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REDLIGHT STREET #52: Matrosenliebchen Gina

2019 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Matrosenliebchen Gina

Copyright

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Matrosenliebchen Gina

REDLIGHT STREET #52

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 97 Taschenbuchseiten.

 

Gina ist eine hübsche, selbstbewusste junge Frau – und eine Startülle. Sie hat keinen Luden, sondern zahlt an die Innung, damit sie unabhängig ist und sich ihre Freier aussuchen kann. Außerdem will sie ihren Job irgendwann an den Nagel hängen, dafür legt sie ihr Geld gewinnbringend an. Als Jimmy, ein Matrose und einer ihrer Stammkunden, sie auf seinem Landgang besucht, lädt er Gina ein, sich sein Schiff anzusehen. Es wird eine feucht-fröhliche Nacht, deshalb verschlafen sie das Ablegen des Containerschiffes. Nun würde Gina viele Wochen unter Deck eingesperrt sein – schließlich darf niemand erfahren, dass eine Frau an Bord ist ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Sie saß in der Wanne und sang so falsch, dass es nicht zum Anhören war. So dauerte es auch nicht lange, und es wurde an der Tür gerüttelt.

»Wer ist drinnen?«

»Ich!«, rief sie fröhlich zurück.

»Mensch, damit kann ich auch ’ne Menge anfangen«, schimpfte ein junges Mädchen.

»Püh!«

»Gina?«, kam eine fragende Stimme durch das Schlüsselloch.

»Erraten«, sagte die Stimme aus der Wanne.

Wenn sie jetzt erwartete, man würde sie in Ruhe lassen, dann irrte sie sich gewaltig.

»Das hätte ich mir ja denken können. Ich hätte nicht mal zu fragen brauchen. Verdammt, musst du denn alle Augenblicke baden? Hör mal, du mit deinem Reinlichkeitsfimmel. Langsam gehst du mir auf den Geist. Hast du mich verstanden?«

Gina plätscherte fröhlich weiter.

»Macht nichts«, sagte sie gutmütig. »Du hast auch ein paar Macken, und ich rege mich nicht darüber auf.«

Imke fluchte abermals.

Gina grinste und ließ mit Genuss das Wasser aus dem Schwamm über ihren Bauch rinnen.

Sie lag in der Wanne und betrachtete ihre Zehen. Das Haar hatte sie hochgesteckt. Sie war mit sich und der Welt zufrieden. Die kapieren ja gar nichts, dachte sie. Einfach so in der Wanne zu liegen, das ist Erholung für mich. Da werde ich wieder Mensch. Außerdem betrachte ich gerne meine Zehen.

Wieder wurde sie gestört.

Diesmal war es der Puffwirt.

»Los, mach endlich, andere wollen auch mal! Also, ich sage dir, wenn das so weitergeht, dann kriegste mehr Miete aufgebrummt. Von wegen der großen Wasserrechnung. Kannst du nicht duschen wie die anderen?«

»Nein«, schrie sie und warf mit voller Wucht den nassen Schwamm gegen die Tür.

Sie lachte schallend, als er sich fluchend entfernte. Dann sah sie auf die Uhr und seufzte.

»Na, das Vergnügen ist mal wieder vorbei, aber morgen geh ich noch früher ins Bad.«

Träge stieg sie aus der Wanne und zog den Stöpsel. Gluckernd verschwand das Wasser. Sie rubbelte sich ab, wickelte sich dann in das große Badetuch und öffnete die Tür.

Imke stand an der gegenüberliegenden Wand und rauchte nervös.

Gina grinste sie an.

»Das Bad ist frei, Süße!«

»Ich will ja gar nicht baden.«

»Nein? Warum zum Teufel hast du mich dann gestört?«

»Weil du sonst wieder eingeschlafen wärst.«

»Meine Güte, deine Fürsorge, also wirklich, mir kommen gleich die Tränen.«

»Red nicht so einen Quatsch.«

»Du bist ja schon in voller Montur.«

»Wird ja auch bald Zeit«, brummte Imke zurück.

»Willste mit mir quatschen?«

»Ja.«

Gina lief über den Gang und ließ eine nasse Spur hinter sich zurück. Sie dachte: Also hat sie mal wieder Prelus genommen! Ich merke das gleich. Komisches Luder! Sie denkt doch tatsächlich, das würde was helfen. Die ist wirklich bekloppt. Warum macht sie sich das Leben so schwer?

Sie stieß die Tür auf.

Gina bewohnte ein Eckzimmer und das war sehr begehrt. Überhaupt war sie hier so etwas wie eine Startülle. Sie konnte sich schon eine Menge erlauben. Vor allen Dingen war sie nicht auf jede Schicht erpicht. Nein, das hatte sie nicht nötig.

Das Zimmer sah gar nicht wie ein Nuttenzimmer aus. In der Regel waren diese kitschig eingerichtet. Die Mädchen versuchten so etwas wie ein Heim aus der Bude zu machen. Doch sie hatten keine Ahnung davon. Auch darüber ließ sie sich nicht aus, denn über Geschmack konnte man eben nicht streiten.

Gina hatte eine schlichte Tapete gewählt und dann viele Regale mit Büchern. Ja, man sah ihr an, dass sie etwas gebildet war.

Gina ließ das Badetuch fallen.

Imke schloss die Tür.

Keine der Dirnen hatte Scham vor den anderen Mädchen. Dazu sahen sie sich zu oft nackt. Und dann kam es ja immer wieder vor, dass sie zusammen vor einem Freier auf lesbisch machen mussten. Ein paar Dirnen waren vom anderen Bahnsteig. Gina hütete sich, mit ihnen diese Schau abzuziehen. Man konnte nie wissen. Mit Imke war das was anderes. Die hasste es auch, aber diese Beilagen brachten eine Menge Zaster ein.

Da stand sie nun nackt im Zimmer und zog gelangweilt den lila Schlüpfer an.

Imke maß ihre kleinen Brüste mit einem langen Blick. Sie hatte kein Gramm zu viel am Körper. Überhaupt war sie die Hübschere von ihnen.

»Sag mal, warum badest du eigentlich so viel?«

»Warum? Ganz einfach, weil ich das brauche, klar?«

»Nein, morgens, abends und zwischendurch noch duschen, also ehrlich, du hast einen Fimmel.«

Gina schüttelte den Kopf. »Ganz und gar nicht! Aber bei manchen Typen, ich sage dir, die kotzen mich an. Wenn die so auf dir liegen und keuchen, und ihr Schweiß, Mensch davon wirste doch durchtränkt. Du, dann könnte ich die nehmen und rauswerfen. Ich muss dann wild an mich halten. Mach die Sache fertig und dann nichts wie in die Wanne, sage ich mir dann. Ja, so ist das.«

Imke setzte sich in den Sessel am Fenster und rauchte nervös weiter.

»Weißte«, meinte Gina nachdenklich, »anfangs, als ich diesen Job anfing, dachte ich, ich krieg den Geruch nicht mehr los. Ich hab nur nach Freier gerochen. Durch die Poren, du kannst mir das glauben. Ich hab gedacht, wenn ich jetzt auf die Straße gehe, dann glotzen die mich alle an, weil ich so nach Freier rieche.«

»Du bist bekloppt.«

»Nein.«

Sie schüttelte den Kopf, dass die weißblonden Haare hin und her flogen.

»Hör mal, das bildest du dir alles nur ein.«

»Nein, es war wirklich so. Später hat sich das natürlich gelegt.«

»Quatsch, du hast nie nach Freier gerochen. Das gibt es gar nicht! Du hast dich erst mit diesem Job auseinandersetzen müssen. Das ist es gewesen.«

Gina sah sie überrascht an.

»Donnerwetter du hast sogar recht. Ja, so war es wirklich. Ich wollte es ja so. Mich hat niemand gezwungen. Nee, so blöde bin ich nun wirklich nicht. Ich will auf die Schnelle reich werden, klar. Und ich bin auf dem besten Wege dazu. Anfangs hab ich gedacht, das ist ganz einfach, ich bumse mit den Kerlen für Geld. Früher, nun ja, ich hatte eine Masse Freunde. Damals war das schick, man ging mit jedem schlafen. Ich wollte nicht prüde sein und kein Mauerblümchen, verstehste. Schon in der Schule fing das an. Wie andere mal zusammen eine Zigarette rauchen, so haben wir gebumst. Bis mir dann auffiel, dass wir ja im Grunde genommen von diesen Scheißjünglingen ausgenutzt wurden. Ja, in der Tat. Hatte man erst mit ihnen gepennt, dann wurden sie unausstehlich. Statt sich darüber zu freuen, war man bei ihnen plötzlich unten durch. Die haben dich dann nicht mehr eingeladen. Ich kann dir sagen, die verdammte Welt ist verlogen. Alles Mist! Zuerst schmieren sie dir Honig um den Mund, und dann ziehen sie über dich her.«

Imke drückte ihre Zigarette aus.

»Warum regst du dich so auf?«

Gina brauste auf.

»Weil es mir manchmal hochkommt. Aufregen darf man sich wohl noch, oder?«

»Klar, aber es bringt nichts.«

»Doch, ich bin nachher ganz friedlich.«

Imke lachte.

»Soll das heißen, wenn du dich nicht aufregst, dann fällst du die Freier an?«

»Klar, ich gehe auf die los. Das solltest du mal erleben.«

Die beiden Dirnen lachten.

»Nee, so hab ich das nicht gemeint. Manchmal läuft mir einfach die Galle über. Weißte, wenn ich in der Wanne liege, hab ich so meine Gedanken. Ich möchte dann die Welt verbessern, verstehste.«

»Ach, du meine Güte, das fehlt mir gerade noch.«

Gina nahm ihren Büstenhalter und zog ihn an. Dann ließ sie sich auf das Sofa fallen.

»Jetzt rede ich die ganze Zeit von mir. Du hast doch was auf der Pfanne.«

»Nicht so schlimm.«

Gina war dafür bekannt, dass sie gutmütig war. Und gefällig dazu. Das kam auch sehr selten im Puff vor. Man hatte keine Freundinnen, denn die waren ja auch Konkurrenz. Aber Gina hatte eine Menge Stammfreier und war für das laufende Gemüse nicht angestellt. Das tat sie mal so nebenbei.

»Los, spuck es schon aus! Was ist denn los? Du machst ein Miesepetergesicht, ehrlich.«

»Alfred«, sagte sie schwach.

Ginas Augen wurden schmal.

»Was hat der Bastard denn schon wieder angestellt?«

»Du kennst doch seinen tollen Sportwagen, nicht?«

»Klar, hat der nicht fünfundvierzig gekostet?«

Imke nickte.

»Der ist ja oft genug hier durch die Straße damit gewackelt. Mensch, der ist wohl nicht ganz normal, wie? So einen Superschlitten, den kann er doch nie ausfahren. Er ist ja kaum auf der Autobahn damit. Dafür hättest du schon eine halbe Wohnung kaufen können. So eine kleine, verstehste, und dann hättest du auch noch was von den Steuern abziehen können. Ich hab dir doch genug Tipps gegeben, wie du dein Geld günstig anlegen kannst.«

»Hab ich ihm ja alles gesagt. Wenn er nun mal darauf steht, ich meine, wenn ihm das so viel Spaß macht.«

»Aha, er hat Spaß daran. Sag mal, wie oft bist du denn in diesem Superschlitten schon mitgefahren?«

»Wieso?«, fragte Imke.

Gina lachte rau auf. »Hör mal, wenn ich schon für so einen Luxussarg schuften muss denn er hat doch nicht dafür auf Anschaffe gestanden , dann will ich auch etwas dafür haben, Schätzchen. Das würde ich mir aber nicht nehmen lassen. Weißte, das nennt man dann die Kosten abfahren. Da ist wohl nichts gelaufen, oder wie sehe ich das?«

»Ach so, nee, weißte, ich war bis jetzt nur einmal dabei, als er die Probefahrt gemacht hat. Nachdem er den Wagen vom Händler abgeholt hat, ist er vorbeigekommen. Direkt vom Strich hat er mich eingeladen. War richtig nett von ihm.«

Gina biss sich auf die Unterlippe.

»So, wenn alles so nett ist, dann möchte ich bloß gerne wissen, warum du jetzt das Gespräch auf diesen Schlitten gebracht hast. Was ist denn passiert?«

Imke sah sie an.

»Du weißt es also schon?«

Gina zog die Augenbrauen in die Höhe. Mit den Fingerspitzen zupfte sie ein Härchen vom Bauch. Nur nicht aufsehen, dachte sie, die ist ja fix und fertig. Ich spür das. Mensch, da ist womöglich noch mehr nicht in Ordnung.

»Nein, ich weiß gar nichts.«

Imke schnupfte. Dann sprang sie auf und lief wie wild durch das Zimmer.

»Er ist hin, verstehst du! Total hin, fertig, aus, nichts mehr vorhanden. Nur das Radio kann man noch verwenden und den Zigarettenanzünder, hat Alfred gesagt.«

Damit hatte Gina nicht gerechnet.

»Du meine Güte, das darf nicht wahr sein.«

»Es ist aber wahr!«

»Ein Unfall? Hat er Schuld?«

»Unfall«, tobte sie. »Bist du bekloppt? Wenn es das noch wäre, dann könnte ich es ja verstehen. Nein, sie haben ein Wettrennen veranstaltet. Auf dem Hof, verstehst du, mit vollen Touren und dann ein paar Zentimeter vor der Wand bremsen. Er war ja so stolz auf seinen Kasten. Und der blöde Hund hat nicht begriffen, dass die anderen Luden ihn nur foppen wollten. Denen war doch der Schlitten ein Dorn im Auge.«

Gina dachte: So dämlich habe ich ihn wirklich nicht eingeschätzt. Du meine Güte!

»Der Wagen ist nur noch ein Schrotthaufen und für das Abschleppen müssen wir auch noch zahlen.«

»Au Backe«, sagte sie leise.

»Jetzt kannste ruhig deine Schadenfreude zeigen«, sagte Imke grimmig.

Gina sagte: »Ist wirklich gemein, und da würde ich mich auch ärgern. Aber jetzt ist der Zankapfel verschwunden. Für Alfred war das eine Lehre, zwar eine verdammt teure, aber bestimmt wird er jetzt zur Vernunft kommen, Imke.«

Sie lachte spöttisch.

»Das ist wirklich deine Meinung?«

»Sicher, denn so blöde kann doch keiner sein, noch einmal Quatsch zu machen.«

Imke rauchte wieder. Gina öffnete das Fenster. Sie konnte Zigarettenrauch nicht vertragen. Auch für Schnaps hatte sie nicht viel übrig.

»Ich muss ihn noch abbezahlen. Noch zwanzigtausend«, sagte Imke kleinlaut.

»Noch nicht mal bar bezahlt und dann solche Zicken?«

Sie nickte düster.

»Verflixt, du hast es wirklich nicht leicht mit deinem Luden.«

»Das ist ja noch nicht alles«, fügte sie leise hinzu.

Gina stand auf. Jetzt war wirklich ein Schnaps fällig. Sie hatte immer etwas Alkoholisches für die Freier auf dem Zimmer. Wenn einige besonders verklemmt waren, half das. Sie ging zum Schrank, holte die Flasche und ein Glas.

»Hier trink das!«

Die Hände der Dirne zitterten. Sie riss ihr regelrecht das Glas aus der Hand und stürzte das Getränk in einem Zug runter.

»Das hab ich gebraucht. Verdammt, meine Nerven sind ruiniert. Ich weiß gar nicht, wie ich stehen soll. Ich bin fix und fertig.«

»Jetzt sag mir alles, Imke. Vielleicht weiß ich einen Rat. Du hast doch Vertrauen zu mir?«

Imke sah sie traurig an.

»Ja, du meinst es ehrlich, das spür ich. Du bist nicht schadenfroh, wie die anderen. Die lachen sich halb krank hinter meinem Rücken. Ich könnte denen den Hals umdrehen, so mies ist mir zumute.«

Gina dachte, wo bin ich denn gewesen, dass ich nichts weiß? Richtig, gestern war ja die Party. Da hat mich ein Typ eingeladen. Als Freundin, tausend Piepen hab ich bekommen fürs Mitgehen. War verdammt feiner Laden, und die Lady hat nicht gemerkt, dass ich eine Nutte bin. Hat mir richtig Auftrieb gegeben. Ich bin also noch nicht so tief gesunken. Wenn ich mal aufhöre, dann wird es mir keiner ansehen. Ich habe noch den Kontakt zur Außenwelt.

»Er hat sich schon wieder einen Neuen bestellt!«

Gina hatte nicht richtig zugehört.

»Was? Sag es noch einmal, das kann doch nicht stimmen. Ich meine, soll ich mich etwa verhört haben, Imke?«

»Er hat wieder einen neuen Wagen für sich bestellt.«

»Wieder einen Superschlitten?«

Sie nickte.

»Fünfundvierzigtausend?«

Sie nickte abermals.

»Der muss nach Ochsenzoll, der ist ja gemeingefährlich. Imke, der hat nicht nur ein paar Schrauben locker, der hat da oben gar nichts.«

Sie stöhnte.

»Was soll ich denn machen? Er ist doch mein Lude. Und wenn er nun mal gerne so schicke Autos fährt!«

Gina sprang auf.

»Du nimmst ihn noch in Schutz?«

Imke zuckte mit den Schultern.

»Was soll’s? So ist nun mal das Leben.«

Gina hätte aufschreien können, so wütend war sie auf die Dirne.

»Du bist wirklich bescheuert. Ja, merkst du denn nicht, dass du dich zu Tode schuften musst, um all seine Schulden zu bezahlen?«

»So ist es immer gewesen, und so wird es auch bleiben. Dann brauch ich mir keine Sorgen zu machen, ob das Geld verfällt. Von den Banken halte ich nicht viel. Nee, Alfred sagt immer, man soll lustig leben. Mitnehmen kann ich doch nichts, wenn ich mal ins Gras beißen muss. Ja, das hat er gesagt.«

»Hör mir mal gut zu«, ereiferte sich Gina. »Bis du ins Gras beißt, kann noch sehr viel Zeit vergehen. Weißt du das? Und was willst du machen, wenn dich kein Freier mehr haben will? Wenn man dich nicht mal mehr mit der Kneifzange anfassen kann? Was willst du dann anfangen, soll dein Lude für dich arbeiten? Mensch, kapier doch endlich. Du musst an deine Zukunft denken. Ich spare, damit ich mir eines Tages was aufbauen kann. Und von Zinsen hast du auch wohl noch nichts gehört, wie? Du wirst vielleicht noch ein bis zwei Jahre hier stehen können, und danach ist es zappenduster. Du weißt, wie streng man in diesem Haus ist. Hier stehen keine abgewrackten Huren. Die sind nur unten am Hafen. Und ich sage dir, dort anzuschaffen, das ist die Hölle. Unterhalte dich mal mit diesen Mädchen. Da kannst du das Grausen kriegen. Wenn dir das lieber ist, nun, dann sag ich nichts mehr.«

»Zwei Jahre?«, stammelte Imke. »Das soll wohl ein Witz sein. Ich bin doch erst vierundzwanzig. Hör doch auf, du willst mir nur Angst einjagen.«

Gina sah sie müde an. Jetzt hatte sie sich schon wieder unnütz aufgeregt. So war es immer, wenn sie anderen helfen wollte. Verdammt, dachte sie wütend, warum machst du das? Dank kriegste nicht, im Gegenteil, einige fangen schon an, mich zu hassen. Sie können es nun mal nicht vertragen, dass ich das Leben realer sehe.

»Ich habe was gefragt. Los, gib endlich Antwort! Du willst doch nicht sagen, dass ich mit sechsundzwanzig eine alte Hure bin. Nein, das glaube ich nicht. Wie alt bist du denn, wenn man fragen darf.«

Gina blickte sie an.

»Möchtest du das wirklich wissen?«

»Klar, alle im Haus rätseln herum. Niemand kennt anscheinend dein wirkliches Alter. Keiner kann sagen, wie lange du schon auf den Strich gehst. Los, sag es endlich.«

»Ich werde in diesem Jahr achtundzwanzig.«

Imke gaffte sie an, als hätte sie sich verhört.

»Du willst dich wohl über mich lustig machen?«

Gina lächelte.

»Hör mal, du siehst wie neunzehn aus, verdammt, du lügst.«

»Du glaubst mir nicht? Hier ist mein Ausweis. Dem wirst du doch wohl trauen, oder?«

Imke schaute das Stück Papier an und wurde nachdenklich.

»Gina, das ist ja kaum zu fassen.«

Sie setzte sich.

»Das versuche ich dir ja die ganze Zeit zu erklären, Imke. Gerade in unserem Beruf ist es wichtig, wie man lebt, wenn man ihn lange ausüben will.«

»Du redest, als hättest du ihn vorher studiert. Verdammt noch mal, man schlittert doch einfach hinein und ist dann drin. Man hat einen Luden, denn ohne Liebe geht es nicht. Sonst hat das Leben doch keinen Sinn mehr. Ich brauche das, einen Mensch, auf den ich mich verlassen kann. Alfred hat seine Macken, ja, aber ich brauche ihn.«

»Gut, du brauchst ihn. In Ordnung. Dann beklage dich auch nicht über ihn.«

»Tu ich ja nicht«, meinte sie störrisch wie ein Maulesel.

Gina sah sie kurz an.

»So, du tust es nicht? War das nicht der Grund, weswegen du mich aus dem Bad gelockt hast? Ist es nicht deshalb, warum du jetzt wie ein gerupftes Hühnchen hier herumsitzt, und weil dir dein derzeitiges Leben bis hier steht. Ist das noch nicht genug?«

»Na ja«, meinte sie kläglich. »Mir ist mal wieder die Galle übergelaufen. Gina, du hast ja recht, aber was soll ich denn machen?«

»Weißt du das immer noch nicht?«

Sie sah sie an.

»Du kannst gut reden. Du hast eben Mut. Sag bloß, wie schaffst du das? Ich meine, ohne Freund. Ich würde das nicht aushalten.«

»Ich habe auch meine Freunde.«

Imkes Kopf ruckte heran.

Sie waren sich ganz nahe.

»Was? Aber davon weiß ich doch gar nichts. Ich habe noch nie gesehen, dass dich einer abgeholt hat. Du bist doch immer solo und zahlst an die Innung, damit man dich in Ruhe arbeiten lässt. Du hast keinen Luden.«

»Nein, einen Luden habe ich nicht. Wär ich wirklich blöde, dem mein sauer verdientes Geld in den Rachen zu werfen. Nein, das verwalte ich selbst.«

»Hach, du bist ja übergeschnappt. Du trinkst nicht, rauchst nicht und hast keinen Luden. Dich kann man gleich begraben.«

Sie lächelte dünn.

»So, das sagt man also von mir?«

»Nicht direkt, die meisten haben Angst vor dir. Gina, hör mal, du hast doch keinen Freund. Warum redest du dir das ein?«

Gina zog die dunklen Strümpfe an, musterte dabei ihre Beine und war mit dem Ergebnis zufrieden. Sie trug nur die besten Sachen. Elegant war sie. Wenn sie in die Stadt ging, konnte niemand in ihr die Dirne, das käufliche Mädchen erkennen. Dann war sie nichts anderes als eine moderne junge Frau.

»Ein paar meiner Freier sind meine Freunde.«

»Was? Du bist verrückt!«

Gina lachte leise auf.

»Das nimmst du mir wohl nicht ab. Nun, ich zwinge dich nicht, es zu glauben. Ich habe ein paar Stammfreier, mit denen kann ich es besonders gut. Wir freuen uns immer, wenn wir uns sehen. Dann haben wir eine Menge zu erzählen. Von denen bekomme ich auch meine Tipps. Ja, da ist sogar ein Bankfachmann dabei. Ich sage dir, es macht mir Spaß. Das brauch ich einfach.«

Imke glaubte ihr jetzt.

»Du bist halt was Besonderes«, sagte sie ein wenig neidisch.

»Ganz und gar nicht. Ich stecke nur nicht den Kopf in den Sand und sehe das Leben, wie es ist. Verstehst du? Ich verausgabe mich nicht, sondern bin gleichmäßig, gelassen und immer guter Laune. Außerdem kann ich mich mit meinen Freiern recht gut unterhalten, denn ich lese auch die Zeitung und Bücher. Ich bin nicht so, wie man sich allgemein eine Nutte vorstellt: gemein, dreckig und dumm. Gleich zu Anfang habe ich mir gesagt: Wenn ich diesen Job habe, dann mache ich ihn gründlich.«

»Mensch, hast du das wirklich?«

»Sieh mich an!«

Imke sah sie an. Sie war reizend und schön. Der Neid musste es ihr lassen und sie war tatsächlich anders als die Nutten hier im Haus. Man konnte sich mit ihr unterhalten.

»Weißt du«, sagte Gina, »ich hab mal davon geträumt, das Nuttenwesen zu ändern. Verstehst du?«

»Was? Ich versteh nur Bahnhof. Das Nuttenwesen ändern? Was meinst du denn damit.«

»Wir müssten uns organisieren, verstehst du? Damit wir nicht mehr so ausgebeutet werden. Imke, denk doch mal nach. All das viele Geld, das du deinem Alfred gegeben hast, das hättest du bei der Bank anlegen können. Festgelder, so nennt man das. Da kriegt man die meisten Zinsen nur für ein paar Monate. Wenn du jetzt zehntausend Piepen hast und die zu acht Prozent anlegst, dann hast du im Jahr ein hübsches Sümmchen für nichts. Und zwar ohne Arbeit. Bestimmt hast du schon an die fünfhunderttausend in den Jahren eingebracht. Das ist nicht übertrieben. Das wären im Jahr an Zinsen vierzigtausend! Davon könntest du ganz hübsch leben, es anlegen oder wieder verzinsen.«

Imke starrte sie mit offenem Mund an. Ein helles Köpfchen war sie nicht. Doch wenn es um Geld ging, ließ sie sich die Butter nicht vom Brot stehlen.

»Ist das wahr?«

Sie schluckte heftig.

»Ich habe es dir schon oft gesagt. Das ist Sicherheit, verstehst du!«

»Wie viel Geld hast du denn auf der Bank?«

»Das sage ich dir nicht.«

Sie rieb sich die Nase. In Gedanken ging sie die vielen Jahre durch. Sieben Jahre machte sie nun diesen Scheißjob, denn das war er in ihren Augen. Damals war sie verlobt gewesen. Imke wusste schon nicht mehr den Namen des Jungen. Er hatte von seinem Freund einen Wagen geliehen. Damit waren sie dann ins Grüne gefahren. Er hatte ihn vor einen Baum gesetzt. Dann ging es ans Bezahlen. Dann hatte er die Idee, sie auf den Strich zu schicken. Noch heute hörte sie seine Worte: »Dann haben wir die Schulden schnell los. Mensch, wenn ich ein Mädchen wäre, ich täte das sofort. Schneller kann man doch gar nicht reich werden. So müssen wir viele Jahre abstottern und an eine Heirat können wir auch nicht denken.«

Sie hatte ihn geliebt, zumindest glaubte sie das damals. Und so war sie auf den Strich gegangen. Ein paar Nächte hatte sie in der Stadt, in der sie geboren war, gestanden. Dann war etwas passiert, womit sie nicht gerechnet hatte. Irgendwie hatte ihr diese Begegnung das Rückgrat gebrochen. Das war auch der Zeitpunkt gewesen, wo sie angefangen hatte, die Männer zu hassen. Wenn man eine Dirne war, durfte man die Männer nicht hassen. Das spürten sie sehr schnell, auch wenn sie nur ein paar Minuten bei ihr waren. Sie fühlten es einfach. Deswegen hatte sie auch keine Stammfreier. Das war wirklich eine Ausnahme, denn sie war schon sehr lange in diesem Haus.

Ja, damals! Wie gut sie sich noch alles in Erinnerung zurückrufen konnte. Der Freund war auf den Gedanken gekommen, ihr eine Perücke zu kaufen.

»Irgendwo hab ich mal gelesen, Nutten müssen hellblond sein, dann machen sie das große Geschäft.«

Sie sah zuerst ganz komisch damit aus. Denn sie war schon dunkelblond gewesen, aber sie hatte seinen Wunsch erfüllt.

»Ich werde in der Nähe bleiben, dir kann also nichts passieren, Kleine.«

Er hatte wie ein Profi gesprochen. Damals hatte sie ihn bewundert. Er kam nicht aus der Unterwelt und war auch kein Verführer. Er ließ nur andere gerne für sich schuften. Muttersöhnchen! Mama machte das schon. Diesmal stand aber mehr auf dem Spiel. So viel Geld hatte auch Mama nicht, also musste die Freundin einspringen.

So war es gewesen.

Die erste Nacht verlief schrecklich für sie. Die Freier hatten sie angefeixt und wie ein Stück Fleisch gemustert. Am liebsten hätte sie ihnen die Tasche auf den Kopf gehauen. Es war eine Kleinstadt gewesen. Die Luden hatten noch nicht vom Hinterland Besitz ergriffen. Die Mädchen konnten noch stehen, mussten aber aufpassen, dass sie mit den älteren Huren nicht in Streit gerieten. Wenn sie aber wussten, dass einer im Hintergrund war, dann ließen sie einen in Frieden.

Am zweiten Abend wurde es schon besser. Der Freund hatte ihr gesagt: »Du musst nur an das Geld denken. In der Nacht sind alle Katzen grau. Schließ doch einfach die Augen und denke, ich sei es.«

Sie wollte in seinen Augen tapfer sein und ihm beweisen, dass sie für ihn einfach alles tat. Und dann verdiente es sich ja wirklich sehr leicht, das Geld.

Sie hatten sich ausgerechnet, zehn Tage brauchte sie es nur zu tun, dann hatten sie die Schulden bezahlt. Zehn Nächte ihres Lebens, was zählte das schon? Sie war ja erst achtzehn.

Dann stand plötzlich das Auto da.

Sie hatte ein wenig die Stirn gerunzelt. Sie kannte doch den Wagen. Aber hier konnte sie sich auch täuschen. Es war so dämmerig.

Der Mann kurbelte das Fenster herunter und versuchte, mit ihr ins Gespräch zu kommen.

»Na, wie ist es mit uns beiden?«

Die Stimme ging ihr durch und durch. Im ersten Augenblick war sie wie gelähmt. Sie konnte nicht sprechen.

»Du bist jung und knusprig, ich habe dich hier noch nie gesehen, Kleine. Ich suche mir immer die Frischen aus, weißt du. Du gefällst mir. Na, sag mir schon deinen Preis. Los, komm doch mal ein wenig näher. Du stehst so im Schatten, ich kann dich gar nicht richtig sehen.«

Sie hatte einen dicken Kloß in der Kehle.

Jedes Wort war wie ein Peitschenhieb. Sie krümmte sich innerlich.

Ihre Hände ballten sich.

»Gesprächig bist du auch nicht, das muss ich schon sagen.«

Es war ihr eigener Vater.

In diesen Sekunden hätte sie einen Mord begehen können. Sie war so verzweifelt! Alles stürmte auf sie ein. Sie konnte nicht mehr. Dann fing das große Zittern an.

Ihr Vater.

Jetzt waren die Beine nicht mehr aus Holz. Blind vor Tränen rannte sie davon.

»So bleib doch, verdammt, was habe ich denn getan, dass du wegläufst? Ich biete auch genug, hörst du, ich mag dich.«

Sie rannte auf das Trümmergrundstück zu. Dort lehnte sie sich erschöpft an die Wand. Imke wusste nicht, dass ihr die Tränen über das Gesicht stürzten.

Ihr Vater, daheim spielte er den Moralapostel, hatte sie fast totgeschlagen, bloß weil sie mal einen Jungen aus der Nachbarschaft geküsst hatte, als sie sechzehn war. Der die Mutter verächtlich behandelte und stets behauptete, er verdiene zu dieser Zeit nicht so viel.

Die kleinen erbärmlichen Wünsche, die sie als junges Mädchen hatte, konnte die Mutter nicht erfüllen, weil das Geld gerade nur für den Haushalt reichte. Sie glaubte ihm, der Vater war die Respektsperson. Sie zweifelte nicht an seinen Worten.

Und jetzt wurde ihr klar, weshalb er so wenig Geld herausrückte. Er ging zu den Dirnen, mit ihnen brachte er das Geld durch.

Stürzte jetzt nicht der Himmel ein?

Ihr Freund hatte sie lange suchen müssen, bis er sie endlich fand.

»Was ist denn in dich gefahren? Ich hab dich eben mit einem Mann reden sehen. Er wollte dich doch. Warum bist du denn auf und davon?«

In diesen Sekunden hatte sie begriffen, dass er nicht besser war als ihr Vater.

»Hau ab!«, hatte sie ihn angeschrien, »verflucht, zieh Leine, oder ich könnte mich vergessen.«

»Imke, was ist denn los?«

Er verstand noch immer nicht.

Sie hatte sich vor ihn hingestellt. Ganz dicht. Ihr Blick war zum Fürchten gewesen.

»Wenn du nicht sofort verschwindest, bringe ich dich um und zwar auf der Stelle! Ich murkse dich ab, ich werfe dich in die Elbe. Hau ab, ehe ich mich vergesse.

Da hatte er die Beine in die Hand genommen und war gerannt wie um sein Leben.

Wie lange sie in dieser düsteren Einsamkeit gestanden hatte, sie wusste es nicht mehr.

Langsam setzte Nieselregen ein. Sie ging, weil es sein musste. Fort, zu Menschen, sich verkriechen und vergessen. Nach Hause konnte sie jetzt nicht mehr. Sie hätte den Vater sonst umgebracht. Ganz kalt und besonnen. Sie fühlte, sie hätte es getan.

Er hätte am Küchentisch gesessen, wie üblich das größte Stück Fleisch genommen, die Mutter angemeckert, dass sie so wenig gekocht hatte. Ja, dann wäre sie ruhig aufgestanden und hätte es ihm gegeben.

Alle Männer sind Schweine. Das war ihre Meinung.

Sie hatte sich betäuben müssen. So war sie in einer der kleinen Kneipen, die um den Strich herum lagen, gelandet und hatte sich sinnlos betrunken. Als sie am Morgen wieder zu Verstand kam, lag sie bei einem Lui im Bett. Sie hatte nicht mal seinen Namen gewusst.

Er war ein kleiner Gauner gewesen und nicht übel, aber er zog sie immer tiefer in den Sumpf. Daheim hatte man natürlich nach ihr gesucht. Sie war in eine andere Stadt gefahren und landete dort endgültig auf dem Strich. Irgendwann hatte sie Alfred kennengelernt. Das war ihr bisheriges Leben.

Bis jetzt hatte sie nie mit jemandem darüber gesprochen. Imke sträubte sich dagegen. Ein kleiner Rest Stolz war ihr geblieben. Sie sprachen natürlich mal über die Vergangenheit, wenn sie zusammenstanden. Dann sagte sie immer, dass sie aus einem bürgerlichen Hause kam.

»Du hörst mir ja gar nicht zu.«

Gina hatte sich inzwischen angekleidet.

Sie starrte sie an.

»Was hast du gesagt?«

»Du bist weit weg gewesen.« Gina sah sie ruhig an. »Es ist nicht so wichtig. Komm, wir gehen nach unten, bevor wir zu kurz kommen.«

»Ja«, sagte Imke leise.

Vielleicht sollte ich mit ihr reden, dachte sie verzweifelt! Wenn ich das erst einmal abgebaut habe, wird mir vielleicht besser sein. Dann kann ich dieses Ekel von Luden auch fortjagen. Sie hat ja so recht, er laugt mich wirklich aus. Immer sagt er mit der freundlichsten Stimme der Welt: »Nicht wahr, du stehst heut noch ein paar Stündchen länger, damit wir endlich auf einen grünen Zweig kommen. Schau dir mal die anderen Luden an. Die haben die Taschen immer voller Geld.«

Immer war das so etwas wie ein zündender Funke gewesen. Sie wollte stolz auf ihren Macker sein. Er sollte auch so großartig auftreten wie die anderen. Wenn ein Lude mit Geld um sich warf, bedeutete das in der Fachsprache, dass sein Mädchen eine Klassenutte war.

Sie ging mit Gina nach unten.

»Was soll ich machen?«

Gina drehte sich um.

»Du willst ihn also feuern?«

»Meinst du, ich schaff es alleine?«

Gina, die kluge Dirne, sagte: »Gekaufte Liebe ist Scheiße. Wirklich!«

»Ich brauch aber Liebe.«

»Die kannst du auch anderweitig finden. Du musst nur zu deinem Beruf stehen.«

»Du hast gut reden.«

Sie hatten den Aufenthaltsraum erreicht und dort fanden sie die anderen Nutten vor. Entweder die Schicht, die gerade aufhörte, oder die andere, die gleich anfing.

Hier war Betrieb rund um die Uhr.

»Was gibt es denn zu essen?«

»Immer den üblichen Fraß«, sagte Agnes.

Der Bequemlichkeit halber bezahlten die Dirnen den Puffwirt, damit er für Essen sorgte. Nur mittags waren sie auswärts. Morgens und abends sorgte er für sie.

Das Geld, das die Dirnen ihm gaben, war reichlich, aber er wollte daran verdienen und holte nicht immer das Beste. Gina besah sich die Tafel. Verächtlich dachte sie: Sie essen wie die Schweine, anders kann ich es nicht nennen.

»Ich glaube, ich muss mal wieder ein Wort mit ihm reden. Dann nimmt er sich auch wieder zusammen, wenigstens für eine Zeit.«

»Ja, tu das«, stimmten die anderen Dirnen zu.

Sie dachte: Ihr habt alle keinen Schneid, mit eurem Körper verkauft ihr auch die Selbständigkeit. Warum ist das eigentlich so? Ist es deshalb, weil wir von der Allgemeinheit verachtet werden? Haben wir denn nicht auch einen Beruf?

Doch im Augenblick war sie zu müde, sich den Kopf zu zerbrechen.

»Soll ich heute stehen?«

Imke hatte sie gehört und wandte sich zu ihr.

»Ich denke, heute kommen wieder Schiffe an, oder?«

»Ja, richtig, das habe ich ganz vergessen.«

Agnes sagte: »Darauf bin ich wirklich nicht scharf.«

»Oh«, entgegnete Gina, »ich hab ein paar nette Freunde darunter.«

»Ja, du!«

»Offiziere?«

»Auch.«

»Donnerwetter!«

Sie trank den Kaffee aus und stand auf.

»Gehen wir?«

»Ja«, sagte Imke.

Im Augenblick war sie wie gelähmt.

Es war gutes Stehwetter.

»Das lass ich mir gefallen. Die lauen Nächte sind immer am schönsten.«

»Ich hasse den Winter.«

Gina stand an die Säule gelehnt und spielte mit ihrer langen blauen Kette.

Imke sah sie und sagte: »Die hast du ja auch wieder um.«

»Das ist doch mein Markenzeichen. Hast du das vergessen?«, lachte Gina.

»Warum eigentlich? Ist das nicht blöde?«

»Nein, sie ist ein Andenken an meine Omi.«

Imke riss die Augen auf.

»Was? Dass ich nicht lache!«

»Tu das. Einmal hat sie mir gesagt: Kindchen, wenn ich dir diese Kette vererbe, dann wird sie dir auch das Glück bringen. Denke an deine alte Oma, wenn es so weit ist. Du wirst es schon sehen. Ich hab sie von meiner Mutter, weißt du. Sie hat mir den Mann meines Lebens beschert. Ich war die ganzen Jahre glücklich mit ihm. Wenn ich tot bin, bekommst du die Kette.«

»Liebe«, sagte Imke rau. »Den Quatsch glaubst du doch nicht wirklich?«

»Doch!«

Sie lachte rau auf. »Das wird ja immer schöner. Ich denke, du bist ein eiskaltes Biest?«

»Was Geld und Geschäfte angeht, ja, aber nicht bei den Männern. Eines Tages werde ich die Liebe finden. Ich meine, die wirkliche Liebe.«

»Und weil du sie nicht verpassen willst, trägst du ständig die Kette?«

»Erraten.«

Imke lachte.

»Du bist wirklich komisch, aber du hast mir wieder gute Laune gemacht. So ist das immer, wenn ich bei dir stehe.«

»Wozu brauchst du dann einen Luden?«

Wieder verdüsterte sich ihr Gesicht.

Doch dann erschienen die ersten Männer auf der Straße. Sie waren nicht im Herbertviertel. In Hamburg gab es noch eine ganze Menge Liebeszentren. Die waren es wert, dass man sie suchte. Kenner wussten, wo sie die besten Mädchen fanden.

Zwei hochgewachsene schlanke Typen blieben jetzt vor Imke und Gina stehen.

»Na, wie läuft das Geschäftchen heute?«

Sie gaben keine Antwort.

Die zwei kannten sich in ihrem Gewerbe sehr gut aus und spürten gleich, ob einer auf der Suche war oder nur mal schauen wollte. Sozusagen vor seinen Kumpels angeben, wie gut er sich bei den käuflichen Mädchen auskannte. Wahrscheinlich hatte er so mächtig übertrieben, dass man sich jetzt davon überzeugen wollte, ob an der Sache etwas dran war.

Und der hier war mal wieder so ein Typ.

Früher hatte sich Gina immer schrecklich darüber aufgeregt. Sie waren doch nicht im Zoo, wo sie begafft werden konnten. Sie boten sich an und sonst nichts. Doch mit der Zeit hatte sie gelernt, dass sie diese Jungens nur durch Schweigen ärgern und verjagen konnte.

»Na, habt ihr keine Lust, euch mit mir zu unterhalten?«

Er wurde schon ein wenig nervös.

Imke und Gina sahen ihn nicht mal. Sie waren einfach Luft für sie. Dann drehten sie sich um und unterhielten sich.

»He, was ist der Tagespreis?«

Wieder keine Antwort.

»Ich habe etwas gefragt. Verdammt, ich kann doch wohl darauf eine Antwort haben? Sonst seid ihr doch gesprächiger. Kommt, Mädchen, ich war doch gestern noch mit euch zusammen. Wir haben eine große Sause gemacht. Das ist jetzt der Dank dafür.«

Sie lachten und erzählten sich Witze.

Sein Begleiter grinste versteckt.

»Weißt du was, die kennen dich gar nicht.«

Das war natürlich zu viel.

Fast explodierte er. Denn er wusste ganz genau, was morgen passierte, wenn er sich jetzt blamierte. Keiner würde ihm mehr etwas glauben.

»Dieses Pack, du kennst sie nicht richtig. Sie reden erst, wenn man ihnen Geld unter die Nase hält. Wette, wenn ich mit einem Schein winke, dass sie sich dann wieder an mich erinnern? Das sind geldgierige Weiber. Das ist eine Masche von ihnen. Natürlich kennen sie mich. Ich hab doch gesagt, dass ich jeden Tag hier bin. Ich kenne die alle mit Namen, jawohl.«

Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, zog er jetzt seine Brieftasche. Seine Hände zitterten. Um die Wahrheit zu sagen, er war noch nie im Dirnenviertel gewesen. Aber man hatte doch schon so viel davon gehört. Sein Wunschtraum war es, hier bekannt zu sein. Doch wollen und können, dazwischen lag ein recht großer Unterschied. Er hatte Angst vor den Mädchen, entsetzliche Angst.

Las man nicht immer in den Zeitungen, wie gefährlich diese Weiber waren? Nun, dann musste er eben einen Zwanziger opfern, aber dafür würde er morgen der Held sein. Raufgehen wollte er selbstverständlich nicht. Vielleicht konnte er den Kollegen dazu bringen und Kopfschmerzen vortäuschen.

Er zog den Schein heraus und hielt ihn Gina direkt unter die Nase.

»Na, Mädchen, nun sag schon, dass du mich kennst. Mein Kumpel will das nämlich nicht glauben. Das Geld gehört dir, ehrlich. Nur so!«

Sein Blick war beschwörend.

Gina hatte nicht mal Mitleid mit ihm. Feiglinge verachtete sie abgrundtief. Dann konnte sie zu einer Kälte erstarren, die fast unheimlich war.

Sie schaffte es, sich weiter mit Imke zu unterhalten. Und diese wusste ganz genau, wenn sie jetzt nach dem Schein grapschte, würde sie anschließend ihr blaues Wunder mit Gina erleben.

Scheiße dachte sie, einen Zwanziger für ein paar Worte, das ist doch wirklich toll.

»Was meinst du?«, sagte Gina fröhlich. »Wenn du mich fragst, ich hab so das Gefühl, dass heute noch ein paar Stammkunden bei mir auftauchen. Du weißt doch, das sind die, mit denen wir immer eine tolle Sache machen.«

Der Schein zitterte im leichten Abendwind.

»Sag endlich was«, zischte er sie an.

Gina dachte tief befriedigt: Bleib doch ein paar Sekunden so, dann wirst du gleich was erleben. Du kleiner Scheißer wirst bald aufhören, mit uns zu prahlen. Womöglich musst du noch die Stelle wechseln. Sieh mal an, du trägst sogar einen Ring. Tja, da wird deine Frau aber staunen, weil du plötzlich nicht mehr in der alten Firma bleiben willst.

Die gewissen Sekunden waren herum.

Ein Hilu hatte immer Dienst. Er musste die Mädchen beaufsichtigen. Und wenn es Ärger gab, kam er raus, war großer Ärger, rief er die anderen Luden zur Verstärkung. Wenn ein Freier länger vor den Mädchen stehen blieb und diese nicht reagierten, dann hieß das, sie wollten nicht. Er war nicht astrein, sie hüteten sich davor, ihn mit aufs Zimmer zu nehmen. Es gab ja immer wieder schräge Brüder darunter. Dann ging der Lude auf die Straße, um sie zu verscheuchen.

Die Zeit war verstrichen.

Er kam.

Der Begleiter sah ihn zuerst.

»Mensch, Günter, schau mal, kennst du den Luden auch? Ich glaub, er will sich mit dir unterhalten. Du, das ist ja wirklich interessant. Vielleicht sagt er den Mädchen, dass sie sich an dich erinnern sollen.« Günter erkannte gar nicht den Hohn in der Stimme des Kollegen. Er sah nur rot und gab augenblicklich Fersengeld.

»Prahler, ich hab doch gleich gewusst, dass du mal wieder das Blaue vom Himmel gelogen hast«, räsonierte er hinter ihm her.

Imke schaute auf den Boden.

In der Aufregung hatte er den Schein fallen lassen. Sie hob ihn auf.

»Was machen wir damit?«

Gina grinste.

»In der Nacht vernaschen wir ihn.«

Der Kollege lachte.

»Ihr könnt ja sogar sehen!«

Gina hob die Wimpern und blickte ihn kühl an. Jetzt bemerkte sie seinen gut geschnittenen Anzug, die feine Krawatte. Also wusste sie, dass er gut betucht war.

»Natürlich können wir von Zeit zu Zeit sehen«, gab sie lachend zurück.

»Ihr habt euch prachtvoll benommen, wirklich. Das war mir die Sache schon wert!«

»Welche Sache?«, wollte Imke wissen.

»Nun, der Zeitaufwand. Es war richtig, dass dem Prahlhans das Maul gestopft wurde. Ich konnte nicht mehr in Ruhe meine Arbeit verrichten. Immer stand er herum und erzählte von seinen grandiosen Erlebnissen.«

»Das ist lästig, nicht wahr? Solche Typen kann ich auch nicht ausstehen.«

Er sah die Dirne jetzt genauer an. Gina spürte seinen prüfenden Blick und las in seinen Augen die Frage: »Warum stehst du denn hier?«

Er hatte nicht im Traum daran gedacht, mit einer Dirne zu gehen. Das hatte er nun wirklich nicht nötig. Er brauchte im Betrieb nur mit dem Finger zu schnippen, dann konnte er ein kleines Mädchen mit nach Hause nehmen.

Er lächelte sie gewinnend an.

»Das Wetter ist heute wirklich sehr schön.«

»Ja, man könnte stundenlang durch den Wald wandern und gar nicht müde werden«, entgegnete Gina.

Er runzelte die Stirn.

»Das wäre nicht schlecht, aber dass gerade Sie das sagen.«

»Ja, kaum zu glauben. Das sollte von der Polizei verboten werden. Wir sind so gar nicht der Typ, den ihr Freund so ausführlich beschrieben hat.«

Er lachte.

»Humor ist auch etwas, das man nur selten findet.«

»Wie recht Sie doch haben!«

Imke fühlte den Neid in sich aufsteigen. Sie wollte wie Gina sein. Die zog die Freier mühelos zu sich heran. Dabei tat sie eigentlich gar nichts. Jetzt sprachen sie über den Wald und Spaziergänge. Daraus sollte einer klug werden.

Er bekam immer mehr Lust auf sie und lächelte gewinnend. Seine weißen Zähne blitzten. Sie ist geschmackvoll gekleidet, dachte er. Diese Dirne strahlt etwas aus. Es ist wirklich sagenhaft. Er hat mich ja nun durch viele Straßen geschleppt. Da war ordentlich Betrieb gewesen und er hatte wohl Angst bekommen, sich einer Dirne zu nähern. Überhaupt, dieser Angeber!

»Würden Sie mich mitnehmen?«

Jetzt hatte er es ausgesprochen.

Gina warf ihm einen abschätzenden Blick zu. Dann sagte sie unbekümmert: »Sie sollten sich das gründlich überlegen, mein Herr. Ich warne Sie!«

Verblüfft antwortete er: »Wieso, warum? Das verstehe ich nicht.«

»Nun, wer einmal mit mir kommt, der wird süchtig.«

Er hielt es für einen gelungenen Spaß und lachte nun auch.

»Diese Sorge können Sie ruhig mir überlassen.« Ich bin doch wirklich blöde, dachte er. Ich duze sie nicht mal. Das tut man doch.

Details

Seiten
100
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930344
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494447
Schlagworte
redlight street matrosenliebchen gina

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Titel: REDLIGHT STREET #52: Matrosenliebchen Gina