Lade Inhalt...

Dr. Florian Winter Band 12: Ihre verschenkten Jahre

2019 167 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ihre verschenkten Jahre

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

Ihre verschenkten Jahre

Dr. Florian Winter Band 12

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 167 Taschenbuchseiten.

 

Viele Jahre hat Hilde mit ihrem Mann zusammen gearbeitet. Zusammen hatten sie die Firma aufgebaut. Sie haben Geld im Überfluss und zwei wohlgeratene Kinder, doch dann hat Hilde einen Unfall. Die Ärzte ordnen Schonung an und so wird sie aus dem Betrieb hinausgeschont.

Als sie sich wieder ihren Aufgaben in der Firma stellen will, hat sich so viel geändert, dass sie keine Freude mehr daran hat. Eine Andere hat ihre Arbeit übernommen und Hilde sitzt zu Hause und fühlt sich überflüssig. Irgendwann erfährt sie, dass diese Andere nicht nur ihre Arbeit übernommen hat, sondern auch den Platz an der Seite ihres Mannes...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekkerde

postmaster@alfredbekkerde

 

 

1

Sie hatte sich auf ein gemeinsames Frühstück gefreut, aber als sie auf die Terrasse kam, stand er schon da mit seinem Aktenköfferchen. Er lächelte. Ein Mann Anfang Fünfzig mit der Spannkraft eines Vierzigers. Die leichte Stirnglatze störte nicht. Die buschigen Brauen gaben ihm etwas Markantes.

„Tut mir leid, Liebling! Ich frühstücke im Flugzeug.“ Er warf einen hastigen Blick auf die Armbanduhr. „Also, wir sehen uns dann morgen.“ Einen flüchtigen Kuss auf die Wange, eher eine Pflicht als ein Bedürfnis. Da lief er zum Wagen, wo Backmann, der Chauffeur, bereits wartete. Der Motor lief. Ein Lächeln, ein Winken. Ein paar Sekunden später rollte der Wagen über den Kiesweg durch den Park zum Tor.

Sie war wieder allein, wie meistens in der letzten Zeit...

Hilde Henkel starrte noch den Weg entlang, als der Wagen schon längst nicht mehr zu sehen war. Ein Gefühl trostloser Einsamkeit überfiel sie; ein Gefühl, wie sie es schon sehr oft in den letzten Monaten empfunden hatte. Sie kam sich verlassen vor.

Unsinn, sagte sie sich, ich bin doch nicht verlassen. Ich habe doch meine Kinder. Na ja, die gehen auch schon längst ihre eigenen Wege, und Zeit für mich haben sie eigentlich selten. Und wenn sie Zeit haben, kommt es immer auf einen Streit heraus. Unsere Meinungen decken sich kaum noch.

Sie wandte sich um und sah durch die Scheiben der großen Verandatür hindurch die Haushälterin, Frau Rapp, im Wohnzimmer hantieren.

Irgendwie empfand sie in diesen Augenblicken Neid. Frau Rapps Mann kam seine Frau jeden Abend abholen. Er brachte sie morgens. Und Hilde Henkel hatten den Eindruck, dass die beiden sich sehr gut verstanden. Dabei war Frau Rapp genauso alt wie sie selbst, nämlich achtundvierzig, eine Frau, wie man so sagt, in den allerbesten Jahren. Aber sie spürte bereits da und dort ein Nachlassen ihrer physischen Kraft.

Ich sollte vielleicht wieder Sport treiben, dachte sie. Tennis, zum Beispiel. Aber schon der Gedanke erfüllte sie mit wenig Befriedigung. Sie hatte keinen Spaß am Tennis. Überhaupt fühlte sie sich unheimlich müde. Manchmal legte sie sich auch den Tag über hin. Was sollte sie auch tun? Zum Lesen hatte sie ebenfalls wenig Lust. Kreuzworträtsel vielleicht. Zu tun gab es kaum etwas. Was es im Haus zu machen gab, erledigten Frau Rapp und Tina, das spanische Hausmädchen. Höchstens bei Festlichkeiten. Aber aus denen machte sie sich auch nichts. Sie kam sich richtig lustlos vor; und der Tag, das empfand sie fast schmerzhaft, war unausgefüllt.

Wenn er mich doch einmal mitnehmen würde. Früher hat er das immer getan. Aber jetzt fährt er allein. ,Du würdest dich nur langweilen', pflegte er zu sagen.

Ich sitze im goldenen Käfig und komme nicht hinaus. Ich versuche es nicht einmal. Vielleicht käme ich hinaus. Wenn ich doch eine Aufgabe hätte, irgend etwas, mit dem ich mich beschäftigen muss. Es gäbe hunderttausend Dinge auf dieser Welt, die ein wenig Tatkraft erforderten. Aber ich habe keine Tatkraft. Ich stehe hier herum und warte im Grunde auf den Abend. Auf den Abend?

Sie lachte leise und unfroh vor sich hin. Nein, so richtig schlafen kann ich auch nicht; wälze mich von einer Seite auf die andere und dann immer diese Kopfschmerzen. Wenn ich im Bett liege, bekomme ich Kopfschmerzen. Frische Luft, wandern, hat der Arzt gesagt, körperliche Betätigung. Zu nichts von dem habe ich Lust. Am liebsten liege ich hier auf der Terrasse herum, wenn schönes Wetter ist. Aber in diesem Sommer hat es wenig Tage gegeben, die ich voll auskosten konnte. Einmal wegfahren. Gut. Shopping gehen. Auch gut. Aber was soll ich mir noch kaufen? Ich habe ja alles. Und den Kindern geht es nicht anders. Die sind richtig übersättigt.

Sie nickte vor sich hin. Das ist es, nichts Schlimmeres als satt zu sein. Ein bisschen Hunger müsste immer bleiben, Hunger auf irgend etwas. Hunger regt an. Dann kann man denken, dann kommen einem Einfälle. Aber ich bin nur noch lustlos. Wenn ich in ein Konzert gehe, dann möchte ich am liebsten nach einer Viertelstunde schon wieder aufstehen, weil es mich anödet, unter all diesen Menschen zu sitzen. Ich möchte mich verkriechen, in eine Nussschale schlüpfen und in Ruhe gelassen werden. Aber wenn ich hier Ruhe habe, fühle ich mich unwohl.

Er ist seit Monaten nicht mehr bei mir gewesen. Seit Monaten! Seit Monaten keine Nacht mehr mit ihm. Und was waren es früher für Nächte gewesen. Damals, als wir noch nicht diesen riesigen Park mit dieser Traumvilla besaßen, damals, als er noch keine Fabriken hatte, damals, unmittelbar nach dem Krieg, als wir beide nichts weiter aufzuweisen hatten als ein paar gute Ideen. Am Anfang, da haben wir gemeinsam geschuftet, haben es aufgebaut. Die Kinder hatten wir so nebenher mit aufgezogen. Aber das ist eine phantastische Zeit gewesen, eine wunderbare Zeit. Er und ich, wir waren Partner, Kameraden, Freunde, was wir aufbauen konnten, das blieb.

Und vor drei Jahren hatten wir das Ziel erreicht. Vor drei Jahren war es dann soweit. Dieses kleine Reich, was wir geschaffen hatten, stand. Wir waren vermögend. Wir gehörten zu den einflussreichsten Leuten hier. Glück war dabei gewesen, sehr viel Glück, und eine gehörige Portion Genie von Ferdinand. Er hatte im richtigen Augenblick mit den richtigen Leuten die richtigen Geschäfte abgeschlossen. Das war sein Verdienst. Sie selbst hatte nur gearbeitet, hatte ihm bei allem geholfen, war sein Vertrauter gewesen. Und dann hatte sie diesen Unfall gehabt; einen Autounfall ohne Verschulden. Sechs Wochen Krankenhaus nach den Kopfverletzungen. Und danach Schonung. Mehr noch als die Ärzte achteten ihre Kinder und Ferdinand darauf, dass sie sich ja nicht einmal überanstrengte.

Am Anfang wäre sie zu einer Anstrengung auch gar nicht fähig gewesen. Nachher bäumte sie sich dagegen auf, so geschont, so verweichlicht zu werden. Aber alle redeten ihr ein, dass sie diese Ruhe brauchte. Ein paar Wochen nur, dann könnte man über alles reden.

Sie hatte immer wieder versucht, mit Ferdinand darüber zu sprechen. Alles war inzwischen eingespielt. Ferdinand hatte sich hervorragende Leute zu seiner Unterstützung herangezogen, wie sein Assistent Rehweber zum Beispiel, oder die tüchtige Hella Braut, die hier alles für ihn regelte und managte. Auch Anni Gerting, die schon früher ihrer beider Sekretärin gewesen war, schien bei ihrem Mann einen größeren Aufgabenkreis erhalten zu haben.

Vor einem Jahr dann hatte Hilde Henkel endlich begriffen, dass man sie in der Firma eigentlich gar nicht mehr wollte, dass sie dort nur gestört hätte und alles ohne sie viel besser lief. Ein paar Wochen war sie noch einmal in den Betrieb gegangen, und ihr war klar geworden, dass viele Dinge inzwischen ganz anders liefen, dass es so viele Veränderungen gegeben hatte, hinter die sie gar nicht richtig kam, dass sie schließlich aufgab. Sie kehrte nach Hause zurück und ließ sich von ihrem Mann und ihrem Sohn überzeugen, dass sie die Rolle der Frau und Mutter doch viel mehr verdient hatte, als sich im Geschäft aufzureiben. Waldemar, ihr Sohn, stand im Betrieb seinen Mann. Er hatte kürzlich als Diplomingenieur das Studium abgeschlossen, und wenn ihm auch da und dort noch die Erfahrung fehlte, so konnte er doch sein Wissen einsetzen und wurde von Ferdinand gefördert, wo es nur möglich war.

Ihre Tochter Sonja studierte in der Schweiz Medizin. Sie war jetzt dabei, überlegte Hilde gerade, das Physikum zu machen. Danach kam sie in den Ferien nach Hause. Lausanne war eine teure Gegend, aber für die Henkels bedeutete der Scheck, den die Tochter jeden Monat erhielt, nichts. Geld spielte seit Jahren keine Rolle mehr.

Wir haben zu viel davon, einfach zu viel, dachte Hilde. Ich kann kaufen, was ich möchte. Aber was soll ich damit? Es macht mir nicht einmal mehr Freude, etwas zu kaufen.

Freude würde mir machen, nur einmal mit Ferdinand zu frühstücken. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, dass wir wie früher zusammen am Tisch sitzen, bei schönem Wetter sogar draußen auf der Terrasse, und dass wir danach noch zusammensitzen, er eine Zigarette raucht, und ich einfach so dasitze und ihm zuhöre. Bei mir hat er sich immer ausgesprochen. Tut er schon lange nicht mehr. Mit wem spricht er jetzt? Mit Annie Gerting oder mit Hella Braut? Oder mit Max Rehweber? Mit einem muss er doch reden. Oder gibt es gar... Sie erschrak bei diesem Gedanken. Den hatte sie noch nie gehabt.

Unsinn! Wir sind sechsundzwanzig Jahre verheiratet. Er fängt doch nicht nach einer so langen Ehe mit irgendeiner anderen Frau etwas an. Ich glaube, dazu hat er gar keine Zeit.

Sie musste an den Schlager denken „So heirat’ doch dein Büro“. Ferdinand war ihr immer so vorgekommen wie jener Mann in diesem Lied, dass er gar keine Zeit für einen Seitensprung hatte, obgleich, und das wusste Hilde ganz genau, die Frauen auf ihn flogen. Er sah gut aus. Er hatte auch den Charme, um Frauen für sich zu gewinnen.

Sie selbst war nicht mehr so gertenschlank wie früher, eigentlich schon mit einem deutlichen Hang zum Molligen. Ihre Versuche, durch Fasten wieder das frühere Gewicht zu erreichen, hatten alle mit einer Niederlage geendet. In letzter Zeit ertappte sie sich mehr und mehr dabei, dass sie über den Hunger hinaus aß, dass sie Appetite verspürte, die ihr früher unbekannt gewesen waren. Auch nachts war sie schon aufgestanden und an den Eisschrank gegangen, nachdem sie stundenlang schlaflos im Bette gelegen hatte. Und was sich da an ihren Hüften bildete, hatte ihre Tochter Kummerspeck genannt.

Sie hätte sich gern wieder einmal mit Sylvia unterhalten, Sylvia, die Frau von Dr. Fabricius. Das war ein Fabrikant, der Ferdinands Betrieb Teilprodukte zulieferte. Aus der Geschäftsbeziehung war eine Freundschaft entstanden. Allerdings hatte sie sich in der letzten Zeit ein wenig abgekühlt. Es mochte auch daran liegen, dass die Fabricius’ ein Zweigwerk in Südafrika errichtet hatten und deshalb viel auf Reisen waren.

Sylvia, so sagte sich Hilde, ist meine einzige Freundin. Sylvia ist natürlich. Und sie hat auch Probleme mit ihrem Mann.

Probleme? Habe ich denn Probleme?, fragte sie sich erschrocken. Wir streiten uns nie. Er ist immer höflich, immer nett. . . und nie da, auch nachts nicht. Entweder kommt er spät nach Mitternacht von irgendeiner Besprechung oder er bleibt gleich ganz weg. Wie oft, dachte sie, hab’ ich schon auf ihn gewartet, habe ich auf das Knirschen der Reifen auf dem Kiesweg gelauscht. Wie oft habe ich gedacht: würde er doch noch ins Schlafzimmer kommen. Und ein paarmal bin ich auch schon aufgestanden, wenn er nachts kam und sich in sein Arbeitszimmer auf die Couch legen wollte, habe ihn gebeten, doch mitzukommen ins gemeinsame Bett. Aber da hat er meistens erklärt, er habe einen harten Tag hinter sich, sei todmüde.

Vielleicht doch eine Freundin!

Nein. Wir sind einfach schon zu lange zusammen. Früher, da hat es so viele harte Arbeitstage gegeben. Wir beide haben geschuftet. Doch deshalb waren wir abends nicht zu müde, gemeinsam ins Bett zu gehen und miteinander sehr glücklich zu sein.

Ich bin ungerecht, dachte sie. Er ist auch älter geworden, genau wie ich. Obgleich er so fit aussieht, wird seine Kraft auch nachgelassen haben.

Vielleicht ist er wirklich müde, so, wie ich jetzt wieder müde werde, mich am liebsten hinlegen möchte.

Enttäuscht nahm sie am Frühstückstisch Platz. Und ich werde wieder essen, dachte sie. Ich werde mehr essen, als ich essen sollte, ich werde wieder dicker, und er wird noch weniger Interesse an mir haben.

Wenn er doch noch einmal zu mir käme. Wenn er doch noch einmal so sein könnte wie früher, wo wir über alles geredet haben, wo wir Pläne machten, wo wir uns lieb hatten.

Ich bin eigentlich völlig überflüssig. Wie ein bunter Vogel, der alles hat, den aber keiner braucht. Nur manchmal zum Vorzeigen bei einer Party, oder wenn wir hier ein Fest geben, dann werde ich plötzlich wichtig. Dann bin ich es, um die sich alles dreht, die das organisieren muss, und darauf verlässt er sich. Das würde er nie einer Frau Rapp allein überlassen. Das muss ich für ihn tun. Ich, die ich immer noch diese Leute alle kenne, die für ihn wichtig sind. Daran hat sich nichts geändert.

Und deshalb denke ich, könnte er mich mitnehmen. Wenn wir beide gemeinsam seine Geschäftsbesuche machten, was wäre daran?

Aber es behagte ihm nicht. Und wenn sie es deutlicher verlangt hatte, wurde er auch deutlicher. „Allein“, hatte er mal gesagt, „erreiche ich mehr, viel mehr.“

Sie hatte gebeten, ihr das zu erklären, aber die Antwort, warum er mehr erreichte, war er ihr schuldig geblieben.

Aber es stimmte. Seine geschäftlichen Erfolge waren der schlagende Beweis seiner These. In den letzten beiden Jahren hatte er die Produktion verdreifacht, seinen Einfluss, seine Macht und sein Kapital ebenfalls. Es gab massenhaft Regierungsaufträge. Neuerdings war er am Rüstungsgeschäft beteiligt. Und hier floss das Geld reichlich.

Geld, Geld, Geld! Wozu, fragte sie sich? Ich möchte nur ein ganz kleines bisschen Liebe. Möchte, dass sich jemand um mich kümmert, dass ich gebraucht werde, dass man etwas von mir will. Aber sie regeln alles ohne mich. Die Frau Rapp würde pikiert protestieren, wenn ich plötzlich damit begänne, sie beim Haushalt zu unterstützen. Ebenso diese tüchtige Hella Braut. Für die, das habe ich ja selbst gesehen, bin ich nur ein Störfaktor. Also gehe ich gar nicht mehr in die Firma. Dieses neue Hochhaus, das sie gebaut haben, ist mir auch unheimlich. Früher, ganz früher hatten wir diesen alten Lagerschuppen. Pappwände trennten die Büros voneinander. Später dann das gemietete zweistöckige Haus in der Stadt. Schließlich der Neubau, vierstöckig. Sie beide waren vor Stolz fast geplatzt. Und heute, sechzehn Stockwerke, Stahl und Glas und Aluminium. Ihr selbst kam es wie eine riesige Butterbrotdose vor. Es hatte ihr niemals gefallen. Und Ferdinand nahm ihr das übel. Er liebte diesen Glas und Stahlkasten. Er liebte ihn, wegen der vielen Stockwerke, wegen der imposanten Größe. Ein Wahrzeichen der Stadt hatte er es genannt. Es gab andere Wahrzeichen als dies, schönere als diese Kiste.

Die Trostlosigkeit war niederschmetternd. Was er gut findet, gefällt mir nicht. Vielleicht bin ich nur eifersüchtig auf seinen Erfolg. Vielleicht zieh’ ich mich deshalb in mein Schneckenhaus zurück und wundere mich, dass keiner etwas von mir will. Die vielen Jahre an seiner Seite. Es muss doch noch etwas geben, was uns verbindet. Da muss doch noch etwas sein. Wir haben uns wahnsinnig geliebt. Und es war mehr als nur eine Leidenschaft. Die schwierigen Zeiten nach dem Kriege, das allein bindet doch. Dann, als ich den Unfall hatte, da war er ständig gekommen. Ich habe ihm angesehen, dass er darunter litt, dass ich Schmerzen hatte.

Als wir noch den kleinen Garten hinter dem gemieteten Haus hatten, da ist er oft früh gegangen, hat mir ein paar Blumen abgeschnitten und sie mir beim Frühstück an meinen Platz gestellt. Das hat er schon so lange nicht mehr getan, obgleich hier im Park Blumen im Überfluss sind. Ich hätte mich über ein paar Veilchen oder einen kleinen Strauß Gänseblümchen gefreut. Nur selbst pflücken hätte er sie müssen.

Sie erinnerte sich, wie sie beide vor vielen Jahren einmal einen ganz tollen Abschluss gemacht hatten.

Genaugenommen war dies der Start zum späteren Wohlstand gewesen. Ein unheimlicher Erfolg.

Da hatte er sie an der Hüfte gepackt und im Kreise geschwenkt und dann gefragt, wie lange es dauern werde, bis sie die nötigsten Sachen eingepackt hatte. Und dann waren sie losgefahren; einfach nach Süden.

,Wir fahren solange', hatte er erklärt, ,bis wir einen Platz finden, wo die Sonne scheint und es uns gefällt'. Bis zum Gardasee waren sie gekommen und hatten in einer kleinen Pension drei wunderschöne Wochen miteinander verbracht. ,Unsere Hochzeitsreise', hatte er gesagt. ,Wir holen sie mit Verspätung nach'.

Einen solchen Urlaub hatte es nie wieder gegeben. Sie waren gemeinsam in Mexiko gewesen, in Südamerika, in Neuseeland, in Japan. Sie hatten Thailand gesehen und Spitzbergen, Island und die Vereinigten Staaten von Ost bis West. Aber dieser Dreiwochenurlaub am Gardasee war ihr dennoch immer wie ein Traum im Gedächtnis geblieben; ein wunderschöner Traum der Gemeinsamkeit ihrer Liebe, ihres Glücks. Damals hatten sie die Kinder zur Oma getan. Waxel, wie Waldemar früher genannt worden war, und Sonja waren noch klein gewesen. Mein Gott, wie lange ist das schon her! Oma ist jetzt schon zehn Jahre tot.

Ein trüber Gedanke kam in ihr auf. Im Grunde braucht mich doch niemand. Wenn es etwas Überflüssiges gibt, dann bin ich es. Wozu bin ich da? Sylvia macht sich rar. Die Kinder haben ihre eigenen Probleme, ihre eigenen Freunde, ihre eigenen Gesprächspartner. Ich will doch nur Ferdinand. Sylvia gut und schön und die Kinder natürlich auch, aber Ferdinand. Mit dem möchte ich reden, an den möchte ich mich lehnen, dessen Nahe möchte ich spüren. Aber mir ist, als sei er so weit, viele tausend Meilen weit.

Er ist nach Paris geflogen, wollte morgen früh wieder da sein. Wieder eine Nacht ohne ihn, eine von unzähligen. Vielleicht wird es Mittag, bis er morgen kommt, vielleicht Abend, vielleicht erst übermorgen...

Sie stützte den Kopf in die Hände und dachte: Was soll ich nur tun? Wenn ich mich jetzt in den Wagen setze und einfach losfahre, fahre und fahre, irgendwohin, weit weg. Ich glaube, es würde sehr lange dauern, bis überhaupt jemand merkte, dass ich weg bin. Ich fehle keinem, niemand vermisst mich, niemand braucht mich.

Was ist, wenn ich mich jetzt in den Wagen setze und irgendwo hinfahre, wo es ganz einsam ist. . . und dann Schluss mache, Schluss mit mir, mit meiner eigenen Überflüssigkeit?

Ich weiß, wo er den Revolver hat. Er darf ihn eigentlich gar nicht haben. Früher hatte er immer Angst gehabt, dass irgendwer dahinter kommt, dass er eine Waffe besitzt. Damals war es ein wenig Wichtigtuerei von ihm gewesen. Später dann hatte er sich eingeredet, aus Sicherheitsgründen eine Waffe im Haus haben zu müssen. Und dann war der Revolver eigentlich ein wenig in Vergessenheit geraten. Er lag im Safe. Ein Trick, auf den er sehr stolz war. Falls ihn Einbrecher zwingen wollten, den Safe zu öffnen, hatte er sich vorgenommen nach dem Revolver zu greifen und sich der Einbrecher zu entledigen. Zum Glück hatte es eine solche Situation bis heute nicht gegeben, und sie wünschte die sich auch nicht herbei.

Ich habe den Safeschlüssel. Das ist mir ja geblieben, dieses Recht an alle Konten, an alle Geheimfächer heranzukönnen. Er hat das Geld und alle Werte, die wir besitzen, nie vor mir versperrt. Vertrauen besitzt er, hat er immer in mich gesetzt.

Was ist, wenn ich diesen Revolver nehmen und dann losfahre...

Frau Rapp tauchte auf, riss sie aus ihren Gedanken, schlank, dunkel und immer ein wenig auf Distanz bedacht. So trat sie vor Hilde hin. Ihr dunkles Kleid passte zu ihrem Auftrag hier im Hause.

„Was wünschen Sie heute zu speisen?“, erkundigte sie sich.

Schon wieder essen, dachte sie. Ich hab das Frühstück nicht bewältigt, noch gar nicht damit angefangen. Jetzt redet sie schon wieder vom Mittagessen, dachte Hilde und schaute Frau Rapp an.

Krähenfüße, sagte sie sich, hat sie genauso wie ich, vielleicht noch mehr, aber da ist ein Mann, der sich mit ihr befasst, der sich um sie kümmert, der die Zeit mit ihr teilt, wenn sie zusammen sind. Sie sind zusammen. Er holt sie ab, und ich sehe immer, dass er ihr einen Kuss gibt, wenn er sie begrüßt. Auch nur einen flüchtigen Kuss auf die Wange, aber es schaut sich nicht wie eine Routineübung an, nicht so wie bei Ferdinand.

Wie mögen sie wirklich zueinander stehen? Ob er noch jede Nacht mit ihr das Bett teilt?

„Ich weiß nicht“, sagte sie schließlich. „Machen Sie irgend etwas. Ich möchte nicht viel. Ich glaube, ich fahre nachher weg. Vielleicht ist es besser, wenn Sie das Mittagessen für mich nicht berücksichtigen. Ich bin dann am Abend wieder da. Sollte ich mich verspäten, ruf’ ich Sie an.“ „Möchten Sie, dass wir selbst etwas machen, oder soll ich etwas für Sie kommen lassen?“, fragte Frau Rapp.

„Unsinn. Wenn mein Mann nicht da ist, brauchen wir nichts kommen zu lassen. Wir machen uns etwas selbst, etwas Einfaches. Ich hätte mal Lust auf einen richtigen einfachen Eintopf.“

Frau Rapp warf einen strengen Blick in Richtung von Hildes Hüften. „Das ist aber nicht gerade für die schlanke Linie, so ein Eintopf“, erklärte sie spitz.

Hilde lächelte nur. Es tat ihr weh, aber sie zeigte es nicht. „Und wenn schon“, erwiderte sie. „Wir müssen ja keine Unmengen davon essen. Machen Sie doch mal richtigen Eintopf.“

Hilde kam es vor, als hätte sie etwas ganz Vulgäres von Frau Rapp verlangt, und sie wollte schon sagen, sie könne es ja selbst auch tun, aber da erwiderte Frau Rapp:

„Wie Sie wünschen. Pichelsteiner Topf vielleicht?“

„Ja, den würde ich gerne essen.“

„Haben Sie sonst noch irgendeinen Wunsch, Frau Henkel? Irgendwas, das ich Ihnen besorgen soll? Ich fahre nachher in die Stadt. Ach, Sie wollten ja selbst wegfahren. Dann haben Sie sicher nichts nötig, oder?“

„Nein.“ Hilde schüttelte den Kopf. „Ich habe dann nichts nötig. Sie können auch, wenn Sie wollen, nach Hause gehen, Frau Rapp. Ich brauchte Sie dann nicht mehr heute Abend extra festzuhalten. Das mit dem Abendbrot kann ich mir auch allein richten.“

„Das Mädchen! Jemand muss auf das Mädchen aufpassen, Frau Henkel. Außerdem wird nachher Walter zurückkommen.“

Walter, dachte Hilde; das ist Herr Backmann, der Chauffeur. Ein lebhafter Bursche, wie sie inzwischen festgestellt hatte. Er war hinter Tina, dem Mädchen, her. Frau Rapp wusste es, Hilde wusste es; eigentlich war es jedem bekannt. Und da Tina erwachsen genug war, brauchte sich Hilde eigentlich keine Sorgen zu machen. Nur Frau Rapp machte sich welche. Frau Rapp war sehr darauf bedacht, dass die Moral dieses Hauses nicht in Gefahr geriet.

Das Ansehen der Familie bedeutete Frau Rapp offensichtlich mehr als der Familie Henkel selbst.

„Nun gut, wie Sie wollen“, sagte Hilde schließlich. „Ich fahre dann.“ Sie dachte wieder an den Revolver und zögerte, ihn wirklich aus dem Safe zu holen.

Ich bin sowieso zu feige, überlegte sie. Ich werde es ja doch nicht tun. Ich bin zu feige, mit allem Schluss zu machen. Ich möchte doch lieber warten, einfach warten, einen Tag an den anderen reihen, in der Hoffnung, es könnte doch noch alles schön werden. Das wird es nicht. Wenn ich doch diesen Traum endlich aufgeben könnte.

Sylvia fiel ihr wieder ein. Ich sollte einfach zu ihr fahren, sie anrufen und dann zu ihr kommen, mit ihr reden. Vielleicht hört sie mir zu. Vielleicht hat sie einen Rat für mich. Sylvia hatte immer viele Ideen. Ich werde sie anrufen.

Kurz entschlossen ging sie in ihr Studio, wie sie das kleine Zimmer im oberen Stockwerk nannte, das sie ganz nach ihrem Geschmack eingerichtet hatte. Niemand durfte es betreten. Es war eine Art Refugium. Meine Höhle, wie sie es nannte, und sie selbst hielt es völlig in Ordnung. Frau Rapp passte das nicht, und Tina war froh darüber. Ein Zimmer weniger, das sie in Schuss halten musste.

Von dort aus rief sie Sylvia an.

Die meldete sich erst nach einiger Zeit, zeigte sich sehr erfreut, von Hilde angerufen zu werden, und es klang ehrlich, als sie auf Hildes Vorschlag hin antwortete:

„Natürlich. Komm einfach her. Wenn du die Zeit hast. Ich bin ja ganz allein. Detlev kommt erst morgen Mittag zurück. Wahrscheinlich wird er deinen Mann sehen. Er ist nach Paris geflogen. Ich glaube, die fliegen sogar zusammen. Eine gute Idee von dir, mal hierherzukommen. Mach das doch! Ich freu’ mich riesig. Ich wollte ja immer mal anrufen, aber du weißt ja, wie das ist. Ständig ist hier etwas anderes. Prima, dass du kommen willst. Oder soll ich zu dir kommen?...“

„Nein, nein. Ich komme zu dir. Ich habe es mir nun einmal so vorgenommen. Schön, dass du Zeit für mich hast.“

„Sag mal, deine Stimme klingt so komisch. Ist irgendwas?“, hörte sie Sylvia fragen.

„Nein, nein“, entgegnete Hilde, „nichts von Bedeutung. Ich möchte nur mal mit dir reden.“

„Das kann ich mir vorstellen. Das kann ich mir wirklich vorstellen.“

„Wieso kannst du dir das vorstellen?“, wollte Hilde wissen.

„Nun ja, irgendwann musstest du ja mal dahinterkommen ...“

 

 

2

Hilde hatte keine Fragen mehr gestellt, nur ein paar allgemeine Worte fallenlassen und sich dann verabschiedet. In einer Stunde, so waren sie überein gekommen, wollten sie sich treffen, wollte Hilde bei Sylvia sein.

Sie brauchte ein paar Minuten länger, bis sie ihren Wagen vor der Garageneinfahrt vom Haus Fabricius anhielt, ausstieg und sich überlegte, ob es nicht besser gewesen wäre, ein paar Blumen mitzubringen. Ach was, dachte sie, hier ist ja alles voller Blumen, sogar Kästen mit Hängegeranien an den Fenstern. Sylvia hat wirklich eine Hand für Blumen. Mir ist das alles zu viel. Warum eigentlich? Zeit genug hätte ich, mehr als Sylvia. Die fährt doch immer mit Detlev mit oder ist im Betrieb, kümmert sich um alles. Klar, wenn man keine Kinder hat...

Dann standen sie voreinander, die dunkelhaarige Hilde und die blonde Sylvia. Sylvia war etwas jünger, und sie gab sich große Mühe, dort nachzuhelfen, wo die Natur zu versagen begann. Aber sie sah gut aus, sehr gut. Irgendwie hatte sie jetzt etwas an sich, was Hilde irritierte. Sie hätte nicht sagen können, was es war.

Es war eine Begrüßung wie immer. Sie umarmten sich, küssten sich, und dann zog Sylvia ihre langjährige Freundin ins Haus hinein.

„Bist du ganz allein? Kein Personal?“, wunderte sich Hilde.

„Kein Personal. Ich mag keine Fremden mehr im Hause haben“, erklärte Sylvia entschieden. Sie sah im Zwielicht des großen Korridores Hilde an und lachte. „Personal macht nur Ärger. Eine Putzfrau kommt ein paar Stunden am Tag, macht mir alles sauber, und dann bin ich für mich allein. Heute kommt sie nicht. Sie hat Geburtstag.“

„Um Himmels willen, und da lässt du mich kommen? Du hast doch einen Haufen Arbeit.“

„Wer sagt das?“ In ihren leuchtend blauen Augen blitzte der Schalk. „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich etwas tue, jedenfalls nichts, was diesen Haushalt angeht. Der interessiert mich nicht. Komm, wir gehen nach oben! Ich hab mir ein wunderbares Zimmer eingerichtet. Ich bin richtig stolz darauf. Du hast ja auch so etwas. Das ist mir immer Vorbild geblieben, bis ich es selbst hatte, ganz nach meinem Geschmack.“

Das Haus war nicht so groß wie das der Henkels. Es wirkte auch in allem etwas protziger, aufgesetzter. Man spürte, dass Detlev Fabricius den Mitmenschen sein Geld zeigen wollte. Draußen bei den Henkels war das anders. Von der Straße aus konnte man das Haus schon gar nicht sehen. Es lag ja mitten im Park. Und das Haus selbst wirkte äußerlich schlicht. Die Qualität sah man erst, wenn man richtig hinblickte.

Detlev Fabricius wollte den Menschen zeigen, wer er war. Kostbare Gemälde im Foyer, im Treppenaufgang und oben auf der Galerie.

Hilde wusste, dass Sylvia sich aus solchen Sachen nicht viel machte. Sie war nicht protzerisch veranlagt. Auch jetzt nicht, schon von ihrem Äußeren her nicht. Sie trug eine Latzhose, ein blaues Hemd, das wie ein Männerhemd aussah, hatte die Ärmel hochgekrempelt, und Hilde kam es vor, als wolle sich ihre Freundin in den Hausputz stürzen. Aber wie sie vorhin schon gesagt hatte, lag ihr nichts ferner.

Das Zimmer, von dem Sylvia gesprochen hatte, lag am Ende des Galerieganges, und hier hatte Hilde sogar einmal übernachtet.

„Ist das nicht das Gästezimmer?“

„Ja, das war das kleine Gästezimmer. Wir haben ein Gästezimmer, und das genügt. Wir brauchen keine zwei. Ich möchte nicht mehr soviel Besuch im Haus haben.“

„Und was sagt Detlev dazu?“

„Reden wir jetzt nicht von Detlev. Reden wir von meinem Zimmer“, erwiderte Sylvia und öffnete die Tür. „Was sagst du nun?“

Hilde war wirklich überrascht. Was sie sah, hätte das Zimmer eines Teenagers sein können. Poster an den Wänden, Poster von Popgruppen, eine gewaltige Stereoanlage, eigentlich zu groß für so einen kleinen Raum, ein Regal mit Büchern, deren Titel man von hier aus nicht erkennen konnte. Auf dem Boden Flokati-Teppiche, die mit ihrem langen Flor einluden, sich auf den Fußboden zu setzen. Aber Hilde musste sofort an einen solchen Teppich denken, den Sonja im Zimmer gehabt

hatte. Zum Glück mochte sie den jetzt nicht mehr. Der Teppich war von Hilde selbst weggetan worden und musste längst auf dem Sperrmüll liegen. Sie mochte diese Teppiche nicht. Sie hatten immer etwas Schmuddeliges an sich, was sie hasste.

„Das ist dein Zimmer?“, fragte Hilde überrascht und wunderte sich auch über die moderne Deckenbeleuchtung. „Das ist ja eine richtige Lichtorgel da oben, rot, grün, gelb, blau. Mein Gott, hast du die alle mit einmal an?“

„Ach, Unsinn, die werden doch von der Musik gesteuert. Dein Sohn hat doch auch so etwas gehabt. Oder weißt du das nicht mehr?“

„Ja ja, sicher. Er hatte es an der Wand.“

„Das Zimmer gefällt dir nicht, oder?“, erkundigte sich Sylvia ein wenig eingeschnappt.

„Unsinn“, wehrte Hilde ab. „Aber ich wundere mich über dich, dass du so einen Geschmack hast. Das ist ja der Geschmack von jungen Leuten.“

„Ich bin jung!“, erklärte Sylvia, und sie sagte das so überzeugt, dass es nicht wie ein Scherz klang. Als Hilde ihre langjährige Freundin ansah, erkannte sie, dass die genau das meinte, was sie sagte.

„Du hast dich verändert, unheimlich verändert“, stellte Hilde fest.

„Setz dich dahin. Wir machen ein wenig Musik. Da, auf die Couch.“

Es war eine äußerst weiche Couch. Hilde versank und hätte fast das Gleichgewicht verloren.

Sylvia amüsierte sich und meinte: „Du bist so was überhaupt nicht mehr gewöhnt. Du kannst nur noch auf Stühlen oder Sesseln sitzen, nicht wahr?“

Als Hilde ihren Rock wieder hochgezogen hatte und versuchte, einigermaßen gerade zu sitzen, erklärte sie: „Na ja, etwas ungewohnt ist es mir wirklich. Ich hätte nie gedacht, dass du dir das Zimmer so einrichten würdest. Glaubst du, dass man auf diese Weise die Vergangenheit wieder zurückholen kann?“

Sylvia hatte eine Platte aufgelegt, hockte sich im Schneidersitz vor Hilde auf den Boden und sah zu ihr empor. „Ja, man kann“, behauptete sie, hob dann den Finger und meinte: „Hör mal zu, ob dir das gefällt! Das ist eine irre Musik. Da steh’ ich drauf!“

Die Musik begann. Das war Beat, laut, fast dröhnend. Hilde fühlte sich in die Zeiten zurückversetzt, als ihre Tochter noch solche Sachen aufgelegt hatte. Oder noch schlimmer, als Waldemar noch im Hause gewohnt hatte und seine Freunde kamen und mit ihm solche Musik hörten.

„Es gefällt dir nicht, was?“, schrie Sylvia, um den Lärm der Musik zu übertönen.

Hilde schüttelte den Kopf. Für sie war das wie der Lärm in einer Werkhalle, wo Stahl geschmiedet wurde.

Sylvia drehte den Ton leiser, lächelte dann ein wenig verächtlich und meinte: „Du bist eine richtige Mutti geworden. Vollkommen raus aus dem Leben. Das habe ich dir immer prophezeit.“

„Als wir uns das letzte Mal gesehen haben“, stellte Hilde fest, „hattest du noch nicht solche Ambitionen. Das ist ein ganz neuer Zug an dir. Seit wann liebst du so etwas?“

Die eben noch zur Schau gestellte Selbstsicherheit von Sylvia schien mit einmal zu zerschmelzen wie Eis in der Frühlingssonne. Sie wandte sich ab, drehte schließlich den Ton der Musik ganz weg, stützte sich auf den Teppich und starrte vor sich hin. „Ich will leben! Hast du verstanden, ich will leben! Ich möchte nicht kaputtgehen! Ich möchte noch etwas davon gehabt haben.“

„Das verstehe ich nicht. Was ist denn mit dir?“

Sylvia warf das blonde Haar in den Nacken, drehte sich abrupt um und sah Hilde auf eine Weise an, dass die sofort von Mitleid ergriffen wurde. Sie kam Hilde wie ein Kind vor, dass in höchster Not um Hilfe flehte.

„Warum sagst du das?“, fragte Hilde. „Bist du krank?“

Sylvia senkte den Kopf. „Ja, ich bin krank.“

„Schlimm?“, fragte Hilde teilnahmsvoll.

Ohne den Kopf zu heben, erwiderte Sylvia: „Ziemlich schlimm. Ich weiß nicht, wie lange es noch dauern wird.“ Dann warf sie den Kopf wieder in den Nacken und machte ein Gesicht, so voller Trotz und Entschlossenheit, dass Hilde richtig erschrak. „Aber ich werde noch etwas davon haben. Ich weiß nicht, ob es lange oder kurz ist. Aber solange ich lebe, soll es so sein, wie ich möchte, verstehst du?“ Sie lachte auf, aber es klang überspitzt, nicht echt und schon gar nicht freudig. „Ich habe alles anders gemacht. Alles“, erklärte sie. „Ein neues Leben. Ich führe es auf meine Art.“

„Aber du bist nicht glücklich. Das klingt so gewollt, so, als machtest du dir selbst etwas vor“, meinte Hilde und dachte in diesem Augenblick: Menschenskind, ich bin mit eigenen Problemen hergekommen, in der Hoffnung, dass sie mich auf andere Gedanken bringt. Und das hat sie. Fürwahr, das hat sie. Sie hat mich nicht nur auf andere Gedanken gebracht, sie steckt ja selbst in der größten Not drin.

Es war wie selbstverständlich; Hilde fühlte sich aufgerufen zu helfen, wie immer, wenn sie auf jemanden traf, der sich in Schwierigkeiten befand. Und so war sie auch jetzt fest entschlossen, Sylvias Probleme zu ihren eigenen zu machen.

Sylvia spürte, dass sich Hilde für sie einsetzen wollte, aber sie wehrte es ab. Das, was sie betraf, dies, so glaubte sie, ging nur sie selbst etwas an. Sie wollte es nicht, dass sich jemand um sie kümmerte, auch Hilde nicht. Und so sagte sie schroff: „Du brauchst nicht so zu tun, als hättest du Mitleid.“

„Mein Gott, warum sagst du das? Ich möchte dir helfen“, rief Hilde.

„Du brauchst mir nicht zu helfen.“ Sylvia lachte schrill. „Niemand braucht mir zu helfen! Du hast doch selbst Probleme, riesengroße, mit deinem Mann.“ Sie lachte wieder. Es klang, als fiele etwas zu Boden. So blechern kam Hilde dieses Lachen vor. „Dein Mann und mein Mann, alle Männer. Mach es so wie ich, schaff dir einen neuen an, einen, der dir Spaß macht, der jung ist, der sich Zeit für dich nimmt, der nur tut, was du möchtest. Und nicht einen, der sich für die Sekretärin interessiert oder was immer diese Hella Braut für ihn sein mag.“

In diesem Augenblick begriff Hilde alles. Der leise Verdacht, den sie in der letzten Zeit schon des öfteren gehabt hatte und der von ihr immer wieder als unbegründet weggewischt worden war, dieser Verdacht stand jetzt aufragend wie der Turm einer Kathedrale vor ihr. Aber sie sagte nichts. Sie schaute Sylvia nur an und lauschte, hörte sie sagen:

„Ja, mach nur Augen. Du denkst, du müsstest mir helfen. Ich weiß, dass du es wirklich willst, du meinst es gut, ist klar. Aber dir muss man helfen. Am Ende weißt du noch gar nichts. O Himmel, jetzt hab’ ich dich noch in etwas reingedrückt, nicht wahr? Du hast es wirklich nicht gewusst, ich seh’ es dir an. Deswegen wirkst du so verstört. Hat es dir keiner gesagt? Hast du es nie gesehen, nicht einmal geahnt? Mein Gott, du musst ja blind und völlig instinktlos gewesen sein. Wie ist das nur möglich?“

Hilde sagte noch immer nichts. Ihr Schweigen wirkte auf Sylvia erschreckend. Wie unter einem Zwang sprach Sylvia weiter:

„Schon seit einem Jahr treibt es es mit Hella Braut. Wo er ist, da ist auch sie. Ich brauche gar keine Wette abzuschließen, weil ich die sowieso gewinne, dass sie auch diesmal mit ihm unterwegs nach Paris ist. Wann hat er noch einmal mit dir geschlafen? Wann denn? Und wenn, dann hat er dich mit seinen Gedanken belogen, da hat er sich vielleicht vorgestellt, dass er es mit ihr tut.“ Sie schüttelte den Kopf, lachte wieder so schrill. „Was sind wir Frauen dumm! Sie benutzen uns; sie machen mit uns, was sie wollen. Wir, die wir alles mit ihnen aufgebaut haben, wir werden beiseite gelegt, gegen etwas Neues eingetauscht wie gegen ein neues Auto.“

„Das ist nicht wahr! Was du da sagst, ist einfach nicht wahr“, sagte Hilde mit monoton klingender, merkwürdiger Stimme.

„Und ob es wahr ist“, behauptete Sylvia. „Ich glaube, dass es jeder weiß, der deinen Mann kennt. Du scheinst die Einzige zu sein, die es nicht gewusst hat. Es tut mir leid, dass du es durch mich erfahren hast. Es tut mir wirklich leid. Aber nun ist es passiert. Was sollen wir um den heißen Brei reden. Wir sind beide die Dummen. Sie haben uns hereingelegt, alle miteinander. Meiner ist nicht besser als deiner. Aber ich habe mich getröstet. Ich habe jemand, mit dem ich viel Spaß habe. Er ist noch sehr jung.“ Sie lachte wieder. „Zehn Jahre jünger als ich. Nein, es müssen noch mehr sein, ich glaube zwölf oder dreizehn sind es. Es macht nichts aus. Es ist wunderbar für eine Frau, wenn ein Mann so ist, wie sie es sich wünscht. Er ist so. Manchmal möchte ich immer so bleiben, immer so sein wie jetzt. Aber in mir frisst es, in mir ist etwas, das nicht stillesteht, das immer mehr wächst und wächst.“

„Was redest du da? Hast du Krebs? Willst du damit sagen, dass du Krebs hast?“, fragte Hilde erschrocken. „Da kann man doch etwas tun!“

Sylvia schüttelte den Kopf. „Tun? Hier wird nichts getan. Glaubst du, ich fange diese Quälerei an? Lass mich zerschneiden, lasse mich schinden, liege in den Krankenhäusern und Spitälern herum? Und immer häufiger muss ich hin; immer kürzer werden die Zeiten, wo man mir einredet, ich sei nun geheilt. Bis es wieder anfängt, schlimmer noch als zuvor. Wo sie am Schluss nur noch die sogenannten Palliativoperation machen können, wie sie es nennen, wenn eine Operation nur noch Linderung bringt und keine Heilung mehr.“

„Menschenskind, warst du überhaupt bei einem Arzt? Ist das denn sicher, was du sagst?“, fragte Hilde teilnahmsvoll.

„Ach, frag doch nicht solche Sachen. Meinst du, ich wäre dumm? Meinst du, ich mache mir etwas vor? Schwer genug, diese Erkenntnis schlucken zu müssen.“

„Wie kommst du darauf? Erzähl doch mal der Reihe nach! Was ist mit dir? Was ist wirklich?“

„Was ist mit dir, was ist mit dir“, äffte Sylvia sie nach. „Mein Gott, stell dich doch vor einen Spiegel. Du hast deine Probleme, ich hab’ meine. Ich habe dir vorhin gesagt, ich werde selbst damit fertig. Wirst du mit deinen auch selbst fertig? Es scheint mir nicht so, sonst wärst du nicht hier.“

In Hilde kam Ärger auf, dass es ihr fast die Luft abschnürte. Ich gehe, dachte sie einen Augenblick lang. Ich gehe und werde nie mehr hierherkommen. Sie hat eine Art, die hat sie noch nie an den Tag gelegt. So, als wäre sie betrunken. Ja, richtig, wie eine Betrunkene gebärdet sie sich. Und dieser ganze Unfug hier im Zimmer. So, als sei sie noch sechzehn oder siebzehn. Dabei ist sie über vierzig. Nein, was ist nur mit ihr los? Die ist ja vollkommen aus dem Häuschen. Ich sollte wirklich gehen.

Sie überlegte schon, was sie Sylvia antworten sollte, da brach in Sylvia der letzte Rest ihres Trotzes zusammen. Völlig unvermittelt und für Hilde überraschend warf sie sich auf den Boden, schlug die Hände vors Gesicht und fing an zu heulen. Wie ein Kind lag sie da und schluchzte.

Ein paar Augenblicke lang brauchte Hilde, um das überhaupt zu verarbeiten, was sie da sah. Dann sprang sie auf, kniete sich neben Sylvia, versuchte ihr die Hände vom Gesicht zu ziehen, aber das ließ die nicht zu. So begnügte sie sich damit, die Freundin wie ein Kind zu streicheln, ihr mit der Hand tröstend übers Haar zu fahren. Aber gerade das schien bei Sylvia den Schmerz noch zu steigern.

Ihr Schluchzen wurde lauter, ihr Körper krampfte sich konvulsivisch zusammen. Plötzlich richtete sie sich auf, sah in einer wilden Empörung Hilde an und rief:

„Er hat eine Andere. Schon jahrelang hat er sie. Ein ganz junges, dummes Ding. So ein Vögelchen fürs Bett, verstehst du? Er hat sich nicht entblödet, sie als seine Sekretärin vorzustellen, als seine zweite Sekretärin, wie er sagt. Seine wirkliche Sekretärin ist eine Frau in unserem Alter. Eine zuverlässige Kraft, keine Schönheit. Was er wollte, das hat er jetzt. Ein Häschen fürs Bett. Er ist sogar hier gewesen mit ihr. Er war einfach hier. Hat sie mit hergebracht. Großartig zum Essen eingeladen. Und ich Idiotin habe dieses Essen gekocht. Ich hätte es ihr ins Gesicht schütten können, so eine Wut hatte ich. Da wusste ich es allerdings noch nicht mit absoluter Gewissheit.

Dann, als wir draußen saßen, es war ein sehr schöner Abend, da bin ich einmal hineingegangen, um irgend etwas zu holen. Aber ich hatte etwas vergessen, ging zurück zur Terrasse, und da knutschten sie sich. Sie hatten wohl gedacht, ich sei weg. Ich durfte mitansehen, wie er sie küsste und ihr mit einer Hand unter den Rock griff. Ihr gefiel das; den Eindruck hatte ich jedenfalls, da hätte ich ihnen alles, was greifbar war, an den Kopf schlagen sollen. Aber statt dessen bin ich leise zurückgegangen, bin einfach in mein Zimmer geschlichen und hab mich nicht mehr blicken lassen. Einen größeren Gefallen konnte ich denen nicht tun. Ich glaube, die haben das bestimmt nicht als störend empfunden. Zwei Stunden später ist er gekommen und hat sich nach mir erkundigt, warum ich denn eigentlich weggeblieben sei. Es klang nicht sehr überzeugend. Ich habe ihm da etwas von Kopfschmerzen erzählt.“

„Das ist doch, jetzt alles nicht so wichtig“, erwiderte Hilde. „Viel schlimmer ist doch das, was du von deiner Krankheit erzählt hast. Das möchte ich wissen. Wir sind schon so viele Jahre Freundinnen. Du musst es mir sagen, was da ist. Erzähl es mir der Reihe nach. Hast du Schmerzen oder etwas?“

Sylvia kniete sich hin, zog sich das Hemd aus der Hose, öffnete den Gürtel, schob die Hose nach unten und zeigte Hilde ein Stück ihres nackten Unterbauches. „Hier rechts, siehst du das? Fühl mal drüber!“

Hilde tat es und spürte eine Erhebung oberhalb der Leiste. „Was ist das?“

„Ja, was ist das?“, lachte Sylvia unfroh. „Erst war es nur ein Schmerz, manchmal, nicht immer. Ich bin zum Frauenarzt gegangen. Der meine ist ein alter Papa. Aber irgendwie hab ich Vertrauen zu ihm. Er meinte, das könnte nur eine Eierstockzyste sein. Vielleicht gutartig, vielleicht auch nicht. Mehr hat er nicht gesagt. Und dann wollte er in Urlaub fahren. Zu einer gründlichen Untersuchung, hat er gesagt, müsste ich in eine Klinik. Man hätte dort mehr Möglichkeiten. Er wollte seine Praxis sowieso aufgeben. Ich bin also in die Klinik. Paul-Ehrlich-Klinik, das hat er mir empfohlen. Ich also hin. Die haben mich untersucht, wirklich gründlich. Und dann haben sie bedenkliche Gesichter gemacht. Operation hat es geheißen. Man kann nicht ausschließen, dass so etwas bösartig ist. Aber damit rechneten sie angeblich nicht. Wie die Katze um den heißen Brei haben sie herumgeredet. Und nachher wusste ich Bescheid. Es war wohl bösartig. Sie trauten es mir nur nicht zu sagen. Ich nehme an, sie haben es ihm gesagt. Ich hatte ihm die Geschichte erzählt. Und wie Detlev so ist, wollte er sofort wissen, wer diese Abteilung leitet und wer der oberste Chef ist. Das ist ein Professor Winter. Aber von dem habe ich mich gar nicht untersuchen lassen, sondern von seinem Oberarzt, einem Doktor Mittler. Mehr weiß ich nicht. Detlev hat nie mehr mit mir darüber gesprochen. Für mich ein Beweis, dass ich mit meiner Annahme recht habe. Es ist so, wie ich’s sage, glaub es mir.“

„Warum lässt du dich nicht operieren?“

„Das hatte ich dir doch vorhin schon gesagt. Die schneiden auf, und dann wird alles nur noch viel schlimmer. Wenn die Krebszellen erst in die Blutbahn gelangen, habe ich dann überall Metastasen. Dann bin ich verkrebst von oben bis unten. Nein, nein. Es ist in der letzten Zeit nicht mehr sehr viel größer geworden. Es geht langsam.“

„Aber du hast doch Schmerzen?“

„Nur manchmal so einen komischen Druck. Schmerzen auch schon mal. Dann nehm ich eine Tablette. Jedenfalls hab ich Zeit gewonnen. Wenn sie mich operieren, da gewinn’ ich in Wirklichkeit keine Zeit. Das reden sie einem nur ein.“

„Ich glaube nicht, dass du recht hast“, sagte Hilde. „Ich bin kein Arzt, und ich verstehe nichts von diesen Dingen, aber wenn es eine Zyste ist, eine Eierstockzyste, so sind die doch meistens gutartig. Ich glaube, sie sind überhaupt gutartig. Man müsste nur davon wissen. Du solltest doch zu dem Arzt gehen und dich operieren lassen. Paul-Ehrlich-Klinik, hast du gesagt? Warte mal, da ist doch Professor Winter. Den hab ich schon vor Jahren kennengelernt, vor allen Dingen seine Frau, Helga Winter. Die sind doch auch neulich noch auf dieser Party gewesen, die vor zwei Monaten stattgefunden hat, weißt du noch? Du warst doch auch da. Kannst du dich erinnern? Es ist so ein großer blonder. Sieht gut aus. Sehr sympathisch. Und die Frau ist sehr hübsch. So um die Vierzig, die Frau. Blond. Ich hab sie sofort gemocht. Sie hat so eine feine nette Art und überhaupt nicht eingebildet. Ganz natürlicher Typ.“

„Ich kann mich nicht daran erinnern“, meinte Sylvia.

„Hör mal, Sylvia“, begann Hilde wieder, „du kannst doch nicht einfach eine solche Sache verdrängen, indem du so tust, als gäbe es sie nicht.“

„Verdrängen?“, meinte Sylvia hohnlachend. „Ich verdränge sie doch nicht. Es ist wie ein Damoklesschwert über mir, wie ein gewaltiger Moloch, der mich jeden Augenblick zu erschlagen droht. Ich zittere vor Angst. Ich kann nachts oft nicht schlafen. Nur mit Hilfe von Tabletten schlafe ich. Ich bin fix und fertig.“ Plötzlich verzog sie das Gesicht. Sie lächelte, aber es wirkte gemacht und gespielt. „Er war die ganze Nacht bei mir, mein Freund, weißt du. Heute morgen ist er dann gegangen. Er wollte unbedingt zu seiner Vorlesung. Er ist Student, weißt du. Es war wunderschön mit ihm. Ich wünschte, ich hätte noch recht viele Nächte mit ihm. Detlev, der ist ganz und gar mit seinem Mädchen beschäftigt, diesem dummen Ding, mit dieser Bettflunder. Wenn er sich nur nicht ständig unterstehen würde, sie hierherzubringen. Er tut sich da keinen Zwang mehr an. Sie ist natürlich mit ihm unterwegs nach Paris wie diese Hella Braut deinen Mann begleitet. Dein Mann ist ein Filou. Der und diese Hella Braut sind schon lange ein Paar. In Hamburg sind sie neulich als Ehepaar aufgetreten. Da waren sie in der Staatsoper.“

Hilde starrte Sylvia an wie vor den Kopf geschlagen. „Woher weißt du das? Wer sagt dir das?“

„Wer sagt dir das?“, Sylvia lachte.

„Ich weiß es. Ich habe es selbst gesehen. Ich war dabei. Da allerdings habe ich meinen Mann noch begleitet. Jetzt nimmt er mich nirgendwohin mehr mit. Dein Mann ist sein Vorbild, verstehst du? Das hat ihm so gefallen, dass dein Mann mit dieser Hella Braut herumzieht, dass er sich auch gleich ein Mädchen anschaffen musste. Aber er hat keinen guten Geschmack. Ich muss zugeben, dass dein Ferdinand mehr Geschmack aufzuweisen hat. Diese Hella Braut ist wenigstens eine Frau von Format. Sie hat etwas auf dem Kasten. Aber dieses kleine Flittchen, das hinter meinem Mann herläuft wie ein Hündchen, das ist wirklich nur das, als was ich es sehe. Und jeder andere wird es ebenfalls so sehen.“

„Bist du denn ganz sicher mit dem, was du sagst?“, fragte Hilde und hatte Mühe, noch sachlich zu bleiben. „Glaubst du tatsächlich, dass Ferdinand mit Fräulein Braut...“

„Ach Gott, wie vornehm“, höhnte Sylvia. „Du nennst sie noch Fräulein Braut.“ Sie wurde ernst, sah richtig fanatisch auf Hilde und schrie ihr zu: „Sie hat dir deinen Mann weggenommen! Sie hat dir deinen Ferdinand gestohlen! Merkst du das nicht? Den Vater deiner Kinder. Du hast ja Kinder. Ich habe keine. Wenn ich einmal verschwinde, dann trauert mir niemand nach. Aber du hast Kinder. Du hast mit diesem Mann gearbeitet, genau wie ich es mit meinem getan habe. Gemeinsam aufgebaut habt ihr das, was ihr besitzt: So wie es bei uns war. Und jetzt, wo wir oben sind, da lassen sie uns fallen wie heiße Kartoffeln, da nehmen sie sich andere. Aber ich sage ja, deiner hat

wenigstens Geschmack. Er nimmt sich eine, die etwas davon versteht, was er tut. Eine die tüchtig ist, und mit der er sich tatsächlich sehen lassen kann, die ihn nicht blamiert, wie dieses kleine, dumme blondgefärbte Flittchen es mit meinem Mann tut. Und deshalb bin ich ja so wütend. Wenn er wenigstens eine Frau hätte, die etwas darstellt. Aber die stellt weiter nichts dar als einen Wonnepfropfen.“

„Du bist sehr hart“, sagte Hilde, und sie hatte nicht einmal das Gefühl, dass in ihr irgendwas zerbrach. Ihr war so, als hätten sie von ganz anderen Leuten gesprochen und nicht von jemand, der ihnen nahestand. Was Sylvia da von Ferdinand gesagt hatte, das wollte sie einfach nicht glauben. Das würde sie solange nicht glauben, bis sie nicht mit eigenen Augen angesehen hatte, dass dieser Verdacht berechtigt war.

Allerdings gab es eine innere Stimme, die ihr sagte, dass alles das ja schon längst auf der Hand gelegen hatte, dass sie im Grunde schon seit Monaten damit rechnen musste. Alles deutete darauf hin. Wieso nur konnte sie sich so taub und blind stellen? Wieso nur konnte sie so tun, als seien die vielen Verdachtsmomente, die ja längst kommen mussten, gar nicht vorhanden.

Ein Gefühl sagte ihr, dass Sylvias Behauptung stimmte, und das es Unsinn war, dies verdrängen zu wollen.

Eigenartig, dachte sie. Ich falle nicht um davon, es reißt mich einfach nicht von den Füßen, ich nehme es hin wie gottgegeben. Es erschüttert mich nicht einmal. Ich komme mir vor wie ein Biologe, der einen Schmetterling seziert. Verrückt! So, als stünde ich über den Dingen, als ginge mich das alles schon nichts mehr an. Dass mit Sylvia und ihrer Krankheit, das belastet mich weit mehr. Merkwürdig. Wieso eigentlich? Mein eigenes Schicksal sollte mir näherstehen und das, was mir von Ferdinand angetan wird. Wieso lässt mich das kalt? Und wieso regt es mich auf, dass Sylvia offensichtlich einen schweren Fehler begeht, wenn sie sich nicht operieren lässt?

„Was machst du für ein Gesicht?“, fragte Sylvia.

„Ich weiß nicht, was ich für ein Gesicht mache“, erklärte Hilde, „aber ich habe das Gefühl, dass ich dich nehmen und zu einem Arzt bringen sollte, zu einem sehr guten Arzt, der sich einmal mit dir befasst, der dich untersucht, und der dir klarmacht, wie wichtig es sein wird, sich operieren zu lassen. Sag mal, wenn du nun schon dort in der Paul-Ehrlich-Klinik gewesen bist, warum lässt du dich nicht von Professor Winter untersuchen? Du musst dich doch noch an ihn erinnern. Ihr habt doch sogar noch miteinander getanzt, wenn ich mich recht erinnere. Natürlich habt ihr das! Weißt du nicht? Es war ziemlich am Schluss, so gegen Mitternacht. Kannst du dich nicht erinnern?“

„Stimmt!“, rief Sylvia. „Jetzt fällt es mir ein. Und Detlev hat mit seiner Frau getanzt. Hinterher meinte er, sie wäre ein bezaubernder Typ. Sie sind sogar noch an die Bar gegangen, und er hat sich darüber gewundert, dass sie Whisky mag. Er hat mir erzählt: Das ist die erste Frau, die einen Whisky wie ein Mann trinken kann.“

„Dabei ist diese Frau ganz sicher alles andere als eine Alkoholikerin. Aber viele Frauen mögen harte Drinks. Gut, dass du dich erinnerst. Hättest du zu diesem Mann Vertrauen?“

Sylvia wirkte nachdenklich. „Ich hätte zu ihm Vertrauen, aber was ändert das?“

„Er würde dir die Wahrheit sagen.“

„Kein Arzt sagt die Wahrheit. Sie lügen alle. Sie lügen, wenn es sich um solche Sachen handelt. Aus Barmherzigkeit lügen sie. Aber das macht alles noch schlimmer. Man glaubt ihnen gar nichts mehr.“

„Soll ich mal mit den Winters reden? Ich meine, ich kann auch mit Professor Winter sprechen.“

„Wenn ich das will, kann ich das selbst tun“, entgegnete Sylvia.

„Du solltest es tun. Es geht ja um dein Leben. Wenn es bösartig ist, dann kann eine rechtzeitige Operation ...“

„Hör auf! Diesen Quatsch haben die mir schon in der Klinik erzählt. Es mag ja alles stimmen, wenn es wirklich frühzeitig ist. Aber wo man das schon fühlen kann, wo ein Tumor schon diese Größe hat, dass man ihn von außen ertastet, dann, liebe Hilde, dann ist es zu spät. Eine Operation macht dann alles noch schlimmer, dann wirkt der Krebs explosiv, glaube mir. Ich habe eine Menge darüber gelesen.“

„Ich kann nicht glauben, dass du recht hast. Hast du denn Gewicht verloren? Abgenommen?“

„Nein, eigentlich nicht“, erklärte Sylvia.

„Ich beschwöre dich, Sylvia, geh zu Professor Winter! Ruf ihn an! Mach einen Termin! So früh wie möglich. Schieb es nicht länger hinaus!“ Sylvia schüttelte fassungslos den Kopf. „Eigenartig. Das scheint dich mehr zu interessieren als die Sache mit deinem Mann.“

Hildes Gesicht wurde starr. „Du irrst dich. Ich habe bloß noch nicht richtig darüber nachgedacht. Wenn es erst einmal Abend wird, wenn ich dann allein in meinem Bett liege, dann, Sylvia, überkommt es mich.“

„Du bist auch unglücklich, genau wie ich. Ich versuche mir etwas Glück zu erhaschen, dann habe ich wenigstens noch etwas davon. Aber du tust nicht einmal das.“

„Man kann Glück nicht erzwingen, Sylvia. Ich habe das Gefühl, überflüssig zu sein.“

„Dann wird es höchste Zeit, dass du auf andere Gedanken kommst. Wollen wir nicht ein Abkommen miteinander schließen? Ich bin bereit, zu Professor Winter zu gehen, wenn du mir versprichst, dass du ein neues Leben beginnst. Und ich werde dir dabei helfen.“

Hilde sah ihre langjährige Freundin traurig an. „Ein Leben mit einem jungen Studenten? Ein Leben mit Postern an der Wand wie hier? Ein Leben mit einer Stereoanlage und solcher Musik, wie du sie spielst? Du machst dir doch selbst etwas vor. Es ist nicht meine Welt, und das wäre nicht mein Leben. Wenn ich mit jemandem ins Bett gehe, dann muss ich ihn lieben. Ich bin unheimlich altmodisch. Aber ich glaube, dass man einen Menschen, dem man das gibt, auch lieben muss, dass man nicht einfach so, um eine momentane Leidenschaft zu befriedigen, mit jemandem schlafen kann.“

„Du irrst dich. Man kann“, behauptete Sylvia.

Hilde schüttelte ungläubig den Kopf. „Wir sprechen zwei Sprachen, Sylvia. Früher, da hab ich immer geglaubt, wir könnten Schwestern sein, weil wir so viele gemeinsame Interessen hatten. Aber heute verbindet uns nur noch die Tatsache, dass unsere Männer fremd gehen, dass wir altersmäßig nicht viel auseinander sind, doch sonst...“

„Hilde, rede doch nicht so! Wir haben uns immer verstanden. Natürlich wird es auf dich etwas verkrampft wirken, was ich mache, aber ich möchte ganz einfach noch einmal leben, richtig leben, verstehst du. Nicht bloß dahinvegetieren.“ Dahinvegetieren, dachte Hilde, das ist das richtige Wort für das, was ich tue. Sie hat ja sogar recht. Aber ob diese marktschreierische Art zu leben, wie sie das für richtig hält, ein Ausweg ist, das möchte ich doch bezweifeln.

Doch sie sagte nicht, was sie dachte. Sie schwieg und überlegte weiter: Er hat mich einfach draufgesetzt. Ich habe die schönsten Jahre meines Lebens mit ihm gekämpft, um das zu erreichen, was wir erreicht haben. Ohne mich hätte er vieles nicht packen können, hätte er vieles nicht geschafft. Das meiste nicht. Und ohne ihn hätte ich das nicht erreicht. Wir haben einander vertraut, sechsundzwanzig Jahre lang. Sechsundzwanzig Jahre, von denen wir mindestens zwanzig hart gekämpft haben, um das zu erreichen, Seite an Seite, wie Kameraden. Alle Widernisse durchgestanden. Es war eine schöne Zeit, eine viel schönere Zeit als die letzten Jahre im Wohlstand. Und das alles soll nicht gewesen sein? Diese Jahre soll ich einfach verschenkt haben? Weggeworfen? Die soll ich vergessen? Das kann ich nicht. Das werde ich nie können...

 

 

3

Sie aßen gemeinsam im Hotel Beaufort zu Mittag. Der große schlanke Mann mit der Stirnglatze und den weißen Schläfen. Neben ihm seine blonde Begleiterin. Sie auch groß und schlank, eine äußerst attraktive Frau.

Sie beide bildeten ein Paar, nach dem sich die Leute umdrehten. Manche Frauen vor allen Dingen, wenn sie ihn sahen. Aber auch Männer, denen der Anblick von Hella Braut ins Auge stach. Sie mit langem blonden Haar, das weit über die Schultern ihres beigefarbenen legeren Sommerkleides reichte. Er im hellgrauen Sommeranzug, meist eine Hand lässig in der Tasche seines Jacketts.

Das zweite Paar am Tisch bot keinen so harmonischen Anblick. Er war sehr groß und schmal. Sein Anzug wirkte für die Jahreszeit zu dunkel, fast winterlich. Er war äußerst korrekt gekleidet. Für einen Julitag nach Empfinden der Meisten etwas zu korrekt. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, so warm war es im Restaurant. Seine Begleiterin hätte seine Tochter sein können. Sie war allerhöchstens fünfundzwanzig, grellblond gefärbt, sehr auffällig geschminkt, und wenn sie sprach, tat sie es um eine Spur zu laut, zu schrill. Wenn sie lachte, drehten sich die Leute um. Ging sie neben ihrem zwei Köpfe größeren Begleiter her, da tat sie es mit wogendem Busen und ständig in Bewegung befindlichem Po. Sie hatte einen aufreizenden, in den Hüften wiegenden Gang, so dass sie kein Mann übersehen konnte. Um zu erkennen, wie es um ihre Herkunft bestellt war, musste ein Betrachter, der ihr beim Essen zuschaute, kein fanatischer Verfechter der Sitten und Formen des berühmten Freiherrn von Knigge sein. Im Augenblick aß sie die Suppe. Sie tat es wie eine Verhungernde und hielt den Teller dabei fest, als müsse sie fürchten, der Kellner könne ihr ihn wieder wegnehmen. Der Anblick dieser schaufelnden und sogar ein wenig schlürfenden Blondine verdarb der damenhaft wirkenden Hella Braut fast den Appetit. Und Ferdinand Henkel neben ihr zwang sich, nicht hinzusehen, und versuchte indessen ein angeregtes Gespräch mit dem Begleiter der Blondine, seinem langjährigen Geschäftsfreund Dr. Detlev Fabricius.

Den großen schmalen Mann schienen die Essgewohnheiten seiner Begleiterin wenig zu stören. Auch den fünften am Tisch, einen schwergewichtigen, glatzköpfigen Mittsechziger, scherte die Art, wie Marion Wetzig die Suppe vertilgte, wenig. Er saß nicht hier, um Studien über essende Menschen anzustellen, sondern um ein hartes Geschäft abzuschließen. Und dabei ging es um Tausende von Mark. Dieses Geschäft würde am Nachmittag stattfinden. Jetzt war die letzte Regiebesprechung.

Hella Braut, die die Geschäfte ihres Begleiters, Ferdinand Henkel, Punkt für Punkt und Komma für Komma kannte und alles das miterarbeitet hatte, was heute über die Bühne gehen sollte, beteiligte sich lebhaft an dieser Diskussion. Auf die Suppe hatte sie verzichtet. Das Gespräch war ihr wichtiger. Mindestens so wichtig wie dem glatzköpfigen, schwergewichtigen Paul Maschke, dem man in Kreisen der Industrie nachsagte, dass er ein As in der Verhandlung war.

Maschke sprach sechs Sprachen perfekt. Und er hatte sie nicht gelernt, um irgendwo zu dolmetschen, sondern um mit den Leuten zu reden, mit denen er Geschäfte machen wollte. Wer nicht wusste, womit Paul Maschke sein Geld verdiente, hätte ihn für einen gutmütigen, harmlosen älteren Mann halten können, den man sich als einen bei seinen Enkeln äußerst beliebten Großvater vorstellen konnte. Besonders wenn er schmunzelte, schien er Güte auszustrahlen.

Aber alle, die ihn wirklich kannten, wussten, dass niemand härter und gnadenloser zu verhandeln imstande war als er. Er besaß ein gewaltiges Vermögen. Und er hatte es damit erworben, große Industriekonzerne, die zum Verkauf standen, an den Mann zu bringen. Im Augenblick ging es um ein großes französisches Werk, das in Zahlungsschwierigkeiten geraten war. Henkel und Fabricius waren gekommen, um es gemeinsam zu erwerben.

Ferdinand Henkel wusste, um was es ging. Und er wusste auch, um was es Paul Maschke ging. Denn die Provisionssumme, die er bekam, und zwar von beiden Seiten, war nicht von Pappe. Auf der anderen Seite wusste Maschke die Interessen des Verkäufers ebenso zu vertreten wie die des Käufers. Er machte es geschickt. Jeder Franc, der vom Verkaufspreis heruntergehandelt wurde, schmälerte seine Provision.

Dass die beiden Herren Begleiterinnen mitgebracht hatten, die, wie Maschke ganz genau wusste, nicht die Ehefrauen dieser Männer waren, passte ihm gut in den Kram. Er schmeichelte besonders der naiv wirkenden, platinblonden Marion Wetzig mit Komplimenten. Dass sie ihre Suppe schlürfte und dabei schaufelte wie ein Raddampfer, machte die Sache nur besser. Daran erkannte er, dass er mit einfachen Mitteln diese Frau für sich gewinnen konnte. Schwieriger für ihn war es dann schon mit Hella Braut. Diese Frau war hochintelligent, ehrgeizig. Der Menschenkenner Maschke, der die Kunst, einen anderen einzuschätzen, zur Perfektion getrieben hatte und ein gut Teil seines Vermögens diesem Können verdankte, war sich darüber klar, wie er die beiden Damen einzuordnen hatte, wobei er bei Marion Wetzig den Begriff Dame in Anführungszeichen setzte.

Sie war nichts weiter als so eine Art Freizeitgespielin dieses Dr. Fabricius. Fabricius kam ihm krank vor. Wie ein Mann, der mit allen Mitteln versuchte, die Jugend herbeizuzaubern, noch einmal alles mitzunehmen, was sich anbietet. Der Mann wirkte nervös, äußerst abgespannt. Der Flug schien ihm auch nicht bekommen zu sein.

Eine andere Einschätzung hatte Maschke von Ferdinand Henkel. Der wirkte sportlich, kerngesund, eigentlich ein Mann, dem man keinerlei Erschöpfung oder gar Nervosität ansah. Mit der Frau an seiner Seite bildete er ein gutes Gespann. Trotzdem kam es Maschke so vor, als sei es die Frau, die wie eine Unruhe in der Uhr diesen Mann in Bewegung hielt, die ihn anspornte, der er ein gut Teil seines jugendlich wirkenden Äußeren zu danken hatte.

Vielleicht, dachte Maschke insgeheim, ist sie letztendlich mein wirklicher Verhandlungspartner. Henkel wird tun, was sie sagt. Er wird sich ganz und gar auf sie verlassen. Und sie hält sich immer diskret zurück, wenn er spricht. Sie redet ihm nie dazwischen, wie das die kleine dümmliche Blondine Marion Wetzig tut. Hella Braut ergänzt diskret, wenn sich Ferdinand Henkel einmal nicht an ein Wort, an einen Begriff oder an eine Sache erinnern kann. Sie steuert mit kurzen, leise angefügten Bemerkungen Wesentliches zu den Dingen bei. Ihre ganze Art sich zu verhalten, dieses Lautlose und doch für die Unterhaltung so Wesentliche, ließ sie Maschke als den Intelligentesten aller vier, die er vor sich hatte, erkennen. Und er begriff auch, dass sie am härtesten war; härter als beide Männer zusammen, auch wenn die das vielleicht für sich in Anspruch nahmen. Hella Braut hatte einen Ehrgeiz, dessen Schärfe Paul Maschke mit dem eines erstklassig geschliffenen Schwertes aus Damaszener-Stahl verglich.

Das Hauptgericht wurde aufgetischt. Aber auch jetzt aß Hella Braut sehr wenig. Sie bestritt auch nicht den Löwenanteil der Unterhaltung. Ganz und gar nicht. Sie passte nur auf. Immer dann, wenn sie das Gefühl hatte, dass Ferdinand Henkel mit seinen Ausführungen auf gefährliches Gebiet geriet, da blockte sie ihn so diskret ab, dass es aussah, als habe Henkel selbst diese Wendung gewollt.

Allerdings konnte Hella Braut dem mit allen Wassern Gewaschenen Verhandler Maschke nichts vormachen. Der wusste ganz genau, was hier wirklich lief. Aber er war nicht so töricht, jetzt etwa Hella Braut direkt anzusprechen, sie als den wahren Verhandlungspartner herauszustellen. Diesen Fehler hätte er bereuen müssen. Und so machte er ihn nicht erst. Weiterhin tat er so, als betrachtete er Henkel und Fabricius als die wirklichen Macher. Dabei entging ihm auch nicht, dass Fabricius in fast sklavischer Untertänigkeit allem beipflichtete, was Henkel für gut hielt. Und dessen Entschlüsse, das stand nun mittlerweile fest, wurden im Kopf von Hella Braut gefällt.

Die platinblonde Marion Wetzig interessierte sich mittlerweile schon sehr intensiv für die Zusammenstellung der Nachspeise, schaute anderen Männern nach, die sie im Restaurant sah, amüsierte sich über einen kleinen korpulenten Negerkellner und betrachtete aus großen Augen eine Dame, die ein paar Tische weiter aufstand und mit unnachahmlichem Gang zum Ausgang schritt. Es war eine äußerst attraktive Frau. Und weil auch Dr. Fabricius rein zufällig das Weggehen dieser Frau beobachtet hatte und ihr jetzt nun ebenfalls nachsah, wurde Marion Wetzig vor Eifersucht fast blass. Zugleich aber überlegte sie, woher dieses Kleid, dieses wunderschöne dunkelblaue Kleid dieser Unbekannten stammen könnte. Sie wollte auch so eins und beschloss, sofort nach diesem Essen Detlev in den Ohren zu liegen, ihr so ein Kleid zu kaufen, hier in Paris. Wozu war man denn hier? Nach dem Essen, da wollte er immer etwas von ihr. Das war die Gelegenheit zum Zahlen. Dann musste er ihr Wünsche erfüllen, bevor sie ihm seinen Wunsch erfüllte.

Dieser Zeitpunkt rückte näher, nachdem sich Paul Maschke, der die gesamte Zeche bezahlt hatte, verabschiedete. Und sie beschlossen, sich am Nachmittag gegen halb vier erneut zu den nun entscheidenden Verhandlungen zu treffen. Maschke hoffte, dass Marion Wetzig auch dann wieder dabei sein werde. Schon während des Essens hatte sie durch ihre Bemerkungen und gar nicht zur Sache gehörenden Fragen Dr. Fabricius ständig abgelenkt und damit dafür gesorgt, dass der gar nicht dazu kam, allzu sehr über den Vertrag, den sie am Nachmittag schließen wollten, nachzudenken.

Maschke war weg, und kurz danach betraten Ferdinand Henkel und Hella Braut das gemeinsame Hotelzimmer im gleichen Hause. Nebenan hatten sich Dr. Fabricius und Marion Wetzig eingemietet. Das alberne, girrende Lachen von Marion drang durch die Wand an die Ohren von Henkel und Hella Braut.

„Dass er die nun wieder mitgenommen hat“, platzte Hella Braut heraus. „Heute Nachmittag ist die aber nicht dabei. Dafür werde ich sorgen. Er soll sie zum Shopping schicken. Bei dieser Verhandlung, der entscheidenden, wo auch die Verkäufer da sind, lass ich sie nicht zu. Das werde in in jedem Falle verhindern.“

„Du kannst das nicht verhindern, Hella! Der bringt es fertig und macht das ganze Geschäft rückgängig.“ Ferdinand Henkel zog sich die Jacke aus, streifte sich die Schuhe ab und ließ sich dann einfach auf das breite Bett fallen.

Hella Braut zog die Vorhänge zu, streifte dann ihr Kleid ab, und so bot sie Ferdinand einen Anblick, der ihm immer wieder die Sprache raubte. Er konnte sie nur anstarren, bewundernd, verlangend, voller Begierde. Bei der Hitze trug sie nur BH und Schlüpfer unter dem Kleid. So stand sie jetzt da; schlank und rank und zugleich, wie niemand besser als Ferdinand wusste, eine blitzgescheite Frau, ohne die er sich die Leitung seines ganzen Konzernes gar nicht mehr vorstellen konnte. Ich hätte, überlegte er, jemand anderen zu dieser Verkaufsgeschichte schicken sollen. Dazu brauchte ich doch nicht selbst herzukommen. Es wäre besser gewesen, mit Hella ein paar schöne Tage irgendwo zu verleben. Ich müsste mal wieder nach Mexiko fliegen, oder nach Rio. Damals mit Hilde, das ist doch stocklangweilig gewesen. Hella würde Leben in die Sache bringen.

In diesem Augenblick versuchte er sich vorzustellen, was im Nebenzimmer geschah. Das alberne Gelächter von Marion drang herüber.

Na ja, vielleicht ist er glücklich mit ihr. Sie kann nur das Eine, sonst nichts. Da ist mir Hella lieber. Mit ihr gibt es eine Unterhaltung, eine richtige Unterhaltung. Man ist gefordert. Sie ist eine fabelhafte Frau. Ich liebe sie. Ich sollte endlich die Karten auf den Tisch legen.

Als er zu ihr hinblickte, hatte sie sich völlig ausgezogen. Sie sagte nur ganz einfach: „Es ist unsere Zeit. Hast du keine Lust?“

Natürlich hatte er Lust. Oder nicht? Er fühlte sich ein wenig abgespannt. Ach was!, dachte er. Es ist herrlich mit ihr, wunderschön. Dann zog er sich aus. Drüben im Nebenzimmer war es still geworden, und Ferdinand Henkel dachte: Jetzt hat sie, was sie wollte.

Hella war hinter ihn getreten, fuhr mit den Fingerspitzen über seine Schultern, über seine Armmuskeln, schmiegte sich an ihn und legte den Kopf in seinen Nacken. Ihre Linke umschlang seine Brust. Er spürte ihren Körper an seinem Rücken. Das durchfuhr ihn wie elektrischer Strom.

„Ich liebe dich!“, hörte er sie leise sagen, und der Druck ihrer linken Hand auf seiner Brust verstärkte sich. Ihre Rechte strich ihm übers Kinn. Ihre Umarmung, die enge Berührung ihres Körpers mit dem seinen, erregte ihn so sehr, wie es immer wieder der Fall war. Eine Sekunde lang dachte er an Hilde. Es kam ihm wie ein unangenehmer Traum vor, wie etwas, das ihn zu erdrücken drohte. Ich muss Schluss machen, Schluss! Hella hat das noch nie gewollt. Im Gegenteil, überlegte

er. Als ich einmal davon anfing, hat sie sofort abgeblockt, wollte keine Trennung von Hilde und behauptete auch, eine Heirat zwischen ihr und ihm käme nicht in Frage. Warum eigentlich nicht?

Er nahm ihre Hände, löste sie von seiner Brust, drehte sich dann um. Sie presste sich an ihn, er spürte ihre Brüste an seinem Körper.

„Warum willst du mich nicht heiraten?“, fragte er. „Warum nicht?“

Sie sah ihn aus ihren strahlend blauen Augen an. Ein Lächeln lag um ihren Mund. So, wie sie jetzt wirkte, steigerte sie noch seine Erregung.

„Frag nicht so viel!“, hörte er sie sagen.

Dann überwältigte ihn die Leidenschaft. Die Leidenschaft, die diese Frau meisterhaft entfachen konnte wie nie eine andere Frau zuvor.

Sie verlangte nicht etwas. Nicht wie das Marion tat. Jedenfalls hatte ihm Detlev Fabricius oft genug erzählt, dass Marion Forderungen stellte, dies und das geschenkt haben wollte, wie eine billige Dirne. Und im Grunde war sie nichts anderes. Hella dachte nicht daran, Gegenrechnungen aufzustellen. Er hatte das Gefühl, dass sie sich ihm hingab, weil es ihr Freude machte, weil sie ihn liebte, und sie war ebenfalls bereit zu geben.

Details

Seiten
167
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930726
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495636
Schlagworte
florian winter band ihre jahre

Autor

Zurück

Titel: Dr. Florian Winter Band 12: Ihre verschenkten Jahre