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Kleines Herz funkt SOS

2019 75 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Kleines Herz funkt SOS

Copyright

Kleines Herz funkt SOS

Du musst dich entscheiden, Sabrina

Wer bist du, schöne Unbekannte?

Sebastian steht auf Superfrauen

Die Frau im falschen Bett

Kleines Herz funkt SOS

Heiter-romantische Erzählungen von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 75 Taschenbuchseiten.

 

- Carolas geerbte Pension steht vor der Pleite, falls nicht noch ein Wunder geschieht. Arnulf Wuttig scheint dieses Wunder zu sein, doch er verfolgt eigennützige Pläne…

- Erik ist der geborene Verlierer. Da hat der sportliche Marco ganz anderes Format. Das zeigt sich deutlich, als sich beide für die gleiche Frau interessieren. Sabrina findet den unbeholfenen Erik ja sympathisch, aber Marco hat ihr immerhin das Leben gerettet.

- Ein Gesicht in der Menge fasziniert Ludwig so sehr, dass er entschlossen ist, die Unbekannte vom Fernsehschirm zu finden. Er fliegt nach Berlin und erhält bereitwillige Hilfe von Corinna, die ihn mit ihren haarsträubenden Einfällen immer wieder überrascht…

- Ralph kennt Kathrin nur von ihren verheißungsvollen Briefen. Und von ihrem Foto, das allerdings überhaupt nicht der Frau entspricht, die ihm nun gegenüber steht. Was soll er mit so einem Pummelchen?

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2019

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Kleines Herz funkt SOS

"Machen Sie sich deswegen keine Gedanken, Herr Grasheim", meinte die 23jährige Carola Wiesner freundlich und schenkte ihrem zerknirscht wirkenden Gegenüber einen verständnisvollen Blick. "Dann zahlen Sie eben nächste Woche."

Franz Grasheim bedankte sich für den Aufschub und versicherte nochmals, wie unangenehm ihm das wäre. "Bestimmt klappt es heute mit dem Engagement", gab er sich optimistisch. Dabei strahlte er die brünette Frau an, dass dieser die Hitze bis zu den Haarwurzeln strömte.

Später, als sie über ihren Büchern saß, vermochte sie sich nicht auf die Zahlen zu konzentrieren. Immer noch spukte in ihrem Kopf der 28-jährige Musiker herum, der so nett und leider so zurückhaltend war. Kein Wunder, dass immer die anderen die besten Angebote erhielten. Er müsste viel energischer auftrumpfen.

Carola seufzte. Was zerbrach sie sich über andere Leute den Kopf? Plagten sie nicht genug eigene Sorgen? Es war ihr schleierhaft, wie es ihren Eltern gelungen war, die Frühstückspension über Wasser zu halten. Vielleicht wäre es vernünftiger gewesen, sie zu verkaufen, doch das brachte sie nicht übers Herz. Besonders ihre Mutter hatte an dem Haus gehangen und ihre Gäste mit viel Liebe und Umsicht versorgt.

Nun war sie tot. Das schreckliche Autounglück! Carola schauderte, wenn sie an den Anblick der beiden Leichen dachte, die sie als einzige Hinterbliebene hatte identifizieren müssen. Alles, was von ihren geliebten Eltern geblieben war, war diese Pension in der Nähe von Berchtesgaden.

Hinter sich hörte sie Schritte auf dem Kies. Sie fuhr herum und erkannte Arnulf Wuttig, der sie ernst musterte.

"Sie brauchen gar nichts zu sagen", schnitt er ihr das Wort ab. "Ich sehe Ihnen doch an, wie die Sorgen Sie erdrücken." Er zog einen der Gartenstühle heran und setzte sich zu ihr.

Arnulf Wuttig wohnte nicht bei ihr, aber er kam häufig auf einen Schwatz vorbei. Dabei machte er aus seinem Herzen keine Mördergrube.

"Unbegreiflich, dass ich mich ausgerechnet in eine völlig geschäftsuntüchtige Frau verlieben muss, Carola!". Er griff nach den Büchern, wobei seine Hand nicht zufällig die ihre berührte und dort verharrte.

"Meine Gäste fühlen sich bei mir wohl", verteidigte sich Carola, ohne auf seine Liebeserklärung einzugehen, die ihr nicht neu war. Sie nahm sie nicht ernst, hätte Arnulf Wuttig mit seinen 41 Jahren doch durchaus ihr Vater sein können.

Der Mann lachte auf. "Kein Wunder! Nirgends finden diese Leute eine Wirtin, die sie so schamlos ausnützen können. Nehmen wir zum Beispiel diesen verkrachten Tastenklimperer. Ich wette, dass er seine Miete wieder nicht bezahlt hat."

"Er wird zahlen", behauptete Carola angriffslustig. "Ich habe ihn heute noch nicht gesehen."

"Selbst wenn Sie schwindeln, sind Sie bezaubernd", fand Arnulf Wuttig augenzwinkernd. Er widmete sich dem Ausgabenbuch und tippte auf einen Posten. "Haben Sie sich da nicht verschrieben?"

Carola verneinte. "Die Reparatur der Heizung war so teuer."

"Wahrscheinlich hätten Sie auch das Doppelte bezahlt. Man hat Sie kräftig übers Ohr gehauen."

Carola schwieg betreten, wusste sie doch selbst, dass sie in geschäftlichen Dingen noch eine Menge lernen musste. Es war nie von ihr verlangt worden. Erst als sie das Sprachenstudium abbrach, weil sie es nicht mehr finanzieren konnte, fing sie an, allmählich erste Erfahrungen zu sammeln. Traurige Erfahrungen. Deshalb steuerte sie auch rasant auf die Pleite zu. Wenn ihre Eltern das wüssten!

"Warum verkaufen Sie nicht?", drängte ihr Gegenüber. "Mein Angebot steht nach wie vor, obwohl ich dafür Prügel verdiente."

Prügel? Zwei andere Interessenten hatten ihr mehr geboten. Doch längst nicht genug, um sich vom Vermächtnis ihrer Eltern zu trennen. Irgendwie musste sie es schaffen. Aber wie?

So ähnlich dachte auch Arnulf Wuttig. Irgendwie musste er die Pension an sich bringen. Wenn man sie richtig führte, ließ sich daraus eine wahre Goldgrube machen. Leider ließ sich die dumme Gans nicht zum Verkauf überreden. Wahrscheinlich blieb nur der letzte Ausweg. Er musste sie heiraten.

Er lächelte sie an und erhob sich. "Wenn Sie erlauben, kümmere ich mich um die Rechnung für die Reparatur. Vielleicht lässt sich noch etwas retten."

Am nächsten Tag berichtete er ihr stolz vom Ergebnis seines Gespräches mit dem Installationsbetrieb. "Zwei Hunderter sind doch nicht zu verachten, oder?"

Carola bedankte sich für seine Hilfe.

"Das können Sie regelmäßig haben", erbot sich Arnulf Wuttig. "Heiraten Sie mich, und ich nehme Ihnen sämtliche Probleme ab."

Carola starrte ihn an. Meinte er das ernst? Noch nie hatte er sie gebeten, seine Frau zu werden. War es möglich, dass sich der Mann, dem zwei florierende Gaststätten am Königsee gehörten, ausgerechnet die Besitzerin einer Pleitepension als ideale Lebensgefährtin vorstellte?

"Sie sind sehr hartnäckig", stellte sie fest. "Aber ich komme schon zurecht."

"Mit Gottvertrauen und Gutmütigkeit allein wird es kaum klappen", erwiderte der Mann verschnupft. Die Abfuhr kränkte ihn. Immerhin stellte er eine durchaus passable Partie dar, um die sich andere Frauen in dieser Gegend reißen würden. Aber andere Frauen besaßen eben keine Pension, aus der man mit entsprechendem Geschick ein erstklassiges Sporthotel machen konnte.

Carola spürte, dass sie ihn verletzt hatte, und bedauerte dies. Sie verdankte Arnulf Wuttig eine Menge. Nicht nur den Preisnachlass für die Heizungsreparatur. Es war ihm schon mehrfach gelungen, ein paar Vorteile für sie zu erwirken. Doch sollte sie ihm deshalb um den Hals fallen? Ihr Herz gehörte ihm nicht. Das hatte sie an einen anderen verloren. An einen, der mit dem Leben offenbar auch nicht besser zurecht kam als sie selbst. Passten sie nicht schon aus diesem Grund prima zusammen?

Als sie Franz Grasheim auf sich zukommen sah, wusste sie, dass es mit seinem Engagement wieder nicht geklappt hatte.

"Ich hätte ein Handwerk lernen sollen", sah er zerknirscht ein. "Dann könnte ich mich wenigstens hier im Hause nützlich machen und meine Schulden bei Ihnen abarbeiten. Aber bei meinem Geschick schlage ich mir mit dem Hammer auf die Finger und kann ein paar Wochen nicht mehr Klavierspielen."

"Es kommen auch für Sie wieder bessere Zeiten", sprach Carola ihm Mut zu. "Sie spielen wunderbar. Das müssen doch irgendwann auch die anderen merken."

Die Post brachte eine dicke Rechnung vom Finanzamt. Zahlbar innerhalb vier Wochen. Carola rechnete hin und her und sprach schließlich mit dem Direktor ihrer Bank wegen eines weiteren Kredits. Doch der Mann kam ihr nicht entgegen, war er doch selbst an ihrer Pension interessiert.

Arnulf Wuttig las bei seinem nächsten Besuch in ihrer ratlosen Miene wie in einem offenen Buch. "Es ist also soweit", befürchtete er. "Die Gläubiger lassen nicht mehr locker. Jetzt bleiben Ihnen nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder Sie verkaufen."

"Oder?" Carola hoffte auf eine rettende Idee. Arnulf Wuttig hatte ihr in geschäftlichen Dingen einiges voraus.

"Oder Sie tun, was auch Ihre Eltern in einem solchen Fall getan hätten. Sie bedienen sich der Dienste eines tüchtigen Managers, der die Karre wieder aus dem Dreck zieht."

"Einen solchen Mann kann ich nicht bezahlen", wehrte Carola ab.

"Ich verlange kein Geld, Carola", erklärte Arnulf Wuttig mit Nachdruck.

"Sie?", staunte Carola. "Sie können doch nicht umsonst für mich arbeiten."

"Muss ich meine Gefühle für Sie wiederholen? Außerdem war ich mit Ihrem Vater befreundet. Das bin ich ihm einfach schuldig. Wir setzen einen kleinen Vertrag auf, in dem Sie mich mit allen erforderlichen Vollmachten ausstatten. Glauben Sie mir, es kann nur besser werden."

Wenn Carola auch nichts von einer Freundschaft zwischen Arnulf Wuttig und ihrem Vater wusste, so konnte sie den Vorschlag doch nicht ablehnen. Er erschien ihr fair.

Am nächsten Tag dachte sie schon anders darüber.

"Sie haben ihn rausgeworfen?", fragte sie erregt. Ihr hübsches Gesicht glühte vor Zorn.

Arnulf Wuttig lächelte besänftigend. "Was wollen Sie, Carola? Führen Sie eine Pension oder ein Obdachlosenasyl? Sie leben von Ihren Gästen. Bis jetzt war es aber zum Teil umgekehrt. Dieser Grasheim ist ein Schmarotzer, der nur nicht arbeiten will."

"Musiker haben es heutzutage nicht leicht", verteidigte sie den Beschuldigten. In ihre braunen Augen stahl sich ein verträumter Schimmer. "Die Verantwortlichen lassen sich nicht vom Können, sondern von der Leistung der Verstärkeranlage leiten. Franz, ich meine Herr Grasheim ist ein Gegner elektronischen Schnickschnacks."

"Und auch ein Gegner vom Bezahlen überfälliger Rechnungen", ergänzte Arnulf Wuttig spöttisch. "Wenn Sie wieder auf die Füße kommen wollen, müssen zuerst die Zahlungsunwilligen verschwinden. Mit Grasheim und den beiden anderen haben wir einen Anfang getan."

"Leerstehende Zimmer bringen auch kein Geld ein", widersprach Carola ungehalten. Sicher glaubte Franz Grasheim nun, sie habe den Hinauswurf veranlasst.

"Das lassen Sie nur meine Sorge sein", tönte Arnulf Wuttig, und tatsächlich zogen noch am Nachmittag neue Gäste ein.

Es ging aufwärts, doch Carola fühlte sich bei dieser Entwicklung nicht glücklich. Nachts lag sie wach in ihrem Bett und grübelte, wie sie es schaffen konnte, die Zügel wieder selbst in die Hand zu nehmen. Es widerstrebte ihr, sich bei allen Entscheidungen ausschließlich von wirtschaftlichen Erwägungen beeinflussen zu lassen. Im Falle Franz Grasheim ging ihr das ganz besonders gegen den Strich. Leider war es ihr nicht mehr gelungen, den Musiker im Dorf aufzuspüren. Zu gerne hätte sie ihm wenigstens ihre Situation erklärt.

Im Schlaf hätte sie das Schleichen vor dem Haus bestimmt nicht wahrgenommen. So aber schoss sie bereits beim ersten Laut in die Höhe und lauschte in die Dunkelheit hinein. Kein Zweifel, jemand trieb sich draußen herum. Was führte er im Schilde?

Während sie aus dem Bett schlüpfte und eilig den Morgenmantel überwarf, dachte sie daran, wie beruhigend es wäre, einen Mann im Hause zu wissen, der sich Diebesgesindel mutig entgegenstellte.

Auf eine handgreifliche Auseinandersetzung würde sie es nicht ankommen lassen. Darum sollte sich die Polizei kümmern. Allerdings würde es eine halbe Stunde dauern, bis der Einsatzwagen hier oben war.

Bevor sie hinunter in die Diele schlich, wo der Telefonapparat stand, spähte sie aus dem Fenster. Sie traute ihren Augen nicht. Der Mann, der unter der alten Linde stand, war kein anderer als Franz Grasheim. Was wollte er denn hier? Noch dazu um diese Zeit.

Entschlossen eilte sie die Treppe hinunter und verließ das Haus. Der Mann trat aus dem Schatten hervor und entschuldigte sich. "Hoffentlich habe ich Sie nicht erschreckt."

Sie sagte ihm, dass ihr Herz in der Tat kräftig randaliere, den hauptsächlichen Grund verschwieg sie ihm jedoch.

"Herr Wuttig will dafür sorgen, dass ich die Pension nicht verliere", erklärte sie bedrückt.

"Behauptet er das?", fragte Franz Grasheim bitter. "Der ist doch selbst auf die Pension scharf. Seien Sie bloß auf der Hut, Frau Wiesner! Dem Burschen traue ich nicht über den Weg. Der geht über Leichen, wenn er einen Vorteil für sich sieht."

"Mir hat er schon mehrfach geholfen", widersprach Carola. "Natürlich tut es mir leid, dass er Ihnen gekündigt hat, aber..."

"Gekündigt? Das war ein glatter Rauswurf. Sie sollen aber wissen, dass ich selbstverständlich meine Schulden bezahle. Das wollte ich Ihnen nur sagen. Ab morgen arbeite ich als Aushilfsbedienung. Ich kann dort auch schlafen."

"Aber Ihre Musik?", meinte Carola erschrocken. "Können Sie dort denn auch spielen?"

"Barmusik bei Pommes frites und Weißbier? Da würden dem Wirt alle Gäste davonlaufen. Ich sehe langsam ein, dass ich nur ein drittklassiger Musiker bin. Vielleicht eigne ich mich zum erstklassigen Gläserspüler."

Am liebsten hätte Carola ihm einen tröstenden Kuss gegeben und ihm versichert, dass sie von seinem Talent überzeugt sei. Doch sie fand nur ein paar aufmunternde Worte, die ihre Gefühle für Franz Grasheim nicht preisgaben.

Auch er musste sich zusammennehmen, um dieses zauberhafte Geschöpf nicht einfach in die Arme zu reißen und stürmisch zu küssen. Würde sie nicht glauben, er hoffe nur auf einen Schuldenerlass? Nein, vorläufig durfte er nicht über seine Empfindungen sprechen.

"Ich schaffe es schon", sagte er grimmig. "Und Ihnen wünsche ich, dass Sie es ebenfalls schaffen. Lassen Sie sich nur nicht von Wuttig das Heft aus der Hand nehmen. Der führt nichts Gutes im Schilde."

Nachdem er sich überstürzt verabschiedet hatte, ließ er eine nachdenkliche Carola zurück. Warum sprach er so abfällig über den Mann, dem sie so viel zu verdanken hatte?

Arnulf Wuttig verstand es, mit den Handwerkern umzugehen, deren Arbeit in der Pension immer wieder erforderlich wurde. Er drückte nicht nur die Preise, sondern trieb sie auch zu größerer Eile an. Sie schimpften zwar, aber sie beugten sich seinem Willen.

Carola fand, dass er die Männer manchmal unwürdig behandelte. Er gönnte ihnen kaum eine Pause.

"Zeit ist Geld", rechtfertigte er sich. "Und zwar Ihr Geld, Carola. Die faulen Burschen sollen arbeiten und sich nicht von Ihnen mit Leberkäse vollstopfen lassen. Sie haben doch nichts zu verschenken."

"Bei meinen Eltern erhielten die Handwerker auch immer eine Brotzeit", trumpfte Carola auf. "Zufriedene Arbeiter leisten auch Ordentliches, pflegte mein Vater immer zu sagen."

"Früher war alles leichter. Heute ist der Konkurrenzkampf viel verbissener. Nur die Energischen schaffen es. Übrigens muss Kalahur sein Zimmer räumen. Wir können schließlich nicht auf die Veröffentlichung seines Buches warten, bis er endlich die Miete zahlt."

"Dr. Kalahur wohnt seit zwanzig Jahren bei uns. Er ist noch nie etwas schuldig geblieben."

"Mag sein, aber er hat auch noch nie Zinsen gezahlt. Da lobe ich mir die neuen Gäste, die die Miete im voraus entrichtet haben."

"Im voraus?" Carolas Augen leuchteten auf. "Dann reicht ja das Geld für die Steuer."

"Und wem hast du das zu verdanken?" Er duzte sie zum ersten mal, und Carola räumte ihm ein Recht dazu ein. Wenn sie auch längst nicht mit all seinen Methoden einverstanden war, ohne ihn sähe es viel schlimmer aus.

Wieder schlug er ihr vor, ihn endlich zu heiraten. Er malte ihre gemeinsame Zukunft in den leuchtendsten Farben, und alles hörte sich logisch an.

Carola hätte seinem Werben wohl auch endlich nachgegeben, wäre nicht Franz Grasheim beinahe täglich zu ihr gekommen, um ihr zu bringen, was er an Trinkgeldern eingenommen hatte und entbehren konnte.

Manchmal waren es nur fünf Euro, und sie glaubte zu fühlen, dass der Grund seines Besuches ein ganz anderer war. Leider sprach er nie darüber. Nur seine Blicke verrieten, was er empfand.

Arnulf Wuttig beobachtete diese Besuche mit wachsendem Unbehagen. Ihm war es ganz und gar nicht recht, dass der Musiker seine Schulden abtrug und sich früher oder später womöglich wieder in Carolas Pension einnistete. Er war doch nicht blind. Zwischen den beiden schien es gefunkt zu haben. Wenn er nicht höllisch aufpasste, verdarb ihm der Bursche sein ganzes Konzept.

Sooft Carola ins Dorf hinunterkam, trank sie eine Tasse Kaffee in dem Lokal, in dem Franz bediente. Sie wählte eine Zeit, in der er nur von wenigen Gästen beansprucht wurde. Dadurch hatten sie die Möglichkeit, sich zu unterhalten.

Beiläufig erkundigte er sich nach Arnulf Wuttig, und wenn sie von dessen jüngsten Erfolgen berichtete, verdunkelte sich seine Miene. "Ich traue dem Kerl nicht", murmelte er. "Er ist kein Menschenfreund."

Carola wechselte das Thema. Sie sagte sich, dass ihren Gästen auch nicht gedient wäre, wenn sie die Pension verkaufen müsste. Ein neuer Besitzer würde als erstes die Übernachtungspreise erhöhen. Dies konnte sie bis jetzt verhindern.

"Als Frau haben Sie es natürlich sehr schwer", räumte Franz Grasheim ein. "Ich habe mir auch schon überlegt, wie ich Ihnen helfen könnte."

"Sie?" Carola hielt den Atem an.

"Niemand weiß besser als ich, was die Gäste gerade an Ihrer Pension so sehr schätzen. Sie unterscheidet sich wohltuend von den Touristenburgen mit ihren Swimmingpools, den Skiliften vor dem Haus und dem übrigen Komfort. Bei Ihnen wohnt man beinahe wie zu Hause. Jedenfalls war das bis vor kurzem so. Sie sollten einen Mittagstisch anbieten. Preiswerte Hausmannskost. Und abends müsste es Musik geben. Musik, die auf ihre Gäste abgestimmt ist. Vielleicht sollten Sie auch ein paar Tiere halten. Katzen, Hunde und Kaninchen. Damit gewinnen sie die Kinder und würden bestimmt schon bald ganze Familien bei sich aufnehmen."

Carola staunte. Ganz ähnliche Pläne hatte sie schon selbst erwogen. Doch Arnulf wollte davon nichts wissen. Wenn Mittagessen, dann exquisite Spezialitäten, wenn Musik, dann eine Discothek, wenn Tiere, dann allenfalls Reitpferde. Damit ließ sich etwas verdienen.

Nach dem Gespräch mit Franz war sie entschlossen, ihre gemeinsamen Vorstellungen Arnulf gegenüber energisch zu vertreten. Das tat sie noch am gleichen Tag.

"Romantische Hirngespinste!", winkte der Mann mit mildem Lächeln ab. "Romantik ist ein Privileg der Frauen. Gerade deshalb liebe ich dich ja so sehr."

Am nächsten Vormittag brachte er ihr die größte Neuigkeit aus dem Dorf. "Den Grasheim haben sie gestern eingesperrt. Hat mich meine Menschenkenntnis also doch nicht getäuscht. Die Arbeitsscheuen sind meistens auch gewalttätig."

"Gewalttätig?", wiederholte Carola ungläubig. "Franz?"

Ein ärgerlicher Blick traf sie. "Jawohl, der, ach, so sympathische Franz Grasheim. Er hat eine wüste Schlägerei vom Zaun gebrochen, einen Mann übel zugerichtet und sogar mit dem Messer bedroht."

"Das glaube ich nicht", entfuhr es Carola.

"Deine Mutter ließ sich durch ein paar seelenvolle Augen nicht einwickeln", mahnte Arnulf. "Sie hätte diesen gemeingefährlichen Typ sofort durchschaut. Musiker? Dass ich nicht lache! Er muss ganz schön hingelangt haben. Kuno Schreiber erwägt eine Klage auf Schmerzensgeld. Der Staatsanwalt wird sich für den Halunken interessieren. Ich habe einmal zusammengerechnet, wie viel er dir noch schuldet. Du solltest die Summe einklagen, sonst siehst du davon keinen Cent mehr."

Carola schwieg und war überzeugt, dass sich alles nur um ein Missverständnis handeln konnte. Franz war doch kein Raufbold.

Sie rief Kuno Schreiber an, der jedoch Arnulfs Behauptungen bestätigte. "Ich wusste gar nicht, wie mir geschah", beteuerte er. "Ich war gestern Abend in der 'Krone' und aß ein Schnitzel. Möglich, dass Grasheim beim Anblick meiner Brieftasche ausgerastet ist, als ich bezahlte. Er soll finanziell ja ziemlich am Boden sein. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso er mir auf dem Heimweg auflauerte. Zum Glück kamen Passanten vorbei und verhinderten das Schlimmste."

Der Mann wollte zwar auf eine Klage verzichten, doch das war nur ein jämmerlicher Trost.

Hatte sie sich in diesem Menschen so getäuscht? War Franz wirklich ein brutaler Schläger? Wollte er seine Geldschwierigkeiten durch einen Raub beheben?

Diese Vorstellung erschien ihr zu absurd. Andererseits war auch Kuno Schreiber nicht als Schläger verschrien. Trotzdem klammerte sich Carola an den Gedanken, der Einheimische selbst könnte das Handgemenge ausgelöst haben.

Ein Anruf bei der Polizei zerstörte diese Hoffnung. Zwei Augenzeugen wollten beschwören, dass Franz Grasheim als erster zugeschlagen hatte. Diese Zeugen waren mit dem Überfallenen keineswegs befreundet.

Franz Grasheim war inzwischen wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Seinen Job in der 'Krone' hatte er natürlich verloren. Niemand wusste, wo er sich aufhielt. Zweifellos suchte er in der Umgebung neue Arbeit.

Carola hörte nichts mehr von ihm. Sie sagte sich, dass er sich schuldig fühlte. Hätte er sich nicht sonst vor ihr gerechtfertigt, falls ihm etwas an ihrer Meinung lag?

Vergiss ihn!, sah sie ein. Die Menschen sind eben nicht immer so, wie du sie gerne sehen möchtest. Bei manchen tut diese Erkenntnis nur mehr weh als bei anderen.

Arnulf verzichtete darauf, ihr diesen Irrtum vorzuhalten. Er kümmerte sich intensiv um ihre finanziellen Belange und machte sich in diesem Bereich nahezu unentbehrlich.

Nebenbei warb er um ihre Zuneigung, und Carola gelangte zu der Überzeugung, dass sie Franz am ehesten vergaß, wenn sie sich einem anderen Mann widmete. Warum also nicht Arnulf, der immerhin den Gerichtsvollzieher von ihrem Haus fernhielt?

Ein einziges Mal begegnete sie dem Musiker. Als er sie entdeckte, schien er zu zögern, bevor er nach einem flüchtigen Gruß hastig seinen Weg fortsetzte.

Betroffen blieb sie zurück und biss die Zähne zusammen. Dann eben nicht. Offenbar war ihr Arnulf vom Schicksal bestimmt. Sie wollte sich nicht länger dagegen wehren.

Nach einem Besuch am Grab ihrer Eltern gab sie dem 41jährigen noch am gleichen Tag ihr Jawort. Sie wollte die ererbte Pension um jeden Preis erhalten. Arnulfs Fähigkeiten boten dafür die beste Garantie.

Details

Seiten
75
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930863
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
kleines herz

Autor

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Titel: Kleines Herz funkt SOS