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Chaco #56: Die Rache der Comanchen

2019 135 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Rache der Comanchen

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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5

6

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Die Rache der Comanchen

Chaco #56

Western von Joachim Honnef

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

 

Auf seinem Weg zur W-im-Kreis Ranch hört Chaco, das Halbblut, Schüsse. Gewehre, mindestens ein Dutzend, registriert er und reitet den felsigen Pfad hinauf auf ein Plateau. Dann sieht er auch schon die Kutsche, die mit einem wahnwitzigen Tempo in die Kurve jagt. Sekunden später macht er bereits die Verfolger aus – Comanchen! Mit ein paar gezielten Schüssen sorgt Chaco dafür, dass sich die Angreifer zurückziehen. Doch er ahnt, dass das nicht die letzte Begegnung mit den Indianern sein wird, denn sie befinden sich auf dem Kriegspfad …

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Chaco — Nimmt eine Einladung an und ahnt nicht, dass der Tod sich ebenfalls angesagt hat.

Tom Jackson — Der Spieler hat nicht nur Glück mit den Karten. Aber er weiß, wann eine Partie verloren ist.

Lucille Carter — Die heißblütige Frau mag Gewinner und setzt alles daran, einen gegen den anderen auszuspielen.

George McAllister — Der junge Mann hasst Indianer. Auch er ist ein Spieler — mit Menschenleben ...

Jose Ortega — Der Comanchero handelt mit dem Tod. In seinem Gewerbe kann es verhängnisvoll sein, die „Kunden“ zu verärgern ...

 

 

1

Chaco hörte die Schüsse und zügelte den Morgan-Hengst.

Heiß brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Das Halbblut wischte sich mit dem Halstuch Schweiß und Staub aus dem Gesicht und lauschte. Die Schüsse fielen im Nordosten. Gewehre, registrierte Chaco. Mindestens ein Dutzend. Und das Knallen wurde lauter, kam näher.

Chaco spähte aus engen Augen über das Land. Sein Blick tastete die Felsenwildnis ab, doch er konnte nichts entdecken.

Er trieb den Hengst mit leichtem Schenkeldruck an und ritt den felsigen Pfad hinauf auf ein Plateau. Dann sah er die Kutsche. Sie tauchte hinter der Biegung eines Canyons auf. In einem Höllentempo, als wären die Pferde durchgegangen. Doch dann sah Chaco, wie der Kutscher mit der Peitsche auf die Gespannpferde einhieb. Der Begleitfahrer feuerte mit einem Gewehr. Auch aus den Fenstern der Kutsche wurde geschossen. Das Rumpeln der Kutsche, der Hufschlag und das Peitschen der Schüsse klang aus der Ferne seltsam gedämpft zu Chaco herauf.

Chacos Blick folgte dem Wagenweg. Der Trail beschrieb unterhalb des Plateaus eine Kurve und führte nach Süden aus dem Felsland hinaus in die Ebene. Chaco saß ab, zog die Winchester aus dem Sattelholster und ging zum Rand des Plateaus, wo er sich niederlegte.

Die Kutsche musste in ein paar Minuten keine fünfzig Yard entfernt unterhalb des Plateaus vorbeikommen.

Ein Logenplatz, dachte Chaco.

Er brauchte nicht lange zu warten, bis die Verfolger der Kutsche auftauchten. Reiter galoppierten um die Biegung des Canyons.

Indianer! Comanchen!

Die grelle Kriegsbemalung leuchtete auf ihren bronzefarbenen, nackten Oberkörpern. Kehlige Schreie wurden vom Krachen der Waffen fast verschluckt.

Chaco versuchte, die Comanchen zu zählen. Immer mehr tauchten im Canyon auf. Es waren über zwei Dutzend Krieger. Und kaum einer, der nicht mit einem Gewehr bewaffnet war. Sonnenstrahlen brachen sich auf den Läufen neuer Winchesters. Der Reiter an der Spitze des Trupps saß auf einem schwarzen Pony. Er trug einen prächtigen Federschmuck. Auch die Lanze in seiner Rechten war mit Federn geschmückt. Es war offensichtlich der Anführer.

Die Entfernung war noch zu groß für einen sicheren Treffer, doch sowohl die Männer der Kutsche als auch die Indianer feuerten unablässig.

Munitionsverschwendung, dachte Chaco. Er hebelte eine Patrone in die Kammer der Winchester und wartete ab.

Die Kutsche raste durch den Canyon.

Jetzt konnte Chaco schon mehr Einzelheiten erkennen. Der Kutscher, ein breitschultriger Mann mit einem grauen Bart ließ die Peitsche knallen und brüllte auf das Gespann ein. Der Begleitfahrer hatte seinen Hut verloren. Rötliches Haar schimmerte in der Sonne. Der Mann stemmte sich gegen das Fußbrett unterhalb des Sitzes, der Lauf seines Gewehrs lag auf dem Wagendach auf.

Die Comanchen hatten aufgeholt. Unaufhaltsam rückten sie näher.

Der Begleitfahrer traf eines der Ponys neben dem Anführer. Es brach zusammen, und sein Reiter stürzte zu Boden. Er verschwand unter den Hufen der nachfolgenden Pferde.

Die kehligen Schreie schwollen an, übertönten für einen Augenblick das Donnern der Hufe, das Krachen der Waffen. Der Begleitfahrer zuckte zusammen, schien auf dem Wagenbock zu wachsen, dann fiel das Gewehr aus seinen kraftlosen Händen, und der Mann fiel. Er überschlug sich ein paarmal, wirbelte wie eine Stoffpuppe über den felsigen Boden, bis er verkrümmt liegenblieb.

Die Comanchen ritten in vollem Galopp über ihn hinweg, und für einen Augenblick steigerten sich ihre gutturalen Schreie zu einem triumphalen Geheul.

Die Kutsche raste in wahnwitzigem Tempo in die Kurve unterhalb des Plateaus. Der Wagen schlingerte, sekundenlang nur auf zwei Rädern, dicht an den Felsbrocken vorbei, die sich am Rande des Wagenwegs türmten, doch dann war die Kurve geschafft.

Und in diesem Augenblick geschah es.

Das linke vordere Gespannpferd brach zusammen. Einer der Comanchen-Krieger hatte das Tier in den Kopf getroffen. Ein gewaltiger Ruck ging durch das Geschirr. Die Fahrt der Kutsche wurde abrupt gebremst, als sei sie gegen ein Hindernis geprallt. Der Kutscher verlor die Kontrolle. Das rechte Gespannpferd wollte erschrocken zur Seite ausbrechen. Die Kutsche kam vom Weg ab.

Ein Rad krachte gegen einen Felsbrocken und brach. Die Kutsche rutschte noch, vom Schub vorwärts gedrückt, ein Stück weiter, neigte sich und donnerte gegen einen Felsen, bevor sie schräg hängenblieb. Der Kutscher stürzte vom Bock oder sprang hinab, genau konnte Chaco das nicht erkennen, denn alles spielte sich in Sekundenschnelle ab.

Die Pferde bäumten sich in Panik im Geschirr auf. Die Kutsche ruckte auf und ab, aber das Gewicht des toten Pferdes und der Kutsche verhinderte, dass sie von der Stelle kamen.

Schüsse peitschten in schneller Folge. Das Echo hallte von den Felsen wider. Ein wahrer Kugelhagel raste auf die Kutsche zu. Etwa die Hälfte der Comanchenhorde zügelte die Ponys, die anderen preschten wild schreiend und schießend an der Kutsche vorbei. Zwei der Krieger stürzten getroffen von ihren Ponys. Einige schossen im Vorbeireiten durch das Fenster ins Innere der Kutsche. Dann war der Trupp vorbei.

Nach etwa dreißig Yards parierten die Comanchen ihre Ponys, zogen sie herum und hielten. Der Anführer war bei diesem Trupp. Er hob seine Hand und rief etwas. Eine Kugelsalve donnerte durch den Canyon. Die andere Comanchengruppe feuerte ebenfalls. Unzählige Geschosse bohrten sich in die Kutsche. Der Anführer gab ein Zeichen, und einige Krieger saßen ab und arbeiteten sich zu Fuß von der Seite her an die Kutsche heran.

Einen Moment lang herrschte Stille. Auch von der Kutsche aus fiel kein Schuss mehr.

Dann feuerte Chaco. Er traf zwei der Krieger, die auf die Kutsche zuschlichen. Das stoppte auch die anderen. Im nächsten Augenblick schwenkte der Lauf von Chacos Winchester zu dem Anführer herum. Chaco erschoss das Pferd des Comanchen. Der Indianer flog kopfüber auf den Felsboden. Chaco gab noch einen Schuss ab. Das Blei fetzte dicht neben dem federgeschmückten Kopf des Comanchen Splitter aus dem Boden. Der Querschläger traf das Pony eines Kriegers. Das verletzte Tier stieg in Panik auf die Hinterhand und warf seinen Reiter ab.

Die anderen Krieger hatten Mühe, ihre Tiere unter Kontrolle zu behalten.

Jetzt tauchten im Fenster der Kutsche Gesichter auf. Die Passagiere nutzten die Gunst des Augenblicks und feuerten auf die Comanchen. Das Chaos war perfekt.

Ein Krieger, der bis auf zehn Yards an die Kutsche herangekommen war, brach getroffen zusammen und fiel aufs Gesicht. Chaco schoss die Winchester leer, zog seinen Army Colt und feuerte weiter. Er wollte nicht töten, sondern die Comanchen entnerven. Und das gelang ihm.

Der Anführer sprang auf, sein Blick suchte den unerwartet aufgetauchten Feind auf dem Plateau, und dann zuckte er zusammen, denn Chaco schoss ihm eine Feder vom Kopf. Die Feder wirbelte durch die Luft und schwebte langsam zu Boden.

Einige Krieger schossen blindlings zu Chaco herauf, doch dann donnerten wieder die Waffen der Kutscheninsassen, und die Krieger erkannten, dass sie keine Chance mehr hatten. Sie hatten sich, in der Überzahl, sichere Beute erhofft. Chacos Eingreifen hatte das Blatt gewendet. Sie wussten nicht einmal, wie viele Gegner dort oben auf dem Plateau waren. Sie wussten nur, dass sie sich dort unten wie auf dem Präsentierteller befanden.

Chaco hätte sie der Reihe nach erschießen können, denn von seiner günstigen Position aus hatte er jeden im Blick. Doch er schoss nicht. Er wartete ab.

Der Anführer sprang zu einem reiterlosen Pferd, warf sich auf dessen Rücken und schrie etwas. Sofort trieben die Krieger ihre Ponys an und galoppierten davon.

Chaco lud mit ruhiger Hand die Winchester auf und beobachtete den Rückzug der Comanchen mit beinahe gelangweilter Miene. Es war kein geordneter Rückzug, sondern eine panische Flucht. Beide Trupps ritten nicht in entgegengesetzter Richtung davon, was vernünftiger gewesen wäre, sondern der Trupp mit dem Anführer galoppierte zu den anderen zurück und musste noch einmal an der Kutsche vorbei. Dabei nahmen sie die Verletzten mit. Aber weitere Krieger wurden von den wild schießenden Kutscheninsassen getroffen.

„Das ist doch nicht mehr nötig“, murmelte Chaco.

Als hätten die Passagiere der Kutsche seine Worte gehört, verstummten die Schüsse.

Einen Augenblick lang waren nur die kehligen Wutschreie der Comanchen und der dumpfe Hufschlag der unbeschlagenen Ponys zu hören.

Der Anführer wandte sich noch einmal um, starrte zum Plateau herauf und hob die Faust in einer drohenden Geste.

Auch noch frech werden, dachte Chaco. Er zielte sorgfältig und schoss dem Comanchen noch eine Feder vom Kopf. Dann verschwanden die ersten Comanchen hinter der Biegung des Canyons. Der Anführer preschte als Letzter davon. Der Hufschlag verklang.

Chaco blickte zur Kutsche. Einen Moment lang regte sich dort nichts, dann tauchte der Kutscher hinter dem Wagen auf. Der bärtige Mann starrte zu Chaco herauf.

Chaco lud seinen Army Colt und stieß ihn ins Holster. Dann glitt er vom Rand des Plateaus fort und richtete sich auf. Der Morgan-Hengst stand unbeweglich an der Stelle, an der Chaco ihn zurückgelassen hatte. Das Tier blickte ihn mit seinen großen Augen an, als wollte es fragen, was los gewesen sei. Chaco strich ihm über die Nüstern, schob die Winchester in den Sattelschuh und saß auf.

„Dann wollen wir uns mal die Leute ansehen“, sagte Chaco, nahm die Zügel und trieb den Hengst mit leichtem Schenkeldruck an. „Vielleicht haben sie einen guten Schluck für uns da.“

 

 

2

Als er in den Canyon ritt, richteten sich die Gewehre dreier Männer auf ihn.

„Das ist aber keine freundliche Begrüßung“, sagte Chaco und zügelte das Pferd.

Der Kutscher musterte ihn misstrauisch. Auch die anderen starrten ihn ernst und beinahe feindselig an. Alle Passagiere waren aus der Kutsche ausgestiegen. Chaco sah außer dem Kutscher vier Männer und eine Frau. Einer der Männer trug die schwarze Kleidung eines Priesters. Er, ein anderer Mann und die Frau standen im Hintergrund, die drei Männer mit den Gewehren ein paar Schritte vor der Kutsche.

Chaco ignorierte die auf ihn gerichteten Waffen und schwang sich aus dem Sattel.

Der Kutscher ergriff das Wort. Zwischen seinem grauen Bart wurden nikotingelbe Zähne sichtbar.

„Kommen Sie von da oben?“, fragte er mit dröhnender Stimme.

„So ist es“, erwiderte Chaco. „Habt ihr etwas zu trinken da?“

Keiner antwortete. Keiner schien sich zu entspannen. Alle blickten weiterhin neugierig und misstrauisch zugleich.

„Wo sind die anderen?“, fragte der Kutscher nach kurzem Schweigen.

Chaco blickte zurück.

„Welche anderen? Ich sehe niemanden.“

Die breite Brust des Kutschers spannte sich unter einem tiefen Atemzug.

„Wollen Sie sagen, dass Sie allein sind?“ Die Frage klang verblüfft.

„Ich bin so frei“, erwiderte Chaco mit leichtem Spott. „Nur mein Pferd ist dabei. Und wir haben beide Durst.“ Er blickte zur Kutsche.

Der Kutscher tauschte einen Blick mit den anderen beiden bewaffneten Männern. Dann ließ er das Gewehr sinken.

„Er ist allein. Mein Gott. Ich will verdammt sein.“

„Du sollst nicht fluchen, mein Sohn“, sagte der Reverend tadelnd. Sein Blick heftete sich dann auf Chaco. „Herzlich willkommen, mein Sohn. Du hast uns allen das Leben gerettet. Diese verdamm...“ Er unterbrach sich hastig, als er sowohl Chaco als auch den Kutscher grinsen sah. „Ich meine, wir konnten nur noch beten und auf ein Wunder hoffen. Die Rothäute hätten uns alle getötet.“

Chaco nickte nur. Der Kutscher nahm das Gewehr in die linke Hand, trat auf Chaco zu und streckte ihm die schwielige Rechte hin.

„Ich bin Sam Reilly“, sagte er. „Sie dürfen mich Whip nennen. So sagen alle Freunde zu mir.“

Chaco ergriff die Hand und drückte sie.

„Ah, wegen der Peitsche“, sagte er lächelnd. „Ich habe gesehen, wie Sie damit umgehen können. Und auch Ihre Fahrkunst hat mich beeindruckt.“

Sam Reilly verzog das breite Gesicht.

„Es hat nicht viel genutzt, Mister ...?“ Er blickte Chaco fragend an.

„Gates“, sagte das Halbblut. „Chaco Gates.“

Die grauen Augen des Kutschers forschten in Chacos Gesicht. Sein Blick zeigte Sympathie. „Halbblut?“, fragte er freundlich.

„Erraten“, sagte Chaco.

„Ich dachte schon, das wär einer von diesen roten Wilden“, sagte der Mann, der neben der Frau stand, in schleppendem Tonfall.

Chaco blickte ihn an. Er war groß, fast so groß wie Chaco. Schlank und muskulös. Hellblondes Haar quoll unter dem Stetson hervor und fiel fast bis zu den Schultern. Er hatte ein kühn wirkendes, markantes Gesicht. Der dünne Oberlippenbart war sorgfältig gestutzt. Seine Zähne blitzten weiß, als er sprach. Er lächelte, doch die dunkelbraunen Augen funkelten kalt. Seine elegante Kleidung war bis auf die dunkelrote Weste schwarz. Ein gut aussehender Bursche Mitte Dreißig, der männliche Härte ausstrahlte. Spielertyp, dachte Chaco.

Die Frau an seiner Seite legte eine schmale Hand auf seinen Oberarm, als wollte sie ihn beschwichtigen.

Chaco sparte sich eine Antwort, denn die Frau nahm seine Aufmerksamkeit gefangen. Sie war einen Kopf kleiner als der Mann, langbeinig und schlank. Sie trug ein blutrotes, tief ausgeschnittenes Kleid, das ihren Körper bis zur Hüfte wie eine zweite Haut umspannte, um dann glockenförmig, mit Rüschen verziert, bis zu den Waden zu fallen. Auf ihren langen, schwarz glänzenden Haaren thronte ein roter Hut. Ihre dunklen Augen blickten Chaco abschätzend an. Sie musterte ihn von oben bis unten und wieder zurück. Was sie sah, schien ihr zu gefallen, denn die rot schillernden, aufgeworfenen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Und ihre Augen bekamen einen seltsamen Glanz. Ihr Lächeln und ihr Blick nahm Chaco den Atem. Es wurde ihm noch heißer. Sie mochte Mitte zwanzig sein. Eine vollerblühte Schönheit. Keines dieser nichtssagend schönen Püppchen, die man in manchen Saloons sah, sondern eine rassige, interessante Frau.

Sie bemerkte wohl seinen bewundernden Blick, denn ihr Lächeln vertiefte sich.

„Wir danken Ihnen, Mister Gates“, sagte sie mit dunkler, etwas rauchiger Stimme.

Chaco sah, wie der Spielertyp der Frau einen ärgerlichen Seitenblick zuwarf, und es machte ihm Spass, das Lächeln der Frau zu erwidern.

„Sie dürfen Chaco zu mir sagen, Ma’am“, sagte er.

Immer noch waren ihre Blicke ineinander getaucht. Es war, als existierten nur diese beiden Menschen. Spannung war zwischen ihnen. Irgendein unsichtbarer Funke schien übergesprungen zu sein.

„Ich bin Lucille Carter“, sagte die Frau, immer noch lächelnd. „Sie dürfen Lucille zu mir sagen.“

Der Spielertyp sagte mit einem wütenden Blick zu Chaco: „Genug palavert. Whip, wir sollten uns an die Arbeit machen. Könnte sein, dass die Roten zurückkommen.“

„Ja“, brummte der Kutscher. Er blickte Chaco an. „Wir dachten erst, Sie gehörten zu den Comancheros. Entschuldigen Sie.“

„Hätte ich euch dann gegen die Comanchen geholfen?“, fragte Chaco verwundert.

Sam Reilly strich sich über den grauen Bart.

„Das weiß man bei den Brüdern nie. Die mischen auf beiden Seiten mit. Haben Sie gesehen, dass die Roten mit nagelneuen Gewehren bewaffnet waren?“

Chaco nickte.

„Es braut sich etwas zusammen“, fuhr Sam Reilly mit düsterer Miene fort. „Die Comanchen bereiten sich auf einen Krieg vor. Seit einiger Zeit werden Ranches und Farmen hier in der Gegend überfallen. Schon zweimal ist die Kutsche angegriffen worden. Bisher waren es immer kleinere Trupps, die schnell aufgaben, wenn sie auf Widerstand stießen. Doch diesmal haben sie offensichtlich nur auf die Kutsche gelauert. Sie tauchten wie aus dem Nichts auf ...“ Und er sprach weiter, erzählte aus seiner Sicht den gesamten Überfall. Schließlich blickte er Chaco an. „Aber was sage ich Ihnen, Sie haben’s ja gesehen. Ein Wunder, dass Sie gerade rechtzeitig auftauchten.“

Chaco blickte Lucille Carter an.

„Ja, Wunder gibt es immer wieder“, sagte er lächelnd.

Sie erwiderte sein Lächeln. Der Spielertyp bemerkte es und bedachte Chaco mit einem finsteren Blick. Lucille schritt mit wiegenden Hüften zur Kutsche. Sie öffnete die Tür und beugte sich in die Kutsche hinein. Chaco beobachtete fasziniert, wie sich das Kleid um ihre Kurven spannte.

„Tom, ich kann den Whisky nicht finden“, rief sie dem Spieler zu. '

„Na und?“, entgegnete er missgelaunt. „Jetzt haben wir ohnehin keine Zeit zum Saufen.“

„Aber du hörst doch, dass er Durst hat.“ Lucille wandte den Kopf und bedachte Chaco mit einem Lächeln. Dann beugte sie sich wieder in die Kutsche.

Sam Reilly strich sich über seinen grauen Bart und raunte Chaco zu: „Haben Sie gesehen, wie Lucille Sie angelächelt hat? Sie scheinen einen Schlag bei Frauen zu haben.“

„Ich kann nicht klagen“, erwiderte das Halbblut.

Der Kutscher blickte ihn an, als wollte er sich vergewissern, dass Chaco sich nicht lustig über ihn machte.

„Vielleicht will sie auch nur Tom Jackson eifersüchtig machen ...“

„Ist das der Spieler?“, fragte Chaco wenig interessiert.

„Ja. Sie scheinen allerhand Menschenkenntnis zu besitzen.“ Der Kutscher warf einen Blick zu Tom Jackson. Der Mann stand immer noch an der gleichen Stelle und starrte Chaco finster an.

„Die beiden sind in Lamesa zugestiegen“, fuhr Sam Reilly leise und vertraulich fort. „Sie ist Tänzerin oder so was ...“ Er zwinkerte Chaco zu. „Klasse Figur, was? Ich hörte, die beiden wollen in Big Spring heiraten. Passen auch gut zusammen, finden Sie nicht?“

„Es geht“, murmelte Chaco. Er blickte sich wachsam um. Wie Tom Jackson gesagt hatte - sie mussten damit rechnen, dass die Comanchen zurückkamen, um sich für ihre Niederlage zu rächen.

„Wenn ich fragen darf“, fuhr Sam Reilly fort, „wollen Sie auch ...“

„Was?“, sagte Chaco in Gedanken. „Heiraten?“

Der Kutscher schüttelte den Kopf.

„Nach Big Spring, meine ich.“ Er warf einen Blick zu der Decke abseits von der Kutsche. Unter der Decke zeichnete sich die Gestalt eines Menschen ab. „Mein alter Partner Frankie ist tot. Seit vier Jahren fährt er schon mit mir. Er zuckte mit den Schultern, und als er Chaco wieder anblickte, erkannte das Halbblut die Sorgen in den Augen des Mannes. „Ich meine, wenn Sie den gleichen Weg hätten, könnten Sie uns begleiten. Könnte sein, dass die Roten wieder auftauchen ...“

Chaco nickte.

„Bis kurz vor Big Spring reite ich mit. Wissen Sie, wo die W-im-Kreis Ranch liegt?“

Der Kutscher zeigte Überraschung.

„Wollen Sie da hin?“

Chaco nickte.

„Da haben Sie dasselbe Ziel wie Reverend Nolan. Der will auch zu der Ranch. Dort soll nämlich eine ...“

„… Hochzeit stattfinden“, ergänzte Chaco.

„Woher wissen Sie das?“, fragte Reilly verblüfft.

„Ich bin eingeladen“, erklärte das Halbblut und blickte zur Kutsche.

Lucille trat auf ihn zu. Sie hielt eine Whiskyflasche in den Händen. Tom Jackson half den anderen Männern gerade, die Kutsche mit einem Stock hochzuheben, um das zerbrochene Rad zu wechseln. Auch der Reverend beteiligte sich bei der schweißtreibenden Arbeit.

„Prost, Mister Chaco“, sagte Lucille dunkel und reichte Chaco die Flasche. „Sie haben doch Durst.“

Chaco schaute der Frau tief in die Augen.

„Langsam bekomme ich Hunger“, sagte er.

Sie lachte, und ihr Blick sagte ihm, dass sie seine Worte so verstanden hatte, wie sie gemeint gewesen waren.

Sam Reilly schien die Spannung zu spüren, die zwischen der Frau und dem Halbblut knisterte. Er murmelte etwas in seinen Bart und zog sich zurück, um den anderen zu helfen. Chaco blieb mit Lucille allein. Er nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche, und der Alkohol schien in seinem Magen zu explodieren.

„Macht ganz schön heiß“, meinte er.

„Der Schnaps, die Sonne oder ...?“, fragte sie mit einem amüsierten Lächeln. Er sah ihre dunklen Augen, die halbgeöffneten, lockenden Lippen, die sonnengebräunte, samtene Haut, und er sagte: „Oder.“

Sie schien es gewohnt zu sein, Komplimente zu hören. Sie lachte beinahe übermütig, und Chaco beobachtete fasziniert, wie sich ihr Busen im Dekolleté hob und senkte.

„Ich heirate noch in dieser Woche“, sagte sie.

Chaco sagte nichts.

„Ich heirate Tom Jackson“, fuhr sie fort, und Chaco hatte das Gefühl, sie wollte ihn herausfordern.

„Ein glücklicher Knabe“, sagte er und ärgerte sich, dass seine Stimme plötzlich so rau klang.

„Ja, er hat immer Glück“, sagte sie. „Er ist der geborene Gewinner. Ich mag Gewinner.“ Sie befeuchtete die schillernden Lippen mit ihrer rosigen Zungenspitze. „Sie sind ein Mann, der immer gewinnt, das spüre ich.“ Sie setzte die Whiskyflasche an die Lippen und nahm einen kleinen Schluck. Chaco hatte schon Frauen Whisky aus der Flasche trinken sehen: Farmerinnen, Pionierfrauen, Freudenmädchen. Bei keiner hatte es so damenhaft gewirkt wie bei Lucille.

„Jetzt ist mir auch heiß“, bekannte sie, und auch das klang völlig ladylike. „Es muss wohl doch am Whisky liegen.“ Ihre Augen schienen ihn zu verspotten.

„Verdammt noch mal, könnt ihr nicht aufpassen!“

Es war, als erwachten Lucille und Chaco aus einem Traum. Ein seltsames Gefühl von Zweisamkeit hatte sich zwischen ihnen eingestellt. Jetzt war dieses prickelnde Gefühl abrupt zerstört. Ihre Köpfe ruckten zur Kutsche hin, die gerade wieder gegen den Felsbrocken krachte. Tom Jackson hatte den wütenden Schrei ausgestoßen.

„Aber mein Sohn“, war die Stimme von Reverend Nolan hinter der Kutsche zu hören. „Du sollst doch nicht ...“

„Ach, halten Sie’s Maul!“ brüllte Tom Jackson. Er trat um die Kutsche herum. Sein Gesicht glänzte schweißig. Er starrte zornig zu Chaco und Lucille hin, die dicht beieinander standen, fast wie ein Paar, das man aus einer vertraulichen Unterhaltung gerissen hatte.

„Wir hatten’s doch beinahe geschafft, Tom!“, rief Sam Reilly. „Warum hast du losgelassen?“

„Warum, warum?“, äffte Tom Jackson ihn mit bebender Stimme nach. „Weil es hier stinkt.“ Er nahm den Blick nicht von Chaco. „Während wir uns hier abrackern, steht der Indianer da rum und verpestet die Luft.“

Chacos Miene blieb unbewegt. Nur die Lippen schienen etwas schmaler zu werden.

Er ist eifersüchtig, dachte er. Verständlich. Lucille hat ja auch alles darangesetzt, ihn zu reizen.

Tom Jackson stand angespannt da, wie auf dem Sprung. Seine Rechte war etwas vom Körper abgespreizt und schwebte dicht über dem Revolverkolben. Chaco entging nicht, dass die Finger etwas zitterten. Alle anderen verharrten schweigend.

„Ich sagte, es stinkt!“, rief Jackson zornig. „Lucille, riechst du nichts?“

Lucille warf Chaco einen schnellen Blick zu und flüsterte: „Hören Sie nicht hin! Er meint das nicht so. Er ist immer so schrecklich eifersüchtig ...“

Chacos Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.

„Und Sie wissen nur zu gut, wie Sie ihn zum Kochen bringen können. Ich wette, es macht Ihnen einen höllischen Spass ...“

„Stimmt“, flüsterte sie zurück. „Ich mag es, wenn er mir vor allen Leuten beweist, wie sehr er mich liebt. In diesem Punkt ist er wie ein kleiner Junge. So groß er auch sonst in allem ist.“

„Passen Sie auf, dass Sie nicht Witwe werden, bevor Sie geheiratet haben“, sagte Chaco sanft. Ein Teufelsweib, dachte er. Sie liebt es, mit dem Feuer zu spielen.

Tom Jackson setzte sich in Bewegung. Langsam und drohend schritt er näher.

„Was habt ihr da zu tuscheln?“, fragte er mit mühsam beherrschter Stimme.

Chaco gab die Antwort: „Wir sprachen gerade darüber, dass manche Leute ein verdammt großes Maul haben, Mister.“

In Tom Jacksons Augen flammte es auf. Er blieb vier Schritte vor Chaco stehen, die Beine leicht gespreizt wie ein Revolvermann, der festen Stand sucht.

„Geh zur Seite, Lucille!“, sagte er hart.

„Aber Tommy.“ Lucilles Stimme klang ein bisschen atemlos. „Warum bist du denn so aufgebracht? Ich wollte mich nur bei Mister Chaco bedanken. Schließlich hat er uns das Leben gerettet.“

„Ein toller Kerl, was?“ Tom Jacksons Stimme überschlug sich fast. „Ich wusste gar nicht, dass du auf Comanchen stehst ...“

„Apache“, korrigierte Chaco sanft. Trotz Jacksons Beleidigungen verspürte er keinerlei Zorn. Eher Bedauern, denn er wusste, dass die Situation nicht mehr zu entschärfen war. Selbst wenn er seinen eigenen Stolz vergaß und dem Spieler zugute hielt, dass er in blinder Eifersucht handelte, ließ sich ein Duell nicht mehr vermeiden. Tom Jackson war nicht mehr zu bremsen. Dennoch unternahm Chaco einen letzten Versuch. Er hielt dem Spieler die Whiskyflasche hin und sagte ruhig: „Schmeckt gut und entspannt, Mr. Jackson. Wir sollten beide noch einen Schluck nehmen und vergessen ...“

Der Rest ging im Krachen eines Gewehrschusses unter. Die Flasche zersplitterte. Alkohol spritzte, Scherben klirrten.

Lucille schrie auf.

Tom Jackson und Chaco, deren Blicke sich förmlich ineinander verkrallt hatten, reagierten gleichzeitig. Der Spieler bewies, dass er ausgezeichnete Reflexe besaß. Nur einen Sekundenbruchteil später als Chaco hatte er seinen Colt aus dem Holster, ließ sich fallen und richtete die Waffe zum Plateau hoch.

Doch keiner von beiden schoss.

Zwei Männer mit Gewehren waren dort oben aufgetaucht. Kein Hufschlag hatte sie verraten, geräuschlos hatten sie sich zum Rand des Plateaus vorgearbeitet, unbemerkt von allen Personen bei der Kutsche. Sie hatten die gleiche günstige Position wie vorhin Chaco bei dem Comanchenangriff. Es gab keine Chance gegen sie.

Das hatte auch Tom Jackson erkannt. Er fluchte unterdrückt.

„Eisen weg!“, rief einer der beiden Männer auf dem Plateau. „Wir haben euch alle prächtig im Visier!“

Chaco und Tom Jackson ließen ihre Colts fallen. Alle anderen standen wie erstarrt da.

„Ihr könnt aufstehen, ihr beiden Helden!“, rief der Mann vom Plateau. Er trug einen Sombrero, und ein patronengespickter Waffengurt war um seine Brust geschlungen.

Chaco sah, dass Tom Jackson zögerte.

„Sie haben uns kalt erwischt“, sagte er ruhig zu dem Spieler. „Ich sehe keine Chance. Mal abwarten, wie es weitergeht.“

Tom Jackson nickte. Sein Zorn schien verraucht zu sein. Plötzlich wirkte er kalt und gelassen. Er erhob sich und klopfte sich Staub von der Hose.

„So ist’s brav!“, rief der Mann mit dem Sombrero spöttisch. Sein Kumpan zielte auf die Männer bei der Kutsche. Chaco stellte mit einem schnellen Blick fest, dass der Reverend nicht zu sehen war. Er musste hinter der Kutsche in Deckung gegangen sein.

„Nehmt alle die Hände hoch!“, rief der Mann mit dem Sombrero.

Alle gehorchten. Chacos Blick suchte immer noch vergeblich Reverend Nolan. Hoffentlich macht der keine Dummheiten, dachte er besorgt.

Der Mann mit dem Sombrero hob sein Gewehr und feuerte dreimal in die Luft. Ein Signal. Die beiden waren nicht allein.

„Ich würde nicht so rumballern!“, rief Chaco. „Die Comanchen könnten aufwachen!“

„Sehr lustig!“, rief der wie ein Mexikaner gekleidete Mann. „Macht euch mal nicht in die Hosen! Vor den Roten haben wir keine Angst.“ Er lachte. „Im Gegenteil. Nicht wahr, Joe?“

Joe sagte nichts. Er hielt sein Gewehr im Hüftanschlag und stand reglos da.

„Comancheros“, murmelte Chaco.

„Dieses Pack kann ich gerade leiden“, meinte Tom Jackson.

Chaco grinste. „Da sind wir ja einer Meinung.“ Er lauschte. Auch der Spieler hatte den Kopf geneigt. Hufschlag näherte sich.

„Verdammt“, raunte Tom Jackson. „Wenn Lucille doch nur in der Kutsche geblieben wäre.“

Chaco blickte ihn von der Seite an.

„Das hätte ihr auch nicht viel geholfen. Die Kerle hätten sie gefunden.“

Ein Reitertrupp tauchte auf. Acht Mann, zählte Chaco. Die meisten davon Mexikaner. Alle ziemlich schäbig gekleidet. Finstere Gestalten. Nur der Mann an der Spitze wirkte beinahe vertrauenserweckend. Er war rundlich, und alles an ihm schien zu blitzen und zu glänzen. Der Revolvergurt war ebenso mit Silber verziert wie die Jacke, der Sombrero und der Sattel seines Rappen. Er zügelte das Pferd, und der Trupp hielt. Hinter den Reitern tauchte jetzt ein Planwagen auf. Die Räder knirschten auf dem Felsboden. Dann zügelte der Kutscher, ein Schwarzer, das Gespann.

Der rundliche Mann ließ seinen Blick gelangweilt in die Runde gleiten, verharrte einen Augenblick bei der Frau, dann schaute er kurz zum Plateau hoch und nickte kaum merklich.

Sein breites Gesicht wirkte gutmütig und ein bisschen schläfrig. Er nahm den Sombrero ab. Seine Glatze glänzte in der Sonne. Er strich sich mit gespreizten Fingern über den kahlen Schädel, als wolle er längst verschwundene Haare glätten. Dann wischte er sich über die schweißige Stirn und setzte den Sombrero wieder auf.

„Guten Tag, Lady“, sagte er höflich. Sein Blick ruhte für einen Moment wohlgefällig auf Lucille. „Guten Tag, Gents.“ Er schaute zu Chaco und Jackson, dann zu den anderen Männern. Er sprach langsam und deutlich und nur mit einer Spur von mexikanischem Akzent. „Heiß heute, nicht wahr?“ Keiner gab ihm eine Antwort. Er schien auch nicht damit gerechnet zu haben. „Ich sehe, Sie haben Pech gehabt. Comanchen, wie?“

„Fragen Sie nicht so scheinheilig, Ortega!“, rief Sam Reilly wütend von der Kutsche her.

In der Miene des Mexikaners regte sich kein Muskel. Immer noch wirkte er schläfrig.

„Sie kennen mich?“

„Und ob“, erwiderte der Kutscher. „Ich habe genug von Ihnen gehört. Sie liefern den Roten Waffen, damit sie Leute wie uns überfallen können.“

„Ich bin Geschäftsmann“, sagte Ortega gelassen.

„Sie sind ein Schweinehund.“

Der Comanchero zeigte keinerlei Reaktion. Die Reiter links und rechts von ihm griffen zu ihren Colts. Der Comanchero winkte beinahe gelangweilt ab. Sofort steckten die Männer ihre Colts wieder weg. Der Comanchero lächelte jetzt.

„Sie sehen das ziemlich einseitig, Mister. Ich sagte, ich bin Geschäftsmann. Ich liefere Waren und kassiere dafür. Das tut jeder Kaufmann. Was die Leute dann mit der Ware machen, ist nicht mein Bier ...“ Er hob beschwichtigend die Rechte, als Sam Reilly aufbegehren wollte. „Ich weiß, Waffen sind nun mal zum Schießen da. Zum Töten, sagen die einen, zum Verteidigen, behaupten die anderen. Ich liefere die Waffen zum Verteidigen.“

„Mir kommen gleich die Tränen“, murmelte Chaco.

„Der Hurensohn scheint auch noch zu glauben, was er da sagt“, zischte Tom Jackson. „Man sollte ihm die Zähne einschlagen.“

„Vergessen Sie nicht die Kerle da oben!“, warnte Chaco und warf einen Blick zum Plateau hinauf.

Sam Reilly konnte den Mund nicht halten.

„Sie können sagen, was Sie wollen, Ortega. Sie sind und bleiben ein Schwein. Sie handeln mit dem Tod ...“

Das Lächeln des Comancheros erstarb. Seine Schläfrigkeit war schlagartig verschwunden, der gutmütige Ausdruck aus seinem Gesicht wie weggewischt. Er sagte etwas auf Mexikanisch zu einem der Reiter, die ihn flankierten. Der Mann trieb sofort sein Pferd an und löste ein Lasso vom Sattelhorn.

„Verdammt, was sollen wir tun?“, raunte Tom Jackson Chaco zu.

„Nichts“, erwiderte Chaco ebenso leise.

„Aber wir können doch nicht untätig zusehen, wie dieser Mex sein Mütchen an Whip kühlt.“

„Es bleibt uns nichts anderes übrig“, antwortete das Halbblut ruhig.

Tom Jackson warf ihm einen wütenden Blick zu.

„Feigling“, zischte er.

„Großmaul“, gab Chaco zurück.

Die Lassoschlinge senkte sich über Sam Reilly, straffte sich, und bevor der Kutscher wusste, wie ihm geschah, wurde er zu Boden gerissen. Er schlug hart auf.

Der Mexikaner trieb sein Pferd an. Er schleifte Reilly ein paar Dutzend Yards über den rissigen Felsboden bis vor Ortega. Der Comanchero blickte einen Moment lang zufrieden auf Reilly hinab. Dann schwang er sich aus dem silberbeschlagenen Sattel. Seine Sporen klingelten leise, als er steifbeinig auf den am Boden liegenden Reilly zuschritt.

Im Sattel hatte der Anführer der Comanchen größer gewirkt. Er besaß einen mächtigen, großen Oberkörper und beinahe lächerlich kurze Beine. Er stellte sich breitbeinig vor Sam Reilly hin, der hasserfüllt zu ihm hinaufstarrte.

„Niemand beleidigt ungestraft Jose Ortega“, sagte der Comanchero. „Du wirst dich jetzt entschuldigen.“

„Einen Dreck werde ich!“, brüllte Sam Reilly und spuckte aus. Der Speichel verfehlte Ortegas Stiefelspitze um Haaresbreite.

Der Comanchero wirkte sekundenlang wie versteinert, dann sagte er fast im Plauderton: „Dann wirst du eben sterben.“ Er zog seinen Colt und richtete ihn auf Reillys Stirn.

„Nicht schießen!“, rief eine aufgeregte Stimme.

Wie zum Hohn peitschte einen Sekundenbruchteil später ein Schuss. Doch nicht Ortega hatte gefeuert, sondern der Mann namens Joe vom Plateau aus.

Hinter der Kutsche war der Reverend aufgetaucht. Er hielt mit beiden Händen einen Revolver, schien auf Ortega zu zielen. Dann krachte der Schuss, und der Reverend wurde vom Einschlag der Kugel herumgewirbelt. Die Kugel hatte seine Schulter getroffen. Der Reverend stürzte zu Boden und fiel auf den Revolver, der ihm entfallen war.

„Noch ein Held“, murmelte Chaco und schüttelte leicht den Kopf.

„Keine Bewegung!“, rief der Comanchero, der geschossen hatte.

Ortega warf einen Blick zu dem Reverend hin, dann schaute er kurz nach oben zu Joe und rief: „Es bringt Unglück, auf einen Padre zu schießen!“

„Aber er wollte dich angreifen, Jefe!“

Ortega winkte mit der Linken gebieterisch ab. Immer noch zielte sein Colt auf Sam Reillys Stirn.

„Ich warte“, sagte er drohend.

Sam Reilly starrte in die Coltmündung. Schweiß perlte auf seiner Stirn.

„Ich ... ich entschuldige mich“, stammelte er.

„Es tut dir leid“, sagte Ortega mit einem kalten Grinsen.

„Es ... tut mir leid“, wiederholte Sam Reilly.

Der Comanchero blickte nachdenklich auf ihn hinab. Dann halfterte er plötzlich den Colt.

„Okay, dann schenke ich dir das Leben.“

Er gab dem Mexikaner mit dem Lasso einen Wink.

„Lass ihn frei.“

Der Mann gehorchte. Sam Reilly richtete sich auf. Seine Hose war an den Knien aufgerissen. Blut färbte den Stoff.

„Einer von euch kann sich um den Padre kümmern“, sagte Ortega gönnerhaft. „He, du da!“ Er wies auf Chaco. „Geh zu ihm!“

Chaco setzte sich mit ausdrucksloser Miene in Bewegung.

„Alles klar“, murmelte er, als er sich neben Reverend Nolan niederkniete und die Verletzung untersuchte. „Nur ein Streifschuss. Ihr Schutzengel hat gut aufgepasst.“

Der Reverend verzog das Gesicht.

„Ich glaube, das war dumm von mir.“

„Das glaube ich auch“, sagte Chaco.

Ortega hatte inzwischen einigen seiner Männer Kommandos gegeben. Sie saßen ab und sammelten alle Waffen ein. Tom Jackson schob sich näher an den Colt zu seinen Füßen heran und stellte einen Stiefel darauf. Der Schuss ließ ihn zusammenzucken.

„Ich hab das gesehen!“, rief Joe von oben. „Die nächste Kugel trifft deinen Schädel!“

Tom Jackson zog seinen Fuß hastig von der Waffe fort. Einer der Comancheros hob sie auf. Chaco sah, wie einer der Mexikaner zu seinem Morgan-Hengst schritt und die Winchester aus dem Sattelschuh zog.

Jose Ortega rief: „Luis, das ist ein schönes Pferd. Willst du es haben?“

Luis grinste breit. „Si, Jefe.“

Ortega erwiderte das Grinsen.

„Dann nimm es dir. Ich schenke es dir.“

Chacos Lippen wurden schmal.

„Eh, Jefe!“, rief ein anderer Comanchero heiser. „Schenkst du mir die Frau?“ Er tastete Lucille mit begehrlich funkelnden Augen ab.

„Die gefällt dir, wie?“, fragte Ortega, und auch seine Augen begannen zu glitzern, als er seinen Blick auf Lucille heftete. „Kann ich verstehen.“ Er seufzte und schüttelte den Kopf. „Aber wir sind Caballeros. Und außerdem haben wir keine Zeit.“

„Wir könnten sie mitnehmen und ...“

„Nein“, unterbrach Ortega entschieden. „Sie wäre uns bei unserem Geschäft nur hinderlich.“ Er zog übertrieben galant seinen Sombrero. „Kompliment, Señorita. Sie entschuldigen mich jetzt. Die Geschäfte, Sie verstehen.“ Dann ging er zu seinem Pferd und saß auf. Er blickte in die Runde. „Fertig, amigos?“

„Fertig“, sagte der Mann, der die Waffen eingesammelt und auf den Planwagen geworfen hatte.

„Fertig!“, rief Luis. Er hatte Schwierigkeiten mit Chacos Hengst gehabt. Das Pferd keilte aus, und Luis verzichtete darauf, aufzusitzen. So band er die Zügel hinten am Planwagen an und schwang sich auf seinen eigenen knochigen Braunen. Ortega gab den Männern auf dem Plateau einen Wink.

„Beeilt euch, dass ihr vor uns am Treffpunkt seid! Und haltet die Augen offen!“

„Immer!“, rief der Comanchero mit dem Sombrero in den Canyon hinab. Joe, sein Kumpan, zog sich bereits zurück.

Die Comancheros ritten an. Der Schwarze auf dem Bock des Planwagens nahm die Zügel auf und trieb das Gespann an. Schwerfällig setzte sich der Wagen in Bewegung.

Lüsterne Blicke streifen Lucille, als die Reiter an ihr vorbeikamen. Sie schaute zu Boden.

Ortega, an der Spitze des Trupps, zügelte noch einmal seinen Rappen, als er auf Höhe des Reverends war.

„Nichts für ungut, Padre. Das hätten Sie sich ersparen können. Es ist nicht meine Art, auf Geistliche schießen zu lassen. Das bringt Unglück. Meine Mutter, Gott habe sie selig, sagte immer: Jose, hab Ehrfurcht vor den Padres, und sei gut zu den Frauen!“

„Sonst hat dir deine Mutter nichts gesagt“, knirschte der Reverend. „Zum Beispiel, dass es ein Verbrechen ist, uns waffenlos im Indianerland zurückzulassen ...“

Der Comanchero grinste.

„Nein, das hat sie nicht gesagt. Ich brauche eure Waffen, denn mir fehlen noch einige an der Lieferung. Und meine Kunden können höchst unangenehm werden, wenn ich weniger Ware bringe, als versprochen.“ Sein Gesicht wurde nachdenklich. Dann wandte er sich im Sattel um. „Luis, gib mir eines von deinen Eisen!“

„Warum ich ...?“, maulte der Mexikaner und zog widerstrebend einen Colt aus dem linken Holster.

„Du bist undankbar“, sagte Ortega tadelnd. „Ich hab dir gerade ein Pferd geschenkt, und du willst dich nicht mal mit einem Colt dafür revanchieren.“ Er nahm dem Mexikaner die Waffe aus der Hand, entlud sie und warf Patronen und Colt zu Boden. „Für Sie Padre. Falls Sie in eine Situation kommen, bei der Ihre Gebete nichts mehr helfen. Und beschützen Sie damit auch die Lady, wenn es nötig sein sollte.“

Dann ritt er endgültig davon. Seine Männer folgten ihm dichtauf.

Reverend Nolan öffnete den Mund zu einer Erwiderung, doch Chaco veranlasste ihn mit einem warnenden Blick, zu schweigen.

Chaco schaute fast gelangweilt zum Plateau hinauf. Auch der zweite Mann war dort verschwunden. Alle sahen den Reitern nach, die dem Wagen vorausritten. Auch Chaco. Als der Wagen an ihm vorbeirumpelte, blickte ihn der Morgan-Hengst, den Luis angebunden hatte, fast vorwurfsvoll an.

Chaco wartete, bis der Wagen die Sicht auf die Reiter verdeckte, dann handelte er. Mit drei langen Sätzen war er hinter dem Wagen, zog sich hoch und kletterte auf die Ladefläche. Bevor sich die anderen von ihrer Verblüffung erholt hatten, war Chaco bereits hinter der Plane verschwunden.

Lucille presste eine Hand vor den Mund.

„Mann“, murmelte Tom Jackson. „Was hat der nur vor?“

„Gott beschütze dich, mein Sohn“, sagte Reverend Nolan.

 

 

3

Chaco wartete auf der dunklen Ladefläche, bis sich sein Atem beruhigt und seine Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten. Der Wagen holperte gerade um die Biegung des Canyons. Das Klappern der Hufe und das Knirschen der Räder verschluckte alle anderen Geräusche.

Chaco wusste, dass ihm nicht viel Zeit blieb. Er schaute sich um. Dutzende von Kisten waren links und rechts aufgestapelt. Ein halbes Dutzend Fässer stand vorne im Wagen.

Chaco nahm wahllos einen der Revolver, die auf der Ladefläche lagen, überprüfte, ob er geladen war und steckte ihn in sein Holster. Dann glitt er durch den schmalen Gang zwischen den Kisten zu den Fässern. ,Whisky‘ verriet die Aufschrift.

Chaco wandte sich den Kisten zu. Er wusste schon, was sie enthielten: nagelneue Winchestergewehre. Einige kleinere Kisten beinhalteten Munition.

„Feuerwasser und Waffen“, murmelte das Halbblut. „Damit die Comanchen so richtig in Schwung kommen und der Krieg losgehen kann.“

Heißer Zorn wallte in ihm auf. Zorn auf skrupellose Geschäftemacher wie Ortega, die in ihrer Geldgier unzählige Menschen ins Verderben stürzten - weiße Menschen und rote Menschen.

Das Halbblut spielte einen Augenblick lang mit dem Gedanken, den Wagen mitsamt der Ladung in die Luft zu jagen. Doch dann verwarf er den Gedanken. Es gab eine bessere Lösung, wie er Ortega einen Strich durch die Rechnung machen und möglicherweise Blutvergießen verhindern konnte.

Er schaute sich um und fand ein Stück Seil und eine schmuddelige Decke auf einer der Kisten. Dann machte er sich an die Arbeit. Er breitete die Decke auf den Kisten aus und legte die Waffen darauf, die die Comancheros ihm und den Passagieren der Kutsche abgenommen hatten. Er verschnürte die Decke zu einem Bündel. Das Bündel ließ er vorsichtig an einem Stück Seil bis kurz über den Boden herab und ließ das Seil dann los. Das Poltern der Waffen auf dem Felsboden wurde von der Decke gedämpft und ging im Fahrtlärm unter. Aber er bezweifelte, dass er die Kisten mit den Waffen vom Wagen werfen konnte, ohne dass die Comancheros den Aufprall bemerkten.

Er blickte aus dem Wagen. Er rollte nicht schnell. Der Canyon hatte sich verengt. Noch etwa eine Meile bis zur Ebene. Er musste sich beeilen.

Details

Seiten
135
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930757
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495640
Schlagworte
chaco rache comanchen

Autor

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Titel: Chaco #56: Die Rache der Comanchen