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REDLIGHT STREET #51: Gerdy - Betthäschen für Sonderwünsche

2019 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Gerdy - Betthäschen für Sonderwünsche

Copyright

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Gerdy - Betthäschen für Sonderwünsche

REDLIGHT STREET #51

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

 

Sie hatte wirklich keinen guten Start ins Leben. Die Mutter hatte früher als Dirne gearbeitet, um irgendwann einen Mann zu heiraten, der nur noch im Suff das Leben ertrug. Ihr Bruder war als Kleinkrimineller mehr oder weniger erfolgreich und sie selbst war ein Mädchen, das von allen als hässlich angesehen wurde. Niemals hatte sie in ihrem jungen Leben Zuwendung erfahren und ihre Mutter wünschte sich von Herzen, sie würde einfach verschwinden. So weint Gerda sich eines Tages bei einer alten Arbeitskollegin ihrer Mutter aus, als diese von einem Freier aufgesucht wird. Ein Mann, der außergewöhnliche Vorlieben hat und ein Auge auf Gerda wirft. Vielleicht hat sie ja so die Möglichkeit, viel Geld zu machen und damit ihrem Elend zu entfliehen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Man nannte sie »Spitzmausgesicht«. Gerda Mor wusste das und schwieg dazu. Was hätte sie denn auch sagen sollen? Dass sie sich ärgerte? Dann hätte man es um so toller getrieben. Man konnte ja so grausam sein. Gerda quälte sich lange damit herum. Manchmal gelang es ihr nicht, sich einfach darüber hinwegzusetzen, vor allen Dingen, weil sie keinen Menschen hatte, mit dem sie darüber hätte reden können. Dann sagte sie sich auch: Die Leute haben ja recht, ich sehe wirklich so aus. Keiner ist hässlicher. Ich bin der Schrecken der Straße. Was soll’s? Ich muss mich damit abfinden. Gerda lebte in einem heruntergekommenen Viertel am Rande der Großstadt. Die Eltern kümmerten sich kaum um ihre älteste Tochter. Die Mutter ärgerte sich darüber, dass »die Große« nicht so verschlagen war wie die anderen Straßenkinder.

»Die kommen zurecht, die wissen wo es langgeht, aber du!«

Wenn Gerda diese Reden hörte, stand sie immer ängstlich in der Küche herum und wagte kaum zu atmen.

Am schlimmsten trieb es ihr Bruder Ben.

»Wenn du wenigstens noch was herzeigen könntest«, sagte er, »dann könnte man ja was aus dir machen. Aber du bist der reinste Männerschreck.«

»Wieso?«, stammelte dann Gerda verzweifelt. »Ich kann doch nix dafür!«

»Mensch, halt doch die Klappe! Wer hat dich denn schon nach deiner Meinung gefragt.«

»Du kannst höchstens als Putze gehen«, sagte die Mutter verächtlich.

Gerda nahm ergeben diese Demütigungen hin und drückte sich noch enger an die Wand.

»Zieh Leine! Los, verschwinde! Was willst du noch hier? Verkrümle dich, klar!«

Der Vater saß stumpfsinnig in einer Ecke und kümmerte sich nicht darum, was um ihn herum vorging. Er war froh, wenn er seinen Schnaps bekam, alles andere interessierte ihn nicht mehr. Die Fürsorgerin hatte einmal gesagt: Bei dem ist alles verloren. Wenn wir ihn dem Alkohol entwöhnen, hält das nicht lange an. Es ist zwecklos.

Gerda kannte diese hochgewachsene Frau mit dem grauen Mantel recht gut. Aber wenn sie hier war, brachte sie den Mund nicht auf. Dabei hätte sie so viele Fragen! Vor allen Dingen hätte sie gern gewusst, wie man so etwas wird. Sie wünschte sich brennend, anders zu sein.

Das junge Mädchen sagte sich: Ich muss einen Beruf erlernen, bei dem ich den Menschen dienen kann, vielleicht akzeptieren sie mich dann?

Langsam stieg sie jetzt die ausgetretenen Stufen hinunter. Das Herz war ihr mal wieder recht schwer. Mit siebzehn nahm man das Leben sehr schwer.

In der Schule war sie auch kein großes Licht gewesen. Die Lehrer machten sich auch nie viel Mühe mit den Kindern aus diesem Stadtviertel. So klein die Kinder auch waren, sie spürten die Abwehr der übrigen Welt rasch, und das trug noch dazu bei, sie hart werden zu lassen. Wer in diesem Viertel keine Ellbogen besaß, der ging unter.

Gerda stand auf der Straße und schlenderte dann weiter Richtung Strich. Als erstes stieß sie auf Olga. Diese war schon eine alte Dirne, ging ganz in Schwarz. Leder! Gerda bewunderte sie über die Maßen.

Olga lehnte an der Wand und rauchte eine Fluppe, wie sie die Zigaretten nannte.

»Na, Kleene, willste dir mal wieder den Betrieb ansehen?«

Olga war auf ihre Art mütterlich und freundlich, aber nur zu Menschen, denen sie sich überlegen fühlte. Gerda war so ein Mensch. Außerdem war sie erst siebzehn Jahre alt und noch sehr unfertig. Ihr konnte man eine Menge vormachen. Olga brauchte das für ihr Selbstwertgefühl.

Gerda blieb stehen. Ängstlich sah sie die Dirne an.

»Ich mach schon keinen Ärger«, lispelte sie.

»Quatsch, das meine ich doch gar nicht. Bleib doch mal stehen.«

Gerda drehte sich herum, immer auf der Flucht. Mit den Augen wusste sie nicht wohin.

Olga musterte sie von oben bis unten.

»Ich kenn dich doch.«

Gerda lächelte dünn.

»Wer ist deine Alte?«

»Meine Mutter.«

»Klar! Oder hat dich der Esel im Galopp verloren?«

»Nein!« Gerda lachte.

Das kam sehr selten vor.

»Sie heißt Anne Mor.«

»Kiek mal an«, sagte die alte Nutte, »hätte ich mir doch fast gedacht! Die alte Anne, und du bist ihre Tochter?«

»Ja.«

Olga ging um das Mädchen herum, zog dabei die Lippen breit und warf sich die falsche Locke aus dem Gesicht.

»Annes Tochter! Also, dich muss sie wirklich im besoffenen Zustand gezeugt haben.«

Gerda war es peinlich, so angestarrt zu werden. Schon wollte sie sich weiterschleichen.

»Hab ich dir gesagt, dass du schon gehen kannst?«

Die Stimme klang herrisch.

Gerda zuckte zusammen.

»Ich mein es nicht so, Kleine. Ich bin nur verwundert, verstehste?«

»Nein.«

Olga kratzte sich am Kopf.

»Kannste auch nicht, Kleene. Mensch, wenn ich daran denke ... Damals, als wir zusammen anschaffen gingen ... Die tolle Anne hieß sie überall. Du liebe Güte, was haben wir Bundesmücken zusammengekarrt! Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, was für ein toller Käfer deine Alte war. Die hat die ganze Straße eingesteckt, wenn sie wollte. Und Kavaliere hatte die, ich weiß das noch wie heute, nur ganz reiche Pinkel. Damals haben wir alle gedacht, die Anne macht das große Rennen. Tja, hin und wieder kommt das ja mal vor, dass eine den großen Fischzug macht. Sag mal, hat die wirklich den Alfred geheiratet?«

»Ja, das ist mein Vater.«

Olga lachte verächtlich auf.

Freundschaftlich bot sie dem jungen Mädchen eine Zigarette an.

»Kannste ruhig nehmen, die sind nicht vergiftet.«

»Danke«, stotterte Gerda. Sie hatte noch nie geraucht. Aber sie wagte nicht, der alten Dirne das zu sagen. Zum ersten Mal unterhielt sich ein Mensch mit ihr.

Sie hustete, und Olga musste ihr auf den Rücken klopfen.

»Kannst dir das wohl nicht vorstellen, wie?«

»Nein«, sagte das junge Mädchen wahrheitsgemäß.

»Aber du hast doch gewusst, dass deine Alte früher auf'n Strich ging?«

»Ja, das hat sie mir oft genug gesagt.«

Olga kicherte.

»Jetzt sieht sie wohl wie ’ne alte Schachtel aus, wie?«

Gerda konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Mutter einmal so etwas wie eine Schönheit gewesen sein sollte. Sie war verkommen und schlampig.

»Ja.«

Olga stellte sich in Positur.

»Tja, Mädchen, das macht die Ehe. Sieh mich an, ich bin genauso alt wie deine Mutter, aber ich geh noch immer auf den Strich. Ich mach noch immer meine Mücken. Ja, da staunst du, was?«

In diesem Augenblick kamen zwei Zuhälter vorüber. Gerda wusste nicht, dass es Luden waren.

»Na, Olga, reißt du mal wieder ein paar Kinder auf?«, sagten sie verächtlich.

Olga schimpfte wütend hinter ihnen her.

Sie lachten gutmütig.

»Verdammte Schweine, lasst mich in Ruh!«

»Tun wir ja, Olgachen, tiefer kannste ja gar nicht mehr sinken, altes Scheusal. Dass dich ein Freier überhaupt noch anfassen mag. Tja, es muss ja immer Dumme geben. Sonst stürbe die Welt aus.«

Gerda lehnte an der Hauswand und beobachtete zu ihrer Verwunderung, dass die alte Dirne rot wurde. Es war ihr peinlich, dass man sie vor dem Kind so herabwürdigte, wo sie sich doch gerade so in ihren angeblichen Erfolgen gesonnt hatte.

Die Luden blieben bei zwei superblonden, langbeinigen Geschöpfen stehen. Die befanden sich in der Mitte der Straße. Aber auch sie waren nicht mehr viel wert, denn sie standen am Tage. Die wirklich guten Dirnen kamen nur nachts. Dann hatten die anderen den Platz zu räumen.

»Die mit ihrer falschen Mähne!«, schimpfte Olga wütend. »Die tun wirklich so, als könnten sie sich die Kronjuwelen von England leisten.«

»Warum bist du so wütend?«, fragte Gerda erstaunt.

Olga starrte sie an.

»Dich hab ich für einen Augenblick ganz vergessen. Was habe ich denn eben gesagt?«

»Du hast von meiner Mutter gesprochen.«

»Ach ja, verdammt, du siehst ihr kein bisschen ähnlich, Mädchen.«

»Nein.«

»Na ja, man könnte was aus dir machen, ehrlich. Wird zwar schwierig sein. Mensch, hast du dürre Arme und Beine.«

»Das weiß ich.«

Olga regte sich noch immer über die beiden Zuhälter auf.

»Ich brauch einen Schnaps, sonst platze ich! Du kannst mir nicht mal ’nen Flachmann besorgen?«

»Wenn du mir Geld gibst«, antwortete Gerda.

»Hier haste ’nen Schein, aber beeil dich.«

»Ja.«

Als sie fort war, dachte Olga: Ich weiß noch nicht mal, ob sie ehrlich ist. Vielleicht kommt sie gar nicht wieder? Verflucht, ich hätte selbst gehen sollen. Im Augenblick kommen doch keine Freier. Man kann sich schier die Beine in den Bauch stehen.

Gerda rannte die Straße hinunter und kam atemlos im Eckladen an. Der Besitzer sah sie kurz an und knurrte dann nur: »Gib dir keine Mühe, ich schreibe nichts mehr an. Erst muss das Andere bezahlt werden.«

»Ich habe Geld«, sagte Gerda und fühlte sich in diesem Augenblick sehr stark.

»Zeig her!«

Sie wedelte mit dem Zehnmarkschein.

»Was will das gnädige Fräulein?«, fragte der Besitzer spöttisch.

»Einen Flachmann!«

»Ist dein Alter umgestiegen?«

»Der ist für Olga.«

»Hätteste mir ja gleich sagen können. Also machst du dich jetzt endlich nützlich und bist Laufmädchen?«

»Nein«, sagte Gerda. »Das mach ich nur so!«

»Na schön. Hier, pass auf, lass sie nicht fallen, Olga könnte mies werden.«

»Ja.«

Sie presste die Flasche an die magere Brust und rannte zurück.

Olga grinste sie an.

»Du bist ja wirklich ein schnelles Mädchen. Komm, bleib doch, unterhalten wir uns noch ein wenig.«

Sie setzten sich auf die niedrige Mauer. Olga nahm einen tiefen Schluck und wischte sich dann mit dem Handrücken über den Mund.

»Das tut gut!«

»Olga, darf ich dich mal was fragen?«

»Schieß los, ich höre.«

»Was muss man tun, um eine Nutte zu werden?«

Olga blickte sie von der Seite an.

»Was willste damit sagen?«

»Sag es mir«, bettelte Gerda.

»Soll das heißen, du willst diesen ehrenvollen Beruf ergreifen, Mädchen?«

»Ja, ich möchte schon ...«

»Ach du liebe Güte.«

»Kann ich das vielleicht nicht, Olga?«

»Tja, das ist so eine Sache. Also, ich will mich da nicht festlegen. Weißt du, vor einigen Jahren war es schick, wenn man wie ein Brett aussah. Da gab es so ein Mädel in England, hab den Namen vergessen , ach nee, jetzt fällt er mir wieder ein, Twiggy hieß das Girl, also ich sag dir, die war so dünn wie ’ne Bohnenstange. Aber die Kerle waren verrückt nach ihr. Die hat die jungen Dinger so verrückt gemacht, dass sich einige sogar zu Tode gehungert haben. Sie wollten alle so dünn sein wie sie. Das kann ja mal wiederkommen. Ich meine, dann hättest du wirklich tolle Chancen.«

Gerda ließ den Kopf hängen.

»Also kann ich es nicht.«

Olga tätschelte ihr ein wenig unbeholfen die Schulter.

»Mädchen, lass dich doch nicht kirre machen. Außerdem, es ist nicht gerade ein Zuckerschlecken, Nutte zu sein. Das ist so wie mit Rauschgift, weißte?

Wenn du erst mal eine bist, dann kommste nie mehr davon los. Ist ’ne dumme Sache. Sieh mich an, ich muss bis zum Verrecken hier stehen. Ich krieg nie eine Rente. Also eines Tages, dann ist Schluss, dann hab ich mich totgesoffen, und was hab ich dann vom Leben gehabt? Nischt!«

»Aber irgend etwas muss ich doch mal werden! Ich will Geld verdienen, Olga. Ich hab noch nie eigenes Geld gehabt. Es ist furchtbar. Ich will fort, verstehst du?«

»Sie quälen dich wohl daheim, wie?«

»Ben ist am schlimmsten.«

»Wer ist Ben?«

»Mein Bruder.«

»Hör doch nicht auf den.«

»Mein Vater ist ein Scheusal, er will mich unbedingt aufklären.«

Olga lachte rau.

»Dieses Schwein, und was hast du ihm gesagt?«

»Dass wir schon in der Schule aufgeklärt worden sind.«

Sie lachte rau.

»Mädchen, du gefällst mir. Du bist gar nicht so dumm, ehrlich.«

Gerda blickte mit trüben Augen vor sich hin.

»Ich finde mein Leben so sinnlos«, sagte sie leise.

Olga hatte jetzt echtes Mitleid mit dem jungen Mädchen. Daran war auch der Alkohol Schuld. Wenn sie ein bestimmtes Quantum intus hatte, wurde sie immer rührselig.

»Sag doch nicht so einen Quatsch.«

»Putze soll ich werden. Mein ganzes Leben soll ich für andere schuften!«

»Wer hat dir das gesagt?«

»Meine Mutter.«

Tja, dachte die Dirne, das ist für Anne wohl ein harter Schlag gewesen. Das Dingelchen sieht ja wirklich arg aus. Lang und dünn, dann dieses spitze Gesicht. Die Augen sind hübsch, ja, das kann man wohl sagen: die Augen sind direkt schön. Aber ansonsten? Kein Hintern, kein Busen. Alle Dinge, die die Männer nun mal wollen, die fehlen an ihr. Die Haare strähnig, unmöglich angezogen. Gottchen, die hat es wirklich nicht leicht.

»Haste denn schon mal mit der Fürsorge gesprochen? Die kommt doch bestimmt zu euch.«

»Natürlich, die kommt doch in jeden Block.«

»Wusste ich doch. Die können es doch nicht seinlassen, die müssen überall ihre Nase reinstecken. Was sagt die denn?«

»Die sieht mich gar nicht«, antwortete Gerda leise.

»Weil du deine Klappe nicht aufmachst, deswegen.«

»Ich will ja, aber wenn sie dann da ist, schaff ich es einfach nicht.«

Die Dirne nahm wieder einen tiefen Schluck.

»Tja, Kleine, das Leben ist wirklich nicht einfach. Aber ich will dir mal was sagen, du kannst noch immer schön werden.«

Sie hatte das Bedürfnis, dem Mädchen ein paar nette Worte zu sagen.

Gerda schnappte sie gierig auf.

»Ehrlich?«

»Klar doch! Bist doch noch gar nicht richtig reif, kann noch alles werden.«

»Meinst du? Meinst du wirklich, ein Kerl wird mich mal anfassen und so ...«

»Haste noch nie?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Die Mädchen auf der Straße erzählen sich ’ne Menge, ich weiß nichts.«

»Bist wohl neugierig, wie?«

Gerda sah auf ihre schmutzigen Hände.

»Kannst es ruhig der alten Olga sagen. Mensch, mit sechzehn bin ich schon anschaffen gegangen. Tja, damals nach dem Kriege, da waren andere Zeiten. Da hieß es, geh anschaffen oder krepier. Ja, für Kaffee, Zigaretten, alles mögliche hab ich genommen. Und die Amis, ich sage dir, das waren herrliche Zeiten. Deine Alte kann dir da auch ’ne Menge erzählen.«

Sie tätschelte dem jungen Mädchen die magere Schulter.

»Also, was ist?«

»Sie reden alle davon«, sagte sie zögernd.

»Aber getan hast du es noch nicht?«

Sie schüttelte den Kopf.

Olga dachte: Deine Hässlichkeit hält dich ehrbar. Bist wirklich ein armes Luder.

»Weißte, auf jeden Pott passt ein Deckel. Du kriegst auch noch mal einen.«

Gerda sah sie schräg an.

»Es ist mir gleich, ich mach mir nix draus.«

»Irgendwie wirste doch wohl noch Gefühle haben, oder?«

»Ich möchte fort«, sagte sie leise. »Weit fort.«

»Von der Strichstraße?«

»Nein, das ist mir egal, das stört mich nicht.«

Sie war ein Straßenkind. War damit aufgewachsen und kannte nichts anderes. In dieser Beziehung hatte sie keine Illusionen.

»Von daheim.«

Olga nahm wieder einen großen Schluck aus der Flasche.

»Jetzt versteh ich endlich. Von daheim willste ausbrechen und hast kein Geld?«

Sie nickte.

»Ach, und da hast du gedacht, mit Anschaffen und so wirste das machen?«

»Ja, denn man verdient doch fix Geld. Jedenfalls sagen das alle.«

»Klar, wenn man jung und knusprig ist, ja, dann verdient man eine masse Geld, Kleene. Aber wenn de dann älter wirst, dann musste dich zur Decke strecken.«

»Ich möchte jetzt fort. Daheim halte ich es einfach nicht mehr aus. Und ich glaube, die sind auch froh, wenn ich verschwinde.«

»Ist die Anne wirklich so schlimm geworden?«, staunte Olga.

»Sie war wohl immer schlimm«, sagte Gerda. »Immer. Sie mag uns nicht, weißt du? Sie hasst mich und Benny auch. Sie hasst uns Kinder. Es ärgert sie, dass sie unsertwegen alles aufgeben musste.«

Olga hörte auf zu trinken.

»Nun mach mal ’nen Punkt, Kleene! So war das damals nun wirklich nicht. Nee, und was deinen Bruder betrifft, das hat sie doch nur getan, um nicht in den Knast zu kommen. Die war nämlich ein raffiniertes Luder, deine Mutter.«

Gerda riss die Augen auf.

»Was sagst du da?«

»Ach, das hat sie dir also verschwiegen?«, kicherte die alte Dirne. »Hätte ich mir ja gleich denken können. Ja, das mit dem Knast, also, wie es wirklich war, das haben wir nie herausgefunden. Ihr damaliger Lude, weißt du, der war auf einmal tot. Lag da mit durchschnittener Kehle. Wir hatten ja alle Anne in Verdacht, und das glaub ich eigentlich noch immer, ehrlich. Aber ich kann dir sagen, die hat das raffiniert gemacht und ganz groß die Trauernde gespielt. Rein verrückt hat sie sich angestellt und gejammert und gejault und den Bullen erzählt, sie sei doch schwanger, und jetzt wisse sie gar nicht, wie es weitergehen soll. Nun ja, da waren noch ein paar Hintermänner. Also, ich will mich mal so ausdrücken: die Anne wollte ihn los sein, das weiß ich genau. Ob der Benny wirklich von ihrem Luden war, weiß ich nicht. Jedenfalls ist sie doch nicht in den Knast gekommen. Der Alfred hat sie dann heiratet, in der Hoffnung, sie hätte das ganze Geld von dem Luden einstecken können. War aber nix.

Damals hat sie uns allen erzählt, sie wollte jetzt ehrbar werden, eine Familie gründen und Kinder haben. Sie liebe Kinder. Ja, das waren ihre Worte. Doch der Alfred ist ein stinkfaules Luder und na ja, sie ist nie hier aus dem Viertel rausgekommen. Später ist sie auch noch ’ne Weile auf den Strich gegangen, aber dann kam die Fürsorge und kümmerte sich um die Kinder. Da haben die beiden spitz gekriegt, dass man auch auf Kosten des Staates leben kann, und da hat sie dann nichts mehr gemacht.«

Das junge Mädchen hatte wirklich keine Ahnung von dieser Sache gehabt. Olga dachte: Vielleicht hätte ich ihr das doch nicht erzählen dürfen.

»Ach, ich wünschte ...«

»Was?«

»Nein, ich weiß auch nicht.«

Olga sagte: »Bist ein armes Luder, wirklich. Hier, nimm doch mal ’nen Schluck.«

»Ich möchte nicht«, wehrte sie ab.

»Weil dein Alter säuft, nicht wahr?«

Sie nickte.

Olga streichelte die Flasche.

»Ich will dir mal was sagen: Wenn ich den Tröster nicht hätte, könnte ich das Leben gar nicht mehr aushalten.«

»Wirklich?«

Olga war müde vom vielen Reden und starrte vor sich hin. Gerda saß neben ihr und wusste nicht, was sie tun sollte.

 

 

2

»Da finde ich dich endlich!«

Gerda hob den Blick und sah einen Mann vor sich stehen. Er hatte graue Schläfenhaare und einen schwarzen Spazierstock. Er war sehr elegant gekleidet. Unwillkürlich duckte sich das Mädchen, so als bekäme sie Schläge.

Olga erwachte aus ihrem Halbschlummer und sah ihn an.

»Kiek mal an, der Fritze ist wieder im Lande! Nee, das ist aber eine Freude!«

Der Mann lächelte dünn.

Olga sprang auf und hing sich an seinen rechten Arm.

»Na, Fritze, auf dich hab ich schon lange gewartet.«

»Wirklich?«, fragte er geschmeichelt.

Sie streichelte ihn.

Gerda dachte erstaunt: Der lässt sich das wirklich gefallen? Komisch, ich könnte das nicht haben, wenn Olga mich so streicheln würde.

»Soll ich dir das wirklich glauben?«

»Fritzchen, ich sag dirs jetzt, und wenn du willst, schreib ich es dir auch auf; ich hab wirklich schon auf dich gewartet.«

Der Kunde fühlte sich tatsächlich geschmeichelt.

Die alte Dirne dachte: du blöder Kerl, du bist doch wie all die andern. Wie schnell kann man dir was vormachen. Bist so ein feiner Pinkel, hast so viele Leute, die für dich arbeiten. Ja, sollst ein ganz gerissener Hund sein. Kommst du aber zu deiner Olga, dann biste wie all die anderen Kerle. Aber mir soll das egal sein. Du bist wie ’ne Kuh, die man melken kann. Keiner ist so großzügig wie du. Da kann ich schon mal solchen Schmalz erzählen.

Der Mann sah die Kleine an.

»Ist das dein Lehrling?«

Olga lachte.

»Bist du verrückt! So etwas brauche ich doch nicht!«

»Ich mein es wirklich so, ehrlich.«

Olga zwinkerte mit den falschen Wimpern.

»Was ist denn jetzt? Gehen wir oder gehen wir nicht?«

»Nur, wenn sie mitkommt!«

Durch Olga ging ein heftiger Ruck.

»Soll das heißen, du willst nur die Kleine?«

Ihr Gesicht lief rot an.

»Nein, Olga, dich will ich; aber ich glaub, es wird noch schöner, wenn sie dabei ist. Es gibt mir dann so etwas Prickelndes. Es soll dein Schaden nicht sein.«

»Du willst noch mehr zahlen als üblich?«

»Ja, das würde ich.«

Olga drehte sich nach Gerda um. Die verstand überhaupt nichts.

»Hast du nicht eben gesagt, du willst Geld verdienen?«

»Ja.«

»Tja, das kannst du jetzt!«

Gerda riss den Mund auf.

»Komm mit!«

Olga kannte keine Skrupel. Sie dachte auch nicht darüber nach, dass es für Gerda ein Schock sein könnte. Sie bediente ja nur noch abartige Kunden. Jetzt dachte sie nur an das Geld.

Unterwegs kamen sie an dem Eckladen vorbei.

»Gib mir mal ’n paar Piepen, ich bin gleich wieder zurück.«

Der elegante Mann reichte ihr einen Zehnmarkschein. Damit verschwand sie im Geschäft. Als sie wenig später wieder heraustrat, grinste sie zufrieden, mit einer Flasche unterm Arm.

Sie grinste Gerda an.

»Nun mal los!«

Olga lebte in einem Hinterhofblock. Sie hatte das Zimmer schon lange nicht mehr gelüftet; die Luft war zum Schneiden. Gerda riss einen Fensterflügel auf.

Dann betrachtete sie die Einrichtung.

Sie lebten daheim ja schon schäbig, aber das hier war wirklich die Höhe. Es war die reinste Lumpenhöhle. Sie zog die Schultern hoch und dachte: Ich geh lieber, das halt ich nicht aus.

Der Mann stand an der Tür und lächelte.

»Wenn es mir nichts ausmacht, dann dürftest du dich auch hier wohl fühlen.«

Sie starrte ihn aus erschrockenen Augen an.

Olga hatte inzwischen hastig einen Kognak getrunken. Sie seufzte zufrieden, als sie das Glas auf den wackeligen Tisch stellte. Jetzt drehte sie sich um und fixierte ihren Freier.

»Na, dann beginnen wir mal den Budenzauber! Du, Gerda, setzt dich mal da drüben hin und rührst dich nicht von der Stelle.«

Sie war ein gehorsames Kind. Also tat sie es. Aber mit siebzehn Jahren konnte man sie wirklich nicht mehr ein Kind nennen. Weil sie so mager war, hielt man sie für jünger, der Mann auch.

Bei Gerda zu Hause machte man sich nicht viel Mühe, etwas vor den Kindern zu verbergen. Die Eltern benahmen sich ganz ungeniert. Wenn sie auch noch nie selbst mit einem Mann geschlafen hatte, so hatte sie doch unwillkürlich des öfteren bei den Eltern etwas mitbekommen. Für sie war das ganz normal, so wie Kinder auf dem Lande zusehen, wenn ein Kalb geboren wird.

Aber nun sah sie doch etwas, das sie maßlos verblüffte. Dieser elegante Herr sank sozusagen in den Sumpf zurück. Das brauchte er, um Erfüllung zu finden. Er zog sich nackt aus, und Olga regierte über ihn. Er war wie ein Hündchen. Je gemeiner sie mit ihm sprach, um so glücklicher wurde er. Ja, es entzückte ihn, dass Gerda im Zimmer war und seine Demütigung mitansehen musste.

Zuerst hockte sie stocksteif da und wusste nicht wohin mit den Augen. Einen Augenblick lang war ihr das Ganze unwahrscheinlich peinlich. Aber dann blickte sie in das Gesicht des Mannes und fühlte so etwas wie Mitleid in sich aufsteigen. Gerda wusste auch nicht wie sie das deuten sollte, aber sie hatte tiefes echtes Mitleid.

Sie war lächerlich jung und unerfahren, verstoßen und ausgesondert. Sie war ein hässliches Geschöpf, um das sich keiner zu kümmern schien. Aber in ihr steckte so etwas wie tiefe Lebensweisheit.

In dieser Stunde lernte sie eines überdeutlich: Der Mann ist nicht die dominante Gestalt, nicht die Persönlichkeit, für die er sich ausgibt. Im Grunde genommen war der Mann Sklave seiner Gefühle, er war einmal so geschaffen, er musste sich diesem Zwang unterwerfen, konnte sich nicht dagegen auflehnen. Die Frau stand hoch über ihm, weil sie ihre Gefühle steuern konnte, nicht so wild und verbittert darum kämpfen musste. Der Mann musste immer wieder diese Bestätigung fühlen, egal wie und mit welchen Mitteln. Wenn es normal nicht mehr ging, musste er einen anderen Weg einschlagen. Eine Frau würde das nie tun müssen.

Gerda, das kleine verschlampte Mädchen, saß reglos da und dachte: Er tut mir leid. Eigentlich müsste ich wirkliches Mitleid mit ihm haben. Er kommt, weil er die Erlösung braucht. Olga aber spielt ihm das alles nur vor. Sie will ja nur sein Geld und sonst gar nichts. Aber er muss diesen Weg gehen; bestimmt ist es schrecklich für ihn. Aber er ist der Natur unterworfen.

Fritzchen, wie Olga ihn nannte, lag auf dem zerwühlten Bett und stöhnte.

Olga stand neben ihm und beschimpfte ihn, aber an seinem verzückten Gesicht erkannte sie, wie glücklich sie ihn machte.

»Oh, oh wie schön!«, stöhnte der Mann.

Olga lachte lauthals und fluchte dann weiter. Gerda staunte über die vielen Worte. Solche Flüche hatte sie noch nie gehört.

»Mach weiter, das ist schön.«

Gerda stand am Fenster und sah auf den schmutzigen Hof hinunter. Sie verkrampfte die Hände ineinander.

»Ich will hier raus«, flüsterte sie vor sich hin.

Aber sie blieb stehen und starrte weiter zum Fenster hinaus. Doch sie kümmerte sich nicht mehr darum, was hinter ihr geschah. Sie überlegte nur, ob solch ein Leben als Nutte für sie erstrebenswert war. Aber sie schien keine andere Wahl zu haben.

Später lag der Mann noch eine Zeit lang auf dem Bett, erschöpft, aber glücklich. Olga saß am Tisch und rauchte. Alles war still.

Gerda blickte jetzt den Freier an.

»Das ist das Leben einer Nutte«, sagte Olga. »Du kannst es dir noch überlegen.«

Der Mann stand auf, suchte seine Sachen und zog sich an. Wenig später stand er vor ihnen, kühl, gelassen und zückte seine Brieftasche. Olga bekam drei und Gerda einen blauen Schein.

Fassungslos sah sie das Geld an.

»Ist das wirklich für mich?«

»Klar!«, lachte Olga.

»Dann bis zum nächsten Mal«, sagte Fritz.

Olga brachte ihn zur Tür.

Gerda sah noch immer den Geldschein an. Olga kam zurück und sagte: »Das ist mein nobelster Kunde.«

»Ich hab doch gar nichts getan.«

Olga zuckte die Schultern. »Ich weiß auch nicht, warum er das so wollte. Aber er hat nun mal ’ne Macke, weißt du.«

»Sind sie alle so?«

»Nee, der ist ’ne Ausnahme. Die Anderen wollen in der Regel beschimpft und ausgepeitscht werden.«

»Warum?«, fragte Gerda erschrocken. »Ich würde mich wehren, wenn man mich peitschen wollte, wirklich.«

»Tja, weißt du Mädchen, das ist so eine Sache. Sie brauchen das einfach.«

»Hast du nie weiter darüber nachgedacht?«

»Nee, dazu hab ich keine Lust.«

Gerda stand auf.

»Ich muss jetzt gehen.«

»Willste noch immer?«

Das Mädchen sagte: »Ich muss vieles überlegen.«

Olga kam näher.

»Ich mach dir einen Vorschlag, Kleene, wenn du dich wirklich dazu entschließen kannst, also, dann würd ich dich anlernen. Also, für die normale Tour kannste dich ja nicht anbieten, Mädchen, dafür biste halt zu hässlich. Aber für meine Freier biste vielleicht richtig. Wenn wir das ganz toll aufziehen, dann kannste dein Geld machen. Ehrlich!«

Gerda wusste noch nicht, dass Olga sie ausbooten wollte. Die hatte da so eine Idee.

»Na, was ist?«

»Ich gehe jetzt erst mal.«

»Weißt ja, wo ich stehe, und wenn du es dir überlegt hast, dann komm.«

»Ja.«

Als Gerda auf der Straße stand, atmete sie erst einmal tief durch. In der Rocktasche brannten die hundert Mark. So viel Geld hatte sie noch nie besessen! Hundert Mark! Davon konnte sie sich ’ne ganze Menge kaufen.

Ein paar halbstarke Jungen strichen an ihr vorbei.

»Kiek mal, die doofe Gerda!«

Sie sah sie an und dachte: Komisch, ich hab gar keine Angst mehr vor ihnen. Nein, wirklich, ich fühle mich befreit, jetzt weiß ich ja alles! Ich kenne den Schlüssel des Geheimnisses. Jetzt kann mir keiner mehr was vormachen. Keiner!

»Lasst mich doch in Ruh«, sagte sie.

Sie drehten sich herum und starrten sie an.

»Hee, seit wann hast du denn ’ne Klappe? Ich hab dich ja noch nie reden gehört!«

Gerda ging weiter.

Als sie nach Hause kam, sah Benny sie an.

»Na, noch immer nicht auf dem Strich?«

Er weidete sich an ihrer Verlegenheit. Bis jetzt hatte sie ihm auch immer den Gefallen getan und war unwillkürlich rot geworden. Sie hatte nie gewusst, was sie darauf antworten sollte. Keiner nahm sie in Schutz. Der Mutter war es völlig egal, was aus ihr wurde. Hauptsache, sie lag ihr nicht mehr so lange auf der Tasche.

Aber heute sah Gerda auch den Bruder mit ganz anderen Augen an. Er war bald zwanzig Jahre alt, hatte ein pickeliges Gesicht, und sie wusste, dass er so manches Ding drehte. Kleine Gaunereien. Zu Hause tat er sich wichtig damit.

Gerda aber dachte heute: Auch er ist von Frauen abhängig. Alle sind sie es, ob arm, reich, dumm, dünn oder so bekloppt wie mein Vater. Sie alle brauchen Frauen. Wir dagegen brauchen das nicht.

Sie hatte ganz schwache Beine.

Ob Mama es weiß? Ob sie das je kapiert hat, dass wir eigentlich alle Männer unter Druck setzen könnten? Sie müssen ja zu uns! Jetzt versteh ich erst, warum so viele Mädchen Dirnen sind.

Die Männer kommen nicht, weil es ihnen Spaß macht, oder weil sie das Verruchte auf der Strichstraße lieben. Nein, wenn sie daheim nicht das bekommen, was sie brauchen, dann gehen sie zur Nutte!

Und die verdienen ihr Geld damit.

Sie hätte beinahe laut aufgelacht.

»He, hörst du eigentlich zu, wenn man dir etwas sagt?«

»Nein«, antwortete sie laut und deutlich.

Benny sah erstaunt auf.

»Sag mal, du bist wohl bekloppt, was? Ich hab dir gesagt, du sollst mir die Schuhe holen, verdammt noch mal!«

Gerda war ein anderer Mensch geworden. Olga hatte sie sozusagen erwachsen gemacht. Nein, nicht Olga, das war der Mann gewesen. Ein anderes junges Mädchen wäre vielleicht für lange Zeit geschockt gewesen. Nein, ich bin es nicht, dachte Gerda. Ich bin aufgewacht. Ich weiß jetzt Bescheid.

»Hol sie dir selbst«, sagte sie entschieden.

Selbst der betrunkene Vater blickte auf.

»Hat die was gesagt?«

Anne blickte auf, sah ihre Tochter nach langer Zeit wieder einmal richtig an.

Gerda fragte: »Stimmt es, dass du deinen Luden damals umgebracht hast?«

Annes Gesicht lief blaurot an.

»Wer hat dir diesen Stunk erzählt?«

»Ich will wissen, ob es stimmt.«

Ben lachte und schlug sich auf die Schenkel.

»Da spielt sie die ganze Zeit die Harmlose, und dabei hat sie es dick hinter den Ohren! Verdammt, wenn sie nur ein wenig hübscher wäre, ich würde sie für mich auf dem Strich laufen lassen. Die könnte uns das große Geld einbringen, und wir bräuchten nicht mehr von der Fürsorge zu leben.«

Einen Augenblick lang war sie in der Versuchung, ihnen das Geld zu zeigen. Aber dann schob sie ihr kleines Kinn vor und dachte: Die können von mir denken, was sie wollen. Ich gehöre gar nicht wirklich zu ihnen.

Da die Mutter noch immer schwieg, was sonst gar nicht ihre Art war, wusste Gerda, dass Olga die Wahrheit gesprochen hatte.

Ben, der Bruder, sagte: »Ist doch verjährt, kannst es ihr doch ruhig sagen.«

»Halt die Klappe!«

»Was haste gesagt?«, lallte der Vater.

Gerda betrachtete die Familienidylle. Nein, dachte sie, ich werde mein Leben ganz anders aufbauen. Ich bleibe nicht in diesem Sumpf. Mit diesem Wissen kann ich eine ganze Menge anfangen. Mir macht keiner mehr etwas vor. Ich werde es ihnen allen zeigen. Sie werden sich noch wundem.

»Ist das Essen fertig?«

Benny fragte: »Willste vielleicht noch runter? Die Kerle lachen sich ja geil, wenn sie dich sehen. Mensch, dass die Armutskrampen dich dort auf der Straße überhaupt noch dulden. Du bist ja die reinste Vogelscheuche!«

»Sei still«, sagte Anne.

»Du kannst mir nicht den Mund verbieten!«, kreischte der Bruder.

»Solange du deine Beine unter meinen Tisch stellst, kann ich das sehr wohl!«

»Und vom letzten Bruch hab ich dir ’ne Menge mitgebracht.«

»Das liegt schon wieder Wochen zurück.«

Niemand kümmerte sich mehr um Gerda.

Sie nahm einen Teller, häufte die Kartoffeln darauf und begann zu essen.

Ben schlurfte zur Tür.

»Komme morgen früh wieder.« Und zur Schwester gewandt: »Penn bloß nicht wieder in meinem Bett, verstanden?«

Sie hatte einen kleinen Verschlag in der Küche, in dem ihr Bett stand. Dort zog der ganze Mief hin. Gleich hinter der Bretterwand war das elterliche Schlafzimmer. Gerda hasste es, dort schlafen zu müssen.

Sie stellte den Teller zu dem übrigen Abwasch und schlich sich dann wieder aus der Wohnung.

 

 

3

Olga sagte: »Da biste ja wieder!«

Dunkelheit lag in den Straßen. Die Neonröhren versuchten verzweifelt, ein wenig Illusion herbeizuzaubern. Aber hier, ganz am Ende der Straße, wo nur noch die verbrauchten Dirnen standen, war die Welt sozusagen mit Brettern vernagelt. Olga durfte auch nachts stehen, weil sie eine »abartige Nutte« war, das heißt, sie bediente Freier, die andere Dirnen nicht in ihre Zimmer mit nahmen.

»Na, was ist? Was hat Anne zu dem Geld gesagt?«

»Ich hab es ihr gar nicht gegeben.«

»Prima. Du lernst sehr schnell.«

Gerda lehnte an der Hauswand. Da hinten strichen die Freier wie liebeskranke Kater um die Dirnen herum.

»Sag mal, war das dein Ernst?«

»Was?«

»Kannste was aus mir machen?«

Olgas Augen bekamen einen gierigen Glanz.

»Willste also wirklich?«

»Ja.«

»Mensch, ich könnt dir wirklich ’ne Menge beibringen. Ich glaub, du hast das Zeug dafür. Ehrlich, ich seh’s dir an. Du bist ein abgebrühtes, kleines Luder.«

Gerda dachte: Bin ich das wirklich?

»Hör zu, du wirst nur die besten Kunden bekommen. Das garantiere ich dir.«

»Warum hast du sie denn nicht mehr?«

»Zwei, drei Stück hab ich ja noch von der Sorte. Aber die kommen auch nur aus lauter Gewohnheit zu mir. Aber ich kann keine neuen Stammkunden mehr aufreißen, weil ich zu alt bin. Deswegen! Aber die gehen ja nicht nach der Schönheit, also können wir dich ausstaffieren, dass denen das Wasser im Munde zusammenläuft.

Du, sobald der Laden richtig läuft, besorge ich dir eine fesche Wohnung und dann geben wir Anzeigen auf.«

»Das klingt nicht übel.«

»Lass die alte Olga das nur machen, die hat den richtigen Riecher dafür. Du wirst schon sehen, wirst mächtig auf den Putz hauen!«

»Ich weiß nicht...«

»Mädchen, du weißt ja gar nicht, was für Typen hier herumlaufen.«

»Ist es denn nicht gefährlich?«

»Du meinst, die Kerle?«

»Ja, man hört und liest doch hin und wieder davon.«

»Man muss sich die richtigen Typen aussuchen. Darauf kommt es an, Mädchen.«

»Aber wie weiß ich das vorher?«

»Ach, das bring ich dir schon alles bei.« Olga verschwieg wohlweislich, dass sie selbst schon einmal fast umgebracht worden wäre. Doch das war jetzt so lange her.

Gerda lächelte. Jetzt wirkte ihr Gesichtchen fast schön. Es bekam einen ganz eigenen Ausdruck, und man sah jetzt auch, dass sie Grübchen hatte. Aber wann lächelte sie schon? »Dann ist ja alles besprochen«, sagte sie.

»Ich sag dir eine goldene Zukunft voraus, Kleine. Du wirst doch Anne nichts davon sagen?«

»Nein, ganz bestimmt nicht.«

Olga schnaufte.

»So, jetzt muss ich noch ein wenig Fische fangen gehen. Ich hab keinen Zaster mehr, weißte.«

»Kann ich nicht dabei bleiben? Dann kann ich es doch gleich lernen.«

Die alte abgewrackte Dirne kratzte sich am Kopf.

»Nee, weißte, dann kriegen wir Ärger mit den Luden. Jetzt in der Nacht hab nur ich die Ausnahme zum Stehen, weißte. Aber wenn sie dich sehen, dann geht der Klüngel los. Und du willst doch auch nicht, dass dich so ein Hormonhähnchen unter den Nagel reißt, nicht? Dann kannste dich nämlich krummschuften und kommst auf keinen grünen Zweig, ehrlich. Lass dir das gesagt sein.«

Gerda schob das Kinn vor.

»Das habe ich wirklich nicht vor. Gut, dann gehe ich jetzt, Olga.«

»Komm morgen wieder. Aber nicht zu früh, verstanden? Ich muss ja auch noch etwas wie pennen. Du weißt ja jetzt, wo ich wohne. Also, sagen wir mal so gegen zwölf?«

»Ja.«

»Bring mir ’nen Flachmann mit«, sagte die Nutte.

»Aber dann musst du mir auch Geld mitgeben«, war die Antwort.

»Hast doch selbst Zaster! Also, ein wenig musst du auch in den Laden stecken.«

»Olga, ich muss mir Kleider kaufen. Ich hab nur Fetzen, ich kann das nicht so ausgeben.«

»Bring mir ’ne Pulle mit. Oder es läuft gar nichts.«

Gerda blickte sie an und dachte: So läuft das also. Du meinst, ich wäre so jung, dass ich nicht merke, dass du jetzt auf meine Kosten fett werden willst, wie? Aber da irrst du dich. Ich lass mich nicht verscheißern, auch nicht von dir, liebe Olga.

Laut sagte sie: »Tschau!«

Olga sollte sehr lange warten, bis sie das Mädchen wiedersah.

Gerda schlenderte jetzt an den Dirnen vorbei. Sie wurde ausgeschimpft, verjagt, und einmal wollte man sie auch tätlich angreifen, aber dann merkten sie, mit wem sie es zu tun hatten.

»Hau ab, kriech unter Mamis Rock! Zieh Leine, verdünnisier dich!«

Gerda wäre gestern noch davongerannt, und ihr Herz hätte vor Angst gezittert. Doch heute war alles anders. Wie Schuppen war ihr die Naivität von den Augen gefallen. Nein, sie war schon lange kein Kind mehr. Eigentlich bin ich nie Kind gewesen, dachte sie. Wer in diesem Viertel aufwächst, hat keine Kindheit. Der lernt vom ersten Augenblick an das raue Leben kennen und weiß auch, dass er sich durchbeißen muss, oder er geht unter.

Details

Seiten
110
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930351
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494448
Schlagworte
redlight street gerdy betthäschen sonderwünsche

Autor

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Titel: REDLIGHT STREET #51: Gerdy - Betthäschen für Sonderwünsche