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Dr. Florian Winter Band 16: Der Internist

2019 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Internist

Copyright

1

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Der Internist

Dr. Florian Winter Band 16

von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Doris Fenzing bewirbt sich auf die Stelle der Sprechstundenhilfe von Dr. Wieland Graf, der unter Professor Winter in der TANNENHOFKLINIK arbeitet. Der sympathische Internist ist von ihren Qualifikationen beeindruckt – dass sie auch eine schöne Frau ist, versucht er zu ignorieren, hat er doch seine schlechten Erfahrungen mit seiner Ex-Ehefrau Linda noch nicht verdaut. Frauen, mit denen man eine Beziehung eingeht, sind für ihn seither tabu. Dass es der geschiedenen Schwester Doris mit Männern ähnlich ergeht wie ihm mit Frauen, ahnen beide nicht – deshalb benehmen sie sich auch wie Hund und Katze ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Als Dr. Wieland Graf das Zimmer seines Chefs, Professor Winter, betrat, türmten sich auf dessen Schreibtisch vier Stöße mit Briefen. Der Chefarzt selbst hatte am Fenster gestanden, wandte sich jetzt um und kam auf den Internisten Graf zu. Der große, blonde Chefarzt lächelte, deutete zum Schreibtisch hin und sagte:

,,Da haben wir uns was eingebrockt. Und das ist schon die Auslese, die Oberschwester Hilde getroffen hat. Da müssen wir beide uns jetzt durchwühlen. Nehmen Sie doch Platz, Herr Kollege.“ Dem Äußeren nach hätten sie Brüder sein können. Graf war blond wie Winter, doch bei ihm zeigten sich schon graue Haare an den Schläfen, die man aber wegen des blonden Haares kaum entdecken konnte. Er war auch nicht ganz so groß wie Winter. Dafür etwas breiter in den Schultern. Wirkte stämmiger, kräftiger. Ein paar Jahre war Winter älter, und doch wirkte sein Gesicht frischer, jugendlicher. Das von Dr. Wieland Graf wies schon scharfe Linien und Kanten auf.

Graf warf einen Blick auf die Briefe. „Was ist das? Hängt das mit der Anzeige zusammen?“

Winter nickte und nahm ebenfalls Platz. „O ja. Und ich sagte ja, das ist schon der Extrakt von dem, was Oberschwester Hilde durchgewühlt hat. Ich habe mir die Sachen schon einmal grob angesehen. Und es gibt auch eine Empfehlung der Oberschwester. Da kommen drei in die engste Auswahl. Am besten ist vielleicht, wir fangen mit den dreien an, weil sie einfach am qualifiziertesten sind. Und schließlich muss eine Sprechstundenhilfe und enge Mitarbeiterin von Ihnen schon etwas zu bieten haben. So jedenfalls, wie das bisher gehandhabt wurde, kann es nicht fortgeführt werden.“

„Das sage ich ja“, meinte Graf. „Immer eine andere Schwester in der Sprechstunde, das geht nicht. Und außerdem muss man sich schon etwas aufeinander einspielen können. Das ist nur möglich, wenn man ein und dieselbe Person zur Verfügung hat.“

„Ich fange einmal mit meiner Favoritin an“, sagte Winter, nahm einen Brief, der ganz an der Seite lag. „Diese Frau hat die höchste Qualifikation. Sie war bis vor Kurzem mit einem Arzt verheiratet. Ist geschieden. Warum, weshalb, steht nicht da. Immerhin hat sie sämtliche Prüfungen. Wir könnten sie gut und gerne als Stationsschwester einsetzen. Aber da haben wir ja eine. Abgesehen davon will sie das offensichtlich gar nicht. Als Sprechstundenhilfe zu arbeiten, reizt sie mehr. Sie hat eine feste Stellung und würde zum nächsten Monat frei. Sie hat unabhängig von unserer Zusage gekündigt. Offenbar sicher, jederzeit woanders eine Aufgabe zu finden. Sie hat in Erlangen in der Kardiologie gearbeitet. Rechte Hand vom Chefarzt. Ich meine, wenn man den Ruf der Erlanger Universitätsklinik kennt, und den noch besseren Ruf der Kardiologie, dann ist das schon etwas, wonach wir bei anderen lange suchen können. Sehen Sie sich das mal an!“

„Oh, da ist sogar ein Foto dabei“, rief Graf. „Das ist ja wie die Antwort auf eine Heiratsanzeige.“

Er betrachtete das Foto. Die Frau war blond, hatte ein schmales, hübsches und intelligent wirkendes Gesicht. Seiner Schätzung nach musste sie etwa Ende zwanzig sein. Sie gefiel ihm. Aber schon als er das dachte, schien sich in ihm eine Mauer aufzurichten gegen diese Empfindungen. Nein, dachte er, nach all dem, was ich mit Linda erlebt habe ...

Es ging ihm bald jedes Mal so. Wenn er einer Frau begegnete, die auf ihn sympathisch wirkte, da blockte sich nach den ersten Empfindungen alles in ihm ab. Die Zeit mit Linda, dieser perfide Ehekrieg mit ihr, hatte in ihm einen Horror ausgelöst, was Frauen betraf.

Ich suche ja, dachte er, eine Sprechstundenhilfe und rechte Hand. Ich suche nichts fürs Bett. Und schon gar nicht, wenn ich mit der Betreffenden beruflich zusammenarbeiten soll.

„Sie sieht ganz gut aus, nicht wahr?“, meinte Winter. „Und bei der Qualifikation, die sie aufzuweisen hat ... Wäre das nichts für Sie?“

„Ja schon. Warum denn nicht? Und die anderen?“

„Keine ist so hochqualifiziert wie sie. Und keine hat eine derartige Stellung inne.“

„Und warum geht sie da weg?“

„Die Frage hat sie in ihrem Schreiben beantwortet. Der Mann, mit dem sie verheiratet war, arbeitet in derselben Abteilung.“

Das konnte Wieland Graf gut verstehen. Irgendwie hatte er plötzlich das Gefühl, mit dieser Frau auf der gleichen Welle zu denken. Er war ja auch von dort weggegangen, wo er vorher gearbeitet hatte, um nicht mehr mit ihr zusammen sein zu müssen.

„Suchen wir nicht lange herum, nehmen wir die! Soll sie kommen und sich vorstellen“, sagte Graf und legte den Brief auf Winters Schreibtisch zurück.

Winter lächelte. „Ich habe es gewusst. Ich hätte eine Wette abschließen können.“

„Wieso? Vielleicht hätte mir auch eine andere gefallen, die in diesem großen Berg von Briefen liegt“, meinte Wieland Graf lächelnd.

Winter schüttelte den Kopf. „Nein. Da finden Sie keine wie diese.“

Wieland Graf hatte das Gefühl, dass Winter noch etwas sagen wollte, es aber unterließ. Und er selbst ahnte etwas von dem, was Winter dachte. Aber er mochte keine weitere Frage dazu stellen. Er erhob sich und fragte:

„Das ist es jetzt, oder?“

„Noch eine Kleinigkeit“, sagte Winter. „Die hat jetzt nichts mit der ausgeschriebenen Stelle zu tun. Es geht um die Patientin Bettinger. Das ist dieser Fall von Enteritis colitis.“

„Aber was soll da sein? Sie ist auf dem Wege der Besserung.“

„Ich weiß. Aber da gibt es noch ein Problem. Die Familie. Der Schwiegersohn ist bei mir gewesen. Die möchten die Frau loswerden, weil sie ihnen die Ehe zerstört, wie er sagte. Aber sie wissen nicht, wie sie es ihr beibringen sollen. Auf der anderen Seite glaubt der Schwiegersohn, und da liegt er meines Erachtens gar nicht so verkehrt, dass dieser ständige Zank mit ihr auch seine Auswirkungen auf unsere Patientin selbst gehabt hat. Und er bildet sich ein, das ganze Leiden käme von diesem ständigen Krach.“

„Was ich nicht ausschließen kann. Es scheint bei dieser Frau ohnehin nervlich bedingt zu sein. Sie war völlig am Ende, als sie zu uns kam, Herr Chefarzt.“

Winter nickte. „Ja, so sehe ich es auch. Aber mit achtundfünfzig Jahren kann man die Frau nicht in ein Altersheim tun. Und das wird sie auch nicht wollen. Sie hat immer geschuftet und gearbeitet. Nur ist das eben keine Sache für uns. Das Problem sollte vielleicht die Familie selbst lösen. Ich hatte aber den Eindruck, dass sie dazu nicht imstande ist. Haben Sie da eine Idee? Sprechen Sie mal mit dieser Frau. Sie darf natürlich nicht erfahren, dass ihr Schwiegersohn mit mir gesprochen hat.“

„Heute Nachmittag könnte ich dazu kommen“, sagte Graf. „Ich werde mit ihr reden.“

„Hören Sie, Herr Graf“, meinte Winter, „ich bin nämlich der Überzeugung, dass es tatsächlich so ist, wie auch der Schwiegersohn vermutet. Die Frau reibt sich auf. Und zwar seelisch noch mehr als körperlich. Andererseits geht es auch noch in der Ehe dieses jungen Mannes drunter und drüber. Das ist eben das alte Schwiegermutter-Schwiegersohn-Problem, über das es ja schon Tausende von Witzen gibt.“

„In Ordnung, Herr Professor“, sagte Graf, „ich werde mit ihr reden. Und was meine zukünftige Sprechstundenhilfe angeht ... Sie sagten, sie käme nächsten Monat.“

„Ich bin nicht ganz genau im Bilde, aber ich glaube, das es so ist. Jedenfalls werden Sie froh sein, Hilfe zu bekommen.“

„Und ob“, bestätigte Graf. Dann verabschiedete er sich und ging. Auf dem Weg zur Inneren Abteilung sah er im Geist das Porträtbild der jungen, blonden Frau vor sich, auf die sich Winter und er geeinigt hatten. Er war gespannt, wenn sie sich vorstellen sollte, ob sie so war, wie er sich das einbildete.

Ach was, dachte er, schon wieder solche abirrenden Gedanken! Frauen sind für mich Gift. Die Zeit mit Linda war schlimm genug. Keine Frau mehr. Höchstens um mein Bedürfnis zu stillen und nicht mehr. Aber eine Ehe, eine Verbindung mit einer Frau kommt nicht mehr in Frage. Das habe ich mir geschworen, und das halte ich durch.

Als er im Stationszimmer der Inneren Abteilung vorbeikam, sah er drinnen Schwester Christa und Schwester Heidi. Beide waren zwischen dreiundzwanzig und fünfundzwanzig Jahre alt. Schwester Heidi brünett und zierlich; Schwester Christa groß und blond, vollbusig und mit einer Neigung, später einmal an Gewicht kräftig zuzulegen.

Es war ihm nicht entgangen, dass beide ihm regelrecht nachstellten und mitunter Gelegenheiten schufen, die er allerdings noch nie wahrgenommen hatte. In dieser Beziehung war Schwester Heidi, die zierliche Brünette, noch hemmungsloser als ihre Freundin Christa. Am liebsten hätten sie ihn wohl alle beide gehabt. Aber er hütete sich tunlichst, auf ihre Wünsche einzugehen. Schon deshalb, weil er mit ihnen in der gleichen Abteilung zusammenarbeitete. Und überdies fürchtete er, dass sich bei der einen oder anderen etwas ergeben könnte. Denn sie gefielen ihm. Besonders Schwester Heidi. Aber er verbannte sie mit aller Kraft aus seinen Gedanken, wenn es nur ging.

Was er inzwischen nicht schaffte, war die Verdrängung dieses Porträtfotos. Immer wieder sah er es vor Augen. Schließlich wurde er richtig wütend auf sich selbst und fragte sich, ob es richtig war, gerade diese Frau hierherkommen zu lassen, wenn sie schon vom Foto etwas ausstrahlte, was ihn in äußerste Unruhe versetzte.

„Darüber muss ich noch nachdenken“, murmelte er, als er im Arztzimmer angelangt war und dort am Schreibtisch seine Unterlagen vorfand, mit denen er vorhin nicht fertig geworden war, weil ihn Professor Winter rufen ließ.

Er vertiefte sich in seine Arbeit, und es gelang ihm, das Porträt zu vergessen. Dann wurde er zu einer Patientin gerufen. Und als er wiederkam, fuhr er mit seiner Arbeit fort. Er kam nicht sehr weit, da schellte das Telefon. Es war die Zentrale.

„Herr Doktor Graf, da ist ein Anruf von Frau Hüttner. Wollen Sie mit ihr sprechen?“

Linda!, dachte er entsetzt. Schon wieder. Sie hat erst vorgestern angerufen. Am liebsten hätte er gesagt, man solle ihr mitteilen, er sei nicht da. Aber schließlich dachte er, dass dies keine Lösung sei und sagte: „In Ordnung. Stellen Sie durch!“

Kurz darauf hörte er Lindas Stimme. Es elektrisierte ihn jedes Mal. Nach der Scheidung hatte er gehofft, nie mehr mit ihr Kontakt zu haben. Es gab im Grunde nichts mehr, was ihn an sie band. Kinder waren aus dieser Ehe nicht hervorgegangen. Aber Linda meldete sich immer wieder. Er versuchte höflich zu sein, nicht abweisend, aber doch von einer Kühle, die ihr zeigen sollte, dass er mit ihr abgeschlossen hatte.

„Willi, ich muss unbedingt mit dir reden ...“

„Wann hörst du damit auf, mich Willi zu nennen. Ich heiße Wieland.“

„Ich habe immer zu dir Willi gesagt“, hörte er sie mit aufreizend spöttischer Stimme sagen. „Es ist schwer für mich, mir das wieder abzugewöhnen. Und außerdem, was willst du denn? Ein schöner Mann wie du ...“

„Was möchtest du, sag es, und dann ist es erledigt! Oder willst du, dass ich einfach auflege?“

„Nun sei doch nicht so! Ich komme in den nächsten Tagen nach München. Habe da zu tun. Ich würde dich gerne besuchen.“

„Gibt es einen zwingenden Grund dafür?“, fragte er kalt.

„Was ist nur mit dir los? Wir können doch mal zusammen essen gehen. Schließlich sind wir elf Jahre miteinander verheiratet gewesen. Oder bedeutet dir das gar nichts mehr?“

Er schwieg. Was soll ich ihr sagen, dachte er? Ihr etwas vorlügen? Oder sie damit herausfordern, dass ich sage, wie froh ich bin, diese Ehe, diese Hölle hinter mir zu haben? Was einmal wie eine gewaltige Liebe schien, war in Hass und Wut gestorben. Nein, es gelüstet mich überhaupt nicht danach, sie wiederzusehen. Bis jetzt konnte ich es vermeiden. Und jetzt kommt sie mir auch noch nach München nach.

„Es tut mir sehr leid“, sagte er, „aber ich habe sehr viel zu tun. Und vor allen Dingen in der nächsten Zeit. Kaum Gelegenheit, mir frei zu nehmen. Im Übrigen arbeite ich an einer bestimmten Sache. Aber das hat dich ja früher nicht interessiert, wird dich vermutlich auch jetzt nicht interessieren.“

„Aber Willi, warum denn so böse? Ich habe dir doch, weiß Gott, nichts getan.“

Er verzichtete abermals auf eine Antwort. Nichts getan, dachte er? War diese Verbindung mit Holzmann denn gar nichts? Schließlich ist sie meine Frau gewesen. Aber warum will ich ihr das anhängen? Im Grunde bin ich froh gewesen, dass sie sich an Holzmann gehängt hat. Sollte das mit ihm vorbei sein?

„Was ist nur? Warum antwortest du mir nicht?“, hörte er sie sagen.

„Wir hatten eine Vereinbarung, Linda. Wir haben vereinbart, dass die Sache vorbei ist. Und jetzt rufst du hier dauernd an.“

„Du bist gut! Dauernd? Wie du das sagst! Ich habe dich insgesamt zwei- oder dreimal angerufen.“

„Fünfmal hast du angerufen. Und das waren genau fünfmal zu viel.“

„Ich hatte geglaubt, wir sind wenigstens noch gute Freunde.“

„Gute Freunde, das wäre etwas zu viel der Ehre für unsere kaputte Verbindung. Nein, ich möchte nicht, dass wir uns hier in München treffen. Und ich möchte auch nicht mit dir essen gehen oder sonst etwas tun. Ich möchte, dass du mich in Ruhe lässt, Linda! Du hast deine Welt, du hast Holzmann. So wende dich an ihn und lass mich in Frieden! Das ist meine Bitte an dich. Und wenn du sie erfüllst, beweist du mir mehr Freundschaft und Verständnis als durch dauernde Anrufe.“

Eine Weile war es ganz still, und er hatte schon den Verdacht, sie hätte aufgelegt. Es wäre ihm recht gewesen. Aber nichts dergleichen war der Fall.

Er hörte ein merkwürdiges Geräusch, als schluchze sie. Und dann sagte sie, und es klang ihm, als spräche sie unter Tränen: „Mit Jürgen ist es doch aus. Dieser gemeine Kerl. Er hat sich benommen wie ein Schuft ... wie ein hundsgemeiner Schuft ... es tut mir ja so weh! Und ich wollte mit dir über alles sprechen. Ich wollte ...“

Ihm fiel ein, dass die Telefonistin mithören könnte. Also schnitt er ihr das Wort ab und sagte:

„Es ist vielleicht wirklich besser, wenn wir uns dann persönlich über alles unterhalten.“

Er hatte es ganz anders gemeint, als sie es verstand. In ihr regte sich wohl Hoffnung, alles das ungeschehen zu machen, was geschehen war. Ihr Stimme klang befreit, als sie enthusiastisch rief: „Oh, ich freue mich darauf! Ich danke dir! Mein lieber Willi, ich danke dir so sehr! Du hast ja immer noch einen festen, großen Platz in meinem Herzen, weißt du das eigentlich?“

O Gott, dachte er. Jetzt kommt sie mit dieser Platte. Holzmann muss sie ganz schön erwischt haben.

„Ich habe leider zu tun. Wann kommst du?“

„Am Donnerstag.“

„Und was hast du hier zu erledigen?“, wollte er wissen, weil er den Verdacht hatte, dass sie in Wirklichkeit nur zu ihm wollte.

„Eine Freundin besuchen. Aber das ist nicht so wichtig. Wenn du willst, habe ich die drei Tage, die ich dort bin, immer Zeit für dich.“

Nur das nicht, sagte er sich insgeheim und antwortete:

„Meine Zeit ist knapp. Das habe ich dir vorhin gesagt. Wir werden miteinander sprechen, und dabei bleibt es. Sag mir genau, wann du da bist, und ich will sehen, dass ich dafür Zeit habe. Eine Stunde höchstens. Mehr geht nicht.“

Sie widersprach nicht. Er fand es zwar ungewöhnlich, denn sie konnte über die kleinsten Kleinigkeiten diskutieren und alles aufbauschen. Aber diesmal tat sie das nicht. Sie begnügte sich mit seiner Antwort und sagte:

„Also am Donnerstagmorgen. Ich rufe dich vom Bahnhof an. Ich komme mit dem Zug. Es ist einfacher. Ein Zimmer besorge ich mir selbst. Du brauchst dich da um nichts zu kümmern.“

Ihm lag es auf der Zunge, zu sagen, dass er das sowieso nicht getan hätte. Aber er schwieg.

Von ihr aus hätte das Gespräch noch länger gedauert. Aber schließlich wies er sie noch einmal darauf hin, dass er Wichtiges zu erledigen habe, verabschiedete sich kühl und knapp und legte auf.

Anschließend schlug er die Hände vors Gesicht und stützte den Kopf auf die Arme. „Schon wieder Linda. Mein Gott, werde ich sie niemals los? Und jetzt auch noch ihr Desaster mit Holzmann. Jetzt kommt sie wieder bei mir an. Wie werde ich sie denn endgültig los?“ Und er musste an die Beurteilung eines Studienkollegen denken, damals, als Linda und er sich gerade kennengelernt hatten. Damals war nicht abzusehen gewesen, dass er sie heiraten würde. Und der Studienkollege hatte Linda mit einem einzigen Satz beurteilt. „Eine Filzlaus, lieber Wieland, die du nie mehr los wirst.“

Er muss recht gehabt haben, dachte Wieland Graf. Er muss wirklich recht gehabt haben ...

 

 

2

Sie trug einen feschen weißen Blouson, darunter ein himmelblaues Hemd und weiße legere Hosen. Ihre Beine steckten in modischen, hellgrauen Stiefeletten. Ihr blondes Haar trug sie offen bis zu den Schultern. Unter dem Arm hatte sie eine College-Mappe geklemmt und ging mit flottem, ausgreifendem Schritt auf das Portal der TANNENHOFKLINIK zu.

Als sie den Park betreten hatte, blieb sie kurz stehen und schaute sich die Gebäude, aber auch den Park selbst an.

Die alten hohen Tannen beeindruckten sie. Das Gebäude wirkte modern und sachlich. Der alte Bau linker Hand verriet etwas von dem einst hochherrschaftlichen Gebäudekomplex, der vor zehn Jahren bis auf diesen alten Bau abgerissen und durch die moderne Klinik ersetzt worden war. Aber alles wirkte gediegen und vermittelte mit seiner Ruhe innerhalb der Mauern etwas von Abgeschiedenheit mitten in einer großen Stadt.

Die Amseln jubilierten in den Zweigen der Tannen, und das Rauschen des Springbrunnens unweit vom Eingang des Hauptgebäudes hatte einen nervenberuhigenden Einfluss auf Doris Fenzing.

Sie ging langsam weiter, und als sie das Haus betrat, war sie verblüfft über das in seiner Modernität doch kostbar wirkende Foyer. Links saß ein grauhaariger bullig wirkender Mann hinter der Glasscheibe der Information. Sie fragte ihn nach Professor Winter, nannte ihren Namen, er telefonierte nach oben, und wenig später sagte er in brummiger Art, sie solle zum ersten Stock hinauf. Linker Hand, am Ende des Flurs läge das Zimmer des Herrn Chefarztes.

Die respektvolle Art, wie er von seinem Chef sprach, bedeutete Doris nichts Neues. So war es an allen Krankenhäusern.

Sie nahm die Treppe und verzichtete auf den Fahrstuhl für eine einzige Etage. Sie begegnete Schwestern, die hier keine Hauben trugen wie in der Klinik, aus der Doris kam. Alle wirkten freundlich und gar nicht abgearbeitet.

Freundlich war überhaupt die ganze Atmosphäre des Hauses, wie Doris fand. Dennoch war sie gespannt auf den Chef. Irgendwie hatte sie die Vorstellung, einen älteren Herrn anzutreffen. Als sie schließlich vor Professor Winter stand, zeigte sie sich ehrlich überrascht. Er war ein Mann Anfang vierzig, sehr gut aussehend, wie sie fand, und, wie sie beiläufig am Ehering feststellte, verheiratet. Nicht, dass dies für sie etwas bedeutet hätte oder er ihr unverheiratet lieber gewesen wäre. Ganz im Gegenteil.

Er empfing sie freundlich, bat sie Platz zu nehmen und sagte:

„Ich werde noch Ihren direkten Vorgesetzten, falls Sie diesen Posten übernehmen sollten, hinzuziehen. Es ist Doktor Wieland Graf, unser Internist im Hause.“

Von ihrem Chef wusste sie, dass Professor Winter einen Ruf mit seiner Klinik, aber auch als hervorragender Gynäkologe hatte. Nur den Mann selbst sah sie nun zum ersten Mal und fand ihn sehr sympathisch. Und schließlich kam Dr. Wieland Graf.

Im ersten Augenblick sah sie nur den Mann in ihm, nicht den Arzt. Ein Mann, der ihr gefiel. Aber das löste in ihr Abwehrreaktionen aus. Sie hatte sich geschworen, nie mehr ein Bündnis mit einem Arzt einzugehen. Das Dilemma, das sie hinter sich hatte, schreckte sie vor allem zurück, was Männer betraf. Sie musste mit ihnen arbeiten, und dazu war sie bereit. Aber darüber hinaus sah sie sich noch nicht dazu imstande. Dass es Dr. Wieland Graf mit den Frauen aus dem gleichen Grunde so erging wie ihr mit den Männern, ahnte sie nicht einmal. Aber es erleichterte sie, dass er sie nur beiläufig musterte, knapp begrüßte und dann auf Winters Aufforderung hin ebenfalls Platz nahm. Sie saßen etwa eine Armlänge auseinander, der Internist und sie, seine zukünftige Sprechstundenhilfe und rechte Hand.

Winter sagte gerade, dass er sie erst einmal unter dem Wust von Bewerbungen ausgesucht habe, um ein Vorstellungsgespräch zu führen. Er habe sich erkundigt und sehr gute Urteile über sie erhalten. Sie werde ihm das hoffentlich nicht übelnehmen.

Wie geistesabwesend schüttelte sie nur den Kopf, hörte nur mit halbem Ohr zu und blickte immer wieder kurz zu Wieland Graf hin. Der wirkte völlig unbeteiligt, hatte die Beine übereinandergeschlagen, wippte mit dem oberen Fuß und wirkte gelangweilt.

Dass er sich so gar nicht für sie interessierte und Winter reden ließ, ohne eine Zwischenbemerkung zu machen oder eine Frage zu stellen, war ihr nur recht.

Schließlich lancierte Winter das Gespräch aber in eine Richtung, wo sich Wieland Graf am Gespräch beteiligen musste, ob er nun wollte oder nicht.

Aber Graf entschied sich, nur sehr wenige das Fach betreffende Fragen zu stellen, und die beantwortete Doris ebenso knapp wie präzise.

Durch eine Bemerkung Winters geriet das Gespräch in eine streng fachliche Bahn. Sie kamen auf einen Fall von Leberzirrhose zu sprechen, und Doris verblüffte beide Ärzte durch erstklassige Fachkenntnisse.

„Donnerwetter“, meinte Winter, „für eine Schwester sind Sie ganz gut im Bilde, finde ich.“

Doris lächelte bescheiden und sagte zu Winter: „Mein geschiedener Mann war Internist. Zwar mit der Fachrichtung Kardiologie. Aber damit hat er eigentlich sehr spät erst begonnen. Vorher ist er mehr allgemeinorientierter Internist gewesen. Und Fälle von Leberzirrhose gehören nun einmal in diese Praxis.“

„Werden auch in Zukunft zu Ihrer Praxis gehören“, sagte Winter. „Umso besser für Sie und die Patienten, wenn Sie so einschlägig fundierte Kenntnisse haben. Ja, mein lieber Herr Graf, gibt es noch Fragen?“ Er wandte sich Dr. Graf zu, und der schüttelte den Kopf.

„Sind Sie also noch weiter interessiert? Oder möchten Sie es erst von einem Rundgang durchs Haus abhängig machen“, fragte Winter.

„Vielleicht ja“, meinte Doris zögernd.

,,Dann werden Sie ihr bitte Ihre Abteilung kurz vorführen, Herr Graf“, schlug Winter vor.

Es war keine normale Schwesterneinstellung. Da hätte man sich diese Mühe vermutlich nicht gemacht. Aber Graf suchte eine rechte Hand, der man also immer absolut vertrauen musste und mit der er engstens zusammenarbeiten wollte. Folglich kam es da auf etwas mehr an als üblich. Und so führte er sie durch seine Abteilung, erklärte ihr sachlich alles, machte keine umschweifenden Worte, blieb konkret beim betreffenden Punkt.

Doris war ihm sehr dankbar dafür. Sie hatte in letzter Zeit einige solcher Gespräche mit Klinikleitern und Abteilungsärzten hinter sich. Die Bewerbung um diese Stelle zwar ihr zwölfter Versuch. Nicht, dass die anderen sie nicht genommen hätten. Im Gegenteil. Sie wollten sie alle haben. Sie war es gewesen, die schließlich ablehnte. Und oft genug hatte es gar nichts mit den betreffenden Kliniken zu tun, sondern in erster Linie mit den in Frage kommenden Ärzten. Der ihr nicht unbekannte Blick von unten nach oben, den Männer beim Betrachten einer Frau oft anwandten, tat ihr beinahe körperlich weh. Sie konnte sich die Gedanken jener Männer vorstellen und wusste, dass das Zusammenarbeiten nicht ohne Probleme bleiben würde. Da hatte sie lieber vorher verzichtet.

Bei Wieland Graf war alles anders. Für ihn, diesen Eindruck hatte sie sofort, schien sie ein absolutes Neutrum zu sein. Ein Wesen, geschlechtslos und unpersönlich. Und genau das hatte sie im Grunde gesucht. Einen Mann, der nicht die Frau in ihr sah, sondern den Mitarbeiter.

Nach dem Rundgang, den Graf hinter sich gebracht hatte wie eine üble Pflicht, gingen sie beide noch einmal zu Professor Winter.

Als sie dann vor ihm saß, schaute er sie gespannt an, und sie sagte lächelnd: „Hier gefällt’s mir. Wenn Sie mich wollen, ich möchte auch.“

Winter lachte und schien sichtlich erleichtert. „Also gut. Und wie sieht es bei Ihnen aus, Herr Graf?“

„Ich bin sehr einverstanden.“

Dieses „sehr“ in seiner Antwort war das erste deutliche Zeichen, dass er Doris nicht ablehnte, sondern sie offenbar akzeptierte. Und als sie ihn daraufhin ansah, lächelte er verstohlen, wurde dann sofort wieder ernst und fügte seinen Worten von eben hinzu:

„Die Voraussetzung wäre natürlich, dass Sie auch die stellvertretende Stationsschwesterrolle übernehmen.“

Nicht Doris, sondern Winter antwortete darauf:

„Mein lieber Herr Graf, das ist Frau Fenzing bekannt. Ich hatte das von vornherein so ausgeschrieben, wenn Sie sich an den Text der Annonce erinnern würden.“

„Ach ja, jetzt fällt es mir ein“, sagte Graf. „Dann ist ja alles klar. Und wann kommen Sie?“

„Den Ersten nächsten Monats. Das ist ein Mittwoch“, sagte Doris, als Graf einen Blick auf den Kalender werfen wollte.

Winter tat es dennoch und nickte bestätigend. „Ja, es ist ein Mittwoch. Wie sieht es denn bei Ihnen mit einer Wohnung aus?“ Er blickte Doris fragend an.

„Das ist ein Problem, das ich schnell gelöst habe. Sie brauchen sich nicht zu bemühen, und ich hatte auch nicht vor, hier im Hause ein Zimmer zu nehmen oder dergleichen.

„Ist auch etwas problematisch. Wir sind knapp an solchen Räumen“, erwiderte Winter. Dann lächelte er und streckte Doris die Hand hin. „Auf gute Zusammenarbeit.“ Er erhob sich gleichzeitig, und sie stand ebenfalls auf. Graf zögerte noch, dann stemmte er sich aus dem Sessel hoch.

Als sie sich dann von ihm verabschiedete, meinte sie einen prüfenden Blick auf sich zu spüren. Der Händedruck von ihm war fest, und er sagte: „Auf gute Zusammenarbeit, Frau Fenzing, oder soll ich schon Schwester Doris sagen? Sie heißen doch Doris, nicht wahr?“

Sie nickte. „Ja. Von mir aus sagen Sie Schwester Doris.“

„Dann sehen wir uns am Ersten früh um acht. Es wäre vielleicht ganz ratsam, wenn Sie hier am Tag vorher noch einmal anrufen, dass alles dabei bleibt. Schließlich müssen wir uns darauf einrichten.“

Sie nickte und versprach es. Dann ging sie.

Sie hatte ein merkwürdiges Gefühl, als sie die Klinik verließ und die Hirschauer Straße in Richtung Stadt entlangging. Sie hätte ein Taxi nehmen und zu ihrer Pension zurückfahren können, aber sie wollte ganz gerne zu Fuß gehen. Beschloss dann, einen Spaziergang durch den Englischen Garten zu machen. Es war herrliches Wetter draußen, und sie hatte Zeit. Zeit den ganzen Tag. Auch die nächsten Tage. Bis zum Monatsende reichte ihr Urlaub. Gekündigt hatte sie ja schon länger. Und irgendwie war sie froh, nicht mehr nach Erlangen zurückzumüssen. Höchstens um ihre Sachen zu holen. Davor graute es ihr. Es bedeutete die Wohnung die gemeinsame Wohnung zu betreten, die sie mit ihrem Mann sechs Jahre geteilt hatte. Sechs Jahre einer Katastrophe, wie sie sich eingestand. Ein Mann, den sie viel zu spät als Ehrgeizling und Weiberheld entdeckt hatte. Aber als es ihr klar wurde, war der Würfel schon gefallen, und sie trug seinen Namen. Seit ihrer Scheidung nannte sie sich wieder Fenzing wie früher als junges Mädchen.

Als sie dann im Englischen Garten war und einen der Wege entlangging, entdeckte sie eine Bank. Sie ließ sich in vollem Sonnenschein darauf nieder, lehnte sich zurück, beugte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Die wärmende Sonne tat ihr wohl. Und zugleich war es ein Platz zum Träumen. Ihr erschien allerdings das, woran sie denken musste, eher wie ein Alptraum. Gedanken an eine Ehe, Gedanken an einen Weiberhelden, der zugleich an nichts mehr dachte als an seine Karriere. Dem jede Form recht war, die ihm helfen konnte, seine Karriere zu beschleunigen.

Eine Zeit lang war es ihr gelungen, ihn wieder fester an sich zu binden und sein Streben einzudämmen, ihn mehr daran zu erinnern, was das Leben schön macht. Doch es hatte nicht lange gedauert. Er betrog sie, wo sich die Gelegenheit dazu bot, und er machte es geschickt. Sie brauchte Jahre, um dahinterzukommen.

Vielleicht bin ich lange Zeit die Einzige gewesen in der ganzen Klinik, die von nichts wusste, die ahnungslos war, während alle anderen über ihn und besonders über mich Bescheid wussten.

Die Gedanken an diese Zeit waren schmerzhaft. Schon dabei regte sich ihr Trotz aufs Neue, ihre Wut. Eine ohnmächtige Wut, wie ihr bewusst geworden war. Spätestens während der ganzen Scheidungsprozedur war sie dahintergekommen, dass ihr Mann sogar diesem Ausgang seiner Ehe vorgebeugt hatte. Vor Gericht spielte er die Rolle eines frustrierten, unverstandenen Ehemannes, dessen kaltherzige, unnahbare Frau ihn geradezu gezwungen hatte, die menschliche Wärme, die ihm seine Frau angeblich nicht geben konnte, bei anderen Frauen zu suchen. Ein Bild des Mitleids. So hatte er auch auf die Richterin gewirkt.

Eine Richterin!, dachte Doris. Eine Frau wie ich. Aber er hatte ihre volle Sympathie. Und mich hat sie jedes Mal angesehen wie eine, der ganz recht geschieht, von einem Mann betrogen zu werden.

Ihr eigener Anwalt war auch kein Ausbund juristischen Könnens gewesen. Sie hatte einfach den ersten besten genommen und musste nun die Konsequenzen tragen. Aber das Einzige, was sie wirklich wollte, war, von ihrem Mann loszukommen und von ihm wegzugehen. Männer, das hatte sie sich geschworen, würden niemals mehr in ihre Intimsphäre gelangen.

Das alles war jetzt zwei Monate her; frisch und kaum vernarbt. Und es tat noch weh. Hier in München wollte sie einen neuen Anfang machen, ein neues Leben beginnen. Ganz von vorn. Mit achtundzwanzig kann man das noch, sagte sie sich. Da ist man jung, so jung, dass ein neuer Anfang lohnt. Und es sollte ein Weg werden, auf dem sie kein Mann begleiten würde.

Dieser Dr. Graf gefiel ihr, weil er eben gar nicht so war, als habe er irgendwelches persönliches Interesse an ihr. Im Gegenteil, da hatte sie viel mehr Sympathie und Interesse bei Winter entdeckt.

Sie wollte sich in den nächsten Tagen um eine Wohnung kümmern. Ein Zimmer in einer Pension am Rande der Stadt hatte sie bereits. Was ihr fehlte, war ein Wagen. Natürlich hatte Dieter den Wagen behalten. Darauf war Doris auch gar nicht scharf. So eine riesige Limousine zu fahren, machte ihr ohnehin keinen Spaß. Der Wagen passte im Übrigen ganz zu Dieters Lebensstil.

Ihr Gedanken schweiften weiter, und sie erinnerte sich an ihre Schwangerschaft. Unmittelbar nach der Geburt starb das Kind. Ein Mädchen. Sie hatte sich so sehr darauf gefreut. Aber auch ein hervorragender Geburtshelfer konnte die Kleine nicht am Leben halten. Was danach kam, war das Bitterste gewesen, was sie in ihrem Leben erfahren hatte. Sie war von Dieter mit Vorwürfen überhäuft worden. Hätte in der Schwangerschaft irgendwelche Fehler gemacht, dass es so weit kommen konnte. Dabei war sie sich nicht nur keiner Schuld bewusst, sondern bekam auch von zwei Gynäkologen bestätigt, dass sie gar nichts mit dem Tod des Kindes zu tun hatte. Dass dies etwas gewesen sei, was kein Arzt voraussagen konnte, und keine Mutter, die das Kind unter dem Herzen trug, zu beeinflussen imstande gewesen wäre. Eine Atemlähmung, die unter zehntausend Geburten einmal vorkommt. Und bei ihr war eben dieses eine Mal. Das Kind zu verlieren, war schon sehr schlimm gewesen. Ein Schock ohnegleichen. Aber dann Dieters Verhalten. Im Grunde war damals das letzte Gefühl in ihr für ihn abgestorben. Danach hatten sich nur noch Jahre der Quälerei angeschlossen, gegenseitiger Vorwürfe, Schikanen, eine Kette von Peinlichkeiten, Streitereien und Hass.

Ich muss mich um die Wohnung kümmern, dachte sie, statt hier herumzusitzen. Aber diese halbe Stunde hat mir gutgetan.

Als sie weiterging und den Englischen Garten durchquerte, versuchte sie sich über die Person Dr. Wieland Grafs klar zu werden. Aber sie kam zu keinem Ergebnis. Professor Winter, den konnte sie sofort einordnen. Er war ihr sympathisch. Ein Mann, mit dem sie gerne zusammengearbeitet hätte. Und wiederum auch nicht. Sie spürte, dass er in ihr auch die Frau sah. Mit Dr. Graf war das anders. Sollte sie sich nun wirklich darüber freuen, dass er sie wie ein Neutrum betrachtete? Ein wenig verletzte es ihre Eitelkeit. Zum anderen aber wirkte es auf sie beruhigend. Von ihm, dachte sie, droht mir nie Gefahr.

In ihr war im tiefsten Innern eine Ahnung, dass sie sich da irrte. Aber sie wollte diese Ahnung nicht wahrhaben. Hörte nicht auf die innere Stimme, die ihr das Gegenteil ihrer Überzeugung signalisierte.

Wenn ich die Wohnung habe, dachte sie, und versuchte sich selbst auf ein anderes Thema zu bringen, werde ich nur noch meine Sachen holen. Und dann ist es vorbei. Vorbei mit Dieter, vorbei mit Erlangen, vorbei mit den trüben Erinnerungen. Hier in München werde ich ganz neu anfangen. Alles wird anders sein. Es wird so sein, wie ich mir noch während unserer letzten Zeit unserer Ehe geschworen habe, dass es sein müsste. Ich werde Tennis spielen, ich werde wieder Rad fahren. Natürlich, ein Rad will ich mir besorgen. Kein Auto. Vielleicht finde ich ein Zimmer irgendwo in der Nähe. Oder eine kleine Wohnung. Eine kleine Wohnung wäre besser. Etwas Geld habe ich ja zum Glück noch. Und was mir Dieter auszahlen wird, hilft noch dabei. Und das Gehalt, das ich in Zukunft verdiene, ist auch höher als in Erlangen. Merkwürdig. Und ich hatte gedacht, das ließe sich niemals steigern.

Sie fand an diesem Tage keine Wohnung. Auch nicht am nächsten. Aber sie nahm sich Zeit. Bis zum Monatsende war noch eine ganze Weile. Sie hoffte, dass es bis dahin klappen würde.

Aber sie brauchte noch eine ganze Woche, um eine Apartment-Wohnung zu finden. Und die war teurer, als von ihr einkalkuliert. Trotzdem griff sie zu. Und am selben Tage noch kaufte sie sich ein Rad. Mit einem Taxi zu fahren, wurde ihr allmählich doch zu teuer.

Die Wohnung lag im vierten Stock eines fünfstöckigen Neubaues. Eine winzige Küche, ein großes Wohnzimmer, ein kleiner Schlafraum, Abstellkammer und ein für diese Verhältnisse recht luxuriöses Bad mit Toilette. Die Wohnung gefiel ihr. Die Aussicht auf eine Bahnlinie war nicht berauschend. Aber dazwischen standen einige Bäume. So gab es doch etwas Grün. Auf der anderen Seite ging die Aussicht auf einen Neubau, der seiner Fertigstellung entgegenging. Auch kein schöner Anblick. Doch auch dort ein paar grüne Flecken. Die Straße war ruhig, und die Bahn störte weiter nicht. Es fuhren da offensichtlich nur sehr wenig Züge.

Sie hatte ein neues Fahrrad erstanden und machte die ersten Probefahrten. Schon von Anfang an bereitete es ihr Spaß, mit dem Rad zu fahren. Sie hatte etwa drei Kilometer bis zur TANNENHOFKLINIK. Kein weiter Weg mit dem Rad, wenn es nicht gerade in Strömen goss. Gegenwärtig war das Wetter herrlich. Und wenn es regnete, so hatte sie beschlossen, würde sie notfalls mit dem Bus fahren. Allerdings bedeutete das einen ziemlichen Umweg. Und ein gutes Stück zu Fuß musste sie trotzdem noch laufen. Aber sie machte sich darüber keine weiteren Gedanken. Wenn alle Stränge reißen, dachte sie, nehme ich ein Taxi.

Den Gedanken, einen Wagen zu kaufen, wies sie von sich. Es kostete am Ende noch viel mehr Geld, und die Parkgelegenheiten waren ohnehin rar. Nein, das Radfahren bekommt mir besser.

Sie hatte noch eine knappe Woche bis zum Monatsende und beschloss, ihre Sachen so schnell wie möglich von Erlangen zu holen und dann die Wohnung einzuräumen. Den Rest ihres Urlaubes wollte sie damit verbringen. In der TANNENHOFKLINIK sagte sie Bescheid, wo man sie jetzt erreichen konnte und nahm nicht an, dass sie vor ihrem Dienstantritt noch etwas von den Leuten dort hörte.

An einem einzigen Tag brachte sie die Sache mit Erlangen hinter sich. Der Spediteur, der ihre wenigen Möbel, die sie mitnehmen wollte, aufgeladen hatte, würde am nächsten Tag damit in München sein. Sie selbst war noch am späten Abend zurück, schlief schon in ihrer neuen Wohnung, in die sie sich ein paar Sachen, die sie nicht von Erlangen bekommen würde, gekauft hatte. Unter anderem auch ein Einzelbett für die doch recht kleine Schlafkammer.

Am nächsten Tage kamen pünktlich früh um neun die Möbel. Es war nicht so viel, dass es lange gedauert hätte, sie heraufzubringen, zumal es einen Fahrstuhl gab.

Das Einräumen ging dann doch schneller als gedacht. Und am Abend beschloss sie, sich selbst mit einem Kinobesuch zu belohnen. Ihr war einfach danach einmal wegzugehen, ganz gleich wohin.

Sie war zu früh, hatte sich aber schon die Kinokarte geholt, ging in eine Eisdiele, aß einen Becher Eis, und danach war immer noch Zeit bis zum Beginn des Films. Sie schlenderte die Straße entlang, sah sich die Auslagen in den Geschäften an, und als sie sich gerade wieder umwandte, um nun doch zum Kino zu gehen, prallte sie beinah mit einem Mann zusammen.

Sie hörte eine gemurmelte Entschuldigung, und da erst erkannte sie ihn.

Es war Dr. Wieland Graf ...

Er hatte die helle Jacke über dem Arm, trug ein weißes Hemd, weiße Hosen, und da es an diesem Sommerabend noch nicht dunkel war, bemerkte sie auch den überraschten Ausdruck in seinem Gesicht.

„Herr Doktor“, sagte sie, „guten Abend. Welch ein Zufall!“

Er hatte sich schnell gefangen, begrüßte sie mit Handschlag, lächelte noch immer verwirrt und meinte dann: „Das trifft sich gut. Eigentlich sehr gut. Haben Sie irgendetwas vor?“

Jetzt geht diese Platte los, dachte sie, nickte und erklärte ihm, dass sie schon eine Karte fürs Kino habe.

„Kino ist sehr gut. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mitkomme?“

Sie hätte ihm am liebsten gesagt, dass sie auf männliche Begleitung keinen Wert lege. Aber sie unterließ es. Ihn schon vor dem Antritt ihres Dienstes in der TANNENHOFKLINIK zu verärgern, hielt sie auch nicht für sehr weise. Also schwieg sie, zuckte nur die Schultern.

„Sehr begeistert sehen Sie nicht aus. Aber Sie könnten mir einen persönlichen Gefallen damit erweisen.“

Er hatte nicht sehr laut gesprochen, und sein Gesicht war dem ihren etwas näher gekommen, als er sprach.

Sie roch den Alkohol.

Er hat getrunken, dachte sie. Na wie finde ich denn das? Und jetzt sucht er ein Mädchen. Aber ich glaube, dass er sich bei mir in der Adresse geirrt hat.

„Wenn Sie noch eine Karte bekommen? Ich kann Sie nicht daran hindern.“

Er ging gar nicht auf ihre Bemerkung ein und fragte: „Wo ist das Kino?“

Sie deutete nach vorn. Wie selbstverständlich ging er neben ihr her. Dann ließ er sie einen Augenblick allein, ging zur Kasse und kam tatsächlich mit einer Karte wieder.

Na ja, dachte sie, volle Kinos sind heutzutage sowieso selten. Und so ein toller Film scheint es auch wieder nicht zu sein.

Schweigend gingen sie ins Kino, schweigend nahmen sie ihren Platz ein, schweigend saßen sie lange nebeneinander. Hinter ihnen war eine ganze Reihe frei; vor ihnen eine halbe. Das Kino war schwach besetzt.

„Wissen Sie“, raunte er ihr zu, „dass ich froh bin, Sie getroffen zu haben?“

„Was Sie nicht sagen“, erwiderte sie abweisend.

Es schien ihn nicht zu stören. „Wissen Sie“, fragte er sie, „wie es ist, wenn Ihnen jemand auf den Fersen ist, den sie am liebsten abschütteln möchten?“

„Ich habe diese Erfahrung noch nicht gemacht. Haben Sie irgendwo eingebrochen?“

„In einem anderen Sinne des Wortes ja. Sagen Sie mal“, meinte er plötzlich, „Sie sind doch auch vor Kurzem erst geschieden worden, nicht wahr?“

Jetzt rührt er schon an meinem Privatleben herum, dachte sie. Aber sie schwieg und nickte nur.

Der Film fing immer noch nicht an. Wenn doch bloß der Film endlich anfinge, dachte sie, damit er aufhört, in meinem Leben herumzustochern. Das hätte er mich doch in Winters Beisein fragen können.

„Ich wurde auch vor Kurzem geschieden. Sie hatte einen anderen. Jetzt hat er ihr den Laufpass gegeben, und sie will wieder zu mir. Meine Ehe war ein Martyrium. Und heute war sie da. Ich bin extra seinerzeit nach München gegangen, um sie loszuwerden.“

Überrascht und interessiert zugleich horchte Doris auf. Das hörte sich ja an, als spräche er über ihr eigenes Leben.

Sie sah ihn verwundert an. „Und jetzt?“, fragte sie.

„Sie wollte unbedingt mit mir reden. Angeblich wichtige Dinge. Ich war mit ihr zusammen essen. Ich habe mich breitschlagen lassen. Eine Katastrophe. Anfangs war sie sehr freundlich. Dann kamen die Vorwürfe. Ich bin einfach weggegangen. Bin irgendwo in der Nähe in eine Kneipe marschiert und habe erst etwas getrunken. Mir war danach. Ich trinke sonst nie. Allzu viel vertrage ich auch nicht. Langer Rede, kurzer Sinn, sie hat mich da aufgespürt. Ich weiß nicht, wie viel Hunderte von Kneipen es in München gibt, aber sie hat mich gefunden. Ich bin wieder weg. Ich musste sie loswerden. Ich konnte sie nicht mehr ertragen, nicht mehr hören. Und jetzt bin ich hier.“

„Und sie weiß nicht, wo Sie wohnen?“

„Natürlich weiß sie das. Ich vermute, dass sie bei mir zu Hause vor der Tür auf der Treppe sitzt und wartet.“

„Klagelied eines gequälten Mannes?“, erkundigte sie sich spöttisch.

„Nein. Ich werde mir irgendwo ein Zimmer nehmen und da schlafen.“

„Soll ich jetzt in Tränen zerfließen vor Rührung?“

„Nein. Ich habe es Ihnen nur erzählt, weil mir zufällig einfiel, dass Sie auch eine Scheidung hinter sich haben. Und das wird wohl nicht geschehen sein, weil Sie sich aus lauter Zuneigung zu Ihrem Mann aufgerieben haben.“

„Vermutlich nicht“, erwiderte sie ablehnend. Sie wollte das Gespräch um keinen Preis fortsetzen, selbst wenn sein Schicksal dem ihren sehr ähnlich sein sollte. Das, was er da tat, war ein Einbruch in ihr Privatleben. Das wollte sie nicht dulden.

Er spürte wohl, was in ihr vorging. „Sie haben recht, es war Blödsinn von mir.“

„Wieso? Habe ich etwas gesagt?“

„Nein, aber gedacht. Und ich habe das gefühlt“, entgegnete er zerknirscht. „Es tut mir wirklich leid. Ich hätte diesen Quatsch gar nicht loslassen sollen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, und manchmal ist es auch mal ein Paket. Ich habe das Gefühl, dass es ein Paket ist, was mich angeht. Möglicherweise schleppen Sie noch viel mehr mit sich herum. Wir wollen nie wieder darüber sprechen. Soll ich jetzt gehen?“

„Nein. Sie haben doch bezahlt. Auf den Film haben Sie immerhin Anspruch.“

„Ich hätte nichts trinken sollen. Alkohol, den man nicht verträgt, löst die Zunge zu schnell. Man redet viel Blödsinn. Mir geht es so. Ich spüre selbst, dass da etwas falsch ist. Aber ich kann nicht allzu viel dagegen tun. Ich komme mir wie ein kleiner Junge vor, der in der Schule eine Arbeit verpatzt hat. Und jetzt möchte ich es loswerden. Natürlich nicht bei Mutter und Vater. Bei irgendwem anderen.“

„Und Sie hoffen auf Trost. Ich bin bloß eine schlechte Trösterin.“

Er schaute sie überrascht an. „Für eine Krankenschwester kein gutes Renommee. Krankenschwestern sollten gute Trösterinnen sein.“

„Zu flapsigen Bemerkungen bin ich nicht aufgelegt“, erklärte sie schroff. Und sie begrüßte es innerlich, dass jetzt das Licht dunkler wurde und sich vorn der Vorhang hob. Der Film fing an.

Neben ihr erhob sich Dr. Graf und rückte ein paar Stühle weiter nach links. Sie tat nichts dergleichen und machte nicht den geringsten Versuch, ihn zurückzuhalten.

Aber sie dachte: Das kann ja heiter werden. Wenn es so schon anfängt. Ein schlechter Start für ein neues Leben. Und schließlich gehört auch der Beruf dazu. Vielleicht ist er jetzt stocksauer auf mich und wird es mich spüren lassen. Warum bin ich nicht netter zu ihm gewesen? Das kostet doch nichts.

Nach dem Vorfilm kam eine kurze Pause. Sie blickte zu ihm, der ein paar Plätze entfernt saß, hinüber, und er erwiderte ihren Blick. Dann lächelte er und kam zu ihr zurück, setzte sich wieder neben sie, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und murmelte: „Ich bin wirklich ein totaler Narr. In mir ist das nackte Chaos. Na ja, Schwamm drüber. Vergessen Sie, was ich Ihnen da geboten habe. Sehen wir uns am Ersten?“

„Ja“, sagte sie eine Spur freundlicher. „Und ich hoffe nicht, dass Sie mir nachtragen, wie unfreundlich ich Sie behandelt habe.“

„Ach Quatsch. Bei so viel Blödsinn, wie ich zusammengeredet habe, konnte ich keine andere Behandlung verdienen. Im Gegenteil. Sie sind noch sehr gnädig gewesen. Haben Sie übrigens eine Ahnung, was für einen Film wir gleich sehen werden?“

„Lassen wir uns doch überraschen.“

Der Film war das Letzte. Noch während er lief, machte Dr. Graf den Vorschlag, doch das Kino zu verlassen und stattdessen irgendwo in einem Lokal Versöhnung zu feiern und dann nach Hause zu fahren.

Mit seinem Vorschlag das Kino zu verlassen, war sie einverstanden. Aber sie wollte in kein Lokal mehr. Sie gingen noch ein Stück nebeneinander her, betrachteten Schaufenster, sprachen Belangloses. Dann trennten sie sich.

Als sie später in ihrer Wohnung über das nachdachte, was sie da eben erlebt hatte, kam es ihr verrückt vor. Aber nicht lustig. Was ist das nur für ein Mann, dachte sie? Seine Bemerkung, in ihm sei das nackte Chaos, traf offenbar zu. Sollte sie nun Mitleid mit ihm haben? Regte sich in ihr der Beschützerinstinkt?

Sie versuchte, das alles abzuschütteln. Nur keine spezielle Sympathie für einen Mann. So fängt wieder etwas an, was nicht anfangen darf. Was ich nicht will, dass es erneut anfängt. Ich möchte es nicht. Kein Gedanke mehr an ihn! Soll er mit sich selbst fertigwerden. Ich muss das auch. Und bin in einer sehr ähnlichen Lage wie er. Warum klammert er sich an eine Frau?

Sie fürchtete, am nächsten Tag wieder von ihm zu hören. Und wenn es nur irgendeine läppische Entschuldigung war. Aber nichts dergleichen geschah. Sie hörte nichts an diesem Tag, auch nichts am nächsten. Und dann war die Woche vorbei. Morgen in aller Frühe musste sie aufstehen, begann wieder der Dienst. Sie war gespannt darauf, was für ein Dienst das sein würde. Und sie war gespannt auf Dr. Wieland Graf.

 

 

3

Als sie dann am nächsten Morgen schon im weißen Kittel und innerlich schon ganz auf ihre Aufgabe konzentriert vor ihm stand, war sie verwundert. Das war nicht der nach Alkohol riechende redselige und irgendwie seelisch erschütterte Mann von neulich. Dieser Dr. Wieland Graf wirkte souverän, absolut selbstsicher und so aseptisch, dass sie in ihm eine Verkörperung des Kliniklebens schlechthin sah.

Seine Anweisungen kamen knapp und gestochen scharf. Er machte sie mit der Stationsschwester Silke bekannt, einer Frau von zweiunddreißig Jahren, mittelblond und von kessem Wesen.

Doris, die eher zurückhaltend war, als dass sie auf die Leute zuging, entdeckte in Schwester Silke eine zweite Oberschwester Hilde, nur als jüngere Ausgabe und von hübscherem Äußeren. Aber im Grunde war Schwester Silke ein ebensolcher Trampel, als den Doris die Oberschwester ansah. Herzerfrischend zwar, aber auf den Nerv gehend. Und vor allen Dingen laut und schrill. Eigenschaften, die Doris nicht besonders schätzte.

Aber dann kam die Sprechstunde ab neun. Das war der Augenblick, wo sie es wirklich in erster Linie mit Dr. Graf zu tun hatte.

Ein paar Hinweise, ein paar Tipps, die ihr die Vorgängerin, eine jüngere Schwester gab. Alle diese Hinweise und Tipps wurden dann von Dr. Graf wieder über den Haufen geworfen, in dem er später, als die jüngere Schwester weg war, zu Doris sagte:

„Also alles, was hier früher gelaufen ist, ist totaler Käse. Machen Sie das so, wie Sie das in Erlangen getan haben. Und wenn mir etwas nicht passt, werde ich Ihnen das sagen. Und jetzt rein mit dem ersten Patienten!“

Die Zusammenarbeit mit Dr. Graf ließ sich besser an, als von Doris erhofft. Er blieb sachlich, sprach nur über das Wesentlichste mit ihr. Und immer waren es medizinische Dinge oder auf die Person des Patienten bezogene. Zu privaten Bemerkungen kam es gar nicht. Und je weiter die Zeit fortschritt, umso märchenhafter kam ihr das vor, was sie mit ein und demselben Mann anlässlich des Kinobesuches erlebt hatte. Unvorstellbar, dass es dieser Mann gewesen war und nicht irgendein wildfremder anderer.

Aber er war es, und daran gab es keinen Zweifel. Doch er ließ sich nichts, aber auch gar nichts davon anmerken, dass auch ihm dieses Erlebnis noch im Kopf herumspukte.

Kurz nach zwei war endlich der Massenandrang in die Sprechstunde vorbei. Die letzte Patientin war gegangen, und Doris steckte deren Karteikarte ins Fach zurück.

Es gab noch ein paar Dinge aufzuräumen. Sie tat es, und war in dieser Zeit mit Dr. Graf zum ersten Male an diesem Vormittag längere Zeit in einem Raum zusammen. Er saß am Schreibtisch und schrieb.

Details

Seiten
120
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930337
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494446
Schlagworte
florian winter band internist

Autor

Zurück

Titel: Dr. Florian Winter Band 16: Der Internist