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Bount Reiniger und die Entführung: N.Y.D. – New York Detectives

2019 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Bount Reiniger und die Entführung: N.Y.D. – New York Detectives

Copyright

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Bount Reiniger und die Entführung: N.Y.D. – New York Detectives

Krimi von Freder van Holk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Kelly Trotter ist ein eiskalter Killer, der sich mit Überfällen von Juwelierläden seinen Lebensunterhalt finanziert. Doch dann lockt ein Auftrag, bei dem er Millionen verdienen kann: den jungen Chris Henderson kidnappen und dann seinen Vater erpressen. Doch der alte Henderson bittet den Privatdetektiv Bount Reiniger um Hilfe ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1. Kapitel

Der Fahrer des hellblauen Chevy nahm das Gas so gefühlvoll zurück wie die Hand von einer Dame, die soeben eingeschlafen ist. Langsam rollte der Wagen durch die Caton Avenue. Mit wachsamem Blick musterte Kelly Trotter im Vorüberfahren die Geschäfte in der Straße. Wer ihn so sah, konnte ihn für einen harmlosen Vertreter halten. Doch das war Kelly Trotter wirklich nicht. Er war das, was man in Polizeikontrollen schlicht und einfach einen brutalen Killer nennt.

So, als suche er eine bestimmte Hausnummer, musterte Trotter die Gebäude am Rand der Straße. Dabei ähnelte er einem einsamen Wolf, der hungrig durch die Rocky Mountains streift. Es war nicht gerade der Hunger, der Kelly Trotter in diese Gegend trieb; aber immerhin herrschte bedrohliche Ebbe in seiner Brieftasche.

Sein Blick wanderte über die Schilder und Neontransparente über den Läden. Er passierte einen kleinen Selbstbedienungsladen, ein Benzinbad, eine Snack Bar und einen Laden für Autozubehör. Trotters Augen verengten sich, als sein Schild auf das Schild „Uhren und Schmuck“ fiel.

Hier ist deine Tankstelle, schoss es ihm durch den Kopf, und er nahm den Fuß vom Gaspedal. Dafür stieg er auf die Bremse und lenkte den Wagen in eine Parklücke unweit des Uhrengeschäftes.

Eine Gruppe laut schwatzender Frauen zog an ihm vorüber und versperrte ihm für eine Weile die Sicht auf den Laden. Dann aber sah er die Auslagen im Schaufenster. Trauringe, die mit kleinen Diamantsplittern besetzt waren, schmale Goldreifen, Ringe der mittleren Preisklasse und Uhren funkelten und blitzten in der Sonne. Trotter wusste, dass es sich vorwiegend um Ware handelte, die dem Geldbeutel der hier wohnenden Menschen angepasst war. Genau das Richtige für Trotter. Die Masse musste es bei ihm bringen, nicht Einzelstücke, wie nur Tiffany sie führte, und die kaum abzusetzen waren.

Eine Weile beobachtete Kelly Trotter den Laden und überlegte, wann wohl die beste Zeit sei, dem Juwelier einen Besuch abzustatten. Vielleicht morgen kurz vor der Mittagspause?

Trotter wurde weiterer Überlegungen enthoben, als er den Mann im Schaufenster entdeckte. Es war ein älterer Herr mit schneeweißem Haar und tiefen Linien um Mund und Augen.

Kelly sah gespannt zu, wie der Weißhaarige die Auslage im Schaufenster herausnahm und durch andere ersetzte, und dann wusste er, was zu tun war.

Er warf einen raschen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Es war kurz vor neunzehn Uhr. In Sekundenschnelle dachte er über seinen Fluchtweg nach. In der Nähe befand sich der Greenwood Cemetery. Hinter dem Friedhof kamen einige Häuserblocks, die am Prospect Park endeten. Die Straßen beim Prospect Park waren nur schwach befahren.

Der alte Herr war so in seine Arbeit vertieft, dass er nicht ein einziges Mal auf die Straße hinaus blickte. Es muss seine ruhigste Zeit sein, überlegte Kelly weiter, sonst würde er sich nicht daran machen, die Auslagen zu wechseln.

Er setzte sich die Sonnenbrille auf und griff dann nach einem kleinen schwarzen Koffer, der hinter ihm auf dem Rücksitz lag. Es war ein unauffälliger Koffer, wie er von Vertretern benutzt wird. Bevor Kelly Trotter ausstieg, legte eisernen leichten Sommermantel über den Unterarm, um den schwerkalibrigen Revolver zu verbergen, den er in der Hand hielt. Erst dann verließ er den Wagen und ging mit langen Schritten auf den kleinen Laden zu. An der Glastür hing ein kleines Schild mit Goldbuchstaben: Elija Aronson - Juwelier

Wie ein harmloser Kunde stieß Trotter die Tür auf und betrat das Geschäftslokal. Ein heller Bimbam-Gong ertönte. Das Geräusch kam Kelly überlaut vor.

Der Juwelier zog seinen Oberkörper aus dem Schaufenster und schlurfte gemächlich hinter die Theke.

„Guten Abend, Sir“, sagte er freundlich. „Was darf es sein?“

Das Lächeln des Alten erstarb, als er in den Lauf der Waffe unter dem Mantel starrte. Kelly hatte den Koffer auf die Theke gelegt und den Deckel aufschnappen lassen.

„Einpacken, Opa!“, zischte er nur.

Elija Aronson war zu alt, um noch Angst zu verspüren.

„Machen Sie keinen Unsinn, Mister!“, sagte er. „Nehmen Sie die Kanone weg, und ich will vergessen, dass Sie ...“

„Halts Maul, Opa!“, fauchte Kelly. „Einpacken, habe ich gesagt!“

Aronson zuckte beim scharfen Tonfall des anderen zusammen und wich an das Regal hinter sich zurück.

Sofort beugte Kelly Trotter sich vor und raffte Ringe und Armbänder zusammen, die vor ihm auf der Theke lagen, und die für die Auslage bestimmt waren. Achtlos warf er die Schmuckstücke in den offenen Koffer.

„Und jetzt den Kram aus dem Schaufenster!“, befahl er kalt. Der alte Mann starrte den Gangster fassungslos an.

„Vorwärts!“, fauchte Kelly.

Der Juwelier sah die kalten Augen des anderen und schlurfte gehorsam ans Schaufenster. Er griff in die Auslage und raffte ein Dutzend Ringe zusammen. Er brachte sie an die Theke und warf sie in den Koffer.

„Mehr - mehr habe ich nicht!“, stammelte er.

Kelly grinste flüchtig.

„Glaubst du, Opa?“, meinte er.

„Du hast die Tageskasse vergessen. Rück mal die Scheinchen ’raus!“

Aronson zögerte, dann ging er an die Kasse und zog die Schublade auf. Während der Juwelier die Scheine herausholte, blickte Trotter hinter sich zur Tür. Ein paar junge Burschen in schwarzen Lederjacken mit aufgemalten Tigerköpfen auf dem Rücken zogen am Eingang vorüber. Einer der Burschen blieb kurz stehen und blickte ins Schaufenster. Der alte Mann sortierte noch immer die Geldscheine. Dabei blickte er aber nicht auf seine Hände, sondern hinaus durch die Türscheibe. Es war ein Blick, der um Hilfe flehte.

„Los, beeil dich!“, drängte der Gangster.

Langsam zog Aronson die Hand mit den Geldscheinen aus der Kasse. Er hob die Hand mit dem Geldbündel in Brusthöhe, so dass der Bursche draußen es sehen musste. Hoffnung wallte in ihm auf, als er sah, wie der junge Bursche seinen Freunden etwas zurief.

Kelly Trotter besaß den untrüglichen Instinkt des Gejagten. Er spürte die Gefahr in seinem Rücken. Blitzschnell riss er dem Alten das Dollarbündel aus der Hand und fuhr herum, während er den Kofferdeckel zudrückte und das Schloss einschnappen ließ. In diesem Augenblick machte der Juwelier einen entscheidenden Fehler. Er fuchtelte aufgeregt mit den Armen.

„Hilfe!“, schrie er. „Hilfe, ich ...“

Weiter kam er nicht.

Mit einer blitzschnellen Wendung fuhr Kelly herum und drückte zweimal rasch hintereinander ab. In den Knall der Schüsse mischte sich der Todesschrei des alten Mannes. In der linken Hand den Koffer mit der Beute, in der rechten die Pistole unter dem Mantel, hastete Kelly Trotter zur Tür. Sie wurde vor ihm aufgestoßen, und er blickte in die Gesichter von vier jungen Burschen in schwarzen Lederjacken. Die vier waren im Begriff, den Laden zu stürmen. Kellys Hand mit der Waffe ruckte hoch und richtete sich auf die vier.

„Zieht ab, sonst seid ihr an der Reihe!“, zischte der Killer.

Die Burschen gehorchten angesichts der auf sie gerichteten Pistole. Sie wussten, dass der andere Ernst machen würde. Als sie die Straße erreicht hatten, wetzten sie in verschiedenen Richtungen davon.

Sofort war Kelly auf der Straße und stürmte auf seinen Wagen zu. Er riss die Tür auf, warf den Koffer hinein und klemmte sich hinter das Lenkrad. Der Motor sprang sofort an, und der Chevrolet schoss auf die Fahrbahn. Niemand hielt ihn auf. Der Gangster jagte die Parkside Avenue hinunter, passierte den Grande Ground und durchquerte den Prospect Park.

Ein kaltes Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er in den Rückspiegel blickte und keinen Verfolger ausmachen konnte. Lediglich ein blauer Lieferwagen fuhr in weitem Abstand hinter ihm her, und der Fahrer war kaum in der Lage, die Kennzeichen des Chevy auszumachen. Trotzdem ging Kelly auf Nummer sicher. Ein Druck auf einen Schalter am Armaturenbrett genügte, und die Kennzeichen an Heck und Front drehten sich; eine andere Nummer wurde sichtbar.

Als er den Eastern Parkway erreicht hatte, war Trotter sicher, dass er keinen Verfolger mehr zu befürchten hatte. Von jetzt an fuhr er gemächlich seinem Ziel entgegen. Er bummelte über die Fulton Street hinüber nach Long Island.

Fünfundvierzig Minuten waren seit dem Überfall vergangen, als Trotter den Chevy in die Fletcher Avenue im Ortsteil Valley Stream lenkte. Hier standen nur vereinzelt Häuser in weitem Abstand voneinander. Hinter den zweistöckigen Villen befand sich unbebautes Land, das von einem kleinen Bach durchzogen wurde. Die Gegend machte den Eindruck, als suchten hier brave Bürger Ruhe vor dem Lärm der Großstadt. Vor dem weißen Haus mit der Nummer 26 trat Trotter auf die Bremse und lenkte dann den Wagen auf die Zufahrt zur Garage neben dem Wohnhaus. Er angelte sich seinen kleinen schwarzen Koffer und stieg aus, um das Garagentor zu öffnen und den Wagen hineinzufahren. Da ertönte hinter ihm eine weibliche Stimme: „Morning, Mr. Trotter, gute Geschäfte gemacht?“

Wenn du wüsstest, du neugierige Wachtel!, dachte Kelly. Er wandte sich ohne Hast um und blickte in das faltige Gesicht von Mrs. Tubman, seiner Nachbarin, deren Haus etwa hundert Meter von seinem entfernt stand. Ihr weißer Pudel kam auf ihn zu und beschnupperte seine Hosenbeine.

„Hallo, Mrs. Tubman“, sagte er. „Bin zufrieden.“

„Das freut mich für Sie“, sagte die Frau. „Komm, mein Mauseschwänzchen!“ Sie zog davon, gefolgt von ihrem Pudel.

Trotter grinste spöttisch hinter ihr her, sperrte die Garage auf und fuhr dann den Chevy hinein. Er war sich sicher, dass niemand ihn hier aufstöbern würde. Die lieben Nachbarn, Mrs. Tubman und Konsorten, wussten von ihm nur, dass er Vertreter war, und bei dem Glauben sollten sie möglichst lange bleiben.

 

*

 

Lieutenant Ron Myers, Captain Rogers' rechte Hand, traf mit den Spezialisten als Erster am Tatort in der Caton Avenue ein. Während sich die Experten daran machten, im Laden des ermordeten Juweliers nach Spuren zu suchen und die erforderlichen Fotos zu schießen, suchte der Lieutenant nach Zeugen. Der einzige, der etwas aussagen konnte, war ein junger Bursche in schwarzer Lederjacke.

„Erwin Berlin heißen Sie?“, stellte Myers fest. „Komponieren Sie etwa auch?“

„No, ich blase nur auf dem Kamm“, erwiderte der Bursche kess. Er lehnte sich gegen ein Regal im Laden und fischte eine Zigarette aus der Brusttasche.

„Erzählen Sie mir bitte, was Sie erlebt haben, Erwin!“, forderte er den anderen auf.

„Eine Kugel hat der Halunke mir bald verpasst, als ich dem Opa helfen wollte“, knurrte Erwin. „Da hab ich gemacht, dass ich davonkam.“

„Können Sie mir den Mörder beschreiben?“, fuhr Myers fort.

Der Bursche zuckte die Achseln und paffte an seiner Zigarette.

„’ne Sonnenbrille hatte er auf der Nase“, sagte er dann. „Und ’nen grauen Anzug trug er, glaube ich. Sein Schlitten war ’n blauer Chevy vom vorletzten Jahr.“

„Das ist nicht viel“, meinte der Lieutenant. „Würden Sie den Kerl wiedererkennen, wenn Sie ihm begegneten?“

Erwin schüttelte den Kopf.

„Kaum. War ein Dutzendtyp, verstehen Sie?“

„Erzählen Sie mir die Geschichte von Anfang an!“, sagte der lange Lieutenant ergeben.

Der Bursche begann zu berichten. Während er sprach, sah er neugierig zu, wie man den toten Aronson in eine Zinkwanne legte und nach draußen transportierte.

„Ist das alles?“, fragte der Lieutenant, als Erwin Berlin geendet hatte.

„Alles“, beteuerte der Junge. „Und wenn ihr Blauen jetzt auf Draht seid, dann habt ihr den Killer in einer Stunde im Kasten.“

„Wenn nicht noch früher“, sagte Myers trocken. „Kommen Sie morgen früh ins Headquarters, um das Protokoll zu unterzeichnen. Sie können jetzt gehen, Erwin.“

Der Junge nickte dem Lieutenant zu, versenkte die Hände in den Hosentaschen und schlenderte dann nach draußen, wo er von seinen lederbejackten Freunden empfangen wurde. Die Männer vom Erkennungsdienst hatten ihre Arbeit beendet und packten ihre Geräte zusammen. Bob Jake, Detectiv Sergeant vom Raubdezernat, kam auf Ron Myers zu.

„Sieht nicht gerade rosig aus“, meinte er. „An der Theke, der Kasse und am Schaufenster fanden wir nur Prints von dem Ermordeten.“

„Bleibt noch der blaue Chevy“, knurrte Myers.

Bob Jake nickte.

„Und davon gibt’s in ganz New York lediglich fünf- bis achttausend“, meinte er.

 

*

 

Captain Rogers hörte sich den Bericht seines Lieutenants schweigend an. Die beiden Männer hatten Pappbecher mit heißem Kaffee vor sich stehen.

„Also, wie gehabt“, brummte der Captain, nachdem Myers geendet hatte. „Das war das fünfte Mal, dass dieser Halunke zugeschlagen hat.“

„Bist du sicher?“, fragte der Lieutenant.

„Worauf du Rattengift nehmen kannst, Ron“, erwiderte Rogers mit bitterem Lächeln. „Jake hat vorhin angerufen. Er hat sich die Täterkartei angesehen und ist dabei auf diesen Burschen gestoßen, der stets nach der gleichen Methode vorgeht und seine Coups nur in ärmeren Stadtvierteln über die Bühne rollen lässt.“

Myers nahm einen Schluck aus seinem Pappbecher.

„Und weshalb ist er Tiffany oder van Cleef nie auf die Bude gerückt?“, murmelte Myers wie im Selbstgespräch. Er gab sich selbst die Antwort: „Grund Nummer eins ist, dass die teuren Läden auf der Fifth Avenue und anderswo über die modernsten Alarmanlagen verfügen. Grund Nummer zwei wäre, dass in den einfachen Läden nur erschwingliche Ware verkauft wird. Ein Collier von Tiffany ist schwer abzusetzen. Dutzendware wie Trauringe, Uhren und Armringe hingegen kauft jeder Hehler ab.“

„.Stimmt“, pflichtete Rogers ihm bei. „Aber es gibt noch etwas, das auf ein und denselben Täter schließen lässt.“

„Ich lausche!“ Ron Myers sah seinen Chef erwartungsvoll an.

„Der Bursche schlug immer genau dann zu, wenn die Juweliere dabei waren, die Auslagen in ihren Schaufenstern zu wechseln“, erklärte Toby. „Das geschieht naturgemäß während der verkaufsschwächsten Zeit. Somit ging der Bursche kaum ein Risiko ein, von Kunden gestört zu werden, und machte besonders reiche Beute; er schnappte sich die Auslage und die Ware, die für die neue Dekoration bestimmt war und bis zu diesem Zeitpunkt wohl verwahrt im Tresor schlummerte.“

„Prächtig, Häuptling.“ Myers grinste müde. „Jetzt sag mir bloß noch, wie der Halunke heißt, und wo er wohnt, dann mache ich mich sofort auf die Socken und nehme ihn fest.“

„Warten wir ab, ob die Besatzungen der Streifenwagen den blauen Chevy finden“, meinte der Captain.

Aber auch diese Hoffnung wurde zunichte gemacht.

 

 

2. Kapitel

Kelly Trotter war Frühaufsteher. Jeden Morgen rasselte bei ihm Punkt sieben Uhr der Wecker. Er mimte nach außen hin perfekt den seriösen Vertreter, und das frühe Aufstehen gehörte zu seiner Rolle, die er seinen Mitmenschen vorgaukelte. Er warf sich den Hausmantel über und ging hinaus in den Vorgarten, wo er sich seine drei Morgenzeitungen aus dem Briefkasten holte. Kelly las seit langem mehrere Blätter, denn er hielt es für lebensnotwendig, bestens informiert zu sein, besonders über das, was der Polizeibericht meldete. Die Zeitungen berichteten ausführlich über den Mord an dem Juwelier. Ein Blatt brachte ein Foto des Ladens und das Bild des Ermordeten.

Kelly pfiff durch die Zähne, als er den Bericht eines Kriminalreporters las. Der Mann war zu der Ansicht gekommen, dass sich drei Überfälle dieser Art, die in letzter Zeit verübt worden waren, aufs Haar glichen und auf ein und denselben Täter schließen ließen.

Der Mörder grinste. Nicht schlecht kombiniert, musste er zugeben. Aber miserabel informiert. Es waren nicht nur drei, sondern fünf Coups dieser Art, die auf sein Konto gingen.

Trotter ließ die Zeitung sinken. Der gestrige Fischzug hatte ihm genügend eingebracht, um einige Wochen faule Pause zu machen. Bis dahin würde einiges Gras über die Sache gewachsen sein.

Aber er hatte die Rechnung ohne einen anderen gemacht. In diesem Augenblick rasselte das Telefon. Kelly ließ die Zeitungen einfach auf den Boden flattern und ging an den Apparat. Sein Gesicht nahm plötzlich einen besorgten Ausdruck an. Die Stimme des Anrufers war alles andere als Musik für seine Ohren.

„Ich sah dich gestern Abend zufällig in der Caton Avenue“, sagte der Anrufer gelassen. „War das Geschäft gut?“

Der Killer schluckte.

„Wovon, zum Teufel, reden Sie?“, stellte er sich dumm. „Wer sind Sie überhaupt?“

Der Anrufer lachte spöttisch.

„Stell dich nicht dümmer als du bist, Kelly“, sagte er. „Du weißt genau, wer ich bin.“

Er wusste es nur zu genau. Insgeheim hatte er immer befürchtet, dass dieser Mensch sich eines Tages melden würde. Jetzt war es soweit.

„Also schön“, sagte Kelly schließlich. „Was willst du von mir?“

„Um es ganz deutlich zu machen, Kelty“, sagte der Anrufer nicht ohne Schärfe, „ich könnte der Polizei einen Tipp geben und eine saftige Kopfprämie kassieren.“

„Wofür denn?“, krächzte Kelly heiser. „Du willst mich nur mit einem billigen Bluff aufs Kreuz legen!“

„Hab ich das nötig, Kelly?“, kam es gelassen zurück. „Du solltest mich besser kennen.“

„Willst du mich erpressen?“

„Du sagst es!“, kam es gletscherkalt zurück.

Kelly schluckte. Die Aussicht, mit einem stillen Teilhaber teilen zu müssen, missfiel ihm gründlich.

„Wieviel?“, fragte er heiser. Der andere lachte erneut sein überlegenes Lachen.

„Deinen Kies will ich nicht“, versicherte er. „Aber ich brauche einen Burschen wie dich in meinen Reihen. Hast du das, mein Goldjunge?“

Kelly atmete verstohlen auf.

„Soll ich vielleicht dein Vermögen verwalten?“, fragte er, und seine Stimme klang wieder normal. Der Anrufer war offenbar ein humorloser Mensch. Er ging nicht auf Kellys Witzchen ein.

„Gehst du heute auf Reisen?“, wollte er wissen.

„Ja, ich habe in Greenwich Village zu tun.“

„Okay, dann treffen wir uns um elf im Lion-Restaurant in der neunten Straße. Hast du das?“

„Einverstanden“, gab Kelly zurück und legte auf.

Pünktlich wie jeden Morgen verließ Kelly Trotter um acht Uhr dreißig das Haus in der Fletcher Avenue. Und wie jeden Tag traf er Mrs. Tubman samt Pudel im Garten. Sie lächelte ihn freundlich an, und er lächelte freundlich zurück, obwohl er sie nicht ausstehen konnte und insgeheim mit den unfreundlichsten Namen belegte.

„Wird ein schöner Tag werden, Mr. Trotter“, sagte sie und blickte zum wolkenlosen Himmel. „Ich wünsche Ihnen gute Geschäfte.“

„Danke, Mrs. Tubman. Ja, das Wetter wird gut.“

Trotter stieg in seinen Chevy und fuhr davon. Ein Handelsvertreter wie tausend andere, ein Nachbar wie alle anderen. Ein freundlicher Mann, der seinen Geschäften nachging. In Wirklichkeit eine Bestie, wie es sie unter zehn Millionen nur einmal gibt.

Aber wem steht das Kainszeichen schon auf die Stirn geschrieben?

Das Gespräch fand pünktlich um elf Uhr in Lion’s Restaurant in Greenwich Village statt. Trotter trank ein Bier. Sein Partner hatte ein Glas Martini vor sich stehen. Sie hatten sich nicht lange mit der Vorrede aufgehalten. Die Situation war klar, der Partner war der Chef.

„Aufs Wort wirst du tun, was ich sage, Trotter. Aufs Wort.“

Kelly Trotter nickte ergeben.

„Kannst du dir überhaupt den Betrag von sechs Millionen Dollar vorstellen, du hausbackener kleiner Ganove? Oder fünf oder sieben?“

Es hob Trotter fast vom Stuhl. Beträge dieser Größenordnung hatte er höchstens einmal im Wirtschaftsteil seiner Zeitungen gedruckt gesehen.

„Du meinst, wird könnten von einem solchen Betrag etwas für uns abzweigen?“, murmelte Trotter. Sein Partner lachte spöttisch und überlegen wie immer.

„Abzweigen? Sobald sechs Nullen im Spiel sind, wird nichts abgezweigt, sondern zugegriffen.“

Der Partner nippte an seinem Martini.

„Wo soll denn das viele schöne Geld herkommen?“, flüsterte Trotter.

„Du wirst es rechtzeitig erfahren. Sobald ...“

„Sobald?“, drängte Trotter.

Der andere machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Nichts. Erledigt.“ Man durfte dem Ganoven nicht zu viel sagen.

„Kommen wir zur Sache, Trotter. Hast du Geld?“

„Wozu?“

„Wir brauchen Startkapital. Rund 3000 Dollar von dir, den gleichen Betrag von mir. Das wird genügen. Hast du so viel?“

Trotter nickte. Er grinste sogar.

„Seit gestern stimmt die Kasse wieder.“

„Gut. Du wirst folgendes tun ...“

Der Partner hatte eine ganze Liste von Wünschen. Trotter schwirrte nach zehn Minuten schon der Kopf. Aber das war erst der Anfang. Als Trotter um zwölf Uhr das Lokal verließ, glaubte er, in einem Kettenkarussell zu sitzen, das sich mit rasender Geschwindigkeit drehte.

Sechs Millionen Dollar - ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger. Es würde der Coup des Jahres werden. Und er war daran beteiligt.

„He, Mann, passen Sie doch auf!“

Die Stimme war rau. Sie gehörte einem Arbeiter, der einen Stapel Kartons balancierte. Trotter war gegen den Mann gelaufen. Der Turmbau schwankte. Trotter murmelte eine flüchtige Entschuldigung und hockte sich in sein Auto.

„Vernachlässige deinen Job nicht!“, hatte der Partner gesagt. „Bereite die Nachbarn vor! Gründe einen Verein oder so was. Es wird viel Trubel geben bei dir draußen. Halt dich gut mit den Leuten. Du hast viel Zeit, Trotter.“

Zeit. Ja, drei Monate. Und doch war das nur eine kleine Zeitspanne für den Wust von Vorbereitungen. In den folgenden Wochen wurde Trotter zur Spinne im Netz. Er begann Fäden zu ziehen und zu ordnen. Er verbrauchte den größten Teil des Kapitals.

Der Kontakt zu seinem Partner war nur lose. Manchmal ein Telefonat, zwei oder drei Treffen.

Dann kam der Brief mit den Fotos, und wenige Stunden später der Anruf.

„Du hast die Bilder, Trotter?“

„Ja. Sieht harmlos aus.“

Wieder das spöttische Lachen.

„Er ist nur ein Rädchen. Ein winziges Rädchen. Aber es darf nicht versagen, verstehst du, Trotter?“

Trotter verstand.

„Er heißt Chris Henderson und arbeitete bei Young and Rubicam in der Madison Avenue. Er geht jeden Freitagabend zu Fuß durch die Stadt und macht auf dem Heimweg Einkäufe in der Fifth Avenue. Morgen ist Freitag, Trotter.“

 

 

3. Kapitel

„Schluss für heute!“

Chris Henderson schloss die Schublade seines Schreibtisches ab.

„Was Besonderes vor am Wochenende, alter Junge?“

Das war Duke Chandler. Sein Schreibtisch stand Chris Hendersons Pult gegenüber. Duke grinste anzüglich.

„Vielleicht“, sagte Chris.

„Immer noch Tamara?“

„Immer noch.“

Duke Chandler schlug dem Kollegen auf die Schulter.

„Sieht langsam nach lebenslänglich aus. Schöne Grüße auch.“

„Danke.“

Chris Henderson verließ das Büro. Draußen war es schon dunkel. Ein Sturm peitschte über New York hinweg. Aber Chris Henderson pfiff auf das Wetter. Er war jung und unbekümmert. Und in Tamaras Gesellschaft würde selbst der Weltuntergang noch zu einem vergnüglichen Schauspiel werden. An der Garderobe schlüpfte Chris in den Mantel und setzte den Hut auf. Mit dem Lift fuhr er nach unten Der Wind fegte durch die Straßen. Chris war froh, die Wochenendeinkäufe erledigt zu haben. Nur bei Weber und Heilbroner wollte er noch mal hereinschauen: Gestern Abend war er mit Tamara vorbeigekommen. Sie hatte die blaurote Krawatte bewundert. Er wollte sie kaufen und heute Abend schon tragen. Der Wind wurde stärker. Chris Henderson zog den Hut tiefer in die Stirn. Er lief schneller.

Man kann Sparsamkeit auch übertreiben, fand er nach zehn Minuten und schaute sich suchend um. Irgendwo musste es doch ein freies Taxi geben. Natürlich gab es keines. Chris Henderson lief weiter.

 

*

 

Das Taxi schob sich langsam die Fifth Avenue hinunter. Die Wischer schnalzten im Takt von links nach rechts. Sie hatten Mühe, den Schneematsch von der Windschutzscheibe zu fegen. Die nassen Flocken fegten fast waagerecht durch die Luft. Selbst in dem geheizten Wagen fröstelte Kelly Trotter. Für sein Vorhaben war das jedoch genau das richtige Wetter.

Er wischte die beschlagene Scheibe mit der Hand frei. Wenn seine Berechnung stimmte, musste der andere jetzt bald auftauchen.

„Da ist er“, stieß er wenig später hervor.

Der Fahrer nickte. Er war ein vierschrötiger Bursche mit einem Stiernacken. Einer von der Sorte, an denen das Publikum bei CatcherVeranstaltungen seine Freude hat.

„Schon gesehen“, grunzte er nach hinten.

Das Opfer war ein junger Mann in einem hellen Mantel. Den Hut hatte er tief in die Stirn gezogen. Er stemmte sich gegen den Wind. Mit der rechten Hand hielt er die Hutkrempe fest.

Das Opfer hieß Chris Henderson.

Das Taxi rollte an den Randstein. Der Fahrer kurbelte das Fenster herunter.

„Hab frei, Mister!“, rief er.

Drei oder vier Leute auf dem breiten Gehweg der Fifth Avenue hörten den Ruf. Sie blieben stehen und blickten zu dem gelben Dodge. Ein Taxi war ein Geschenk des Himmels.

Das dachte auch Chris Henderson. Er war dem Wagen am nächsten und erreichte ihn als Erster.

Der Fahrer stieß die Tür auf, der junge Mann ließ sich in das verschmutzte Polster fallen.

„Mann, Sie kommen wie gerufen!“, freute sich Chris Henderson. Er wusste nicht, dass er damit den Nagel auf den Kopf traf.

„Man tut, was man kann, Mister“, gab der Fahrer mit dem Stiernacken zurück. „Ich denke, der Gentleman da hinten stört Sie nicht. Wissen Sie, bei dem Wetter ...“

Natürlich. Da tat man sich zusammen. Chris Henderson schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Der Fahrer gab ihm Feuer.

„41. Straße Ost“, sagte Chris.

„41. Straße Ost“, wiederholte der Fahrer und gab ein bisschen mehr Gas.

Chris Henderson paffte vergnügt vor sich hin. Er hatte die Krawatte und würde pünktlich nach Hause kommen. Dann dachte er nur noch an Tamara.

Das war sein Fehler.

Erst im Verkehrsgewühl vor dem Grand Central bemerkte Chris, dass der Fahrer die Richtung geändert hatte. Statt nach Süden fuhr er nach Osten. Chris drehte sich nach hinten.

„Wo wollen Sie ’raus, Mister?“

„Noch ein Stückchen weiter“, antwortete Trotter gleichmütig.

Der gelbe Dodge erreichte den East River. Jetzt muss er nach rechts abbiegen, auf den Franklin D. Roosevelt Drive, dachte Chris Henderson. Er war noch immer sorglos. Aber der Fahrer fädelte den Dodge so ein, dass er auf die Nordfahrbahn des Drive kommen musste.

Chris Henderson wurde ärgerlich.

„Setzen Sie mich an der nächsten Rampe ab, wenn Sie nichts Besseres im Sinn haben, als in der Gegend herumzukutschieren. Und den Spaß zahle ich auch nicht, verstanden?“ Chris deutete auf den laufenden Taxameter.

„Niemand verlangt, dass Sie zahlen, Henderson“, sagte Trotter von hinten.

Der Fahrer steuerte ein krächzendes Lachen bei.

Der Groschen fiel mit einiger Verzögerung.

Chris wandte sich um.

„Sagten Sie Henderson? Woher kennen Sie mich? Und was soll das bedeuten?“

„Nichts, wenn Sie friedlich sind, Chris Henderson. Nichts.“

Was hier vorging, war für Chris unbegreiflich. Er wischte sich über die Stirn. Die Luft im Auto war feucht und warm. Sie machte das Atmen schwer.

„Sie sind verrückt!“, stieß Chris hervor. „Halten Sie sofort an!“, befahl er dem Fahrer.

Aber der blickte nur stur nach vorn. Er dachte nicht daran, den Fuß vom Gas zu nehmen.

Kidnapping?, dachte Chris. Aber doch nicht mit ihm. Er war ein durchschnittlich bezahlter Angestellter in einer großen Werbeagentur.

„Anhalten!“, schrie er. „Sofort stoppen!“

Im nächsten Augenblick spürte Chris Henderson ein kaltes Stück Metall im Nacken.

„Schnauze halten, sonst knallt’s!“, sagte Trotter eisig.

Im Zeitlupentempo drehte Chris Henderson sich um. Er schluckte. Das Licht im Wageninnern war schlecht, aber immer noch gut genug, um zu erkennen, was der dritte Mann in den Händen hielt. Eine Pistole.

„Das ist Wahnsinn!“, stammelte Chris. „Was wollen Sie von mir? Das muss ein Irrtum sein.“

Trotter lachte trocken.

„Nicht, wenn Sie Chris Henderson sind, geboren am 4. Mai 1944 in Niagara Falls, Angestellter bei Young and Rubicam, wohnhaft 41. Straße Ost, Absolvent der Columbia Universität und Mitglieder der Rugby-Mannschaft des College.“

Es war zum Verrücktwerden. Der Mann wusste von ihm so gut wie alles.

Noch immer fuhr der Wagen nach Norden. Ein gelber Dodge, ein Taxi wie 30 000 andere in New York. Bis zur 125. Straße blieb der Dodge auf dem Roosevelt Drive, dann wechselte er hinüber zur Triboro Bridge. Dort musste Zoll bezahlt werden. Dort waren Leute der New York Port Authority. Diese Behörde hatte sogar ihre eigene Polizei.

Chris Henderson fügte sich scheinbar in sein Schicksal.

Der Wagen rollte die Rampe hinauf. Die Bogenlampen über den Zollhäusern verbreiteten fahles gelbes Licht. Der Betrieb war stark. Viel stärker, als Chris Henderson zu hoffen gewagt hatte. Ihr Auto musste stoppen. Obwohl alle drei Schranken besetzt waren, ging es nur ruckweise voran.

Der Fahrer griff in den Handschuhkasten und fischte eine durchsichtige Zellophanhülle heraus.

Es war ein Jahresausweis für diese Brücke. Chris Henderson wusste, dass der Fahrer nur den Ausweis zum Fenster hinaushalten würde. Er brauchte nicht einmal zu stoppen.

Seine rechte Hand tastete zum Türgriff. Weder der Fahrer nach Kelly Trotter auf dem Rücksitz achteten darauf. Ganz langsam drückte Chris den Hebel unter dem Türgriff nach oben. Doch er stieß auf Widerstand. Der Hebel legte nur den halben Weg zurück. Chris fühlte eine Eiseskälte von den Beinen aufsteigen. Der Wagen besaß eine Zentralverriegelung.

Jetzt waren nur noch zwei Wagen vor ihnen. Sie erreichten den Lichtkreis der Lampen. Chris Henderson tastete nach der Fensterkurbel. In diesem Augenblick schlug Kelly Trotter zu. Chris fühlte nur etwas dumpf an seinem Hinterkopf explodieren, die gelben Lampen schwammen in einem Meer von Schneeflocken davon. Er sackte im Polster in sich zusammen.

Noch ein Wagen zwischen dem Dodge und der Zahlschranke, dann war der Dodge an der Reihe.

Der Mann von der Port Authority sah nicht einmal auf den Ausweis. Er winkte nur lässig mit der Hand. In den Wagen selbst warf er keinen Blick. Und wenn er es getan hätte, so hätte er allenfalls einen schlafenden Fahrgast entdeckt. Einen Mann, der zu Beginn des Wochenendes zu tief ins Glas geblickt hatte.

„Okay“, brummte Trotter, als sie die Schranke passiert hatten. „Leg einen Zahn zu, aber nicht schneller, als die Cops erlauben!“

„Bin doch kein Anfänger“, grunzte der Kerl mit dem Stiernacken. Nein, keiner von ihnen war ein Anfänger.

 

*

 

Chris Henderson besaß einen sportlich gestählten Körper. In der Collegemannschaft galt er als der härteste Runner. Außerdem besaß er die Unverbrauchtheit der Jugend. Die Betäubung hielt nicht lange an. Zuerst waren rote Nebel da, dann gelbe Schleier. Das Gelb wurde intensiver, bis es zum hellen Lichtschein einer mehrflammigen Deckenkrone wurde. Der Schein schmerzte zuerst in den Augen. Nur allmählich wurde es erträglich. Chris spürte außerdem ein Hämmern im Hinterkopf. Als ob jemand mit einem Schlagbohrer darin arbeite.

Er sah sich um. Er lag auf einem Ledersofa in einem gemütlich eingerichteten Zimmer. Die Schränke auf beiden Seiten waren aus dunklem Holz, in der Mitte gab es eine Sitzgarnitur. Der Boden war mit einem dicken Teppich belegt. Wäre er nicht zusammengeschlagen worden, hätte er angenommen, im Wohnzimmer eines auf Behaglichkeit bedachten Landpfarrers zu sein.

Dann sah er den Kerl mit dem Stiernacken wieder. Der hockte in der Ecke auf einer Art Kamelsattel und döste vor sich hin. Die Erinnerung an die Brücke kehrte zurück. Sie hatten ihn einfach ausgeschaltet. Zugleich begriff Chris Henderson seine Ohnmacht diesen Leuten gegenüber.

Er richtete sich auf und blickte auf die Uhr. Gleich 20 Uhr. Um 20 Uhr war er mit Tamara verabredet gewesen. Sie würde sich um ihn sorgen. Sie würde nach ihm suchen, wenn sie ihn nicht fand, zur Polizei gehen.

Zum ersten Mal, seit Chris Henderson in den Lauf der Pistole gesehen hatte, lächelte er. Denn es war absurd, anzunehmen, dass ein harmloser Bürger schlagartig verschwinden konnte.

„Wenn er gut ist, lass ihn ’raus!“, grunzte der Kerl in der Ecke.

Chris blickte den Burschen verständnislos an.

„Na, der Witz, an den du gerade gedacht hast“, sagte der Kerl. „Und weil wir gerade dabei sind: Du darfst dich hier im Zimmer frei bewegen. Wenn du versuchst, zu türmen, knallt es. Das hier ist kein Kino.“ Er legte die Zeitung zur Seite. Chris sah die Waffe in seinem Hosenbund. Ein 38er Colt mit langem Lauf.

Er stand auf und ging ein paar Schritte auf und ab. Das Hämmern im Hinterkopf ließ nach und verschwand schließlich. Der Kerl in der Ecke machte keine Anstalten, ihn festzuhalten. Aber er verfolgte jede seiner Bewegungen mit wachsamen Blicken.

Chris lief zur Tür. Hier erlebte er die nächste Überraschung. Die Tür besaß keine Klinke. Man konnte sie nur von außen öffnen. Chris ging zu den Fenstern. Er riss die dicken rostbraunen Vorhänge zur Seite. Von außen waren schwere Jalousien herabgelassen.

Der Kerl in der Ecke lachte gehässig.

„Der Chef denkt an alles. Merk dir das! Wenn du dich anständig benimmst, darfst du vielleicht mal wieder gehen. Da hinten steht was zu lesen.“ Der Kerl deutete auf einen der beiden Schränke. Hinter gefärbtem Glas sah Chris einige Buchrücken. Er öffnete den Schrank und fischte einen Band heraus. Der Titel des Buches schien ihn zu verhöhnen. Er hatte „Die wehrlose Gesellschaft“ von Vance Packard herausgegriffen.

Details

Seiten
123
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930276
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Juli)
Schlagworte
bount reiniger entführung york detectives

Autor

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Titel: Bount Reiniger und die Entführung: N.Y.D. – New York Detectives