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REDLIGHT STREET #49: Die Verführungsparty

2019 107 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Verführungsparty

Copyright

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Die Verführungsparty

REDLIGHT STREET #49

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.

 

Nora hatte aus Liebe geheiratet, doch Friedo Hof war nicht so, wie sie geglaubt hatte. Er machte ihr das Leben zur Hölle. Es machte ihm Spaß, sie zu quälen und zu demütigen, und seine Tochter Roberta aus erster Ehe hatte seinen widerlichen Charakter geerbt. Immer wieder hatte Friedo seine Frau gezwungen, bei Feierlichkeiten in seinem Haus den einen oder anderen Geschäftspartner zu verführen. Im passenden Moment war er dann überraschend aufgetaucht und hatte sich als betrogener Ehemann dargestellt. Auf diese Weise hatte er sich mehr als einen Geschäftspartner gefügig gemacht. Nun sollte Nora wieder einen Mann verführen, doch Christian Mertens war ganz anders als die Männer, die Nora sonst getroffen hatte.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Er stand in der Tür und blickte sie an. Den Hut hatte er abgenommen. Auch die Blumen hatte er nicht vergessen. Christian Mertens wusste halt immer, was sich gehört. Nie erlaubte er sich eine Nachlässigkeit. Immer korrekt und zuverlässig, ja, so konnte man ihn beschreiben. Es blieb also nicht aus, dass viele ihn für sehr langweilig hielten.

Auch Lydia?

Wenn ja, dann zeigte sie es nicht.

Auch jetzt machte sie ein strahlendes Gesicht. Ihre schönen Augen glitzerten. Lachend fiel sie ihm um den Hals.

»Da bist du ja endlich! Und ich habe schon gedacht, du hättest dich geirrt.«

Er zog die rechte Augenbraue hoch.

»Ich verstehe dich nicht, meine Liebe«, sagte er gedehnt. »Weshalb sollte ich mich denn irren?«

Sie lachte leise. »Warum auch? War ja nur als Scherz gedacht. Komm, die Blumen sind doch gewiss für mich, nicht wahr? Gib sie mir, ich stelle sie in eine Vase.«

Christian hatte es nicht gern, wenn sie ihn gleich auf der Schwelle mit Liebkosungen überfiel. Es könnten ja Leute durch das Treppenhaus gehen und sie sehen. Das wäre ihm sehr peinlich.

Lydia verschwand mit den Blumen in der Küche.

Christian legte Hut und Mantel ab und ging ins Wohnzimmer. Er stellte sich an das Fenster und blickte auf die Dächer der umliegenden Häuser.

Jetzt bist du also doch gekommen, alter Junge! Warum eigentlich? Kannst du dir diese Frage immer noch nicht beantworten?

Sein Gesicht glich jetzt einer Maske. Er fühlte sich müde, ausgehöhlt und einsam. Ja, das sogar im hohen Maße. Eigentlich unverständlich, denn er war ein erfolgreicher Mann. Hatte ein gutes Auskommen, das Werk war schuldenfrei und außerdem sah er gut aus. Groß und schlank mit dunklem Haar, wellig, und noch ganz dicht. Ein markantes Gesicht! Alles an ihm war liebenswert. Aber das wusste er selbst nicht einmal. Vielleicht machte das auch den Reiz aus.

Jetzt war er also doch wieder zu Lydia gekommen!

In diesem Augenblick kam das Mädchen ins Zimmer zurück. Es trug einen leichten Hausmantel. Er drehte sich um und blickte Lydia an. Dabei fragte er sich unwillkürlich, ist sie nackt darunter? Aber seltsamerweise war ihm das vollkommen gleichgültig. Was war mit ihm los? Schon seit einigen Wochen fühlte er sich so seltsam.

Lydia war seine Geliebte!

Eines Tages hatte er das zwanzig Jahre jüngere Mädchen irgendwo kennengelernt. Damals war er noch verheiratet gewesen, aber nicht glücklich. Gleich nach der Hochzeit hatte er feststellen müssen, dass er um des Geldes willen geheiratet worden war. Grit hatte das so geschickt vorgetäuscht, dass er auf ihre Masche hereingefallen war. Seine Schwester hatte ihm geraten, sich von ihr scheiden zu lassen. Irgendwie war er nie dazu gekommen. Er hatte sich in die Arbeit gestürzt, um alles zu vergessen.

Dann hatte er doch plötzlich die Sehnsucht nach Liebe gespürt, und zu diesem Zeitpunkt hatte er Lydia kennengelernt. Sie war sehr schnell seine Geliebte geworden. Auch als sie ihm vorschlug, hierher in diese Stadt zu ziehen, in eine kleine Wohnung, die selbstverständlich er einrichten musste, hatte er noch nicht geglaubt, dass auch sie nur an sein Geld dachte. Hier fanden die Kongresse statt, und seine Frau würde auch nichts vermuten. Lydia hatte ihren Beruf aufgegeben und war hierhergezogen. Zum ersten Mal stellte er sich die Frage, was sie wohl machte, wenn er nicht da war.

Er wusste es nicht!

Lydia war ein schönes Geschöpf! O ja, sie wusste sehr wohl, dass sie auf Männer wirkte und nutzte es schamlos aus. Christian war ja so ein liebenswerter Trottel! Ihn zu lieben, machte wirklich keine Mühe.

Christian sah sie an.

Lydia beschäftigte sich mit den Blumen und erzählte munter belanglose Geschichten.

In dieser Sekunde wurde ihm bewusst, dass er bei ihr nur Sex gesucht hatte. Liebe gab es nicht in ihrer Beziehung.

Er fühlte sich so leer in ihrer Gegenwart. All die Gespräche, die sie miteinander geführt hatten, er konnte sich an keines erinnern. Es war, als wäre sie eine Fremde für ihn.

Christian fühlte es mit Bestürzung.

Wenn sie auch so denkt, überlegte er, dann wird sie mich bald verlassen. Und wen habe ich dann?

Lydia hatte ganz andere Gedanken!

Sie wollte wieder einmal mehr Geld von ihm! Bis jetzt hatte sie es immer bekommen. Aber dazu musste sie sich ein wenig mehr anstrengen. Heute hatte sie sich sogar die Mühe gemacht und selber gekocht.

»Gleich ist das Essen fertig, Christian. Danach machen wir es uns gemütlich.«

Er zog die Jacke aus.

Sie schielte ihn unter ihren langen, künstlichen Wimpern an.

»Bist du sehr erschöpft?«

»Eigentlich ja, aber ich muss nachher noch zu einem Empfang.«

»Oh«, sagte sie eifrig, »warum hast du mir das nicht am Telefon gesagt. Jetzt habe ich nichts Gescheites zum Anziehen. Oder wir müssten auf das Essen verzichten und ich kaufe mir rasch etwas. Du kommst mit, denn du hast einen wundervollen Geschmack.«

Lydia beglückwünschte sich selbst. So rasch war es ihr noch nie gelungen, an ihre Wünsche heranzukommen. Aber dann hörte sie zu ihrer Verwunderung: »Es tut mir leid, aber ich habe nur eine Einladung bekommen. Also ist eine Begleitung nicht erwünscht.«

Sie starrte ihn sprachlos an.

Ihre Gedanken jagten sich. Hatte er eine Neue? War sie nachlässig geworden? Spürte er vielleicht, dass sie seit einem Jahr einen jungen Mann hatte, den sie leidenschaftlich liebte?

Das Beste war, sie spielte erst einmal die Beleidigte.

»So«, sagte sie gekränkt, »so ist das also! Du bist meiner überdrüssig, und ich habe dir die besten Jahre meines Lebens geschenkt. Das ist unfair, das hätte ich nicht von dir gedacht.«

Wenn Christian etwas hasste, dann Szenen, denn die hatte ihm seine Frau mehr als genug gemacht.

»Bitte, hör auf!«, sagte er mit scharfer Stimme. So hatte er noch nie mit ihr gesprochen.

Lydia starrte ihn sprachlos an. Ihre Augen waren dunkel vor Zorn.

»Hör mal«, sagte sie dann empört, »du vergisst, mit wem du sprichst. Diesen Ton kannst du bei mir nicht anschlagen.«

Christian setzte sich auf einen Stuhl und stöhnte leise vor sich hin. Vielleicht war es doch ein Fehler gewesen, zu kommen. Er hätte ein Hotelzimmer nehmen, ein wenig schlafen, baden und dann ausgeruht zu Hofs gehen sollen. Dieser Mann war ein sehr wichtiger Geschäftspartner. Bisher hatte Christian noch nie eine persönliche Einladung erhalten. Deshalb war es ja so wichtig, dass er ausgeruht dort ankam.

»Lydia, bitte!«

Sie machte zuerst einen Schmollmund. Ihre Gedanken rasten hinter der Stirn. So durfte sie ihm nicht kommen, dann machte sie alles verkehrt. Das hatte sie sehr schnell begriffen.

»Huch, mein Essen!«, rief sie und stürzte davon.

In der Küche hantierte sie ein wenig mit den Töpfen, aber dabei überlegte sie, wie sie Christian am besten becircen könnte. Sie kannte viele Tricks. Aber sollte sie es vor dem Essen oder danach versuchen?

Auf Zehenspitzen schlich das junge Mädchen ins Bad. Erst einmal sehr viel Parfüm, ja, das ist immer wichtig. So, jetzt noch die Haare, ja, so ist es gut! Sie müssten ein wenig durcheinander wirken, das ist schick, reizt ihn ganz besonders. Lippenstift? Nein, den lassen wir mal. Wir machen auf »scheues Mädchen«.

Langsam knöpfte sie den Hausmantel oben auf. Man sah jetzt den Ansatz der Brust. Auch sie wurde noch besprenkelt. So, jetzt los zum Schmuseangriff! Wir wollen doch mal sehen, ob wir ihn uns nicht sehr schnell unterjubeln können. Ich kenne doch meinen Christian, weiß doch ganz genau, worauf er anspringt.

Sie kam ins Wohnzimmer zurück.

Christian Mertens hatte noch nie einen so geschärften Verstand wie in diesem Augenblick gehabt.

Fast traurig dachte er, sie will mal wieder etwas von dir. Sonst würde sie sich nicht soviel Mühe machen. Warum habe ich das noch nicht früher bemerkt?

Wie gleichgültig sie mir geworden ist!

Es ist noch immer dasselbe Mädchen! Ihre Schönheit hat sich nicht verändert, aber ich habe einen anderen Blick bekommen, ich fühle nichts mehr! Gar nichts!

Bin ich schon zu alt?

Lydia stand in der Tür, hilflos, erschreckt! O ja, sie war eine gute Schauspielerin. Normalerweise wäre er jetzt aufgesprungen und zu ihr gegangen, hätte sie in die Arme genommen, gestreichelt und geküsst! Aber er hatte nicht das Verlangen, er war nur müde! Er wollte etwas sagen, ihr erklären, dass er nur aus Pflichtgefühl gekommen war. Verflixt, dachte er unwillkürlich, ich habe doch keinen Vertrag mit ihr. Sie kann sich nicht beklagen, ich war sehr gut zu ihr.

Lydia spürte, dass er anders war. Heute musste sie sich anstrengen. Puh, und wenn nachher Jonny kommt, dann bin ich ganz schön fix und fertig, dachte sie und lächelte noch zärtlicher.

Die Knöpfchen wurden weiter geöffnet.

Nun sah er ihre Brust. Sie war nicht groß, aber sehr reizvoll. Er merkte aber auch, dass die Spitzen geschminkt waren. Alles deutete auf Verführung, nichts auf Liebe! Alles Berechnung! Mein Gott, Christian, hör endlich auf, so scharfsinnig zu denken! Liebe, das gibt es doch nicht wirklich, das ist ein dummes Wort!

Er starrte Lydias zart gebräunte Brust an. Wie oft hatte er seine Hände darum gelegt, sie leidenschaftlich geküsst... Dann hatte er sich so jung und kraftvoll gefühlt.

Und jetzt?

Er betrachtete Lydia, wie man eine Schaufensterpuppe betrachtet, wenn sie ohne Hüllen im Fenster steht.

Jetzt hatte sie alle Knöpfchen geöffnet, fast gleichgültig ließ sie den Mantel von den Schultern gleiten, dabei kam sie langsam auf ihn zu, fixierte ihn mit den Augen.

Sein Blick glitt von der Brust über die Hüften und blieb am Slip hängen. Sie trug ein schwarzes, durchsichtiges Etwas. Für einen Augenblick war er verwirrt und zog eine Augenbraue hoch.

Der Slip war sehr schmal geschnitten, so dass Lydias Beine voll zur Geltung kamen. Sie wusste es und kam graziös wie ein Mannequin auf Christian zu.

Für ein paar Sekunden konnte er seinen Blick nicht von ihrem Körper lösen!

Aber es war keine Leidenschaft, sondern noch immer Erstaunen! Er war so verblüfft, dass er keine Worte über die Lippen brachte!

Sie trug einen schwarzen Slip!

Jetzt endlich wusste er, was ihn an dieser ganzen Verführungsszene störte.

Er hasste schwarze Slips! Er konnte sie nicht ausstehen! Überhaupt keine schwarze Unterwäsche!

Als sie sich kennengelernt hatten, war das seine einzige Bedingung gewesen, keine schwarze Unterwäsche! Am Anfang hatte sie davon gesprochen, hatte von der schönen Reizwäsche geschwärmt, die er ihr kaufen sollte.

»Nein, das möchte ich nicht! Ich kann es nicht ertragen, es kommt mir so ordinär vor, Liebling. So etwas überlässt man den käuflichen Mädchen. Eine anständige Frau tut das nicht, das ist meine Meinung.«

Und jetzt trug sie einen schwarzen Slip!

Lydia ahnte noch immer nichts! Sie spielte die Rolle der Verführenden hervorragend. Als er sie jetzt so seltsam anblickte, dachte sie, nun könnte sie ihn verführen. Sie wusste doch, was er an ihr liebte. Und sie lockte ihn mit ihrem Busen und den schönen Beinen. Bisher hatte das stets gewirkt.

Mit den Fingerspitzen fuhr sie in den Slip, schob ihn über die schmalen Hüften und ließ Christian dabei nicht aus den Augen. O ja, sie hatte es in einem Film gesehen, wie man sich raffiniert auszieht. Das hatte sie bis jetzt nur Jonny vorgespielt, aber nun sollte auch Christian eine Kostprobe davon bekommen.

Verflixt, im Stehen war das gar nicht so einfach, den Slip elegant auszuziehen und den Mann unaufhörlich dabei anzusehen. Gewiss, ihre Hände fanden, was sie finden wollten, aber die Balance auf einem Bein war etwas schwierig. Das hätte sie noch ein wenig üben müssen.

Geschickt stellte sie sich an die Tischkante. So, jetzt ging es besser. Er merkt gar nicht, dass ich mich stütze, dachte sie, er interessiert sich nur für meinen schönen, schwarzen Slip!

Es dauert nicht mehr lange, dann springt er auf und stürzt mit mir ins Schlafzimmer. Das Andere ist dann nur noch eine schnelle Sache. Ich kenne meine Kniffe!

Sie hätte am liebsten laut aufgelacht, aber sie wusste, dass man in gewissen Situationen nie lachen durfte, wenn man den Geliebten in guter Laune halten wollte.

Der Slip rutschte über ihren rechten Fuß, sie streifte ihn mit den Zehen des linken Fußes lässig ab. Dann stand sie nackt vor Christian. Er hatte sich noch nicht bewegt.

»Worauf wartest du noch?«, fragte sie jetzt schmollend. »Siehst du denn nicht, wie ich nach dir verlange?« Sie ging auf ihn zu und legte die Arme um seinen Hals.

»Mach mich glücklich, jetzt, sofort, ich sehne mich danach. Komm, sei lieb, du kannst es so wundervoll. Ich habe so lange auf dich gewartet!«

Er sah den kleinen, schwarzen Fleck auf dem flauschigen Teppichboden.

Sie hat einen Anderen!

Lydia nahm seine Hand und zog ihn ins Schlafzimmer. Sie warf sich auf die breite Liege und hob lockend die Arme.

»Siehst du denn noch immer nicht, dass ich auf Liebe warte?«

Er sah den schönen Körper seiner Geliebten, ihre verheißungsvollen Blicke. Ja, er setzte sich sogar auf den Bettrand, fuhr mit einer Hand vorsichtig über die Schenkel und glitt weiter bis zur Brust hinauf.

Aber in ihm blieb alles tot und leer!

Konnte er nicht mehr lieben?

War er schon zu alt?

Mit fünfundvierzig? Aber das war unmöglich, das konnte nicht sein.

»Christian, komm doch endlich!«

Er hörte auf, sie zu streicheln.

Mein Gott, dachte er bestürzt, was soll ich machen? Ich kann mich jetzt nicht ausziehen. Es gäbe ein Fiasko, ich kann sie nicht lieben, ich kann es nicht.

Lydia spürte seine Abwehr, langsam wurde ihr der Mann unheimlich. Sie setzte sich auf.

»Was ist? Was soll ich denn noch machen?«

»Bitte«, sagte er mit rauer Stimme, »bitte, ich ...« Er erhob sich und ging ins Wohnzimmer zurück.

Sie blieb für Sekunden starr auf der Liege sitzen, dann begann sie zu frösteln und schimpfte leise vor sich hin. Da hatte sie sich wirklich angestrengt, sich ganz toll gegeben, und jetzt war alles umsonst!

Sie konnte ihn nicht mehr verführen.

Fast so etwas wie Angst stieg in ihr hoch. Was sollte aus ihr werden, wenn er nicht mehr wollte?

Schnell sprang sie auf und nahm einen einfachen Hausanzug aus dem Schrank. Jetzt war es ihr egal, wie sie aussah. Sie musste ihn zur Rede stellen.

Den Gürtel noch zuziehend, betrat sie das Wohnzimmer.

»Hör mal«, sagte sie scharf, »kannst du mir das erklären? Ich warte die ganze Zeit auf dich, freue mich, dass du mal wieder Zeit für mich hast. Und was machst du? Das ist nicht schön von dir! Ich wünsche eine Erklärung! Die habe ich doch wohl verdient, oder?«

Er sah in das zornige Gesicht und wusste, dass er mit diesem Mädchen nicht mehr schlafen konnte. Ich kann es einfach nicht, dachte er, sie hat mich verraten!

Mein Gott, warum habe ich das nicht schon früher gemerkt! Wenn ich vollkommen lieben will, dann muss ich auch wirklich lieben, sonst klappt das einfach nicht.

»Warum schweigst du? Hast du ein schlechtes Gewissen?«

»Nein«, sagte er ruhig.

»Du hast also eine Andere?« Ihre Stimme klang plötzlich schrill.

»Nein!«

»Also, was ist es dann?«

»Und das da?«, fragte er, während sein Blick zum Teppichboden ging.

Zuerst lag Verständnislosigkeit in ihrem Blick. Dann sah sie in die Richtung, in die auch er blickte. Ein tiefes, hektisches Rot verfärbte ihr Gesicht.

Christian war ganz gelassen. Er war noch nicht mal wütend über ihren Seitensprung. Ja, er fühlte sich sogar in diesem Augenblick erleichtert. Denn so brauchte er nicht den wirklichen Grund anzugeben, weshalb er heute nicht mit ihr schlafen wollte.

Durch das Rot hatte sie sich sofort verraten, aber noch dachte sie, den Mann täuschen zu können.

Hastig bückte sie sich nach dem schwarzen, hauchdünnen Etwas.

»Das«, sagte sie und lachte gekünstelt auf, »mein Gott, das ist nur ein Slip wie alle anderen. Herrje, deswegen wirst du doch jetzt nicht verrückt spielen, oder?«

»Ich spiele gar nicht verrückt«, sagte er ruhig.

Sie stopfte den Slip in die Tasche des Hausmantels. Dass ihr das passieren musste!

Fast so etwas wie Trotz machte sich jetzt bei ihr bemerkbar.

»Gut, ich habe ihn mir gekauft, er gefällt mir, verstehst du!«

»Ich habe gedacht, du hättest auf mich gewartet.«

Er ging in den kleinen Flur.

Das Mädchen stand zitternd mitten im Raum. Sollte er vielleicht für immer böse sein?

Lydia stürzte ihm nach.

»Christian, ich flehe dich an, es wird nicht wieder vorkommen, wirklich nicht!«

Er hatte Mitleid.

»Hör zu, Lydia, ich bin nur müde, mehr nicht!«

Sie war erleichtert.

»Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Mein Gott, dann hätte ich mich beherrscht.«

Ich bin feige, dachte er in diesem Augenblick. Warum sage ich ihr nicht klipp und klar, dass ich nicht mehr will? Dass ich endlich weiß, wie falsch ich gehandelt habe. Dass ich am Ende bin! Ich habe nie geliebt! Ich bin dazu verurteilt, am Rande des Lebens zu stehen.

Mit fünfundvierzig!

»Ich rufe dich an.«

»Kommst du denn nicht morgen?«

Sie durfte nicht wissen, wie ihm zumute war. Sie sollte nie erfahren, dass er nicht mehr in der Lage war, zu lieben.

»Vielleicht!«

Er befand sich schon im Treppenhaus, als Lydia daran dachte, dass sie ihn nicht um Geld gebeten hatte. Ihre Schulden wurden immer größer.

 

 

2

Christian Mertens mietete ein Hotelzimmer. Aber als er dort auf dem Bett lag, fühlte er sich völlig erschöpft. Die Gedanken schienen sich im Kreis zu drehen.

Das war ein Tiefschlag!

So schnell hatte er nicht damit gerechnet!

Dabei hatte er sich vorgenommen, nochmals zu heiraten, um Kinder zu bekommen.

Und jetzt diese Enttäuschung!

Er spürte ein Zittern in seinem Körper. Fast war er den Tränen nahe!

Als Mann konnte man sich doch nicht so hilflos fühlen, das gab es nicht!

In diesem Augenblick war ihm alles egal! Am liebsten hätte er Hof angerufen und sein Kommen abgesagt. Doch er fürchtete sich davor, dass dann die Gedanken überhaupt nicht aufhörten, ihn zu quälen. Ich muss unter Menschen sein, die ich nicht kenne, dann werde ich dazu gezwungen, mit ihnen zu reden. Das wird mir helfen, meine Depressionen zu überwinden.

Seine Gedanken gingen zu der Geliebten zurück.

Warum hatte es diesmal nicht geklappt?

Doch dann warf er einen Blick auf seine Uhr und stellte fest, dass er sich jetzt beeilen musste, wenn er nicht zu spät kommen wollte. Er ging wie ein alter Mann ins Bad, rasierte sich, duschte und betrachtete sich dabei im Spiegel.

»Du bist ein Versager«, murmelte er vor sich hin.

Vielleicht hatte er seine Frau auch nicht befriedigen können! Vielleicht war das der Hauptgrund gewesen, warum er sich nicht hatte scheiden lassen.

Dann musste er wieder an Hof denken!

Ein seltsamer Mensch!

Seit Jahren kannte man sich nun schon, aber bisher hatte er noch nie eine Einladung erhalten. Warum also jetzt? Nur weil die Bedingungen noch nicht ganz durchdiskutiert waren?

»Sicher, das wird es sein, er hat mich zu sich gebeten, damit wir in Ruhe noch einmal über alles reden können. Aber warum dann die formelle Einladung zu einem Empfang?«

Er zog den dunkelblauen Smoking an, der ihn vorteilhaft kleidete. Ja, er konnte sich wirklich sehen lassen. Aber da er für solche Dinge keinen Blick besaß, munterte ihn das auch nicht auf.

Jetzt noch die Schuhe, ein wenig von dem Duftwasser, das frische Taschentuch. Fertig!

Unten in der Halle ließ er nach einem Taxi rufen!

 

 

3

Um die gleiche Zeit spielte sich in der Villa Hof folgendes ab:

Nora Hof saß im Ankleidezimmer und fühlte sich nicht ganz wohl. Sie war dreißig Jahre alt, schlank und sehr hübsch, mit großen, blauen Augen und blondem Haar. Sie hatte ein apart geschnittenes Gesicht. Aber immer umspielte ein seltsames Lächeln ihre Lippen.

Zwei Kleider standen zur Auswahl! Zumindest hingen sie am Schrank, daneben die passenden Schuhe.

Die junge Frau spürte keinen Drang in sich, noch mehr für sich zu tun. Wie sie jetzt so lustlos vor ihrem Spiegel saß, ging die Tür auf und ihr Mann Friedo erschien.

Ihre Augen wurden noch um ein paar Grade dunkler.

Er war schon für den Empfang angezogen.

Kühl musterte er die junge Frau.

»Welches Kleid willst du anziehen?«

»Das rote oder das grüne«, sagte sie leise.

Er ging zum Schrank, prüfte beide Kleider kurz und sagte: »Nein, zieh das schwarzweiße mit dem Spitzenbesatz an, damit dein Busen zur Geltung kommt.«

Ihr Magen verkrampfte sich. Es war, als hätte er sie geschlagen.

»Friedo«, sagte sie mit zuckenden Lippen.

»Hast du nicht gehört, was ich dir gesagt habe? Ich verlange es von dir. Du bist meine Frau, vergiss das nicht!«

»Nein«, sagte sie leise, »das habe ich bis jetzt noch keinen Augenblick vergessen.«

»Um so besser!«

Nora zögerte noch einen Augenblick.

»Beeile dich, gleich sind die ersten Gäste da. Du weißt hoffentlich auch noch, auf wen du dich fixieren musst?«

»Nein«, sagte sie mit spröder Stimme.

Er starrte sie einen Augenblick lang verwirrt an. Dann sagte er: »Soll ich dir vielleicht alles noch einmal vorkauen?«

Sie zuckte die Schultern.

»Und wenn ich mich nicht gut fühle?«

Er packte sie bei den Schultern und riss sie zu sich herum.

»Wozu fühlst du dich nicht gut?«, keuchte er.

»Für alles!«, sagte sie leise.

Ein hässliches Grinsen verzerrte sein Gesicht.

»Ich kenne dich aber ganz anders! Damals hast du es nicht abwarten können. Du kannst mir nichts vormachen.«

Die junge Frau würgte.

Damals!

So also dachte er von ihr!

Ihre Lippen zitterten: »Du weißt es ganz genau, dass es ...«

Aber er hörte schon gar nicht mehr, was sie sagte. Friedo Hof ging zum Schrank und riss das schwarze Kleid heraus.

»Mit dem Fummel ziehst du die beste Schau ab! Geschmack hast du, das muss man dir lassen. Und der Kerl, den du heute verführen sollst, heißt Christian Mertens. Merke dir den Namen! Ich will nicht von dir hören, dass es nicht passiert ist. Der ist mir zu wichtig, verstanden?«

»Du bist ein Schuft, Friedo!«

Er schlug ihr mitten ins Gesicht.

Sie taumelte und wäre fast gegen den Schrank gefallen.

Ihre Wange brannte.

Er blickte sie verächtlich an.

»Du bist ja nicht viel besser, also hör jetzt endlich auf, den Moralapostel zu spielen. Ich warte vorne auf dich. Verspäte dich ja nicht!« Damit knallte er die Tür hinter sich zu.

Nora schossen die Tränen in die Augen. Aber sie durfte nicht weinen. Das hatte sie sich schon längst abgewöhnt, denn dann würden Spuren zurückbleiben, und die konnte man nicht so schnell beseitigen. In einer halben Stunde war das Dinner!

Sie legte das heiße Gesicht an die kühle Fensterscheibe und stöhnte verzweifelt auf.

Ihr Blick irrte durch den Park! Da lebte sie nun in einer herrlichen Villa, mit Swimmingpool, Sauna und was man sich nur denken konnte. Besaß einen schicken Wagen und konnte sich alles kaufen, wonach ihr Herz verlangte. Aber es mussten auch immer Dinge sein, womit man die Anderen ausstechen konnte. Nie ganz persönliche Sachen!

Jetzt rollten doch ein paar Tränen über das blasse Gesicht.

Sie dachte an ihren Mann Friedo, an das, was er vorhin gesagt hatte.

Es war beschämend, dass er sie so einschätzte.

Bis zu diesem Augenblick hatte sie gehofft, sie könnte ihn eines Tages, wenn seine Gewinnsucht vorbei sein würde, wieder so lieben wie damals, als alles angefangen hatte.

Damals!

Zehn Jahre ihres Lebens!

War wirklich alles Lug und Trug gewesen?

Ganz hinten zwischen den dunklen Tannen sah sie die Straße. Und sie beobachtete die Menschen, die an ihrem Grundstück vorbeigingen und sicher dachten, wie glücklich die Bewohner des Hauses sein müssten.

»Mein Gott, wenn sie die Wahrheit wüssten!«

Nora wischte die Tränen von ihren Wimpern.

Es war also immer Berechnung gewesen! Immer! Und sie hatte an seine Liebe geglaubt! Jetzt hatte er ihr die Augen geöffnet! Vor zehn Jahren war sie Sekretärin in einer kleinen Firma gewesen. Dann hatte sie Friedo Hof kennengelernt. Sein Betrieb war verschuldet.

Ihr Chef kannte ihn, aber er hielt nicht viel von ihm. Ja, er warnte sie sogar.

Aber sie hatte sich rettungslos in Friedo Hof verliebt. Doch jetzt wusste sie, dass er nur Informationen von ihr gewollt hatte. Mein Gott, wie ahnungslos war sie doch gewesen! Damals hätte sie auf ihren Chef hören sollen. Aber Friedo Hof war ein zu guter Schauspieler gewesen.

Weil sie glaubte, er liebe sie, war sie mit ihm vor der Ehe ins Bett gegangen! Für sie war das ein Beweis ihrer Liebe gewesen, und jetzt schleuderte er ihr ins Gesicht, sie sei wild darauf gewesen. Hemmungslos und süchtig auf Sex!

Wieder krampften sich ihre Magennerven zusammen.

Nora wusch ihr Gesicht. Jetzt sah man nicht mehr, dass sie geweint hatte. Dann holte sie das schwarze Kleid und streifte es über. Sie wusste, es hatte keinen Zweck, sich jetzt zu wehren. Dazu war es zu spät!

Blind vor Liebe hatte sie die ganze Zeit getan, was er wollte! Sie hatte sich sogar eingebildet, er könne ohne sie nicht leben. Er brauche sie!

Ja, er hatte sie wirklich gebraucht, aber zu sehr unwürdigen Machenschaften.

Sein Werk war jetzt größer und schöner als je zuvor. Und sie hatte sogar einen großen Anteil daran!

Sie, Nora Hof!

»Vielleicht hat er sie sogar erpresst?«, flüsterte sie vor sich hin.

Wenn sie allein war, sprach sie immer mit sich selbst. Nur so konnte sie die Leere überstehen, die in diesem Haus herrschte! Er hatte sie gezwungen, sich immer wieder mit seinen Geschäftsfreunden einzulassen.

»Dann tun sie endlich, was ich will«, hatte er auf ihre Fragen geantwortet.

»Sie haben dann ein schlechtes Gewissen. Schließlich bist du ja meine Frau!«

Sie hatte aus Geschäftsinteressen fremdgehen müssten! War deswegen seine erste Frau gestorben? Hatte er das vielleicht auch von ihr verlangt? Hatte sie sich geweigert? Nie erfuhr sie die Wahrheit, aber man munkelte, sie habe Selbstmord begangen. Sie mochte weder den Mann noch die Schwiegermutter danach fragen.

Aber heute fiel ihr alles wie Schuppen von den Augen.

Friedos erste Frau hatte diesen Weg gewählt!

Viele Monate hatte Friedo seine zweite Frau Nora nicht mehr dazu gezwungen.

Nun sollte sie wieder einen Mann verführen!

»Ich will nicht mehr!«

Aber niemand hörte diesen Schrei der Not!

Sie stand vor dem Spiegel, sah sich prüfend an. Das schwarze Haar lag ganz schlicht um ihren Kopf. Sie war eine faszinierende Frau! Aber man musste sich länger mit ihr befassen, sonst kannte man sie nicht wirklich.

Die meisten ihrer Bekannten, vielmehr die Bekannten ihres Mannes, mochten sie nicht, weil sie zu ernst und schweigsam war.

Der Ausschnitt ihres Kleides war sehr tief.

Er sollte ja auch verführen!

Sie verkrampfte die Hände.

»Was soll ich tun?«

Zum ersten Male dachte sie an ihr Opfer.

Nie hatte sie sich Gedanken über diese Männer gemacht. Bis jetzt hatte sie ihre Opfer auch nie mehr wiedergesehen. Wahrscheinlich schämten sie sich, oder sie hassten sie abgrundtief, wenn

Friedo sie danach erpresste. Dann mussten sie ja wissen, dass sie das gleiche Spiel spielte.

Warum war sie noch nie vorher auf diesen Gedanken gekommen?

Ein Blick auf ihre kleine Uhr zeigte ihr an, dass sie jetzt runtergehen musste, oder er würde sie wieder schlagen. Davor hatte sie die meiste Angst. Nicht vor den Schmerzen, sondern vor der Demütigung.

Sie warf die duftige Stola über und verließ ihr Ankleidezimmer. Im selben Augenblick kam auch Roberta aus ihrem Zimmer, ihre zweiundzwanzigjährige Stieftochter.

Sie rauchte und hatte schon ein etwas verlebtes Gesicht.

Roberta war zwölf gewesen, als Nora das rätselhafte Kind kennengelernt hatte. Aber sie hatten nie einen herzlichen Kontakt miteinander bekommen. Fast wie Fremde waren sie.

»Na, wieder auf Kriegspfad? Hat der Alte dich mal wieder aus der Mottenkiste geholt?«

Früher hatte Roberta nie so gesprochen. Also wusste sie alles! Vielleicht verlangt Friedo von ihr das Gleiche, dachte Nora bestürzt.

Roberta schien ihre Gedanken lesen zu können. Sie lächelte verächtlich.

»Keine Sorge, liebste Mama, bei mir wagt er es nicht. Ich vergnüge mich sowieso nur, wenn ich Lust dazu habe.«

»Roberta«, fragte Nora erschrocken, »du lässt dich doch nicht freiwillig mit einem der Gäste ein?«

Roberta lachte spöttisch.

»Du bist naiv, Nora! Jetzt verstehe ich, warum Vater dich ausnützen kann. Ich an deiner Stelle würde mich ganz anders verhalten, aber du kapierst es nicht! Das ist es!«

»Was willst du damit sagen?«

»Komm runter, ich höre einen Wagen!«

Zu ihrem roten Haar trug Roberta ein giftgrünes Kleid. Sie sah hervorragend aus. Nora wunderte sich, warum sie keinen festen Freund hatte. Aber jetzt verstand sie so vieles. Auch die seltsamen Blicke der jungen Männer, die manchmal in dieses Haus kamen. Sie alle hatten Roberta mal geliebt, aber sie war wohl nicht fähig, Liebe zu geben und spielte wie ihr Vater mit den Gefühlen der Männer. Nora wusste jetzt, dass auch Roberta Freude daran hatte, wenn sie andere Menschen verletzen konnte.

Unten in der Halle stand Robertas Großmutter!

Eine starke Persönlichkeit, die ihren Sohn Friedo abgöttisch liebte!

Nora lächelte gequält, als sie ihren Platz neben der Mutter einnahm. Friedo warf ihr einen Blick zu.

»Na also, warum nicht gleich so?«

Noras Lächeln wirkte starr.

Die ersten Gäste kamen!

Sieben sollten am Dinner teilnehmen. Um diese Dinge brauchte sie sich nicht zu kümmern. Die alte Frau beherrschte noch immer das Haus.

Nora kannte nur zwei von den Gästen, alle anderen hatte sie noch nie gesehen.

Dann kam ein Mann, der etwas zögernd an der Tür stehenblieb. Nora warf ihm einen Blick zu. Sie sah seine traurigen Augen. Seine Lippen verrieten Empfindsamkeit. Sie wusste auch nicht, warum sie ihn so genau studierte. Er interessierte sie einfach. Er wirkte anders als die übrigen Geschäftspartner ihres Mannes. Wahrscheinlich wurde er nicht von der Gier nach Macht beherrscht. Er wirkte vollkommen frei und sehr traurig.

Dann hörte sie ihren Mann sagen: »Nora, darf ich dir einen langjährigen Geschäftsfreund von mir vorstellen? Das ist Christian Mertens!«

Sie gab ihm die Hand. Christian verbeugte sich leicht. Für ein paar Augenblicke sahen sie sich an. Ein ganz schwaches Lächeln huschte um seine Lippen.

Nora ging einen Schritt zur Seite.

»Bring bitte unseren Gast ins Esszimmer, ich komme mit den Anderen nach«, sagte Friedo.

Er lässt keine Sekunde aus, dachte Nora verzweifelt, er will, dass ich sofort zum Angriff übergehe. Warum ist mir das früher nicht so aufgefallen? Warum jetzt? Jede Kleinigkeit stört mich.

Nora blieb stehen und drehte sich um.

Der letzte Gast, ein untersetzter Mann mit einer Glatze, war eingetroffen. Roberta begrüßte ihn sehr liebenswürdig und kümmerte sich sofort um ihn. Nora wusste, dass dieser Alfred Gerstner sehr reich war, und sie fand das Benehmen der Stieftochter geschmacklos.

»Gnädige Frau«, hörte sie den Mann an ihrer Seite fragen, »geht es hier weiter?«

Sie senkte die Wimpern über die schwermütigen Augen.

»Kommen Sie!«, sagte sie mit rauer Stimme.

Christian Mertens folgte ihr nachdenklich. Diese Frau interessierte ihn plötzlich.

 

 

4

Christians Gefühle waren noch immer durcheinander, als er mit dem Taxi vorfuhr. Das pompöse Haus überraschte ihn.

Für so reich hatte er Hof nicht gehalten. In der Fachwelt wurde hin und wieder gemunkelt, dass es bei Hofs nicht mit rechten Dingen zuginge. Ja, man hatte sogar davon erfahren, dass sich das Finanzamt eingehend mit seinen Büchern beschäftigt hatte. Aber nichts Nachteiliges war dabei herausgekommen.

Während er die Freitreppe hinaufging, hatte er noch einmal an Lydia denken müssten. Doch dann hatte Hof ihn gleich empfangen und er wurde der Frau des Hauses vorgestellt. In diesem Augenblick, als er sich zum Kuss über ihre Hand beugte, dachte er: Sie ist nicht glücklich! Irgend etwas quält sie! Vielleicht ist sie nicht ganz gesund. Aber dann wird doch Hof nicht von ihr verlangen, dass sie ihren gesellschaftlichen Pflichten nachkommt.

Jetzt schritt er an ihrer Seite durch die weite Halle, um ins Esszimmer zu gelangen. Für seinen Geschmack war es einfach zu groß. Hier konnte keine Gemütlichkeit aufkommen.

Ach, er ahnte ja nicht, welche Gedanken Nora Hof jetzt beschäftigten.

»Darf ich Ihnen vor dem Essen einen Drink anbieten, Herr Mertens?«

»Ja, danke«, sagte er und warf ihr wieder einen prüfenden Blick zu.

Nora schlug die Augen nieder.

»Bitte!«

Er nahm ihr das Glas ab. Ihre Hände berührten sich ganz kurz, aber ihm war, als würde er plötzlich ein Feuer berühren. So seltsam war ihm zumute. Mertens verspürte in sich den heißen Wunsch, dieser Frau gut zu sein, ihr zu sagen: Komm, bediene mich doch nicht, ruh dich aus! Du wirkst so müde und traurig. Bitte, lass mich deinen Kummer wissen.

Er musterte ihr schönes Profil, die Nase, den etwas zu herben Mund. Lydia war anders, aber nein, so durfte er jetzt nicht denken. Sie war die Frau seines Geschäftsfreundes, und deshalb war sie tabu. Nie und nimmer durfte er auch nur so denken! Dann spürte er wieder das Gefühl der Verlassenheit; er konnte ja nicht mehr lieben!

War dies vielleicht der Grund, weshalb er die Frau so intensiv betrachtete? Er bewunderte ihre schöne Figur, den Ansatz ihrer Brust. Das Kleid war wirklich sehr gewagt ausgeschnitten. Bei einer anderen Frau hätte das bestimmt ordinär ausgesehen, doch Nora trug dieses Kleid mit so viel Würde und Anstand, da kam man einfach nicht auf einen dummen Gedanken.

Auch jetzt sagte sie sich immer wieder: Du musst dich aufrecht halten, nicht gehenlassen! Mein Gott, wie auffordernd Friedo mich anstarrt? Will er vielleicht, dass ich den Mann gleich hier überfalle?

Er sieht so traurig aus, so anständig. Nein, ich kann es einfach nicht! Nicht diesen Mann! Die Anderen waren alle anders, nicht so anständig. Ich muss zu ihm gehen und es ihm sagen. Aber dann dachte sie daran, dass Friedo keinen Widerspruch duldete. Wenn er einmal ein Ziel verfolgte, dann ließ er nicht mehr locker.

Sie sah Christian mit ihren schönen Augen an. Da lag so viel in diesem Blick.

Christian konnte sich sekundenlang nicht von ihrem Blick losreißen. Er spürte ein ungeahntes Verlangen in seinem Herzen. Es überflutete ihn wie eine Welle, und dann auf einmal fühlte er wieder das heiße Begehren in sich aufsteigen, ähnlich wie am Anfang seiner Liebe zu seiner verstorbenen Frau.

O mein Gott, dachte er bestürzt, dass mir das jetzt passiert! Das ist unmöglich! Doch nicht jetzt nach dieser Enttäuschung!

Nora sagte mit ihrer weichen Stimme: »Wie ich sehe, sind wir sogar Tischnachbarn.«

»Ja, das ist sehr schön«, brachte er mühsam hervor.

In diesem Augenblick wagte er nicht, Nora anzusehen. Seine Augen hätten ihn verraten. Wie gerne hätte er sie in die Arme genommen. Ja, er begehrte sie, aber viel mehr wollte er nur zärtlich sein und sie trösten; denn sie sah so aus, als brauche sie das Mitgefühl eines Menschen.

Nora Hof! Warum erweckte sie diesen Sturm in seinem Herzen?

Andere Gäste kamen auf ihn zu, er musste sie begrüßen, murmelte seinen Namen.

Das Parfüm der Frau umschwebte ihn wie ein unsichtbarer Schleier.

Das kann ja heiter werden. Ich glaube, ich spinne, ich bin heute einfach durcheinander. Vielleicht geht es mir besser, wenn ich etwas gegessen habe.

Die alte Dame betrat den Raum.

Man setzte sich zu Tisch. Irgendwo im Hintergrund befand sich der Hausherr.

Nora spürte seinen Blick, aber sie sah nicht auf.

Christian war erleichtert, als er sich setzen konnte. Der Aufruhr in seinem Herzen machte ihn unsicher.

Ich muss ihn unterhalten, dachte Nora. Mein Gott, was soll ich nur tun?

»Möchten Sie mir nicht ein wenig von sich erzählen?«, fragte sie jetzt mit ihrer angenehmen Stimme.

Christian musste sie ansehen, wenn er nicht als unhöflich gelten wollte. Wieder faszinierte ihn dieser dunkle Blick. Sie ist klug und sanft, dachte er. Sie ist ein Juwel! Hof kann wirklich auf diese Frau stolz sein.

»Was möchten Sie denn von mir wissen?«, fragte er und lächelte sie an.

Sie lächelte zurück.

Dieses Lächeln machte ihn so sympathisch, und sie dachte: Er ist der einzige anständige Mensch in diesem Raum und ihn soll ich zu Fall bringen?

»Wo leben Sie?«

»In der Nähe von Frankfurt«, erwiderte er.

Ich habe das Gefühl, sie will etwas anderes von mir wissen, dachte Christian. Ich verstehe es noch nicht, aber sie will mir etwas sagen. Warum? Wir kennen uns doch gar nicht! Dies ist eine ganz belanglose Party, der Form halber bin ich auch eingeladen worden. Ich muss ja nicht lange bleiben. Vielleicht kann ich Arbeit vortäuschen, Kopfschmerzen, alles mögliche. Warum will sie mir etwas sagen?

Er hörte sie fragen: »Und Ihre Frau? Warum begleitet sie Sie nicht? Dann hätte ich sie jetzt auch kennenlernen können.«

»Ich bin seit einigen Jahren Witwer«, erklärte er.

Noras Hand umspannte die Serviette. Für Sekunden schloss sie die Augen. Er ist nicht verheiratet! Ein Grund fällt weg! Friedo kann ihn also nicht damit quälen. Warum will er also, dass ich ihn verführe?

Wieder sah sie ihren Gast aufmerksam an. Sie dachte: Komisch, er ist ein Mann, zu ihm könnte ich Vertrauen haben, richtiges Vertrauen. Vielleicht, wenn ich es ihm wirklich sage?

Und wenn er mir nicht glaubt?

Christian fühlte sich immer mehr zu dieser Frau hingezogen, obwohl sie nichts tat. Vielleicht war es das, was ihn so maßlos anzog. Seine Frau hatte ihn umgarnt, Lydia hatte es getan. Man hatte ihm nie die Chance gelassen, selbst zu erobern. Und nun lernte er eine Frau kennen, die so anders war! Dass es ihr gelang, sein Blut in Wallung zu bringen, dafür war er ihr schon unendlich dankbar, zumal er vorher erleben musste, ein Versager zu sein.

Das Essen war ausgezeichnet, auch der Wein, aber Christian konnte beim besten Willen nicht sagen, was er aß. So sehr waren seine Gedanken mit dieser Frau beschäftigt. Alle anderen Gäste am Tisch waren für ihn nicht mehr vorhanden.

»Darf ich Ihnen noch etwas von diesem köstlichen Eis anbieten, Herr Mertens?«

Er reichte ihr sein Tellerchen, wieder berührten sich für einen Augenblick ihre Hände! Nora fühlte den warmen Strom in sich aufsteigen und dachte bestürzt: Ich muss mich zusammennehmen! Ich bin eine dumme Gans, ich will ihn doch warnen, und jetzt benehme ich mich töricht. Mein Gott, nur deshalb, weil ich einmal einen anständigen Menschen treffe?

Sie blickte auf.

Genau in die Augen ihrer Schwiegermutter! Diese waren eiskalt, und sie musterten sie scharf! Ein verächtliches Lächeln umspielte die welken Lippen.

Wieder krampfte sich Noras Magen zusammen.

Warum lassen sie mich nicht gehen?, dachte sie mutlos. Ja, sie hatte schon ein paarmal Friedo gebeten, sie freizugeben. Sie wollte noch nicht mal eine Abfindung. Irgendwie würde sie sich durch das Leben schlagen. Aber zumindest würde sie nicht mehr unglücklich sein, vor Kälte erzittern. Sie würde ihr eigenes kleines Reich haben, und wenn sie schwere Arbeit leisten müsste, sie würde frei sein.

Sie hatte schon viele harte Kämpfe deswegen ausgestanden, bis sie begriff, man wollte sie nicht freigeben. Nicht, weil man ohne sie nicht leben konnte, denn man liebte sich ja nicht! Nein, aus einem ganz primitiven Grund, weil sie zu viel wusste! Friedo konnte einfach nicht glauben, dass es auch noch anständige Menschen gab. Oft genug hatte sie ihm gesagt, dass sie nichts von allem erzählen würde, wenn er sie gehen ließe.

»Ich müsste schön dumm sein, wenn ich das täte, denn nach kurzer Zeit würdest du anfangen, mich zu erpressen. Ich denke nicht daran, es zu tun. Du bleibst hier, verstanden! Ich werde dich immer wieder zurückholen, merke dir das!«

»Das kannst du nicht«, hatte sie weinend geantwortet. »Wenn ich fort will, kannst du mich nicht daran hindern. Die Gesetze sind auch für mich da.«

»O ja, natürlich, aber soweit wird es erst gar nicht kommen. Wenn du mich verlassen willst, dann gibt es nur zwei Wege. Du kannst dir den hübschesten aussuchen, Nora.«

Sie hatte ihn groß angesehen.

»Du lässt mich also gehen?«

»Freilich«, grinste er, »aber nur zu meinen Bedingungen.«

»Und die sind?«, rief sie hastig. Sie wäre mit allem einverstanden gewesen.

»Der eine Weg führt in eine Nervenklinik. Keine Sorge, ich werde dort gut für dich sorgen, Privatzimmer und so weiter.« Er lachte über ihr fassungsloses Gesicht.

»Friedo«, keuchte sie, »du weißt ganz genau, dass ich nicht verrückt bin!«

»Nein, du bist nicht verrückt, aber was nicht ist, kann noch werden. Du weißt, ich kriege alles, was ich will. Niemand kann sich mir in den Weg stellen, hörst du, niemand! Du schon gar nicht, du... Außerdem habe ich da ein paar Ärzte, die mir verpflichtet sind. Meine Liebe, es wird für dich verdammt schwer werden, bis du denen bewiesen hast, dass du nicht verrückt bist. Darüber wird man verrückt!«

Entsetzt war sie bis zum Fenster zurückgewichen.

»Du bist ein Teufel!«, sagte sie heiser vor Erregung.

Er hatte nur schallend gelacht.

»Damit machst du mir eine große Freude, meine Liebe, wenn du so wütend bist. Dann könnte ich dich sogar auf der Stelle vernaschen. Das mag ich ganz besonders gern!« Er war auf sie zugekommen.

Entsetzt starrte sie ihn an. Sie sah seine Augen! O ja, sie wusste, wie es war, wenn Friedo sie liebte. Er war abartig veranlagt, er musste seine Opfer quälen. Sie wusste es so gut!

»Und der zweite Weg?«, schrie sie ihm ins Gesicht.

Er blieb stehen. Die Begierde war verflogen. Auf diese Weise wird sie noch störrischer, dachte er plötzlich.

»Ach so, ja, den haben wir noch gar nicht besprochen. Aber ich glaube, der gefällt dir auch nicht besonders.«

»Sag ihn mir!«

»Nun, Elvira hat ihn gewählt!«

Damit war er aus dem Zimmer gegangen.

Nora war zusammengebrochen, hatte einen halben Nachmittag auf ihrem Bett gelegen und geweint.

Elvira, seine erste Frau war tot! Das Personal schien zu wissen, dass nicht alles mit rechten Dingen zugegangen war. Schauer des Entsetzens waren damals über ihren Rücken gelaufen. Wenn sie nur Eltern oder Geschwister gehabt hätte oder einen Menschen, dem sie sich hätte anvertrauen können, dann wäre sie dieser Hölle entronnen. Aber so? Sie wusste, Friedo hatte mal wieder gesiegt.

Während sie das flambierte Eis löffelte, musste sie daran denken. Sie war in einem goldenen Käfig gefangen. Und jetzt sollte sie Christian Mertens in die Höhle des Löwen jagen! Und wenn sie es nicht tat, würde sie leiden müssen.

Ihr Leben würde dann noch trister werden. Sie konnte sich gar nicht wehren!

Sie wirkt so kühl, dachte Christian, aber ich glaube, sie kann ein Vulkan sein. Warum ist sie so spröde? Warum spricht sie so wenig mit mir? Vielleicht bewundere ich sie zu aufdringlich. Ob ich mich bei ihr entschuldige? Aber was soll ich denn sagen?

Nora Hof faszinierte ihn. Alle seine Gedanken kreisten um diese Frau.

Es ist Wahnsinn, ich führe mich wie ein Schuljunge auf, dabei bin ich doch schon fünfundvierzig. Lächerlich, wirklich, das gibt es doch nicht!

Er seufzte leicht und strich mit der rechten Hand über seine Stirn.

Details

Seiten
107
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930597
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495408
Schlagworte
redlight street verführungsparty

Autor

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Titel: REDLIGHT STREET #49: Die Verführungsparty