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REDLIGHT STREET #43: Vom Luden vereinnahmt

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Vom Luden vereinnahmt

Copyright

Die Hauptpersonen:

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Vom Luden vereinnahmt

REDLIGHT STREET #43

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 101 Taschenbuchseiten.

 

Simone Schwarz ist glücklich, sie genießt ihr Leben gemeinsam mit ihren vier besten Freundinnen. Doch nach dem Feiern verschwindet Neele, am nächsten Tag findet Simone ihre Leiche. Entsetzt über die Grausamkeit des Verbrechens, sieht Simone die Schuld bei sich und begibt sich auf die Suche nach dem Mörder…

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen:

Simone Schwarz - ist auf der Suche nach dem Mörder ihrer Freundin.

Ellen Henze - wird von Eifersucht geplagt und rastet aus.

Albert Timm - Freund der Mädchen, hilft selbstlos.

 

 

1

Simone war mit ihrer Frisur noch nicht zufrieden. Missmutig warf sie den Kamm zur Seite. „Mist, warum kann ich es nicht. So schwer kann es doch nun wirklich nicht sein. Was Ellen fertigbringt, sollte ich doch auch können.“

Simone Schwarz sprach gern mit ihrem Spiegelbild. Das belebt, sagte sie immer wieder zu ihren Freundinnen. Die kicherten dann und fragten: „Bekommst du denn auch eine Antwort?“

„Na klar! Sonst würde ich es doch nicht tun!“

„Du bist wirklich ein verrücktes Huhn!“, Neele lachte sie aus.

„Na und? Besser verrückt sein, verstehst du, als gar nichts.“

„Wenn du es so sehen willst, hast du natürlich recht. Dann lieber lustig verrückt.“

Simone wusste, dass sie bei den Freundinnen beliebt war. Ihr fiel immer wieder etwas ein, um den tristen Alltag aufzuhellen. Das war auch bitter nötig. Wenn man schon jung und hübsch war und auf dem Dorf lebte, dann wollte man vermeiden, dass das Leben einfach vorbeirauschte.

Sie waren fünf Freundinnen, die bisher fast alles gemeinsam getan hatten: Kindergarten, Schule und nun die Lehre.

Ellen kam herein.

„Ich habe gerade an dich gedacht“, sagte Simone und lachte.

Die Augen der anderen leuchteten auf. „Schön. Was ist denn diesmal?“

„Schau dir nur meine Haare an!“

Ellen Henze war Friseurlehrling. „Das kriegen wir schnell hin. Halt nur still.“

Ellen war die unscheinbarste von ihnen. Sie war still und man wusste nie genau, was sie dachte. Aber Ellen tat alles, was Simone sagte. Deshalb wurde sie oft von den anderen Freundinnen aufgezogen. „Hast du denn gar keine andere Meinung? Von einer wirklich eigenen wollen wir gar nicht reden. Ellen, so sag doch mal was!“

„Simone meint es schon richtig“, war dann die Antwort. Ihre Augen hingen an Simones Lippen. Und die war viel zu gutmütig, um Ellen nicht zu helfen.

„Lasst sie in Ruhe. Ihr wisst doch, ich habe es nicht gern, wenn ihr sie aufzieht.“

„Naja, sie muss doch mal erwachsen werden. Du kannst sie doch nicht immer in Schutz nehmen. Dann wird doch nichts aus ihr.“

„Ich komme schon zurecht“, sagte Ellen hartnäckig.

Die Haare lagen jetzt, wie sie sollten. Ellen strich noch einmal über die blonde Seide. Simone dachte: Sicher ist sie traurig darüber, dass sie nicht so schöne Haare hat. Sie biss sich auf die Lippen. Vielleicht sollte ich sie nicht so oft in Anspruch nehmen, überlegte sie.

„Komm, gehen wir. Die anderen Mädchen warten bestimmt schon unten an der Ecke auf uns.“

„Eben waren sie noch nicht da“, berichtete Ellen. „Tanja verspätet sich ohnehin immer. Wir haben noch Zeit und können reden.“

Ellen war nichts lieber, als Simone ganz für sich allein zu haben. Zwar sprach sie nicht viel. Sie saß gewöhnlich nur einfach da und himmelte die Freundin an. Für Simone war das oft nicht ganz einfach, doch sie sagte nichts, weil sie die andere nicht vergraulen wollte.

„Wir können ja draußen herumlaufen und reden“, sagte sie und holte ihre Jacke.

Ellen fügte sich sofort.

Simone holte ihr Fahrrad, und die beiden fuhren ins Dorfzentrum. Neele war bereits da. Sie war rothaarig und auch sehr lustig. Ellen mochte sie nicht, weil sie Simone immer völlig in Beschlag nahm. Neele kümmerte sich wenig um Ellen. Auch jetzt drängte sie die Fügsame mit dem Rad zur Seite und schob sich zwischen beide. Sofort sprudelte sie los und hatte wie immer eine Menge zu erzählen. Da sie im einzigen Lebensmittelgeschäft des Ortes arbeitete, wusste sie immer den neuesten Dorfklatsch.

Bald lachte Simone aus vollem Hals und sprühte vor Fröhlichkeit. Doch bevor Ellen wirklich wütend werden konnte, radelten Vicky und Tanja herbei.

„Nun sind wir ja alle beisammen. Dann kann es ja losgehen!“

Heute hatten sie sich vorgenommen, im nächstgrößeren Ort eine Disco zu besuchen. Es war eine laue Nacht und man wollte nur einfach Spaß haben.

Neele sagte: „Ich kann nicht sehr lange bleiben, ich habe es versprechen müssen.“

Sie war noch keine achtzehn Jahre alt.

„Klar!“, sagte Simone.

Vor der Disco wurden sie bereits erwartet. Solche netten Mädchen waren begehrt. Aus mehreren Nachbarorten war die Jugend hierher geströmt und alle wollten nur das eine: sich amüsieren, den tristen Alltag vergessen. Heute waren auch junge Männer aus der nahen Stadt da. Anscheinend hatte sich bereits bis dorthin herumgesprochen, dass es hier besonders nett war.

Die jungen Männer aus dem Dorf schauten bereits misstrauisch und waren brummig.

Albert schob sich an Neele heran und wollte sie zum Tanzen auffordern. Der junge Mann passte gut zu Ellen. Er war klein, schüchtern und wirklich kein guter Unterhalter. Außerdem war sein Gesicht zurzeit mit Pickeln übersät. Wieso er ausgerechnet Neele mochte, konnte niemand verstehen. Und Neele konnte ihn nicht ausstehen.

„Nein, ich tanze nicht mit dir. Geh zu den anderen Mädchen, die gerade aus der Schule entlassen wurden. Unter ihnen hast du Auswahl genug.“

Augenblicklich hatte Albert einen roten Kopf. Die jungen Männer in seiner Nähe amüsierten sich darüber. Wie immer waren es Wehrlose, über die man sich lustig machte, niemals starke Typen. Nun war Neele der Anlass, dass Albert sozusagen Spießruten laufen musste. Er flüchtete ins Freie.

Simone meinte: „Das hättest du nicht tun sollen, Neele, das war nicht schön von dir.“

Diese biss sich auf die Lippen.

„Das wollte ich nicht, ehrlich nicht. Tut mir leid. Aber ich kann einfach nicht mit ihm tanzen. Wie sieht das denn aus? Ich bin doch viel größer. Ehrlich, Simone, dir würde auch der Kragen platzen, wenn du Albert am Hals hättest.“

Simone lachte und ging mit einem anderen Jungen auf die Tanzfläche. Ellen stand daneben und fand Neele natürlich ebenfalls unausstehlich.

Doch dann hatten sie diesen Vorfall gleich wieder vergessen. Sie hörten Musik, tanzten und unterhielten sich - laberten, wie die jungen Leute das nennen.

Die Zeit verging wie im Flug.

Neele trat zu Simone.

„Ich muss heim“, sagte sie.

Die Freundinnen standen zufällig zusammen und nuckelten an einer Cola.

„Jetzt schon? Ach, es ist doch ’ne tolle Stimmung. Kannst du nicht noch ein Stündchen zulegen?“

Neeles Augen wirkten besorgt. „Mann, wenn ich zu spät komme, darf ich vorläufig gar nicht mehr weg!“

Und nun taute Ellen zum ersten Mal auf.

„Immer müssen wir auf dich Rücksicht nehmen! Das finde ich ehrlich gesagt unfair! Ich kann noch ziemlich lange bleiben.“

Immer wieder starrte Neele auf ihre Armbanduhr. „Ich muss nach Hause, Simone. Du kennst doch meinen alten Herrn. Er regt sich dann künstlich auf, sieht doch überall Gespenster. Ich hätte heute eigentlich gar nicht Weggehen sollen. Er habe so ein ungutes Gefühl, sagte er zu mir.“

Simone hatte einen Jungen aus der Stadt kennengelernt und deshalb überhaupt keine Lust heimzugehen.

Mehr als einmal hatten die Freundinnen ihren besorgten Eltern versprochen: „Wenn wir zur Disco fahren, dann immer nur gemeinsam; auch auf dem Heimweg. Auf diese Weise kann ehrlich nichts passieren. Fünf Mädchen, das ist ein Sicherheitsfaktor.“

Das sahen auch die Eltern ein.

„Ach, Neele, noch ’ne halbe Stunde“, bettelte nun auch Simone.

„Nein, ich krieg ehrlich Ärger.“

„Herrjeh, in einem halben Jahr bist du doch auch volljährig, Neele. Das kann dich doch nicht mehr kratzen. Sei doch leise, wenn du das Haus betrittst.“

„Wenn das so ist, dann fahr ich allein“, sagte Neele nun. „Es macht mir auch wirklich nichts aus. Ich will euch nicht den Spaß verderben.“

„Vielleicht bringt dich Albert heim?“, frotzelte Tanja.

Doch darauf wurde Neele wütend.

Ellen sagte: „Also, bis ihr euch einig seid, gehe ich noch mal aufs stille Örtchen.“

„Kannst dir ruhig Zeit lassen, ich fahre allein!“, rief Neele ihr nach.

Simone, Tanja und Vicky versuchten noch einmal, ihr das auszureden. Aber die Freundin widersprach. „Ich habe wirklich keine Angst. Ehrlich nicht. Ich nehme den Weg durch den Wald. Den kennen Fremde doch nicht. Dort fährt auch kein Auto. Außerdem ist er viel kürzer.“

„Du bist mir also wirklich nicht böse?“, fragte Simone noch einmal.

Neele umarmte sie und lachte. „Ach wo! Ich kann dich doch verstehen! In ein paar Monaten habe ich das auch überstanden.“

„Na ja, dann wünsche ich dir eine gute Heimfahrt.“

„Sehen wir uns am Samstag?“

„Klar doch! Eugen hat doch Geburtstag und will ein Fass aufmachen.“

Neeles Augen leuchteten. Sie schwärmte für Eugen, der zurzeit bei der Bundeswehr war. Doch sie wusste nicht genau, ob Eugen sie ebenfalls mochte.

„Sicher wird er sich freuen. Darauf kannst du Gift nehmen!“, rief Simone ihr noch nach.

„Tschau!“

Vicky und Tanja standen jetzt neben Simone.

„Ob das richtig von uns ist?“, fragten sie unsicher.

Der junge Mann aus der Stadt kam auf Simone zu.

„Bis später! Ich will jetzt tanzen!“, rief sie und strebte zur Tanzfläche.

Und schon dachten die Mädchen nicht mehr an Neele. Musik und Tanz sogen sie auf. Als sie nach einer Weile Puste an ihren Tisch zurückkamen, waren sie völlig außer Puste. Da erschien auch Ellen endlich wieder.

„Sag bloß, du warst bis jetzt auf dem Örtchen? Hast du etwa Durchfall?“

Simone rief: „Herrje, wie sehen denn deine Schuhe aus! Voller Lehm!“

Betroffen blickte Ellen auf ihre schönen neuen Schuhe. „O weh“, schimpfte sie leise vor sich hin. „Die sind sicher hin.“

„Lass sie trocknen und bürste sie dann vorsichtig ab, dann kannst du sie noch retten“, schlug Vicky vor.

„Ich war auf dem Hof“, sagte Ellen.

„Warum? Hast du dort einen heimlichen Liebhaber getroffen?“ Tanja stieß Simone in die Seite. Sie hielt das für einen tollen Witz.

„Ich habe geraucht“, sagte Ellen zornig und bekam einen roten Kopf. Doch ihre Augen waren eiskalt auf Tanja gerichtet.

Die drei Freundinnen blickten sie erstaunt an.

„Geraucht?“, fragte Simone ziemlich verblüfft. „Seit wann rauchst du

denn?“

„Schon eine Zeitlang“, sagte Ellen mürrisch.

„Auf dem Klo?“

„Dort hat es zu sehr gestunken, deshalb bin ich ja in den Hof gegangen.“

Die Freundinnen fragten nicht weiter. Ellen erhob sich. „Ich hole mir noch eine Cola.“

Als sie außer Hörweite war, meinte Vicky: „Ich kann es einfach nicht glauben.“

„Lasst sie doch. Ellen hat es wirklich nicht einfach.“

„Warum nimmst du sie nur immer in Schutz, Simone?“

„Ach, reden wir nicht mehr über Ellen. Ich will das einfach nicht.“

Sie hatten dann auch keine Lust mehr, ihre kostbare Zeit mit dem Thema Ellen zu verbringen. Hin und wieder stand die Freundin mit einem Jungen an der Theke, manchmal tanzte sie auch. Aber glücklich wirkte sie nicht. Sie taute nur immer dann richtig auf, wenn sie neben Simone stehen durfte.

Die Mädchen blieben noch gut zwei Stunden, dann machten sie sich auf den Heimweg.

Singend radelten sie durch die Nacht.

Ein paarmal wurden sie von Autos überholt. Die jungen Männer witzelten und wollten die Mädchen anmachen. Doch die schickten sie unmissverständlich weiter.

„Dass die einen nie in Ruhe lassen können!“, Ellen regte sich auf.

Als sie ins Dorf kamen, meinte Simone: „Jetzt haben wir nicht mehr viel Zeit, um auszuschlafen. Neele hat es da doch besser. Wochentags bleibe ich lieber auch nicht mehr so lange in der Disco.“

„Ja, ja, man wird halt älter!“ Tanja lachte, winkte noch einmal und bog um die Ecke.

Vicky nahm Ellen mit.

Simone war viel zu müde, um sich noch Gedanken über Ellen zu machen. Es wurde ihr allmählich lästig, dass die Freundin nicht selbständig werden konnte.

 

 

2

Simone glaubte, gerade erst eingeschlafen zu sein, als sie an den Schultern gepackt und wachgerüttelt wurde. „Mach endlich die Augen auf, Simone!“

„Wie? Was? Oje, bin ich noch müde.“ Sie schielte zur Uhr. Es war erst sechs.

„Das soll wohl ein Witz sein, wie? Ich kann noch eine Stunde schlafen! Verzieh dich!“

Sie glaubte, ihr Bruder Carl wollte sie ärgern. Manchmal war ihm das ein Vergnügen.

„Steh auf!“

Aber das war die Stimme der Mutter.

Simone rollte sich auf den Rücken und starrte ihre Mutter an, die auch noch ihren Morgenmantel trug und wohl noch nicht im Bad gewesen war.

„Mami, was ist denn? Ich bin ungeheuer müde.“

„Herr Brandes ist unten! Er will dich sprechen.“

Simone runzelte die Stirn. „Neeles Vater? Warum das denn? Verstehe ich nicht.“

„Bitte, komm runter.“

Die Mutter verließ ihr Zimmer.

„Oh, Mann“, schimpfte Simone leise vor sich hin. „Wenn der jetzt denkt, er könnte mir in aller Frühe eine Standpauke halten, dann hat er sich getäuscht!“

Sie angelte nach ihrem Jogginganzug, schlüpfte hinein und betrat wenig später das Wohnzimmer, in zerzausten Haaren und mit verklebten Augen.

„Hei!“, sagte sie und lehnte sich an die Tür. „Was gibt’s?“

„Wo ist Neele, Simone!“

„Neele? Soll das heißen, dass sie gesagt hat, sie hätte sich um diese Zeit mit mir verabredet? Tut mir leid, daran kann ich mich nicht erinnern. Sie ist nicht hier.“

Herr Brandes verschränkte die Arme vor seiner Brust.

„Wo ist sie dann?“

„Ich weiß es nicht! Verflixt, ich muss gleich zur Arbeit. Ich treffe mich nicht so früh mit meinen Freundinnen, ehrlich nicht. Wirklich, ich ...“

„Ist sie bei Ellen, Vicky oder Tanja?“, drängte nun ihre Mutter. „Bitte Simone, mach jetzt keine Witze. Du sollst doch nur sagen, wo sie hingegangen ist. Mehr will Herr Brandes doch nicht wissen.“

„Wo sie hingegangen ist?“

„Ja, Neele ist nicht zu Hause.“

„Aber...“

„Sie ist nicht heimgekommen. Sicher ist es spät geworden und sie hat Angst gehabt, nach Hause zu gehen. Ich kann das ja verstehen. Also, wo ist sie?“

Simone brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, was hier vorging. Dann ließ sie sich in den nächsten Sessel fallen und starrte Neeles Vater an.

„Sie ist nicht heimgekommen?“, flüsterte sie mit blutleeren Lippen.

„So ist es.“

Sie strich sich über die Stirn und stöhnte gequält auf. Das darf nicht wahr sein, dachte sie. Nein, das muss ein Witz sein. Sie will ihre Eltern nur ein wenig ärgern, mehr nicht. Sicher will sie auf diese Art erzwingen, dass sie länger ausbleiben darf. Verflixt, das hätte sie mir aber sagen können.

„Kind, nun sag endlich, was du weißt. Du siehst doch, Herr Brandes macht sich große Sorgen. Ich muss dir auch sagen, dass Neele da wirklich nicht richtig handelt.“

„Ich - ich weiß nichts“, sagte Simone tapfer.

Der Vater runzelte die Stirn. „Wirklich nicht? Ich denke, ihr wart ständig zusammen?“

Simone stand auf.

„Ich habe sie nicht bis zum Haus begleitet“, sagte sie leise und ihr Gesicht überzog sich mit tiefer Röte.

Bedrückt erhob sich Neeles Vater. „Ich verstehe. Verzeihen Sie, dass ich so früh gestört habe. Meine Tochter kann sich ja auch später noch mit jemandem verabredet haben. Tut mir wirklich leid.“

Simones Mutter begleitete ihn zur Tür. „Ich bitte Sie, das ist doch selbstverständlich. Sie brauchen sich wirklich nicht zu entschuldigen.“

„Ach ja ...“

Mehr hörte Simone nicht. Sie war bereits in ihr Zimmer gelaufen und stand dort am Fenster. Unten ging Herr Brandes mit gebeugten Schultern davon.

Verflixt, dachte sie wütend, ich habe es ja gewusst, dass sie so besorgt sind! Neele weiß es ja auch! Aber weshalb ist sie nicht heimgegangen? Simone zerbrach sich den Kopf. Da waren ja diese Burschen aus der Stadt gewesen. Dunkel konnte sie sich daran erinnern, dass ein, zwei von ihnen gegangen waren, als auch Neele fortging. Ob sie sich mit denen noch getroffen hatte? Hatte sie deswegen unbedingt gehen wollen? Nein, unmöglich, Simone erinnerte sich genau daran, dass die Freundin sie an den gemeinsamen Heimweg erinnert hatte.

Nun konnte Simone nicht mehr schlafen. Als sie die Küche betrat, hatte die Mutter bereits den Frühstückstisch gedeckt.

„Sie sollten ihr wirklich mehr Freiheit lassen“, meinte sie. „Sie wird doch bald achtzehn, in ein paar Monaten. Glücklicherweise hatten wir diesen Ärger nie mit dir. Du hast unsere Abmachung immer eingehalten.“

„Hoffentlich bekommt sie nicht zu viel Ärger.“

„Das ist ihre Sache. Das wird sie so schnell nicht wiederholen.“

Bald war es für Simone Zeit, ins Geschäft zu gehen. Sie arbeitete in einer Drogerie des Nachbarortes.

Es war ein anstrengender Tag für sie; freitags kamen alle Landfrauen aus der Umgebung mit tausend Sonderwünschen.

 

 

3

Als Simone Schwarz mit ihrem Fahrrad um die Ecke bog, standen dort Tanja und Ellen. Doch Simone war müde und hatte absolut keine Lust, die Freundinnen zu treffen. „Hört mal, lasst mich jetzt zufrieden. Ich muss erst wieder Mensch werden.“

„Kann ich dir dabei helfen?“, Ellen bot sich sofort wieder an.

Tanja lachte verächtlich. „Wie willst du das denn machen?“

Ellen funkelte sie wütend an. „Ich weiß, was Simone braucht! Ich weiß, was sie sich wünscht!“

„Ja, ja, du kriechst ihr ja pausenlos in den Hintern! Sag Simone, findest du das nicht lästig?“

Die warf Ellen einen prüfenden Blick zu. Wie ein Hündchen schaut sie mich an, dachte sie dabei. Sie ist wie eine unterwürfige Sklavin. Es ist schön; Ellen tut wirklich alles für mich. Ich muss mich direkt beherrschen, um sie nicht regelrecht auszunutzen. Simone fühlte deutlich, dass ihr das sogar Freude machen würde. Manchmal verstand sie Ellen nicht. Und insgeheim sagte sie sich: Wenn sie erst einmal einen wirklichen Freund kennenlernt, dann ist es ohnehin vorbei.

Gutmütig wie sie immer war, antwortete sie jetzt freundlicher: „In zwei Stunden bin ich da. Nicht früher.“

Als sie die Küche betrat, sah sie durchs Fenster, wie die Freundinnen davonfuhren.

„Das war ein Tag!“

Die Mutter schaute sie an und fragte: „Na, was hat Neele denn nun gesagt?“

Simone starrte sie an. „Wie? Was?“

„Habt ihr euch denn noch nicht gesprochen?“ Die Mutter staunte. „Ich denke, deshalb standen die anderen Mädchen da unten.“

„Sie haben nicht ein Wort von Neele gesagt! Also wissen sie gar nichts. Ich werde Neele mal anrufen. Jetzt möchte ich auch wissen, wo sie so lange gesteckt hat.“

Die Müdigkeit war wie weggewischt. Simone sprach in der Diele. Ihre Mutter hörte nicht viel. Plötzlich stand Simone unter der Tür - schneeweiß im Gesicht.

„Mädchen! Was ist?“

„Sie ist immer noch nicht zurück“, flüsterte Simone. „Ihre Eltern wollen in einer Stunde zur Polizei gehen, falls sie bis dahin nicht zurück ist.“

„Simone! Neele wird doch nicht fortgelaufen sein? Weißt du wirklich nichts? Du muddt es mir jetzt sagen. Das ist ja furchtbar für die Eltern.“

Simone starrte Löcher in die Luft. Neele auf und davon? Das konnte sie nicht glauben. Nicht Neele! Tanja war so ein verrücktes Huhn, ja aber nicht Neele, die zuverlässige, besorgte Neele. Sie war ihr die Liebste von allen. Simone hatte sich die ganze Zeit bemüht, das nicht zu zeigen. Sie wollte keinen Bruch der Freundschaft heraufbeschwören. Wer wusste denn schon, dass sie sich öfter mit Neele traf? Niemand.

Plötzlich hatte Simone einen entsetzlichen Gedanken.

Neele hatte durch dieses Wäldchen heimfahren wollen! Nur mit dem Rad kam man gut durch. Sie benutzten diesen Weg hin und wieder. Simone war jetzt regelrecht von diesem Gedanken besessen. Wenn Neele ihn gefahren war, dann muddte die ganze Radspur zu sehen sein. Das Rad! Verflixt, warum habe ich daran noch nicht gedacht. Sie müsste das Rad doch im Wald versteckt haben, wenn sie mit einem der Burschen fortgefahren wäre.

„Wo willst du hin?“

Simone lief hinaus und holte ihr Fahrrad. „Ich bin gleich wieder zurück!“, rief sie über die Schulter.

„Ich habe es ja gewusst“, flüsterte die Mutter. „Sie weiß tatsächlich mehr. Nun geht sie zu Neele und redet ihr ins Gewissen.“

Simone legte sich fast über ihren Lenker und trat kräftig in die Pedale. Noch niemals hatte sei so sehr gewünscht, das Rad möge Flügel haben. Bald erreichte sie den kleinen Wald. Helle Sonnenstrahlen fielen schräg durch die Baumwipfel. Ein wunderbarer Anblick. Sonst war sie äußerst empfänglich für die Schönheiten der Natur, heute aber starrte sie nur auf den weichen Waldweg. Undeutlich waren Radspuren zu erkennen. Doch plötzlich sah sie das Rad! Ja, sie erkannte sofort, dass dies Neeles Fahrrad war.

„Na, wer sagt es denn! Kaum hatte sie den Wald erreicht, als sie es schon ins Gebüsch warf. Neele, Neele du bist mir eine.“

Simone blieb stehen und ging dann auf das Fahrrad der Freundin zu. Noch war sie unschlüssig, was sie damit tun sollte. Vielleicht kam Neele auch bald wieder? Simone wollte es noch tiefer ins Gebüsch legen, damit es nicht gestohlen werden konnte. Hin und wieder nahmen ja auch andere Radler diesen Weg. Aber als sich Simone bückte, sah sie den Schuh ...

Wieso fror sie plötzlich?

Weshalb wagte sie es auf einmal nicht, weiterzugehen? Warum hatte sie plötzlich schreckliche Angst?

Der Schuh lag so merkwürdig ...

Simone brauchte einige Sekunden, um zu begreifen, dass er an einem Fuß steckte. Dann wäre sie beinah fortgerannt. Fast setzte ihr Herzschlag aus.

Das Mädchen ging ein paar Schritte nach vorn. Es war nur ein kleiner Graben, halb überwachsen. Und dann - sah sie - Neele; Die Jacke, die Tasche, die Hand. Dieser lächerliche kleine Freundschaftsring mit dem kleinen roten Herzen. Simone würgte. Vor einem Jahr hatte sie ihn der Freundin geschenkt. Sie hatte sich so sehr darüber gefreut.

Simone begriff nichts! In ihrem Kopf war im Augenblick eine ganz große Leere. Sie stand da und spürte die Wärme der Sonne auf ihren Händen. Tief im Wald klopfte ein Specht. Ein Karnickel huschte an ihr vorüber. Sonst war es reglos still.

„Neele“, flüsterte sie verzweifelt. „Neele!“ Ihr Verstand sagte ihr die Wahrheit, aber ihr Herz wollte sie nicht glauben.

„Oh, Neele...“

Dann sah sie das Gesicht der Freundin und - schrie! Schrie! Die Schlinge aus leichtem Nylon sah sie nicht mehr. Sie stolperte aus dem Graben und erbrach sich. Sie sank in die Knie, legte den Kopf auf den Boden und weinte. In ihrem ganzen Leben hatte sie noch niemals so geweint wie in diesen Minuten. Sie schluckte und rang nach Luft, glaubte zu ersticken. Der Kloß in ihrer Kehle wollte sie umbringen. Sie schrie ihr Leid, ihre Angst von sich. Wie von Sinnen schlug sie auf den Waldboden. Später wusste sie nicht, wie lange sie so getobt hatte. Schließlich war sie völlig geschwächt und begriff, dass sie etwas tun musste.

Stolpernd setzte sie sich in Bewegung. Das Rad und alles andere ließ sie zurück. Sie stolperte, taumelte, brach in die Knie, rappelte sich auf und erreichte schließlich die ersten Häuser des Dorfes. Dort fuhr ein Mann auf einem leichten Fuhrwerk. Er gehörte zur Jagdhütte. Dieser Mann hielt an, erschrocken über das verzweifelte Gesicht des Mädchens.

„Sie sehen ja aus, als wäre der Leibhaftige hinter Ihnen her“, versuchte er sie aufzumuntern.

Simone krallte ihre Finger in seinen Arm.

„Helfen Sie mir“, stammelte sie, „ich flehe Sie an.“

„Ja, ja, ich will es ja gern tun. Was ist denn los?“

„Bringen Sie mich zur Polizei, bitte!“

„Hat Sie jemand überfallen?“

„Bitte...“

Wirr hingen ihre Haare vor den Augen. Die großen, braunen fröhlichen Augen waren gar nicht mehr zu finden.

Reglos saß Simone auf dem Wagen. Als sie vor der kleinen Polizeistation ankamen, half der Mann ihr beim Aussteigen. In einem so kleinen Dorf kannte jeder jeden.

„Hei! Was ist denn mit dir?“

„Man hat Neele Brandes ermordet“, flüsterte sie stockend. Und wieder weinte sie.

Der Mann schilderte kurz, wie er das Mädchen gefunden hatte.

Der Polizeimeister rief ein paar Kollegen aus der Stadt zu Hilfe. Die Kripo käme gleich, sagte er.

Und zu Simone: „Sie müssen mitkommen. Sie müssen mir zeigen, wo Sie sie gesehen haben.“

Simone nickte mechanisch.

Als sie den Wald betraten, wurde Simone beinah ohnmächtig. Sie schleppte sich weiter. Als sie nicht mehr weit entfernt war, als sie wusste - da liegt mein Rad, da ist Neele, blieb sie stehen.

„Da drüben“, flüsterte sie. Die beiden Dorfpolizisten gingen hinüber. Schweigend blieben sie stehen und starrten wie gebannt auf die Erde.

Simone saß im Moos und weinte.

Der Mann aus dem Jagdhaus rauchte nervös und wirkte blass.

„Können Sie das Mädchen Heim bringen?“, fragten die Beamten ihn. „Im Augenblick brauchen wir sie nicht, und wir müssen hierbleiben. Das Mädchen ist jetzt auch gar nicht vernehmungsfähig.“

„Selbstverständlich bringe ich sie nach Hause.“

Simone weinte unentwegt.

Ihre Mutter erschrak. Sie glaubte an einen Unfall, als die Tochter im Jagdwagen vorgefahren wurde. Auch Simones Vater war jetzt da. Sie liefen hinaus und glaubten helfen zu müssen, erkannten aber rasch, dass ihre Tochter gehen konnte. Simone stürzte in die Arme ihrer Mutter und weinte, weinte, weinte. Mit wenigen Worten erklärte der Mann, was vorgefallen war. Betroffen schaute die Mutter ihre Tochter an.

„Kind, Kind ...“, flüsterte sie nur und führte sie ins Haus.

 

 

4

„Mädchenmord im Dorf!“

So stand es am nächsten Morgen in allen Zeitungen. Simones Elternhaus wurde umlagert. Die Presse wollte Informationen, die Kriminalpolizei hatte Fragen. Sie sagte niemandem etwas. Sie lag nur auf ihrem Bett und starrte zur Zimmerdecke hinauf. Auch dem alten Hausarzt hatte sie nicht geöffnet. Ihre Tür war abgeriegelt.

„Lasst mich allein!“, schrie sie.

„Lasst mich!“

Die Mutter war dagegen, gewaltsam einzudringen. „Sie wird sich schon wieder beruhigen. Es ist nur der Schock. Sie hat ja das Mädchen gefunden und gesehen.“

Die Untersuchungen der Polizei liefen auf Hochtouren. Man glaubte an eine Vergewaltigung; die Kleider waren zerrissen. Es musste zu einem heftigen Kampf gekommen sein. So wenigstens glaubte anfangs die Polizei. Die Obduktion war noch nicht beendet.

Für Simone war eine Welt zusammengebrochen.

„Neele!“

Sie konnte und wollte es nicht glauben. Nicht Neele! Alle, nur nicht die fröhliche, sanfte, lustige Neele!

Dass man so lange weinen kann, dachte sie irgendwann völlig verstört.

Die entsetzliche Nachricht erreichte natürlich auch die Freundinnen. Auch sie traf dieser Schock. Wie verlorene Vögelchen standen sie herum und konnten es nicht fassen. Familie Brandes ließ sich im Dorf nicht sehen. Man hörte nur, dass Neeles Vater kurz vor einem Nervenzusammenbruch

stünde.

Tanja, Vicky und Ellen hatten sofort Hilfe angeboten. Doch Simones Mutter ließ sie nicht vor.

„Sie will niemanden sehen. Niemanden!“

Tanja wollte es einfach nicht glauben. Als es dämmerte, ging sie um das Haus herum und fand tatsächlich einen Weg über die Garage in Simones Zimmer.

„Hallo, Simone, erschrick nicht. Ich bin es.“

Simone hatte sie kommen hören und keine Anstalten gemacht, das Fenster zu schließen. Tanja sprang ins Zimmer, lief zu der Freundin und umarmte sie.

„Simone, Simone.“

Und tatsächlich kamen die weichen, die erlösenden Tränen - nicht mehr das schreckliche Würgen. Das leise verzweifelte Fließen hatte eingesetzt, das den Schmerz linderte.

„Ich fühle mich schuldig“, flüsterte sie gebrochen. „Tanja, ich werde nie mehr lachen können! Nie mehr!“

Tanja war fassungslos.

„Weshalb fühlst du dich schuldig?“

„Wir haben sie nicht begleitet. Hätten wir sie nicht allein fahren lassen, würde sie jetzt noch leben. Wir sind immer gemeinsam weggegangen, das hatten wir doch unseren Eltern versprochen. Tanja, ich werde nie mehr jemanden der Familie Brandes ansehen können. Ich möchte sterben, verstehst du das?“

Deshalb also zerbrach sie. Tanja schluckte.

„Verflixt, Simone, uns alle trifft doch diese Schuld. Wir, Vicky, Ellen und ich, sind doch auch nicht mitgegangen. Wir haben genauso versagt. Wir tragen diese Verantwortung mit dir. Weißt du das nicht?“

Simone ließ sich nicht beruhigen. „Du weißt ganz genau, dass immer getan wird, was ich sage. Warum das so ist, weiß ich auch nicht. Ich habe versagt! Ich!“

Tanja wusste, dass Simone die Wahrheit sprach.

Verzweifelt klammerten die Mädchen sich aneinander.

„Was soll nur werden? Was soll nur werden?“, flüsterte Simone zerbrochen. „Man wird mit Fingern auf mich zeigen, Tanja, warum Neele?“

„Ja, warum Neele, warum?“, jammerte auch Tanja. „Sie war die Beste von uns. Ich könnte ...“

„Still, still.“

„Wenn ich diesen Kerl in meine Hände bekäme, der könnte was erleben!“

Viele Stunden lang saßen sie zusammen und sprachen miteinander. Allmählich wurde Simone ruhiger.

Irgendwann in der Nacht verließ Tanja Simone. Als sie vom Garagendach sprang, wäre sie beinah auf Ellen gefallen, die an der Mauer stand.

„Du warst bei ihr?“

„Ja, es geht ihr verdammt schlecht, Ellen.“

„Warum hast du mich nicht mitgenommen?“

„Du bist nicht sportlich, und außerdem ...“ Tanja biss sich auf die Lippen. Sie wollte Ellen nicht beleidigen. Jetzt nicht! Jetzt, da Neele ...

„Ach, hör auf. Ich bin hundemüde. Komm, morgen ist auch noch ein Tag.“

Tanja ärgerte sich über sich selbst, als sie Ellen verlassen hatte. Alle waren immer ärgerlich über Ellen, aber keine hatte den Mut, ihr die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Außerdem wollte Simone das nicht. Nur weil sie ein gutmütiges Geschöpf war, mussten sie Ellen akzeptieren.

 

 

5

Die Mädchen wurden ausführlich von der Polizei vernommen. Vieles konnten sie nicht sagen. Sie erwähnten Albert und auch er wurde gehört. Anfänglich tauchte tatsächlich der Verdacht auf, er könnte Neele aus verschmähter Liebe umgebracht haben, nachdem er sie vergewaltigt hatte. Doch das Ergebnis der Obduktion besagte, dass das Mädchen nicht vergewaltigt worden war. War der Täter vielleicht dabei gestört worden? Oder hatte er sexuelle Motive nur Vortäuschen wollen?

Simone erzählte von den jungen Burschen aus der Stadt. „Nein, wir kennen sie nicht. Sie waren das erste Mal da. Sie waren wohl nett, ja mehr war aber nicht. Und Neele hat keine Jungen aufgerissen, um sich dann lustig zu machen. Nicht Neele!“, Simone schluchzte.

Nun blieb ihnen auch nichts anderes übrig, als zuzugeben, dass Neele allein nach Hause gefahren war. Die Eltern hörten es mit versteinerten Mienen.

Immer wieder verhörte die Polizei die Mädchen, doch sie erfuhr nichts, was ihr weitergeholfen hätte.

Schließlich kam der Tag der Beerdigung. Für die vier jungen Mädchen war er nicht einfach zu überstehen. Verzweifelt weinend standen sie am Grab der Freundin. Simone wurde von schrecklichen Traumbildern verfolgt. Sie konnte nicht mehr lachen und verkroch sich in ihrem Zimmer. Tanja besuchte sie, Vicky versuchte sie aufzumuntern. Ellen machte alles ein wenig unmöglich.

Tanja war rührend um die Freundin besorgt. Sie blieb viele Stunden lang bei ihr und Simone konnte sich ausweinen. Das brachte ihr ein wenig Erleichterung. So auch heute. Tanja hatte sie einfach in den Arm genommen. „Wein dir alles von der Seele, dann wird es besser werden. Du trägst keine Schuld. Begreif das doch endlich.“

Die Tür wurde geöffnet und Simones Mutter führte Ellen Henze herein. Deren Augen glühten auf, als sie Tanja und Simone so eng beieinandersitzen sah. Doch sie versuchte ihren Argwohn zu überspielen und machte allerhand Vorschläge für das Wochenende. „Du darfst dich nicht verkriechen. Komm, Neele hätte das nicht gewollt. Dadurch wird sie auch nicht wieder lebendig. Das Leben geht doch weiter, Simone.“

Sie streichelte den Arm der Freundin. „Komm, werde doch wieder die gute alte Simone. Ich bitte dich von Herzen.“

Tanja musste Ellen recht geben. So konnte es tatsächlich nicht weitergehen.

„Gut“, sagte sie, „gehen wir wieder einmal aus. Es ist jetzt drei Monate her, und wir haben Sommer. Wir versauern sonst. Wir können ja auch an Neele denken, wenn wir etwas unternehmen.“

Schließlich ließ Simone sich überreden. Ihr Herz war endlich ruhiger geworden und ihr Blick klarer. Ihre braunen Augen lächelten die Freundinnen an.

„Ja, ihr habt recht. Ich komme mit.“

„Wunderbar!“

Sie wollten die Fahrräder nehmen. Die Eltern waren froh, als sie merkten, dass die seelische Verfassung ihrer Töchter sich wieder normalisierte. Sie fühlten wohl mit den Eltern Brandes mit, aber sie konnten jetzt doch nicht für den Rest ihres jungen Lebens nur an die tote Freundin denken und nichts mehr unternehmen!

Es war ein schöner Tag. Sie hatten eine alte Schlossmühle als Ziel gesetzt. Und wie es der Zufall wollte, waren auch einige junge Burschen aus dem Dorf auf dem Weg dorthin. Die beiden Gruppen taten sich zusammen. Unter ihnen war auch Albert. Simone fühlte sich schuldig, denn eine Zeitlang hatte sie geglaubt, er hätte die Freundin auf dem Gewissen. Jetzt fuhr Albert an ihrer Seite. Linkisch versuchte er sich ihr zu nähern, ihr zu erklären, wie leid es ihm tat. Simone gehörte zu jenem Typ, der alles Traurige und Wehrlose an sich zog. Sie hatte eben ein großes weiches Herz.

„Albert, es tut mir leid, aber ich musste es sagen, verstehst du?“

Er nickte. „Natürlich. Das bin ich ja gewöhnt“, sagte er ruhig. Und er fuhr fort: „Ich habe sie sehr gern gemocht.“

An der Schlossmühle waren schon viele Menschen, die sich unter den Bäumen vergnügten. Hier gab es eine Menge Ablenkung. Die Freundinnen waren sich mit den jungen Burschen einig geworden, dass man auch gemeinsam zurückfahren würde und so machte ihnen die Dunkelheit nichts aus. Die Jungen sagten: „Es ist doch selbstverständlich, dass wir euch beschützen. So etwas soll nicht noch einmal vorkommen. Ihr könnt euch auf uns verlassen.“

Innerhalb einer Gruppe ist der einzelne geschützt:

Alle hatten ihren Spaß; sogar Simone taute endlich auf. Nur einmal erschrak sie. Vicky sprach sie an. „Schau mal, dort drüben. Sind das nicht die Burschen aus der Stadt, die von damals?“

„Glaubst du?“

„Wir können ihnen nichts nachweisen“, sagte Vicky.

„Sie konnten aber auch nicht ausfindig gemacht werden. Sollten wir nicht die Polizei anrufen?“, gab Simone zu bedenken.

„Bist du verrückt! Was willst du denn sagen?“

Simone biss sich auf die Lippen. Sie wünschte so sehr, Neeles Mörder hinter Schloss und Riegel zu sehen, dass sie eine Menge dafür getan hätte. Doch selbstverständlich wollte sie sich auch nicht lächerlich machen.

„Sehen die wie Mörder aus? Sie vergnügen sich doch wie wir.“

Nun kamen zwei von ihnen auf sie zu. Sie lachten Vicky und Simone herzlich an.

„Da schau her! Kennen wir uns nicht?“

Sofort waren die Burschen aus dem Dorf zur Stelle.

„Werdet ihr belästigt?“

„Nein“, antwortete Simone ruhig. „Noch nicht.“

„Holla, was ist denn das? Das ist ja ganz neu! Seid ihr ins tiefste Mittelalter zurückversetzt?“, frotzelte die Stadtjugend.

Simone blickte die Burschen aus dem Dorf durchdringend an. „Ich will keine Schlägerei oder ähnliches, verstanden!“

„Sicher! Du brauchst nur zu rufen, dann sind wir zur Stelle.“

„Komm, ich gebe einen aus“, prahlte der größte der Burschen. Er nannte sich Michael.

Simone ging mit ihm. Ihr Herz flatterte leicht.

Plötzlich fiel ihr etwas ein. „Ich komme gleich wieder. Geh schon mal vor“, sagte sie und lief rasch zurück zu Vicky. „Hast du Ellen gesehen?“, fragte sie.

„Wieso? Ich bin froh, wenn ich sie mal nicht sehe.“ Als sie Simones Augen sah, setzte sie rasch hinzu: „Also schön, sie sucht ’ne Toilette.“

„Hör zu, sie hat einen Fotoapparat dabei. Sag ihr, sie soll die Burschen aufnehmen.“

„Das ist eine gute Idee! Ich werde sie finden; du kannst dich auf mich verlassen.“

Simone ging zu Michael zurück. Sie unterhielten sich angeregt. Das Mädchen bemühte sich, ein fröhliches Gesicht zu machen; Michael war ein netter Bursche. Er war der Wortführer seiner Gruppe. Michael mochte Simone und er zeigte es ihr offen.

„Darf ich mal wiederkommen?“, fragte er. „Ich würde mich freuen. Das heißt, wenn du nicht so bewacht wirst.“

Sie lächelte spröde.

„Ach weißt du, im Augenblick habe ich nicht viel mit Ausgehen im Sinn. Ich muss auch meine Prüfung machen, und da sind auch noch andere Verpflichtungen, verstehst du?“

„Herrje, ich will dich doch nicht gleich heiraten!“ Der Bursche lachte. „Nur einfach so treffen. Ist das verboten?“

Simone versuchte herauszufinden, ob Ellen schon fotografiert hatte. Hier unter den alten Linden ging alles durcheinander. Man konnte nicht sehen, was sich im Hintergrund tat. Vielleicht stand sie weiter hinten bei den Scheunen und wartete auf einen günstigen Augenblick? Und wo war Tanja? Vielleicht wäre es gut, wenn Tanja ebenfalls käme. Zu zweit könnten sie die Burschen besser abfertigen.

Plötzlich hatte Simone eine Idee. „Ist gar nicht mal so schlecht. Darf ich meine Freundin mitbringen?“

„Aber sicher! Wir können das ja alles besprechen. Sagen wir nächsten Samstag um die gleiche Zeit hier?“

Simone nickte.

Michael erhob sich. „Ich muss jetzt gehen. Meine Leute warten schon. Das nächste Mal werde ich nur mit einem Freund kommen. Dann sehen wir weiter.“

Simone dachte verzweifelt, ich werde herausfinden, ob diese Jungen etwas mit Neeles Tod zu tun haben. Einer von ihnen muss es doch einfach sein. Sie sind sechs! Michael muss mir den Mörder liefern. Ich muss es schaffen! Das bin ich Neele schuldig.

Wenig später hörten sie die jungen Burschen auf ihren Motorrädern davonknattern. Jetzt war es ein wenig stiller unter den alten Bäumen.

Die Dorfburschen kamen mit Ellen und Vicky herbei.

„Wir fahren heim. Kommst du mit?“

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930658
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495604
Schlagworte
redlight street luden

Autor

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Titel: REDLIGHT STREET #43: Vom Luden vereinnahmt