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REDLIGHT STREET #47: In den Fängen des Lasters

2019 116 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

In den Fängen des Lasters

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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In den Fängen des Lasters

REDLIGHT STREET #47

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Maja Markus hat sich wahnsinnig verliebt. Gus versteht es, das naive Mädchen für sich zu gewinnen. Als er die Maske fallen lässt, ist es für Maja bereits zu spät.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen des Romans:

Maja Markus - fällt auf einer Party auf den erstbesten Mann herein.

Gus Balle - kennt sich bei den unschuldigen Mädchen aus und weiß, wo er Erfolg hat.

Wilm Lohrmann - Kriminalbeamter mit einem einsamen Herzen.

 

 

1

»Wann denn?«

Der gelbe Stadtbus rumpelte um die Ecke. Büchertaschen flogen umher. »Rottmann lernt es auch nie, richtig die Kurven zu nehmen«, sagte Iris Gringer wütend und warf das blonde Haar auf die Schulter zurück. »Lass ihn doch«, meinte Maja Markus. »Vielleicht kann er es nicht besser. Autofahren soll gar nicht so einfach sein, heute, bei diesem Gewimmel auf der Straße!«

»Püh!«, machte Iris. »Gibt es eigentlich etwas, was dich mal in Rage bringt? Ewig still und Hausmütterchen! Meine Güte, hast du etwa Angst? Wenn ich achtzehn bin, dann mach ich gleich meinen Führerschein, darauf kannst du dich verlassen. Schwierig? Mensch, da lachen ja die Hühner!«

Maja eigentlich hieß sie in Wirklichkeit Maria, aber man nannte sie nur Maja hatte den Kopf zurückgelegt und sah aus dem Fenster. Ihre Freundin plapperte immer weiter. Sie hörte gar nicht richtig hin. Früher hatte ihr das auch nie etwas ausgemacht. Sie wusste, dass sie eine langweilige Suse war. Aber Iris hatte nicht das Recht, es so öffentlich im Bus zu sagen. Lachten nicht schon die Mitfahrer? Sie schielte unter den langen Wimpern hervor. Nein, man achtete nicht auf die beiden Schulmädchen.

»Du, sag mal, wie ist das jetzt, kommst du heute Abend oder nicht?«

»Heute Abend, wohin?«

»Aber Maja, wir halten doch eine Party bei Gitte ab! Sag bloß, du hast das schon wieder vergessen?«

»Um acht Uhr.«

»So spät? Ich weiß nicht, dann darf ich bestimmt nicht!«

Iris spitzte die Lippen und sah sie verächtlich an. »Ich frage mich bloß, weshalb ich deine Freundin bin, wirklich, Maja!«

»Darfst du denn?«, erwiderte sie verwirrt.

»Ich? Nicht die Bohne, kennst doch meine Eltern. Ich gehe brav ins Bett und dann klettere ich nachher aus dem Fenster. Mutti sieht nie mehr bei mir nach. Und außerdem schließe ich immer mein Zimmer ab. Hab gesagt, Bob ärgere mich immer. Sie haben nichts dagegen. Wenn die wüssten!«

Der Bus hielt mit einem Ruck. Maja stand auf.

»Überleg es dir doch, Maja. Komm doch, das wird ’ne Wucht, sage ich dir.«

»Ich möchte schon, aber du weißt ja Mutti!«

Doch sie hörte nicht mehr, was die Freundin antwortete.

Mutlos wanderte Maja die lange Straße entlang. Es war Frühling, und die Birken begannen ihre Knospen zu entfalten. Sie liebte es, wenn sie so fein und zart gegen den Himmel standen. Aber heute hatte sie keinen Blick dafür. Ihr gingen die Worte der Freundin durch den Kopf. So machte sie das also! Nein, sie hatte zu viel Angst davor, wirklich. Einfach aus dem Fenster klettern!

Maja hatte das kleine Gartentor erreicht. In diesem Augenblick verließ ihr Vater das Haus. Er winkte, und sie lief schneller.

»Das ist nett, Maja, dass ich dich noch treffe. Ich habe heute keine Zeit, mit dir zu Mittag zu essen. Du weißt, Mutti geht es schlechter, ich fahre jetzt zu ihr und nachher muss ich eine Geschäftsreise machen. Vor morgen Abend bin ich nicht zurück. Du bist mir doch nicht böse?«

Maja lächelte leicht. »Soll ich nicht mitkommen? Ich meine, die Mutti besuchen?«

»Sonntag, jetzt nicht, ihr geht es wirklich nicht gut, zu viel Besuch regt sie nur auf, und ich kann dich dann auch nicht mehr zurückbringen. Sei nicht traurig, morgen bin ich wieder zu Hause.«

»Ist gut!«

»Ellen weiß aber auch Bescheid. Jetzt muss ich mich wirklich sputen. Wiedersehen, mein Kind!«

»Viel Glück, Papa!«

Er lachte und stieg in den Wagen. Maja blieb stehen und sah ihm zu. Das war ihr Vater! Rosa Bäckchen, immer in Erregung, immer unternehmungslustig und selten zu Hause. Aber im Großen und Ganzen ein sehr netter Vater. Sie konnte ihm abschmeicheln, was sie wollte.

Ellen stand in der Haustür.

»Komm, Maja, sonst wird das Essen noch kalt. Ich habe schon aufgetragen.«

»Ja, ich komme! Wasch mir nur eben noch die Hände.«

Kurze Zeit später saß sie neben dem Hausmädchen und aß. Sie sah das alte runzlige Mädchen von der Seite an.

»Du, sag mal, Ellen, bist du früher auch tanzen gegangen? Hattest du Freunde?«

Das Hausmädchen zwinkerte mit den Augen. »Natürlich«, lachte es.

»Durftest du denn immer hingehen? Ich meine, hatten deine Eltern nichts dagegen?»

»Hast du eine Ahnung! Die gingen immer mit!«

»Was?« Maria riss die Augen auf. Sie dachte darüber nach, wie es sein würde, wenn sie ihre Eltern mit zu einer Party nehmen würde. Dort waren nur junge Leute. Sie tanzten, hörten sich heiße Musik an und tranken Cola.

Ellen schien ihre Gedanken lesen zu können. Sie legte ihre Hand auf Majas Arm und sagte: »Lass man, Maja, wird schon alles werden. Wenn man jung ist, glaubt man, das Leben beginnt nie, und alles sei gegen einen. Aber das vergeht so schnell, weißt du, viel zu schnell. Mit einem Rutsch ist man drin, dann wird man alt und immer älter.«

»Aber es dauert wirklich lange, Ellen! Ich bin jetzt schon bald siebzehn, und meine Freundinnen nennen mich fad und langweilig, weil ich nichts mitmachen darf. Kennst ja meine Eltern. Haben immer Angst um mich. Warum eigentlich? Glauben die, ich breche mir ’ne Zacke ab?«

»Freu dich doch, dass du so besorgte Eltern hast! Sie kümmern sich um dich und wollen, dass es dir gut geht. Viele fragen nicht danach, was ihre Kinder machen, und dann rutschen sie ab und landen in der Gosse!«

»Was bedeutet das, Ellen? Was, geschieht zuvor, um in der Gosse zu landen?«

»Still, Häschen, das wirst du alles noch erfahren. Das ist noch nichts für dich. Mach die Schule zu Ende und sei schön brav. Alles andere kommt von allein!«

Maja resignierte. Brav, immer sollte sie nur brav sein, das war ja nicht mehr zum Aushalten. Iris hatte recht, sie war und blieb eine langweilige Pute. Aber konnte sie etwas dafür, dass sie das einzige Kind war und dass sich alle so um sie sorgten?

Sie nahm ihre Büchertasche und ging auf ihr Zimmer. Trotz ihrer sechzehn Jahre war sie noch niemals auf einer richtigen Party gewesen, hatte keinen Freund, nichts. Wenn sie die Schulfreundinnen reden hörte ... Mann, die erlebten was! Die hatten schon was mit Männern gehabt! Da ging es rund! Viele wurden mittags von ihren Freunden abgeholt. Maja stöhnte auf.

Sie hatte es nicht schlecht, wirklich nicht, sie wollte sich auch nicht beklagen. Sie hatte ein schönes Elternhaus; manche beneideten sie darum. Sehr liebe Eltern, Kleidung, so viel sie wollte. In den Ferien machte sie mit den Eltern eine große Reise. Bis jetzt war sie auch immer mit allem zufrieden gewesen. Aber wenn sie die Freundinnen erzählen hörte, fand sie das Leben muffig, langweilig und so fade, einfach zum Auswachsen! Nichts durfte sie, was ihre Freundinnen durften. Immer ein hartes »Nein, später, jetzt noch nicht. Du musst für die Schule lernen!« Wie sie das hasste!

Mit düsteren Augen sah sie in den weitläufigen Garten. Und seit Mutti jetzt auch noch so schwer krank war sie war operiert worden und wollte sich gar nicht erholen war der goldene Käfig noch enger geworden.

Nur einmal das tun können, was die anderen durften! Es war doch nichts Schlimmes dabei. Iris sagte es doch! Spaß hatten sie, lachen würden sie und mit den Jungen tanzen und sie verulken.

Sie seufzte tief auf.

Das Beste war, sie dachte nicht mehr daran.

Mutlos kramte sie ihre Bücher aus der Tasche und begann mit der englischen Übersetzung zu arbeiten.

Ellen rief durch das ganze Haus. Maja war so in der Übersetzung vertieft, dass sie es zuerst gar nicht hörte. Doch dann stand sie endlich auf und öffnete die Tür.

»Was ist denn los? Warum schreist du so? Ich muss doch arbeiten, hast du das vergessen?«

»Nein, aber Telefon für dich!«

»Wer ist dran?«

»Eine von den Mädels, komm und rede, ich habe jetzt keine Zeit mehr, muss noch einkaufen, bevor die Geschäfte schließen.«

Maja brachte ihren Füller ins Zimmer zurück und ging dann zum Telefon. Der Hörer baumelte in der Luft. Eine Eigenart von Ellen. Sie hatte immer ein wenig Angst, wenn es losrasselte.

»Ja, hier Maja!«

»Ich bin’s, Iris. Mensch, hast du eine lange Leitung.«

»War bei der Übersetzung. Hast du sie schon fertig?«

»Nee, wollte dich gerade fragen, ob ich morgen in der Pause von dir abschreiben darf.«

»Du, ich mach das nicht gerne. Lernst doch nichts dabei«, sagte sie zögernd.

»Das lass nur meine Sorge sein. Hab keine Lust zum Lernen, aber du kennst ja meine alten Herrschaften, nichts zu machen.«

»Na gut, aber du musst es selbst wissen.«

»Fein, Maja, freut mich, dass du Vernunft annimmst. Kommst du dann nachher? Wir sind eine ganze Clique, wird ein Mordsspaß. Gitte hat auch ein paar Ältere aufgeschnappt. Du kennst sie ja, die hat überall Verbindungen.«

Maja bekam sehnsüchtige Augen.

»Du weißt ja«, sagte sie leise.

»Soll ich mal mit deinen Eltern reden, Maja? Gib sie mir doch mal. Ist doch wirklich harmlos. Und um elf Uhr ist ja auch schon Schluss: wegen der Nachbarn, weißt du, die wollen ihre Nachtruhe haben.«

»Mami ist immer noch im Krankenhaus, und Vati ist gar nicht zu Hause. Aber das nützt auch nichts, wenn die einmal nein sagen ... Ich muss bis achtzehn warten, ob ich will oder nicht!«

»Wann kommt dein Vater wieder nach Hause?«

»Morgen Abend, er ist auf einer Geschäftsreise.«

»Maja, du Glücksvogel, kannst doch kommen, ohne dass sie was merken. Brauchst dich nicht einmal wegzuschleichen wie ich.«

»Wieso?«

»Meine Güte, Maja, bist du wirklich so dumm? Wenn keiner zum Fragen da ist, dann geht man einfach, kapiert?«

»Aber Ellen«, stotterte Maja.

»Erzieht die dich etwa auch!?«

»Nein!«

»Siehst du, frage mich und ich weiß immer einen guten Rat. Wie schon gesagt, du kommst, Gitte und die anderen werden sich wirklich freuen, Bombenstimmung, sage ich dir! Und dann vergiss nicht, eine fehlerlose Übersetzung zu machen. Ich schreibe sie auf Garantie ab, und dann gibt es wieder Heckmeck, weißt ja, die Pauker sind immer so sauer.

»Also, ich treff dich heute Abend, viertel vor Acht, unten an der Ecke. Tschüss!«

Und dann hatte Iris auch schon aufgelegt.

Maja schwirrte der Kopf. Sie wusste gar nicht, was sie dazu sagen sollte. Die Freundin hatte sie regelrecht überrumpelt. Nachdenklich ging sie auf ihr Zimmer zurück. Sie kaute an einem Bleistift herum und sah vor sich hin.

Was sie vorhatten, war doch gar nicht so schlimm. Nur ein kleines Vergnügen. Morgen konnte sie dem Vater darin erzählen, wie harmlos es dort zuging. Er dachte immer Gott weiß, was dort passierte! So beruhigte sie ihr schlechtes Gewissen.

Auf einmal begann ihr Herz stürmisch zu klopfen. Endlich durfte sie dabei sein, wenn auch ohne Erlaubnis. Aber das wusste nur Iris. Nun würde man sie nicht mehr langweilig und altmodisch nennen. Richtig fesch war es, wenn man eine so famose Freundin hatte. Sie wäre im Leben nicht auf den Gedanken gekommen, einfach zu gehen.

Da war nur noch Ellen! Aber sie würde eben Müdigkeit vortäuschen, Ellen war immer froh, wenn sie früh zu Bett gehen konnte. Bei den vielen Schularbeiten nahm ihr Ellen das ohne Weiteres ab. Und wenn die einmal im Bett lag, schlief sie tief und fest bis zum Morgen.

In ihr begann es zu fiebern und zu vibrieren. Ihre Augen glänzten vor Erwartung.

 

 

2

Es hatte alles geklappt. Den Schlüssel in der Tasche, die Schuhe in der Hand, so schlich sie wie ein Dieb durch die Halle. Ein Glück, dass es um diese Jahreszeit so früh dunkel wurde. Ganz vorsichtig zog sie die Haustür ins Schloss. Dann erst schlüpfte sie in die leichten Schuhe. Über den Rasen laufend, gelangte sie auf die Straße. Ihr Herz schlug gegen die Rippen.

Wenn Iris schon fort war, würde sie keinen Mut finden, allein weiterzugehen. Aber die Freundin stand im Schatten einer Blutbuche.

»Musst du so einen Krach machen?«

»Wieso?«, keuchte Maja.

»Mann, nimm bloß das nächste Mal leise Schuhe, und warum rennst du denn so?«

»Ich dachte, vielleicht gehst du allein, hab mich doch ein wenig verspätet. Ellen machte so langsam.«

Iris grinste. »Hat also alles fein geklappt, wie ich sagte?«

»Ja, aber du, ich hab Angst!«

»Wovor denn?«, wunderte sich die Freundin.

Aber sie wartete die Antwort nicht mehr ab. »Komm, nun machen wir, sonst sind wir wirklich die Letzten.«

Gitte wohnte drei Straßen weiter. Ihre Eltern waren sehr reich. Etwas außerhalb vom Bungalow befand sich ein großes Steingartenhaus. Und darin durfte sie ihre Party abhalten. Die Eltern hatten nichts dagegen. Hauptsache, sie wurden nicht gestört, alles andere kümmerte sie wenig.

Schon von Weitem hörten die beiden Mädchen die Musik, Lachen und Kreischen. Maja ging immer schneller. Iris sah sie von der Seite an. Aber sie selbst war beim ersten Mal auch so aufgeregt gewesen.

Gitte war schon neunzehn, zweimal sitzen geblieben und sollte es ganz toll mit den Jungen treiben. Wie sie selber sagte, hatte sie schon alle Jungen in der Nachbarschaft gehabt. Sie hingen auch an ihr wie die Kletten. Iris und die anderen waren oft sehr neidisch auf ihre Freundin. Schließlich waren sie doch nicht weniger hübsch! Aber wenn man so viel Geld und so viel Freiheit wie Gitte hatte! Maja seufzte leise.

Die Tür wurde aufgerissen, ein Schwall Musik und buntes Licht hüllte für einen Augenblick die Mädchen ein. Dann liefen sie hinein. Mit einem stürmischen »Hallo« wurden sie begrüßt. Maja war wie betäubt. So viel Flitter und buntes Licht, Fahnen und Girlanden, Nischen und dunkle Ecken! Sie wusste gar nicht, wohin sie zuerst sehen sollte. Eine Theke war auch aufgebaut in einer Ecke. Eine Unmenge junger Leute befand sich im Raum. Oben auf einem alten Schrank thronte Bubi und bediente den Plattenspieler.

Gitte kam aus dem Gewühl auf sie zu.

»Das freut mich, Maja, dass du auch mal kommst, wirklich.« Und dann wandte sie sich um und schrie:

»Kinder, wieder ein neues Gesicht in unserer Runde. Das ist Maja Markus, meine Freundin.«

Maja lächelte scheu. Aber die Gesichter schoben sich schon wieder weg, und man tanzte mit Hingabe. Iris kannte eine Menge der jungen Leute und war schon untergetaucht. Maja blieb ein wenig verloren im Hintergrund stehen. Sie konnte nur staunen. Und wie die Mädchen aufgemacht waren! Jedes trug irgendetwas Fantastisches, Flitterndes und Buntes. Sie hatte nur eine weiße Bluse und einen bunten Schottenrock angezogen. Viele waren stark geschminkt, rauchten und sangen aus voller Kehle. Sie wurde mitgerissen. Man lachte und tanzte, die Haare flogen, sie waren wie toll und schrien Bubi an, wenn er nicht schnell genug eine neue Platte auflegen konnte.

Maja hätte auch gern getanzt, aber bis jetzt war noch kein Junge zu ihr gekommen. Sie hielt eine Cola mit Strohhalm in der Hand und sah ihnen zu.

Plötzlich stand jemand vor ihr. Als sie aufsah, wusste sie, dass es keiner von den üblichen Jungen war, sondern dieser musste schon über zwanzig sein. Er war einen Kopf größer als sie und hatte dunkle Haare.

»Na, willst mal tanzen? Kenne dich noch nicht, wer bist du?«

»Ich bin Maja Maja Markus!«

»Bei uns gelten nur die Vornamen.«

Er legte den Arm um ihre Hüfte und drückte sie an sich. Es war nicht unangenehm, aber sie wollte es eigentlich nicht. Doch dann waren sie zwischen den Tanzenden, und er tanzte gut.

»Guckt mal, Gus Balle tanzt mit unserem Nesthäkchen«, schrie Gitte.

Maja wurde knallrot, sie wusste, dass sie gemeint war, sie war die Jüngste.

Gus lachte nur und wirbelte sie herum. Ihr verging fast der Atem. Und der Tanz wollte kein Ende nehmen. Plötzlich war alles wie verschwommen, der ganze Raum drehte sich, und sie fand es wundervoll.

Gus amüsierte sich über das Mädchen mit den großen, blauen Augen und dem madonnenhaften Gesicht. Sie war die Einzige, die nicht geschminkt war. Ein Kennerblick huschte über ihre gertenschlanke Gestalt. Das Blut begann zu pulsieren.

»Du hast einen richtigen Hungerblick«, sagte Gus.

Maja sah auf und staunte.

»Was heißt das?«

»Du hast noch nichts erlebt, willst alles wissen, aber es ist wohl verboten, was?«

Maja senkte den Kopf. Man sah es ihr sogar an, wie altmodisch sie erzogen wurde. Doch da stieg der Trotz in ihr hoch. Niemand ging das etwas an.

»Lassen Sie mich«, sagte sie leise.

»Nein, ich habe dich erobert. Ärgere dich doch nicht, aber du wirst das Leben kennenlernen. Hast du schon mal einen Mann gehabt?«

Die Frage kam so plötzlich, dass sie ihn nur anstarren konnte. Er lachte nur, schien seine Frage vergessen zu haben und tanzte weiter. Manchmal ruhten sie sich aus, aber sein Arm lag immer noch um ihre Hüften. Jetzt empfand sie das gar nicht mehr als unangenehm. Ja, richtig warm wurde ihr. Und die Mädchen sahen ihr schon neidisch zu. Sie hatten nur die grünen Jungens an ihrer Seite.

»Los, Gus, tanz mit mir!«

Gitte kam angetänzelt.

»Will heute nicht!«

»Du bist gemein.«

»Lass mich in Ruhe, Gitte.«

Sie lachte nur, zwinkerte Maja zu und ging wieder fort.

»Warum machen Sie sie böse? Ist sie nicht Gastgeberin?«

»Ich mag sie nicht mehr, sie ist mir über, ist eine richtige kleine Nutte, mag so was nicht.«

Maja fühlte sich zugleich geschmeichelt und schockiert. Das Wort und dessen Bedeutung kannte sie, aber noch keiner hatte es in ihrer Gegenwart so frei ausgesprochen.

»Komm lass uns tanzen.«

Sie standen auf.

 

 

3

Maja Markus verstand die Eltern nicht. Wie konnten sie nur so grausam sein und nicht zulassen, dass sie zu solch harmlosen Veranstaltungen durfte! Hier erlebte man endlich was, man war zusammen und amüsierte sich köstlich. Niemand von ihnen nahm Rauschgift oder harte Getränke, wie der Vater immer meinte. Sie tanzten einen hinreißenden Tango, und Gus lachte über das ganze Gesicht.

Überhaupt dieser Mann! Den ganzen Abend kümmerte er sich nur um sie. Die Freundinnen machten schon ganz neidische Augen. Maja lächelte und fühlte, wie heftig ihr Herz zu pochen begann. Es lag eine so köstliche Süße darin. Sie wusste es auch nicht zu deuten. Eigentlich schade, dass die Zeit schon um war. Aber Punkt elf mussten sie den Plattenspieler abstellen und nach Hause gehen.

Maja suchte in dem Gewühl nach Iris. Sie hing an einem Jüngling und lachte. Dieser wollte sie nach Hause bringen. Maja hatte nichts dagegen. Sie wohnte nicht weit. Hoffentlich war Ellen in der Zwischenzeit nicht mal aufgewacht und hatte in ihrem Zimmer nachgesehen. Aber was sie sonst nie tat, würde sie wohl nicht ausgerechnet heute tun.

Man ging ganz zwanglos auseinander. Keiner kümmerte sich um den anderen. Maja verließ die Laube und sah für einen kurzen Augenblick hinauf zum Sternenhimmel. Unter einer Weide stand eine Gestalt.

Gus Balle! Maja erschrak einen Moment. Doch schon war er an ihrer Seite und ging mit ihr aus dem Garten.

»Werde dich nach Hause bringen, kleines Mädchen!«

Maja ärgerte sich über diese Worte. Sie war kein kleines Mädchen mehr. Hilflos biss sie sich auf die Lippen, schwieg aber.

»Das brauchen Sie nicht«, sagte sie nach einer Weile. »Ich wohne nicht weit und kann gut allein gehen.«

Balle schob seinen Arm unter den ihren und ging weiter, ohne auf ihre Worte zu achten. Er rauchte, und sein Gesicht war ein wenig verkniffen. Was mochte er jetzt denken? Maja hätte es gern gewusst, hatte aber nicht den Mut, ihn danach zu fragen. Und dann hatten sie auch schon ihr Grundstück erreicht.

»Ich bin da«, sagte sie atemlos.

»So«, sagte Gus, warf die Zigarette fort und klickte das Törchen auf.

»Sie können nicht mitgehen«, flüsterte Maja mit bebenden Lippen.

»Und warum nicht?«

Sie wurde rot, aber zum Glück war es dunkel. »Ich muss leise sein, niemand darf wissen, dass ich fortgewesen bin!«

»Ach so«, sagte der Mann und sah sie von der Seite an. »Hab gar nicht gewusst, dass du so viel Mut hast!«

»Sie werden jetzt gehen, nicht wahr?«

»Nicht, bevor ich dich geküsst habe. Nicht wahr, du willst doch wissen, wie das ist? Hast schon lange drauf gewartet, kleine Puppe!«

In der Tat, Maja sehnte sich brennend danach, endlich von einem Mann geküsst zu werden. Sie dachte an die vielen Liebesgeschichten, die sie gelesen hatte. Aber dort ging das so romantisch zu, nicht so ... so, sie wusste auch nicht wie, aber man sprach nicht darüber.

Sie ging vorsichtig einen kleinen Schritt zurück. Er war sofort bei ihr.

»Ich werde dich jetzt küssen, und dann wirst du wissen, wie es ist!«

Seine Hände lagen auf ihren Schultern, und er zog das willenlose Mädchen fest an sich. Was Balle wollte, das bekam er immer. Vor allen Dingen diese unschuldigen, nach Leben girrenden Mädchen reizten ihn maßlos. Sie zitterten noch, vergingen vor Angst fast und wollten doch alle nur das eine.

Er küsste Maja hart und fordernd. Sie war wie erstarrt. Sie empfand im ersten Augenblick nichts. Das Gefühl, das man in den Büchern so intensiv beschrieb, blieb aus. Mit den Lippen öffnete er ihren Mund und wühlte sich hinein. Ekel erfasste sie, sie wollte ihn fortstoßen, hatte aber Angst, als eine Memme zu gelten.

Seine Hände waren rau und groß, sie fühlte sie um ihren Hals, sie bewegten sich hin und her und streichelten ihre Schultern. Sie spürte es durch ihre dünne Bluse. Ein Schauer rann über ihren Rücken. Wann endlich hörte er auf? Die Hände, sie glitten tiefer in den Ausschnitt, berührten die jungen, festen Brüste. Seine Griffe waren gekonnt. Die Bluse, nun war sie ganz offen! Maja fühlte ein Brausen in ihrem Kopf. Da ließ er von ihr ab, hob den Kopf, lachte ein wenig, nestelte in diesem Augenblick ihren Büstenhalter auf und ... ehe sie sich versah, stand sie oben herum nackt vor ihm. Er ließ sie gar nicht zur Besinnung kommen. Liebkoste die Brüste, streichelte sie, kniff hinein, küsste sie.

Ein Feuer entstand in dem Mädchen. Es sah nur den gebeugten Nacken des Mannes. Das Feuer, es schlug immer höher und höher. Sie fühlte sich schwach werden. Und als sie glaubte, nicht mehr stehen zu können, zog er die Bluse wieder über, gab ihr einen Klaps und sagte lachend:

»Und nun lauf, kleine Hungrige!«

Sie stand wie angewurzelt da, aber er war schon lange fort.

Etwas später stand sie im nachtdunklen Zimmer, fühlte den Körper zu voller Glut entbrannt. Maja hob lauschend den Kopf, aber nichts regte sich im ganzen Haus. Niemand hatte ihren Ausflug bemerkt. Ihre Hände zitterten, und sie wagte nicht, das Licht anzuknipsen. Die Gedanken wirbelten durch ihren Kopf. Alles war so verworren und erregend.

Durch das Fenster floss das gelbe Mondlicht. Da hielt es das Mädchen nicht mehr aus. Es riss sich die Kleider vom Körper und stellte sich nackt vor den großen Spiegel! Es konnte sich genau erkennen. Der Atem ging schwer, mit langsamen Bewegungen legte es seine Hände auf die Brüste; der Mann hatte sie berührt. Ein Schauer durchrann Maja, wenn sie daran zurückdachte. War das das Leben?

Sie war schön, das wusste sie, schmal und lang wie ein Reh, mit blauen Augen und dunkelblondem Haar. Würde sie je den Mann wiedersehen?

Maja sehnte sich nach einer Begegnung, aber er hatte nichts gesagt. Endlich schlich sie fröstelnd in ihr Bett und schlief schnell ein.

 

 

4

Iris hatte ein schalkhaftes Glitzern in den Augen, als sie sich am nächsten Morgen auf dem Schulhof trafen.

»Ich sage ja immer, stille Wasser sind sehr tief!«

Maja wurde ein wenig rot.

»Nun erzähle schon, wie war es?«

»Was?«, fragte sie scheinheilig.

»Na, Balle hat sich ganz schön an dich herangeschmissen, haben es alle bemerkt.«

»Er mag mich anscheinend«, sagte Maja möglichst so von oben herab. Endlich hatte sie auch mal etwas zum Auftrumpfen!

»Hat er dich geküsst?«, fragte Iris lauernd.

»Was du nicht alles wissen willst!«

»Also hat er. Mann, Maja, nimm dich vor dem in Acht. Das ist ein ganz Schlimmer, ich mag ihn nicht. Weiß nicht, aber der ist nicht echt.«

»Du sagst das nur, weil du neidisch bist, da er sich nicht um dich gekümmert hat. Ihr mit euren grünen Jungs. Das ist wenigstens ein Mann!«

Iris klappte vor Staunen den Mund zu und starrte die Freundin an. Sie war ja plötzlich ganz anders. Es schellte, und sie mussten in den Klassenraum zurück.

Während der Stunde dachte Maja an Balle. Ob sie ihn liebte? Sie hatte so ein seltsames Gefühl im Blut. War das Liebe? Und Balle? Würde er wiederkommen? Aber heute Abend kam der Vater zurück, und dann konnte sie nicht mehr flüchten. Er würde bestimmt auf sie warten, und sie kam nicht. Ein seltsames Ziehen war in ihrer Brust. Sie musste ihn wiedersehen! Alles in ihr fieberte danach.

Auf dem Nachhauseweg sagte Maja: »Gehst du heute wieder zur Party?«

»Nein, weißt du das denn nicht? In dieser Woche ist nichts. Gitte will die ganze Bude mal wieder umräumen. Da fällt es aus. Nächsten Samstag ist wieder große Eröffnung. Kommst du dann auch?«

Maja sah geradeaus. »Weiß ich noch nicht!«

Der Schreck saß tief in ihrem Innern. Bis dahin würde Balle sie schon lange vergessen haben oder auch nicht mehr kommen. Und sie wusste nicht mal seine Adresse, nur seinen Namen. Sie konnte höchstens Gitte danach fragen. Aber sah das nicht so aus, als liefe sie ihm nach?

»Du bist heute sehr gesprächig«, bemerkte Iris.

»Entschuldigung, dachte gerade über etwas nach!«

»Kann mir schon denken, war auch so aufgeregt, als ich zum ersten Mal dort war. Ist doch prima, nicht?«

»Ja, wirklich hübsch.«

Dann trennten sie sich. Maja ging durch den Garten, und Ellen erwartete sie schon. Wie jeden Tag! Immer das Gleiche! Wenn du wüsstest, was ich erlebt habe, dachte sie und lächelte ein wenig. Sie sah das im Dienst ergraute Mädchen von der Seite an. Ob ihre Brüste auch mal von einem Mann geküsst wurden? Wohl kaum. Sie spürte, wie sich die ihrigen unter ihrem Pullover vor Aufregung strafften.

Nachmittags streifte sie ruhelos durch die Stadt. Sie wollte überhaupt nur zur Bücherei, aber sie war zu feige, sich selbst einzugestehen, dass sie nach Gus Ausschau hielt. Sicher musste er auch arbeiten.

Mutlos kam sie gegen Abend zu Hause an. Und dann fiel ihr ein, er hätte ja auch anrufen können, als sie fort gewesen war. Aber Ellen sagte nichts.

Der Vater kam, und sie fuhren zum Krankenhaus, um die Mutti zu besuchen. Ihr ging es schon ein bisschen besser, und der Professor glaubte, sie bald nach Hause entlassen zu können. Der Vater war natürlich sehr glücklich darüber. Maja stand am Fenster und sah hinaus in den Garten.

»Freust du dich nicht, mein Kind?«, wandte sich der Vater an seine Tochter.

»Doch, natürlich freue ich mich auch; wirklich, Mutti, das ist Klasse, wenn du endlich wieder bei uns bist.«

»Wie geht es mit der Schule, mein Kind?

»Prima, Mutti, habe immer gute Noten.« Sie druckste herum. »Darf ich nächsten Samstag zu Gitte? Sie gibt eine Party im Gartenhaus, bitte, Mutti!«

Die blasse Frau atmete heftig, und der Mann sah es gleich. »Du sollst Mutti nicht aufregen, Maja, hörst du? Und du weißt, dass wir es dir verboten haben. Hör auf deine Eltern, sie meinen es gut mit dir. Das kommt alles noch früh genug.«

Maja machte ein mürrisches Gesicht. »Alle aus der Klasse dürfen hin, sie hören Musik und sitzen zusammen. Warum darf ich denn nicht?«

»Wir strengen die Mutti nur an, komm, wir gehen. Vivien, morgen komme ich wieder, bleib fein brav und tu alles, was der Professor sagt.«

Die Mutter lächelte, und als sie ihre Tochter anblickte, sagte sie gütig: »Sei uns nicht böse, wir meinen es wirklich gut mit dir.«

»Sie hat gar nicht böse zu sein, bekommt sie denn nicht alles, was sie braucht?«, sagte Oskar Markus.

Maja sagte nichts mehr und schritt stumm neben dem Vater her.

Sie würde also Balle nicht mehr wiedersehen.

 

 

5

Vier Tage später. Iris kannte ihre Freundin nicht mehr wieder. Sonst ein liebes und gefälliges Mädchen, war sie jetzt mürrisch und oft mit den Gedanken weit fort. Eine richtige Transuse war sie geworden.

»Was ist nur mit dir, bist du krank oder was?«

Sie standen auf dem Flur und zogen sich die Jacken an. Es war Mittag, und die Schule war aus.

»Nein, wieso kommst du auf diese Idee, ich bin wie immer!«

»Das bist du eben nicht, möchte bloß mal wissen, was du zu denken hast!«

Maja sah die Freundin für einen kurzen Augenblick an. »Ach, ich ärgere mich über meine Eltern. Hab sie gefragt, ob ich nächsten Samstag mit zur Party darf!«

»Und?«

»Kannst dir die Antwort selber geben. Ich bin wirklich wütend, weißt du!«

»Ach so, jetzt versteh ich dich. Ist auch nicht fein. Die denken immer, weiß Gott, was dort passiert. Hast es ja gesehen, nur tanzen und lustig sein, das ist anscheinend auch verboten. Das ganze Leben besteht nur aus Verboten. Ich frage mich, warum wir nur auf der Welt sind!«

Sie überquerten den weiten Schulhof und gelangten auf die Straße. Am unteren Ende war die Bushaltestelle. Beide hatten denselben Weg. Plötzlich blieb Iris mitten auf dem Bürgersteig stehen.

»Du guck mal, ist das nicht Balle?«

Maja schnellte herum. »Was sagst du da?«, fragte sie erregt.

»Da drüben am alten Ford steht er und raucht. Scheint so, als warte er auf jemanden. Bestimmt auf dich«, sie begann zu kichern.

Maja bekam einen roten Kopf.

Tatsächlich kam Gus Balle herüber. Sie gingen schneller. Plötzlich hatte sie Angst und schämte sich furchtbar.

»Hallo, ihr Hübschen, warum so eilig?«

»Tag, Gus, hast du auf uns gewartet?« Iris war dreister.

Maja stand daneben und ließ den Kopf hängen.

»Kam zufällig vorbei und sah euch. Wollt ihr mit?«

»Wohin?« Iris war sprachlos.

»Kommt schon, steigt ein, ich bringe euch nach Hause!«

»Na, ist das kein gutes Angebot?«, lachte Iris. »Komm, Maja, wir gehen mit, bevor er es sich anders überlegt.«

»Und die Pauker?«, flüsterte diese.

»Komm schon, im Augenblick sind keine in Sicht. Los, beeil dich doch endlich!«

Sie stieg hinten ein, und Iris setzte sich neben Balle. Er fuhr an und lachte lauthals.

»Bist du stumm geworden?«

Maja schüttelte den Kopf. Jetzt, bei Tageslicht, schämte sie sich entsetzlich. Was mochte Balle nur von ihr denken?

Bald hatten sie Iris abgeladen, und dann fuhr er weiter. Aber vorher musste Maja zu ihm umsteigen.

»So können wir uns besser unterhalten, meine Kleine!«

Sie lächelte scheu und umkrampfte ihre Büchertasche.

»Sie dürfen mich nicht bis nach Hause fahren, sonst gibt es Theater, wissen Sie!«

»Verstehe, biege hier schon ab, einverstanden?«

Es war der kleine Stadtwald. Der Mann ließ den Wagen ausrollen und stellte dann den Motor ab.

»Vom Schreck erholt, Kleine?«

»W...w...wieso?«, stotterte sie.

Weit und breit war keine Menschenseele. Er beugte sich vor und küsste sie. Ihre Lippen zitterten. Sie blieb ganz still sitzen und wagte nicht aufzusehen. Und auch nicht, als er wieder an ihrer Bluse zu nesteln begann. Ihr Körper war schweißnass. Doch nicht in der Helligkeit! Sie würde sich schrecklich schämen. Er spielte mit ihren Brüsten und lachte.

»Hab so was gerne. Nicht so voll und schön prall!«

Maja zitterte nur.

»Kommst du heute Nachmittag?«

Ohne Übergang konnte er ganz plötzlich das Thema wechseln.

»Wohin?«

»Wir machen eine kleine Spazierfahrt; du gefällst mir, Kleine. Hast du Lust?«

»Ich weiß nicht, ob ich das darf.«

»Man soll nicht immer fragen, sondern einfach gehen, das ist meine Devise. Wenn man nicht fragt, bekommt man auch keine abschlägige Antwort. Ich warte um vier unten an der Ecke. Wenn du nicht da bist, kann ich auch nichts machen.«

Maja war schrecklich verwirrt. Ehe sie sich versah, stellte er den Motor an und fuhr aus dem Wald zurück auf die Straße. Sie saß wie betäubt an seiner Seite.

»Mach die Bluse zu!«, sagte er.

Ihre Hände schafften es kaum. Unten an der Ecke ließ er sie aussteigen. Er blickte ihr kurz nach, und dann war er verschwunden.

Ich darf mir nichts anmerken lassen, dachte Maja immerzu. Ich muss so tun, als wäre nichts passiert. Er hat gesagt, er mag mich. Und dabei ist er schon bestimmt fünfundzwanzig Jahre alt.

»Ich glaube, ich liebe ihn«, flüsterte sie vor sich hin.

Ellen schöpfte kein Misstrauen. Maja ging so oft am Nachmittag zu einer ihrer Freundinnen, um mit ihr Schularbeiten zu machen. Sie fragte nur:

»Wann kommst du wieder?«

»Das weiß ich noch nicht genau. Wir haben ziemlich viel auf, weißt du!«

»Wohin gehst du überhaupt?«

Sie erschrak eine winzige Minute lang, dann hatte sie sich schon wieder gefangen und sagte möglichst belanglos:

»Ach, es kommt darauf an, wer zu Hause ist. Ich muss sie alle abgrasen. Iris wollte Tennis spielen, mal sehen!«

»Komm nicht so spät nach Hause, Maja!«

»Nein, nein!«

Und dann schlug sie auch schon die Tür zu. Aufatmend lief sie den Gartenweg entlang. Das war noch einmal gutgegangen! Die Büchertasche war zwar ein wenig hinderlich, aber was machte das schon! Sie war frei und nicht mehr gefangen und eingesperrt! Sie ging ihre eigenen Wege. Sie war kein Kind mehr und konnte auf sich selbst aufpassen.

Es war ein paar Minuten vor vier Uhr. Gus Balle stand unten an der Ecke. Das Mädchen schlüpfte zu ihm in den Wagen.

»Na also, was hab ich gesagt?«

»Angeblich bin ich bei einer Freundin«, sagte sie eifrig.

Ihr wurde gar nicht mal bewusst, dass sie gelogen hatte. Balle grinste breit.

»Das lieb ich. Hab gar nicht geglaubt, dass du solchen Schneid hast. Hielt dich, als ich dich zum ersten Mal sah, für eine Memme. Kommt drauf an, wollen mal sehen, ob du wirklich Mut hast.«

»Aber ich bin doch gekommen«, sagte sie hilflos.

»Das sehe ich!«

Sie schwiegen. Balle musste sich auf den Verkehr konzentrieren. Sie fuhren aus der Stadt heraus. Bald waren sie auf einer einsamen Landstraße. Ob er sie wohl wieder küssen würde? Sie wünschte es sich brennend. Vorsichtig leckte sie mit der Zunge über ihre Lippen. Vielleicht wusste er auch gar nicht, wie alt sie wirklich war. Das war erregend. Er hielt sie womöglich für älter, sonst würde er sich doch nicht mit ihr abgeben!

Die Straße machte eine Kurve, und dahinter befand sich gleich ein weißer, sandiger Waldweg. Der Wagen rumpelte über Wurzeln und Äste. Sie kamen immer tiefer in den Wald. Es war Frühling, und überall spross es an den Bäumen. So warm und weich war die Luft; zum Liebkosen zärtlich.

Maja streckte einen Arm aus dem Fenster und ließ die Sonne darauf scheinen. Da machte der Wagen einen Ruck, und sie standen unter einer Tanne.

»Komm steig aus, wir machen einen Spaziergang!«

Sie ließ ihre Tasche auf dem Rücksitz liegen und kam ihm nach. Er sah sich gar nicht um, ob sie auch wirklich nachkam. Der Waldboden war ganz weich und nachgiebig.

Wohin gingen sie?

Kurze Zeit später standen sie vor einer Lichtung. Sie war ganz mit Glockenblumen übersät. Wunderhübsch sah das aus. Und mitten auf der Wiese stand ein Reh. Maja hielt den Atem an. Das schulterlange Haar wehte leise im weichen Wind. Der Mann an ihrer Seite drehte sich um und sah sie an.

Jetzt wird er mich wieder küssen, dachte sie voller Inbrunst. Diesmal werde ich mich nicht mehr so dumm anstellen.

»Zieh dich aus!«, sagte er leise.

Maja riss die Augen auf.

Gus sah das Mädchen unverwandt an.

»Aber«, murmelte es verlegen. »Aber ...«

»Ich denke, du wärst kein Feigling?«, sagte er langsam, jedes Wort in die Länge ziehend.

»Das ist doch etwas ganz anderes«, sagte sie leise, während eine dunkle Röte ihr Gesicht überzog.

»Nein, ich finde nicht. Los, wenn du nicht feig bist, dann zieh dich aus, ich will dich nackt sehen! Bevor ich mich weiter mit dir abgebe, will ich alles von dir sehen.«

Maja fühlte sich erbärmlich. Sie schämte sich vor dem Mann. Aber das durfte man nicht. Die anderen hatten bestimmt keine Hemmungen.

Gus wandte sich halb um. »Na schön, fahren wir wieder nach Hause, hab es mir doch gedacht, bist noch viel zu jung.«

»Nein, warte!« Sie sah an ihm vorbei. Ihre Finger rissen an den Knöpfen. »Wenn du willst, ich bin nicht feig und nicht zu jung.«

Der Mann lachte nur, lehnte sich an die Tanne und wartete. Sie hatte die Bluse schon abgestreift und dann den Büstenhalter, den Rock, die Strümpfe. So schmal und mädchenhaft war sie! Sie hielt den Kopf gesenkt. Noch trug sie den Schlüpfer.

»Alles!«, sagte er leise.

Sie stand vor ihm und sah zu Boden. Das Haar bedeckte ihr Gesicht.

»Na, keinen Mut?« Er nahm mit einer Hand die Haarfülle und strich sie zurück, bog den Kopf nach hinten und küsste sie. Die Brüste rieben sich an der rauen Jacke. Das Mädchen begann zu zittern. Nicht vor Kälte, sondern von innen heraus. Das seltsame Beben lag wieder im Blut. Seine Hände griffen über ihren Rücken, zerrten den Schlüpfer herunter. Dann ließ er sie los und ging einen Schritt zurück. Er betrachtete sie genau.

»Schaust gut aus«, murmelte er heiter. »Wirklich, hätte ich nicht gedacht!«

Er setzte sich im Gras nieder. »Komm her zu mir, näher!«

Maja kniete sich neben ihn.

»Noch näher! So ist’s richtig. Komm, zeig mir deine Augen. Du schämst dich doch nicht vor mir?«

»N...n...nein!«, kam es zögernd.

»Jetzt bist du nackt, sieh dich an, du bist schön!«

Sie lächelte.

Er riss sie an sich, sie lag an seiner Brust. »Küss mich!«, befahl er ihr.

Sie hatte es noch nie getan und tat es darum ein wenig unbeholfen. Er lachte nur. Und küsste sie abermals. Dann hieß er sie, sich im Gras auszustrecken. Er spielte mit ihrem Körper, brachte sie in Erregung und versetzte sie in ein Flammenmeer. Sie keuchte unter seinen streichelnden Händen, drängte sich an ihn. Wollte mehr! Überall sollte er sein mit den Händen, überall.

Gus Balle grinste vor sich hin, spielte mit ihr wie mit einer Katze. Seine Gedanken waren ganz kalt. Er brachte sie bald zum Wahnsinn, sie war ihm so gefügig! Er könnte sie jetzt nehmen, wenn er wollte. Sie war noch unschuldig, das wusste er. Unbewusst öffnete sie sich ihm, wollte die Erfüllung.

Er gab ihr einen Klaps auf den Po und sagte: »Los, zieh dich an, bist doch noch ein Kind! Hab es gewusst!«

Aus den höchsten Höhen stürzte das Mädchen in tiefste Tiefen hinab. Er verschmähte sie also. Eiskalt wurde ihr, und die Glieder versteiften sich. Sie sprang auf, schamrot im Gesicht. Sie hatte sich ihm an den Hals geworfen, und er lachte nur über sie. Nur der Wunsch, sich zu verkriechen, war in ihr. Fort, ihn nie mehr sehen, so sehr hatte er sie gedemütigt.

Hastig schlüpfte sie in ihre Kleider, wollte davonrennen.

Balle sah das Mienenspiel des Mädchens sehr wohl. Er weidete sich daran, trieb sein Blut in die Höhe. Er steckte sich eine Zigarette an und schaute ihr zu, wie sie sich wieder anzog. Das erregte ihn. Zwischen ihren Beinen sah er die Wiese und dahinter den Wald.

Sie hatte lange, schlanke Beine. Er hatte das Gift in ihren Körper gelegt, und nun würde sie immer unruhig sein und nach etwas suchen, und er würde in ihrer Nähe sein!

Aufschluchzend raffte sich das Mädchen auf und wollte aus dem Wald rennen.

»Wirst lange laufen müssen, bis du die Stadt erreicht hast! Komm, steig ein!«

Wie ein Häufchen Elend hockte sie in ihrer Ecke.

Und sie liebte ihn!

Nicht weit von ihrem Elternhaus hielt er an. Gab ihr einen kleinen Schubs auf die Schulter.

»Nicht tragisch nehmen, wird schon werden!«

Sie stolperte nach Hause.

 

 

6

Maja stand unter der Dusche, und das Wasser klatschte auf ihren Körper herab. Sie rieb und rubbelte, bis die Haut krebsrot war. Aber das Gefühl, besudelt zu sein, verschwand nicht. Mit unruhigen Händen stellte sie die Dusche ab, knotete den Bademantel zu und ging auf ihr Zimmer zurück. Sie hockte sich vor den Schreibtisch und stöhnte leise auf.

So konnte sie nicht mehr weiterleben! Alles in ihr brannte, besonders dieses Gefühl, verschmäht, verlacht und für ein Kind gehalten worden zu sein! Das saß tief drinnen, dieser Schmerz. Er wühlte sich immer tiefer. Sie war kein Kind mehr, nein, nein!

Maja presste die Zähne zusammen, um nicht aufzuschreien. Wenn sie doch nur nicht nachgegeben hätte! Sich so zu erniedrigen! Schamröte stieg hoch, und sie verbarg ihr Gesicht in der Armbeuge.

Sie hatte sich so glücklich gefühlt! War auserwählt worden von Gus, ach, sie durfte einfach nicht mehr daran denken. Sie musste es vergessen. Aber was einmal war, das konnte man nicht so schnell zur Seite schieben.

Der schwarze Zeiger kroch unaufhaltsam weiter, und sie musste sich sputen. Lustlos zog sie sich an und ging zur Schule. Das Gesicht mürrisch und im Herzen eine große Leere.

Iris sagte in der Pause: »Ich sagte dir doch, er ist ein blöder Hund. Vergiss ihn!«

Maja hob die Hand und wischte sich das Haar aus dem Gesicht. Wenn Iris wüsste!

»Lass mich in Ruhe«, meinte sie mürrisch. Sie wollte nicht mehr darüber sprechen. Das war ihre Sache, ihre ganz allein, und sie liebte ihn!

Iris hatte verstanden. »Wie du willst, wollte dir ja nur helfen.«

Maja fühlte sich beschämt. Iris war so nett, und sie war so ruppig zu ihr. Ob sie ihr alles anvertrauen konnte? Noch war da eine Sperre, sie konnte nicht so frei darüber sprechen.

»Du, Iris, hast du schon mal was mit einem Mann gehabt?«

Iris lachte, ihre wasserblauen Augen wirkten belustigt.

»Was du nicht alles wissen willst! Du willst doch nicht sagen, dass du was mit Balle gehabt hast?«

Maja wurde blutrot, sie sah zur Seite. »Ich hab dich zuerst gefragt«, erwiderte sie gepresst.

Details

Seiten
116
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930719
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495635
Schlagworte
redlight street fängen lasters

Autor

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Titel: REDLIGHT STREET #47: In den Fängen des Lasters