Lade Inhalt...

Tränen in den Augen eines Kindes

2019 113 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Tränen in den Augen eines Kindes

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

Tränen in den Augen eines Kindes

Arztroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.

 

Dr. Lester Barten hasst die Frauen, denn er wurde von einer schwer enttäuscht und verletzt. Seine äußeren Narben kann er fast verdecken, doch seine inneren nicht. Aus diesem Grund ist er auch nicht für das Werben der Krankenschwestern in der kleinen Privatklinik von Professor Sondberg empfänglich. Seine Liebe und Fürsorge gilt den todkranken Kinder und besonders der kleinen Britta!

Doch dann begegnet er Annelie Bergström, die auch Schweres hat durchmachen müssen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

1

Nichts regte sich auf der Station. Alles war still. Jeder schien endlich den ersehnten Schlaf gefunden zu haben. Sogar die kleine Britta schlief jetzt tief und fest. Er schloss leise wieder ihre Tür und ging lautlos über den langen Flur. Im Schwesternzimmer saß Schwester Marge. Sie hatte wie er in dieser Woche den Nachtdienst zu versehen.

Dr. Barten blieb für einen Augenblick an ihrer Seite stehen und sagte: »Es ist alles friedlich. Ich gehe jetzt in mein Zimmer. Sollte doch noch etwas sein, dann wissen Sie ja, wo Sie mich finden können.«

»Jawohl, Herr Doktor«, sagte die Schwester und schob die Lippen ein wenig vor.

Aber das sah er nicht mehr. Er war schon gegangen. Schwester Marge schaute ihm nach, in ihren Augen galt er nicht viel. Wieder einmal fragte sie sich, wieso der Professor ausgerechnet Barten angestellt hatte. Wirklich, sie hätte diesen langweiligen Patron bestimmt nicht genommen.

Doktor Barten wusste zum Glück nichts von den Gedanken der rothaarigen Schwester. Wie sollte er auch ahnen, dass man damals so wild auf ihn gewesen war - so voller Spannung, als es geheißen hatte, der alte Schauten würde seinen Dienst aufgeben und Professor Sondberg habe einen jungen Arzt eingestellt. In zwei Wochen würde der seinen Dienst in dieser Privatklinik aufnehmen. Hier, auf der Insel Amrum, sozusagen am Ende der Welt.

Ja, und dann war er endlich gekommen - groß und breit wie ein Bär, mit einem sehr seltsamen Gesicht und einem strubbeligen Bart. Die Schwestern hatten ihn erstaunt angeschaut. Nein - wieso machte er sich bewusst so hässlich? Aber sie ahnten ja nicht im entferntesten, dass es gerade dieser Bart war, der die Verunstaltung seines Gesichts verdecken sollte. Zum Teil schaffte er es auch. Aber wegen der vielen Narben bekam er nie Ordnung in das »Gestrüpp«, wie er es bei sich nannte.

Man hatte sich an seinen Anblick gewöhnt, und die Schwestern wetteiferten darin, ihm schöne Augen zu machen. Teils, weil sie einen Mann haben wollten, zum anderen, weil das Leben auf der Insel so eintönig, so schrecklich langweilig war. Da suchte man eben verzweifelt nach einer Abwechslung. Aber Doktor Barten sah weder die anhimmelnden Blicke, noch merkte er, wie intensiv man ihm zu begegnen wusste und wie man sich ihm direkt aufdrängte. Er blieb stets freundlich und zuvorkommend, mehr nicht. Die Schwestern verstanden das einfach nicht. Ja, sie gingen sogar so weit und passten auf, ob er vielleicht vom Festland Post bekam. Das hätte dann bedeutet, dass dort eine Braut auf ihn wartete. Nur so konnten sie sein abwehrendes Verhalten verstehen. Wenn sie da an Dr. Wallberg dachten! Der nahm, was er kriegen konnte. Und er machte das so elegant, dass ihm niemand eine Falle stellen konnte. Bis jetzt war er noch immer Junggeselle geblieben. Er sagte sich: »Warum soll ich mich binden, wenn ich alles umsonst bekommen kann? Sie machen es mir ja so leicht. Ich brauche die reifen Früchte nur zu greifen.«

Dr. Wallberg hatte seinerzeit mit gemischten Gefühlen der Ankunft des neuen Kollegen entgegengesehen. Es waren nur fünfzehn Schwestern im Haus - und das Küchenpersonal. Und wenn der Neue nun auch auf Jagd ging, dann blieb für ihn möglicherweise nicht sehr viel übrig.

Dr. Wallberg war also angenehm überrascht, als er erkannte, dass Lester Barten die Schwestern nicht einmal bemerkte. Er hingegen sah die Bemühungen der Schwestern und amüsierte sich köstlich darüber.

»Braucht euch gar nicht so anzustrengen, das ist ein Weiberfeind. Der will von euch nichts wissen!«

»Puh«, hatte Schwester Elisabeth gemeint. »Er hat eben Charakter und nimmt nicht jede. Er ist nicht so flatterhaft wie ein gewisser Doktor - nun, ich will hier keinen Namen aussprechen.«

Wallberg fühlte sich nicht betroffen. Er lachte nur erheitert auf.

»Ach, hast du es auch schon versucht? Na, da kann ich deine Enttäuschung verstehen.«

»Lass mich in Ruhe! Ich habe jetzt Dienst.«

»Was glaubst du, was ich zu tun habe?«, hatte er entgegnet und ihr in den Po gezwickt. Sie hätte ihm vielleicht noch eine scharfe Antwort gegeben, aber da war gerade Professor Sondberg um die Ecke gekommen, und Wallberg hatte sich entfernt.

So war also die Situation, von der Lester Barten aber nichts ahnte. Post erhielt er nicht. Sie zergrübelten sich die Köpfe und begriffen die Welt nicht mehr.

Schwester Ursula meinte eines Tages: »Vielleicht ist er der Typ, der erobern will.«

»Na, dann hast du ihm ja alles verdorben«, meinte Schwester Marge trocken. »Du hast dich ihm ja direkt an den Hals geworfen.«

»Das ist nicht wahr!«, protestierte Schwester Ursula.

»Lüge nicht, ich habe es doch selbst gesehen! Ein Bild für die Götter!«

»Ach, diesen Vorfall meinst du? Da bin ich doch nur ausgerutscht und habe nach Halt gesucht«, verteidigte sich die kleine Schwester.

»Seit wann sind unsere Flure so glatt, dass man ausrutschen kann?« Sie wurde weidlich ausgelacht.

Nein, an jeden konnten sie herankommen, aber nicht an diesen neuen Doktor. Es war einfach zum Verrücktwerden. Nun war er schon ein halbes Jahr hier und noch immer konnte keine einen Erfolg für sich verbuchen. Er lebte weiterhin einsam und allein in dem kleinen, weinumrankten Häuschen, und niemand hatte ihn dort je besucht. Ja, man erzählte sich sogar, er würde es selbst in Ordnung halten.

Natürlich waren alle sehr gewissenhaft in ihrer Arbeit. Das war auch der Grund, warum der Professor sie eingestellt hatte. Er war sehr wählerisch mit seinem Personal. War es doch auch eine besondere Klinik, und da musste man eben auch das richtige Personal haben. Doch die Einsamkeit und Eintönigkeit ging ihnen allmählich auf die Nerven. Viele hielten es nur knapp ein Jahr auf der Insel aus, dann verließen sie sie fluchtartig. Auch eine Lohnerhöhung konnte sie nicht zurückhalten.

So hatte Wallberg immer genug neue Gesichter um sich. Er war schon seit über vier Jahren hier. Nun, er fuhr immer mal schnell nach Hamburg und verbrachte dort ein langes Wochenende, wenn es ihm zu eintönig hier draußen wurde. Aber jetzt, wo er einen neuen Kollegen hatte, konnte man sich ja zusammentun und etwas unternehmen. Zum Beispiel in der freien Zeit mit dem nächsten Schiff nach Sylt fahren - dort war immer etwas los. Dort wurde einem die Zeit nie zu lang. Natürlich konnte man sich diese teuren Abstecher nur leisten, wenn man Geld hatte. Und als Arzt hatte er genug, brauchte er doch keine Familie zu unterhalten. O nein, vorläufig dachte er überhaupt nicht daran, sich zu binden.

Aber so wie die Schwestern eine herbe Enttäuschung erlitten, so wurde auch er enttäuscht.

Lester sagte ihm freundlich, aber unmissverständlich: »Danke nein, lieber Kollege. Bitte, verübeln Sie es mir nicht, aber ich möchte mich ganz meiner Arbeit widmen und habe im Augenblick wirklich keine Zeit.«

Wallberg hatte ihn verblüfft angesehen, und wollte schon eine scharfe Antwort geben, aber da nahm ihm Barten allen Wind aus den Segeln.

»Ich muss das hier erst alles verkraften. Ich kann das noch nicht. Es ist so neu für mich. Ich habe nicht gewusst, dass es mich so angreifen würde.«

Wallberg war für einen Augenblick beleidigt gewesen. Dann hatte er etwas zu scharf erwidert: »Ja, glauben Sie, ich könnte das alles vergessen? Das ist es ja eben! Ich muss hin und wieder raus, um neue Kraft zu finden.«

»Jeder versucht es eben auf seine Art und Weise«, hatte Barten freundlich geantwortet. »Sie mit Vergnügen - und ich? Ja, womit ich denn?« Dann hatte er wie verloren aus dem Fenster geschaut.

Georg Wallberg hatte jetzt das Gefühl, als stecke doch viel mehr dahinter. Es waren nicht nur die Kinder, um deren Schicksal man hier in der Privatklinik kämpfen musste, und bei dem man so oft der Besiegte war. Nein, Lester Barten schleppte noch etwas anderes mit sich herum. Aber er wollte nicht darüber reden, zog sich in sich selbst zurück. Und Wallberg war weder neugierig, noch wollte er sich aufdrängen. Zur rechten Zeit würde sich der andere an ihn wenden. Obwohl seine erste Reaktion war: Ich mag ihn nicht, er kann mich mal - so musste er aber recht bald feststellen, dass er ihn eigentlich doch recht gern mochte. Er war ein Freund und Kollege, wie man ihn sich nur wünschen konnte.

Bald waren sie so vertraut miteinander, dass sie sich gegenseitig zum Schachspiel einluden. Jeder der Ärzte besaß ein kleines Häuschen, nicht weit von der Klinik entfernt, mit Ausblick auf das Meer. Sie waren mit allem Luxus und Komfort ausgestattet. Professor Sondberg verdiente mit seiner Klinik sehr viel - aber er wusste auch: Wenn er nicht mehr bot als andere Kliniken, würde er keine Ärzte hierher bekommen. Und allein schaffte er es nun einmal nicht.

 

 

2

Lester Barten hatte sich nach dem Rundgang in sein Zimmer zurückgezogen. Das bewohnte er immer, wenn er Nachtdienst hatte. Hier stand auch ein Sofa, man brauchte also nicht die ganze Nacht wach zu bleiben. Die Schwester würde ihn schon wecken. Aber heute fand er keinen Schlaf. Er saß am Schreibtisch, das Buch vor sich und las nicht. Von draußen hörte er das Meer rauschen. Es war wieder einmal ziemlich unruhig. Doch Lester hatte keine Angst. Ja, er hörte es sogar gern, auch wenn es stürmte und die Wellen gegen die Insel tobten. Hier war er sicher, geborgen. Hierher hatte er sich verkrochen in seinem Schmerz. Und hier war er nun!

Er schloss die Augen, und sogleich stiegen die Erinnerungen in ihm auf. Immer noch quälten sie ihn. Er konnte sie einfach nicht abstreifen. Es war schrecklich und grausam. Sein Herz blutete, und er konnte nichts dagegen tun. Gar nichts! Äußerlich stark und groß wie ein Bär, hatte er aber eine Seele, die so empfindsam wie die eines kleinen Kindes war. Man hatte ihn gezeichnet. Vielleicht für immer! Wie sagte man so schön: Zeit heilt auch die schlimmsten Wunden. Zeit! Früher hatte er nie Zeit gehabt. Immer hatte er sich alles erkämpfen müssen. Alles. Nichts war ihm erspart geblieben. Sein ganzes bisheriges Leben war ein einziger Kampf gewesen.

Damals schon hatte es angefangen. Er konnte sich noch genau erinnern. Er war neun Jahre alt gewesen. Damals hatten sie noch in London gelebt. In einem üblen Hinterhof hatte er die ersten Jahre seiner Kindheit verbracht. Seine Mutter war eine Deutsche gewesen, hatte nach dem Krieg einen englischen Soldaten geheiratet. Damals war in Deutschland alles zerstört gewesen, und so waren sie nach England gegangen. Aber auch hier hatten sie in Armut gelebt. All die Jahre hatten sie jeden Penny fünfmal umdrehen müssen. Und ganz schlimm war es geworden, als der Vater starb. Die Mutter war nun auf die Verwandtschaft des Vaters angewiesen. Aber diese hatten die Deutsche nie gemocht. Und so war sie denn eines Tages mit dem Knaben Lester nach Deutschland zurückgekommen, nach Berlin. Bei der Schwester waren sie untergekommen, hatten eine kleine Dachkammer bezogen. Die Mutter ging arbeiten, als Putzfrau. Etwas anderes hatte sie ja nicht gelernt.

Lester war ein aufgewecktes Bürschchen gewesen. Mit neun Jahren sprach er zwei Sprachen perfekt: Deutsch und Englisch. Der Vater hatte immer englisch mit ihm gesprochen und die Mutter deutsch, so hatte er es spielend gelernt. Die Lehrerin in Berlin hatte die Mutter darauf aufmerksam gemacht, dass der Junge mehr lernen müsse.

»Er ist so begabt, er hat das Zeug dazu. Sie müssen ihn auf die höhere Schule schicken.«

Das war alles so leicht gesagt - aber wenn man so arm war? Doch die Mutter hatte nicht aufgegeben und sich gesagt: Aus dem Jungen soll etwas werden. Ich will noch mehr arbeiten als bisher. Sie nahm also noch drei weitere Putzstellen an, nur damit der Junge anständig gekleidet die höhere Schule besuchen konnte.

Lester trug schon vor der Schule Brötchen und Zeitungen aus. Er half der Mutter, war unermüdlich in seinem Tun. Er war ihr ja so dankbar für alles. Aber die Tante verhöhnte und verlachte sie beide, nannte ihn einen Samtbubi und rief immer quer durch das Treppenhaus: »Wollt hoch hinaus. Aber ihr werdet mit eurer Vornehmheit schon sehen, wo ihr zwei noch landet! Mir habt ihr alles zu verdanken - aber das habt ihr wohl vergessen, wie?«

Lester hatte die Mutter gefragt, was sie der Tante zu verdanken hätten.

»Gar nichts. Ich zahle ihr jeden Monat pünktlich die Miete für diesen erbärmlichen Raum. Es ist nur der Neid, der sie so sprechen lässt. Und sie kann es nicht haben, dass wir nicht auch so verschlampt leben wie sie.«

»Warum gehen wir nicht fort?«, hatte er sie gefragt. »Wir können doch anderswo auch eine Stube bekommen, und dann haben wir unsere Ruhe!«

Die Mutter hatte matt gelächelt und gemeint: »Eigentlich hast du recht. Ich werde mich nach einer anderen Wohnung umsehen.«

So waren sie denn eines Tages ausgezogen. Seither hatten sie jeden Kontakt zu der Tante abgebrochen. Sie hatten ja auch wenig Zeit, immer mussten sie arbeiten. Aber sie schafften es. Eines Tages hatte Lester sein Abitur bestanden. Sein Wille, Arzt zu werden, war übermächtig.

»Ich werde es schon schaffen, Mutter. Du wirst schon sehen, und wenn ich dann fertig bin, brauchst du nie mehr zu arbeiten. Dann verdiene ich genug, und du wirst es gut haben bei mir.«

»Ach Bub, deine Zukunftsträume!«

»Sie werden in Erfüllung gehen, Mutter, ganz bestimmt! Und ich bin stark und werde es schaffen.«

»Du nimmst dir sehr viel vor, Junge!«

Und bei Gott, er hatte sich wirklich alles erkämpfen müssen. Alles! Wie ein Pferd hatte er geschuftet. Nachts war er Nachtwächter, am Tage hatte er Nachhilfestunden erteilt und zwischendurch sein Studium absolviert. Aber das alles konnte er auch nur schaffen, weil er so begabt war und leicht lernte.

Kurz vor dem Abschluss hatte ihn der erste Schlag getroffen. Zwei Monate vor dem Staatsexamen starb die Mutter. Ganz plötzlich! Herzversagen. Sie hatte sich verausgabt. Lester hatte es anfangs nicht glauben wollen. So nah vor dem Ziel! Die Mutter hätte sich endlich ausruhen können. Er hätte ihr alles bieten können - und jetzt war sie nicht mehr da.

Dieser Schock hatte ihn fast niedergeworfen. Aber irgendwie war es dann doch weitergegangen, musste weitergehen. Er war also Arzt, und weil er jetzt nicht für die Mutter sorgen musste, machte er weiter. Er wollte Kinderarzt werden.

Und dann hatte er eines Tages Lydia kennengelernt.

Lydia!

All die Jahre hatte er nie aufgeblickt, hatte gearbeitet und gelernt. Sein Herz war leer geblieben. Und darum traf es ihn jetzt wie ein Schlag! Lydia, die strahlende Lydia! Er verliebte sich bis über beide Ohren in sie. Lydia nahm jetzt all sein Denken und Empfinden in Anspruch. Und er betete sie an. Was ihn an der ganzen Sache störte, war, dass sie sehr reich war. Das verwirrte ihn. Sie hatte einen ganz anderen Lebensstil, kam eben aus einer ganz anderen Welt. Was Lester auch nicht wusste, war, dass Lydia durch und durch verdorben war. Die Eltern waren heilfroh, als sie eines Tages diesen Lester Barten mitbrachte. Die Jungen aus ihrer Bekanntschaft wollten von Lydia schon nichts mehr wissen. Sie trieb es mit jedem. Und immer zitterten die Eltern davor, dass sie sich eines Tages mit jemandem einlassen würde, der nicht zu ihnen passte.

Mit einem Akademiker hatten sie schon gar nicht mehr gerechnet. Sie nahmen ihn sehr freundlich auf, und Lester war überglücklich. Ja, er wunderte sich nicht einmal, dass sie es freundlich hinnahmen, als er von seiner Mutter erzählte. Zum Glück war sie ja tot, und der Verwandtschaft gegenüber würde man es natürlich verschweigen. Lester wurde als Engländer vorgestellt. Damals amüsierte es ihn, und er lächelte darüber.

Lydia liebte ihn nicht. Aber sie hatte mit dem Vater eine ernste Aussprache gehabt. Dieser hatte ihr vor einem Vierteljahr eine Frist gesetzt: »Entweder du heiratest jetzt einen anständigen Mann, oder ich werfe dich aus dem Haus! Dein Lebenswandel ist nicht mehr zu vertuschen.«

Der Vater war noch nie so böse gewesen. Aber er selbst hatte sich von unten heraufgearbeitet und wollte sich durch die Tochter nicht alles wieder verderben lassen. Die Mutter hatte sie immer maßlos verwöhnt, und darum war sie auch so besessen auf das Leben.

So hatte sie sich denn mit Lester verlobt. Es war ein großes gesellschaftliches Ereignis. Alles was in Berlin Rang und Namen hatte, war eingeladen worden. Lester selbst hatte sich sehr unwohl in dieser Menge gefühlt. Er spürte, wie hohl und leer das Gerede war, und immer ging es nur ums Geld: Wie man noch reicher werden und den anderen übertrumpfen konnte.

Lydia war natürlich der Stern des Tages, und sie flatterte wie ein bunter Schmetterling umher - wurde sozusagen herumgereicht. Jetzt, wo sie in festen Händen war, konnte man es ruhig riskieren, schamlos mit ihr zu flirten. Diejenigen, die sich bis jetzt zurückgehalten hatte, waren es aus Vorsicht gewesen.

Zu Lester sagte sie: »Ich muss repräsentieren. Das gehört sich nun einmal, wenn man so wichtige Leute zu Gast hat. Amüsiere dich doch! Es sind doch genug Mädchen vorhanden.« Und sie hatte perlend aufgelacht. Stöhnend hatte er damals geantwortet: »Mir wäre es viel lieber gewesen, wenn wir ganz unter uns gefeiert hätten - du und ich und deine Eltern. Hier komme ich mir überflüssig vor. Ich kenne diese Leute gar nicht, weißt du - und manchmal habe ich das Gefühl, als würden sie hinter meinem Rücken lachen.«

Lydia war für einen kurzen Augenblick blass geworden. Sollte es wirklich jemand wagen, ihm die Wahrheit zu sagen? Hastig fragte sie darum: »Wer hat das getan?«

»Das weiß ich doch nicht. Ich habe dir nur gesagt, dass ich das Gefühl habe. Aber vielleicht kommt das nur daher, weil ich aus einer ganz anderen Welt stamme. Ich meine, bei meiner Mutter und mir gab es keine Feste, da gab es nur Arbeit ...«

Mit seiner Lebensbeschreibung hatte sie ihn schon oft stehengelassen. Sie konnte sie einfach nicht hören.

Lydias Eltern drangen auf eine schnelle Heirat. Lester hingegen wollte erst Stationsarzt sein. Dann würde er so viel verdienen, dass er seiner Frau auch etwas bieten konnte. Als er ihr das sagte, hatte sie lustig aufgelacht.

»Ich habe doch Geld genug! Und Pa schenkt uns die Villa. Wozu sollen wir da noch warten? Das wäre doch Unsinn!«

»Ich hätte es aber doch lieber, wenn wir von dem leben würden, was ich verdiene!«

»Unsinn! Wie altmodisch du doch denkst! Einmal erbe ich doch sowieso alles. Also, warum erst darauf warten? Nein, mein Lieber, ich bin nun einmal diesen Lebenswandel gewöhnt, und ich will auch nicht zurückstecken. Wenn dir das nicht passt, dann tut es mir leid. Ich bleibe dabei.«

So hatte er sich denn gefügt und gedacht: Lydia kann nichts dafür, sie ist so erzogen worden. Wenn es ihr Spaß macht ...

So hatten sie standesamtlich geheiratet. Die kirchliche Trauung sollte in vierzehn Tagen stattfinden. In der Zeit, die dazwischen lag, erfuhr Lester alles über seine Frau, vielmehr über das Mädchen, das seine Frau jetzt schon war. Der Schock war so tief. Zuerst konnte und wollte er es einfach nicht glauben. Lydia, das Mädchen, das er verehrte und anbetete, das sollte wie eine Dirne sein? Eine, die mit jedem Mann schlief, der ihr gefiel? Und nur weil sie so war und ganz Berlin das wusste - nur deswegen wurde er als Schwiegersohn begrüßt! Er sollte sie also vor den Augen der Welt wieder ehrbar machen. Lydia, die schon zweimal in Holland gewesen war, um ein Kind abtreiben zu lassen.

Lester glaubte, den Verstand zu verlieren. Er war wie verrückt. Und dann klammerte er sich in seiner Verzweiflung einfach daran, dass alles nur eine Verleumdung sei. Ausgerechnet Lydias beste Freundin hatte ihm die Wahrheit gesagt. Diese war für einige Zeit in Amerika gewesen. Lydia hatte ihr schamlos geschrieben, dass sie jetzt einen Dummkopf an der Angel hätte. Der Vater wäre zufrieden, und wenn er erst einmal ihr Mann wäre, dann brauche sie nicht mehr so rücksichtsvoll zu leben. Dann könnte sie alles tun, was ihr gefiel.

Erst als Sybille heimkam und man ihr Lester vorstellte, empfand sie es als ein Verbrechen, diesen jungen Mann Lydia zu opfern. Er besaß all das, was in Lydias Kreis verpönt war, worüber man sich amüsierte. Anstand, Moral und Sitte, das waren groteske Begriffe für sie. Und Liebe kannte man auch schon lange nicht mehr. Sybille fühlte noch mit dem Herzen, und sie wollte ihn davor bewahren. So schwer es ihr auch fiel, aber sie musste ihn warnen, musste ihm die Augen öffnen.

Drei Tage war Lester regelrecht krank. In der Klinik fragte man ihn schon besorgt, aber er schüttelte nur den Kopf und verkroch sich wie ein Tier.

Als seine Not am größten war, da wusste er, dass er nur Ruhe finden würde, wenn er die Wahrheit kannte. Und die Wahrheit konnte ihm nur Lydia selbst sagen.

Am Nachmittag wollte sie ihn mit ihrem Sportwagen abholen. Es mussten noch einige Einkäufe für die Hochzeit getätigt werden. Er stand auf der Treppe, als sie vorfuhr. Sie war so schön und zart und ihr Gesicht wie ein Engel so rein! Sollte wirklich alles nur Maske sein? Alles falsch und Lüge? Dumpf fühlte er ein Dröhnen im Herzen.

,Du musst sie fragen, an ihrer Antwort wirst du merken, ob sie lügt oder nicht.‘

»Was ist? Du machst ein Gesicht, als würdest du dich gar nicht freuen, mich zu sehen. Schließlich sollen die Leute merken, dass wir glücklich sind.«

Jetzt, wo ihm die Augen geöffnet worden waren, jetzt fiel ihm so vieles auf. Vor allen Dingen immer wieder der eine Satz: Die Leute sie sollen - müssen und so weiter. Immer wurde alles für die anderen getan, nie für sich selbst.

»Sybille hat mir alles gesagt.« Er wunderte sich selbst, dass er so ruhig sein konnte.

Lydia schaute ihn von der Seite an und sah dann wieder auf die Straße. Für einen Augenblick presste sie die Lippen aufeinander und zischte: »Diese verdammte Schlange! Hab ich mir doch gedacht, dass sie neidisch ist, dass sie es nicht haben kann, dass ich dich geangelt habe!«

»Lydia, Sybille ist deine beste Freundin!«

»Und?«, gab sie grob zurück. »Ich denke, sie hat dir alles gesagt?«

»Lydia!« Er schrie sie jetzt förmlich an. »Lydia, begreifst du denn nicht? Lydia, sag dass es nicht wahr ist! Sag, dass sie mich belogen hat.«

Sie lachte nur hell.

»Warum diese Aufregung, Schätzchen? Das ist doch alles viel zu anstrengend. Du bist mein Mann, und ich bin deine Frau. Nächste Woche heiraten wir in der Kirche. Alle werden dabei sein. Dann bin ich deine Frau. Aber bilde dir nur nicht ein, dass du mich dann kommandieren kannst. Jeder macht, was ihm gefällt, verstanden? Ich frage dich auch nicht, wie viele Krankenschwestern du vernaschst, also wirst du mich auch hübsch zufrieden lassen mit Eifersuchtsszenen und dergleichen. Du wirst alles haben. Und wenn es dir Spaß macht, richtet Vater dir sogar eine Privatklinik ein. Wir haben ja Geld genug. Du wirst dann keine armen Leute mehr berühren müssen. Nur die Reichen, Filmstare und dergleichen wirst du behandeln. Dein Name wird bald berühmt werden. Wirst schon sehen, ich kenne eine Menge Leute.«

Lester saß reglos neben ihr. Jedes Wort war ein Hammerschlag auf seinem Herzen. So also hatte man seine Zukunft schon verplant. Er war der kleine Hampelmann, der stillzuhalten hatte. Und damit er auch brav blieb, würde man ihm einen hübschen Knochen hinwerfen: eine Privatklinik! Das war ein Traum, den jeder Arzt einmal in seinem Leben träumte, aber nur ein Bruchteil konnte ihn dann auch verwirklichen.

In dieser Sekunde war sein Herz tot und leer. Er empfand nichts, gar nichts. Das Mädchen selbst hatte den Schleier brutal heruntergerissen. Und der Mann wunderte sich, dass er sie schon jetzt nicht mehr liebte. In seinen Augen war sie abstoßend, gemein. Jedes Wort, das sie sagte ...

»Bitte, halte sofort an!«, sagte er mit brüchiger Stimme.

»Warum? Wir sind noch nicht da. Es liegt im Grünewald, wohin wir heute fahren. Du musst dich noch gedulden.«

»Halte sofort an! Ich steige aus, Lydia. Hast du verstanden, ich möchte aussteigen! Ich gehe zu Fuß zurück in die Stadt. Du brauchst dich nicht zu bemühen. Ich werde auch alle Schuld auf mich nehmen.«

»Moment mal, wovon redest du überhaupt? Ich verstehe nichts. Ich schildere dir deine glänzende Zukunft, und du sprichst von Schuld?«

»Ich werde dich nicht heiraten, Lydia. Ich mache nicht mit, das will ich dir nur sagen. Ja, es stimmt, ich habe dich geliebt, leidenschaftlich geliebt. Und ich habe gehofft, mit dir glücklich zu werden. Und die ganze Zeit glaubte ich, auch du würdest mich lieben. Aber ihr alle seid ja gar nicht fähig, jemand anderen zu lieben. Ihr ekelt mich an. Ich schäme mich, euch kennengelernt zu haben. Halt an, ich steige aus! Du wirst mich im Gericht wiedersehen. Ich werde sofort die Scheidung einreichen.«

Lydia fuhr noch immer. Schweigend hatte sie zugehört. Da verfinsterte sich schlagartig ihr Gesicht.

»So«, zischte sie ihn an. »Und du glaubst, ich mache da mit? Da bist du aber auf dem Holzwege, Lester! Mitgehangen, mitgefangen! O nein, so nicht. Wenn ich mich scheiden lasse, bevor ich richtig mit dir verheiratet bin, wird Vater mich enterben. O nein, du wirst hübsch mitmachen. Umsonst habe ich mich nicht die ganze Zeit mit dir langweiligem Patron abgegeben. Das ist jetzt die Summe der Rechnung.«

»Nein!«, sagte Lester.

Sie lachte hell auf. Jetzt hatte sie sich wieder gefangen.

»Und?«, höhnte sie. »Was willst du denn machen?«

»Für immer fortgehen, das werde ich tun.«

»So, vielleicht hast du noch gar nicht bemerkt, dass wir im Auto sitzen? Und dieses Auto fährt. Und wenn du mir jetzt nicht auf der Stelle schwörst, dass du mich kirchlich heiraten willst, dann fahre ich uns an einen Baum.«

Er wurde unwillkürlich weiß.

»Lydia, du bist ein Kind«, sagte er. »Wenn du nicht alles bekommst, dann wirst du starrköpfig.«

»O ja, ich werde starrköpfig! Und du fängst sofort an zu flennen!«

Die Straße ging jetzt durch den Wald. Sie fuhr Schlangenlinien, und ihm wurde richtig übel.

»Nicht einmal ein Held bist du«, lachte sie. »Jetzt hast du sogar Angst um dein Leben.«

»Lass das!«

»Ich lasse es erst sein, wenn du mir schwörst, Lester. Du wirst mich heiraten.«

»Nein.«

»Ich bringe dich um!«, schrie sie ihn an. »Bei Gott, ich bringe dich um! Auf der Stelle!«

»Dann wirst du als Mörderin verurteilt«, entgegnete er ruhig. Sein Puls jagte. Er wusste, dass er sie jetzt nicht reizen durfte; sie meinte es ernst. Ihr Gesicht wirkte kantig und entschlossen. Zum ersten Mal bekam sie ihren Willen nicht. So viel stand für sie auf dem Spiel. Wenn er sie im Stich ließ, dann würde ganz Berlin über sie lachen. Und noch mehr, der Vater würde es wahr machen; sie kannte ihn. Bis zu einem gewissen Grade konnte sie ihn reizen, aber dann blieb er hart.

Ihre Gedanken jagten sich. Wie in Trance saß sie da und hielt das Lenkrad. Jetzt musste ihr blitzschnell etwas einfallen, wie sie Lester an sich binden konnte - zumindest für die nächste Zeit.

Dann hatte sie eine Idee! Eine schreckliche Idee, aber typisch für sie. Wenn sie wütend wurde, dann ging sie mit dem Kopf durch die Wand.

»Gut«, sagte sie jetzt kalt. »Du willst es ja nicht anders. Ich habe dich gewarnt. Eine glänzende Zukunft hättest du von mir erhalten können, aber du weißt es ja besser. Also wirst du sterben. Und wenn du tot bist, dann bin ich deine Witwe. Ja, damit hast du wohl nicht gerechnet!«

»Und du kommst ins Zuchthaus«, antwortete er. Merkwürdig, er war ruhig - ganz ruhig.

Dann hörte er ihr wildes Lachen.

»Nein! Denn niemand wird je herausbekommen, dass es Mord war. So kurz vor der Hochzeit bringe ich doch nicht meinen Mann um! Die Straße macht gleich eine Kurve, und dahinter stehen hübsche, dicke Bäume, Lester. Ich werde den Wagen so lenken, dass er mit der rechten, also deiner Seite einen Baum streift. Du wirst auf der Stelle tot sein, und ich bleibe am Leben. Es war dann ein tragischer Unfall. Ich werde dich gründlich beweinen und dir ein pompöses Begräbnis zukommen lassen. O ja, ich weiß was sich als trauernde Witwe geziemt.«

»Lydia, du bist wahnsinnig!«

Jetzt packte ihn die Angst wirklich. Da war die Kurve! Er sah die Bäume. Eichen, uralte Eichen, mit mächtig dicken Stämmen, und dann streifte sein Blick Lydias Gesicht. Ihre Zähne fletschten ihn an, sie lachte metallisch auf.

»Gute Reise, Lester! Schick mir mal eine Karte, wenn es dort oben ein Postamt gibt ...«

Er hatte sich ins Lenkrad werfen, sie daran hindern wollen. Aber er saß wie gelähmt da. Der Baum kam auf ihn zu, immer schneller und schneller - jetzt war er riesenhaft, nahm die ganze Sichtbreite ein. Im nächsten Augenblick hörte er einen mörderischen Krach - und dann war alles dunkel. Pechschwarze Nacht umgab ihn. Er sah, hörte und fühlte nichts mehr.

Viele Wochen lag er bewusstlos in der Klinik. Viele Wochen lang war er nicht ansprechbar. Er rang um sein Leben, und nur seiner zähen Natur hatte er es zu verdanken, dass er die Krise überwand. Eines Tages öffnete er die Augen wieder. Er konnte nicht glauben, was er sah! Er war also nicht tot, er lebte!

Er lag auf seiner eigenen Station, als Patient.

»Na, hat man wieder Lebensmut?« Sein Chef stand am Fußende des Bettes.

»Wieso?«, fragte er und wollte ein wenig lachen, aber die Lippen versagten den Dienst. Es tat höllisch weh. Und jetzt bemerkte er auch den Verband. Wie einer Mumie hatte man ihm das Gesicht bandagiert.

»Was ist geschehen?«

»Sie können sich noch an den Unfall erinnern?«

»Ja.«

»Gott sei Dank. Wir dachten schon, Ihr Gehirn hätte darunter gelitten. Sie zusammenzuflicken, hat wirklich viel Zeit in Anspruch genommen. Es gibt fast nichts, was an Ihrem Körper nicht gebrochen war.«

Lester dachte: Ich bin also nicht tot. Lydia hat sich verrechnet. Ich lebe!

Das Gesicht seines Gegenüber war sehr ernst.

»Das beste wird wohl sein, ich sage Ihnen alles, Doktor Barten.«

»Gibt es denn etwas, das ich wissen müsste?«

»Ihre Frau ist tot. Verbrannt.«

Lester schloss für Augenblicke die Augen. Lydia war tot! Lydia, nicht er! Sie hatte ihn töten wollen und war selbst getötet worden. Lester dachte: Ich kann es nicht ertragen, wenn sie mich jetzt bemitleiden. Das geht über meine Kraft. Mit wenigen Worten berichtete er dem Chef, wie sich alles zugetragen hatte. Der schaute ihn entsetzt an.

»Warum haben Sie mir nichts gesagt?«, rief Barten. »Sie kannten Lydia doch auch?«

»Sie, Sie waren so glücklich«, murmelte sein Gegenüber. »Ich dachte, Sie würden es mir nicht glauben. Ich konnte es einfach nicht.«

»Was ist mit meinem Gesicht?«

»Fühlen Sie sich heute nicht schon geschlagen genug?«

»Die Wahrheit!«

»Ziemlich starke Verbrennungen. Wir haben Hautübertragungen vorgenommen. Aber einige böse Kratzer werden wohl für immer zurückbleiben.«

»Also - Entstellung?«

Der andere wich seinen Augen aus. Er konnte jetzt nichts mehr sagen.

»Danke«, würgte Lester hervor.

Niemals mehr sprachen sie darüber. Er ließ alles geduldig über sich ergehen. Und als er zum ersten Mal sein Gesicht im Spiegel sah, fühlte er eine entsetzliche Schwäche in sich. Lydia hatte ihn gezeichnet. Nicht nur im Herzen, sondern auch im Gesicht. Er empfand abgrundtiefen Hass gegen alle Frauen. Nie mehr würde er wieder einer glauben können.

Als die Wunden so weit verheilt waren, ließ er sich diesen Bart stehen. Er verdeckte vieles, aber nicht alles. Lester hatte jetzt ein interessantes Gesicht, aber er war tief im Herzen verwundet. Berlin war ihn für alle Zeiten verleidet. Er konnte hier nicht mehr atmen, würde in dieser Luft ersticken. Er musste fort.

Es war sein Chef, der ihm eines Tages die Anzeige von Dr. Sondberg zeigte.

»Ich kenne ihn persönlich. Wenn Sie einverstanden sind, will ich ihm gern schreiben.«

»Ich wäre Ihnen sehr dankbar dafür«, sagte Dr. Barten mit versagender Stimme.

So war er also nach Amrum gekommen, in die kleine Privatklinik für todkranke Kinder!

 

 

3

Die Klinik lag zwischen Nebel und Norddorf, zwei kleinen Fischerdörfern auf Amrum. Direkt am Meer. Alle Zimmer waren so gebaut, dass man von ihnen aus das Meer sehen konnte. Es war eine wunderschöne Klinik, ganz im ostfriesischen Stil erbaut, aber innen hochmodern. Zur Zeit befanden sich ungefähr fünfzig Kinder in der Klinik. Ein riesiger Park gehörte dazu, an dessen Ende das Haus der Verwaltung stand. Sie hatten aber in der Regel nur wenig damit zu tun. Die Fäden liefen sozusagen unsichtbar zwischen beiden Häusern hin und her! Am Ende des Parks zum Strand hinunter, aber hoch genug, dass es nicht vom Hochwasser gefährdet war, lag sein kleines Häuschen. Hierhin verkroch er sich, wenn ihn die Vergangenheit wieder einmal zu sehr plagte und er mit Gott und der Welt haderte. Sein Hass auf Frauen wurde hier noch bestärkt. Ja, er empfand sie als abstoßend, als gemein, so dass es ihm Mühe bereitete, sich mit ihnen zu unterhalten.

Natürlich erkannte er sofort die Wesensart der Schwestern und spürte auch deutlich, wie man Jagd auf ihn machte, nur um des Vergnügens willen. Und das stieß ihn so sehr ab.

Waren sie nicht alle wie Lydia?

Er zog sich wie eine Schnecke in ihr Haus zurück und hoffte nur, man würde ihn in Frieden lassen.

Ein halbes Jahr brauchte er, bis er endlich ganz in Frieden auf dieser Insel leben konnte. Und seither hatte er sie auch nicht mehr verlassen. Ja, und dann waren da die Kinder, die er leidenschaftlich liebte. Aber da waren wiederum deren Mütter, die wiederum sein Hassbild verstärkten.

Reich, und teilweise berühmt, hatten sie Kinder, die dem Tode näher standen als dem Leben. Aber in ihre vornehme Welt passte der Tod eben nicht. Man wollte mit ihm nichts zu tun haben; er störte, wenn man sich dem ausschweifenden Leben hingeben wollte. Und weil das eben so war, mussten diese Kinder aus diesem Rahmen entfernt werden.

Natürlich sollte es ihnen an nichts fehlen - im Gegenteil. Wenn man zu Bekannten sagte: »Meine kleine Tochter oder mein kleiner Sohn befindet sich zur Zeit bei Prof. Sondberg, dann wusste man, die Eltern taten wirklich alles für ihre Kinder. Denn die Klinik war sündhaft teuer. Und nur wirklich reiche Leute konnten es sich leisten, ihre schwerkranken Kinder hierhin abzuschieben.

Die Kinder hatten alles, bekamen alles. Jeder Wunsch wurde ihnen erfüllt. Aber das, was sie jetzt am meisten brauchten, Mutterliebe und Nestwärme, das hatten sie nicht. Und Lester Barten verfocht außerdem die Meinung, dass auch die Kinder, so klein sie auch oft noch waren, die Todesnähe spürten und Angst davor hatten, allein gelassen zu werden. Sie hatten einen Kampf zu kämpfen, der so aussichtslos war. Er war der Meinung: Wenn man offen mit den Kindern darüber reden würde, dann würde man ihnen das Sterben leichter machen. Aber davon durfte man nicht reden. Das war strengstens verboten. Die Angestellten dieser Klinik mussten optimistisch bleiben, bis zum letzten Augenblick. Und dabei fühlte Dr. Lester ganz deutlich, wie schwer es den Kindern fiel. Die Augen flehten ihn an. Durch ein Lächeln wollte er jedem einzelnen zeigen: Ich bin bei dir, ich weiß alles, aber ich verlasse dich nicht.

Die Mütter wurden meistens von den Vätern geschickt, um nach ihren Kindern zu sehen. Oder man rief sie, wenn man wusste, dass es dem Ende zuging. Aber oft dauerte eben dieser Kampf länger, als man vorausgesagt hatte. Und sogar diese Zeit wurde ihnen dann zu lang. Die Insel, das Gästehaus - es lag ja so einsam. Zwischen den Mahlzeiten blieb nur ein Besuch unten am Meer.

Und so flüchteten sie nach der nahen Insel Sylt oder nach Hamburg. Oft kam es vor, dass man sie telegrafisch zurückrief und dann alles schon vorbei war, wenn sie wieder ankamen.

Lange Zeit konnte Lester es einfach nicht verstehen, dass Mütter so sein konnten. Er verzweifelte daran, wäre fast daran zerbrochen - aber dann sah er eines Tages im Geiste Lydia und ihre ganze, snobistische Bekanntschaft vor sich. Er lernte Geduld, er lernte sich selbst wieder aufzurichten, und er lernte die Kinder verstehen. Seine ganze, grenzenlose Liebe gehörte diesen hilflosen Geschöpfen. Er opferte sich buchstäblich für sie auf. Alles, aber auch alles tat er für sie, um ihre Leiden zu lindern, um sie zu trösten und aufzuheitern. Er war mehr in der Klinik als in dem kleinen Häuschen. Obwohl sein Dienst gar nicht so lange war.

Er konnte nicht einfach die Tür hinter sich zumachen und sagen: Morgen bin ich wieder dran, jetzt gehe ich, wenn er wusste, dass da noch ein kleines verzweifeltes Mädchen war oder ein Junge, der gerade angekommen war und vor Heimweh nicht einschlafen konnte.

Manchmal war er drauf und dran, alles hinzuwerfen und fortzulaufen. Oft gab es Stunden, in denen er sich sagte: Ich kann das nicht mehr. Ich halte es nicht mehr aus. Die Augen der Kinder lassen mich nicht mehr los.

Aber immer wieder blieb er, kündigte nicht, weil er eines wusste: Wenn er ging, dann hatten die kleinen Patienten gar keinen Menschen mehr, zu dem sie ihre Not tragen konnten. Er war ihnen alles: Arzt, Freund, Spielgefährte, Vater und Mutter. Die Kinder liebten ihn. Professor Sondberg und sein Kollege staunten. Waren die Behandlungen noch so schmerzhaft, wenn Dr. Barten sie vornahm, dann lächelten die Kinder und weinten nicht. Er musste ihnen doch auch wehtun. Aber sie lächelten.

Wenn er die kleinen Krankenzimmer betrat, dann war er ein großer, tapsiger Bär, und so fühlte er sich auch - groß und unfertig, mit einem zerfurchten Gesicht. Aber die Kinder liebten ihn, und in ihrer Liebe war kein Falsch. Sie war rein und köstlich, so wie seine Mutter ihn geliebt hatte.

Nein, eine Frau konnte er nicht mehr lieben. Und weil das so war, blutete sein Herz ständig. Er sehnte sich ganz tief im Herzen verzweifelt nach dieser Liebe, nach einem Wesen, dem er sich auch anvertrauen konnte. So wie die Kinder mit ihren Kümmernissen zu ihm kamen, so suchte er nach einem Menschen, dem er vertrauen, den er grenzenlos lieben durfte und der auch grenzenlos lieben konnte.

Weil er machmal nicht damit fertig wurde, suchte er eines Tages seinen Kollegen auf. Georg Wallberg hatte sich gerade zur Ruhe begeben wollen, als es laut an seine Tür klopfte. Er öffnete.

»Darf man noch stören?«

»Nanu, bei diesem Wetter noch draußen? Der Sturm ist mal wieder ganz hübsch. Passen Sie nur auf, dass Sie nicht ins Meer gepustet werden!«

Er hatte nur gelächelt. Das Salz lag auf seinen Lippen und machte sie spröde. Georg war immer zu Scherzen aufgelegt, und er mochte ihn, wohl, weil er selbst so schwerfällig war. Er kam, um Trost zu finden. Wallberg war auch Arzt und fühlte sofort, dass der andere sprechen wollte. Jetzt war die Stunde gekommen.

»Nehmen Sie vor dem Feuer Platz! Werfen Sie noch ein paar Scheite nach! Ich mach uns inzwischen einen steifen Grog. Den kann man jetzt gut vertragen.«

Wenig später saßen sie nebeneinander vor dem Feuer. Alkohol löst die Zunge, und plötzlich erzählte Lester ihm alles. Der Augenblick war da, er musste einmal mit einem Menschen über alles reden, sonst würde er noch daran ersticken. Wallberg ließ ihn ausreden, ohne ihn zu unterbrechen. Nur das Glas füllte er nach. Er fühlte jetzt, wie zerbrechlich sein Freund war, wie empfindsam seine Seele. Hart hatte man ihn gebeutelt. Kein Wunder, dass er jetzt Abscheu gegenüber den Frauen empfand.

Die halbe Nacht saßen sie vor dem Feuer und sprachen miteinander. Das Meer färbte sich schon wieder grau, als er sich erhob. Sie hatten Bruderschaft getrunken. In dieser Nacht hatte eine herzliche Freundschaft begonnen.

»Wirf mich hinaus, damit du dir noch ein paar Minuten Schlaf einheimsen kannst!«

»Leg dich doch drüben aufs Sofa! Dann schlafen wir um die Wette.« Er hatte ihn angelächelt.

Seither waren sie Freunde. Und Georg fragte ihn vorläufig nie: »Fährst du mit nach Sylt oder Hamburg?« Eines Tages wird er es tun, sagte er sich. Erst müssen die Wunden verheilt sein.

 

 

4

Irgendein Geräusch hatte Lester aufgeweckt. Erschrocken hob er den Kopf. Aber die Station war noch immer totenstill. Er hatte also wieder an die Vergangenheit gedacht und alles um sich herum vergessen. Ein Blick auf seine Uhr sagte ihm, dass es schon vier Uhr war. Um sechs Uhr würde der tägliche Kleinkram wieder beginnen. Obwohl er nicht geschlafen hatte, fühlte er sich doch nicht müde. Er erhob sich und verließ sein Zimmer. Schwester Marge war sofort da und sah ihn groß an.

»Ist etwas?« Sie lächelte ihn mit ihren puppenhaften Augen hinreißend an.

»Nein«, sagte er und wich ihrem Blick aus. »Ich geh nur mal kurz nach Britta schauen.«

»Soll ich mitkommen?«

»Nein. Ich werde Sie schon rufen, wenn ich Sie brauche.« Alles war brüsk und kalt hervorgestoßen worden. Er konnte sich eben nicht verstellen. Ein anderer hätte es vielleicht übertüncht, Lester nicht. Sein Herz lag offen in den Augen, aber man sah nicht, wie sehr er noch litt. Man hielt ihn allmählich für hochmütig und arrogant.

Während er über den stillen Flur ging, musste er daran denken, dass er jetzt Witwer war. Komisch war das Leben schon.

Vorsichtig öffnete er die weißlackierte Tür. Wie er es erwartet hatte, lag die kleine Britta wach. Ihre großen, blauen Augen sahen ihn lächelnd an.

»Hallo, Lester«, sagte sie mit schwacher Stimme.

Britta war erst sieben Jahre alt. Sie hatten eines Tages Freundschaft geschlossen. Man verstand nicht, wieso er sich von diesem kleinen Mädchen einfach Lester nennen lassen konnte.

»Hallo, Mäuschen, wie geht es?«

»Gut«, sagte sie mit matter Stimme. »Ich kann nur nicht mehr schlafen.«

Details

Seiten
113
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930801
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495650
Schlagworte
tränen augen kindes

Autor

Zurück

Titel: Tränen in den Augen eines Kindes