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Revolver-Kid

2019 122 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Revolver-Kid

Copyright

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Revolver-Kid

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Es war ein Fehltritt, für den Kid Callogan, genannt Revolver-Kid, teuer bezahlte, er hatte Schmiere gestanden bei einem Überfall. Doch Sheriff Bennet glaubt daran, dass der junge Mann noch nicht verloren ist und bietet ihm eine Arbeit. Aber dann gerät der junge Mann unter falschen Verdacht, und er glaubt, die einzige Möglichkeit sich zu rehabilitieren, besteht darin, einen gefährlichen Auftrag auszuführen. Dabei kommt er mit seinen ehemaligen Kumpanen zusammen und muss sich entscheiden, ob er auf dem Pfad des Gesetzes bleibt.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Es begann mit Schüssen, Schreien und wirbelndem Hufschlag, der die Main Street von Silverstone hinwegfegte. Sam Larkins berüchtigte Bande hatte die Bank überfallen, den Kassierer schwer angeschossen und sechstausend Dollar geraubt. Danach verlor sich die Spur der Verbrecher in den glühenden Schluchten und Tälern der nahen San Andres Mountains. Das einzige Bandenmitglied, das den wutentbrannten Verfolgern in die Hände fiel, war ein etwa neunzehnjähriger blonder Bursche, der vor einiger Zeit bei einer Schießerei in der Gegend von Taos als »Revolver-Kid« bekannt geworden war. Sein Pferd war bei der Flucht aus der Stadt verwundet worden. Als dann der Braune plötzlich unter ihm zusammenbrach, bekam Kid seinen linken Fuß nicht mehr rechtzeitig aus dem Bügel. Beim Sturz verlor er seinen letzten Trumpf, sein Schießeisen.

Irgend jemand schrie kurz darauf: »Hängt ihn! Er soll baumeln!«

Es war fünf Stunden nach dem Überfall, als mehrere Männer aus Silverstone Kid Callogan auf den Rücken eines ungesattelten Pferdes hoben. Das Tier stand unter einer im sanften Wind schwankenden Schlinge.

Kids Hände waren auf den Rücken gefesselt. Das blonde Haar hing ihm schweißverklebt in die Stirn. Sein rechter Ärmel war zerfetzt und das tief geschnallte Coltholster auf seinem Oberschenkel leer. Er bat weder um sein Leben, noch jammerte oder fluchte er. Nur die blutig gebissene Unterlippe und das Flackern in seinen blauen Augen verrieten die Furcht.

Um ihn waren finstere, mitleidlose Männer. Ihr Gesetz war das Wort jenes Mannes, der nun im Schatten einer überhängenden Felswand lehnte und sich eine Zigarette anzündete.

Yance Colder.

Er war groß und schlank, sein Gesicht glattrasiert. Sogar in dem zerknitterten, vom Staub der Bergwildnis bedeckten Anzug wirkte er noch gepflegt. Seine Hände waren lang und schmal. Er glich einem Kartenhai, doch ihm gehörten die Silberminen, von denen die Stadt lebte.

Sein Leibwächter und Revolvermann Ron Roscoe hatte die Städter und Minenarbeiter auf die Spur der flüchtenden Banditen geführt. Keinem war es eingefallen, auf das Eintreffen des Sheriffs zu warten, der zum Zeitpunkt des Bankraubs außerhalb der Town zu tun hatte.

Roscoe war es nun auch, der sein Pferd neben den Gefangenen lenkte, um ihm das Seil überzustreifen. Zuvor blickte er Colder fragend an. Mit einem Nicken besiegelte Yance Colder das Todesurteil für Revolver-Kid Callogan.

Dann erst bequemte er sich, die angerauchte Zigarette aus dem Mund zu nehmen.

»Er bekommt nur, was er verdient!«, erklärte er mit einem Achselzucken.

Doch als »Colders Schießer«, wie Roscoe in Silverstone genannt wurde, nach dem geflochtenen Hanf griff, drang das metallische Schnappen eines Gewehrschlosses zwischen den Felsen und Kreosotbüschen hervor. Eine entschlossene Stimme drohte: »Und du bekommst eine Kugel, Roscoe, wenn du den Strick nicht sofort loslässt! Was der Junge verdient, bestimmt der Richter, niemand sonst!«

Die Köpfe der Lyncher flogen herum. Colder vergaß, die Zigarette in den Mund zurückzustecken. Ein untersetzter Mann mit wettergegerbtem Gesicht und silbergrauen Haaren ritt aus dem Schatten. Er trug einfache Viehzüchterkleidung. Der fünfzackige, von einem Ring umschlossene Stern an seiner ärmellosen Lederweste war staubbedeckt. Lässig lag die Winchester 73 vor ihm auf dem Texassattel. Im Gegensatz zu dieser Lässigkeit standen der harte Zug um seinen Mund und der kalte Zorn, der in seinen Augen funkelte.

Roscoe war wie erstarrt. Colder jedoch besann sich auf seine Rolle als Anführer. Seine sehnige Gestalt straffte sich. Er schnippte die Zigarette weg und löste sich von der Felswand.

»Sie kommen reichlich spät, Bennet«, sagte er kühl. »Zu spät, als dass Sie ein Recht hätten, sich noch einzumischen!«

Seine Worte waren eine Warnung, die Jeff Bennet nicht beeindruckte.

»Ich kann ja eine Bekanntmachung aushängen lassen, nach der es verboten ist, die Bank während der Abwesenheit des Sheriffs auszurauben«, spottete er grimmig. »Verdammt, Colder, Sie wissen genau, dass ich drüben bei den Farmern am Rio San Gabriel war, um die Steuern einzutreiben, die jedes Jahr um diese Zeit fällig sind. Auch Larkin muss, weiß der Teufel wie, Wind davon bekommen haben. Aber lassen wir das. Jedenfalls komme ich nicht zu spät, einen Mord zu verhindern.«

Die Haltung des um viele Jahre jüngeren Minenbesitzers versteifte sich. »Ich nenne es Gerechtigkeit üben!«, erwiderte er scharf.

Bennet spuckte aus. »Die Gerechtigkeit, für die ich kämpfe, sieht anders aus. Vergessen Sie nur nicht, dass ich meinen Stern nicht als Zierde mit mir herumschleppe!«

Colder lächelte undurchsichtig. »Niemand hindert Sie dran, ihn abzulegen und Ihres Weges zu reiten. Für heute wenigstens. Es könnte sonst recht gut sein, dass Sie ihn für immer los werden.«

»Darauf können Sie warten, bis Sie schwarz werden!«, knurrte Bennet heftig. »Wenn halb Silverstone nach Ihrer Pfeife tanzt, dann heißt das noch lange nicht, dass ich das auch tue.«

Seit Yance Colder die Silberminen um die Stadt aufgekauft hatte, war dieser Augenblick des Zusammenpralls vorgezeichnet gewesen. Colder war einer jener Männer, die felsenfest davon überzeugt waren, dass sich mit Geld und Macht die Welt regieren ließ. Jeff Bennet dagegen war ein Mann der Gesetzestreue und Menschlichkeit.

Solange es sich machen ließ, waren sich beide aus dem Weg gegangen. Bis jetzt.

Ein kurzes Aufglühen in Colders Augen verriet seinen Hass. Dann hatte er sich schon wieder unter Kontrolle. Er reagierte mit einem geringschätzigen Achselzucken.

»Die Zeit arbeitet gegen Sie, Bennet. Sie sind nicht mehr der Jüngste.« Und mit einem hämischen Lächeln fuhr er fort: »Früher hätten Sie vielleicht nicht den Fehler gemacht, sich von mir ablenken zu lassen. Roscoe hat nämlich inzwischen seine Kanone in der Hand, und die Mündung deutet haargenau auf Ihren Kopf.«

»Colders Schießer« war außerdem auf der vom Sheriff abgewandten Seite vom Pferd geglitten, so dass er das Tier zwischen sich und dem Sternträger hatte. Die scharfen Linien seines hageren Gesichts traten noch deutlicher als sonst hervor. Ein unheilvolles Glitzern war in seinen Augen. Der Minenbesitzer wartete jedoch vergeblich auf ein Anzeichen des Erschreckens auf Bennets wettergegerbter Miene. Stattdessen umspielte ein hartes Lächeln Bennets Mund.

»Roscoe ist hier wohl nicht so wichtig, Colder. Wenn er abdrückt, hab ich immer noch Zeit, den Finger zu krümmen. Wenn Sie Ihre Augen richtig aufsperren, dann brauchen Sie nicht mal zu raten, was denn geschieht.«

Er zog sein Pferd gerade so weit herum, dass Colder die Winchester zu sehen bekam, die noch immer auf Bennets Oberschenkeln lag. Der Stahllauf zeigte nun schräg nach vorn auf Colder, und Jeff Bennets Finger lag am Drücker. Unerschütterliche Entschlossenheit strahlte von der gedrungenen Gestalt des Sheriffs aus.

Colder wurde ein wenig blass. Die Sonne schien auf einmal heißer auf die Abhänge der San Andres Berge zu brennen. Die staubbedeckten, eben noch wütend entschlossenen Männer aus Silverstone standen reglos und beklommen um den Galgenbaum. Schweißbäche liefen über das Gesicht des jungen Gefangenen.

»An Ihrer Stelle«, meinte Bennet ruhig, aber mit eisigem Unterton, »würde ich dafür sorgen, dass Roscoe keinen Fehler macht. Verschwinden Sie mit Ihren Leuten! Larkin, diesen Oberhalunken, holt ja doch keiner mehr ein. Die Jagd ist vorbei.«

»Sie bluffen doch nur, Bennet!«

»Der Bursche da hat ein Recht auf eine faire Gerichtsverhandlung, gleich, was er verbrochen hat. Außerdem bin ich nicht gleich wie ein Verrückter losgeprescht, als ich von dem Überfall erfuhr. Ich hab mich in der Stadt zuvor noch umgehört. Es heißt, der Junge hat keinen Schuss abgefeuert. Die Bande hat ihn lediglich als Wachtposten vor der Bank eingeteilt.«

»Grund genug, ihn aufzuknüpfen!«, fauchte Colder.

»Für Sie vielleicht – nicht für das Gesetz.«

»Zur Hölle damit!«

»Dort werden Sie landen, wenn Roscoe nicht endlich seine Kanone verschwinden lässt!«, brummte Bennet. »Daran ändert auch Ihr dickes Bankkonto nichts, Colder. – Also?«

Die Hufe von Jeff Bennets Falben schaufelten wieder los. Langsam und entschlossen näherte sich der grauhaarige Sheriff dem Minenboss. Colder starrte wie gebannt auf die näher rückende Gewehrmündung. Zum ersten Mal erlebte er, wie seine Macht ins Wanken geriet. Die Sehnen auf den Rücken seiner Fäuste traten hervor. Dann lachte er. Es klang schrill und gekünstelt.

»Das wär’ ja noch schöner, wenn wir wegen dieser lausigen Ratte eine Schießerei anzettelten! Was, Ron? Steck dein Eisen weg. Bleibt ruhig, Leute! – Ich schenk’ Ihnen den Bastard, Sheriff. Aber kein Wort von dem, was hier gesprochen wurde, ist vergessen. Irgendwann, Bennet, werde ich Ihnen die Rechnung dafür präsentieren.«

Bennets Winchester bewegte sich mit Colder, als dieser zu seinem Pferd ging und sich geschmeidig in den Sattel schwang. Dabei glitt Colders Anzugjacke über den mit Elfenbeinschalen ausgelegten Revolverkolben zurück. Der Gedanke, dass Colder es vielleicht gar nicht nötig hatte, sich hinter einem Leibwächter zu verschanzen, schoss Jeff Bennet durch den Kopf. Aber er wusste ohnehin, dass er von nun an auf der Hut sein musste. Er behielt das Gewehr im Anschlag, bis er mit dem gefesselten jungen Banditen allein war.

Bis zuletzt hatte der Bursche das Geschehen mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt. Noch immer glänzte ein Netz von Schweißperlen auf seinem bleichen Gesicht. Aber das Flackern in seinen Augen erlosch. Bennet lauschte dem verebbenden Hufgetrappel, ehe er sich an ihn wandte.

»Wie heißt du?«

»Kid Callogan. Man nennt mich Revolver-Kid. Und wenn du jetzt erwartest, dass ich dir vor lauter Dankbarkeit um den Hals falle, dann irrst du dich gewaltig, Mister!«

 

 

2

Eine Woche nach der Urteilsverkündung hockte Kid Callogan in einer der ausbruchsicheren Zellen des State Prison von New Mexico, hundert Meilen entfernt von Silverstone und den San Andres Mountains. Wie ein eingesperrtes wildes Tier, dachte der Besucher betroffen, dem ein uniformierter Wärter eben die eisenbeschlagene Tür aufschloss.

Bereits beim ersten Geräusch war Callogan von der mit Ketten an der Mauer befestigten Holzpritsche hochgezuckt. Nun kauerte er dort wie zum Sprung geduckt, ein wildes Feuer in den Augen, das sich langsam verlor, als er den Mann auf der Schwelle erkannte.

Den schweren Dienstrevolver in der Faust des Wärters beachtete er nicht. Ein rissiges Lächeln geisterte über sein abgemagertes Gesicht.

»Hi, Sheriff!« Er lachte heiser. »Was hast du denn ausgefressen, dass sie dich ins Loch stecken? Hat Colder sich was Feines ausgedacht?« Mit einem erneuten Lachen legte er sich auf die Pritsche zurück, verschränkte die Hände im Nacken und starrte zur Decke empor.

Ein winziges vergittertes Fenster erhellte den kahlen Raum. Der Rest der Einrichtung bestand aus einem Tisch, einem wackligen Stuhl und dem Latrinenkübel.

Jeff Bennet wischte sich den Schweiß von der Stirn, obwohl von der Gluthitze, die draußen über den Dächern flimmerte, innerhalb der massiven Mauern nichts zu spüren war.

»Schließen Sie hinter mir ab«, sagte er zu dem Wärter. »Ich melde mich schon, wenn ich wieder raus will.«

»Ich würd’ mir das nochmals überlegen, Sheriff«, meinte der bullige Aufpasser warnend. »Der Junge ist wild wie ein Puma.«

»Schon gut«, winkte Bennet ab. Achselzuckend zog der Wächter die Tür zu. Das Knirschen des Schlüssels war ein bedrohliches und irgendwie endgültiges Geräusch.

Beklommen schaute Bennet auf die im Sträflingsanzug noch schmaler und jungenhafter wirkende Gestalt des Gefangenen. Mit dem Instinkt, den er sich in den langen Jahren als Gesetzeshüter erworben hatte, witterte er förmlich die Ausdünstung von Angst vor dem langsamen Dahinsiechen, die in diesen Mauern nistete. Ein Mann des Sattels musste sich hier drinnen lebendig begraben fühlen.

»Okay, Sheriff«, sagte Kid nach einer Weile mit erzwungener Gelassenheit. »Was verschafft mir die Ehre deines Besuchs? Schieß los, Mann! Wenn du nur hier bist, um nachzusehen, wie’s mir geht, dann weißt du’s ja: prächtig!«

Bennet schluckte, ehe er den engen Raum durchquerte. Neben dem jungen Mann blieb er stehen.

»Ich bring’ Neuigkeiten, Kid.«

»Alles, was mich interessiert, ist, wie ich hier ’rauskomme.« Kid wandte langsam den Kopf. Lächelnd sah er zu dem mehr als dreißig Jahre älteren Mann hoch. Es war ein hartes, verkniffenes Lächeln. Seine blauen Augen funkelten. »Ich weiß auch schon, wie!«, fügte er mit leisem Lachen hinzu. Im nächsten Moment sauste er mit einer Wildheit und Schnelligkeit hoch, die vielleicht sogar noch einen Puma übertraf. Wie hingezaubert blinkte ein Messer in seiner rechten Faust. Er wollte Bennet herumreißen, ihm die Klinge an die Kehle zu setzen.

Doch so schwerfällig der Sheriff eben noch gewirkt hatte, er war bereit. Seine Reaktion kam gedankenschnell. Ein blitzartiges Wegtauchen, dann ein von der Hüfte hochgerissener Schwinger, der knapp an Kids Messer vorbeiwischte und den Jungen mit solcher Wucht an die Wand schleuderte, das er halb an ihr niederrutschte. Mit einem dumpfen Schrei stieß der Gefangene sich ab und hechtete auf die nun am Boden liegende Klinge.

Bennet stellte den Stiefel darauf, bevor er zupacken konnte.

»Weiß der Teufel, woher du das Ding hast. Immerhin beweist es, dass du dich bereits eingelebt hast!«, stellte er trocken fest.

Keuchend kniete Kid vor ihm. Seine Fäuste waren geballt, zum Zuschlagen bereit, als Bennet sich bückte, ihn hochzog und festhielt. Der Blick des Sheriffs bohrte sich in die flackernden Augen des jungen Banditen.

»Du brauchst keine Waffe, um hier herauszukommen«, sagte Jeff Bennet ruhig.

»Du willst mich verschaukeln!«, keuchte Kid. »Warum, zum Teufel, rufst du nicht den Wärter?«

»Er würde nur stören bei dem, was ich mit dir zu besprechen hab. Setz dich und hör mir zu!«

Er ließ Kid los. Der Junge wich sofort zurück. Seine Brust hob und senkte sich heftig. »Verdammt will ich sein, wenn ich mich von dir ’rumkommandieren lasse, Sternträger! Genügt’s dir nicht, dass du mich hierher gebracht hast?«

»Wenn du hier wegkommen willst, solltest du dich dran gewöhnen, dass ich der Boss bin, mein Junge.«

»Ich bin nicht dein Junge, verdammt noch mal!« Aber Kids Ton klang jetzt weniger hitzig.

»Du machst es einem wirklich nicht leicht, Kid«, lächelte Bennet düster. »Aber schön, ich versteh’ dich. Ich hab nochmal mit dem Richter gesprochen, nachdem feststand, dass du in Silverstone nichts weiter getan hast, als auf die Gäule deiner Kumpane aufzupassen. Well, er ist bereit, die Strafe zur Bewährung auszusetzen – unter gewissen Bedingungen …«

Kid duckte sich. Er konnte das Aufleuchten einer geradezu verzweifelten Hoffnung in seinen Augen nicht ganz verbergen. Um so heftiger stieß er hervor: »Ich pfeif drauf!«

»Das kannst du immer noch, wenn du mich angehört hast.«

»Mit deinen schlauen Sprüchen fällst du mir allmählich auf die Nerven, Mann!«

»Du mir nicht weniger!«, grinste Bennet hart. Da entspannte sich der junge Bandit und setzte sich auf die Kante der Pritsche.

»Lass hören, Sternträger!«

»Der Richter will dich freilassen, Kid, wenn ein Mann die Bürgschaft dafür übernimmt, dass du von nun an ein, na ja, ordentliches Leben führst und nicht mehr mit dem Revolver auf alle Welt losgehst.«

Kid Callogans Miene wurde starr. Mit einem seltsamen Glitzern in den Augen schaute er den Sheriff an.

»Der Mann, der sich die Verantwortung mit mir aufladen will, bist natürlich du, Bennet. Stimmt’s?«

»Überleg’s dir trotzdem.«

Kid verzog die Mundwinkel. »Du hast sicher nicht vor, mich in Silverstone zu deinem Deputy zu ernennen, Bennet.«

»Ich hab vor, mich zur Ruhe zu setzen, wenn meine Amtszeit ’rum ist«, erklärte der Sheriff sachlich. »Wie Colder gesagt hat: Ich bin nicht mehr der Jüngste. Deshalb hab ich mir von meinen Ersparnissen in der Nähe von Silverstone eine kleine Ranch gekauft. Solange ich den Stern noch trage, hab ich nicht viel Zeit, da draußen für Ordnung zu sorgen. Also bin ich auf der Suche nach einem Burschen, der was von Pferden, Rindern und Lassoarbeit versteht.«

»Da bist du bei mir an einer verdammt falschen Adresse!«, antwortete der Junge mit hartem Auflachen.

Doch Bennet hatte sich mit Geduld gewappnet. Von Anfang an war ihm klar gewesen, dass es nicht leicht sein würde. Ruhig schüttelte er den Kopf.

»Es gibt nichts, was ein Junge in deinem Alter nicht im Handumdrehen lernen könnte. Außerdem weiß ich inzwischen, dass du auf einer Ranch groß geworden bist und sehr wohl mit Lasso und Brenneisen umgehen kannst. Larkin hat dich dann auf die schiefe Bahn gebracht. Er war der Einzige, der sich nach dem Tod deiner Eltern um dich kümmerte, als eure Ranch unter den Hammer kam. Aber Sam Larkin war der falsche Freund. Wohin sein Weg führt, weißt du inzwischen hoffentlich.«

»Gleich kommen mir die Tränen!«, knirschte Kid. Er stemmte sich hoch. Sein junges Gesicht wirkte noch immer versteinert, als er nahe an den Sheriff heranging. »Warum tust du das für mich, Bennet? Aus Mitleid? Dann geh zum Teufel! Ich brauch’ es nicht!«

Es war der Trotz des Verzweifelten. Der Zorn eines jungen Burschen, der zum Scheitern verurteilt schien, weil ein Schurke wie Sam Larkin es geschafft hatte, ihn in seine Abhängigkeit zu bringen und ihm einen Namen als Revolverschwinger anzuhängen. Bennet wandte sich der Tür zu. Dumpf klopften seine Tritte auf dem Zellenboden. Noch einmal drehte sich der grauhaarige Mann um.

»Ich kam her, dir ein Angebot zu machen. Es lautet: dreißig Dollar im Monat, dazu freie Kost und Logis für eine Menge knochenbrechender Arbeit. Zugegeben, das klingt nicht sehr verlockend. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Yance Colders Macht weit genug reicht, dafür zu sorgen, dass ich so schnell keinen anderen Mann für diesen Job auftreibe. All right, es ist dein gutes Recht, abzulehnen. Wenn du doch noch deine Meinung änderst, lass es mich wissen.«

Er hob eine Faust, um an die Tür zu schlagen und den Wärter zu rufen.

»Warte!«, stieß Kid hervor.

Bennets Miene verriet nicht, wie sehr er darauf gehofft hatte. Er wandte sich langsam um. »Wie gesagt, ich werde dir nichts schenken, Kid, wenn du zusagst. Ich könnte es mir auch gar nicht leisten.«

Der Junge lächelte rissig. »Schätze, schlimmer als hier kann’s auch nicht werden.«

 

 

3

Fünfzehn Monate lang schaffte es Kid Callogan, keinen Revolver anzufassen. Stattdessen zierten Lassonarben seine Hände. Wind und Wetter gerbten sein Gesicht. Die Sattelarbeit auf Bennets Weide stählte seinen Körper. Fünfzehn Monate lang kam er nur nach Silverstone, um die nötigen Einkäufe zu erledigen. Dabei widerstand er jedes Mal der Versuchung, sich im einzigen Saloon der Stadt mit Feuerwasser volllaufen zu lassen, wie es früher schon mal vorgekommen war. Denn inzwischen hatte er begriffen, was für ihn auf dem Spiel stand. Die Erinnerung an die Tage und Wochen, in denen er mit Sam Larkins Bande geritten war, begann allmählich zu verblassen.

Es war glutheißer Nachmittag, als Ron Roscoe an der Spitze eines Reiterpulks den Rand der Senke erreichte, in der Kid dabei war, eins der Wasserlöcher auf Bennets Weideland vom Sand freizuschaufeln, den der Wind aus den Bergen herübergetragen hatte. Bennet, der diesen Abend auf seiner kleinen Ranch verbringen wollte, war gerade beschäftigt, einen Windschutz aus Stangen und geflochtenem Zweigwerk zu errichten. Er ließ sofort die kurzstielige Axt sinken, als die Reiter auftauchten.

Kid schaufelte jedoch verbissen weiter, als gäbe es nichts Wichtigeres für ihn. Er hatte sein Hemd ausgezogen. Sein drahtiger brauner Oberkörper glänzte vom Schweiß. Auch an diesem Tag trug er keinen Revolver. Bennet hatte seinen Waffengurt abgeschnallt und über den Sattel des Falben gehängt, der zusammen mit Kids Pinto unter einem schattigen Pecanbaum stand.

Roscoes Begleiter schwärmten aus, als sie den grasbewachsenen Hang herabritten. Sie waren zu sechst. Bis auf einen waren sie damals alle dabei gewesen, als Bennet die Lynchparty vereitelte. Dieser eine war ein hagerer, abgerissener Bursche, dessen Steckbrief unter vielen anderen in Jeff Bennets Office hing. Harry Stilwell, ein ehemaliger Rustler, der sich seit Langem der Larkin-Bande angeschlossen hatte. Er war der Einzige, der keine Waffe besaß. Die anderen hielten Gewehre vor sich auf den Sätteln. Großkalibrige Colts baumelten an ihren Hüften.

Ihr Schweigen, in dem es nur das Stampfen der Hufe gab, war eine deutliche Drohung. Bennet presste die Lippen zusammen. Er warf die Axt ins Gras und ging rasch auf den Tümpel zu, wo Kid, bis zu den Knien im Schlamm, noch immer arbeitete. Die Reiter waren schneller. Colders Schießer zügelte seinen Gaul so knapp vor dem jungen Mann, dass der Atem des Tiers in Kids verschwitztes Gesicht blies. Roscoe schob grinsend die Mündung seines Remington-Gewehrs am Hals des Pferdes vorbei.

»Feierabend, Callogan – für immer!«, höhnte er. »Daran ändert diesmal auch dein Freund Bennet nichts. Diesmal, Kid, baumelst du! Und der Mann, der dich die Stufen zum Galgen hinaufführt, wird Bennet sein – vorausgesetzt, er hat genug Mumm, seinen Stern zu behalten und seine Pflicht zu tun!«

Reiter umkreisten das Wasserloch. Die heißen, schweißfeuchten Tierleiber versperrten dem Sheriff den Weg. Kid hob den Kopf und packte die Schaufel fester.

»Wenn du Streit suchst, Roscoe, kannst du ihn haben!«

»Ich such’ keinen Streit, sondern einen verdammten Mörder, nämlich den Bastard, der einen von Mister Colders Transportfahrern in die Hölle befördert hat. Weiß der Henker, ich schätze, ich hab ihn gefunden.«

Kid duckte sich. Sein Blick jagte wild in die Runde.

»Du bist verrückt, Mann!«

»Nein, Kleiner!«, murmelte der Revolverschwinger gepresst. »Verrückt war’s von dir, mit deinem alten Kumpel Sam Larkin wieder mal gemeinsame Sache zu machen und dich darauf zu verlassen, dass dein Freund, der Sheriff, schon nichts gegen dich unternehmen wird.«

»Vergaloppier’ dich bloß nicht, Roscoe!«, rief Bennet zornig. »Was, zum Teufel, ist eigentlich geschehen?«

»Das will ich dir gern sagen, Bennet«, erklärte Roscoe, ohne den Blick von Kid und den Finger vom Abzug zu nehmen. »Larkins Galgenvögel sind wieder im County. Das ist nun schon das zweite Mal, dass Colders Silbertransport nach Socorro umkehren musste, weil diese Halsabschneider versuchten, sich das Zeug zu schnappen. Ein Toter, ein Verwundeter, und der Wagen mit den Silberbarren steht wieder in Colders Depot in Silverstone! Feine Rechnung, was? Sie spricht nicht gerade für deine Tüchtigkeit als Sternträger.«

»Du vergisst, dass außerhalb der Countygrenze mein Stern nichts gilt«, erwiderte Bennet hart. »Außerdem hat dein Boss bisher jede Hilfe strikt abgelehnt. Seine Rede war immer, dass er ja dich dafür bezahlt, alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Nun, ich bin kein Mann, der sich aufdrängt.«

Ron Roscoe grinste gehässig. »Streiten wir uns nicht. Sei froh, dass wir dir die Arbeit abnehmen. Wenn’s sein muss, schaffen wir diesen Kerl auch ohne dich ins Jail und vor den Richter. Dann kannst du dir inzwischen überlegen, Bennet, ob du den Stern noch behalten oder dich doch lieber nur mehr deiner Ranch widmen willst. Einen Dummen, der hier draußen die Drecksarbeit für dich erledigt, hast du ja dann nicht mehr.«

Er lachte höhnisch. Bennet zwängte sich an den Reitern vorbei zum Rand des Tümpels. Er starrte Roscoe furchtlos an. »Wenn es wirklich einen Überfall gab, dann ist deine Rechnung, dass Kid damit zu tun hat, zu billig, Roscoe! Niemand, auch dein großer Boss nicht, wird Kid einen Strick draus drehen, dass er früher mal mit Larkins Bande geritten ist!«

»Den Strick hat er sich selber gedreht, mit der Kugel, die er auf Wess Harper abgefeuert hat, der Mistkerl!«

»Verdammt, nun langt’s aber!« Kid ließ die Schaufel fallen. Er sah aus, als würde er sich gleich auf den Reiter stürzen. Ein Lauern war in Roscoes Augen. Er zog sein Pferd ein paar Schritte vom Wasserloch zurück und winkte auch den anderen, zurückzuweichen.

Dann schob er sein Remington-Gewehr ins Sattelfutteral, senkte die Rechte auf den Kolben des tiefhängenden 44er Colts und raunte dem Kerl rechts von sich zu: »Gib ihm dein Eisen, Bill!«

Ein Revolver landete dicht vor Kid am Rand des schlammigen Tümpels. Mit glitzernden Augen beugte sich Roscoe im Sattel vor.

»Ich wollte schon immer gern wissen, ob du den Namen, den sie dir droben in Taos angehängt haben, auch wirklich verdienst. Revolver-Kid. Klingt ja ziemlich gefährlich. Doch ich bezweifle, dass du’s auch bist! Okay, ich bin kein Sternträger. Wenn’s nach mir geht, brauchst du nicht am Strick zu baumeln. Ich kann dir deinen Lohn auch in Blei auszahlen. Du brauchst es nur zu versuchen, Junge.« Mit einer Kopfbewegung wies er auf die im Gras liegende Waffe. »Na los, zeig, was du kannst!«

Kids drahtige Gestalt spannte sich. Ein wildes Brennen war in seinen Augen.

»Lass dich nicht drauf ein!«, warnte Bennet heiser. Er war verzweifelt, weil er keine Waffe besaß, um einzugreifen.

Roscoe hatte wieder mal die richtigen Burschen dabei. Kerle, denen sein Stern wenig oder überhaupt nicht imponierte, solange Big Boss Colder genug Dollars springen ließ.

»Das Ganze ist ein Komplott, Kid!«, rief Bennet. »Roscoe und Colder wollen sich für die Niederlage von damals rächen und alles zerstören, was wir aufgebaut haben. Aber damit kommst du nicht durch, Roscoe! Verschwinde!«

»Nur mit ihm! Verdammt, Bennet, hast du noch immer nicht kapiert, dass du dich für einen verfluchten Mörder einsetzt?«

»Das ist nicht wahr! Kid hat Larkin seit mehr als fünfzehn Monaten nicht mehr gesehen. Seit vier Tagen hat er die Ranch nicht mehr verlassen.«

Roscoe lache spöttisch. »Und das glaubst du! Woher willst du’s denn wissen, he? Du hast doch die meiste Zeit in deinem Office in Silverstone gesessen. Erst vor ein paar Stunden bist du hier herausgeritten. Der Überfall, bei dem Harper ums Leben kam, geschah aber schon in der vergangenen Nacht. Legst du wirklich deine Hand dafür ins Feuer, Bennet, dass Kid während dieser Zeit brav in seinem Bett lag? «

»Ja, das tu ich!«

Roscoe wandte halb den Kopf. »Okay, Stilwell, dann bist du dran!«

Der hagere Bandit wurde von zwei stämmigen Männern aus Silverstone flankiert. Ein unstetes Flimmern war in seinen Augen. Er blickte keinen an.

»Er war’s!«, krächzte er heiser. »Er hat die Kugel auf Harper abgefeuert. Ich hab’s genau gesehen. Ich war ja dicht neben ihm, als alles losging.«

»Harry, du verdammtes Schwein!«, schrie Kid mit schriller Stimme.

Stilwell duckte sich. »Hat doch keinen Zweck mehr, Junge, gib auf!«, murmelte er.

Kid atmete heftig. Sein Blick zuckte zwischen Stilwell, Roscoe und dem Revolver hin und her, der nach wie vor am Rand der Wasserstelle lag. Roscoe beobachtete ihn unverwandt.

»Genügt dir das Bennet? Oder muss ich dir erst lang und breit erklären, dass Harry Stilwell mit von der Partie war, als Larkin den Überfall auf Colders Silberwagen steigen ließ? Als die Bande sich nach dem missglückten Coup trennte, hatte Stilwell das Pech, uns geradewegs in die Arme zu reiten. Nun weiß er, dass es für ihn um Kopf und Kragen geht und ihn nur noch die Wahrheit retten kann!«

»Er weiß es so gut«, knurrte Bennet, »dass er sicher bereit ist, jeden Meineid zu schwören, den du von ihm verlangst.«

»Hört euch das an!«, lachte der Revolvermann wütend. »Wir liefern ihm stichhaltige Beweise, aber nein, für ihn bleibt Callogan ein Unschuldsengel! Die Stadträte von Silverstone werden sich wundern, was für ’nen großartigen Sheriff sie bezahlen! Menschenskind, Bennet, was muss denn noch geschehen, dass dir die Augen aufgehen, was für ein Früchtchen du dir da unter dein Dach geholt hast? Wer, zum Teufel, glaubst du, hat Larkin denn überhaupt auf die Idee gebracht, es mit Colders Silbertransporten zu versuchen, he? Sag’s ihm, Stilwell, mach dein Maul auf!«

»Kid war’s!«, reagierte der Hagere wie einstudiert. »Er steht seit Langem wieder mit Larkin in Verbindung. Ich hab öfters den Boten gemacht.«

»Stilwell ist bereit, diese Aussage vor dem Richter zu beschwören, Bennet«, betonte Roscoe schneidend.

»Verfluchte Lüge!«, schrie Kid. »Das hat Colder, dieser Drecksack, sich ausgedacht! Dafür hol’ ich mir seinen Skalp!«

»Siehst du«, grinste Roscoe hämisch, »so kommen wir deinem wahren Gesicht schon näher, mein Junge! Du hast uns allen lange Zeit ein hübsches Theater vorgespielt. Doch nun wird sogar Bennet begreifen müssen, dass aus einem Wolf niemals ein zahmer Hofhund wird. Bill, Hank, schnappt ihn euch! Fesselt ihn! Joe, hol seinen Gaul her!«

Federnd ging Kid in die Knie. Er streckte eine Hand in Richtung des hingeworfenen Revolvers aus. »Bleibt, wo ihr seid!«, zischte er. »Kommt mir nicht zu nahe!«

Roscoe wirkte wie eine angespannte, im nächsten Moment zum Losschnellen bereite Stahlfeder. Die Männer trieben ihre Pferde ein Stück von ihm weg. »Mein Angebot, dir den Strick zu ersparen, gilt noch immer, Callogan«, sagte er leise und herausfordernd.

»Tu’s nicht, Kid!«, keuchte Bennet. »Auch wenn du schneller bist, wird Colder dafür sorgen, dass dich dieser Schuss wieder hinter die Mauern des State Prison bringt. Deswegen hat er Roscoe ja geschickt.«

»Bill, Hank, worauf wartet ihr?«, fauchte der Schießer. »Habt ihr etwa Angst vor dieser Ratte?«

Es waren die beiden stämmigen Typen neben Stilwell, die nun umständlich von den Pferden stiegen. Kid warf sich nach vorn. Er stützte sich, halb im Schlamm liegend, mit einer Hand auf. Mit der anderen packte er, schnell wie eine zustoßende Klapperschlange, den im Gras liegenden Revolver.

Ebenso blitzartig bekam Ron Roscoe seine Waffe heraus. Da war Jeff Bennet mit einem verzweifelten Satz neben dem ehemaligen jungen Banditen. Er sah keine andere Möglichkeit, den Schuss zu verhindern, als Kid den Stiefelabsatz mit voller Wucht gegen die Schläfe zu knallen. Ein dumpfer Schrei brach noch über Callogans Lippen. Er wurde herumgerissen, auf den Rücken

geworfen. Der Sechsschüsser entglitt ihm. Bennet war schon auf den Knien, griff zu und stieß die Waffe hoch.

Er starrte Roscoe an, dessen Colt bereits auf ihn wies. Bewusstlos lag Kid neben ihm. Bennets Gesicht wirkte wie von dunklen Rissen durchzogen. Schweißbäche sickerten über seine ledrigen Wangen.

»Du weißt hoffentlich, was dir blüht, Roscoe, wenn du auf einen Sheriff feuerst!«

Roscoes Miene war verkniffen. Hass glühte in seinen Augen.

»Du hast die längste Zeit den Stern getragen, Bennet! Ich werd’ dafür sorgen, dass bald ganz New Mexico weiß, dass du einem Mörder hilfst! Du …«

Das Krachen des Revolvers in Bennets Faust unterbrach ihn. Hank, der halb von seinem Pferd verdeckt, die Waffe gezogen hatte, stieß einen Schrei aus und presste seine Linke auf den blutenden rechten Arm. Der Colt lag zwischen seinen Füßen.

»Verschwinde, Roscoe!«, befahl Bennet mit steinernem Gesicht.

»Das wird dir noch leid tun, Bennet. Jeder in Silverstone wird erfahren, dass es deine Pflicht gewesen wäre, Kid Callogan zu verhaften, egal, wie du persönlich zu ihm stehst!«

Bennet riss sich mit der linken Hand das Abzeichen von der Lederweste und warf es vor die Hufe von Roscoes Pferd.

»Sag Colder, ich hol’ mir den Stern zurück, sobald ich bewiesen habe, dass Kid unschuldig ist. Bis jetzt hab ich dafür keinen Beweis. Aber ich traue ihm. Ich hatte mehr als ein Jahr Zeit, ihn kennenzulernen, und das wiegt mehr als jede Anschuldigung.«

»Wir haben Stilwell als Kronzeugen. Dagegen kommst du niemals an, Bennet!«, triumphierte der Revolvermann.

»Ich werde Larkin als Zeugen haben!«, entgegnete der Grauhaarige entschlossen.

 

 

4

Im Schutz der Dunkelheit erreichte der Reiter unbemerkt die Rückfront des doppelstöckigen Gebäudes, in dem Colders Office untergebracht war. Er ließ die Winchester im Scabbard, als er abstieg und das Pferd an einem Balken festleinte. Die Hufe des Tiers waren mit Tüchern umwickelt. Aber der raunende Wind, der Staubschleier aus der nahen Wüste herübertrug, verschluckte ohnedies jedes verräterische Geräusch. Der Mond schwamm hinter Wolken mit silbernen Rändern. Wie eine schwarz gezackte Mauer standen die San Andres Mountains südlich der Stadt. Lärmfetzen drangen aus dem Saloon. Es ging schon auf Mitternacht zu.

Der Mann huschte wie eine Raubkatze die steile Außentreppe hinauf. Licht brannte hinter einem Fenster. Die Vorhänge waren zugezogen. Eine nervige Hand probierte die Klinke. Die Tür war unverschlossen. Lautlos schwang sie nach innen auf. Die Flamme hinter dem Glaszylinder der Petroleumlampe, die über dem papierbeladenen Schreibtisch hing, blakte kurz. Dann klappte die Tür zu. Der Lauf eines Sixshooters schimmerte drohend.

Yance Colders Rechte erstarrte auf halbem Weg zur Hüfte, wo er den Revolver mit den Elfenbein-Griffschalen im Holster trug. Seine Schreibfeder hatte einen großen Klecks auf dem Papier vor ihm hinterlassen. Colders im ersten Schreck verzerrtes Gesicht glättete sich schnell. Er lehnte sich auf dem Stuhl zurück, legte die Hände auf die Tischplatte und versuchte sich so sicher zu geben, als brauchte er nur mit dem Finger zu schnippen, um den ungebetenen Gast los zu werden. Das verstrichene Jahr hatte ihm genügt, seine Stellung noch mehr auszubauen. Seitdem gab es kaum mehr ein Geschäft in Silverstone, in dem nicht Colders Geld steckte. Seine Wahl zum Bürgermeister stand bevor. Längst war er in der Town der ungekrönte König, dem nur einer widerstand: Bennet.

Colders Ton klang entsprechend selbstbewusst. Doch die Echtheit seines Lächelnd war so rissig, wie eine halb zersprungene Fensterscheibe.

»Hallo, Callogan! Reichlich spät für ’nen Besuch, findest du nicht?«

»Nicht zu spät, eine längst überfällige Rechnung zu begleichen!«, stieß Kid hervor. Sein junges Gesicht spiegelte den Aufruhr der in ihm tobenden Gefühle. Der dunkelbraune Büffelledergurt mit dem am rechten Oberschenkel festgebundenen Holster verstärkte noch den Hauch der Gefährlichkeit, der von ihm ausging. Jetzt war er nicht mehr Bennets Cowboy, sondern Revolver-Kid, der Schießer. Der dicke Teppich dämpfte seine Tritte, als er sich Colders Schreibtisch näherte.

Der elegant gekleidete Minenbesitzer bewegte sich nicht.

»Bennets Rechnung war also falsch, als er dachte, er könnte dich davon abbringen, jemals wieder mit dem Schießeisen zu spielen. Schade! Fünfzehn Monate lang hab ich geglaubt, ihr beide könntet es da draußen auf Bennets Ranch tatsächlich schaffen.«

»Hör auf!«, zischte Kid. »Lass Jeff Bennet aus diesem Spiel, du Bastard! Du weißt, warum ich hier bin. Du hast es so gewollt. Okay, die einzige Chance, die du jetzt noch hast, ist dein Eisen! Los, steh auf, du Hundesohn! Versuch’ es wenigstens!«

Colder rührte sich nicht. »Ich weiß, was auf Bennets Land geschehen ist. Wahrscheinlich glaubst du mir nicht, dass Ron Roscoe auf eigene Faust und ohne mein Wissen gehandelt hat.«

Kid lachte grell. »Nein, zum Teufel, diesen Bären kannst du mir wirklich nicht aufbinden!«

Colders Miene war eine glatte Maske. Er saß da wie ein gewiefter Pokerspieler, der sich von niemand in sein Blatt gucken ließ. Seine Stimme verriet keine Furcht vor der Waffe in Revolver-Kids Faust.

»Du könntest Bennet nichts Schlimmeres antun, als wenn du mich jetzt über den Haufen schießt, Kid. Dann war’ alles für ihn umsonst gewesen, auch, dass er jetzt seine Haut riskiert, um Larkin und seine Banditen zu erwischen.«

»Du kotzt mich an, Colder! Die ganze Zeit hast du doch nur auf die Gelegenheit gewartet, ihn fertig zu machen! Nun denkst du, du hast es geschafft. Möglich. Aber du wirst einen verdammt hohen Preis dafür bezahlen!«

Der Minenboss lachte gezwungen. »Du liebe Zeit, Kid, ich bin Geschäftsmann, und als solcher kann ich es mir gar nicht leisten, irgendwelchen Hassgefühlen nachzuhängen, wie Roscoe es vielleicht aus seinem verletzten Stolz heraus tut! – Für mich hängt zum Beispiel eine Menge davon ab, dass ich endlich wieder einen Silbertransport nach Socorro durchbringe. Ich kann schließlich nicht immer mehr Barren in meinem Depot hier in Silverstone stapeln. Ebenso könnte ich meine Minen stilllegen. Verdammt, Kid, mein Job ist es nun mal, Geld zu verdienen, um den Laden in Schwung zu halten. Wenn ich das nicht schaffe, kann ich abtreten!«

»Dafür genügt auch eine Unze Blei aus meinem Colt«, erklärte der junge Mann wild. Doch Colders Sicherheit war gewachsen, nachdem er Kid soweit gebracht hatte, ihm überhaupt zuzuhören.

»Ich versteh’ ja, dass du wütend bist, Junge. Aber eine Kugel bringt weder dich noch Bennet weiter. Im Gegenteil. Immerhin muss du zugeben, dass Rons Verdacht, nach allem, was früher mal war, nicht völlig abwegig war. Nein, zum Teufel, ich sag ja nicht, dass ich diesen Verdacht gutheiße. Aber Stilwells Aussage hätte dich ganz schön festgenagelt, das ist wohl klar. Fünfzehn Monate als fleißiger Cowboy genügen nun mal nicht als Beweis dafür, dass du mit deiner Vergangenheit gebrochen hast. Die Leute hier – und an denen kommst du nun mal nicht vorbei, Kid – die warten nur auf mehr, auf etwas Handgreifliches!«

»Vielleicht darauf, dass ich helfe, Ihre Silberladung nach Socorro zu schaffen, was?«, lachte Kid wütend.

Ein scharfer Glanz erschien in Colders Augen, während sein Gesicht maskenhaft starr blieb. »Warum nicht? Ich bin überzeugt, dass würde ein für allemal klare Fronten schaffen – zu deinen Gunsten.«

Sekundenlang starrte Callogan ihn überrascht an. Sein Colt sank langsam herab, aber er halfterte die Waffe nicht. Sein hartes Auflachen füllte den matt erhellten Raum.

»Von dir könnte sogar Larkin noch was lernen. Du bist der gerissenste Bastard, der mir je begegnet ist.«

Lächelnd breitete Yance Colder die Hände aus. »Wie gesagt, ich bin Geschäftsmann. Ich kann’s mir nicht leisten, den Menschenfreund zu spielen wie Bennet.«

»Es gehört zu deinem Job, die Leute übers Ohr zu hauen«, grinste Kid drohend. »Ich warne dich, Colder! Es ist sinnlos, Zeit zu schinden und darauf zu warten, dass Roscoe dir hilft!«

Der Minenbesitzer schüttelte den Kopf. »Für meine Sicherheit kann ich recht gut selbst sorgen.«

Eine schlenkernde Handbewegung genügte, um die kleine, doppelläufige Derringer-Pistole, die von einer Stahlfeder in seinem rechten Ärmel festgehalten wurde, in die Finger schnellen zu lassen. Kid brachte im selben Moment seinen Revolver hoch. Aber Colder zeigte sich davon nicht beeindruckt.

»Wir hätten beide nichts davon, wenn wir uns jetzt gegenseitig in die Hölle befördern.« Achtlos warf er die Waffe auf den Tisch. Dann stand er auf, holte eine Flasche und Gläser aus einem mit Schnitzereien verzierten Wandschrank und goss zwei Drinks ein.

Kid reagierte nicht auf seine einladende Geste. Die Knöchel seiner Faust, die den Sechsschüsser umspannte, schimmerten hell. Colder tat, als existierte die Waffe nicht. Er trank. Sein Blick war abschätzend auf den jungen Mann gerichtet.

»Es sind zwei Wagenladungen Silber, die bis Monatsende in Socorro sein müssen. Okay, ich hätte Bennet vielleicht schon früher um Unterstützung angehen müssen, aber ich halt nun mal nicht viel davon, mich hinter dem Gesetz zu verstecken. Außerdem ist Bennet ja nun nicht mehr hier. Dieser verrückte Hombre setzt seinen Skalp aufs Spiel, um Beweise zu liefern, die du viel einfacher erbringen kannst.«

»Verdammt will ich sein, wenn ich einen Finger dafür rühre, dass du für dein Silber einen Haufen Dollars kassierst!«

»Dein Fehler ist, dass du zu vorschnell urteilst, Kid«, erwiderte der Minenboss gelassen. »Vor lauter Empörung übersiehst du das Geschäft, das ich dir biete. Denk nach, Junge. Gibt es denn eine bessere Gelegenheit, aller Welt endgültig zu beweisen, dass du nichts mehr mit Larkins Bande oder irgendwelchen anderen Beutejägern zu schaffen hast? Außerdem ist es die einzige Chance, Bennet auf seinem Selbstmörder-Trail zu stoppen. – Nun, und dann sind da auch noch die fünfhundert Dollar, die du als Prämie erhältst, wenn das Silber unbehelligt in Socorro landet.«

»Du übst dich ja doch als Menschenfreund!«, spottete Kid.

Yance Colder füllte sein Glas neu. »Du kennst erst die eine Hälfte meines Angebots, natürlich die bessere. Ich bin kein Greenhorn, das fünfhundert Dollar für eine Spazierfahrt ausspuckt. Du wirst dir dieses Geld und die Chance, von nun an als unbescholtener Bürger leben zu können, sauer verdienen müssen. Ich will dir nichts vormachen, Kid. Die Kerle, die vorige Nacht den Transport angriffen, haben meiner Meinung nach noch lange nicht aufgegeben. Die wissen genau, dass sie für alle Zeiten ausgesorgt haben, wenn Sie’s beim nächsten Mal schaffen. Ich halte jede Wette, dass der Wagenweg hinüber zum Rio Grande keine Stunde lang von diesen Burschen unbeobachtet bleibt.«

Er war an die Wand getreten, an der eine große Karte von New Mexico befestigt war. Mit dem Zeigefinger folgte er der erwähnten Strecke, die sich von den nördlichen Ausläufern der San Andres Mountains nach Westen schlängelte. Dann legte er die Hand auf das Gebiet im Norden. Es war jener wüstenhafte Landstrich, der von den Mexikanern bezeichnenderweise Jornada del Muerto – Straße des Todes – genannt wurde. Auf dieser Abzweigung eines alten spanischen Handelsweges bleichten noch immer die Skelette jener Unglücklichen, die es gewagt hatten, ihr Schicksal und die Wüste herauszufordern.

»Hier«, erklärte Colder mit Nachdruck, »liegt unsere Chance, Kid, die beiden Silberwagen durchzubringen. Quer durch die Wüste ist der Weg nach Socorro zwar am beschwerlichsten, aber auch am kürzesten. Und vor allem: hier liegen keine Banditen auf der Lauer, die es auf meine Frachtwagen abgesehen haben.«

Es dauerte eine Weile, bis Kid Callogan den Kopf schüttelte. »Es gibt Leute, die würden lieber in das Gewehrfeuer einer Bande Wegelagerer reiten als durch die Jornada del Muerto.«

Colder lächelte. »Du nicht, Kid! Ich weiß von Harry Stilwell, der sich immer noch in meinem Gewahrsam befindet, dass Larkin seine Verfolger mehrmals in jener Gegend abgehängt hat – gemeinsam mit dir. Stilwell hat erwähnt, dass du dort jede Wasserstelle und jedes Felsmassiv kennst. Ich hatte schon lange vor, diese Route für meine Silbertransporte zu wählen. Nur musste ich erst einen Mann finden, der sich dort auskennt. Well, nun hab ich ihn.«

Kid murmelte gepresst: »Du hast mir Roscoe also auf den Hals gehetzt, um mich zu diesem Höllenjob zu erpressen!«

»Wenn wir beide keinen Schlussstrich darunter ziehen, was war, kommen wir nie weiter«, wich Colder aus. »Ich hab mein Angebot gemacht. Nun liegt die Entscheidung bei dir.«

Kid zögerte. Es war ihm anzusehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Er war hergekommen, mit Yance Colder abzurechnen. Und nun das.

»Ich trau’ dir nicht, Colder. Irgendwas ist faul an der Sache.«

»Dann gute Nacht, Kid. Ich zwing dich zu nichts. Wenn’s dir gleich ist, dass Bennet seinen Skalp und seine Existenz für dich riskiert, wenn du denkst, dass du ihm nichts schuldest, well, dann geh nur. Keine Angst, ich hab schon vergessen, dass du mit dem Schießeisen in der Faust hier eingedrungen bist.«

Kid stand noch da, als der Minenboss sich setzte und in seinen Papieren herumkramte. Die Miene des jungen Blonden war verkrampft; Schweiß glänzte auf seiner Stirn. Nach ein paar Sekunden blickte Colder auf. Er runzelte die Stirn.

»Was gibt’s noch, Kid?«

»Ich will einen Vertrag!«, stieß der Junge hervor. »Ich bin dabei, sobald ich Ihre Unterschrift auf einem Blatt Papier habe.«

»Das lässt sich machen«, nickte Colder gespielt gleichmütig. »Setz dich, trink! Ich glaube, du hast’s nötig.«

Details

Seiten
122
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930771
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495645
Schlagworte
revolver-kid

Autor

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Titel: Revolver-Kid