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REDLIGHT STREET #54: Ella und der Gauner Zappel

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ella und der Gauner Zappel

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Ella und der Gauner Zappel

REDLIGHT STREET #54

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

 

Ella war eine Prostituierte mit Leib und Seele. Mit sechzehn Jahren hatte sie angefangen, hatte mehr als einen Zuhälter gehabt und war immer mit ihrer Arbeit zufrieden gewesen. Zur Zeit hatte sie Zappel als Freund und Beschützer. Ella hatte ihn sorgfältig ausgesucht und ihm alles beigebracht, was ein Lude wissen und können musste. Allerdings hatte sie stets darauf geachtet, dass sie das Sagen hatte und nicht Zappel. Doch als die beiden versuchen an der Küste Fuß zu fassen, hat Ella mehr Ausgaben als ihr lieb ist. Da hat Zappel einen Plan.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Ella war die geborene Dirne, wenn es so etwas überhaupt gab. Man konnte sie sich einfach nicht anders vorstellen. Und sie selbst sagte es auch immer wieder: »Ich hab schon immer gewusst, ich werd mal so was, tja, brauchst nicht so blöd zu glupschen, was ist denn schon dabei, hä?«

Die anderen Dirnen starrten sie groß an, besonders Helga, das Flittchen, wie sie selbst von den Dirnen genannt wurde, weil sie ständig ihre Beschützer wechselte. Wie die Unterwäsche, meinte Ella verächtlich.

»Du willst mir doch nicht sagen, dass dir das Spaß macht, Ella? Ehrlich, dann hast du ein paar Schrauben locker.«

Ella erbettelte sich von Biggi eine Zigarette, steckte sie sich genüsslich an und lehnte sich gegen den Laternenpfahl.

»Und?«, sagte sie hochmütig. »Und, was ist dabei? Herrje, es macht mir Spaß.«

»Mit deinem Zappel, das mein ich doch nicht. Mit den Freiern, den Zahlemannkerlen, du willst doch nicht sagen.. .«

»Ihr habt alle Holzwolle im Kopf, jawohl, und so was wie ihr, das müsste auf dem Strich verboten werden. Kein Spaß, da lachen ja die Hühner. Warum steht ihr hier?«

»Um Mäuse zu machen«, schnaufte Biggi. »Aber die Kerle können mich alle kreuzweise.«

»Nee«, grinste Ella, »mich nicht, ich hab meinen Spaß, find es wirklich lustig, ehrlich. Man kann sich manchmal halb totlachen. Da gibt es ein paar Typen ... soll ich euch mal erzählen, was ich gestern erlebt habe?«

Davon wollten die anderen Dirnen aber nichts wissen. Vom Geschäft sprachen sie lieber nicht.

»Wenn es dir tatsächlich Spaß macht«, meinte Helga, »dann biste wirklich nicht ganz normal. So was ekelt einen an, man ist sauer, kapiert? Eine echte Nutte, die will das nicht wirklich, die sagt das nur. Mensch, Ella, ich glaub wirklich, du bist einer Anstalt entsprungen.«

»Ja«, sagte Biggi nachdenklich. »Wo kommste eigentlich her? Plötzlich taucht sie hier auf, macht sich breit mit ihrem Zappel und sahnt ab.«

»Ist das vielleicht verboten? Dieser kleine miese Stadtstrich, Mensch, das ist doch nichts. Ich war schon ganz woanders, ja, da war was los. Wart ihr schon mal in Paris?«

Die kleinen Dirnen auf dem Nachtstrich guckten nicht schlecht.

»Sag das noch mal«, keuchte Helga. »Du willst...?«

»Meinste, ich lüg euch an? Nee, das tu ich nicht. Klar war ich schon mal in Paris, und in London auch.«

Biggi dachte nach. Das dauerte ein wenig, denn sehr klug war sie nicht. Und so plätscherte das Gespräch an ihren Ohren vorbei. Sie stand da, runzelte die Stirn und überlegte. Und dann sprudelte sie hervor:

»Mensch, warum biste denn nicht geblieben?«

»Häh?« Sie sprachen schon längst wieder von anderen Dingen. Und so musste Ella erst einmal zurückfragen.

»In Paris!«, sagte Biggi stur. »Warum bist du nicht dort geblieben, wenn es dort so fein war?«

»Ja«, sagten jetzt auch die anderen Dirnen. »Warum eigentlich nicht?«

»Ach so«, grinste Ella, »das wollt ihr wissen.«

»Hast wohl die Jacke vollgekriegt, wie? Da soll es ja mächtig viel Zuhälter geben, und die sollen mit dem Messer ganz hübsch schnell sein. Die lassen sich nicht die Butter vom Brot klauen.«

Zum Teil hatten die Dirnen recht, aber das wollte Ella natürlich nicht eingestehen. Hauptsächlich war sie wegen der ortsansässigen Zuhälter fortgegangen. Und dabei hatte sie schon ein paar Stammkunden besessen, und es hatte wirklich Spaß gemacht, im großen und ganzen, obwohl das Leben verdammt teuer war in dieser Stadt.

Sie und Zappel hatten sich das so fein ausgedacht. Mal auf die große Pauke hauen, und nach Übersee hatten sie auch gewollt. Durch die ganze Welt trampen wollten sie und sich dann irgendwo, wo es gemütlich war, niederlassen. Aber gleich in Paris hatte man ihnen gezeigt, dass es so nicht ging. Obwohl sie ja einen Beschützer hatte, den Zappel, hatten die Zuhälter ihr klargemacht, dass sie bezahlen musste, und das ganz hübsch, oder man würde sie in den nächsten Wochen in der Seine wiederfinden.

Die hatten das wirklich ernst gemeint, Ella hatte es sofort gespürt. Zuerst hatte sie aufgemuckt und dem Zappel gesagt, er müsse das in Ordnung bringen.

»Wofür hab ich dich denn? Wozu füttere ich dich so fett und schenk dir schicke Kleider, he? Also, jetzt kannst du mal was für mich tun. Sag denen mal Bescheid, erklär denen mal, dass wir uns das nicht bieten lassen.«

Zappel war groß und breit wie ein Schrank. Seine Muskeln konnten sich sehen lassen, aber mit seinen geistigen Fähigkeiten war es nicht weit her. Er starrte Ella entgeistert an.

»Du hast wohl nicht alle Tassen im Schrank! Ich soll mich mit dem Syndikat anlegen? Bist du bekloppt? Die lassen mich ja nicht mal ausreden, dann hab ich schon ein Loch im Bauch. Die laufen doch nur mit Kanonen herum.«

»Und warum besorgst du dir keine?«

»Weil sie zu viele sind, darum! Wenn ich einen umleg, dann sind zehn da, die sofort Hackfleisch aus mir machen.«

Ella hatte nachgedacht und gemeint, das lohne die Sache nicht, und so hatten sie die Zelte abgebrochen und waren flugs nach Deutschland zurückgekehrt.

»Warum biste nicht geblieben?«

Wie stur die Mädchen sein konnten!

»Wegen der blöden Sprache, Mensch, da kann man sich ja die Zunge abbrechen. Bis man das behält!«

»Du kannst Französisch?«, fragte sie ehrfürchtig.

»Klar doch«, brüstete sie sich. »Soute neur heißt Zuhälter, und Putain Hure und Maison de Passe, das heißt Absteige.«

Die Dirnen lachten schallend.

»Putain, herrje, das klingt ja doof, du meine Güte!«

Ella lachte mit.

»Da war so eine Sumpfeule, die nannte sich tatsächlich Madame de la Puff!«

Jetzt bogen sie sich vor Lachen, hörten erst damit auf, als unten an der Straße ein Auto auftauchte. Nun wurde das Gespräch unterbrochen. Man musste ja ans Geschäft denken.

Sofort stellten sich die Dirnen in Reih und Glied auf, wippten mit dem Röckchen, setzten ein Lächeln auf, versuchten die Freier auf sich aufmerksam zu machen.

Langsam fuhren zwei Autos vorbei.

Als sie erkannten, dass es nur VWs waren, zogen sie Grimassen und drehten sich verächtlich um. Mochten sie sich da unten an der Straße um diese Kunden streiten. In so einer kleinen Kutsche war das Lieben ein Akrobatenstück.

Sie waren wieder unter sich.

»Und dann erst mal die Straßennamen. Ich kann euch sagen, das hat mich ganz verrückt gemacht, und Zappel auch. Na, da haben wir dann eben wieder rübergemacht.«

Die Dirnen hatten ihren Spaß, glaubten ihr aufs Wort und fragten gar nicht weiter.

Biggi zog einen Flachmann aus der Tasche. Ab und zu brauchte sie einen Schluck, um sich wieder aufzumöbeln und in kühleren Nächten wärmte der Alkohol von innen.

Der Flachmann machte seine Runde.

»So kommste also frisch aus Paris!«

»Tja, wie man es so nimmt«, meinte sie träge.

Ella war von Natur aus träge, und wenn Zappel nicht gewesen wäre, dann wäre sie sogar bei der Arbeit eingeschlafen.

 

 

2

Sie hatten alle einen Kunden bedient und standen jetzt wieder zusammen. Es ging langsam auf drei Uhr zu, und man überlegte, ob man nicht Schluss machen sollte. Viel hatten sie nicht eingenommen, die kleinen Dirnen. Das hatte man der Neuen gleich gesagt, viel war in dieser Stadt nicht zu machen.

Das hatte sie nach der ersten Woche auch gemerkt. Das große Geschäft wollte und wollte nicht laufen. Aber wenn man sich mit der Provinz abgab, war wohl nichts anderes zu erwarten. Wo sie nicht schon getingelt hatten. Den ganzen Süden hatten sie hinter sich, den Schwarzwald und dann den Rhein hinauf. In die Großstädte wie Köln und Frankfurt wagten sie sich denn doch nicht. Denn dort war der Straßenstrich in festen Händen, und man würde sie gleich in der ersten Nacht verjagen.

Ein Leben war das!

Zappel kam und holte sie ab. Der brauchte auch mal wieder eine neue Kutsche, diese war schon ein Jahr alt. Damit konnte man keinen Staat mehr machen.

»Das war mal wieder eine laue Nacht. Hat sich kaum gelohnt!«

Zappel warf ihr einen mürrischen Blick zu. Auch jetzt, im Wagen, bei dieser Dunkelheit, konnte man sehen, dass er feuerrote Haare hatte.

Deswegen hatte Ella Ricke ihn ja auch gewählt, eben drum, wegen seiner Haarfarbe. Sagte man nicht immer, rothaarige Menschen seien vital? Nun, aber heute Nacht hatte sie keine Lust, noch weiter darüber nachzudenken. Zappel hatte sie schon oft enttäuscht, aber sie war einfach zu faul, ihm einen Tritt zu geben und sich dann einen neuen Zuhälter zu suchen. Das alles war nämlich mit Arbeit verbunden. Und Anstrengung!

»Gehen wir noch auf ein Bier zu Kuno?«

»Hast mal wieder anschreiben lassen?«

Er gab zurück: »Andere Zuhälter, die haben den ganzen Zaster ihrer Alten. Ich mit den miesen Flöhen!«

»Andere verstehen sich auf ihr Geschäft«, gab sie hämisch zurück. »Die machen was aus dem Geld ihrer Alten. Das vermehrt sich, die haben ihre kleinen Geschäftchen nebenbei! Aber du?«

»Halt die Klappe«, sagte er grob. »Wenn du mir so kommst, wirst du noch dein blaues Wunder erleben. Wer war es denn, der mich verleitet hat, dieses verfluchte Leben zu führen?«

Der Wagen hielt mit einem Ruck.

Ella stieg aus, sehr sanftmütig. Sie hatte es gern, wenn er sich aufregte, aber leider tat er das nicht sehr oft. Er hatte eben keinen Mut dazu. Das war es ja, immer zeigte er kurze Ansätze, und wenn sie dann dachte: Jetzt hab ich ihn, dann war es wieder nichts.

»Komm schon, gehen wir erst einmal einen trinken, dann reden wir weiter!«

Er hatte ja so recht, der Zappel, denn Zuhälter werden nicht geboren, sie werden meistens von den Dirnen gemacht. Diese sind es, die sich zum Teil junge Männer suchen und sie zu ihren Beschützern machen. Sie wollen in ihrem Geschäft auch Liebe, und weil sie wissen, dass alles im Leben seinen Preis hat, so müssen sie auch für die Liebe zahlen. Und diese Männer lassen sich nur zu gerne bezahlen. Zum Beispiel Zappel.

Von Beruf war er Metzgergeselle. Er war eines Tages auf eine Strichstraße gegangen. Früher hatte er eine feste Freundin gehabt, da hatte er es nicht nötig gehabt. Aber die Freundin hatte immer von Heirat gesprochen, und das hatte ihm nicht gefallen. Wenn er einmal heiratete, dann sollte das Mädel auch etwas in die Ehe mitbringen.

Er hatte keine Lust, sich ein Leben lang für seine Frau abzuschuften und die machte sich dann einen feinen Tag. Nein, so blöde war er nicht.

Seine Freundin hatte ihn dann kurzerhand verlassen. Tja, zuerst hatte er sich gefreut, sie so schnell losgeworden zu sein, aber nach einer Weile, da hatte er auch gemerkt, wie unangenehm das ist, wenn man keine Frau bei sich hat. Man ist ja als Mann auf sie angewiesen. Zuerst hatte er sich gedacht: Sie sind ja haufenweise da, ich brauche mir bloß eine neue rauszupicken und dann geht es mir schon wieder besser. Doch so leicht ließen sich die Mädchen auch nicht einfangen. Schon gar nicht, wenn man so grobschlächtig war und wenn man offen zeigte, wofür man sie wollte, und sonst keinen Respekt vor den Mädchen hatte.

Nein, er fand eben keine. Und als dann die Not am größten wurde, ging er auf den Straßenstrich. Das fiel ihm schwer, Geld dafür auszugeben. Das war wirklich eine üble Sache, aber was sollte er tun?

So lernte er dann Ella Ricke kennen. Sie ging mit ihm, und er musste ihr wohl gleich auf Anhieb gefallen haben. Sie hatte sogar den Preis gesenkt, und das sollte wirklich viel heißen. Ella ärgerte sich nur, dass er noch nicht einmal von diesen Vergünstigungen etwas ahnte.

Ella hatte sich in seine Muskeln und die roten Haare verguckt und geglaubt, darunter schlummere etwas Energisches. So etwas brauchte sie mal wieder. Sie war nun einmal so ein Typ. Er sollte sie zwar nicht jeden Tag verprügeln, nein, aber er sollte halt den wilden Mann hervorkehren, und das ganz besonders vor den anderen Dirnen.

Vier Tage später war er dann wieder zur Stelle. Sie hatte ihn angelächelt, war ihm um den Bart geschnurrt und hatte ihn sogar zu einem Schnäpschen eingeladen.

Paul Meyer, wie er damals noch genannt wurde, war richtig erstaunt und sagte auch sofort zu. Später saßen sie dann zusammen in einer schmuddeligen Kneipe, und sie hatte ihn allerhand gefragt und gemeint, ob er nicht ihr Freund werden wolle. Zappel hatte tief Luft geholt und sie angesehen.

»Wie meinste das?«

»Ich mag dich wirklich, ehrlich, und das soll auch dein Schaden nicht sein.«

»Ich soll der Freund einer Hure werden!« Er hatte sie frech angelacht.

Ella war noch nicht einmal böse geworden. Sie kannte ja die Einstellung der Menschen auf der anderen Seite des Lebens.

»Nun ja«, sagte sie zögernd. »Wenn du meinst, du hast keine Lust, tja, dann nichts für ungut. Ich dachte, du würdest eine Menge Spaß verstehen, Bubi, aber na ja, nichts für ungut, vergiss es einfach, ja!«

Zappel hatte den Kopf schief gelegt und sie angestarrt.

»Warte mal, Mädchen, ich will doch nur klare Verhältnisse. Was soll das, dein Freund sein, wie läuft das denn? Soll ich dich vielleicht heiraten?«

Ella hatte schallend gelacht.

»Du bist gut, ehrlich! Nee, doch nicht so, nur mein Freund sein, verstehst du? Ich brauch das halt auch mal.«

»Was?«

»Mensch, so richtig, kapiert? Die Freier, das sind doch alles nur Hampelmänner, die kapieren ja nicht, was wir brauchen. Da geht das ganz fix. Aber du, du bist ein ganzer Kerl! Das brauch ich halt, klar?«

Er warf sich mächtig in die Brust.

»Na, was ist denn?«

»Und wie macht sich das jetzt, die Freundschaft, mein ich?«

»Kannst so oft kommen, wie du willst, umsonst, darfst aber zu keiner anderen Hure gehen, kapiert? Und wenn die dich mal fragen, dann sagst du denen, ich sei mit dir liiert. Dann geben die Buh, und du bist sie los, klar?«

»Umsonst, so oft ich will?«

Sie grinste ihn an. »Das ist ein Angebot, gell?«

»Top, versuchen wir es mal. Wenn ich dich nicht heiraten muss, also gut!«

Paul Meyer hielt sich für sehr clever. Nein, so was, also das hätte er sich nie träumen lassen. Und wie viel Geld man dabei sparen konnte! Um das Ganze auch so richtig auszunützen, kam er jede Nacht und hatte seinen Spaß mit ihr, und das nicht im Auto wie vorher, sondern nach der Arbeit auf ihrer Bude. Da konnte er etwas erleben, und was die ihm nicht alles beibrachte!

Sie kannten sich kaum vierzehn Tage, da fing Ella dann an, ihren Freund zu beschenken. Sie brauchte das einfach, und außerdem wollte sie ja auch mit ihm angeben. Mit den stinklangweiligen Klamotten, die er trug, war nicht viel Staat zu machen. Und die anderen Mädchen sollten sie schließlich um ihn beneiden. Zwar warfen sie schon scheele Blicke auf den Rotschopf, aber noch hatten sie kein Feuer gefangen.

Zappel bekam also einen neuen Anzug, eine Lederjacke, tolle Schuhe und Hemden aus den besten Geschäften der Stadt. Er wurde ein Gockel und spreizte sein Gefieder.

Die Kumpels in der Schlachterei staunten nicht schlecht und fragten ihn immer wieder, woher er denn plötzlich so viel Geld habe, um sich das alles leisten zu können. Doch Zappel schwieg sich aus und sonnte sich in dem neuen Glück.

Das war etwas, das war so richtig nach seinem Geschmack. Ja, und er brauchte nicht einmal einen Pfennig aus der eigenen Tasche beizutragen.

Oft gingen sie jetzt auch zusammen aus. Natürlich in die teuersten Lokale der Stadt. Bis jetzt hatte er sich nie hineingewagt. Einmal hatte Ella ihn gegen Monatsende hingeführt. Sie hatte einfach Lust, groß auszugehen.

»Aber ich krieg erst übermorgen mein Gehalt«, hatte er gesagt. »Ich hab nur noch ein paar Märker in der Tasche.«

Ehe er sich versah, hatte sie ihm fünfhundert Mark zugesteckt. »Da, jetzt machen wir einen durch den Hut. Das wird schon reichen, so!«

Zuerst hatte er sie entgeistert angesehen.

»Das willst du alles heute Nacht ausgeben?« .

»Aber klar doch«, hatte sie lachend geantwortet. »Man ist doch nur einmal jung. Morgen kommt frisches Geld rein.«

Er rechnete nach und kam zu dem Schluss, dass er für dieses Geld ziemlich lange schuften musste. Das ist ja was, dachte er die ganze Zeit kopfschüttelnd, das ist ja was, also wirklich! Und sie brachten das Geld in dieser Nacht wirklich durch. Sie betrachteten es als eine Art Verlobungsfeier.

Ella war selig. Sie hatte jetzt einen Freund, mit dem sie sich überall sehen lassen konnte.

Doch die Freude wollte nicht lange anhalten. Es waren keine vier Monate vergangen; als Paulchen zu ihr kam und ihr sagte, er habe seine Stelle aufgegeben. Das war so gar nicht nach ihrem Geschmack, und sie war wütend, dass er ihr noch nicht einmal vorher etwas gesagt hatte.

»Wieso denn das?«, hatte sie ihn angefahren. »Bild dir bloß nicht ein, du kannst bei mir den Zuhälter spielen. Also so blöde bin ich nicht, kapiert? Du bist mein Freund, mehr nicht.«

»Eben«, gab er zurück. »Eben, und du laugst mich ganz schön aus. Immer soll ich für dich da sein, stets den feinen Pinkel spielen, immer zur Stelle sein, wenn das gnädige Dämchen es so will, und dann nicht mucken.

Kannst du mir mal erklären, wie das gehen soll? Am Tag muss ich ganz schön ran und schuften, denn mein Beruf, das ist wirklich kein Zuckerlecken, da wird man fix und fertig. Und dann soll ich mir auch noch die Nacht um die Ohren schlagen, während das Dämchen am Tag pennt. Kannst du mir mal sagen, wann ich pennen soll?«

Ja, daran hatte sie nun wirklich nicht gedacht. Das stimmte natürlich. Wenn sie vom Strich kam, wollte sie natürlich etwas von ihrem Zappel haben. Denn dann fing ja das Leben erst so richtig an für eine Nutte.

Sie hatten ihre Stammkneipen und Bars, und dort mussten sie sich erst wieder auftanken, dort wurden sie dann wieder Mensch und waren recht ausgelassen. Und wenn es so auf fünf Uhr zuging, schwankte man nach Hause, und dann wollte man eben einen fürs Bett, aber richtig, nicht diese kleinen Zwickelfreier. Und der Zappel, also, das war wirklich ein ganzer Kerl.

Er hatte recht, sie hatte noch nicht darüber nachgedacht.

»Ich kann nur eins, und wenn dir das nicht passt, dann ist ab heute Schluss, kapiert!«

Ella bekam Stielaugen. So einer war das also. Und sie kannte die anderen Mädchen vom Strich, die warteten ja nur darauf, sich den roten Paule zu kassieren. Das wurde ja immer schöner. Die Anderen würden dann womöglich denken, sie, Ella, könne sich einen so feinen Freund nicht mehr leisten.

Für die Dirne war der Zuhälter so etwas wie ein Aushängeschild. Und je schicker er gekleidet war, je teurer sein Wagen, um so höher stieg das Ansehen der Tippelschickse. Und sie schuftete sich dafür krumm, während der Mann nur kassieren kam.

Ella maulte noch eine Weile. Sie wollte keinen Zuhälter, davon hatte sie die Nase gründlich voll. So ein Kerl hatte sie schließlich auf den Strich gebracht. Doch wenn sie gerecht war, musste sie sagen, dass sie es eigentlich selbst gewollt hatte.

Sie kam aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Der Vater war Buchhalter, ein pedantischer, strenger Mann, und die Mutter hatte einen Sauberkeitsfimmel. Drei Geschwister waren sie gewesen, und die Eltern hatten sie alle auf die Realschule geschickt, das war man seinem Stand schließlich schuldig. Sie sollten es einmal weiter bringen. Damals hatte der wirtschaftliche Aufschwung gerade begonnen. Die Kinder konnten sich wirklich freuen, besseren Zeiten entgegenzusehen.

Als Ella in das Alter kam, in dem der Busen zu sprießen anfing, da hatte sie sehr schnell gemerkt, dass sie damit die Jungen in der Klasse und auf dem Schulhof verrückt machen konnte. Und sie hatte einen Prachtbusen. Ihre ältere Schwester Maria war ganz neidisch darauf gewesen. Obwohl sie zwei Jahre älter war, war sie noch platt wie ein Bügelbrett gewesen.

Ella hatte das gewisse Etwas an sich. Die Jungen liefen ihr nach, und es machte ihr Spaß, wenn sie sich ihretwegen prügelten. Später als sie mit einigen Jungen ausgegangen war und kleine Erfahrungen gesammelt hatte, sagte sie zu Hause nie mehr, was sie trieb. Sie kannte ihre Eltern und wusste, dass die von ihren an sich noch harmlosen Erlebnissen nichts erfahren durften. Aber seit dieser Zeit war ihr die Schule auch nicht mehr so wichtig. Sie war viel zu sinnlich veranlagt, ja, und dann wollte sie es einfach mal wissen. Alle Welt sprach davon, nur sie war noch unwissend. Sie machte einfach einem Jungen aus der Klasse den Vorschlag, mit ihr zu schlafen, musste aber feststellen, dass die mit der größten Klappe auch die größten Feiglinge waren. Sie brüsteten sich mit ihren Mädchenbekanntschaften, doch als sie sich anbot, da hatten sie alle eine Ausrede.

Ella dachte darüber nach. Sie war noch ziemlich jung, als sie begriff, dass sie mit ihrem Körper die Männer verrückt machen könnte, dass sie damit eine Waffe besaß, um diese zu treffen, dass sie damit aber auch alles erreichen konnte.

Sie war fünfzehn, da schlief sie mit einem Oberschüler. Das ging aber so schnell, dass sie nichts begriff. Nur weh hatte es getan, und sie war wütend gewesen und trotzig. Wenige Tage später hatte sie einen neuen Freund. Von nun an hatte sie mehrere Freunde. Mit dem einen war es harmlos, mit dem anderen weniger harmlos. Sie erkannte nicht, dass sie schon jetzt auf dem besten Weg war, abzugleiten. Auf keinen Fall wollte sie ein unerfahrenes, dummes Mädchen sein. Sie war naiv genug, alle Geschichten zu glauben, die sich die Schulkolleginnen untereinander erzählten. Als sie erkannte, dass die Mädchen gar nicht all das erlebt haben konnten, war es schon zu spät. Ihre Sinnlichkeit war geweckt worden.

Sie war noch keine sechzehn, da lief sie einem Zuhälter über den Weg. Dieser verkannte das Mädchen. Er glaubte, sie ausbooten zu können. Sie war ja schließlich noch sehr jung.

Er versprach ihr den Himmel auf Erden und erklärte ihr, wie viel man in diesem Gewerbe verdienen konnte.

»Dreißig Mark für fünfzehn Minuten?«, fragte sie fast atemlos vor Erregung.

»Länger darf das auf keinen Fall dauern, oder sie müssen zulegen..«

Ella konnte ziemlich gut rechnen, und sie bekam runde Augen.

»Nur mit den Kerlen schlafen, und da wird man so reich?«

»Wenn ich dir das sage!«

»Wissen die Anderen das auch?«

»Wie meinste das?«

»Ich meine, all die vielen Frauen und Mädchen, wissen die, wie viel man dabei verdienen kann?«

»Die meisten schon!«

»Dann begreif ich die nicht. Wieso lassen die sich dann nicht bezahlen?«

»Weil sie blöde sind.«

Er nahm sie mit und führte ihr eine Nutte vor. Sie sah die feinen Kleider, den Pelz und das Auto. All das würde sie auch haben und eine Wohnung dazu.

Ella fragte nicht viel, sie wollte das Leben genießen, und dazu brauchte man Geld. Sie lief fort, ging für eine Weile in München auf den Strich, wurde gefasst, nach Hause gebracht, lief wieder fort. Ihr Lude half ihr dabei. Das ging so dreimal, und dann setzten sie sich nach Belgien ab, dann nach Holland und Frankreich. Sie hatte den ersten Zuhälter schon zum Teufel geschickt. Er hatte sie oft geschlagen, und das hatten sie nicht ausgemacht. Also packte sie bei einer günstigen Gelegenheit ihre Sachen, nahm alles Geld und türmte mit einem Mann mit Namen Fred. Er hatte eine Warze auf der linken Wange, an mehr konnte sie sich nicht erinnern.

Aber Sie war immer die dominierende Gestalt und ließ sich von den Männern nicht eine Minute begaunern, auch von einem Zuhälter nicht, was diese ziemlich schnell begriffen.

Sie wurde oft genug deswegen verprügelt. Aber sie war wie eine Katze und kam immer wieder hoch.

Und dann hatte sie also Zappel eingestellt, und dieser unverschämte Kerl wollte sie jetzt wie eine Weihnachtsgans ausnehmen. Aber Ella dachte im Traum nicht daran. Sie hatte ein hübsches Bankkonto. Davon hatte bis heute noch kein Zuhälter etwas bekommen.

Jetzt saßen sie in der Kneipe und tranken ein kühles Bier. Sie dachte an die Zeiten zurück, als das Verhältnis mit Zappel angefangen hatte. Aus Paul war Zappel geworden, weil dieser so zappelig war und sich stets nervös die roten Haare aus dem Gesicht strich. Seine Augen wanderten ständig umher.

Zappel, dieser Naturbursche, so breit wie ein Kleiderschrank aus dem achtzehnten Jahrhundert, träumte davon, ein mächtiger Zuhälter zu werden. Mit einem Schock Mädels, die für ihn auf den Strich gingen.

Dann würde er sich auch endlich einen Superschlitten leisten können. So ein Ungetüm aus Amerika, mit allem Drum und Dran. Er war wie besessen von dieser Idee.

Ella sollte ihm das Startkapital verschaffen. Aber dann musste er feststellen, dass er sie nicht so ausnehmen konnte, wie er sich das gedacht hatte. Nachdem er also offiziell seinen bürgerlichen Beruf aufgegeben hatte, hatte Ella ihn auf Taschengeld gesetzt. Alles andere bezahlte sie höchstpersönlich. Und sie brachte auch stets selbst das Geld zur Bank. Sie war großzügig, das musste man ihr lassen. Aber wo sie auch auftauchten in Deutschland, der Strich konnte noch so mies sein, überall merkten die anderen kleinen Luden ziemlich schnell, dass Ella die Hosen anhatte und Zappel tun musste, was sie wollte. Und das stank ihm. Wie konnte man den starken Kerl spielen, wenn man nicht mal bei der eigenen Alten aufmucken durfte?

Ella sah ihn scheel von der Seite an.

»Du brütest doch was aus?«

»Der Laden hier stinkt mir. Ist nichts los.«

Jonny kam, und sie gaben die Bestellung auf. Dann sagte Ella: »Es passt dir hier nicht? Wir sind doch gerade angekommen.«

»Aber reich werden wir auch nicht«, gab er gehässig zurück.

»Wenn du Grips hättest, könnten wir schon lange reich sein.«

»Jetzt liegt es also wieder an mir«, gab er wütend zurück.

»Du hättest ja nicht mitzukommen brauchen. Jetzt ziehen wir schon ziemlich lange durch die Gegend. Ich will mich bald sesshaft machen, Zappel.«

Er verdrehte die Augen zur Decke. Jetzt kam schon wieder die alte Leier. Seit er ihr Lude war, erzählte sie davon, dass man doch auch ganz gut heiraten könne. Auf einmal hatte sie diese Platte aufgelegt. Aber er wollte nicht. Zappel hatte Angst, wenn er sich band, würde er irgend etwas vom Leben verpassen.

Er wollte ein mächtiger Zuhälter werden. Vielleicht sollte er Ella den Laufpass geben und sich eine neue kleine Dirne suchen. Er lebte nun schon lange genug in diesem Millieu, um zu wissen, wie man sich die kleinen Mädchen fing. Aber irgendwie hatte er noch immer eine Scheu davor. Vielleicht hätte er es getan, wenn er eine ansehnliche Rücklage gehabt hätte. Aber die hatte er nicht, und in dem gleichen Augenblick, in dem er sich von Ella trennte, bekam er auch kein Geld mehr von ihr, und das Leben kostete nun mal was. Besonders wenn man Zuhälter war, musste man nur so mit dem Geld um sich werfen, je protziger, um so mehr war man angesehen. Knausern, das gab es nicht, dadurch machte man sich lächerlich.

Doch Ella hielt ihren Daumen auf das Geld, und er konnte sie auch nicht betrügen. An das Bankkonto kam er ohne Vollmacht nicht heran. Mit List und Tücke hatte er es versucht, aber sie hatte ihn nur angegrinst und gemeint: »Ich war schon Hure, da warst du noch gar nicht trocken hinter den Ohren. Also lass mich in Ruh, ich weiß schon, was ich will. Außerdem muss ich für mein Alter vorsorgen. Glaub bloß nicht, ich würde das ganze Leben auf den Strich gehen. Überhaupt, wenn man älter wird, hat man es schwerer, dann ist man eben nicht mehr so knackig. Ein paar Jährchen noch, und dann werden wir solide. Entweder du ziehst mit oder nicht.«

Das sagten alle Dirnen: Ein paar Jahre noch, dann höre ich auf. Aber die Wenigsten schafften es.

Zappel kannte die Angst der Strichmiezen. Alle träumten davon, ins bürgerliche Leben zurückzukehren, eine kleine Kneipe, ein Geschäft zu eröffnen, wenn sie älter wurden. Er, Zappel, brauchte sich keine Sorgen zu machen. Er konnte auch noch Lude sein, wenn er viel älter war, ja, dann hatte er erst mal die richtige Erfahrung.

Zappel musste es sich gefallen lassen, dass diese miesen Strichjonnys ihn auf den Arm nahmen. Auch heute hatten sie es wieder mal getan.

»Sollen wir mal eine Abordnung schicken, die deine Alte zur Räson bringt? Mensch, bald ist das bei euch so weit, dass du sie vorher noch fragen musst, ob du ein Bier trinken darfst«, lachten sie.

Er konnte das natürlich nicht ertragen und kochte innerlich. Nicht mal entladen durfte er sich, der rote Zappel mit den mächtigen Fäusten. Dazu waren sie zu neu in diesem Viertel, und sie würden natürlich sofort über ihn herfallen. Alle zusammen.

Nein, dies hier war keine Stadt. Er musste weg, er spürte es in den Fingerspitzen. Wenn ich woanders bin, dachte er, da schaffe ich es, da bin ich dann wer.

Er musste es also mit Freundlichkeit versuchen. Ella war sein Sprungbrett. Wenn er es erst mal geschafft hatte, dann würde sie vor ihm zu Kreuze kriechen.

»Hör mal, ich hab das nicht gern, wenn du dich für so ein paar Flöhe abstrampelst. Zum Schluss kommt doch nichts dabei heraus. Du bist zu schade für diese Stadt, Ella, du mit deinen Qualitäten. Hast ja nicht mal einen Stammfreier hier. Die sind ja so blöde, die Freier. Nein, wir müssen rauf, nach oben, da kannst du dich richtig entfalten.«

Schade, dachte die Dirne, eben war er noch so schön herrlich grob, und ich hab gedacht, jetzt hat er endlich Mumm. Mensch, wenn ich so eine Alte hätte, ich hätte die schon längst mal zusammengestaucht, ja, ich hätte mir das nicht bieten lassen. Mensch, diese trübe Tasse ist ja langweilig. Ich muss mir wirklich bald einen anderen Freund zulegen. Hab mir mehr von ihm versprochen.

Aber dann dachte sie auch wieder: Recht hat er ja, der Laden hier ist ja wirklich zum Einschlafen, da kriegt man Stempelbeine und hat noch nicht mal die Unkosten raus. Und was für miese Typen hier rumlaufen. Wirklich, Zappel hat nicht so unrecht, und was hält mich eigentlich davon ab, hier meine Zelte abzubrechen? Ich wollte die Dirnen hier mal auf Vordermann bringen, aber die sind ja so blöde, die kapieren ja nicht, dass man die Freier in der Hand hat, wenn man sich zusammentut. Man kann die Preise anziehen und so. In hundert Jahren laufen die noch so transusig herum wie heute.

Sie wollte aber nicht sofort klein beigeben.

»Aber das ist dann auch das letzte Mal«, gab sie zurück. »Dann leg ich mir ’ne Wohnung zu, mit allem Drum und Dran, und ich nehm mir eine in der Stadt und nicht im Strichviertel. Es muss eine Vierzimmerwohnung sein, du, und die richte ich mir dann ein, du wirst Augen machen.«

»Und du willst dann dort die Freier als Luxustülle empfangen?«, fragte Zappel.

»Bist du verrückt, damit mich die Bullen gleich einsperren? Nee, und damit ich selbst nicht auf die Schnapsidee komme, muss die Wohnung im Bannkreis liegen.«

Zappel wusste, dass ein großer Bannkreis, um jede Kirche lag.

»Nur zum Wohnen, und dann werden wir heiraten.«

Wieder dieses Wort.

»Hamburg«, sagte er hastig. »Was hältst du davon?«

Ellen zog die Augenlieder hoch. »Bist du verrückt, da war ich schon mal. Ich kann mich gar nicht so umgestalten, dass sie mich nicht wiedererkennen.«

Er grinste. Vielleicht konnte er sie so packen. »Die Bullen haben dich da also im Visier?«

»Quatsch, Ich bin doch nicht betorft. Nee, die Luden. Ich hab mit dem einen doch mal ganz schönen Ärger gehabt, mit dem wilden Wilfried, oder wie er hieß. Er hat dabei den Kürzeren gezogen. Nee, in Hamburg und Bremen kann ich mich nicht mehr blicken lassen. Das ist zu heiß.«

Zappel rieb sich die Stirn. Das war ja zum Verrücktwerden. Nur in Hamburg und Bremen war noch was los. Wo sollte man denn bloß hin? Er sollte wirklich die Alte wechseln. Vielleicht die kleine Biggi, sie schielte ihm so nach. Wenn er ihr schöne Augen machte, vielleicht ließ sie ihren Macker stehen und ging mit ihm? Er dachte angestrengt darüber nach, ließ es aber wieder fallen, weil ihm einfiel, dass die hier in der Innung war. Die Luden würden schneller da sein, als sie sich fortschleichen konnten.

»Bremerhaven«, sagte Ella, »also das könnt gehen. Und ich hab gehört, dort soll es ganz hübsch sein. Und Touristen kommen genug dahin. Wenn mich nicht alles täuscht, soll es dort einen sehr großen Fischereihafen geben, ich glaub sogar den größten von Europa. Du, da kommen sie dann alle an, und die Matrosen, Mensch, da kann man bestimmt was machen. Die haben eine feste Straße, ich hab so was läuten gehört. Mit festen Zimmer und so, das hab ich schon lange nicht mehr gemacht.«

»Aber das kostet doch alles nur was!«

»Mensch, du bist blöde, dann kann man aber auch im Winter so richtig loszocken, dass es kracht. Das bringt doch das lange Geld. Im Winter auf der Straße, Mensch, das hält keiner lange aus. Wir haben nämlich auch noch so etwas wie Nieren und Blasen, klar?«

»Du meinst, da ist schwer was los? Wie in Hamburg?«

Ella kicherte.

»Wenn bis jetzt dort nix los war, dann wird es aber sein, wenn ich komme. Ich bring die Mädchen schon auf Trab. Du wirst schon sehen. Ich hab noch mächtig viel Qualitäten in mir sitzen. Und wenn ich ein feines Zimmer krieg, vielleicht mach ich dann auf Peitschenella und so.«

»Du wirst nur abgemurkst!«

Sie lachte und schlug sich auf die Schenkel. Der Alkohol begann endlich zu wirken und gaukelte ihr eine heile schöne Welt vor. So war es immer gegen Morgen, wenn sie den Strich hinter sich hatte und ein paar Schnäpse im Magen. Jetzt war sie erstaunt, wieso sie noch nicht selbst auf die Idee gekommen war, oben an der Küste ihr Glück zu versuchen.

»Seeluft ist obendrein gesund«, sagte sie gähnend. »Und jetzt geh ich nach Haus, ich bin müde. Mensch, bin ich müde, meine Beine spür ich schon gar nicht mehr.«

Zappel musste sie stützen und wunderte sich wie jeden Tag, dass sie so schnell betrunken sein konnte. Ganz plötzlich. Zusammen schaukelten sie durch die dämmrigen Straßen zu der kleinen Pension zurück. Die ersten Frühschichten waren schon mit Fahrrädern unterwegs. Ein Auto bog um die Ecke, knallte ein Paket Zeitungen auf den Rinnstein.

Wenn andere aufstanden und den Lebenskampf von neuem aufnahmen, legte sich das sündige Leben schlafen.

 

 

3

Die Nacht hing noch wie ein schmutziggraues Tuch zwischen den Häuserzeilen. Nur zögernd brach die Sonne hervor. In der Rickmerstraße schien das Leben wie erstorben, in der Straße, in der bis zum frühen Morgengrauen die Musikboxen jaulten, die Mädchen sich zu einem saftigen Preis anboten. Seit einer Stunde aber lagen sie alle flach und schliefen. Die Tagschicht kroch nur zögernd aus den Federn. Sie sahen nicht alle appetitlich aus, diese abgewrackten Mädchen, die da zum Vorschein kamen. Und nur viel Schminke und Puder konnte die Falten und Runzeln überdecken. Eigentlich hätten sie sich nur nachts zeigen dürfen, dann hätte man es nicht so genau bemerkt. Aber in dieser Straße gab es eine absolute Ordnung. Nachts standen nur die Startüllen. Sie hatten dann das große Sagen in Bremerhaven. Nachts lagen die Preise auch viel höher, da machte man ja auch das ganz große Geschäft. Wer am Tag stand, der hatte es entweder nötig, denn der Zuhälter hatte mal wieder alles Geld ausgegeben und schickte sein Mädchen auf Doppelschicht, oder wie gesagt, man war schon halb abgeschrieben.

Aber am Tag kamen die Freier auch nur vereinzelt, die kleinen Büroangestellten, die schnell in der Pause angerannt kamen und dann befriedigt wieder fortzogen. Sie wollten in der Regel nur wenig Geld für die Sache anlegen, hatten auch nicht viel Zeit.

Und es gab auch viel Sehervolk. Solch eine Stadt war das ganze Jahr hindurch ein Anziehungspunkt für die Touristen, und natürlich sprach es sich ziemlich schnell herum, wo die Mädchen standen. Und die musste man eben auch gesehen haben, wie das Schifffahrtsmuseum und seit neuestem das Columbuscenter. Auch dort liefen sie herum, die kleinen Dirnen auf Männerfang. Nur musste man schon einen ziemlich guten Blick dafür haben, wer sich anbot und wer nicht. Denn sonst konnte man ganz hübsch auf die Nase fallen und sich eine Anzeige einhandeln.

In der Rickmerstraße konnte einem das eben nicht passieren. Und wer oft zu den Dirnen ging, der wusste auch, dass man am Tag nur den Abschaum und nachts die besten Startüllen zu sehen bekam. Diese hatten nämlich so etwas wie eine Rangordnung. In den besten Häusern lebten eben auch die erfolgreichsten Mädchen, und sie waren stolz darauf. Wie gut sie verdienten, das konnte man an den Zuhältern sehen. Diese lebten wie die Made im Speck, ganz besonders von den Luxusdirnen. Davon gab es in dieser Straße fünf Mädchen, die die Stange hielten. Und sie hatten sich wie gesagt im besten Haus eingenistet.

Zuerst einmal war da Jennifer Bolch, mit bürgerlichem Namen. Sie war das netteste und unkomplizierteste Mädchen vom Nachtstrich. Man munkelte sogar, sie habe Abitur, sei dann eben abgerutscht und käme jetzt nicht mehr aus dem Millieu heraus. Mit ihrem Zuhälter Rene Lamier war das wohl auch nicht so einfach, denn dieser ließ sie ganz bestimmt nicht so ohne weiteres ziehen. Rene war Franzose und der geborene Zuhälter. Er hatte eiskalte graue Augen und einen harten Mund. Ansonsten aber sah er einfach umwerfend aus. Er besaß nur immer die besten Mädchen, und Jennifer brachte ihm in Spitzenzeiten an die tausend Mark pro Nacht ein. Natürlich hatte er noch andere kleine Miezen am Rande der Stadt laufen. Sie brachten es auf achtzehntausend Mark im Monat. Nur durfte Jennifer nichts davon wissen, sie hielt Rene für ihren Verlobten und liebte ihn wirklich.

Zu Marina hatte sie einmal gesagt: »Ich brauche das einfach, sonst geh ich vor die Hunde.«

»Jeder braucht einen anständigen Kerl«, hatte Marina geantwortet.

»Nein, ich meine, ich brauche Liebe, verstehst du, richtige Liebe. Man bibbert am ganzen Körper, wenn man ihn nur sieht. Ich mag das einfach, das gibt einem das Gefühl der Geborgenheit, es ist. ..«

Marina hatte sie nicht ganz richtig verstanden. Liebe, bis man bibbert, nein, das kannte sie nicht. Ihre Mutter war Trinkerin, der Vater fast immer hinter Gittern, da kannte man keine Geborgenheit und schon gar keine Liebe.

Marinas Zuhälter war Marcel Oudier; er war auch Franzose. Eines Tages waren sie in Bremerhaven aufgetaucht und hatten sich die besten Rosinen aus dem Kuchen gepickt. Marina war nicht minder stolz auf ihren Marcel. Nur dass er stets schnell mit Prügel bei der Hand war, wenn sie mal faul war, das stank ihr mächtig. Sie war in der Tat träge, und wenn Marcel nicht immer nachhalf, gab sie sich wenig Mühe, die Kunden auf sich aufmerksam zu machen.

Marina war ein hübsches, langbeiniges Geschöpf. Sie hatte noch etwas Kindliches an sich, konnte sich über Kleinigkeiten freuen und war oft sogar noch ziemlich naiv. Das sollte wirklich etwas heißen in dieser Straße.

Neben diesen beiden gab es dann noch Debby mit ihrem Egon, ein rothaariges Geschöpf mit sehr vielen Sommersprossen. Die Kunden kamen zu ihr, weil sie es einfach wissen wollten, ob sie auch überall Sommersprossen hatte.

Egon, ihr Macker, war ein schmächtiges Bürschchen, hielt sich zwei Schläger und war ziemlich schnell mit der Pistole zur Hand. Deswegen fürchtete man ihn.

Eva kam aus München und sprach noch so. Sie hatte einen prachtvollen Busen und Stempel als Beine. Sie war das gutmütigste Mädchen in diesem Haus.

Eva liebte ihren Borwin, der aus Ungarn kam und so seelenvoll singen konnte, das heißt, wenn er betrunken war und das Heimweh ihn überkam.

Anke, die Letzte von den fünf, hatte ein Puppengesicht, lebte mit Olaf zusammen und war früher Sekretärin gewesen.

Es gab noch viel mehr Mädchen in der Rickmerstraße. Aber die hatten eben nicht das große Sagen. Im Augenblick, wie gesagt, schliefen sie noch. Erst am späten Nachmittag krochen die Ersten aus den Betten. Jennifer stand vor dem Spiegel und besah sich ganz gründlich. Hin und wieder tat sie das und suchte dabei nach Fältchen und Runzeln. Sie war erst vierundzwanzig, doch in diesem Beruf wurde man schneller alt. Und eine alternde Dirne war eben keine Startülle mehr. Man wartete sehnsüchtig darauf, sie vom Sockel zu stürzen. Junge, knusprige Mädchen, waren überreichlich im Angebot. Jennifer machte sich keine Illusionen, und sie trank auch nicht, rauchte nur mäßig und nahm fast keine Tabletten. Sie floh nicht vor der Wirklichkeit. Das hatte sie früher einmal getan und war dann auf dem Strich gelandet. Sie war jetzt auch nicht mehr so sentimental, sie sah dem Leben ins Gesicht und wartete und rechnete. Nein, sie wollte nicht als Strichmieze sterben, dazu war das Leben zu schön.

Natürlich sagte sie Rene nichts von ihren Wünschen und Plänen, überhaupt war sie sehr schweigsam. Rene, obwohl ein eiskalter Profi in der Zuhälterbranche, hörte doch auf seine Alte, wie man die Mädchen unter sich nannte.

Jennifer war klug und gerissen, und sie war es auch, die ihn dazu anhielt, das Geld anzulegen, es nicht einfach zu vertrinken oder in den Spielkasinos auszugeben. Natürlich musste man auf großem Fuß leben, das gehörte sich einfach, sonst war man hier abgeschrieben und galt eben nicht viel. Aber solange sie noch die Straße hier unter sich hatten, ging alles gut, und man hatte auch schon zwei Eigentumswohnungen erwerben können. Jennifer hatte sie bar bezahlt, und die Mieter wussten nicht, wer der Eigentümer war. Geld stank ja nicht.

Jennifer hatte darauf geachtet, dass die Wohnungen auf ihren Namen liefen. Rene hatte sich schon fügen müssen, weil er ein Ausländer war. Wenn er jetzt auch die Mieten einsteckte und Jennifer nichts davon abgab, so dachte sie eben immer an später und hatte ein hintergründiges Lächeln in den Mundwinkeln. An Verträgen mit Unterschrift eines Anwalts war nicht zu rütteln. Und außerdem war es ja ihr Geld . ..

Nein, sie hatte kein Fältchen gefunden und war noch immer nahtlos braun. Aber diese Bräune ließ auch langsam nach. Sie musste mal wieder rüber nach Sylt schippern. Ein verlängertes Wochenende, mal sehen, dachte sie, demnächst ist ja nicht viel los. Wenn erst mal die Fußballweltmeisterschaften anfangen, dann kriegt man keinen Kerl auf den Strich. Zumindest nicht, solange die Übertragungen laufen. Nachher sind sie ja ganz fein aufgekratzt und erregt, wenn sie nicht schon beim Zusehen zu viel getrunken haben. Mal überlegen, vielleicht sollte ich das ausnützen und ehe der große Sommerrummel anfängt, mal einen kleinen Urlaub auf Sylt machen. FKK, das macht sich zehnmal bezahlt. Und neue Klamotten brauch ich auch wieder. Diese alten Fummel. Vielleicht mal wieder ein Lederkleidchen mit Schlitzen und so. Ich muss doch mal sehen. Rene muss mit mir nach Hamburg, Mönkebergstraße, dort hab ich mein Stammgeschäft. Die wissen zwar, dass ich eine Nutte bin, aber sie behandeln mich wie eine Dame, schließlich lass ich immer eine Menge Geld da.

Wieder dieses hintergründige Lächeln. Sie holte sich den Morgenmantel, zog ihn über, fuhr sich kurz mit allen zehn Fingern durch die Haare und ging dann hinunter in den Hauptraum. Es war mal wieder so spät geworden, dass sie gleich hiergeblieben war. Rene und sie besaßen in der Innenstadt eine moderne Wohnung. Die Mädchen kannten sie nicht, und sie würde ihnen auch nie die Adresse geben, weil sie nicht wollte, dass man sie besuchen kam. Sie konnten sich doch nicht benehmen. Und wenn man im Hochhaus erst mal merkte, womit sie ihr Geld verdiente, dann würde ihr bestimmt gekündigt werden. Zu Dirnen kam man, wenn man wollte, aber man duldete sie nicht im selben Wohnblock, wegen der Frau, denn man hatte Angst, man könnte erpresst werden. Eine anständige Nutte tat das nicht, sie schwieg über ihre Kunden. Aber wer wusste das denn schon? Und woran konnten sie denn auch sehen, ob es eine anständige Nutte war oder nicht?

Marina kam in den Raum geschlendert.

»Auch schon da?«

»Wie du siehst.«

»Ist der Kaffee noch heiß?«

» Ja.«

Müde nahm sie die Kanne und goss sich ein. Im Augenblick waren sie alle recht lustlos, diese Mädchen, die sonst den Kunden vortäuschten, voller Leben und Feuer zu sein.

»Was ist los?«

»Du meinst draußen?«

»Klar!«

»Die Tagfrauen haben nicht viel zu tun. Na ja, die Touristen kommen ja auch noch.«

»Bei diesem Wetter, es ist zum Verrücktwerden. Jetzt könnte man direkt Überstunden machen, aber jetzt kommen sie nicht.«

Marina grinste. »Sie haben sich wohl alle einen Farbfernseher gekauft, und jetzt warten sie auf den Ersten.«

»Der verdammte Fußball! Eigentlich sollten wir eine Entschädigung erhalten. Er vermiest uns das ganze Geschäft.«

»Vielleicht verlieren sie gleich zu Anfang, dann müssen sie wieder zurück und die Sache ist gelaufen.«

Jennifer pustete. »Also du hast Wünsche!«

»Gehst du mit? Oder hast du was anderes vor?«

»Wieso? Wohin willst du?«

»Zum Columbuscenter und dann runter zum Hafen, nur so, mal andere Gesichter sehen.«

»Na schön, ich war noch nicht dort. Soll doll was los sein. Ich lass mich überraschen.«

»Ist es auch. Du, ich möcht mir da ’ne Wohnung nehmen!«

»Im Center?«, fragte Jennifer ungläubig.

»Ja, also das soll umwerfend sein, da verkauft so mancher seine Villa.«

Erregung stieg in ihr hoch. »Na, dann will ich mich mal beeilen, sonst verpasse ich wirklich noch etwas.«

Jennifer stopfte sich den Rest ihres Brötchens in den Mund, trank noch einen Schluck Kaffee und ging dann wieder nach oben auf das Zimmer.

Sie hatte Garderobe für alle Gelegenheiten hier oben. Es kam oft vor, dass sie gegen Morgen so hundemüde war, dass sie einfach nicht mehr fähig war, sich ein Taxi zu nehmen, um in die Wohnung zu fahren. Und dann hatte sie ja auch ein paar Stammkunden, die blieben oft die ganze Nacht bei ihr. Das kostete einen Tausender. Natürlich kam das nicht sehr oft vor. Sie seufzte. Solche Kunden müsste man öfter haben, dann wäre alles viel lustiger.

Sie schlüpfte in eine rote lange Hose, ein weißes Blüschen, eine kurze Lederjacke, Sandalen und suchte sich die passende Handtasche heraus. Noch einmal durch die Haare gekämmt, dezent die Lippen nachgezogen, und niemand würde merken, dass sie eine Nutte war. Marina stand schon an der Treppe, als sie kam. So zogen sie los. Zwei schöne Geschöpfe. Als die Tagfrauen die beiden Luxustüllen vorbeispazieren sahen, bekamen sie neidische Gesichter. Die konnten sich das leisten. Die mussten nicht hier stehen und um jede müde Mark froh sein. Die mussten nicht jeden beliebigen Freier bedienen, die konnten sie sich aussuchen und bekamen noch das große Geld. Es war zum Heulen. Diese beiden jungen Dinger konnten sich all das kaufen, was sie selbst bitter nötig gehabt hätten, teure Kleidung, tolle Frisuren und dergleichen mehr. Oft ließ der Zuhälter den Dirnen von der Tagschicht noch nicht einmal so viel, dass sie sich anständiges Essen kaufen konnten. So rutschten sie denn Stufe für Stufe weiter hinunter. Und eines Tages waren sie auch keine Tagfrauen mehr, dann mussten sie auf den Straßen oder was noch schlimmer war, auf den Hafenstrich gehen. Und dabei saß ihnen immer die Angst im Nacken: Was wird später, was wird, wenn ich nichts mehr verdiene, wenn ich meinen Körper nicht mehr verkaufen kann? Versicherung, Rente, das hatte man nicht. Man hatte ja in den Glanzzeiten nicht an später gedacht.

Nur ganz wenige Dirnen taten dies, solche wie Jennifer, Debby und Anke. Sie kamen auch meistens aus einem ganz anderen Millieu, sie dachten eben weiter.

Jennifer und Marina nahmen sich ein Taxi. Der Taxifahrer erkannte sie gleich. Alle Taxifahrer kannten die Mädchen. Schließlich wurden sie Nacht für Nacht gefragt, wo sie standen.

Er grinste sie an, wollte zutraulich werden, hoffte wohl, etwas gratis zu erhalten. Aber da war er bei den beiden an die Falschen geraten. Hochmütig und arrogant konnten sie sein, die Startüllen, und er wurde angefaucht, dass ihm Hören und Sehen verging. Da wurde er ganz klein, fragte nach ihren Wünschen und fuhr dann schnell weiter.

Wenig später stiegen sie vor dem Museum aus. Jennifer kannte es sogar. Marina nicht. Jetzt stand sie vor dem Platz und blickte hinüber auf das Columbuscenter. Es war wirklich umwerfend. Marina hatte nicht übertrieben. Zwei gigantische Hochhäuser standen nebeneinander, die Wohnungen waren großzügig, mit breitem Balkon und Fensterfront zur Weser hin. Von ihnen musste man einen wunderschönen Blick genießen können.

»Dort ist die Fußgängerzone. Komm erst mal mit, du wirst erstaunt sein. Da ist eine Ladenstadt, mit Straßen, so was hast du noch nie gesehen.«

Es stimmte tatsächlich. Unterirdisch war ein richtiges Straßennetz angelegt mit 356 verschiedenen kleinen Lädchen, zwei Kinos und zwei Hotels. Man konnte auch eine Bar aufsuchen oder ein Tanzlokal. Und dazwischen immer wieder die einzelnen Eingänge für die Wohnungen, die darüber lagen. Hier unten konnte man alles, buchstäblich alles kaufen. Und übergangslos gelangte man über Rolltreppen zu den anderen großen Warenhäusern, die direkt danebenstanden.

Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Man konnte auch immer wieder in kleinen Nischen Pausen machen. Man sah Mütter mit Kleinkindern, ältere Menschen, die sich zufällig hier getroffen hatten und nun zu einem fröhlichen Plausch zusammensaßen.

Hier unten war ein Fluidum, eine Stimmung, man konnte es einfach nicht beschreiben. Jennifer stand anfangs nur da und staunte wie ein Kind.

»Was hab ich dir gesagt?«, rief Marina fröhlich. »Was sagst du dazu?«

Zum ersten Mal nach langer Zeit war Jennifer regelrecht verwirrt. Sie hatte das Gefühl, ihr Leben glitte ihr durch die Hände, und ehe sie sich versah, war es zu Ende, und sie hatte es nicht wirklich genossen.

Da lebte man in der Rickmerstraße, ging dort dem ältesten Gewerbe der Welt nach, war für kurze Zeit in der eleganten Wohnung, aber meistens schlief sie sich dort nur aus oder tat irgend etwas Belangloses. Und dann ging man wieder auf den Strich, besessen von dem Wunsch, noch mehr Geld zu verdienen, und weil man ja auch einen Zuhälter hatte, der einen dazu anhielt.

Hier, hier war alles anders, man hatte anscheinend viel Zeit, war fröhlich, lustig, man sprach sich an. Man war wie eine ganz große Familie.

Sie gingen von Geschäft zu Geschäft und kauften all den Kleinkram, den man zum Leben brauchte, dazu ein paar Pullis. Knapp und kurz mussten sie sein und einen Ausschnitt sollten sie haben. Komisch, dachte die Dirne, alles ist auf meinen Beruf ausgerichtet. Einfach alles! Immerzu denke ich: Kann ich das auch brauchen, für die Kerle, um sie anzulocken?

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930641
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495602
Schlagworte
redlight street ella gauner zappel

Autor

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Titel: REDLIGHT STREET #54: Ella und der Gauner Zappel