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Natalias heiße Show: Die Agentin 29

2019 120 Seiten

Leseprobe

Natalias heiße Show: Die Agentin 29

Die Agentin – Heiße Fälle im Kalten Krieg

Band 29

von Horst Friedrichs


Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.


UNO-Delegierte, Geschäftsleute und Politiker sind gleichermaßen begeistert, wenn der Name Natalia Ustinov fällt. Die Stunden mit ihr werden zum berauschenden Erlebnis - oder so manchem zum Verhängnis. Dieses Mal ist es Chadwick Lynn, den sich Natalia vornimmt – und das natürlich aus einem bestimmten Grund ...



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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Natalia Ustinov schlug die langen Beine übereinander, so dass der Rock aus weißem Denim-Patchwork um Handbreite höher rutschte. Ihre Bewegung hatte die Trägheit einer erwachenden Raubkatze. Mit spitzen Fingern schob sie eine Schokoladennuss zwischen die perlweißen Zähne und sah ihn hereinkommen. Er grinste schief. Ungefähr so, wie ein Vierzehnjähriger grinst, der seiner Mutter klarmachen möchte, dass er die junge Elster, die aus dem Nest gefallen ist, unbedingt in seinem Zimmer einquartieren muss.

Als Natalia die Schokoladennuss zwischen ihren Zähnen zerbrechen ließ, sah sie, dass er an der linken Hand etwas hinter sich herzog. Eine andere Hand, einen schlanken Arm und einen Mädchenkörper, der sich sträubte. Der Körper trug einen Hauch von einem Bikini - hautfarben, oben durchsichtig. Darüber ein verkrampftes Gesicht, rostrotes Kurzhaar, große Rehaugen, die verschüchtert den Teppichboden anstarrten.

»Komm schon, Baby!«, drängte er mit vibrierender Stimme und zerrte an dem schlanken Arm.

Sie stolperte über den dicken Messingfuß einer Stehlampe, stieß einen erschrockenen Laut aus und hätte das Gleichgewicht verloren, wenn da nicht seine schützenden Hände gewesen wären.

Natalia zerkaute lächelnd die Schokoladennuss.

»Hast du sie entführt?«

Er schüttelte den Kopf, grinste breiter und schob das schüchterne Reh vor sich her auf Natalia zu.

»Sie tut nur so zimperlich, Darling. Aber im Grunde ist sie genauso scharf drauf wie ich.«

»Worauf?«

Er senkte seine Stimme um eine halbe Oktave, grinste nicht mehr und sprach wie der Nachrichtensprecher von WCBS, der die Bevölkerung von New York City eindringlich auffordert, weniger Küchenabfälle aus den Fenstern zu werfen, um dadurch die Straßenreinigungskosten der finanzkrisengeschüttelten Stadt senken zu helfen.

»Auf die Schau, die ihr beide jetzt für mich abziehen werdet. Ich bin das Publikum, ihr steht auf der Bühne. So ungefähr. Wir lassen die Jalousien herunter, nehmen ein paar Spotlights und sanfte Background-Musik. Baden Powell mit seiner Zaubergitarre, würde ich vorschlagen. Der Junge bringt einen mächtigen Fahrt.«

»Nein, ich — ich ...«, stammelte das Girl und spähte verzweifelt nach dem Loch im Fußboden, das sich auftun sollte, um sie zu verschlucken.

»Deine Idee?«, fragte Natalia Ustinov, streckte sich auf dem Büffelledersessel und genehmigte sich die zweite Schokoladennuss, ohne um ihre schlanke Taille besorgt zu sein.

»Nicht direkt.« Mit der freien Hand machte er eine lässige Bewegung, die seine Bescheidenheit ausdrücken sollte. »Die Idee ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Heute gibt es Wissenschaftler, die so was analysieren. Und ich muss sagen, die Jungens haben hundertprozentig recht. Nichts kann einen Mann mehr auf Touren bringen, als wenn er zwei Evastöchtern zusieht, wie sie ...«

»Bist du davon überzeugt?« Natalia nippte scheinbar gelangweilt an ihrem weißen Bacardi, ließ die Eiswürfel klimpern und bediente sich aus der silbernen Zigarettendose. Sie blies den Rauch in die Richtung des Mädchens, das in seiner Verlegenheit fast mitleiderregend aussah.

Er lachte.

»Würde ich sonst meine Überredungskünste anwenden? Übrigens, die Süße heißt Donna.« Er schob sie weiter über den flauschigen Teppichboden, und dabei spähte er über ihre Schulter hinweg auf Natalias nur unwesentlich verhüllte Oberschenkel. »Donna Baby, das ist Natalia, deine neue Freundin.«

Der Mann fingerte hastig hinter Donnas Rücken. Sie ließ einen spitzen Empörungsschrei hören, griff aber vergeblich nach dem davonsegelnden Bikinioberteil. Es landete unerreichbar hinter der Büffelledercouch. Donna versuchte, ihre forsch herausragenden Brüste zu bedecken. Ein Bemühen, dessen Sinnlosigkeit sie nicht erkannte. Sinnlos, weil ihre schmalen Hände beim besten Willen nicht ausreichten, die umfangreiche Pracht zu verhüllen.

Er riss ihr die Arme auf den Rücken, packte ihre Handgelenke und hielt sie wie eine Gefangene. Donna wand sich vergeblich in seinem stahlharten Griff. Keuchend gab sie es auf.

»Nun, Darling?« Er blickte an dem rostroten Kurzhaar vorbei zu Natalia. »Gefällt sie dir? Hat sie nicht einen hinreißenden Körper? Sicherlich möchtest du noch mehr sehen, aber ich will dir nicht vorgreifen.« Er kicherte. »Komm her, ich schenke sie dir! Du kannst mit ihr machen, was du willst, Natalia. Das heißt, du sollst es sogar. Und egal, was ihr anstellt, ihr bekommt jede Menge Beifall von mir.«

Natalia tat, als müsse sie angestrengt überlegen. Ihre dunklen unergründlichen Augen richteten sich abwechselnd auf Donna und auf Chadwick Lynn, der erwartungsvoll das Kinn vorreckte. Dann, wie aus einem plötzlichen Entschluss heraus, stand die Ustinov auf und zog das dunkelblaue Poloshirt glatt, dessen unterer Saum zwei Fingerbreiten über dem Rockbund endete. Der Streifen Haut dazwischen schimmerte wie sonnenbrauner Samt. Sie drückte die Zigarette in den Kristallaschenbecher und ging mit langsamen, federnden Schritten auf das Mädchen und den Mann zu. Sie zitterten beide. Donna aus Scham und Verlegenheit, bei Chadwick war es die wachsende Vorfreude. Seine hellbraunen Augen begannen zu glitzern.

Natalia blieb zwei Schritte vor den beiden stehen und blickte an dem fast nackten Mädchen vorbei.

»Ich verstehe, Chadwick«, sagte sie gedehnt, »du möchtest, dass ich zusammen mit Donna eine heiße Show abziehe.«

»Genau das«, keuchte er, »und verdammt, es soll euch beiden nicht leidtun.«

»Donna scheint Hemmungen zu haben«, sagte die Ustinov lächelnd. Sie strich eine Strähne ihres seidig blonden Haars, mit dem Chadwick sie kennengelernt hatte, aus der Stirn.

»Ja, das stimmt, ich ... ich ...«, stotterte Donna.

»Unsinn!«, schrie Lynn unbeherrscht. »Du warst einverstanden, Baby. Und wenn du dich jetzt aufführst wie eine dumme Gans, dann werde ich dir zeigen ...«

»Schick sie nach Hause!«, unterbrach ihn Natalia.

Chadwicks spitzes Kinn sackte herunter.

»Was?«

»Schick sie nach Hause!«

»Bist du verrückt?«

»Vielleicht. Wer kann das schon von sich genau sagen?«

»Aber, zum Teufel, ich denke nicht daran!«

»Chadwick, Darling«, schnurrte Natalia. Sie strich an Donnas prallen Brüsten vorbei und legte die Finger ihrer Linken sanft auf seine Schulter. »Warum willst du denn solchen Unsinn machen? Hast du es dir wirklich richtig überlegt?«

»Ja«, antwortete er irritiert, »und ihr werdet parieren, verdammt noch mal! In diesem Haus bestimme immer noch ich.«

»Aber natürlich, Darling.« Natalia schmiegte sich an seinen Rücken, und ließ ihn ein wenig von ihrem straffen Körper spüren. »Habe ich das etwa bezweifelt? Du bestimmst, was in deinem Haus geschieht. Das ist richtig.« Sie strich mit den Fingerkuppen ihrer Rechten kaum merklich über seine Wange. Lynn erschauerte. »Ich möchte mit dir allein sein«, flüsterte Natalia in sein Ohr, »und ich wünsche mir, dass du Donna wegschickst. Sie stört uns nur, das musst du doch einsehen. Aber du wirst natürlich entscheiden, was geschieht.«

Er drehte den Kopf, um Natalias Blick zu erhaschen. Kleine Schweißperlen glitzerten auf der Stirn unter seinem schwarzen, glatt zurückgekämmten Haar. Seine Mundwinkel zuckten.

»Du du ...« Er suchte nach Worten. Vergeblich. Natalias Nähe schien eine rätselhafte Wirkung auf die Steuerung des Sprachzentrums in seinem Gehirn zu haben.

»Lass sie gehen«, wiederholte sie leise, »Donna ist viel zu schüchtern. Sie wäre sowieso nicht richtig bei der Sache.«

Chadwick Lynn krächzte einen unverständlichen Fluch. Wütend stieß er Donnas Handgelenke von sich. Donna rannte wie gehetzt los, fischte das Bikinioberteil hinter der Couch hervor und floh wie von Furien gejagt aus der Höhle des gierigen Löwen Chadwick Lynn.

Er drehte sich zu Natalia um. Dabei wirkte er wie der Vierzehnjährige, der mit seinem Anliegen kein Gehör gefunden hat und die aus dem Nest gefallene Elster unter strengem Mutterblick wieder zurück in den Wald bringen muss.

»Du hast mir einen Spaß verdorben«, maulte er.

»Bist du sicher?« Natalia nahm seine Hände und zog ihn zu sich heran. »Bist du wirklich sicher, Chadwick?«

»Nein, nein, so darfst du das nicht sehen. Ich meine, wenn Donna - wenn du ...« Ihm fehlten mal wieder die Worte, als Natalia seine Hände um jenen Streifen nackter Haut legte, der zwischen ihrem Rock und dem Poloshirt schimmerte. Lynns Atem wurde heftiger. Seine Finger gingen unter dem weichen Polostoff auf Forschungsreise. Natalia schmiegte sich herausfordernd an ihn, ließ es geschehen, dass seine Finger bis zu ihren Brüsten vordrangen.

Ein unterdrückter Laut drang tief aus seiner Kehle. Die Ustinov schob den Mann sanft zurück.

»Wie wäre es jetzt mit Baden Powell?«, fragte sie verlockend. »Die Zaubergitarre, die uns in Fahrt bringt?«

»Ja, ja, natürlich.«

Er hastete zur Regalwand und setzte die Stereoanlage per Knopfdruck in Betrieb. Bei den ersten sanften Akkorden von »Manha da Carnaval« betätigte Chadwick den zweiten Knopf, der die Außenjalousien rasselnd heruntergleiten ließ und den Blick auf den Villenpark und die im Sonnenlicht glitzernde Wasserfläche des Long Island Sound versperrte.

Natalia empfing ihn mit einer sanften Umarmung, kickte ihre flachen italienischen Sandalen weg und bewegte sich mit ihm im Rhythmus der Gitarrenklänge.

Und Chadwick Lynn vermochte schon nach zwei Minuten nicht mehr zu sagen, wer ihn mehr in Fahrt brachte - Baden Powell, der Gitarrenzauberer, Natalia, die attraktive Frau mit der unwahrscheinlich erotischen Ausstrahlung.

Natalia sträubte sich nicht gegen seine tastenden Finger. Sie forderte ihn mit jeder Bewegung ihres elastischen Körpers mehr heraus. Und sie ließ es geschehen, dass er sie ins Nebenzimmer drängte, wo sich seine Spielwiese mit dem Fell jenes drei Yard großen Braunbären befand, den er angeblich in Alaska geschossen hatte. Auf dem Weg zum Bärenfell ging Natalias Polobluse verloren, und dann musste sie um die Haltbarkeit der Nähte ihres Patchwork-Rocks fürchten.

Die Ustinov bangte um seinen Kreislauf, als er sich mit ihr auf das weiche Fell warf. Chadwicks Herzschlag ging hämmernd, und sein Gesicht rötete sich zunehmend. Natalia hielt ihn nicht länger hin. Sie brauchte ihn noch. Mit einem vorzeitigen Kollaps nützte er ihr nichts mehr.

Er wurde ruhiger, sank zurück und lächelte wie ein glückliches Kind, als er ermattet auf dem Rücken lag. Natalia holte ihm fürsorglich einen kühlen Drink.

»Du hattest recht«, hauchte er, als sie zurückkehrte, »es war besser, dass wir Donna weggeschickt haben.«

»Du hast sie weggeschickt«, korrigierte Natalia ihn, »schließlich bestimmst du, was hier im Haus geschieht.«

Er lachte leise und glucksend. Natalia sah ihn mit ihren unergründlichen Kohleaugen an.

Chadwick Lynn war kein hässlicher Mann. Trotz seiner 42 Jahre sah er aus wie 35. Er konnte es sich leisten, regelmäßig Sport zu treiben und seinen Körper fit zu halten. Nur dieser Tatsache verdankte er es vermutlich, dass sein Kreislauf noch halbwegs intakt war. Er gehörte zu jenen Männern, die jahrelang nichts anderes als ihre berufliche Karriere im Kopf haben. Dann, irgendwann auf dem Höhepunkt der Karriere, hatte es Warnzeichen gegeben. Gesundheitliche Warnzeichen.

Chadwick Lynn hatte es rechtzeitig begriffen. Und im Gegensatz zu vielen anderen Männern, denen die Möglichkeiten fehlen, hatte er seine Arbeit rechtzeitig auf andere abgewälzt. Er residierte in seiner Villa in New Rochelle wie in einer Kommandozentrale, von der aus er die verschiedenen Niederlassungen seiner Firma dirigierte. Leitende Angestellte aus New York City, Boston, Philadelphia und New Orleans erschienen regelmäßig zum Befehlsempfang. Im Arbeitszimmer der Villa ratterte ein Fernschreiber fast pausenlos, und eine dunkelhäutige Sekretärin bediente die Tastatur ihrer Kugelkopfmaschine mit der Geschicklichkeit eines Pianovirtuosen.

Doch nicht nur Angestellte des Lynn Konzerns erschienen in der Villa am Long Island Sound. Hübsche Mädchen wie Donna gehörten zu den ständigen Gästen des Unternehmers, vor allem in den drei Sommermonaten, in denen Mrs. Lynn ihren Urlaub auf den Bahamas verbrachte.

Natalia Ustinov überlegte, dass ihm eine vernünftige Frisur besser gestanden hätte. Die glattgekämmten Haare waren nichts weiter als ein Modetick. Reminiszenz an die dreißiger Jahre, die Golden Thirties. Neuerdings galt es in der Upper Society von New York City und Umgebung als schick, sich geschniegelt wie die Salonlöwen aus der Vorkriegszeit zu präsentieren.

Chadwick Lynn labte sich an seinem Drink, und kurz darauf erwachte bereits neuer Tatendrang in ihm. Natalia ließ seine drängenden Finger gewähren. Sie durfte nicht zimperlich sein, wenn sie etwas ausrichten wollte. Er hatte den Geheimtipp erhalten, hinter vorgehaltener Hand geflüstert, irgendwo in den nobelsten Kreisen der New Yorker Gesellschaft. Und dann hatte er die Telefonnummer gewählt. Einmal die Zwei und dreimal die Null.

2000.

Natalia hatte auf den Anruf gewartet. Doch davon hatte Chadwick Lynn nichts gewusst. Er wusste es immer noch nicht. Ebensowenig, wie er ahnte, dass ihm der Geheimtipp über verschiedene sorgfältig überprüfte Kanäle zugeleitet worden war. Der Geschäftsfreund, der ihm die Telefonnummer irgendwann nach Mitternacht in irgendeiner Bar zugeflüstert hatte, hatte keine Ahnung gehabt, dass eine lange Reihe von Flüsterpropaganda vorangegangen war. Keinem der Beteiligten war bekannt, dass es in New York einen Mann gab, der diese ungewöhnliche Art der Nachrichtenübermittlung virtuos steuerte.

Für Natalia hatte der Einsatz am vorangegangenen Abend begonnen. Chadwick Lynn hatte sie bei Laternenschein und dezenter Musik an seinem Swimmingpool empfangen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich längst davon überzeugt gehabt, dass die Nummer 2000 tatsächlich in keinem Telefonbuch verzeichnet war. Und als er Natalia zum ersten Mal gesehen hatte, war ihm klargeworden, dass es sich lohnte, für diesen Geheimtipp tief in die Tasche zu greifen. Sie dachte an die drei oder vier Tage, die sie noch in seiner Villa bleiben sollte.

Bislang hatte sie nichts weiter getan, als sich mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen und Chadwick Lynn davon zu überzeugen, dass er seinen Anruf nicht zu bereuen brauchte. Natalia würde ihm die heiße Show servieren, die er erhoffte.

Dass das Ende dieser Show ein wenig seinen Vorstellungen widersprechen sollte, stand auf einem völlig anderen Blatt.



2

Als Dana Dyer aus ihrem orangefarbenen VW-Käfer stieg, scherte ein blauweißer Streifenwagen der New York City Police aus dem Verkehrsfluss der York Avenue aus. Dana hängte sich die Ledertasche um und klappte die Tür ihres deutschen Krabbeltiers zu.

Der Plymouth mit der Lichtorgel auf dem Dach und dem Emblem des Police Department auf der Seitentür stoppte neben dem schlanken Girl im sandfarbenen Hosenanzug. Der Cop auf dem Beifahrersitz lehnte sich durch das offene Fenster und schob die Dienstmütze in den Nacken. Er trug einen sichelförmigen Schnauzbart, hatte gebräunte Gesichtshaut und krauses schwarzes Haar offensichtlich puertoricanischer Abstammung.

»Sie stehen im Halteverbot, Miss.«

Dana drehte sich lächelnd um und warf mit einer geübten Kopfbewegung das lange graublonde Haar aus ihrem Gesicht zurück.

»Was mich betrifft, Mr. President, so werde ich mich mit drei oder vier Schritten aus dem Halteverbot entfernen und als gesetzestreuer Fußgänger den Bürgersteig benutzen. Wenn Sie aber meinen Käfer meinen ...«

Aus dem Inneren des Streifenwagens klang das Lachen des Beamten, der am Lenkrad saß. Der Puertoricaner grinste.

»Im Wettbewerb um die spitzfindigste Lady des Jahres hätten Sie gute Aussichten auf den ersten Preis, Ma’am. Präzise ausgedrückt, Ihr Fahrzeug befindet sich in einer Halteverbotszone, aus der laut einer Verordnung der Stadt New York widerrechtlich geparkte Fahrzeuge nach Ablauf einer bestimmten Zeitspanne auf Kosten des Fahrzeughalters abgeschleppt werden. Genau das könnte Ihnen, beziehungsweise Ihrem Spielzeug da passieren, Ma’am. Deshalb meine vorsorgliche Warnung.«

»Vielen Dank für die Belehrung, Sir.« Danas blaue Augen blitzten. Sie zog einen Reißverschluss ihrer Tasche auf und nahm eine kleine Kunststoffhülle heraus. »Es gibt noch eine andere Verordnung der Stadt New York. Danach können Journalisten eine Ausnahmegenehmigung erhalten, die dafür vorgesehen ist, dass sie auch in Halteverbotszonen ungestraft ihr Fahrzeug abstellen können. Eine solche Ausnahmegenehmigung sehen Sie hier vor sich, Mr. President. Die dazugehörige Plakette ist ordnungsgemäß an der rechten Seite der Windschutzscheibe befestigt.«

Der Cop warf einen Blick auf das Dienstsiegel unter der Kunststoffhülle und seufzte.

»Heute ist mein Pechtag. Kaum eine Stunde nach Schichtbeginn, und ich lege mich ausgerechnet mit der Presse an. Morgen gibt’s garantiert einen bitterbösen Artikel über die Selbstherrlichkeit der New Yorker Polizei.«

Dana steckte lächelnd ihre Ausnahmegenehmigung ein.

»Sehe ich so aus, als ob ich bitterböse Artikel schreibe?«

»Um Himmels willen, das habe ich nicht behauptet.«

»Danke, Officer. Und Sie können mir glauben, dass ich die Ausnahmegenehmigung wirklich nur zur Ausübung meines Berufes benutze.«

Der Cop deutete auf das moderne Apartmentgebäude, vor dem Danas Käfer parkte.

»Ein Prominenten-Interview?«

»Lesen Sie übermorgen die >Daily News<«, empfahl Dana Dyer lächelnd, »Seite fünf, unter der Standardzeile >Menschen in unserer Mitte<.«

Der Beamte tippte an seinen Mützenschirm.

»Danke für den Hinweis. Vielleicht sehen wir uns mal wieder im Halteverbot.«

Der Streifenwagen rollte an und fädelte sich in die Blechlawine ein, die vierspurig und zähflüssig über die York Avenue rollte.

Das Apartmenthaus gehörte zu einem Komplex von insgesamt sechs Gebäuden, von denen jedes einzelne zwanzig Stockwerke hatte. Zwischen den Kästen gab es weitläufige Rasenflächen und betonierte Zufahrten zu den Garagen und Parkplätzen.

Dana Dyer betrat die wohltuend klimatisierte Eingangshalle des Gebäudes A. Wie in vielen moderneren New Yorker Wohnhäusern war auch hier der Empfangsportier mitsamt Glaskasten eingespart worden. Besucher des Hauses orientierten sich im Selbstbedienungsverfahren. Neben den Fahrstuhltüren gab es an den Wänden mannshohe Hinweistafeln, auf denen sämtliche Bewohner der insgesamt 80 Apartments namentlich aufgeführt waren.

Dana brauchte nicht lange zu suchen. Sie betrat einen der sechs Fahrstühle und drückte den Knopf »P«, der sich über dem Knopf für das zwanzigste Stockwerk befand.

Der Lift hievte sie in genau dreißig Sekunden zum Ziel hinauf. Leise surrend glitten die Türhälften auseinander und gaben den Blick frei auf einen etwa zehn Quadratyard großen Korridor. Der Fußboden war mit geflochtenen Sisalplatten ausgelegt, die Wände mit weiß gefärbtem Rupfen bespannt. Dem Fahrstuhl gegenüber befand sich die Eingangstür zum Penthouse, mit schweren Messingbeschlägen auf dunkelgrünem Mattlack.

Dana überquerte die Sisalmatten und betrachtete die lebensgroße Statue, die neben der Tür stand.

Es handelte sich um eine Ebenholz Skulptur, die einen afrikanischen Krieger darstellte. Das einzige Kleidungsstück des Kriegers bestand aus einem Federschmuck, den er auf dem Kopf trug. Die rechte hölzerne Hand umklammerte einen Speer, dessen Spitze zu Boden gerichtet war. Mit einem Blick auf das männlichste Körperteil der Statue stellte Dana mal wieder fest, wie sehr sich doch die Menschen, egal welcher Hautfarbe, gleichen.

Als Dana Dyer auf die Tür zutrat, sah sie einen Lichtreflex über dem Türrahmen. In einer kaum mehr als tennisballgroßen Aussparung der Wandbespannung funkelte die Weitwinkeloptik einer Videokamera.

Es erstaunte die Reporterin nicht. Der Mann, den sie aufzusuchen gedachte, hatte allen Grund, seine Gäste gründlich unter die Lupe zu nehmen, noch bevor sie seine Wohnung betraten.

Dana drückte den Messingknopf, der drinnen ein kaum hörbares Summen auslöste. Ein trockenes Knacken folgte, und eine blecherne Lautsprecherstimme forderte in hartem, kehligem Akzent: »Bitte, nennen Sie Ihren Namen und den Grund Ihres Besuchs!«

Dana trat an die Sprechmuschel, die sich über dem Klingelknopf befand.

»Dana Dyer von den >Daily News<. Ich habe einen Termin bei Mr. Wanyoike. Der Termin wurde von seinem Büro bestätigt.«

»Bitte, warten Sie!« Der Lautsprecher knackte abermals. Zehn Sekunden Stille. Dann meldete sich dieselbe Stimme wieder, diesmal um einen Grad höflicher.

»Der Botschafter erwartet Sie, Madam.«

Die Tür öffnete sich, und Dana erblickte einen Mann, der der Ebenholzstatue ziemlich ähnlich sah. Es gab nur einen wesentlichen Unterschied: Der herkulisch gebaute Schwarze trug hellgraue Hosen und ein blütenweißes Hemd mit kurzen Ärmeln. Über seiner Hüfte lag ein handbreiter Ledergurt mit einem Quick Draw Holster. Oberhalb des Holsters, aus dem der klobige Griff eines Smith & Wesson 357 Magnum ragte, befanden sich Gurtschlaufen mit insgesamt achtzehn Reservepatronen.

Links in dem geräumigen Vorflur stand eine Tür offen. Dahinter befand sich der Kommandostand des Kriegers mit dem Smithand Wesson Revolver. Wie beiläufig registrierte Dana eine Reihe von Monitor-Bildschirmen, ein Mikrofon und die verwirrenden Knöpfe eines stationären Funkgeräts.

»Bitte, die Tür geradeaus, Madam«, sagte der Leibwächter.

Die Journalistin bedankte sich mit einem Nicken und einem freundlichen Lächeln. Sie öffnete die bewusste Tür und wurde von einem zweiten »Krieger« empfangen, der die gleiche Kleidung und Bewaffnung wie sein vom amtierender Kollege trug. Er trat mit einer angedeuteten Verbeugung beiseite und gab den Blick frei auf einen schmalen Korridor, der gut zwanzig Yards lang war. Der zweite Krieger geleitete Dana zu einer Tür, die sich auf der rechten Seite etwa in der Mitte des Korridors befand.

»Der Botschafter bittet um Ihr Einverständnis, Sie auf der Terrasse zu empfangen, Madam.«

»Aber gern«, entgegnete die Reporterin mit ihrem strahlendsten Lächeln.

Dana trat hinaus in die Sonnenglut, die zwanzig Stockwerke hoch über der East Side von Manhattan flirrte. Nur die leichte Brise, die hier oben wehte, machte die Hitze des Spätsommers erträglich. Aus den Straßenschluchten tönte der nie endende Verkehrslärm als fernes Dröhnen herauf. Von irgendwo auf dem nahen East River erscholl in kurzen, abgehackten Intervallen die heisere Typhonstimme eines Hafenschleppers.

Die Terrasse sah nicht im Entferntesten aus wie das Dach eines Apartmenthauses. Das Ganze erinnerte eher an den Garten eines idyllischen Landhauses in Perth Amboy. Kleine Rasenflächen, Buschgruppen, die den unmittelbaren Blick in die Straßenschlucht versperrten. Sorgfältig gepflegte Blumenrabatten. Sogar einen künstlichen kleinen Bach gab es, der über einzementierte Natursteine plätscherte und in ein Rohr mündete, das zum Swimmingpool führte.

Das Bassin war etwa vier mal sechs Yard groß, und blaue Fliesen gaben dem Wasser einen Hauch von Südseezauber. Vor dem Pool befand sich eine heruntergekurbelte Markise, deren obere Halterung am Penthouse-Dach festgeschraubt war. Unter der schattenspendenden Markise gruppierten sich schwere Sitzmöbel aus Rattanrohr, mit weichen Leinenkissen.

Dale Wanyoike erhob sich aus einem der Sessel, als er die Schritte hörte. Freudig lächelnd begrüßte er die Reporterin, indem er ihr die Hand reichte.

»Es ist gut, Komo«, wandte er sich mit einem knappen Seitenblick an den Leibwächter, der sich daraufhin sofort zurückzog.

»Bitte, setzen Sie sich, Miss Dyer. Sie wissen, dass ich ein Gegner von Interviews bin. Doch in Ihrem Fall ist es mir ein Vergnügen, eine Ausnahme zu machen.«

Dana folgte seiner Aufforderung und gab das Lächeln zurück.

»Meine männlichen Kollegen hatten die passenden Kommentare dafür, dass mir dieser Termin geglückt ist. Es ist egal, ob eine Frau im Berufsleben Erfolge oder Misserfolge aufweist. Die Männer werden beides immer der Tatsache zuschreiben, dass sie eine Frau ist.«

Dale Wanyoike lachte mit einer wohlklingenden sonoren Stimme.

»Ich kann es Ihnen nachempfinden, obwohl es in meinem Land solche Probleme noch nicht gibt. Aber ich denke, Sie sind nicht gekommen, um mit mir über Fragen der weiblichen Emanzipation zu sprechen.« Er zog den Servierwagen heran, in dem eine Batterie von Flaschen klirrte.

Dana entschied sich für einen Gin Tonic und musterte den Botschafter aus halb geschlossenen Augen, während er die Drinks zubereitete. Mit seinem Äußeren erinnerte Dale Wanyoike eher an einen afrikanischen Leichtathleten als an einen Diplomaten. Mit seiner imposanten Größe von fast einsneunzig, seinen breiten Schultern und den schmalen Hüften. war er ein Mann, von dem Frauen zweifellos träumen konnten. Er trug ein dunkelgrünes T-Shirt, eine elegant geschnittene weiße Hose und Segeltuchschuhe. Sein schmales Gesicht hatte etwas Europäisches, trotz der dunkelbraunen Hautfarbe. Dana überlegte, dass dieser Eindruck vielleicht ungewollt dadurch entstand, dass er ein akzentfreies Englisch sprach, das aus seiner Studienzeit in Cambridge herrührte.

Wanyoike hatte eine selbstsichere, ungezwungene Art, die frei von jeder Arroganz war. Die Journalistin spürte ein kaum merkliches Gefühl der Unrast. Vielleicht lag es gerade an seiner unerschütterlich scheinenden Sicherheit. Dana hoffte, dass der Gin dafür sorgen würde, dass ihre Nerven gar nicht erst in Aufruhr gerieten.

Dann, als Dale Wanyoike ihr das Glas gab, bemerkte sie den Ausdruck seines kurzen forschenden Blickes, der sofort wieder in ein verbindliches Lächeln überging.

Dana wusste in diesem Moment, dass er ihr gegenüber zu mehr als beruflichem Interesse fähig sein konnte.

Und damit stand es für sie fest.

Dana Dyer zweifelte nicht mehr daran, dass ihr Vorhaben gelingen würde.



3

Die frühe Nachmittagssonne stand fast senkrecht über der Villa am Brook Boulevard in New Rochelle. Keine Wolke trübte den azurblauen Himmel, und kein Windhauch blies den düsteren Smog aus New York City herüber. Kaum spürbar lag der Geruch von Salzwasser in der Luft. Auf der glitzernden Wasserfläche des Long Island Sound bewegten sich die weißen Dreiecke von Segeln und die schnittigen Leiber von Motorjachten.

Natalia Ustinov trippelte mit munteren Schritten die Stufen des Villenportals hinab und überquerte den asphaltierten Vorplatz. Das zarte buntbedruckte Sommerkleid schmiegte sich wie ein fächernder Schleier an ihren Körper und betonte ihre sanft schwingenden Hüften. Sie wusste, dass sie aus mindestens einem der Fenster in der zweigeschossigen Fassade der Villa beobachtet wurde. Wenigstens einer der smarten Jungs, die in Chadwick Lynns Diensten standen, behielt alles im Auge, was sich auf dem Vorplatz des Gebäudes bewegte. Natalia war sich nicht sicher, ob auch Chadwick ihr einen Blick nachwarf. Seit dem Lunch hatte er geistesabwesend gewirkt, hatte nur noch wenig Interesse für jene Reize gezeigt, die ihn sonst außer Atem brachten.

Natalia kannte den Grund aus Gesprächsfetzen zwischen Chadwick und seiner Sekretärin, die sie mitgehört hatte. Und sie hatte es nicht besser erwischen können, als seinen Segen zu einem Shopping-Bummel in Manhattan mit auf den Weg zu bekommen.

Sie steuerte auf das silbergraue Mercedes350SLC Coupe zu, das auf dem von Buschgruppen umsäumten Parkplatz neben Chadwicks Bentley und den Mittelklasselimousinen seiner Leibwächter stand. Natalia schleuderte die schweinslederne Handtasche mit gekonntem Schwung auf den Beifahrersitz des Mercedes, öffnete die Tür an der Fahrerseite und schwang sich nicht minder gekonnt hinter das Lenkrad. Sie fischte den Zündschlüssel aus dem Handtaschen-Krimskrams, ließ das satte Brummen der Maschine kommen und rangierte den offenen Wagen rückwärts auf den Vorplatz.

Die Verbindungsfahrbahn zum Hauptportal des Villengrundstücks führte über gut hundert Yards Länge in weit geschwungener s-förmiger Linie durch den Garten, dessen Gestaltung den New Yorker Central Park weit in den Schatten stellte. Schattenspendende Pinien säumten die asphaltierte Fahrbahn, auf der sich zwei Lieferwagen mühelos begegnen konnten. Das Portal bestand aus zwei doppelt mannshohen Betonpfeilern, die weiß getüncht waren. Zu beiden Seiten führte die zweifünfzig hohe Einfriedigungsmauer, ebenfalls weiß, an die Pfeiler heran. Zwischen den Pfeilern ruhte ein kunstvoll1 geschmiedetes Gittertor in hochwertigen Kugellagern.

Die Ustinov stoppte den Mercedes vor der hölzernen Ein-Mann-Kabine am rechten Pfeiler. Das naturfarbene Häuschen war vorn offen. Der Mann, der im Schatten des winzigen Daches auf einem Klappstuhl saß, erhob sich bereits, als die Motorhaube des Mercedes in sein Blickfeld rollte. Stehend hatte er einen hervorragenden Ausblick. Natalias Dekolleté und der hochgerutschte Kleidersaum waren es wert, dafür aufzustehen.

»Sie wissen, dass ich in die Stadt fahre?«, fragte Nat mit dem Lächeln einer Diva, die gezwungen ist, aus Publicitygründen mit dem niederen Volk zu reden.

»Ich weiß alles über Sie, Lady«, erwiderte der Posten mit anzüglichem Grinsen.

»In der Beziehung sollte ein Mann selbst bei der Goldenen Hochzeit noch nicht sicher sein«, entgegnete Natalia spöttisch.

Der Posten war schlank und athletisch gebaut, wie alle fünf Leibwächter, die in Chadwick Lynns Diensten standen. Er trug die Einheitstracht des Sicherheitspersonals, einen hellgrauen Sommeranzug, darunter einen dünnen weißen Rolli. Von einer Waffe war auf den ersten Blick nichts zu erkennen. Natalia nahm jedoch an, dass der Mann eine Pistole unauffällig im Inside Holster trug. In dem Holzhäuschen befand sich außerdem ein Gewehrständer, in dem eine Thompson Submachine Gun befestigt war. Daneben ein kleines Pult mit Telefon, Funkgerät und einem Schaltkasten, dessen Kontrolllampen die Funktion der Alarmanlage überwachten.

»Wenn wir uns mal außerhalb dieses Gemäuers treffen sollten ...«, sagte der Posten und legte seinen Mark-Spitz-Schnauzbart schief.

»Davon bin ich absolut nicht überzeugt«, entgegnete die Ustinov herablassend, ehe er seine Anzüglichkeiten weiterspinnen konnte. »Wenn Sie jetzt bitte das Tor öffnen würden ...«

»Ich würde Sie sogar hinübertragen, Madam.« Er vollführte eine übertriebene Verbeugung.

»Damit wäre mir nicht geholfen«, sagte Natalia, »ich habe keine Lust, zu Fuß nach Manhattan zu geben.«

»Auch dorthin würde ich Sie auf Händen tragen.«

»Ich denke, Mr. Lynn sollte eine Dienstanweisung darüber herausgeben, worin die Hauptaufgaben seines Sicherheitspersonals bestehen.«

Der Posten zog ein saures Gesicht und betätigte einen Knopf auf seinem Schaltpult. Lautlos glitt das Tor in seinen Kugellagern nach links.

Ohne den Mann im Holzhäuschen noch eines Blickes zu würdigen, ließ Natalia den Mercedes auf den Brook Boulevard hinausrollen und bog nach rechts ab in Richtung New England Thruway, der die schnellste Verbindung nach New York City darstellte. Auf dem Book Boulevard begegneten ihr nicht mehr als drei oder vier Limousinen, alles mindestens Cadillacs oder Lincolns. In dieser Gegend gab es nur wenige Anwohner. Die Grundstücke waren so weitläufig, dass sich etwa zwei Dutzend Villenbesitzer das Land zwischen Thruway und Long Island Sound teilten.

Natalia fuhr mit dem Leih-Mercedes an der Auffahrt zum Thruway vorbei, bog hundert Yards weiter nach links ab, erreichte die North Avenue und rollte in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war. Zehn Minuten später erreichte sie die Uferstraße, die unmittelbar am Sound entlangführte und in den Brook Boulevard mündete. Jenseits des Boulevards befand sich Chadwick Lynns Villengrundstück. Dort gab es keine Uferstraße mehr.

Die attraktive Frau rangierte den Mercedes auf den Parkplatz vor dem Bootshaus eines Jachtklubs, dessen Mitglieder größtenteils aus der Acht Millionen-Stadt am Hudson herüberkamen. Um diese Zeit waren die Uferstraße und die übrigen Bootshäuser wie ausgestorben. Nur wenige Fahrzeuge standen auf den Parkplätzen. Die Leute, die es sich leisten konnten, zu dieser Tageszeit schon an den Sound zu fahren, aalten sich mit Sicherheit allesamt draußen auf den Sonnendecks ihrer Luxuskähne.

Natalia nahm ihre Handtasche und ging an dem Bootshaus des Jachtklubs vorbei auf den vorderen Anlegesteg. Schnittige Schiffe dümpelten beiderseits des Plankenstegs, der etwa fünfzig Yards weit ins Wasser hinausragte. Mit einem Blick zurück überzeugte sich Natalia, dass es hinter der Fensterfront des Bootshauses niemanden gab, der sie beobachtete. Selbst wenn sie vom Wasser her beobachtet werden sollte, so war sie kein ungewöhnlicher Anblick. Denn es gab immer genügend Girls, die sich irgendwann und irgendwo mit einem Mann auf einer der Luxusjachten trafen.

Natalia kletterte auf eine der weiter draußen liegenden Jachten, balancierte über den schmalen Gang zwischen Reling und Kajüte und sprang auf das tieferliegende Achterdeck. Sie nahm ein handtellergroßes Gummifutteral aus ihrer Tasche, zog das Sommerkleid aus und schob das Futteral seitlich unter ihr Bikinihöschen. Wegen seiner Geistesabwesenheit war Chadwick Lynn nicht auf den Gedanken gekommen, nachzuprüfen, was Natalia unter dem Kleid trug.

Sie ließ Handtasche und Kleid auf dem Achterdeck zurück und stieg über die Heckleiter in das lauwarme, brackige Wasser. Kein Mensch kam normaler Weise auf die Idee, hier im Sound zu baden. Doch Natalia rechnete nicht damit, dass sie jemandem begegnete, der ihr deswegen Fragen stellte. Und selbst wenn das der Fall sein sollte, würde sie genügend Möglichkeiten finden, eine Erklärung zu liefern.

Mit kraftvollen Zügen schwamm sie dicht am Ufer entlang, an dem zwischen den Bootshäusern dichte Buschgruppen und Trauerweiden standen. Der Blick zur Uferstraße war weitgehend versperrt. Bis zur Wasserseite von Chadwick Lynns Grundstück brauchte sie knapp zehn Minuten.

Lynn verfügte über einen eigenen Bootsanleger, an dem eine hochseetüchtige Jacht mit zwei 200 PS-Dieselmotoren vertäut lag. Die Uferbreite des Grundstücks betrug etwa 150 Yards. Die einzige Vegetation auf dem schmalen Streifen zwischen Wasser und Maschendrahtzaun bestand aus niedrig wachsendem Schilfgras, das zudem regelmäßig gemäht wurde. Durch den Zaun war die Parklandschaft des Villengartens zu erkennen. Sowohl die Villa als auch die übrigen Gebäude waren durch hohe Bäume allen Blicken entzogen.

Chadwick hatte sich dennoch seinen eigenen Blick auf den Long Island Sound nicht versperren wollen. Deshalb der Drahtzaun. Die hohe Mauer endete zu beiden Seiten der Grundstücksgrenze unmittelbar am Wasser. Mit einbetonierten Haken war der Maschendraht in den Eckpfeilern der Mauer verankert.

Natalia schwamm langsam auf den südlichen Eckpfeiler zu, bis sie den butterweichen Uferschlamm unter den Füßen spürte. Sekundenlang verharrte sie regungslos, um sich zu orientieren.

Oben auf dem Pfeiler waren die beiden Metallkästen der Radar-Bewegungsmelder zu erkennen, etwa so groß wie Zigarrenschachteln. Die beiden Kästen waren rechtwinklig zueinander angebracht. Der eine zeigte nach rechts, am Ufer entlang. Der andere überwachte die Einfriedungsmauer, die parallel zur Brook Avenue verlief. Natalia wusste, dass es unmöglich war, im Bereich eines dieser Bewegungsmelder auf das Grundstück vorzudringen. Die auf Radarbasis arbeitenden Geräte erfassten das Gelände in großem Winkel. Auch die Jacht und der Anleger waren auf diese Weise hundertprozentig gesichert.

Natalia hatte schon bei ihrem ersten Spaziergang durch den Villenpark die einzige Chance erkannt, die es gab.

Der Eckpfeiler.

Die beiden Zigarrenschachteln mit dem hoch empfindlichen Innenleben hatten eine Länge von jeweils zehn Inches. Die nur wenig längere Verbindungslinie, die der rechte Winkel der beiden Kästen zueinander bildete, war der Spielraum, den die Frau hatte. Es war so gut wie ausgeschlossen, dass das Beobachtungsfeld des 150 Yards entfernten Bewegungsmelders auf dem nördlichen Pfeiler bis hier reichte. Ein geringes Risiko, das Natalia eingehen musste. Sie ging von der Annahme aus, dass sich die Reichweite der Radar-Alarmgeräte etwa in der Mitte des Zaunes nur teilweise überschnitten.

Aber die Kante des Betonpfeilers war glatt, ohne Risse, ohne Vorsprünge.

Vorsichtig schob sich Natalia durch das seichte Uferwasser an den Schilfgrasgürtel heran, mit Direktkurs auf den Eckpfeiler. An Land legte sie sich mitten ins Gras, flach auf den Boden gepresst. Unter der etwa handbreiten Rückseite ihres Bikinioberteils zog sie das zusammengerollte Nylonseil hervor, das gerade den Umfang einer Brieftasche hatte. Die verchromte Teleskopstange, die einem überdimensionierten Füllfederhalter glich, war in der länglichen Kunststoffspule des Seils befestigt.

Natalia löste das Seil, zog die Spitze der Teleskopstange heraus und schob sie in die stecknadelkopfgroße Aussparung des Stahlhakens, der am Ende des Seils verknotet war. Ihre Hände waren ruhig, als sie die Teleskopstange auf zwei Yards Länge ausfuhr und senkrecht emporhob. Sie vergewisserte sich mit einem raschen Blick, dass auf dem Sound hinter ihr keine Boote in der Nähe waren.

Natalia richtete sich auf, und zusammen mit ihrer eigenen Körpergröße reichte die Länge der Chromstange aus, um die Oberkante des Pfeilers zu erreichen. Vorsichtig dirigierte sie den Haken über die Kante hinweg, bis er sicheren Halt hatte. Dann zog sie die Teleskopstange zurück, schob sie zusammen und legte sie ins Schilfgras. Das dünne Seil, das Zentnerlasten tragen konnte, pendelte lose herab.

Ohne Zeit zu verlieren, begann Natalia den Aufstieg. Ihre nackten Füße fanden unmittelbar zu beiden Seiten der Pfeilerecke sicheren Halt. Unangenehm war lediglich die Tatsache, dass das dünne Seil tief in ihre Handflächen schnitt. Doch sie hatte diese Abart der Bergsteigerei oft genug trainiert, um die wenigen Sekunden zu überstehen, die sie brauchte.

Sie packte die Oberkante des Pfeilers wiederum unmittelbar neben der Ecke. Mit einem elastischen Klimmzug zog sie sich hoch, sorgsam darauf bedacht, nicht nach der einen oder anderen Seite über den Winkel der beiden Radarkästen hinauszugeraten. Natalia zog die Beine nach, blieb einen Moment lang geduckt über den Metallkästen hocken und rollte das Seil hinter sich auf, indem sie die Hände auf den Rücken legte.

Vorsichtig schob sie das Seil über die Metallkästen hinweg, legte den Haken im Innenwinkel der Bewegungsmelder auf die Betonkante und ließ das Seil hinunterrollen. Den Abstieg schaffte sie im Handumdrehen. Sie ließ die Nylonschnur hängen und huschte mit vorgeneigtem Oberkörper über die angrenzende Rasenfläche, bis sie in einer Gruppe von Rhododendronbüschen Deckung fand. Dort verharrte sie minutenlang und horchte.

Natalia nahm zwar nicht an, dass die Alarmanlage etwaige Eindringlinge durch eine losheulende Sirene vorwarnte. Aber dennoch würde ein Alarm nicht lautlos vonstatten gehen. Schritte würden zu hören sein, knappe Befehle, und dann sicherlich auch das Gebell der beiden Bluthunde, die Chadwick Lynn im Zwinger hinter den Garagen hielt. Nichts dergleichen war zu hören.

Die mühselige Überlistung der hoch komplizierten Radarkästen war gelungen. Die rassige Agentin betrachtete dies nur zum Teil als ihr persönliches Verdienst. In Expertenkreisen waren die meisten Alarmanlagen schon überholt, wenn sie auf den Markt kamen. Überholt insofern, als ein Experte genau die schwachen Seiten kannte, die eine solche Anlage immer noch hatte. Und Natalias Brötchengeber verfügten über Fachleute für alle Gebiete der modernen Technik.

Die restliche Arbeit war für sie vergleichsweise ein Kinderspiel.

Nachdem sie sich endgültig vergewissert hatte, dass ein Alarm ausgeblieben war, schlich sie im Schutz der Grünanlagen los. Die Lage des Pavillons hatte sie sich eingeprägt. Das flache, runde Gebäude befand sich etwa hundert Yards vom Ufer und knapp fünfzig Yards von der Mauer am Brook Boulevard entfernt.

Als der Pavillon in Sicht kam, duckte sich Natalia hinter den ausladenden Ästen, einer Krüppelkiefer. Soweit sie es aus den Gesprächen zwischen Chadwick und seiner Sekretärin mitbekommen hatte, sollte die Konferenz um vier Uhr nachmittags stattfinden. Also noch eineinhalb Stunden Zeit. Der Pavillon war im Blockhausstil aus geschälten Baumstämmen gebaut. Insgesamt acht kleine quadratische Fenster waren geometrisch exakt in das Rund der Außenwände eingelassen. Vom Eingang des Pavillons führte ein schmaler Kiesweg zum Vorplatz der Villa.

Die Agentin beobachtete den Pavillon lange genug, um überzeugt zu sein, dass sich noch niemand darin aufhielt. Und dann handelte sie nach dem vielfach bewährten Grundsatz, das zu tun, was die Gegenseite am allerwenigsten vermutete.

Sie huschte geradewegs auf die Eingangstür zu und blieb aufrecht im Schatten des Türrahmens stehen. Unter dem Vorderteil ihres Bikinis, zwischen den Brüsten, befand sich in einem winzigen Stofffutteral ein Taschenmesser, das etwa die Größe eines kleinen Fingers hatte. Natalia klappte die Klinge auf, die aus speziell gehärtetem Stahl bestand. Unmittelbar rechts neben der Tür ritzte sie mit der Klinge ein quadratisches Stück Mörtel zwischen zwei Baumstämmen heraus. Das Zeug war hart, viel härter als der Lehm, mit dem die Siedler vor hundert Jahren ihre Blockhäuser zugeschmiert hatten. Aber für den Spezialstahl war es dennoch kein Hindernis.

In die entstandene Öffnung drückte Natalia die trichterförmige Kapsel, die sie aus dem wasserdichten Gummifutteral nahm. Die Kapsel bestand aus einer besonderen Legierung, die die Eigenschaft hatte, sich aufzulösen, wenn sie zehn Stunden der Luft ausgesetzt war. Also bereits neun Stunden nach Beginn der Konferenz konnten Chadwicks Leibwächter vergeblich nach einer Wanze suchen. Wenn sie überhaupt darauf kamen, an eine solche Möglichkeit zu denken.

Von der Unterseite des herausgetrennten Mörtelstücks schnitt Natalia so viel ab, dass für die Wanze in dem schmalen Spalt zwischen den Baumstämmen genügend Platz bliebe. Dann drückte sie den Mörtel wieder an die ursprüngliche Stelle. Man musste schon mit der Lupe hinsehen, um die beiden feinen Schnitte zu erkennen.

Die Ustinov verstaute das übriggebliebene Mörtelstück in dem Gummifutteral, steckte es wieder in ihr Bikinihöschen und schob auch das Taschenmesser an seinen reizvollen Platz zurück.

Der Rückzug verlief ebenso problemlos wie der Anmarsch. Natalia kletterte auf die Jacht, auf der sie ihr Kleid und die Handtasche deponiert hatte. Seelenruhig ließ sie sich fünfzehn Minuten lang von der Sonne trocknen, ehe sie das Kleid überstreifte und zu ihrem Mercedes-Coupe zurückkehrte.



4

»Wie stehen Sie zu den Bestrebungen in Talabia?«

»Nein!« Dale Wanyoike unterbrach die Reporterin mit einer abwehrenden Handbewegung und schüttelte lächelnd den Kopf. »Über dieses Thema werde ich nicht mit Ihnen reden, Miss Dyer. Ich habe objektiv über die wirtschaftliche und politische Struktur meines Landes berichtet. Über etwaige Splittergruppen zu urteilen, die es sicherlich in den meisten Ländern gibt, steht mir nicht zu. Ich bin UNO-Botschafter von Talabia. Das ist meine Aufgabe, Miss Dyer.«

»Verzeihen Sie«, sagte Dana sanft, »es war nicht meine Absicht, dieses Gespräch in eine Bahn zu lenken, die Ihnen unangenehm ist. Aber auf der anderen Seite wird doch offen darüber geredet, dass in Talabia nicht unerhebliche Kräfte wirken, die einen Umsturz herbeiführen wollen. Es gibt zwar keine offiziellen Korrespondentenberichte, denn alle Artikel ausländischer Journalisten werden von Ihrem Staatschef zensiert. Aber es gibt Verlautbarungen aus den Nachbarländern. Und aus diesen Berichten ist zu schließen, dass es sich keinesfalls nur um linksorientierte Splittergruppen handelt. Vielmehr sind versierte Beobachter der Meinung, dass die blutigen Auseinandersetzungen in Talabia bereits an einen Bürgerkrieg grenzen.«

Dale Wanyoike zuckte die Achseln. Sein Lächeln war wie weggewischt.

»Tut mir leid«, sagte er, »von solchen Dingen ist mir nichts bekannt. Und selbst wenn es so wäre, ich könnte es nicht glauben. Ich bin zwar restlos seit zwei Jahren bei der UNO, aber meine Kontakte zu unserer Hauptstadt sind nach wie vor sehr eng. Der Präsident würde mich rückhaltlos informieren, wenn es Anlass zur Besorgnis gäbe.«

»Glauben Sie, dass Sie aus Berdanville die Informationen erhalten, die der Wahrheit entsprechen?«

Wanyoike beugte sich vor.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930856
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495729
Schlagworte
natalias show agentin

Autor

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Titel: Natalias heiße Show: Die Agentin 29