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Dr. Florian Winter Band 14: Dir wird die Sonne wieder scheinen

2019 168 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Dir wird die Sonne wieder scheinen

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Dir wird die Sonne wieder scheinen

Dr. Florian Winter Band 14

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 168 Taschenbuchseiten.

 

Rita Trimborn wird Opfer eines Verkehrsunfalls mit Fahrerflucht; ihr Mann hatte das Fahrzeug gefahren und war gegen eine Mauer geprallt, weil er einem anderen Wagen, der eine rote Ampel übersah, ausweichen musste. Die hochschwangere junge Frau war dabei schwer verletzt worden. Der Rettungswagen bringt sie in die Paul-Ehrlich-Klinik, wo Dr. Lutz Kierdorf als Assistenzarzt der gynäkologischen Abteilungen unter Professor Winter arbeitet. Als der Arzt erfährt, dass es sich bei dem flüchtigen Wagen um einen beigen Mercedes handelte und eine blonde Frau am Steuer saß, hat er einen schrecklicher Verdacht ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Dr. Schwartner packte seine Tasche und stieg aus dem Notarztwagen aus. Von einer Menschenmenge umgeben sah er die Verletzte am Boden liegen. Neben ihr kniete ein junger Mann. Der strich über die Stirn der reglos liegenden Frau, deren Gesichtsblässe einen nahenden Schock verriet. Die Frau war in anderen Umständen, das erkannte Dr. Schwartner auf Anhieb.

Er beugte sich über sie und fragte: „Hören Sie mich? Im wievielten Monat sind Sie?“

Sie schaute ihn aus großen, blauen Augen an. Augen, in denen er die Angst erkannte, die diese junge, blonde Frau beherrschte. „Siebten Monat“, flüsterte sie leise. Er hatte Mühe, sie zu verstehen.

Sie hatte Schnittwunden an den Armen und Beinen. Um sie weiter zu untersuchen, hätte sie ausgezogen sein müssen.

„Die Trage vorsichtig und dann in den Wagen mit ihr“, ordnete Dr. Schwartner an.

Die beiden Rettungssanitäter, die mit dem Rettungswagen gekommen waren, hoben zusammen mit Dr. Schwartner die Verletzte auf die Trage. Dann wurde sie in den Rettungswagen geschafft.

Mittlerweile waren drei Polizisten da, die Mühe hatten, die Neugierigen zurückzudrängen.

Der junge Mann, der bei der Verletzten gekniet hatte, sah Dr. Schwartner bittend an. „Sie ist meine Frau.“

Dr. Schwartner wandte sich kurz an den Mann, sah ein schmales Gesicht, schon schütteres Haar auf der Stirn, obgleich seines Erachtens der Mann nicht älter als dreißig sein konnte.

„In Ordnung. Warten Sie einen Moment, ich muss sie erst mal untersuchen. Nachher können Sie mitfahren.“

Der Mann schüttelte betrübt den Kopf. „Tut mir leid, Herr Doktor, ich muss bei dem Wagen bleiben.“ Er machte eine Kopfbewegung in Richtung auf einen Lieferwagen, der gegen eine Hauswand geprallt war.

Dr. Schwartner beachtete es nich weiter. Er stieg ein und drinnen lag die Frau, um die er sich zu kümmern hatte. Die Sanitäter waren schon dabei, sie auszukleiden. Aber äußerlich gab es keine weiteren Verletzungen, außer jenen an Armen uni Beinen. Auch an der Stirn entdeckt er einen Bluterguss, der bereits zu einem Horn angeschwollen war.

Etwas viel Alarmierenderes wurde von Dr. Schwartner festgestellt: infolge des Schocks traten Wehen auf und dies sehr heftig.

Noch während der Untersuchung der Frau ging Fruchtwasser ab. Wenn das zu einem so frühen Zeitpunkt geschah, war äußerste Eile geboten.

Trotzdem musste Dr. Schwartner seine Untersuchung gründlich vollziehen. Davon hing es ab, ob erst ein lebenswichtige Behandlung durchgeführt werden musste oder ob man bereits die Fahrt zur Klinik antreten konnte.

Noch während der Untersuchung kam wieder eine sehr heftige Wehe. Der Muttermund begann sich sogar zu öffnen.

Die Entscheidung war jetzt ganz klar: Es galt keine Zeit mehr zu versäumen und die Patientin direkt in die Klinik zu fahren.

Während der Fahrt zur Paul-Ehrlich-Klinik kam es bei der Frau zu einem Kreislaufkollaps. Mit Hilfe von Sauerstoff, Strophantin und schließlich sogar einer Herzmassage gelang es, das Schlimmste zu verhindern.

Die Fahrt schien endlos zu währen. Doch schließlich kam der Rettungswagen in der Klinik an. Infolge der Kreislaufprobleme hatte die Wehentätigkeit der Patientin wieder völlig aufgehört.

Die Frau wurde in die Ambulanz gebracht, doch schon vorher hatte Dr. Schwartner über Funk einen Kardiologen alarmiert und sogleich die gynäkologische Abteilung informiert.

Dr. Hartmann, der Kardiologe der Paul-Ehrlich-Klinik, kam sofort. Aber wenig später erschien auch Dr. Mittler, der Oberarzt der Gynäkologie.

Mittlers Entscheidung war schwerwiegend und von ihm nicht leicht zu fällen. Ganz besonders nicht im Hinblick auf den Schockzustand der Patientin und dem zu neuem Kollaps drohenden Kreislauf: „Es gibt“, sagte Dr. Mittler, „gar keine Auswahl. Hier kommt nur eine Sectio in Frage, denn nur mit einer Schnittentbindung können wir das Kind rechtzeitig holen. Aufgrund des Schockzustandes wird es nicht zu weiteren Wehentätigkeiten kommen. Jedenfalls nicht, solange der Allgemeinzustand der Patientin so desolat ist wie jetzt.“

Dr. Hartmann machte ein bedenkliches Gesicht. Der große gut aussehende weißhaarige Arzt meinte besorgt: „Na, ich weiß nicht. Eine Narkose ist jetzt gerade noch das, was ihr fehlen würde. Aber ich sehe ein, es geht nicht anders. Ich würde aber in jedem Falle vorschlagen, dafür zu sorgen, dass der Magen frei ist und würde ihr auch den Mastdarm entleeren.“

„Wir intubieren. Zum Magenausleeren haben wir keine Zeit mehr.“

Die Verletzungen an Armen und Beinen waren schon im Rettungswagen versorgt worden. Darum kümmerte sich im Augenblick niemand. Die Patientin wurde in OP I des gynäkologischen Operationstraktes gebracht und dort für die Operation vorbereitet.

Sie war bei vollem Bewusstsein, fühlte sich aber so schlapp, so schlecht, dass sie kaum etwas von dem Geschehen um sie herum wahrnahm.

Noch einmal bäumte sich alles in ihr auf, als ihr der Tubus gesetzt wurde, durch den eine sichere Atmung möglich war.

Während das geschah, bekam sie auch die einschläfernde Injektion. Ein paar Sekunden später meinte sie, in einem riesigen Wattebausch zu versinken.

Professor Winter, der mit seinem Team im Operationssaal II gearbeitet hatte und damit in völliger Operationsbereitschaft war, übernahm es, mit seinen Leuten die Sectio durchzuführen. So wurde keinerlei Zeit verloren mit Vorbereitungen. Die Ärzte und Schwestern brauchten lediglich die Operationsräume zu wechseln und konnten sich auf der Stelle an die Arbeit machen. Die Ärzte und Schwestern waren aufeinander eingespielt. Eine so routinierte Mannschaft arbeitete nicht nur rasch, sondern auch äußerst präzise.

Nach kurzer Zeit war das Kind geboren. Eine Frühgeburt zwar, aber absolut lebensfähig, wie Professor Winter feststellte. Das Kind würde noch in den Brutkasten kommen und, wenn nicht ein ganz unglückliches Ereignis eintrat, überleben und eine normale Entwicklung nehmen.

Allerdings hatte wohl der Unfall bei der Patientin eine Nebenwirkung gezeigt, die man im Rettungswagen noch gar nicht erkannt hatte. Jetzt, bei der Operation, wurde es offenbar, und es kam trotz größter Sorgfalt Professor Winters und seiner Helfer zu einer starken Blutung, als das Kind bereits geboren war. Professor Winter und seine Assistenten mussten um das Leben der Frau kämpfen. Blutinfusionen wurden notwendig; der ohnehin schon angeknackste Kreislauf drohte erneut zu kollabieren.

Es kam sogar zum Herzstillstand. Dennoch gelang es mit einem Elektroschock, die Herztätigkeit wieder anzuregen, den drohenden Exitus letalis abzuwenden, und damit meinen Ärzte den Tod.

Narkosearzt Dr. Simon kontrollierte die Atmung; Dr. Hartmann, der Kardiologe, kümmerte sich um Kreislauf und Herztätigkeit, und hier hatte man offensichtlich die kritische Situation überwunden. Problematischer war jetzt die Atmung.

Anästhesie-Oberarzt Dr. Schimanski, der ohnehin in der Nähe gearbeitet hatte, kam gerade im rechten Moment, um seinem Assistenzarzt beizuspringen.

Und so gelang es, die erste Runde in diesem Wettlauf mit dem Tode zu gewinnen. Die Mutter und ihr zu früh geborenes kleines Kind ein kleines Mädchen lebten.

Einer von Professor Winters Assistenten war Dr. Lutz Kierdorf. Professor Winter hatte ihn nach dem Weggang des tüchtigen Dr. Berthold Fuchs aus Marburg an diese Klinik verpflichtet. Dr. Lutz Kierdorf galt als hervorragender Geburtshelfer und erstklassiger gynäkologischer Chirurg. Er stellte einen guter Ersatz für Dr. Fuchs dar.

Dieser Dr. Kierdorf verließ gerade den OP, befand sich aber noch innerhalb des Operationstraktes, als eine Schwester in Weiß zu ihm kam und fragte: „Herr Doktor Kierdorf ist die Operation drinnen erledigt? Kommen da noch mehr Operationen?“

Kierdorf, der noch die grüne Operationskleidung trug, schüttelte der Kopf. „Nein, es ist Schluss für heute mit den Operationen. Es sei denn, es kommen Notfälle. Warum fragen Sie das?“

„Ob denn nicht jemand Zeit für den Ehemann hat? Ich meine von der Verunglückten. Der Mann steh draußen und wartet. Er hat schor mit Doktor Schwartner gesprochen aber der weiß ja nichts. Der ist je von der Chirurgie.“

„Es ist in Ordnung. Ich werde mit ihm reden. Sagen Sie ihm: In zwei Minuten komme ich. Ich will nur das grüne Zeug ausziehen.“

Kurz darauf trat der große, dunkelhaarige Dr. Kierdorf vor den ein wenig kleineren Ehemann.

„Mein Name ist Trimborn, Heinz Trimborn. Wie geht es meine: Frau?“

Dr. Kierdorf zögerte eine Sekunde, aber dann entschloss er sich, nicht um die Sache herumzureden.

„Zunächst einmal“, sagte er, „kam ich Ihnen gratulieren zu einer Tochter.“

„Was? Das Kind ist geboren? Jetzt schon? Das ist doch viel zu früh!“

„Es ist alles in Ordnung. Zu früh, ja. Aber wir werden dafür sorgen, dass dies für das Kind keine Rolle spielt. Der Unfall ist offensichtlich, was das Kind angeht, gnädig verlaufen. Nicht ganz so gut hat es in anderer Beziehung ausgesehen. Der Kreislauf Ihrer Frau, der war ziemlich schlecht, aber sie hat es überstanden. Man wird sie in die Intensivstation bringen. Das ist unerlässlich, dient der Sicherheit und ist für Sie kein Grund zu großer Besorgnis. Der Kreislauf Ihrer Frau ist weitgehend stabilisiert. Der Kardiologe unseres Hauses, ein hervorragender Arzt, wird sich um sie kümmern. Sagen Sie mal“, er blickte den blassen Heinz Trimborn prüfend an. „Sie sollten sich auch mal etwas entspannen. Wollen Sie einen Schluck zu trinken?“

Trimborn schüttelte den Kopf. „Nein, nein, lassen Sie nur. Mir geht es schon gut.“

Dr. Kierdorf erzählte weiter und versuchte mit seinen Worten sein Gegenüber zu beruhigen, und er sprach dabei wie ein Vater, obgleich er selbst mit seinen fünfunddreißig Jahren in diese Rolle nicht gut passte. Aber die ganze Erscheinung des großen und sympathisch wirkenden Arztes, seine tiefe Stimme und die Ruhe, die er ausstrahlte, verfehlten ihre Wirkung auf den jungen Unglücksfahrer nicht.

Schließlich fragte Dr. Kierdorf, um Heinz Trimborn abzulenken:

„Wie konnte das überhaupt passieren, mit dem Unfall? Ich will nicht neugierig sein. Ich denke nur, dass wenn Sie darüber reden können, es Sie vielleicht erleichtert. Dazu sollten wir aber hinüber zum Fenster gehen. Da ist eine Bank. Setzen wir uns lieber.“

Er sagte nicht, dass er fürchtete, Trimborn könnte es schlecht werden.

Als sie dann saßen und sich Trimborn mit zitternden Händen eine Zigarette angemacht hatte, sagte er:

„Ich bin die Meckenheimer Straße in Richtung Stadt gefahren, und an der Kreuzung Baumschulallee hatte ich Grün. Da kam plötzlich von links aus der Baumschulallee ein beigefarbener Mercedes mit einem unheimlichen Tempo an. Ich sah nur eine hellblonde Frau am Steuer, mehr nicht. Bremsen, dachte ich, nur bremsen! Etwas anderes war nicht möglich, wenn ich den Zusammenstoß vermeiden wollte. Und ich habe gebremst, aber es war irgendwie etwas schwierig, eine Ölspur oder so etwas Ähnliches. Mein Wagen wurde nach rechts gerissen. Ich war ja fast schon auf der Kreuzung drauf. Aber an der Ecke, da sind die Bordsteine so sehr hoch, und als ich mit dem rechten Vorderrad drangeknallt bin, ist der Reifen geplatzt. Es hat den Wagen herumgerissen; ohne dass ich es noch verhindern konnte, ging es über den Fußweg und dann an die Mauer. Meine Frau hat neben mir gesessen. Ich hatte sie gar nicht mitnehmen wollen. Sie ist gegen die Scheibe geschleudert worden und dann heruntergefallen. Und sie schrie so furchtbar. Ich habe sie aus dem Wagen gezogen, hab sie hingelegt, nun wurde sie dann allmählich ruhiger.“

„Und der Mercedes?“

„Abgehauen. Der Wagen hatte meinen sogar noch gestreift. Ganz leicht nur. An meinem Fahrzeug ist die Farbe von dem Mercedes dran. Aber es kann an dem Mercedes nicht viel passiert sein, jedenfalls ist die Fahrerin abgehauen.“

„Hatten Sie denn Zeugen?“, wollte Dr. Kierdorf wissen.

„Zeugen?“ Trimborn machte eine wegwerfende Handbewegung. „Hunderte, wenn Sie wollen. Aber wie es so ist: Niemand hat das Kennzeichen aufgeschrieben, und sie widersprechen sich; schon bei der ersten Protokollaufnahme von dem Polizisten kamen die widersprüchlichsten Aussagen zustande. Für die einen war es eine dunkelhaarige Frau und ein graues Auto, für die anderen war sie blond und das Auto braun. Sogar eine Rothaarige will einer gesehen haben. Aber ich hab es genau gesehen: blond war sie, hellblond. Und die Polster von dem Wagen waren rot, der Wagen beigefarben, wie viele Mercedes sind.“

„Sind denn wenigstens die Leute darin einig“, fragte Dr. Kierdorf, „dass Sie, Herr Trimborn, Grün und die Fahrerin des anderen Wagens Rot hatte?“

„Ja. Gott sei Dank! Das haben alle gesehen. Es waren sogar Fußgänger dabei, die Baumschulallee zu überqueren, und die hatten zur Seite springen müssen, sonst wären sie von der Frau umgefahren worden. Das war für die Polizei schon genug.“

„So geht es also. Da kann man selbst noch so anständig fahren, irgendwer kommt und bringt alles durcheinander. Na ja, Herr Trimborn, schreiben Sie mir am besten Ihre Adresse auf, damit man Sie benachrichtigen kann; oder haben Sie das schon in der Aufnahme getan?“

„Nein, nein, ich bin direkt hier herauf, als ich erfuhr, dass meine Frau operiert werden soll. Herr Doktor, hat sie wirklich eine Chance und das Kind auch?“

„Ja. Sie sind aus dem Schlimmsten heraus. Ich gebe offen zu, dass sie einmal weggeblieben ist, das heißt Herzstillstand. Aber mit der modernen Operationstechnik und den Hilfsmitteln, die wir haben, gelingt es, einen Menschen wieder zum Leben zurückzubringen. Ernst ist es schon gewesen. Und völlig außer Gefahr ist sie natürlich nicht. Es kann immer wieder zu Komplikationen kommen. Das ist selbst bei einer einfachen Blinddarmoperation so.“

„Na ja, ich verstehe. Aber ich kann hoffen, dass alles wieder gut wird.“

„Sie können sehr hoffen, dass alles wieder gut wird“, meinte Dr. Kierdorf beruhigend.

„Danke, Herr Doktor, vielen Dank!“

Als Heinz Trimborn unten durch das Foyer ging und dann die Klinik gerade verlassen wollte, traf er einen der Polizisten wieder, die den Unfall aufgenommen hatten. Der Polizist erkannte ihn, wandte sich ihm zu und fragte mitfühlend: „Wie geht es Ihrer Frau?“

„Nicht so besonders. Sie haben mit Kaiserschnitt das Kind geholt.“

„Und?“, fragte der Polizist interessiert.

„Soweit alles in Ordnung, aber nach der Operation hatte sie einen Herzstillstand, doch die Ärzte haben sie irgendwie wieder zum Leben erweckt. Jetzt liegt sie in der Intensivstation.“

„O verdammt!“, entfuhr es dem Polizisten. „Na ja, das ist ein gutes Krankenhaus hier mit guten Ärzten. Bestimmt kriegen die Ihre Frau wieder hin.“

„Das haben die mir auch gesagt.“

„Übrigens“, meinte der Polizist, „haben wir Neuigkeiten. Die Blonde, und sie war wirklich blond, und der Mercedes sind dann noch einmal gesehen worden von einer Funkstreife, der das hohe Tempo auffiel. Die Jungs haben einen Teil des Kennzeichens erkennen können; eine Bonner Nummer, dann ein A und eine Drei; die weiteren Zahlen wurden nicht erkannt. Die Beamten haben sogar festgestellt, dass an der Seite ein Unfallschaden zu erkennen war. Mehr allerdings nicht. Durch unglückliche Umstände war es den Beamten nicht möglich, dem Wagen sofort zu folgen. Sie konnten nur über Funk andere Streifenwagen informieren, und trotzdem ist uns die Fahrerin praktisch entwischt.“

„Die muss den Teufel im Genick gehabt haben! Wie eine Verrückte ist die dahingeschossen.“

„Ja, das ist sie wirklich, das haben alle Zeugen bestätigt. Na ja, wir werden sie schon finden. Machen Sie sich keine Sorgen. Bis jetzt haben wir die meisten gefunden. Eigentlich fast alle. Besonders, wenn sie sich so schön markiert haben, wie das die Blonde getan hat.“ Der Polizist lächelte ermutigend. „Herr Trimborn, alles Gute für Ihre Frau. Machen Sie sich keine Gedanken. Den Lastwagen, den haben wir übrigens zu Ihrer Firma bringen lassen.“

„Der Chef wird wieder ganz groß aufgeregt sein. Ist er jedes Mal, wenn wir nur eine Kleinigkeit haben, erst recht, wenn es so schlimm gekommen ist.“

„Ach was“, erwiderte der Polizist. „Blech kann man reparieren. Das ist alles nicht so wichtig. Gehen Sie am besten erst mal nach Hause und legen Sie sich hin. Sie sind bestimmt auch fix und fertig, man sieht es Ihnen an. Nehmen Sie sich ein Taxi. Das muss die Versicherung von der Frau auch bezahlen.“

„Wenn Sie sie erst mal hätten“, meinte Trimborn.

„Wir kriegen sie, verlassen Sie sich drauf. Wir kriegen sie, Herr Trimborn“, versicherte der Polizist.

 

 

2

In der Mittagspause aßen Dr. Kierdorf, Dr. Hella Pusch von der Gynäkologie und der diensttuende Notarzt von der Chirurgie, Dr. Fred Schwartner, zusammen. Die blonde Assistenzärztin verließ die Runde bald, weil sie noch etwas erledigen wollte, und so blieben die beiden Männer allein am Tisch zurück.

„Wie geht es eigentlich dieser Frau, ich meine, dieser Schwangeren? Ihr habt ja eine Sectio gemacht, nicht wahr?“

Dr. Kierdorf berichtete seinem Kollegen, was er wusste.

Dr. Schwartner nickte nachdenklich und meinte: „Na, die Frau, die den Unfall verschuldet hat, werden sie auch bald haben. Die Autonummer ist nahezu komplett, da fehlen nur noch zwei Zahlen. Und die Beschreibung des Wagens ...“

„Die Autonummer? Ich denke, die ist nicht erkannt worden?“, fragte Kierdorf.

„Doch, eine Verkehrsstreife hat sie erkannt. Das ist vorhin durch den Polizeifunk gekommen; den hab ich ja im Wagen. Warte mal, ich habe hier die Nummer auf geschrieben.“ Er zog sie aus seiner Brusttasche, schlug das Papier auf und las: „BN – A 3... die anderen Zahlen hat man nicht.“

Dr. Kierdorf hatte sich diese Angaben gemerkt, und plötzlich kam ihm ein ganz bestimmter Verdacht, aber er sagte nichts davon, unterhielt sich weiter mit Schwartner über alles mögliche, und schließlich gingen sie, als sich die Mittagspause dem Ende zuneigte. Draußen vor dem Kasino trennten sie sich. Schwartner musste zur Unfallstation, während Dr. Kierdorf wieder hinauf zur gynäkologischen Abteilung fuhr.

Dort ging er sofort schnurstracks zum Arztzimmer und fand es leer vor. Diese Tatsache erleichterte ihn. Er setzte sich hinten an den Quertisch, zog das Telefon zu sich heran und ließ sich von der Zentrale eine bestimmte Nummer geben. Nach mehreren Rufzeichen meldete sich eine weibliche Stimme: „Pfälzer ...“

„Hier ist Kierdorf“, meldete sich der Arzt. „Bist du es, Ulla?“

Die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung lachte. „Aber nein, lieber Lutz, kannst du unsere Stimmen nicht unterscheiden? Hier ist Ullas Mutter.“

„Entschuldige, ich habe geglaubt, es wäre Ulla. Könnte ich sie denn mal sprechen?“

„Sie ist leider nicht da“, erwiderte die Frau. „Sie ist mit dem Wagen weggefahren.“

„Mit dem Mercedes?“, erkundigte er sich.

„Nein, damit war sie weg. Der Mercedes steht in der Garage, irgendetwas ist damit. Sie meinte, er wäre nicht in Ordnung. Sie ist mit dem Golf gefahren.“

„Was heißt, nicht in Ordnung? Hatte sie einen Unfall oder etwas Derartiges?“, fragte er besorgt.

„Davon hat sie nichts gesagt. Wieso willst du das nur wissen?“

„Ach, es war nur eine Frage. Ich meinte, sie vorhin gesehen zu haben. Ich meine mit dem Mercedes, und deswegen dachte ich, ich sollte einmal anrufen.“

„Ja, heute früh ist sie mit dem Mercedes gefahren. Aber wie gesagt, irgendwas muss mit dem Wagen sein. Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht, was dran ist.“

„Na ja, dann grüß sie recht herzlich von mir. Und wie geht es sonst?“

„Wie soll es mir sonst gehen, lieber Lutz? Ich komme mir vor, als wäre ich gar nicht verheiratet. Meinen Mann sehe ich nur am Wochenende, und selbst da ist er kaum ansprechbar. Immerzu hockt er hinter Akten und Büchern, Rechnungen, Belegen. Na ja, und dich sieht man auch sehr selten, muss ich bei dieser Gelegenheit einmal feststellen. Darüber hat sich auch schon Ulla beschwert. Du hast viel zu wenig Zeit.“

„Tut mir leid, aber mein Beruf lässt mir nicht mehr Zeit. Früher als ich in Marburg war, hatten Ulla und ich noch weniger Zeit füreinander. Da haben wir uns manchmal wochenlang nicht gesehen.“

„Bereust du es denn, hierhergekommen zu sein?“

„Nein, ich habe die Chance, die mir Professor Winter geboten hat, sehr gerne angenommen“, erklärte er. „Das waren zwei Fliegen mit einer Klappe. Einmal bin ich Ulla näher gewesen und zum anderen ...“

„Ulla wäre bestimmt auch zu dir nach Marburg gezogen. Das Dumme ist nur, dass wir sie hier sehr brauchen. Kommst du heute Abend?“

„Ich werde versuchen, dass es klappt. Grüß bitte Ulla und ihren Vater von mir. Wird er da sein?“ „Sicherlich, warum nicht? Es ist ja Wochenende. Dann bis heute Abend, lieber Lutz. Ich freue mich, wenn du endlich wieder einmal zu uns kommst. Hoffentlich ändert es sich, wenn ihr verheiratet seid, oder sehe ich dich dann so selten wie jetzt?“

„Ich weiß es nicht. An mir soll es nicht liegen.“ Lutz Kierdorf lachte. „Also dann bis heute Abend.“

 

 

3

Udo Pfälzer war ein erfolgreicher Mann. Einer von denen, die es geschafft hatten. Und das war nicht von ungefähr gekommen, denn vor dem Erfolg hatte eine sehr anstrengende und energiefressende Leistung gelegen. Mit dem Erfolg kam nicht nur das große Geld, sondern auch das Ansehen.

Zuerst hatte Pfälzer nur Häuser gebaut, Wohnhäuser zumal. Später dann ging er zu Großbauten über, auch das gelang ihm. Schließlich waren die Staatsaufträge gekommen, Autobahnneubauten, Kasernen, Großbrücken und endlich die Untergrundbahn. Pfälzer hatte das auf seine Art bewältigt. Wo andere wegen eines Risikos zurückwichen, da stieg er ein. Wo andere sich weigerten, zu schärfstens kalkulierten Preisen anzubieten, war er da. Und bei ihm klappte es. Geld kam zu Geld. Und wo einmal sechs Männer für ihn gearbeitet hatten, waren es mittlerweile über fünfhundert. Nicht gerechnet eine ebenso große Zahl von nur zeitweise beschäftigten Mitarbeitern, die ihm Subunternehmer heranführten.

Es kam, wie es kommen musste, wenn jemand so viel Erfolg hat: Pfälzer wurde in den Stadtrat gewählt und nun konnte er sich vor Aufträgen überhaupt nicht mehr retten. Aber er wollte sich auch selbst ein Denkmal setzen. Das neue Schwimmbad wurde von ihm gebaut. Aber nicht wie sonst zu einem Preis, wo er Gewinn machte. Nein, Pfälzer baute zum Selbstkostenpreis, verdiente keinen Pfennig daran, und das wusste die Stadt zu schätzen.

Pfälzer erhielt ein halbes Jahr nach Fertigstellung des Schwimmbades das Bundesverdienstkreuz. Er genoss es wie ein gutes Essen. Überhaupt hatte er ein Herz, ja eine ausgesprochene Schwäche für ein gutes Leben, seit er an dem großen Geld gerochen hatte. Und damit wuchs sein Körperumfang, stiegen die Kilos auf der Waage und es stieg auch sein Blutdruck. Zeit, einmal zum Arzt zu gehen, nahm er sich nie. Zeit war für ihn erheblich rarer als Gold.

Udo Pfälzer hatte eine Firma aufgebaut, die immer weiter arbeiten musste, die höchstens größer werden durfte nur nicht kleiner. Kleiner, das hieß Entlassungen. Kleiner, das hieß Rückgang des Umsatzes und damit ein Sinken der Rabatte, die er bekam, wenn er Material bestellte. Und dies wieder hätte seinen Gewinn erheblich geschmälert.

Weil es so war, hing Udo Pfälzer fast siebzehn Stunden am Tag in den Sielen. Aufträge mussten hereingeholt werden. Eine Sache, die er keinem anderen überließ; das tat er selbst. Um Aufträge zu bekommen, musste er an die Leute heran, durch die ihm so etwas zugeschanzt werden konnte. Und er musste repräsentieren. Er musste sich großzügig zeigen. Er musste, wie man sagt, „Butter bei die Fische tun“.

Er hatte Unterstützung. Eine zuverlässige, vertrauenswürdige Unterstützung in seiner Tochter Ulla. Sie hatte Betriebswirtschaft studiert, was ihm sehr zupass kam. Aber das hätte nicht gereicht. Ulla war ganz einfach vom selben Schlag wie er. Sie setzte sich ein, sie konnte auch mal eine Nacht durch schuften und dachte nicht nur an Erholung, an Lebensfreuden und derlei Dinge. Bei ihr kam, genau wie bei ihm selbst, zuerst die Arbeit.

Udo Pfälzer feierte sehr gerne Feste, aber es mussten Feste sein, bei denen er Geschäfte machen konnte. Wo irgendetwas für ihn herauskam, wo sich der Aufwand lohnte. Eine Festlichkeit, die nur um ihrer selbst willen stattfand, interessierte ihn nicht, denn die kostete ihn Zeit, wo nichts zu verdienen war.

So wie heute Abend die Party, die seine Frau gab.

Typisch für Annemarie, dachte er. Eine Party nur so, für nichts, für lau, einfach aus Tollerei. Kein Pfennig kommt dabei herum, und wen sie wieder eingeladen hat! Völlig uninteressante Leute; an denen mache ich keine müde Mark.

Seine Frau war glücklich. Eine Party nach ihrer Art. Lange hatte es das nicht mehr gegeben. Und sie ließ sich nicht lumpen. Die kalten Platten und all das, was sonst dazugehörte, wurden angeliefert. Die Firma hatten sie schon öfter beschäftigt. Da kannte man sich aus, wie man eine Party macht. Pannen waren da nicht einprogrammiert. Verlässlich, wie Udo Pfälzer immer zu sagen pflegte, absolut verlässlich.

Aber heute Abend starrte er voller Langeweile auf die kalten Platten, auf dieses kunstvoll angerichtete Büfett, auf das Schneeweiß des Anzugs vom Koch, der hinter dem Büfett auf die Gäste wartete.

Wo steckt nur das Mädchen?, dachte Udo Pfälzer und meinte seine Tochter. Wieso sie nicht Bescheid gesagt hat, sie müsste längst zurück sein? Lutz ist ja auch eingeladen, müsste auch schon da sein.

Dass sie von dem nicht loskommt. Ein Arzt. Was will ich mit einem Arzt in der Familie? Einen Bauingenieur hätte ich brauchen können! Wenigstens einen ordentlichen Polier. Alles wäre besser. Was will ich mit einem Arzt? Na ja, sie tut ihre Pflicht. Sie ist mir wirklich gut geraten, soll sie dieses Hobby haben, sich einen Arzt zu halten. Schön und gut, das geht ja nun schon jahrelang mit denen. Anfangs ist er ja wenigstens weit weg gewesen. Da hat sie nicht so viel Zeit versäumt, um mit ihm zusammen zu sein. Da haben sie sich nur ab und zu sehen können, aber jetzt, da treffen sie sich fast jeden zweiten Abend. Neulich sogar drei Abende hintereinander. Donnerwetter! In der Zeit hätte sie sonst etwas für mich machen können.

Und er ist Arzt! Nein, er kam wirklich von dem Gedanken nicht los. Ein Bauingenieur wäre eben doch besser gewesen. Na ja, wenn es sich bei ihm wenigstens um einen Chirurgen gehandelt hätte. So etwas kann man gebrauchen; die ständigen Unfälle auf den Baustellen. Aber ein Gynäkologe, Frauenarzt! Na ja, dachte er, wenn sie mal was hat, ist Rettung wenigstens nicht weit. Trotzdem, sie hätte den jungen Vertreter nehmen sollen, den wir damals gehabt haben und der ihr nicht fein genug war. Dabei hat der Junge Aufträge herangebracht. Klar, den endgültigen Schuss, den musste ich abfeuern, um die Aufträge hereinzubekommen, aber sonst ... Der Junge hat das Zeug dazu gehabt, so zu werden wie ich. Weiß der Teufel, was im Kopf der Frauen passiert. Bloß weil der Junge ein paar scharfe Witze gerissen hat, mochte sie den nicht mehr und wollte unbedingt den Arzt.

Wenn der wenigstens Chefarzt gewesen wäre oder so etwas. Dann könnte man sagen: Hier, mein Schwiegersohn, Chefarzt an der oder jener Klinik. Aber so, ein Assistenzarzt. Gut, er meint ja, dass er seinen Facharztschein bald hat. Und wenn schon! Anfangen kann ich mit dem überhaupt nichts.

Seine Frau kam herüber. Sie hatte den beiden Mädchen, die servieren sollten, noch Anweisungen gegeben. Jetzt wollte sie mit ihm ein paar Worte sprechen. Sie lächelte ihm zu, kam in ihrem golddurchwirkten Abendkleid näher und Udo Pfälzer dachte, während er gequält lächelte, dass ihn dieses Abendkleid an irgendeine Gardine erinnerte, die er wo ist denn das nur gewesen? einmal gesehen hatte.

Ach ja! Da fiel es ihm ein. In einem Ministerium war es. Und so etwas hat sie an. Wie aufgeregt sie ist, wegen so einer lächerlichen Party. Und dann dieses Getue! Wenn nachher die Gäste kommen, da wird sie sich noch ganz anders aufspielen. Sie ist richtig lächerlich geworden. Das Kleid passt ihr nicht, die Umgebung passt ihr nicht, eigentlich ist das alles nur Protzerei. Und dabei kommt nicht einmal etwas heraus.

Sie blieb vor ihm stehen, lächelte ihn an. „Na du?“, fragte sie. Es klang vertraulich, burschikos und so kameradschaftlich wie früher, als sie noch im Geschäft mitgemacht hatte, als sie seine Partnerin gewesen war, seine zuverlässigste Hilfe. Aber diese Zeiten waren lange vorbei.

Sie musterte ihn und verriet durch nichts, was sie dachte. Er ist viel zu dick, überlegte sie. Wenn er bei mir essen würde, dann bekäme er weniger, vor allen Dingen viel Salate. Er liebt das deftige Essen und weil ich es ihm nicht vorsetze, dann isst er es woanders. Und wie er sich da wieder an den Tisch lehnt, wie ein Bauernknecht im schwarzen Anzug. Er sieht auch nicht gut aus; so rot sein Gesicht. Ich glaube, er müsste wirklich einmal zum Arzt gehen. Sich wenigstens untersuchen lassen. Und mich schickt er von einer Kur zur anderen, von einem Bad zum nächsten.

Er hatte sich eine Zigarre angebrannt, schnupperte genussvoll daran, machte einen Zug und blies den blauen Rauch zur Decke. „Wann kommen deine Gäste?“

„Sag doch nicht 'meine' Gäste! Es sind auch deine.“

Er lächelte nachsichtig. Ich will ihr, dachte er, nicht die Freude verderben. Sie hat immer zu mir gehalten. Ich liebe sie schon lange nicht mehr. Ich weiß nicht einmal, ob sie für mich noch etwas übrig hat. Aber irgendwie hängt sie an mir. Es rührt mich. Ich würde es nie fertigbringen, von ihr wegzugehen, obgleich ich schon Tausende von Gelegenheiten gehabt habe. Nein, das wäre gemein, das würde ich nicht tun. Vor allen Dingen würde es Ulla nicht verstehen. Wo die nur bleibt?

„Wieso ist Ulla noch nicht da?“, fragte er.

„Ich mache mir auch schon Sorgen. Übrigens, dein Anzug, der ist dir viel zu eng. Du musst wieder zum Schneider. Die Weste, die spannt ja.“

Er sah an sich herunter. „Ich glaube nicht, dass das deine Gäste bemängeln werden.“

„Du kennst sie vielleicht nicht so wie ich. Ich mache mir wirklich Sorgen um Ulla. Sie müsste längst da sein.“ Sie schaute auf ihre kleine Armbanduhr.

„Sag ich ja auch. Ich hatte sie zu Möbius geschickt und ...“

„Ach, da war sie ja längst gewesen. Nein, nein, ich hatte auch noch einen Auftrag für sie und ...“

„Du hast sie irgendwo hingeschickt und davon weiß ich nichts? Ich warte auf den Bericht, was Möbius angeht. Stattdessen schickst du sie noch irgendwohin! Wohin denn nur?“

„Nun schrei mich bitte nicht so an, ich kann das nicht ausstehen. Schließlich ist sie auch meine Tochter, nicht nur deine. Und sie war auch sofort bereit, mir den Gefallen zu tun.“

„Hör mal, für mich ist es unheimlich wichtig, dass ich Bescheid weiß. Ich bekomme heute Abend noch einen Anruf von einem Minister, wenn dir klar ist, was das bedeutet. Und diesen Anruf muss ich beantworten können. Ich muss diesem Mann erklären können, was ich weiß! Aber ich weiß nichts, weil meine Tochter mir noch nicht Bescheid sagen konnte. Wenn jetzt dieser Anruf kommt, wie stehe ich dann da?“

„Aber ich habe doch davon keine Ahnung gehabt. Warum schreist du mich nur immer gleich so an? Hier, vor allen Leuten?“

„Alle Leute! Da drüben dieser Koch und die zwei Mädchen; was heißt hier 'alle Leute'?“

„Du bist hinter den Aufträgen her wie der Teufel hinter der Seele. Mein Gott, wir haben doch genug. Müssen wir immer noch mehr und mehr haben?“, erkundigte sie sich.

Er sah sie mitleidig an. „Jetzt fängst du wieder mit diesem Blödsinn an. Wir müssen unser Geschäft ausbauen, wir müssen größer werden. Wachstum nennt man das. Ohne Wachstum keine Prosperität, kein Wohlstand, wenn du mich verstehst!“

„Ich bin nicht so dumm, wie du glaubst“, erwiderte sie kühl. „Ich verstehe dich sehr gut, aber es ist nicht so logisch, wie du denkst. Irgendwann hört jedes Wachstum auf. In der Natur und auch in der Wirtschaft. Man kann nicht immer weiter und weiter wachsen. Du kannst nicht immer größer und größer werden. Das würde ja bedeuten, dass immer mehr und mehr gebaut wird.“

„Ach was!“ Er wedelte ihr mit der Hand vor dem Gesicht herum. „Ich habe diese kleinen Krauter alle geschluckt, das ist es. Deshalb werden wir größer.“

„Und wenn es keine kleinen Krauter mehr gibt, wie du sie zu nennen beliebst, was dann? Wen schluckst du denn dann? Du bist doch hier schon der Größte!“

Er lächelte selbstbewusst. „Ja, das bin ich. Und am Anfang hast du mitgeholfen. Du hättest also tausend Gründe, ebenfalls stolz zu sein.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht mehr stolz. Ich glaube, das geht weit über das hinaus, was uns guttut. Für wen arbeitest du denn? Du kannst doch nicht mehr als essen und trinken. Wir haben alles, was wir wollen ... fast alles. Eines aber nicht: Zeit füreinander. Wir sind arm. Ärmer als irgendein Arbeiter. Deine Arbeiter, die nehmen sich die Zeit, sich zu unterhalten. Die hört man noch lachen. Dich habe ich lange nicht mehr lachen hören. Und wenn, dann war es gekünstelt, weil es gerade zur Sache gepasst hat. Wir sollten einmal Urlaub machen.“

Jetzt lachte er doch. „Du bist lustig!“, rief er. „Siehst du, ich lache, und wie ich lache. Mach noch ein paar solche Witze, und ich komme aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Urlaub machen! Weißt du, was das bedeutet? Wenn ich irgendwohin fliege, dann muss ein Geschäft dabei herauskommen. Einfach so, das ist ja hirnverbrannt! Was denkst du denn, wie lange ich das aushalten würde, irgendwo an einem so dämlichen Strand zu liegen, um mich von der Sonne grillen zu lassen? Du müsstest mich besser kennen.“

„Aber wieso musst du denn Geschäfte machen? Wir haben doch alles! Was willst du denn noch?“

„Aufträge, mein Kind, Aufträge brauchen wir. Deine Tochter hat es begriffen, du nicht. Du wirst es auch nie mehr begreifen. Ich glaube, dass es sinnlos ist, mit dir darüber zu sprechen. Wir brauchen Aufträge, ich muss die Leute am Arbeiten halten, die Löhne müssen gezahlt werden. Dazu braucht es Geld, Monat für Monat, Woche für Woche, Tag für Tag. Weißt du, wie schnell es geht, dass man in die roten Zahlen kommt?“

„Das hast du früher schon gesagt. Und wir sind auch schon in den roten Zahlen gewesen. Trotzdem ist es immer wieder aufwärtsgegangen.“

„So, wie du das siehst“, meinte er fast verächtlich, „ist das ausgesprochen naiv. Früher, mit fünf, sechs Mann, als ich selber noch mit auf der Baustelle gearbeitet habe, da ist das gar nichts gewesen. Eine rote Zahl, was ist das damals schon gewesen? Ein Tausendmarkschein vielleicht. Mit entsprechender Arbeit hatten wir das schnell wieder weg. Wenn ich heute in die roten Zahlen komme, dann ist das nicht ein Tausendmarkschein, dann ist das vielleicht eine Million, bevor ich es überhaupt begreife; bevor ich es weiß, und es werden von Tag zu Tag mehr. In einer Woche können es zwei, drei, vier Millionen sein.“

Sie sah ihn ein wenig begriffsstutzig an, so kam es ihm jedenfalls vor. Er seufzte, wandte sich dann halb ab und meinte:

„Ich glaube nicht, dass es Sinn hat, wenn wir weiter darüber sprechen. Du verstehst mich nicht. In diesem Punkt wirst du mich nie verstehn. Du mit deinem Urlaub, mit deiner Zeit füreinander. Wir haben doch Zeit. Viel zu viel. Ich stehe hier herum und habe in der letzten Stunde noch nichts Sinnvolles getan.“

„Man muss nicht immer etwas Sinnvolles tun, was du auch darunter verstehen magst. Für mich ist es schon sinnvoll, wenn wir miteinander reden. Wir haben einander doch geheiratet; doch nicht nur, dass du unterwegs bist und Aufträge hereinholst und ich zu Hause Däumchen drehe oder du mich in irgendein Bad schickst. Hör mir zu, Udo: Wir haben uns doch gern. Früher, da waren wir noch wirklich miteinander verheiratet. Damals, als du sechs oder sieben Mann gehabt hast. Da haben wir uns noch aufeinander gefreut. Wir konnten noch miteinander glücklich sein. Damals, Udo, sind wir noch richtig miteinander verheiratet gewesen. Jetzt steht das nur noch auf dem Trauschein.“

Sein Gesicht wurde noch dunkler. Er war nahe dran zu explodieren. Aber er beherrschte sich, drückte nur zornig seine Zigarre im Aschenbecher aus, obgleich sie noch nicht zu einem Viertel geraucht war. Er atmete hörbar aus und wieder ein und erklärte schließlich: „Ich möchte die Unterhaltung nicht fortsetzen. Ich würde einen Tobsuchtsanfall bekommen. Ich hoffe, du begreifst das, auch wenn’s dir schwerfällt.“ Er wandte sich um und ging auf die Tür zu.

In diesem Augenblick trat dort Dr. Lutz Kierdorf ein.

„Hallo, Lutz“, sagte Pfälzer und lächelte gequält. „Du bist der Erste, sonst ist noch niemand da. Auch nicht schlecht Zigarre?“ Er zog sein Etui aus der Innentasche und hielt es Lutz hin, obgleich er genau wusste, dass der ablehnen würde.

Prompt schüttelte Lutz den Kopf. Er sah sich in der geräumigen Halle um, sein Blick überflog die Leckerbissen auf dem Büfett und blieb schließlich an Ullas Mutter haften, die ein Stück entfernt stand und einen betroffenen Eindruck machte.

Immer dann, wenn er hierherkam, hatte er das Gefühl, in eine gespannte Atmosphäre geraten zu sein. Im Moment war sie mehr als gespannt; sie war eisig. Früher hatte er immer gedacht, das hinge irgendwie mit ihm zusammen. Aber mittlerweile wusste er, dass er damit offensichtlich nichts zu tun hatte. Das Ehepaar Pfälzer schien miteinander nicht sehr glücklich zu sein. Heute Abend unterschied sich die Stimmung der beiden nicht wesentlich von anderen Malen.

Annemarie Pfälzer versuchte, diese Stimmung zu überspielen, aber sie war in diesem Punkt eine schlechte Schauspielerin. Ihre Begrüßung fiel zu herzlich, zu gewollt fröhlich aus, um Lutz zu täuschen.

„Ich weiß gar nicht, wo Ulla bleibt. Sie hätte längst zurück sein müssen“, sagte Annemarie Pfälzer.

„Sie wird schon kommen“, meinte Lutz.

„Weißt du was?“, erklärte Pfälzer jetzt und nahm Lutz am Arm. „Wir gehen hinüber in mein Arbeitszimmer. Ich habe da einen uralten Whisky, irischer. Magst du irischen?“

„Nicht schlecht“, stimmte ihm Lutz zu und die beiden durchquerten den Raum und verschwanden im Arbeitszimmer von Pfälzer. Wenig später kamen die ersten Gäste.

Lutz saß Pfälzer im Ledersessel gegenüber. Bequeme Sessel waren das und viel Geld hatten sie ganz sicher auch gekostet, wie sich Lutz überlegte. Aber dann kehrten seine Gedanken zu dem Punkt zurück, der ihn eigentlich seit Stunden schon äußerst intensiv beschäftigte.

„Sag mal“, fragte er Pfälzer, „hast du in den letzten Stunden mit Ulla gesprochen?“

Pfälzer zuckte die, Schultern und schüttelte dann den Kopf. „Nein, die letzten Stunden nicht. Heute Morgen habe ich mit ihr geredet. Ich warte ja auf sie. Eine Information, die ich dringend brauche, falls der Minister anruft.“

„Ist dir bekannt, dass irgendetwas mit dem Mercedes nicht in Ordnung ist?“

Pfälzer sah Lutz verwundert an. „Mit dem Mercedes? Was soll da nicht in Ordnung sein? Oder warte mal! Ja, jetzt fällt es mir ja ein, der Fahrzeugmeister hat es mir erzählt. Irgendetwas mit dem Gaspedal, hängt wohl. Sie fährt aber nicht mehr mit dem Wagen herum. Sie hat einen der Dienstwagen, einen Golf.“

Draußen waren Stimmen zu hören. Pfälzer grinste schief. „Ach, das sind auch so Leute, die nur meine Frau einladen kann. Wenn ich die sehe, dreht sich mir jedes Mal der Magen um. Dabei sind sie so neidisch; sie gönnen uns nicht die Butter auf dem Brot. Der Mann war einmal genau in derselben Situation wie ich. Er hat nur nichts daraus gemacht, gar nichts. Jetzt ist er bei einer dieser absterbenden Firmen, deren Besitzer versuchen, mir diese Läden schmackhaft zu machen. Aber ich will sie gar nicht. Das sind nur rote Zahlen. Mit roten Zahlen kann ich nichts anfangen. Was ich brauche, sind Erfolge oder wenigstens die Chance eines Erfolgs.“

Lutz runzelte die Brauen. „Ist ein Bankkonto wichtiger als ein Charakter?“

„Das ist doch dummes Zeug“, entgegnete Pfälzer leicht gereizt und goss Lutz das Glas wieder voll. „Beides ist wichtig. Wenn einer seine Chance nicht nutzt, ist er ein Idiot. Ein Idiot zu sein, ist kein guter Charakterzug, das ist nur eine Eigenschaft, die andern nichts einbringt, die im Grunde jedem schadet, auch demjenigen selbst.“

In diesem Augenblick ging die Tür auf, und eine schlanke, bildhübsche junge Frau mit hellblondem Haar trat ein.

„Hallo! Da bin ich endlich.“

Pfälzer betrachtete seine Tochter mit größtem Wohlwollen. Er war stolz auf sie. Lutz war nicht so gelöst wie sonst. Er stand auf, sagte: „Guten Abend, Ulla.“ Doch seine Worte klangen gepresst, gehemmt, so, als fiele es ihm schwer, freundlich zu sein.

Sie musterte ihn befremdet. „Was hast du, Lutz? Dir muss etwas über die Leber gelaufen sein! Wie siehst du mich an? Habe ich etwas getan? Du machst ja richtig böse Augen.“

„Ach was, er ist so wie immer“, behauptete Pfälzer und trank sein Glas aus.

Lutz blieb ernst. „Ich möchte mit dir sprechen. Wenn es geht, unter vier Augen. Es ist wichtig.“

Pfälzer warf Lutz einen missbilligenden Blick zu. Dann nahm er sein Glas und wandte sich zur Tür.

„So habe ich das nicht gemeint!“, rief Lutz.

Pfälzer schüttelte den Kopf. „Du hast recht, Junge. Quatscht euch hier aus, ich muss ja die Gäste begrüßen. Jetzt hab ich keine ruhige Minute mehr.“

Ein paar Sekunden später waren sie allein. Ulla sah verwirrt auf Lutz und fragte: „Was ist denn passiert? Was hast du denn? Ist irgendetwas schiefgegangen ?“

„Sag mal“, fragte er sie mit einer Schärfe in der Stimme, die an einen Staatsanwalt erinnerte, „bist du heute die Baumschulallee in Richtung Meckenheimer Straße gefahren?“

„Nein“, erwiderte sie erstaunt. „Warum?“

„Du bist wirklich nicht dort entlanggefahren?“

„Nein! Was soll diese Frage?“

Er wandte sich um, hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und ging zum Fenster. Draußen war es mittlerweile dunkel geworden. Die Sterne prangten am Himmel und die Silhouetten der Bäume im Garten boten ein bizarres Bild.

„Ich will dir etwas gestehen, bevor ich meine Geschichte erzähle. Dein Vater weiß nichts davon. Ich bin, ehe ich hierherkam, bei euch auf dem Wagenhof gewesen. Dein Mercedes steht in der Werkstatt. Der Kotflügel hinten ist eingedrückt, so, als wäre irgendetwas an ihm entlanggefahren. Die Stoßstange ist nach hinten weggebogen.“

„Eine Schramme. Na ja, das kann ja mal passieren, aber die Stoßstange ist schon lange verbogen. In vierzehn Tagen ist der neue Wagen da. Warum sollen wir noch viel Geld anlegen? Die nehmen den so in Zahlung, wie er ist. Es ist so abgemacht.“

„Dein Wagen hat rote Polster.“

„Natürlich hat er rote Polster“, entgegnete sie. „Warum sagst du das so ... so merkwürdig?“

„Ich sag es nicht merkwürdig, ich meine es sehr ernst“, entgegnete er. „Dein Wagen ist beigefarben, hat rote Polster, eine beschädigte hintere Stoßstange, und an der Seite ist eine Schramme. Kannst du mir sagen, welche Bluse du heute Morgen getragen hast?“

„Sag mal, spinnst du? Das hört sich an wie ein Verhör. Was ist denn mit dir passiert? Ich hatte ein blaues Kleid an. Mein Gott, muss ich dich demnächst um Genehmigung bitten, wenn ...“

„Du bist also nicht die Baumschulallee entlanggefahren, hast nicht die Meckenheimer Straße überquert?“, fragte er, sie unterbrechend. „Das müsste so ein Viertel nach zehn gewesen sein.“

„Ich verstehe deine Fragen überhaupt nicht, Lutz, sei mir nicht böse. Lass mich wenigstens einmal nachdenken. Baumschulallee, na ja, man überlegt ja gar nicht mehr, wo man langfährt. Ich könnte sagen ja, ich könnte sagen nein, ich weiß es ehrlich nicht. Möglich ist es. Du lieber Himmel, wie oft fahre ich durch die Stadt! Ich möchte nur wissen, warum du fragst. Was ist los?“

„Was los ist? Heute Morgen gegen zehn Uhr fünfzehn kam ein Mercedes die Baumschulallee entlang, näherte sich der Kreuzung Meckenheimer Straße; die Ampel zeigte für ihn Rot. Trotzdem fuhr der Wagen weiter, und zwar mit hoher Geschwindigkeit. Ein Wagen, beigefarben mit roten Polstern, am Steuer eine blonde, sehr blonde Frau wie du, und das Fahrzeug hatte das Kennzeichen BN A 3.., die restlichen Zahlen weiß man nicht. Der Wagen also überquerte die Kreuzung bei Rot.“

„Ja, ich entsinne mich. Mein Gaspedal hat gehangen, aber ich konnte den Wagen noch gut herumbekommen, und dann hat sich das Pedal wieder gelöst. Es war eine schlimme Sache, ich weiß. Aber warum fragst du das?“

„Und der Lastwagen? Hast du den Lastwagen vergessen?“

„Was für ein Lastwagen?“

„Der Lastwagen, an dem du entlanggeschrammt bist, an dessen Stoßstange deine Karosseriefarbe hängengeblieben ist und von dem auch die Scharte an deinem hinteren rechten Kotflügel stammt. Na ja, es war kein großer Lastwagen, aber egal, der Fahrer jedenfalls hat versucht, dir auszuweichen, ist mit dem Vorderreifen gegen die Bordsteinkante geraten, der Reifen ist ihm geplatzt, das Fahrzeug wurde herumgerissen und landete an der Mauer. Dabei wurde ein Mensch schwer verletzt.“

Sie starrte ihn aus großen Augen entsetzt an, hatte den Mund halb geöffnet, als werde sie schreien. Aber sie schrie nicht. Sie blieb ganz stumm, schlug jetzt die Hände vor den Mund, immer noch voller Entsetzen.

Lutz blickte sie eindringlich an. „Es ist keine Bagatelle. Du sagst, du hättest deinen Wagen noch gut herumbekommen können. Aber tatsächlich hast du den Lastwagen gestreift; so etwas merkt man.“

Sie sagte nichts.

„Fußgänger, die die Straße, weil sie Grün hatten, überqueren wollten, konnten gerade noch rechtzeitig beiseite springen, um dir zu entgehen; dir und deinem Auto.“

Sie sagte noch immer nichts, starrte ihn nach wie vor aus schreckgeweiteten Augen an.

„Ich bin noch nicht fertig. Die Frau, die im Lastwagen saß, die als Beifahrerin in dem Lieferwagen oder was immer es gewesen ist, gesessen hat, wurde bei diesem Unfall nicht nur verletzt, sie war auch im siebten Monat. Sie ist die Frau des Fahrers gewesen. Infolge dieses Unfalls hat die Geburt eingesetzt. Im Schockzustand musste das Kind durch eine Schnittentbindung geholt werden. Der Schockzustand trug dazu bei, dass es bei der Frau zu einem Kreislaufkollaps gekommen ist. Sie war auch kurze Zeit infolge eines Herzstillstandes bereits klinisch tot. Wir haben sie wieder zum Leben erwecken können. Die junge Frau befindet sich nach wie vor in Lebensgefahr. Es bestehen auch noch Möglichkeiten, dass es zu Komplikationen kommen kann. Weißt du eigentlich, dass dich die Polizei überall sucht beziehungsweise, dass sie nach deinem Wagen forscht?“

Endlich fand Ulla die Sprache wieder. „Mein Gott! Mein Gott, ich weiß wirklich nichts davon! Ich schwöre dir, ich weiß nichts davon!“

„Hör mal, ich habe die Schramme an dem Kotflügel gesehen. Das ist so, als wenn ich mit einer Hacke mit aller Wucht am Kotflügel entlangstreiche. Über das Blech dringt ein infernalischer Lärm durch den ganzen Wagen. Das kannst du nicht überhört haben.“

„Ich habe nichts gehört! Ich schwöre dir, ich habe wirklich nichts bemerkt. Glaub es mir doch! Ich war so mit dem Gaspedal beschäftigt, dass ich ...“

In diesem Moment wurde die Tür geöffnet. Pfälzer kam herein, blickte die beiden ein wenig verwundert an und rief: „Ihr seid ja immer noch hier!“ Jetzt erst bemerkte er Ullas gedrückte Stimmung, sah dann Lutz an und fragte: „Habt ihr euch gezankt?“

Da brach es aus Ulla heraus. Tränen strömten ihr über die Wangen, sie schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte:

„Paps, es ist etwas ganz Fürchterliches passiert! Paps, du musst mir helfen!“ Und schon war sie bei ihm, schlang ihm die Arme um den Hals und presste ihr Gesicht gegen seine Brust, so wie sie es früher getan hatte als Kind, wenn irgendetwas vorgefallen war, das in Ordnung zu bringen, ihr die Kraft und die Möglichkeiten fehlten.

Ratlos schaute Pfälzer in die Richtung von Lutz.

Lutz hatte den Mann noch nie so fassungslos gesehen und er ahnte zum ersten Male, wie tief die Bindung zwischen Vater und Tochter war.

„Was ist los? Was ist passiert?“, fragte Pfälzer erregt.

Lutz erzählte es ihm sachlich. Nicht anklagend, aber auch nicht verniedlichend. Er nannte die Sache voll beim Namen.

Jetzt hatte sich Pfälzer wieder gefasst. Er schob seine Tochter in einen Sessel, in dem sie zusammensank wie ein Häuflein Elend.

„Verdammt noch mal! Was tun wir da? Das ist ja eine schöne Pleite!“, platzte Pfälzer heraus. „Der Lieferwagen. Von wem ist der Lieferwagen?“

„Ich habe keine Ahnung“, entgegnete Lutz. „Es ist ja auch nicht wichtig. Es geht darum, dass sie sich der Polizei stellen muss. Komisch war, dass ich den Verdacht sofort hatte. Bei der ersten Schilderung. Der Mann, dieser Trimborn, hat es mir selber erzählt.“

„Verdammte Schweinerei!“, platzte Pfälzer heraus. „Da müssen wir sofort etwas tun. Auf der Stelle. Der Polizei stellen kommt nicht in Frage. Blödsinn!“

„Was ist daran Blödsinn?“, fragte Lutz verwundert. „Ich sehe überhaupt keine andere Möglichkeit.“

„Natürlich sehen wir eine andere Möglichkeit. Ich begreife nur nicht, warum du weitergefahren bist?“ Er sah seine Tochter zornig an. „Warum hast du nicht angehalten?“

„Ich habe es nicht gemerkt! Ich schwöre, ich habe es nicht gemerkt!“

„Einen solchen Lärm hast du nicht gehört? Wenn eine Stoßstange an deinem Auto entlangschabt, wenn sie die Stoßstange deines Wagens trifft und ganz zurückreißt, so etwas musst du doch gehört haben!“

„Ich habe es nicht! Paps, ich schwöre es dir, ich habe es nicht!“, rief Ulla schluchzend.

„Dann kann sie es nicht gewesen sein“, meinte Pfälzer. „Unmöglich. So etwas hört man. Dann ist es eine alte Geschichte mit der Schramme. Meine Güte, ich kann nicht immer die Wagen kontrollieren. Ich werde mit dem Wagenmeister reden. Das wird schnellstens repariert, noch heute Nacht.“

„Repariert, heute Nacht! Etwa, um das zu verschleiern?“, fragte Lutz fassungslos. „Sie hat mir selbst erklärt, dass das Gaspedal gehangen hat, und dass sie ...“

„Ach, was sie erzählt hat. Entscheidend ist“, erklärte Pfälzer, „dass ich von dem Unfall gar nichts weiß. Also hat er nicht stattgefunden, nicht mit ihr. Das ist sonst wer gewesen. Aber ich sehe doch, wo’s hinführt. Jetzt kommt schon ein falscher Verdacht auf meine Tochter. Das kann ich mir nicht leisten, dass sie ihr am Ende noch Fahrerflucht anhängen! Von einem Unfall, den sie gar nicht begangen hat, von dem sie gar nichts weiß.“

Lutz blieb ruhig. Er sah Ulla an und fragte: „Denkst du wie dein Vater oder glaubst du nicht auch, es wäre besser, sich zumindest der Polizei zu stellen?“

„Warum soll sie es zugeben?“, brüllte Pfälzer. „Eine Schuld zugeben, die keine Schuld ist. Nicht ihre Schuld!“

„Die Polizei wird mich festnehmen. Bei Fahrerflucht wird man festgenommen, habe ich gehört.“

„Nur um die Personalien festzustellen, dann nicht mehr; du bist doch hier ansässig“, klärte sie Lutz auf.

Aber sie hörte gar nicht hin und schluchzte:

„Ich will nicht ins Gefängnis, ich will nicht ins Gefängnis!“

„Mein Gott, jeder Mensch kann einen Fehler machen. Vielleicht glauben sie dir, dass du nichts von dem Unfall weißt. Die sperren dich doch nicht ein. Die meisten begehen Fahrerflucht, weil sie getrunken haben und sich einbilden, später könne man ihnen das nicht mehr nachweisen. Wenn du aber freiwillig hingehst; und du als Frau, dir glaubt man ganz sicher, dass du nicht getrunken hattest.“

„Die Stoßstange“, schluchzte Ulla, „hat immer so einen Krach gemacht. Der Wagen war immer so laut. Ich hatte ja nur gedacht, die vierzehn Tage schaffe ich es noch mit ihm.“

Lutz sah sie ungläubig an. Auch Pfälzer konnte sich offensichtlich nicht vorstellen, dass Ulla wirklich nichts von dem Unfall mitbekommen haben sollte.

„Es hat keinen Sinn, das verschleiern zu wollen, die Polizei kommt doch dahinter. Und dann ist alles umso schlimmer.“

„Quatsch!“, widersprach Pfälzer. „Das muss erst alles bewiesen werden. Und wenn die ganze Karre nicht zu finden ist, kommt kein Aas dahinter.“

„Die Karre nicht zu finden ist?“, fragte Lutz. Dann sagte er scharf: „Euer Fahrzeugmeister hat sie auch gesehen und im Übrigen gibt es für diesen Unfall sehr viele Zeugen. Später wurde Ulla noch einmal von einer Verkehrsstreife beobachtet, da war sie immer noch sehr schnell. So schnell, dass die Verkehrsstreife auf sie aufmerksam wurde, sie aber nicht aus irgendwelchen unglücklichen Umständen heraus verfolgen konnte.“

„Der Fahrzeugmeister hält die Klappe. Der ist mir verpflichtet, und wenn ich dem drei blaue Scheine gebe, ist er still.“

Lutz schüttelte den Kopf. „Auch wenn die Polizei dich nicht findet, Ulla, ist es nicht gut. Diese junge Frau ist sehr geschädigt worden, wenn auch nicht direkt, denn diese Verletzung war leicht. Das Schlimme war der Schock und die Frühgeburt. Niemand kann voraussehen, was mit dem Kind ist, auch wenn es im Augenblick normal erscheint. Das Fahrzeug ist ebenfalls sehr beschädigt, am Haus ist Schaden entstanden. Das muss doch von irgendwem bezahlt werden. Dein Auto, Ulla, ist versichert gewesen. Die Versicherung würde den Schaden tragen.“

„Und mich sperren sie ein! Ich weiß nichts von dem Unfall, ich weiß nichts!“, beteuerte sie immer wieder.

„Ach, lass!“, rief Pfälzer. „Wenn ein Fahrer nicht gefunden wird, der einen Unfall verursacht hat, dann kommen die Versicherungen trotzdem auf. Da gibt es in Hamburg am Glockengießerwall eine Geschäftsstelle, die solche Fälle regelt. Dazu haben sich alle Versicherer zusammengeschlossen. So eine Geschichte haben wir vor zwei Jahren auch erlebt. Da war es umgekehrt, da sind wir die Geschädigten gewesen. Na und? Der Kerl, der damals den Unfall verursacht hat, ist nicht gefunden worden. Wir haben trotzdem unseren Schaden bezahlt bekommen.“

„Dennoch sollte sie sich melden. Es wäre eine bodenlose Schweinerei, wenn sie es nicht tut.“

„Das sagt sich so leicht dahin. Ich muss an mein Renommee denken“, entgegnete Pfälzer.

„Renommee?“ Lutz lachte zornig auf, dann wandte er sich an Ulla: „Sieh mich an! Stell dich! Oder willst du es nicht tun?“

„Sie will es nicht, und ich will es auch nicht“, entgegnete Pfälzer an ihrer Stelle.

„Ich habe Ulla gefragt. Ulla, antworte mir!“

„Ich möchte nicht. Ich habe Angst, bitte! Ich weiß doch wirklich nichts von dem Unfall, Lutz, verstehst du mich nicht?“

„Moment mal“, mischte sich Pfälzer wieder ein. „Die Art, wie du Fragen stellst, junger Freund, die gefällt mir nicht. Du bist in diesem Haus ein und aus gegangen, du hast behauptet, meine Tochter zu lieben. Jetzt kannst du einmal beweisen, ob du sie liebst.“

„Ja, ich liebe sie und deshalb stelle ich solche Fragen, und deshalb möchte ich, dass sie sich bei der Polizei meldet. Weil ich sie liebe, weil ich nicht will, dass ein Vergehen das andere nach sich zieht. Es gibt eine ganze Kette, einen Rattenschwanz voll strafbarer Handlungen.“

„Mir gefällt dein Ton nicht, junger Freund! Mir gefällt er absolut nicht.“

Lutz sah ihn an, und plötzlich siezte er Pfälzer, indem er erwiderte: „Es ist mir völlig gleichgültig, ob Ihnen mein Ton gefällt, Herr Pfälzer. Diese Sache ist in Ordnung zu bringen. Sie beweisen nicht gerade vorbildlichen Charakter mit dem, was Sie Ihrer Tochter einreden möchten. Ich glaube, es gibt keinen Anlass für mich, noch länger hierzubleiben. Guten Tag, Herr Pfälzer!“ Er wandte sich kurz Ulla zu und sagte nur: „Wenn du nur ein ganz klein bisschen für mich empfindest, dann stellst du dich der Polizei.“

Er wollte sich abwenden, um zu gehen, da sprang Ulla aus dem Sessel auf, lief ihm zwei Schritte nach und schrie mit überschnappender Stimme: „Du hast mir einmal gesagt, dass wir immer füreinander da sind! Dass wir uns gegenseitig helfen werden. Und jetzt, was tust du jetzt? Statt mir zu helfen, lässt du mich fallen! Schickst du mich zur Polizei, damit die mich einsperrt! Du bist gemein, gemein, gemein!“

Er sah sie erst überrascht, dann erschüttert an. Es sah so aus, als wollte er etwas sagen, aber er wandte sich stumm ab und verließ den Raum.

Pfälzer schrie ihm nach: „Und wagen Sie es nicht, meine Tochter zu denunzieren! Wagen Sie es nicht! Dann können Sie gleich sehen, wo Sie bleiben! Ich werde dafür sorgen, dass Sie in dieser Stadt nie mehr Arzt sein werden, ich schwöre Ihnen das! Sie bekommen keinen Fuß auf den Boden, wenn ich es nicht will, nicht in dieser Stadt!“

Die Hälfte dessen, was Pfälzer eben gesagt hatte, konnte Lutz schon gar nicht mehr gehört haben, denn da war er bereits aus dem Zimmer ...

 

 

4

Die alte Stationsschwester Else war am nächsten Morgen in voller Fahrt, als Dr. Kierdorf die Station betreten hatte. Offensichtlich war er von der Stationsschwester noch gar nicht bemerkt worden. Sie gab noch ihre Kommandos wie auf dem Kasernenhof. Von da rührte auch ihr Spitzname „Dragoner“ her.

„Schwester Ingrid, wo zum Donnerwetter bleibt die Blutentnahme von 324? Schwester Karla, wie oft hab ich Ihnen schon gesagt, dass die Eintragungen links und nicht rechts gemacht werden! Ich kann mir den Mund fusselig reden mit euch. Schwester Inge“, sie hielt ein Glas hoch, „soll dies ein sauberes Glas sein? Ist das hier eine Altwarenhandlung oder ein Krankenhaus? Zum Donnerwetter noch einmal!“

In diesem Augenblick entdeckte sie den Arzt an der Tür. Ihr eben noch wütendes Gesicht verklärte sich zu einem gezwungenen Lächeln. „Ach, Herr Doktor, was kann ich für Sie tun?“

„Mir wurde gesagt, Sie hätten eine Nachricht für mich. Ich bin gerade erst gekommen.“

„Ja, Herr Doktor Kierdorf, in Ihrem Arztzimmer wartet jemand auf Sie. Ich hab ihn da hineingeschickt. Es ist der Arbeitgeber vom Manne jener Verunglückten von gestern, die auf der Intensivstation liegt. Dort wollte man ihm keine Auskünfte geben. Vielleicht können Sie mit ihm reden.“

„In Ordnung!“ Er verließ das Zimmer, um Schwester Else bei ihrer morgendlichen Befehlsausgabe nicht weiter zu stören.

Das Arztzimmer befand sich zwei Türen weiter. Er öffnete es und sah einen alten Herrn hinten am,Fenster sitzen, die Hände auf einen Stock gestützt. Als er eintrat, wollte sich der alte Mann erheben, aber Dr. Kierdorf rief ihm zu:

„Bleiben Sie doch bitte sitzen! Mein Name ist Kierdorf.“

Er erhob sich nun doch, dieser alte Mann, und sagte: „Kernig mein Name, Max Kernig. Heinz Trimborn ist mein Fahrer. Ich wollte mich mal erkundigen, wie es seiner Frau geht.“ Er deutete auf einen Blumenstrauß, den er auf einen Medikamentenschrank gelegt hatte, und sagte: „Tut mir leid, ich wollte ihr die Blumen da geben, aber sie haben mir gesagt, dass auf Intensiv keine Blumen hingestellt werden dürfen.“

„Nein, das ist leider nicht möglich. Ich finde es aber rührend, dass Sie als Arbeitgeber sich um die Angehörigen Ihrer Leute kümmern.“

„Ach, wissen Sie was, Herr Doktor, der Heinz, der ist ja schon so lange bei mir. Und bei mir wechseln die Leute nicht ständig, und ich habe keinen so großen Betrieb; da kennt man sich. Da nimmt man noch gegenseitig an allem Anteil. Der Heinz ist ein guter Mann, und seine Frau, die ist auch in Ordnung. Die haben sich alles so schwer erkämpfen müssen. Sagen Sie mir, wie es ihr geht.“

„Ich bin im Moment hereingekommen. Ich habe überhaupt keine Ahnung. Aber ich werde mich jetzt erkundigen. Warten Sie!“ Er ging zum Telefon, wählte die Nummer des diensttuenden Arztes in der Intensivstation und fragte nach dem Befinden dieser Patientin.

„Sie heißt Rita!“, rief der alte Mann dazwischen. „Rita Trimborn.“

Lutz, dem der Name entfallen war, nickte lächelnd in Kernigs Richtung und sagte dann diesen Namen.

Der diensttuende Arzt war Dr. Simon. Von ihm erfuhr Lutz, dass der Zustand der Patientin stabilisiert sei, besonders was den Kreislauf anging und man sicher sein könne, sie aus der absoluten Lebensgefahr herauszuhaben. Das Kind, das in der Säuglingsstation gepflegt wurde, sollte sich, so wusste Dr. Simon, ebenfalls in guter Verfassung befinden. Denn es war ein ganz wichtiger Beitrag zur Genesung der Mutter, dass sie auch Kontakt mit ihrem Baby hatte. In regelmäßigen Abständen brachte man das Baby zu ihr. Die Probleme der Desinfektionsschleuse und all dieser Umstände, die mit einer Intensivstation zusammenhingen, waren da das geringere Übel.

Als er voll informiert war, legte Lutz auf, wandte sich dem alten Herrn zu und sagte: „Also, es geht ihr den Umständen gemäß gut.“

Details

Seiten
168
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930870
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495868
Schlagworte
florian winter band sonne

Autor

Zurück

Titel: Dr. Florian Winter Band 14: Dir wird die Sonne wieder scheinen