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Sprung über die Lichtschranke

2019 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

SPRUNG ÜBER DIE LICHTSCHRANKE

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Hauptpersonen des Romans:

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

SPRUNG ÜBER DIE LICHTSCHRANKE

SF-Roman von Freder van Holk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 144 Taschenbuchseiten.

 

Andy Roog ist ein mit allen Neptunwassern gewaschener Raumfahrer. Er kennt das Sonnensystem wie seinen Raumbeutel, in dem er seine notwendigen Reisesachen verwahrt. Aber als Dawn ihn aufsucht und von ihrem seltsamen Besuch berichtet, da verschlägt es ihm doch die Sprache.

Oga, der Mann mit nur einer einzigen breiten Augenbraue, stammt nicht von der Erde. Aber wie kommt er her? Was hat er vor? Und warum beginnt sich der Abstand Erde-Sonne so unheimlich zu verändern? Alles Fragen, die Andy unter Einsatz seines Lebens zu lösen versucht.

 

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Hauptpersonen des Romans:

Andy Roog — Raumfahrer aus Leidenschaft

Cliff Collwin — Commander der Raumflottille

Dawn Bray — eine junge Dame, die seltsamen Besuch erhielt

Oga — ein wunderliches Wesen, aus dem niemand klug wird

 

 

1. Kapitel

Manchmal stochert der Teufel in uns herum. Wir gerieten in eine ganz schöne Stimmung hinein. Wir wurden lebhaft, bis es ihm auffiel. Da steckte er ein halbes Dutzend Pflöcke zurück und wurde sauer. Und wenn Cliff einmal sauer wurde, ließ sich nichts mehr mit ihm anfangen. Man merkte dann einfach, dass er dreißig Jahre älter war und den ganzen Betrieb in der Hand hatte.

Nichts gegen Cliff! Er war ein feiner Kerl. Seine Schädelplatte bestand aus Kunststoff, weil das Original eine Bruchlandung schlecht überstanden hatte, seine Zähne konnte er oben und unten herausnehmen, ein paar Rippen waren in der Fabrik hergestellt worden, und auch sonst hatte er einigen Ersatz an sich, aber man sah es ihm nicht an, und seinen Charakter störte es bestimmt nicht. Der bestand immer noch mehr aus Eisen als aus Kunststoff. Cliff gehörte zu den Leuten, mit denen man notfalls eine Mauer durchrammen konnte. Diesen Eindruck machte er auch körperlich, obgleich die Haarbüschel über seinen Ohren grau waren. Er stand breit und wuchtig wie ein Bär, und wenn seine blauen Augen funkelten, wenn jede einzelne von den schweren Falten in seinem Gesicht zum Gewittervorhang wurde, dann zogen auch die den Kopf ein, die ihn von seiner friedlichen Seite kannten.

Im Augenblick war es freilich schwer, an seine Augen heranzukommen. Sie versteckten sich unter den Augenbrauen, die wie zerfranste Handfeger herunterhingen. Cliff ähnelte jetzt mehr einem mürrischen, alten Bernhardiner.

Er hatte Grund zu seiner schlechten Laune. Dieses Plutorennen hatte nicht gebracht, was er sich erhofft hatte. Fast fünf Tage für lumpige zwölf Milliarden Kilometer! Sicher, ich hatte alle anderen um Stunden abgehängt, aber mehr als fünfzigtausend Sekundenkilometer hatte ich auch nicht herausholen können.

Nun, das konnte ich verstehen. Er hatte schon ein ganzes Leben investiert. Commander Cliff Collwin war der Leiter unseres Rennstalls, und wir waren seine Pferde, die er laufen ließ. Der Vergleich mag etwas komisch klingen, aber er trifft die Sache genau. Ich weiß nicht, wie viel Milliarden damals jährlich in die Raumtests hineingesteckt wurden und wie viel tausend Spezialisten allein bei uns arbeiteten, aber sicher war, dass sie hier wie in anderen Ländern alles anstellten, um diesem Brocken „Weltraum“ beizukommen. Cliff brauchte sich um die wissenschaftlichen und technischen Probleme nicht zu kümmern. Sein Auftrag ging dahin, Testfahrer heranzuschaffen und heranzuzüchten. Das Heranschaffen war kein Problem, denn Freiwillige meldeten sich genug, aber mit der Zucht hatte er es nicht leicht. Unter tausend Freiwilligen blieb höchstens einer, der sich wirklich eignete, und von hundert Geeigneten schafften es höchstens zehn, an einen Startknopf heranzukommen.

„Setzen wir uns also zur Ruhe“, schlug ich ihm unfreundlich vor. „Diese ganze Raumfahrt bleibt ja doch nur ein Witz. Fünfzigtausend Sekundenkilometer! Was wollen wir damit anfangen?“

„Du redest zu viel, Andy“, unterbrach er mich verdrossen. „Wir müssen eben auf Lichtgeschwindigkeit kommen.“

Ich lachte ihm ins Gesicht.

Das war roh. Cliff wollte auch noch sein Ziel erreichen, bevor er starb, aber ich konnte nicht anders. Ich hatte noch zu viel Gift in mir. Und dieses Gift hatte ich aus dem Plutorennen mit heimgebracht.

„Auf Lichtgeschwindigkeit?“, höhnte ich. „Nie, Cliff! Der Traum ist aus.“

Er ging zu seinem Schreibtisch, notierte sich etwas und setzte sich dann. Nach einer Weile bohrte er sanft:

„Und wenn schon, Andy!“

Er blickte noch ein paar Sekunden auf seine Tischplatte, dann stand er auf, ging um sein Schreibmöbel herum und pflanzte sich vor mir auf. Jetzt war er ganz CCC, der große Bär. Seine Augen funkelten geradezu niederträchtig, während er mich plötzlich fragte:

„Deine Verlobte will dich übrigens sprechen, warum eigentlich?“

„Lass die Biene nur wieder aus deinem Kopf heraus“, riet ich ihm friedlich. „Das ist doch Quatsch. Wenn ich mich verlobe, hole ich mir bestimmt vorher deinen Segen. Ich hab gar keine Verlobte.“

„Na, na? Hm, also diese Dawn Bray hat mich jedenfalls hineingelegt. Hätte ich ihr gar nicht zugetraut.“

„Alter Trick, Cliff. Das ist doch so ziemlich die einzige Möglichkeit, um an einen von uns heranzukommen.“

„Na und? Seid ihr etwa Filmstars? Heldenverehrung und solche Sachen, nicht? Das fehlte gerade noch. Ich lasse euch nicht durch irgendwelche verrückten Weiber verrückt machen. Wenn du das Mädchen ehrlich liebst, ist das etwas anderes, aber an irgendwelche Flittchen verplempern ...“

„Ich kenne sie gar nicht“, warf ich verdattert ein.

„Dann wirf sie raus!“

„Darauf kannst du dich verlassen“, versprach ich mit Überzeugung und machte mich auf den Weg.

Nun, etwas später fand ich den Einfall gar nicht einmal so schlecht. Das war, nachdem ich Dawn kennengelernt hatte. Sie hatte etwas an sich, das mir gefiel. Nein, ich meine damit nicht, dass sie hübsch war und so aussah, wie man sich das wünschen konnte. Das sowieso. Nein, es war etwas Menschliches, was mich an ihr ansprach, ungefähr so, als hätte man plötzlich eine liebe Verwandte wiedergefunden. Sie war echt, und sie machte den Eindruck, als ob man bei ihr gut aufgehoben wäre. Um die volle Wahrheit zu sagen: Sie knallte auf Anhieb wie ein Scheinwerfer in mich hinein.

Sie hatte es eilig, den Trick mit der Verlobung zu beichten. Fast noch eiliger hatte es Eddie, den ich mit ihr zusammen antraf. Sie saßen in einer Loge unserer Kantine, und es war ein hübsches Bild, die beiden gegen einen Hintergrund zu sehen.

Eddie Wilde war mein bester Freund.

„Miss Bray besaß keine andere Möglichkeit“, begrüßte mich Eddie, obgleich ihn die Angelegenheit im Grunde genommen nichts anging. „Du kennst doch die Verhältnisse. Und du siehst doch, dass Miss Bray die Situation schon peinlich genug findet.“

Ich schwenkte ab, aber Eddie sprang auf, holte mich wieder heran und drückte mich in einen Sessel hinein.

„Langsam, Andy. Du bleibst gefälligst. Miss Bray ist deinetwegen hergekommen. Sie will mit dir sprechen, nicht mit mir. Sie hat eine Bitte an dich.“

„Ein Autogramm, Miss Bray?“

„Nein, das nicht“, brachte sie unsicher heraus. „Ich — es ist etwas ganz anderes. Nein, kein Autogramm. Ich ... ich wollte Sie bitten, mit nach Kilroyd zu kommen.“

Ihr Anlauf war erschöpft, und mit dem, was sie gesagt hatte, ließ sich nichts anfangen. Ich hatte noch nie in meinem Leben von Kilroyd gehört und konnte mir auch nicht vorstellen, was ich dort sollte. So kniff ich die Augen zusammen und wartete.

„Sie kennen Kilroyd natürlich nicht“, bemühte sie sich weiter. „Das ist ein kleiner Ort in der Nähe von Carson City. Ich wohne dort.“

„Hm?“

Sie schien mehr zu erwarten. Sie wurde sogar rot, als hätte ich sie gekränkt. Sie arbeitete sich jedoch wohl oder übel weiter voran.

„Ich wohne mit meiner Mutter zusammen, Mr. Roog. Wir leben sonst allein im Haus. Vor einigen Monaten haben wir jedoch einen Gast aufgenommen, einen — Fremden. Er war lange krank. Jetzt scheint er endlich wieder gesund zu sein. Dieser Fremde möchte Sie gern sprechen.“

Eddie unterbrach sie. Er legte die Hand auf ihren Arm und stand auf.

„Moment. Wünschen Sie etwas von uns?“

Er fragte jemand, der sich hinter mir befinden musste. Ich drehte mich um, sah aber niemand. Dawn ging es ähnlich. Die Loge war bis zum Vorhang leer, das heißt, außer uns dreien hielt sich niemand in ihr auf. Merkwürdigerweise schien Eddie jedoch jemand zu sehen. Er streckte sich und fragte schärfer:

„Nun? Wollen Sie etwas von uns? Oder warum stehen Sie sonst hier herum?“

Ich blickte noch einmal in alle Winkel, konnte aber trotzdem niemand entdecken. So erkundigte ich mich höflich:

„Spinnst du, Eddie?“

„Bist du übergeschnappt oder ich? Wenn du keine Augen im Kopf hast, dann ...“, sagte Eddie.

Er fischte neben mir in der Luft herum. Dabei sah er wirklich blöder aus, als die Polizei erlaubt. Und insofern machte er noch Fortschritte. Schließlich, nachdem er immer wieder herumgefischt hatte, ließ er die Hände sinken und würgte:

„Rede doch nicht solchen Quatsch. Der Mann hat hier gestanden. Ich habe ihn doch gesehen. Jede Einzelheit habe ich gesehen, verstehst du? Ich bin doch nicht verrückt? Hier hat er gestanden.“

„Gar nicht komisch!“, stichelte ich, um ihn wieder auf festes Land zu bringen. „Du warst schon immer ein halber Heiliger.“

„Manchmal sprichst du wirklich wie ein Idiot, Andy. Du brauchst mich überhaupt nicht herauszuhauen. Ich möchte nur eins wissen — hast du schon einmal einen Mann gesehen, der seine Augenbrauen mitten auf der Stirn hat?“

„Ich kenne einen Mann, der die Augenbrauen mitten auf der Stirn trägt.“

Bums!

Ich starrte Dawn an. Eddie starrte sie auch an. Zum Reden reichte es bei uns beiden nicht. Ich überlegte, ob sie Eddie helfen wollte oder ob sie auch gelitten hatte. Induziertes Irresein, nicht? Die Menschen glaubten an alle möglichen Dinge, wenn nur ein anderer daran glaubte. Davon leben sie vom Propheten bis zum Plattfußbeschwörer.

„Er kleidet sich ungefähr wie ein Inder“, sagte sie hastig. „Er trägt ein langes, weißes Gewand. Sein Kopf ist ungewöhnlich schmal und sehr hoch, als wäre er von den Seiten her zusammengedrückt worden. Er ist ganz kahl und bartlos. Die Ohren sind nach oben und unten auffallend spitz. Mitten über die Stirn läuft eine Wulst, die mit einer einzigen, durchgehenden Augenbraue besetzt ist.“

„Genauso!“, atmete Eddie tief auf. „Genauso. Das ist der Mann, den ich gesehen habe. Wer ist es?“

„Der Fremde, der bei uns wohnt. Er nennt sich Oga.“

Eddie atmete noch einmal tief auf.

„Das erklärt alles.“

Er brachte mich allmählich auf den Baum. So etwas konnte ich leiden. Erst spielte er verrückt, und jetzt war ihm auf einmal alles klar, obgleich ich nicht das geringste verstand. Ich machte keinen Hehl daraus, aber Eddie sonnte sich geradezu. Es musste ihm mächtig guttun, dass er sich nicht mehr für durchgedreht halten musste.

„Hören Sie zu, Miss Bray“, sagte ich sanft wie Samt. „Wir wollen einmal Eddie für sich spinnen lassen und ein vernünftiges Wort miteinander reden. Sie meinen im Ernst, dass Sie einen Mama kennen, dem die Augenbrauen mitten auf der Stirn wachsen?“

Sie nickte und antwortete ganz ernsthaft.

„Ja, sicher. Er wohnt bei uns. Er sieht ein bisschen anders aus als wir, aber man gewöhnt sich schnell daran. Glauben Sie mir etwa nicht?“

„Nein“, bestätigte ich rundheraus.

„Aber — wenn ich Ihnen sage ...“

„Sie sagen es hübsch, aber deswegen braucht es noch lange nicht zu stimmen. Solche Typen gibt es einfach nicht. Der Mann wäre eine medizinische Sensation und könnte sich im Zirkus sehen lassen. Den Zeitungen wäre so etwas bestimmt nicht entgangen.“

„Er verlässt das Haus nie. Im Übrigen stammt er ja gar nicht von der Erde, sondern von einem anderen Stern. Sie haben ihn hier ausgesetzt.“

Sie sagte es in vollem Ernst. Ich musste schlucken. Es war wirklich schade um sie. Sie sah großzügig aus und war bestimmt ein feiner Kerl, aber in ihrem Kopf saß ebenfalls der Wurm. Eine verdammte Niedertracht der Natur! Sie machte mich wütend.

„Ach? Von einem anderen Stern?“, rempelte ich sie an. „Und ausgesetzt haben sie ihn auch noch? Was es so alles gibt! Mächtig romantisch, he?“

„Es ist gar nicht so romantisch, Mr. Roog. Ich fand ihn vor einigen Monaten im Gebirge. Er war sehr krank. Unser Klima machte ihm zu schaffen. Sie haben ihn ausgesetzt, weil sie ihn nicht töten dürfen. In seiner Heimat gibt es eben auch politische Auseinandersetzungen. Dabei ist doch nichts Besonderes?“

Ich grinste, und ich strengte mich nicht an, zu verstecken, wie ich es meinte.

„Nee, da ist nichts Besonderes dabei, Miss Bray. Weiter nichts, als dass der nächste Stern, auf dem Lebewesen existieren könnten, zehn Lichtjahre entfernt ist. Macht Ihnen nichts aus, was? Vielleicht hat er Ihnen zufällig erzählt, von welchem Stern er gekommen ist?“

„Ja, das hat er“, erwiderte sie gekränkt. „Bei uns heißt der Stern oder vielmehr das Planetensystem Forrest zwo.“

„Forrest zwo!“, grinste ich noch stärker. „Na also! Rund sechzehn Lichtjahre! Nehmen wir an, diese Leute sind noch ein bisschen weiter als wir und kommen auf hunderttausend Kilometer pro Sekunde. Dann brauchen sie für eine Fahrt von Forrest zwo bis zur Erde achtundvierzig Jahre, mit Rückfahrt das Doppelte. Ein bisschen viel Aufwand, um jemand in die Verbannung zu bringen, nicht?“

„Du gehst zu weit, Andy. Miss Bray hat dir sicher die Wahrheit gesagt. Wenn du mehr wissen willst, musst du dich eben an den Mann wenden. Schließlich ist Miss Bray ja hergekommen, um dich zu ihm zu bringen. Du kannst dich also persönlich überzeugen.“

„Wovon?“, höhnte ich. „Davon, dass der Kerl ein Schwindler ist? Das bringt die Polizei besser fertig. Übrigens — was will er überhaupt von mir?“

„Er möchte mit Ihnen sprechen“, flüsterte Dawn zaghaft. „Mehr weiß ich auch nicht. Er hat mir nur noch aufgetragen, Ihnen zu sagen, dass er Ihnen zeigen kann, wie man mit Lichtgeschwindigkeit und noch schneller durch den Raum kommt.“

Ich bog mich zu rüde. Das war eine Frechheit, die mir den Atem versetzte.

„Hat er?“

„Ja.“

Anschließend schwiegen wir uns zu dritt aus. Jeder von uns hatte seine Portion, mit der er erst einmal fertig werden musste.

In meiner Portion steckte eine ganze Menge scharfer Pfeffer. Dawn gefiel mir großartig, und ich hätte eine Menge dafür gegeben, wenn sie mich liebevoll angelächelt hätte. Andererseits gab es verschiedene Leute, die großen Wert darauf legten, mich vor weiteren Starts für CCC und für die USA zu bewahren. In diesen Jahren war schon mancher von uns auf einem privaten Abstecher still und sauber verschwunden oder in einen anderen Stall hinübergewechselt. Wir wurden nun einmal mit hohem Kurs gehandelt, und die Leute, die dabei verdienten, verstanden sich auf ihr Geschäft. Wenn sie schon einen Lockvogel an mich heranbrachten, so konnte er kaum wesentlich anders aussehen als Dawn. Das war es, was mich misstrauisch machte. Es war an sich nicht der Rede wert, einmal nach jenem Kilroyd zu fliegen, aber ich konnte bei dieser Gelegenheit auch in eine Falle hineingehen, und das wollte ich weder mir noch Cliff antun.

Eddie wusste das genauso gut wie ich, und die angebliche Überlichtgeschwindigkeit hatte ihn nun doch stutzig gemacht. Das Mädchen hätte nicht so übertreiben dürfen. Unter uns gesagt — die Aussicht auf eine größere Geschwindigkeit hätte mich zu jeder Tages- und Nachtzeit in Bewegung gebracht und mich noch ganz andere Dinge als einen Ausflug nach Kilroyd riskieren lassen, aber das war eben keine Aussicht mehr, sondern das genaue Gegenteil. Die Tatsache, dass sie ahnungslos über die Grenzgeschwindigkeit hinausging, bewies, dass sie nur schwatzte.

Dawn beendete die Pause. Sie fühlte sich offensichtlich unbehaglich zwischen uns, aber sie sprach jetzt entschlossener als bisher.

„Ich kann Ihnen nichts anderes sagen. Ich habe es so verstanden. Wahrscheinlich habe ich es falsch verstanden, aber das lässt sich ja aufklären, wenn Sie mit Oga persönlich sprechen.“

Wir hingen eine Weile fest, dann half Eddie weiter.

„Wenn Kilroyd in der Nähe von Carson City liegt, können wir uns ja leicht vergewissern. Ich werde mit Miss Bray hinfliegen und erst einmal nach dem Rechten sehen. Einverstanden, Andy?“

Dieser Gauner! Er wollte natürlich nur ein bisschen Gesellschafter bei Dawn spielen. Glücklicherweise hielt sie nicht viel von diesem Vorschlag.

„Das geht nicht“, lehnte sie ab. „Ich verstehe, dass Mr. Roog mir nicht traut, aber Oga hat mich ausdrücklich gebeten, nur mit ihm zu sprechen.“

Ich hob die Schultern und ließ sie wieder sinken.

„Ihr Mann mit den hochgerutschten Augenbrauen und der Überlichtgeschwindigkeit, der hier telepathisch herumspuken soll, stinkt geradezu nach einem schlechten Witz. Bestenfalls ist er ein Prophet, der mir eine Predigt verabreichen will. Das ist etwas für alleinstehende Frauen, aber nicht für mich. Genügt das?“

„Das genügt, Mr. Roog. Sie halten mich für eine Närrin. Oga wird jemand anders finden, der ihn in seine Heimat zurückbringt.“

Ich lachte sie glatt aus.

„Ach nee? Nach Forrest zwo, nicht?“

„Jawohl, nach Forrest zwo.“

„Dann suchen Sie sich nur einen Säugling aus. Sechsundneunzig Jahre hin und zurück!“

Damit lief der Eimer über. Sie explodierte und fuhr mich wild an: „Sie sind lächerlich! Albern sind Sie! Sie fürchten sich davor, dass jemand gescheiter sein könnte als Sie. Aber gut — wenn Sie nicht wollen ...?“

Ich sprang auf und hielt sie am Handgelenk fest. Sie hatte es mir gegeben, aber ihr Temperament machte mir Spaß. Ich regte mich also nicht auch noch auf, sondern grinste friedlich.

„Moment, Miss Bray, bevor Sie davonlaufen. Ich will Ihnen einen guten Rat mitgeben, damit Sie sehen, dass wir nicht so sind. Wenn Sie wieder einmal jemand brauchen, den Sie mit einem hochgerutschten Augenbrauenmann oder sonst wem zusammenbringen wollen, dann erzählen Sie am besten überhaupt nichts, denn dabei muss sich eine Agentin auf die Nuancen verstehen. Laden Sie den Betreffenden einfach zu einer Tasse Kaffee oder so etwas ein. Sie sind zufällig hübsch genug, um es damit zu schaffen. Wiedersehen!“

Sie ging ein paar Schritte, aber noch vor dem Vorhang blieb sie stehen und drehte sich wieder um. Sie blickte mich nachdenklich an, als wäre ich ein Kreuzworträtsel oder ein komisches Häkelmuster.

Tja, und plötzlich leuchtete ihr Gesicht auf und begann zu strahlen. Sie lächelte mich geradezu liebevoll an und sagte sanft wie ein Pfirsich:

„Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee bei mir einladen, Mr. Roog?“

Damit hatte sie mich.

 

 

2. Kapitel

Bis Kilroyd war es nur ein Katzensprung. Trotz allem weiteren Hin und Her ließ ich schon eine Stunde später meinen Diskus auf die kleine Häusergruppe hinunterrutschen, auf die Dawn mit der Hand wies. Ich stoppte die Kranzdüsen und ließ die Scheibe segeln, konnte aber unten nichts entdecken, was meinen Verdacht erregte.

Nachdem ich mir die Gegend von oben angesehen hatte, setzte ich dicht bei den Häusern auf und half Dawn aus dem Diskus heraus. Wir gingen nebeneinander zur Straße. Den Diskus überließen wir einer Rotte Kinder und einigen Erwachsenen, die sich anstellten, als sähen sie so etwas zum ersten Male aus der Nähe.

Dawn wohnte in einem kleinen, äußerlich ziemlich schäbigen Holzhaus an der Straße, das in einem großen Grundstück lag und dadurch einigen Abstand von den benachbarten Häusern und der Straße besaß. Alte Bäume und Buschwerk deckten es gegen Sicht. Wir sahen die Front mit der vorgelagerten Holzterrasse erst, als wir schon dicht herangekommen waren.

Auf den Stufen der Terrasse saß ein Mann in einem weißen Gewand, das von mir aus ebenso gut eine indische Tracht wie ein Betttuch sein konnte. Er stand auf, als er uns bemerkte, und kam die Stufen herunter.

Dawn blieb stehen und hielt mich fest. Sie schien erschrocken zu sein.

„Wer ist das?“, flüsterte sie.

„Wieso?“, stutzte ich. „Ist das nicht Ihr ...?“

„Nein, das ist nicht Oga. Das ist ein Fremder.“

„Vielleicht noch einer von Forrest zwo, den sie in die Verbannung geschickt haben“, stichelte ich. „Wahrscheinlich haben sie dort die Technik der Diktatur noch nicht richtig heraus und veranstalten jährlich mindestens einmal eine Revolution?“

„Bitte, nicht!“, seufzte sie.

Ich verzichtete also auf weitere Randbemerkungen, sah mir aber dafür den Weißkittel genau an, während ich auf ihn zuging. Ich hatte keine Lust, mich durch eine Vision bluffen zu lassen.

Der Fremde sah genauso aus, wie jener Oga beschrieben worden war, nur konnte er unmöglich schon sechzig Jahre alt sein. Er besaß einen Kopf, der sicher unter eine Presse geraten war. Der ganze Kopf war ungewöhnlich schmal und hoch, wie von den Ohren her zusammengedrückt. Trotzdem wirkte er nicht besonders verzerrt und anormal. Er war so proportioniert, dass man ihn trotz allem für ein vernünftiges Produkt der Natur halten konnte. Die Ohren lagen sehr dicht an und liefen oben wie in Spitzen aus. Die Haut erinnerte mich an Ton im Urzustand, wie man ihn aus der Tongrube herausholt — graubleich mit einem schwachen bläulichen Schimmer. Die Augen besaßen überhaupt keine Farbe. Es war schwer, Iris und Augapfel voneinander zu unterscheiden. Ganz sonderbar wirkte die Augenbraue, die quer über die schmale, steife Stirn hinweglief, einige Zentimeter über den Augen und getragen von einer Wulst, die von einer Schläfe bis zur anderen reichte. Sie gab dem Gesicht etwas Abseitiges und Gespenstisches. Im Übrigen war der Kopf völlig haarlos. Was sich unter dem weiten Gewand verbarg, ließ sich nicht erraten. Ich hatte nur auf Anhieb den Eindruck, dass der Mann reichlich mager sei. Dabei war er sehr groß. In Haltung und Bewegung erinnerte er unbestimmt an eine klapprig gewordene Vogelscheuche.

„Du stehen“, warnte er mit einer dünnen, quietschenden Vogelstimme, als ich bis auf einen Meter an ihn herangekommen war.

Ich blieb stehen. Das lag weniger an seiner Aufforderung als an dem fingerdicken Strahl, der aus seiner rechten Hand herauszischte. Er hielt etwas in der Hand, eine Röhre oder Stablampe, aber seine Hand bedeckte zu viel, um Genaueres feststellen zu können. Im Augenblick war mir auch der grüne Strahl, der erst wenige Zentimeter vor meiner Brust aufhörte, erheblich wichtiger. Er sah reichlich nach einem Atomstrahl aus, und ich kalkulierte, dass er leichter in mich hineinrutschen könnte als ein Dolch in Butter.

„Strahl sofort tödlich“, erklärte er überflüssigerweise. Er ließ ihn dabei jedoch etwas einschrumpfen, sodass ich wenigstens frei atmen konnte. „Du willst zu Oga?“

Ich drehte mich trotz der grünen Spargelspitze, die drohend vor mir herumflirrte, halb um meine Achse, sodass ich Dawn wieder in die Augen bekam, und fragte ohne Aufregung:

„Was ist das für ein Gestell, Miss Bray? Ein Nachbar von Ihnen? Und wer ist Oga? Ich dachte, Sie wollten mir eine Tasse Kaffee vorsetzen?“

Sie schnappte richtig ein. Sie war eben ein gescheites Mädchen. Obgleich sie innerlich bestimmt nicht sicher auf ihren Beinen stand, ging sie den hochgerutschten Augenbrauenmann munter an.

„Wer sind Sie? Was wollen Sie? Warum versperren Sie uns den Weg? Das ist mein Haus. Treten Sie beiseite.“

„Ich gehe nicht!“, protestierte er unsicher. „Hier ist Oga. Er ist mein Gefangener. Es ist verboten, mit ihm zu sprechen. Ich töte alle, die zu ihm wollen.“

„Spiel dich nicht auf, du Nachtgespenst“, sagte ich so freundlich zu ihm, dass mir ein Teufel in der Seele quietschte. „Bei uns wird man rasch nervös, wenn jemand wichtig tut. Was ist mit der Frau, die sich im Haus befindet?“

„Oga schützt sie.“

„Uns schützt Oga auch“, behauptete ich trocken. „Was soll der ganze Zauber? Du kannst dir hier doch nicht ein Privatgefängnis einrichten? Dagegen haben unsere Behörden etwas einzuwenden, falls du weißt, was das ist. Und im Übrigen möchte ich jetzt die Tasse Kaffee trinken, zu der ich eingeladen wurde. Also verschwinde lieber.“

Ganz richtig hatte er mich wohl nicht verstanden. Als ich mit Kopf und Daumen zur Seite winkte, um meine Aufforderung deutlicher zu machen, drehte er sich in aller Naivität ein Stück herum und blickte in die Richtung, in die mein Daumen gezeigt hatte. Und der grüne Strahl schwenkte mit.

So schnell hatte ich keine Chance erhofft, aber bei so viel Fahrlässigkeit konnte ich einfach nicht widerstehen. Ich machte einen Satz und drehte mich dabei herum, sodass ich mit dem Rücken gegen ihn anprallte und aus der Gefahrenzone kam, hakte das linke Bein unter und packte gleichzeitig sein rechtes Handgelenk. Uralter Trick, aber er kannte ihn eben nicht, kippte prompt nach hinten und schlug mit dem Kopf auf die Holzstufen der Terrasse auf. Das machte ihn nicht bewusstlos, brachte ihn aber soweit durcheinander, dass er keine Mühe mehr bereitete.

Da wir nicht stundenlang so herumstehen konnten, machte ich die Probe aufs Exempel. Ich wies ihm wieder mit dem Daumen seine Richtung, und als er zögerte, versetzte ich ihm einen Tritt. Daraufhin nahm er sein Hemdchen hoch und lief davon. Und wie er lief! Junge, Junge!

Über die nächste Viertelstunde ist nicht viel zu sagen. Ich lernte in Mrs. Bray eine nette, ältere Frau kennen, und bekam einen anständigen Kaffee und einiges Gebäck vorgesetzt. Interessant wurde es erst wieder, als Mrs. Bray ihren Mieter herunterbrachte. Oga sah genauso aus wie der andere, der davongelaufen war. Er sprach leidlich Englisch, wenn ihm auch dann und wann Ausdrücke fehlten. Ich hielt ihn von Anfang an für einen intelligenten Menschen. Er war außerdem auf seine Weise das, was man in unseren Kreisen als Persönlichkeit bezeichnen würde. Er beherrschte jedenfalls die Szene.

„Sie haben Reva weggeschickt“, sagte er mit seiner dünnen, quietschenden Stimme, nachdem uns Dawn miteinander bekannt gemacht hatte. „Das ist gut so. Er handelt töricht. Sicher besitzt er nur den Auftrag, festzustellen, was aus mir geworden ist. Meine Gegner hoffen natürlich, dass ich inzwischen gestorben wäre. Jetzt stehen sie vor einer Verwicklung, die ihnen nicht geheuer ist. Sie rechnen damit, dass ich versuchen werde, zurückzukehren. Es war eben ein Fehler von ihnen, mich hierherzubringen. Sie haben sich zu sehr auf die alten Lehrbücher und Reisebeschreibungen verlassen. Eine alte Erfahrung besagt, dass man das niemals tun soll. Ich glaubte allerdings auch, dass die Erdbewohner noch in Eisenkleidern herumlaufen und in holprigen Pferdewagen sitzen, wenn sie von einem Ort zum anderen reisen wollen. Wir berücksichtigten nicht, dass seitdem einige Jahrhunderte vergangen sind. Nun, es ist mein Vorteil. Ich hoffe, Sie haben sich entschlossen, mich in meine Heimat zurückzubringen?“

„Das ist alles?“, kaute ich nach einer Pause. „Hm, das beruhigt mich natürlich. Ich frage mich bloß, wohin ich Sie bringen soll. Miss Bray erwähnte ein Planetensystem, das wir als Forrest zwo bezeichnen.“

Er nickte, und ich fuhr gehässiger fort:

„Forrest zwo ist rund sechzehn Lichtjahre von uns entfernt. Das macht Ihnen nichts aus, nicht? Nun, meine Rennrakete leistet fünfzigtausend Kilometer pro Sekunde, und sie ist die schnellste Maschine, die sich auf unserer Erde überhaupt auftreiben lässt. Selbst wenn es möglich wäre, einige Frachtdampfer mit den Vorräten für unterwegs anzuhängen, würden wir annähernd in hundert Jahren in Ihrer Heimat eintreffen. Das ist aber ein bisschen viel verlangt von einem jungen Mann, der auf der Erde auch noch ein paar liebe Kleinigkeiten erleben möchte. Nebenbei müsste ich annähernd hundert Jahre lang auf dem Bauch in einer Rennrakete liegen. Außerdem müsste ich auch noch hundertzwanzig Jahre alt werden, und dafür sehe ich keine Chance. Bei aller Sympathie, verehrter Herr Kaiser — so etwas können Sie von mir nicht verlangen. Was soll also der Unsinn?“

Er stierte mich an, als hätte ich ihm von Dornröschen erzählt. Eine Weile später lächelte er so mitleidig, als wäre ich der Irre und er der Psychiater.

„Ihre Voraussetzungen sind natürlich falsch, Mr. Roog. Wir reisen mit hundertfacher Lichtgeschwindigkeit und erreichen Forrest zwo in ungefähr zwei Monaten. Wir benutzen nämlich die Gravitationskräfte. Die Gravitation braucht überhaupt keine Zeit, um von der einen Stelle zur anderen zu kommen.“

„Sie sind verrückt!“, würgte ich.

„Wieso?“, wunderte er sich. „Sind Ihre Gelehrten der Meinung, dass die Gravitationsgeschwindigkeit begrenzt ist?“

„Das nicht, aber ...“

„Aber?“

Er war kein feiner Mann. Er bohrte an mir herum, obgleich er sehen musste, dass ich angeschlagen war. Das machte mich wütend.

„Verdammt, wir sind hier nicht im Lehrbuch. Also schön, von mir aus können Sie in einer Sekunde von hier nach Forrest zwo kommen. Aber was nützt die Theorie? Wir haben eine unbegrenzte Geschwindigkeit, aber wir können sie nicht ausnützen. Wir besitzen nicht die geringste technische Möglichkeit dazu. Vielleicht kommt die Anziehung mit zwanzigtausendfacher Lichtgeschwindigkeit von der Sonne zum Pluto, aber wir nicht. Es gibt nicht einmal eine Andeutung von technischer Apparatur, mit der man mit Hilfe der Gravitation im Raum herumfahren könnte.“

Er wunderte sich noch mehr. Es war geradezu unhöflich, wie er mit dem Kopf hin und her wackelte.

„Ich verstehe Sie wirklich nicht“, sagte er nach einer Weile. „Meine Sprachkenntnisse müssen doch noch recht ungenügend sein. Sie sprechen von technischer Apparatur? Warum? Die Bewegung mit Hilfe der Gravitation benötigt doch überhaupt keine Apparatur.“

„Ach nee?“, höhnte ich. „Da wären wir ja fein heraus.“

„Selbstverständlich. Oder können Sie mir sagen, welche Apparatur ein Stein oder irgendein anderer Gegenstand benötigt, um zur Erde zu fallen?“

Tja, und damit war es so weit. In diesem Augenblick passierten zwei Dinge. Erstens wurde ich knallrot, weil ich mich so dumm aufgeführt hatte — und in den letzten zehn Jahren war ich bestimmt nicht mehr rot geworden — und zweitens krachte plötzlich ein ganzer Bretterzaun vor meinem Kopf zusammen.

Herrgott, der Mann hatte ja recht! Und wie er recht hatte! Man brauchte überhaupt nichts, um mit der Gravitation zu reisen, keinen Antrieb, keine Instrumente, keine großartigen Einrichtungen. Jeder Stein brachte das fertig. Jeder gewöhnliche Stein wurde unablässig beschleunigt, sodass er beliebige Geschwindigkeiten bekommen konnte.

Ich Idiot!

„Na also. Ihre Sonne beispielsweise hat ein solches Kraftfeld um sich herum, das bis zum Pluto und noch viel weiter hinausreicht und dessen Kraftlinien alle senkrecht auf die Sonne zuführen. Ein Stein, den Sie in der Nähe des Pluto loslassen, würde also direkt auf die Sonne fallen, dabei in jeder Sekunde beschleunigt werden und infolgedessen immer schneller fallen, bis er mit größerer Geschwindigkeit in die Sonne hineinstürzt. Das gilt nun für jeden Weltenkörper. Wählen Sie jetzt anstelle eines Steines eine Rakete, so geschieht genau das Gleiche. Wenn Sie sich etwa in der Nähe des Pluto befinden und Sie wollen mit einer Rakete schnellstens zur Sonne kommen, so brauchen Sie weiter nichts zu tun, als auf eine solche Kraftlinie einzusteuern. Dann rast die Rakete mit immer größerer Geschwindigkeit auf die Sonne zu, ohne dass Sie auch nur den geringsten Antrieb benötigen.“

„Himmel!“, stöhnte ich. „Machen Sie langsam! Da kann etwas nicht stimmen. Ich bin beim Plutorennen mit Not und Mühe auf fünfzigtausend Kilometer pro Sekunde gekommen, und dabei habe ich alles hergeben müssen, was an Schub aufzutreiben war. Von Kraftlinien war da nichts zu merken. Und eine höhere Geschwindigkeit ließ sich schon deshalb nicht herausholen, weil dann eine eigenartige Schaukelei begann, die wie eine Bremse wirkte und das Material gefährdete. Ich hatte das Gefühl, auf stürmischer See herumzugondeln. Wie verträgt sich das mit Ihren Kraftlinien?“

Er schüttelte abermals den Kopf und zog ein Gesicht, als ob er Zahnschmerzen hätte.

„Aber Sie haben sie doch gespürt? Haben Sie denn nicht wenigstens darüber nachgedacht, was dieses Schaukeln bedeuten könnte? Sie haben eben die Kraftlinien quer oder seitlich durchstoßen, sodass sie den Eindruck gewannen, Wellen zu schneiden. Wären Sie einer solchen Kraftlinie direkt gefolgt, so hätten Sie ohne Antrieb jede gewünschte Geschwindigkeit erreichen können.“

Das ging mir unter die Haut. Er sprach genau das aus, was schon eine Weile in mir herumrumorte.

„Sie meinen das im Ernst?“, schnappte ich zu. „Sie meinen, dass sich mit diesem Trick etwas anfangen lässt — einfach eine Gravitationskraftlinie ansteuern und sich von ihr mitnehmen lassen?“

„Aber das liegt doch auf der Hand! Wir reisen auf diese Weise schon seit vielen Jahrzehnten durch den Raum, und auf die gleiche Weise bin ich auch auf die Erde gebracht worden. Wir erreichen ohne Schwierigkeit hundertfache Lichtgeschwindigkeit und mehr.“

„Mit Raketen?“

„Mit jedem beliebigen Raumfahrzeug. Selbst Ihre ältesten Mondraketen würden ausreichen. Man braucht ja nur so viel Antrieb, um die Anziehungskraft des heimatlichen Weltkörpers zu überwinden und auf die gewünschte Kraftlinie zu kommen. Den Rest besorgt dann die Gravitation. Für das Umsteigen unterwegs genügen bescheidene Kraftstöße.“

„Umsteigen?“, horchte ich auf.

„Natürlich muss man wiederholt umsteigen, wenn man über große Entfernung reist“, lächelte er freundlich, „nämlich von einer Kraftlinie auf die andere. Die Linien von Forrest zwo zum Beispiel sind hier an der Erde schon viel zu schwach. Es ist vorteilhafter, sich erst einmal der Sonnenlinie und dann anderer starker Anschlüsse zu bedienen, bevor man auf Forrest zwo umsteigt.“

„Das klingt mächtig nach Eisenbahnverkehr“, murmelte ich angegriffen. „Wollen Sie mir etwa erzählen, dass Sie einen Fahrplan und eine Liste von Umsteigebahnhöfen bei sich haben?“

„Nun, so einfach ist es auch wieder nicht“, schränkte er ein. „Sie müssen bedenken, dass sich sowohl die absoluten als auch die relativen Standorte der Gestirne im Raum ständig und mit hohen Geschwindigkeiten verändern. Damit verschieben sich auch entsprechend die Gravitationsfelder. Man kann das bis zu einem gewissen Grad vorausberechnen, aber natürlich nicht für Milliarden Felder, sondern immer nur für einen kleinen Ausschnitt. Praktisch sind wir auf unser Graviskop angewiesen, und dazu auffällige Raumfahrer, die dank ihrer Nerven und ihrer Erfahrungen in der Lage sind, den richtigen Nutzen aus dem Graviskop zu ziehen.“

„Graviskop?“

„Ja. Das ist ein kleines Instrument, mit dem man die Kraftlinien der Gravitationsfelder sichtbar machen kann.“

„Ach nee? Haben Sie zufällig eins bei der Hand?“

Er wurde steif und misstrauisch. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass ich ihn im nächsten Augenblick ausplündern würde.

„Ich besitze ein Graviskop. Sie erhalten es, sobald wir die Fahrt nach Forrest zwo antreten. Ohne das Graviskop wäre sie unmöglich.“ Ich nahm mir Zeit. Ich musste erst ein bisschen sortieren.

„Hm, theoretisch mag das schon alles möglich sein, Dawn. Schließlich steht ja das alles schon in unseren Lehrbüchern. Ich frage mich bloß, wie das in der Praxis aussehen soll. Die Dinge liegen nicht ganz so einfach. Da ist ein Mann, der behauptet, über sechzehn Lichtjahre von Forrest zwo herübergekommen zu sein. Er meint, wir brauchten nur in einer Rakete zu starten, uns mit Hilfe seines Graviskops auf eine passende Gravitationslinie zu setzen und könnten dann mit hundertfacher Lichtgeschwindigkeit auf Forrest zwo losbrausen, sodass wir spätestens in zwei Monaten dort ankommen. Stimmt das, oder habe ich mich verhört?“

„Sie haben schon richtig gehört, Andy.“

„Das beruhigt mich. Und Sie meinen, ich soll es darauf ankommen lassen, dass ich mit Ihrem Oga starte, auf die Gefahr hin, dass er nach dem Start ein Monokel aus der Tasche zieht und sich totlacht, weil ich auf seinen Witz hereingefallen bin?“

„Ich glaube nicht an einen Witz.“

Ich drehte mich zu Oga herum und nagelte ihn an:

„Zeigen Sie mir das Graviskop, dann haben Sie mich an der Strippe. Anders nicht!“

Es passte ihm nicht, aber er wühlte in seinem Gewand herum und brachte schließlich das Graviskop zum Vorschein. Es sah ungefähr wie eine Fernrohrbrille aus. In einer Art Brillengestell saßen Linsenrohre von einigen Zentimetern Länge, jedoch gab es anstelle der Bügel einen geschlossenen, breiten und wulstigen Kopfring, der, abgesehen .von einigen festen Knotenstellen, anpassungsfähig wie Gummi war. Insgesamt konnte man auch an eine besondere Art von Taucherbrille denken.

Ich schob mir das Graviskop über den Kopf und sah natürlich nichts. Nachdem ich das grauweiße Durcheinander vor meinen Augen eine Weile genossen hatte, nahm ich das Graviskop wieder herunter und blickte fragend auf Oga.

„Sie müssen ins Freie gehen“, empfahl er. „Selbst dort wird es schwierig sein, da Sie sich unmittelbar im Erdfeld befinden. Blicken Sie wenigstens senkrecht nach oben, damit Sie die örtlichen Linien neutralisieren.“

Ich ging hinaus und starrte mit dem Graviskop vor den Augen gegen den Himmel. Als mir der Nacken zu schmerzen begann, war es endlich so weit. Ich sah etwas. Es waren dicht beieinanderliegende Linien, manche auch in größerem Abstand voneinander, und alle mehr oder weniger geschwungen. Beschreiben lässt sich das schlecht. Es sah ungefähr aus, als hätte man Fingerabdrücke nebeneinandergelegt und das in einigen durchsichtigen Schichten übereinander, und das Ganze schwankte und verschob sich dauernd genauso, wie sich die einzelnen Linien verschoben. Anfängen ließ sich nichts damit, aber immerhin zeigte es, dass dieser Oga vielleicht doch keinen Unsinn geschwatzt hatte.

Ich ging wieder hinein, gab Oga das Graviskop zurück und rieb mir die Nackenmuskeln.

„Sie werden mehr davon haben, wenn wir das Erdfeld verlassen“, versprach Oga. „Sie werden dann auch lernen, die Linien zu unterscheiden und auszuwerten. Und wenn Sie mich in meine Heimat zurückbringen, schenke ich Ihnen ein Graviskop.“

„Das sowieso“, erwiderte ich nicht gerade höflich. „Dachten Sie etwa, ich möchte den Rest meines Lebens auf Forrest zwo verbringen? Ich brauche selbstverständlich ein Graviskop für die Rückfahrt — vorausgesetzt, dass ich Sie nach Forrest zwo bringe.“

 

 

3. Kapitel

Wir starteten zwei Wochen später. Offiziell handelte es sich um einen Routineflug, um den sich niemand zu kümmern hatte und von dem auch niemand mehr erfuhr, als uns zuträglich war. Oga wurde in der Dunkelheit eingeschmuggelt, und was an Lebensmitteln und Zubehör für zwei Monate gebraucht wurde, hatten wir im Laufe der beiden Wochen schon in eine unserer normalen Raketen, die für zwei Mann viel besser eingerichtet waren als unsere Rennraketen, hineingepackt. Den Platz hatten die Tanks hergeben müssen, da wir nach Ogas Behauptungen nur einen Bruchteil des Treibstoffs benötigen würden, den sonst eine Fahrt um die Sonne herum verlangte. Das ganze Reaktorsystem blieb natürlich unberührt, und da wir mit dissoziiertem und rekombiniertem Wasserstoff über die atomgeheizten Lamellen gingen, blieb trotz der verkleinerten Treibreserve genug Spielraum, falls das System Ogas nicht funktionieren sollte. Übermäßig groß war schließlich das Risiko nicht. Wenn Oga geblufft hatte, musste sich das schon kurz nach dem Start noch in Erdnähe zeigen. Ich konnte dann immer noch umkehren.

Über die unmittelbare Umgebung, die wir in den nächsten Monaten ertragen sollten, brauchte ich wohl kaum etwas zu sagen. Jedes Kind weiß, wie eine Raumrakete um diese Zeit eingerichtet war. Der ganze Betrieb lief schon automatisch, sodass man sich genau genommen nur darum zu kümmern brauchte, dass die Automaten auch richtig arbeiteten. Solange das geschah, war alles in bester Ordnung. Setzte einer von ihnen aus, so wurde es für fünfzig Prozent aller Raumfahrer Zeit, das letzte Gebet zu sprechen. Die anderen fünfzig Prozent besaßen den Instinkt, zu erraten, wo der Fehler lag, und zugleich genügend Intelligenz plus Erfahrung, richtig einzugreifen. Hauptsächlich kam es auf die kurze Reaktionszeit an, denn wenn schon etwas schiefging, dann verschmorten die Dissoziationslamellen innerhalb weniger Sekunden. Und dann war eben der Bart ab.

Der Mann im Mond oder ein anderer, der in unsere Rakete hätte hineinsehen können, wäre kaum auf den Gedanken gekommen, dass sich in ihr Menschen befinden könnten. In unseren Kreiselanzügen sahen wir bestenfalls wie festgeschnallte Apparate aus. Wir steckten in Silikonbehältern, die aus zwei Kegeln bestanden. Der kleinere mit der Spitze nach oben schloss Kopf und Schultern ein, während sich in dem anschließenden, mit der Spitze nach unten gerichteten Kegel Rumpf und Beine befanden. Wir waren also praktisch eingemauert. Ein mittelalterlicher Raubritter im Eisenpanzer wäre uns gegenüber der reinste Springbock gewesen. Dafür besaßen die Kreiselanzüge freilich ihre Vorteile. Sie isolierten ausreichend gegen durchschlagende Strahlung, enthielten vom Atmungsgerät bis zum Mikrophon alles, was ein Mensch zum Leben braucht, und ersparten uns nicht zuletzt die vielschichtigen Anzüge der Vergangenheit. Wir hatten nicht die Absicht, uns monatelang in ihnen aufzuhalten, aber sie waren lebensnotwendig, solange die Rakete beschleunigt wurde.

Übrigens hätte nicht einmal der Mann im Mond in unsere Rakete hineinblicken können. Eine Raumrakete war kein Flugzeug und kein Diskus. An eine Glashaube über uns, durch die hindurch wir das Panorama hätten beobachten können, war nicht zu denken. So einfach, wie es sich manche Leute einst vorgestellt hatten, lagen die Dinge denn doch nicht. Ich kann nur lachen, wenn ich diese alten Bilder sehe, auf denen Weltraumpiloten den trauten Schein von Sternen genießen, die durch die Glasscheiben ihrer Kanzeln hindurchfunkeln. Wir waren froh, einen Schirm vor uns zu haben, auf den ein paar Linsen in der Außenhaut und ein paar Strahlenwandler unbestimmte Sommersprossen zeichneten. Viel mehr als auf einem Radarschirm war nicht zu sehen, und damit weiß wohl jeder Bescheid, der schon einmal am Radarschirm gesessen hat. Es ist nicht leicht, sich aus Sommersprossen und grünlichen Schatten ein Bild zu machen. Außerdem gehören gute Nerven dazu, sich von der Blindenpsychose frei zu halten. Fünfzigtausend Kilometer pro Sekunde sind nämlich in der Stunde hundertachtzig Millionen Kilometer, und wenn man bei diesem Tempo das Gefühl bekommt, blind zu sein, ist der Kollaps im Handumdrehen da. Wenn jemand die Sterne sehen will, muss er schon auf der Erde bleiben. Und vielleicht ist das sogar eins der wenigen Dinge, die man im Laufe seines Lebens begreifen sollte:

Wer die Sterne sehen will, muss auf der Erde bleiben.

Als wir ungefähr fünfzigtausend Kilometer hinter uns hatten, machte Oga sich bemerkbar.

„Diese Rakete ist falsch konstruiert“, tadelte er. „Ich muss den Blick wenigstens einigermaßen in Fahrtrichtung haben. Nehmen Sie die Beschleunigung weg.“

Ich schaltete ab, schenkte ihm aber meine Meinung nicht.

„Falsch konstruiert? Genau das habe ich mir gedacht. Hoffentlich strengt es Sie nicht zu sehr an, Ausreden zu suchen. Wenn Sie mich an der Nase herumgeführt haben, sagen Sie es lieber gleich.“

„Wir gehen zunächst auf Sonnengravitation“, teilte mir Oga mit. „Halten, Sie sich jetzt genau an meine Anweisungen und richten Sie sich auf einige Beschleunigung ein.“

„Nicht zu viel“, warnte ich ihn. „Die Verriegelungen in den Zapfen taugen nichts. Nicht über acht G.“

„Dann gehen wir langsam heran. Die Kraftlinie wird uns ohnehin allmählich ansaugen. Sieben Grad Nord und vier West.“

Ich gab entsprechend Schub. Die Orientierung erfolgte natürlich nicht mehr nach den irdischen Himmelsrichtungen, sondern nach unserem Strömgren-Stabilisator.

Zwei Minuten später meldete sich Oga wieder.

„Zwei Nord. Schub löschen.“

Dann hielt er vorläufig den Mund. Ich brauchte ihn nicht zu halten. Mir verschlug es ohnehin die Sprache. Ich hatte nämlich kaum die Kammer gedrosselt, als ich merkte, dass sich die Rakete selbständig machte. Und wie sie sich selbständig machte! Sie kam im Handumdrehen auf acht G Beschleunigung und ich sah im Geist schon Oga hinter mir durch die Wände fliegen. Jetzt zeigte sich jedoch, dass er sich auf Raumfahrt verstand und ein geschickter Partner war. Bevor die kritische Grenze erreicht wurde, hatte er sich schon wieder gelegt und festgemacht. Das gefiel mir, denn bei einer solchen Raumfahrt hängt viel davon ab, ob man sich auf seinen Partner verlassen kann.

In diesen Minuten hätte man mich mit einer Straßenwalze überfahren können, ohne dass ich viel Geschrei gemacht hätte. Hier geschah etwas, was mich überwältigte. Es gab keinen Zweifel mehr, dass Oga den Mund nicht zu voll genommen hatte. Die Rakete wurde ohne Schub durch den Raum gerissen.

Heutzutage zucken darüber sogar die Kinder bloß mit den Achseln und fragen: „Na und?“, aber damals brachte es mich geradezu um. Ich hatte innerlich darauf gehofft, aber auch nie ganz getraut, und jetzt steckte ich plötzlich in einer einfachen Tatsache. Was eben noch fast als unmöglich erschien, geschah in der nächsten Sekunde wie selbstverständlich.

Die Rakete raste ohne Schub mit zunehmender Beschleunigung durch den Raum!

Ich brauchte einige Zeit, um das zu verdauen, dann fragte ich:

„Wie machen Sie das, Oga?“

„Es ist ganz einfach. Ich sehe ja die wichtigsten Gravitationslinien. Man braucht nur so zu steuern, dass die gewählte Linie beim Blick in die Fahrtrichtung zum Punkt wird. Das bedeutet, dass man auf die betreffende Linie kommt. Dabei braucht man nicht genau zu sein, weil diese Kraftlinien jeden Körper in sich hineinziehen.“

Oga musste mir natürlich den Umgang mit dem Graviskop beibringen. Wenn man sich einmal auskannte, war es eine Kinderei. Hier im Raum ließen sich die Kraftlinien leicht unterscheiden, und nach einiger Übung wusste ich auch, wie man von der Stärke her ungefähr die auftretende Beschleunigung abschätzen konnte.

Oga trug einen gescheiten Kopf auf seinen Schultern. Er ließ mich nicht nur das Graviskop studieren, sondern flickte auch meine theoretischen Kenntnisse ein bisschen aus.

„Wie ist das nun eigentlich mit dem Massenzuwachs?“, fragte ich ihn eines Tages, als wir ausnahmsweise wieder einmal über einer anständigen Mahlzeit saßen und uns menschlich benehmen konnten. „Wir sind jetzt fünfmal so schnell wie das Licht. Nach Einstein müssten wir aber schon bei einfacher Lichtgeschwindigkeit unendlich groß werden. Bis jetzt habe ich aber noch nichts davon bemerkt.“

„Hoffentlich haben Sie nicht allzu viel Angst ausgestanden“, sagte er und blinzelte mich dabei belustigt an. „Sie sind nicht größer und nicht kleiner als auf der Erde, und die Rakete hat sich auch nicht verändert. Sie haben vermutlich übersehen, dass die Lichtgeschwindigkeit konstant ist.“

„Na und?“

„Na und?“, lächelte er. „Das bedeutet, dass die Lichtgeschwindigkeit immer 300 000 Kilometer pro Sekunde beträgt, ganz gleich, wie schnell sich das Bezugssystem bewegt, von dem aus gemessen wird. Die Lichtgeschwindigkeit beträgt an der Rakete 300 000 Kilometer pro Sekunde, und wenn Sie hier an der Rakete messen könnten, würden Sie ebenfalls 300 000 Kilometer pro Sekunde feststellen. Unsere relative Geschwindigkeit zur Lichtgeschwindigkeit ist also genauso groß wie auf der Erde, und infolgedessen kann sich nichts verändert haben und kein Massenzuwachs eingetreten sein. Begriffen?“

„Kein Wort!“, würgte ich, denn plötzlich war mir der Mund zu voll und der Kopf zu leer. „Moment mal!“

Ich schluckte hastig, was ich im Mund hatte, und versuchte, auch weiter oben klarzukommen, aber das gelang weniger. In meinem Kopf musste sich ein Kontakt gelöst haben.

„Moment, wie war das? Die Lichtgeschwindigkeit ist nach Einstein konstant. Klar! Infolgedessen messen wir an jedem Weltenkörper die gleiche Lichtgeschwindigkeit. Auch klar! Wenn aber das Licht jedem Körper gegenüber die gleiche Geschwindigkeit besitzt, dann muss auch umgekehrt jeder Körper dem Licht gegenüber die gleiche Geschwindigkeit besitzen. Pfui Teufel! Das würde doch bedeuten, dass alle Körper die gleiche Geschwindigkeit haben oder alle stillstehen. Himmel, da stimmt doch etwas nicht, he?“

„Wieso nicht?“, fragte er unschuldig.

Ich gab es ihm schön bedachtsam, denn blamieren wollte ich mich auch nicht gerade.

„Passen Sie auf, Oga. Wir haben jetzt fünffache Lichtgeschwindigkeit. Das sind rund 1 500 000 Kilometer pro Sekunde. Wenn uns jetzt ein Lichtstrahl mit seinem üblichen Tempo von 300 000 Kilometer pro Sekunde entgegenkommt, sagen wir von Forrest zwo her, dann treffen wir doch mit 1 800 000 Sekundenkilometern aufeinander. Und mit dieser Geschwindigkeit rauschen wir auch aneinander vorbei. Oder etwa nicht?“

„Nein“, antwortete er kaltblütig. „Wenn wir messen könnten, würden wir feststellen, dass die Relativgeschwindigkeit zwischen uns und dem Licht nur 300 000 Kilometer pro Sekunde beträgt.“

Details

Seiten
130
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930573
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v495404
Schlagworte
sprung lichtschranke

Autor

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Titel: Sprung über die Lichtschranke