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Das mörderische Dossier

2019 203 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Das mörderische Dossier

Copyright

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Das mörderische Dossier

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 203 Taschenbuchseiten.

Die Journalistin Karen hat ein brisantes Dossier über den machtbesessenen Ex-Senator Cross angelegt. Cross, der auf seinem geschichtsträchtigen Land eine eigene Privatarmee aufstellt, sorgt dafür, dass Karen stirbt. Aber noch hat er die Unterlagen nicht gefunden. Doch Cross glaubt, außerhalb des Gesetzes zu stehen. Was er wirklich vorhat, versetzt selbst die FBI-Agenten Trevellian und Tucker in blankes Entsetzen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Prolog

Die Shuttle-Maschine aus Chicago war soeben gelandet. Ein Strom von Menschen ergoss sich in die Halle von La-Guardia-Airport, New York, und vermischte sich dort mit den Wartenden. Die meisten Passagiere aus der Stadt am Lake Michigan kehrten von einem Business-Tagestrip zurück, waren büromäßig gekleidet und hatten nur Handgepäck bei sich.

Rein äußerlich unterschied sich Karen Sayles wenig von diesen Fluggästen, die zielstrebig auf die Ausgänge zusteuerten. In der einsetzenden Abenddämmerung schwärmten sie auf die Parkplätze aus, wo sie am Morgen vor dem Abflug ihre Autos abgestellt hatten. Nur wenige winkten sich vor dem Flughafenportal ein Taxi heran.

Karen widerstand dem Drang, sich umzusehen und nach Verfolgern Ausschau zu halten. Es gab keine. Das hoffte sie jedenfalls. Sie ließ sich im Strom der Menschen zum Ausgang hin treiben und dachte daran, dass sie kein normales Leben führte. Kein Leben wie all die Leute hier. Selbst als Journalistin, die sie war, hätte sie sich nicht dauernd in Gefahr bringen müssen. Aber nein, dachte sie in einem Anflug von Bitterkeit, das reicht dir ja nicht! Du musst ja unbedingt den Mächtigen dieser Welt hinterherschnüffeln und ihre Machenschaften ans Tageslicht zerren. Investigativer Journalismus nennt sich das dann so schön hochtrabend. Und toll, wenn man zu den Erfolgreichsten in dieser Branche zählt.

Der Preis dafür war die Angst. Auch diesmal wieder. Vielleicht war es schlimmer als je zuvor. Karen war einem Mann auf die Schliche gekommen, der in seiner Machtgier alle Grenzen überschritten hatte. Menschenleben waren für diesen Mann nur Mittel zum Zweck, die man nach Belieben manipulieren oder auslöschen konnte. Karen hatte ihn herausgefordert. Möglich, dass sie dabei ein bisschen zu weit gegangen war. Sie hatte sich gerade noch in Sicherheit bringen können. Doch es war eine trügerische Sicherheit, da machte sie sich nichts vor.

Am bedauerlichsten aber war, dass sie die Irrsinns-Story über den Mann, den sie »Eisengesicht« nannten, noch nicht an die Öffentlichkeit bringen konnte. Die letzten Beweise fehlten ihr. Sie hatte zu hoch gepokert. Und jetzt, bevor sie ihre Ermittlungen fortsetzen konnte, musste sie für eine Weile von der Bildfläche verschwinden. Das würde ihr am besten hier in New York gelingen.

Mit jedem Schritt, mit dem sie sich dem Airport Ausgang näherte, fühlte sie sich sicherer. Es würde alles gut werden. Bestimmt. Bis hierher hatte sie es schon geschafft. Das Flugzeug hatte keine Bombe an Bord gehabt, und genau genommen konnte nun nichts mehr passieren.

Karen trug einen Hosenanzug, der jenen Nadelstreifenanzügen nachempfunden war, wie sie männliche Manager in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts bevorzugt hatten. Die schlanke, sportlich wirkende Frau hatte ihr blondes Haar jungenhaft kurz frisieren lassen. Eine rote stilisierte Krawatte zur beigefarbenen Seidenbluse vervollständigte Karens maskulines Erscheinungsbild ebenso wie die flachen italienischen Maßschuhe.

Das Alter der Journalistin war schwer zu schätzen. Die wenigsten, die sie kennenlernten, tippten richtig. Viele hielten sie für Anfang zwanzig, ebenso viele für Mitte dreißig. Dass sie achtundzwanzig war, musste Karen immer erst ausdrücklich erklären.

Sie verlangsamte ihre Schritte, als sie das Portal des Gebäudes erreichte. Dort klappte sie die schwarze Schultertasche auf, in der ihr Notebook und ein bisschen Kleinkram steckten. Mehr brauchte sie nicht, nicht mal eine Zahnbürste. Ihre Schwester hatte immer alles für sie parat, auch wenn es sich um einen Überraschungsbesuch handelte, so wie heute.

Karen zupfte das Handy aus dem Futteral in der Tasche, tippte auf die Telefonbuchtaste und wählte Deannas Nummer aus.

»Rate mal, wer hier ist«, sagte sie statt einer Begrüßung.

»Karen!«, rief Deanna am anderen Ende der Verbindung. »Jetzt sag bloß, mit hier meinst du New York!«

»Ich wusste doch, dass ich eine schlaue Schwester habe.« Vor dem Ausgang wich Karen zur Seite und blieb stehen, damit die eiligen Leute an ihr vorbeihasten konnten.

»Ich fasse es nicht!« In Deannas Überraschung mischte sich hörbare Freude. »Einfach so aus heiterem Himmel aufzutauchen! Das ist mal wieder typisch für dich. Wann wirst du jemals vorher an rufen? Wo genau steckst du? Irgendwo im Stau?«

»Ich bin nicht mit dem Wagen hier, Dee.« Karen überlegte, ob sie sagen sollte, dass sie auf der Flucht war. Sie entschied sich dagegen. Erst wenn sie mit ihrer Schwester allein war, allein und abhörsicher, erst dann konnte sie erzählen, weshalb sie so plötzlich im Big Apple aufkreuzte. Also fügte sie hinzu: »Meine genaue Position ist Queens, knapp südöstlich von eurer scheußlichen Gefängnisinsel. Riley’s Island, oder wie heißt dieses Grusel-Eiland?«

»Rikers Island. Ohne Apostroph.« Deanna lachte knapp. »Du bist also auf La-Guardia-Airport?«

»So ist es.«

»Dann hätte ich dich doch abholen können! Das heißt, das kann ich immer noch, wenn du wartest.«

»Brauchen Sie ein Taxi, Madam?«

Die Stimme, die sich in das Gespräch einmischte, war männlich, mit einem gurrenden indischen Akzent beladen. Karen wandte den Kopf. Sie hatte den Mann nicht mal bemerkt. Er musste sich durch das Gedränge herangeschoben haben. Ein dunkelhäutiger Grinser. Seine Augen glänzten kohlefarben, und das schwarze Haar schimmerte ölig. Wie alle Typen aus seiner Branche hatte er den Blick für Leute, die eine Fahrgelegenheit suchten.

»Hey!«, rief Deanna. »Was ist das da? Ich denke, Gypsy-Cabbies gibt’s nur am Kennedy-Airport, wo die Touristen drauf reinfallen. Scheuch den weg, Schwesterherz, aber pronto!«

»Ich bin doch keine Touristin«, erwiderte Karen und lachte, während der Inder, Pakistani oder Bangladeschi sie erwartungsvoll und diensteifrig anstrahlte. Sie gab sich heiter und unbefangen. Dieser Kerl durfte auf keinen Fall spüren, dass sie ihn erst einmal für verdächtig hielt – bevor das Gegenteil bewiesen war. Sie fügte hinzu: »Ich bin zwar auch keine New Yorkerin, aber ein bisschen kenne ich mich doch aus.«

»Na und?«, sagte Deanna wenig beeindruckt. »Pass bloß auf, Karen. Fall nicht auf solche Kerle rein. Du weißt doch, dass die statt einer Taxi-Lizenz ein Vorstrafen-Register mit Vergewaltigungen und Raubüberfällen mit sich rumschleppen. Das Risiko, dass du nicht lebend hier bei mir ankommst, ist also unvertretbar hoch.«

»Was für ein Empfang!«, seufzte Karen. »Todesdrohungen statt netter Worte!«

»Nur ein gut gemeinter Rat«, korrigierte ihre Schwester sie. »Eigentlich überflüssig. Weil du als Top-Journalistin doch auch top-informiert sein müsstest.«

»Bin ich auch«, seufzte Karen amüsiert. »Und wie es aussieht, bist du nicht auf dem Laufenden. Gypsy-Cabs waren früher mal illegal. Deine Vorurteile stammen also aus der Steinzeit. Heute sieht die Sache total anders aus.«

Deanna war nicht überzeugt. »Wenn du dich da mal nicht irrst, Schwesterherz. Die einzigen verlässlichen Taxis in New York sind die Yellow Cabs. Weil die eine Lizenz haben. Und gesetzlich festgesetzte Preise. Und Fahrer mit Dienstausweis.«

»Bin ich jetzt mit der Yellow-Cab-Lobby verbunden?«, fragte Karen mit gespielter Verwunderung.

»Nein, nur mit einer Ortskundigen, die sich hier ein bisschen besser auskennt als ein Provinzgirl aus Chicago.«

Karen schmunzelte. Sie kannte ihre Schwester, und sie hörte heraus, dass Deanna sich bemühte, nicht pikiert zu klingen. Als die Ältere von beiden hatte sie sich insgeheim immer gewünscht, auch die Klügere zu sein. Doch Karen, drei Jahre jünger als Deanna, hatte schon in der Elementary School mit den besseren Noten geglänzt. Und dann hatte sie auch noch studiert, während Deanna gleich nach der Highschool mit dem Geldverdienen begonnen hatte.

Aber die beiden Schwestern hatten sich nie ernsthaft gestritten. Sie verstanden sich prächtig. Daran hatte sich bis heute nichts geändert. Ihre Bindung war noch enger geworden, seit ihre Eltern sich in Florida zur Ruhe gesetzt hatten. Karen und Deanna waren seitdem so was wie die großen Mädchen, die nun allein zurechtkommen mussten.

Ihre beruflichen Laufbahnen hatten sie in die beiden großen Städte geführt, deren Einwohner eine herzhafte Rivalität pflegten. Für die acht Millionen New Yorker war Chicago mit seinen lächerlichen drei Millionen Einwohnern ein kleines Nest. Dafür hielten die Chicagoans alle New Yorker für arrogante Besserwisser.

»O mein Gott!«, rief Karen wie eine ertappte Übeltäterin. »Wie konnte ich bloß an deinem Sachverstand zweifeln! Sorry, sorry, sorry!«

»Akzeptiert. Aber wage es nicht noch mal, mich zu kritisieren. Verstanden?«

Deanna kicherte.

Karen stimmte in die Heiterkeit ihrer Schwester ein. Dann fragte sie: »Wie lange werde ich brauchen, bis ich bei dir eintreffe – im Herzen der Welthauptstadt?«

»Wenn du dir ein ordentliches Taxi nimmst«, frischte Deanna die Belehrung ihrer Schwester auf, »müsstest du in einer halben Stunde hier sein.«

»Na, dann ruf schon mal den Pizza-Service an.«

»Wird gemacht. Napoli für dich?«

»Klar, wie immer.«

Karen steckte das Handy zurück ins Taschenfutteral und sah den Strahlemann an. Wahrscheinlich tat sie ihm Unrecht. Er sah ehrlich aus. Möglich, dass er illegal ins Land gekommen war. Nein, eher unwahrscheinlich. Mit seinem Job setzte er sich einem zu hohen Risiko aus, geschnappt zu werden. Schließlich konnte er an jeder Ecke in eine Polizeikontrolle geraten. Also besaß er eine Green Card und hatte wahrscheinlich eine riesige Familie zu versorgen. Frau, Kinder, Eltern, Schwiegereltern, Großeltern. Wenn es so war, konnte einem der arme Kerl Leid tun.

»Woher kommen Sie?«, fragte Karen.

»Astoria, Queens, Madam, ganz in der Nähe.«

»Nein, ich meine, aus welchem Land.«

»Indien, Madam.«

»All right. Und haben Sie eine Lizenz für Ihr Taxi?«

»Selbstverständlich, Madam.« Der Inder griff in die Brusttasche seines grauen Windbreakers und brachte eine Plastikhülle in Kreditkartengröße zum Vorschein.

»Sullivan Car Company, Livery Cabs«, las Karen vor. »Name des Fahrers: Vasu Nayaran.« Sie verglich das Passfoto mit dem Mann. Ihre letzten Bedenken schwanden. »Okay, Mr. Nayaran. Was verlangen Sie für die Fahrt nach Manhattan-Midtown, Nummer fünfhundert-zwölf Lexington Avenue?«

»Zwanzig Dollar«, antwortete der Inder prompt, als würde er das Fahrtziel schon lange kennen. Er steckte seinen Ausweis ein.

Karen schüttelte den Kopf. »Sie sind verrückt. Für ein paar Bucks mehr kriege ich ein richtiges Yellow Cab von Kennedy-Airport nach Manhattan. Und die Strecke ist ungefähr dreimal so lang. Ich weiß, wovon ich rede. Okay?«

Der Inder warf die Arme hoch. »Wann waren Sie das letzte Mal in New York, Madam? Alles wird teurer! Die Preise steigen wie verrückt, das wird Ihnen jeder hier bestätigen. Dagegen kann ein Mann kaum noch arbeiten.«

»Quatsch«, sagte Karen. »Sollen mir jetzt die Tränen kommen?« Sie schob sich an ihm vorbei und ließ ihn stehen.

»Madam, warten Sie!« Er folgte ihr, überholte sie und tänzelte rückwärts vor ihr her. Händeringend flehte er: »Seien Sie mir nicht böse, bitte! Ich habe doch nicht gewusst, dass Sie sich hier auskennen! Ich muss alles versuchen, wissen Sie. Wenn ich nicht heraushole, was herauszuholen ist, bin ich nächste Woche pleite. Allein für das Taxi zahle ich hundert Dollar im Monat. Dann die anderen Kosten! Meine Frau und ich haben zwei Kinder. Was meinen Sie, wie teuer die sind!«

Karen musste lächeln. Sie blieb stehen. »Also, Mr. Nayaran, wenn Sie so weitermachen, adoptiere ich Sie noch.«

Er lachte und senkte verschämt den Kopf. »Was würden Sie von fünfzehn Dollar halten?«

»Meinetwegen«, seufzte Karen ergeben. »Ein Drittel davon betrachten Sie bitte als freiwillige Spende von mir.«

Er strahlte wieder. »Danke, Madam, danke! Haben Sie keinen Koffer? Soll ich Ihnen die Tasche abnehmen?«

»Weder noch«, antwortete Karen. »Tun Sie nichts anderes, als mich nach Manhattan zu fahren. Und zwar möglichst sofort.«

Nayaran dienerte und eilte voraus. Er führte Karen zu einem blitzblanken Chevrolet Impala. Der dunkelblaue Metallic-Lack funkelte im Licht der Straßenlampen, die sich bereits eingeschaltet hatten. Der Wagen gehörte zum neuesten Modelljahrgang, konnte also noch nicht mal ein Jahr alt sein.

Es wunderte Karen nicht. Die Sullivan Car Company war offenbar eine jener Firmen, die den schlechten Ruf der Branche durch ein möglichst niedriges Durchschnittsalter ihrer Fahrzeugflotte wettzumachen versuchten. Zur Finanzierung nötigte man Fahrern wie Vasu Nayaran dann Knebelverträge auf, durch die sie in hoffnungslose Abhängigkeit von ihrem Arbeitgeber gerieten.

Karen setzte sich in den Fond des Chevrolet und bezahlte den Inder im Voraus. Inzwischen hatte sie tatsächlich Mitleid mit ihm. Deshalb war sie drauf und dran, ihm doch die zwanzig Dollar zu geben. Aber sie zwang sich zur Vernunft. Mitleid war die eine Sache, Wucher die andere.

Im Labyrinth des Verteilersystems vor dem Airport fand sich Karens Fahrer mit traumhafter Sicherheit zurecht. Nur gedämpft waren die Triebwerke der Passagierjets zu hören, die im Minutentakt von La-Guardia starteten und über dem East River und dem Long Island Sound steil in den Abendhimmel aufstiegen.

Am westlichen Horizont ragte das Wolkenkratzer Massiv von Manhattan in die Abenddämmerung. Gebäudeberge und -täler waren mit Millionen von Lichtpunkten besetzt. Eine überwältigende Vorstellung, dass jeder dieser glimmenden Punkte für ein Zimmer stand, ein Büro, mit Menschen darin.

Karen fühlte sich klein und unbedeutend bei diesen Gedanken. Dabei glaubte sie immer, dass sie durch ihren Job etwas bewegen konnte. Dass sie den Menschen mit den Informationen, die sie lieferte, Einsichten und Erkenntnisse vermittelte, ebenso Entscheidungshilfen, die für das tägliche Leben nützlich sein konnten.

Doch wer von den vielen Millionen Leuten hier in New York hatte überhaupt jemals von ihr gehört? Bestenfalls die Gründlichsten unter den Zeitungslesern, eine kleine Schar von Wissensdurstigen, die grundsätzlich jede gedruckte Zeile in ihren Lieblingsblättern verschlangen.

Mach dich nicht selber klein, beschwerte sich Karens innere Stimme. Deine Berichte sind ein bisschen anspruchsvoller, das weißt du. Weshalb hätten sie dir sonst all die Auszeichnungen verliehen? Und warte mal ab, der Pulitzer-Preis kommt auch noch. Du bist nur noch einen Schritt davon entfernt. Im investigativen Journalismus gehörst du zu den Top Ten in unserem wunderbaren Land. Darauf darfst du wir was einbilden, meine Liebe.

Karen lächelte im Halbdunkeln des seidenweich dahinschnurrenden Wagens. Auf der mittleren Fahrspur zogen sie an langsameren Autos vorbei, links huschten lautlos diejenigen vorbei, die es sich erlaubten, das Tempolimit zu überschreiten. Karen holte sich aus ihren Tagträumen zurück.

»Brauchen Sie Kleingeld für die Triborough Bridge?«, fragte sie, als sie die sechsspurige Fahrbahn des Astoria Boulevard erreichten.

Vasu Nayaran lachte und warf ihr einen Blick durch den Innenspiegel zu. »Ist im Preis drin, Madam. Wir sind an das EZ-Collect-System angeschlossen. Also alles elektronisch.« Er zeigte auf eine flache Box auf dem Armaturenbrett.

Karen lehnte sich zurück. Sie hatte ihm vor allem klar machen wollen, dass sie sich auskannte. Dass er nicht erst zu versuchen brauchte, Abkürzungen zu nehmen, wo dann in einer finsteren Ecke seine Komplizen warteten, um sie auszurauben.

»Soll ich das Radio einschalten?«, fragte der Inder.

»Nichts dagegen einzuwenden«, antwortete Karen.

»Musik oder Nachrichten?«

»Musik, wenn’s nicht gerade Heavy Metal ist.«

»Keine Sorge.« Nayaran tippte auf den Stationstasten herum, bis ein sanfter instrumentaler Evergreen ertönte.

Ihr Fahrer sah sie erneut durch den Innenspiegel an, diesmal forschend und ernst. Sie bemerkte es nicht.

»Ich muss kurz anhalten«, sagte Nayaran. »Nur mal kurz auf den Parkplatz da vorn.« Er zeigte auf ein Schild am Fahrbahnrand und wechselte auf die rechte Fahrspur, noch während er sprach.

Karen schrak auf. »Moment mal!«, protestierte sie. »Das kommt nicht in Frage. Fahren Sie weiter.«

»Tut mir Leid, Madam.« Nayaran machte ein zerknirschtes Gesicht zum Spiegel hin. »Es ist sozusagen ein Notfall. Es geht nicht anders.« Er betätigte bereits den Blinker.

»Was?«, rief Karen aufgebracht. »Erzählen Sie mir nicht, dass wir eine Panne haben! Mit einem neuen Wagen!«

»Nein, nein, Madam.« Der Inder ächzte schuldbewusst. »Es ist mir mächtig peinlich, aber es ist ... es ist ein ... wie nennt man das ... dringendes Bedürfnis.«

Karen verdrehte die Augen. »Das darf doch nicht wahr sein«, stöhnte sie. »Halten Sie gefälligst durch. Fahren Sie weiter, Mann!«

»Geht nicht, Madam, geht beim besten Willen nicht.« Nayaran jammerte jetzt, zog seinen Chevy bereits auf die Abbiegespur. »Ich will doch nichts weiter als eine kurze Pinkelpause. Was ist denn daran so schlimm?«

Karen packte die Rückenlehne seines Sitzes und rüttelte daran. »He, hören Sie! Schluss damit, ja? Entweder fahren Sie sofort zurück auf den Highway, oder Sie halten an und lassen mich aussteigen!«

»Madam, bitte!«, bettelte der Inder. »Bitte regen Sie sich nicht auf. Es gibt überhaupt keinen Grund zur Aufregung.«

Das Scheinwerferlicht fächerte auf den völlig unbeleuchteten Parkplatz. Eine hohe Mauer schirmte das Areal von den angrenzenden Grundstücken ab. Unkraut wuchs aus Löchern im Asphalt und aus Rissen im Mauerwerk.

Karen spürte Wut und Panik zugleich in sich aufsteigen.

»Zurück auf den Highway!«, schrie sie. »Oder ich rufe die Polizei!« In fliegender Hast klappte sie ihre Schultertasche auf.

Sie begriff nicht, dass sie das Unheil damit nur beschleunigte.

Vasu Nayaran sprach plötzlich nicht mehr. Stattdessen rammte er das Gaspedal auf den Bodenteppich. Die starke Sechszylindermaschine katapultierte den Impala vorwärts.

Die Beschleunigung warf Karen zurück. Sie verlor die Tasche aus der Hand. Wertvolle Sekunden verstrichen mit ihrem verzweifelten Bemühen, sich aus den weichen Lederpolstern hochzustemmen. Sie schrie, und sie dachte daran, dass sie besser auf die Warnung ihrer Schwester gehört hätte.

Der eben noch so freundliche Gypsy-Cabbie beachtete sie nicht mehr. Mit verbissener Konzentration jagte er auf die Mauer zu. Erst kurz vorher riss er den Wagen herum. Die Reifen radierten wimmernd auf dem Asphalt.

Im scharfen Schwenk der Scheinwerfer glänzte schwarzer Lack auf. Nur für den Bruchteil einer Sekunde.

Ein anderer Wagen, durchzuckte es Karen. Also alles geplant! Die haben hier auf mich gewartet. Und dieser Mistkerl von Fahrer steckt mit denen unter einer Decke!

Endlich bekam sie ihre Tasche wieder zu fassen.

Nayaran stieg in die Bremse. Der Chevy ging in die Knie, schaukelte wild.

Karen wurde nach vorn geschleudert, gegen die Sitzlehnen. Doch diesmal hielt sie die Tasche eisern fest. Und als sie sich zurückwarf, halb auf die Sitzbank, schaffte sie es, ihr Handy herauszuziehen.

Im selben Augenblick wurde die Fondtür aufgerissen, rechts von ihr. Mit der kühlen Abendluft

wehte eine Atemwolke herein, die nach Zigarettenrauch roch.

Karen schrie, voller Angst diesmal. Sie sah noch die schwarze Gestalt und das Weiße der Augen. Sie umklammerte ihr Handy, versuchte mit zitternden Fingern, die Tastenkombination 911 auszumachen.

Ein Schlag von greller Härte vereitelte ihren Versuch schon im Ansatz. Der Schlag klang in ihrem Kopf nach wie eine Glocke im Turm, wurde leiser und leiser und leiser.

Wattige Schwärze umfing sie.

 

*

 

Als Karen wieder zu sich kam, lag sie auf dem Rücken. Der Boden unter ihr war kalt und rau. Wie aus weiter Ferne hörte sie das Vorbeirauschen der Autos auf dem Astoria Boulevard. Sie sah den Abendhimmel und einen startenden Jet.

Karen fror, obwohl das Wetter in New York jetzt, Ende Mai, schon fast sommerlich war. Doch die Kälte, die sie zittern ließ, rührte nicht vom Wetter her. Es war ihre Nähe zu dem Gestank von Motoröl, Reifenabrieb und Auspuffgasen, der vom Asphalt aufstieg. Es war ihre Nähe zu dem übel riechenden Unkraut, das dort wuchs, wo sie lag, zwischen der schwarzen Limousine und der gut zehn Fuß hoch aufragenden Mauer.

Und letztlich waren es diese Kerle, die sich um sie herum aufgebaut hatten und ihr die Kälte der Furcht einflößten.

Niemand störte sie auf dem Parkplatz.

Denn kein normaler Mensch kam auf die Idee, bei Dunkelheit ein solches Gelände anzusteuern. New York war noch immer ein gefährliches Pflaster, auch wenn es sich heutzutage rühmte, die sicherste Großstadt der USA zu sein.

Vier Kerle.

Alle in Schwarz, von Kopf bis Fuß.

Die Maskenhauben hatten Löcher für Augen, Nase und Mund.

Diese Szene in einem schlechten Fernsehkrimi, und man hätte die Nase gerümpft. Karen wusste jedoch, dass die Wirklichkeit bisweilen Szenen schrieb, die keinem Drehbuchautor abgekauft worden wären.

Das Schlimme aber war, dass man diese schwarzen Figuren aus dem Film namens Wirklichkeit nicht herausschneiden konnte. Und weder mit einem Naserümpfen noch mit einem verächtlichen Knurren konnte man sie verscheuchen.

Sie waren tödliche Realität.

Karen machte sich da nichts vor.

Seit sie in ihrem Beruf auf Risiko spielte, wusste sie, womit sie zu rechnen hatte. Die schlimmste aller Befürchtungen war nun eingetreten. Daran gab es nichts mehr zu rütteln. Eines Tages hatte es so kommen müssen.

Und sie brauchte sich nicht umzudrehen, um nach ihrem Gypsy-Cabbie und seinem schönen neuen Chevy zu sehen. Er war verschwunden. Garantiert. Wenn er Glück hatte, hatten sie ihn am Leben gelassen. Das setzte allerdings voraus, dass er keinen von ihnen zu Gesicht bekommen hatte.

Karen wusste, es war die Aussichtslosigkeit ihrer eigenen Lage, die sie dazu brachte, sich über den Inder den Kopf zu zerbrechen. Genau genommen hatte er es nicht verdient, heil davonzukommen.

Durch ihn war sie schließlich in diese Lage geraten, auch wenn er nur ein Handlanger gewesen war.

All das änderte jedoch nichts an der Gewissheit, dass sie ihren Verfolgern so oder so nicht entronnen wäre.

Eine Schuhspitze traf ihre Hüfte. Kein Tritt, eher die Art, wie man einen Tierkadaver berührte, um festzustellen, ob noch Leben darin war.

»Wieder klar im Kopf?«, fragte eine tiefe und raue Männerstimme.

Als Karen nicht sofort antwortete, knurrte ein anderer: »Du bist gemeint, Schlampe!«

Karen beschloss, darauf nicht zu reagieren. Deshalb presste sie die Lippen zusammen. Sie wusste, dass ihre Bezwinger ihr Gesicht sehen konnten. Vom Highway fiel schwaches Licht herüber, und es war ohnehin noch nicht vollends dunkel.

Diesmal kassierte sie einen richtigen Tritt.

Schmerzerfüllt stöhnte sie auf. Auch ihr Kopf begann jetzt zu schmerzen, oberhalb der Stirn, wo sie der Hieb getroffen hatte.

Der mit der rauen Stimme sprach wieder. »Du solltest lieber mit uns reden, Schreiberling. Du merkst doch, wie schmerzempfindlich du bist. Was meinst du, was dir bevorsteht, wenn du nicht den Mund aufmachst.«

Karen krächzte, räusperte sich. »Ich kenne Ihre Stimme«, sagte sie.

»Das macht alles noch schlimmer für dich«, erwiderte der Mann, der eindeutig der Wortführer der Kerle war.

»Ich weiß.« Karen bemühte sich, so unerschrocken wie möglich zu klingen. Doch sie wusste, dass es ihr nicht gelang. Aus jeder Silbe, die sie von sich gab, musste ganz einfach die Angst klingen. Weshalb, in aller Welt, hatte sie geglaubt, dass die Macht des Größenwahnsinnigen aus Montana nicht bis nach New York reichte?

»Und?«, bellte der Anführer.

»Nichts weiter«, entgegnete Karen. »Ich habe nichts zu sagen.«

»Das würde ich mir aber noch mal gut überlegen!«, höhnte er. »Sag uns, wo wir finden, was wir suchen. Dann werden wir dir keine weiteren Schmerzen zufügen. Wenn du aber nichts sagst, wirst du dir wünschen, nicht geboren worden zu sein.«

»Keine Ahnung, was Sie suchen.«

Sofort trat einer der Kerle zu, härter und heftiger diesmal.

Karen schrie auf. Doch in dem Verkehrslärm der sechs Fahrspuren ging ihr Schrei unter wie ein Piepsen.

»Ich habe nichts«, wimmerte sie. »Überhaupt nichts mehr. Ich habe alles gelöscht. Auf der Notebook-Festplatte sind nur noch meine Adress-Dateien. Sehen Sie doch nach!«

»Stell dir vor, das glaube ich dir sogar«, erwiderte der Anführer spöttisch. »Aber wenn du denkst, du kannst uns verarschen, hast du dich geschnitten. Glaubst du, wir können nicht ... recherchieren? So hochtrabend nennt ihr Schreiberlinge es doch, wenn ihr rumschnüffelt, richtig?«

»Ja.«

»Na also. Unsere Schnüffelei hat sich jedenfalls gelohnt. Wir wissen, warum du ausgerechnet nach New York geflogen bist.«

Ein glühender Stich durchfuhr Karen. Deanna, dachte sie und stöhnte gequält auf. O mein Gott!

»Geschwisterliebe!«, lachte ihr Peiniger. »Ist viel wert, wenn man abhauen muss, was? Jetzt denk aber bloß nicht, dass wir oberflächlich waren beim Recherchieren. Deanna-Baby lebt zwar allein, aber richtig allein ist sie trotzdem nicht, stimmt’s? Ihr Töchterchen, die kleine Jessica, ist gerade mal sieben. Sie lebt nur deshalb bei Deannas Ex-Mann, weil der das Sorgerecht gekriegt hat.«

»Nein!«, schrie Karen ihre Seelenqualen hinaus. »Tun Sie ihr nichts! Bitte tun Sie ihr nichts!«

Alle vier Kerle lachten wiehernd.

»Kein Problem«, schnaufte der Wortführer schließlich. »Sag uns einfach, wo die Dateien sind, die wir suchen. Schon passiert keinem was.«

Karen unterdrückte ihren inneren Schmerz, dachte angestrengt nach – und schaffte es, sich in Sekundenschnelle eine neue Taktik zurechtzulegen.

»Es stimmt, was ich gesagt habe«, erklärte sie, nach Atem ringend. »Ich selbst habe nichts mehr.«

»Aha.« Der Mann mit der rauen Stimme schien bereit, sich besänftigen zu lassen. »Wenn du sie nicht hast, wo sind dann deine Dateien?«

»Überall«, behauptete Karen. »Bei jeder Zeitungs- und Illustrierten-Redaktion in den Vereinigten Staaten und Kanada. Alle haben das Material gekriegt – per E-Mail.«

Einen Moment lang war nur das Vorbeirauschen der Autos auf dem Astoria Boulevard zu hören.

Dann sagte der Wortführer gefährlich leise: »Komm mir bloß nicht so, du Miststück. Du hältst uns wohl für total blöd, was?«

»Nein!«, beteuerte Karen. »Das würde ich nicht wagen. Wie sollte ich denn, so, wie es aussieht?«

»Dir traue ich alles zu.« Der Mann stieß einen wütenden Laut aus. »In Montana bist du uns entwischt, okay. Aber wir haben deine Spur verfolgt – über Chicago nach New York. An einem dieser beiden Orte hast du deine Dateien versteckt – auf einer Festplatte, die wir finden werden, ob du es uns sagst oder nicht. Aber vergiss nicht: Wir werden dir keine Schmerzen zufügen, wenn du es ausspuckst. Wenn du es für uns einfacher machst, wird es auch für dich einfacher.«

Das Sterben?, dachte Karen voller Verzweiflung. Schon in Montana, wo sie dem absolut Unfassbaren auf der Spur gewesen war, hatte sie feststellen müssen, wie grausam und zynisch diese Männer waren. Allen voran ihr Auftraggeber, Eisengesicht. Er war Ex-Senator und hieß Morgan Jefferson Cross. Ein Mann, der sich einbildete, die Welt beherrschen zu können – eines Tages. Mit einem Teil der Welt hatte er schon mal angefangen. Und Karen war ihm auf die Spur gekommen, dort in Montana.

»Ich sage die Wahrheit«, erklärte sie trotzig. »Der Senator muss jeden Tag damit rechnen, dass mein Bericht veröffentlicht wird. Da wird es Ihnen überhaupt nichts nützen, wenn Sie mich zum Schweigen bringen.«

Wieder brachen die Kerle in Gelächter aus.

»Kein Schwein wagt das«, sagte der mit der rauen Stimme. »Der Senator ist viel zu mächtig. Keiner wird auch nur eine Zeile von dir drucken. Weil es einfach zu riskant ist. Sogar dein Verleger hat den Schwanz eingezogen. Was meinst du denn, warum er dich gefeuert hat? Weil er so begeistert von deiner Story war?«

Erneut wieherten die Schwarzgekleideten los.

»Er hat mich nicht gefeuert«, entgegnete Karen. »Das kann er gar nicht, weil ich Freiberuflerin bin.«

»Na und?«, schnaubte der Anführer. »Dann kriegst du eben keine Aufträge mehr vom Michigan Morning Star, und das kommt ja wohl aufs selbe raus.« Er stieß ein kurzes, abgehacktes Lachen aus und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber unterm Strich spielt das alles sowieso keine Rolle mehr für dich. Oder sehe ich das falsch?«

»Nein«, antwortete Karen erstickt.

Tränen füllten ihre Augen, verschleierten ihren Blick. Karen wusste, dass es keine Gnade für sie geben würde. Sie hatte zu viel riskiert, hatte sich zu weit vorgewagt. All das, was sie in Computerdateien und letztlich in ihrem Kopf gespeichert hatte, war verbotenes Wissen.

Morgan Jefferson Cross war der Mann, der dieses Verbot erlassen hatte.

Denn er hielt sich für allmächtig.

Er war größenwahnsinnig.

Karen hörte ihn noch, wie er prahlte.

Was ich sage, ist wie Gottes Wort. Wer dagegen verstößt, ist des Todes. So werde ich mir die Welt untertan machen.

»Ich frage dich zum letzten Mal«, sagte Karens Peiniger. »Willst du reden?«

Karen antwortete nicht. Aber sie hatte sich trotz allem einen Funken Überlebenswillen bewahrt. Sie war nicht auf die Welt gekommen, um in diesem Gestank von Dreck und Asphalt zu enden. Nein, um Himmels Willen, sie wollte sich nicht wehrlos in ihr Schicksal ergeben.

Deshalb spannte sie die Muskeln, und blitzschnell, ohne dass der Ansatz ihrer Bewegung zu erkennen gewesen wäre, zog sie die Beine an. Es gelang ihr sogar, die Männer zu überraschen, wie sie federnd zwischen ihnen hochkam.

Doch sie schaffte keine zwei Schritte, dann waren ihre Bezwinger über ihr. Und mit grausamer Gewalt begannen sie zu tun, was ihnen aufgetragen war – alle Datenspeicher zu vernichten, die belastendes Material über jenen Mann enthielten, der sich zum gottgleichen Herrscher aufschwingen wollte.

Karens Gehirn war einer dieser Speicher.

Deshalb durfte es nicht länger existieren.

So lautete die Anweisung von Morgan Jefferson Cross. Wenn seine Gefolgsleute von ihm sprachen, verwendeten sie stets den Namen, unter dem sie ihn anbeteten.

Es war dieser Name, der in Karen Sayles’ verlöschenden Gedanken nachhallte wie der Donner des Weltuntergangs.

Eisengesicht ...

Eisengesicht ...

Eisengesicht ...

 

Kapitel 1

Der Hausmeister begleitete uns in den achten Stock des Gebäudes an der Lexington Avenue. Er hatte sich telefonisch angekündigt, nachdem wir ihm erklärt hatten, um was es ging. Wir, das waren Milo und ich und eine Notärztin und ihr Helfer.

Wir wollten Deanna Turner nicht allein lassen in den Minuten, die wir vom Eingang im Erdgeschoss bis zu ihrer Wohnungstür brauchten. Denn wir hätten unsere Dienstausweise in die Sicherheitskamera halten müssen. Und was der Anblick des FBI-Wappens ausgelöst hätte ... nun, das wollten wir der Frau gar nicht erst zumuten.

Wir wollten ihr sofort beistehen können, wenn wir ihr die schreckliche Nachricht überbrachten.

Aber erst einmal hielten wir uns im Hintergrund, während der Hausmeister den Klingelknopf betätigte. Er hieß Herbert Gallagher, war um die fünfzig, grauhaarig und untersetzt. In seiner dunkelblauen Latzhose und dem hellgrauen Rollkragenpullover sah er aus wie der perfekte väterliche Freund.

»Ich habe gerade angerufen, Mrs. Turner«, sagte er, nachdem sich die Wohnungsinhaberin durch die Sprechanlage gemeldet hatte. »Haben Sie einen Moment Zeit?«

»Aber ja, Mr. Gallagher. Gibt’s was Besonderes?« Deanna Turner, geborene Sayles, hörte sich aufgekratzt an. Eine kontaktfreudige Person. Trotz des blechernen Lautsprecherklangs war das herauszuhören.

Sie musste einen schönen Tag gehabt haben und war offenbar dabei, ihren Feierabend zu genießen. Denkbar war auch, dass sie ihre Schwester erwartete und deshalb alles für ein paar gemütliche Stunden vorbereitet hatte.

Mir drehte sich der Magen um bei der Vorstellung, wie grausam der Schock die arme Frau in wenigen Sekunden treffen würde.

Herbert Gallagher hatte sich so vor die Sicherheitskamera des Türsystems gestellt, dass sein Gesicht das Format füllte. Ihm gelang ein Dauerlächeln, und die Suche nach einer geeigneten Antwort hätte manch anderem den Schweiß aus den Poren getrieben. Doch er stellte sich der Herausforderung ohne erkennbares Zögern.

»Nur ein kurzes Gespräch«, sagte er, als würde er nur mal eben nachsehen müssen, ob die Wasserhähne tropften.

»Okay, kommen Sie rein!«

Es knackte im Lautsprecher. Der Summer ertönte.

Gallagher drehte sich kurz zu uns um, nickte und drückte die Tür nach innen. Wir folgten ihm mit zwei Schritten Abstand. Jetzt gab es nichts mehr zu verheimlichen. Wir, die Überbringer der Todesbotschaft, konnten uns hinter nichts und niemandem mehr verstecken.

Deanna Turner kam uns in dem kleinen, wohnlich eingerichteten Eingangsflur entgegen. Eine hübsche, dunkelhaarige Frau war sie, mit schulterlangem dunklem Haar. Es lag seidig schimmernd auf dem pinkfarbenen Top, das sie zu ihren sommerlich hellblauen Jeans trug.

»Hi, Mr. Gallagher!«, rief sie. Ihre Fröhlichkeit hielt keine Sekunde an. Im selben Moment, als sie sah, dass der Hausmeister nicht allein war, erstarb ihr Lächeln.

»Ich habe jemanden mitgebracht«, sagte er und senkte den Kopf. Er presste die Lippen zusammen und trat zur Seite.

Jetzt waren wir an der Reihe. Ich hatte mich bereit erklärt, es ihr zu sagen. Ich musste es also tun. Aber warum, zum Teufel, hatte ich mich bloß vorgedrängelt? In meinem Hals bildete sich ein Kloß, der immer mehr anzuschwellen schien.

Deannas Blick fraß sich an mir fest. Einen Schritt vor mir blieb sie stehen.

»Wer sind Sie?«, fragte sie tonlos. »Was ...?« Ihre Stimme versiegte. Ihr Blick wanderte zu Milo und dann zu unseren Begleitern in der rotweißen Kluft des Emergency Service. Deannas jäh aufwallende Ahnungen waren an ihrem Gesicht abzulesen.

»Ich heiße Jesse Trevellian«, sagte ich und musste mich räuspern, um den Frosch im Hals loszuwerden. »Ich bin Special Agent des FBI ...«

Deannas Mund öffnete sich, als sie zusah, wie Milo und ich unsere Dienstausweise aufklappten. Auch Doc Saunders und ihr Helfer zeigten ihre ID-Cards, auf denen das Wappen der Stadt New York und das Logo des FDNY, des New York Fire Department, prangten.

»Ich bin hier, um Ihnen eine bedauerliche Mitteilung zu machen«, hörte ich mich sagen.

»Karen!«, stieß Deanna hervor. »O mein Gott!« Sie schlug sich beide Hände vor das Gesicht. »Was ist mit ihr?« Die angsterfüllte Frage klang dumpf unter ihren Handflächen hervor.

Ich schluckte. »Sie wurde überfallen, Mrs. Turner.«

»Ihren Namen und Ihre Adresse«, ergänzte Milo mit belegter Stimme, »haben wir im Notebook Ihrer Schwester gefunden.«

»In ihrem Notebook?«, wiederholte Deanna mechanisch. »Nachdem sie überfallen wurde? Heißt das ...?« Wieder versagten ihre Stimmbänder den Dienst.

Ich nickte betrübt. »Leider habe ich keine gute Nachricht für Sie, Mrs. Turner. Ihre Schwester Karen ist ...« Ich konnte nicht weiter, musste tief durchatmen. An jeder Phase ihres Mienenspiels las ich ab, was sie empfand: Fassungslosigkeit, Ungläubigkeit, Verzweiflung, Entsetzen, Trauer und Wut.

Ihre Ahnung wurde zur schrecklichen Gewissheit.

»Ihre Schwester Karen hat den Überfall nicht überlebt«, sagte ich, als ich sah, dass sie die unwiderrufliche Wahrheit zu sich vordringen ließ.

Deanna Turner war eine starke Frau, doch gefühllos war sie nicht. Ihr Kampf gegen den Schmerz spielte sich anfangs nur innerlich ab. Zwei, drei Sekunden lang stand sie unbeweglich und starrte mich an. Es schien, als würde sie eine Ewigkeit brauchen, um meine Worte zu verarbeiten.

Dann, plötzlich, schrie sie auf und sank mir entgegen.

Ich konnte nur noch die Arme ausbreiten und sie festhalten. Sie klammerte sich an mich. Ich spürte, wie sie zitterte.

Die Notärztin schob sich an Milo vorbei und kam näher. Der Helfer trug den großen Koffer hinter ihr her. Doc Saunders berührte Deanna behutsam an der Schulter, sprach leise auf sie ein und überzeugte sie, dass es besser sein würde, wenn sie sich setzte und ein Beruhigungsmittel nahm.

Nur zögernd löste sich Deanna aus meinen Armen.

Milo und ich folgten dem Zweier-Team des Emergency Service ins Wohnzimmer, wo sie Deanna zum Sofa führten und sie stützten, als sie sich setzte. Die Ärztin verabreichte ihr eine Spritze. Beim Einstich in die Vene verzog Deanna keine Miene.

»Es wird Ihnen gleich besser gehen«, sagte Doc Saunders und strich ihrer Patientin über die Wange. »Wir bleiben noch eine Weile hier und passen auf Sie auf. Okay?«

»Danke.« Deanna lächelte matt und blickte vertrauensvoll zu der Ärztin auf. Dann sah sie Milo und mich an, während Doc Saunders und ihr Helfer sich in die Essecke des großen Zimmers zurückzogen.

Deannas Lächeln war sofort wieder verschwunden. Bitterkeit und Ernst kerbten sich in ihre Mundwinkel.

»Ich habe es immer geahnt«, flüsterte sie. »Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Das mag ja ein altmodisches Sprichwort sein, aber ich habe es ihr trotzdem ständig vorgebetet. Wahrscheinlich bin ich ihr damit fürchterlich auf die Nerven gegangen. Aber sie hat ja auch Sachen gemacht, die sich kein Mann zutraute. Sie hat die blutrünstigsten Rebellen in den peruanischen Anden interviewt. Sie war mit unseren GIs im Kriegseinsatz, an vorderster Front. Und sie wäre im Space Shuttle mitgeflogen, wenn man sie gelassen hätte.«

Deanna seufzte tief und schloss die Augen für einen Moment. Dann schüttelte sie fassungslos den Kopf und sagte: »Aber dass sie einem New Yorker Gypsy-Cabbie zum Opfer fällt, hätte ich denn doch nicht erwartet. Ich habe ständig mit der Todesnachricht gerechnet – von einem der Brennpunkte dieser Welt, wie man so sagt. Aber dass es hier passieren würde? Vor meiner Haustür? Mein Gott, und wir haben noch Witze darüber gemacht! Ich warnte Karen vor den Gypsy-Cabs, ganz allgemein, und sie beklagte sich darüber, dass sie mit Todesdrohungen empfangen würde, statt mit netten Worten! Und dann ...«, mit einer matten Kopfbewegung zeigte Deanna nach nebenan, in die Küche, wo zwei flache Kartons auf dem Tisch standen, »habe ich Pizza bestellt. Karen hat sich Napoli gewünscht.« Deannas Stimme erstickte in einem Schluchzen.

Milo und ich wechselten einen Blick.

Wir hatten Karen Sayles’ Tasche auf dem Parkplatz am Astoria Boulevard gesehen und wussten, dass sie Journalistin gewesen war. Auch das Shuttle Flugticket von Chicago nach New York hatten wir bei ihren Sachen gefunden. Nichts war gestohlen worden, weder ihr Notebook noch ihr Geld oder die Kreditkarten.

Doch sie war einen entsetzlichen Tod gestorben.

Einzelheiten darüber wollten wir ihrer Schwester ersparen.

»Sie ist mit einem Gypsy-Cab gefahren?«, fragte ich. »Das wussten Sie?«

»Ja«, antwortete Deanna und nickte bedächtig mit dem Kopf. Abermals schüttelte sie den Kopf vor Verzweiflung. »Sie hat mich von La-Guardia angerufen, nach der Landung, und da kam so ein Kerl, wissen Sie. Sie kennen diese Typen, die man kaum wieder loswird. Wie Kletten sind die. Suchen Sie ein günstiges Taxi, Ma’am? Mit mir fahren Sie besser und billiger. Mein Wagen ist neu und gepflegt. Das ist was anderes als diese Klapperkisten von Yellow Cabs

Sie schien jetzt froh zu sein, reden zu können – viel reden zu können. Es half ihr offenbar.

»Dieser Taxifahrer«, sagte Milo. »Hat Ihre Schwester ihn erwähnt?«

»Ich habe ihn gehört!«

»Ein Mann also«, folgerte mein Freund.

»Ja.«

»Haben Sie gehört, was er gesagt hat? Den genauen Wortlaut?«

Deanna überlegte. »Warten Sie, das war nicht viel. Ich glaube ... ja, ich weiß! Er sagte: Brauchen Sie ein Taxi, Madam? Der mischte sich einfach in unser Gespräch ein, verstehen Sie?«

»Mehr hat er nicht gesagt?«, fragte ich.

»Nein. Karen und ich haben einfach weitergesprochen. Ich nehme an, sie hat ihn gar nicht beachtet. Aber ich habe ja versucht, sie zu warnen.«

Sie schniefte und schloss die Augen wieder. »Bestimmt war das genau das Falsche. Karen ist immer gegen den Strom geschwommen, wissen Sie. Sie hat meistens das gemacht, was andere nicht machen. Eben weil ich sie gewarnt habe, hat sie wahrscheinlich das Gypsy-Cab genommen. O Gott!« Tränen schossen ihr in die Augen, als sie mich wieder ansah. »Ich bin schuld! Ich hätte sagen müssen: Ja, klar, nimm das Gypsy-Cab! Da sparst du eine Menge Geld, und zuverlässig sind die Leute auch. Dann hätte sie sich ein ordentliches Taxi genommen, allein, um das Gegenteil von dem zu tun, was man ihr rät.«

»Sie haben den Fahrer also sprechen hören«, lenkte ich sie von dem unsinnigen Selbstvorwurf ab. »Durch das Telefon.«

»Ja«, bestätigte Deanna. »Er muss Karen gleich ziemlich auf den Pelz gerückt sein. Wie diese Typen so sind. Das kennt man ja.«

Ich nickte. »Wie hat er sich angehört? Können Sie die unterschiedlichen Akzente einstufen, die in New York gesprochen werden?«

»Ja, ziemlich genau. Wenn es gebürtige New Yorker sind. Jemanden, der aus Brooklyn stammt, kann ich von einem unterscheiden, der in der Bronx ...« Sie unterbrach sich. »Sie meinen also, was für einen Akzent dieser Gypsy-Cabbie hatte?«

»Falls Sie es mitbekommen haben«, sagte ich.

»Das war kein New Yorker. Jedenfalls kein gebürtiger. Sogar die Yellow-Cabbies sind ja heutzutage meist schon Ausländer. Dieser Mistkerl, der sich Karen aufgedrängt hat, machte in dem Punkt keine Ausnahme. Klang nach Indien, Pakistan oder Bangladesch.«

Ich hob die Augenbrauen.

Milo zischte einen gedämpften Pfiff.

Deanna sah mich an und runzelte die Stirn. »Sie haben den Mann also noch nicht?«

»Meinen Sie den Taxifahrer oder den Mörder?«, entgegnete ich.

»Ist das nicht ein und dieselbe Person?«, sagte Deanna verwundert. »Ich denke, das steht fest!«

»Wir wissen es noch nicht«, antwortete Milo. »Es gibt jedenfalls keine eindeutigen Spuren.«

Deannas Stirnrunzeln verstärkte sich. »Was heißt das? Keine Fingerabdrücke? Keine Patronenhülsen und Geschosse? Keine Reifenprofile? Oder vielleicht Fußspuren? Ich meine, das sieht man doch immer in den Krimis im Fernsehen.« Sie stockte und fuhr in der nächsten Sekunde fort: »Wo ist es überhaupt passiert? Und wie ist es passiert? Ich meine, wieso ist überhaupt das FBI ...?«

Ich beantwortete rasch den leichteren Teil der Frage. »Das New York Police Department hat uns verständigt, nachdem Ihre Schwester identifiziert worden war. Weil sie aus einem anderen Bundesstaat stammte, ist das FBI zuständig. Mein Dienstpartner und ich haben den Fall übernommen.«

»Wo?« Deanna schrie es fast, um ihre eigentliche Frage in Erinnerung zu bringen. Ihre aufflackernde Verzweiflung klang heraus. Der Schmerz, den sie bis jetzt unterdrückt hatte, schien durchbrechen zu wollen. »Warum reden Sie um den heißen Brei herum? Warum sagen Sie mir nicht, was geschehen ist?«

Ich sah, wie Doc Saunders und ihr Helfer von ihren Stühlen hochkamen. Besorgt und aufmerksam blickten sie herüber.

»Ein Lieferwagenfahrer hat Ihre Schwester gefunden«, berichtete Milo. »Auf einem Parkplatz am Astoria Boulevard. Der Mann wollte eine kurze Pause machen.«

»Dann ist es noch in Queens passiert«, schluchzte Deanna. »Dieses Schwein hat sich nicht mal die Mühe gemacht, weiter von La-Guardia wegzufahren!«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass der Taxifahrer der Mörder Ihrer Schwester ist, Mrs. Turner. Aber wir werden ihn finden. Das verspreche ich Ihnen. Er wird sich ein paar unangenehme Fragen gefallen lassen müssen.« Ich sah Milo an.

Mein Freund nickte und zog sich in die andere Ecke des Zimmers zurück, in die Nähe des großen Fensters. Er benutzte sein Handy, um zu telefonieren.

Die Notärztin und ihr Assistent setzten sich wieder.

»Wer soll es denn sonst gewesen sein?«, fragte Deanna. »Hat der Kerl etwa Komplizen gehabt? Dann ging es ihnen wohl um Karens Kreditkarten. Viel Bargeld hatte sie nämlich nie bei sich.«

Ich hörte Milo mit dem Chef sprechen. »Wir suchen den Fahrer eines Gypsy-Cab, Sir. Indischer Akzent, also entsprechende Herkunft. Der Zeitpunkt, zu dem er auf La-Guardia-Airport war, lässt sich ziemlich genau eingrenzen ...«

Ich holte tief Luft und erklärte: »Ihrer Schwester wurde nichts gestohlen, Mrs. Turner. Jedenfalls keine Kreditkarten und kein Bargeld, wie es aussieht. Ihre Brieftasche wurde nicht angerührt. Auch ihre persönlichen Papiere nicht. Führerschein, Sozialversicherungskarte, Presseausweis – das hatte sie alles noch bei sich.«

Deannas Blick bohrte sich in den meinen. »Dann war es ... gütiger Gott! Hier in New York! Jemand hat sie ...«

»Bis hierher verfolgt?«, vollendete ich, als sie nicht weitersprach.

Deanna nickte bitter. »Sie hat sich überall auf der Welt Feinde gemacht. Das müssen unendlich viele sein. Ich könnte sie gar nicht alle aufzählen. Da müssten Sie schon ihren Chefredakteur fragen. Oder ihren Verleger.«

»War sie Angestellte? Als Reporterin?«

»Nein, freiberuflich. Aber sie hatte einen Vertrag mit dem Michigan Morning Star als feste Mitarbeiterin. Sie bekam ein Garantiehonorar, Spesen und so weiter. Ganz große Reportagen hat sie aber auch an andere Zeitungen und Illustrierte verkauft. Allerdings immer mit Zustimmung ihres Verlags.«

»Der Michigan Morning Star ist eine Wochenzeitung, die in Chicago erscheint, nicht wahr?«

»Ja. Der Verleger heißt Donald E. Byers, der Chefredakteur ist Thomas F. Lyttleton.«

»Gut«, antwortete ich und notierte mir die Namen.

Ich war froh, dass Deanna vorerst vergessen zu haben schien, nach Einzelheiten über den Tod ihrer Schwester zu fragen.

Karen Sayles war grauenhaft zugerichtet worden. Keine Schusswunden und keine Messerstiche waren an ihr zu finden gewesen – und trotzdem: Ihre Mörder waren bestialisch mit ihr umgegangen.

Ja, es mussten mehrere Täter gewesen sein. Das vermutete zumindest der Pathologe, der das Tatort Team der Scientific Research Division, kurz SRD, begleitet hatte.

Karen Sayles war auf unvorstellbar brutale Weise erschlagen worden. Hiebe mit Hartholzknüppeln oder Eisenrohren, aber auch Fußtritte hatten zu ihren tödlichen Verletzungen geführt.

Ihre Mörder hatten sie mit voller Absicht erniedrigt.

Der Fundort der Leiche war auch der Tatort gewesen. Das hatte der Pathologe bereits nachgewiesen. Ich vermutete, dass die Täter ihr Opfer bewusst dort auf dem Parkplatz zurückgelassen hatten. Zur Abschreckung?

Schon möglich. In New York lebten und arbeiteten mehr Journalisten als an jedem anderen Ort der Welt. Vielleicht wollte jemand ein Zeichen setzen: bis hierher und nicht weiter. Eine Terrororganisation oder eine Verbrecherbande, denen Karen Sayles auf der Spur gewesen war.

Das war ein Ansatzpunkt. Wir würden in Chicago danach fragen. Der zweite Ansatzpunkt war der Fahrer des Gypsy-Cab. Ihn würden wir uns vorknöpfen. Daran, dass wir ihn aufspüren würden, zweifelte ich keine Sekunde.

Ich erkundigte mich nach Deannas Familienverhältnissen. Ihre Tochter Jessica war sieben Jahre alt und lebte bei ihrem Vater, Andrew Turner, der ein Einfamilienhaus in Yonkers sein Eigen nannte. Als selbständiger Werbetexter war er – im Gegensatz zu seiner Ex-Frau – den ganzen Tag zu Hause. Deshalb hatte er das Sorgerecht erhalten. Deanna war auf ihren Job angewiesen. Sie arbeitete ganztags als Chefsekretärin bei einer Exportfirma an der Third Avenue.

Ich nannte ihr Milos und meine Handynummern. Sie speicherte sie direkt in das Telefonbuch ihres eigenen Handys.

Ich musste sie schonend darauf vorbereiten, dass ich sie unter Polizeischutz stellen lassen würde. Denn wenn sie es erfuhr, würde sie sofort wissen, dass auch sie in Gefahr schwebte.

 

*

 

Leonid Karasow wollte sich nichts Falsches einreden. Unter keinen Umständen wollte er es seiner inneren Stimme gestatten, sich die Lage schön zu reden. Denn fest stand: Er durfte sich noch nicht sicher fühlen. Dazu war es einfach noch zu früh.

Allerdings war seine Flucht nicht mehr aussichtslos. Er hatte ein bisschen Zeit gewonnen, vielleicht sogar einen kleinen Vorsprung. Deshalb gönnte er sich eine Verschnaufpause. Nur ein paar Minuten, mehr wollte er sich auf gar keinen Fall leisten.

Übermütig durfte er nämlich nicht werden, du lieber Himmel, nur das nicht. Wer übermütig wurde, machte Fehler. Und Fehler bedeuteten den Tod.

Vor allem aber war er froh, dass er seine Gedanken wieder unter Kontrolle hatte, dass er wieder Herr seines Bewusstseins war.

Auf der Hügelkuppe, im hüfthohen Buschwerk kauernd, war er erst einmal sicher. Und wenn er sich nur ganz wenig aufrichtete, den Kopf nur bis zu den Augen über die Zweige hob, ja, dann hatte er seine ganze Umgebung im Blickfeld.

Die Prärie.

Das war sie nun, die berühmte amerikanische Prärie.

Das Land, das sie in ihren Volksliedern besangen. Folksongs, wie sie sie nannten. Hier hatte es Lagerfeuer und Pferde-Romantik gegeben und Männer, die noch gewusst hatten, was ein Mann zu tun hatte.

Trotzdem war es feindliches Gebiet für Leonid Karasow. Er konnte nichts Anheimelndes daran finden.

Karasow war ein hagerer Mann von Anfang dreißig. Er trug die hellgraue Kluft, in der man ihn gefangen gehalten hatte. In seinen Gebeten flehte er darum, sich bald normale Kleidung verschaffen zu können.

Denn er wollte wieder der Mensch sein, der er einmal gewesen war.

Noch aber befand er sich auf dem Territorium des Mannes, aus dessen Gewalt er entkommen war. Und er würde noch Tage brauchen, bis er den Grund und Boden dieses verfluchten Verbrechers verlassen haben würde.

Nichts anderes war der Kerl in Leonids Augen. Gewiss, darüber hätte er sich nicht grundsätzlich aufregen müssen, denn zu Hause in Moskau war das Verbrechen allgegenwärtig. Es war unvorstellbar grausam, und ein Menschenleben bedeutete dort, in seiner Heimatstadt an der Moskwa, weniger als nichts. Aber was er hier erlebt hatte, hätte er in seinen schlimmsten Albträumen nicht für möglich gehalten.

Die Sonne stand fast senkrecht und tauchte das weite Land in ein Licht von falscher Freundlichkeit. Das schöne Wetter vermochte der Prärie nichts von der Unwirtlichkeit zu nehmen, die sie für Leonid hatte. Es gab Buschwerk und wenige Baumgruppen, gelegentlich eine Anhöhe. Bäche und kleine Flüsse, wie ein Netzwerk von kristallen glitzernden Adern. Weideland für Rinder, heute wie vor hundert und mehr Jahren.

Das Land, in dem die Wildwestfilme spielten. Und die Westernromane.

Das Land, das die Amerikanskis den Indianern geraubt hatten.

Die Taiga gefiel ihm besser, obwohl er sie nie gesehen hatte. Er war nie aus Moskau herausgekommen, bevor er – mit einem Besucher-Visum in der Tasche – in eine Iljuschin gestiegen und nach Frankfurt am Main geflogen war. Von dort hatte ihn ein Riesenflugzeug, die Boeing 747, nach New York gebracht. In Brighton Beach dann, dem russischen Viertel jener gewaltigen Stadt, hatte er davon gehört, dass Amerika noch immer das Land der unbegrenzten Möglichkeiten war.

Es wurden Geheimtipps gehandelt, dort, wo man sich mit Landsleuten traf. Auf Theken, feucht von Bier und Wodka, wurden kleine Zettel hin und her geschoben. Namen, Adressen, Fahrtrouten. Leonid hatte jenen einen Zettel behalten, der ihm die Erfüllung des amerikanischen Traums verheißen hatte.

Fürs Erste bedeutete das eine verlängerte Aufenthaltsgenehmigung, dann die Green Card, wie die Arbeitserlaubnis hier genannt wurde. Außerdem gutes Geld, vom ersten Tag an, und freie Unterkunft und freie Verpflegung.

Leonid erinnerte sich nicht mal an den Kerl, der ihm in Brighton Beach diesen Zettel zugesteckt hatte. Doch heute wusste er, es musste der Teufel persönlich gewesen sein.

Das Ziel ist Montana, Leonid, hatte ihm der Teufel ins Ohr geflüstert. Es wird das Ziel deiner Träume sein, glaube mir. Da draußen gilt noch der alte Ehrenkodex, nach dem die Männer des Westens dieses Land aufgebaut haben. Sie haben es für die Freiheit getan, und man spürt es. Ja, man spürt es noch heute, mein Junge.

Leonid kniff die Augen zusammen und versuchte, in dem Land Anzeichen zu finden, die an die blutigen Geschehnisse jener angeblich so glorreichen Zeiten erinnerten. Vielleicht Skelette von Pferden, die gemeinsam mit ihren Reitern gestorben waren – im Kugelhagel jener indianischen Streitmacht, die damals schon sehr modern bewaffnet gewesen war.

Ja, exakt hier, in Montana, hatten die entscheidenden Schlachten stattgefunden. Hier hatten die vereinten Indianerstämme ihr letztes großes Aufgebot zusammengestellt. Eine gewaltige Armee von Kriegern war zusammengekommen. Zu Pferd und zu Fuß hatten sie auf den Feind gewartet.

Das war nicht weit von hier gewesen, am Little Bighorn River. Damals hatte noch niemand geahnt, dass der Name dieses Flusses einmal in die amerikanische Geschichte eingehen sollte – als Mahnung dafür, dass man nicht ungestraft ganze Völker niedermetzeln oder von ihrem Land vertreiben durfte.

General George Armstrong Custer und seine ruhmreiche 7th Cavalry waren damals von der riesigen Streitmacht der Indianer ausgelöscht worden.

Leonid Karasow blickte auf das Land hinaus, das überwiegend flach und gelegentlich etwas hügelig war. Er glaubte, Bewegungen zu sehen, schattenhafte Bewegungen von Pferden und Reitern. Er spürte die Entschlossenheit der Männer, diesen unbändigen Kampfeswillen, dieses gemeinsame wilde Wollen von Tausenden von Seelen. Und er spürte im Voraus den Triumph, den diese geballte Willenskraft erzielen würde.

Gleich darauf hörte er den Hufschlag.

Er war eins mit den Indianern, wie sie stumm in ihrem Hinterhalt verharrten. Er begriff nicht, dass genau das geschehen war, wovon er sich befreit geglaubt hatte. Doch er verhielt sich anders. Mit seinem Ausbruch aus der Gefangenschaft hatte er die unsichtbaren Fesseln nicht abgestreift.

Er wusste nicht einmal, dass sie sich in seinem Kopf befanden.

So war er in eine andere, selbst geschaffene Wirklichkeitsebene hinüber gewechselt, und alles, was bisher gewesen war, existierte nicht mehr – auch nicht die Erinnerung an jene Gefangenschaft, in der ihm genau dies immer wieder passiert war.

Für ihn war es die siebente Kavallerie, die da herannahte. Das Knarren des Sattelzeugs und das Schnauben der Pferde begleitete die Hufgeräusche. Die Bleichgesichter in ihren blauen Uniformen ahnten nicht, dass sie in einen Hinterhalt ritten.

Leonid wartete geduldig, bis er sie sehen konnte, am Fuß des Hügels. Dann tat er das, was all die anderen Krieger taten. Mit wildem Angriffsgeschrei brach er aus dem Gebüsch hervor und stürmte auf den Reitertrupp dort unten los.

Der Angriff traf die Kavalleristen völlig überraschend. Voller Genugtuung beobachtete Leonid, wie sie an den Zügeln ihrer Pferde zerrten, dass die Kandaren den armen Tieren fast das Maul aufrissen. Schrilles Wiehern ertönte. Hufe scharrten. Durcheinander entstand. Doch es ordnete sich.

Als Leonid die Hälfte des Abhangs hinter sich gebracht hatte, bildeten die Reiter bereits eine Front in seine Richtung. Ihre Karabiner flogen aus den Scabbards. Der Waffenstahl erzeugte schimmernde Reflexe.

Leonid stieß weiter sein Kriegsgeschrei aus, während er auf sie zu rannte. Und er wusste, wie einschüchternd es klang – aus den Kehlen von tausend zu allem entschlossenen Kriegern.

Auf einmal teilte sich die Front der Kavalleristen.

Ein Mann in einer Generalsuniform aus hellbraunem Leder erschien, stolz und kerzengerade im Sattel eines riesigen Schimmels. Sein Gesicht lag im Schatten eines breitkrempigen schwarzen Hutes.

Leonid unterbrach seine Angriffsschreie und flüsterte ergriffen: »Der General! General George Armstrong Custer! Er gehört mir. Mir ganz allein. Von meiner Hand wird er sterben.«

Und er rannte weiter, in den Händen die vermeintliche Winchester, mit der er den größten Feind der vereinigten Stämme töten würde.

Er hörte die Stimmen der Männer dort unten. Doch er verstand den Sinn ihrer Worte nicht.

»Zurückbleiben!«, befahl der General schneidend und trieb seinen Schimmel voran. »Der Bastard gehört mir!«

»Wie Sie wollen, Senator«, antwortete einer der Kavalleristen, offenbar der Anführer der Schwadron.

Leonid sah, dass General Custer seinen berühmten geraden Säbel zog, als er näher kam. Nun, es entsprach dem, was man über ihn erzählte. Er war ein Heißsporn, völlig unberechenbar, und er wollte selbst dann noch mit dem Kopf durch die Wand, wenn er es mit einer Übermacht zu tun hatte.

In der Gewissheit seiner Überlegenheit rannte Leonid auf ihn zu. Er hob die Winchester zum Schuss.

Unten in der Senke brachen die Kavalleristen in schallendes Gelächter aus.

Die Klinge des mächtigen Säbels blitzte in der Sonne.

Leonid jagte Kugel um Kugel aus dem Lauf, doch er erzielte keine Wirkung. Verzweifelt drückte er immer wieder ab, doch es half nichts. War der General etwa unverwundbar?

Schräg von der Seite sauste die Klinge auf ihn zu.

Ein scharfes, eiskaltes Zischen war noch für einen winzigen Sekundenbruchteil über seiner rechten Schulter.

Dann löste sich die Welt auf in einen wilden Strudel aus Sonnenlicht und Blut, aus dem Schnauben des Schimmels und dem Gesicht des Generals, das so hart war wie Eisen.

Leonid Karasows Kopf rollte bereits durch das dürre Gras, als sein Körper noch aufrecht stand.

Der Mann in der Generalsuniform versetzte ihm einen leichten Stoß mit der Säbelspitze. Dann, während der Kopflose kippte, übergab er die Blankwaffe einem der Männer zum Reinigen. Die anderen klatschten Beifall.

Der General zeigte auf den Kopf im Gras und befahl: »Ab ins Labor damit! Vergesst mir bloß nicht, dass der Chip rausoperiert werden muss!«

»Wird erledigt, Senator!«, schnarrte der Schwadronführer. Er salutierte schneidig, indem er die behandschuhte Rechte an den Mützenschirm federn ließ.

 

Kapitel 2

Es war wie ein Hammerschlag. Vor meiner Nase. Ich sah die Delle im Mauerwerk der Hauswand, faustgroß, wie hingehauen, urplötzlich. Und rotbrauner Staub stob auf mich zu.

Ich erlaubte mir keine Schrecksekunde, um den Schlag und den Ziegelstaub richtig zu deuten. Denn der hinterhältige Hund, der auf das Gebäude zu meiner Linken feuerte, würde bestenfalls den zehnten Teil dieser Sekunde brauchen, um zum zweiten Mal durchzuziehen.

»Runter!«, brüllte ich deshalb und befolgte meinen eigenen Befehl, noch während ich die erste Silbe ausstieß.

Im Winkel der offenen Fahrertür ging ich zu Boden. Milo, auf der anderen Seite des Sportwagens, hielt mit. Was Reaktionsschnelligkeit betraf, war er keinen Deut schlechter als ich. Und wir wurden beide belohnt. Auch die zweite Kugel des Heckenschützen traf nicht. Aber das Blei zischte haarscharf über mich hinweg. Buchstäblich. Als ich den Asphalt des Betriebshofs erreichte, tastete ich unwillkürlich nach meiner Frisur. Es war, als hätte mir ein kalter Kamm aus Gletschereis da oben den Scheitel nachgezogen.

Irrtum. Meine Fingerkuppen waren frei von Blut. Nur der scharfe Luftzug des Projektils hatte mich erwischt, als ich mit dem Kopf gerade auf der Höhe des Wagendachs gewesen war.

Und wieder schlug der Bleihammer zu. Diesmal pflügte das Geschoss eine Furche in den Asphalt, rechts von meinem roten Edelrenner, wo sich Milo gerade in Richtung Heck katapultierte. Behände kam er um die Stoßstange herum und verharrte geduckt neben dem hinteren Kotflügel.

»Das Schwein benutzt einen Schalldämpfer!«, beschwerte sich mein Freund.

»Als ob ich was dafür kann!«, zischte ich zurück. »Finden wir lieber raus, wo der Kerl steckt!«

Im Moment allerdings war das leichter gesagt als getan. Denn auf dem Hof der Firma »Sullivan Car Company, Livery Cabs« war Ruhe eingekehrt. Entweder befand sich der Schießer schon auf dem Rückzug, oder er wälzte Pläne für eine neue Angriffstaktik.

»Mit anderen Worten«, interpretierte Milo meinen Vorschlag, »du willst mal wieder Feuerschutz.«

»Fällt dir was Besseres ein?« Ich wandte den Kopf und grinste meinen Freund an.

»Ja«, knurrte er. »Zum Beispiel könntest du mir Feuerschutz geben.«

»Super.« Ich nickte. »Jetzt wäre genau der richtige Moment, das auszuknobeln.«

Milo ging nicht darauf ein. »Bestimmt ist der Typ nicht allein.«

»Und was würde das ändern?«

»Die halten uns garantiert für alles Mögliche, nur nicht für FBI-Agenten«, behauptete Milo.

Ich war von den Socken. »Wieso denn das?«

Mein Freund nahm die SIG in die Linke und klatschte mit der flachen Hand auf das Karosserieblech.

»Deswegen. Kein Mensch kauft uns ab, dass G-men mit so einem Wahnsinnsschlitten zum Dienst fahren. So eine Luxusrakete trauen die normalen Strolche doch nur Zuhältern und Edelnutten zu.«

Milo sprach laut und vernehmlich, und ich begriff, warum. Andernfalls hätte ich seine Betrachtungen über meinen Sportwagen garantiert nicht tatenlos hingenommen.

Milo verdrehte die Augen beim Sprechen schräg nach oben, abwechselnd nach rechts und nach links. Ich wusste sofort, was er meinte. Er hatte den Schießer gesehen, und zwar auf dem Gebäude auf der anderen Hofseite. Das lag nahe, denn von seiner Position auf dem Beifahrersitz hatte Milo den besseren Überblick gehabt. Und der Augenschwenk nach links bedeutete, dass auch dort einer lauerte. Oder mehrere.

Ich ging auf das Spiel meines Freundes ein und signalisierte ihm gleichzeitig mit Blicken, was ich vorhatte. Meine Augendrehungen bezogen sich mehr auf die ebene Erde. Gleichzeitig sprach auch ich so deutlich, als würde Milo nach meiner Überzeugung ein Hörgerät brauchen.

»Und korrupte Bullen«, ergänzte ich den Personenkreis, den Milo für würdig hielt, Sportwagen-Fahrer zu sein. »Also können die uns für alles Mögliche halten. Merkst du gar nicht, was für einen Schrott du erzählst, Milo?«

Ich hatte die Lage zu meiner Linken sondiert, und ich entschied mich für eine Tür mit der Aufschrift »Staff Only«. Selbst wenn da abgeschlossen war, hatte der Eingang genügend Tiefe, um Sicherheit für einen Zwischenstopp zu bieten.

Milo schüttelte heftig den Kopf. Er sah regelrecht erschrocken aus, und das wunderte mich überhaupt nicht. Als geborener Pessimist hielt er mein Vorhaben natürlich für ein Himmelfahrtskommando.

Ich drehte mich auf den Rücken, machte mich flach. Mit der linken Hand gab ich der Sportwagentür Schwung. Mit sattem Sound fiel sie ins Schloss. Gleichzeitig zog ich die Dienstwaffe.

Ohne die Tür über mir hatte ich freies Blickfeld.

Die Bewegung dort oben entstand so plötzlich, dass mir lediglich die Zeit zum Entsichern blieb.

Beidhändig stieß ich die Waffe hoch und zog durch.

Ich tat es noch in dem Sekundenbruchteil, in dem der Kerl oberhalb der Dachkante aufgetaucht war – fast senkrecht über mir. Er stieß eine Maschinenpistole nach unten, als wollte er sich in die Füße schießen.

Die vollautomatische Waffe ratterte unangenehm hell. Aber ihr Bediener hatte sie schon nicht mehr unter Kontrolle. Während er kippte, rasten seine Geschossgarben auf die Hauswand zu, unterhalb seiner Füße.

Fensterscheiben gingen klirrend zu Bruch. Scherben regneten scheppernd zu Boden. Gleich darauf wurde es still. Die Maschinenpistole fiel herab und landete direkt neben mir auf dem flachen Scherbenhaufen.

Milo und ich hatten das Feuer eingestellt. Doch wenn wir damit rechneten, dass der MP-Schießer seiner Waffe folgen würde, so täuschten wir uns.

Er hing kopfüber. Seine Arme schlenkerten noch.

Irgendwo oberhalb der Dachkante hatten sich seine Füße verhakt.

Milo und ich verschwendeten keine Zeit. Denn noch waren die Komplizen des Kerls offenbar geschockt. Vielleicht waren sie es nicht gewohnt, dass einer von ihnen so krass versagte.

Während Milo das Dach über uns im Auge behielt, zerschoss ich die Tür mit der Aufschrift »Staff Only«. Eine Serie von fünf, sechs Kugeln genügte, um den Knauf mitsamt Schloss herauszusägen.

Ich sprang auf und stürmte los. Milo folgte mir sofort. Bis zu der Tür waren es nur drei Schritte. Unter meinem Anprall flog sie nach innen, und mein Freund war im selben Moment zur Stelle.

Rechtzeitig.

Neuer Feuerzauber setzte ein, kaum dass wir mit der Tür ins Haus gebrettert waren.

Kugeln krachten ins Holz und fetzten Splitter heraus. Ein ganzer Schwall davon wirbelte hinter uns her. Dann knallte das Türblatt auf den Boden.

Ich schlug einen flachen Salto nach rechts. Milo schnellte in die entgegengesetzte Richtung. Auf diese Weise brachten wir uns vor dem Gemisch aus Geschossblei und Splitterholz in Sicherheit. Und zum Glück standen uns keine sperrigen Möbelstücke im Weg.

Stille kehrte ein.

Es konnte nur die Ruhe vor dem Sturm sein, da machte ich mir nichts vor. Doch wir hatten Zeit, uns kurz umzusehen. Ich robbte auf eines der Fenster zu. Milo folgte meinem Beispiel auf der anderen Seite der offenen Tür. Wir waren in einen Aufenthaltsraum geraten. Ein großer Tisch und zwei Dutzend Billigstühle standen in der Mitte, Getränkeautomaten an der gegenüberliegenden Wand. Zum Glück war Arbeitszeit. Niemand vom Personal ließ sich blicken.

Kollegen vom NYPD würden dagegen nicht mehr lange auf sich warten lassen. Wir befanden uns in Long Island City, einem respektablen Viertel von Queens. Es grenzte an den East River, mit den Wohnhäusern von Welfare Island und den Wolkenkratzern Manhattans in Sichtweite.

Das Betriebsgrundstück der Sullivan Car Company lag an der Ecke Broadway und Steinway Street. Wobei dieser Broadway mit seinem berühmten Bruder im mittleren Manhattan nur den Namen gemeinsam hatte.

Wie auch immer, dies hier war nicht die Gegend, in der Feuergefechte an der Tagesordnung waren. Deshalb würden aufmerksame Anwohner mittlerweile die Cops alarmiert haben.

Unter den Fenstersims gekauert, verpasste ich meiner SIG ein neues, randvolles Magazin. Das fast leere steckte ich in die Jackentasche. Mit dem nächsten Handgriff setzte ich das Handy ein, rief Mr. McKee an und gab ihm einen Lagebericht in Stichworten.

»Damit habe ich nicht gerechnet«, gab er zu.

»Keiner von uns, Sir«, erwiderte ich. »Die Firma Sullivan hat schließlich einen tadellosen Ruf.«

»Stimmt. Ich rufe sofort das zuständige Revier an. Die NYPD-Kollegen müssen wissen, dass bei Sullivan ein FBI-Einsatz läuft und keine Bandenschießerei.«

Jonathan D. McKee hatte kaum zu Ende gesprochen, als erneut Schüsse krachten – wie zur Bestätigung.

Ich kriegte noch ein rasches »Danke, Sir!« heraus, dann war wieder die SIG mein alleiniges Arbeitsgerät.

Geschosse prasselten in die Außenwand, legten Fensterglas in Scherben und zischten quer durch unseren Aufenthaltsraum. Getränkeautomaten wurden getroffen. Einer begann zu gluckern und zu plätschern. Ein anderer spuckte 7up-Dosen ohne Bezahlung aus. Dumpf klackend landeten sie auf dem Fußboden.

Milo kauerte unmittelbar rechts neben seinem Fenster. Aus dem Simswinkel heraus jagte er die ersten Kugeln ins Freie. Und dann feuerte er Schlag auf Schlag, kaum dass die Schüsse der Angreifer ins Stocken geraten waren.

Es war das Zeichen für mich. Ich konnte loslegen, und ich ließ mich nicht zweimal auffordern.

Unmittelbar neben der Fensterkante federte ich hoch. Noch während der Aufwärtsbewegung schwenkte ich die SIG nach links, beidhändig. Die obere Hälfte der Doppelglasscheibe war zerschossen. Ich zog durch, beharkte die Dachkante auf der anderen Seite des Hofes mit heißem Blei.

Milo nutzte die Gelegenheit für einen ersten Stellungswechsel. Mit Riesenschritten hastete er durch den Raum, vorbei an den gurgelnden und Dosen spuckenden Automaten.

Die Kerle draußen hatten das Feuer eingestellt.

Ich tat es ihnen nach und folgte meinem Freund. Er schlug die richtige Richtung ein. Wenn die Gangster ihren Rückzug vorbereitet hatten, dann irgendwo in den hinteren Bereichen des verwinkelten Grundstücks.

Abwechselnd arbeiteten wir uns voran. Während einer von uns drei, vier Yards zurücklegte, war der andere für die Sicherung zuständig.

Doch wir kamen unbehelligt voran. Die Kerle suchten tatsächlich das Weite. Durch einen Korridor erreichten wir die große Fahrzeughalle, die den vorderen Betriebshof begrenzte. Rechts von der Halle, das hatten wir schon bei unserer Ankunft gesehen, gab es eine Durchfahrt zu den weiteren Bereichen des Firmengrundstücks.

Die Halle war völlig leer. Sämtliche Wagen befanden sich offenbar auf Kundenfahrt. An den linken Teil des Gebäudes schloss sich eine Werkstatt an, von der Halle durch ein Rolltor abgetrennt. Daneben gab es eine Tür. Sie war unverschlossen. Milo und ich benutzten sie kurz nacheinander. Sobald wir über die Schwelle gesprungen waren, verteilten wir uns links und rechts vom Türrahmen.

Die Werkstatt war unübersichtlich. Gleich vorn hingen zwei weiße Chevrolets auf Hebebühnen. Weiter hinten standen zwei weitere Chevys über offenen Arbeitsgruben. Werkbänke und Werkzeugregale sorgten für ein zerklüftetes Blickfeld. Nirgend wo rührte sich etwas. Wie es schien, hatten sämtliche Monteure fluchtartig ihren Arbeitsplatz verlassen. Kein Wunder, bei der Schießerei auf dem vorderen Hof.

Milo und ich verständigten uns durch einen Blick. Mein Freund sprintete los, an den Hebebühnen vorbei, auf die Fensterfront zu. Weiter hinten gab es ein zusätzliches Tor, das auf den rückwärtigen Betriebshof führte. In Doppelreihe parkten dort die Privatwagen der Angestellten vor dem Bürogebäude.

Milo verharrte neben einem der offenen Fenster, die SIG beidhändig auf den Fußboden gerichtet.

Ich suchte mir eines der Fenster in meiner Nähe aus und ging dort in Stellung. Ich spähte kurz nach draußen und sah mich dann erneut in der Werkstatt um. Ich wollte keine unangenehme Überraschung erleben.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, wie Milo die Waffe hob. Im nächsten Moment ließ er sie wieder sinken. Stirnrunzelnd. Ungläubig blinzelnd.

»Was ist?«, zischte ich.

Milo antwortete nicht sofort.

Ich glaubte, Schritte zu hören, die über Dachplatten dröhnten. Nicht allzu weit entfernt heulte ein Automotor auf. Doch uns trennten mehrere Gebäude von dem Ort, an dem der Wagen losjagte. Es war aber nicht das, was meinen Freund ins Grübeln gebracht hatte.

Inzwischen hatte er sich halbwegs von seiner Verblüffung erholt.

»Sieh mal da draußen«, sagte er tonlos.

Ich war bereits im Begriff, einen Blick zu riskieren. Und ich konnte es gefahrlos tun, denn es zwitscherten keine Kugeln herein. Die Schießer hatten das Weite gesucht, so viel schien festzustehen.

Ihre Grüße schickten sie nicht mehr in Form von Blei, sondern durch einen Boten.

So sah es jedenfalls aus.

Er kam vom Bürogebäude her, schräg über den Hof.

Die Arme hatte er angewinkelt und angehoben, die Hände auf dem Kopf gefaltet.

Ein Inder.

Man hätte ihn auch für einen Pakistani oder einen Bangladeschi halten können. Viele Männer, die aus dem Subkontinent eingewandert waren, arbeiteten bei uns in New York als Taxifahrer.

Der Mann auf dem Hof war mutterseelenallein. Niemand folgte ihm. Niemand beobachtete ihn vom Bürogebäude her. Er trug einen grauen Windbreaker und zerschlissene Jeans. Seine schwarzen Arbeitsschuhe waren klobig und robust. Ein seltsames Lächeln lag in seinem dunklen Gesicht. Doch die wie glatte Kohle glänzenden Augen übernahmen dieses Lächeln nicht.

Ich hatte das Gefühl, dass er versuchte, freundlich zu sein. Doch er sah traurig aus, unendlich traurig. Ich hatte Mitleid mit ihm, obwohl ich ahnte, wer er war.

Vasu Nayaran.

Der Mann also, den wir hatten treffen wollen. Dem wir nur ein paar Fragen stellen wollten. Vom Personalchef der Firma hatten wir bereits telefonisch erfahren, dass Mr. Nayaran ein zuverlässiger und unbescholtener Mitarbeiter war. Verheiratet, zwei Kinder. Einer, der schwer schuftete, um seine Familie zu ernähren.

Für jemanden, der so hart arbeitete, war er ziemlich bepackt um die Hüften herum. Dabei war er ansonsten ein schmales Hemd, vom Gesicht über die Schultern bis hinunter zu den Beinen.

Er ging langsam, aber nicht unentschlossen. Vielleicht lag es daran, dass er sein Ziel kannte. Er steuerte direkt auf das Werkstattgebäude zu, in dem Milo und ich in unserer Deckung ausharrten. Woher aber wusste Mr. Nayaran, dass auf dem Firmengelände nicht mehr geschossen werden würde?

»Stehen bleiben! FBI!«, rief ich schneidend und machte einen Schritt nach links, damit er mich sehen konnte – einschließlich der Dienstwaffe im Anschlag.

Seine Reaktion war seltsam.

Er nickte.

Und ging weiter.

Er hatte gerade die zweite Reihe der parkenden Autos hinter sich gelassen und befand sich nun in der Mitte des Hofes. Sein Nicken hatte etwas Mechanisches, Bedächtiges. Und seine traurigen Augen sahen mich an. Die P226 in meinen Fäusten schien ihn nicht einmal zu überraschen.

»Mann, sind Sie taub?«, donnerte Milo ihn an. »Stehen bleiben!«

»Milo, komm runter«, sagte ich leise und beschwichtigend.

Milo sah mich an. »Wenn wir sagen Stehen bleiben!, dann meinen wir Stehen bleiben!. Ich meine, das muss der Kerl doch kapieren.«

»Tut er auch«, entgegnete ich gedämpft. Bevor Milo die Diskussion fortsetzen konnte, wandte ich mich wieder dem Inder zu und rief laut: »Mr. Nayaran! Sind Sie Vasu Nayaran?«

Er schüttelte den Kopf.

Und er kam weiter auf uns zu, mit geradezu gemessenen Schritten. Sein Anblick erinnerte mich an die Heerscharen seiner Landsleute, die ihr Leben als Hafenarbeiter in Brooklyn verschlissen hatten. Als Decksleute hatten sie auf indischen und pakistanischen Frachtschiffen für Hungerlöhne geschuftet, und für ein paar Cents mehr, an Land, in New York, hatten sie sich wie im Paradies gefühlt.

Seit die Brooklyn Piers gegenüber den modernen Kaianlagen von Jersey City ins Hintertreffen geraten waren, hatten viele der älteren Inder, Pakistani und Bangladeschi ihre Jobs verloren. Der amerikanische Traum war für sie nicht in Erfüllung gegangen, und nun hofften sie auf ihre Söhne, die ihre Chancen als Lagerarbeiter und Küchenhilfen suchten. Wer es – wie Vasu Nayaran – zum Taxifahrer brachte, hatte schon die ersten Sprossen jener Leiter hinter sich gebracht, an deren oberem Ende der große Traum Wirklichkeit wurde.

»Noch mal«, rief ich, schneidend jetzt. »Bleiben Sie stehen, Mr. Nayaran! Wir kommen zu Ihnen raus. Wir müssen mit Ihnen sprechen.«

Erneut nickte er, heftig diesmal.

Und er ging weiter.

Knapp dreißig Yards war er jetzt noch von uns entfernt.

»Okay, wir kommen«, sagte ich entschlossen.

Er nickte wie verrückt.

Milo begriff nicht.

Entsetzt sah ich, wie er losmarschierte, auf die Tür zu, die in das Tor eingelassen war. Er hatte den Knauf schon in der Hand.

Da schnellte ich auf ihn zu. Aus dem Stand überbrückte ich die Breite des Tores mit zwei Riesensätzen. Milo konnte nicht mehr ausweichen.

Ich riss ihn einfach zu Boden.

»Ja, bist du denn ...!«, brüllte er los.

Den Rest kriegte ich nicht mehr mit, obwohl ich dicht neben ihm war.

Die Explosion überbrüllte alles, erstickte jeden anderen Laut.

Als wir auf dem Boden landeten, fegte bereits die Druckwelle über uns hinweg. Glasscheiben wurden aus ihren Rahmen geblasen, als hätte die Cab Company durchsichtiges Papier für ihre Fenster verwendet. Nur das Klirren der waagerecht dahinrasenden Scherben und ihre prasselnden Einschläge in Autos, Werkzeugregale und Wände erinnerten uns daran, dass jeder einzelne Glassplitter ein tödliches Geschoss war.

Direkt neben uns wurde das Tor aus seiner Verankerung gerissen. Erst flatterten die Metalllamellen in die Werkstatt hinein wie ein Rollo im Sturm, dann riss es die gesamte Verankerung heraus, und das komplette Tor faltete sich krachend über den aufgebockten Chevy in seiner Flugrichtung.

Mir blieb nichts anderes, als den Kopf zwischen den Armen zu bergen. Milo machte es genauso, das wusste ich, ohne hinsehen zu müssen.

Berstend und brechend lösten sich Dachbalken hoch über uns. Wellblechplatten wurden davongewirbelt wie Pappe. Mit Getöse krachten ganze Teile der Dachkonstruktion hinter uns in die Werkstatt. Karosserieblech verformte sich unter den tonnenschweren Einschlägen. Das Sicherheitsglas flog mit puffenden Geräuschen aus den Autofenstern.

Details

Seiten
203
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930610
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495424
Schlagworte
dossier

Autor

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Titel: Das mörderische Dossier