Lade Inhalt...

Treue in tiefster Not

2019 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Treue in tiefster Not

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

Treue in tiefster Not

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

 

Was konnte hier schon Aufregendes passieren?, denkt der junge Kommissar Jürgen Collin, den man nach Billach, eine Kleinstadt, versetzt hat. Missmutig tritt er seinen Dienst an. Doch gleich am ersten Tag begegnet er einer jungen Frau, die ihn sofort in den Bann zieht. Er erfährt, dass sie Julie Stern heißt und in der weißen Villa lebt – allein, seit acht Jahren – und niemand kennt den Grund. Collin setzt alles daran, ihr Geheimnis zu lüften und gerät dabei in große Gefahr …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Jürgen Collin befrachtete missmutig sein Spiegelbild. Seine Krawatte lag, wie sie liegen musste, und trotzdem zerrten seine Finger daran herum. Die dunklen Augenbrauen waren zu einem Strich zusammengezogen und gaben dem Gesicht einen finsteren Ausdruck. Es war so gar nicht seine Art, ärgerlich über irgendetwas zu sein. Im Gegenteil, er hatte ein heiteres Naturell und besaß sehr viel Humor. Aber konnte man nicht aus der Haut fahren? Er durfte nicht daran denken, sonst war es mit seinem Gleichmut vorbei. Weiß der Teufel, wie lange er in diesem Städtchen bleiben musste.

Er ging zum Fenster und schob die Gardine ein wenig zur Seite. Ein richtiges Kleinstadtidyll zeichnete sich vor seinen Augen ab. Was konnte hier schon Aufregendes passieren? Verächtlich drehte er sich wieder um und zog die Jacke an.

Vielleicht hatte man ihm damit einen Streich spielen wollen? Die Versetzung!

Jürgen Collin, Spross einer angesehenen Kaufmannsfamilie in der Kreisstadt, war nicht in die Fußstapfen seines Vaters getreten, sondern hatte den Beruf eines Kriminalbeamten gewählt. Er hatte keine Lust verspürt, den ganzen Tag über Rechnungen zu hocken und sich mit Vertretern und wer weiß wem herumzuschlagen. Sein Vater war anfangs entschieden dagegen gewesen, aber Jürgen hatte beharrlich weitergemacht, mit dem Resultat, dass er vor einem Monat sämtliche Prüfungen mit Auszeichnung bestanden hatte. Würde man ihm jetzt nicht einen verantwortungsvollen, aufregenden Posten geben? Ja, er war Optimist und hatte das tatsächlich gedacht. Erst später hatten ihn seine Kollegen dahingehend aufgeklärt, dass man auch in diesem Beruf ganz klein anfangen musste. Und so befand er sich seit gestern in dieser kleinen Stadt, um seinen Dienst anzutreten.

„Mist“, knurrte er vor sich hin und warf die Schranktür mit einem lauten Knall zu.

Aber was sollte es? Er musste jetzt wohl gehen, wenn er sich nicht schon am ersten Tag verspäten wollte. Drei Straßen weiter lag das kleine Polizeigebäude.

Als er den Raum betrat, der ab heute sein Dienstzimmer sein würde, stand ächzend und hustend ein älterer Beamter auf und begrüßte ihn.

„Sie sind also Herr Collin? Man hat Sie schon angemeldet. Gestern bekam ich die Nachricht, dass Sie mich hier ablösen werden.“

„Ja, ich melde mich hiermit zur Stelle“, sagte Jürgen resigniert, und seine Stirn hatte Unmutsfalten.

„Na, na, nicht gleich so sauertöpfisch, mein Junge. Sie werden noch genug erleben, keine Bange, vielleicht viel zu viel. Und passen Sie auf, wenn Sie erst mal so alt geworden sind wie ich, dann werden Sie froh sein, einen so ruhigen Stuhl zu erwischen. Übrigens, mein Name ist Honda, Hauptkommissar.“

Jürgen dachte sich sein Leben ganz anders, sagte es aber nicht. Was sollte der fremde Mann auch damit anfangen.

„Sie beenden heute Ihren Dienst, Herr Honda?“

„Ja, sozusagen bin ich schon pensioniert, aber ich habe weitergemacht, bis ich alles erledigt hatte. Und dann wartete ich auf meine Ablösung.“

„Danke“, sagte Collin und blickte sich gleichzeitig in dem Zimmer um. Es machte einen sehr freundlichen Eindruck. Ihm unterstanden zwanzig Polizisten, und falls etwas Größeres vorfallen würde, was er allein nicht bewältigen konnte, konnte er sich jederzeit Verstärkung aus der Kreisstadt holen.

„Liegt irgendetwas Wichtiges vor, Herr Honda?“

„Nichts Dringendes, ich habe aber alles aufgeschrieben. Einige Kleinigkeiten, die noch erledigt werden müssen. Bin nicht mehr dazu gekommen. Aber Sie sind ja frisch von der Schule, da brauche ich Ihnen nichts mehr zu sagen. Sie werden sich wohl zurechtfinden, hoffe ich.“

Collin lächelte schief. Honda sah es und lachte auf. Der alte Mann erinnerte Jürgen ein wenig an seinen Vater, aber nur einen kurzen Augenblick. Wann hatte sein Vater jemals so gemütlich ausgesehen? Immer in Hetze und Unruhe. Er seufzte leise.

„Kommen Sie, Herr Collin, sofort brauchen Sie sich nicht auf die Arbeit zu stürzen. Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen Ihr Revier zeige? Oder kennen Sie Billach schon?“

„Nein, ich bin erst gestern Abend hier angekommen und habe gleich meine kleine Wohnung bezogen. Darüber verging so viel Zeit, dass ich gleich schlafen ging.“

„Na, dann wollen wir mal. Ist ja schönes Frühlingswetter. Bin nie fürs Stubenhocken gewesen. Und noch eins, Kopf hoch, junger Mann, ewig werden Sie nicht hierbleiben. Sie müssen sich erst mal bewähren.“

„Wirklich nicht? Ihre Worte sind Balsam für meine Seele, man bekommt direkt wieder Mut. Dann kann ich dies also nur als Absprungbasis sehen?“

„Das wiederum auch nicht. Aber Sie werden schon selbst herausfinden, worauf unser Beruf wirklich aufgebaut ist. Und täuschen Sie sich nicht, auch eine Kleinstadt kann es in sich haben. Man muss die Augen offen halten in unserer heutigen Zeit.“

Die beiden Männer betraten plaudernd die Straße. Es war wirklich sehr warm, so dass sie die Mäntel zurückließen. Honda wurde von den Einwohnern der Stadt herzlich gegrüßt. Man kannte ihn, so wie sich jeder hier kannte. Traf man sich denn nicht jeden Tag auf dem Wege zur Arbeit oder in den Geschäften?

Sie durchwanderten die breit angelegte Geschäftsstraße, vorbei an Banken und Schulen, Kirchen und was es so alles in einer Kleinstadt gab. Sie besaßen sogar ein Krankenhaus. Ein hübsches, niedliches Städtchen in Jürgens Augen. Er war von Kind an an die Großstadt gewöhnt gewesen.

Honda pustete ordentlich, als er hinter seinem jüngeren Kollegen herlief. Es war nicht so einfach, Schritt mit ihm zu halten. Sie durchwanderten die Promenade. Es war ein schön angelegter Grüngürtel, der sich ganz um die Stadt zog. Nur Fußgänger durften sie betreten. Jürgen sah, wie an den Bäumen schon die Knospen aufbrachen, und die Sonne malte gelbe Kringel vor ihren Füßen. Das alles hatte er im Getriebe der Großstadt nicht wahrgenommen. Daheim kam der Frühling immer später, oder man übersah ihn einfach.

„Werden Sie sich nicht langweilen, wenn Sie jetzt aufhören müssen, Herr Honda? Tut es Ihnen leid, ich meine der Abgang vom Dienst nach all den arbeitsreichen Jahren?“

„Iwo, ganz und gar nicht, ich habe schon dafür alles vorbereitet“, erklärte Honda. „Daheim habe ich so viel zu tun; wissen Sie, ich habe diesen Tag eigentlich herbeigesehnt. Ich habe einen schönen Rosengarten und züchte auch eine besondere Art Kaninchen. Wenn Sie Zeit und Lust haben, müssen Sie sich das alles mal ansehen. Es ist sozusagen mein Hobby, und jetzt werde ich mich den ganzen Tag damit beschäftigen, brauche also nicht mehr hinter Gangstern her zu sein.“

Jürgen sagte: „Seltsam, das Leben auf dem Lande scheint noch immer friedvoller zu verlaufen. In der Stadt haben sie alle vor der Pensionierung Angst. Sie zittern buchstäblich vor diesem Tag, das habe ich nun schon öfters erlebt. Sie wissen dann einfach nicht, wie sie die Tage ausfüllen sollen.“

„Für Sie, Herr Collin, liegt das ja alles noch in weiter Ferne. Aber manchmal kann es schon tragisch sein, ich weiß.“

Plötzlich blieb Jürgen wie angewurzelt mitten auf der Promenade stehen. Honda wandte sich, um zu sehen, was es gab. Als er es dann wusste, lächelte er versteckt. Der Jüngere hatte in diesem Augenblick ein Mädchen entdeckt. Ein Mädchen, wie es hier eigentlich gar nicht geben sollte. Er hielt den Atem an und starrte sie aus weit aufgerissenen Augen an. Aber das holde Wesen schien es gar nicht zu bemerken. Sie ging unbefangen weiter, so, als sei er aus Luft. Sie war groß und gazellenschlank, mit leuchtend blonden Haaren und fast violetten Augen. Ein geheimnisvoller Schleier schien über dem Geschöpf zu liegen. Ein rotes Band hielt die Haarfülle zusammen. Sie trug ein weißes Wollkleid mit einem dazu passenden roten Gürtel. Jürgen hatte das Gefühl, als schreite sie wie ein holdselig lächelnder Engel dahin.

Verdammt, sie musste doch wissen, wie sie auf Männer wirkte. Aber sie schien für nichts Augen zu haben. Schlafwandlerisch schritt sie weiter, und kurze Zeit später war sie im Straßengewühl untergetaucht. Wenn er jetzt allein gewesen wäre, hätte er sie verfolgt, um zu erfahren, wo sie wohnte. Sein Herz pochte stürmisch in seiner Brust. Einen kurzen Augenblick dachte er an Eve, aber sie hatten sich so zerstritten, dass eine Versöhnung gar nicht mehr in Frage kam. Auch sie war ihm böse, dass er diesen Beruf und nicht das Geschäft des Vater gewählt hatte.

Schon wollte er sich umwenden und der Spur folgen, als er sich im letzten Augenblick wieder an Honda erinnerte. Mit einem halben Lächeln wandte er sich nach dem Gefährten um.

„Entschuldigen Sie, was sagten Sie eben, Herr Honda?“

„Ich habe gar nichts gesagt, mein Junge“, sagte er lächelnd.

„So, so, ich dachte, ich hätte etwas gehört.“

Stumm schritten sie weiter.

 

 

2

Das Schweigen hielt noch eine Weile an, dann hielt es Jürgen nicht mehr aus und er platzte hervor: „Wer ist das Mädchen, Herr Honda?“

Der alte Mann hatte gewusst, dass diese Frage nun kommen würde. Viele hatten ihn schon nach diesem Mädchen gefragt. Aber noch keiner so eindringlich wie Collin. War auch er berührt worden von dem seltsamen Zauber, der von dem Mädchen ausging? Mit ernster Stimme sagte er: „Sehen Sie, Collin, das ist auch so eine Geschichte für sich. Ein Schicksal vielleicht, man weiß es nicht.“

„Wieso, was meinen Sie überhaupt?“

„Dasselbe wie Sie, mein Lieber.“

„Ich meine aber das junge Mädchen, das eben an uns vorbeigegangen ist, Herr Honda.“

Sie hatten in diesem Augenblick das Ende der Allee erreicht und erklommen einen kleinen Sandhügel. Vor ihnen lag die Stadt und dahinter begannen die Felder und Wälder der Bauern. Wie ein graues Band zog sich die Landstraße hindurch. Die Autos wirkten wie kleine, kriechende Käfer aus dieser Entfernung. „Was ist mit ihr?“

„Eigentlich viel, oder ich will mal sagen, wir wissen es alle nicht.“

„Wie heißt sie? Oder können Sie mir das nicht sagen?“

„Natürlich kann ich, sie heißt Julie Stern, und schauen Sie mal dorthin, da hinten, sehen Sie den kleinen Abhang, und sehen Sie auch die weiße Villa?“

Jürgen sah in die angegebene Richtung.

„Sie blendet so, ich meine die Sonne. Ein Glitzern liegt auf dem Haus.“

„Ja, von hier aus kann man es deutlich sehen, wenn die Sonne die weißen Marmorsäulen anstrahlt. Sie stehen vor dem Eingang.“

„Was hat das alles mit Julie Stern zu schaffen?“ Er wurde ungeduldig.

„Sie wohnt dort.“

„Mit ihren Eltern selbstverständlich“, gab er zurück.

„Nein, nein, Julie lebt dort ganz allein.“

„Waaas?“ Jürgen verstummte und blickte wieder zu dem Haus. Es schien sehr groß zu sein, herrschaftlich schön.

„Warum? Ich meine, wie lange lebt sie dort schon?“

„Über acht Jahre.“

„Stammt sie von hier, ich meine von Billach?“

„Nein, eines Tages kam sie bei Nacht und Nebel, und seither wohnt sie dort. Mutterseelenallein.“

Jürgen biss sich auf die Lippen.

„Und dann noch eins, da wir schon gerade heute darüber sprechen. Sie werden es ja noch erfahren.“

„Was?“

„Ein Geheimnis scheint über dem Haus zu liegen.“

Jürgen sah ihn befremdet an.

„Und das glauben Sie auch, Herr Honda? Ich meine, ist es nicht nur Aberglaube alter Weiber?“

Der alte Mann war ernster, als er vielleicht vorgehabt hatte. Seit Julie hier wohnte, war sie ihm ein Rätsel geblieben. Er hatte es nicht lösen können.

„Vielleicht haben Sie recht, aber es ist doch ein seltsames Ding, wenn ein so schönes und junges Mädchen - sie ist erst 28 Jahre alt - so allein in dem riesigen Haus dort drüben lebt. Niemand kommt zu Besuch zur weißen Villa, wie sie im Volksmund heißt. Und dann noch, niemand darf das Grundstück betreten. Es ist von einer hohen Mauer umgeben. Nur ein schmiedeeisernes Tor lässt den Zugang zu. Besorgungen macht sie allein und die Arbeiten im Haus auch. Noch keiner hat die Villa von innen gesehen.“

Jürgen Collin war eigenartig von dieser Erzählung berührt worden. Er konnte das nicht verstehen. Warum vergrub sich ein so wunderschönes Mädchen in der Einsamkeit? Und das schon über acht Jahre lang? Seltsam.

Von der Landstraße führte ein schmaler Weg zu dem schlossähnlichen Anwesen. Jürgen sah eine kleine Bewegung auf dem gelben Weg. Er zeigte sie Honda.

„Das ist Julies Sportwagen. Wir haben sie doch eben hier gesehen. Sie hat mal wieder Besorgungen gemacht und fährt jetzt heim.“

„Wie ist sie? Haben Sie schon mit ihr gesprochen?“

„Natürlich, sie ist das netteste und liebste Mädchen, das man sich nur denken kann. Sehr hilfsbereit und äußerst liebenswürdig, sehr klug und belesen ist sie. So gar nicht verschüchtert und überhaupt nicht jungfernhaft, wenn Sie das vielleicht meinen.“

Jürgen wusste nichts darauf zu antworten.

Honda ging den Hügel herunter und stieß einen kleinen Stein vor sich her. Der Wagen des Mädchens war verschwunden. Nachdenklich ging Jürgen den Weg zurück. Also war dieses Städtchen gar nicht so harmlos, wie er am Morgen gedacht hatte. Es barg auch seine Geheimnisse. Julie Stern! Ein Name, der wie Musik klang. Wenn er die Augen schloss, sah er das lichte Mädchen wieder vor sich.

„Vielleicht vergräbt sie sich aus Liebeskummer?“

Honda hob den Kopf und lächelte.

„Ach nein, das glaube ich wiederum nicht. Aber kommen Sie, es läutet vom Turm, Mittagszeit. Haben Sie Lust, mit mir im Ratskeller zu speisen? Meine Frau ist heute in die Kreisstadt gefahren, und da bekomme ich zu Hause nichts.“

Er schloss sich also dem älteren Kollegen an. Eigentlich war er ihm dankbar, denn so fühlte er sich nicht so fehl am Platze und lernte Land und Leute kennen. Honda machte ihn später auch noch mit dem Bürgermeister bekannt, und dann endlich war er wieder auf sich allein angewiesen.

Sie verabschiedeten sich auf der Hauptstraße. Honda kehrte in sein Häuschen zurück. Collin hatte ihm versprochen, sich einmal seine Kaninchen anzusehen. Früher, als kleiner Junge, habe er auch welche gehabt. Dann drehte er sich um und ging zur Polizeistation zurück. Nun war er ganz auf sich gestellt. Er nahm sich vor, das Beste aus der Situation zu machen.

Auf dem Wege stellte er fest, dass er die ganze Zeit an Julie Stern dachte.

 

 

3

Der Staub legte sich nur zögernd. Kurz vor dem großen Bronzetor stoppte Julie den Wagen, stieg aus und drückte auf einen Knopf in der Mauer. Kurze Zeit später schwang das Tor zur Seite und sie konnte ungehindert einfahren. Hinter ihr schloss es sich wieder lautlos. Der Kies spritzte auf, während sie die lange Auffahrt hinauffuhr, vorbei an dem wunderschönen Rosengarten, den breiten Grünflächen; dann lag das Haus mit den weißen Marmorsäulen vor ihren Blicken.

Julie öffnete den Kofferraum des roten Sportwagens, belud sich mit Paketen und Tüten und trug sie ins Haus. Anschließend brachte sie den Wagen in die Garage und ging zu Fuß in das Haus zurück. Dämmrige Kühle lag in der breiten Diele. Sie hatte einen Marmorboden; darüber lagen kostbare Teppiche und wertvolle Möbel standen an den Wänden. Geschnitzte Türen zweigten nach allen Seiten ab. Das Gartenzimmer lag sonnendurchflutet da. Sie betrat es, und für einen kurzen Augenblick musste sie vor dieser Helligkeit die Augen schließen. Der Frühling kam mit Macht. Noch nie war es so früh schon so warm und heiter draußen gewesen. Julie liebte diese kosenden Sonnenstrahlen über alles.

Das ganze Haus war sehr kostbar eingerichtet. In einigen Zimmern standen sogar seltsame Gegenstände aus dem Fernen Osten und Australien. Ein seltsamer Zauber lag über dem Haus. Nur die absolute Stille erdrückte sie mitunter.

Mit der schmalen, durchsichtigen Hand schob sie die Gardine zur Seite, dann verließ sie das Zimmer wieder, ging in die modern eingerichtete Küche und bereitete die Kaffeetafel vor. Während das Wasser zu sieden begann, deckte sie vor dem Fenster im Gartenzimmer den Tisch. Wie traumverloren stand sie da und schob hie und da etwas an den rechten Platz. Kein Lächeln verschönte die edlen Züge. Manchmal hob das Mädchen wie lauschend den Kopf. Doch dann wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu. Der Kessel begann zu singen, und sie lief in die Küche zurück.

Auf dem Bord türmten sich noch immer die Pakete, die sie aus der Stadt mitgebracht hatte. Einige fehlten schon davon. Jemand hatte sie fortgenommen. Nachher wollte sie alles an Ort und Stelle bringen. Noch immer hörte sie nichts, Sie stellte den Kaffee auf den Tisch und stand wartend am Fenster. Sie hob die Hand und drückte sie an ihre Schläfen. Es pochte und hämmerte wie wild dahinter. Ihre Augen waren dunkel und traurig, so unendlich traurig.

Seitlich an der Wand hing ein riesiges Bild. Es handelte sich um eine große Farbaufnahme. Unwillkürlich suchten ihre Augen den Blick des Mannes. Er musste sehr jung gewesen sein, als man diese Aufnahme gemacht hatte. Blonde wirre Haare, die blauen übermütigen Augen, das herzliche Lächeln. Es war so fröhlich und heiter, man wurde eingefangen und vergaß um sich herum einfach alles. Der junge Mann stand unter einer Palme, im weißen Tropenanzug, in der Hand den Tropenhelm.

Julies Fingerknöchel traten weiß hervor, so sehr umkrampfte ihre Hand die Stuhllehne. Leise stöhnte sie auf und jeder Blutstropfen wich aus ihrem Gesicht. Jeden Tag nahm sie sich vor. es nicht mehr anzusehen, und doch, und doch!

Ein Geräusch an der Tür schreckte sie auf. Sie wandte sich um und lächeln hilflos.

„Der Kaffee ist fertig, seit einer halben Stunde bin ich schon aus der Stadt zurück.“

Eine seltsame Gestalt stand in de: Tür. Sie trug einen schwarzen, weiten Umhang mit einer Kapuze. Und diese Kapuze verdeckte das ganze Gesicht. Man sah nichts, gar nichts. Nur der schwarze Schatten füllte den Türrahmen aus. Langsam begann er sich jetzt zu bewegen, schleppend, müde, schlurfend.

Julie begann zu sprechen, mechanisch und ein wenig müde. Sie erzählte, was sie in der Stadt gesehen hatte. Aber war es nicht immer dasselbe? Dieselben Menschen, Geschäfte, Dinge, die sie tat? Immer würde es so sein, nie sich etwas ändern.

Ihre Hände zitterten ganz leicht, als sie den Kaffee einschenkte. Er war sehr heiß und dampfte in den Tassen. Sie bediente sich und den dunklen Umhang, ohne die Augen zu heben. Sie hob dann die zerbrechliche Tasse mit beiden Händen. Die Wärme tat ihr wohl, von innen kam die Kälte, nicht von draußen. Sie fror immer, schon so lange. Für ein paar Minuten schloss sie die Augen. Sie dachte zurück an den Tag in der Stadt.

Nein, es war nicht alles so wie immer. Gewiss, sie hatte eingekauft und man war freundlich und nett zu ihr. Die bohrenden Fragen stellte man ihr nicht mehr. Sie hatten sich an ihr Schweigen gewöhnt. Aber was war es dann, das sie gefangen hielt. sie zaudern machte? Was? Und dann erinnerte sie sich wieder an die kurze Begegnung auf der Promenade. Ein Mann!

Sie nahm einen kleinen Schluck Kaffee, bediente sich mit Gebäck und grübelte weiter. Der Schatten neben ihr war weiterhin stumm und starr. Auch dieser fremde Mann war starr gewesen, aber über ihre Erscheinung. Sie hatte es ganz deutlich gesehen. Ihr Herz hatte wie wild zu schlagen angefangen. Für einen kurzen Augenblick hatte die Furcht sie angesprungen, er würde sie verfolgen. Aber dann hatte sie aufatmend gesehen, dass er mit dem Kommissar weitergegangen war. Ihr Weg aus der Stadt hatte fast wie eine kleine Flucht ausgesehen. Das war ihr schon lange nicht mehr passiert. Sie musste sich vorsehen, das durfte nicht mehr geschehen. Ihr ganzes Kartenhaus würde sonst darüber zusammenbrechen.

Eine abgezehrte Hand legte sich auf ihren Arm. Sie spürte den leichten Druck und öffnete die Augen. Ein Lächeln stahl sich um ihre Lippen.

„Verzeih, dass ich so vergesslich bin! Möchtest du noch Kaffee?“

Die Kapuze nickte. Julie goss nach und blickte dann auf und direkt in die Augen ihres Gegenübers. Sie las die Frage darin und errötete gleich. Es war nicht nur eine Frage, sondern auch Angst und Besorgnis, die sie daraus entnehmen konnte. Hastig sprach sie plötzlich weiter: „Nein, ich bin nicht krank, wirklich nicht. Ich glaube, das macht der Frühling. Ja, man sitzt herum und starrt in den Sonnenschein. Vielleicht, weil man ihn so lange entbehren musste. Ja, das wird es wohl sein.“ Sie belog sich selbst, aber das wusste nur ihr Herz. Nach einer Weile sagte sie: „Ich muss jetzt gehen, ich habe noch eine Menge zu tun, weißt du!“

Wiederum nur ein Nicken. Doch als sie aufstehen wollte, wurde sie von einer schnellen Bewegung überrascht, mit der sie nicht gerechnet hatte. Die unheimliche Gestalt war aufgesprungen, hatte den Tisch zur Seite gestoßen und sich vor ihren Füßen zu Boden geworfen. Die Hände umklammerten das Mädchen. Die Schultern unter dem dunklen Tuch zuckten und bebten. Julie blieb wie erstarrt sitzen. Der Klumpen, der bis jetzt auf ihrem Herzen gelegen hatte, löste sich und alles in ihr war wieder wie sonst. Sie streichelte die Schultern, lächelte unter Tränen.

„Bitte nicht, nie sollst du vor mir knien. Bitte steh wieder auf!“

Das Beben verstärkte sich, noch angstvoller klammerten sich die Hände um ihre Gestalt.

„Ich gehe niemals fort, hörst du, niemals. Warum hast du immer Angst? Warum? Immer wenn ich aus der Stadt komme, hast du Angst! Ich werde bleiben.“

Ihre Worte schienen Balsam zu sein. Sie hörte nur noch vereinzelte Schluchzer, dann waren auch diese verstummt. Es war so grausam, und Julie brach fast das Herz.

Kurze Zeit später war sie wieder allein. Der dunkle Schatten war verschwunden. Sie und die Stille und ihr Herz und ihre Gedanken! Wie lange werde ich das noch aushalten? Wie lange ertragen?, schrie eine innere Stimme. Die Lippen blieben stumm.

Langsam senkte sich die Dunkelheit auf das Haus. Nach dem einfachen Abendmahl saß sie noch ein wenig vor ihrem Flügel und spielte. Das tat sie jeden Abend, bevor sie schlafen ging. Aber heute fand sie auch im Spiel keinen Trost. Sie löschte die Lampen und betrat ihr luxuriös eingerichtetes Schlafgemach. Der Mond stand groß am Himmel. Sie öffnete die Fenster ganz weit. Da hinten war die Mauer, die das Grundstück umgab. Eine Gefangene im Luxus!

 

 

4

Vierzehn Tage später traf Jürgen Julie wieder. Und im gleichen Augenblick, als er das Mädchen sah, wurde ihm bewusst, dass er die ganze Zeit ununterbrochen an sie gedacht hatte.

In einem Pelzgeschäft war eingebrochen worden, und am Morgen stand der junge Kommissar in dem Geschäft und unterhielt sich mit dem Eigentümer. Er brauchte noch einige Informationen, vor allen Dingen die genaue Aufstellung, was gestohlen worden war und vielleicht, sofern dieses möglich war, einige Aufnahmen der wertvollen Pelzmäntel. Sie standen in der Nähe der großen Schaufenster. Jürgen sah auf die Straße und gewahrte Julie, wie sie vor den Auslagen stand. Sie und keine andere musste es sein. Er brach die Unterhaltung ab, da er alles erfahren hatte, und verließ das Geschäft. Julie war verschwunden, und Enttäuschung malte sich auf seinem Gesicht ab. Aber so schnell gab er nicht auf. Ein paar Straßen weiter sah er ihren roten Sportwagen.

Warum wartete er eigentlich auf dieses Mädchen? Liebte er sie? Das war doch ein Ding der Unmöglichkeit. Bis jetzt hatte er noch kein einziges Wort mit ihr gewechselt. Wahrscheinlich war es nur ihre außergewöhnliche Schönheit, die ihn so sehr anzog.

Und da kam sie auch schon. Ein sagenhaftes Glück wurde ihm in diesem Augenblick zuteil. Er hatte sich schon überlegt, wie er sie ansprechen konnte, als eine der gefüllten Papiertüten riss und die Dosen und Schachteln auf den Bürgersteig kullerten. Sie war im ersten Augenblick ganz erschrocken. Da war er auch schon zur Stelle, bückte sich und sammelte alles wieder ein.

„Oh, vielen Dank, das ist sehr lieb von ihnen, wirklich“, sagte sie leise.

Ihre Stimme riss ihn bald um. Sie hatte einen ganz hellen und melodischen Klang. Jürgen hatte schon ähnliche Stimmen gehört. Aber damals hatte er sich in Katmandu befunden. Die Frauen Nepals hatten so liebliche Stimmen. So viel Schönheit auf einmal!

„Ich habe es gern getan. Und im Übrigen würde ich raten, nehmen Sie lieber diese Plastikdinger. Die Papiertüten halten nichts. Ich kenne das!“

Ihre violetten Augen verwirrten ihn vollends. Er stand vor ihr, die Arme voll Erbsendosen und Schachteln mit Keks und anderen Dingen. Wenn sie ihn wiedererkannt hatte, so zeigte sie es nicht. Sie lächelte ein verwehtes Lächeln. Irgendwie wurde er seltsam davon berührt. Dann ging sie zu ihrem Wagen und schloss die Tür auf. Er ließ alles auf den Sitz gleiten und wischte sich die Hände an seinem Taschentuch ab.

„Ich heiße Jürgen Collin und bin der neue Kommissar“, stellte er sich vor.

Ihre Augen flammten einen kurzen Augenblick.

„Sicher kennen Sie schon meinen Namen“, sagte sie leise.

„Wieso kommen Sie zu dieser Annahme? Heute sehen wir uns doch zum ersten Male!“

Sie schüttelte nur stumm den Kopf. Er wurde langsam rot. Beim Teufel, dieses Mädchen verwirrte ihn maßlos.

„Sie haben mich also damals mit Honda gesehen?“

Ihre Hände umkrampften das Steuer, und ihr Blick war auf die Straße gerichtet.

„Das meine ich nicht. Es gibt genug Leute hier, die Ihnen bestimmt von mir erzählt haben“, sagte sie gepresst.

„Warum sollten sie das?“ Es sollte lustig klingen. Er spürte, dass er das Mädchen quälte. Warum lebte sie so allein dort draußen? Was war das für ein Geheimnis? Honda hatte doch davon gesprochen.

„Es stimmt, ich kenne Ihren Namen, aber nicht irgendeiner hat ihn mir erzählt, sondern Honda, da ich darum bat. Ich sah Sie auf der Promenade, und welcher Mann erkundigt sich nicht nach dem Namen eines schönen Mädchens?“

Der Motor sprang an. Er ging zur Seite, beugte sich aber noch einmal in das Fenster.

„Könnten wir uns nicht einmal wiedertreffen? Ich meine, dann können wir über alles reden, Sie und ich?“ Er hatte noch nie einen so schmerzlich traurigen Blick gesehen. Sie schüttelte langsam den Kopf.

„Vielen Dank, Herr Collin, aber ich muss jetzt nach Hause.“ Der Wagen startete, und sie war verschwunden.

Nachdenklich ging er den Weg zurück. Honda hatte recht, irgendetwas stimmte mit dem Mädchen nicht. Aber was?

 

 

5

Es war später Abend. Dunkelheit herrschte, und die Vögel schliefen schon lange. Jürgen hatte in einer kleinen Gartenschenke zu Abend gegessen und wanderte jetzt allein durch die nächtliche Promenade. Vereinzelte Liebespaare kamen ihm entgegen. Einige grüßten ihn. Es hatte sich herumgesprochen, dass er nun den Posten Hondas innehatte. Auf dem kleinen Hügel stand eine Bank, und sie war nicht einmal besetzt. Er zündete sich seine Pfeife an und sah ins Land hinaus. Die Abende kamen ihm lange und einsam vor. Noch hatte er keinen Anschluss gefunden. Er musste sich erst gründlich einarbeiten, und dann hatte er auch so ganz andere Interessen. Aber das war es nicht, der Gedanke an das seltsame Mädchen ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Er war heute hierher gegangen, weil er von hier aus einen wunderbaren Blick auf die weiße Villa hatte. Aus der Ferne schimmerten ein paar Lichter grüßend zu ihm herüber.

Jürgen versuchte zum x-ten Male einen Grund zu finden, warum sie so lange schon allein lebte, war aber auf keine Lösung gekommen. Hier versagte sein Verstand. So etwas hatten sie nicht auf der Schule gelernt. Gewiss, es gab immer wieder Sonderlinge, aber das waren zumeist alte und verbitterte Menschen. Oder Wissenschaftler, die gar nicht sahen und hörten, was um sie herum geschah. Das alles traf auf Julie nicht zu. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie sich aus dieser Einsamkeit heraus sehnte, dass sie furchtbar unglücklich war.

Warum sagte sie es ihm aber nicht? Warum sollte sie auch? Sie kannten sich doch kaum. Er wusste nur eins, in ihm war der Wunsch erwacht, sie zu beschützen und liebzuhaben. Sie war ein Mädchen, das alle Ritterlichkeit in einem Manne wachrüttelte.

In der Villa waren mehrere Lichter angezündet. Er sah hinüber und grübelte. Wanderte sie jetzt allein durch das Haus? Hatte sie Angst, Sorgen?

Honda hatte acht Jahre hier zugebracht und nichts erfahren. Es war zum Verrücktwerden. Seit gestern forschte er vorsichtig nach. Immer wieder hörte er den Namen Julie Stern, wenn er aber dahinterhakte, wusste keiner etwas Genaues. Vor vierzehn Tagen hatte er geglaubt, sich in diesem Städtchen zu langweilen, aber es gab eine Menge Arbeit zu erledigen. Nicht wie in der Stadt, wo jeder sein bestimmtes Gebiet hatte; hier musste er in alles Einblick haben und war für alles verantwortlich. Aber es machte ihm Spaß, und er hatte sich schon längst mit seinem Schicksal ausgesöhnt. Nur die Einsamkeit seiner kleinen Wohnung machte ihn noch trauriger. War es nicht eine natürliche Sache, wenn er sich hier ein Mädchen anlachte? Dann würde es fröhlich und lustig zugehen. Doch so lange Julie hier lebte, konnte er es nicht.

Julie hatte sein Herz getroffen. Ganz tief! So sehr hatte er Eve nie geliebt. War das überhaupt Liebe, was er zu diesem seltsamen Mädchen empfand?

„Julie“, ganz leise sprach er ihren Namen aus. „Julie.“ Ganz leise sprach er ihn.

Es war nicht gut, wenn man so ins Träumen kam. Er musste aufhören, an sie zu denken. Es bereitete ihm nur Qual.

Alle Fenster waren dunkel, im Mondlicht sah er die hohe weiße Mauer. Jürgen stand auf und ging den Weg zur Stadt zurück.

 

 

6

Julie schien die Stadt zu meiden. So sehr Jürgen Collin auch nach ihr Ausschau hielt, er sah sie nicht. Das Polizeigebäude war so gebaut, dass man die Hauptstraße übersehen konnte. Und sein Zimmer befand sich im Eckturm. Sie war immer diese Straße hergekommen und hatte ihren Wagen hier abgestellt. Warum kam sie nicht? Hatte sie Angst vor ihm?

So jedenfalls hielt er es nicht mehr aus. Er musste sie sprechen, sich Klarheit über seine Gefühle schaffen. Das gab es doch nicht, dass ein junges Mädchen freiwillig die Einsamkeit wählte. Vielleicht war sie nur scheu.

Er wartete noch vier Tage. Die Bauern begannen das Gras zu schneiden, und die Sonne stand hoch am Himmel. Es war sehr heiß geworden. An diesem Morgen hatte Jürgen dienstfrei, und so ging er zu seiner kleinen Wohnung, kleidete sich um und bestieg seinen Wagen. Niemand sah ihn, als er den Weg zur weißen Villa einschlug. Weit und breit stand weder Baum noch Strauch. Eingebettet in Wiesen lag sie da, der Sonne preisgegeben. Als Jürgen ausgestiegen war und sich umschaute, bemerkte er, dass man von hier aus eine wunderbare Aussicht auf die Täler und Hügel ringsum hatte. Der Erbauer der Villa musste das sehr wohl gewusst haben, und nicht umsonst stand sie ausgerechnet hier.

Sein Wagen parkte am Fuße der weißen Mauer. Sie war über drei Meter hoch und strömte Kühle aus. Er zündete sich eine Zigarette an und ging den schmalen Sandweg weiter. Die Radspuren zeugten von Julies Wagen. Bis zum Tor, weiter führte der Weg nicht. Kein Laut war zu hören. Jürgen fühlte sich unbehaglich, doch dann kämpfte er das Gefühl nieder und ging weiter.

In einer Seitennische entdeckte er den Knopf. Wenn Julie nicht kam, so musste er kommen. Sie musste ihn anhören, mehr wollte er ja nicht. Ohne sich noch lange zu besinnen, drückte er auf den Knopf. Nichts geschah!

Julie hörte den Ton, er gellte ihr in den Ohren. Sie hielt sie zu, nein, sie wollte nichts hören. Ein Stöhnen glitt über ihre Lippen. Sie stand im ersten Stock am Fenster und sah die hohe Gestalt vor dem Tor stehen. Und wieder ging die Klingel. Schon als er unten auf dem Wege gewesen war, hatte sie ihn bemerkt und den Himmel angefleht, er möge weiterfahren, nicht einbiegen. Aber nun stand er draußen vor dem Tor. Sie rührte sich nicht, wie zu Stein erstarrt stand sie dort oben am Fenster. Jürgen konnte sie nicht sehen. Bäume verdeckten die Sicht auf das Haus.

Und dann war wieder der unheimliche Schatten an ihrer Seite. Julie wandte den Kopf und lächelte hilflos. Die Kapuze nickte zum Tor. Sie öffnete die Hände, eine hilflose Geste.

„Ich kenne ihn nicht, ich weiß nicht, was er will.“

Die Augen durchforschten ihr Gesicht, sie zitterte und ging langsam zurück.

„Ich weiß es wirklich nicht, wer er ist, oder doch, seinen Namen ja, es ist der neue Kommissar in der Stadt. Er half mir einmal, ich erzählte es doch, die Tüte riss ...“ Stammelnd brachte sie das alles hervor. Darauf nur großes Schweigen.

Julie bebte am ganzen Körper, Kälteschauer rannen ihr den Rücken entlang. Sie ging näher, legte einen Arm auf den schwarzen Umhang, bittend, demütig.

„Ich habe nichts getan, was ihn dazu veranlassen könnte, mir zu folgen. Bitte, glaub mir doch! Ich weiß nicht, was er von mir will. Bestimmt wird er wieder gehen, wenn ihm nicht geöffnet wird.“

Hart ging in diesem Augenblick wieder der Glockenton durch das Haus. Er schien schon ungeduldig zu werden. Jürgen presste seinen Kopf durch das Gitter. Er wollte einen Blick auf das Grundstück werfen. Julies Auto konnte er im Schatten der Bäume erkennen. Sie war also zu Hause. Warum öffnete sie ihm nicht? Langsam stieg die Wut in ihm hoch. War es nicht lächerlich, ihr so nachzulaufen?

„Du willst, dass ich gehe und ihn frage, was er will?“, stammelte Julie angstvoll.

Nur ein Nicken war die Antwort.

„Aber warum denn? Er wird bestimmt gleich gehen. Ich will nicht!“

Das Nicken wurde hartnäckiger, die Augen drohender, da gab sie nach. Und demütig wie ein kleines Kind verließ sie das Zimmer. Der Schatten folgte ihr. Sie wusste, er würde in der Nähe sein, wenn sie mit dem Mann sprach. Fuß vor Fuß setzend, wie traumwandlerisch ging sie den Weg zum Tor. Von weitem sah sie schon seinen suchenden Blick. Als er sie gewahrte, glitt ein Lächeln über seine Züge.

Der Schatten verschwand in den Büschen, kam seitwärts wieder zum Vorschein und presste sich an die Mauer. Julie sah ihn, aber Jürgen konnte ihn nicht sehen.

„Endlich, ich dachte schon, ich wäre vergebens gekommen“, rief Jürgen ihr entgegen.

Julie kam schneller, immer hastiger wurden ihre Schritte. Sie wollte zuerst bei ihm sein. Der Schatten kam näher. Da war das Tor, der Mann.

„Gehen Sie!“, keuchte sie schnell und atemlos. „Bitte, gehen Sie!“

Jürgen starrte sie nur sprachlos an. Er verstand das Mädchen nicht mehr.

„Aber Fräulein Stein, ich muss mit Ihnen sprechen, deswegen bin ich doch gekommen. Bitte, machen Sie das Tor auf!“

Aus den Augenwinkeln heraus sah sie die Gestalt. Sie war keine zwei Meter von dem Tor entfernt. Julie umklammerte die Eisenstäbe, presste ihren Körper daran und ihr flehender Blick suchten Jürgens Augen. Sie begann zu weinen - die Angst stieg in ihr hoch, immer höher. Unaufhaltsam strömten die Tränen über ihr Gesicht. Stammelnd flüsterte sie: „Ich habe Ihnen nichts getan. Warum verfolgen Sie mich? Was soll das? Was wollen Sie von mir? Gehen Sie doch! Ich will Sie nicht mehr sehen, nie mehr. Warum sind Sie hierher gekommen? Warum brechen Sie in meinen Frieden ein? Ich bin glücklich, ja, glücklich, und verfolgen Sie mich nicht, ich will das nicht!“

Jürgen konnte nur die Tränen anstarren und die weit aufgerissenen violetten Augen. Angst flackerte darin, unsagbare Angst. Er wollte sprechen, ihr sagen, dass sie sich ihm anvertrauen sollte. Aber die Augen ließen ihn nicht mehr los, sie schienen etwas sagen zu wollen. Aber er konnte es nicht enträtseln. Nur immerzu die stammelnde Bitte: „Gehen Sie doch endlich, gehen Sie!“

Er schluckte.

„Gut, natürlich gehe ich. Es tut mir leid, dass ich Sie so erschreckt habe. Fräulein Stern, wirklich, das habe ich nicht gewollt. Sie müssen entschuldigen, dass ich gekommen bin, aber Sie haben beim letzten Besuch in der Stadt eine Radkappe verloren. Man hat sie gefunden, das wollte ich Ihnen nur sagen.“

Julie wurde weiß wie ein Handtuch. Es stimmte nicht, was der Mann sagte. Sie hatte viel früher die Kappe verloren. Auf einer Fahrt zur Kreisstadt, sie hatte es nur noch nicht gesagt. Er musste das Fehlen bemerkt haben und gab dies nun als Grund an. Warum? Hatte er den Schatten bemerkt? Spürte er, dass sie nicht frei sprechen konnte? Sie schluckte, sie musste jetzt das Spiel mitmachen.

„Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, dass Sie eigens zu mir kommen, um mir das mitzuteilen, wirklich, vielen Dank auch. Wer hat sie denn gefunden?“

„Einer meiner Beamten, und weil Sie ein so ausgefallenes Modell fahren, kamen wir gleich auf Sie. Schließlich bin ich Kriminalbeamter“, sagte er.

Dies alles wurde mit todernster Miene gesprochen. Jürgen spürte, dass das Mädchen unendlich erleichtert war, trotzdem sie doch wissen musste, dass es Lüge war.

„Aber nun möchte ich Sie nicht weiter belästigen. Wenn Sie das nächste Mal in die Stadt kommen, können Sie sie auf der Wache abholen, ja?“

„Ja!“, sagte sie leise.

Jürgen wandte sich um und ging den Weg zurück. Julie sah ihm nach, bis er verschwunden war. Dann ging sie zum Haus zurück.

„Hast du alles gehört?“, fragte sie müde.

Wiederum nur ein Nicken, nun blickten die Augen wieder klar und freundlich.

 

 

7

Vielleicht wäre sie tatsächlich zur Wache gekommen. Julie hatte ja gesagt, and das hieß soviel, sie hatte seine unausgesprochene Frage verstanden. Doch dann kam alles ganz anders. Sie trafen sich anderntags schon wieder. Aber nicht im Städtchen. Jürgen musste am Morgen in die Kreisstadt und befürchtete schon, sie würde in seiner Abwesenheit kommen. Seine Sorge war umsonst gewesen.

Gegen Nachmittag befand er sich auf dem Heimweg. Das Rätsel Julie hielt ihn noch immer gefangen. Einige Kilometer vor Billach sah er in der Ferne ein Auto am Straßenrand stehen. Es schien eine Panne zu haben. Er beachtete es nicht weiter. Schon wollte er daran vorbeifahren, als ihm die rote Farbe ins Auge stach, und da hielt er auch schon.

Julie stand mit einem unglücklichen Gesicht neben ihrem Wagen und betrachtete den platten Reifen. Jürgen kam von hinten heran. Sie hatte ihn gar nicht kommen gehört.

„So sieht man sich also wieder“, sagte er fröhlich und reichte ihr seine Hand zum Gruß.

Das Mädchen erschrak so sehr, dass es ihre Handtasche fallen ließ.

„Oh“, flüsterte sie leise.

Eine schmale zerbrechliche Hand lag für einen winzigen Augenblick in der seinen, dann hatte sie sie auch schon wieder zurückgezogen. Sie schob sich das goldblonde Haar aus der Stirn.

„Wie kommen Sie denn zu diesem Schaden, mein Fräulein?“

„Das weiß ich auch nicht. Plötzlich platzte er, und ich glaube, ich hatte noch viel Glück, denn ich drosselte kurz vorher die Geschwindigkeit. Da hinten ist nämlich eine Kurve.“

„Ich weiß“, sagte er langsam. Dann blickte er die Straße zurück und sah ihr lächelnd ins Gesicht. „Alle Wege führen nach Rom, heißt es in einem Sprichwort, aber nur ein Weg in unsere Kreisstadt. Und jetzt weiß ich auch, warum wir Sie nicht mehr in Billach sehen. Warum meiden Sie auf einmal das nette Städtchen?“

„Woher wissen Sie das?“, fragte sie errötend.

Er lachte auf.

„Ich müsste ja mein Schulgeld zurückzahlen, wenn mir das nicht auffallen würde. Aber sagen Sie, Julie, meiden Sie meinetwegen Billach?“

Sie wandte sich von ihm ab. Aber er hatte noch den tiefen Schmerz in ihren Augen sehen können. Er biss sich auf die Lippen. Das hatte er nicht gewollt. Irgendetwas schien sie sehr zu bedrücken. Und mit seiner Frage hatte er genau ins Schwarze getroffen.

„Haben Sie schon nach Hilfe geschickt?“

„Nein, bis jetzt ist noch keiner vorbeigekommen. Sie waren der Erste.“

„Nun denn, dann werde ich mal das Rad wechseln. Das ist ja eine Kleinigkeit.“

Er zog sich seine helle Lederjacke aus und legte sie auf das Dach des Wagens.Und da Julie keinerlei Werkzeug bei sich hatte, holte er dieses aus seinem Wagen.

Das junge Mädchen stand an seiner Seite und sah ihm besorgt zu. Sie sprachen lange Zeit kein Wort miteinander. Ihm war so, als ringe sie mit ihrer Fassung.

„Als Ritter der Landstraße haben wir Männer wieder ungemein gewonnen“, sagte er, um diese Stille zu durchbrechen. „Frauen wollen ja so selbständig sein und lassen sich so ungern helfen. Aber wenn sie mit dem Auto liegenbleiben, dann sind wir immer sehr willkommen.“

Sie blickte auf ihn herab und schaute direkt in zwei nussbraune Augen. Spottteufelchen schienen darin zu stecken. Der Schalk saß ihm im Nacken. Sie schluckte. Sie kannte solche Augen, kannte sie schon so lange. Auf dem Bild im Gartenzimmer! Aber da waren es blaue Augen.

„Herr Collin, ich bin Ihnen ja so dankbar, wirklich. Wer weiß, wie lange ich hier sonst noch gestanden hätte.“

„Ich tat es gern.“

Ein letztes Anziehen der Schrauben, dann war die Arbeit getan. Er wischte sich die Hände an einem alten Lappen ab und verschloss das Handwerkszeug in seiner Kofferklappe.

„Nun können Sie weiterfahren, aber versäumen Sie es nicht, sich einen neuen Ersatzreifen zu besorgen, und dann achten Sie darauf, dass Sie nicht in Glasscherben fahren!“

„Ich werde mir alles merken, und nochmals vielen Dank!“ Sie kramte in ihrer Handtasche herum und suchte nach ihrer Geldbörse.

Jürgen sah es mit einem belustigten Lächeln. Er hielt ihre Hände fest und sagte herzlich: „Nein, danke, glauben Sie vielleicht, dass wir bei der Polizei so wenig verdienen?“

Sie biss sich auf die Lippen und entzog sich ihm.

„Es ist so üblich, dass man Hilfeleistung bezahlt. Und wird es für gewöhnlich nicht erwartet?“

„Natürlich, auch ich richte mich ganz danach. Aber vorher sehe ich mir den Menschen immer genau an. Manchmal kann man mit einem Trinkgeld einen Menschen tief verletzen. Auch in unserer heutigen Zeit verrichten viele noch kleine Liebesdienste, ohne ein Entgelt dafür zu verlangen.“

„Verzeihung, ich wollte Sie nicht verletzen.“

„Das haben Sie ganz und gar nicht, Julie. Aber ich meinerseits bin so verwegen und bringe einen Wunsch vor. Nicht als Entgelt angesehen, sondern weil es mir ein Bedürfnis ist, verstehen Sie!“

Ihre Lider flatterten, und sie sah zur Seite.

„Was wollen Sie von mir? Ich sagte doch schon gestern, gehen Sie!“

Details

Seiten
110
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930306
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494376
Schlagworte
treue

Autor

Zurück

Titel: Treue in tiefster Not