Lade Inhalt...

Grainger im Todesstollen

2019 120 Seiten

Zusammenfassung


Er hat in Notwehr geschossen, um einen Indianer und sich selbst vor einem Betrunkenen zu schützen, doch er soll trotzdem dafür hängen. In der Nacht vor der Hinrichtung befreit ihn jedoch ein Fremder aus seiner Zelle. Danach überschlagen sich die Ereignisse...

Leseprobe

Table of Contents

Grainger im Todesstollen

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

Grainger im Todesstollen

Western von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 103 Taschenbuchseiten.

 

Er hat in Notwehr geschossen, um einen Indianer und sich selbst vor einem Betrunkenen zu schützen, doch er soll trotzdem dafür hängen. In der Nacht vor der Hinrichtung befreit ihn jedoch ein Fremder aus seiner Zelle. Danach überschlagen sich die Ereignisse...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Bild FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

»Sprich dein letztes Gebet, Rothaut!«, brüllte James Ebba und riss seinen Colt aus dem Holster.

Der Apache wich mit schreckgeweiteten Augen bis zur Hauswand zurück und starrte den betrunkenen Ebba entsetzt an.

»Lass den Apachen in Ruhe, Ebba!«, schrie Grainger wütend. Ebba kreiselte herum. Sein Gesicht war rot vor Wut.

Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

»Du hältst dich da besser raus, Grainger!«, fauchte Ebba gereizt. Ein paar Leute wichen zur Seite. Sie wollten nicht unbedingt zwischen zwei Feuern stehen.

Grainger fixierte den wankenden Mann mit einem eiskalten Blick.

»Du krümmst dem Apachen keine Feder, verstanden?«, presste er hervor.

Ebba stieß die Luft hörbar aus. »Der Kerl hat versucht, meine Frau zu vergewaltigen!«

»Geh zum Sheriff, wenn es wahr ist!«, erwiderte Grainger trocken.

Er behielt den Betrunkenen scharf im Auge. Ebba war dafür bekannt, dass ihm der Colt verdammt locker saß, wenn er zu viel gebechert hatte. Und heute hatte er zu viel gebechert.

Ebba schüttelte wütend den Kopf. »Ich brauche keinen Sheriff, zum Geier! Ich bin gewöhnt, meine Angelegenheiten selbst zu regeln! Auf meine Weise.«

Grainger baute sich breitbeinig auf. Er brachte die ruhigen Hände in die Nähe seiner Colts und knurrte: »Wenn du unbedingt auf jemanden schießen musst, dann schieß auf mich, Ebba!«

James Ebbas Zunge huschte blitzschnell über die trockenen Lippen. In seinen Augen flackerte ein sehr gefährliches Feuer.

Plötzlich wurden seine Lippen schmal und hart. Im selben Moment handelte er.

Der Schuss peitschte auf. Ebbas Kugel riss den Apachen zur Seite. Der Indianer brach wie vom Blitz getroffen zusammen. Sein Körper krümmte sich reflexartig.

Dann lag der Apache still.

Sobald die erste Kugel Ebbas Waffe verlassen hatte, warf er sich mit ungeheurer Schnelligkeit herum und richtete die Waffe auf Grainger. Grainger hatte dem Betrunkenen diese Reaktion gar nicht zugetraut.

Doch der große Mann war schneller.

Die Colts zuckten in Ebbas Richtung. Sie spien gleichzeitig lange Feuerzungen nach dem Gegner.

James Ebba wurde nach hinten gerissen. Er stieß einen langgezogenen Schrei aus, während er zurückflog und mit beiden Schulterblättern in den Straßenstaub krachte.

Als der Schrei erstarb, war Ebba tot.

 

 

2

Die Sonne stand hoch am Himmel und schickte ihre gleißenden Strahlen durch das vergitterte Gefängnisfenster in die kleine Zelle.

Grainger starrte schweigsam auf das helle Rechteck, in dem die dunklen Schatten der gekreuzten Gitterstäbe auf dem schmutzigen Boden lagen.

Er saß auf seiner Pritsche.

Auf der gegenüberliegenden Pritsche hockte Doug Clarke, ein kleiner Taugenichts. Ein Säufer, der die Arbeit hasste wie der Teufel die Kirche. Er stahl zumeist, was nicht angenagelt war, um Geld für seinen Whisky zu kriegen, ohne den er nicht leben konnte.

Doug Clarke war dünn, sein Körper ausgemergelt. Er war nicht mehr der Jüngste, das merkte man am deutlichsten an seinem grauen Bart und am schütteren Haar, das bereits weit aus der runzeligen Stirn zurückgetreten war.

Clarke war klein, hatte krumme Beine, und mit seiner abgetragenen Kleidung fiel er sogar im Jail unangenehm auf.

Nun schüttelte er kichernd den Kopf.

»Du bist doch der verrückteste Hund, der mir je untergekommen ist, Grainger.«

»Warum?«

»Wie konntest du nur so bescheuert sein, dich auf die Seite des Apachen zu stellen?«

»Ich bin überzeugt, der Apache hatte niemandem etwas getan.«

»Aber er war eine Rothaut.«

»Na, wenn schon. Ich knalle dich doch auch nicht über den Haufen, bloß weil du ein Saufbold bist.«

Doug Clarke hob grinsend die Hand. Von seinen Zähnen waren nicht mehr viele übrig.

»Moment, Freund! Ich bin keine Rothaut. Ich bin zwar kein Vorbild für die Jugend, aber ich bin immerhin ein Weißer. Das zählt, Grainger. Dir hätte von Anfang an klar sein müssen, dass du die ganze beschissene Stadt gegen dich hast, wenn du Ebba umlegst, nur weil er einen Apachen abgeknallt hat.«

Grainger schüttelte ärgerlich den Kopf.

»Ebba hatte nicht das Recht, den Indianer ...«

Clarke kicherte. Er stand auf, kam zu Grainger und setzte sich auf dessen Pritsche.

»Sag mal, du bist wohl nicht ganz richtig im Kopf.«

Grainger funkelte die halbe Portion grimmig an.

»Wenn du um ein paar Zoll größer wärst, hättest du das nicht sagen dürfen!«

»Wahrscheinlich hätte ich es dann auch nicht gesagt!«, grinste der Spitzbube. »So aber kann ich es mir leisten, offen mit dir zu reden, Langer. Ich hätte dich für klüger gehalten. Seit wann ist denn das Recht mit im Spiel, wenn es um das Leben eines Indianers geht?«

Grainger schlug sich wütend auf die Schenkel.

»Verdammt noch mal, ein Indianer ist auch ein Mensch.«

Der Kleine schüttelte plötzlich ernst den Kopf..

»Hier nicht, Grainger. Nicht in dieser Stadt. Sie werden dich hängen, das ist dir doch klar.«

»Sie werden mich vor Gericht stellen«, nickte Grainger.

»Ja, das werden sie. Und anschließend werden sie dich hängen. Schließlich hast du James Ebba erschossen.«

»Ich habe ihn zwar erschossen, aber es war Notwehr!«, sagte Grainger hart. »Ebba hatte die Waffe bereits in der Hand.«

Doug Clarke kannte die Leute, die in dieser Stadt wohnten, jedoch besser.

»Es wird Typen geben, die bezeugen können, dass du Ebba über den Haufen geschossen hast, ohne ihm eine Chance zu geben. Du wirst es erleben, Grainger. Es wäre vielleicht anders, wenn keine Rothaut im Spiel gewesen wäre. So aber hast du nicht die geringste Chance. Kein Aas trauert heute um den Apachen. Aber die ganze Stadt heult sich die Augen um James Ebba wund.« Clarke spuckte auf den Boden. Mitten in den hellen Fensterfleck hinein. »Dies hier ist eine miese Stadt, Grainger.«

Grainger nickte. »Ich hätte nicht herkommen sollen.«

Der Kleine zuckte die Schultern.

»Nun bist du da und wirst da bleiben. Von heute an ist dein Weg genau vorgezeichnet. Er führt von hier zum Galgen. Und vom Galgen auf den Friedhof!«

 

 

3

Es ging wie ein Lauffeuer von Stadt zu Stadt, dass Grainger gehängt werden sollte.

Sidney Blood erfuhr es in Rock Springs.

Sidney Blood, der Spezialagent der Wells-Fargo-Sicherheitsabteilung. Sidney Blood, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, Grainger so lange zu hetzen, bis er in der Hölle war.

Blood saß in der Bar. Er hatte einen großen Whisky vor sich stehen und ein hübsches Girl an der Seite. Ein Freund klopfte ihm grinsend auf die Schulter.

»Das wär’s dann!«, nickte der Grinsende. Er hatte ein furchterregendes Raubvogelgesicht. Seine Nase war so schmal und so gekrümmt wie der Schnabel eines Aasgeiers.

»Was wär’ dann?«, fragte Sidney Blood unkonzentriert.

»Ich meine, wenn Grainger aufgehängt wird!«, sagte der Grinser.

Das Girl kicherte verlegen.. »Aufgehängt? Wer wird denn aufgehängt?«

»Grainger. Sagte ich doch eben!«, antwortete der Grinser.

»Komm, Baby, sei lieb und hau ab!«, knurrte Blood. Ihm war die Lust auf dümmliche Blondinen vergangen.

Die Kleine schürzte die Lippen, erhob sich, zupfte ihre Kleider zurecht und stelzte trotzig davon.

Blood trank den Whisky mit einem schnellen Ruck aus.

»Jetzt können wir uns wichtigeren Aufgaben zuwenden, Sid!«, grinste der Freund des Agenten. »Der wird uns keine Sorgen mehr machen.«

Sidney Blood knirschte ärgerlich mit den Zähnen. Eigentlich hätte er sich darüber freuen müssen, dass sie Grainger endlich gefasst hatten.

»Was ist, Sid?«, fragte der Freund irritiert. »Warum machst du so ein wütendes Gesicht?«

Blood schob sein leeres Whiskyglas angewidert von sich.

»Ich glaube, das kannst du nicht verstehen, Tim.«

»Versuch’s mal.«

»Nun jage ich diesen Bastard seit undenklichen Zeiten kreuz und quer durch sämtliche Staaten. Wenn ich nur seinen Namen höre, sehe ich bereits rot. Ich habe mein ganzes Leben darauf eingestellt. Ich wollte der Mann sein, der Grainger zur Strecke bringt. Es befriedigt mich ganz und gar nicht, wenn er sich nun auf diese lächerliche Art aus der Affäre zieht.«

Er machte eine kleine Pause.

Dann sagte er: »Fast wünsche ich mir, dass ihm eine Flucht gelingt. Das, was passieren soll, ist nicht das Ende, das ich für Grainger vorgesehen habe, verstehst du?«

Der Mann mit dem Raubvogelgesicht schüttelte den Kopf.

»Ich sagte, du kannst das nicht verstehen!«, knurrte Sidney Blood ärgerlich.

»Ich finde, es ist doch ganz egal, welches Ende dieser Weiberheld findet, Sid. Es ist Nebensache, ob er aufgehängt oder erschossen wird. Wichtig erscheint mir nur, dass ihn Wells-Fargo nicht mehr zu fürchten braucht.«

Sidney Blood schnellte hoch, als hätte ihn eine Viper gebissen.

Er starrte den Freund mit glühenden Augen an.

»Wir haben ihn niemals gefürchtet, Tim! Niemals. Ist das klar?«

Er nickte hastig und schluckte.

»Natürlich, Sid. Natürlich haben wir ihn niemals ernsthaft gefürchtet.«

Blood verließ die Bar.

Er begab sich in sein Hotelzimmer, um zu packen.

Schließlich wollte er dabei sein, wenn man seinen größten Widersacher aufknüpfte.

 

 

4

Der Sheriff hieß Gary Scott.

Ein Zweimetermann. Harte Gesichtszüge. Eine von der Sonne dunkel gebräunte Haut mit vielen Krähenfüßen um die kalten Augen.

Die Gerichtsverhandlung war vorüber.

Es war genauso gekommen, wie Doug Clarke es vorausgesagt hatte.

Der Sheriff setzte ein breites, hohntriefendes Grinsen auf.

»Morgen, Grainger! Morgen ist dein großer Tag. Dein größter. Und zugleich dein letzter. Man sagt doch, wenn’s am schönsten ist, soll man aufhören. Der Henker ist bereits eingetroffen. Die Stimmung in der Stadt war schon lange nicht mehr so gut. Der Galgen ist fertig. Die Schlinge wartet ungeduldig auf deinen Hals.«

»Sie wird ihre Ungeduld noch ein wenig zügeln müssen!«, grinste Grainger eiskalt.

Gary Scott stand breitbeinig vor der Gittertür und musterte Grainger interessiert.

»Man erzählt sich von dir ja wahre Schauermärchen.«

»Tut man das?«, fragte Grainger gleichgültig.

»Sollst schon die gefährlichsten Klippen überwunden haben. Manchmal hat man sich gefragt, wie du das bloß schaffen konntest.«

»Man hat eben so seine Tricks«, grinste Grainger frostig.

»Bin neugierig, ob du’s noch mal schaffst, dem Totengräber von der Schaufel zu hüpfen.«

»An Ihrer Stelle würde ich mich einfach überraschen lassen, Sheriff.«

»Ich wette um meinen Stern, dass du’s diesmal nicht schaffst, Grainger.«

»Ich würde das nicht so leichtfertig sagen«, grinste Grainger.

»Du stirbst morgen. Das ist ganz sicher.«

»Was ist, Sheriff? Wollen Sie mich heulen sehen? Weshalb erzählen Sie mir das? Was wollen Sie von mir?«

Gary Scott grinste spöttisch.

»Ich will dir eine kleine Freude machen, Grainger.«

»Fein. Geben Sie mir eine Waffe und ein Pferd. Dann habe ich meine kleine Freude.«

Scott lachte meckernd.

Grainger lehnte sich gleichgültig an die Wand. Doug Clarke saß auf seiner Pritsche und hörte sich die Unterhaltung schweigsam an.

»Was gibt’s da zu lachen, Sheriff?«, fragte Grainger.

»Die Leute würden mich lynchen, wenn ich sie um das morgige Schauspiel prellen würde.«

Grainger schaute den großen Mann abweisend an.

»Sagen Sie endlich, was Sie wollen, und hauen Sie ab. Ich will mich nicht länger mit Ihnen unterhalten. Ich will Sie auch nicht mehr länger ansehen.«

Scott fletschte die Zähne.

»Du brauchst mich nicht mehr lange anzusehen, Grainger. Morgen, wenn dir der Henker die Schlinge um den Hals legt, siehst du mein dämliches Gesicht zum letzten Mal.«

»Wenigstens ein Lichtblick für morgen!«, knurrte Grainger.

»Noch etwas!«, griente der Sheriff. »In der vordersten Reihe der Zuschauer wird ein sehr guter Bekannter von dir stehen.«

»Wer?«

»Soll ich dir den Namen verraten, oder möchtest du dich lieber überraschen lassen, Grainger?«

»Wer?«

»Sidney Blood!«, sagte der Sheriff mit leuchtenden Augen.

Graingers Gesicht wurde hart wie Granit.

Blood kam hierher. Natürlich. So ein Schauspiel ließ sich dieser Bluthund von Wells-Fargo nicht entgehen.

»Finde ich richtig großartig von dem Mann, dass er es sich nicht nehmen lässt dabeizusein, wenn du morgen zur Hölle fährst, Grainger!«, grinste der Sheriff.

Dann wandte er sich abrupt um und verließ den an das Sheriffsbüro angrenzenden Jail-Trakt.

 

 

5

Eine stille Nacht lag vor dem vergitterten Gefängnisfenster.

Grainger schlief.

Doug Clarke packte ihn aufgeregt an der Schulter und rüttelte ihn nervös.

»He, Langer! Langer! Verdammt noch mal, wach doch auf! Komm zu dir! Ich kann einfach nicht begreifen, wie man in der Nacht vor der eigenen Hinrichtung so tief schlafen kann!«

Grainger schlug die Augen auf, wandte sich zu dem Saufbruder um und grinste ihn an.

»Reine Nervensache, Doug.«

»Zum Teufel mit den Nerven! Du hast doch überhaupt keine!«

»Warum bist du denn so furchtbar aufgeregt? Mitten in der Nacht. Hat man einen zweiten Galgen aufgestellt?«

Clarke erschauerte.

»Lass die makabren Späße, Grainger.«

»Was gibt’s denn, Doug?«

Der Kleine schaute nervös zum Fenster hinauf.

»Da fummelt einer schon längere Zeit am Fenstergitter herum.«

»Ist nicht wahr.«

»Doch!«, sagte Clarke mit weit aufgerissenen Augen. Er machte das immer, wenn er besonders ernst genommen werden wollte. »Hast du denn nichts gehört?«

»Absolut nichts«, schmunzelte Grainger. »Ich hab’ ja geschlafen.«

»Natürlich. Was morgen passiert, geht dich ja überhaupt nichts an«, nickte der Saufbold ärgerlich.

Plötzlich waren am Gitter zwei weiße Hände zu sehen.

Clarke zuckte zusammen, als wären es die Hände eines Gespenstes.

»Da!«, presste er zitternd hervor, während er sich nervös das bartbestandene Kinn kratzte. »Sieh selbst, Langer.«

Die Hände knüpften ohne Eile ein Lasso um die massiven Stäbe.

»Was sagst du nun?«, stöhnte der Kleine schwer beeindruckt.

»Pst! Grainger!«, flüsterte plötzlich jemand vor dem Fenster.

»Ja?«, gab Grainger leise zurück.

»Ich hol’ dich hier raus!«, flüsterte die Stimme. Es ist schwer, eine Stimme, die flüstert, zu erkennen. Deshalb strengte sich Grainger nicht an herauszufinden, wer zu ihm gesprochen hatte. »Ich muss nur noch das Gitter abkriegen!«, zischte der Mann. »Halte dich inzwischen bereit. Es muss verdammt schnell gehen!«

»Okay!«, gab Grainger gespannt zurück. »Kannst dich darauf verlassen, dass ich schnell sein werde.«

Doug Clarkes Kopf flog hin und her. Er schaute einmal zum Fenster, dann zu Grainger.

»Sag mal, Langer, wer ist dieser Menschenfreund?«

Grainger zuckte die Schultern. »Keine Ahnung.«

»Ist das keine abgekartete Sache?«

»Ganz und gar nicht«, lächelte Grainger. »Ich bin genauso erstaunt wie du.«

»Ich würde zu gern wissen, wer der Kerl da draußen ist.«

»Fragt ein Ertrinkender, wem die Hand gehört, bevor er sie ergreift?«, meinte Grainger lächelnd.

Der Saufbold schüttelte den Kopf. »Nein.« Er schaute wieder zum Fenster. Die beiden Hände waren verschwunden.

Es folgte Stille.

»Verdammt, Langer, ich würde gern mitkommen«, sagte Doug Clarke. Es klang irgendwie flehend. »Mir stinkt’s hier drinnen schon lange. Wer weiß, wann der Sheriff wieder Lust verspürt, mich laufenzulassen.«

»Ich sehe keinen Grund, weshalb du hierbleiben solltest, Doug. Wenn erst mal das Gitter vom Fenster weg ist, ist der Weg nach draußen nicht nur für mich, sondern auch für dich frei.«

Der Kleine bekam feuchte Augen. Er war ehrlich gerührt.

»O Grainger. Du meinst wirklich, ich darf ... Mensch, ich bin, verdammt noch mal, ich bin schwer gerührt!«

Grainger klopfte dem Mann auf die Schulter. »Nun fang jetzt bloß nicht an zu heulen.«

Die Männer schwiegen.

Draußen war plötzlich ein klatschendes Geräusch zu hören.

Pferdegetrappel! Das dicke Lasso spannte sich mit einem brummenden Ton. Das Mauerwerk knirschte.

Und plötzlich flog das Gitter scheppernd weg.

Graingers Mund umspielte ein zufriedenes Grinsen. Er sprang zur offenen Fensteröffnung hinauf und schlüpfte schlangengleich in die Freiheit.

Doug Clarke schaffte es nicht so mühelos wie Grainger.

Doch mit ein bisschen Hilfe erreichte er die dunkle Straße.

Grainger sah zwei Pferde und einen fremden Mann. Der Bursche war jung, drahtig, muskulös und hatte einen harten, kantigen Schädel, mit dem er Holzwände einrennen konnte.

Der Fremde schnitt das Lasso ab und steckte sein Messer weg.

Dann wies er auf Clarke. »Verflucht, Grainger! Was willst du mit dem?«

»Er kommt mit uns!«, sagte Grainger bestimmt.

»Das ist doch nicht dein Ernst!«, erwiderte der Mann ärgerlich.

»Er kommt mit!«, stellte Grainger ein für allemal klar.

»Himmel noch mal...«

»Pst!«, zischte Doug in diesem Moment und wandte sich erschreckt um. »Da kommt jemand.«

Grainger fuhr herum. Der Kerl, der da kam, passte ihm ganz und gar nicht ins Programm.

Er machte dem Kleinen und dem Fremden ein hastiges Zeichen.

Sie verschwanden im Schatten zweier eng beisammenstehender Häuser.

Auch die Pferde waren nicht mehr zu sehen.

Grainger presste sich an die Hauswand und hielt den Atem an.

Ein bulliger Mann bog um die Ecke. Seine schweren Stiefel knirschten. Sie wirbelten eine Menge Staub auf.

Grainger starrte wütend zur Straßenmitte. Genau dort lag das Gefängnisgitter.

Der Mann hätte blind sein müssen, um es nicht zu sehen.

Vier Schritte trennten den Mann noch vom Gitter. Drei Schritte.

Grainger spannte die Muskeln. Er musste handeln, wenn der Mann den Ausbruch bemerkte.

Zwei Schritte.

Gleich darauf war der Mann vor dem Gitter. Er blieb irritiert stehen, schüttelte den Kopf und brummte irgend etwas.

Plötzlich schien er begriffen zu haben. Sein Kopf ruckte herum. Er starrte zu der dunklen Fensteröffnung hoch.

. Und dann wollte er Alarm schlagen.

Doch da war Grainger schon bei ihm. Der Kerl war so verdattert, dass er zu keiner Abwehrreaktion fähig war.

Graingers Faust explodierte an seiner Schläfe. Der Mann kippte zur Seite und fiel lautlos um.

Das war geschafft.

Damit war die Gefahr, dass die Flucht zu früh entdeckt wurde, für den Augenblick gebannt.

Grainger bückte sich und nahm dem Mann den Coltgurt ab. Als er dann die Waffe an seiner Hüfte spürte, kam er sich nicht mehr so schrecklich nackt vor.

»He!«, rief Grainger in die Dunkelheit.

»Ja?«, kam es ebenso leise zurück.

»Ihr könnt kommen!«

»Okay!«, zischte der Fremde.

Doug Clarke stand grinsend neben ihm. Er freute sich auf die Fortsetzung der Flucht. Doch der Fremde hatte andere Pläne.

Er zog blitzschnell seinen Colt und knallte ihn dem ahnungslosen Mann hart ins Genick.

Clarke brach zusammen. Der Fremde schob den Colt in das Holster zurück und kam mit den Pferden aus dem Versteck.

»Los jetzt, Grainger!«, flüsterte der Fremde. »Schwing dich in den Sattel!«

»Wo ist Doug?«, wollte Grainger wissen.

Der Fremde schnellte sich an der Pferdeflanke hoch und hockte gleich darauf aufrecht im Sattel.

»Der ist vor lauter Angst einfach abgehauen.«

»Er wollte doch mit uns kommen.«

Der Fremde lachte leise. »Vielleicht ist es ihm in deiner Nähe doch ein wenig zu gefährlich. Komm jetzt endlich. Oder hast du vor zu warten, bis der Sheriff weiß, dass du nicht mehr in deiner Zelle sitzt?«

Grainger stieg aufs Pferd.

Er schüttelte grinsend den Kopf und meinte: »Nein, das habe ich eigentlich nicht vor.«

»Dann mal los!«, zischte der Fremde.

Er riss sein Pferd herum.

Grainger folgte ihm. Sie ritten in gestrecktem Galopp aus der Stadt.

 

 

6

Im Morgengrauen machten sie die erste Rast. Die Luft hier in den wildzerklüfteten Bergen war rau und kalt.

Von ihrer Position aus konnten sie das weite Tal überblicken.

Der Fremde hatte ein kleines Feuer gemacht. Eine Kaffeekanne stand darauf. Das schwarze Gebräu duftete bereits.

Es würde die müde gewordenen Lebensgeister wieder ein wenig aufrütteln.

Grainger ging neben dem Fremden in die Hocke.

Der Mann sah ihn nicht an.

»Ich glaube, es ist jetzt an der Zeit, mich zu bedanken!«, meinte Grainger.

Er streckte dem Fremden die Hand entgegen. Dieser ergriff sie, drückte sie fest und schaute Grainger dabei lächelnd in die Augen.

»Keine Ursache, Grainger! Es war mir ein Herzensbedürfnis, dich aus dem Jail herauszuholen.«

Der Fremde richtete sich auf, holte zwei Becher und füllte sie mit Kaffee.

Sie tranken schweigend und fühlten sich mit jedem Schluck besser.

Grainger musterte den Fremden.

»Woher kennst du mich?«, fragte er nach einem weiteren Schluck Kaffee.

Der Mann grinste geheimnisvoll.

»Wer kennt dich nicht, Grainger?«

»Woher kommst du?«

»Aus Pinedale.«

»Wie ist dein Name?«, wollte Grainger wissen.

»John Hawkins.«

Grainger schüttelte nachdenklich den Kopf. »Ich kenne dich nicht, John.«

Hawkins verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen.

»Tut das was zur Sache?«

»Ich finde schon«, erwiderte Grainger.

»Wichtig ist doch nur, dass sie dich nicht hängen werden.«

Grainger trank den Becher leer und stellte ihn auf den Boden.

»Bist du eigens aus Pinedale gekommen, um mich aus dem Gefängnis zu holen, John?«

Hawkins nickte. »Allerdings.«

»Warum hast du das für mich getan?«, fragte Grainger misstrauisch. »Du, ein Mann, den ich nicht einmal kenne.«

John Hawkins gab Grainger ein Zigarillo und schob sich selbst eines zwischen die Zähne. Grainger nahm ein Holz aus dem Feuer. Sie zündeten sich daran die Zigarillos an.

»Ich habe meine Gründe für das, was ich getan habe«, sagte Hawkins trocken. »Reden wir nicht mehr darüber.«

Grainger fand es äußerst seltsam, dass Hawkins ihm seine Gründe nicht nennen wollte.

Grainger nickte.

»Okay. Wie du willst, John.«

Hawkins goss den Rest des Kaffees aus. Er verstaute die Becher und die Kanne. Dann trat er das Feuer aus.

»Wir müssen weiter«, stellte er sachlich fest. »Jetzt ist die Meute sicher schon hinter uns her.«

Sie gingen zu den Pferden.

Grainger schwang sich in den Sattel und meinte grinsend: »Weißt du, was ich gern gesehen hätte, John?«

»Was?«

»Das Gesicht des Sheriffs, als er die Zelle leer vorfand.«

Die beiden Männer lachten schadenfroh und ritten los.

 

 

7

Der Sheriff hatte eine kleine Armee zusammengetrommelt, denn diese Schlappe konnte er unmöglich auf sich sitzenlassen. Er war so sicher gewesen, dass Grainger hängen würde. Zu sicher gewesen. Deshalb traf ihn die üble Überraschung doppelt hart.

Er war mit seinem Aufgebot noch vor dem Morgengrauen aus der Stadt geritten.

Als Sidney Blood von Graingers neuestem Streich erfuhr, grinste er grimmig und meinte kopfschüttelnd zu sich selbst: »Dieser Kerl muss mit dem Teufel im Bunde sein. Anders ist das nicht zu erklären. Wenn einer so viel Glück hat wie Grainger, dann muss einfach irgend etwas daran faul sein.«

Blood befand sich in seinem Hotelzimmer.

Er war eben im Begriff, seine Stiefel anzuziehen, als unten auf der Straße Schreie laut wurden.

Blood ging ans Fenster und schob die Gardine zur Seite.

Als erstes fielen ihm zwei vierschrötige Kerle auf.

Sie waren ganz in Schwarz gekleidet und trugen blütenweiße Halstücher. Sie bewegten sich wie Revolvermänner, die den Kampf niemals scheuten und gewohnt waren zu siegen.

Sie kamen von rechts.

»Die Buzza-Brüder!«, schrie jemand aufgeregt.

Die Leute brachten sich ängstlich in Sicherheit. Vorsichtig lugten sie aus den Häusern, bereit, die Nase sofort zurückzuziehen, wenn es zu gefährlich werden sollte.

Langsam schritten die Buzza-Brüder die Straße entlang.

Sie verstanden es, sich allein schon durch ihr Auftreten Respekt zu verschaffen. Man sah ihnen mühelos an, wie gefährlich sie waren.

Jedermann tat gut daran, sie nicht zu reizen.

Von links kam ihnen ein Mann entgegen. Es war heller Wahnsinn, was der Mann vorhatte.

Blood kannte ihn von unzähligen Steckbriefen her.

Er heißt Dwight Crabb.

Auf seinen Kopf waren 5000 Dollar ausgesetzt. Anscheinend wollten sich die Buzza-Brüder den Betrag verdienen.

Crabb war mittelgroß, hatte einen dicken Schnauzbart, das grimmige Gesicht eines gefährlichen Killers und stechende, bösartige Augen.

Er trug einen langen Samtrock, den er nun zurückschlug.

Zwei blitzende Colts kamen zum Vorschein.

Crabb blieb stehen. Er pflanzte sich breitspurig auf, ließ die Arme leicht in der Nähe der Waffenkolben pendeln und erwartete die Gegner.

Sidney Blood vermutete, dass Crabb keine andere Wahl gehabt hatte. Er hatte sich diesem Duell stellen müssen. Wahrscheinlich hatten ihn die Buzza-Brüder dazu gezwungen.

Andernfalls wäre Dwight Crabb verrückt gewesen, wenn er nicht rechtzeitig versucht hätte abzuhauen.

Der Ruf der Buzza-Brüder war nicht gerade einer der Besten.

Sie waren scharf auf Kopfgeld. Und sie verschafften es sich mit der Präzision eines Uhrwerks.

Wer auf ihrer Liste stand, der kam von da erst wieder runter, wenn er beerdigt war.

Die Buzza-Brüder machten noch vier Schritte. Ihre harten Gesichter zeigten keine Erregung. Sie waren Auseinandersetzungen dieser Art gewöhnt.

Sidney Blood bestaunte ihre Kaltblütigkeit.

Sie starrten Dwight Crabb unbeweglich an. Es folgte ein letztes Abtasten mit den Augen, bevor die Kanonen sprechen sollten.

Sidney Blood nahm auf dem gegenüberliegenden Dach eine Bewegung wahr.

Er hob den Blick von der Straße.

Natürlich.

Die Buzza-Brüder hatten für alle Fälle vorgesorgt. Sie wollten kein Risiko eingehen.

Es gab insgesamt vier Buzzas.

Alle vier trugen die gleiche schwarze Kleidung. Zwei von ihnen befanden sich auf der Straße, um sich mit Dwight Crabb zu messen.

Zwei lagen auf dem gegenüberliegenden Dach mit ihren Gewehren auf der Lauer, um Dwight Crabb nötigenfalls von dort zu erschießen, falls unten etwas schiefgehen sollte.

Der Mann hatte nicht die geringste Chance. Selbst wenn es ihm gelungen wäre, die beiden Gegner, die vor ihm standen, zu erschießen, dann blieben immer noch die beiden Buzzas auf dem Dach übrig, die den Rest besorgten.

Crabb war furchtbar nervös.

Er hatte schon eine Menge Leute umgelegt. Zumeist aus dem Hinterhalt.

Auge in Auge zu kämpfen war nicht gerade seine starke Seite.

Noch dazu mit solchen Gegnern, denen ein ungeheuer gefährlicher Ruf vorausging.

Die Schützen auf dem Dach hatten auf Crabb angelegt.

Gleich musste die Entscheidung kommen.

Crabb scharrte mit dem Stiefel den Straßenstaub zur Seite.

Plötzlich hielt er die innere Anspannung nicht mehr länger aus. Er musste es zu einer Entscheidung bringen.

Seine Hände zuckten zu den Waffen.

Die Buzza-Brüder demonstrierten, um wie viel schneller sie waren als dieser Galgenvogel.

Sie zogen ihre Colts beinahe mit doppelter Geschwindigkeit.

Crabbs Waffen steckten noch zur Hälfte in den Holstern, da brüllten die Colts der Buzzas schon los.

Es war sagenhaft.

Dwight Crabbs Arme schnellten ohne Waffen nach oben. Sein Hemd wies in der Herzgegend zwei Einschusslöcher auf.

Er wankte drei Schritte zurück und brach tot zusammen.

Als sein Körper den Boden berührte, schoben die Buzzas ihre Colts gelassen in die Holster zurück. Die Sache war für sie gelaufen.

Während von allen Seiten aufgeregte Leute gerannt kamen, bahnten sich die beiden Männer mit stoischer Ruhe ihren Weg zur Bar.

Sie hatten sich soeben 5000 Dollar verdient.

Das wollten sie nun feiern.

Sidney Blood sah den schwarzgekleideten Männern so lange nach, bis sie in der gegenüberliegenden Bar verschwunden waren.

Blood schnippte mit dem Finger.

Ihm war plötzlich eine Idee gekommen.

 

 

8

Grainger schob den letzten mit Bohnen gefüllten Löffel in den Mund.

»Hervorragend!«, lobte er John Hawkins, der das Mittagessen zubereitet hatte.

»Daran kann man nicht viel verpatzen«, meinte Hawkins.

Sie befanden sich in einem dicht bestandenen Hochwald.

Von den Verfolgern fehlte nach wie vor jede Spur. Es war anzunehmen, dass sie in der falschen Richtung nach den beiden Männern suchten.

Grainger stellte den Blechteller ab und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

Hawkins nahm das Geschirr, reinigte es oberflächlich und verstaute es in der Satteltasche.

Dann gab er Grainger ein Zigarillo.

Sie rauchten schweigend.

Grainger hockte auf der Erde und starrte in die glosende Asche. Über ihnen pfiff der Wind durch die mächtigen Baumkronen, während sich hier unten kein Lüftchen regte.

»Aus Pinedale kommst du also«, meinte Grainger schließlich, um ein wenig mehr über Hawkins zu erfahren.

»Hm«, machte dieser.

Er schnippte das Zigarillo zur Feuerstelle und erhob sich, um zu den Pferden zu gehen.

Grainger schaute ihm nicht nach. Er starrte weiter in die Asche.

»Ich kenne da jemanden in Pinedale«, sagte er nachdenklich.

»Aha.«

»Ein Girl«, sagte Grainger.

»Ich weiß«, gab Hawkins zurück. »Sie heißt Molly Allen, nicht wahr?«

Grainger grinste. »Tatsächlich.« Er wandte sich langsam und erstaunt um. »Ja, John. So heißt sie.«

In diesem Moment gefror Grainger das Blut in den Adern.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930368
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
grainger todesstollen

Autor

Zurück

Titel: Grainger im Todesstollen