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REDLIGHT STREET #50: Heiße Liebe im Eros-Bus

2019 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Heiße Liebe im Eros-Bus

Copyright

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Heiße Liebe im Eros-Bus

REDLIGHT STREET #50

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

 

Der Stadtrat hatte beschlossen, dass das Bordell zu schließen ist. Das bedeutet für die drei Dirnen, Philippine, Flora und Kunigunde, wieder auf den Straßenstrich zu gehen. Für sie ist es besonders schlimm, weil der Winter vor der Tür steht.

Da taucht plötzlich Fred auf, und der hat eine grandiose Idee ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Die Dirne trippelte die Straße hinunter. Es war ihr allabendlicher Gang, und sie kannte ihn schon auswendig. Heute war sie ganz in Gedanken und zugleich schlechter Laune. So übersah sie den kleinen dunklen Fleck auf dem Bürgersteig. Als sie ihn gewahrte, war es auch schon zu spät. Wenige Augenblicke später landete sie bäuchlings auf dem Bürgersteig. Vor Schreck wusste sie erst gar nicht, was los war. Fast wäre sie mit dem Kopf gegen den Laternenpfahl gefallen.

»Da soll doch einer«, fluchte sie sogleich laut vor sich hin. Im ersten Augenblick glaubte sie an einen heimtückischen Überfall. Aber es regte sich nichts. Dann entdeckte sie auch die Ursache: eine kleine vereiste Pfütze.

»Herrje, ich hab gar nicht gemerkt, dass es schon wieder so kalt ist!«

Während sie weiter vor sich hin schimpfte, rappelte sie sich wieder auf. Humpelte in den Schein der Laterne und besah sich die lädierten Stellen.

»Hab ich es mir doch gedacht«, räsonierte sie ärgerlich. »Meine schönen Netzstrümpfe, Mensch, wenn man da vielleicht nicht wütend werden soll. Und meine Butterballen sind auch eingedrückt. Bestimmt gibt das ein paar blaue Flecken.« Damit rieb sie intensiv ihr größtes Kapital, mit einem Wort, ihren wundervollen Busen.

Dirnen haben nun mal ihre eigenen Ausdrücke für bestimmte Dinge. In der Regel treffen sie sogar den Nagel auf den Kopf.

»Jetzt kann ich nicht mehr zurück. Mensch, bin ich mies, das fängt ja schon gut an.«

Mit spitzen Fingern zupfte sie das superkurze Röckchen zurecht und ging dann griesgrämig wieder weiter. Die weißen Stiefelchen klapperten laut und hart durch die stille Straße. Aber hier wohnte ja keiner mehr, also konnte sich auch niemand darüber aufregen.

Dann war die Straße zu Ende, und sie blieb abermals stehen, warf einen wütenden Blick auf ein dunkles Haus. Es war nicht mehr bewohnt. Sie konnte sich selbst nicht erklären, weshalb sie heute auf alles ärgerlich war. Mit einem Ruck drehte sich das Mädchen herum und ging in die kleine Seitengasse. Dann entdeckte sie auch die ersten Kolleginnen. Sie waren also noch früher als sie an Ort und Stelle gewesen. Sie wurde aber schon wieder friedlicher, als sie sah, dass sie schon ganz schön mit den Zähnen klapperten.

»Na, konntet ihr mal wieder nicht den Hals voll bekommen?«, fragte sie hämisch.

Flora riss für ein paar Sekunden ihre Schlafzimmeraugen auf und sah sie verächtlich an.

»Musst du gleich so blöde kommen? Mensch, gib mir lieber eine Fluppe!«

»Kein Freier weit und breit, und ihr steht hier schon. Ihr seid wirklich verrückt.«

»Wir haben keine Kohlen mehr, verstanden?«

»Man muss rechtzeitig bunkern, dann passiert einem so was nicht. Nee, so blöde bin ich nicht.«

»Halt keine Predigten, die kenn ich alle auswendig. Hast du vielleicht einen Flachmann mitgebracht?« Das war Kunigunde. Sie hieß wirklich so. Als sie das erste Mal in die Straße gekommen war und sich vorgestellt hatte, da hatten sie alle fast einen Lachkrampf bekommen.

»Sag mal, ist dir nichts Besseres eingefallen?«

»Wieso?«

Bei Kunigunde dauerte es immer etwas länger als bei anderen, bis sie etwas begriff.

»Es gibt doch ’ne Menge feiner Namen, ehrlich.«

»Wenn meine Alte mir aber so einen blöden verpasst hat!«

»Was? Den haste dir nicht ausgesucht?«

»Nä! Warum sollte ich denn auch?«

»Haste noch nie was davon gehört, dass man sich klangvolle Namen geben kann?«

»Nä!«

»Und du meinst, damit kannst du einen Freier aufreißen? Der denkt doch gleich an Berge, Hintertupfingen und all den Kram!«

Kunigunde feixte sie an.

»Meine Alte, die hat doch mit so einem Jodler was gehabt. Ehrlich, das soll ein ganz gestandenes Mannsbild gewesen sein. Tja, und aus alter Anhänglichkeit, und weil sie halt gedacht hat, der kommt bestimmt wieder, da hat sie mich so genannt. Weißte, der sollte sich echt darüber freuen. So als Überraschung war das gedacht.«

»Kannst ja noch froh sein, dass du nicht Maxi oder Oskar heißt, denn so heißen doch meistens die Jodler aus dem Gebirge.«

»Nä, weiß ich doch nicht.«

»Wieso?«, hatte Flora verblüfft gefragt. »Wieso weißt du das nicht?«

Kunigunde hatte fast einen Heulkrampf bekommen.

»Kann ich denn was dafür, dass meine Alte so blöde ist.«

»Was hat sie denn verbrochen?«

»Sie hat ihn noch nicht mal nach seinem Namen gefragt!«

Helles Gelächter unter den Dirnen. Nein, wirklich, so viel Dummheit hatten sie schon lange nicht mehr erlebt.

»Also konnte sie ihm auch nix von der tollen Überraschung schreiben, wie?«

»Nä!«

»Mensch, das hätte sie sich doch an zwei Blusenknöpfen abzählen können, dass so einer nicht mehr freiwillig ins Flachland zurückkommt.«

»Hab ich mir auch gesagt und sie versucht zu beeinflussen. Aber nix da, sie ist auf und davon und ihn suchen.«

»Und wie weit ist sie gekommen?«

»Bis Augsburg!«

»Warum nicht weiter?«

»Dort hat sie einen neuen Lederhosenjonny aufgerissen. Anfangs war es die große Liebe, dann aber ...« Sie kniff plötzlich die Lippen zusammen.

»He, das gibt es nicht, an der spannendsten Stelle aufzuhören. Also, was ist dann weiter passiert?«

»Na ja, jetzt geht sie für ihn auf den Strich.«

Die beiden Dirnen sahen sich an. Sie wären bald vor Lachen geplatzt.

»O Göttchen, dann ist das bei dir also so etwas wie Vererbung?«

»Ja!«

Man hatte eine Weile geschwiegen. Irgendwie hatte ja jeder so sein Schicksal zu bewältigen. Und so gewaltig neu war diese Sache ja nun wirklich nicht. Sie kannten eine ganze Menge Mädchen, bei denen schon die Großmutter Strichkatze gewesen war. Man kannte es einfach nicht anders. Schlitterte einfach hinein, auch wenn man es zu Anfang eigentlich gar nicht wollte.

Nachdem alle längere Zeit geschwiegen hatten, meinte Flora: »Ich will dir mal was sagen, du brauchst aber trotzdem einen neuen Namen, ehrlich. Wir kennen uns mit dieser Stadt hier aus. Also, wenn du was Fremdländisches hast, dann sind sie richtig weg, verstehste?«

»Ich dachte, hier gibt es nur lauter Bauerntrampel. Ist ja nur ein kleines Nest.«

»Na ja, ein paar riechen schon nach Jauche, wenn sie zu uns kommen. Und Pranken haben die, ehrlich, blaue Flecke haste allemal.«

»Wie ist es mit Anastasia? Klingt fein russisch!«

Kunigunde dachte lange und gründlich nach. Sie runzelte dabei die Stirn, und man sah buchstäblich, wie es dahinter arbeitete.

»Nicht schlecht, also wirklich, finde ich fein.«

Kunigunde bekam noch mehr Ratschläge.

»Jetzt musste dich auch ein wenig auf russisch trimmen, verstehst du!«

»Klar!«

Am nächsten Abend nach dieser verheißungsvollen Namensgebung waren sie wieder beisammen. Wenig später sollte das russische Wesen um die Ecke kommen. Die beiden Gunstgewerblerinnen staunten nicht schlecht, ja, ihnen fielen fast vor Überraschung die Augen aus dem Kopf!

»He, was kommt denn da für eine Vogelscheuche?«

Sie tänzelte näher.

»Schick, nicht?«

»Kannst du erkennen, wer das ist?«

»Klar, Kunigunde ist das!«

»Sag mal, bist du besoffen?«

»Nä, aber ihr habt doch gesagt, ich soll mich anders anziehen, dem Namen entsprechend.«

»In dem Tüddelkram willst du hier als Russin auftauchen?«

»Wieso Russin?«, echote sie. Die beiden Dirnen sahen sie kopfschüttelnd an.

»Ja, zum Teufel, jetzt sag bloß nicht, du hast es wieder vergessen?«

»Ja«, sagte sie kleinlaut. »Wenn ich ehrlich sein soll, ja. Ich hab verdammt lange nachgedacht, ich wusste nur, es war irgendein kaltes Land, darum hab ich mir diese Stiefel besorgt, ja, und dann wusste ich nicht weiter.«

Weil sie noch neu war, beschlossen die Dirnen ihr gegenüber nachsichtig zu sein, und gaben ihr einen anderen Namen. Denn die Freier kamen nicht so zahlreich in diesem kleinen Nest. Da musste man sich halt anders die Zeit vertreiben. Diesmal versuchte man es mit Frankreich. Das zog auch immer. Aber da kleidete sie sich wie eine Türkin. Als man Italien vorschlug, erschien sie als Schottin. Nach dem fünften Versuch gaben sie es auf, und sie blieb Kunigunde.

»Na ja«, seufzte die Stardirne. »Es kann halt nicht jeder so viel Glück haben wie ich.«

»Wieso das denn?«, wollte Kunigunde wissen.

»Nun ja, ich hab halt einen schönen Namen gleich zu Anfang erhalten. Meine Alte hat sich schon bestimmt gedacht, dass ich eines Tages mal hoch hinaus will.«

Die beiden Dirnen kicherten.

»Nutte, also, wenn du das ein hoch gestecktes Ziel nennst, na, ich weiß nicht.«

»Halte die Klappe«, sagte sie verächtlich. »Oder ich rede gar nicht mehr mit euch. Ich bin ja nicht solch blödes Kropfzeug wie ihr. Ich schaff es noch, wartet nur ab. Ich werd noch ein Starweib.«

Die beiden Dirnen ärgerten sich noch nicht mal darüber. In der Regel herrschte immer solch ein rüder Ton, wenn sie zusammen waren.

»Los, komm vom Bock wieder runter, sonst brichst du dir noch einen ab. Wir glauben dir ja alles!«

Eines hatte die Startülle zumindest damit erreicht: Kunigunde war jetzt mächtig neugierig geworden.

»So sag doch endlich deinen Namen!«

Flora grinste: »Es wird dich umhauen, ehrlich. Halt dich lieber an deiner Laterne fest!«

»Mach nicht immer solche Witze über mich.« Die Stardirne versuchte ein würdevolles Gesicht zu machen.

»Na, ich hab dich jedenfalls gewarnt.«

»Mein Name ist Philippine!«

Kunigunde sagte: »Hä?« Sie schluckte, starrte die andere mit offenem Mund an und schluckte noch einmal. Gleich darauf bekam sie einen fürchterlichen Hustenkrampf.

»Warum glaubst du mir nie?«, räsonierte Flora und klopfte ihr kräftig auf den Rücken.

Kunigunde ruderte mit den Armen durch die Luft.

»Ist das denn überhaupt ein Name?«

Philippine war tief beleidigt.

»Was willst du denn damit sagen?«, fauchte sie zurück.

»Na ja, ich mein ja man bloß, ich seh ja auch mal Fernsehen, weißte, und da haben die neulich den Namen genannt, etwas anders, aber fast so.«

Flora schlug sich vor Heiterkeit auf die Schenkel.

»Sie ist sogar gebildet, auch wenn sie nicht weiß, in welches Gehirnkästchen sie es stecken soll.«

Die Dirne Philippine wurde immer wütender. Das kümmerte Flora kein bisschen.

»Du bist eine Insel, hahahaha ...«

»Halt die Klappe, oder ich schlag dir ein paar Zähne ein, verstanden!«

»Mensch, kannste denn nicht mal einen Witz verstehen?«

»Nee, wenn er auf meine Kosten gemacht wird, dann schon gar nicht.«

Vielleicht hätten sie sich ernstlich gezankt, aber in diesem Augenblick erschien ein Auto.

Ein Freier!

Geld!

Abrupt brachen sie den Streit ab und bauten sich auf. Beinchen nach vorn, Röckchen noch ein wenig höher, einen sinnlichen Blick, die Lippen anfeuchten, lächeln ...

Das Auto fuhr noch langsamer.

 

2

Warum Philippine an diesem Abend an diese Begegnung denken musste, konnte sie sich zuerst auch nicht erklären. Das lag doch schon eine Weile zurück.

Halt, jetzt fiel es ihr wieder ein. Die Eispfütze, ja, und es würde jetzt bald Winter werden. Das waren die ersten kalten Nächte, ja, jetzt erinnerte sie sich noch recht gut. Sie hatten Kunigunde kennengelernt, als ihr Bordell gerade geschlossen worden war. Vorher hatten sie nämlich in einem Haus gearbeitet. Aber der Stadtrat hatte die Schließung der Bordells angeordnet.

Diese Mistböcke, dachte sie wütend, die haben Geld und einen schnellen Wagen, die fahren ja auch woanders hin, um ihr Vergnügen zu haben. Wahrscheinlich hat die Alte daheim ihnen so lange die Hölle heiß gemacht, bis sie nachgaben, um ihre Ruhe zu haben. Und wer muss das mal wieder ausbaden? Wir! Wir haben uns anständig aufgeführt, jawohl, wir sind nämlich auch anständig. Nun ja, unsere Luden haben hin und wieder Stunk gemacht, aber dafür konnten wir doch nix. Außerdem gibt es mit denen immer mal Ärger, ob wir nun in einem Haus sind oder hier draußen. Wieso sollen wir dafür büßen?

Im Sommer hab ich ja nix dagegen, da bin ich ja gern draußen. Man kriegt eine frische Gesichtsfarbe, und einen gesunden Appetit hat man anschließend auch. Aber im Winter?

»Sag mal, ist dir was über die Leber gelaufen? Du machst ja ein Gesicht! Oder wartest du auf Dracula?«

Kunigunde kicherte.

»Das ist gut.«

»Mensch, die teuren Strümpfe, und wer bezahlt mir die jetzt, hä?« Sie erzählte nun, wie sie Bekanntschaft mit dem Bürgersteig gemacht hatte.

Flora grinste und sagte: »Da pass aber schön auf, unter deiner Laterne ist noch so ein Ding!«

»Was?«

Sie starrte nach unten. Da war doch tatsächlich so ein verräterischer Eisglanz! Voller Wut trat sie darauf herum. Und es zersprang auch gleich in viele kleine Stückchen. Darunter erschien das blanke Wasser.

»Also doch noch nicht so kalt«, sagte Kunigunde.

Philippine hatte hochhackige Stiefel an, daher machte es ihr nichts aus, in der Pfütze zu stehen. Denn wenn sie sich daneben stellte, wurde sie nicht mehr schön angeschienen, dann konnte man auch ihren feinen Busen und die Beine nicht so gut sehen.

»Wir gehen einer trostlosen Zeit entgegen! Ich kaufe mir bald einen Pelz, der muss bis unten hin gehen«, sagte sie ärgerlich.

Kunigunde war nun doch ein wenig heller.

»Da sieht man mal wieder, dass ihr noch keinen Winter draußen gestanden habt.«

»Wieso?«

»Glaubt ihr, damit könnt ihr einen Kunden aufreißen? Nee, wenn es richtig knackig kalt ist, dann musste kommen in Stiefelchen, kurzem Röckchen, kleinem Lederjäckchen, Wuschelhaare unter einem schicken Mützchen.«

»Bist du verrückt, sollen mir vielleicht meine edelsten Teile einfrieren?«

»Eine Nutte friert nicht!«

»Hast du eine Ahnung, schon jetzt klappern mir die Zähne!«

»So meine ich das doch nicht, Mensch. Dass du frierst, das weiß ich doch. Aber der Freier, weißte, der wird ganz wild, wenn er dich so leicht bekleidet sieht. Sitzt da in seinem warmen Auto, kommt hier vorbei und sieht uns da stehen. Ich sag dir, das reißt ihn hoch, denn er glaubt doch sofort, wir seien so scharf, dass uns die Kälte nichts ausmacht. Du wirst es nicht glauben, aber im Winter, da hab ich immer den meisten Zaster gemacht.«

Die anderen beiden Dirnen wollten das nicht so recht glauben.

»Und musste da keine aufgetaut werden? Ich meine, mit so einem Schweißbrenner, oder wenn der Alte sie abgeholt hat, musste er sie dann nicht wie ein steifes Brett forttragen?«

»Quatsch, bist ja immer wieder im warmen Wagen, musst es hinziehen, verstehst du! Taust ja zwischendurch immer wieder auf, ja, und dann musste dir einen Flachmann mitnehmen, der wärmt von innen.«

Die beiden Dirnen blickten sie skeptisch von der Seite an.

»Wer das glaubt, der wird selig!«, murmelten sie.

»Ihr tut wirklich so, als wärt ihr Neulinge«, sagte Kunigunde verblüfft.

»Sind wir auch, ich meine, hier auf der Straßenanschaffe und so. Ich kann dir sagen, das stinkt mir, weißte.«

»Wieso? Habt ihr früher in einer anderen Stadt gestanden?«

»Quatsch, wir hatten hier ein mächtig feines Haus, kann ich dir sagen.«

»Ihr wollt mich wohl auf den Arm nehmen, wie? Als ich mit Jaspers hierherkam, da hat man uns gleich gesagt, einen Silo gibt es nicht.«

»Du hörst wohl nie richtig hin, wenn man dir was sagt, wie?«

»Wie meinste das denn schon wieder?«

Flora seufzte.

»Du bist wirklich anstrengend. Ich hab gesagt, hatten, verstanden, hatten! Das war einmal. Dann kamen die Bullen und haben es geschlossen.«

»Mensch, warum das denn?«

»Hast du schon mal von den Bullen eine vernünftige Antwort bekommen?«

»Nä!«

»Also!«

»Mensch, ich hätte mich aber gewehrt.«

»Du wirst dich wundern«, presste Philippine zwischen den Zähnen hervor, »das haben wir auch gemacht. Es war schon so etwas wie ein kleiner Straßenkrieg. Aber hat uns nichts genützt, gar nichts.«

»Mist«, sagte Kunigunde. »Also, wenn ich ehrlich sein soll, wäre ich auch lieber in einem Haus. Und ich dachte, hier im Norden könnte man eine ruhige Kugel schieben.«

»Du wirst es nicht glauben, aber Kultur besitzen wir auch schon seit ein paar Wochen, und heiße Kämpfe haben wir uns hier auch schon geliefert.«

»Ja, ja, die Bayern, die glauben noch immer, sie allein hätten die Weisheit mit dem Löffel gefressen.«

»Ja, wo ihre Grenze aufhört, da glaubt so manch einer, es wäre alles noch unfruchtbares Land, das man roden muss.«

»Selbst die Römer waren nicht so stinkdoof wie ihr!«

»Na, so hab ich es doch auch wieder nicht gemeint.«

»Kinder, streiten wir uns nicht. Ich glaub, meine müden Augen sichten da unten einen Wagen.«

»Ehrlich? Jetzt müssen wir nur noch zusehen, dass uns die Lustschlampen da unten nicht die Freier madig machen.«

»Das sind doch alles nur Drei-Minuten-Girls«, kicherte Flora. »Wenn die Kerle die erst mal aus der Nähe sehen, dann laufen die schon von allein nach hier oben.«

Sie fühlten sich ganz große Klasse! Alle drei bauten sich auf. Natürlich wollte sich jede den Mann unter den Nagel reißen. Wenn man sich erst einmal das Handgeld verdient hatte, lief die Sache schon. Fußgeld hieß die Einnahme vom zweiten Freier. Sie hatten ja alle ihre Freunde, für die sie anschaffen gingen, und die verbrauchten nun mal eine ganze Menge Geld.

Flora stand ziemlich nah am Rinnstein, hoffte also, zuerst gesehen zu werden. Auf wen der Freier sein Auge warf, der durfte dann näherkommen und mit ihm verhandeln. Aber Philippine passte das gar nicht.

»He, bleib bloß vom Rinnstein fort, verstanden! So haben wir nicht gewettet.«

Sie wollte ihrer Aufforderung drastisch Nachdruck verleihen und Flora zurückreißen. Aber in dem Augenblick, als sie nach vorn springen wollte, klappte das nicht. Mit einem Wort, sie schien tatsächlich auf der Straße angeklebt zu sein. Mit weit aufgerissenen Augen stand sie für Sekunden ganz reglos. Die beiden anderen Dirnen hielten den Atem an. Dann passierte es!

Die kleine Eisschicht, die sich inzwischen um Philippines Stiefel gebildet hatte, krachte mit einem Ruck auf, und weil sie noch so in Schwung war, also nicht mehr damit hechtete, dass sie jetzt keinen Widerstand mehr überwunden musste, fiel sie heute zum zweiten Mal im hohen Bogen auf den Bürgersteig. Wie ein dicker, überfressener Vogel segelte der Buko durch die Luft und landete genau auf dem Dach des Autos. Es gab einen lauten Knall. Die Tasche blieb auf dem Wagendach liegen. Kein Wunder, dass der Mann sich aufregte. Er war noch nie so schnell aus seinem Wagen herausgekommen.

»Welche verdammte Hure schmeißt denn hier mit Steinen, verflucht noch mal!« Vor Wut lief er rot an. Aber eigentlich hätte er das nicht sagen dürfen! Hure, und dann noch verdammte!

Philippine lag noch immer am Boden, jammerte und betastete ihre Rippen. Sie schienen tatsächlich noch alle heil zu sein.

»Was haste gesagt?«

Kunigunde war nicht nur mit einem strammen Busen gesegnet, sie hatte ebensolche stramme Oberarme und schöne starke Beine. Sie kam langsam näher. Ihre Augen funkelten wie die eines gereizten Bullen. Der Freier stand noch immer ganz verdutzt da und stierte auf die kleine schwarze Tasche mit den Eisenbeschlägen. Es war also gar kein Stein. Jetzt erkannte er die Gefahr, sah die drohende Haltung der Dirnen. Es überlief ihn eiskalt.

Liebesgelüste verspürte er schon längst nicht mehr. Denn er war ein Typ, dem sein Auto über alles ging, sogar über seine Familie. Der Wagen musste immer glänzen, kein Stäubchen durfte darauf zu sehen sein. Und nun waren womöglich sogar Kratzer im Lack!

»Ja, aber ...«, stammelte er.

Kunigunde hatte jetzt den Wagen umrundet. Flora aber war auch nicht untätig gewesen. Sie hatte sich ganz fix den rechten Schuh ausgezogen und humpelte jetzt hinter Kunigunde her als Hilfskraft für eine zünftige Schlägerei.

»Nimm das sofort zurück!«, fuhr Kunigunde ihn an, »oder ich mach aus deinen Knochen Erbspüree, verstanden?«

Der Mann schluckte.

»Ja, ja«, jammerte er. »War ja nicht so gemeint, aber ... mein schönes Auto!«

Kunigunde holte die Tasche vom Wagendach herunter, stemmte die Arme in die Seiten.

»Gib ihm eins!«, feuerte Flora sie an. »Los, worauf wartest du denn noch?«

Kunigunde verzog angeekelt das Gesicht.

»Mit so einem Gerippe geb ich mich doch nicht ab, da zerschinde ich mir ja nur die Pfoten. Mensch, Kerlchen, zieh Leine, bevor sich meine Freundin vergisst! Die steht auf Blut, musst du nämlich wissen. Die ist frisch aus dem Knast, drei hat sie schon auf den Friedhof gebracht. Die hat eine ganz feine Masche dafür!«

Ach du liebe Güte, das kleine Männchen glaubte den Eckennymphen wirklich alles. Er krabbelte im Rekordtempo in das Auto und fegte wie noch nie davon. Kunigunde schlug sich auf die kräftigen Schenkel und lachte wie verrückt.

»Das haut mich um, ach Göttchen, das haut mich noch um, ehrlich.«

Flora war sichtlich enttäuscht.

»Warum hast du ihm denn nicht eins über den Schädel gebraten, Kunigunde? Ich war so schön in Fahrt, du, ich hätte dich auch nicht im Stich gelassen. Warum haste das denn von mir gesagt? Das stimmt doch gar nicht.«

»Nee, aber weißte, ich hab halt so viel Kräfte, und ich darf einfach nicht zornig werden, hat mein Doktorchen mir gesagt. Dann weiß ich einfach nicht mehr, was ich tue. Er hat gesagt, ich dürfe mich nicht mehr an Menschen vergreifen.«

Flora hüpfte noch immer auf einem Bein hin und her und sah sie sprachlos an.

»Was willste denn damit sagen?«

»§51, schon mal was davon gehört?«

Flora wackelte mit den Wimpern wie Schmetterlinge mit ihren Flügeln.

»Verflixt, warum hilft mir denn keiner auf, sonst friere ich noch der Länge nach an«, krakeelte Philippine da unten auf dem Bürgersteig.

»Los, schmeiß schon deine Figur in die Senkrechte!«, sagte Kunigunde und zog sie ganz unsanft mit einem Ruck nach oben. Philippine hatte das Gefühl, als hätte sie ihr einen Arm ausgerissen. Sie jammerte nicht schlecht.

Die Straße war wie leergefegt.

»Mensch, jetzt fällt es mir ja ein, verdammt, und ich wollte es mir unbedingt merken«, verkündete Kunigunde lautstark.

»Was ist denn jetzt schon wieder los?«

»Kommt, wir gehen noch auf einen Drink in die Kneipe. Hier können wir uns umsonst die Beine in den Bauch stehen. Vorläufig kommt nichts Gescheites an Kundschaft.«

»Wieso willste das so genau wissen?«

»Jetzt kommt doch die Fußballübertragung, da glotzen sie alle in die Flimmerkiste. Nee, zwei Stunden stehen wir hier umsonst!«

»Ach du Schande«, knurrte nun auch Flora, »richtig, das wollte ich mir ja auch merken. Ist denn wirklich heute Mittwoch?«

»Ja!«

»Mein Schädel«, jammerte Philippine, »ich glaub, ich hab überall Beulen, ehrlich, ich seh wie nach einer Schlacht aus, verflixt, au, tut das weh.«

»Komm, du gefallenes Mädchen«, kicherte Flora, »wir nehmen dich jetzt in die Mitte, dann kann dir nix mehr passieren. Dann gehen wir mal zu Peter. Hunger hab ich übrigens auch.«

»Dann wird das ja mal wieder eine Maumaloche«, knurrte Philippine.

»Kannst dich ja noch freuen, dass du so elegant gelandet bist, der Kerl hätte dich auch glatt überfahren können.«

»Ja, dann hätte man dich vielleicht noch als Briefmarke benutzen können«, kicherte Flora.

Philippine brauchte wirklich nicht mehr für den Spott zu sorgen. Das machten die beiden Mädchen ganz prächtig. Aber wütend war sie nicht, denn sie waren gutmütig, meinten es nicht mal böse. Denn dann wären ihre Bemerkungen wesentlich bissiger ausgefallen.

So zogen die drei Miezen Arm in Arm durch die Straße und hatten wenig später ihre Stammkneipe erreicht.

 

 

3

Dies war ein berühmt berüchtigter Ort. Die Einheimischen sagten das zumindest. Aber so wild war es gar nicht. Bloß weil sich hier die Luden und die Strichmiezen aufhielten, wurde die Kneipe gleich für verrucht erklärt. Der Wirt war gutmütig genug, hatte ein breites Kreuz und schluckte alles. Mit seinen dicken Fingern verstand er es ausgezeichnet, all das liebe Geld einzustreichen. Er bezahlte die Steuern redlich, ließ keine Schlägerei zu, war für Sauberkeit und Ordnung. Warum sollte man ihm also die Konzession fortnehmen? Und was die Ordnungshüter sehr genau wussten: Diese Menschen brauchten auch einen Ort, wo sie sich verkriechen und treffen konnten. War es nicht bei Peter, würde man sich eine andere Kneipe mit Gewalt erobern. Kamen sie, blieben die anständigen Kunden fern, und entweder machte der Wirt mit, oder er musste seinen Laden schließen und war dann pleite.

Der dicke Peter kannte all seine Pappenheimer. Und das wusste er ganz genau, weder die Mädchen noch die Luden beklauten ihn. Das hatten sie auch gar nicht nötig. Dankbar waren sie auch und sehr nett. Kamen wirklich mal fremde Soldaten, denn die Stadt lebte nun mal von ihnen, dann brauchte er nur die Luden zu Hilfe zu rufen, und sie kamen und warfen die Störenfriede hinaus.

Es gab immer wieder junge Rekruten, die sich stark fühlten, vor den Freunden den großen Helden spielen wollten. Kaum waren sie vierundzwanzig Stunden in dieser Soldatenstadt, so wussten sie auch schon, wo der Strich war und wo die Dirnen sich gewöhnlich aufhielten. Kamen sie nur herein, verlangten ein Bier und verhielten sich still, sagte keiner was. Sie bemerkten noch nicht mal, dass sie während der ganzen Zeit aus allen Ecken mit schrägen Blicken betrachtet wurden. Provozierten sie aber einen Streit, glaubten sich in der Gruppe auch noch stark, dann kam es häufig vor, dass diese jungen Männer am nächsten Morgen sich beim Zahnarzt oder einem praktischen Arzt wiederfanden. Kleinlaut waren sie obendrein, denn einen dicken Verweis erhielten sie noch dazu. Schließlich hatten sie ja den Streit begonnen, und verteidigen darf sich nun mal jeder.

Also, wie gesagt, in Peters Kneipe gab es reelle Preise und gutes Essen.

Die drei Mädchen waren die ersten von der Garde, die hineingestolpert kamen. Im Hinterzimmer saßen die Zuhälter vor dem Fernsehapparat. Die Tür stand offen, wahrscheinlich wegen des dichten Zigarettenqualms. Im ersten Augenblick bemerkten sie gar nicht, dass sich ein paar Dirnen im Lokal aufhielten. Denn um die ersten Einnahmen handwarm abzuliefern, war es einfach zu früh. Dann aber drehte sich Jaspers um und sah sein Mädchen da in der Ecke hocken. Er stieß die anderen Luden an und deutete mit dem Kopf in die Richtung der Mädchen. Sofort standen sie auf, kamen nach vorn und bauten sich vor dem Tisch auf.

»Was soll das denn heißen? Habt ihr vielleicht im Lotto gewonnen?«

»Nee, nichts zu tun!«

»Wollt ihr den anderen das Geschäft überlassen?«

»Nä«, sagte Kunigunde, »aber sie sind so dämlich und haben noch nichts bemerkt.«

»Was denn?«

»Es kommt im Augenblick kein einziger Freier. Die glotzen alle wie ihr!«

Die Luden sahen sich an und grinsten.

»Mensch, das haben wir ja ganz vergessen.«

Flora sagte: »Zwei Stunden lang können wir aussetzen, aber nachher geht das Geschäft umso flotter. Dann sind wir frisch und knackig, haben unsere Kräfte geschont. Wirst schon sehen, die werden dann sauer sein.«

»Na ja, umsonst stehen, das wäre wirklich blöde!«

»Außerdem ist es kalt draußen«, sagte Philippine bissig. »Ich bin schon zweimal der Länge nach hingesegelt. Schau dir mal mein Knie an!«

Ihr Lude warf einen flüchtigen Blick darauf.

»Bild dir aber bloß nicht ein, dass du deswegen nicht nachher stehen musst!«

»Sag ich ja auch nicht!«

Die Zuhälter waren beruhigt und zogen sich wieder ins Hinterzimmer zurück. Die drei Mädchen schälten sich aus ihren Jacken. Es waren wirklich nette Wesen. Der Wirt wunderte sich immer wieder, dass sie zu diesem Gewerbe gehörten, denn sie waren noch nicht verbraucht und verkommen.

»Was darf ich den Damen bringen?« Er grinste sie an.

»Bring uns mal die Speisekarte, Peterchen, wir haben einen Mordshunger.«

»Wohl heute Mittag mal wieder verpennt?«

»Nein, wir waren beim Frisör. Mensch, das dauert auch immer länger!«

»Ich werde mir in Kürze eine Perücke kaufen«, sagte Kunigunde. »Oder vielleicht auch drei, alles verschiedene.«

»Hast doch selbst noch genug Stoppelwolle überm Gehirnkasten hängen. Nä, ich bin nicht für solche Dinger. Hab ich mal gehabt, muss noch irgendwo liegen, aber mir war es zu heiß darunter. Mensch, mir ist nur so die Soße vom Kopf gelaufen.«

Kunigunde lachte hell auf. »Wie ich dich kenne, haste die bestimmt mitten im Sommer getragen, was?«

»Ja«, sagte Flora erstaunt. »Das hab ich wirklich, aber wieso weißt du das? Ich hab doch nix gesagt.«

»Nur blöde Leute tragen im Sommer so einen Skalp. Nee, ich trag die immer nur im Winter als Mütze. Ich sage euch, das wärmt, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Außerdem braucht man nicht so oft zum Frisör, spart Zeit und Geld, und die Ohren frieren einem nicht ab.«

»Die scheint wirklich Grips im Kasten zu haben«, sagte Philippine. »Also, der Ratschlag ist nicht zu verachten. Ich werde es wenigstens mal versuchen.«

Flora legte den Kopf schief.

»Eben hat sie doch gesagt, sie hätte ein paar Schrauben locker!«

»Wie? Was?«

»Als du da den Bürgersteig abgeküsst hast, da hat sie das gesagt, mit dem §51.«

Philippine schaute sie ungläubig an.

»Ehrlich, oder haste ihr einen Bären aufgebunden?«

»Ach, weißt du, ich wollt es ja nicht sagen, aber es ist wahr!«

»Du bist tatsächlich amtlich bekloppt?«, staunten sie. »Und so etwas lässt man bei uns laufen?«

»Schreit nicht so, braucht ja nicht jeder zu erfahren«, sagte Kunigunde ärgerlich.

»Du bist gut. Wenn das wirklich stimmt, dann werde ich dafür sorgen, dass es alle erfahren. Wir sind doch nicht blöde und behalten hier Verrückte.«

»Ich bin weder bekloppt noch verrückt«, sagte Kunigunde wütend. »Das hat man nun davon, wenn man nett ist.«

Flora und Philippine hörten auf, ihre Suppe zu schlürfen.

»Sag das noch mal!«

»Nun, also, ich hab schon den § 51, aber bloß, weil ich schon zwei ganz gewaltig vertrimmt habe, übrigens, auch einen Bullen!« Sie grinste die Mädchen an. Flora und Philippine trauten ihren Ohren nicht. Sie waren einfach sprachlos,

»Ich war nämlich mal so etwas wie eine Ringerin, klar?«

»Nee, ich kapier kein Wort.«

»In München, im Strichviertel, da war so ein Haus, da haben wir gekämpft, im Schlammbad. Mensch, das war ein Dreck! Da musste ich mich doch jedes Mal baden.« Sie machte ein betrübtes Gesicht.

»Und was hat das alles mit § 51 zu tun?«

»Da hab ich doch die feinen Kniffe gelernt und meine Muskeln auch geübt. Nun ja, wenn ich jetzt zuschlage, dann bleibt doch nichts mehr ganz, ehrlich, ich muss mich ganz hübsch in achtnehmen. Ja, wenn ich also in Rage komme, dann mach ich Kleinholz. Als das dann nun mal passiert war, da hat mich doch so ein Weißkittel untersucht und mir einen Quatsch erzählt, von wegen Kindheitsträume und all so’n Kram. Ich war anschließend ganz durcheinander. Ja, dann hat er gesagt, ich habe da so einen Komplex. Und er hat gemeint, wenn man mich sehr reizt, also, dann setzt bei mir was aus, dann sehe ich rot. Sie haben mich freigesprochen, das ist doch die Hauptsache, nicht? Zuerst hab ich das alles ja nicht begriffen und war stinksauer. Aber dann hat mir mein Lude alles gründlich erklärt. Das wollte ich gar nicht so recht glauben, darum hab ich nur mal so zum Spaß den Bullen ein wenig gekitzelt. Hach, das hat einen Spaß gemacht. Der hat geschrien wie ein Schweinchen am Spieß!«

»Du hast Vergleiche«, staunte Flora.

»Wenn es doch nun mal stimmt.«

»Und was ist dann passiert?«

Philippine war jetzt ganz Ohr.

»Tja, da haben die mich wieder laufen lassen, und der Bulle hat noch einen Verweis erhalten. Er müsse mich wohl gereizt haben und so. Mensch, war der sauer. Deswegen sind wir ja auch weg von München. Aber ’ne Strafe habe ich nicht gekriegt.«

»Ich verstehe eines nicht«, sinnierte Flora, »dass du noch auf den Strich gehen darfst.«

»Ganz einfach, sonst muss doch die Wohlfahrt für mich aufkommen, und ich hab einen gesunden Appetit.«

»Hahahaha.« Philippine konnte sich das Lachen nicht verkneifen. »Du bist wirklich eine ulkige Nudel, ehrlich. Aber jetzt sag mal, stimmt das denn tatsächlich?«

»Quatsch, ich bin doch nicht bekloppt, aber wenn die das denken, umso besser. Also ich will euch damit sagen, wenn ihr mal jemanden vermöbeln wollt, dann lasst mich man ran. Erstens kann ich das viel besser, und der andere wird lange Spaß daran haben, und zweitens kann man mich doch nicht bestrafen.«

»Flora, das ist wirklich die Sache, also, so etwas hat uns doch schon lange gefehlt!«

»Warum haste denn vorhin nicht draufgekloppt? «

»Auf so ’ne halbe Portion? Nee, das ist unter meiner Würde, und vielleicht hätte ich dem dann wirklich was gebrochen, und das Kerlchen war doch unschuldig. Der hatte eine ganz schöne Delle im Dach.«

Da saßen nun die drei Dirnen und machten es sich richtig gemütlich. Hier bei Peter war ihr Zuhause, hier waren sie unter sich.

Das Essen spülten sie mit viel Bier hinunter. Die ganze Zeit waren sie allein geblieben. Nicht eine von den miesen Nutten war aufgetaucht.

Philippine meinte: »Mensch, die anderen Nutten sind doch wirklich blöde!«

Flora kicherte: »Die denken bestimmt auch noch, wir kämen nicht mehr wieder!«

»Die werden sich nachher wundern.«

Kunigunde sagte: »So weit werde ich nicht sinken.«

»Ich auch nicht«, stimmten die zwei mit ein.

Sie tranken sich fröhlich zu. Hin und wieder gesellte sich Peter zu ihnen, er hatte für Fußball nichts übrig. Dann hielten sie ein lustiges Schwätzchen. Immer wieder neckte er die Mädchen, wer ihn denn jetzt heiraten würde.

»Und deine Alte, Peter? Mensch, du hast heute wirklich Mut, ehrlich.«

»Die ist doch in der Küche.«

Philippine grinste ihn an.

»Du kannst dich wirklich freuen, dass wir dich nicht beim Wort nehmen.«

Peterchen sah sie an.

»Du stichst mir schon lange in die Äuglein, ehrlich. Wann überlegst du es dir denn jetzt mal?«

»Nee«, entgegnete sie lachend. »Nee, ich weiß schon, du willst nur eine billige Bedienung haben. Als Ehefrau, da darf man sich krumm schuften und kriegt nicht mal Lohn. Nee, solange ich noch auf dem Strich das lange Geld mache, kriegt mich keiner runter.«

»Aber es kommt mal der Augenblick, da musste aufhören.«

»Der ist noch verdammt weit weg.«

»Vertue dich nicht, du, das geht manchmal ganz schnell. Früher, da habt ihr im Haus anschaffen können, aber jetzt seid ihr immer draußen, das geht an die Nieren. Du wirst schon merken, da wirst du schneller alt.«

Flora blickte ihn ein wenig nachdenklich an.

»Kannst recht haben, verdammt, ich habe schon Bammel vor dem Winter, ehrlich.«

»Ich nicht«, sagte Philippine fröhlich.

»So, und wer hat sich heute schon zweimal langgelegt?«

Sie machte ein missmutiges Gesicht, denn sie wollte nicht gern daran erinnert werden.

Im Nebenzimmer wurden Stühle gerückt, Schritte waren zu hören. Die Luden erschienen, mit hochroten Köpfen. Das Fußballspiel war vorbei.

»Also nun mal fix raus!«

Die Mädchen erhoben sich sofort. Sie zahlten nicht, denn ihre Luden waren ja da. Peter kannte sich aus.

 

 

4

Sie hatten in dieser Nacht weit mehr Alkohol getrunken als sonst, und so waren sie in recht ausgelassener Stimmung. Als sie untergehakt um die Ecke bogen, stießen sie beinahe mit einem Streifenwagen zusammen. Sie blieben stehen.

»Da sind ja die drei Grazien«, sagten die beiden jungen Beamten grinsend. »Und wir haben schon gedacht, ihr wärt ausgewandert.«

»Scherze könnt ihr auch noch machen«, fluchte Flora. »Dabei haben wir euch zu verdanken, dass wir jetzt hier in der Kälte stehen müssen.«

»Nein«, sagten die Beamten, »das entspricht nicht der Wahrheit. Wir tun auch nur unsere Pflicht. Wir haben alles versucht, um das rückgängig zu machen. Wenn ihr alle in einem Haus seid, ist das auch für uns viel einfacher. Jetzt haben wir doch viel mehr Arbeit. Uns ist klar, dass hier jetzt eine ganze Menge Nutten ohne Schein stehen. Wenn wir dann aufkreuzen, verschwinden sie in der Dunkelheit. Meint ihr, wir kennen nicht die Schliche? Also, wenn es nach uns ginge, würde heute schon wieder das Haus eröffnet.«

»Lohnt sich alles nicht, das ganze Gequatsche. Kommt, wir gehen weiter! Nun wird es aber wirklich Zeit.«

Die übrigen Nutten machten wirklich lange Gesichter, als die drei Stardirnen wieder aufkreuzten. Sie hatten gerade überlegt, ob sie ihre Plätze einnehmen sollten. Denn die drei hatten die besten auf der Straße. Die anderen hatten die ganze Zeit in der Kälte gestanden, doch jede hatte inzwischen nur zwei Kunden bedienen können. Da sollte man nicht sauer werden.

Kaum waren die drei zur Stelle, da war auf einmal die Straße von Autos belebt.

»Hallo, Süße, los, fix, ich hab nicht viel Zeit!«

Philippine hob ihre Lider und betrachtete den Wagen. Mercedes.

»Ach, Karlchen, bist du auch mal wieder zur Stelle?«

»Komm schon rein!«

Sie trippelte zum Wagen, öffnete die Tür und rutschte auf den Beifahrersitz.

»Na!«

Sie grinste ihn an. Er war ein ganz alter Kunde von ihr. Das Wort alt konnte man auf zwei Dinge beziehen.

»Warum haste es denn so eilig?«

Er lachte sie an.

»Ich hab doch meiner Alten erzählt, ich würde mir Zigaretten holen.«

»Also heute nur die schnelle Tour?«

»Leider«, seufzte er. »Sie ist so misstrauisch geworden.«

»Warum stößt du sie dann nicht einfach ab, wenn du sie nicht mehr ausstehen kannst?«

»Würdest du mich dann nehmen?«, fragte er lachend.

»Immer«, erwiderte die Stardirne heiter.

Ihr Gast machte ein missmutiges Gesicht.

»Mensch, das wäre noch ein schönes Leben, ehrlich. Aber heutzutage, wenn man sich da scheiden lässt, nee, da hat man ja danach kaum noch was zum Beißen. Ach nein.«

Während er zum Stammplatz gefahren war, hatte sie sich schon so weit entblößt, wie es für eine schnelle Sache nötig war. Er hielt an, zog den Schein aus der Tasche. Fast gierig griffen seine Hände nach dem jungen Fleisch.

»Mein Göttchen, ich kann es einfach nicht lassen.«

»Lass man, Karlchen, wenn du erst mal neunzig bist, dann kannst du noch immer daran denken, edel zu werden.«

»Na, da hab ich ja noch zwanzig Jahre Zeit«, kicherte er fröhlich.

»Eben, und ich hoffe, dass du mich noch oft besuchen kommst, Karlchen.«

»Ach, im Haus, das waren noch herrliche Zeiten, nicht wahr? Ach ja!«

»Kannst mich ja mal anrufen, dann suchen wir mal eine nette Pension auf, Karlchen.«

»Bist du verrückt, das kann ich mir doch nicht leisten. Ich meine, du hast keine Kinder, die dich scharf bewachen. Wenn die wüssten, und die Enkelkinder, dass Opa noch zu einer Nutte geht, also, die würden direkt vom Glauben abfallen.«

»Sollen sie doch. Denk immer daran, die Fabrik gehört dir, sie müssen noch nach deiner Pfeife tanzen. Tu ihnen bloß nicht den Gefallen, ihnen alles zu überschreiben! Hör mal, dann biste nämlich aufgeschmissen, dann bringen die es fertig und setzen dich völlig aufs Altenteil. Dann musste noch um jeden Groschen betteln.«

Er liebte sie heiß und wild und war danach richtig glücklich.

»Mädchen, du bist eine Perle, und manchmal glaub ich, du kennst meine Familie viel besser als ich. Aber ich sag dir mal was, ich tu es nicht, ich bin ein ganz sturer Westfale. Hach, du solltest mal meinen Ältesten sehen, der springt wie Rumpelstilzchen herum und ist furchtbar wütend. Ja, er hat mir sogar schon damit gedroht, mich für verrückt erklären zu lassen, bloß, damit ich ihm alles überschreibe. Aber entmündigen lasse ich mich nicht.«

»So weit ist es also!« Philippine war wirklich empört. »Dieser Mistkäfer, also ich sage dir, Karlchen, da werde ich dir dann helfen.«

Er musste nun doch über ihren Eifer lächeln.

»Du bist ein liebes Mädchen. Ich weiß gar nicht, was die Leute immer haben. Die denken immer so böse von euch. Nee, du bist ein Prachtpferdchen, aber helfen kannst du mir letzten Endes auch nicht.«

»O doch«, sagte sie heiter.

Details

Seiten
110
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783738930269
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v494178
Schlagworte
redlight street heiße liebe eros-bus

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Titel: REDLIGHT STREET #50: Heiße Liebe im Eros-Bus