Lade Inhalt...

Die letzten Rebellen

2019 135 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die letzten Rebellen

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

Die letzten Rebellen

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 135 Taschenbuchseiten.

 

Der Krieg zwischen Nord- und Südstaaten ist gerade erst zu Ende, und die Emotionen zwischen beiden Seiten sind noch immer aufgeheizt. In diese Stimmung hinein muss Sheriff Dan Wilburn seinen ehemaligen Freund Jim Lorrand mit einem Rudel versprengter Rebellen aufhalten. Doch selbst die Einwohner von Longhorn stehen nicht unbedingt auf seiner Seite, denn es geht um viel Geld, das Lorrand den Yankees abgenommen hat.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

 

1

Ein Windstoß fauchte zwischen die Felsen und wirbelte dichten Staub auf. Dan Wilburn schnellte katzenhaft aus seiner Deckung. Mit dem Colt in der Faust rannte er geduckt auf den Lagerplatz des Banditen zu. Irgendwo im Gestrüpp wieherte schrill ein Pferd. Hinter den grauen Staubschleiern zuckte eine schemenhafte Gestalt empor. Der Fetzen eines heiseren Fluchs klang in Dans Ohren. Dann glühte ihm ein weißgelber Feuerstrahl entgegen. Das Peitschen des Schusses wurde von einer Bö fortgerissen. Etwas Heißes streifte Dans Wange. Im nächsten Moment prallte er hart gegen den Desperado. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er ein unrasiertes, wildes Gesicht. Er schlug mit dem Coltlauf zu, ehe der Mann nochmals abdrücken konnte. Der Bandit stürzte wie ein Stoffbündel in den Sand. Sein Revolver fiel neben ihn. Keuchend wälzte er sich herum und wollte nach der Waffe greifen. Da richtete Dan blitzschnell den 44er auf ihn. Dans schmales, kantiges Gesicht war in kalter Entschlossenheit erstarrt. Der fünfzackige Stern glänzte matt an seiner ärmellosen Lederweste.

„Gib auf, Malone! Du wirst nie mehr einem Mann in den Rücken schießen!“

Ben Malone starrte hasserfüllt zu ihm auf. Der Staub hatte sich gesenkt. Stille herrschte. Unter dem düsteren, wolkenverhangenen Himmel staute sich drückende Hitze. Schwefeliges Wetterleuchten geisterte über den südlichen Horizont. Die Stille war beklemmend. Schweiß perlte über die Gesichter der beiden ungleichen Männer. Plötzlich grinste Malone verzerrt.

„Du freust dich zu früh, Sheriff! Dein Pech, dass ich nicht allein bin. Amigos, schnappt ihn euch!“

Tritte malmten. Das Klirren von Sporen war wie eine Drohung. Staubbedeckte, hartgesichtige Männer traten zwischen den Felsen hervor. Gewehre und Revolver blinkten. Dans Muskeln verkrampften sich. Unverwandt deutete sein Sixshooter auf Malone.

„Ich habe immer noch Zeit, dich mit meiner Kugel zu erwischen! Sag deinen Freunden, sie sollen stehenbleiben, Malone!“

Hinter dem jungen Sheriff von Longhorn erklärte eine kühle Stimme. „Du irrst dich, Dan! Ich gebe hier die Befehle, nicht Malone. Mach keinen Blödsinn. Es würde mir leid tun, wenn ich auf dich schießen müsste!“

Dan fuhr herum. Für einen Moment hatte er Malone und die Schwerbewaffneten vergessen. Der große, blonde Mann vor ihm hielt ein Lee-Enfield-Gewehr an der Hüfte. Seine Haltung war lässig, das sonnenverbrannte Gesicht zu einem schmalen Lächeln verzogen. Obwohl die Südstaaten schon vor über drei Monaten vor der Übermacht des Nordens kapituliert hatten, trug er noch immer den grauen Waffenrock der Konföderierten mit den Rangabzeichen eines Captains. Die fransenbesetzte Wildlederhose und der staubbedeckte Stetson standen dazu in auffälligem Kontrast.

„Jim!“, murmelte Dan betroffen. „Es ist blanker Wahnsinn, dass ihr euch nach dem Überfall auf den Geldtransport der Yankees in dieser Gegend herumtreibt!“

„Kein Grund zur Aufregung, Amigo!“ Jim Lorrands Lächeln wurde stärker. „Die Sache mit der Unionskasse ist außerhalb deines Dienstbereiches passiert. Die Yankees haben uns wie die Hasen gehetzt. Aber im Buschland auf der anderen Seite des Brazos kennt sich keiner so gut aus wie ich. Dort sind wir sicher. Dort bleiben wir, auch wenn dieser Teil der Brazada noch zum Longhorn County gehört. Schließlich bin ich hier ebenso zu Hause wie du, Dan. Vergiss, dass du uns getroffen hast, und die Sache ist erledigt.“

Dan kam es wie eine halbe Ewigkeit vor, dass er und Jim Lorrand einmal Freunde gewesen waren. Jetzt stand Lorrand als ein Fremder vor ihm. Aber die Vergangenheit war nicht so einfach auszulöschen. Dans Coltfaust sank herab.

„Du hast den falschen Weg eingeschlagen, Jim. Es hat keinen Zweck, wenn du auf eigene Faust gegen die Nordstaaten weiterhin Krieg führst. Mit dem Überfall am Red River hast du dich zum Desperado gestempelt, egal, was deine Gründe auch sein mögen. Jim, zum Teufel, begreif doch, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis dein Steckbrief auch in meinem Office hängt!“

Jim Lorrands Lächeln gerann. „Willst du damit sagen, dass du dann auf meiner Fährte reiten wirst, Amigo?“

Der schwergewichtige, stiernackige und verwildert aussehende Bursche neben ihm lachte rau. „Verdammt will ich sein, wenn wir es so weit kommen lassen! Ich hab’ Sternträger noch nie leiden können. Aber ein Texaner, der wie ein Yankee redet und den Stern in einem von Blaujacken besetzten Land trägt, ist schlimmer als Rattengift. Ich bin dafür, dass wir ihn Malone überlassen.“

„Du bist nicht gefragt, Bull!“, erwiderte Jim schneidend. „Bring Dans Pferd her! Dan wird nach Longhorn zurückreiten. Er ist kein Yankeefreund, auch wenn er sich während des Krieges drüben in Kalifornien herumgetrieben hat, statt auf der Seite des Südens zu kämpfen. Die Bewohner von Longhorn hätten nie einen Parteigänger der Blaujacken zum Sheriff gewählt. Hab’ ich recht, Dan?“

„Wenn ich reite, dann nur mit Malone! Er hat in Longhorn am helllichten Tag einen Mann vor Elliots Saloon erschossen.“

„Einen verdammten Yankee!“, sagte Jim leise und gepresst. „Einen von den Ausbeutern, die sich Nat Kinsmans Ranch unter den Nagel gerissen haben, nachdem die neuen Steuerlasten Kinsman ruinierten. Du sieht, ich bin gut informiert. Wohin man in diesem Land und in dieser Zeit auch blickt, überall finden sich Gründe, um den Yankees an den Kragen zu gehen!“

„Das ändert nichts daran, dass die Sache in Longhorn glatter Mord war! Malone hat den Nordstaatler in den Rücken geschossen. Der Mann besaß nicht die Spur einer Chance. Ich hatte keine Ahnung, dass Malone zu deiner Mannschaft gehört, Jim. Aber ich glaube nicht, dass du einen Mörder schützen wirst.“

Der Stiernackige spuckte wütend in den Staub. „Wie lange sollen wir uns das noch anhören, Captain! Ich hab die Schnauze voll von diesem Kerl! Ich …“

„Du sollst Dans Pferd holen, verdammt noch mal! Das ist ein Befehl, Bull!“ Lorrands Stimme klang nach Kasernenhof. Der Hüne zog den Kopf ein und entfernte sich murrend in die Richtung. wo Dan seinen Braunen gelassen hatte. Jim schaute den Sheriff ausdruckslos an.

„Schlag dir Malone aus dem Kopf, Dan! Er hat nur meinen Befehl ausgeführt.“

„Jim, du …“

Jims Ton wurde kalt und herrisch. „Sag nichts, was du irgendwann bereuen würdest! Der Kerl von der ehemaligen Kinsman Ranch, die jetzt dem Obergauner Luke Kelly gehört, ist uns zu einem verdammt unpassenden Zeitpunkt in die Quere gekommen. Ich hatte keine andere Wahl, als ihn von Malone erledigen zu lassen. Der Bursche hätte sonst nicht nur uns in arge Schwierigkeiten gebracht, sondern auch einen deiner Freunde aus Longhorn, Dan.“

„Von wem redest du, Jim?“, fragte der Sheriff heiser.

Jim senkte den Karabiner und wandte halb den Kopf. „Komm her, Steve! Du brauchst dich nicht zu verstecken. Du hast nichts getan, wofür du dich schämen müsstest – im Gegenteil!“

Dans Herz klopfte heftig. Aus dem Schatten der Felsklötze und Kreosotsträucher löste sich eine schmale Reitergestalt. Es war Steve McFlynn, der achtzehnjährige Sohn des Storebesitzers von Longhorn, der Bruder von Joana, mit der Dan so gut wie verlobt war. Der Junge hockte bleich und zusammengesunken im Sattel. Er starrte Dan in einer Mischung aus Unbehagen und Trotz an.

„Irgendwann hättest du es ja doch herausgefunden, Dan: Seit Jim und seine Leute im County sind, versorge ich sie mit allem, was sie brauchen.“

„Weiß dein Pa davon?“, fragte Dan bestürzt.

„Das steht nicht zur Debatte!“, wehrte Jim ab. „Du wirst hier kein Verhör anstellen, Dan! Der Kelly-Reiter hat beobachtet, wie Steve uns mit Proviant und Munition belieferte. Deshalb musste er sterben. Das ist sonnenklar.“

„Ein verdammt hoher Preis!“, meinte Dan bitter. „Dieser verfluchte Krieg hat alle Maßstäbe verbogen. Früher hättest du nicht so gehandelt, Jim. Dass du Steve in die Sache hineingezogen hast, macht alles nur noch schlimmer.“

„Steve war im Gegensatz zu dir zu jung, um in den Krieg für den Süden zu ziehen. Jetzt ist er alt genug, zu wissen, was er tut. Wirfst du ihm vor, dass er Männern hilft, die für sein Land, für ihn und seine Angehörigen jahrelang in Elend und Todesnähe gelebt haben?“

Dan schüttelte den Kopf. Zwischen ihm und seinem ehemaligen Freund klaffte ein unüberbrückbarer Abgrund. „Wenn noch ein Quäntchen Vernunft in dir steckt, Jim, dann wirst du schon Steves wegen das County verlassen.“

Der junge McFlynn hob trotzig den Kopf. „Ich würde mit Jim reiten, darauf kannst du dich verlassen, Dan! Ich weiß, wohin ich als junger Texaner gehöre!“

„Du weißt nicht, was du redest!“, keuchte Dan. „Jim, sag ihm, dass du ihn nicht mehr hier draußen sehen willst! Dass du …“

„Da ist dein Pferd, Dan!“, unterbrach ihn Lorrand kalt. Er wies mit dem Gewehr auf den Braunen, den der Stiernackige heranführte. „Steig auf und verschwinde! Ich hatte mir unser Wiedersehen nach so langer Zeit anders vorgestellt!“

„Er wird uns die Yankees auf den Hals hetzen, Captain!“, krächzte Malone hinter Dan. „Zur Hölle mit dem Verräter!“

„Ben!“, schrie Lorrand wild, sprang zur Seite und riss das Enfield-Gewehr hoch. Steves Augen weiteten sich.

Dan wirbelte herum, und diese Bewegung rettete ihm das Leben. Der Luftzug von Malones Kugel war an seinem Hals. Der Bandit kniete hinter einer Pulverdampfwolke am Boden, stützte das rechte Handgelenk mit der Linken und wollte nochmals feuern. Dan reagierte mechanisch. Der 44er donnerte in seiner Faust. Ein roter Blitz stach aus dem Lauf. Malone wurde halb herumgerissen. Er stieß beide Hände in die Luft, fiel auf das Gesicht und rührte sich nicht mehr.

Alles geschah rasend schnell.

Danach war die Szene wie versteinert.

Dan schluckte. Das Bewusstsein, einen Mann getötet zu haben, wenn auch in Notwehr, legte sich wie eine Zentnerlast auf ihn. Der Sechsschüsser wog plötzlich schwer wie Blei in seiner Faust.

Die Gesichter der ehemaligen Südstaatensoldaten ringsum waren graue Masken, die vom zuckenden Wetterleuchten gespenstisch angestrahlt wurden. Endlich gab sich Jim Lorrand einen Ruck. Er lief an Dan vorbei zu Malone und wälzte ihn auf den Rücken. Malones aufgerissene Augen starrten leer zum wolkenverhangenen Firmament.

„Worauf warten wir noch, zum Teufel?“, grollte der Hüne, den Jim zuvor mit Bull angeredet hatte. Er ließ Dans Pferd stehen. Mit der Hand am Revolverkolben stiefelte er schwerfällig auf den Sheriff zu. In den Kreis der Männer kam Bewegung. Der drohende Ring der Gewehr und Revolvermündungen schloss sich enger.

Jim hob gebieterisch eine Hand. „Malone hat ohne meinen Befehl gehandelt. Hier bin immer noch ich der Boss. Dan, ich schätze, du hast erreicht, was du wolltest. Wir müssen nicht mehr über Malones Schuss in Longhorn streiten. Sein Platz in meiner Crew ist freigeworden. Du kannst ihn haben. Über Kurz oder Lang wirst du doch beweisen müssen, auf wessen Seite du stehst.“

Dan hörte die versteckte Drohung aus Jims Stimme. Aber seine Miene war undurchdringlich. Langsam halfterte er den Colt. „Mein Platz ist in Longhorn. Es ist besser, Jim, wir begegnen uns nie wieder.“

Bull wollte ihm fluchend den Weg versperren. Aber auf Jims Wink trat er mürrisch zur Seite. Dan schwang sich in den Sattel, und niemand hielt ihn auf.

 

 

2

Bleierne Stille breitete sich plötzlich im Lonestar Saloon aus. Dan Wilburn spürte förmlich die Blicke, die auf seinen Rücken gerichtet waren. Eine Atmosphäre von Misstrauen und Feindseligkeiten füllte auf einmal den verqualmten großen Raum. Nur der Regen war zu hören, der wie ein Wasserfall auf die Dächer der kleinen Stadt niederrauschte. Weit entfernt dröhnte der Donner. Dan stellte einen Fuß auf die untere Thekenleiste und legte eine Münze auf die glatt gescheuerte Platte. Seine Stimme war ruhig wie jeden Abend, wenn er in den Saloon kam und vor seinem Rundgang durch Longhorn einen Drink nahm.

„Wie immer, Phil!“, sagte er zu dem dicken, mondgesichtigen Keeper, der mit hochgekrempelten Hemdsärmeln hinter der Theke stand. In Elliots buschigen Augenbrauen glitzerten Schweißperlen. Er warf einen Blick auf die dicht besetzten Tischreihen hinter Dan. Schließlich schüttelte er den massigen Schädel, schob das Geldstück zurück und machte ein Gesicht wie eine bissige Dogge.

„Heute nicht, Dan! Ich glaube, es ist besser, du gehst jetzt! Für Yankeefreunde ist mir mein Whisky zu schade.“

„Und vergiss das Wiederkommen, Dan!“, fügte eine raue, herausfordernde Stimme hinter dem Sheriff hinzu. „Am besten lässt du auch gleich deinen Stern hier. Wenn du noch heute aus Longhorn verschwinden willst, werde ich dir sogar beim Satteln helfen. Das ist aber auch alles, was du hier noch erwarten kannst.“

Dan drehte sich langsam um. Nat Kinsman stand breitbeinig vor ihm, ein kräftig gebauter, schnurrbärtiger Mann, in dessen derbes Gesicht der Hass auf den siegreichen Norden seine unauslöschlichen Spuren gekerbt hatte. Vor dem Krieg hatte Kinsman zu den großen Ranchern gehört, von denen Longhorn lebte. Jetzt spielte Luke Kelly, ein Yankee, den niemand leiden konnte, den großen Mann auf Kinsmans ehemaligem Besitz. Kinsman dagegen musste sich die paar Dollars, die er zum Leben brauchte, im Mietstall verdienen, der auch schon zur Hälfte Kelly gehörte. Kinsman war einer von vielen Texanern, die von den Yankees ruiniert worden waren – ein Mann ohne Zukunft, dem nur verzehrender Hass geblieben war.

Die Gesichter der Männer an den Tischen zeigten gespannte Erwartung. Zum ersten Mal, seit Dan kurz vor Kriegsende aus Kalifornien an den Brazos River zurückgekehrt war, fühlte er sich hier wie ein Fremder. Er wehrte sich gegen eine jäh aufkeimende Müdigkeit. Er sagte grimmig: „Ich werde weder den Stern ablegen noch aus Longhorn verschwinden. Geh weg, Kinsman! Ich seh dir an, dass du zu viel getrunken hast!“

Kinsmans Augen glänzten fiebrig. Er lachte rau, aber im nächsten Moment war seine Miene wutverzerrt. „Vielleicht brauche ich den Whisky, um deinen Anblick zu ertragen, Dan! Steve McFlynn hat erzählt, was draußen am Rand der Brazada passiert ist. Du hast einen von Jims Leuten erschossen! Du hast dich gegen deinen ehemaligen Freund gestellt, nur weil er genug Mumm hat, noch immer die Uniform des Südens zu tragen, von der du selber nie etwas wissen wolltest! Zum Teufel mit dir, Dan! Wir haben den falschen Mann zum Sheriff gemacht! Wie konnten wir nur jemals damit rechnen, dass du Jim unterstützen würdest, wenn es hart auf hart geht!“

„Ihr habt gewusst, dass Jim sich seit dem Überfall auf die Armeekasse im Buschland am Brazos aufhält?“

„Jim ist ein Mann, auf den ganz Longhorn stolz sein kann!“, lachte Kinsman wild. „Er ist kein Stiefellecker, der klein beigibt und den Handlanger für die Blaujacken spielt! Natürlich haben wir es gewusst! Wir alle! Es war ein einmütiger Beschluss, dass Steve, Jim und seine Rebellen regelmäßig aus dem Store seines Vaters beliefern sollte. Jetzt verstehe ich erst, warum Bob McFlynn nicht wollte, dass du was davon erfährst. Es war nicht nur, weil du den Stern trägst und Jim vor dem Gesetz als Desperado dasteht! Zum Teufel mit diesem Gesetz, das nur den Yankees hilft. Von jetzt an machen wir die Gesetze in Longhorn wieder selber, wie es sich für richtige Texaner gehört. Wir brauchen dich und deinen verdammten Stern nicht länger, Dan!“

„Halt die Luft an, Kinsman! Du redest wie ein Narr! Verdammt, Leute, glaubt ihr denn im Ernst, dass auf Jims Art die Niederlage noch auszubügeln ist? Texas braucht jetzt keine Männer mehr, die Revolver und Gewehre schwingen, sondern Männer, die für den Frieden sind, die zum Vergessen bereit sind und …“

„Feiglinge, meinst du!“, unterbrach Kinsman hämisch. „Burschen, denen das Herz stillsteht, wenn ihnen ’ne Blaujacke über den Weg läuft! Oder Verräter, die sich Geld und ’nen feinen Job davon versprechen, wenn sie mit den Yankees zusammengehen. Zu welcher Sorte rechnest du dich, Dan?“

Dan verlor die Beherrschung. Seine Hände krallten sich in Kinsmans Jacke, rissen den einstigen Rancher herum und schleuderten ihn gegen die Theke. Kinsman fluchte. Sein schnurrbärtiges Gesicht färbte sich grau. Er schlug die schenkellange Jacke zurück, und jetzt sahen alle, dass er hoch an der rechten Hüfte einen Revolver trug, obwohl jedem Texaner seit Kriegsende das Waffentragen streng verboten war.

Im selben Augenblick knallten die Flügel der Schwingtüren nach innen. Aus dem strömenden Regen traten drei Männer in den von Petroleumlampen matt erhellten Saloon. Wasser troff von ihren Hutkrempen und den langen Ölhautmänteln. Schmutz klebte an den hochhackigen Stiefeln., Die Haltung der Männer wirkte überlegen, herausfordernd, arrogant. Aus kalten Augen starrten sie zur Theke.

Kinsman verzog verächtlich den Mund. „Du hast noch einmal Glück, Dan! Deine Yankeefreunde sind da! Phil, Amigo, einen Whisky für mich, ehe mir die Galle hochkomme!“

Elliots fette Hand zitterte, als er ein Glas füllte und es Kinsman hinschob. Der Schnurrbärtige wandte sich der Theke zu, und seine Jacke glitt über den rotbraunen Walnussholzgriff seines Sechsschüssigen zurück. Zwei der Neuankömmlinge blieben wie angewurzelt vor den ausschwingenden Türflügeln stehen. Der in der Mitte kam mit harten, abgezirkelten Schritten auf Dan zu. Sein glattes, gut geschnittenes Gesicht besaß einen unverkennbaren Zug grausamer Verschlagenheit. In den blauen Augen hatte Dan noch nie einen Schimmer menschlicher Wärme gesehen. Es waren Augen, die den jungen, schlanken Sheriff wie einen zum Verkauf angebotenen Gegenstand taxierten. Unter dem Regenmantel des Glattgesichtigen zeichnete sich undeutlich ein Revolverkolben ab. Der Mann blieb dicht vor Dan stehen.

„Kummer, Sheriff?“

„Nichts, was Sie angeht, Kelly!“, antwortete Dan dem Besitzer der ehemaligen Kinsman Ranch.

Luke Kelly verzog keine Miene. Sein Blick bohrte sich in Dans braune Augen. „Wenn ein Mann von meiner Ranch mitten in Longhorn von einem verdammten Rebellen über den Haufen geschossen wird, geht mich das wohl etwas an, Wilburn, finden Sie nicht auch?“

An den Tischen war heiseres Murren. Es verstummte sofort, als die Burschen an der Tür ihre Regenumhänge zurückschlugen und die knochigen Hände auf glatt gewetzte Coltgriffe legten. Die Waffen hingen tiefer, als das bei gewöhnlichen Weidearbeitern der Fall war. Die Holster waren mit dünnen Lederschnüren an den Oberschenkeln festgebunden.

„Der Mann, der Jerry Hanson erschossen hat, liegt tot in der Brazada“, erklärte Dan mit erzwungener Ruhe. „Wenn Sie wollen, können Sie sein Grab besuchen, Kelly.“

„Das genügt mir nicht, solange tagtäglich ein ähnlicher Zwischenfall passieren kann. Meine Leute und ich sind nicht nach Texas gekommen, um hier Zielscheiben für übergeschnappte Rebellen abzugeben. Mir hat es nie gefallen, dass ein Texaner in diesem besiegten Land den Sheriffstern trägt. Jetzt habe ich den Beweis, dass Sie, Wilburn, nicht in der Lage sind, das Gesetz in Longhorn richtig zu vertreten. Das Märchen mit dem Grab in der Brazada sparen Sie sich! Ich habe keine Lust, da hinauszureiten, wo vielleicht noch mehr verrückte Killer lauern! Ich will gar nicht behaupten, dass Sie mit Jerrys Mörder unter einer Decke stecken. Aber ich weiß schließlich, wie ein Mann aus dem Norden hierzulande bei der Bevölkerung angeschrieben ist. Sie können nicht aus Ihrer Haut, Wilburn. Sie sind Texaner. Ob Sie im Krieg waren oder nicht, interessiert mich nicht. Das Risiko eines texanischen Sheriffs in Longhorn ist mir einfach zu groß.“

„Dann reiten Sie nach Slateville, wo der zuständige Kommissar sitzt, der mit meiner Wahl einverstanden war.“

Von der Theke kam Nat Kinsmans höhnisches Lachen. Kelly hob die Achseln. Der grausame Zug um seinen Mund wurde deutlicher.

„Ich brauche die Armee nicht. Ich habe mich daran gewöhnt, meine Probleme selbst zu regeln. Ich werde den Stern, den Sie jetzt tragen, Wilburn, einem meiner Männer anstecken. Damit ist die Sache erledigt.“

„Dazu müssten Sie den Stern erst haben, Kelly.“

„Na und?“ Luke Kelly zog geringschätzig die Augenbrauen hoch. „Ich bekomme immer, was ich will. Ich halte jede Wette, dass es morgen einen neuen Sheriff in Longhorn gibt.“

„Ich wette dagegen.“

„Wenn Ihnen der verlorene Krieg nicht genügt – von mir aus!“ Kelly grinste spöttisch.

Dan hatte diesen Mann noch nie ausstehen können. Jetzt musste er sich zusammenreißen, um ihm nicht das Grinsen mit einem Fausthieb aus dem Gesicht zu treiben. Dan senkte die Hand auf den Kolben seines 44ers. „Sie vergessen, dass ich nicht nur ein besiegter Südstaatler, sondern auch Sheriff bin, Kelly. Das Gesetz ist für Sieger und Besiegte gemacht. Der Bezirkskommissar von Slateville hat mich in meinem Amt bestätigt. Das genügt, um Ihnen und Ihren angeheuerten Revolverschwingern das Betreten der Stadt zu verbieten. Das Verbot gilt ab sofort! Verschwinden Sie, Kelly!“

Der Rancher starrte Dan wie einen Verrückten an. Die Glätte seiner Miene zerbröckelte. „Wilburn, Sie verdammter Idiot, damit sprechen Sie Ihr eigenes Todesurteil! Ist Ihnen denn wirklich klar, worauf Sie sich da einlassen? Ein lausiger Texaner gegen einen Mann aus dem Norden, hinter dem die ganze, Macht des Siegers steht? Wollen Sie, dass ich ganz Longhorn Ihretwegen in Schutt und Asche lege?“

„Wo sollten Sie dann Ihre Profite machen?“, lächelte Dan kalt. „Gehen Sie mir aus den Augen, Mann! Wenn Sie den Stern unbedingt wollen, genügen Worte nicht.“

„Nun gut, morgen werden Ihnen diese Worte leid tun, Wilburn. Lasst eure Waffen stecken, Jungs! Dieser übergeschnappte Kerl bekommt früh genug, was ihm zusteht. Vielleicht ist er klug genug, aus Longhorn zu verschwinden, bis ich wiederkomme. Wilburn, ich bin ein verdammt großzügiger Mann. Ich gebe Ihnen Zeit bis morgen früh. Wenn Sie wirklich vorhaben, zu bleiben, dann lassen Sie sich lieber gleich Ihr Grab auf dem Boothill schaufeln.“

Mit einer Handbewegung gab Kelly seinen Begleitern das Zeichen, dass damit die Vorstellung beendet war. Die Revolvermänner drehten sich zur Tür. Kelly maß Dan mit einem letzten stechenden Blick, dann wollte er ihnen folgen. Doch da löste sich Kinsman von der Theke. Er zog den Revolver unter der Jacke hervor.

„Eine Sekunde, Kelly!“ Seine Augen leuchteten wild. Der reichlich genossene Alkohol hatte sein verwittertes Gesicht gerötet.

Luke Kellys Schultern verkrampften sich unter dem nassen Ölhautmantel. Kelly war kein Greenhorn. Er hatte die tödliche Entschlossenheit aus Kinsmans Stimme herausgehört. Vorsichtig wandte er den Kopf. Die Männer bei der Tür waren herumgezuckt, wagten aber nicht den Griff zur Waffe, als sie Kinsmans Revolver auf ihren Boss gerichtet sahen.

„Noch ein Verrückter!“, spottete Kelly gekünstelt. „Kinsmans Schießeisen ist ein weiterer Grund, Ihnen den Stern wegzunehmen, Wilburn. Weg mit dem Ding, Kinsman! Wenn es losgeht, rettet dich nichts mehr vor dem Galgen!“

„Hauptsache, ich weiß dich vor mir in der Hölle!“, knirschte Kinsman. „Ich bezweifle außerdem, ob die Blaujacken mich je lebend fassen werden! Denen werde ich schon zeigen, was los ist, wenn ein richtiger Texaner die Zähne zeigt! Daran wird sich Dan Wilburn ein Beispiel nehmen können! Kelly, du Bastard, du kommst hier nicht weg, bevor die Rechnung für meine Vertreibung von der Ranch beglichen ist! Da helfen dir die schnellsten und teuersten Revolvermänner nichts mehr!“

„Kinsman, hör auf damit!“, rief Dan.

„Halt du dich da raus, Hombre!“, schnaubte der Schnurrbärtige. „Sei froh, dass du so billig deine Sorgen los wirst!“ Kelly biss sich auf die Unterlippe. „Du bist betrunken, Kinsman! Du weißt nicht, was du tust!“

„Betrunken ja, aber klar genug im Kopf, um dich zu töten, du verdammter Yankeehund!“ Der Colthahn klickte unter Kinsmans Daumen. Kelly erbleichte. Es gab keine Möglichkeit für ihn und seine Begleiter, Kinsman zuvorzukommen.

Kinsman ging mit einem irren, verzerrten Lächeln auf den verhassten Nordstaatler zu. „Deine Leute haben zwar den Krieg gewonnen, du Halunke, aber für dich ist der Traum von Macht und Reichtum zu Ende!“

Dan sprang wie ein Panther auf ihn zu. Kinsmans Waffe dröhnte, dass die Flaschen und Gläser im Regal hinter der Theke klirrten. Aber da hatte Dan die Faust mit dem Colt schon nach oben geschlagen. Holzsplitter wirbelten von der Balkendecke. Kinsman brüllte. Dann blieb ihm die Luft weg, als Dan ihm die geballte Linke in den Leib rammte. Der schnurrbärtige Texaner krümmte sich zusammen.

Dan machte es kurz und hart. Seine Faust sauste mit der Wucht eines Schmiedehammers auf Kinsmans Hinterkopf herab. Der ehemalige Rinderzüchter knallte auf die Saloonbretter. Er lag da wie hingemäht, schlaff und ohne Bewegung. Dan hob den alten Patersoncolt auf und warf ihn ins Spülbecken an der Theke.

Kelly stand noch immer stocksteif zwischen den Tischen. Allmählich kehrte die Farbe in sein Gesicht zurück. Er lächelte spöttisch. „Gut gemacht, Wilburn. Aber es ändert nichts daran, dass ich mir morgen Ihren Stern hole.“ Kelly zog die Hand unter dem Regenmantel hervor. Ein Silberdollar klimperte vor Dans Stiefeln. „Ich bleibe nie etwas schuldig“, sagte Kelly höhnisch. „Bedienen Sie sich, Wilburn. Mit dem lausigen Konföderiertengeld, das Ihnen die Stadt zahlt, können Sie sowieso nichts mehr anfangen.“

 

 

3

Mit verbissener Miene schnallte Dan seinen Revolvergurt um, setzte den Hut auf und verließ sein dämmriges Office. Das goldene Frühlicht spiegelte sich in den Fensterscheiben entlang der Main Street. Ein paar Pfützen blinkten noch auf der breiten Fahrbahn, aber der Himmel über dem weiten Land am Brazos war wie reingewaschen. Prärielerchen trillerten hoch droben in der glasklaren Luft. Nach einer schlaflosen Nacht fühlte sich der Sheriff wie gerädert. Er fühlte sich einsam, müde und alt in einer Stadt, in der er keine Freunde mehr besaß. Er blickte zu McFlynns Store hinüber, doch die Vorhänge waren noch zugezogen. Er wartete umsonst darauf, dass sich Joanas hübsches, strahlendes Gesicht wie jeden Morgen hinter den Scheiben zeigte. Sogar dieser einzige und letzte Lichtblick in Longhorn blieb ihm versagt. Stirnrunzelnd heftete Dan seine Augen auf den südlichen Ortseingang, wo Hufspuren und tiefe Radfurchen den Weg zu Kellys Ranch markierten.

Jemand räusperte sich hinter Dan. Eine raue Stimme sagte: „Steve wird gleich mit deinem Pferd hier sein. Ich halte es für verrückt, wenn du ganz allein Kelly und seinen Sattelwölfen gegenübertrittst. Damit kannst du weder für dich noch für Longhorn etwas gewinnen. Sei vernünftig, Junge, und reite, ehe es für immer zu spät ist.“

Dan wandte sich um. Unter dem schattigen Vordach des Office stand Bob McFlynn, der Vater von Joana und Steve. Er war ein gedrungener, grauhaariger Mann mit faltenzerfurchtem Gesicht und sorgenvollen grauen Augen. Für Dan war die Einsamkeit über Longhorn plötzlich nicht mehr ganz so erdrückend. Bob McFlynn war immer ein Mann gewesen, der ihm mit Rat und Tat als väterlicher Freund zur Seite gestanden war. Diesmal schüttelte Dan den Kopf.

„Das ist keine Lösung, Bob. Es geht nicht nur um mich und Longhorn – es geht um das Gesetz, das Kelly in den Schmutz treten will.“ Mit einer mechanischen Bewegung wischte Dan das Abzeichen an seiner Lederweste blank.

McFlynn stieg bedächtig vom Vorbau zu ihm auf die Straße herab. Trotz der frühen Stunde machte sich schon die bevorstehende Hitze bemerkbar. Der Storebesitzer tupfte sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn. „Welches Gesetz meinst du, Dan? Das, welches wir früher in Longhorn hatten oder jenes, das die Yankees ins besiegte Land brachten?“

„Jetzt redest du wie Kinsman, Bob.“ McFlynn legte dem jungen Mann eine Hand auf die Schulter. „Streiten wir uns nicht. Dafür haben wir keine Zeit. Kelly wird bald hier sein. Du weißt so gut wie ich, dass du allein keine Chance gegen ihn hast. Da kommt Steve. Er wird dich in die Brazada führen. Er kennt Jim Lorrands Schlupfwinkel. Dort bist du vor Kelly und seinen Revolverschwingern sicher, bis …“

„Bob, das ist nicht dein Ernst!“

McFlynns Augen bekamen einen überraschend harten Glanz, den Dan noch nie in ihnen gesehen hatte. „Du kannst Kelly und seine Banditen nur mit Erfolg bekämpfen, wenn dir die Unterstützung von Jim und seinen Freischärlern sicher ist. Nein, sag jetzt nichts, Dan. Du weißt, dass der Krieg alle jungen, kampferprobten Männer aus Longhorn hinweggerafft hat. Du und Jim, ihr seid die Ausnahmen. Weißt du noch, wie ich dich in meiner Eigenschaft als Bürgermeister damals zum Sheriff vorgeschlagen habe? Ich tat es im Vertrauen darauf, dass du Texaner bist und Longhorn nicht im Stich lassen wirst. Nur darum geht es. Und genau deswegen habe ich selber Jim und seine Mannschaft ins County geholt, nachdem ich von dem Überfall am Red River und von der Hetzjagd auf Jim in den Yankeezeitungen las.“

„Du, Bob?“

„Ja, zum Teufel, ich! Schau mich nur nicht so an, Dan. Ich weiß, was ich sage, und ich stehe zu dem, was ich getan habe. Ich kann nicht mit ansehen, wie das Land unter dem Joch der Blaujacken stöhnt. Ich bin zu alt, um selber mit der Waffe in der Faust gegen diese verdammten Unterdrücker etwas auszurichten. Steve ist noch ein halber Junge. Aber Männer wie Jim und seine Rebellen sind hier genau richtig.“

„Männer, die ahnungslose Soldaten niederschießen und auf Beute aus sind!“, murmelte Dan bitter.

Steve zügelte die Pferde vor dem Office. Sein Blick glitt zwischen seinem Vater und Dan hin und her. Dann lachte er abgehackt. „Ich habe gleich gewusst, dass er dagegen ist, Dad. Du hast deine Hoffnungen auf den falschen Mann gesetzt. Dan Wilburn und Jim Lorrand als unschlagbares Kämpfergespann, an dem sich die Yankees die Zähne ausbeißen – das ist ein Traum aus der Vergangenheit.“

„Dan!“, keuchte der alte Storekeeper. „Sag, dass es nicht wahr ist! Wenn Kelly erst mit dir fertig ist, wird er mit eiserner Faust alles Leben aus diesem früher so prachtvollen Land herauspressen! Er wird in seine Tasche wirtschaften, bis es hier nichts mehr zu holen gibt, und dann wieder nach Norden verschwinden, von wo er gekommen ist. Dann werden Longhorn und seine Bewohner erledigt sein, Wracks ohne Zukunft. Denk nur an Kinsman, der immer mehr dem Alkohol verfällt. Kinsman ist nur der erste. Jeden einzelnen von uns wird es erwischen. Ob es uns gefällt oder nicht, Dan, hier in Texas geht der Krieg noch immer weiter, anders als auf den Schlachtfeldern, aber nicht weniger grausam. Sei vernünftig, Dan! Reite zu Jim! Verbünde dich mit ihm und …“

„Sie kommen!“, schrie Steve, der sich in den Bügeln aufstellte und mit ausgestreckter Hand nach Süden deutete.

Die Reiter tauchten wie hingezaubert auf einer grasbewachsenen Bodenwelle vor der Stadt auf. Die Metallbeschläge an Sattel und Zaumzeug blitzten silbern in der Sonne. Lässig hockten die Männer auf ihren struppigen Gäulen. Trotzdem strömte ein Hauch von Gefahr und Gewalttat von ihnen aus. Ihre Gesichter wurden von breitkrempigen Hüten beschattet. Tiefhängende Revolver schaukelten an ihren Oberschenkeln. Bald darauf wurde der Hufschlag ihrer Pferde vom weichen Sand der Main Street gedämpft. Sie kamen im Schritt zwischen den verwitterten Bretterfassaden die Fahrbahn herab: eine breite Front von sechs Mann und eine Pferdelänge vor ihnen ein siebenter Reiter – Luke Kelly.

„Dan, um Himmels willen, aufs Pferd mit dir und fort!“, keuchte der Storekeeper.

Dan straffte sich. „Sag Joana, dass ich nicht anders konnte. Sag ihr, dass mir keine Wahl blieb.“

Dan rückte seinen Coltgurt zurecht. An Steve und den nervös tänzelnden Pferden vorbei ging er die Straße hinab. McFlynn machte eine Bewegung, als wollte er ihn zurückreißen. Dann ließ er kopfschüttelnd die Hand sinken.

Dan blickte nicht mehr zurück. Seine Augen waren an den Reitern von der Kelly Ranch festgebrannt. Einer gegen sieben! Das bedeutete, dass er keine Chance besaß. Er hatte nur eine schwache Hoffnung: Wenn er gleich zu Anfang Kelly erwischte, würden die Revolvermänner ohne ihren Boss vielleicht nicht mehr weiterkämpfen. Eine Aussicht auf eine friedliche Einigung gab es nicht, dafür kannte Dan Kelly und seine Schießer zu gut. Diese Männer waren hier, um ganz Longhorn zu beweisen, dass nur sie die Macht im County besaßen.

Dan blieb mitten auf der lichtüberfluteten Fahrbahn stehen. Ein paar Yards vor ihm zügelte Kelly seinen Fuchshengst. Sofort hielten auch die übrigen Reiter. Kellys Hände ruhten lässig auf dem steilen Horn seines Texassattels. Er trug einen grauen Nadelstreifenanzug. Eine goldene Uhrkette glänzte an seiner Weste. Kellys Augen funkelten eisig.

„Ihr Texaner seid wirklich ein verrücktes Volk! Wilburn, glauben Sie denn tatsächlich, dass Sie den Stern behalten werden?“

„Sie werden ihn bestimmt nicht bekommen, das steht fest!“ Dan legte bedeutsam die Hand hinter den Coltknauf.

Kellys Miene blieb glatt wie eh und je. „Wenn Sie unbedingt für dieses Blechding in die Hölle sausen wollen, meinetwegen! Verstehen kann ich das nicht. Eigentlich schade um Sie, Wilburn. Sie hätten ohne weiteres einen Job auf meiner Ranch gefunden, wenn Sie vernünftig gewesen wären. Ich hatte Sie nicht für so wahnsinnig gehalten, sich mit dem Norden anzulegen.“

„Sie sind nicht der Norden, Kelly. Das reden Sie sich nur selber ein, weil es Ihre Position stärkt. In Wirklichkeit sind Sie nur ein erbärmlicher Schurke, der in einem besiegten Land das große Geld machen will.“

Jäher Hass glühte in Kellys Augen. Er lachte hart. „Ein Mann, der bereits mit einem Bein in der Grube steht, hat Anrecht auf ein gewisses Maß an Narrenfreiheit! Reden Sie sich nur alles von der Seele, Wilburn, so lange Ihnen noch Zeit bleibt! Ich höre Ihnen gern zu.“

„Weil Sie Angst haben, Kelly!“, erwiderte Dan beißend. „Weil Sie den Moment hinauszögern wollen, in dem ich zum Eisen greife! Es war Ihr Fehler, so offen an der Spitze zu reiten, nur damit jeder sieht, dass Sie der große Boss sind! Jetzt haben Sie kapiert, dass Sie der Mann sind, auf den ich zuerst schießen werde. Und plötzlich gefällt Ihnen die Sache nicht mehr so richtig, wie?“

Die Verachtung in Dans Stimme jagte flammende Röte über Luke Kellys sonst so steinernes Pokergesicht. Er merkte nicht, dass Dan ihn absichtlich reizte, um ihn zu einem Fehler zu verleiten. Kelly musste früher ziehen als seine Schießer, wenn Dan ihn zuerst treffen wollte. Dan würde niemals auf einen Gegner feuern, dessen Waffe noch im Holster steckte. Jetzt sah er, wie Kelly den Schoss der Anzugjacke über dem mit Elfenbeinschalen ausgelegten Revolvergriff zurückschlug. Der Rancher duckte sich im Sattel. Seine überlegene Lässigkeit war dahin.

Er fauchte: „Gleich werden dir die großschnäuzigen Töne für immer vergehen, du verdammter Rebell! Ich werde dich ganz allein dahin befördern, wo du hingehörst, in die Hölle nämlich!“

Seine Faust schnappte nach der Waffe. Für seine sechs Revolvermänner war es das Signal, ebenfalls zu den Eisen zu greifen. Fairness war ein Fremdwort für diese kaltäugigen Raureiter. Für sie zählte nur der Revolverlohn, den ihnen Luke Kelly bezahlte. Jetzt war die Gelegenheit da, zu beweisen, dass sie ihr Geld wert waren. Danach handelten sie. Ihre Colts flogen aus den Holstern.

So schnell sie auch waren – ihr Boss bekam noch vor ihnen seinen Sixshooter aus dem Leder. Gleichzeitig flirrte Dans 44er Colt in die Höhe. Dan ließ sich auf ein Knie nieder, sah das Blitzen von Kellys Waffe und feuerte zurück. Beide Schüsse verschmolzen zu einem Donnerknall.

Kellys Oberkörper wurde wie von einem Fausthieb zurückgestoßen. Sein Fuchshengst scheute. Kelly verlor den Revolver, schwankte und drohte zu stürzen. Im letzten Moment klammerte er sich am Sattelhorn fest. Für ein paar Sekunden konnten Kellys Revolverschwinger nicht schießen, ohne ihren Boss zu gefährden.

Doch dann spornten die Schießer ihre Gäule auf gleiche Höhe mit dem Rancher. Und Kelly schrie mit hass- und schmerzverzerrter Stimme: „Knallt ihn nieder! Hundert Dollar dem, der ihn erwischt!“

Dan schoss auf einen Burschen, der ihn über den blanken Coltlauf wild anstarrte, schnellte zur Seite und rollte durch den Sand. Wo er eben noch gekniet hatte, pfiffen Kugeln. Staubfahnen flogen hoch. Heiseres Gebrüll mischte sich in die schmetternden Detonationen. Hufe hämmerten auf den Sheriff zu.

Dan feuerte aus der Drehung. Ein Mann stürzte mit ausgebreiteten Armen vom weiterjagenden Pferd. Irgendwo in Longhorn schrie gellend eine Frau. Verirrte Kugeln hieben in die Fensterscheiben der benachbarten Häuser. Dan presste sich flach auf die Erde, als ein reiterloses Pferd über ihn wegsprang. Er entdeckte Kelly, der mit seltsam verrenkten Gliedern wenige Schritte von ihm entfernt im Sand lag. Aber auch wenn Kelly tot war – die entfesselte Revolvermeute war nicht mehr zu bremsen.

Dan taumelte hoch. Er musste weg von der Straße. Er musste Deckung zwischen den Häusern finden. Aber es war unmöglich, die Strecke dorthin im Krachen der Revolver zu schaffen. Eine Kugel zupfte an Dans Lederweste. Dann erhielt er einen Schlag gegen die Faust, der ihn bis ins Schultergelenk schmerzte. Er hatte plötzlich nicht mehr die Kraft, den 44er zu halten. Die langläufige Waffe fiel in den Staub. Ein Zufallstreffer hatte dem jungen Sheriff den Colt aus der Hand geprellt. Damit war der Kampf für ihn zu Ende. Er war verloren.

Zwei, drei qualmende Coltmündungen tauchten über zottigen Pferdemähnen dicht vor ihm auf. Die Gesichter der Männer waren grausam verkniffen. „Jetzt bist du erledigt, du verrückter Texanerhund!“

„Dan!“ Der schrille Schrei aus einer Frauenkehle ging dem Sheriff durch Mark und Bein. Joana war da, Bob McFlynns Tochter, mit der er von einer gemeinsamen Zukunft geträumt hatte. Jetzt konnte Dan nicht einmal den Kopf wenden. Die Revolvermündungen, die gleich Tod und Verderben speien würden, bannten seinen Blick.

Plötzlich hieb wieder das Dröhnen von Waffen durch die einsam gelegene Rinderstadt. Dans Körper verkrampfte sich in der Erwartung der tödlichen Treffer. Er wollte schreien, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Dann traute er seinen Augen nicht. Die Gäule der Revolverschwinger bäumten sich wiehernd vor ihm auf. Wie von Kolbenhieben wurden die Reiter aus den Sätteln gefegt. Sie rollten durch den Staub, blutüberströmte, schlaffe Bündel, die nie mehr Terror und Schrecken verbreiten würden.

Dan stand da wie vor den Kopf geschlagen. Ein Durcheinander von Stimmen, Schritten und Hufgetrampel war um ihn. Staub und Pulverdampfschleier hingen in der Luft. Entlang der Häuserfronten klappten Türen und Fenster. Vor Minuten war Longhorn noch wie leergefegt im gleißenden Licht der Morgensonne gelegen – jetzt herrschte aufgeregtes Hin und Her auf den hölzernen Gehsteigen und Veranden.

Mit steifen Schritten, wie in Trance, ging Dan durch den wehenden Staub zu Kelly. Der Rancher, der ihm den Tod geschworen hatte, lebte nicht mehr. Beim Sturz vom Pferd hatte sich Luke Kelly das Genick gebrochen.

„Dan!“ Diesmal klang Joanas Stimme schon viel näher. Tief durchatmend drehte sich der Sheriff um. McFlynns junge, hübsche Tochter lief mit wehenden Haaren auf ihn zu. Sie flog förmlich in Dans ausgebreitete Arme. Tränen glänzten auf ihren glühenden Wangen, aber ihre blauen Augen leuchteten. Sie schmiegte sich fest an ihn. Ihr schlanker Körper war weich und biegsam.

„O Dan, ich bin so froh, dass du lebst! Ich hatte furchtbare Angst, mit Jim und seinen Leuten zu spät zu kommen!“

Dans Haltung versteifte sich. Seine Miene wurde ausdruckslos, als er die sporenklirrenden, waffenstarrenden Gestalten zwischen den Häusern hervorkommen sah. Genauso waren sie gestern bei den Felsen am Rand der Brazos River Brazada aufgetaucht: düster, verwildert, den Finger am Abzug, eine Ahnung von Pulverrauch und Tod verbreitend. Der warme Glanz in Dans Augen erlosch.

Joana blickte betroffen zu ihm auf. „Was ist, Dan? War es nicht richtig, was ich getan habe? Mein Gott, Dan, es gab doch keine andere Chance für dich. Ich ließ Steve keine Ruhe, bis er mir den Weg zu Jims Schlupfwinkel beschrieb. Ich wusste, dass nur noch Jim helfen konnte. Dan, ihr seid doch Freunde! Ihr …“

„Vielleicht gefällt es ihm trotzdem nicht, dass er ausgerechnet mir und meiner Mannschaft das Leben verdankt!“, meldete sich Jim Lorrand spöttisch hinter Dan.

Der Sheriff löste sich von Joana und drehte sich um. Das blonde Haar hing Jim schweißverklebt in die braungebrannte Stirn. Er lächelte schmallippig, während er Dan seinen 44er Colt zurückreichte. „Mach dir nichts draus, Amigo. Du schuldest mir nichts. Ich habe nur den Preis für meine glückliche Heimkehr nach Longhorn bezahlt.“

 

 

4

Der dicke Saloonkeeper zog ängstlich den Kopf ein, als eine Kugel über ihm eine Flasche im Regal zerschmetterte. Grölendes Gelächter hallte durch den Saloon. Der hünenhafte, stiernackige Bull Atkins hieb die Faust auf die Tischplatte, dass die leeren Gläser hüpften.

„Nennst du das prompte Bedienung, Fettwanst?“, brüllte er durch das ausgelassene Gejohle seiner Kumpane. „Wenn ich sage, dass ich Durst habe, dann will ich keine fünf Minuten warten, verdammt noch mal! Dann will ich was Scharfes durch die Kehle gießen, und zwar ein bisschen fix! Und sieh zu, dass du nicht wieder so billigen Fusel anschleppst wie vorhin! Wir sind nur das Beste vom Besten gewohnt, was, Jungs?“

Bull Atkins schaute beifallheischend in die Runde. Der langläufige Rebell-Colt lag vor ihm zwischen den Gläsern auf dem Tisch. Dem jungen rothaarigen Reddy Jones liefen vor lauter Lachen Tränen übers Gesicht. Er bog sich und schlug dem grobschlächtigen Atkins immer wieder begeistert auf die Schulter. Von der ganzen wilden, tobenden Meute, die den Lonestar Saloon in einen Hexenkessel verwandelt hatte, verzog nur der hagere Missouri-Smith keine Miene. Der finstere Mann mit der verbeulten Uniformmütze und der weißen Säbelnarbe auf der rechten Wange saß abseits an einem runden Tisch und reinigte seine beiden Revolver. Er war der einzige in Lorrands Crew, der keine Armeecolts, sondern richtige Revolvermann-Schießeisen im Kreuzgurt trug: Colts mit verkürztem Lauf und abgefeilten Abzugsbügeln, die Missouri-Smith aus seiner Vergangenheit als berüchtigter Buscadero, als gefährlicher Zweihandschütze, durch die langen Kriegsjahre gerettet hatte.

Phil Elliot, der Saloonbesitzer, beeilte sich aufgeregt, den Wünschen seiner ungebetenen Gäste nachzukommen. Sein watschelnder Gang und der Ausdruck seines bleichen Mondgesichts stachelten die Heiterkeit der rauen Rebellen nur noch mehr an. Zitternd stellte er die bauchige Flasche auf den Tisch. Bull Atkins hielt ihn am Arm fest. Er grinste breit zu dem schwitzenden, nervösen Salooner empor. „Du bist eingeladen, mein Freund, trink!“

„Sir, ich …“

„Nein, nein, du brauchst kein Glas“, grinste Atkins tückisch. „Nimm gleich die Flasche. Nur nicht so umständlich!“

„Trink, Dicker, trink!“, johlte Reddy Jones.

Elliot schaute von einem zum anderen, setzte die Flasche an den Mund und nahm einen Schluck. Als er aufhören wollte, spürte er den Druck von Atkins Colt am Bauch. Elliot verschluckte sich und prustete einen Sprühregen über die Köpfe der Rebellen.

Atkins brummte: „Nur weiter, Amigo, nur nicht so zaghaft! Bei uns kommt keiner zu kurz! Wir haben schließlich Grund zum Feiern, was? Wie wir es diesen verdammten Yankees gezeigt haben, das war schon Klasse, nicht? Darauf wirst du trinken, mein Freund. Los doch!“

Elliot schluckte. Der Schnaps lief ihm aus den Mundwinkeln. Die Augen quollen hervor. Reddy Jones konnte sich vor lauter Lachen kaum mehr auf dem Stuhl halten. Am Nebentisch stand ein schwarzbärtiger Bursche schwankend auf und begann die Petroleumlampen an der verräucherten Decke zu zerschießen. Elliot zuckte erschrocken zusammen. Die Flasche zerklirrte auf dem Tisch, und der Whisky lief Atkins über die Hose. Atkins war mit einem Satz auf den Beinen. Sein Stuhl polterte auf die Bretter.

„Das wirst du bereuen, Fettwanst! Das hast du absichtlich gemacht!“

Elliot hob abwehrend die fleischigen Hände. „Sir, um Himmels willen, nein! Ich wollte nicht … Ich habe … Sir, warten Sie, ich hole sofort eine neue Flasche! Selbstverständlich auf Kosten des Hauses, Sir! Sie werden …“

Elliot duckte sich, als der Colt in Atkins klobiger Faust flammte. Wieder barst eine Flasche im Regal hinter der Theke. „Zum Teufel mit deinem Fusel! Immer nur saufen, das wird mit der Zeit langweilig! Du solltest etwas tun, Dicker, um deine Gäste besser zu unterhalten. Was meint ihr, Amigos?“

Der rothaarige Jones sprang auf, war mit einem federnden Satz auf dem Tisch und klatschte in die Hände. „Lass ihn tanzen, Bull, lass ihn tanzen!“

Elliot starrte entsetzt auf Atkins’ sich langsam senkende Coltmündung. Er wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton hervor. Sein schwammiges Gesicht wirkte grünlich. Auf dem Tisch zerklirrten Gläser unter Jones’ stampfenden Stiefeln. Mit schriller Stimme begann der junge Südstaatler zu singen. Er klatschte den Takt dazu. Bull Atkins grinste Elliot schief an.

„Zeig, was du kannst! Tanz, Muchacho!“

„Sir, ich werde keinen Cent von Ihnen verlangen, wenn Sie mich gehen lassen!“, jammerte der Keeper. „Ich …“

Der Colt donnerte. Die Kugel bohrte sich einen Zoll neben Elliots rechten Fuß in die Dielen. Unwillkürlich machte der Keeper einen grotesken Luftsprung. Er war kaum wieder im Gleichgewicht, da krachte Atkins’ Waffe wieder und wieder. Elliot hüpfte wie ein Mehlsack, der Beine bekommen hat. Atkins’ Gefährten schrien vor Vergnügen. Als Atkins seinen Colt leergeschossen hatte, warf ihm ein hohlwangiger, dürrer Kerl namens Duggan seinen Revolver zu. Elliot hielt sich nach Atem ringend an einem Stuhl fest. Seine Knie zitterten.

„Nur nicht so müde!“, höhnte Atkins. „Es geht weiter, mein …“

„Schluss!“, peitschte eine zornige Stimme vom Eingang her. „Noch ein Schuss, dann bist du fällig!“

Bull duckte sich. Es sah aus, als würde er gleich herumwirbeln und feuern. Dann legte er zögernd den Revolver auf den Tisch und wandte sich um. Er grinste lauernd. „Hallo, Freund Sheriff! Schon wieder scharf auf Verdruss?“

Das Gelächter war verstummt. Die sehnigen, hartgesichtigen Männer an den Tischen erhoben sich. Reddy Jones sprang auf die Dielen. Nur Missouri-Smith, der Mann mit den zwei Revolvern rührte sich nicht. Dan Wilburn hielt die Rechte am Coltkolben, während er langsam in den Saloon trat. Er hatte das Gefühl, von einem Rudel Wölfe belauert zu werden. Trotz der vereinzelten Uniformstücke hatten die Männer aus Jims Horde nichts Soldatisches an sich. Sie waren ein verwilderter, verlorener Haufen.

Elliot zog sich ängstlich zur Theke zurück. Aber die ehemaligen Südstaatensoldaten beachteten ihn schon nicht mehr. Atkins kniff ein Auge zu und legte den massigen Schädel schief. „Na, Sheriff? Willst du uns wirklich um das bisschen Spaß bringen, das wir uns redlich verdient haben?“

„Ich gebe euch eine Stunde Zeit, die Stadt zu verlassen.“

„Ach nein! Und wie willst du das deinem ehemaligen Freund Jim beibringen, Sternträger?“

„Lass das meine Sorge sein! Packt euren Kram zusammen und verschwindet! Bei Bob McFlynn werdet ihr alles bekommen, was ihr für euren Ritt nach Süden braucht. Geht über die Grenze nach Mexiko. Dort seid ihr sicher.“

„Nicht doch! Warum Mexiko, wo es in Longhorn so nett und friedlich ist? Schließlich ist unser Captain hier zu Hause. Wir haben begonnen, uns hier richtig wohl zu fühlen.“

„Das sehe ich!“, knurrte Dan. „Bull, du bist der erste, der jetzt den Saloon verlässt! Das ist ein Befehl!“

Atkins setzte sich schwerfällig in Bewegung. Er steuerte zwischen den Tischreihen auf Dan zu. Die übrigen Männer bewegten sich ebenfalls vorwärts, gleitend und geschmeidig wie Raubkatzen. Ihre Sporen klingelten leise.

Atkins grollte: „In ganz Texas gibt es nur einen Mann, von dem wir Befehle annehmen. Das ist unser Captain. Glaub nur nicht, du kannst uns mit deinem Stern imponieren, Wilburn. So billig wirst du uns nicht los!“

Dan zog entschlossen seinen Colt. Aktins blieb ruckartig stehen. Im nächsten Moment grinste er. „Aber nein, du wirst als Sheriff doch auf keinen Unbewaffneten schießen!“ Er wies auf sein leeres Holster und lachte polternd.

Dan ging aufrecht, den Colt in Anschlag auf ihn zu. Die Bewegungen zwischen den Tischen waren erstarrt. Nervige Hände tasteten nach den Revolvergriffen. Durchdringende Augenpaare beobachteten feindselig und abschätzend den sehnigen Mann mit dem fünfzackigen Stern. Reddy Jones atmete heftig. Ein Ausdruck wilder Gier nach Gewalt brannte in seinen grünlichen Augen.

„Mach ihn fertig, Bull! Zeig ihm, wer die neuen Herrn in Longhorn sind!“

Dan war nur noch drei Schritte vor dem Hünen. „Verschwinde, Bull!“

Atkins sprang fluchend auf ihn los. Er war schneller, als es jeder bei seiner massigen Figur erwartete. Und er vertraute darauf, dass Dan nicht schießen würde. Damit hatte er recht. Aber andererseits verspürte Dan nicht die geringste Lust, sich auf einen Faustkampf mit diesem zweibeinigen Grizzly einzulassen. Er war noch flinker als Atkins. Er glitt zur Seite, drehte sich halb, und Atkins’ Angriff stieß ins Leere. Dan ließ dem Bullen nur noch Zeit zum Herumwirbeln. Dann schlug er blitzschnell mit dem Coltlauf zu. Atkins prallte zurück, riss einen Tisch und zwei Stühle um und stürzte hart zu Boden.

Dan hörte ein Scharren neben sich und schwang den 44er herum. Jones duckte sich mit dem Revolver in der Faust, als ihn plötzlich Dans Coltmündung anstarrte. In seinem jungen, von harten Linien gezeichneten Gesicht arbeitete es. Dan schaute ihn wortlos und entschlossen an. Da schob der Rothaarige achselzuckend die Waffe ins Leder zurück.

„Warte nur, Wilburn, du kommst auch noch an die Reihe!“

Dans Coltfaust ruckte. „Hinaus mit euch!“

Details

Seiten
135
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930740
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495639
Schlagworte
rebellen

Autor

Zurück

Titel: Die letzten Rebellen