich nicht mal auf den Rücksitz. Er blieb auf dem Boden des Taxis liegen und machte sich ganz dünn. Zu spät hatte der Hund bemerkt, dass er Autofahren gar nicht mochte. Aber sein Frauchen hatte so bestimmt gesprochen. Nun ja!

Sie kamen ziemlich schnell in die Stadtmitte. Evas Kunde war in einem noblen Hotel abgestiegen. Alles wäre ja auch gar nicht so schlimm gewesen, hätte der Taxifahrer nicht mit Eva-Maria zu flirten angefangen. Kurz vor dem Hotel fuhr er krachend auf ein anderes Taxi auf. Ach du liebe Güte, das gab Ärger! Ausgerechnet bei einem Kumpel, den er nicht ausstehen konnte, passierte ihm das. Die Männer gerieten sich sofort in die Haare und schrien sich an. Die Sache sollte nur noch über die Polizei geregelt werden. Ehe die Dirne sich versah, fingen die beiden an sich zu prügeln. Eine Polizeistreife kam vorbei und sammelte die beiden Kampfhähne ein.

Da stand Eva nun, den Hund an ihrer Seite, und. sie hatte außerdem wirklich keine Zeit mehr. Zum Hotel waren es nur noch ein paar Schritte. Was sollte sie tun?

Eva-Maria war wirklich sauer, stinksauer!

»Das verzeihe ich dir nie«, sagte sie zu Fritzchen.

Dieser tat so, als interessiere ihn das Straßenpflaster ungemein. Dann entdeckte er auch noch ein klapperdürres Hündchen und wollte es ein wenig erschrecken.

»Mir bleibt keine andere Wahl«, murmelte die Dirne vor sich hin, packte das Halsband des Hundes und ging los. Sie kam nur bis zum Türsteher des Hotels. Dieser starrte das Ungetüm an, dann die junge Frau.

»Sie wollen doch nicht hier herein?«, fragte er drohend.

»Doch!«

»Unmöglich! Sie sind hier Gast?«

»Nein, aber ich möchte einen Gast besuchen!«

Die Lippen des Mannes verzogen sich.

»Aber nicht mit diesem Hund!«

»Vielleicht kann man ihn an der Garderobe abgeben«, fragte die Dirne hoffnungsvoll.

»Nein!«

»Er ist wirklich ganz lieb! Ich bleibe auch nicht lange, ehrlich!«

»Nein, das geht wirklich nicht!«

Eva-Maria war unglücklich und verzweifelt.

»Man erwartet mich! Sagen Sie um Gottes Willen Bescheid, ja? Das können Sie doch tun, oder?«

»Wie ist der Name des Gastes?«

Eva nannte ihn. Der Mann stand unwillkürlich stramm.

»Warten Sie bitte!«, sagte er zu Eva.

Er ging zur Rezeption und unterhielt sich kurz mit dem Empfangschef. Die Sache war nämlich die, dass dieser hohe Gast sich schon einige Male ungeduldig erkundigt hatte, wo denn die Dame bliebe. Das Personal war ausdrücklich angewiesen, seinen Gast sofort zu ihm zu schicken. Der Empfangschef kam zurück und besah sich den Hund.

»Sie werden schon erwartet«, sagte er.

»Ich weiß! Darum bin ich ja auch so in Eile. Der Hund ist mir nachgelaufen.«

»Dann rufen wir die Polizei, sie soll ihn ins Tierheim schaffen. Das haben wir gleich.«

Für Augenblicke spielte Eva-Maria mit dieser Lösung. Dann wäre sie voll aus dem Schneider gewesen. Aber zugleich wusste sie, Ida würde ihr bestimmt Schwierigkeiten machen, wenn sie das tat. Das geliebte Hündchen im Tierheim! Alle Bewohner des Eckhauses würden sie wie eine Mörderin behandeln. Außerdem war es ja ihr Hund.

»Wenn ich sage - nachgelaufen, dann heißt das noch lange nicht, dass es nicht mein Hund ist«, stieß sie kleinlaut hervor.

»Sie machen es uns wirklich schwer«, sagte der Empfangschef seufzend.

»Ich weiß! Kann man ihn denn nicht irgendwo abgeben? Irgendwo hier im Haus?«

»Fred, in der Garage, er wird sicher nichts dagegen haben«, sagte jetzt der Türsteher.

Eva war erleichtert. Besagter Fred wurde sogleich nach oben beordert. Er erklärte sich bereit, den Hund solange in Verwahrung zu nehmen. Eva musste ein saftiges Trinkgeld springen lassen.

Dann endlich konnte sie in den Lift steigen und sich in die Suite begeben, in der ihr hochgestellter Kunde sie bereits sehnsüchtig erwartete.

 

 

3

»Hallo, Süßer«, flüsterte Eva wenige Augenblicke später und fiel ihrem Kunden in die Arme. »Ach, bin ich happy, dich wiederzusehen! Du schnuckeliger kleiner Brummbär! Warum hast du mir nicht früher Bescheid gegeben? Ich hatte solche Sehnsucht nach dir.«

Der Mann zog sie sofort zum Bett und vergaß all seine Geschäfte. Er spürte nur noch den warmen weichen Körper des Mädchens.

»Evachen, du kleine süße Maus! Ich habe einen Umweg gemacht. Eigentlich müsste ich jetzt in Rom sein. Doch ich konnte es nicht mehr aushalten. Ich musste dich sehen. In sechs Stunden muss ich schon weiter.«

Eva strahlte ihn an.

»Ich habe dir auch etwas mitgebracht.«

»Wirklich? Zauberhaft! Lass es mich sehen! Ich bin wahnsinnig neugierig.«

»Oh, aber nicht so schnell«, sagte der Mann lachend. »Nachher! Die Vorfreude ist doch immer die schönste Freude, nicht wahr, Liebling?«

Eva zog alle Register ihres Könnens. Bei diesem Kunden hatte sie wirklich keine Schwierigkeiten. Sie spielte keine Rolle mehr. Sie war echt süß und verliebt. Manchmal träumte sie davon, ständig in seiner Nähe bleiben zu dürfen. Oft spielte sie mit dem Gedanken, sich ihm als Begleiterin anzubieten. Doch als kluge Dirne wusste sie, dass sie sich nicht anbieten durfte. Das Angebot musste jeweils vom Mann kommen, sonst gäbe es bald ein böses Erwachen für sie.

Eva warf ihre Kleider ab, und bald balgten sie sich auf dem großen Bett herum. Der Mann war so zärtlich, so tollpatschig und süß. Eva-Maria dachte, endlich kann ich mich mal wieder so richtig austoben.

Ihre Handtasche hatte sie achtlos neben die Schuhe auf den Teppich geworfen. Dieser Kunde brauchte bei ihr auch nicht vorher zu bezahlen. Das wurde später alles ganz diskret erledigt. Es war einfach ein Superkunde. Zur eigentlichen Liebe waren sie noch nicht gekommen, als plötzlich das Telefon klingelte. Der Mann stieß einen bösen Fluch aus.

»Ich habe denen gesagt, ich schlage ihnen die Zähne ein, wenn ich gestört werde!« Er glaubte, seine Angestellten würden sich erdreisten und ihn stören. Erzürnt riss er den Hörer von der Gabel und schrie hinein: »Was zum Teufel soll das heißen? Was habe ich gesagt?« Seine Stimme versagte. Er runzelte die Stirn. Eva räkelte sich auf der Seidendecke. Sie lächelte ihn zärtlich an. Der Mann machte jetzt ein verdutztes Gesicht.

»Pardon, was habe ich damit zu tun?« Er hörte wieder zu und wandte sich dann zögernd an Eva-Maria.

»Sie sprechen von einem Ungeheuer! Nur du könntest sie retten. Es ist der Empfangschef! Verstehst du das?«

Eva sprang auf.

»Ist es der Hund?«, fragte sie.

»Ja, so etwas Ähnliches! Jetzt höre ich ihn deutlich im Hintergrund.«

Eva fluchte jetzt auch.

»Das wird er mir büßen! Der kann was erleben!«

»Ist es dein Schoßhündchen? Ich habe gar nicht gewusst, dass du so tierlieb bist.«

»Schoßhündchen ist gut! Verflixt, ich muss mich darum kümmern!« Hastig stieg Eva in ihre Kleider. »Ich bin gleich wieder zurück.«

»Warte!«, sagte der Mann vergnügt. »Vielleicht brauchst du einen Lebensretter? Ich komme mit!«

Eva lachte und sagte dann: »Das schaffe ich schon allein! Schließlich ist es kein Löwe.«

»Trotzdem!« Für den Mann schien es langsam ein Spaß zu sein. Außerdem mochte er Eva-Maria wirklich gern.

Wenig später standen sie in der pompösen Empfangshalle. Es war wirklich ein Bild für Götter. In dieser vornehmen Halle stand Fritzchen und hielt alle Leute in Schach. Da er nicht gesehen hatte, wohin Eva geeilt war, und weil es außerdem unten in der Tiefgarage so stank, war er ausgebüxt und hier oben erschienen. Den Portier hatte er sogleich überrannt und war dann in der Halle aufgetaucht. Hier hielt er die Menschen in Schach, indem er wie wild bellte und niemanden herein und hinaus ließ. Da der Empfangschef wusste, wohin Eva gegangen war, und da ihr Kunde sehr wichtig für das Hotel war, war man noch nicht zu gröberen Maßnahmen geschritten. Deswegen hatte auch der Portier Mut gefasst, den vornehmen Gast dort oben zu stören. Jetzt war also Eva hier und schimpfte ihren Hund tüchtig aus. Die übrigen Gäste in der Halle beschwerten sich und fanden alles einfach skandalös.

In die Tiefgarage zurück ging nicht. Eva kannte ihren Hund zu gut. Der Mann lachte amüsiert.

»Ich muss ihn heimbringen! Mir bleibt keine andere Wahl. Ich bin in einer Stunde wieder hier!«, erklärte Eva-Maria.

Der Mann nahm Evas Hand und streichelte vorsichtig Fritzchen. Dieser ließ es geschehen. Oh ja, ein Bordellhund wusste, wann er gehorchen musste. Er himmelte den Mann sogleich an und hatte sofort dessen Herz erobert. In der Hotelküche konnte er auch nicht bleiben.

»Nun gut, dann nehmen wir ihn eben mit nach oben«, sagte der Mann vergnügt.

Der Empfangschef verdrehte die Augen zur Zimmerdecke. In diesem Hotel war aber der Kunde König und der Wunsch des Gastes ein Befehl.

»Wenn das nur gutgeht«, murmelte er leise vor sich hin.

»Ich komme für alle Schäden auf«, sagte der Gast.

Zu dritt fuhren sie mit dem Lift nach oben. Eva schimpfte immer noch mit Fritzchen und ermahnte ihn, jetzt wenigstens brav zu sein. Während der ganzen Zeit dachte sie nicht einen Augenblick daran, im Haus an der Ecke Bescheid zu sagen, dass Fritzchen bei ihr sei.

»Ist er wirklich brav?«, fragte der Mann.

Eva erzählte nun ein paar Episoden aus dem Haus an der Ecke. Der Mann hatte seinen Spaß daran.

»Wenn nicht, können wir ihn immer noch mit einem Stück Suppenfleisch friedlich stimmen«, sagte Eva. »Aber versuchen wir es erst einmal so. Er ist wirklich ein braves Hündchen.«

»Na ja«, sagte der Mann und grinste Fritzchen an. »Ich mag Hunde. Also werden wir schon mit ihm fertig.«

Wieder befanden sie sich in dem Hotelzimmer. Wieder entflammte ihre Leidenschaft heiß und wild. Schließlich hatten sie, ihr Liebesspiel unterbrechen müssen. Es war einfach herrlich, sie rollten sich verzückt auf dem großen Bett herum und waren ganz mit sich selbst beschäftigt.

Das wiederum aber war so gar nicht nach des Hundes Geschmack. Fritzchen bereute es schon sehr, dass er seinem Frauchen gefolgt war. Daheim bei Ida hätte er jetzt schon längst sein zweites Frühstück bekommen. Überhaupt war es einfach todlangweilig hier. Eva-Maria könnte sich wirklich jetzt mal um ihn kümmern.

Fritzchen legte diskret seine Pfote auf einen nackten Rücken. Er konnte ja nicht wissen, dass es der Rücken des Mannes war. Der richtete sich gepeinigt auf und bekam feuchte Augen.

»Zisch ab! Mach eine Fliege«, schrie Eva ihren Hund an. »Geh in die Ecke!«

Fritzchen durfte im Bordell eigentlich alles. Irgendjemand war immer gerade da, der Zeit für ihn hatte.

»Wuff«, machte er kurz.

»Sei still!«, befahl Eva. Sie war stinksauer. Sie konnte sich nicht so in ihre Gefühle versenken, wie sie es bei diesem Mann gewöhnt war. Mit einem Auge schielte sie immer zu Fritzchen. Dieser zog sich schließlich zurück und legte sich auf den Teppich, die Pfoten brav vor sich ausgestreckt, den Kopf legte er darauf.

»So ist es brav!«, sagte Eva-Maria.

»Meinst du mich?«, fragte der Mann verdutzt. »Wir sind ja noch gar nicht zum eigentlichen Teil gekommen.«

»Nein, nein«, sagte Eva hastig und küsste ihren Liebhaber zwischen die Schulterblätter. »Sei ganz lieb, ja? Ach, ich mag dich besonders gern.«

Ihre langen Haare überfluteten ihn förmlich. Sie küssten sich wild und vergaßen alles um sich. Das hätte Eva lieber nicht tun sollen. Fritzchen war brav. Ja, er rührte sich auch nicht mehr von der Stelle. Weil er nämlich beschäftigt war. Vor seinen Augen lag jetzt nämlich Evas Tasche. Dieses Handtäschchen, in dem oft Schokolade für ihn war. Oh ja, er kannte es gut. Warum sollte nicht jetzt auch eine kleine Köstlichkeit darin verborgen sein? Er schielte zum Bett. Eva achtete nicht auf ihren Hund. Sie glaubte tatsächlich, er sei eingeschlafen. Er war nämlich ein sehr fauler Hund und konnte sogar im Stehen schlafen, wenn es sein musste. Fritzchen hingegen konnte fast lautlos sein, wenn er etwas zu Fressen suchte. Er zog mit seiner dicken Pfote die Tasche näher. Es war ganz einfach, sie zu öffnen. Er braucht nur einmal kurz darauf zudrücken, schon sprang sie auf. Dann nahm er sie in die Schnauze und schüttelte sie kräftig hin und her. Schon kullerte der ganze Inhalt auf den Teppich. Fritzchen fand ein paar Zuckerstückchen, aber das war auch alles.

Der Hund war tief enttäuscht. Das hätte er seinem Frauchen nicht zugetraut. Nein, so was! Dann entdeckte Fritzchen ein paar Dinge, mit denen es sich schön spielen ließ, er konnte auch gut darauf herumkauen. Es roch so gut, mehr aber auch nicht. Fritzchen war total beschäftigt.

Eva auch.

Es war schön mit dem Mann, und es sollte noch schöner werden. Als sich die beiden jetzt endlich dem Höhepunkt näherten, hielt Eva inne und flüsterte: »Halt, ich darf nicht ohne Schutz! Das weißt du doch! Du bist doch auch einverstanden?«

»Sicher«, seufzte er. »ist zwar blöde, aber du hast recht.«

»Ich komme sonst in Teufels Küche, Liebster!«

»Dann mach schnell!«

»Ja, warte!«

Nackt, wie sie war, sprang Eva vom Bett und suchte ihre Tasche. Sie fand sie auch bald. dass sie ausgeleert war, ärgerte sie nicht so sehr. Außerdem stand ihr Sinn jetzt endgültig nach Liebe. Dirnen hatten nur selten Genuss mit ihren Kunden. Darum war Eva immer glücklich, wenn sie ihren Lieblingskunden bei sich hatte. Dann endlich kam sie auch voll auf ihre Kosten. Es kam vor, dass sie viele Monate lang ihren anderen Kunden Gefühle nur vortäuschte.

Eva kniete sich nieder und suchte mit zitternden Händen in den herumliegenden Sachen nach den Verhüterlis. Sie fand sie nicht.

»Das gibt es doch nicht«, murmelte sie vor sich hin. »Ich kann mich genau daran erinnern, dass ich sie eingesteckt habe. So alt bin ich ja nun wirklich nicht, dass ich das nicht mehr weiß.«

Der Mann lag auf dem Bett, heiß vor Liebe und wartete. Eva wurde nervös. Dann warf sie einen Blick auf Fritzchen. Dieser schien zu ahnen, dass jetzt etwas passieren würde, also spielte er den Schlafenden. Das wirkte immer. Eva glaubte ihren Augen nicht zu trauen.

»Nein«, flüsterte sie mit blutleeren Lippen. »Lieber Himmel, lass es nicht wahr sein! Lass es nicht wahr sein, sonst werde ich verrückt!«

»Wo bleibst du denn?«, fragte der Mann.

»Es ist wahr«, sagte Eva mit tiefer tonloser Stimme.

Sie erkaltete plötzlich total. In diesem Augenblick hätte sie losheulen können.

Da hockte sie nun, vollkommen nackt, auf dem Teppich, hätte sich in die Arme Amors stürzen können, hätte alle Seligkeit genießen können, und was tat sie? Sie trat nach ihrem Hund.

»Du verdammter Köter«, schrie sie. Fritzchen dachte, sie kann wirklich froh sein, dass das Ida nicht gehört hat. Fritzchen sprang auf und kroch hinter ein elegantes Ledersofa.

»Ich bring dich um! Ich mach dich fertig! Ich skalpiere dich! Hast du verstanden?«

»Eva, was ist denn jetzt schon wieder? Er tut doch gar nichts! So komm doch endlich!«

Eva hielt dem Mann die zerkauten Lümmeltüten hin.

»Da, schau her! Das hat er getan!« Sie schluchzte auf.

Der Mann richtete sich auf und erblickte die zernagten und versabberten Pariser und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Es war einfach zu komisch! Er lachte und lachte. Eva rannte nackt hinter ihrem dicken unmöglichen Hund her und trat ihn, wo sie ihn nur erwischte. Fritzchen war jetzt in argen Nöten und versuchte unter das Bett zu flüchten. Sein dickes Hinterteil blieb aber draußen, und Eva hielt sich daran schadlos. Sie schimpfte, zeterte und heulte in einem fort. Für ihren Liebhaber war das einfach zu viel. Wenn er auch noch nicht zum Zuge gekommen war, so etwas Köstliches hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Er wollte gar nicht mehr lachen. Ganz gewiss nicht. Spürte er doch, dass er damit das Mädchen immer mehr reizte. Aber er brüllte jetzt vor Lachen. Er musste sich den Bauch festhalten, und er lachte und lachte. Als jetzt Fritzchen auch noch einen wilden Ausbruchversuch machte und fast das Bett umwarf, war es zu viel für ihn. Er erstickte fast an seinem Gelächter. Eva ließ endlich von ihrem Hund ab und fiel total in sich zusammen.

»Ich bin fertig! Ich pack das nicht mehr! Ich mache alles verkehrt! Ich bin heute mit dem falschen Fuß aufgestanden.« Zornig wischte sie sich die Tränen ab.

Der Mann hatte sich endlich auch wieder beruhigt.

 

 

4

Im Zimmer herrschte nun Stille. Die beiden blickten sich an. Fritzchen hatten sie ins Badezimmer gesperrt.

Der Kunde sagte: »Meine Güte, das ist doch nicht so schlimm, Eva!«

Sie dachte, ich muss aufpassen! Einmal kann schon zu viel sein. Außerdem wollte sie auf keinen Fall schwanger werden. Die Gefahr bestand ja immer.

»Nein! Oberstes Gesetz! Ich halte mich daran!«

»Nun gut! Dann müssen wir eine andere Lösung finden!«

»Ja, aber welche?«

»Verflucht noch mal«, sagte der Mann. »In diesem Supermarkthotel sollte doch so etwas zu bekommen sein, oder? «

»Ich habe aber eine Spezialausführung. Die ist wirklich etwas Besonderes!«

»Du kannst die kaputten Kondome ja stopfen, derweil will ich mal sehen, was ich kriegen kann.«

»Wie denn?«

Er blickte Eva an und grinste.

»Weißt du was? Man sagte mir, der Zimmerservice soll hier einmalig sein. Lass mich das mal ausprobieren!«

»Du bist verrückt!«

»Vielleicht! Komm, leg dich brav hin und deck dich zu, ja?«

Er zog sich derweil seinen Seidenmorgenmantel an und klingelte. Wenige Augenblicke später meldete sich das Zimmermädchen. Es war sehr süß und noch ganz jung. Der Mann räusperte sich. Ihr konnte er unmöglich diesen Auftrag erteilen.

Details

Seiten
104
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930993
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v496090
Schlagworte
schicksale haus ecke ilonas heimkehr liebe

Autor

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Titel: Schicksale im Haus an der Ecke #16: Ilonas Heimkehr zur Liebe